Aus der Akasha-Forschung. Das Fünfte Evangelium

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 

Aus der Akasha-Forschung 
Das Fiinfte Evangelium 

Achtzehn Vortrage, gehalten 1913 und 1914 
in verschiedenen Stadten 



1992 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Ernst Weidmann und Hella Wiesberger 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1963 

2., neu durchgesehene und erganzte Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1975 

3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1980 

4. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1985 

5. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992 

Einzelausgaben siehe Seite 334 



Bibliographie-Nr. 148 

Einbandgestaltung von Assja Turgenieff 

AUe Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1975 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1480-4 



ZU DIESER AUSGABE 



Der Angelpunkt von Rudolf Steiners Anthroposophie liegt in seiner 
Erkenntnis von der zentralen Bedeutung des Christus-Ereignisses fiir die 
ganze Menschheits- und Erdenentwicklung. Zu derselben Zeit, als von 
seiten der Bibelwissenschaft und der Leben-Jesu-Forschung die Evan- 
gelien als historische Quelle und die geschichtliche Existenz des Jesus 
Christus immer starker in Frage gestellt wurden, begann er mit seiner 
geisteswissenschaftlichen Lehrtatigkeit und legte mit seiner Schrift «Das 
Christentum als mystische Tatsache» (1902) den Grund zu einer neuen 
Rechtfertigung des Wesens des Christentums. Er stellte klar, dafi die 
Evangelien uberhaupt nicht als geschichtliche Biographie Jesu Christi zu 
verstehen sind, sondern als Schilderungen dessen, was immer schon in 
den verschiedenen Mysterientraditionen als «typisches Leben des Got- 
tessohnes» vorgebildet war. In zahlreichen Vortragen der folgenden 
Jahre wurde dies vertieft weitergefuhrt. Nach und nach kam es auch zu 
Darstellungen von geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnissen 
iiber das eigentliche geschichtliche Leben des Jesus von Nazareth bis 
zum Zeitpunkt der Jordantaufe, bei welcher der Gottessohn Christus in 
den Menschen Jesus von Nazareth einzog. Diese Forschungsergebnisse 
bezeichnete Rudolf Steiner als «Fiinftes Evangelium», auch als «Evan- 
gelium der Erkenntnis», als aus geisteswissenschaftlicher Forschung 
gewonnene Erganzungen zu den vier traditionellen Evangelien im Sinne 
der Schlufiworte des Johannes -Evangeliums: «Es gibt aber noch viel 
anderes, was Jesus getan hat; und wenn eins nach dem anderen aufge- 
schrieben wiirde, glaube ich, sogar die Welt konnte die Biicher nicht 
fassen, die geschrieben wurden. » (J oh. 21, 25). 

Was von den Vortragen, die in den Jahren 1913/14 unter der Bezeich- 
nung «Funftes Evangelium» gehalten worden sind, an Nachschriften 
vorliegt, ist im vorliegenden Band gesammelt. Da die Vortrage vor 
verschiedenen Zuhorerkreisen an verschiedenen Orten gehalten worden 
sind, wiederholen sich die Inhalte zwar, doch bedeuten diese immer 
lebendig gestalteten Wiederholungen eine wesentliche Bereicherung. Die 
hauptsachlichsten Motive sind: Kindheits- und Jugenderlebnisse des 
Jesus von Nazareth - Seine tiefen Erkenntnisleiden am Versiegen der 
alten grofien Geistesstromungen - Erlebnisse auf seinen Arbeitswande- 



rungen - Die Offenbarung des makrokosmischen Vaterunser, des Vater- 
unser der Erkenntnis - Die Beziehung zu den Essaern und zu Johannes 
dem Taufer - Entscheidende Gesprache mit seiner Mutter bzw. Zieh- 
mutter iiber die Errettung der Menschheit - Erlebnisse auf dem Gang 
zur Jordantaufe, 

Von Inhaltsangaben ist der Wiederholungen wegen abgesehen wor- 
den. Uber das, was Rudolf Steiner sonst noch als zum Fiinften Evange- 
lium gehorige Forschungsergebnisse betrachtete, siehe am Schlufi des 
Bandes, Seite 333. 

Nach seinen eigenen Worten kam Rudolf Steiner mit der Mitteilung 
dieser Forschungen einer tief empfundenen Verpflichtung nach. Zum 
einen aus der Uberzeugung, dafi unserer Zeit notwendig ist eine Erneue- 
rung des Christus Jesus-Verstandnisses, ein erneuertes Hineinblicken in 
das, was eigentlich durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist; 
zum andern, weil er es als unendlich gesundend und kraftigend fur die 
Menschenseelen erachtete, sich zu erinnern an dieses Geschehen, mit 
dem Sinn und Ziel der Menschheits- und Erdengeschichte verbunden ist. 



INHALT 



Zu den Veroffentlichungen aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners .... 8 

AUS DER AKASHA-FORSCHUNG 
DAS FUNFTE EVANGELIUM 

Kristiania (Oslo), Erster Vortrag, 1 . Oktober 1913 9 

Kristiania (Oslo), Zweiter Vortrag, 2. Oktober 1913 23 

Kristiania (Oslo), Dritter Vortrag, 3. Oktober 1913 40 

Kristiania (Oslo), Vierter Vortrag, 5. Oktober 1913 56 

Kristiania (Oslo), Fiinfter Vortrag, 6. Oktober 1913 73 

DAS FUNFTE EVANGELIUM 

Berlin, Erster Vortrag, 21. Oktober 1913 103 

Berlin, Zweiter Vortrag, 4 . November 1913 120 

Berlin, Dritter Vortrag, 18. November 1913 136 

Berlin, Vierter Vortrag, 6. Januar 1914 155 

Berlin, Fiinfter Vortrag, 13. Januar 1914 172 

Berlin, Sechster Vortrag, 10. Februar 1914 1 90 

Hamburg, 16. November 1913 207 

Stuttgart, Erster Vortrag, 22. November 1913 220 

Stuttgart, Zweiter Vortrag, 23 . November 1913 (Notizen) 23 8 

Miinchen, Erster Vortrag, 8. Dezember 1913 243 

Miinchen, Zweiter Vortrag, 10. Dezember 1913 264 

Koln, Erster Vortrag, 17. Dezember 1913 283 

Koln, Zweiter Vortrag, 18. Dezember 1913 305 

Faksimile: Das makrokosmische Vaterunser 326 

Notizbucheintragung (aus Notizbuch Archiv-Nr. 201) 327 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 333 

Hinweise zum Text 334 

Namenregister 342 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 345 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 347 



Zu den Veroffentltchungen 
a us dem Vortragstverk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daB seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«m\indliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Steno- 
graphierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die 
Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner 
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, muB gegeniiber alien VortragsverofFentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

tJber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermaBen auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



AUS DER AKASHA-FORSCHUNG ■ DAS FONFTE EVANGELIUM 

Kristiania (Oslo), 1. Oktober 1913 
Erster Vortrag 

Das Thema, iiber das ich in diesen Tagen zu sprechen gedenke, er- 
scheint mir in bezug auf die heutige Zeit und auf die heutigen Ver- 
haltnisse als ein ganz besonders wichtiges. Ich mochte von vornherein 
betonen, daB es nicht etwa irgendeiner Sensationslust oder ahnlichen 
Dingen entspringt, daB das Thema gerade den Inhalt hat: Das Funfte 
Evangelium. Denn ich hoffe zeigen zu konnen, da6 in der Tat von 
einem solchen Funften Evangelium in einem gewissen Sinne, und 
zwar in einem solchen Sinne, der uns besonders wichtig sein muB in 
unserer Gegenwart, gesprochen werden kann, und daB sich fur das- 
jenige, was damit gemeint ist, in der Tat kein anderer Name besser 
eignet als der Name «Das Funfte Evangelium ». Dieses Fiinfte Evange- 
lium ist ja, wie Sie horen werden, in einer Niederschrift heute noch 
nicht vorhanden. Aber es wird gewiB in Zukunftstagen der Mensch- 
heit auch in ganz bestimmter Niederschrift vorhanden sein. In einem 
gewissen Sinne aber konnte man sagen, es ist dieses Funfte Evange- 
lium so alt wie die vier anderen Evangelien. 

Damit ich aber von diesem Funften Evangelium sprechen kann, ist 
es notwendig, daB wir uns heute in einer Art Einleitung verstandigen 
iiber einige wichtige Punkte, die zum volligen Begreifen dessen, was 
wir nunmehr nennen wollen das Funfte Evangelium, notwendig sind. 
Und zwar mochte ich ausgehen davon, daB ganz gewiB die Zeit nicht 
mehr fernliegen wird, in welcher schon in den niedrigsten Schulen, 
schon im primitivsten Unterricht die Wissenschaft, die man gewohn- 
lich die Geschichte nennt, sich etwas anders anhoren wird, als sie sich 
bisher angehort hat. Es wird namlich ganz gewiB - und die nachsten 
Tage sollen es uns gewissermaBen beweisen -, es wird ganz gewiB der 
Christus-Begriff, die Christus-Vorstellung, in der Geschichtsbetrach- 
tung der Zukunft eine ganz andere, wichtigere Rolle spielen, auch 
schon in der elementarsten Geschichtsbetrachtung, als sie bisher ge- 
spielt hat. Ich weiB, daB ich mit diesem Satze eigentlich etwas unge- 



heuer Paradoxes ausspreche. Bedenken wir doch, daB wir ja zuriick- 
gehen konnen auf gar nicht so weit zuriickliegende Zeiten, in denen 
unzahlige Herzen in einer viel intensiveren Weise ihre Gefuhle und 
Empfindungen zu dem Christus hinrichteten unter den einfachsten wie 
unter den gebildetsten Bewohnern der westlichen Lander Europas, 
mehr als dies heute der Fall ist. In einem ungeheuer erheblicheren 
MaBe war das in fruherer Zeit der Fall. Wer Umschau halt im Schrift- 
tum der Gegenwart, wer nachdenkt uber das, was den gegenwartigen 
Menschen hauptsachlich interessiert, woran er sein Herz hangt, der 
wird den Eindruck haben, daB der Enthusiasmus, die Ergriffenheit 
der Empfindung fur die Christus-Vorstellung im Abnehmen ist, ins- 
besondere im Abnehmen da, wo man auf eine gewisse, aus der Zeit 
heraus folgende Bildung Anspruch macht. Da erscheint es wohl para- 
dox, wenn, wie ich eben betont habe, diese unsere Zeit darauf hin- 
arbeitet, daB die Christus-Vorstellung in der Betrachtung der Ge- 
schichte der Menschheit in einer nicht fernen Zukunft eine viel be- 
deutendere Rolle spielt, als es bisher der Fall war. Scheint das nicht 
ein vollkommener Widerspruch zu sein? 

Nun wollen wir uns einmal von einer anderen Seite diesem Gedan- 
ken nahern. Ich habe auch hier in dieser Stadt schon ofter uber die 
Bedeutung und den Inhalt der Christus-Vorstellung sprechen diirfen. 
Und in Biichern und Zyklen, die hier aufliegen, finden Sie mannig- 
fache Ausfiihrungen aus den Tiefen der Geisteswissenschaft heraus 
uber die Geheimnisse der Christus- Wesenheit und der Christus-Vor- 
stellung. Jeder muB da die Meinung bekommen, wenn er das, was in 
Vortragen, Zyklen und in unserem Schrifttum iiberhaupt gesagt wor- 
den ist, in sich aufnimmt, daB zu dem volligen Verstehen der Christus- 
Wesenheit ein starkes, groBes Riistzeug gehort, daB man die tiefsten 
Begriffe, Vorstellungen und Ideen zu Rate ziehen muB, wenn man 
sich hinaufschwingen will zum volligen Verstandnis dessen, was der 
Christus ist und was der Impuls ist, der als Christus-Impuls durch die 
Jahrhunderte gegangen ist. Man konnte vielleicht sogar, wenn nicht 
anderes dagegen sprache, zu der Vorstellung kommen, daB man erst 
die ganze Theosophie oder Anthroposophie kennen muB, um sich 
aufzuschwingen zu einer richtigen Vorstellung von dem Christus. 



Wenn wir aber absehen von dem und auf die Geistesentwickelung 
der verflossenen Jahrhunderte blicken, da tritt uns entgegen von Jahr- 
hundert zu Jahrhundert dasjenige, was vorhanden ist an ausfuhrlicher, 
tiefgriindiger Wissenschaft, die bestimmt sein sollte, den Christus und 
seine Erscheinung zu begreifen. Durch Jahrhunderte hindurch haben 
die Menschen ihre hochsten und bedeutsamsten Ideen aufgewendet, 
um den Christus zu begreifen. Auch hier konnte es daraus nun schei- 
nen, als ob nur die bedeutsamsten intellektuellen Tatigkeiten des Men- 
schen hinreichend sein wiirden, um den Christus zu verstehen. Ist das 
in der Tat so? DaB es nicht so ist, davon kann uns eine ganz einfache 
Erwagung den Beweis liefern. 

Legen wir einmal gleichsam auf eine geistige Waage alles dasjenige, 
was bisher an Gelehrsamkeit, Wissenschaft, auch an anthroposophi- 
schem Verstandnis des Christus-BegrifFes dazu beigetragen hat, den 
Christus zu begreifen. Legen wir das alles auf die eine Waagschale 
einer geistigen Waage und legen wir auf die andere Schale in unseren 
Gedanken alle die tiefen Gefuhle, alle die Innigkeit in den Seelen der 
Menschen, die durch die Jahrhunderte zu dem sich gelenkt haben, was 
man den Christus nennt, und man wird finden, daB all die Wissen- 
schaft, alle Gelehrsamkeit, selbst alle Anthroposophie, die wir auf- 
bringen konnen zur Erklarung des Christus, in der Waagschale iiber- 
raschend aufschnellt, und alle die tiefen Gefiihle und Empfindungen, 
welche die Menschen hingelenkt haben zur Christus- Wesenheit, zur 
Erscheinung des Christus, die andere Waagschale tief, tief hinunter- 
driicken. Man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, daB eine unge- 
heure Wirkung von dem Christus ausgegangen ist, und daB das Aller- 
geringste zu dieser Wirkung das Wissen von dem Christus beigetragen 
hat. Es hatte um das Christentum wahrhaftig recht schlecht gestan- 
den, wenn die Menschen, um an dem Christus zu hangen, alle gelehr- 
ten Auseinandersetzungen des Mittelalters, der Scholastik und der 
Kirchenvater gebraucht hatten, oder wenn die Menschen nur bediirf- 
tig gewesen waren auch alles dessen, was wir heute durch die Anthro- 
posophie aufbringen konnen zum Begreifen der Chris tus-Idee. Was 
man damit vermochte, ware wahrhaftig recht wenig. Ich glaube nicht, 
daB irgend jemand, der unbefangen den Gang des Christentums durch 



die Jahrhunderte hindurch betrachtet, gegen diese Gedanken etwas 
Ernstes einwenden konnte. Aber wir konnen uns diesem Gedanken 
noch von einer anderen Seite genauer nahern. 

Lassen wir den Blick zuriickschweifen auf die Zeiten, in denen es 
noch kein Christentum gegeben hat. Ich brauche nur zu erinnern an 
dasjenige, was gewiB den meisten der hier befindlichen Seelen voll 
gegenwartig ist. Ich brauche nur zu erinnern, wie im alten Griechen- 
land die griechische Tragbdie, insbesondere in ihren alteren Formen, 
wenn sie den kampfenden Gott oder den Menschen, in dessen Seele 
der kampfende Gott wirkte, darstellte, gleichsam wie von der Buhne 
herunter das gottliche Walten und Weben unmittelbar anschaulich 
machte. Ich brauche nur hinzuweisen, wie Homer seine bedeutsame 
Dichtung ganz durchwoben hat mit dem Wirken des Geistigen, ich 
brauche nur hinzuweisen auf die groBen Gestalten des Sokrates, des 
Plato, des Aristoteles. Mit diesen Namen tritt vor unsere Seelen ein 
geistiges Leben hbchster Art auf einem gewissen Gebiete. Wenn wir 
von allem iibrigen absehen und nur zu der einen Gestalt des Aristoteles 
hinsehen, der Jahrhunderte vor der Begriindung des Christentums 
gewirkt hat, so tritt uns entgegen, was in gewisser Weise keine Stei- 
gerung, keine Fortbildung bis in unsere Zeit erfahren hat. Das Den- 
ken, die Ausbildung der menschlichen Logik durch Aristoteles ist et- 
was so ungeheuer Vollkommenes auch heute noch, daB man sagen 
kann, es war etwas Hochstes erreicht im menschlichen Denken, so daB 
eine Steigerung bisher nicht geschehen ist. 

Und nun wollen wir fur einen Augenblick eine merkwiirdige Hypo- 
these aufstellen, die notwendig ist fur die nachsten Tage. Wir wollen 
uns einmal vorstellen, daB es gar keine Evangelien gabe, aus denen 
wir irgend etwas erfahren konnten iiber die Gestalt Christi. Wir wollen 
einmal annehmen, daB die ersten Urkunden, die der Mensch heute als 
Neues Testament in die Hand nimmt, gar nicht vorhanden waren, 
wollen uns denken, es gabe gar keine Evangelien. Wir wollen gewis- 
sermaBen absehen von dem, was iiber die Griindung des Christentums 
gesagt ist, wollen nur den Gang des Christentums als eine geschicht- 
liche Tatsache betrachten, wollen sehen, was geschehen ist unter den 
Menschen durch die nachchristlichen Jahrhunderte hindurch; also 



ohne die Evangelien, Apostelgeschichte, Paulusbriefe und so weiter 
wollen wir nur betrachten, was tatsachlich geschehen ist. Das ist natiir- 
lich nur eine Hypothese, aber sie wird uns helfen zu dem, was wir 
erreichen wollen. Was ist nun geschehen in den Zeiten, die verflossen 
sind vor und seit der Begriindung des Christentums ? 

Wenn wir zunachst den Blick auf den Siiden Europas werfen, so 
haben wir in einem gewissen Zeitpunkte hochste menschliche Geistes- 
bildung, wie wir sie eben in ihrem Reprasentanten Aristoteles vor die 
Seele gerufen haben, hochentwickeltes geistiges Leben, das in den 
nachfolgenden Jahrhunderten noch eine besondere Ausbildung erfah- 
ren hatte. Ja, es gab in der Zeit, in der das Christentum seinen Weg 
durch die Welt zu machen begann, im Siiden Europas zahlreiche 
griechisch gebildete Menschen, Menschen, die das griechische Geistes- 
leben aufgenommen hatten. Wenn man bis zu jenem merkwurdigen 
Manne, der ein so heftiger Gegner des Christentums war, Celsus, und 
spater noch die Entwickelung des Christentums verfolgt, so findet 
man im Siiden Europas auf der griechischen und italienischen Halb- 
insel bis ins 2., 3. nachchristliche Jahrhundert Menschen mit hochster 
Geistesbildung, zahlreiche Menschen, die sich angeeignet haben die 
hohen Ideen, die wir bei Plato finden, deren Scharfsinn wirklich sich 
ausnimmt wie eine Fortsetzung des Scharfsinnes des Aristoteles, feine 
und starke Geister mit griechischer Bildung, Romer mit griechischer 
Bildung, die zu einer Feingeistigkeit des Griechentums das Aggres- 
sive, Personliche des Romertums hinzufugten. 

In diese Welt hinein stoBt der christliche Impuls. Dazumal lebte der 
christliche Impuls so, daB wir sagen konnen, die Vertreter dieses 
christlichen Impulses nehmen sich wahrhaftig wie ungebildete Leute 
aus in bezug auf die Intellektualitat, in bezug auf Wissen von der 
Welt, gegeniiber demjenigen, was zahlreiche gebildete romisch-grie- 
chische Menschen in sich trugen. Mitten in eine Welt reifster Intellek- 
tualitat schieben sich Menschen ohne Bildung hinein. Und nun erleben 
wir ein merkwiirdiges Schauspiel: Es breiten diese einfachen, primi- 
tiven Naturen, welche die Trager des ersten Christentums sind, dieses 
Christentum mit einer verhaltnismaBig groBen Schnelligkeit im Siiden 
Europas aus. Und wenn wir heute mit dem, was wir, sagen wir durch 



die Anthroposophie, iiber das Wesen des Christentums verstehen kon- 
nen, herantreten an diese einfachen, primitiven Naturen, die dazumal 
das Christentum ausbreiteten, so diirfen wir uns sagen : Diese primi- 
tiven Naturen verstanden von dem Wesen des Christus - wir brauchen 
gar nicht einmal zu denken an den groBen kosmischen Christus- 
Gedanken, der heute durch die Anthroposophie aufgehen soil, wir 
konnen an viel einfachere Christus-Gedanken denken -, die damaligen 
Trager des christiichen Impulses, die sich hineinschieben in die grie- 
chische hochentwickelte Bildung, verstanden von alldem nichts. Sie 
hatten nichts auf den Markt des griechisch-romischen Lebens zu tra- 
gen als ihre personliche Innerlichkeit, die sie sich als ihr personliches 
Verhaltnis 2u dem geliebten Christus herausgebildet hatten; denn sie 
liebten wie ein GUed einer geliebten Familie eben dieses Verhaltnis. 
Diejenigen, die hereintrugen in das damalige Griechen- und Romer- 
tum das Christentum, das sich bis in unsere Zeit fortgebildet hat, das 
waren nicht gebildete Theologen oder Theosophen, das waren nicht 
Gebildete. Die gebildeten Theosophen der damaligen Zeit, die Gno- 
stiker, haben zwar zu hohen Ideen iiber den Christus sich erhoben, 
aber sie haben auch nur geben konnen, was wir auf die emporschnel- 
lende Waagschale legen miissen. Ware es auf die Gnostiker angekom- 
men, das Christentum hatte gewiB nicht seinen Siegeszug durch die 
Welt genommen. Es war keine besonders ausgebildete Intellektualitat, 
die sich vom Osten hereinschob und in verhaltnismaBiger Schnellig- 
keit das alte Griechentum und Romertum zum Sinken brachte. Das ist 
die Sache von der einen Seite betrachtet. 

Von der anderen Seite betrachtet, sehen wir uns die intellektuell 
hochstehenden Menschen an, von Celsus, dem Feinde des Christen- 
tums, der damals schon alles das aufgebracht hat, was man heute noch 
dagegen sagen kann, bis zu dem Philosophen auf dem Throne, Mark 
Aurel. Sehen wir uns die feingebildeten Neuplatoniker an, die damals 
Ideen aufbrachten, gegen die heute die Philosophic ein Kinderspiel 
ist, und die unsere heutigen Ideen weit iibertrafen an Hohe, an Weite 
des Gesichtskreises. Und sehen wir alles, was diese Geister gegen das 
Christentum vorzubringen hatten, und durchdringen wir uns mit dem, 
was diese intellektuell Hochstehenden im griechischen und romischen 



Geist gegen das Christentum vorzubringen hatten von dem Stand- 
punkte der griechischen Philosophic aus, so bekommen wir den Ein- 
druck : die alle haben den Christus-Impuls nicht verstanden. Wir sehen, 
das Christentum breitet sich aus durch Trager , die von dem Wesen des 
Christentums nichts verstehen; es wird bekampft von einer hohen 
Kultur, die nichts begreifen kann von dem, was der Christus-Impuls 
bedeutet. Merkwurdig tritt das Christentum in die Welt, so, daB An- 
hanger und Gegner von seinem eigentlichen Geiste nichts verstehen. 
Und doch: die Kraft haben Menschen in der Seele getragen, diesen 
Christus-Impuls zum Siegeszuge durch die Welt zu bringen. 

Und sehen wir uns diejenigen an, die selbst mit einer gewissen 
GrdBe fur das Christentum eintreten, wie der beruhmte Kirchenvater 
Tertullian, Wir sehen in ihm einen Romer, der in der Tat, wenn wir 
seine Sprache ins Auge fassen, fast ein Neuschopfer der romischen 
Sprache ist, der mit einer Treffsicherheit neue Worte pragte, die uns 
eine bedeutende Personlichkeit erkennen lassen. Wenn wir uns aber 
fragen: Wie steht es mit der Christus-Idee des Tertullian? - da wird 
die Sache anders. Da finden wir, daB er eigentlich recht wenig Intel- 
lektualitat, geistige Hohe zeigt. Auch die Verteidiger des Christen- 
tums bringen nicht viel zustande. Und dennoch, sie sind wirksam, als 
Personlichkeiten wirksam, solche Geister wie Tertullian, auf dessen 
Griinde gebildete Griechen wirklich nicht viel geben konnten. Trotz- 
dem wirkt er hinreiBend; aber durch was? Das ist es, worauf es an- 
kommt! Fiihlen wir, daB hier sich wirklich eine Frage vor die Seele 
stellt! Durch was wirken die Trager des Christus-Impulses denn, die 
selbst von dem, was der Christus-Impuls eigentlich ist, nicht viel ver- 
stehen? Durch was wirken die christlichen Kirchenvater, selbst bis auf 
Ong£«&r, denen man die Ungeschicklichkeit in bezug auf das Verstand- 
nis des Christus-Impulses ansieht? Was ist es, was selbst die bis zu 
einer solchen Hohe gestiegene griechisch-romische Bildung nicht ver- 
stehen konnte an dem Wesen des Christus-Impulses? Was ist das alles? 

Aber gehen wir weiter. Dieselbe Erscheinung tritt uns bald in einer 
noch scharferen Weise entgegen, wenn wir das geschichtliche Leben 
betrachten. Wir sehen, wie die Jahrhunderte kommen, in denen das 
Christentum sich ausbreitet innerhalb der europaischen Welt unter 



Volkern, die wie die germanischen von ganz anderen Religionsvor- 
stellungen herkommen, welche als Volker eins sind oder wenigstens 
eins zu sein scheinen mit ihren religiosen Vorstellungen, und die 
dennoch mit voller Kraft diesen Christas-Impuls aufnahmen, wie wenn 
er ihr eigentliches Leben ware. Und wenn wir uns die wirksamsten 
Glaubensboten in den germanischen Volkern betrachten, waren das 
scholastisch-theologisch gebildete Leute? Ganz und gar nicht! Es 
waren diejenigen, die mit verhaltnismaBig primitiver Seele unter den 
Leuten einherzogen und in primitiver Weise, mit den allernachsten, 
alltaglichsten Vorstellungen zu den Leuten sprachen, aber unmittelbar 
ihre Herzen ergriffen. Sie verstanden die Worte so zu setzen, da6 sie 
die tiefsten Saiten derjenigen beriihren konnten, zu denen sie spra- 
chen. Einfache Leute zogen hinaus in alle Gegenden, und gerade die 
wirkten am bedeutsamsten. 

So sehen wir die Verbreitung des Christentums durch die Jahr- 
hunderte hindurch. Dann aber bewundern wir, wie eben dasselbe 
Christentum zum AnlaJB wird bedeutsamer Gelehrsamkeit, Wissen- 
schaft und Philosophic Wir unterschatzen nicht diese Philosophic, 
aber heute wollen wir einmal den BHck hinwenden auf jene eigen- 
tumliche Erscheinung, daB das Christentum bis in das Mittelalter 
unter Volkern sich ausbreitet, die bis dahin ganz andere Vorstellungs- 
formen in ihrem Gemtite getragen haben, so daB es bald zu ihrer Seele 
gehorte. Und in nicht allzu ferner Zukunft wird man noch manches 
andere betonen, wenn man von der Ausbreitung des Christentums 
spricht. Wenn man von der Wirkung des christlichen Impulses spricht, 
kann man leicht verstanden werden dann, wenn man davon spricht, 
daft in einer bestimmten Zeit gleichsam die Friichte der Ausbreitung 
des Christentums sich so gezeigt haben, daB man sagen kann : es ging 
Begeisterung aus dieser Verbreitung des Christus-Impulses hervor. 
Aber wenn wir in die neueren Zeiten herauf kommen, da scheint ab- 
gedampft zu werden, was wir durch das Mittelalter hindurch als sich 
ausbreitendes Christentum betrachten konnen. 

Betrachten wir die Zeit des Kopernikus, die Zeit der aufkeimen- 
den Naturwissenschaft bis in das 19. Jahrhundert hinein. Es konnte 
so scheinen, als ob diese Naturwissenschaft, dasjenige was seit Koper- 



nikus in das abendlandische Geistesleben sich hineingearbeitet hat, 
dem Christentum entgegengearbeitet hatte. AuBere Tatsachen konn- 
ten das erharten. Die katholische Kirche zum Beispiel hatte Koperni- 
kus bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts hinein auf dem 
sogenannten Index stehen. Sie hat Kopernikus als ihren Feind ange- 
sehen. Aber das sind auBere Dinge. Das hinderte doch nicht, daB 
Kopernikus ein Domherr war. Und wenn die katholische Kirche 
Giordano Bruno audi verbrannt hat, so hinderte das nicht, daB er ein 
Dominikaner war. Sie beide sind eben aus dem Christentum heraus 
zu ihren Ideen gekommen. Sie haben aus dem christlichen Impulse 
heraus gehandelt. Derjenige versteht die Sache schlecht, der sich auf 
dem Boden der Kirche halten und glauben wollte, daB das nicht 
Friichte des Christentums gewesen waren. Es wird durch die ange- 
fuhrten Tatsachen nur bewiesen, daB die Kirche die Friichte des 
Christentums sehr schlecht verstanden hat; sie brauchte bis ins 
19. Jahrhundert hinein Zeit, um einzusehen, daB man die Ideen des 
Kopernikus nicht durch den Index unterdriicken kann. Derjenige, 
der die Dinge tiefer sieht, wird doch anerkennen miissen, daB alles, 
was die Volker getan haben auch in den neueren Jahrhunderten, ein 
Resultat, ein Ergebnis des Christentums ist, daB sich durch das Chri- 
stentum der Blick der Menschen hinausgewendet hat von der Erde 
in die Himmelsweiten, wie es durch Kopernikus und Giordano Bruno 
geschehen ist. Das war nur innerhalb der christlichen Kultur und 
durch den christlichen Impuls moglich. 

