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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Aus der Akasha-Forschung
Das Fiinfte Evangelium
Achtzehn Vortrage, gehalten 1913 und 1914
in verschiedenen Stadten
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Ernst Weidmann und Hella Wiesberger
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1963
2., neu durchgesehene und erganzte Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1975
3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1980
4. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1985
5. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992
Einzelausgaben siehe Seite 334
Bibliographie-Nr. 148
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
AUe Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1975 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1480-4
ZU DIESER AUSGABE
Der Angelpunkt von Rudolf Steiners Anthroposophie liegt in seiner
Erkenntnis von der zentralen Bedeutung des Christus-Ereignisses fiir die
ganze Menschheits- und Erdenentwicklung. Zu derselben Zeit, als von
seiten der Bibelwissenschaft und der Leben-Jesu-Forschung die Evan-
gelien als historische Quelle und die geschichtliche Existenz des Jesus
Christus immer starker in Frage gestellt wurden, begann er mit seiner
geisteswissenschaftlichen Lehrtatigkeit und legte mit seiner Schrift «Das
Christentum als mystische Tatsache» (1902) den Grund zu einer neuen
Rechtfertigung des Wesens des Christentums. Er stellte klar, dafi die
Evangelien uberhaupt nicht als geschichtliche Biographie Jesu Christi zu
verstehen sind, sondern als Schilderungen dessen, was immer schon in
den verschiedenen Mysterientraditionen als «typisches Leben des Got-
tessohnes» vorgebildet war. In zahlreichen Vortragen der folgenden
Jahre wurde dies vertieft weitergefuhrt. Nach und nach kam es auch zu
Darstellungen von geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnissen
iiber das eigentliche geschichtliche Leben des Jesus von Nazareth bis
zum Zeitpunkt der Jordantaufe, bei welcher der Gottessohn Christus in
den Menschen Jesus von Nazareth einzog. Diese Forschungsergebnisse
bezeichnete Rudolf Steiner als «Fiinftes Evangelium», auch als «Evan-
gelium der Erkenntnis», als aus geisteswissenschaftlicher Forschung
gewonnene Erganzungen zu den vier traditionellen Evangelien im Sinne
der Schlufiworte des Johannes -Evangeliums: «Es gibt aber noch viel
anderes, was Jesus getan hat; und wenn eins nach dem anderen aufge-
schrieben wiirde, glaube ich, sogar die Welt konnte die Biicher nicht
fassen, die geschrieben wurden. » (J oh. 21, 25).
Was von den Vortragen, die in den Jahren 1913/14 unter der Bezeich-
nung «Funftes Evangelium» gehalten worden sind, an Nachschriften
vorliegt, ist im vorliegenden Band gesammelt. Da die Vortrage vor
verschiedenen Zuhorerkreisen an verschiedenen Orten gehalten worden
sind, wiederholen sich die Inhalte zwar, doch bedeuten diese immer
lebendig gestalteten Wiederholungen eine wesentliche Bereicherung. Die
hauptsachlichsten Motive sind: Kindheits- und Jugenderlebnisse des
Jesus von Nazareth - Seine tiefen Erkenntnisleiden am Versiegen der
alten grofien Geistesstromungen - Erlebnisse auf seinen Arbeitswande-
rungen - Die Offenbarung des makrokosmischen Vaterunser, des Vater-
unser der Erkenntnis - Die Beziehung zu den Essaern und zu Johannes
dem Taufer - Entscheidende Gesprache mit seiner Mutter bzw. Zieh-
mutter iiber die Errettung der Menschheit - Erlebnisse auf dem Gang
zur Jordantaufe,
Von Inhaltsangaben ist der Wiederholungen wegen abgesehen wor-
den. Uber das, was Rudolf Steiner sonst noch als zum Fiinften Evange-
lium gehorige Forschungsergebnisse betrachtete, siehe am Schlufi des
Bandes, Seite 333.
Nach seinen eigenen Worten kam Rudolf Steiner mit der Mitteilung
dieser Forschungen einer tief empfundenen Verpflichtung nach. Zum
einen aus der Uberzeugung, dafi unserer Zeit notwendig ist eine Erneue-
rung des Christus Jesus-Verstandnisses, ein erneuertes Hineinblicken in
das, was eigentlich durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist;
zum andern, weil er es als unendlich gesundend und kraftigend fur die
Menschenseelen erachtete, sich zu erinnern an dieses Geschehen, mit
dem Sinn und Ziel der Menschheits- und Erdengeschichte verbunden ist.
INHALT
Zu den Veroffentlichungen aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners .... 8
AUS DER AKASHA-FORSCHUNG
DAS FUNFTE EVANGELIUM
Kristiania (Oslo), Erster Vortrag, 1 . Oktober 1913 9
Kristiania (Oslo), Zweiter Vortrag, 2. Oktober 1913 23
Kristiania (Oslo), Dritter Vortrag, 3. Oktober 1913 40
Kristiania (Oslo), Vierter Vortrag, 5. Oktober 1913 56
Kristiania (Oslo), Fiinfter Vortrag, 6. Oktober 1913 73
DAS FUNFTE EVANGELIUM
Berlin, Erster Vortrag, 21. Oktober 1913 103
Berlin, Zweiter Vortrag, 4 . November 1913 120
Berlin, Dritter Vortrag, 18. November 1913 136
Berlin, Vierter Vortrag, 6. Januar 1914 155
Berlin, Fiinfter Vortrag, 13. Januar 1914 172
Berlin, Sechster Vortrag, 10. Februar 1914 1 90
Hamburg, 16. November 1913 207
Stuttgart, Erster Vortrag, 22. November 1913 220
Stuttgart, Zweiter Vortrag, 23 . November 1913 (Notizen) 23 8
Miinchen, Erster Vortrag, 8. Dezember 1913 243
Miinchen, Zweiter Vortrag, 10. Dezember 1913 264
Koln, Erster Vortrag, 17. Dezember 1913 283
Koln, Zweiter Vortrag, 18. Dezember 1913 305
Faksimile: Das makrokosmische Vaterunser 326
Notizbucheintragung (aus Notizbuch Archiv-Nr. 201) 327
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 333
Hinweise zum Text 334
Namenregister 342
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 345
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 347
Zu den Veroffentltchungen
a us dem Vortragstverk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daB seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«m\indliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Steno-
graphierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die
Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, muB gegeniiber alien VortragsverofFentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
tJber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermaBen auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
AUS DER AKASHA-FORSCHUNG ■ DAS FONFTE EVANGELIUM
Kristiania (Oslo), 1. Oktober 1913
Erster Vortrag
Das Thema, iiber das ich in diesen Tagen zu sprechen gedenke, er-
scheint mir in bezug auf die heutige Zeit und auf die heutigen Ver-
haltnisse als ein ganz besonders wichtiges. Ich mochte von vornherein
betonen, daB es nicht etwa irgendeiner Sensationslust oder ahnlichen
Dingen entspringt, daB das Thema gerade den Inhalt hat: Das Funfte
Evangelium. Denn ich hoffe zeigen zu konnen, da6 in der Tat von
einem solchen Funften Evangelium in einem gewissen Sinne, und
zwar in einem solchen Sinne, der uns besonders wichtig sein muB in
unserer Gegenwart, gesprochen werden kann, und daB sich fur das-
jenige, was damit gemeint ist, in der Tat kein anderer Name besser
eignet als der Name «Das Funfte Evangelium ». Dieses Fiinfte Evange-
lium ist ja, wie Sie horen werden, in einer Niederschrift heute noch
nicht vorhanden. Aber es wird gewiB in Zukunftstagen der Mensch-
heit auch in ganz bestimmter Niederschrift vorhanden sein. In einem
gewissen Sinne aber konnte man sagen, es ist dieses Funfte Evange-
lium so alt wie die vier anderen Evangelien.
Damit ich aber von diesem Funften Evangelium sprechen kann, ist
es notwendig, daB wir uns heute in einer Art Einleitung verstandigen
iiber einige wichtige Punkte, die zum volligen Begreifen dessen, was
wir nunmehr nennen wollen das Funfte Evangelium, notwendig sind.
Und zwar mochte ich ausgehen davon, daB ganz gewiB die Zeit nicht
mehr fernliegen wird, in welcher schon in den niedrigsten Schulen,
schon im primitivsten Unterricht die Wissenschaft, die man gewohn-
lich die Geschichte nennt, sich etwas anders anhoren wird, als sie sich
bisher angehort hat. Es wird namlich ganz gewiB - und die nachsten
Tage sollen es uns gewissermaBen beweisen -, es wird ganz gewiB der
Christus-Begriff, die Christus-Vorstellung, in der Geschichtsbetrach-
tung der Zukunft eine ganz andere, wichtigere Rolle spielen, auch
schon in der elementarsten Geschichtsbetrachtung, als sie bisher ge-
spielt hat. Ich weiB, daB ich mit diesem Satze eigentlich etwas unge-
heuer Paradoxes ausspreche. Bedenken wir doch, daB wir ja zuriick-
gehen konnen auf gar nicht so weit zuriickliegende Zeiten, in denen
unzahlige Herzen in einer viel intensiveren Weise ihre Gefuhle und
Empfindungen zu dem Christus hinrichteten unter den einfachsten wie
unter den gebildetsten Bewohnern der westlichen Lander Europas,
mehr als dies heute der Fall ist. In einem ungeheuer erheblicheren
MaBe war das in fruherer Zeit der Fall. Wer Umschau halt im Schrift-
tum der Gegenwart, wer nachdenkt uber das, was den gegenwartigen
Menschen hauptsachlich interessiert, woran er sein Herz hangt, der
wird den Eindruck haben, daB der Enthusiasmus, die Ergriffenheit
der Empfindung fur die Christus-Vorstellung im Abnehmen ist, ins-
besondere im Abnehmen da, wo man auf eine gewisse, aus der Zeit
heraus folgende Bildung Anspruch macht. Da erscheint es wohl para-
dox, wenn, wie ich eben betont habe, diese unsere Zeit darauf hin-
arbeitet, daB die Christus-Vorstellung in der Betrachtung der Ge-
schichte der Menschheit in einer nicht fernen Zukunft eine viel be-
deutendere Rolle spielt, als es bisher der Fall war. Scheint das nicht
ein vollkommener Widerspruch zu sein?
Nun wollen wir uns einmal von einer anderen Seite diesem Gedan-
ken nahern. Ich habe auch hier in dieser Stadt schon ofter uber die
Bedeutung und den Inhalt der Christus-Vorstellung sprechen diirfen.
Und in Biichern und Zyklen, die hier aufliegen, finden Sie mannig-
fache Ausfiihrungen aus den Tiefen der Geisteswissenschaft heraus
uber die Geheimnisse der Christus- Wesenheit und der Christus-Vor-
stellung. Jeder muB da die Meinung bekommen, wenn er das, was in
Vortragen, Zyklen und in unserem Schrifttum iiberhaupt gesagt wor-
den ist, in sich aufnimmt, daB zu dem volligen Verstehen der Christus-
Wesenheit ein starkes, groBes Riistzeug gehort, daB man die tiefsten
Begriffe, Vorstellungen und Ideen zu Rate ziehen muB, wenn man
sich hinaufschwingen will zum volligen Verstandnis dessen, was der
Christus ist und was der Impuls ist, der als Christus-Impuls durch die
Jahrhunderte gegangen ist. Man konnte vielleicht sogar, wenn nicht
anderes dagegen sprache, zu der Vorstellung kommen, daB man erst
die ganze Theosophie oder Anthroposophie kennen muB, um sich
aufzuschwingen zu einer richtigen Vorstellung von dem Christus.
Wenn wir aber absehen von dem und auf die Geistesentwickelung
der verflossenen Jahrhunderte blicken, da tritt uns entgegen von Jahr-
hundert zu Jahrhundert dasjenige, was vorhanden ist an ausfuhrlicher,
tiefgriindiger Wissenschaft, die bestimmt sein sollte, den Christus und
seine Erscheinung zu begreifen. Durch Jahrhunderte hindurch haben
die Menschen ihre hochsten und bedeutsamsten Ideen aufgewendet,
um den Christus zu begreifen. Auch hier konnte es daraus nun schei-
nen, als ob nur die bedeutsamsten intellektuellen Tatigkeiten des Men-
schen hinreichend sein wiirden, um den Christus zu verstehen. Ist das
in der Tat so? DaB es nicht so ist, davon kann uns eine ganz einfache
Erwagung den Beweis liefern.
Legen wir einmal gleichsam auf eine geistige Waage alles dasjenige,
was bisher an Gelehrsamkeit, Wissenschaft, auch an anthroposophi-
schem Verstandnis des Christus-BegrifFes dazu beigetragen hat, den
Christus zu begreifen. Legen wir das alles auf die eine Waagschale
einer geistigen Waage und legen wir auf die andere Schale in unseren
Gedanken alle die tiefen Gefuhle, alle die Innigkeit in den Seelen der
Menschen, die durch die Jahrhunderte zu dem sich gelenkt haben, was
man den Christus nennt, und man wird finden, daB all die Wissen-
schaft, alle Gelehrsamkeit, selbst alle Anthroposophie, die wir auf-
bringen konnen zur Erklarung des Christus, in der Waagschale iiber-
raschend aufschnellt, und alle die tiefen Gefiihle und Empfindungen,
welche die Menschen hingelenkt haben zur Christus- Wesenheit, zur
Erscheinung des Christus, die andere Waagschale tief, tief hinunter-
driicken. Man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, daB eine unge-
heure Wirkung von dem Christus ausgegangen ist, und daB das Aller-
geringste zu dieser Wirkung das Wissen von dem Christus beigetragen
hat. Es hatte um das Christentum wahrhaftig recht schlecht gestan-
den, wenn die Menschen, um an dem Christus zu hangen, alle gelehr-
ten Auseinandersetzungen des Mittelalters, der Scholastik und der
Kirchenvater gebraucht hatten, oder wenn die Menschen nur bediirf-
tig gewesen waren auch alles dessen, was wir heute durch die Anthro-
posophie aufbringen konnen zum Begreifen der Chris tus-Idee. Was
man damit vermochte, ware wahrhaftig recht wenig. Ich glaube nicht,
daB irgend jemand, der unbefangen den Gang des Christentums durch
die Jahrhunderte hindurch betrachtet, gegen diese Gedanken etwas
Ernstes einwenden konnte. Aber wir konnen uns diesem Gedanken
noch von einer anderen Seite genauer nahern.
Lassen wir den Blick zuriickschweifen auf die Zeiten, in denen es
noch kein Christentum gegeben hat. Ich brauche nur zu erinnern an
dasjenige, was gewiB den meisten der hier befindlichen Seelen voll
gegenwartig ist. Ich brauche nur zu erinnern, wie im alten Griechen-
land die griechische Tragbdie, insbesondere in ihren alteren Formen,
wenn sie den kampfenden Gott oder den Menschen, in dessen Seele
der kampfende Gott wirkte, darstellte, gleichsam wie von der Buhne
herunter das gottliche Walten und Weben unmittelbar anschaulich
machte. Ich brauche nur hinzuweisen, wie Homer seine bedeutsame
Dichtung ganz durchwoben hat mit dem Wirken des Geistigen, ich
brauche nur hinzuweisen auf die groBen Gestalten des Sokrates, des
Plato, des Aristoteles. Mit diesen Namen tritt vor unsere Seelen ein
geistiges Leben hbchster Art auf einem gewissen Gebiete. Wenn wir
von allem iibrigen absehen und nur zu der einen Gestalt des Aristoteles
hinsehen, der Jahrhunderte vor der Begriindung des Christentums
gewirkt hat, so tritt uns entgegen, was in gewisser Weise keine Stei-
gerung, keine Fortbildung bis in unsere Zeit erfahren hat. Das Den-
ken, die Ausbildung der menschlichen Logik durch Aristoteles ist et-
was so ungeheuer Vollkommenes auch heute noch, daB man sagen
kann, es war etwas Hochstes erreicht im menschlichen Denken, so daB
eine Steigerung bisher nicht geschehen ist.