Und fur denjenigen, der das geistige Leben nicht an der Oberflache, 
sondern in den Tiefen betrachtet, fur den ergibt sich etwas, das, wenn 
ich es jetzt ausspreche, recht paradox erscheinen wird, aber dennoch 
richtig ist. Fur eine solche tiefere Betrachtung erscheint es namlich 
unmoglich, daB ein Haeckel entstanden ware so, wie er dasteht in aller 
seiner Christus-Gegnerschaft, ohne daB er entstanden ware aus dem 
Christentum heraus. Ernst Haeckel ist ohne die Voraussetzung der 
christlichen Kultur gar nicht moglich. Und die ganze neuere natur- 
wissenschaftliche Entwickelung, wenn sie sich auch noch so sehr 
bemiiht, Gegnerschaft des Christentums zu entwickeln, alle diese 
neuere Naturwissenschaft ist ein Kind des Christentums, eine direkte 



Fortsetzung des christiichen Impulses. Die Menschheit wird, wenn 
erst die Kinderkrankheiten der neueren Naturwissenschaft ganz ab- 
gestreift sind, schon einsehen, was das bedeutet, daB der Ausgangs- 
punkt der neueren Naturwissenschaft, konsequent verfolgt, wirklich 
in die Geisteswissenschaft hineinfiihrt, da8 es einen ganz konsequen- 
ten Weg gibt von Haeckel in die Geisteswissenschaft hinein. Wenn 
man das begreifen wird, wird man auch einsehen, daB Haeckel ein 
durch und durch christlicher Kopf ist, wenn er auch selber nichts 
davon weiB. Die christiichen Impulse haben nicht nur hervorgebracht, 
was sich christlich nennt und nannte, sondern auch dasjenige, was wie 
eine Gegnerschaft gegen das Christentum sich geriert. Man muB die 
. Dinge nicht nur auf ihre BegrifFe hin untersuchen, sondern auf ihre 
Realitat hin, dann kommt man schon zu dieser Erkenntnis. Aus der 
darwinistischen Entwickelungslehre fiihrt, wie Sie in dem kleinen 
Schriftchen von mir iiber «Reinkarnation und Karma » sehen konnen, 
ein gerader Weg zu der Lehre der wiederholten Erdenleben. 

Um aber auf dem richtigen Boden zu stehen in bezug auf diese 
Dinge, muB man in einer gewissen Weise das Walten der christiichen 
Impulse unbefangen beobachten konnen. Derjenige, der den Darwi- 
nismus, den Haeckelismus versteht, und der selber ein wenig durch- 
drungen ist von dem, wovon Haeckel noch gar nichts weiB - Darwin 
aber wuBte noch manches -, daB diese beiden Bewegungen nur als 
christliche Bewegungen moglich waren, wer das versteht, kommt 
ganz konsequent zu der Reinkarnationsidee. Und wer zu Hilfe ziehen 
kann eine gewisse hellseherische Kraft, der kommt auf diesem Wege 
ganz konsequent zu dem geistigen Ursprung des Menschengeschlechts. 
Es ist zwar ein Umweg, aber, wenn Hellsichtigkeit hinzukommt, ein 
richtiger Weg von dem Haeckelismus zu der geistigen Auffassung 
des Erdenursprungs. Aber auch der Fall ist denkbar, daB man den 
Darwinismus nimmt, wie er heute sich darbietet, ohne aber durch- 
drungen zu sein von den Lebensprinzipien des Darwinismus selbst; 
mit anderen Worten: wenn man den Darwinismus aufnimmt als einen 
Impuls und nichts in sich fiihlt von einem tieferen Verstandnis des 
Christentums, das doch im Darwinismus liegt, dann kommt man zu 
etwas sehr Eigentumlichem. Dazu kann man kommen, daB man durch 



solche geistige BeschafTenheit der Seele gleich wenig vom Christen- 
tum und vom Darwinismus versteht. Man kann dann von dem guten 
Geiste des Christentums ebenso verlassen sein wie von dem guten 
Geiste des Darwinismus. Hat man aber den guten Geist des Darwi- 
nismus, dann mag man noch so materialistisch sein, dann kommt man 
immer weiter zuriick in der Erdengeschichte bis auf den Punkt, wo 
man erkennt, daB der Mensch niemals aus niederen Tierformen sich 
herausentwickelt hat, daB er einen geistigen Ursprung haben muB. 
Man kommt zuriick auf den Punkt, wo man den Menschen als geisti- 
ges Wesen gleichsam schwebend iiber der Erdenwelt schaut. Der kon- 
sequente Darwinismus wird dazu fiihren. 1st man aber von seinem 
guten Geiste verlassen, dann kann man glauben, wenn man zurtick- 
geht und ein Anhanger der Reinkarnationsidee ist, man habe einmal 
selber als Affe gelebt auf irgendeiner Inkarnation der Erde selbst. 
Wenn man das glauben kann, dann muB man sowohl von dem guten 
Geiste des Darwinismus als auch des Christentums verlassen sein, 
dann muB man von beiden nichts verstehen. Denn niemals konnte 
einem konsequenten Darwinismus passieren, das zu glauben. Das 
heiBt, man muB in ganz auBerlicher Weise die Reinkarnationsidee 
iibertragen auf diese materialistische Kultur. Denn man kann den 
modernen Darwinismus gewiB seiner Christlichkeit entkleiden. Tut 
man das nicht, so wird man finden, daB bis in unsere Zeit hinein die 
darwinistischen Impulse aus dem Christus-Impuls geboren worden 
sind, daB die christlichen Impulse auch da wirken, wo man siever- 
leugnet. So haben wir nicht nur die Erscheinung, daB das Christen- 
tum sich in den ersten Jahrhunderten abgesehen von der Gelehrsam- 
keit und dem Wissen der Anhanger und Bekenner ausbreitet, daB es 
sich ausbreitet im Mittelalter so, daB hochst wenig dazu beitragen 
konnen die gelehrten Kirchenvater und die Scholastiker, sondern wir 
haben in unserer Zeit die noch paradoxere Erscheinung, daB das 
Christentum wie in seinem Gegenbilde im Materialismus unserer heu- 
tigen Naturwissenschaft erscheint, und alle GroBe, alle ihre Tatkraft 
doch aus den christlichen Impulsen hat. Die christlichen Impulse, die 
in ihr liegen, werden diese Wissenschaft von selbst iiber den Materia- 
lismus hinausfiihren. 



Sonderbar ist es mit den christlichen Impulsen! Intellektualitat, 
Wis sen, Gelehrsamkeit, Erkenntnis scheinen gar nicht dabei zu sein 
bei der Ausbreitung dieser Impulse. Ganz etwas anderes scheint ihre 
Ausbreitung in der Welt zu bedingen. Man mochte sagen, das Chri- 
stentum breitet sich aus, was auch die Menschen fur oder dagegen 
denken, ja sogar so, daB es wie in ein Gegenteil verkehrt im moder- 
nen Materialismus erscheint. Was breitet sich denn da aus ? Die christ- 
lichen Ideen sind es nicht, die christliche Wissenschaft ist es nicht. 
Man konnte noch sagen, das moralische Gefiihl breitet sich aus, das 
durch das Christentum eingepflanzt worden ist. Aber man sehe nur an 
das Walten der Moral in diesen Zeiten, und man wird mancherlei 
berechtigt finden von dem, was aufgezahlt werden kann an Wut der 
Vertreter des Christentums gegen wirkliche oder vermeintliche Geg- 
ner des Christentums. Auch die Moral, die walten konnte in den See- 
len, die intellektuell nicht hoch gebildet sind, wird uns nicht sehr impo- 
nieren konnen, wenn wir sie ins Auge fassen auch da, wo sie wirklich 
am christlichsten denkt. Was breitet sich denn da aus? Was ist dieses 
Sonderbare? Was ist es, was im Siegeszuge durch die Welt geht? 
Fragen wir dariiber nun die Geisteswissenschaft, das hellsichtige Be- 
wuBtsein! Was waltete in den ungebildeten Menschen, die sich von 
Osten nach Westen hineinschieben in das hochgebildete Griechen- 
und Romertum? Was waltet in den Menschen, die in die germanische, 
in die fremde Welt das Christentum hineingetragen haben? Was wal- 
tet in der modernen materialistischen Naturwissenschaft, wo die Lehre 
ihr Angesicht gleichsam noch verhullt? Was waltet in all diesen See- 
len, wenn es nicht intellektuelle, nicht einmal moralische Impulse sind? 
Was ist es denn? - Es ist der Christus selbst, der von Herz zu Herz, 
von Seele zu Seele zieht, der durch die Welt Ziehen und wirken kann, 
gleichgiiltig, ob die Seelen ihn verstehen oder nicht durch diese Ent- 
wickelung im Laufe der Jahrhunderte ! 

Wir sind gezwungen, von unseren Begriffen, von aller Wissenschaft 
abzusehen und auf die Realitat hinzuweisen, zu zeigen, wie geheim- 
nisvoll der Christus selber wandelt in vielen tausenden Impulsen, 
Gestalt annehmend in den Seelen, in viele Tausende und aber Tau- 
sende untertauchend und die Menschen erfiillend durch die Jahr- 



hunderte. In den einfachen Menschen ist es der Christus selbst, der 
fiber die griechische und italische Welt schreitet, der nach Westen und 
nach Norden hin immer mehr Menschenseelen ergreift. Bei den spa- 
teren Lehrern, die den germanischen Volkern das Christentum brin- 
gen, ist es der Christus selbst, der ihnen zur Seite wandelt. Er ist es, 
der wirkliche, wahrhaftige Christus, der auf der Erde waltet wie die 
Seele der Erde selber, der von Ort zu Ort, von Seele zu Seele zieht und, 
ganz gleichgultig was die Seelen iiber den Christus denken, in diese 
Seelen einzieht. Einen trivialen Vergleich mochte ich gebrauchen : Wie 
viele Menschen gibt es, die gar nichts verstehen von der Zusammen- 
setzung der Nahrungsmittel und die sich doch nahren nach alien Re- 
geln der Kunst. Es ware doch eigentlich zum Verhungern, wenn man 
die Nahrungsmittel kennen miiBte, bevor man sich nahren konnte. 
Das Sich-nahren-Konnen hat nichts zu tun mit dem Verstandnis der 
Nahrungsmittel. So hatte die Ausbreitung des Christentums iiber die 
Erde hin nichts zu tun mit dem Verstandnis, das man dem Christen- 
tum entgegenbrachte. Das ist das Eigentumliche. Da waltet ein Ge- 
heimnis, das nur dadurch aufgeklart werden kann, daB man die Ant- 
wort gibt auf die Frage : Wie waltet der Christus selber in den mensch- 
Uchen Gemiitern? Und wenn nun die Geisteswissenschaft, die hell- 
seherische Betrachtung, sich diese Frage stellt, dann wird sie zunachst 
auf ein Ereignis gelenkt, das im Grunde nur durch die hellseherische 
Betrachtung wirklich enthiillt werden kann, das auBerlich in der Tat 
in vollem Einklange steht mit allem, was ich heute gesprochen habe. 
Eines werden wir sehen, was in der Zukunft immer mehr wird ver- 
standen werden miissen: Die Zeit ist voriiber, in welcher der Christus 
so gewirkt hat, wie ich eben charakterisiert habe, und die Zeit ist 
gekommen, wo die Menschen den Christus werden verstehen miissen, 
erkennen miissen. 

Deshalb ist es notwendig, auch die Frage sich zu beantworten, 
warum unserer Zeit die andere vorausgegangen ist, in der sich der 
Christus-Impuls ausbreiten konnte, ohne daB das Verstandnis dazu 
notwendig war, ohne daB die Menschen mit ihrem BewuBtsein dabei 
waren. Ein Ereignis war es, wodurch dieses moglich war! Und das 
Ereignis, zu dem das hellseherische BewuBtsein weist, ist das so- 



genannte Pfingstereignis, die Aussendung des Heiligen Geistes. Daher 
war es, daB zuerst der hellseherische Blick, der angeregt worden ist 
durch den wirklichen Christus-Impuls im anthroposophischen Sinne, 
hingelenkt wurde auf dieses Pfingstereignis, die Aussendung des 
Heiligen Geistes. Hellseherisch betrachtet ist es das Pfingstereignis, 
was sich zuerst der Untersuchung darbietet, die von einem gewissen 
Gesichtspunkte aus gefiihrt wird. 

Was geschah in jenem Augenblick der Weltentwickelung auf der 
Erde, der uns ziemlich unverstandlich zunachst als das Herabkom- 
men des Heiligen Geistes auf die Apostel dargestellt wird? Wenn man 
den hellseherischen Blick darauf hinwendet, untersucht, was da eigent- 
lich geschehen ist, dann bekommt man eine geisteswissenschaftliche 
Antwort darauf, was gemeint ist damit, daB gesagt wird: Einfache 
Leute, wie ja auch die Apostel waren, fingen plotzlich an, in verschie- 
denen Zungen zu sprechen, was sie aus den Tiefen des geistigen 
Lebens heraus zu sagen hatten, und was man ihnen nicht zumutete. 
Ja, dazumal fingen das Christentum, die christlichen Impulse an, sich 
so auszubreiten, daB sie unabhangig wurden von dem Verstandnis 
der Menschen, in deren Gemutern sie sich ausbreiteten. 

Von dem Pfingstereignis aus ergieBt sich dann der Strom der 
Christus-Kraft iiber die Erde hin, der charakterisiert worden ist. Was 
ist denn das Pfingstereignis gewesen? Diese Frage trat an die Geistes- 
wissenschaft heran, und mit der Antwort auf diese Frage, mit der 
geisteswissenschaftlichen Antwort auf die Frage: Was war das Pfingst- 
ereignis? - beginnt das Fiinfte Evangelium, und damit wollen wir 
morgen unsere Betrachtungen fortsetzen. 



Kristiania (Oslo), 2. Oktober 1913 
Zrveiter Vortrag 



Von dem sogenannten Pfingstereignis ist bei dieser Betrachtung zu 
beginnen. Im ersten Vortrag habe ich bereits angedeutet, daB der Blick 
der hellsichtigen Forschung zuerst auf dieses Ereignis wenigstens hin- 
gelenkt werden kann. Denn dieses Ereignis stellt sich dem nach ruck- 
warts gerichteten hellseherischen Blick so dar wie eine Art Erwachen, 
das diejenigen Personlichkeiten an einem gewissen Tage, an den eben 
das Pfingstfest erinnern soil, empfunden haben, die Personlichkeiten, 
welche man gewohnllch die Apostel oder Jiinger des Christus Jesus 
nennt. Es ist nicht leicht, eine genaue Vorstellung von all diesen ja 
zweifellos seltsamen Erscheinungen hervorzurufen, und wir werden 
uns schon an manches sozusagen in den Untergninden unserer Seele 
erinnern mussen, was sich uns aus den bisherigen anthroposophischen 
Betrachtungen hat ergeben konnen, wenn wir genaue Vorstellungen 
mit all dem verbinden wollen, was gerade iiber dieses Thema unseres 
Vortragszyklus heute zu sagen ist. 

Wie erwachend kamen sich die Apostel vor, wie Menschen, welche 
in diesem Augenblick das Empfinden hatten, daB sie lange Zeit - viele 
Tage hindurch - in einem ihnen ungewohnten BewuBtseinszustand 
gelebt hatten. Es war tatsachlich etwas wie eine Art Aufwachen aus 
einem tiefen Schlaf, allerdings einem merkwiirdigen, traumerfiillten 
Schlaf, wie aus einem Schlaf, der aber so ist - ich bemerke ausdriick- 
lich, ich spreche immer von der Art, wie es dem BewuBtsein der 
Apostel erschienen ist daB man daneben alle auBeren Verrichtun- 
gen des Tages vollbringt, als leiblich gesunder Mensch herumgeht, so 
daB gewissermaBen auch die anderen Menschen, mit denen man um- 
geht, einem gar nicht ansehen, daB man in einem anderen BewuBtseins- 
zustand ist. Dermoch trat der Zeitpunkt ein, wo es den Aposteln so 
vorkam, als ob sie eine lange, tagelang dauernde Zeit verlebt hatten 
wie in einem traumerfullten Schlafe, aus dem sie nun mit diesem 
Pfingstereignis erwachten. Und dieses Erwachen, schon das fuhlten sie 



in einer eigentiimlichen Weise: sie fuhlten tatsachlich, wie wenn aus 
dem Weltenall niedergestiegen ware auf sie etwas, was man nur nennen 
konnte die Substanz der allwaltenden Liebe. Wie gleichsam von oben 
herab befruchtet durch die allwaltende Liebe und wie auferweckt aus 
dem geschilderten traumhaften Lebenszustand, so fuhlten sich die 
Apostel. Wie wenn durch alles dasjenige, was als die urspriingliche 
Kraft der Liebe, die das Weltenall durchdringt und durchwarmt, sie 
auferweckt worden waren, wie wenn diese urspriingliche Kraft der 
Liebe in die Seele eines jeden Einzelnen sich gesenkt hatte, so kamen 
sie sich vor. Und den anderen Menschen, die sie beobachten konn- 
ten, wie sie nun sprachen, kamen sie ganz fremdartig vor. Sie wuBten, 
diese anderen Menschen, daB das Leute waren, die bisher in einer 
auBerordentlich einfachen Weise gelebt hatten, von denen allerdings 
einige in den letzten Tagen sich etwas sonderbar, wie traumverloren, 
benommen hatten. Das wuBte man. Jetzt aber kamen sie den Leuten 
wie verwandelt vor: wie Menschen, die in der Tat erlangt hatten eine 
ganz neue Verfassung, eine ganz neue Stimmung der Seele, wie Men- 
schen, die alle Engigkeit des Lebens, alle Eigensiichtigkeit des Lebens 
verloren hatten, die ein unendlich weites Herz, eine umfassende Tole- 
ranz im Inneren gewonnen hatten, ein tiefes Herzensverstandnis fiir 
alles, was menschlich auf der Erde ist, die sich so ausdriicken konn- 
ten, daB jeder, der da war, sie verstand. Man empfand gleichsam, daB sie 
in eines jeden Herz und Seele schauen konnten und aus dem tiefsten 
Inneren heraus Geheimnisse der Seele errieten, so daB sie einen jeden 
trosten konnten, dasjenige sagen konnten, was er gerade brauchte. 

Es war naturlich im hochsten Grade verwunderlich fiir diese Beob- 
achter, daB eine solche Umwandlung mit einer Anzahl von Menschen 
vorgehen konnte. Diese Menschen selber aber, die diese Umwandlung 
erfahren hatten, die gleichsam durch den Geist der Liebe des Kosmos 
auferweckt worden waren, diese Menschen fuhlten jetzt in sich selber 
ein neues Verstandnis, fuhlten ein Verstandnis fiir dasjenige, was sich 
allerdings in innigster Gemeinschaft mit ihren Seelen abgespielt hatte, 
das sie aber damals, als es sich abgespielt hatte, nicht begriffen hat- 
ten: Jetzt erst, in diesem Augenblick, da sie sich befruchtet fuhlten 
mit der kosmischen Liebe, trat vor ihr Seelenauge ein Verstandnis 



fur das, was auf Golgatha eigentlich geschehen war. Und wenn wir 
in die Seele des einen dieser Apostel hineinsehen, desjenigen, der ge- 
wohnlich in den anderen Evangelien Petrus genannt wird, so stellt 
sein Seeleninneres fur den riickschauenden hellsichtigen Blick sich so 
dar, daB sein irdisches normales BewuBtsein in jenem Augenblicke 
gleichsam wie vollstandig abgerissen war, von jenem Augenblicke an, 
der in den anderen Evangelien gewohnlich bezeichnet wird als die Ver- 
leugnung. Er sah hin auf diese Verleugnungsszene, wie er gefragt 
worden war, ob er einen Zusammenhang habe mit dem Galilaer, und 
er wuBte jetzt, daB er das dazumal abgeleugnet hatte, weil sein nor- 
males BewuBtsein begann sich herabzudampfen, weil sich ausbreitete 
ein anomaler Zustand, eine Art Traumzustand, der eine Entriicktheit 
in eine ganz andere Welt bedeutete. Es war ihm jetzt an diesem Pfingst- 
fest so zumute, wie einem zumute ist beim Aufwachen am Morgen und 
man sich da an die letzten Ereignisse am Abend vor dem Einschlafen 
erinnert; so erinnerte sich Petrus an die letzten Ereignisse, bevor 
dieser abnorme Zustand eintrat, an dasjenige, was man gewohnlich die 
Verleugnung nennt, die dreimalige Verleugnung, bevor der Hahn 
zweimal gekraht hatte. Und dann erinnerte er sich, daB sich ausbrei- 
tete uber seine Seele jener Zustand, so wie fiir den Schlafenden die 
Nacht sich ausbreitet. Aber er erinnerte sich auch, wie sich jener 
Zwischenzustand erfullte nicht mit bloBen Traumbildern, sondern mit 
Gebilden, die eine Art hoheren BewuBtseinszustand darstellten, die 
darstellten ein Miterleben von rein geistigen Angelegenheiten. Und 
alles, was geschehen war, was Petrus gleichsam verschlafen hatte seit 
jener Zeit, das trat wie aus einem hellschauenden Traum vor seine 
Seele. Vor allem lernte er jetzt schauen das Ereignis, von dem man 
wirklich sagen kann, er habe es verschlafen. Er hatte es nicht mit 
seinem Verstandnis erlebt, weil zum vollen Verstandnis fiir dieses Er- 
eignis notwendig war die Befruchtung mit der allwaltenden kosmi- 
schen Liebe. Jetzt, wo diese erfolgt war, traten ihm vor Augen die 
Bilder des Mysteriums von Golgatha. So traten sie ihm vor Augen, 
wie wir sie wiederum erleben konnen, wenn wir sie wachrufen kon- 
nen mit riickschauendem hellsichtigem BewuBtsein, wenn wir die 
Bedingungen dazu herstellen. 



Offen gestanden: mit einem Gefuhl, das ganz eigenartig ist, ent- 
schlieBt man sich, in Worte zu pragen dasjenige, was sich da eroffnet 
dem hellsichtigen BewuBtsein, wenn man hineinschaut in das BewuBt- 
sein des Petrus und der anderen, die bei jenem Pfingstfeste versam- 
melt waren. Mit einer heiligen Scheu nur kann man sich entschlieBen, 
von diesen Dingen zu reden. Man mochte sagen, man ist fast iiberwal- 
tigt von dem BewuBtsein, man betrete heiligsten Boden des mensch- 
Uchen Anschauens, wenn man in Worten auszudriicken versucht, 
was sich dem Seelenblicke da eroffnet. Dennoch erscheint es aus gewis- 
sen Vorbedingungen unserer Zeit heraus notwendig, xiber diese Dinge 
zu sprechen ; allerdings mit dem vollen BewuBtsein, daB andere Zeiten 
kommen werden als die unsrigen sind, in denen man mehr Verstandnis 
entgegenbringen wird demjenigen, was gesagt werden muB iiber das 
Fiinfte Evangelium, als man es heute schon kann. Denn um vieles von 
dem zu verstehen, was bei dieser Gelegenheit gesagt werden muB, muB 
die Menschenseele sich noch befreien von mancherlei Dingen, die sie 
ganz notwendig aus der Zeitkultur heraus heute noch erfullen mussen. 

Zunachst stellt sich, wenn man hellsichtig zuruckschaut auf das 
Ereignis von Golgatha, vor den hellsehenden Blick etwas hin, was - 
wenn man es in Worte faBt - sich ausnimmt wie eine Art Beleidigung 
des gegenwartigen naturwissenschaftlichen BewuBtseins. Dennoch 
fuhle ich mich gezwungen, so gut es geht, dasjenige in Worte zu 
pragen, was sich dem hellsichtigen Blick also darstellt. Ich kann 
nichts dafur, wenn das, was da gesagt werden muB, etwa hinaus- 
dringen sollte in weniger vorbereitete Gemiiter und Seelen hinein und 
das Ganze aufgebauscht wiirde wie etwas, was gegeniiber den wis- 
senschaftlichen Anschauungen, welche die Gegenwart nun einmal 
beherrschen, nicht standhalten konnte. Es fallt der hellsehende Blick 
zunachst auf ein Bild, das eine Realitat darstellt, das auch in den 
anderen Evangelien angedeutet ist, das aber doch einen ganz beson- 
deren Anblick darbietet, wenn man es gleichsam heraustreten sieht 
aus der Fiille der Bilder, die der hellsehende Blick in der Riickschau 
erhalten kann. Es fallt dieser hellsehende Blick tatsachlich auf eine 
Art von Verfinsterung der Erde. Und man fiihlt, wie in diesem be- 
deutungsvollen Augenblick, der durch Stunden hindurch anhalt, wie 



da die physische Sonne verfinstert war iiber dem Lande Palastina, 
iiber der Statte von Golgatha. Man hat denselben Eindruck, den der 
geisteswissenschaftlich geschulte Blick jet2t noch nachpnifen kann, 
wenn wirklich eine auBere physische Sonnenfinsternis durch das Land 
geht Fiir den Seelenblick nimmt sich die ganze Umgebung des Men- 
schen wahrend einer solchen mehr oder weniger starken Sonnen- 
finsternis folgendermaBen aus. Da sieht alles gan2 anders aus. Ich 
mochte absehen von jenem Anblick, der sich bei einer Sonnenfinster- 
nis darbietet, von all den Dingen, welche Menschenkunst und Men- 
schentechnik hervorgebracht haben, denn es bedarf eines gewissen 
starken Gemiites und eines Durchdrungenseins von dem BewuBtsein 
der Notwendigkeit, daB das alles entstehen muBte, urn den damoni- 
schen Anblick zu ertragen, den diejenigen Wesen darbieten, die sich 
wahrend einer Sonnenfinsternis aus der auBeren kunstlosen Technik 
erheben. Aber ich will auf diese Schilderung nicht weiter eingehen, 
sondern nur darauf aufmerksam machen, daB in einer solchen Zeit das- 
jenige lichtvoll erscheint, was man sonst nur durch sehr schwierige 
Meditationen erreichen kann: Man sieht dann alles Pflanzliche und 
Tierische anders, jeder Vogel, jeder Schmetterling sieht dann anders 
aus. Man bemerkt eine Herabdampfung des Lebensgefuhles. Es ist 
etwas, was im tiefsten Sinne die Uberzeugung hervorrufen kann, wie 
innig zusammenhangt im Kosmos ein gewisses geistiges Leben, das 
zur Sonne gehort und das in dem, was man in der Sonne sieht, gleich- 
sam seinen physischen Leib hat, mit dem Leben auf der Erde. Und 
man bekommt das Gefiihl, wenn dem physischen Leben das physische 
Leuchten der Sonne gewaltsam verdunkelt wird durch den davor- 
tretenden Mond, so ist das etwas ganz anderes, als wenn die Sonne 
bloB nicht scheint in der Nacht. Ganz anders ist fiir den beobach- 
tenden Seelenblick der Anblick der uns umgebenden Erde wahrend 
einer Sonnenfinsternis als wahrend einer bloBen Nacht. Man fuhlt 
wahrend einer Sonnenfinsternis etwas wie ein Aufstehen der Grup- 
penseelen der Pflanzen, der Gruppenseelen der Tiere, dagegen wie ein 
Mattwerden aller physischen Leiblichkeit der Pflanzen und Tiere. Es 
tritt etwas ein wie ein Hellwerden alles dessen, was geistig ist, was 
Gruppenseelenhaftigkeit darstellt. 



Das alles stellt sich in einem hohen MaBe dar, wenn der hellsehende 
Blick in der Riickschau hinsieht auf den Augenblick der Erdenevo- 
lution, den wir bezeichnen als das Mysterium von Golgatha. Und 
dann taucht etwas auf, was man nennen konnte: man lernt lesen, 
was dieses merkwiirdige Naturzeichen, diese plotzlich auftretende 
Verfinsterung der Sonne, die der nach riickwarts gewendete, hell- 
seherische Blick im Kosmos erschaut, was das eigentHch bedeutet. 
Ich kann wirklich nichts dafiir, wenn ich genotigt bin, ein reines 
Naturereignis, wie es natiirlich friiher und spater auch stattgefunden 
hat, gerade an diesem Punkte der Erdenevolution in okkulter Schrift 
so zu lesen - in Widerspruch mit allem gegenwartigen materialisti- 
schen BewuBtsein -, wie es eben unmittelbar den Eindruck macht. 
Wie wenn man ein Buch aufschlagt und die Schrift liest, so fiihlt man 
sich, wenn man dieses Ereignis vor sich hat, so daB einem wie aus 
dem Schriftzeichen entgegenkommt, was man lesen soil. So kommt 
einem aus diesem Schriftzeichen des Kosmos die Notwendigkeit ent- 
gegen, man solle etwas lesen, was die Menschheit kennenlernen soil. 
Wie ein in den Kosmos geschriebenes Wort kommt das einem vor, 
wie ein Lautzeichen im Kosmos. 