Und nun wollen wir fur einen Augenblick eine merkwiirdige Hypo-
these aufstellen, die notwendig ist fur die nachsten Tage. Wir wollen
uns einmal vorstellen, daB es gar keine Evangelien gabe, aus denen
wir irgend etwas erfahren konnten iiber die Gestalt Christi. Wir wollen
einmal annehmen, daB die ersten Urkunden, die der Mensch heute als
Neues Testament in die Hand nimmt, gar nicht vorhanden waren,
wollen uns denken, es gabe gar keine Evangelien. Wir wollen gewis-
sermaBen absehen von dem, was iiber die Griindung des Christentums
gesagt ist, wollen nur den Gang des Christentums als eine geschicht-
liche Tatsache betrachten, wollen sehen, was geschehen ist unter den
Menschen durch die nachchristlichen Jahrhunderte hindurch; also
ohne die Evangelien, Apostelgeschichte, Paulusbriefe und so weiter
wollen wir nur betrachten, was tatsachlich geschehen ist. Das ist natiir-
lich nur eine Hypothese, aber sie wird uns helfen zu dem, was wir
erreichen wollen. Was ist nun geschehen in den Zeiten, die verflossen
sind vor und seit der Begriindung des Christentums ?
Wenn wir zunachst den Blick auf den Siiden Europas werfen, so
haben wir in einem gewissen Zeitpunkte hochste menschliche Geistes-
bildung, wie wir sie eben in ihrem Reprasentanten Aristoteles vor die
Seele gerufen haben, hochentwickeltes geistiges Leben, das in den
nachfolgenden Jahrhunderten noch eine besondere Ausbildung erfah-
ren hatte. Ja, es gab in der Zeit, in der das Christentum seinen Weg
durch die Welt zu machen begann, im Siiden Europas zahlreiche
griechisch gebildete Menschen, Menschen, die das griechische Geistes-
leben aufgenommen hatten. Wenn man bis zu jenem merkwurdigen
Manne, der ein so heftiger Gegner des Christentums war, Celsus, und
spater noch die Entwickelung des Christentums verfolgt, so findet
man im Siiden Europas auf der griechischen und italienischen Halb-
insel bis ins 2., 3. nachchristliche Jahrhundert Menschen mit hochster
Geistesbildung, zahlreiche Menschen, die sich angeeignet haben die
hohen Ideen, die wir bei Plato finden, deren Scharfsinn wirklich sich
ausnimmt wie eine Fortsetzung des Scharfsinnes des Aristoteles, feine
und starke Geister mit griechischer Bildung, Romer mit griechischer
Bildung, die zu einer Feingeistigkeit des Griechentums das Aggres-
sive, Personliche des Romertums hinzufugten.
In diese Welt hinein stoBt der christliche Impuls. Dazumal lebte der
christliche Impuls so, daB wir sagen konnen, die Vertreter dieses
christlichen Impulses nehmen sich wahrhaftig wie ungebildete Leute
aus in bezug auf die Intellektualitat, in bezug auf Wissen von der
Welt, gegeniiber demjenigen, was zahlreiche gebildete romisch-grie-
chische Menschen in sich trugen. Mitten in eine Welt reifster Intellek-
tualitat schieben sich Menschen ohne Bildung hinein. Und nun erleben
wir ein merkwiirdiges Schauspiel: Es breiten diese einfachen, primi-
tiven Naturen, welche die Trager des ersten Christentums sind, dieses
Christentum mit einer verhaltnismaBig groBen Schnelligkeit im Siiden
Europas aus. Und wenn wir heute mit dem, was wir, sagen wir durch
die Anthroposophie, iiber das Wesen des Christentums verstehen kon-
nen, herantreten an diese einfachen, primitiven Naturen, die dazumal
das Christentum ausbreiteten, so diirfen wir uns sagen : Diese primi-
tiven Naturen verstanden von dem Wesen des Christus - wir brauchen
gar nicht einmal zu denken an den groBen kosmischen Christus-
Gedanken, der heute durch die Anthroposophie aufgehen soil, wir
konnen an viel einfachere Christus-Gedanken denken -, die damaligen
Trager des christiichen Impulses, die sich hineinschieben in die grie-
chische hochentwickelte Bildung, verstanden von alldem nichts. Sie
hatten nichts auf den Markt des griechisch-romischen Lebens zu tra-
gen als ihre personliche Innerlichkeit, die sie sich als ihr personliches
Verhaltnis 2u dem geliebten Christus herausgebildet hatten; denn sie
liebten wie ein GUed einer geliebten Familie eben dieses Verhaltnis.
Diejenigen, die hereintrugen in das damalige Griechen- und Romer-
tum das Christentum, das sich bis in unsere Zeit fortgebildet hat, das
waren nicht gebildete Theologen oder Theosophen, das waren nicht
Gebildete. Die gebildeten Theosophen der damaligen Zeit, die Gno-
stiker, haben zwar zu hohen Ideen iiber den Christus sich erhoben,
aber sie haben auch nur geben konnen, was wir auf die emporschnel-
lende Waagschale legen miissen. Ware es auf die Gnostiker angekom-
men, das Christentum hatte gewiB nicht seinen Siegeszug durch die
Welt genommen. Es war keine besonders ausgebildete Intellektualitat,
die sich vom Osten hereinschob und in verhaltnismaBiger Schnellig-
keit das alte Griechentum und Romertum zum Sinken brachte. Das ist
die Sache von der einen Seite betrachtet.
Von der anderen Seite betrachtet, sehen wir uns die intellektuell
hochstehenden Menschen an, von Celsus, dem Feinde des Christen-
tums, der damals schon alles das aufgebracht hat, was man heute noch
dagegen sagen kann, bis zu dem Philosophen auf dem Throne, Mark
Aurel. Sehen wir uns die feingebildeten Neuplatoniker an, die damals
Ideen aufbrachten, gegen die heute die Philosophic ein Kinderspiel
ist, und die unsere heutigen Ideen weit iibertrafen an Hohe, an Weite
des Gesichtskreises. Und sehen wir alles, was diese Geister gegen das
Christentum vorzubringen hatten, und durchdringen wir uns mit dem,
was diese intellektuell Hochstehenden im griechischen und romischen
Geist gegen das Christentum vorzubringen hatten von dem Stand-
punkte der griechischen Philosophic aus, so bekommen wir den Ein-
druck : die alle haben den Christus-Impuls nicht verstanden. Wir sehen,
das Christentum breitet sich aus durch Trager , die von dem Wesen des
Christentums nichts verstehen; es wird bekampft von einer hohen
Kultur, die nichts begreifen kann von dem, was der Christus-Impuls
bedeutet. Merkwurdig tritt das Christentum in die Welt, so, daB An-
hanger und Gegner von seinem eigentlichen Geiste nichts verstehen.
Und doch: die Kraft haben Menschen in der Seele getragen, diesen
Christus-Impuls zum Siegeszuge durch die Welt zu bringen.
Und sehen wir uns diejenigen an, die selbst mit einer gewissen
GrdBe fur das Christentum eintreten, wie der beruhmte Kirchenvater
Tertullian, Wir sehen in ihm einen Romer, der in der Tat, wenn wir
seine Sprache ins Auge fassen, fast ein Neuschopfer der romischen
Sprache ist, der mit einer Treffsicherheit neue Worte pragte, die uns
eine bedeutende Personlichkeit erkennen lassen. Wenn wir uns aber
fragen: Wie steht es mit der Christus-Idee des Tertullian? - da wird
die Sache anders. Da finden wir, daB er eigentlich recht wenig Intel-
lektualitat, geistige Hohe zeigt. Auch die Verteidiger des Christen-
tums bringen nicht viel zustande. Und dennoch, sie sind wirksam, als
Personlichkeiten wirksam, solche Geister wie Tertullian, auf dessen
Griinde gebildete Griechen wirklich nicht viel geben konnten. Trotz-
dem wirkt er hinreiBend; aber durch was? Das ist es, worauf es an-
kommt! Fiihlen wir, daB hier sich wirklich eine Frage vor die Seele
stellt! Durch was wirken die Trager des Christus-Impulses denn, die
selbst von dem, was der Christus-Impuls eigentlich ist, nicht viel ver-
stehen? Durch was wirken die christlichen Kirchenvater, selbst bis auf
Ong£«&r, denen man die Ungeschicklichkeit in bezug auf das Verstand-
nis des Christus-Impulses ansieht? Was ist es, was selbst die bis zu
einer solchen Hohe gestiegene griechisch-romische Bildung nicht ver-
stehen konnte an dem Wesen des Christus-Impulses? Was ist das alles?
Aber gehen wir weiter. Dieselbe Erscheinung tritt uns bald in einer
noch scharferen Weise entgegen, wenn wir das geschichtliche Leben
betrachten. Wir sehen, wie die Jahrhunderte kommen, in denen das
Christentum sich ausbreitet innerhalb der europaischen Welt unter
Volkern, die wie die germanischen von ganz anderen Religionsvor-
stellungen herkommen, welche als Volker eins sind oder wenigstens
eins zu sein scheinen mit ihren religiosen Vorstellungen, und die
dennoch mit voller Kraft diesen Christas-Impuls aufnahmen, wie wenn
er ihr eigentliches Leben ware. Und wenn wir uns die wirksamsten
Glaubensboten in den germanischen Volkern betrachten, waren das
scholastisch-theologisch gebildete Leute? Ganz und gar nicht! Es
waren diejenigen, die mit verhaltnismaBig primitiver Seele unter den
Leuten einherzogen und in primitiver Weise, mit den allernachsten,
alltaglichsten Vorstellungen zu den Leuten sprachen, aber unmittelbar
ihre Herzen ergriffen. Sie verstanden die Worte so zu setzen, da6 sie
die tiefsten Saiten derjenigen beriihren konnten, zu denen sie spra-
chen. Einfache Leute zogen hinaus in alle Gegenden, und gerade die
wirkten am bedeutsamsten.
So sehen wir die Verbreitung des Christentums durch die Jahr-
hunderte hindurch. Dann aber bewundern wir, wie eben dasselbe
Christentum zum AnlaJB wird bedeutsamer Gelehrsamkeit, Wissen-
schaft und Philosophic Wir unterschatzen nicht diese Philosophic,
aber heute wollen wir einmal den BHck hinwenden auf jene eigen-
tumliche Erscheinung, daB das Christentum bis in das Mittelalter
unter Volkern sich ausbreitet, die bis dahin ganz andere Vorstellungs-
formen in ihrem Gemtite getragen haben, so daB es bald zu ihrer Seele
gehorte. Und in nicht allzu ferner Zukunft wird man noch manches
andere betonen, wenn man von der Ausbreitung des Christentums
spricht. Wenn man von der Wirkung des christlichen Impulses spricht,
kann man leicht verstanden werden dann, wenn man davon spricht,
daft in einer bestimmten Zeit gleichsam die Friichte der Ausbreitung
des Christentums sich so gezeigt haben, daB man sagen kann : es ging
Begeisterung aus dieser Verbreitung des Christus-Impulses hervor.
Aber wenn wir in die neueren Zeiten herauf kommen, da scheint ab-
gedampft zu werden, was wir durch das Mittelalter hindurch als sich
ausbreitendes Christentum betrachten konnen.
Betrachten wir die Zeit des Kopernikus, die Zeit der aufkeimen-
den Naturwissenschaft bis in das 19. Jahrhundert hinein. Es konnte
so scheinen, als ob diese Naturwissenschaft, dasjenige was seit Koper-
nikus in das abendlandische Geistesleben sich hineingearbeitet hat,
dem Christentum entgegengearbeitet hatte. AuBere Tatsachen konn-
ten das erharten. Die katholische Kirche zum Beispiel hatte Koperni-
kus bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts hinein auf dem
sogenannten Index stehen. Sie hat Kopernikus als ihren Feind ange-
sehen. Aber das sind auBere Dinge. Das hinderte doch nicht, daB
Kopernikus ein Domherr war. Und wenn die katholische Kirche
Giordano Bruno audi verbrannt hat, so hinderte das nicht, daB er ein
Dominikaner war. Sie beide sind eben aus dem Christentum heraus
zu ihren Ideen gekommen. Sie haben aus dem christlichen Impulse
heraus gehandelt. Derjenige versteht die Sache schlecht, der sich auf
dem Boden der Kirche halten und glauben wollte, daB das nicht
Friichte des Christentums gewesen waren. Es wird durch die ange-
fuhrten Tatsachen nur bewiesen, daB die Kirche die Friichte des
Christentums sehr schlecht verstanden hat; sie brauchte bis ins
19. Jahrhundert hinein Zeit, um einzusehen, daB man die Ideen des
Kopernikus nicht durch den Index unterdriicken kann. Derjenige,
der die Dinge tiefer sieht, wird doch anerkennen miissen, daB alles,
was die Volker getan haben auch in den neueren Jahrhunderten, ein
Resultat, ein Ergebnis des Christentums ist, daB sich durch das Chri-
stentum der Blick der Menschen hinausgewendet hat von der Erde
in die Himmelsweiten, wie es durch Kopernikus und Giordano Bruno
geschehen ist. Das war nur innerhalb der christlichen Kultur und
durch den christlichen Impuls moglich.
Und fur denjenigen, der das geistige Leben nicht an der Oberflache,
sondern in den Tiefen betrachtet, fur den ergibt sich etwas, das, wenn
ich es jetzt ausspreche, recht paradox erscheinen wird, aber dennoch
richtig ist. Fur eine solche tiefere Betrachtung erscheint es namlich
unmoglich, daB ein Haeckel entstanden ware so, wie er dasteht in aller
seiner Christus-Gegnerschaft, ohne daB er entstanden ware aus dem
Christentum heraus. Ernst Haeckel ist ohne die Voraussetzung der
christlichen Kultur gar nicht moglich. Und die ganze neuere natur-
wissenschaftliche Entwickelung, wenn sie sich auch noch so sehr
bemiiht, Gegnerschaft des Christentums zu entwickeln, alle diese
neuere Naturwissenschaft ist ein Kind des Christentums, eine direkte
Fortsetzung des christiichen Impulses. Die Menschheit wird, wenn
erst die Kinderkrankheiten der neueren Naturwissenschaft ganz ab-
gestreift sind, schon einsehen, was das bedeutet, daB der Ausgangs-
punkt der neueren Naturwissenschaft, konsequent verfolgt, wirklich
in die Geisteswissenschaft hineinfiihrt, da8 es einen ganz konsequen-
ten Weg gibt von Haeckel in die Geisteswissenschaft hinein. Wenn
man das begreifen wird, wird man auch einsehen, daB Haeckel ein
durch und durch christlicher Kopf ist, wenn er auch selber nichts
davon weiB. Die christiichen Impulse haben nicht nur hervorgebracht,
was sich christlich nennt und nannte, sondern auch dasjenige, was wie
eine Gegnerschaft gegen das Christentum sich geriert. Man muB die
. Dinge nicht nur auf ihre BegrifFe hin untersuchen, sondern auf ihre
Realitat hin, dann kommt man schon zu dieser Erkenntnis. Aus der
darwinistischen Entwickelungslehre fiihrt, wie Sie in dem kleinen
Schriftchen von mir iiber «Reinkarnation und Karma » sehen konnen,
ein gerader Weg zu der Lehre der wiederholten Erdenleben.