Und was liest man dann, wenn man ihm seine Seele offnet? Ich 
habe gestern aufmerksam gemacht, wie in die Griechenzeit hinein die 
Menschheit sich so entwickelt hat, daB sie in Plato und Aristoteles 
aufgestiegen ist zu einer ganz besonders hohen Ausbildung der Intel- 
lektualitat der menschlichen Seele. In vieler Beziehung konnte das- 
jenige Wissen, das von Plato oder Aristoteles erreicht worden ist, in 
der spateren Zeit gar nicht iiberholt werden, denn es war fur die 
Intellektualitat der Menschheit damit in gewisser Beziehung ein Hoch- 
stes herangekommen. Man kann viel erkennen, wenn man dies wirk- 
lich erkennt. Und wenn sich die hellsichtig beobachtende Seele, die 
die Zeit von Palastina beobachtet, anschaut, wie dieses intellektuelle 
Wissen, zu dem sich die Menschheit heraufentwickelt hatte, das 
gerade in der Zeit des Mysteriums von Golgatha auf der griechischen 
und italischen Halbinsel durch Wanderprediger ungeheuer popular 
geworden war, wenn man das alles ins Auge faBt, wie dieses Wissen 
verbreitet worden war in einer Art, wie man es sich heute gar nicht 



vorstellen kann, dann bekommt diese hellsichtig beobachtende Seele 
die Moglichkeit eines Eindruckes, der sich wie ein Lesen jenes genann- 
ten, in den Kosmos hineingestellten Schriftzeichens ausnimmt. Man 
sagt sich dann, wenn man das hellsichtige BewuBtsein so herangezo- 
gen hat : Das alles, was die Menschheit da an Wissen gesammelt hat, 
wozu sie sich erhoben hat in der vorchristlichen Zeit, dafiir ist ein 
Zeichen der Mond, der fur den Erdengesichtspunkt durch das Wel- 
tenall geht, und deshalb der Mond, weil sich fur alles hohere Erken- 
nen der Menschheit dieses Wissen nicht wie aufschlieBend, wie Ratsel 
losend verhalten hat, sondern fur das hohere Erkennen wie verdun- 
kelnd, so wie der Mond die Sonne verfinstert bei einer Sonnenfinster- 
nis. Das liest man, wenn man das okkulte Schriftzeichen der Sonne, 
die vom Mond verdunkelt wird, liest. 

Man weiB dann: So trat alles Wissen damals nicht aufklarend, 
sondern das Weltratsel verdunkelnd auf, und man fiihlt als Hellseher 
die Verfinsterung der hoheren, eigentlich spirituellen Regionen der 
Welt durch das Wissen der alten Zeit, das sich vor die wirkliche 
Erkenntnis hingestellt hat wie der Mond vor die Sonne bei einer 
Sormenfinsternis. Und das auBere Naturereignis wird ein Ausdruck 
dafiir, daB die Menschheit eine Stufe erreicht hat, innerhalb welcher 
sich das aus der Menschheit selbst geschopfte Wissen vor das hohere 
Erkennen hingestellt hat wie der Mond vor die Sonne bei einer Son- 
nenfinsternis. Der Menschheit Seelenverdunkelung innerhalb der 
Erdenevolution fiihlt man hingeschrieben in einem ungeheuren Zei- 
chen der okkulten Schrift in den Kosmos in jener Verfinsterung der 
Sonne im Momente des Mysteriums von Golgatha. Ich habe gesagt, 
daB das GegenwartsbewuBtsein es wie eine Beleidigung empfinden 
kann, wenn man so etwas ausspricht, weil es kein Verstandnis mehr 
hat fur das Walten spiritueller Krafte im Weltenall, die im Zusammen- 
hang stehen mit dem, was in der Menschenseele als Krafte waltet. 
Ich will nicht im gewohnlichen Sinne von Wundern sprechen, von 
einem Durchbrechen der Naturgesetze, aber ich kann nicht anders 
als Ihnen mitteilen, wie man jene Verfinsterung der Sonne lesen muB - 
wie man nicht anders kann, als sich mit seiner Seele vor diese Ver- 
finsterung der Sonne hinzustellen gleichsam wie lesend, was durch 



dieses Naturereignis ausgedriickt wird: Mit dem Mondenwissen ist 
eine Verfinsterung eingetreten gegenuber der hoheren Sonnenbot- 
schaft. 

Und dann - nachdem man diese okkulte Schrift gelesen hat - stellt 
sich in der Tat vor das hellsichtige BewuBtsein das Bild des erhohten 
Kreuzes auf Golgatha, des an ihm hangenden Korpers des Jesus 
zwischen den beiden Raubern. Und es stellt sich ein - und ich darf 
wohl in Parenthese einfiigen, je mehr man sich gegen dieses Bild 
wehrt, desto heftiger stellt es sich ein das Bild stellt sich ein der 
Kreuzabnahme und der Grablegung. Jetzt tritt ein zweites gewaltiges 
Zeichen ein, wodurch wieder wie in den Kosmos hineingeschrieben 
wird etwas, was man eben lesen muB, um es zu begreifen, als ein 
Symbolum dessen, was in der Evolution der Menschheit eigentlich 
geschehen ist: Man verfolgt das Bild des vom Kreuze herabgenom- 
menen Jesus, der in das Grab gelegt wird, und man wird dann durch- 
riittelt, wenn man den Seelenblick darauf richtet, in der Seele von 
einem Erdbeben, das durch jene Gegend ging. 

Vielleicht wird man einmal den Zusammenhang jener Verfinsterung 
der Sonne mit diesem Erdbeben auch naturwissenschaftUch besser ein- 
sehen, denn gewisse Lehren, die heute schon, aber zusammenhang- 
los, durch die Welt ziehen, zeigen einen Zusammenhang zwischen 
Sonnenflnsternissen und Erdbeben und sogar schlagenden Wettern in 
Bergwerken. Jenes Erdbeben war eine Folge der Sonnenverfinsterung 
(siehe Hinweis). Jenes Erdbeben durchriittelte das Grab, in das der 
Leichnam des Jesus gelegt war - und weggerissen wurde der Stein, 
der darauf gelegt worden war, und ein Spalt wurde aufgerissen in der 
Erde, und der Leichnam wurde aufgenommen von dem Spalt. Durch 
weitere Aufruttelung wurde iiber dem Leichnam der Spalt wieder ge- 
schlossen. Und als die Leute am Morgen kamen, war das Grab leer, 
denn die Erde hatte aufgenommen den Leichnam des Jesus; nur der 
Stein lag noch da, hinweggeschleudert. 

Verfolgen wir noch einmal die Bilderreihe! An dem Kreuze auf 
Golgatha verscheidet der Jesus. Finsternis bricht herein iiber die Erde. 
In das offene Grab wird der Leichnam des Jesus hineingelegt. Ein 
Beben durchriittelt den Erdboden, und der Leichnam des Jesus wird 



aufgenommen von der Erde. Der dutch das Beben entstandene Spalt 
schlieBt sich, der Stein wird danebengeschleudert. Das alles sind tat- 
sachliche Ereignisse ; ich kann nicht anders als sie so schildern. Mogen 
die Leute, die aus der Naturwissenschaft heraus solchen Dingen sich 
nahern wollen, urteilen wie sie wollen, alle moglichen Griinde dagegen 
vorbringen : Das, was der hellseherische Blick sieht, ist so, wie ich es 
geschildert habe. Und wenn jemand sagen wollte, so etwas konne nicht 
geschehen, daB aus dem Kosmos heraus wie in einer gewaltigen 
Zeichensprache ein Symbolum hingestellt wird dafur, daft etwas Neues 
eingezogen ist in die Menschheitsevolution, wenn jemand sagen 
wollte, so schreiben die gottlichen Gewalten dasjenige, was geschieht, 
nicht in die Erde hinein mit einer solchen Zeichensprache wie einer 
Verfinsterung der Sonne und einem Erdbeben, so konnte ich nur 
erwidern: Euer Glaube in alien Ehren, daB das nicht so sein kann! 
Aber es ist halt doch geschehen, es hat sich ereignet ! - Ich kann mir 
denken, daB etwa ein Ernest Renan, der ja das eigenartige «Leben 
Jesu» geschrieben hat, kommen und sagen wiirde: An solche Dinge 
glaubt man nicht, denn man glaubt nur an dasjenige, was sich jeder- 
zeit im Experimente wieder herstellen laBt. - Aber der Gedanke ist 
nicht durchfiihrbar, denn wiirde zum Beispiel ein Renan nicht an die 
Eiszeit glauben, obschon es unmoglich ist, durch Experiment die 
Eiszeit wieder herzustellen? Das ist doch ganz gewiB unmoglich, die 
Eiszeit wieder iiber die Erde zu bringen, und dennoch glauben alle 
Naturforscher daran. So ist es unmoglich, da6 dieses einmal gesche- 
hene kosmische Zeichen beim Ereignis von Golgatha jemals wieder 
vor die Menschen hintritt. Dennoch aber ist es geschehen. 

Wir konnen zu diesem Ereignis nur vordringen, wenn wir hell- 
seherisch den Weg einschlagen, den ich angedeutet habe, wenn wir 
uns zunachst etwa vertiefen in die Seele des Petrus oder eines der 
anderen Apostel, die beim Pfingstfeste sich befruchtet fuhlten von der 
allwaltenden kosmischen Liebe. Nur, wenn wir in die Seelen jener 
Leute schauen und da sehen, was diese Seelen erlebt haben, finden wir 
auf diesem Umwege die Moglichkeit, hinzuschauen auf das auf Gol- 
gatha erhohte Kreuz, auf die Verfinsterung der Erde zu jener Zeit 
und auf das Beben der Erde, das darauf folgte. DaB im auBeren Sinne 



diese Verfinsterung und dieses Beben ganz gewohnliche Naturereig- 
nisse waren, das wird durchaus nicht geleugnet; daB aber fur den- 
jenigen, der diese Ereignisse hellseherisch verfolgt, sich diese Ereig- 
nisse so lesen, wie ich sie geschildert habe als gewaltige Zeichen der 
okkulten Schrift, das muB entschieden gesagt werden von demjenigen, 
der in seiner Seele die Bedingungen dazu hergestellt hat. Denn in der 
Tat war, was ich jetzt geschildert habe, fur das BewuBtsein des Petrus 
etwas, das auf dem Felde des langen Schlafes sich herauskristallisierte. 
Auf dem Felde des durch mancherlei Bilder durchkreuzten BewuBt- 
seins des Petrus hoben sich zum Beispiel heraus: das auf Golgatha 
erhohte Kreuz, die Verfinsterung und das Beben. Das waren fur den 
Petrus die ersten Fruchte der Befruchtung mit der allwaltenden kos- 
mischen Liebe beim Pfingstereignis. Und jetzt wuBte er etwas, was er 
friiher mit seinem normalen BewuBtsein tatsachlich nicht gewuBt 
hatte : daB das Ereignis von Golgatha stattgefunden hat, und daB der 
Leib, der am Kreuze hing, derselbe Leib war, mit dem er oftmals im 
Leben gewandelt war. Jetzt wuBte er, daB Jesus am Kreuze gestorben 
ist und daB dieses Sterben eigentlich eine Geburt war, die Geburt 
desjenigen Geistes, der als allwaltende Liebe sich jetzt ausgegossen 
hatte in die Seelen der beim Pfingstfeste versammelten Apostel. Und 
wie einen Strahl der urewigen, aonischen Liebe fuhlte er in seiner 
Seele aufwachen den Geist als denselben, welcher geboren worden 
war, als der Jesus am Kreuze verschied. Und die ungeheuere Wahr- 
heit senkte sich in die Seele des Petrus: Es ist nur Schein, daB am 
Kreuze ein Tod sich vollzogen hat, in Wahrheit war dieser Tod, dem 
unendliches Leiden vorangegangen war, die Geburt desjenigen, was 
wie in einem Strahle jetzt in seine Seele hineingedrungen war, fur die 
ganze Erde. Fur die Erde war mit dem Tode des Jesus geboren das- 
jenige, was friiher allseitig auBerhalb der Erde vorhanden war: die 
allwaltende Liebe, die kosmische Liebe. 

Solch ein Wort ist scheinbar abstrakt leicht auszusprechen, aber man 
muB sich einen Augenblick wirklich hineinversetzen in diese Petrus- 
Seele, wie sie empfunden hat, in diesem Moment zum allerersten 
Male empfunden hat : Der Erde ist etwas geboren worden, was friiher 
nur im Kosmos vorhanden war, in dem Augenblick, als Jesus von 



Nazareth verschied am Kreuze auf Golgatha. Der Tod des Jesus von 
Nazareth war die Geburt der allwaltenden kosmischen Liebe inner- 
halb der Erdensphare. 

Das ist gewissermaBen die erste Erkenntnis, die wir herauslesen 
konnen aus dem, was wir das Fiinfte Evangelium nennen. Mit dem, 
was im Neuen Testamente die Herabkunft, die AusgieBung des Hei- 
ligen Geistes genannt wird, ist gemeint dasjenige, was ich jetzt ge- 
schildert habe. Die Apostel waren nicht geeignet durch ihre ganze da- 
malige Seelenverfassung, dieses Ereignis des Todes des Jesus von 
Nazareth anders mitzumachen als in einem abnormen BewuBtseins- 
zustande. 

Noch eines anderen Momentes seines Lebens muBte Petrus, auch 
Johannes und Jakobus, gedenken, jenes Momentes, der auch in den 
anderen Evangelien geschildert wird, der uns aber nur durch das 
Fiinfte Evangelium in seiner vollen Bedeutung erst verstandlich wer- 
den kann. Derjenige, mit dem sie auf der Erde gewandelt waren, 
hatte sie herausgefuhrt zum Olberge, zum Garten Gethsemane und 
hatte gesagt: Wachet und betet! - Sie aber waren eingeschlafen und 
jetzt wuBten sie: Dazumal war schon gekommen jener Zustand, der 
sich immer mehr und mehr ausbreitete iiber ihre Seelen. Das normale 
BewuBtsein schlief ein, sie versanken in Schlaf, der andauerte wahrend 
des Ereignisses von Golgatha, und aus dem herausstrahlte dasjenige, 
was ich in stammelnden Worten zu schildern versuchte. Und Petrus, 
Johannes und Jakobus muBten gedenken, wie sie in diesen Zustand 
verfallen waren und wie jetzt, als sie zunickblickten, heraufdammerten 
die groBen Ereignisse, die sich um den irdischen Leib Desjerrigen ab- 
gespielt hatten, mit dem sie umhergewandelt waren. Und allmahlich, 
wie versunkene Traume herauftauchen im MenschenbewuBtsein, in 
der Menschenseele, so tauchten die verflossenen Tage in dem BewuBt- 
sein und den Seelen der Apostel auf. Wahrend dieser Tage hatten sie 
das alles nicht mit normalem BewuBtsein miterlebt. Jetzt tauchte das 
in ihr normales BewuBtsein herein, und dasjenige, was hereintauchte, 
das war die ganze Zeit, die sie miterlebt hatten seit dem Ereignis von 
Golgatha bis zu dem Pfingstereignis, in den Untergriinden ihrer Seele 
versunken geblieben. Das fdhlten sie, wie diese Zeit ihnen vorkam 



wie eine Zeit tiefsten Schlafes. Besonders die zehn Tage von der so- 
genannten Himmelfahrt bis zum Pfingstereigrris kamen ihnen vor wie 
eine Zeit tiefsten Schlafes. Riickwartsschauend aber kam ihnen Tag 
fur Tag herauf die Zeit zwischen dem Mysterium von Golgatha und 
der sogenannten Himmelfahrt des Christus Jesus. Das hatten sie mit- 
erlebt, das kam aber erst jetzt herauf, und in einer ganz merkwiirdigen 
Weise kam es herauf. 

Verzeihen Sie, wenn ich hier eine personliche Bemerkung ein- 
schalte. Ich muB gestehen, daB ich selbst in hochstem MaBe erstaunt 
war, als ich gewahr wurde, wie das in den Seelen der Apostel herauf- 
kam, was sie erlebt hatten in der Zeit zwischen dem Mysterium von 
Golgatha und der sogenannten Himmelfahrt. Es ist ganz merkwiirdig, 
wie das heraufkam, auftauchte in den Seelen der Apostel. - Da 
tauchte auf in den Seelen der Apostel Bild nach Bild, und diese 
Bilder sagten ihnen: Ja, du warst ja beisammen mit dem, der am 
Kreuze gestorben oder geboren worden ist, du bist ihm ja begegnet. - 
So wie man am Morgen beim Aufwachen sich erinnert an Traume 
und da weiB, du warst ja in diesem Traum zusammen mit diesem oder 
jenem, so kamen wie Traume herauf in die Seelen der Apostel die 
Erinnerungen. Aber ganz eigenartig war, wie die einzelnen Ereignisse 
ins BewuBtsein herauf kamen. Immer muBten sie sich fragen: Ja, wer 
ist denn das, mit dem wir da zusammen waren? - Und sie erkannten 
ihn immer wiederum und wiederum nicht. Sie fiihlten, das ist eine 
geistige Gestalt; sie wuBten, sie sind sicher in diesem schlafartigen 
Zustand mit ihm herumgewandelt, aber sie erkannten ihn nicht in 
der Gestalt, in der er ihnen jetzt aufgegangen war, nach der Befruch- 
tung mit der allwaltenden Liebe. Sie sahen sich wandelnd mit dem- 
jenigen, den wir Christus nennen, nach dem Mysterium von Golgatha. 
Und sie sahen auch, wie er tatsachlich dazumal ihnen Lehren gab vom 
Reiche des Geistes, wie er sie unterwies. Und sie lernten verstehen, 
wie sie vierzig Tage lang mit diesem Wesen, das am Kreuze geboren 
war, herumgegangen waren, wie dieses Wesen - die aus dem Kosmos 
in die Erde geborene allwaltende Liebe - ihr Lehrer war, wie sie aber 
mit ihrem normalen BewuBtsein nicht reif gewesen waren, zu ver- 
stehen, was dieses Wesen zu sagen hatte, wie sie mit unterbewuBten 



Kraften ihrer Seele das hatten aufnehmen miissen, wie sie wie Nacht- 
wandler neben dem Christus gegangen waren und nicht hatten auf- 
nehmen konnen mit dem gewohnlichen Verstande, was dieses Wesen 
ihnen zu geben hatte. Und sie horten auf ihn wahrend dieser vierzig 
Tage, mit einem BewuBtsein, das sie nicht kannten, das jetzt erst in sie 
heraufdrang, nachdem sie das Pfingstereignis durchgemacht hatten. 
Wie Nachtwandler hatten sie zugehort. Als der geistige Lehrer war 
er ihnen erschienen und hatte sie unterwiesen in Geheimnissen, die 
sie nur verstehen konnten, indem er sie entriickte in einen ganz ande- 
ren BewuBtseinszustand. Und so sahen sie jetzt erst: Sie waren mit 
dem Christus, mit dem auferstandenen Christus gegangen. Jetzt aber 
erkannten sie erst, was mit ihnen geschehen war. Und wodurch er- 
kannten sie, daB das wirklich Derjenige war, mit dem sie im Leibe 
vor dem Mysterium von Golgatha umhergegangen waren? Das ge- 
schah in der folgenden Weise. 

Nehmen wir an, solch ein Bild trate jetzt nach dem Pfingstfest vor 
die Seele eines der Apostel. Er sah, wie er gewandelt war mit dem 
Auferstandenen, wie der Auferstandene ihn unterrichtet hatte. Aber 
er erkannte ihn nicht. Er sah zwar ein himmlisches, geistiges Wesen, 
aber er erkannte es nicht. Da mischte sich ein anderes Bild herein. 
Ein solches Bild vermischte sich mit dem rein geistigen Bilde, das ein 
Erlebnis der Apostel darstellte, das sie wirklich durchgemacht hatten 
mit dem Christus Jesus vor dem Mysterium von Golgatha. Da gab es 
eine Szene, wo sie sich fuhlten wie unterrichtet von dem Geheimnis 
des Geistes, von dem Christus Jesus. Aber sie erkannten ihn nicht. 
Sie schauten sich gegemiberstehend diesem geistigen Wesen, das sie 
unterrichtete, und damit sie das erkannten, verwandelte sich dieses 
Bild, indem es sich zugleich aufrechterhielt, in das Bild des Abend- 
mahles, das sie miterlebt hatten mit dem Christus Jesus. Stellen Sie 
sich wirklich vor, daB solch ein Apostel vor sich hatte das iibersinn- 
liche Erlebnis mit dem Auferstandenen und, wie im Hintergrunde wir- 
kend, das Bild des Abendmahles. Da erst erkannten sie, daB es Der- 
selbe ist, mit dem sie einstmals gewandelt sind im Leibe, wie Der- 
jenige, der sie jetzt unterrichtete in der ganz anderen Gestalt, die er 
angenommen hatte nach dem Mysterium von Golgatha. Es war ein 



vollstandiges ZusammenflieBen der Erinnerungen aus dem BewuBt- 
seinszustand, der gleichsam ein Schlafzustand war, mit den Erinne- 
rungsbildern, die vorangegangen waren. Wie zwei Bilder, die sich 
deckten, erlebten sie das: Ein Bild aus den Erlebnissen nach dem 
Mysterium von Golgatha, und eines vor demselben, wie hereinleuch- 
tend aus der Zeit, bevor sich ihr BewuBtsein so getriibt hatte, daB sie 
nicht mehr miterlebten, was sich da abspielte. So erkannten sie, daB 
diese zwei Wesenheiten zusammengehoren: der Auferstandene und 
Derjenige, mit dem sie einstmals, vor verhaltnismaBig kurzer Zeit, im 
Leibe herumgewandelt waren. Und sie sagten sich jetzt: Bevor wir 
also aufgewacht sind durch die Befruchtung mit der allwaltenden 
kosmischen Liebe, waren wir wie hinweggenommen von unserem ge- 
wohnlichen BewuBtseinszustand. Und der Christus, der Auferstandene 
war mit uns. Er hat uns gleichsam unwissend in sein Reich aufge- 
nommen, wandelte mit uns und enthiillte uns die Geheimnisse seines 
Reiches, die jetzt, nach dem Pfingstmysterium, wie im Traume erlebt 
herauftauchen ins normale BewuBtsein. 

Das ist das jenige, was man als Staunen-Hervorrufendes erlebt : Dieses 
Zusammenfallen immer eines Bildes von einem Erlebnis der Apostel 
mit dem Christus nach dem Mysterium von Golgatha mit einem 
Bilde vor dem Mysterium von Golgatha, das sie wirklich normal wis- 
send im physischen Leibe erlebt hatten mit dem Christus Jesus. 

Wir haben den Anfang damit gemacht, mitzuteilen, was sich lesen 
laBt in dem sogenannten Funften Evangelium, und ich darf am Ende 
dieser ersten Mitteilung, die ich heute zu machen hatte, vielleicht ein 
paar personliche Worte zu Ihnen sprechen, die neben dieser Tatsache 
doch eben ausgesprochen werden mussen. Ich fuhle mich gewisser- 
maBen okkult verpflichtet, von diesen Dingen jetzt zu sprechen. Das- 
jenige aber, was ich sagen mochte, ist das Folgende: Ich weiB sehr 
wohl, daB wir gegenwartig in einer solchen Zeit leben, in der sich 
mancherlei fur die nachste Erdenzukunft der Menschheit vorbereitet, 
und daB wir innerhalb unserer - jetzt Anthroposophischen - Gesell- 
schaft gleichsam als diejenigen uns fiihlen mussen, denen eine Ahnung 
aufgeht, daB in den Seelen der Menschen etwas vorzubereiten ist fur 
die Zukunft, was vorbereitet werden muB. Ich weiB, es werden Zei- 



ten kommen, in denen man noch ganz anders, als es unsere heutige 
Zeit uns gestattet, wird iiber diese Dinge sprechen konnen. Denn wir 
alle sind ja Kinder der Zeit. Es wird aber eine nahe Zukunft kommen, 
in der man genauer, praziser wird sprechen konnen, in der vielleicht 
manches von dem, was heute nur andeutungsweise erkannt werden 
kann, viel, viel genauer wird erkannt werden konnen in der geistigen 
Chronik des Werdens. Solche Zeiten werden kommen, wenn es auch 
der heutigen Menschheit noch so unwahrscheinlich vorkommt. Den- 
noch liegt gerade aus diesem Grunde eine gewisse Verpflichtung vor, 
schon heute wie vorbereitend iiber diese Dinge zu sprechen. Und 
wenn es mich auch eine gewisse tJberwindung gekostet hat, gerade 
iiber dieses Thema zu sprechen, so iiberwog denn doch die Ver- 
pflichtung gegeniiber demjenigen, was sich in unserer Zeit vor- 
bereiten muB. Das fiihrte dazu, zum ersten Male gerade bei Ihnen 
hier iiber dieses Thema zu sprechen. 

Wenn ich von Uberwindung spreche, so fassen Sie dieses Wort 
wirklich so auf, wie es ausgesprochen wird. Ich bitte ausdriicklich, 
dasjenige, was ich gerade bei dieser Gelegenheit zu sagen habe, wirk- 
lich nur aufzufassen wie eine Art Anregung, wie etwas, was ganz ge- 
wiB in Zukunft viel besser und praziser wird ausgesprochen werden 
konnen. Und das Wort tJberwindung werden Sie besser verstehen, 
wenn Sie mir gestatten, eine personliche Bemerkung nicht zu unter- 
driicken: Es ist mir durchaus klar, daB fiir die Geistesforschung, der 
ich mich ergeben habe, zunachst manches auBerordentlich schwierig 
und miihevoll herauszuholen ist aus der geistigen Schrift der Welt; 
gerade Dinge von dieser Art ! Und ich wurde mich gar nicht wundern, 
wenn das Wort «Andeutung», das ich gebrauchte, eine noch viel 
schwerere und weitere Bedeutung hatte, als es vielleicht jetzt auf- 
gefalk zu werden braucht. Ich will durchaus nicht sagen, daB ich 
heute schon imstande bin, alles das prazise zu sagen, was sich in der 
geistigen Schrift darstellt. Denn gerade ich fiihle mancherlei Schwie- 
rigkeiten und Miihe, wenn es sich darum handelt, Bilder, die sich auf 
die Geheimnisse des Christentums beziehen, aus der Akasha-Chronik 
zu holen. Ich fiihle Miihe, diese Bilder zu der notigen Verdichtung 
zu bringen, sie festhalten zu konnen, und betrachte es gewisser- 



maBen als mein Karma, daB mir die Pflicht auferlegt ist, dies zu sagen, 
was ich eben ausspreche. Denn ganz zweifellos wiirde ich weniger 
Miihe haben, wenn ich in der Lage gewesen ware, in der mancher 
unserer Zeitgenossen ist, in meiner ersten Jugend eine wirklich christ- 
liche Erziehung erhalten zu haben. Das habe ich nicht gehabt; ich bin 
in einer vollstandig freigeistigen Umgebung aufgewachsen, und auch 
mein Studium hat mich zum Freigeistigen gefuhrt. Mein eigener 
Bildungsgang war ein rein wissenschaftlicher. Und das macht mir eine 
gewisse Miihe, diese Dinge jetzt zu finden, von denen ich zu spre- 
chen verpflichtet bin. 

Gerade diese personliche Bemerkung darf ich vielleicht machen aus 
zwei Griinden: aus dem Grunde, weil ja gerade durch eine ganz 
eigenartige Gewissenlosigkeit ein torichtes, albernes Marchen iiber 
meine Zusammenhange mit gewissen katholischen Stromungen durch 
die Welt gesendet worden ist. Von alien diesen Dingen ist nicht ein 
einziges Wort wahr. Und wohin es gekommen ist mit dem, was sich 
heute vielfach Theosophie nennt, das kann man einfach daran er- 
messen, daB auf dem Boden der Theosophie solche gewissenlose Auf- 
stellungen und Geriichte in die Welt geschickt werden. Da wir aber 
gezwungen sind, nicht in nachsichtiger Weise, phrasenhaft dariiber 
hinwegzugehen, sondern demgegeniiber die Wahrheit hinzustellen, so 
darf diese personliche Bemerkung gemacht werden. - Auf der anderen 
Seite fiihle ich mich gerade dadurch, daB ich in meiner Jugend dem 
Christentum fernstand, diesem um so unbefangener gegeniiber und 
glaube, da ich erst durch den Geist zu dem Christentum und der 
Christus-Wesenheit gefuhrt worden bin, gerade auf diesem Gebiete 
ein gewisses Recht zu haben auf Vorurteilslosigkeit und Unbefangen- 
heit, um iiber diese Dinge Aussagen zu machen. Vielleicht wird man - 
gerade in dieser Stunde der Weltgeschichte - mehr geben konnen 
auf das Wort eines Menschen, der aus wissenschaftlicher Bildung 
kommt, der in seiner Jugend dem Christentum ferngestanden hat, als 
eines solchen, der seit der friihesten Jugend mit dem Christentum 
im Zusammenhang gewesen ist. Und ich glaube wahrhaftig nicht, daB 
das Christentum etwas verlieren kann, wenn es in seinen tieferen 
Elementen dargestellt wird von einem BewuBtsein, das erst aus dem 



Geist selber sich zu dem Christentum hingefunden hat. Aber wenn 
Sie diese Worte ernst nehmen, so werden Sie wie angedeutet fuhlen, 
was in mir selber lebt, wenn ich jetzt spreche von den Geheimnissen, 
die ich bezeichnen mochte als die Geheimnisse des sogenannten 
Funften Evangeliums. 