Um aber auf dem richtigen Boden zu stehen in bezug auf diese
Dinge, muB man in einer gewissen Weise das Walten der christiichen
Impulse unbefangen beobachten konnen. Derjenige, der den Darwi-
nismus, den Haeckelismus versteht, und der selber ein wenig durch-
drungen ist von dem, wovon Haeckel noch gar nichts weiB - Darwin
aber wuBte noch manches -, daB diese beiden Bewegungen nur als
christliche Bewegungen moglich waren, wer das versteht, kommt
ganz konsequent zu der Reinkarnationsidee. Und wer zu Hilfe ziehen
kann eine gewisse hellseherische Kraft, der kommt auf diesem Wege
ganz konsequent zu dem geistigen Ursprung des Menschengeschlechts.
Es ist zwar ein Umweg, aber, wenn Hellsichtigkeit hinzukommt, ein
richtiger Weg von dem Haeckelismus zu der geistigen Auffassung
des Erdenursprungs. Aber auch der Fall ist denkbar, daB man den
Darwinismus nimmt, wie er heute sich darbietet, ohne aber durch-
drungen zu sein von den Lebensprinzipien des Darwinismus selbst;
mit anderen Worten: wenn man den Darwinismus aufnimmt als einen
Impuls und nichts in sich fiihlt von einem tieferen Verstandnis des
Christentums, das doch im Darwinismus liegt, dann kommt man zu
etwas sehr Eigentumlichem. Dazu kann man kommen, daB man durch
solche geistige BeschafTenheit der Seele gleich wenig vom Christen-
tum und vom Darwinismus versteht. Man kann dann von dem guten
Geiste des Christentums ebenso verlassen sein wie von dem guten
Geiste des Darwinismus. Hat man aber den guten Geist des Darwi-
nismus, dann mag man noch so materialistisch sein, dann kommt man
immer weiter zuriick in der Erdengeschichte bis auf den Punkt, wo
man erkennt, daB der Mensch niemals aus niederen Tierformen sich
herausentwickelt hat, daB er einen geistigen Ursprung haben muB.
Man kommt zuriick auf den Punkt, wo man den Menschen als geisti-
ges Wesen gleichsam schwebend iiber der Erdenwelt schaut. Der kon-
sequente Darwinismus wird dazu fiihren. 1st man aber von seinem
guten Geiste verlassen, dann kann man glauben, wenn man zurtick-
geht und ein Anhanger der Reinkarnationsidee ist, man habe einmal
selber als Affe gelebt auf irgendeiner Inkarnation der Erde selbst.
Wenn man das glauben kann, dann muB man sowohl von dem guten
Geiste des Darwinismus als auch des Christentums verlassen sein,
dann muB man von beiden nichts verstehen. Denn niemals konnte
einem konsequenten Darwinismus passieren, das zu glauben. Das
heiBt, man muB in ganz auBerlicher Weise die Reinkarnationsidee
iibertragen auf diese materialistische Kultur. Denn man kann den
modernen Darwinismus gewiB seiner Christlichkeit entkleiden. Tut
man das nicht, so wird man finden, daB bis in unsere Zeit hinein die
darwinistischen Impulse aus dem Christus-Impuls geboren worden
sind, daB die christlichen Impulse auch da wirken, wo man siever-
leugnet. So haben wir nicht nur die Erscheinung, daB das Christen-
tum sich in den ersten Jahrhunderten abgesehen von der Gelehrsam-
keit und dem Wissen der Anhanger und Bekenner ausbreitet, daB es
sich ausbreitet im Mittelalter so, daB hochst wenig dazu beitragen
konnen die gelehrten Kirchenvater und die Scholastiker, sondern wir
haben in unserer Zeit die noch paradoxere Erscheinung, daB das
Christentum wie in seinem Gegenbilde im Materialismus unserer heu-
tigen Naturwissenschaft erscheint, und alle GroBe, alle ihre Tatkraft
doch aus den christlichen Impulsen hat. Die christlichen Impulse, die
in ihr liegen, werden diese Wissenschaft von selbst iiber den Materia-
lismus hinausfiihren.
Sonderbar ist es mit den christlichen Impulsen! Intellektualitat,
Wis sen, Gelehrsamkeit, Erkenntnis scheinen gar nicht dabei zu sein
bei der Ausbreitung dieser Impulse. Ganz etwas anderes scheint ihre
Ausbreitung in der Welt zu bedingen. Man mochte sagen, das Chri-
stentum breitet sich aus, was auch die Menschen fur oder dagegen
denken, ja sogar so, daB es wie in ein Gegenteil verkehrt im moder-
nen Materialismus erscheint. Was breitet sich denn da aus ? Die christ-
lichen Ideen sind es nicht, die christliche Wissenschaft ist es nicht.
Man konnte noch sagen, das moralische Gefiihl breitet sich aus, das
durch das Christentum eingepflanzt worden ist. Aber man sehe nur an
das Walten der Moral in diesen Zeiten, und man wird mancherlei
berechtigt finden von dem, was aufgezahlt werden kann an Wut der
Vertreter des Christentums gegen wirkliche oder vermeintliche Geg-
ner des Christentums. Auch die Moral, die walten konnte in den See-
len, die intellektuell nicht hoch gebildet sind, wird uns nicht sehr impo-
nieren konnen, wenn wir sie ins Auge fassen auch da, wo sie wirklich
am christlichsten denkt. Was breitet sich denn da aus? Was ist dieses
Sonderbare? Was ist es, was im Siegeszuge durch die Welt geht?
Fragen wir dariiber nun die Geisteswissenschaft, das hellsichtige Be-
wuBtsein! Was waltete in den ungebildeten Menschen, die sich von
Osten nach Westen hineinschieben in das hochgebildete Griechen-
und Romertum? Was waltet in den Menschen, die in die germanische,
in die fremde Welt das Christentum hineingetragen haben? Was wal-
tet in der modernen materialistischen Naturwissenschaft, wo die Lehre
ihr Angesicht gleichsam noch verhullt? Was waltet in all diesen See-
len, wenn es nicht intellektuelle, nicht einmal moralische Impulse sind?
Was ist es denn? - Es ist der Christus selbst, der von Herz zu Herz,
von Seele zu Seele zieht, der durch die Welt Ziehen und wirken kann,
gleichgiiltig, ob die Seelen ihn verstehen oder nicht durch diese Ent-
wickelung im Laufe der Jahrhunderte !
Wir sind gezwungen, von unseren Begriffen, von aller Wissenschaft
abzusehen und auf die Realitat hinzuweisen, zu zeigen, wie geheim-
nisvoll der Christus selber wandelt in vielen tausenden Impulsen,
Gestalt annehmend in den Seelen, in viele Tausende und aber Tau-
sende untertauchend und die Menschen erfiillend durch die Jahr-
hunderte. In den einfachen Menschen ist es der Christus selbst, der
fiber die griechische und italische Welt schreitet, der nach Westen und
nach Norden hin immer mehr Menschenseelen ergreift. Bei den spa-
teren Lehrern, die den germanischen Volkern das Christentum brin-
gen, ist es der Christus selbst, der ihnen zur Seite wandelt. Er ist es,
der wirkliche, wahrhaftige Christus, der auf der Erde waltet wie die
Seele der Erde selber, der von Ort zu Ort, von Seele zu Seele zieht und,
ganz gleichgultig was die Seelen iiber den Christus denken, in diese
Seelen einzieht. Einen trivialen Vergleich mochte ich gebrauchen : Wie
viele Menschen gibt es, die gar nichts verstehen von der Zusammen-
setzung der Nahrungsmittel und die sich doch nahren nach alien Re-
geln der Kunst. Es ware doch eigentlich zum Verhungern, wenn man
die Nahrungsmittel kennen miiBte, bevor man sich nahren konnte.
Das Sich-nahren-Konnen hat nichts zu tun mit dem Verstandnis der
Nahrungsmittel. So hatte die Ausbreitung des Christentums iiber die
Erde hin nichts zu tun mit dem Verstandnis, das man dem Christen-
tum entgegenbrachte. Das ist das Eigentumliche. Da waltet ein Ge-
heimnis, das nur dadurch aufgeklart werden kann, daB man die Ant-
wort gibt auf die Frage : Wie waltet der Christus selber in den mensch-
Uchen Gemiitern? Und wenn nun die Geisteswissenschaft, die hell-
seherische Betrachtung, sich diese Frage stellt, dann wird sie zunachst
auf ein Ereignis gelenkt, das im Grunde nur durch die hellseherische
Betrachtung wirklich enthiillt werden kann, das auBerlich in der Tat
in vollem Einklange steht mit allem, was ich heute gesprochen habe.
Eines werden wir sehen, was in der Zukunft immer mehr wird ver-
standen werden miissen: Die Zeit ist voriiber, in welcher der Christus
so gewirkt hat, wie ich eben charakterisiert habe, und die Zeit ist
gekommen, wo die Menschen den Christus werden verstehen miissen,
erkennen miissen.
Deshalb ist es notwendig, auch die Frage sich zu beantworten,
warum unserer Zeit die andere vorausgegangen ist, in der sich der
Christus-Impuls ausbreiten konnte, ohne daB das Verstandnis dazu
notwendig war, ohne daB die Menschen mit ihrem BewuBtsein dabei
waren. Ein Ereignis war es, wodurch dieses moglich war! Und das
Ereignis, zu dem das hellseherische BewuBtsein weist, ist das so-
genannte Pfingstereignis, die Aussendung des Heiligen Geistes. Daher
war es, daB zuerst der hellseherische Blick, der angeregt worden ist
durch den wirklichen Christus-Impuls im anthroposophischen Sinne,
hingelenkt wurde auf dieses Pfingstereignis, die Aussendung des
Heiligen Geistes. Hellseherisch betrachtet ist es das Pfingstereignis,
was sich zuerst der Untersuchung darbietet, die von einem gewissen
Gesichtspunkte aus gefiihrt wird.
Was geschah in jenem Augenblick der Weltentwickelung auf der
Erde, der uns ziemlich unverstandlich zunachst als das Herabkom-
men des Heiligen Geistes auf die Apostel dargestellt wird? Wenn man
den hellseherischen Blick darauf hinwendet, untersucht, was da eigent-
lich geschehen ist, dann bekommt man eine geisteswissenschaftliche
Antwort darauf, was gemeint ist damit, daB gesagt wird: Einfache
Leute, wie ja auch die Apostel waren, fingen plotzlich an, in verschie-
denen Zungen zu sprechen, was sie aus den Tiefen des geistigen
Lebens heraus zu sagen hatten, und was man ihnen nicht zumutete.
Ja, dazumal fingen das Christentum, die christlichen Impulse an, sich
so auszubreiten, daB sie unabhangig wurden von dem Verstandnis
der Menschen, in deren Gemutern sie sich ausbreiteten.
Von dem Pfingstereignis aus ergieBt sich dann der Strom der
Christus-Kraft iiber die Erde hin, der charakterisiert worden ist. Was
ist denn das Pfingstereignis gewesen? Diese Frage trat an die Geistes-
wissenschaft heran, und mit der Antwort auf diese Frage, mit der
geisteswissenschaftlichen Antwort auf die Frage: Was war das Pfingst-
ereignis? - beginnt das Fiinfte Evangelium, und damit wollen wir
morgen unsere Betrachtungen fortsetzen.
Kristiania (Oslo), 2. Oktober 1913
Zrveiter Vortrag
Von dem sogenannten Pfingstereignis ist bei dieser Betrachtung zu
beginnen. Im ersten Vortrag habe ich bereits angedeutet, daB der Blick
der hellsichtigen Forschung zuerst auf dieses Ereignis wenigstens hin-
gelenkt werden kann. Denn dieses Ereignis stellt sich dem nach ruck-
warts gerichteten hellseherischen Blick so dar wie eine Art Erwachen,
das diejenigen Personlichkeiten an einem gewissen Tage, an den eben
das Pfingstfest erinnern soil, empfunden haben, die Personlichkeiten,
welche man gewohnllch die Apostel oder Jiinger des Christus Jesus
nennt. Es ist nicht leicht, eine genaue Vorstellung von all diesen ja
zweifellos seltsamen Erscheinungen hervorzurufen, und wir werden
uns schon an manches sozusagen in den Untergninden unserer Seele
erinnern mussen, was sich uns aus den bisherigen anthroposophischen
Betrachtungen hat ergeben konnen, wenn wir genaue Vorstellungen
mit all dem verbinden wollen, was gerade iiber dieses Thema unseres
Vortragszyklus heute zu sagen ist.
Wie erwachend kamen sich die Apostel vor, wie Menschen, welche
in diesem Augenblick das Empfinden hatten, daB sie lange Zeit - viele
Tage hindurch - in einem ihnen ungewohnten BewuBtseinszustand
gelebt hatten. Es war tatsachlich etwas wie eine Art Aufwachen aus
einem tiefen Schlaf, allerdings einem merkwiirdigen, traumerfiillten
Schlaf, wie aus einem Schlaf, der aber so ist - ich bemerke ausdriick-
lich, ich spreche immer von der Art, wie es dem BewuBtsein der
Apostel erschienen ist daB man daneben alle auBeren Verrichtun-
gen des Tages vollbringt, als leiblich gesunder Mensch herumgeht, so
daB gewissermaBen auch die anderen Menschen, mit denen man um-
geht, einem gar nicht ansehen, daB man in einem anderen BewuBtseins-
zustand ist. Dermoch trat der Zeitpunkt ein, wo es den Aposteln so
vorkam, als ob sie eine lange, tagelang dauernde Zeit verlebt hatten
wie in einem traumerfullten Schlafe, aus dem sie nun mit diesem
Pfingstereignis erwachten. Und dieses Erwachen, schon das fuhlten sie
in einer eigentiimlichen Weise: sie fuhlten tatsachlich, wie wenn aus
dem Weltenall niedergestiegen ware auf sie etwas, was man nur nennen
konnte die Substanz der allwaltenden Liebe. Wie gleichsam von oben
herab befruchtet durch die allwaltende Liebe und wie auferweckt aus
dem geschilderten traumhaften Lebenszustand, so fuhlten sich die
Apostel. Wie wenn durch alles dasjenige, was als die urspriingliche
Kraft der Liebe, die das Weltenall durchdringt und durchwarmt, sie
auferweckt worden waren, wie wenn diese urspriingliche Kraft der
Liebe in die Seele eines jeden Einzelnen sich gesenkt hatte, so kamen
sie sich vor. Und den anderen Menschen, die sie beobachten konn-
ten, wie sie nun sprachen, kamen sie ganz fremdartig vor. Sie wuBten,
diese anderen Menschen, daB das Leute waren, die bisher in einer
auBerordentlich einfachen Weise gelebt hatten, von denen allerdings
einige in den letzten Tagen sich etwas sonderbar, wie traumverloren,
benommen hatten. Das wuBte man. Jetzt aber kamen sie den Leuten
wie verwandelt vor: wie Menschen, die in der Tat erlangt hatten eine
ganz neue Verfassung, eine ganz neue Stimmung der Seele, wie Men-
schen, die alle Engigkeit des Lebens, alle Eigensiichtigkeit des Lebens
verloren hatten, die ein unendlich weites Herz, eine umfassende Tole-
ranz im Inneren gewonnen hatten, ein tiefes Herzensverstandnis fiir
alles, was menschlich auf der Erde ist, die sich so ausdriicken konn-
ten, daB jeder, der da war, sie verstand. Man empfand gleichsam, daB sie
in eines jeden Herz und Seele schauen konnten und aus dem tiefsten
Inneren heraus Geheimnisse der Seele errieten, so daB sie einen jeden
trosten konnten, dasjenige sagen konnten, was er gerade brauchte.