Kristiania (Oslo), 3. Oktober 1913 
Dritter Vortrag 



Wenn ich gestern davon gesprochen habe, daB diejenigen Personlich- 
keiten, die man gewohnlich die Apostel des Christus Jesus nennt, 
eine gewisse Auferweckuhg erlebt haben in dem Augenblick, der im 
sogenannten Pfingstfest seinen Ausgangspunkt hat, so ist damit durch- 
aus nicht etwa behauptet, daB dasjenige, wovon ich zu sprechen habe 
als von dem Inhalt des sogenannten Fiinften Evangeliums, gleich 
dazumal so, wie ich es jetzt erzahle, im BewuBtsein, im vollen BewuBt- 
sein dieser Apostel gewesen sei. Allerdings, wenn sich das hellsichtige 
BewuBtsein in die Seelen dieser Apostel vertieft, dann erkennt es jene 
Bilder in diesen Seelen. Aber in den Ap ostein selber lebte das dazumal 
schon weniger als Bild, sondern es lebte, nun, wenn ich sagen darf 
als Leben, als unmittelbares Erleben, als Gefiihl und Macht der Seele. 
Und dasjenige, was die Apostel dann haben sprechen konnen, wodurch 
sie sogar die Griechen in der damaligen Zeit hingerissen haben, wo- 
durch sie den AnstoB gegeben haben zu dem, was wir die christliche 
Entwickelung nennen, dasjenige, was sie so als Macht der Seele, als 
Macht des Gemiites in sich trugen, das erbluhte aus dem, was in ihrer 
Seele lebte als lebendige Kraft des Fiinften Evangeliums. Sie konnten 
so reden, wie sie redeten, sie konnten so wirken, wie sie wirkten, weil 
sie die Dinge, die wir jetzt als Fiinftes Evangelium entziffern, lebendig 
in ihrer Seele trugen, auch wenn sie die Dinge nicht so in Worten er- 
zahlten, wie man jetzt dieses Funfte Evangelium erzahlen muB. Denn sie 
hatten ja empfangen, wie durch eine Auferweckung, die Befruchtung 
durch die allwaltende kosmische Liebe, und unter dem Eindruck dieser 
Befruchtung wirkten sie nun weiter. Was in ihnen wirkte, war dasjenige, 
wozu der Christus geworden ist nach dem Mysterium von Golgatha. 
Und hier stehen wir an einem Punkte, wo wir im Sinne des Fiinften 
Evangeliums iiber das Erdenleben des Christus sprechen miissen. 

Es ist fur heutige BegrirTe, fur BegrifFe der Gegenwart, nicht ganz 
leicht, das in Worte zu fassen, um was es sich dabei handelt. Aber wir 



konnen uns mit mancherlei Begriffen und Ideen, die wir schon ge- 
wonnen haben durch unsere geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, 
diesem groBten Erdengeheimnisse nahern. Wenn man das Christus- 
Wesen verstehen will, dann muB man manche Begriffe, die wir 
schon haben durch unsere geisteswissenschaftlichen Auseinander- 
setzungen, in etwas veranderter Form auf die Christus-Wesenheit an- 
wenden. 

Gehen wir einmal, um zu einiger Klarheit zu kommen, aus von 
demjenigen, was man gewohnlich nennt die Johannestaufe im Jordan. 
Sie stellt sich im Fiinften Evangelium dar in bezug auf das Erden- 
leben des Christus wie etwas, was gleich ist wie eine Empfangnis bei 
einem Erdenmenschen. Das Leben des Christus von da ab bis zu dem 
Mysterium von Golgatha verstehen wir, wenn wir es vergleichen mit 
demjenigen Leben, das der Menschenkeim im Leibe der Mutter durch- 
macht. Es ist also gewissermaBen ein Keimesleben der Christus- 
Wesenheit, das diese Wesenheit durchmacht von der Johannestaufe 
bis zum Mysterium von Golgatha. Das Mysterium von Golgatha 
selber mussen wir verstehen als die irdische Geburt, also den Tod 
des Jesus als die irdische Geburt des Christus. Und sein eigentliches 
Erdenleben mussen wir suchen nach dem Mysterium von Golgatha, da 
der Christus seinen Umgang gehabt hat, wie ich gestern angedeutet 
habe, mit den Aposteln, als diese Apostel in einer Art von anderem 
BewuBtseinszustand waren. Das war dasjenige, was der eigentlichen 
Geburt der Christus-Wesenheit folgte. Und was beschrieben wird als 
die Himmelfahrt und die darauf folgende AusgieBung des Geistes, das 
mussen wir bei der Christus-Wesenheit auffassen als dasjenige, was 
wir beim menschlichen Tode als das Eingehen in die geistigen Wel- 
ten anzusehen gewohnt sind. Und das Weiterleben des Christus in 
der Erdensphare seit der Himmelfahrt oder seit dem Pfingstereignis 
mussen wir vergleichen mit dem, was die Menschenseele durchlebt, 
wenn sie im sogenannten Devachan, im Geisterlande ist. 

Wir sehen also, meine lieben Freunde, daB wir in der Christus- 
Wesenheit eine solche Wesenheit vor uns haben, gegeniiber welcher 
wir alle Begriffe, die wir sonst uns angeeignet haben iiber die Auf- 
einanderfolge der Zustande des menschlichen Lebens, vollstandig ver- 



andern miissen. Der Mensch geht nach der kurzen Zwischenzeit, die 
man gewohnlich nennt Lauterungszeit, Kamalokazeit, in die geistige 
Welt uber, um sich vorzubereiten zum nachsten Erdenleben. Der 
Mensch durchlebt also nach seinem Tode ein geistiges Leben. Vom 
Pfingstereignisse an erlebte die Christus-Wesenheit dasjenige, was fur 
sie dasselbe bedeutete, wie fiir den Menschen der Dbergang ins Gei- 
sterland: das Aufgehen in die Erdensphare. Und anstatt in ein De- 
vachan, anstatt in ein geistiges Gebiet zu kommen, wie der Mensch 
nach dem Tode, brachte die Christus-Wesenheit das Opfer, ihren 
Himmel gleichsam auf der Erde aufzuschlagen, auf der Erde zu suchen, 
Der Mensch verlaBt die Erde, um, wenn wir mit den gebrauchlichen 
Ausdriicken sprechen, seinen Wohnplatz mit dem Himmel zu ver- 
tauschen. Der Christus verlieB den Himmel, um diesen seinen Wohn- 
platz mit der Erde zu vertauschen. Das bitte ich Sie im rechten Lichte 
sich anzuschauen und daran zu kmipfen dann die Empfindung, das 
Gefuhl, was geschehen ist durch das Mysterium von Golgatha, was 
geschehen ist durch die Christus-Wesenheit, worin das eigentliche 
Opfer der Christus-Wesenheit bestanden hat, namlich im Verlassen der 
geistigen Spharen, um mit der Erde und mit den Menschen auf der 
Erde zu leben, und die Menschen, die Evolution auf der Erde durch 
den ihr so gegebenen Impuls weiterzufuhren. Das besagt schon, daG 
vor der Johannestaufe im Jordan diese Wesenheit nicht der Erden- 
sphare angehorte. Sie ist also hereingewandert aus den iiberirdischen 
Spharen in die Erdensphare. Und dasjenige, was erlebt wurde zwischen 
der Johannestaufe und dem Pfingstereignis, das muJBte erlebt werden, 
um umzuwandeln die himmlische Wesenheit des Christus in die ir- 
dische Wesenheit des Christus. 

Es ist unendlich viel gesagt, wenn dieses Geheimnis hier aus- 
gesprochen wird mit den Worten: Seit dem Pfingstereignis ist die 
Christus-Wesenheit bei den menschlichen Seelen auf der Erde; vorher 
war sie nicht bei den menschlichen Seelen auf der Erde. Das, was 
die Christus-Wesenheit durchgemacht hat zwischen der Johannestaufe 
und dem Pfingstereignis, ist geschehen, damit der Wohnsitz eines 
Gottes in der geistigen Welt vertauscht werden konnte mit dem Wohn- 
sitz in der irdischen Sphare. Das ist geschehen, damit diese gottlich- 



geistige Christus-Wesenheit die Gestalt annehmen konnte, welche not- 
wendig war fur sie, um mit den menschlichen Seelen fortan Gemein- 
schaft zu haben. Warum sind also die Ereignisse von Palastina voll- 
zogen worden? Damit die gottlich-geistige Wesenheit des Christus die 
Gestalt annehmen konnte, die sie brauchte, um mit den menschlichen 
Seelen auf der Erde Gemeinschaft zu haben. 

Es ist damit zugleich darauf hingewiesen, daB dieses Ereignis von 
Palastina ein einzigartiges ist, worauf ich ja schon ofter aufmerksam 
gemacht habe : es ist das Herabsteigen einer hoheren, nicht irdischen 
Wesenheit in die Erdensphare und das Zusammenbleiben dieser nicht 
irdischen Wesenheit mit der Erdensphare, bis unter ihrem EinfluB die 
Erdensphare die entsprechende Umgestaltung erfahren haben wird. 
Seit jener Zeit ist also die Christus-Wesenheit auf der Erde wirksam. 

Wollen wir nun das Pflngstereignis im Sinne des Fiinften Evange- 
liums vollstandig verstehen, so miissen wir die BegrifTe zu Hilfe neh- 
men, die wir in der Geisteswissenschaft ausgearbeitet haben. Aufmerk- 
sam gemacht worden ist darauf, daB es in den alten Zeiten Mysterien- 
einweihungen gegeben hat, daB die Menschenseele durch diese Ein- 
weihung heraufgehoben worden ist zur Teilnahme am spirituellen 
Leben. Am anschaulichsten wird dieses vorchristliche Mysterien- 
wesen, wenn man ins Auge faBt die sogenannten persischen oder 
Mithrasmysterien. Da gab es sieben Stufen der Einweihung. Da wurde 
derjenige, der heraufgefiihrt werden sollte in die hoheren Grade des 
geistigen Erlebens, zuerst zu dem gefiihrt, was man symbolisch einen 
«Raben» nannte. Dann wurde er ein «Okkulter», ein «Verborgener». 
Im dritten Grade wurde er ein «Streiter», im vierten ein «L6we», im 
fiinften iibertrug man ihm den Namen desjenigen Volkes, dem er 
angehorte. Im sechsten Grade wurde er ein «Sonnenheld», im sie- 
benten Grade ein «Vater». Fur die vier ersten Grade geniigt es heute, 
wenn wir sagen, daB der Mensch allmahlich immer tiefer und tiefer 
in das geistige Erleben hineingefiihrt wurde. Im fiinften Grade er- 
langte der Mensch die Fahigkeit, ein erweitertes BewuBtsein zu haben, 
so daB dieses erweiterte BewuBtsein ihm die Fahigkeit gab, ein gei- 
stiger Behiiter des ganzen Volkes zu werden, dem er angehorte. Des- 
halb iibertrug man ihm auch den Namen des betreifenden Volkes. 



Wenn jemand in diesen alten Mysterien in den fiinften Grad ein- 
geweiht war, dann hatte er eine bestimmte Art der Teilnahme an 
dem geistigen Leben. 

Wir wissen gerade aus einem Vortragszyklus, den ich hier gehalten 
habe, daB die Erdenvolker gefiihrt werden von dem, was wir in den 
Hierarchien der geistigen Wesenheiten die Archangeloi oder Erzengel 
nennen. In diese Sphare wurde hinaufgehoben der in den fiinften Grad 
Eingeweihte, so daB er teilnahm an dem Leben der Erzengel. Man 
brauchte solche Eingeweihte in den fiinften Grad, man brauchte sie 
im Kosmos. Daher gab es auf Erden eine Einweihung in diesen 
fiinften Grad. Wenn solch eine Personlichkeit in die Mysterien ein- 
geweiht wurde und alle die inneren Seelenerlebnisse durchmachte, 
den Seeleninhalt bekam, der dem fiinften Grade entsprach, dann 
blickte gleichsam der Erzengel des betreffenden Volkes, dem diese 
Personlichkeit angehorte, hinab auf diese Seele und las in dieser Seele, 
wie wir in einem Buche lesen, das uns gewisse Dinge mitteilt, die 
wir wissen mtissen, damit wir diese oder jene Tat vollbringen konnen. 
Was einem Volke notwendig war, was ein Volk brauchte, das lasen 
die Archangeloi in den Seelen derjenigen, die in den fiinften Grad 
eingeweiht worden waren. Man muB, damit die Archangeloi in der 
richtigen Weise fiihren konnen, auf der Erde Eingeweihte des fiinften 
Grades schafFen. Diese Eingeweihten sind die Vermittler zwischen den 
eigentlichen Volksfiihrern, den Archangeloi, und dem Volke selber. 
Sie tragen gleichsam hinauf in die Sphare der Archangeloi dasjenige, 
was dort gebraucht wird, damit das Volk in der richtigen Weise ge- 
fiihrt werden kann. 

W T ie konnte nun dieser fiinfte Grad erlangt werden in alten vor- 
christlichen Zeiten? Nicht konnte er erlangt werden, wenn die Seele 
des Menschen im Leibe blieb. Die Seele des Menschen muBte aus dem 
Leibe herausgehoben werden. Die Einweihung bestand gerade darin, 
daB die Seele des Menschen aus dem Leibe herausgeholt worden ist. 
Und auBerhalb des Leibes machte dann die Seele durch, was ihr den 
Inhalt gab, den ich soeben beschrieben habe. Die Seele muBte ver- 
lassen die Erde, muBte in die geistige Welt hinaufsteigen, urn das- 
jenige zu erreichen, was sie erreichen sollte. 



Wenn nun der sechste Grad der alten Einweihung erreicht wurde, 
der Grad des Sonnenhelden, dann wurde in der Seele eines solchen 
Sonnenhelden dasjenige rege, was nicht nur zur Fiihrung, zur Leitung 
und Lenkung eines Volkes notwendig ist, sondern was hoher ist als 
die bloBe Lenkung und Leitung eines Volkes. Wenn Sie den BHck 
hinwenden auf die Entwickelung der ganzen Menschheit auf der Erde, 
so sehen Sie, wie Volker entstehen und wieder hinschwinden, wie 
Volker sich gleichsam verwandeln. Wie die einzelnen Menschen, so 
werden Volker geborenund sterben. Dasjenige aber, was ein Volk fur 
die Erde geleistet hat, muB fortbewahrt werden fur die ganze Ent- 
wickelung der Menschheit auf Erden. Es muB nicht nur ein Volk 
geleitet und gelenkt werden, sondern es muB dasjenige, was dieses 
Volk als irdische Arbeit leistet, weitergefuhrt werden iiber das Volk 
hinaus. Damit eine Volksleistung herausgefiihrt werden kann iiber das 
Volk hinaus von den Geistern, die hoherstehen als die Erzengel, von 
den Zeitgeistern, waren notwendig die Eingeweihten des sechsten 
Grades, die Sonnenhelden. Denn in dem, was in der Seele eines Son- 
nenhelden lebte, konnten die Wesen der hoheren Welten dasjenige 
lesen, was die Arbeit eines Volkes hiniibertrug in die Arbeit des gan- 
zen Menschengeschlechtes. So konnte man die Krafte gewinnen, die 
in der richtigen Weise die Arbeit eines Volkes henibertragen in die 
Arbeit der ganzen Menschheit. Uber die ganze Erde wurde hingetra- 
gen dasjenige, was in dem Sonnenhelden lebte. Und so wie derjenige, 
der in den fiinften Grad in den alten Mysterien eingeweiht werden 
sollte, aus seinem Leibe herausgehen muBte, um das Notwendige 
durchzumachen, so muBte derjenige, der ein Sonnenheld werden 
sollte, herausgehen aus seinem Leibe und zum Wohnplatz wahrend 
der Zeit seines Herausgegangenseins wirklich die Sonne haben. 

Das sind allerdings Dinge, die fur das heutige ZeitbewuBtsein fast 
fabelhaft klingen, ja, vielleicht als eine Torheit gelten. Aber dafiir 
gilt auch das Paulinische Wort, daB was Weisheit vor den Gottern, 
oftmals Torheit ist fur die Menschen. Der Sonnenheld lebte also fur 
diese Zeit seiner Einweihung mit dem ganzen Sonnensystem zusam- 
men. Die Sonne ist sein Wohnplatz, wie der gewohnliche Mensch 
auf der Erde als auf seinem Planeten lebt. Wie um uns Berge und 



Fliisse sind, sind fiir den Sonnenhelden wahrend seiner Einweihung 
um ihn die Planeten des Sonnensystems. Entmckt auf die Sonne 
muBte der Sonnenheld wahrend der Einweihung sein. Das konnte 
man in den alten Mysterien nur auBerhalb des Leibes erreichen. Und 
wenn man zuriickkehrte in seinen Leib, erinnerte man sich daran, was 
man aufierhalb seines Leibes erlebt hatte und konnte es verwenden als 
Wirkenskrafte fur die Evolution der ganzenMenschheit, fiir das Heil der 
ganzenMenschheit.Die Sonnenhelden verlieBen also wahrend der Ein- 
weihung ihren Leib ; hatten sie sich mit diesen Kraften erfiillt, dann tra- 
ten sie wiederum in ihren Leib zuriick. Wenn sie zuruckgekehrt waren, 
dann hatten sie die Krafte in ihrer Seele, welche die Arbeit eines Vol- 
kes herausfuhren konnten in die ganze Entwickelung der Menschheit. 

Und was erlebten diese Sonnenhelden wahrend der dreieinhalb Tage 
ihrer Einweihung? Wahrend sie - wir konnen es schon so nennen - 
wandelten nicht auf der Erde, sondern auf der Sonne, was erlebten 
sie? Die Gemeinsamkeit mit dem Christus, der vor dem Mysterium 
von Golgatha noch nicht auf der Erde war! Alle alten Sonnenhelden 
waren so in die Sonnensphare hinaufgegangen, denn nur da konnte 
man in den alten Zeiten die Gemeinsamkeit mit dem Christus erleben. 
Aus dieser Welt, in die hinaufsteigen muBten wahrend ihrer Ein- 
weihung die alten Eingeweihten, ist der Christus herabgestiegen auf 
die Erde. Wir konnen also sagen: Dasjenige, was durch die ganze 
Prozedur der Einweihung in alten Zeiten fur einzelne Wenige hat er- 
reicht werden konnen, das wurde erreicht wie durch ein natur- 
gemaBes Ereignis in den Pfingsttagen von denjenigen, welche die 
Apostel des Christus waren. Wahrend friiher die Menschenseelen 
hatten hinaufsteigen miissen zu dem Christus, war jetzt der Christus 
zu den Aposteln herabgestiegen. Und die Apostel waren in gewisser 
Weise solche Seelen geworden, die in sich trugen jenen Inhalt, den 
die alten Sonnenhelden in ihren Seelen gehabt haben. Die geistige 
Kraft der Sonne hatte sich ausgegossen uber die Seelen dieser Men- 
schen und wirkte fortan weiter in der Menschheitsevolution. Damit 
dies geschehen konnte, damit das Wirken einer ganz neuen Kraft auf 
die Erde kommen konnte, muBte das Ereignis von Palastina, muBte 
das Mysterium von Golgatha sich vollziehen. 



Aus was heraus aber ist das Erdensein des Christus erwachsen? Es 
ist erwachsen aus dem tiefsten Leiden, aus einem Leiden, das hinaus- 
geht iiber alle menschliche Vorstellungsfahigkeit vom Leiden. Um an 
dieser Stelle richtige Begriffe iiber die Sache zu bekommen, sind 
auch wieder einige Widerstande des gegenwartigen BewuBtseins hin- 
wegzuraumen. Ich muB nun einmal manche Einschaltung machen in 
die Erklarung des Funften Evangeliums. 

Vor kurzem ist ein Buch erschienen, das ich recht sehr zur Lek- 
tiire empfehlen mochte, weil es von einem sehr geistreichen Manne 
herruhrt und beweisen kann, welchen Unsinn geistreiche Menschen 
in bezug auf geistige Dinge aussprechen konnen. Ich meine das Buch 
Maurice Maeterlincks «Vom Tode». Unter mancherlei unsinnigen Din- 
gen, die darin stehen, ist auch die Behauptung, daB wenn der Mensch 
einmal gestorben sei, er nicht mehr leiden konne, da er ja dann ein 
Geist sei, keinen physischen Leib mehr habe. Ein Geist aber konne 
nicht leiden. Der Leib sei es allein, der leide. - Maeterlinck, der 
geistvolle Mann, gibt sich also der Illusion hin, daB nur das Phy- 
sische leiden konne und ein Toter deswegen nicht leiden konne. Er 
merkt gar nicht den phanomenalen, fast unglaublichen Unsinn, der 
darin liegt, zu behaupten, daB der physische Leib, der aus physischen 
Kraften und chemischen Stoffen besteht, allein leidet. Als ob Leiden 
an physische Stoffe und Krafte gebunden sei! Stoffe und Krafte 
leiden iiberhaupt nicht. Wenn diese leiden konnten, dann miiBte auch 
ein Stein leiden konnen. Der physische Leib kann nicht leiden; was 
leidet, das ist doch eben der Geist, das Seelische. Es ist heute so 
weit gekommen, daB die Menschen iiber die einfachsten Dinge das 
Gegenteil von dem denken, was Sinn hat. Es gabe kein Kamaloka- 
leiden, wenn das geistige Leben nicht leiden konnte. Weil es entbehrt, 
wirklich entbehrt den physischen Leib, gerade darin besteht das Kama- 
lokaleiden. Wer nun der Meinung ist, daB ein Geist nicht leiden 
konne, der wird auch nicht die richtige Vorstellung bekommen kon- 
nen von dem unendlichen Leiden, das der Christus-Geist durch- 
machte wahrend der Jahre in Palastina. 

Bevor ich aber von diesem Leiden spreche, muB ich Sie noch auf 
etwas anderes aufmerksam machen. Ins Auge fassen miissen wir, daB 



mit der Johannestaufe im Jordan ein Geist auf die Erde herab- 
gekommen ist, fortan drei Jahre in einem irdischen Leib gelebt und 
in diesem dann den Tod auf Golgatha durchgemacht hat, ein Geist, 
der vor der Johannestaufe im Jordan in ganz anderen als irdischen 
Verhaltnissen gelebt hat. Und was heiBt das, dieser Geist habe in 
ganz anderen als irdischen Verhaltnissen gelebt? Das heiBt, anthro- 
posophisch gesprochen, dieser Geist habe auch kein irdisches Karma 
gehabt. Was das bedeutet, bitte ich ins Auge zu fassen. Ein Geist lebte 
drei Jahre im Leibe des Jesus von Nazareth, der diese Lauf bahn auf 
der Erde durchgemacht hat, ohne ein irdisches Karma in seiner Seele 
zu haben. Damit gewinnen alle irdischen Erfahrungen und Erlebnisse, 
die der Christus durchgemacht hat, eine ganz andere Bedeutung als 
die Erfahrungen, die etwa eine Menschenseele durchmacht. Leiden 
wir, haben wir diese oder jene Erfahrung, so wissen wir, daB Leiden 
im Karma begriindet sind. Fur den Christus-Geist aber war es nicht so. 
Er hatte eine dreijahrige Erdenerfahrung durchzumachen, ohne daB 
ein Karma auf ihm lastete. Was war also das fur ihn? Leiden ohne 
karmischen Sinn, wirklich unverdientes Leiden, ein unschuldiges 
Leiden! Das Fiinfte Evangelium ist das anthroposophische Evange- 
lium und zeigt uns, daB das dreijahrige Christus-Leben das einzige 
Leben in einem menschlichen Leibe ist, das ohne Karma gelebt wurde, 
auf welches der BegrifF von Karma im menschlichen Sinne nicht an- 
wendbar ist. 

Aber die weitere Betrachtung dieses Evangeliums lehrt uns noch 
etwas anders dieses dreijahrige Leben erkennen. Dieses ganze drei- 
jahrige Leben auf der Erde, das wir betrachtet haben wie ein Embryo- 
nalleben, das erzeugte auch kein Karma, das lud auch keine Schuld 
auf sich. Es wurde also auf der Erde ein dreijahriges Leben gelebt, 
das nicht durch Karma bedingt war und auch kein Karma erzeugte. 
Man muJB alle diese BegrifFe und Ideen, die man damit empfangt, nur 
im ganz tiefen Sinne aufnehmen und man wird mancherlei gewinnen 
fur ein richtiges Verstandnis dieses auBerordentlichen Ereignisses von 
Palastina, das sonst wirklich in mancher Hinsicht unerklarlich bleibt. 
Vieles muB man zusammentragen zu seinem Verstandnis. Denn was 
alles hat es hervorgerufen an sich widersprechenden Erklarungen, 



in welcher Weise ist es miBverstanden worden! Und dennoch, wie 
hat es Impuls auf Impuls bewirkt in der Menschheitsentwickelung ! 
Man nimmt diese Dinge nur nicht immer in der richtigen tiefen 
Bedeutung. Man wird einmal iiber diese Dinge ganz anders reden, 
wenn man das in seiner ungeheuren Tiefe einsehen wird, was wir 
hier angedeutet haben, indem wir davon sprachen, daB wir hier 
ein dreijahriges Erdenleben vor uns haben, das ohne Karma gelebt 
wurde. 

Wie gedankenlos geht vielfach der Mensch an Dingen vorbei, die 
eigentlich tief bedeutsam sind. Vielleicht hat mancher von Ihnen doch 
audi etwas gehort von dem im Jahre 1863 erschienenen Buche 
«Leben Jesu» von Ernest Renan. Man liest dieses Buch, ohne auf 
das Signifikante dieses Buches recht Riicksicht zu nehmen. Vielleicht 
werden sich spater die Menschen wundern, daB unzahlige Menschen 
bis heute dieses Buch gelesen haben, ohne zu empfinden, was eigent- 
lich das Sonderbare, Merkwiirdige an diesem Buche ist. Das Merk- 
wiirdige an diesem Buche ist, daB es ein Zwischending, ein Gemisch 
ist einer erhabenen Darstellung und eines Hintertreppenromans. DaB 
diese zwei Dinge zusammengemischt werden konnen, eine schone Dar- 
stellung und eine richtige Hintertreppengeschichte, das wird man spa- 
ter einmal als hochste Absonderlichkeit ansehen. Lesen Sie mit die- 
sem BewuBtsein einmal dieses «Leben Jesu» von Ernest Renan, lesen 
Sie, was er aus dem Christus macht, der fur ihn natiirlich haupt- 
sachlich der Christus Jesus ist. Er macht einen Helden daraus, der 
erst ganz gute Absichten hat, ein groBer Wohltater der Menschheit 
ist, der aber dann gleichsam von der Volksbegeisterung mitgerissen 
wird und nachgibt immer mehr und mehr dem, was das Volk will 
und wiinscht, was es so gerne hort und so gerne gesagt bekommt. 

Im groBen Stile wendet Ernest Renan dasjenige auf den Christus 
an, was man im kleineren Stile oftmals auf uns angewendet findet. 
Denn es kommt schon vor, daB Leute, wenn sie irgend etwas sich 
ausbreiten sehen, wie zum Beispiel die Theosophie, dann an dem 
Lehrer die folgende Kritik liben: Anfangs hatte er ganz gute Absich- 
ten, dann kamen die bosen Anhanger, die ihm schmeichelten und ihn 
verdarben. Da verfiel er in den Fehler, das zu sagen, was die Zuhorer 



gerne horen mochten. - So behandelt Renan das Christus-Leben. Er 
entblodet sich nicht, die Auferweckung des Lazarus wie eine Art 
Betrug darzustellen, den Christus Jesus hat geschehen lassen, damit 
ein gutes Agkationsmittel da sei! Er entblodet sich nicht, Christus 
Jesus in eine Arte Rage, eine Leidenschaft hineinzufiihren und immer 
mehr und mehr dem Volksinstinkt verfallen zu lassen! Dadurch ist 
ein Hintertreppenromanhaftes hineingemischt in die erhabenen Dar- 
stellungen, die auch in diesem Buche enthalten sind. Und das Eigen- 
tumliche ist, daB eigentlich ein etwas gesundes Empfinden - ja, ich 
will nur wenig sagen - zuruckgeschreckt werden miiBte, wenn es 
geschildert bekommt eine Wesenheit, die anfangs die besten Absichten 
hat, schlieBlich aber den Volksinstinkten verfallt und allerlei Schwin- 
deleien geschehen laBt. Renan aber fuhlt sich gar nicht abgeschreckt 
davon, sondern hat schone Worte, hinreiBende Worte fur diese Per- 
sonlichkeit. Kurios, nicht wahr! Aber es ist ein Beispiel dafiir, wie 
groB die Hinneigung der menschlichen Seelen zu dem Christus ist, 
ganz unabhangig davon, ob sie Verstandnis hat fur den Christus oder 
nicht, wenn sie auch nichts von dem Christus verstehen. Es kann so 
weit gehen, daB ein solcher Mensch das Leben Christi zu einem 
Hintertreppenroman macht und dennoch nicht bewundernde Worte 
genug findet, um die Menschen hinzulenken auf diese Personlichkeit. 
Solche Dinge sind nur mbglich gegemiber einer solchen Wesenheit, 
die in die Erdenentwickelung so eintritt wie die Christus- Wesenheit. 
Oh, es ware viel Karma geschaffen worden in dem dreijahrigen 
Leben Christi auf der Erde, wenn Christus so gelebt hatte, wie 
Renan es schildert. Das aber wird man erkennen in kiinftigen Tagen, 
daB eine solche Schilderung einfach zerbrechen muB, weil man erken- 
nen wird, daB das Christus-Leben kein Karma mit sich brachte und 
auch keines geschaffen hat. Das ist die Verkiindigung des Fiinften 
Evangeliums. 

Es war also das Ereignis am Jordan, das wir als die Johannestaufe 
bezeichnen, etwas das man vergleichen kann einer Empfangnis beim 
Erdenmenschen. Das Fiinfte Evangelium sagt uns, daB die Worte, so 
wie sie im Lukas-Evangelium stehen, eine richtige Wiedergabe sind 
dessen, was dazumal hatte gehort werden konnen, wenn ein entwik- 



keltes, hellsichtiges BewuBtsein zugehort hatte dem kosmischen Aus- 
druck dieses Geheimnisses, das sich da vollzog. Die Worte, die vom 
Himmel herabtonten, lauteten wirklich: «Dieser ist mein vielgeliebter 
Sohn, heute habe ich ihn gezeuget.» Das sind die Worte des Lukas- 
Evangeliums, und das ist auch die richtige Wiedergabe dessen, was 
damals geschehen ist: die Zeugung, die Empfangnis des Christus in 
die Erdenwesenheit. Das vollzog sich im Jordan. 

Wollen wir vorlaufig einmal davon absehen, au£ welche irdische 
Personlichkeit sich herabgesenkt hat dieser Geist des Christus in der 
Johannestaufe. Wir wollen in den nachsten Tagen davon sprechen. 
Halten wir uns heute zunachst nur daran, daB ein Jesus von Nazareth 
gekommen war, der den Leib gegeben hat der Christus- Wesenheit. 
Nun sagt uns das Funfte Evangelium - und das ist, was wir lesen kon- 
nen durch den ruckgewendeten hellsichtigen Blick -, daB sich nicht 
vollig mit dem Leibe des Jesus von Nazareth verbunden hatte, daB 
die Christus- Wesenheit vom ersten Augenblick an ihres irdischen 
Wandels zuerst nur eine lose Verbindung hatte mit dem Leibe des 
Jesus von Nazareth. Die Verbindung war nicht so, wie beim gewohn- 
lichen Menschen die Verbindung des LeibHchen und der Seele ist, so 
daB diese vollstandig im Leibe wohnt, sondern so, daB jederzeit, zum 
Beispiel wenn es notig war, die Christus-Wesenheit den Leib des Jesus 
von Nazareth wiederum verlassen konnte. Und wahrend der Leib des 
Jesus von Nazareth irgendwo war wie schlafend, machte die Christus- 
Wesenheit gcistig den Weg da- oder dorthin, wo es eben gerade notig 
war. 

Das Funfte Evangelium zeigt uns, daB nicht immer, wenn die 
Christus-Wesenheit den Aposteln erschienen war, auch der Leib des 
Jesus von Nazareth dabei war, sondern daB oftmals die Sache so sich 
vollzogen hat, daB der Leib des Jesus von Nazareth irgendwo ge- 
blieben war und nur der Geist, eben der Christus-Geist, den Apo- 
steln erschienen war. Aber er war darm so erschienen, daB sie die 
geistige Erscheinung verwechseln konnten mit dem Leibe des Jesus 
von Nazareth. Sie merkten wohl einen Unterschied, aber der Unter- 
schied war zu gering, als daB sie ihn immer deutlich bemerkt hatten. 
In den vier Evangelien tritt das nicht so sehr hervor; das Funfte 



Evangelium sagt es uns klar. Die Apostel konnten nicht immer deut- 
lich unterscheiden: Jetzt haben wir den Christus im Leibe des Jesus 
von Nazareth vor uns, oder jetzt haben wir den Christus als geistige 
Wesenheit allein. Der Unterschied war nicht immer klar, sie wuBten 
nicht immer, ob das eine oder das andere der Fall war. Sie hielten 
diese Erscheinung - sie dachten eben nicht viel dariiber nach - zu- 
meist fur den Christus Jesus, das heiBt fur den Christus-Geist, inso- 
fern sie ihn als solchen erkannten in dem Leibe des Jesus von Naza- 
reth. Aber was sich nach und nach vollzog im dreijahrigen Erden- 
leben, das war, daB gewissermaBen in den drei Jahren der Geist sich 
an den Leib des Jesus von Nazareth immer enger und enger band, 
daB die Christus- Wesenheit immer ahnlicher und ahnlicher wurde als 
atherische Wesenheit dem physischen Leibe des Jesus von Nazareth. 

Bemerken Sie, wie hier wieder anderes eintrat in bezug auf die 
Christus- Wesenheit als beim Leibe des gewohnlichen Menschen. Wenn 
wir dieses verstehen wollen, sagen wir richtig: Der gewohnliche 
Mensch ist ein Mikrokosmos gegemiber dem Makrokosmos, ein 
kleines Abbild des ganzen Makrokosmos, denn dasjenige, was sich 
im physischen Leibe des Menschen ausdriickt, was der Mensch auf 
Erden wird, das spiegelt den groBen Kosmos ab. Das Umgekehrte 
ist bei der Christus- Wesenheit der Fall. Die makrokosmische Sonnen- 
wesenheit formt sich nach der Gestalt des menschlichen Mikrokos- 
mos, drangt sich und engt sich, preBt sich immer mehr und mehr 
zusammen, so daB sie immer ahnlicher wird dem menschlichen 
Mikrokosmos. Gerade das Umgekehrte als beim gewohnlichen Men- 
schen ist da der Fall. 

Im Anfang des Erdenlebens des Christus, gleich nach der Taufe im 
Jordan, war die Verbindung mit dem Leibe des Jesus von Nazareth 
noch die am meisten lose. Noch ganz auBer dem Leibe des Jesus von 
Nazareth war die Christus- Wesenheit. Da war dasjenige, was beim 
Herumwandeln auf Erden die Christus-Wesenheit wirkte, noch etwas 
ganz Uberirdisches. Sie vollzog Heilungen, die mit keiner Menschen- 
kraft zu vollziehen sind. Sie sprach mit einer Eindringlichkeit zu 
den Menschen, die eine gottliche Eindringlichkeit war. Die Christus- 
Wesenheit, wie nur sich selber fesselnd an den Leib des Jesus von 



Nazareth, wirkte als iiberirdische Christus-Wesenheit. Aber immer 
mehr und mehr machte sie sich ahnlich dem Leibe des Jesus von 
Nazareth, preBte sich, zog sich immer mehr und mehr zusammen in 
irdische Verhaltnisse hinein und machte das mit, daB immer mehr die 
gottliche Kraft hinschwand. Das alles machte die Christus-Wesenheit 
durch, indem sie sich dem Leibe des Jesus von Nazareth anahnlichte, 
eine Entwickelung, die in gewisser Beziehung eine absteigende Ent- 
wickelung war. Die Christus-Wesenheit muBte fiihlen, wie Macht und 
Kraft des Gottes immer mehr und mehr entwich im Ahnlichwerden 
dem Leibe des Jesus von Nazareth. Aus dem Gotte wurde nach und 
nach ein Mensch. 

Wie jemand, der unter unendlichen Qualen immer mehr und mehr 
seinen Leib dahinschwinden sieht, so sah schwinden ihren gottlichen 
Inhalt die Christus-Wesenheit, indem sie immer ahnlicher wurde als 
atherische Wesenheit dem irdischen Leibe des Jesus von Nazareth, 
bis sie diesem so ahnlich geworden war, daB sie Angst fiihlen konnte 
wie ein Mensch. Das ist dasjenige, was auch die anderen Evangelien 
schildern beim Herausgehen des Christus Jesus mit seinen Jiingern 
auf den Olberg, wo die Christus-Wesenheit in dem Leibe des Jesus 
von Nazareth den AngstschweiB auf der Stirn hatte. Das war die 
Vermenschlichung, das immer Menschlicher-und-menschlicher-Wer- 
den des Christus, die Anahnlichung an den Leib des Jesus von 
Nazareth. In demselben MaBe, in dem diese atherische Christus- 
Wesenheit immer ahnlicher wurde dem Leibe des Jesus von Naza- 
reth, in demselben MaBe wurde der Christus Mensch. Es schwanden 
ihm die geistigen Wunderkrafte des Gottes dahin. Und da sehen wir 
den ganzen Passionsweg des Christus-Wesens, der begann von jenem 
Zeitpunkte an, wie er bald nach der Johannestaufe im Jordan kam, 
wo er die Kranken heilte und die Damonen austrieb durch seine 
gottlichen Krafte, wo die staunenden Menschen, die das gesehen 
hatten, was der Christus vermochte, sagten: Das habe noch nie ein 
Wesen auf Erden vollbracht. - Das war die Zeit, in der die Christus- 
Wesenheit noch wenig ahnlich war dem Leibe des Jesus von Naza- 
reth. Von diesem staunenden Aufsehen der ringsherum befindlichen 
Bewunderer vollzieht sich in drei Jahren der Weg bis dahin, wo die 



Christus-Wesenheit so ahnlich geworden ist dem Leibe des Jesus von 
Nazareth, daB sie in diesem siechen Leibe des Jesus von Nazareth, 
dem sie sich angeahnelt hatte, nicht mehr antworten konnte auf die 
Fragen des Pilatus, des Herodes und des Kaiphas. So ahnlich war 
sie geworden dem Leibe des Jesus von Nazareth, dem immer schwa- 
cher und schwacher werdenden, immer siecher und siecher werdenden 
Leibe, daft auf die Frage: Hast du gesagt, daB du den Tempel ab- 
brechen und in drei Tagen wieder aufbauen werdest? - aus dem 
morschen Leibe des Jesus von Nazareth die Christus-Wesenheit nicht 
mehr sprach und stumm blieb vor dem Hohenpriester der Juden, 
daB sie stumm blieb vor Pilatus, der fragte : Hast du gesagt, du warest 
der Konig der Juden? - Das war der Passions weg von der Taufe 
im Jordan bis zur Machtlosigkeit. Und bald darauf stand die stau- 
nende Menge, die vorher die uberirdischen Wunderkrafte der Chri- 
stus-Wesenheit angestaunt hatte, nicht mehr bewundernd um ihn, son- 
dern stand vor dem Kreuze, spottend uber die Ohnmacht des Gottes, 
der Mensch geworden war, mit den Worten: Bist du ein Gott, so 
steige herab. Du hast anderen geholfen, jetzt hilf dir selber! - Von 
der gottlichen Machtfulle bis zur Machtlosigkeit, das war der Pas- 
sions weg des Gottes. Ein Weg unendlichen Leidens fur den Mensch 
gewordenen Gott, zu dem hinzukam jenes Leid iiber die Mensch- 
heit, die sich so weit gebracht hatte, wie sie eben war zur Zeit des 
Mysteriums von Golgatha. Und das war zu der Zeit der hohen in- 
tellektuellen Entwickelung der Menschheit, wie es gestern angedeutet 
wurde. 

Dieses Schmerz-Erleiden aber gebar jenen Geist, der beim Pfingst- 
feste ausgegossen worden ist auf die Apostek Aus diesen Schmerzen 
herausgeboren ist die allwaltende kosmische Liebe, die herabgestiegen 
ist bei der Taufe im Jordan aus den auBerirdischen, himmlischen 
Spharen in die irdische Sphare hinein, die ahnlich geworden ist dem 
Menschen, ahnlich einem menschlichen Leibe, und die durchmachte 
das unendliche Leiden, das sich kein Menschendenken ausdenken 
kann, die durchmachte den Augenblick der hochsten, gottlichen Ohn- 
macht, um jenen Impuls zu gebaren, den wir dann als den Christus- 
Impuls in der weiteren Evolution der Menschheit kennen. 



Das sind die Dinge, die wir ins Auge fassen miissen, wenn wir 
den tiefen Sinn verstehen wollen, die ganze Bedeutung des Christus- 
Impulses, wie sie wird verstanden sein miissen in die Zukunft der 
Menschheit hinein, was die Menschenzukunft brauchen wird, urn auf 
ihrem Kultur-, auf ihrem Entwkkelungspfade weiterzukommen. 



Kristiania (Oslo), 5. Oktober 1913 
Vierter Vortrag 



Eine Art Beruhigung, wenn ich iiberhaupt darangehe, von demjenigen 
zu sprechen, wovon als zum Fiinften Evangelium gehdrig heute ge- 
sprochen werden soli, gibt gewissermaBen der SchluB des Johannes- 
Evangeliums. Wir erinnern uns dieses Schlusses, wo da stent, daB ja 
in den Evangelien keineswegs aufgezeichnet sind alle Ereignisse, die 
geschehen sind urn den Christus Jesus herum. Denn hatte man damals, 
so steht es da, alles aufzeichnen wollen, so hatte die Welt nicht genug 
Biicher aufweisen konnen, urn alles das zu fassen. So also wird das 
eine nicht bezweifelt werden konnen: daB auBer dem, was auf- 
gezeichnet worden ist in den vier Evangelien, noch mancherlei anderes 
geschehen sein kann. Urn mich verstandlich zu machen in bezug auf 
alles dasjenige, was ich gerade in diesem Vortragszyklus aus dem 
Fiinften Evangelium geben will, mochte ich heute beginnen mit 
Erzahlungen aus dem Leben des Jesus von Nazareth, und zwar un- 
gefahr von jenem Zeitpunkte an, auf den wir ja schon hingewiesen 
haben bei anderen Anlassen, wo kleine Teile aus dem Fiinften 
Evangelium schon mitgeteilt worden sind. 

Ungefahr von dem zwolften Jahre an des Jesus von Nazareth 
mochte ich heute einiges erzahlen. Es war, wie Sie wissen, dasjenige 
Jahr, in dem das Ich des Zarathustra, das verkorpert war in dem 
einen der beiden Jesusknaben, die in der damaligen Zeit geboren 
sind und dessen Herkunft Matthaus beschreibt, hiniibergegangen ist 
durch einen mystischen Akt in den anderen Jesusknaben, in jenen 
Jesusknaben, der insbesondere im Anfang des Lukas-Evangeliums 
geschildert wird. So daB wir also beginnen mit unserer Erzahlung 
von demjenigen Jahre im Leben des Jesus von Nazareth, in dem 
aufgenommen hatte dieser Jesus des Lukas-Evangeliums das Ich des 
Zarathustra. Wir wissen, daB angedeutet wird im Evangelium dieser 
Augenblick im Leben des Jesus von Nazareth durch die Erzahlung, 
daB verlorengegangen war auf einer Reise nach Jerusalem zum Feste 



der Jesusknabe des Lukas-Evangeliums und, als er wieder gefunden 
wurde, es sich zeigte, daB er itn Tempel zu Jerusalem mitten unter 
den Schriftgelehrten saB und bei diesen und den Eltern Staunen 
hervorrief durch die gewaltigen Antworten, die er gab. Wir wissen 
jedoch, diese bedeutsamen, gewaltigen Antworten kamen daher, daB 
das Ich des Zarathustra wirklich jetzt bei diesem Knaben auftauchte 
und aus der tiefen Oberfulle der Erinnerung seine Weisheit aus dieser 
Seele heraus wirkte, so daB der Jesus von Nazareth dazumal jene alle 
iiberraschenden Antworten geben konnte. Wir wissen auch, daB die 
beiden Familien durch den Tod der nathanischen Mutter einerseits 
und des salomonischen Vaters anderseits zusammengekommen sind 
und fortan eine Familie gebildet haben, und daB der mit dem Ich des 
Zarathustra befruchtete Jesusknabe in der gemeinsam gewordenen 
Familie heranwuchs. 

Es war aber nun - so laBt es sich erkennen aus dem Inhalt des 
Funften Evangeliums - ein ganz sonderbares, merkwiirdiges Heran- 
wachsen in den nachsten Jahren. Zuerst hatte ja die nachste Umge- 
bung des jungen Jesus von Nazareth eine groBe, gewaltige Meinung 
bekommen von ihm, eben durch jenes Ereignis im Tempel, durch 
jene gewaltigen Antworten, die er den Schriftgelehrten gegeben hatte. 
Die nachste Umgebung sah sozusagen den kommenden Schriftgelehr- 
ten selber in ihm, sie sah heranwachsen in ihm denjenigen, der 
eine ganz hohe, besondere Stufe der Schriftgelehrsamkeit erreichen 
werde. Mit groBen, ungeheueren Hoffnungen trug sich die Umgebung 
des Jesus von Nazareth. Man fing sozusagen an, jedes Wort von ihm 
aufzufangen. Dabei aber wurde er, trotzdem man formlich danach 
jagte, jedes Wort aufzufangen, nach und nach immer schweigsamer 
und schweigsamer. Er wurde so schweigsam, daB es seiner Umgebung 
im hochsten Grade oftmals unsympathisch war. Er aber kampfte in 
seinem Inneren, kampfte einen gewaltigen Kampf, einen Kampf, der 
ungefahr in dieser seiner Innerlichkeit hineinfiel zwischen das zwolfte 
und achtzehnte Jahr seines Lebens. Es war wirklich etwas in seiner 
Seele wie ein Aufgehen innerlich liegender Weisheitsschatze, etwas, 
wie wenn aufgeleuchtet hatte in der Form der jiidischen Gelehrsam- 
keit die Sonne des einstigen Zarathustra-Weisheitslichtes. 



Zunachst auBerte sich das so, als ob dieser Knabe in der feinsten 
Weise alles, was die zahlreichen Schriftgelehrten, die in das Haus 
kamen, sprachen, mit groBter Aufmerksamkeit aufnehmen sollte und 
wie durch eine ganz besondere Geistesgabe uberall Antwort zu geben 
wiiBte. So iiberraschte er auch noch anfangs zu Hause in Nazareth 
diejenigen, die als Schriftgelehrte da erschienen und ihn wie ein 
Wunderkind anstaunten. Dann aber wurde er immer schweigsamer 
und schweigsamer und horte nur noch schweigend dem zu, was die 
anderen sprachen. Dabei gingen ihm aber immer groBe Ideen, Sitten- 
spriiche, namentlich bedeutsame, moralische Impulse in jenen Jahren 
in der eigenen Seele auf. Wahrend er so schweigsam zuhorte, machte 
doch einen gewissen Eindruck, was er von den im Hause sich ver- 
sammelnden Schriftgelehrten horte, aber einen Eindruck, der ihm oft- 
mals in der Seele Bitterkeit verursachte, weil er das Gefiihl hatte - 
wohlgemerkt schon in jenen jungen Jahren -, daB vieles Unsichere, 
leicht zum Irrtum Neigende stecken miisse in dem, was da jene Schrift- 
gelehrten sprachen von den alten Traditionen, von den alten Schriften, 
die in dem Alten Testamente vereinigt sind. Ganz besonders aber 
bedriickte es in einer gewissen Weise seine Seele, wenn er horte, daB 
in alten Zeiten der Geist iiber die Propheten gekommen sei, daB Gott 
selber inspirierend gesprochen hatte zu den alten Propheten, und daB 
jetzt die Inspiration von dem nachgeborenen Geschlechte gewichen 
sei. Besonders aber bei einem horchte er immer tief auf, weil er fiihlte, 
daB dies, wovon die Rede war, bei ihm selber kommen wurde. Es 
sagten jene Schriftgelehrten oftmals: Ja, jener hohe Geist, jener ge- 
waltige Geist, der zum Beispiel iiber den Elias gekommen ist, der 
spricht nicht mehr; aber wer doch noch immer spricht - was auch 
noch mancher von den Schriftgelehrten zu vernehmen glaubte als 
Inspiration aus den geistigen Hohen -, was doch noch immer spricht, 
das ist eine schwachere Stimme zwar, aber eine Stimme, die manche 
doch noch zu vernehmen glauben als etwas, was der Geist Jahves 
selber gibt. - Die Bath-Kol nannte man jene eigentumliche, inspirie- 
rende Stimme, zwar eine schwachere Stimme der Eingebung, eine 
Stimme minderer Art als der Geist, der die alten Propheten inspi- 
rierte, aber doch noch etwas Ahnliches stellte diese Stimme dar. So 



sprach mancher in der Umgebung des Jesus von der Bath-Kol. Von 
dieser Bath-Kol wird uns in spateren judischen Schriften manches er- 
zahlt. 

Ich schiebe nun etwas ein in dieses Fiinfte Evangelium, was nicht 
eigentlich dazugehort, was nur zur Erklarung der Bath-Kol fuhren 
soli. Es war in etwas spaterer Zeit, nach der Entstehung des Christen- 
tums, ein Streit ausgebrochen zwischen zwei Rabbinatschulen. Denn 
es behauptete der beriihmte Rabbi Elieser ben Hirkano eine Lehre und 
fuhrte zum Beweise dieser Lehre an - das erzahlt auch der Talmud 
daB er Wunder wirken konne. Der Rabbi Elieser ben Hirkano lieB 
einen Karobbaum aus der Erde sich erheben - so erzahlt der Talmud - 
und hundert Ellen weiter sich an einem anderen Orte wieder ein- 
pflanzen, er lieB einen FluB riickwarts laufen, und als drittes berief 
er sich auf die Stimme vom Himmel, als OfTenbarung, die er von Bath- 
Kol selber erhalte. Aber in der gegnerischen Rabbinatschule des Rabbi 
Josua glaubte man diese Lehre trotzdem nicht, und Rabbi Josua er- 
widerte: Mag auch Rabbi Elieser zur Bekraftigung seiner Lehre 
Karobbaume von einem Orte zum anderen sich verpflanzen lassen, 
mag er auch Flusse nach aufwarts flieBen lassen, mag er sich selbst 
berufen auf die groBe Bath-Kol - es steht geschrieben im Gesetz, 
daB die ewigen Gesetze des Daseins gelegt sein miissen in der Men- 
schen Mund und in der Menschen Herz. Und wenn uns uberzeugen 
will von seiner Lehre der Rabbi Elieser, so darf er sich nicht berufen 
auf die Bath-Kol, sondern er muB uns uberzeugen von dem, was des 
Menschen Herz fassen kann. - Ich erzahle diese Geschichte aus dem 
Talmud, weil wir sehen, daB die Bath-Kol bald nach der Einfuhrung 
des Christentums in gewissen Rabbinerschulen nur noch von einem 
geringeren Ansehen war. Aber sie hat in einer gewissen Weise 
gebliiht als inspirierende Stimme unter den Rabbinern und Schrift- 
gelehrten. 

Wahrend in dem Hause des Jesus von Nazareth die dort versam- 
melten Schriftgelehrten von dieser inspirierenden Stimme der Bath- 
Kol sprachen, und der junge Jesus das alles horte, fuhlte und emp- 
fing er in sich selber die Inspiration durch die Bath-Kol. Das war 
das Merkwiirdige, daB durch die Befruchtung dieser Seele mit dem 



Ich des Zarathustra in der Tat Jesus von Nazareth fahig war, rasch 
alles aufzunehmen, was die anderen um ihn herum wuBten. Nicht 
nur, daB er den Schriftgelehrten in seinem zwolften Jahre die gewal- 
tigen Antworten hatte geben konnen, sondern er konnte auch die 
Bath-Kol in der eigenen Brust vernehmen. Aber gerade dieser Um- 
stand der Inspiration durch die Bath-Kol wirkte auf den Jesus von 
Nazareth, als er sechzehn, siebzehn Jahre alt war und er oftmals diese 
offenbarende Stimme der Bath-Kol fuhlte, so daB er in bittere, schwere 
innere Seelenkampfe dadurch gefuhrt wurde. Denn ihm offenbarte die 
Bath-Kol - und das glaubte er alles sicher zu vernehmen -, daB 
nicht mehr fern ware der Zeitpunkt, daB im Fortgang der alten Stro- 
mung des Alten Testamentes dieser Geist nicht mehr sprechen wiirde 
zu den alten judischen Lehrern, wie er friiher zu ihnen gesprochen 
habe. Und eines Tages, und das war furchtbar fur die Seele des Jesus, 
glaubte er, daB die Bath-Kol ihm offenbarte: Ich reiche jetzt nicht 
mehr hinauf zu den Hohen, wo mir wirklich der Geist offenbaren 
kann die Wahrheit iiber den Fortgang des judischen Volkes. - Das 
war ein furchtbarer Augenblick, ein furchtbarer Eindruck, den die 
Seele des jungen Jesus empfing, als die Bath-Kol ihm selber zu offen- 
baren schien, daB sie nicht Fortsetzer sein konne des alten Offen- 
barertums, daB sie sich selber sozusagen fur unfahig erklarte, Fort- 
setzer der alten Offenbarungen des Judentums zu sein. So glaubte 
Jesus von Nazareth in seinem sechzehnten, siebzehnten Jahre, daB 
ihm aller Boden unter den FuBen entzogen ware, und er hatte manche 
Tage, wo er sich sagen muBte: Alle Seelenkrafte, mit denen ich 
glaubte begnadet zu sein, sie bringen mich nur dazu, zu begreifen, 
wie in der Substanz der Evolution des Judentums kein Vermogen 
mehr besteht, heraufzureichen zu den Offenbarungen des Gottes- 
geistes. 

Versetzen wir uns einen Augenblick in seinen Geist, in die Seele 
des jungen Jesus von Nazareth, der solche Erfahrungen in seiner 
Seele machte. Es war das in derselben Zeit, in der dann der junge 
Jesus von Nazareth im sechzehnten, siebzehnten, achtzehnten Jahre, 
teilweise veranlaBt durch sein Handwerk, teilweise durch andere 
Umstande, viele Reisen machte. Auf diesen Reisen lernte er mannig- 



fache Gegenden Palastinas kennen, und auch wohl manche Orte auBer- 
halb Palastinas. Nun verbreitete sich in jener Zeit - das kann man 
ganz genau sehen, wenn man die Akasha-Chronik hellseherisch durch- 
dringt - uber die Gegenden Vorderasiens, ja sogar auch des siid- 
lichen Europas, ein asiatischer Kultus, der aus mancherlei anderen 
Kulten zusammengemischt war, der aber namentlich den Mithras- 
kultus darstellte. An vielen Orten der verschiedensten Gegenden 
waren Tempel fur den Mithrasdienst. An manchen Orten hatte er mehr 
Ahnlichkeit mit dem Attisdienst, aber im wesentlichen war es Mithras- 
dienst, Tempel, Kultusstatten waren es, in denen man uberall die 
Mithrasopfer und Attisopfer verrichtete. Es war gewissermaBen ein 
altes Heidentum, aber in einer gewissen Art durchdrungen von den 
Gebrauchen, Zeremonien des Mithras- oder Attisdienstes. Wie sehr 
sich das verbreitete auch liber die italienische Halbinsel, geht zum 
Beispiel daraus hervor, daB die Peterskirche in Rom an derselben 
Stelle stent, wo einstmals eine solche Kultstatte war. Ja, man muB 
auch das fur manche Katholiken lasterliche Wort aussprechen: Der 
Zeremoniendienst der Peterskirche und alles dessen, was sich davon 
ableitet, ist in bezug auf die auBere Form gar nicht unahnlich dem 
Kult des alten Attisdienstes, der verrichtet wurde in dem Tempel, 
der damals auf derselben Stelle stand, auf deren Statte die Peters- 
kirche steht. Und der Kultus der katholischen Kkche ist in vieler 
Beziehung nur eine Fortsetzung des alten Mithraskultus. 

Was an solchen Kultstatten vorhanden war, das lernte Jesus von 
Nazareth kennen, als er jetzt in seinem sechzehnten, siebzehnten, 
achtzehnten Jahre begann herumzuwandern. Und er setzte das noch 
sparer fort Er lernte, wenn wir so sagen diirfen, auf diese Weise 
durch auBere, physische Anschauung die Seele der Heiden kennen. 
Und es war dazumal in seiner Seele wie auf eine natiirliche Weise 
durch den gewaltigen Vorgang des Oberganges des Zarathustra-Ich 
in seine Seele dasjenige in einem hohen Grade ausgebildet, was 
andere sich nur miihsam aneignen konnten, was aber bei ihm natur- 
gemaB ausgebildet war: eine hohe hellseherische Kraft. Daher erlebte 
er, wenn er bei solchen Kulten zuschaute, etwas ganz anderes als die 
anderen Zuschauer. Manches erschutternde Ereignis hat er dort erlebt. 