Es war naturlich im hochsten Grade verwunderlich fiir diese Beob-
achter, daB eine solche Umwandlung mit einer Anzahl von Menschen
vorgehen konnte. Diese Menschen selber aber, die diese Umwandlung
erfahren hatten, die gleichsam durch den Geist der Liebe des Kosmos
auferweckt worden waren, diese Menschen fuhlten jetzt in sich selber
ein neues Verstandnis, fuhlten ein Verstandnis fiir dasjenige, was sich
allerdings in innigster Gemeinschaft mit ihren Seelen abgespielt hatte,
das sie aber damals, als es sich abgespielt hatte, nicht begriffen hat-
ten: Jetzt erst, in diesem Augenblick, da sie sich befruchtet fuhlten
mit der kosmischen Liebe, trat vor ihr Seelenauge ein Verstandnis
fur das, was auf Golgatha eigentlich geschehen war. Und wenn wir
in die Seele des einen dieser Apostel hineinsehen, desjenigen, der ge-
wohnlich in den anderen Evangelien Petrus genannt wird, so stellt
sein Seeleninneres fur den riickschauenden hellsichtigen Blick sich so
dar, daB sein irdisches normales BewuBtsein in jenem Augenblicke
gleichsam wie vollstandig abgerissen war, von jenem Augenblicke an,
der in den anderen Evangelien gewohnlich bezeichnet wird als die Ver-
leugnung. Er sah hin auf diese Verleugnungsszene, wie er gefragt
worden war, ob er einen Zusammenhang habe mit dem Galilaer, und
er wuBte jetzt, daB er das dazumal abgeleugnet hatte, weil sein nor-
males BewuBtsein begann sich herabzudampfen, weil sich ausbreitete
ein anomaler Zustand, eine Art Traumzustand, der eine Entriicktheit
in eine ganz andere Welt bedeutete. Es war ihm jetzt an diesem Pfingst-
fest so zumute, wie einem zumute ist beim Aufwachen am Morgen und
man sich da an die letzten Ereignisse am Abend vor dem Einschlafen
erinnert; so erinnerte sich Petrus an die letzten Ereignisse, bevor
dieser abnorme Zustand eintrat, an dasjenige, was man gewohnlich die
Verleugnung nennt, die dreimalige Verleugnung, bevor der Hahn
zweimal gekraht hatte. Und dann erinnerte er sich, daB sich ausbrei-
tete uber seine Seele jener Zustand, so wie fiir den Schlafenden die
Nacht sich ausbreitet. Aber er erinnerte sich auch, wie sich jener
Zwischenzustand erfullte nicht mit bloBen Traumbildern, sondern mit
Gebilden, die eine Art hoheren BewuBtseinszustand darstellten, die
darstellten ein Miterleben von rein geistigen Angelegenheiten. Und
alles, was geschehen war, was Petrus gleichsam verschlafen hatte seit
jener Zeit, das trat wie aus einem hellschauenden Traum vor seine
Seele. Vor allem lernte er jetzt schauen das Ereignis, von dem man
wirklich sagen kann, er habe es verschlafen. Er hatte es nicht mit
seinem Verstandnis erlebt, weil zum vollen Verstandnis fiir dieses Er-
eignis notwendig war die Befruchtung mit der allwaltenden kosmi-
schen Liebe. Jetzt, wo diese erfolgt war, traten ihm vor Augen die
Bilder des Mysteriums von Golgatha. So traten sie ihm vor Augen,
wie wir sie wiederum erleben konnen, wenn wir sie wachrufen kon-
nen mit riickschauendem hellsichtigem BewuBtsein, wenn wir die
Bedingungen dazu herstellen.
Offen gestanden: mit einem Gefuhl, das ganz eigenartig ist, ent-
schlieBt man sich, in Worte zu pragen dasjenige, was sich da eroffnet
dem hellsichtigen BewuBtsein, wenn man hineinschaut in das BewuBt-
sein des Petrus und der anderen, die bei jenem Pfingstfeste versam-
melt waren. Mit einer heiligen Scheu nur kann man sich entschlieBen,
von diesen Dingen zu reden. Man mochte sagen, man ist fast iiberwal-
tigt von dem BewuBtsein, man betrete heiligsten Boden des mensch-
Uchen Anschauens, wenn man in Worten auszudriicken versucht,
was sich dem Seelenblicke da eroffnet. Dennoch erscheint es aus gewis-
sen Vorbedingungen unserer Zeit heraus notwendig, xiber diese Dinge
zu sprechen ; allerdings mit dem vollen BewuBtsein, daB andere Zeiten
kommen werden als die unsrigen sind, in denen man mehr Verstandnis
entgegenbringen wird demjenigen, was gesagt werden muB iiber das
Fiinfte Evangelium, als man es heute schon kann. Denn um vieles von
dem zu verstehen, was bei dieser Gelegenheit gesagt werden muB, muB
die Menschenseele sich noch befreien von mancherlei Dingen, die sie
ganz notwendig aus der Zeitkultur heraus heute noch erfullen mussen.
Zunachst stellt sich, wenn man hellsichtig zuruckschaut auf das
Ereignis von Golgatha, vor den hellsehenden Blick etwas hin, was -
wenn man es in Worte faBt - sich ausnimmt wie eine Art Beleidigung
des gegenwartigen naturwissenschaftlichen BewuBtseins. Dennoch
fuhle ich mich gezwungen, so gut es geht, dasjenige in Worte zu
pragen, was sich dem hellsichtigen Blick also darstellt. Ich kann
nichts dafur, wenn das, was da gesagt werden muB, etwa hinaus-
dringen sollte in weniger vorbereitete Gemiiter und Seelen hinein und
das Ganze aufgebauscht wiirde wie etwas, was gegeniiber den wis-
senschaftlichen Anschauungen, welche die Gegenwart nun einmal
beherrschen, nicht standhalten konnte. Es fallt der hellsehende Blick
zunachst auf ein Bild, das eine Realitat darstellt, das auch in den
anderen Evangelien angedeutet ist, das aber doch einen ganz beson-
deren Anblick darbietet, wenn man es gleichsam heraustreten sieht
aus der Fiille der Bilder, die der hellsehende Blick in der Riickschau
erhalten kann. Es fallt dieser hellsehende Blick tatsachlich auf eine
Art von Verfinsterung der Erde. Und man fiihlt, wie in diesem be-
deutungsvollen Augenblick, der durch Stunden hindurch anhalt, wie
da die physische Sonne verfinstert war iiber dem Lande Palastina,
iiber der Statte von Golgatha. Man hat denselben Eindruck, den der
geisteswissenschaftlich geschulte Blick jet2t noch nachpnifen kann,
wenn wirklich eine auBere physische Sonnenfinsternis durch das Land
geht Fiir den Seelenblick nimmt sich die ganze Umgebung des Men-
schen wahrend einer solchen mehr oder weniger starken Sonnen-
finsternis folgendermaBen aus. Da sieht alles gan2 anders aus. Ich
mochte absehen von jenem Anblick, der sich bei einer Sonnenfinster-
nis darbietet, von all den Dingen, welche Menschenkunst und Men-
schentechnik hervorgebracht haben, denn es bedarf eines gewissen
starken Gemiites und eines Durchdrungenseins von dem BewuBtsein
der Notwendigkeit, daB das alles entstehen muBte, urn den damoni-
schen Anblick zu ertragen, den diejenigen Wesen darbieten, die sich
wahrend einer Sonnenfinsternis aus der auBeren kunstlosen Technik
erheben. Aber ich will auf diese Schilderung nicht weiter eingehen,
sondern nur darauf aufmerksam machen, daB in einer solchen Zeit das-
jenige lichtvoll erscheint, was man sonst nur durch sehr schwierige
Meditationen erreichen kann: Man sieht dann alles Pflanzliche und
Tierische anders, jeder Vogel, jeder Schmetterling sieht dann anders
aus. Man bemerkt eine Herabdampfung des Lebensgefuhles. Es ist
etwas, was im tiefsten Sinne die Uberzeugung hervorrufen kann, wie
innig zusammenhangt im Kosmos ein gewisses geistiges Leben, das
zur Sonne gehort und das in dem, was man in der Sonne sieht, gleich-
sam seinen physischen Leib hat, mit dem Leben auf der Erde. Und
man bekommt das Gefiihl, wenn dem physischen Leben das physische
Leuchten der Sonne gewaltsam verdunkelt wird durch den davor-
tretenden Mond, so ist das etwas ganz anderes, als wenn die Sonne
bloB nicht scheint in der Nacht. Ganz anders ist fiir den beobach-
tenden Seelenblick der Anblick der uns umgebenden Erde wahrend
einer Sonnenfinsternis als wahrend einer bloBen Nacht. Man fuhlt
wahrend einer Sonnenfinsternis etwas wie ein Aufstehen der Grup-
penseelen der Pflanzen, der Gruppenseelen der Tiere, dagegen wie ein
Mattwerden aller physischen Leiblichkeit der Pflanzen und Tiere. Es
tritt etwas ein wie ein Hellwerden alles dessen, was geistig ist, was
Gruppenseelenhaftigkeit darstellt.
Das alles stellt sich in einem hohen MaBe dar, wenn der hellsehende
Blick in der Riickschau hinsieht auf den Augenblick der Erdenevo-
lution, den wir bezeichnen als das Mysterium von Golgatha. Und
dann taucht etwas auf, was man nennen konnte: man lernt lesen,
was dieses merkwiirdige Naturzeichen, diese plotzlich auftretende
Verfinsterung der Sonne, die der nach riickwarts gewendete, hell-
seherische Blick im Kosmos erschaut, was das eigentHch bedeutet.
Ich kann wirklich nichts dafiir, wenn ich genotigt bin, ein reines
Naturereignis, wie es natiirlich friiher und spater auch stattgefunden
hat, gerade an diesem Punkte der Erdenevolution in okkulter Schrift
so zu lesen - in Widerspruch mit allem gegenwartigen materialisti-
schen BewuBtsein -, wie es eben unmittelbar den Eindruck macht.
Wie wenn man ein Buch aufschlagt und die Schrift liest, so fiihlt man
sich, wenn man dieses Ereignis vor sich hat, so daB einem wie aus
dem Schriftzeichen entgegenkommt, was man lesen soil. So kommt
einem aus diesem Schriftzeichen des Kosmos die Notwendigkeit ent-
gegen, man solle etwas lesen, was die Menschheit kennenlernen soil.
Wie ein in den Kosmos geschriebenes Wort kommt das einem vor,
wie ein Lautzeichen im Kosmos.
Und was liest man dann, wenn man ihm seine Seele offnet? Ich
habe gestern aufmerksam gemacht, wie in die Griechenzeit hinein die
Menschheit sich so entwickelt hat, daB sie in Plato und Aristoteles
aufgestiegen ist zu einer ganz besonders hohen Ausbildung der Intel-
lektualitat der menschlichen Seele. In vieler Beziehung konnte das-
jenige Wissen, das von Plato oder Aristoteles erreicht worden ist, in
der spateren Zeit gar nicht iiberholt werden, denn es war fur die
Intellektualitat der Menschheit damit in gewisser Beziehung ein Hoch-
stes herangekommen. Man kann viel erkennen, wenn man dies wirk-
lich erkennt. Und wenn sich die hellsichtig beobachtende Seele, die
die Zeit von Palastina beobachtet, anschaut, wie dieses intellektuelle
Wissen, zu dem sich die Menschheit heraufentwickelt hatte, das
gerade in der Zeit des Mysteriums von Golgatha auf der griechischen
und italischen Halbinsel durch Wanderprediger ungeheuer popular
geworden war, wenn man das alles ins Auge faBt, wie dieses Wissen
verbreitet worden war in einer Art, wie man es sich heute gar nicht
vorstellen kann, dann bekommt diese hellsichtig beobachtende Seele
die Moglichkeit eines Eindruckes, der sich wie ein Lesen jenes genann-
ten, in den Kosmos hineingestellten Schriftzeichens ausnimmt. Man
sagt sich dann, wenn man das hellsichtige BewuBtsein so herangezo-
gen hat : Das alles, was die Menschheit da an Wissen gesammelt hat,
wozu sie sich erhoben hat in der vorchristlichen Zeit, dafiir ist ein
Zeichen der Mond, der fur den Erdengesichtspunkt durch das Wel-
tenall geht, und deshalb der Mond, weil sich fur alles hohere Erken-
nen der Menschheit dieses Wissen nicht wie aufschlieBend, wie Ratsel
losend verhalten hat, sondern fur das hohere Erkennen wie verdun-
kelnd, so wie der Mond die Sonne verfinstert bei einer Sonnenfinster-
nis. Das liest man, wenn man das okkulte Schriftzeichen der Sonne,
die vom Mond verdunkelt wird, liest.
Man weiB dann: So trat alles Wissen damals nicht aufklarend,
sondern das Weltratsel verdunkelnd auf, und man fiihlt als Hellseher
die Verfinsterung der hoheren, eigentlich spirituellen Regionen der
Welt durch das Wissen der alten Zeit, das sich vor die wirkliche
Erkenntnis hingestellt hat wie der Mond vor die Sonne bei einer
Sormenfinsternis. Und das auBere Naturereignis wird ein Ausdruck
dafiir, daB die Menschheit eine Stufe erreicht hat, innerhalb welcher
sich das aus der Menschheit selbst geschopfte Wissen vor das hohere
Erkennen hingestellt hat wie der Mond vor die Sonne bei einer Son-
nenfinsternis. Der Menschheit Seelenverdunkelung innerhalb der
Erdenevolution fiihlt man hingeschrieben in einem ungeheuren Zei-
chen der okkulten Schrift in den Kosmos in jener Verfinsterung der
Sonne im Momente des Mysteriums von Golgatha. Ich habe gesagt,
daB das GegenwartsbewuBtsein es wie eine Beleidigung empfinden
kann, wenn man so etwas ausspricht, weil es kein Verstandnis mehr
hat fur das Walten spiritueller Krafte im Weltenall, die im Zusammen-
hang stehen mit dem, was in der Menschenseele als Krafte waltet.
Ich will nicht im gewohnlichen Sinne von Wundern sprechen, von
einem Durchbrechen der Naturgesetze, aber ich kann nicht anders
als Ihnen mitteilen, wie man jene Verfinsterung der Sonne lesen muB -
wie man nicht anders kann, als sich mit seiner Seele vor diese Ver-
finsterung der Sonne hinzustellen gleichsam wie lesend, was durch
dieses Naturereignis ausgedriickt wird: Mit dem Mondenwissen ist
eine Verfinsterung eingetreten gegenuber der hoheren Sonnenbot-
schaft.
Und dann - nachdem man diese okkulte Schrift gelesen hat - stellt
sich in der Tat vor das hellsichtige BewuBtsein das Bild des erhohten
Kreuzes auf Golgatha, des an ihm hangenden Korpers des Jesus
zwischen den beiden Raubern. Und es stellt sich ein - und ich darf
wohl in Parenthese einfiigen, je mehr man sich gegen dieses Bild
wehrt, desto heftiger stellt es sich ein das Bild stellt sich ein der
Kreuzabnahme und der Grablegung. Jetzt tritt ein zweites gewaltiges
Zeichen ein, wodurch wieder wie in den Kosmos hineingeschrieben
wird etwas, was man eben lesen muB, um es zu begreifen, als ein
Symbolum dessen, was in der Evolution der Menschheit eigentlich
geschehen ist: Man verfolgt das Bild des vom Kreuze herabgenom-
menen Jesus, der in das Grab gelegt wird, und man wird dann durch-
riittelt, wenn man den Seelenblick darauf richtet, in der Seele von
einem Erdbeben, das durch jene Gegend ging.