Und wenn es auch fabelhaft er scheint, so muB ich doch hervorheben, 
daB, wenn an manchen heidnischen Altaren der Priester den Kult ver- 
richtete und sich Jesus von Nazareth dann mit seinen hellseherischen 
Kraften das Opfer anschaute, er sah, wie durch die Opferhandlung 
mancherlei damonische Wesen herangezogen wurden. Er machte auch 
die Entdeckung, daB manches Gotzenbild, das da angebetet wurde, 
das Abbild war nicht von guten geistigen Wesenheiten der hoheren 
Hierarchien, sondern von bosen, damonischen Machten. Ja, er machte 
weiter die Entdeckung, daB diese bosen, damonischen Machte vielfach 
iibergingen in die Glaubenden, in die Bekenner, die an solchen 
Kultushandlungen teilnahmen. Aus leicht begreif lichen Griinden sind 
diese Dinge nicht in die anderen Evangelien iibergegangen. Und es 
ist im Grunde erst im SchoBe unserer geistigen Bewegung moglich, 
iiber solche Dinge zu sprechen, weil die Menschenseele erst in unserer 
Zeit ein wirkliches Verstandnis haben kann fur jene ungeheueren, 
tiefen, gewaltigen Erlebnisse, wie sie sich schon in diesem jungen 
Jesus von Nazareth abspielten lange vor der Johannestaufe. 

Diese Wanderungen dauerten fort bis ins zwanzigste, zweiund- 
zwanzigste, vierundzwanzigste Jahr hinein. Es waren immer Bitter- 
nisse, die er in seiner Seele empfand, wenn er also das Walten sah 
der Damonen, der gleichsam von Luzifer und Ahriman hervorge- 
brachten Damonen, und sah, wie das Heidentum es in vieler Beziehung 
sogar so weit gebracht hatte, die Damonen fur Gotter hinzunehmen, 
ja sogar in den Gotzenabbildungen Bilder zu haben wilder damo- 
nischer Machte, die angezogen wurden von diesen Bildern, von die- 
sen Kultushandlungen, und in die betenden Menschen iibergingen, 
die betenden Menschen, die in gutem Glauben daran teilnahmen, 
von sich besessen machten. Es waren bittere Erfahrungen, die Jesus 
von Nazareth so machen muBte. Und diese Erfahrungen kamen zu 
einem bestimmten AbschluB etwa im vierundzwanzigsten Lebensjahre. 
Da hatte Jesus von Nazareth dasjenige Erlebnis, welches sich anschloB 
als ein neues, unendlich schweres Erlebnis an das andere von der Ent- 
tauschung durch die Bath-Kol. Ich muB, da ich ja dieses Erlebnis des 
Jesus von Nazareth auch zu erzahlen habe, sagen, daB ich heute noch 
nicht in der Lage bin anzugeben, an welchem Orte seiner Reisen sich 



dieses Ereignis zugetragen hat. Die Szene selbst in einem hohen 
Grade richtig zu entziffern war mir moglich. Allein den Ort gerade 
fur diese Szene ist mir heute nicht moglich anzugeben. Es scheint 
mir aber, daB diese Szene sich zugetragen hat bei einer Wanderung 
des Jesus von Nazareth auBerhalb Palastinas. Aber ich kann das nicht 
mit Bestimmtheit sagen, mu6 aber die Szene mitteilen. 

An einen Ort also kam Jesus von Nazareth, im vierundzwanzig- 
sten Jahre seines Lebens, wo eine heidnische Kultstatte war, an der 
einer bestimmten Gottheit geopfert wurde. Ringsherum aber war nur 
trauriges, von allerlei furchtbaren seelischen und bis ins Korperliche 
gehenden Krankheiten behaftetes Volk. Von den Priestern war die 
Kultstatte langst verlassen worden. Und Jesus horte das Volk jam- 
mern: Die Priester haben uns verlassen, die Segnungen des Opfers 
kommen nicht auf uns hernieder und wir sind aussatzig und krank, 
wir sind muhselig und beladen, weil uns die Priester verlassen haben. — 
Jesus sah mit tiefem Schmerze diese armen Menschen; es jammerte 
ihn dieses bedriickte Volk und eine unendliche Liebe zu diesen 
Bedriickten flammte in seiner Seele auf. Es muB von dieser unend- 
lichen Liebe, die auflebte in seiner Seele, das Volk ringsherum 
etwas gemerkt haben ; das muB einen tiefen Eindruck gemacht haben 
auf das jammernde Volk, welches von seinen Priestern und, wie es 
glaubte, auch von seinen Gottern verlassen worden war. Und nun 
entstand, man mochte sagen wie auf einen Schlag, in den Herzen der 
meisten dieses Volkes etwas, was darin zum Ausdruck kam, daB die 
Leute sagten, erkennend den Ausdruck der unendlichen Liebe auf dem 
Antlitz des Jesus: Du bist der neue uns gesandte Priester. - Sie 
drangten ihn zum Opferaltar hin, sie stellten ihn auf den heidnischen 
Altar. Und er stand auf dem heidnischen Altar, und sie erwarteten, 
ja sie verlangten von ihm, daB er die Opfer verrichte, damit der Segen 
ihres Gottes wieder iiber sie komme. 

Und wahrend das geschah, wahrend ihn das Volk auf den Opfer- 
altar erhob, da fiel er wie tot hin, seine Seele wurde wie entruckt, 
und das Volk, das ringsherum glaubte seinen Gott wiedergekom- 
men, sah das Furchtbare, daB derselbe, den es fur den neuen, vom 
Himmel gesandten Priester gehalten hatte, wie tot hingefallen war. 



Die entruckte Seele des Jesus von Nazareth aber, sie fuhlte sich er- 
hoben in die geistigen Reiche, sie fuhlte sich wie hineinversetzt in 
den Bereich des Sonnendaseins. Und jetzt horte sie, wie aus den 
Spharen des Sonnendaseins herausklingend, Worte, wie diese Seele sie 
friiher durch die Bath-Kol oftmals vernommen hatte. Aber jetzt war 
die Bath-Kol verwandelt, zu etwas vollig anderem geworden. Die 
Stimme kam ihm auch von ganz anderer Richtung her, und dasjenige, 
was Jesus von Nazareth jetzt vernahm, das kann man, wenn man es 
in unsere Sprache iibersetzt, zusammenfassen in die Worte, die ich 
zum ersten Male mitteilen durfte, als wir vor kurzer Zeit den Grund- 
stein legten fur unseren Dornacher Bau. 

Es gibt ja okkulte Verpflichtungen! Und einer solchen okkulten 
Verpflichtung folgend hatte ich damals mitzuteilen, was durch die 
verwandelte Stimme der Bath-Kol Jesus von Nazareth vernahm dazu- 
mal, als dies geschah, was ich jetzt eben erzahlt habe. Es vernahm 
Jesus von Nazareth die Worte : * 

Amen 

Es walten die (Jbel 

Zeugen sich losender Ichheit 

Von andern erschuldete Selbstheitschuld 

Erlebet im taglichen Brote 

In dem nicht waltet der Himmel Wille 

Da der Mensch sich schied von Eurem Reich 

Und vergaB Euren Namen 

Ihr Vater in den Himmeln. 

Nicht anders als so kann ich in die deutsche Sprache ubersetzen 
dasjenige, was wie die verwandelte Stimme der Bath-Kol dazumal 
von Jesus von Nazareth vernommen worden ist Nicht anders als so ! 
Es waren diese Worte, welche die Seele des Jesus von Nazareth zu- 
ruckbrachte, als sie aus der Betaubung wieder erwachte, durch die sie 
sich entruckt fuhlte bei jener eben geschilderten Begebenheit. Und 



* Siehe unter Hinweise Seite 333. 



als Jesus von Nazareth wieder zu sich gekommen war, und die Augen 
rings herum richtete auf die Menge der Miihseligen und Beladenen, 
die ihn auf den Altar erhoben hatten, da war diese entflohen. Und 
als er den hellsichtigen Blick in die Feme schweifen lieB, konnte 
er ihn nur richten auf eine Schar von damonischen Gestalten, von 
damonischen Wesen, die alle mit diesen Leuten verbunden waren. 

Das war das zweite bedeutsame Ereignis, der zweite bedeutsame 
AbschluB in den verschiedenen Perioden der Seelenentwickelung, 
die Jesus von Nazareth durchgemacht hat seit seinem zwolften Jahre. 
Ja, meine Ueben Freunde, Ereignisse, die sozusagen durch ihr gemiit- 
liches Wesen die Seele nur in selige Stimmung versetzen, die waren 
es nicht, welche auf die Seele des heranwachsenden Jesus von Naza- 
reth den groBten Eindruck machten. Kennenlernen muBte diese Seele 
die Abgriinde der Menschennatur schon in so jungen Jahren, bevor 
das Ereignis vom Jordan eingetreten war. 

Und von dieser Reise kam Jesus von Nazareth nach Hause. Es 
war um jene Zeit, als der Vater, der zu Hause geblieben war, starb, 
etwa im vierundzwanzigsten Lebensjahre des Jesus von Nazareth. 
Als Jesus nach Hause kam, da hatte er in der Seele lebendig den 
gewaltigen Eindruck der damonischen Wirkungen, die sich hinein- 
gesenkt hatten in manches, was in der alten Heidenreligion lebte. 
Wie es aber immer so ist, daB man gewisse Stufen der hoheren 
Erkenntnis nur dadurch erreicht, indem man die Abgriinde des Le- 
bens kennenlernt, so war es in gewisser Weise auch bei Jesus von 
Nazareth, daB er - an einer Stelle, die ich nicht weiB - um sein 
vierundzwanzigstes Lebensjahr herum dadurch, daB er so unendlich 
tief in die menschlichen Seelen hineingeschaut, in Seelen, in die wie 
hineinkonzentriert war aller Seelenjammer der Menschheit der damali- 
gen Zeit, auch besonders vertieft worden war in der Weisheit, die 
allerdings wie gluhendes Eisen die Seele durchzieht, aber auch die 
Seele so hellsichtig macht, daB sie durchschauen kann die lichten 
Geistesweiten. Und dadurch, daB er die umgewandelte Stimme der 
Bath-Kol vernommen hatte, war er auch wie umgewandelt. So war er 
in verhaltnismaBig jungen Jahren behaftet mit dem ruhigen, ein- 
dringlichen Geistesleseblick. Jesus von Nazareth war zu einem Men- 



schen geworden, der tief in die Geheimnisse des Lebens hinein- 
schaute, der so in die Geheimnisse des Lebens schauen konnte, wie 
bisher niemand auf der Erde, weil niemand vorher so wie er be- 
trachten konnte, bis zu welchem Grade menschliches Elend sich 
steigern kann. Zuerst hatte er gesehen, wie man den Boden unter 
den FtiBen verlieren kann durch bloBe Gelehrsamkeit; dann hatte er 
erlebt, wie die alten Inspirationen verlorengingen; dann hatte er 
gesehen, wie die Kulte und Opferhandlungen, anstatt die Menschen 
in Verbindung zu bringen mit den Gottern, herbeizauberten allerlei 
damonische Wesen, die die Menschen von sich besessen machten 
und sie dadurch in seelische und korperliche Krankheiten und Elend 
aller Art hineinbrachten. GewiB hatte keiner auf der Erde all diesen 
menschlichen Jammer so tief geschaut als Jesus von Nazareth, kei- 
ner jene unendlich tiefe Empfindung in seiner Seele gehabt wie er, 
als er jenes von Damonen besessene Volk geschaut hatte. GewiB 
war keiner auf der Erde so vorbereitet auf die Frage: Wie, wie 
kann der Verbreitung dieses Jammers auf der Erde Einhalt getan 
werden? 

So war Jesus von Nazareth nicht nur ausgestattet mit dem Blick, 
mit dem Wissen des Weisen, sondern in gewisser Weise durch das 
Leben ein Eingeweihter geworden. Das lernten kennen Leute, die in 
jener Zeit zusammengetreten waren in einen gewissen Orden, der ja 
der Welt bekannt ist als der Essaerorden. Essaer waren Leute, welche 
eine Art Geheimdienst und Geheimlehre pflegten an bestimmten 
Orten Palastinas. Es war ein strenger Orden. Derjenige, der dem 
Orden beitreten wollte, muBte mindestens ein Jahr, zumeist aber 
mehrere Jahre strenge Probe durchmachen. Er muBte zeigen durch 
seine Auffiihrung, durch seine Gesittung, durch seinen Dienst gegen- 
iiber den hochsten geistigen Machten, durch seinen Sinn fur Gerech- 
tigkeit, Menschengleichheit, durch seinen Sinn des Nichtachtens 
auBerer menschlicher Guter und dergleichen, daB er wiirdig war, 
eingeweiht zu werden. Wenn er dann aufgenommen wurde in den 
Orden, dann gab es verschiedene Grade, durch die man aufstieg zu 
jenem Essaerleben, das bestimmt war, mit einer gewissen Aus- und 
Absonderung von der iibrigen Menschheit, in einer strengen kloster- 



lichen Zucht und durch gewisse Reinheitsbestrebungen, durch die 
man alles Unwurdige korperlicher und seelischer Art beseitigen 
wollte, sich der geistigen Welt zu nahern. Das driickt sich schon in 
mancherlei symbolischen Gesetzen des Essaerordens aus. Die Ent- 
zifferung der Akasha-Chronik hat gezeigt, daB der Name Essaer 
kommt von oder jedenfalls zusammenhangt mit dem judischen Wort 
«Essin» oder «Assin». Und das bedeutet so etwas wie Schaufel, 
Schaufelchen, weil die Essaer als einziges symbolisches Zeichen stets 
eine kleine Schaufel als Abzeichen trugen, was sich in manchen 
Ordensgemeinschaften bis heute erhalten hat. In gewissen symbo- 
lischen Gepflogenheiten driickte sich auch das aus, was die Essaer 
wollten: da6 sie keine Miinzen bei sich tragen durften, daB sie nicht 
durch ein Tor gehen durften, das bemalt war oder in dessen Nahe 
Bilder waren. Und weil der Essaerorden in der damaligen Zeit in 
einer gewissen Weise auch auBerlich anerkannt war, hatte man in 
Jerusalem besondere Tore, unbemalte Tore gemacht, so daB auch sie 
in die Stadt gehen konnten. Denn wenn der Essaer an ein bemaltes 
Tor kam, muBte er immer wieder umkehren. Im Orden selbst gab es 
alte Urkunden und Traditionen, iiber deren Inhalt die Mitglieder 
des Ordens streng schwiegen. Sie durften lehren, aber nur, was sie 
innerhalb des Ordens gelernt hatten. Jeder, der in den Orden eintrat, 
muBte sein Vermogen dem Orden abgeben. Die Zahl der Essaer war 
damals zur Zeit des Jesus von Nazareth eine sehr groBe, etwa vier- 
bis fiinftausend. Es waren von alien Orten der damaligen Welt Leute 
zusarnmengekommen, die sich den strengen Regeln widmeten. Sie 
schenkten jedesmal, wenn sie irgendwo weit weg, in Kleinasien oder 
noch weiter, ein Haus hatten, dasselbe dem Essaerorden, und der 
Orden bekam iiberall kleine Besitzungen, Hauser, Garten, ja weite 
Acker. Keiner wurde aufgenommen, der nicht alles schenkte, was den 
Essaern Gemeingut wurde. Alles gehorte alien, kein einzelner hatte 
Besitz. Ein fur unsere heutigen Verhaltnisse auBerordentlich stren- 
ges Gesetz, das aber begreif lich ist, war dieses, daB ein Essaer unter- 
stiitzen durfte mit dem Gute des Ordens alle bediirftigen und belaste- 
ten Leute, nur diejenigen nicht, die seiner eigenen Familie angehor- 
ten. 



In Nazareth gab es durch Schenkung eine solche Niederlassung 
des Essaerordens, und dadurch war gerade in den Gesichtskreis des 
Jesus von Nazareth dasjenige gekommen, was der Essaerorden war. 
In dem Zentrum des Ordens bekam man Kunde von der tiefen Weis- 
heit, die sich in der beschriebenen Art in die Seele des Jesus von 
Nazareth gesenkt hatte, und gerade unter den Bedeutendsten, Weise- 
sten der Essaer entstand eine gewisse Stimmung. Es hatte unter 
ihnen sich herausgebildet eine gewisse prophetische Anschauung: 
Wenn die Welt ihren richtigen Fortgang nehmen sollte, dann miisse 
eine besonders weise Seele erstehen, die wie eine Art Messias wirken 
miisse. Deshalb hatten sie Umschau gehalten, wo besonders weise 
Seelen waren. Und sie waren tief beriihrt, als sie Kunde erhielten von 
jener tiefen Weisheit, die in der Seele des Jesus von Nazareth ent- 
standen war. Daher war es kein Wunder, daB die Essaer, ohne daC 
Jesus von Nazareth die Erprobung der niederen Grade durchzuma- 
chen hatte, ihn aufnahmen wie einen Externisten in ihre Gemein- 
schaft - ich will nicht sagen in den Orden selber - und da6 in einer 
gewissen Weise zutraulich, ofFenherzig wurden selbst die weisesten 
Essaer in bezug auf ihre Geheimnisse gegeniiber diesem weisen, jun- 
gen Menschen. In der Tat horte in diesem Essaerorden der junge 
Jesus von Nazareth viel, viel Tieferes iiber die Geheimnisse, die vom 
Hebraertum bewahrt worden waren, als von den Schriftgelehrten im 
Hause seines Vaters. Manches auch horte er, was er schon selber fru- 
her durch die Bath-Kol wie durch eine Erleuchtung in seiner Seele auf- 
glanzend vernommen hatte. Kurz, es entstand ein reger Ideenaus- 
tausch zwischen Jesus von Nazareth und den Essaern. Und Jesus von 
Nazareth lernte kennen in seinem Verkehr mit den Essaern, im fiinf- 
undzwanzigsten, sechsundzwanzigsten, siebenundzwanzigsten, acht- 
undzwanzigsten Lebensjahr und noch dariiber hinaus, fast alles, was 
der Essaerorden zu geben hatte. Denn was ihm nicht durch Worte 
mitgeteilt wurde, das stellte sich ihm dar durch allerlei hellsichtige 
Impressionen. Wichtige hellsichtige Impressionen hatte Jesus von 
Nazareth entweder innerhalb der Gemeinschaft der Essaer selber oder 
einige Zeit darauf in Nazareth zu Hause, wo er in einem mehr be- 
schaulichen Leben auf sich wirken lieB, was in seine Seele sich hin- 



eindrangte axis Kraften, die ihm gekommen waren, von denen die 
Essaer nichts ahnten, die aber als Folge der mit den Essaern gefiihr- 
ten bedeutsamen Gesprache in seiner Seele erlebt wurden. 

Eines von diesen Erlebnissen, von diesen inneren Impressionen muB 
besonders hervorgehoben werden, weiles hineinleuchten kann in den 
ganzen geistigen Gang der Menschheitsentwickelung. Es war eine 
gewaltige, bedeutsame Vision, die wie in einer Art Entriickung Jesus 
von Nazareth hatte, in der ihm Buddha wie in unmittelbarer Gegen- 
wart erschien. Ja, der Buddha erschien dem Jesus von Nazareth als 
Folge des Ideenaustausches mit den Essaern. Und man kann sagen, 
daB in jener Zeit zwischen Jesus und Buddha ein Geistgesprach statt- 
gefunden hat. Es gehort zu meiner okkulten Verpflichtung, Ihnen 
den Inhalt dieses Geistgespraches mitzuteilen, denn wir durfen, ja wir 
mussen heute diese bedeutsamen Geheimnisse der Menschheitsevolu- 
tion beriihren. In diesem bedeutsamen Geistgesprach erfuhr Jesus 
von Nazareth von dem Buddha, daB dieser etwa sagte: Wenn meine 
Lehre so, wie ich sie gelehrt habe, vollig in Erfullung gehen wiirde, 
dann miiBten alle Menschen den Essaern gleich werden. Das aber kann 
nicht sein. Das war der Irrtum in meiner Lehre. Auch die Essaer kon- 
nen sich nur weiter fortbringen, indem sie sich aussondern von der 
ubrigen Menschheit; fur sie mussen iibrige Menschenseelen da sein. 
Durch die Erfullung meiner Lehre miiBten lauter Essaer entstehen. 
Das aber kann nicht sein. - Das war ein bedeutsames Erlebnis, das 
durch die Gemeinschaft mit den Essaern Jesus von Nazareth hatte. 

Ein anderes Erlebnis war dieses, daB Jesus von Nazareth die Be- 
kanntschaft machte mit einem auch noch jungeren Manne, mit einem 
fast gleichaltrigen Manne, der nahegetreten war, allerdings in einer 
ganz anderen Weise als Jesus von Nazareth, dem Essaerorden, der 
aber trotzdem auch nicht ganz Essaer geworden ist. Es war der, man 
mochte sagen, wie ein Laienbruder innerhalb der Essaergemeinschaft 
lebende Johannes der Taufer. Er trug sich wie die Essaer, denn diese 
trugen im Winter Kleider von Kamelhaar. Aber er hatte niemals die 
Lehre des Judentums vollstandig in sich auswechseln konnen mit der 
Lehre der Essaer. Da aber die Lehre der Essaer, das ganze Leben der 
Essaer auf ihn einen groBen Eindruck machte, lebte er als Laienbruder 



das Essaerleben, lieB sich anregen, lieB sich allmahlich inspirieren 
und kam nach und nach zu dem, was ja von Johannes dem Taufer in 
den Evangelien erzahlt ist. Viele Gesprache fanden statt zwischen 
Jesus von Nazareth und Johannes dem Taufer. - Da geschah es eines 
Tages - ich weiB, was es heiBt, diese Dinge so einfach zu erzahlen, 
aber nichts kann mich abhalten; ich weiB trotzdem, daB diese Dinge 
jener okkulten Verpflichtung zufolge jetzt erzahlt werden miissen 
es geschah eines Tages, daB Jesus von Nazareth, wahrend er mit 
Johannes dem Taufer sprach, wie verschwunden vor sich sah die 
physische Leiblichkeit des Taufers und die Vision des EHas hatte. Das 
war das zweite wichtige Seelenerlebnis innerhalb der Gemeinschaft 
des Essaerordens. 

Da gab es aber noch andere Erlebnisse. Schon seit langerer Zeit 
hatte Jesus von Nazareth etwas Besonderes beobachten konnen: Wenn 
er an Orte kam, wo Essaertore waren, wo bildlose Tore waren, da 
konnte Jesus von Nazareth durch solche Tore nicht schreiten, ohne 
wiederum eine bittere Erfahrung zu machen. Er sah diese bildlosen 
Tore, aber fur ihn waren geistige Bilder an die sen Toren; fur ihn 
erschien zu beiden Seiten eines solchen Tores immer dasjenige, was 
wir jetzt kennengelernt haben in den verschiedenen geisteswissen- 
schaftlichen Auseinandersetzungen unter dem Namen Ahriman und 
Luzifer. Und allmahlich hatte sich ihm das Gefuhl, der Eindruck in 
der Seele gefestigt, daB die Abneigung der Essaer gegen die Tor- 
bilder etwas zu tun haben miisse mit dem Herbeizaubern solcher 
geistiger Wesenheiten, wie er sie an diesen Toren erschaute, daB Bil- 
der an den Toren Abbilder von Luzifer und Ahriman seien. Und ofter 
hatte Jesus von Nazareth dieses bemerkt, ofter waren solche Gefuhle 
in seiner Seele aufgestiegen. 

Wer solches erlebt, der findet nicht, daB man iiber diese Dinge gleich 
viel griibeln sollte; denn diese Dinge wirken zu erschiitternd auf die 
Seele. Man fiihlt auch sehr bald, daB menschliche Gedanken nicht hin- 
reichen, um sie tief genug zu ergriinden. Die Gedanken halt man 
dann nicht fur fahig, an diese Dinge heranzudringen. Aber die Ein- 
driicke graben sich nicht nur tief in die Seele ein, sondern werden zu 
einem Teil des Seelenlebens selber. Man fiihlt sich wie verbunden mit 



dem Teil seiner Seele, in dem man solche Erlebnisse gesammelt hat, 
wie vetbunden mit den Erlebnissen selber, man tragt diese Erlebnisse 
weiter durchs Leben. 

So hatte Jesus von Nazareth durchs Leben getragen die beiden Bil- 
der von Luzifer und Ahriman, die er oftmals gesehen hatte an den 
Toren der Essaer. Es hatte zunachst nichts anderes bewirkt, als da6 
ihm bewuBt wurde, daB ein Geheimnis walte zwischen diesen geisti- 
gen Wesenheiten und den Essaern. Und die Wirkung, die das auf seine 
Seele ausiibte, trug sich hinein in die Verstandigung mit den Essaern; 
man konnte sich seit diesen Erlebnissen in der Seele des Jesus von 
Nazareth nicht mehr so gut gegenseitig verstehen. Denn es lebte in 
seiner Seele etwas, von dem er nicht sprechen konnte gegeniiber den 
Essaern, weil sich jedesmal etwas wie in der Rede verschlug, denn 
immer stellte sich dazwischen, was er an den Essaertoren erlebt hatte. 

Eines Tages, als nach einer besonders wichtigen, bedeutsamen 
Unterredung, in der vieles Hochste, Geistige zur Sprache gekom- 
men war, Jesus von Nazareth das Tor des Hauptgebaudes der Essaer 
verlieB, da traf er, indem er durch das Tor ging, auf die Gestalten, 
von denen er wuBte, daB sie Luzifer und Ahriman waren. Und er sah 
fliehen Luzifer und Ahriman von dem Tore des Essaer klosters. Und es 
senkte sich in seine Seele eine Frage. Aber nicht als ob er selber, nicht 
als ob er durch den Verstand friige, sondern mit tiefer elementarer 
Gewalt drangte sich herauf in seine Seele die Frage: Wohin fliehen 
diese, wohin fliehen Luzifer und Ahriman? - Denn er wuBte, die Hei- 
Hgkeit des Klosters der Essaer hatte sie zum Fliehen gebracht. Aber 
die Frage lebte sich in seine Seele ein: Wohin fliehen diese? - Und 
diese Frage brachte er nicht mehr los aus seiner Seele, diese Frage 
brannte wie Feuer in seiner Seele; mit dieser Frage ging er stiind- 
lich, ja minutlich sie erlebend in den nachsten Wochen umher. Als er 
nach dem geistigen Gesprach, das er gefiihrt hatte, die Tore des Haupt- 
gebaudes der Essaer verlassen hatte, da brannte in seiner Seele die 
Frage: Wohin fliehen Luzifer und Ahriman? 

Was er unter dem Eindruck dieser in seiner Seele lebenden Frage 
weiter tat, nachdem er durchlebt hatte, daB die alten Inspirationen 
verlorengegangen waren, die Religionen und Kulte von damonischen 



Gewalten verdorben waren und als er hingefallen war an dem Altare 
des Heidenkultus, die umgewandelte Stimme der Bath-Kol vernom- 
men hatte, und sich fragen muBte, was die Worte der Bath-Kol zu 
bedeuten haben, und was das eben von mir Erzahlte zu bedeuten 
hatte, daB die Seele des Jesus von Nazareth sich jetzt fragte; Wohin 
Jfliehen Luzifer und Ahriman? ~ davon wollen wir morgen weiter 
sprechen. 



Kristiania (Oslo), 6. Oktober 1913 
Fiinfter Vortrag 



Gestern haben wir einen Blick werfen konnen auf das Leben des Jesus 
von Nazareth in der Zeit, die fur ihn verflossen war ungefahr seit 
seinem zwolften Lebensjahre bis etwa zum Ende seiner Zwanziger- 
jahre. Aus demjenigen, was ich erzahlen durfte, konnten Sie gewiB die 
Empfindung haben, daB Tief bedeutsames fur die Seele des Jesus von 
Nazareth sich abgespielt hat in dieser Zeit, Tief bedeutsames aber auch 
fur die ganze Evolution der Menschheit. Denn Sie werden ja gewiB 
aus der Grundempfindung, die Sie sich durch ihre geisteswissen- 
schaftlichen Studien haben bilden konnen, wissen, daB alles in der 
Menschheitsevolution zusarnmenhangt, und daB ein so bedeutsames 
Ereignis mit einem Menschen, in dessen Seelenleben so viel, so un- 
endlich viel von den Angelegenheiten der ganzen Menschheit hinein- 
spielt, eben auch von Bedeutung fiir die ganze Menschheitsevolution 
ist. Wir lernen dasjenige, was das Ereignis von Golgatha geworden 
ist fiir die Evolution der Menschheit, in der verschiedensten Weise 
kennen. In diesem Vortragszyklus handelt es sich darum, es erkennen 
zu lernen durch die Betrachtung des Christus Jesus-Lebens selber. 
Und so wenden wir den Blick, den wir gestern auf den charakteri- 
sierten Zeitraum gerichtet haben, der zwischen dem zwolften Jahre 
und der Johannestaufe liegt, heute noch einmal auf die Seele des Jesus 
von Nazareth hin und fragen uns : Was mag alles in dieser Seele gelebt 
haben, nachdem die bedeutsamen Ereignisse sich abgespielt hatten bis 
in das achtundzwanzigste, neunundzwanzigste Jahr hinein, von denen 
ich gestern gesprochen habe. 

Was in dieser Seele lebte, man wird vielleicht eine Empfindung, 
ein Gefiihl davon erhalten, wenn erzahlt werden darf eine Szene, die 
sich am Ende seiner Zwanzigerjahre bei Jesus von Nazareth abspielte. 
Diese Szene, die ich da zu erzahlen habe, betrifft ein Gesprach, das 
Jesus von Nazareth gefiihrt hat mit seiner Mutter, mit derjenigen also, 
die durch das Zusammenziehen der beiden Familien durch lange Jahre 



hindurch seine Mutter geworden war. Er hatte sich ja die ganzen Jahre 
her mit dieser Mutter ganz innig und vorziiglich verstanden, viel bes- 
ser, als er sich verstehen konnte mit den anderen Gliedern der Familie, 
die im Hause zu Nazareth lebten, das heiBt, er hatte sich schon gut 
mit ihnen verstanden, aber sie konnten sich nicht gut mit ihm verste- 
hen. Es war ja auch schon friiher zwischen ihm und seiner Mutter 
mancherlei von den Eindriicken, die sich allmahlich in seiner Seele 
gebildet hatten, besprochen worden. Aber in dem genannten Zeitraum 
spielte sich einmal ein recht bedeutsames Gesprach ab, das wir heute 
betrachten werden, das uns tief hineinblicken laBt in seine Seele. 

Es war der Jesus von Nazareth nach und nach durch die gestern 
charakterisierten Eriebnisse allerdings umgewandelt worden, so daB 
unendliche Weisheit sich in seinem Antlitz auspragte. Aber er war 
auch, wie das ja immer, wenn auch in geringerem Grade der Fall ist, 
wenn die Weisheit in einer Menschenseele zunimmt, zu einer gewis- 
sen inneren Traurigkeit gekommen. Die Weisheit hatte ihm zunachst 
die Frucht gebracht, daB der Blick, den er wenden konnte in seine 
menschliche Umgebung, ihn eigentlich recht traurig machte. Dazu 
kam noch, daB er in den letzten Zwanzigerjahren immer mehr in 
stillen Stunden an etwas ganz Bestimmtes hatte denken miissen: 
Immer wieder von neuem muBte er daran denken, wie in seinem 
zwolften Jahre ein solcher Umschwung, eine solche Revolution in 
seiner Seele stattgefunden hatte, wie sich das ergab durch das Heriiber- 
treten des Zarathustra-Ich in seine Seele. Er muBte daran denken, wie 
er in den ersten Zeiten nach seinem zwolften Jahre gewissermaBen nur 
den unendlichen Reichtum dieser Zarathustra-Seele in sich gefuhlt 
hatte. Er wuBte ja am Ende der Zwanziger jahre noch nicht, daB er der 
wiederverkorperte Zarathustra war; aber er wuBte, daB ein groBer, 
gewaltiger Umschwung in seiner Seele in seinem zwolften Jahre vor 
sich gegangen war. Und jetzt hatte er oftmals das Gefuhl: Ach, wie 
war es doch anders mit mir vor diesem Umschwung in meinem zwolf- 
ten Jahre ! - Er fiihlte, wenn er jetzt zuriickdachte an diese Zeit, wie 
unendlich warm es dazumal in seinem Gemiit war. Er war ja als Knabe 
ganz weltentriickt gewesen. Da hatte er zwar gehabt die lebhafteste 
Empfindung fur alles, was aus der Natur heraus zum Menschen 



spricht, fur alle Herrlichkeit und GroBe der Natur, aber er hatte wenig 
Anlage fur dasjenige, was menschliche Weisheit, menschlkhes Wissen 
sich angeeignet hatte. Er interessierte sich wenig fur das, was man 
schulmaBig lernen konnte! Es ware ein volliger Irrtum, wenn man 
glauben wiirde, daB dieser Jesusknabe, bevor der Zarathustra in seine 
Seele heriibergezogen war, bis in sein zwolftes Jahr hinein etwa im 
auBeren Sinne eine besondere Begabung gehabt hatte, daB er beson- 
ders gescheit gewesen ware. Dagegen hatte er besessen ein ungemein 
mildes, sanftmiitiges Wesen, eine unendliche Liebefahigkeit, ein tiefes 
inneres Gemiitsleben, ein umfassendes Verstandnis fur alles Mensch- 
liche, aber kein Interesse fur alles dasjenige, was die Menschen an 
Wissen im Laufe der Jahrhunderte sich aufgespeichert haben. Und 
dann war es so, wie wenn nach diesem Moment im Tempel zu 
Jerusalem in seinem zwolften Jahre dies alles aus seiner Seele heraus- 
gesturmt und dafur alle Weisheit hineingestromt ware! Und jetzt 
muBte er oftmals denken und empfinden, wie so in ganz anderer 
Weise er mit allem tieferen Geiste der Welt friiher vor seinem zwolf- 
ten Jahre verbunden war, als ob da seine Seele offen gewesen ware fur 
die Tiefen der unendlichen Weiten! Und wie er seitdem gelebt hatte 
seit seinem zwolften Jahre, wie er da seine Seele geeignet fand fur 
eine Art Aufnahme der hebraischen Gelehrsamkeit, die aber ganz ur- 
sprunglich wie aus sich heraus kam, wie er durchgemacht hatte die 
Erschiitterung, daB die Bath-Kol nicht mehr in der alten Weise inspi- 
rierend wirken konnte; wie er dann auf seinen Reisen kennenlernte 
die heidnischen Kulte, wie ihm all das Wissen und die Religiositat 
des Heidentums in seinen verschiedenen Nuancierungen durch die 
Seele gezogen war. Er dachte daran, wie er da zwischen seinem 
achtzehnten und vierundzwanzigsten Jahre gelebt hatte in alledem, 
was die Menschheit sich auBerlich errungen hatte, und wie er dann 
eingetreten war in die Gemeinschaft der Essaer ungefahr um das vier- 
undzwanzigste Jahr und dort eine Geheimlehre kennengelernt hatte 
und Menschen, die einer solchen Geheimlehre sich hingaben. Daran 
muBte er oftmals denken. Aber er wuBte auch, daB im Grunde genom- 
men nur dasjenige in seiner Seele aufgegangen war, was seit dem 
Altertum her Menschen an Wissen in sich aufgespeichert hatten; er 



lebte in dem, was Menschenschatze an Weisheit, Menschenschatze 
an Kultur, Menschenschatze an moralischen Errungenschaften dar- 
boten. Er fuhlte, in dem Menschlichen auf Erden hatte er gelebt seit 
seinem zwolften Jahre. Und jetzt muBte er oftmals zurtickdenken, wie 
er war vor diesem zwolften Jahre, wo er gleichsam sich mit den 
gottlichen Urgriinden des Daseins verbunden fuhlte, wo alles in ihm 
elementar und ursprunglich war, wo alles aus einem aufsprudelnden 
Leben, aus einem warmen, liebenden Gemiite kam und ihn innig zu- 
sammenschloB mit anderen Menschenseelen, wahrend er jetzt verein- 
samt und allein und schweigsam geworden war. 

Alle diese Gefiihle waren es, die zustande brachten, daB ein ganz 
bestimmtes Gesprach stattgefunden hat zwischen ihm und der Person- 
lichkeit, die ihm Mutter geworden war. Die Mutter liebte ihn unge- 
heuer, und sie hatte ofters mit ihm gesprochen iiber all das Schone und 
GroBe, das sich seit seinem zwolften Jahre in ihm gezeigt hatte. Ein 
immer intimeres, edleres, schoneres Verhaltnis hatte sich herausgebil- 
det zu dieser Stiefmutter. Aber seinen inneren Zwiespalt hatte er bis- 
her auch dieser Mutter verschwiegen, so daB sie nur das Schone und 
GroBe gesehen hatte. Sie hatte nur gesehen, wie er immer weiser und 
weiser wurde, wie er immer tiefer eindrang in die ganze Menschheits- 
evolution. Deshalb war von demjenigen, was wie eine Art General- 
beichte mit diesem Gesprach stattfand, vieles neu fur sie, aber sie nahm 
es auf mit innigem, warmem Herzen. Es war in ihr wie ein unmittel- 
bares Verstehen fur seine Traurigkeit, seine Gefuhlsstimmung, des- 
sen, daB er sich zuriicksehnte zu dem, was er in sich hatte vor seinem 
zwolften Jahre. Deshalb suchte sie ihn zu erheben und zu trosten, in- 
dent sie anfing zu sprechen von allem, was seitdem in ihm so schon 
und herrlich zutage getreten sei. Sie erinnerte ihn an all das, was ihr 
durch ihn bekanntgeworden war von der Wiedererneuerung der gro- 
Ben Lehren, Weisheitsspriiche und Gesetzesschatze des Judentums. 
Was alles durch ihn zutage getreten ist, davon sprach sie mit ihm. Es 
wurde ihm aber nur immer schwerer urns Herz, wenn er so die Mut- 
ter sprechen horte, so schatzend das, was er innerlich doch eigentlich 
als iiberwunden fuhlte. Und endlich erwiderte er: Ja, das mag alles 
sein. Aber ob durch mich oder durch einen anderen heute erneuert 



werden konnen all die alten, herrlichen Weisheitsschatze des Juden- 
tums, was hatte das alles fur eine Bedeutung fur die Menschheit? Es 
ist im Grunde doch alles bedeutungslos, was in soldier Art zutage 
tritt. Ja, wenn es heute eine Menschheit gabe um uns herum, die Ohrejn 
hatte, den alten Propheten noch zuzuhoren, dann ware es fur diese 
Menschheit nutzlich, wenn erneuert werden konnten die Weisheits- 
schatze des alten Prophetentums. Aber selbst wenn jemand so spre- 
chen konnte, wie die alten Propheten gesprochen haben, selbst wenn 
Elias heute kame - so sagte Jesus von Nazareth - und unserer 
Menschheit verkunden wollte dasjenige, was er als Bestes erfahren hat 
in den Himmelsweiten: es sind ja nicht die Menschen da, die Ohren 
hatten zu horen die Weisheit des Elias, der alteren Propheten, auch 
des Moses, ja bis Abraham hinauf. Alles was diese Propheten ver- 
kundeten, ware heute zu kiinden unmoglich. Ihre Worte wiirden un- 
gehort im Winde verhallen ! Und so ist ja alles, was ich in meiner Seele 
halte, wertlos. 

So sprach Jesus von Nazareth und er wies darauf hin, wie vor kur- 
zem erst eines wahrhaft groBen Lehrers Worte im Grunde genommen 
verklungen seien, ohne eine groBe Wirkung zu hinterlassen. Denn, so 
sagte er, war das auch kein Lehrer, der heranreichte an die alten 
Propheten, so war er doch ein groBer, bedeutsamer Lehrer, der gute 
alte Hillel. Jesus wuBte genau, was dieser alte Hillel, der selbst in den 
so schweren Zeiten des Herodes als Geisteslehrer ein groBes Anse- 
hen zu gewinnen wuBte, fiir viele bedeutet hatte innerhalb des Juden- 
tums. Er war ein Mann, der groBe Weisheitsschatze in seiner Seele 
gehabt hatte. Und Jesus wuBte, wie wenig die innigen Worte, die der 
alte Hillel gesprochen hatte, Eingang gefunden hatten in die Herzen 
und Seelen. Dennoch hatte man von dem alten Hillel gesagt: die 
Thora, die Summe der altesten, bedeutsamsten Gesetze des Juden- 
tums, ist verschwunden und Hillel hat sie wiederum hergestellt. - Wie 
ein Erneuerer der urspriinglichen Judenweisheit erschien Hillel fiir 
diejenigen seiner Zeitgenossen, die ihn verstanden. Er war ein Lehrer, 
der auch herumwandelte wie ein wahrer Weisheitslehrer, Sanftmut war 
sein Grundcharakter, eine Art Messias war er. Das alles erzahlt selbst 
der Talmud, und es laBt sich nachpriifen durch auBere Gelehrsam- 



keit. Die Leute waren des Lobes voll iiber Hillel und erzahlten viel 
Gutes von ihm. Ich kann nur einzelnes herausgreifen, urn hinzudeu- 
ten auf die Art, wie Jesus von Nazareth von Hillel zu seiner Mutter 
sprach, um seine Seelenstimmung anzudeuten. 

Hillel wird als ein sanfter, milder Charakter geschildert, der Unge- 
heueres durch Milde und Liebe wirkte. Eine Erzahlung hat sich erhal- 
ten, die besonders bedeutsam ist, um zu zeigen, wie Hillel der Mann 
der Geduld und Sanftmut war, der jedem entgegenkam. Zwei Men- 
schen wetteten einstmals um die Moglichkeit, Hillel zum Zorn zu 
reizen, denn bekannt war, daft Hillel iiberhaupt nicht in Zorn geraten 
konne. Da wetteten nun zwei Manner, von denen der eine sagte : Ich 
will alles tun, um Hillel dennoch in Zorn zu bringen. - Er wollte 
dann seine Wette gewonnen haben. Als fur Hillel die Zeit gerade am 
allerbesetztesten war, als er am meisten zu tun hatte mit der Vorbe- 
reitung fur den Sabbat, wo ein solcher Mann am wenigsten gestort 
werden kann, da klopfte jener Mann, der die Wette eingegangen war, 
an die Tiire Hillels und sagte nicht etwa in einem hof lichen Ton oder 
mit irgendeiner Anrede - und Hillel war der Vorsitzende der obersten 
geistlichen Behorde, der gewohnt war, hoflich angeredet zu wer- 
den -, sondern der Mann rief bloB: Hillel, komm heraus, komm 
schnell heraus I - Hillel warf sich seinen Mantel um und kam heraus. 
Der Mann sagte in scharfem Tone, wiederum ohne die geringste 
Hoflichkeit: Hillel, ich habe dich etwas zu fragen. - Und giitig ant- 
wortete Hillel: Mein Lieber, was hast du denn zu fragen? - Ich habe 
dich zu fragen, warum die Babylonier so diinne Kopfe haben? - Da 
sagte Hillel mit dem sanftesten Tone : Nun, mein Lieber, die Babylo- 
nier haben so diinne Kopfe, weil sie so ungeschickte Hebammen 
haben. - Da ging der Mann fort und dachte, diesmal war Hillel sanft- 
miitig geblieben. Hillel setzte sich wiederum an seine Arbeit. Nach 
ein paar Minuten kam der Mann zuriick und rief wiederum barsch 
Hillel mitten aus seiner Arbeit heraus: Hillel, komm heraus, ich 
habe dich etwas Wichtiges zu fragen ! - Hillel warf sich wieder seinen 
Mantel um, kam heraus und sprach: Nun, mein Lieber, was hast du 
wieder zu fragen? - Ich habe dich zu fragen, warum die Araber so 
kleine Augen haben? - Sanftmiitig sagte Hillel: Weil die Wiiste so 



groB ist, das macht die Augen klein, die Augen werden klein beim 
Betrachten der groBen Wiiste, deshalb haben die Araber so kleine 
Augen. - Wieder war Hillel sanftmutig geblieben. Da war der Mann 
recht angstlich um seine Wette, und er kam wiederum und rief zum 
dritten Male in barschem Tone: Hillel, komm heraus, ich habe dich 
etwas Wichtiges zu fragen! - Hillel legte seinen Mantel um, kam 
heraus und fragte mit immer gleicher Sanftmut: Nun, mein Lieber, 
was hast du mich nun zu fragen? - Ich habe dich zu fragen, warum 
haben die Agypter so platte FuBe? - Weil die Gegenden da so sump- 
fig sind, deshalb haben die Agypter so platte FuBe. - Und ruhig und 
gelassen ging Hillel wieder an seine Arbeit. Nach ein paar Minuten 
kam der Mann wieder und erzahlte Hillel, er wolle ihn jetzt nichts fra- 
gen; er habe eine Wette gemacht, daB er ihn in Zorn bringen wolle, 
aber er wiiBte nicht, wie er ihn in Zorn bringen konnte. Da sagte 
Hillel sanftmutig: Mein Lieber, es ist besser, daB du deine Wette 
verlierst, als daB Hillel in Zorn gerate ! 

Diese Legende wird erzahlt zum Beweis dafiir, wie sanftmutig und 
lieb Hillel selbst mit jedem war, der ihn qualte. Solch ein Mann ist - 
so meinte Jesus von Nazareth zu seiner Mutter -, in vieler Beziehung 
etwas wie ein alter Prophet. Und kennen wir nicht viele Ausspruche 
Hillels, die wie eine Erneuerung des alten Prophetentums klingen? 
Manche schone Ausspruche Hillels fiihrte er an und dann sagte er: 
Siehe, liebe Mutter, von Hillel wird gesagt, daB er wie ein wieder- 
erstandener alter Prophet ist. Ich habe noch ein besonderes Interesse 
an ihm, denn merkwiirdig dammert etwas auf in mir, als wenn noch 
ein besonderer Zusammenhang da sei zwischen Hillel und mir; mir 
dammert etwas auf, wie wenn dasjenige, was ich weiB und was in mir 
lebt als groBe Offenbarung des Geistigen, nicht allein vom Judentum 
kommen wiirde. - Und ebenso war es ja auch bei Hillel; denn dieser 
war ja der auBeren Geburt nach ein Babylonier und war erst sparer 
in das Judentum hineingekommen. Aber auch er stammte aus dem 
Geschlechte Davids, war aus uralten Zeiten verwandt mit dem Davids- 
geschlechte, von dem sich Jesus von Nazareth und die Seinigen selber 
auch herzuleiten hatten. Und Jesus sagte : Wenn ich auch so wie Hil- 
lel als Sohn aus dem Geschlechte Davids aussprechen wollte die hohen 



Offenbarungen, die wie eine Erleuchtung in meine Seele hineingegos- 
sen sind und die dieselben hohen Offenbarungen sind, die in alten 
Zeiten dem jiidischen Volke gegeben waren, heute sind die Ohren 
nicht da, sie zu horen! 

Tief hatten sich in seiner Seele abgeladen Schmerz und Leid dar- 
iiber, daB ja einstmals dem hebraischen Volke die groBten Wahrheiten 
der Welt gegeben waren, daB einstmals auch die Leiber dieses Volkes 
so waren, daB sie verstehen konnten diese Offenbarungen, daB aber 
jetzt die Zeiten anders geworden waren, daB auch die Leiber des 
hebraischen Volkes anders geworden waren, so daB sie nicht mehr 
verstehen konnten die alten Offenbarungen der Urvater. 

Ein ungeheuer einschneidendes, schmerzlichstes Erlebnis war das 
fur Jesus, daB er sich sagen muBte: Einstmals ist verstanden wor- 
den, was die Propheten lehrten, verstanden worden ist votn hebra- 
ischen Volke die Sprache des Gottes, heute aber ist niemand da, der 
sie versteht; tauben Ohren wxirde man predigen. Solche Worte sind 
heute nicht mehr am Platze; es sind nicht mehr die Ohren da, sie zu 
verstehen! Wertlos und nutzlos ist alles, was man in solcher Weise 
sagen konnte. - Und wie zusammenfassend das, was er in dieser Rich- 
tung zu sagen hatte, sprach Jesus von Nazareth zu seiner Mutter: Es ist 
nicht mehr fur diese Erde moglich die Offenbarung des alten Juden- 
tums, denn die alten Juden sind nicht mehr da, um sie aufzuneh- 
men. Das muB als etwas Wertloses auf unserer Erde angesehen wer- 
den. 

Und merkwiirdigerweise horte ihm die Mutter ruhig zu, wie er 
sprach von der Wertlosigkeit dessen, was ihr das Heiligste war. Aber 
sie hatte ihn innig lieb und fiihlte nur ihre unendliche Liebe. Daher 
ging etwas uber in sie von tiefem Gefiihlsverstandnis dessen, was er 
ihr zu sagen hatte. Und dann setzte er das Gesprach fort und kam 
darauf, von dem zu berichten, wie er gewandert war in die heid- 
nischen Kultstatten und was er dort erlebt hatte. Es dammerte herauf 
in seinem Geiste, wie er niedergefallen war am heidnischen Altar, wie 
er die veranderte Bath-Kol gehort hatte. Und da leuchtete ihm auf 
etwas wie eine Erinnerung der alten Zarathustra-Lehre. Er wuBte 
noch nicht genau, daB er die Zarathustra- Seele in sich trug, aber die 



alte Zarathustra-Lehre, die Zarathustra-Weisheit, der alte Zarathustra- 
Impuls stiegen wahrend des Gespraches in ihm auf. In Gemeinschaft 
mit seiner Mutter erlebte er diesen groBen Zarathustra-Impuls. All 
das Schone und GroBe der alten Sonnenlehre kam in seiner Seele her- 
auf. Und er erinnerte sich: Als ich am heidnischen Altar lag, da horte 
ich etwas wie eine Offenbarung! - Und jetzt kamen in seine Erinne- 
rung die Worte der umgewandelten Bath-Kol, die ich ja gestern ge- 
sprochen habe, und er sprach sie zur Mutter: 

Amen 

Es walten die tlbel 

Zeugen sich losender Ichheit 

Von andern erschuldete Selbstheitschuld 

Erlebet im taglichen Brote 

In dem nicht waltet der Himmel Wille 

Da der Mensch sich schied von Eurem Reich 

Und vergaB Euren Namen 

Ihr Vater in den Himmeln. 

Und all die GroBe auch des Mithras dienstes lebte mit ihnen in seiner 
Seele auf und stellte sich wie durch innere Genialitat ihm dar. Viel 
sprach er mit seiner Mutter uber die GroBe und Glorie des alten Hei- 
dentums. Viel sprach er von dem, was in den alten Mysterien der 
Volker lebte, wie zusammengeflossen waren die einzelnen Mysterien- 
dienste Vorderasiens und Sudeuropas in diesem Mithrasdienst. Aber 
zugleich trug er in seiner Seele die furchtbare Empfindung : wie sich 
nach und nach dieser Dienst gewandelt hatte und gekommen war 
unter damonische Gewalten, die er selber erlebt hatte ungefahr in 
seinem vierundzwanzigsten Lebensjahre. Es kam ihm alles in den Sinn, 
was er damals erlebt hatte. Und da erschien ihm auch die alte Zara- 
thustra-Lehre wie etwas, wofur die Menschen der heutigen Zeit nicht 
mehr empfanglich sind. Und unter diesem Eindruck sprach er zu 
seiner Mutter das zweite bedeutsame Wort: Wenn auch erneuert wiir- 
den alle die alten Mysterien und Kulte, und alles das hineinflosse, was 
einstmals groB war in den Mysterien des Heidentums, es sind, dies zu 
vernehmen, die Menschen nicht mehr da! All das ist nutzlos. Und 



wiirde ich herausgehen und den Menschen dasjenige verkiinden, was 
ich als die veranderte Stimme der alten Bath-Kol gehort habe, wiirde 
ich das Geheimnis kund tun, warum die Menschen in ihrem physischen 
Leben nicht mehr in Gemeinschaft mit den Mysterien leben konnen, 
oder wiirde ich verkiindigen die alte Sonnenweisheit des Zarathustra, 
heute sind die Menschen nicht da, die dies verstehen wiirden. Heute 
wiirde sich alles das in den Menschen verkehren in damonisches We- 
sen, denn es wiirde so hineinklingen in die Menschenseelen, daB die 
Ohren nicht da sind, solches zu verstehen ! Die Menschen haben auf- 
gehort, horen zu konnen auf dasjenige, was einstmals verkiindet und 
gehort worden ist. 

Denn es wuBte jetzt Jesus von Nazareth, daB dasjenige, was er 
damals gehort hatte als die veranderte Stimme der Bath-Kol, die ihm 
zugerufen hatte die Worte: «Amen, es walten die Obel» - eine uralt 
heilige Lehre war, ein allwaltendes Gebet war iiberall in den Myste- 
rien, welches man in den Mysterienstatten gebetet hatte, daB es aber 
heute vergessen war. Er wuBte jetzt, daB das, was ihm gegeben wor- 
den war, ein Hinweis war auf alte Mysterienweisheit, die iiber ihn 
gekommen war, als er am heidnischen Altar entriickt war. Aber er sah 
zugleich und driickte es auch in jenem Gesprach aus, daB es keine 
Moglichkeit gibt, das heute wiederum zum Verstandnis zu bringen. 

Und dann fiihrte er dies Gesprach mit der Mutter weiter und 
sprach von dem, was er im Kreise der Essaer in sich aufgenommen 
hatte. Er sprach von der Schonheit, GroBe und Glorie der Essaer- 
lehre, gedachte der groBen Milde und des Sanftmutes der Essaer. Dann 
sagte er das dritte bedeutsame Wort, das ihm aufgegangen war in 
seinem visionaren Gesprach mit dem Buddha : Es konnen doch nicht 
alle Menschen Essaer werden! Wie recht hatte doch Hillel,* als er die 
Worte sprach: Sondere dich nicht von der Gesamtheit ab, sondern 
schaffe und wirke in der Gesamtheit, trage deine Liebe hin zu deinen 
Nebenmenschen, denn wenn du allein bist, was bist du dann? So ma- 
chen es aber die Essaer; sie sondern sich ab, sie ziehen sich mit ihrem 
heiligen Lebenswandel zuriick und bringen dadurch Ungliick iiber die 
anderen Menschen. Denn die Menschen mussen dadurch ungliicklich 
sein, daB sie sich von ihnen absondern. - Und dann sagte er zu der 



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♦Siehe Hinweis. 



Mutter das bedeutsame Wort, indem er ihr das Erlebnis erzahlte, das 
ich gestern besprochen habe: Als ich einstmals nach einem intimen, 
wichtigsten Gesprach mit den Essaern wegging, da sah ich am Haupt- 
tore, wie Luzifer und Ahriman davonliefen. Seit jener Zeit, liebe 
Mutter, weiB ich, daB die Essaer durch ihre Lebensweise, durch ihre 
Geheimlehre sich selber vor ihnen schutzen, so daB Luzifer und Ahri- 
man vor ihren Toren fliehen miissen. Aber sie schicken dadurch Luzi- 
fer und Ahriman weg von sich zu den anderen Menschen hin. Die 
Essaer werden gliicklich in ihren Seelen auf Kosten der anderen Men- 
schen; sie werden gliicklich, weil sie sich selber vor Luzifer und 
Ahriman retten! - Er wuBte jetzt durch das Leben bei den Essaern: 
Ja, eine MogHchkeit gibt es noch, hinaufzusteigen dahin, wo man 
sich vereint mit dem Gottlich-Geistigen, aber nur Einzelne konnen 
es auf Kosten der groBen Menge erreichen. Er wuBte jetzt: Weder 
auf Juden- noch auf Heidenweise noch auf Essaerweise war der all- 
gemeinen Menschheit der Zusammenhang mit der gottlich-geistigen 
Welt zu bringen. 

Dies Wort schlug furchtbar ein in die Seele der liebenden Mutter. 
Er war wahrend dieses ganzen Gespraches vereint mit ihr, wie eins 
mit ihr. Die ganze Seele, das ganze Ich des Jesus von Nazareth lag in 
diesen Worten. Und hier mochte ich ankniipfen an ein Geheimnis, 
welches stattfand vor der Johannestaufe in diesem Gesprach mit der 
Mutter: Es ging etwas weg von Jesus zu dieser Mutter hiniiber. Nicht 
nur in Worten rang sich das alles los von seiner Seele, sondern weil 
er so innig mit ihr vereint war seit seinem zwolften Jahre, ging mit 
seinen Worten sein ganzes Wesen zu ihr uber, und er wurde jetzt so, 
daB er wie auBer sich gekommen war, wie wenn ihm sein Ich weg- 
gekommen war. Die Mutter aber hatte ein neues Ich, das sich in sie 
hineinversenkt hatte, erlangt: sie war eine neue Personlichkeit gewor- 
den. Und forscht man nach, versucht man herauszubekommen, was 
da geschah, so stellt sich folgendes Merkwiirdige heraus. 

Der ganze furchtbare Schmerz, das furchtbare Leid des Jesus, das 
aus seiner Seele sich losrang, ergoB sich hinein in die Seele der Mut- 
ter und sie fuhlte sich wie eins mit ihm. Jesus aber fuhlte, als ob 
alles, was seit seinem zwolften Jahre in ihm lebte, fortgegangen 



ware wahrend dieses Gespraches. Je mehr er davon sprach, desto 
mehr wurde die Mutter voll von all der Weisheit, die in ihm lebte. 
Und alle die Erlebnisse, die seit seinem zwolften Jahre in ihm gelebt 
hatten, sie lebten jetzt auf in der Seele der liebenden Mutter! Aber 
von ihm waren sie wie hingeschwunden; er hatte gleichsam in die 
Seele, in das Herz der Mutter dasjenige hineingelegt, was er selber 
erlebt hatte seit seinem zwolften Jahre. Dadurch wandelte sich die 
Seele der Mutter um. 

Wie verwandelt war auch er seit jenem Gesprache, so verwandelt, 
daB die Briider oder Stief briider und die anderen Verwandten, die in 
seiner Umgebung waren, die Meinung bekamen, er hatte den Verstand 
verloren. Wie schade, sagten sie, er wuBte so viel; er war ja immer 
sehr schweigsam, jetzt aber ist er vollig von Sinnen gekommen, jetzt 
hat er den Verstand verloren! - Man sah ihn als einen Verlorenen an. 
Er ging in der Tat auch tagelang wie traumhaft im Hause umher. Das 
Zarathustra-Ich war eben dabei, diesen Leib des Jesus von Nazareth 
zu verlassen und in die geistige Welt uberzugehen. Und ein letzter 
EntschluB entwand sich ihm: Wie durch einen inneren Drang, wie 
durch eine innere Notwendigkeit getrieben, bewegte er sich nach 
einigen Tagen wie mechanisch aus dem Hause fort, zu dem ihm schon 
bekannten Johannes dem Taufer hin, um von ihm die Taufe zu er- 
langen. 

Und dann fand jenes Ereignis statt, das ich ofter beschrieben habe 
als die Johannes taufe im Jordan: das Christus-Wesen senkte sich hinab 
in seinen Leib. 