Vielleicht wird man einmal den Zusammenhang jener Verfinsterung
der Sonne mit diesem Erdbeben auch naturwissenschaftUch besser ein-
sehen, denn gewisse Lehren, die heute schon, aber zusammenhang-
los, durch die Welt ziehen, zeigen einen Zusammenhang zwischen
Sonnenflnsternissen und Erdbeben und sogar schlagenden Wettern in
Bergwerken. Jenes Erdbeben war eine Folge der Sonnenverfinsterung
(siehe Hinweis). Jenes Erdbeben durchriittelte das Grab, in das der
Leichnam des Jesus gelegt war - und weggerissen wurde der Stein,
der darauf gelegt worden war, und ein Spalt wurde aufgerissen in der
Erde, und der Leichnam wurde aufgenommen von dem Spalt. Durch
weitere Aufruttelung wurde iiber dem Leichnam der Spalt wieder ge-
schlossen. Und als die Leute am Morgen kamen, war das Grab leer,
denn die Erde hatte aufgenommen den Leichnam des Jesus; nur der
Stein lag noch da, hinweggeschleudert.
Verfolgen wir noch einmal die Bilderreihe! An dem Kreuze auf
Golgatha verscheidet der Jesus. Finsternis bricht herein iiber die Erde.
In das offene Grab wird der Leichnam des Jesus hineingelegt. Ein
Beben durchriittelt den Erdboden, und der Leichnam des Jesus wird
aufgenommen von der Erde. Der dutch das Beben entstandene Spalt
schlieBt sich, der Stein wird danebengeschleudert. Das alles sind tat-
sachliche Ereignisse ; ich kann nicht anders als sie so schildern. Mogen
die Leute, die aus der Naturwissenschaft heraus solchen Dingen sich
nahern wollen, urteilen wie sie wollen, alle moglichen Griinde dagegen
vorbringen : Das, was der hellseherische Blick sieht, ist so, wie ich es
geschildert habe. Und wenn jemand sagen wollte, so etwas konne nicht
geschehen, daB aus dem Kosmos heraus wie in einer gewaltigen
Zeichensprache ein Symbolum hingestellt wird dafur, daft etwas Neues
eingezogen ist in die Menschheitsevolution, wenn jemand sagen
wollte, so schreiben die gottlichen Gewalten dasjenige, was geschieht,
nicht in die Erde hinein mit einer solchen Zeichensprache wie einer
Verfinsterung der Sonne und einem Erdbeben, so konnte ich nur
erwidern: Euer Glaube in alien Ehren, daB das nicht so sein kann!
Aber es ist halt doch geschehen, es hat sich ereignet ! - Ich kann mir
denken, daB etwa ein Ernest Renan, der ja das eigenartige «Leben
Jesu» geschrieben hat, kommen und sagen wiirde: An solche Dinge
glaubt man nicht, denn man glaubt nur an dasjenige, was sich jeder-
zeit im Experimente wieder herstellen laBt. - Aber der Gedanke ist
nicht durchfiihrbar, denn wiirde zum Beispiel ein Renan nicht an die
Eiszeit glauben, obschon es unmoglich ist, durch Experiment die
Eiszeit wieder herzustellen? Das ist doch ganz gewiB unmoglich, die
Eiszeit wieder iiber die Erde zu bringen, und dennoch glauben alle
Naturforscher daran. So ist es unmoglich, da6 dieses einmal gesche-
hene kosmische Zeichen beim Ereignis von Golgatha jemals wieder
vor die Menschen hintritt. Dennoch aber ist es geschehen.
Wir konnen zu diesem Ereignis nur vordringen, wenn wir hell-
seherisch den Weg einschlagen, den ich angedeutet habe, wenn wir
uns zunachst etwa vertiefen in die Seele des Petrus oder eines der
anderen Apostel, die beim Pfingstfeste sich befruchtet fuhlten von der
allwaltenden kosmischen Liebe. Nur, wenn wir in die Seelen jener
Leute schauen und da sehen, was diese Seelen erlebt haben, finden wir
auf diesem Umwege die Moglichkeit, hinzuschauen auf das auf Gol-
gatha erhohte Kreuz, auf die Verfinsterung der Erde zu jener Zeit
und auf das Beben der Erde, das darauf folgte. DaB im auBeren Sinne
diese Verfinsterung und dieses Beben ganz gewohnliche Naturereig-
nisse waren, das wird durchaus nicht geleugnet; daB aber fur den-
jenigen, der diese Ereignisse hellseherisch verfolgt, sich diese Ereig-
nisse so lesen, wie ich sie geschildert habe als gewaltige Zeichen der
okkulten Schrift, das muB entschieden gesagt werden von demjenigen,
der in seiner Seele die Bedingungen dazu hergestellt hat. Denn in der
Tat war, was ich jetzt geschildert habe, fur das BewuBtsein des Petrus
etwas, das auf dem Felde des langen Schlafes sich herauskristallisierte.
Auf dem Felde des durch mancherlei Bilder durchkreuzten BewuBt-
seins des Petrus hoben sich zum Beispiel heraus: das auf Golgatha
erhohte Kreuz, die Verfinsterung und das Beben. Das waren fur den
Petrus die ersten Fruchte der Befruchtung mit der allwaltenden kos-
mischen Liebe beim Pfingstereignis. Und jetzt wuBte er etwas, was er
friiher mit seinem normalen BewuBtsein tatsachlich nicht gewuBt
hatte : daB das Ereignis von Golgatha stattgefunden hat, und daB der
Leib, der am Kreuze hing, derselbe Leib war, mit dem er oftmals im
Leben gewandelt war. Jetzt wuBte er, daB Jesus am Kreuze gestorben
ist und daB dieses Sterben eigentlich eine Geburt war, die Geburt
desjenigen Geistes, der als allwaltende Liebe sich jetzt ausgegossen
hatte in die Seelen der beim Pfingstfeste versammelten Apostel. Und
wie einen Strahl der urewigen, aonischen Liebe fuhlte er in seiner
Seele aufwachen den Geist als denselben, welcher geboren worden
war, als der Jesus am Kreuze verschied. Und die ungeheuere Wahr-
heit senkte sich in die Seele des Petrus: Es ist nur Schein, daB am
Kreuze ein Tod sich vollzogen hat, in Wahrheit war dieser Tod, dem
unendliches Leiden vorangegangen war, die Geburt desjenigen, was
wie in einem Strahle jetzt in seine Seele hineingedrungen war, fur die
ganze Erde. Fur die Erde war mit dem Tode des Jesus geboren das-
jenige, was friiher allseitig auBerhalb der Erde vorhanden war: die
allwaltende Liebe, die kosmische Liebe.
Solch ein Wort ist scheinbar abstrakt leicht auszusprechen, aber man
muB sich einen Augenblick wirklich hineinversetzen in diese Petrus-
Seele, wie sie empfunden hat, in diesem Moment zum allerersten
Male empfunden hat : Der Erde ist etwas geboren worden, was friiher
nur im Kosmos vorhanden war, in dem Augenblick, als Jesus von
Nazareth verschied am Kreuze auf Golgatha. Der Tod des Jesus von
Nazareth war die Geburt der allwaltenden kosmischen Liebe inner-
halb der Erdensphare.
Das ist gewissermaBen die erste Erkenntnis, die wir herauslesen
konnen aus dem, was wir das Fiinfte Evangelium nennen. Mit dem,
was im Neuen Testamente die Herabkunft, die AusgieBung des Hei-
ligen Geistes genannt wird, ist gemeint dasjenige, was ich jetzt ge-
schildert habe. Die Apostel waren nicht geeignet durch ihre ganze da-
malige Seelenverfassung, dieses Ereignis des Todes des Jesus von
Nazareth anders mitzumachen als in einem abnormen BewuBtseins-
zustande.
Noch eines anderen Momentes seines Lebens muBte Petrus, auch
Johannes und Jakobus, gedenken, jenes Momentes, der auch in den
anderen Evangelien geschildert wird, der uns aber nur durch das
Fiinfte Evangelium in seiner vollen Bedeutung erst verstandlich wer-
den kann. Derjenige, mit dem sie auf der Erde gewandelt waren,
hatte sie herausgefuhrt zum Olberge, zum Garten Gethsemane und
hatte gesagt: Wachet und betet! - Sie aber waren eingeschlafen und
jetzt wuBten sie: Dazumal war schon gekommen jener Zustand, der
sich immer mehr und mehr ausbreitete iiber ihre Seelen. Das normale
BewuBtsein schlief ein, sie versanken in Schlaf, der andauerte wahrend
des Ereignisses von Golgatha, und aus dem herausstrahlte dasjenige,
was ich in stammelnden Worten zu schildern versuchte. Und Petrus,
Johannes und Jakobus muBten gedenken, wie sie in diesen Zustand
verfallen waren und wie jetzt, als sie zunickblickten, heraufdammerten
die groBen Ereignisse, die sich um den irdischen Leib Desjerrigen ab-
gespielt hatten, mit dem sie umhergewandelt waren. Und allmahlich,
wie versunkene Traume herauftauchen im MenschenbewuBtsein, in
der Menschenseele, so tauchten die verflossenen Tage in dem BewuBt-
sein und den Seelen der Apostel auf. Wahrend dieser Tage hatten sie
das alles nicht mit normalem BewuBtsein miterlebt. Jetzt tauchte das
in ihr normales BewuBtsein herein, und dasjenige, was hereintauchte,
das war die ganze Zeit, die sie miterlebt hatten seit dem Ereignis von
Golgatha bis zu dem Pfingstereignis, in den Untergriinden ihrer Seele
versunken geblieben. Das fdhlten sie, wie diese Zeit ihnen vorkam
wie eine Zeit tiefsten Schlafes. Besonders die zehn Tage von der so-
genannten Himmelfahrt bis zum Pfingstereigrris kamen ihnen vor wie
eine Zeit tiefsten Schlafes. Riickwartsschauend aber kam ihnen Tag
fur Tag herauf die Zeit zwischen dem Mysterium von Golgatha und
der sogenannten Himmelfahrt des Christus Jesus. Das hatten sie mit-
erlebt, das kam aber erst jetzt herauf, und in einer ganz merkwiirdigen
Weise kam es herauf.
Verzeihen Sie, wenn ich hier eine personliche Bemerkung ein-
schalte. Ich muB gestehen, daB ich selbst in hochstem MaBe erstaunt
war, als ich gewahr wurde, wie das in den Seelen der Apostel herauf-
kam, was sie erlebt hatten in der Zeit zwischen dem Mysterium von
Golgatha und der sogenannten Himmelfahrt. Es ist ganz merkwiirdig,
wie das heraufkam, auftauchte in den Seelen der Apostel. - Da
tauchte auf in den Seelen der Apostel Bild nach Bild, und diese
Bilder sagten ihnen: Ja, du warst ja beisammen mit dem, der am
Kreuze gestorben oder geboren worden ist, du bist ihm ja begegnet. -
So wie man am Morgen beim Aufwachen sich erinnert an Traume
und da weiB, du warst ja in diesem Traum zusammen mit diesem oder
jenem, so kamen wie Traume herauf in die Seelen der Apostel die
Erinnerungen. Aber ganz eigenartig war, wie die einzelnen Ereignisse
ins BewuBtsein herauf kamen. Immer muBten sie sich fragen: Ja, wer
ist denn das, mit dem wir da zusammen waren? - Und sie erkannten
ihn immer wiederum und wiederum nicht. Sie fiihlten, das ist eine
geistige Gestalt; sie wuBten, sie sind sicher in diesem schlafartigen
Zustand mit ihm herumgewandelt, aber sie erkannten ihn nicht in
der Gestalt, in der er ihnen jetzt aufgegangen war, nach der Befruch-
tung mit der allwaltenden Liebe. Sie sahen sich wandelnd mit dem-
jenigen, den wir Christus nennen, nach dem Mysterium von Golgatha.
Und sie sahen auch, wie er tatsachlich dazumal ihnen Lehren gab vom
Reiche des Geistes, wie er sie unterwies. Und sie lernten verstehen,
wie sie vierzig Tage lang mit diesem Wesen, das am Kreuze geboren
war, herumgegangen waren, wie dieses Wesen - die aus dem Kosmos
in die Erde geborene allwaltende Liebe - ihr Lehrer war, wie sie aber
mit ihrem normalen BewuBtsein nicht reif gewesen waren, zu ver-
stehen, was dieses Wesen zu sagen hatte, wie sie mit unterbewuBten
Kraften ihrer Seele das hatten aufnehmen miissen, wie sie wie Nacht-
wandler neben dem Christus gegangen waren und nicht hatten auf-
nehmen konnen mit dem gewohnlichen Verstande, was dieses Wesen
ihnen zu geben hatte. Und sie horten auf ihn wahrend dieser vierzig
Tage, mit einem BewuBtsein, das sie nicht kannten, das jetzt erst in sie
heraufdrang, nachdem sie das Pfingstereignis durchgemacht hatten.
Wie Nachtwandler hatten sie zugehort. Als der geistige Lehrer war
er ihnen erschienen und hatte sie unterwiesen in Geheimnissen, die
sie nur verstehen konnten, indem er sie entriickte in einen ganz ande-
ren BewuBtseinszustand. Und so sahen sie jetzt erst: Sie waren mit
dem Christus, mit dem auferstandenen Christus gegangen. Jetzt aber
erkannten sie erst, was mit ihnen geschehen war. Und wodurch er-
kannten sie, daB das wirklich Derjenige war, mit dem sie im Leibe
vor dem Mysterium von Golgatha umhergegangen waren? Das ge-
schah in der folgenden Weise.
Nehmen wir an, solch ein Bild trate jetzt nach dem Pfingstfest vor
die Seele eines der Apostel. Er sah, wie er gewandelt war mit dem
Auferstandenen, wie der Auferstandene ihn unterrichtet hatte. Aber
er erkannte ihn nicht. Er sah zwar ein himmlisches, geistiges Wesen,
aber er erkannte es nicht. Da mischte sich ein anderes Bild herein.
Ein solches Bild vermischte sich mit dem rein geistigen Bilde, das ein
Erlebnis der Apostel darstellte, das sie wirklich durchgemacht hatten
mit dem Christus Jesus vor dem Mysterium von Golgatha. Da gab es
eine Szene, wo sie sich fuhlten wie unterrichtet von dem Geheimnis
des Geistes, von dem Christus Jesus. Aber sie erkannten ihn nicht.