So waren die Vorgange. Jesus war jetzt durchdrungen von dem 
Christus-Wesen. Seit jenem Gesprache mit seiner Mutter war gewichen 
das Ich des Zarathustra und dasjenige, was vorher gewesen war, was 
er bis zum zwolften Jahre war, das war wiederum da, nur gewach- 
sen, noch groBer geworden. Und hinein in diesen Leib, der jetzt nur 
in sich trug die unendliche Tiefe des Gemiites, das Gefuhl des Offen- 
seins fur unendliche Weiten, senkte sich der Christus. Der Jesus war 
jetzt durchdrungen vom Christus ; die Mutter aber hatte auch ein neues 
Ich, das sich in sie hineinversenkt hatte, erlangt; sie war eine neue 
Personlichkeit geworden. 



Es stellt sich dem Geistesforscher folgendes dar: In demselben 
Augenblicke, als diese Taufe im Jordan geschah, fiihlte auch die Mut- 
ter etwas wie das Ende ihrer Verwandlung. Sie fuhlte - sie war da- 
mals im fiinfundvierzigsten, sechsundvierzigsten Lebensjahre -, sie 
fuhlte sich mit einem Male wie durchdrungen von der Seele jener 
Mutter, welche die Mutter des Jesusknaben war, der in seinem zwolf- 
ten Jahre das Zarathustra-Ich empfangen hatte, und die gestorben 
war. So wie der Christus-Geist auf Jesus von Nazareth herabgekom- 
men war, so war der Geist der anderen Mutter, die mittlerweile in der 
geistigen Welt weilte, herniedergekommen auf die Ziehmutter, mit 
der Jesus jenes Gesprach hatte. Sie fuhlte sich seitdem wie jene junge 
Mutter, die einstmals den Lukas- Jesusknaben geboren hatte. 

Stellen wir uns in der richtigen Weise vor, was das fur ein unend- 
lich bedeutsames Ereignis ist! Versuchen wir das zu fuhlen, aber auch 
zu fuhlen, daG jetzt ein ganz besonderes Wesen auf der Erde lebte: 
die Christus-Wesenheit in einem Menschenleibe, eine Wesenheit, die 
noch nicht in einem Menschenleibe gelebt hatte, die bisher nur war in 
geistigen Reichen, die vorher kein Erdenleben hatte, die die geistigen 
Welten kannte, nicht die Erdenwelt! Von der Erdenwelt erfuhr diese 
Wesenheit nur dasjenige, was gleichsam aufgespeichert war in den 
drei Leibern, im physischen Leib, Atherleib und Astralleib des Jesus 
von Nazareth. Sie senkte sich nieder in diese drei Leiber, wie sie 
geworden waren unter dem EinfluB des dreiBigjahrigen Lebens, das 
ich ja geschildert habe. So erlebte diese Christus-Wesenheit ganz un- 
befangen dasjenige, was sie zunachst auf Erden erlebte. 

Diese Christus-Wesenheit wurde zunachst gefiihrt - das zeigt uns 
auch die Akasha-Chronik des Funften Evangeliums - in die Einsam- 
keit. Der Jesus von Nazareth, in dessen Leib die Christus-Wesenheit 
war, hatte ja dahingegeben alles, was ihn friiher mit der iibrigen Welt 
verbunden hatte. Die Christus-Wesenheit war eben angekommen auf 
der Erde. Zunachst zog es diese Christus-Wesenheit zu dem hin, was 
durch die Eindrucke des Leibes, die wie im Gedachtnis geblieben 
waren, im Astralleibe am heftigsten sich eingegraben hatte. Gleich- 
sam sagte sich die Christus-Wesenheit: Ja, das ist der Leib, der den 
niehenden Ahriman und Luzifer erlebt hat, der gespurt hat, dafi die 



strebenden Essaer Ahriman und Luzifer zu den anderen Menschen 
hinstoBen. - Zu ihnen fiihlte der Christus sich hingezogen, zu Ahri- 
man und Luzifer, denn er sagte sich: Das sind die geistigen Wesen, 
mit denen die Menschen auf Erden zu kampfen haben. - So zog es die 
Christus- Wesenheit, die zum ersten Male in einem Menschenleibe, in 
einem Erdenleibe wohnte, zunachst hin zum Kampf mit Luzifer und 
Ahriman in der Einsamkeit der Wiiste. 

Ich glaube, da8 die Szene von der Versuchung, so wie ich sie nun 
erzahlen werde, durchaus richtig ist. Aber es ist sehr schwierig, solche 
Dinge in der Akasha-Chronik zu lesen. Deshalb bemerke ich aus- 
drucklich, daB das eine oder andere unbetrachtlich modifiziert wer- 
den konnte bei einer weiteren okkulten Untersuchung. Aber das 
Wesentliche ist da, und dieses Wesentliche habe ich Ihnen zu erzah- 
len. Die Versuchungsszene stent ja in verschiedenen Evangelien. Aber 
diese erzahlen von verschiedenen Seiten her. Das habe ich ja ofters 
hervorgehoben. Ich habe mich bemuht, diese Versuchungsszene so 
zu gewinnen, wie sie wirklich war und ich mochte unbefangen erzah- 
len, wie sie wirklich war. 

Zuerst begegnete die Christus- Wesenheit im Leibe des Jesus von 
Nazareth in der Einsamkeit Luzifer, Luzifer, wie er waltet und wirkt 
und an die Menschen versuchend herankommt, wenn sie sich selbst 
uberschatzen, wenn sie zu wenig Selbsterkenntnis und Demut haben. 
Herantreten an den falschen Stolz, den Hochmut, an die Selbstver- 
groBerung der Menschen: das will Luzifer ja immer versuchen. Jetzt 
trat Luzifer dem Christus Jesus entgegen und sagte zu ihm ungefahr 
die Worte, die ja auch in den anderen Evangelien stehen: Sieh mich 
an! Die anderen Reiche, in welche der Mensch versetzt ist, die von 
den anderen Gottern und Geistern gegriindet worden sind, die sind 
alt. Ich aber will ein neues Reich griinden; ich habe mich losgelost von 
der Weltordnung ; ich will dir alles geben, was an Schonheit und Herr- 
lichkeit in den alten Reichen ist, wenn du in mein Reich eintrittst. 
Aber abtrennen sollst du dich von den anderen Gottern und mich 
anerkennen! - Und alle Schonheit und HerrHchkeit der luziferischen 
Welt schilderte Luzifer, alles, was zur Menschenseele sprechen muBte, 
wenn sie auch nur ein wenig Hochmut in sich hatte. Aber die Chri- 



stus-Wesenheit kam eben aus den geistigen Welten; sie wuBte, wer 
Luzifer ist und wie das Verhalten der Seele zu den Gottern ist, die 
nicht auf Erden von Luzifer verfiihrt werden will. Die Christus- 
Wesenheit kannte zwar nichts von der luziferischen Verfuhrung in 
der Welt, aus der sie kam; sie wuBte aber, wie man den Gottern 
dient, und sie war so stark, um Luzifer zuriickzuweisen. 

Da machte Luzifer eine zweite Attacke, aber jetzt holte er sich 
Ahriman zu seiner Unterstiitzung heran, und sie sprachen jetzt beide 
zum Christus. Der eine wollte seinen Hochmut aufstacheln: Luzifer; 
der andere wollte zu seiner Furcht sprechen: Ahriman. Dadurch kam 
zustande, daB ihm der eine sagte : Durch meine Geistigkeit, durch das, 
was ich dir zu geben vermag, wenn du mich anerkennst, wirst du 
nicht bediirfen dessen, wessen du jetzt bedarfst, weil du als Christus in 
einen menschlichen Leib getreten bist. Dieser physische Leib unter- 
wirft dich, du muBt in ihm das Gesetz der Schwere anerkennen. Er 
hindert dich, das Gesetz der Schwere zu ubertreten, ich aber werde 
dich erheben \iber die Gesetze der Schwere. Wenn du mich anerkennst, 
werde ich die Folgen des Sturzes aufheben und es wird dir nichts 
geschehen. Stiirze dich hinunter von der Zinne! Es steht ja geschrie- 
ben: Ich will den Engeln befehlen, daB sie dich behuten, daB du 
deinen FuB nicht an einen Stein stoBest. - Ahriman, der wirken 
wollte auf seine Furcht, sprach: Ich werde dich behuten vor der 
Furcht! Stiirze dich hinunter! 

Und beide drangen auf ihn ein. Aber da sie beide auf ihn einstiirm- 
ten und sich gleichsam in ihrem Drangen die Waage hielten, konnte er 
sich vor ihnen retten. Und er fand die Kraft, die der Mensch finden 
muB auf Erden, um sich liber Luzifer und Ahriman zu erheben. 

Da sagte Ahriman: Luzifer, ich kann dich nicht brauchen, du 
hemmst mich nur, du hast meine Krafte nicht vermehrt, sondern ver- 
mindert, ich werde ihn allein versuchen. Du hast verhindert, daB diese 
Seele uns verfallt. - Da schickte Ahriman den Luzifer weg und machte 
die letzte Attacke, als er allein war, und er sagte dasjenige, was ja nach- 
klingt im Matthaus-Evangelium : Wenn du dich gottlicher Krafte riih- 
men willst, dann mache das Mineralische zu Brot, oder wie es im 
Evangelium steht: Mache die Steine zu Brot! - Da sagte die Christus- 



Wesenheit zu Ahriman: Die Menschen leben nicht von Brot allein, 
sondern von dem, was als Geistiges aus den geistigen Welten kommt. - 
Das wuBte die Christus-Wesenheit am besten, denn sie war ja eben erst 
herabgestiegen aus den geistigen Welten. Da antwortete Ahriman: 
Wohl magst du recht haben. Aber daB du recht hast und inwiefern du 
recht hast, das kann mich eigentlich nicht hindern, dich doch in einer 
gewissen Weise zu halten. Du weiBt nur, was der Geist tut, der aus 
den Hohen heruntersteigt. Du warst aber noch nicht in der mensch- 
lichen Welt. Da unten in der menschlichen Welt gibt es noch ganz 
andere Menschen, die haben wahrhaftig notig, Steine zu Brot zu ma- 
chen, die konnen unmoglich sich bloB vom Geiste nahren. 

Das war der Moment, wo Ahriman zu Christus etwas sprach, was 
man zwar auf der Erde wissen konnte, was aber der Gott, der eben 
erst die Erde betreten hatte, noch nicht wissen konnte. Er wuBte 
nicht, daB es unten auf der Erde notwendig ist, das Mineralische, das 
Metall zu Geld zu machen, damit die Menschen Brot haben. Da sagte 
Ahriman, daB die armen Menschen da unten auf der Erde gezwungen 
sind, mit dem Gelde sich zu ernahren. Das war der Punkt, an dem 
Ahriman noch eine Gewalt hatte. Und ich werde - sagte Ahriman - 
diese Gewalt gebrauchen! 

Dies ist die wirkliche Darstellung der Versuchungsgeschichte. Es 
war also ein Rest geblieben bei der Versuchung. Nicht endgultig waren 
die Fragen gelost; wohl die Fragen Luzifers, aber nicht die Fragen 
Ahrimans. Um diese zu losen, war noch etwas anderes notwendig. 

Als der Christus Jesus die Einsamkeit verlieB, da fiihlte er sich hin- 
ausgeriickt iiber all das, was er durchlebt und gelernt hatte von seinem 
zwolften Jahre ab ; er fiihlte den Christus-Geist verbunden mit dem, 
was in ihm gelebt hatte vor seinem zwolften Jahre. Er fiihlte sich 
eigentlich mit all dem, was alt und diirr geworden war im Mensch- 
heitswerden, nicht mehr verbunden. Selbst die Sprache, die in seiner 
Umgebung gesprochen wurde, war ihm gleichgiiltig geworden, und 
zunachst schwieg er auch. Er wanderte um Nazareth herum und noch 
weiter hinaus, immer weiter und weiter. Er besuchte viele derjenigen 
Orte, die er schon als Jesus von Nazareth beriihrt hatte, und da zeigte 
sich etwas hochst Eigentumliches. Ich bitte wohl zu beachten, ich 



erzahle die Geschichte des Funften Evangeliums, und es wiirde nichts 
taugen, wenn irgend jemand sogleich Widerspruche aufsuchen wollte 
zwischen diesem und den vier anderen Evangelien. Ich erzahle so, wie 
die Dinge im Funften Evangelium stehen. 

In rechter Schweigsamkeit, wie nichts gemein habend mit der Um- 
gebung, wanderte zunachst der Christus Jesus von Herberge zu Her- 
berge, \iberall bei den Leuten und mit den Leuten arbeitend. Und tie- 
fen Eindruck hatte zuruckgelassen auf ihn, was er durchlebt hatte mit 
dem Spruche des Ahriman vom Brote. tjberall fand er die Menschen, 
die ihn schon kannten, bei denen er fniher schon gearbeitet hatte. Die 
Menschen erkannten ihn wieder, und er fand unter diesen Menschen 
wirklich das Volk, diejenigen, bei denen Ahriman Zutritt haben muB, 
weil sie notig haben, Steine, Mineralisches zu Brot zu machen, oder 
was dasselbe ist, Geld, Metall zu Brot zu machen. Bei denjenigen, die 
Hillels oder anderer Sittenspruche beachteten, brauchte er ja nicht ein- 
zukehren. Aber bei denen, welche die anderen Evangelien die Zollner 
und Sunder nennen, kehrte er ein, denn das waren diejenigen, die 
darauf angewiesen waren, Steine zu Brot zu machen. Besonders bei 
diesen ging er viel herum. 

Aber jetzt war das Eigentumliche eingetreten: Viele von diesen 
Menschen kannten ihn schon aus der Zeit vor seinem dreiBigsten 
Jahre, da er schon ein-, zwei- oder dreimal als Jesus von Nazareth bei 
ihnen gewesen war. Dazumal lernten sie kennen sein mildes, liebes, 
weises Wesen. Denn solch groBe Schmerzen, solch tiefes Leid, die er 
durchlebte seit seinem zwolften Jahre, wandelt sich zuletzt um in die 
Zauberkraft der Liebe, die in jedem Worte so ausstromt, wie wenn in 
seinen Worten noch eine geheimnisvolle Kraft waltete, die sich aus- 
goB iiber die Umstehenden. Wohin er kam, uberall, in jedem Hause, in 
jeder Herberge, war er tief geliebt. Und diese Liebe blieb zuriick, wenn 
er wiederum die Hauser verlassen hatte und weitergezogen war. 

Viel sprach man in diesen Hausern von dem lieben Menschen, dem 
Jesus von Nazareth, der durchwandert hatte diese Hauser, diese Orte. 
Und wie durch das Hineinwirken kosmischer GesetzmaBigkeit 
geschah das Folgende. Ich erzahle hier Szenen, die sich zahlreich wie- 
derholten und die uns die hellsichtige Forschung oft und oft zeigen 



kann. Da war er in den Familien, bei denen Jesus von Nazareth gear- 
beitet hatte, die nach der Arbeit zusammensaBen und gerne redeten, 
wenn die Sonne untergegangen war, noch wie gegenwartig ! Da rede- 
ten sie von dem lieben Menschen, der als Jesus von Nazareth bei 
ihnen gewesen war. Vieles erzahlten sie von seiner Liebe und Milde, 
vieles von ihren schonen, warmen Empfindungen, die durch ihre See- 
len gezogen waren, wenn dieser Mensch unter ihrem Dache gelebt 
hatte. Und da geschah es - es war eine Nachwirkung jener Liebe, die 
da ausstromte -, in manchen dieser Hauser, wenn sie so stundenlang 
von diesem Gast gesprochen hatten, daft in die Stube hereintrat wie 
in einer gemeinsamen Vision fur alle Familienmitglieder, das Bild die- 
ses Jesus von Nazareth. Ja, er besuchte sie im Geiste, oder auch, sie 
schufen sich sein geistiges Bild. 

Nun konnen Sie sich denken, wie es in solchen Familien emp- 
funden wurde, wenn er ihnen in der gemeinsamen Vision erschie- 
nen war, und was es fur sie bedeutete, wenn er jetzt wiederkam, 
nach der Johannestaufe im Jordan, und sie sein AuBeres wieder- 
erkannten, nur war sein Auge leuchtender geworden. Sie sahen das 
verklarte Antlitz, das einstmals sie so lieb angeschaut hatte, diesen 
ganzen Menschen, den sie im Geiste bei sich sitzend gesehen hatten. 
Was da AuBerordentliches geschah in solchen Familien, was da ge- 
schah bei den Siindern und Zollnern, die wegen ihres Karma von all 
den damonischen Wesen jener Zeit umgeben, geplagt waren, die da 
krank und beladen und besessen waren, wie diese Leute diese Wieder- 
kehr empfunden haben, das konnen wir uns wohl denken ! 

Jetzt zeigte sich die umgewandelte Natur des Jesus; es zeigte sich 
besonders an solchen Menschen, was durch die Einwohnung des 
Christus aus Jesus von Nazareth geworden war. Friiher hatten sie nur 
seine Liebe, Giite und Milde empfunden, so daB sie nachher die 
Vision von ihm hatten; jetzt aber ging etwas von ihm aus wie eine 
Zauberkraft ! Hatten sie sich friiher nur getrostet gefiihlt durch seine 
Gegenwart, so fiihlten sie sich jetzt geheilt durch ihn. Und sie gingen 
zu ihren Nachbarn, holten sie herbei, wenn sie ebenso bedriickt und 
von damonischen Gewalten geplagt waren, und brachten sie dem 
Jesus Christus. Und so geschah es, daB der Christus Jesus, nachdem 



er Luzifer besiegt und nur einen Stachel zuriickbehalten hatte von 
Ahriman, bei den Menschen, die unter Ahrimans Herrschaft waren, 
dasjenige bewirken konnte, was immer geschildert wird in der Bibel 
als die Austreibung der Damonen und Heilung der Kranken. Viele 
von jenen Damonen, die er gesehen hatte, als er wie tot auf dem 
heidnischen Opferaltar gelegen hatte, wichen jetzt von den Leuten, 
wenn er als Christus Jesus den Menschen gegeniibertrat. Denn so 
wie Luzifer und Ahriman in ihm ihren Gegner sahen, so sahen auch 
die Damonen in ihm ihren Gegner. Und als er so durch das Land 
zog, da muBte er durch das Verhalten der Damonen in den Men- 
schenseelen oft und oft an dazumal denken, wie er dort am alten 
Opferaltar gelegen hatte, wo statt der Gotter die Damonen waren, 
und wo er nicht den Dienst verrichten konnte. Er muBte gedenken 
der Bath-Kol, die ihm das alte Mysteriengebet verkiindet hatte, von 
dem ich Ihnen gesprochen habe. Und insbesondere kam ihm immer 
wieder und wieder in den Sinn die mittlere Zeile dieses Gebetes: 
«Erlebet im taglichen Brote.» - Jetzt sah er es: Diese Menschen, bei 
denen er eingekehrt war, muBten Steine zu Brot machen. Er sah: 
Unter diesen Menschen, bei denen er so gelebt hatte, sind viele, die 
nur vom Brot allein leben miissen. Und das Wort aus jenem urheid- 
nischen Gebete: «Erlebet im taglichen Brote», senkte sich tief in 
seine Seele. Er fuhlte die ganze Einkorperung des Menschen in die 
physische Welt. Er fuhlte, daB es in der Menschheitsevolution wegen 
dieser Notwendigkeit so weit gekommen war, daB durch diese phy- 
sische Einkorperung die Menschen vergessen konnten die Namen der 
Vater in den Himmeln, die Namen der Geister der hoheren Hierar- 
chies Und er fuhlte, wie jetzt keine Menschen mehr da waren, die 
horen konnten die Stimmen der alten Propheten und die Botschaft 
der Zarathustra-Weisheit. Jetzt wuBte er, daB das Leben im taglichen 
Brote es ist, das die Menschen von den Himmeln getrennt hat, das 
die Menschen in den Egoismus treiben und Ahriman zufuhren muB. 

Als er mit solchen Gedanken durch die Lande ging, da stellte sich 
heraus, daB diejenigen, die am tiefsten gefuhlt hatten, wie Jesus von 
Nazareth verwandelt war, seine Junger wurden und ihm folgten. Aus 
mancherlei Herbergen nahm er diesen oder jenen mit, der ihm jetzt 



folgte, folgte, weil er im hochsten MaBe jene Empfindung hatte, die 
ich eben schilderte. So geschah es, daB bald eine Schar von solchen 
Jiingern schon zusammen kam. Da hatte er in diesen Jiingern Leute 
um sich herum, die nun in einer Grundseelenstimmung waren, die 
gewissermaBen ganz neu war, die durch ihn anders geworden waren 
als diejenigen Menschen, von denen er einstmals seiner Mutter hatte 
erzahlen miissen, daB sie nicht mehr das Alte horen konnten. Und da 
leuchtete in ihm die Erdenerfahrung des Gottes auf: Ich habe den 
Menschen zu sagen, nicht wie die Gotter den Weg herunterbahnten 
vom Geist zur Erde, sondern wie die Menschen hinauffinden kon- 
nen den Weg von der Erde zum Geist. 

Und jetzt kam ihm die Stimme der Bath-Kol wieder in den Sinn, 
und er wuBte, daB erneuert werden miiBten die uraltesten Formeln 
und Gebete; er wuBte, daB nun der Mensch von unten hinauf suchen 
muBte den Weg in die geistigen Welten, daB er durch dieses Gebet 
den gottlichen Geist suchen konnte. Da nahm er die letzte Zeile des 
alten Gebetes : 

«Ihr Vater in den Himmeln» 

und kehrte sie um, weil sie so jetzt angemessen ist fur den Menschen 
der neuen Zeit und weil er sie nicht auf die vielen geistigen Wesen- 
heiten der Hierarchien, sondern auf das eine Geistwesen zu beziehen 
hatte : 

«Unser Vater im Himmel. » 

Und die zweite Zeile, die er gehort hatte als die vorletzte Mysterien- 
zeile : 

«Und vergaB Euren Namen», 

er kehrte sie um, wie sie jetzt lauten muBte fur die Menschen der 
neuen Zeit: 

«Geheiliget werde Dein Name.» 

Und so wie die Menschen, die von unten hinaufsteigen miissen, 
sich fiihlen miissen, wenn sie sich der Gottheit nahen wollen, so 
wandelte er um die drittletzte Zeile, die da hieB : 



«Da der Mensch sich schied von Eurem Reich» 

in: 

«Zu uns komme Dein Reich !» 

Und die folgende Zeile: 

«In dem nicht waltet der Himmel Wille», 

er kehrte sie urn, wie sie die Menschen jetzt allein horen konnten, 
denn die alte Wortstellung konnte kein Mensch mehr horen. Er kehrte 
sie um, denn eine vollige Umkehrung des Weges in die geistigen 
Welten sollte geschehen; er kehrte sie um in: 

«Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.» 

Und das Geheimnis vom Brote, von der Einkorperung im physi- 
schen Leibe, das Geheimnis von alledem, was ihm jetzt durch den 
Stachel Ahrimans voll erschienen war, das wandelte er so um, daB 
der Mensch empfinden sollte, wie auch diese physische Welt aus der 
geistigen Welt kommt, wenn es der Mensch auch nicht unmittelbar 
erkennt. So wandelte er diese Zeile vom taglichen Brote um in eine 
Bitte: 

«Gib uns heute unser taglich Brot.» 

Und die Worte: 

«Von andern erschuldete Selbstheitschuld» 

kehrte er um in die Worte: 
«Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.» 

Und diejenige Zeile, welche die zweite war in dem alten Gebet der 
Mysterien : 

«Zeugen sich losender Ichheit», 

er kehrte sie um, indem er sagte : 

«Sondern erlose uns», 



und die erste Zeile: 



«Es walten die Ubel», 

machte er 211 : 

«Von dem t)bel. Amen.» 

Und so wurde denn dasjenige, was das Christentum als das Vater- 
unser kennenlernte durch die Umkehrung dessen, was Jesus einstmals 
als die umgewandelte Stimme der Bath-Kol vernommen hatte bei 
seinem Fall am heidnischen Altar, zu dem, was Christus Jesus als das 
neue Mysteriengebet, das neue Vaterunser lehrte. In einer ahnlichen 
Weise - und es wird ja noch manches zu sagen sein - entstand auch 
die Verkiindigung der Bergpredigt und andere Dinge, die der Chri- 
stus Jesus seine Jiinger lehrte. 

In einer merkwiirdigen Weise wirkte der Christus Jesus gerade auf 
seine Jiinger. Ich bitte, wenn ich Ihnen, meine lieben Freunde, hier- 
von erzahle, immer im Auge zu behalten, daB ich einfach erzahle, was 
zu lesen ist in diesem Fiinften Evangelium. Als er so durch die Lande 
zog, da war seine Wirkung auf die Umgebung eine ganz eigentiimliche. 
Er war zwar mit den Aposteln, mit den Jiingern in Gemeinschaft, 
aber es war, weil er die Christus-Wesenheit war, so, als wenn er gar 
nicht bloB in seinem Leibe ware. Wenn er so mit den Jiingern im 
Lande umherging, dann fuhlte dieser oder jener manchmal, als ob er 
in ihm, in der eigenen Seele ware, wenn er auch neben ihm ging. 
Mancher fuhlte, wie wenn jene Wesenheit, die zu dem Christus Jesus 
gehorte, in der eigenen Seele ware, und er fing dann an zu sprechen 
die Worte, die eigentlich der Christus Jesus selber nur sprechen 
konnte. Und da ging diese Schar herum und traf Leute, es wurde zu 
ihnen gesprochen und derjenige, der da sprach, war durchaus nicht 
immer Christus Jesus selber, sondern es sprach auch mancher der 
Jiinger; denn er hatte alles gemeinsam mit den Jiingern, auch seine 
Weisheit. 

Ich muB gestehen, ich war in hohem MaBe erstaunt, als ich gewahr 
wurde, daB zum Beispiel das Gesprach mit dem Sadduzaer, von 
dem das Markus-Evangelium erzahlt, gar nicht von dem Christus Je- 
sus aus dem Jesusleibe gesprochen wurde, sondern aus einem der 
Jiinger; aber natiirlich sprach es der Christus. Und auch diese Erschei- 



nung war haufig, daB wenn Christus Jesus einmal seine Schar ver- 
lieB - er trennte sich zuweilen von ihnen -, er doch unter ihnen war. 
Entweder wandelte er geistig mit ihnen, wahrend er weit weg war, 
oder er war auch nur in seinem atherischen Leibe bei ihnen. Sein 
Atherleib war unter ihnen, sein Atherleib wandelte auch mit ihnen im 
Lande umher, und man konnte oftmals nicht unterscheiden, ob er so- 
zusagen den physischen Leib mithatte, oder ob es nur die Erscheinung 
des Atherleibes war. 

So war der Verkehr mit den Jiingern und mit mancherlei Men- 
schen aus dem Volke, als der Jesus von Nazareth zum Christus Jesus 
geworden war. Er selber erlebte allerdings das, was ich schon ange- 
deutet habe: Wahrend die Christus- Wesenheit in den ersten Zeiten ver- 
haltnismaBig unabhangig war von dem Leibe des Jesus von Naza- 
reth, muBte sie sich ihm spater immer mehr und mehr anahneln. Und 
je mehr das Leben vorriickte, desto mehr war er gebunden an den 
Leib des Jesus von Nazareth, und ein tiefster Schmerz kam in dem 
letzten Jahre uber ihn von dem Gebundensein an den dazu noch siech 
gewordenen Leib des Jesus von Nazareth. Aber doch kam es immer 
noch vor, daB Christus, der jetzt schon mit einer groBen Schar um- 
herzog, wiederum hinausging aus seinem Leibe. Da und dort wurde 
gesprochen, hier sprach dieser, dort jener aus der Apostelschar, und 
man konnte glauben, daB der, der da sprach, der Christus Jesus sei, 
oder daB es nicht der Christus Jesus sei: der Christus sprach durch 
sie alle, so lange sie in inniger Gemeinschaft mit ihm herumzogen. 

Man kann belauschen einmal ein Gesprach, wie die Pharisaer und 
judischen Schriftgelehrten miteinander sprachen und zueinander sag- 
ten: Zum Abschrecken fur das Volk konnte man allerdings einen 
beliebigen aus dieser Schar herausgreifen und ihn toten; aber es konnte 
ebensogut ein falscher sein, denn alle sprechen sie gleich. Damit ist 
uns also nicht gedient, denn dann ist der wirkliche Christus Jesus viel- 
leicht noch da. Wir miissen aber den wirklichen haben! - Nur die 
Jiinger selber, diejenigen, die ihm schon nahergetreten waren, konn- 
ten ihn unterscheiden. Sie sagten aber ganz gewiB nicht dem Feinde, 
welcher der richtige sei. 

Da war aber Ahriman stark genug geworden in bezug auf die Frage, 



die ubriggeblieben war, die der Christus nicht in den geistigen Welten 
abmachen konnte, sondern nur auf Erden. Er muBte durch die schwer- 
ste Tat erfahren, was die Frage bedeutet, Steine zu Brot zu machen, 
oder was dasselbe ist, Geld zu Brot zu machen, denn Ahriman be- 
diente sich des Judas aus Karioth. 

So wie der Christus wirkte - kein geistiges Mit
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