Sie schauten sich gegemiberstehend diesem geistigen Wesen, das sie
unterrichtete, und damit sie das erkannten, verwandelte sich dieses
Bild, indem es sich zugleich aufrechterhielt, in das Bild des Abend-
mahles, das sie miterlebt hatten mit dem Christus Jesus. Stellen Sie
sich wirklich vor, daB solch ein Apostel vor sich hatte das iibersinn-
liche Erlebnis mit dem Auferstandenen und, wie im Hintergrunde wir-
kend, das Bild des Abendmahles. Da erst erkannten sie, daB es Der-
selbe ist, mit dem sie einstmals gewandelt sind im Leibe, wie Der-
jenige, der sie jetzt unterrichtete in der ganz anderen Gestalt, die er
angenommen hatte nach dem Mysterium von Golgatha. Es war ein
vollstandiges ZusammenflieBen der Erinnerungen aus dem BewuBt-
seinszustand, der gleichsam ein Schlafzustand war, mit den Erinne-
rungsbildern, die vorangegangen waren. Wie zwei Bilder, die sich
deckten, erlebten sie das: Ein Bild aus den Erlebnissen nach dem
Mysterium von Golgatha, und eines vor demselben, wie hereinleuch-
tend aus der Zeit, bevor sich ihr BewuBtsein so getriibt hatte, daB sie
nicht mehr miterlebten, was sich da abspielte. So erkannten sie, daB
diese zwei Wesenheiten zusammengehoren: der Auferstandene und
Derjenige, mit dem sie einstmals, vor verhaltnismaBig kurzer Zeit, im
Leibe herumgewandelt waren. Und sie sagten sich jetzt: Bevor wir
also aufgewacht sind durch die Befruchtung mit der allwaltenden
kosmischen Liebe, waren wir wie hinweggenommen von unserem ge-
wohnlichen BewuBtseinszustand. Und der Christus, der Auferstandene
war mit uns. Er hat uns gleichsam unwissend in sein Reich aufge-
nommen, wandelte mit uns und enthiillte uns die Geheimnisse seines
Reiches, die jetzt, nach dem Pfingstmysterium, wie im Traume erlebt
herauftauchen ins normale BewuBtsein.
Das ist das jenige, was man als Staunen-Hervorrufendes erlebt : Dieses
Zusammenfallen immer eines Bildes von einem Erlebnis der Apostel
mit dem Christus nach dem Mysterium von Golgatha mit einem
Bilde vor dem Mysterium von Golgatha, das sie wirklich normal wis-
send im physischen Leibe erlebt hatten mit dem Christus Jesus.
Wir haben den Anfang damit gemacht, mitzuteilen, was sich lesen
laBt in dem sogenannten Funften Evangelium, und ich darf am Ende
dieser ersten Mitteilung, die ich heute zu machen hatte, vielleicht ein
paar personliche Worte zu Ihnen sprechen, die neben dieser Tatsache
doch eben ausgesprochen werden mussen. Ich fuhle mich gewisser-
maBen okkult verpflichtet, von diesen Dingen jetzt zu sprechen. Das-
jenige aber, was ich sagen mochte, ist das Folgende: Ich weiB sehr
wohl, daB wir gegenwartig in einer solchen Zeit leben, in der sich
mancherlei fur die nachste Erdenzukunft der Menschheit vorbereitet,
und daB wir innerhalb unserer - jetzt Anthroposophischen - Gesell-
schaft gleichsam als diejenigen uns fiihlen mussen, denen eine Ahnung
aufgeht, daB in den Seelen der Menschen etwas vorzubereiten ist fur
die Zukunft, was vorbereitet werden muB. Ich weiB, es werden Zei-
ten kommen, in denen man noch ganz anders, als es unsere heutige
Zeit uns gestattet, wird iiber diese Dinge sprechen konnen. Denn wir
alle sind ja Kinder der Zeit. Es wird aber eine nahe Zukunft kommen,
in der man genauer, praziser wird sprechen konnen, in der vielleicht
manches von dem, was heute nur andeutungsweise erkannt werden
kann, viel, viel genauer wird erkannt werden konnen in der geistigen
Chronik des Werdens. Solche Zeiten werden kommen, wenn es auch
der heutigen Menschheit noch so unwahrscheinlich vorkommt. Den-
noch liegt gerade aus diesem Grunde eine gewisse Verpflichtung vor,
schon heute wie vorbereitend iiber diese Dinge zu sprechen. Und
wenn es mich auch eine gewisse tJberwindung gekostet hat, gerade
iiber dieses Thema zu sprechen, so iiberwog denn doch die Ver-
pflichtung gegeniiber demjenigen, was sich in unserer Zeit vor-
bereiten muB. Das fiihrte dazu, zum ersten Male gerade bei Ihnen
hier iiber dieses Thema zu sprechen.
Wenn ich von Uberwindung spreche, so fassen Sie dieses Wort
wirklich so auf, wie es ausgesprochen wird. Ich bitte ausdriicklich,
dasjenige, was ich gerade bei dieser Gelegenheit zu sagen habe, wirk-
lich nur aufzufassen wie eine Art Anregung, wie etwas, was ganz ge-
wiB in Zukunft viel besser und praziser wird ausgesprochen werden
konnen. Und das Wort tJberwindung werden Sie besser verstehen,
wenn Sie mir gestatten, eine personliche Bemerkung nicht zu unter-
driicken: Es ist mir durchaus klar, daB fiir die Geistesforschung, der
ich mich ergeben habe, zunachst manches auBerordentlich schwierig
und miihevoll herauszuholen ist aus der geistigen Schrift der Welt;
gerade Dinge von dieser Art ! Und ich wurde mich gar nicht wundern,
wenn das Wort «Andeutung», das ich gebrauchte, eine noch viel
schwerere und weitere Bedeutung hatte, als es vielleicht jetzt auf-
gefalk zu werden braucht. Ich will durchaus nicht sagen, daB ich
heute schon imstande bin, alles das prazise zu sagen, was sich in der
geistigen Schrift darstellt. Denn gerade ich fiihle mancherlei Schwie-
rigkeiten und Miihe, wenn es sich darum handelt, Bilder, die sich auf
die Geheimnisse des Christentums beziehen, aus der Akasha-Chronik
zu holen. Ich fiihle Miihe, diese Bilder zu der notigen Verdichtung
zu bringen, sie festhalten zu konnen, und betrachte es gewisser-
maBen als mein Karma, daB mir die Pflicht auferlegt ist, dies zu sagen,
was ich eben ausspreche. Denn ganz zweifellos wiirde ich weniger
Miihe haben, wenn ich in der Lage gewesen ware, in der mancher
unserer Zeitgenossen ist, in meiner ersten Jugend eine wirklich christ-
liche Erziehung erhalten zu haben. Das habe ich nicht gehabt; ich bin
in einer vollstandig freigeistigen Umgebung aufgewachsen, und auch
mein Studium hat mich zum Freigeistigen gefuhrt. Mein eigener
Bildungsgang war ein rein wissenschaftlicher. Und das macht mir eine
gewisse Miihe, diese Dinge jetzt zu finden, von denen ich zu spre-
chen verpflichtet bin.
Gerade diese personliche Bemerkung darf ich vielleicht machen aus
zwei Griinden: aus dem Grunde, weil ja gerade durch eine ganz
eigenartige Gewissenlosigkeit ein torichtes, albernes Marchen iiber
meine Zusammenhange mit gewissen katholischen Stromungen durch
die Welt gesendet worden ist. Von alien diesen Dingen ist nicht ein
einziges Wort wahr. Und wohin es gekommen ist mit dem, was sich
heute vielfach Theosophie nennt, das kann man einfach daran er-
messen, daB auf dem Boden der Theosophie solche gewissenlose Auf-
stellungen und Geriichte in die Welt geschickt werden. Da wir aber
gezwungen sind, nicht in nachsichtiger Weise, phrasenhaft dariiber
hinwegzugehen, sondern demgegeniiber die Wahrheit hinzustellen, so
darf diese personliche Bemerkung gemacht werden. - Auf der anderen
Seite fiihle ich mich gerade dadurch, daB ich in meiner Jugend dem
Christentum fernstand, diesem um so unbefangener gegeniiber und
glaube, da ich erst durch den Geist zu dem Christentum und der
Christus-Wesenheit gefuhrt worden bin, gerade auf diesem Gebiete
ein gewisses Recht zu haben auf Vorurteilslosigkeit und Unbefangen-
heit, um iiber diese Dinge Aussagen zu machen. Vielleicht wird man -
gerade in dieser Stunde der Weltgeschichte - mehr geben konnen
auf das Wort eines Menschen, der aus wissenschaftlicher Bildung
kommt, der in seiner Jugend dem Christentum ferngestanden hat, als
eines solchen, der seit der friihesten Jugend mit dem Christentum
im Zusammenhang gewesen ist. Und ich glaube wahrhaftig nicht, daB
das Christentum etwas verlieren kann, wenn es in seinen tieferen
Elementen dargestellt wird von einem BewuBtsein, das erst aus dem
Geist selber sich zu dem Christentum hingefunden hat. Aber wenn
Sie diese Worte ernst nehmen, so werden Sie wie angedeutet fuhlen,
was in mir selber lebt, wenn ich jetzt spreche von den Geheimnissen,
die ich bezeichnen mochte als die Geheimnisse des sogenannten
Funften Evangeliums.
Kristiania (Oslo), 3. Oktober 1913
Dritter Vortrag
Wenn ich gestern davon gesprochen habe, daB diejenigen Personlich-
keiten, die man gewohnlich die Apostel des Christus Jesus nennt,
eine gewisse Auferweckuhg erlebt haben in dem Augenblick, der im
sogenannten Pfingstfest seinen Ausgangspunkt hat, so ist damit durch-
aus nicht etwa behauptet, daB dasjenige, wovon ich zu sprechen habe
als von dem Inhalt des sogenannten Fiinften Evangeliums, gleich
dazumal so, wie ich es jetzt erzahle, im BewuBtsein, im vollen BewuBt-
sein dieser Apostel gewesen sei. Allerdings, wenn sich das hellsichtige
BewuBtsein in die Seelen dieser Apostel vertieft, dann erkennt es jene
Bilder in diesen Seelen. Aber in den Ap ostein selber lebte das dazumal
schon weniger als Bild, sondern es lebte, nun, wenn ich sagen darf
als Leben, als unmittelbares Erleben, als Gefiihl und Macht der Seele.
Und dasjenige, was die Apostel dann haben sprechen konnen, wodurch
sie sogar die Griechen in der damaligen Zeit hingerissen haben, wo-
durch sie den AnstoB gegeben haben zu dem, was wir die christliche
Entwickelung nennen, dasjenige, was sie so als Macht der Seele, als
Macht des Gemiites in sich trugen, das erbluhte aus dem, was in ihrer
Seele lebte als lebendige Kraft des Fiinften Evangeliums. Sie konnten
so reden, wie sie redeten, sie konnten so wirken, wie sie wirkten, weil
sie die Dinge, die wir jetzt als Fiinftes Evangelium entziffern, lebendig
in ihrer Seele trugen, auch wenn sie die Dinge nicht so in Worten er-
zahlten, wie man jetzt dieses Funfte Evangelium erzahlen muB. Denn sie
hatten ja empfangen, wie durch eine Auferweckung, die Befruchtung
durch die allwaltende kosmische Liebe, und unter dem Eindruck dieser
Befruchtung wirkten sie nun weiter. Was in ihnen wirkte, war dasjenige,
wozu der Christus geworden ist nach dem Mysterium von Golgatha.
Und hier stehen wir an einem Punkte, wo wir im Sinne des Fiinften
Evangeliums iiber das Erdenleben des Christus sprechen miissen.
Es ist fur heutige BegrirTe, fur BegrifFe der Gegenwart, nicht ganz
leicht, das in Worte zu fassen, um was es sich dabei handelt. Aber wir
konnen uns mit mancherlei Begriffen und Ideen, die wir schon ge-
wonnen haben durch unsere geisteswissenschaftlichen Betrachtungen,
diesem groBten Erdengeheimnisse nahern. Wenn man das Christus-
Wesen verstehen will, dann muB man manche Begriffe, die wir
schon haben durch unsere geisteswissenschaftlichen Auseinander-
setzungen, in etwas veranderter Form auf die Christus-Wesenheit an-
wenden.
Gehen wir einmal, um zu einiger Klarheit zu kommen, aus von
demjenigen, was man gewohnlich nennt die Johannestaufe im Jordan.
Sie stellt sich im Fiinften Evangelium dar in bezug auf das Erden-
leben des Christus wie etwas, was gleich ist wie eine Empfangnis bei
einem Erdenmenschen. Das Leben des Christus von da ab bis zu dem
Mysterium von Golgatha verstehen wir, wenn wir es vergleichen mit
demjenigen Leben, das der Menschenkeim im Leibe der Mutter durch-
macht. Es ist also gewissermaBen ein Keimesleben der Christus-
Wesenheit, das diese Wesenheit durchmacht von der Johannestaufe
bis zum Mysterium von Golgatha. Das Mysterium von Golgatha
selber mussen wir verstehen als die irdische Geburt, also den Tod
des Jesus als die irdische Geburt des Christus. Und sein eigentliches
Erdenleben mussen wir suchen nach dem Mysterium von Golgatha, da
der Christus seinen Umgang gehabt hat, wie ich gestern angedeutet
habe, mit den Aposteln, als diese Apostel in einer Art von anderem
BewuBtseinszustand waren. Das war dasjenige, was der eigentlichen
Geburt der Christus-Wesenheit folgte. Und was beschrieben wird als
die Himmelfahrt und die darauf folgende AusgieBung des Geistes, das
mussen wir bei der Christus-Wesenheit auffassen als dasjenige, was
wir beim menschlichen Tode als das Eingehen in die geistigen Wel-
ten anzusehen gewohnt sind. Und das Weiterleben des Christus in
der Erdensphare seit der Himmelfahrt oder seit dem Pfingstereignis
mussen wir vergleichen mit dem, was die Menschenseele durchlebt,
wenn sie im sogenannten Devachan, im Geisterlande ist.
Wir sehen also, meine lieben Freunde, daB wir in der Christus-
Wesenheit eine solche Wesenheit vor uns haben, gegeniiber welcher
wir alle Begriffe, die wir sonst uns angeeignet haben iiber die Auf-
einanderfolge der Zustande des menschlichen Lebens, vollstandig ver-
andern miissen. Der Mensch geht nach der kurzen Zwischenzeit, die
man gewohnlich nennt Lauterungszeit, Kamalokazeit, in die geistige
Welt uber, um sich vorzubereiten zum nachsten Erdenleben. Der
Mensch durchlebt also nach seinem Tode ein geistiges Leben. Vom
Pfingstereignisse an erlebte die Christus-Wesenheit dasjenige, was fur
sie dasselbe bedeutete, wie fiir den Menschen der Dbergang ins Gei-
sterland: das Aufgehen in die Erdensphare. Und anstatt in ein De-
vachan, anstatt in ein geistiges Gebiet zu kommen, wie der Mensch
nach dem Tode, brachte die Christus-Wesenheit das Opfer, ihren
Himmel gleichsam auf der Erde aufzuschlagen, auf der Erde zu suchen,
Der Mensch verlaBt die Erde, um, wenn wir mit den gebrauchlichen
Ausdriicken sprechen, seinen Wohnplatz mit dem Himmel zu ver-
tauschen. Der Christus verlieB den Himmel, um diesen seinen Wohn-
platz mit der Erde zu vertauschen. Das bitte ich Sie im rechten Lichte
sich anzuschauen und daran zu kmipfen dann die Empfindung, das
Gefuhl, was geschehen ist durch das Mysterium von Golgatha, was
geschehen ist durch die Christus-Wesenheit, worin das eigentliche
Opfer der Christus-Wesenheit bestanden hat, namlich im Verlassen der
geistigen Spharen, um mit der Erde und mit den Menschen auf der
Erde zu leben, und die Menschen, die Evolution auf der Erde durch
den ihr so gegebenen Impuls weiterzufuhren. Das besagt schon, daG
vor der Johannestaufe im Jordan diese Wesenheit nicht der Erden-
sphare angehorte. Sie ist also hereingewandert aus den iiberirdischen
Spharen in die Erdensphare. Und dasjenige, was erlebt wurde zwischen
der Johannestaufe und dem Pfingstereignis, das muJBte erlebt werden,
um umzuwandeln die himmlische Wesenheit des Christus in die ir-
dische Wesenheit des Christus.
Es ist unendlich viel gesagt, wenn dieses Geheimnis hier aus-
gesprochen wird mit den Worten: Seit dem Pfingstereignis ist die
Christus-Wesenheit bei den menschlichen Seelen auf der Erde; vorher
war sie nicht bei den menschlichen Seelen auf der Erde. Das, was
die Christus-Wesenheit durchgemacht hat zwischen der Johannestaufe
und dem Pfingstereignis, ist geschehen, damit der Wohnsitz eines
Gottes in der geistigen Welt vertauscht werden konnte mit dem Wohn-
sitz in der irdischen Sphare. Das ist geschehen, damit diese gottlich-
geistige Christus-Wesenheit die Gestalt annehmen konnte, welche not-
wendig war fur sie, um mit den menschlichen Seelen fortan Gemein-
schaft zu haben. Warum sind also die Ereignisse von Palastina voll-
zogen worden? Damit die gottlich-geistige Wesenheit des Christus die
Gestalt annehmen konnte, die sie brauchte, um mit den menschlichen
Seelen auf der Erde Gemeinschaft zu haben.
Es ist damit zugleich darauf hingewiesen, daB dieses Ereignis von
Palastina ein einzigartiges ist, worauf ich ja schon ofter aufmerksam
gemacht habe : es ist das Herabsteigen einer hoheren, nicht irdischen
Wesenheit in die Erdensphare und das Zusammenbleiben dieser nicht
irdischen Wesenheit mit der Erdensphare, bis unter ihrem EinfluB die
Erdensphare die entsprechende Umgestaltung erfahren haben wird.
Seit jener Zeit ist also die Christus-Wesenheit auf der Erde wirksam.
Wollen wir nun das Pflngstereignis im Sinne des Fiinften Evange-
liums vollstandig verstehen, so miissen wir die BegrifTe zu Hilfe neh-
men, die wir in der Geisteswissenschaft ausgearbeitet haben. Aufmerk-
sam gemacht worden ist darauf, daB es in den alten Zeiten Mysterien-
einweihungen gegeben hat, daB die Menschenseele durch diese Ein-
weihung heraufgehoben worden ist zur Teilnahme am spirituellen
Leben. Am anschaulichsten wird dieses vorchristliche Mysterien-
wesen, wenn man ins Auge faBt die sogenannten persischen oder
Mithrasmysterien. Da gab es sieben Stufen der Einweihung. Da wurde
derjenige, der heraufgefiihrt werden sollte in die hoheren Grade des
geistigen Erlebens, zuerst zu dem gefiihrt, was man symbolisch einen
«Raben» nannte. Dann wurde er ein «Okkulter», ein «Verborgener».
Im dritten Grade wurde er ein «Streiter», im vierten ein «L6we», im
fiinften iibertrug man ihm den Namen desjenigen Volkes, dem er
angehorte. Im sechsten Grade wurde er ein «Sonnenheld», im sie-
benten Grade ein «Vater». Fur die vier ersten Grade geniigt es heute,
wenn wir sagen, daB der Mensch allmahlich immer tiefer und tiefer
in das geistige Erleben hineingefiihrt wurde. Im fiinften Grade er-
langte der Mensch die Fahigkeit, ein erweitertes BewuBtsein zu haben,
so daB dieses erweiterte BewuBtsein ihm die Fahigkeit gab, ein gei-
stiger Behiiter des ganzen Volkes zu werden, dem er angehorte. Des-
halb iibertrug man ihm auch den Namen des betreifenden Volkes.
Wenn jemand in diesen alten Mysterien in den fiinften Grad ein-
geweiht war, dann hatte er eine bestimmte Art der Teilnahme an
dem geistigen Leben.
Wir wissen gerade aus einem Vortragszyklus, den ich hier gehalten
habe, daB die Erdenvolker gefiihrt werden von dem, was wir in den
Hierarchien der geistigen Wesenheiten die Archangeloi oder Erzengel
nennen. In diese Sphare wurde hinaufgehoben der in den fiinften Grad
Eingeweihte, so daB er teilnahm an dem Leben der Erzengel. Man
brauchte solche Eingeweihte in den fiinften Grad, man brauchte sie
im Kosmos. Daher gab es auf Erden eine Einweihung in diesen
fiinften Grad. Wenn solch eine Personlichkeit in die Mysterien ein-
geweiht wurde und alle die inneren Seelenerlebnisse durchmachte,
den Seeleninhalt bekam, der dem fiinften Grade entsprach, dann
blickte gleichsam der Erzengel des betreffenden Volkes, dem diese
Personlichkeit angehorte, hinab auf diese Seele und las in dieser Seele,
wie wir in einem Buche lesen, das uns gewisse Dinge mitteilt, die
wir wissen mtissen, damit wir diese oder jene Tat vollbringen konnen.
Was einem Volke notwendig war, was ein Volk brauchte, das lasen
die Archangeloi in den Seelen derjenigen, die in den fiinften Grad
eingeweiht worden waren. Man muB, damit die Archangeloi in der
richtigen Weise fiihren konnen, auf der Erde Eingeweihte des fiinften
Grades schafFen. Diese Eingeweihten sind die Vermittler zwischen den
eigentlichen Volksfiihrern, den Archangeloi, und dem Volke selber.
Sie tragen gleichsam hinauf in die Sphare der Archangeloi dasjenige,
was dort gebraucht wird, damit das Volk in der richtigen Weise ge-
fiihrt werden kann.
W T ie konnte nun dieser fiinfte Grad erlangt werden in alten vor-
christlichen Zeiten? Nicht konnte er erlangt werden, wenn die Seele
des Menschen im Leibe blieb. Die Seele des Menschen muBte aus dem
Leibe herausgehoben werden. Die Einweihung bestand gerade darin,
daB die Seele des Menschen aus dem Leibe herausgeholt worden ist.
Und auBerhalb des Leibes machte dann die Seele durch, was ihr den
Inhalt gab, den ich soeben beschrieben habe. Die Seele muBte ver-
lassen die Erde, muBte in die geistige Welt hinaufsteigen, urn das-
jenige zu erreichen, was sie erreichen sollte.
Wenn nun der sechste Grad der alten Einweihung erreicht wurde,
der Grad des Sonnenhelden, dann wurde in der Seele eines solchen
Sonnenhelden dasjenige rege, was nicht nur zur Fiihrung, zur Leitung
und Lenkung eines Volkes notwendig ist, sondern was hoher ist als
die bloBe Lenkung und Leitung eines Volkes. Wenn Sie den BHck
hinwenden auf die Entwickelung der ganzen Menschheit auf der Erde,
so sehen Sie, wie Volker entstehen und wieder hinschwinden, wie
Volker sich gleichsam verwandeln. Wie die einzelnen Menschen, so
werden Volker geborenund sterben. Dasjenige aber, was ein Volk fur
die Erde geleistet hat, muB fortbewahrt werden fur die ganze Ent-
wickelung der Menschheit auf Erden. Es muB nicht nur ein Volk
geleitet und gelenkt werden, sondern es muB dasjenige, was dieses
Volk als irdische Arbeit leistet, weitergefuhrt werden iiber das Volk
hinaus. Damit eine Volksleistung herausgefiihrt werden kann iiber das
Volk hinaus von den Geistern, die hoherstehen als die Erzengel, von
den Zeitgeistern, waren notwendig die Eingeweihten des sechsten
Grades, die Sonnenhelden. Denn in dem, was in der Seele eines Son-
nenhelden lebte, konnten die Wesen der hoheren Welten dasjenige
lesen, was die Arbeit eines Volkes hiniibertrug in die Arbeit des gan-
zen Menschengeschlechtes. So konnte man die Krafte gewinnen, die
in der richtigen Weise die Arbeit eines Volkes henibertragen in die
Arbeit der ganzen Menschheit. Uber die ganze Erde wurde hingetra-
gen dasjenige, was in dem Sonnenhelden lebte. Und so wie derjenige,
der in den fiinften Grad in den alten Mysterien eingeweiht werden
sollte, aus seinem Leibe herausgehen muBte, um das Notwendige
durchzumachen, so muBte derjenige, der ein Sonnenheld werden
sollte, herausgehen aus seinem Leibe und zum Wohnplatz wahrend
der Zeit seines Herausgegangenseins wirklich die Sonne haben.
Das sind allerdings Dinge, die fur das heutige ZeitbewuBtsein fast
fabelhaft klingen, ja, vielleicht als eine Torheit gelten. Aber dafiir
gilt auch das Paulinische Wort, daB was Weisheit vor den Gottern,
oftmals Torheit ist fur die Menschen. Der Sonnenheld lebte also fur
diese Zeit seiner Einweihung mit dem ganzen Sonnensystem zusam-
men. Die Sonne ist sein Wohnplatz, wie der gewohnliche Mensch
auf der Erde als auf seinem Planeten lebt. Wie um uns Berge und
Fliisse sind, sind fiir den Sonnenhelden wahrend seiner Einweihung
um ihn die Planeten des Sonnensystems. Entmckt auf die Sonne
muBte der Sonnenheld wahrend der Einweihung sein. Das konnte
man in den alten Mysterien nur auBerhalb des Leibes erreichen. Und
wenn man zuriickkehrte in seinen Leib, erinnerte man sich daran, was
man aufierhalb seines Leibes erlebt hatte und konnte es verwenden als
Wirkenskrafte fur die Evolution der ganzenMenschheit, fiir das Heil der
ganzenMenschheit.Die Sonnenhelden verlieBen also wahrend der Ein-
weihung ihren Leib ; hatten sie sich mit diesen Kraften erfiillt, dann tra-
ten sie wiederum in ihren Leib zuriick. Wenn sie zuruckgekehrt waren,
dann hatten sie die Krafte in ihrer Seele, welche die Arbeit eines Vol-
kes herausfuhren konnten in die ganze Entwickelung der Menschheit.
Und was erlebten diese Sonnenhelden wahrend der dreieinhalb Tage
ihrer Einweihung? Wahrend sie - wir konnen es schon so nennen -
wandelten nicht auf der Erde, sondern auf der Sonne, was erlebten
sie? Die Gemeinsamkeit mit dem Christus, der vor dem Mysterium
von Golgatha noch nicht auf der Erde war! Alle alten Sonnenhelden
waren so in die Sonnensphare hinaufgegangen, denn nur da konnte
man in den alten Zeiten die Gemeinsamkeit mit dem Christus erleben.
Aus dieser Welt, in die hinaufsteigen muBten wahrend ihrer Ein-
weihung die alten Eingeweihten, ist der Christus herabgestiegen auf
die Erde. Wir konnen also sagen: Dasjenige, was durch die ganze
Prozedur der Einweihung in alten Zeiten fur einzelne Wenige hat er-
reicht werden konnen, das wurde erreicht wie durch ein natur-
gemaBes Ereignis in den Pfingsttagen von denjenigen, welche die
Apostel des Christus waren. Wahrend friiher die Menschenseelen
hatten hinaufsteigen miissen zu dem Christus, war jetzt der Christus
zu den Aposteln herabgestiegen. Und die Apostel waren in gewisser
Weise solche Seelen geworden, die in sich trugen jenen Inhalt, den
die alten Sonnenhelden in ihren Seelen gehabt haben. Die geistige
Kraft der Sonne hatte sich ausgegossen uber die Seelen dieser Men-
schen und wirkte fortan weiter in der Menschheitsevolution. Damit
dies geschehen konnte, damit das Wirken einer ganz neuen Kraft auf
die Erde kommen konnte, muBte das Ereignis von Palastina, muBte
das Mysterium von Golgatha sich vollziehen.
Aus was heraus aber ist das Erdensein des Christus erwachsen? Es
ist erwachsen aus dem tiefsten Leiden, aus einem Leiden, das hinaus-
geht iiber alle menschliche Vorstellungsfahigkeit vom Leiden. Um an
dieser Stelle richtige Begriffe iiber die Sache zu bekommen, sind
auch wieder einige Widerstande des gegenwartigen BewuBtseins hin-
wegzuraumen. Ich muB nun einmal manche Einschaltung machen in
die Erklarung des Funften Evangeliums.
Vor kurzem ist ein Buch erschienen, das ich recht sehr zur Lek-
tiire empfehlen mochte, weil es von einem sehr geistreichen Manne
herruhrt und beweisen kann, welchen Unsinn geistreiche Menschen
in bezug auf geistige Dinge aussprechen konnen. Ich meine das Buch
Maurice Maeterlincks «Vom Tode». Unter mancherlei unsinnigen Din-
gen, die darin stehen, ist auch die Behauptung, daB wenn der Mensch
einmal gestorben sei, er nicht mehr leiden konne, da er ja dann ein
Geist sei, keinen physischen Leib mehr habe. Ein Geist aber konne
nicht leiden. Der Leib sei es allein, der leide. - Maeterlinck, der
geistvolle Mann, gibt sich also der Illusion hin, daB nur das Phy-
sische leiden konne und ein Toter deswegen nicht leiden konne. Er
merkt gar nicht den phanomenalen, fast unglaublichen Unsinn, der
darin liegt, zu behaupten, daB der physische Leib, der aus physischen
Kraften und chemischen Stoffen besteht, allein leidet. Als ob Leiden
an physische Stoffe und Krafte gebunden sei! Stoffe und Krafte
leiden iiberhaupt nicht. Wenn diese leiden konnten, dann miiBte auch
ein Stein leiden konnen. Der physische Leib kann nicht leiden; was
leidet, das ist doch eben der Geist, das Seelische. Es ist heute so
weit gekommen, daB die Menschen iiber die einfachsten Dinge das
Gegenteil von dem denken, was Sinn hat. Es gabe kein Kamaloka-
leiden, wenn das geistige Leben nicht leiden konnte. Weil es entbehrt,
wirklich entbehrt den physischen Leib, gerade darin besteht das Kama-
lokaleiden. Wer nun der Meinung ist, daB ein Geist nicht leiden
konne, der wird auch nicht die richtige Vorstellung bekommen kon-
nen von dem unendlichen Leiden, das der Christus-Geist durch-
machte wahrend der Jahre in Palastina.
Bevor ich aber von diesem Leiden spreche, muB ich Sie noch auf
etwas anderes aufmerksam machen. Ins Auge fassen miissen wir, daB
mit der Johannestaufe im Jordan ein Geist auf die Erde herab-
gekommen ist, fortan drei Jahre in einem irdischen Leib gelebt und
in diesem dann den Tod auf Golgatha durchgemacht hat, ein Geist,
der vor der Johannestaufe im Jordan in ganz anderen als irdischen
Verhaltnissen gelebt hat. Und was heiBt das, dieser Geist habe in
ganz anderen als irdischen Verhaltnissen gelebt? Das heiBt, anthro-
posophisch gesprochen, dieser Geist habe auch kein irdisches Karma
gehabt. Was das bedeutet, bitte ich ins Auge zu fassen. Ein Geist lebte
drei Jahre im Leibe des Jesus von Nazareth, der diese Lauf bahn auf
der Erde durchgemacht hat, ohne ein irdisches Karma in seiner Seele
zu haben. Damit gewinnen alle irdischen Erfahrungen und Erlebnisse,
die der Christus durchgemacht hat, eine ganz andere Bedeutung als
die Erfahrungen, die etwa eine Menschenseele durchmacht. Leiden
wir, haben wir diese oder jene Erfahrung, so wissen wir, daB Leiden
im Karma begriindet sind. Fur den Christus-Geist aber war es nicht so.
Er hatte eine dreijahrige Erdenerfahrung durchzumachen, ohne daB
ein Karma auf ihm lastete. Was war also das fur ihn? Leiden ohne
karmischen Sinn, wirklich unverdientes Leiden, ein unschuldiges
Leiden! Das Fiinfte Evangelium ist das anthroposophische Evange-
lium und zeigt uns, daB das dreijahrige Christus-Leben das einzige
Leben in einem menschlichen Leibe ist, das ohne Karma gelebt wurde,
auf welches der BegrifF von Karma im menschlichen Sinne nicht an-
wendbar ist.
Aber die weitere Betrachtung dieses Evangeliums lehrt uns noch
etwas anders dieses dreijahrige Leben erkennen. Dieses ganze drei-
jahrige Leben auf der Erde, das wir betrachtet haben wie ein Embryo-
nalleben, das erzeugte auch kein Karma, das lud auch keine Schuld
auf sich. Es wurde also auf der Erde ein dreijahriges Leben gelebt,
das nicht durch Karma bedingt war und auch kein Karma erzeugte.
Man muJB alle diese BegrifFe und Ideen, die man damit empfangt, nur
im ganz tiefen Sinne aufnehmen und man wird mancherlei gewinnen
fur ein richtiges Verstandnis dieses auBerordentlichen Ereignisses von
Palastina, das sonst wirklich in mancher Hinsicht unerklarlich bleibt.
Vieles muB man zusammentragen zu seinem Verstandnis. Denn was
alles hat es hervorgerufen an sich widersprechenden Erklarungen,
in welcher Weise ist es miBverstanden worden! Und dennoch, wie
hat es Impuls auf Impuls bewirkt in der Menschheitsentwickelung !
Man nimmt diese Dinge nur nicht immer in der richtigen tiefen
Bedeutung. Man wird einmal iiber diese Dinge ganz anders reden,
wenn man das in seiner ungeheuren Tiefe einsehen wird, was wir
hier angedeutet haben, indem wir davon sprachen, daB wir hier
ein dreijahriges Erdenleben vor uns haben, das ohne Karma gelebt
wurde.
Wie gedankenlos geht vielfach der Mensch an Dingen vorbei, die
eigentlich tief bedeutsam sind. Vielleicht hat mancher von Ihnen doch
audi etwas gehort von dem im Jahre 1863 erschienenen Buche
«Leben Jesu» von Ernest Renan. Man liest dieses Buch, ohne auf
das Signifikante dieses Buches recht Riicksicht zu nehmen. Vielleicht
werden sich spater die Menschen wundern, daB unzahlige Menschen
bis heute dieses Buch gelesen haben, ohne zu empfinden, was eigent-
lich das Sonderbare, Merkwiirdige an diesem Buche ist. Das Merk-
wiirdige an diesem Buche ist, daB es ein Zwischending, ein Gemisch
ist einer erhabenen Darstellung und eines Hintertreppenromans. DaB
diese zwei Dinge zusammengemischt werden konnen, eine schone Dar-
stellung und eine richtige Hintertreppengeschichte, das wird man spa-
ter einmal als hochste Absonderlichkeit ansehen. Lesen Sie mit die-
sem BewuBtsein einmal dieses «Leben Jesu» von Ernest Renan, lesen
Sie, was er aus dem Christus macht, der fur ihn natiirlich haupt-
sachlich der Christus Jesus ist. Er macht einen Helden daraus, der
erst ganz gute Absichten hat, ein groBer Wohltater der Menschheit
ist, der aber dann gleichsam von der Volksbegeisterung mitgerissen
wird und nachgibt immer mehr und mehr dem, was das Volk will
und wiinscht, was es so gerne hort und so gerne gesagt bekommt.
Im groBen Stile wendet Ernest Renan dasjenige auf den Christus
an, was man im kleineren Stile oftmals auf uns angewendet findet.
Denn es kommt schon vor, daB Leute, wenn sie irgend etwas sich
ausbreiten sehen, wie zum Beispiel die Theosophie, dann an dem
Lehrer die folgende Kritik liben: Anfangs hatte er ganz gute Absich-
ten, dann kamen die bosen Anhanger, die ihm schmeichelten und ihn
verdarben. Da verfiel er in den Fehler, das zu sagen, was die Zuhorer
gerne horen mochten. - So behandelt Renan das Christus-Leben. Er
entblodet sich nicht, die Auferweckung des Lazarus wie eine Art
Betrug darzustellen, den Christus Jesus hat geschehen lassen, damit
ein gutes Agkationsmittel da sei! Er entblodet sich nicht, Christus
Jesus in eine Arte Rage, eine Leidenschaft hineinzufiihren und immer
mehr und mehr dem Volksinstinkt verfallen zu lassen! Dadurch ist
ein Hintertreppenromanhaftes hineingemischt in die erhabenen Dar-
stellungen, die auch in diesem Buche enthalten sind. Und das Eigen-
tumliche ist, daB eigentlich ein etwas gesundes Empfinden - ja, ich
will nur wenig sagen - zuruckgeschreckt werden miiBte, wenn es
geschildert bekommt eine Wesenheit, die anfangs die besten Absichten
hat, schlieBlich aber den Volksinstinkten verfallt und allerlei Schwin-
deleien geschehen laBt. Renan aber fuhlt sich gar nicht abgeschreckt
davon, sondern hat schone Worte, hinreiBende Worte fur diese Per-
sonlichkeit. Kurios, nicht wahr! Aber es ist ein Beispiel dafiir, wie
groB die Hinneigung der menschlichen Seelen zu dem Christus ist,
ganz unabhangig davon, ob sie Verstandnis hat fur den Christus oder
nicht, wenn sie auch nichts von dem Christus verstehen. Es kann so
weit gehen, daB ein solcher Mensch das Leben Christi zu einem
Hintertreppenroman macht und dennoch nicht bewundernde Worte
genug findet, um die Menschen hinzulenken auf diese Personlichkeit.
Solche Dinge sind nur mbglich gegemiber einer solchen Wesenheit,
die in die Erdenentwickelung so eintritt wie die Christus- Wesenheit.
Oh, es ware viel Karma geschaffen worden in dem dreijahrigen
Leben Christi auf der Erde, wenn Christus so gelebt hatte, wie
Renan es schildert. Das aber wird man erkennen in kiinftigen Tagen,
daB eine solche Schilderung einfach zerbrechen muB, weil man erken-
nen wird, daB das Christus-Leben kein Karma mit sich brachte und
auch keines geschaffen hat. Das ist die Verkiindigung des Fiinften
Evangeliums.
Es war also das Ereignis am Jordan, das wir als die Johannestaufe
bezeichnen, etwas das man vergleichen kann einer Empfangnis beim
Erdenmenschen. Das Fiinfte Evangelium sagt uns, daB die Worte, so
wie sie im Lukas-Evangelium stehen, eine richtige Wiedergabe sind
dessen, was dazumal hatte gehort werden konnen, wenn ein entwik-
keltes, hellsichtiges BewuBtsein zugehort hatte dem kosmischen Aus-
druck dieses Geheimnisses, das sich da vollzog. Die Worte, die vom
Himmel herabtonten, lauteten wirklich: «Dieser ist mein vielgeliebter
Sohn, heute habe ich ihn gezeuget.» Das sind die Worte des Lukas-
Evangeliums, und das ist auch die richtige Wiedergabe dessen, was
damals geschehen ist: die Zeugung, die Empfangnis des Christus in
die Erdenwesenheit. Das vollzog sich im Jordan.
Wollen wir vorlaufig einmal davon absehen, au£ welche irdische
Personlichkeit sich herabgesenkt hat dieser Geist des Christus in der
Johannestaufe. Wir wollen in den nachsten Tagen davon sprechen.
Halten wir uns heute zunachst nur daran, daB ein Jesus von Nazareth
gekommen war, der den Leib gegeben hat der Christus- Wesenheit.
Nun sagt uns das Funfte Evangelium - und das ist, was wir lesen kon-
nen durch den ruckgewendeten hellsichtigen Blick -, daB sich nicht
vollig mit dem Leibe des Jesus von Nazareth verbunden hatte, daB
die Christus- Wesenheit vom ersten Augenblick an ihres irdischen
Wandels zuerst nur eine lose Verbindung hatte mit dem Leibe des
Jesus von Nazareth. Die Verbindung war nicht so, wie beim gewohn-
lichen Menschen die Verbindung des LeibHchen und der Seele ist, so
daB diese vollstandig im Leibe wohnt, sondern so, daB jederzeit, zum
Beispiel wenn es notig war, die Christus-Wesenheit den Leib des Jesus
von Nazareth wiederum verlassen konnte. Und wahrend der Leib des
Jesus von Nazareth irgendwo war wie schlafend, machte die Christus-
Wesenheit gcistig den Weg da- oder dorthin, wo es eben gerade notig
war.
Das Funfte Evangelium zeigt uns, daB nicht immer, wenn die
Christus-Wesenheit den Aposteln erschienen war, auch der Leib des
Jesus von Nazareth dabei war, sondern daB oftmals die Sache so sich
vollzogen hat, daB der Leib des Jesus von Nazareth irgendwo ge-
blieben war und nur der Geist, eben der Christus-Geist, den Apo-
steln erschienen war. Aber er war darm so erschienen, daB sie die
geistige Erscheinung verwechseln konnten mit dem Leibe des Jesus
von Nazareth. Sie merkten wohl einen Unterschied, aber der Unter-
schied war zu gering, als daB sie ihn immer deutlich bemerkt hatten.
In den vier Evangelien tritt das nicht so sehr hervor; das Funfte
Evangelium sagt es uns klar. Die Apostel konnten nicht immer deut-
lich unterscheiden: Jetzt haben wir den Christus im Leibe des Jesus
von Nazareth vor uns, oder jetzt haben wir den Christus als geistige
Wesenheit allein. Der Unterschied war nicht immer klar, sie wuBten
nicht immer, ob das eine oder das andere der Fall war. Sie hielten
diese Erscheinung - sie dachten eben nicht viel dariiber nach - zu-
meist fur den Christus Jesus, das heiBt fur den Christus-Geist, inso-
fern sie ihn als solchen erkannten in dem Leibe des Jesus von Naza-
reth. Aber was sich nach und nach vollzog im dreijahrigen Erden-
leben, das war, daB gewissermaBen in den drei Jahren der Geist sich
an den Leib des Jesus von Nazareth immer enger und enger band,
daB die Christus- Wesenheit immer ahnlicher und ahnlicher wurde als
atherische Wesenheit dem physischen Leibe des Jesus von Nazareth.
Bemerken Sie, wie hier wieder anderes eintrat in bezug auf die
Christus- Wesenheit als beim Leibe des gewohnlichen Menschen. Wenn
wir dieses verstehen wollen, sagen wir richtig: Der gewohnliche
Mensch ist ein Mikrokosmos gegemiber dem Makrokosmos, ein
kleines Abbild des ganzen Makrokosmos, denn dasjenige, was sich
im physischen Leibe des Menschen ausdriickt, was der Mensch auf
Erden wird, das spiegelt den groBen Kosmos ab. Das Umgekehrte
ist bei der Christus- Wesenheit der Fall. Die makrokosmische Sonnen-
wesenheit formt sich nach der Gestalt des menschlichen Mikrokos-
mos, drangt sich und engt sich, preBt sich immer mehr und mehr
zusammen, so daB sie immer ahnlicher wird dem menschlichen
Mikrokosmos. Gerade das Umgekehrte als beim gewohnlichen Men-
schen ist da der Fall.
Im Anfang des Erdenlebens des Christus, gleich nach der Taufe im
Jordan, war die Verbindung mit dem Leibe des Jesus von Nazareth
noch die am meisten lose. Noch ganz auBer dem Leibe des Jesus von
Nazareth war die Christus- Wesenheit. Da war dasjenige, was beim
Herumwandeln auf Erden die Christus-Wesenheit wirkte, noch etwas
ganz Uberirdisches. Sie vollzog Heilungen, die mit keiner Menschen-
kraft zu vollziehen sind. Sie sprach mit einer Eindringlichkeit zu
den Menschen, die eine gottliche Eindringlichkeit war. Die Christus-
Wesenheit, wie nur sich selber fesselnd an den Leib des Jesus von
Nazareth, wirkte als iiberirdische Christus-Wesenheit. Aber immer
mehr und mehr machte sie sich ahnlich dem Leibe des Jesus von
Nazareth, preBte sich, zog sich immer mehr und mehr zusammen in
irdische Verhaltnisse hinein und machte das mit, daB immer mehr die
gottliche Kraft hinschwand. Das alles machte die Christus-Wesenheit
durch, indem sie sich dem Leibe des Jesus von Nazareth anahnlichte,
eine Entwickelung, die in gewisser Beziehung eine absteigende Ent-
wickelung war. Die Christus-Wesenheit muBte fiihlen, wie Macht und
Kraft des Gottes immer mehr und mehr entwich im Ahnlichwerden
dem Leibe des Jesus von Nazareth. Aus dem Gotte wurde nach und
nach ein Mensch.
Wie jemand, der unter unendlichen Qualen immer mehr und mehr
seinen Leib dahinschwinden sieht, so sah schwinden ihren gottlichen
Inhalt die Christus-Wesenheit, indem sie immer ahnlicher wurde als
atherische Wesenheit dem irdischen Leibe des Jesus von Nazareth,
bis sie diesem so ahnlich geworden war, daB sie Angst fiihlen konnte
wie ein Mensch. Das ist dasjenige, was auch die anderen Evangelien
schildern beim Herausgehen des Christus Jesus mit seinen Jiingern
auf den Olberg, wo die Christus-Wesenheit in dem Leibe des Jesus
von Nazareth den AngstschweiB auf der Stirn hatte. Das war die
Vermenschlichung, das immer Menschlicher-und-menschlicher-Wer-
den des Christus, die Anahnlichung an den Leib des Jesus von
Nazareth. In demselben MaBe, in dem diese atherische Christus-
Wesenheit immer ahnlicher wurde dem Leibe des Jesus von Naza-
reth, in demselben MaBe wurde der Christus Mensch. Es schwanden
ihm die geistigen Wunderkrafte des Gottes dahin. Und da sehen wir
den ganzen Passionsweg des Christus-Wesens, der begann von jenem
Zeitpunkte an, wie er bald nach der Johannestaufe im Jordan kam,
wo er die Kranken heilte und die Damonen austrieb durch seine
gottlichen Krafte, wo die staunenden Menschen, die das gesehen
hatten, was der Christus vermochte, sagten: Das habe noch nie ein
Wesen auf Erden vollbracht. - Das war die Zeit, in der die Christus-
Wesenheit noch wenig ahnlich war dem Leibe des Jesus von Naza-
reth. Von diesem staunenden Aufsehen der ringsherum befindlichen
Bewunderer vollzieht sich in drei Jahren der Weg bis dahin, wo die
Christus-Wesenheit so ahnlich geworden ist dem Leibe des Jesus von
Nazareth, daB sie in diesem siechen Leibe des Jesus von Nazareth,
dem sie sich angeahnelt hatte, nicht mehr antworten konnte auf die
Fragen des Pilatus, des Herodes und des Kaiphas. So ahnlich war
sie geworden dem Leibe des Jesus von Nazareth, dem immer schwa-
cher und schwacher werdenden, immer siecher und siecher werdenden
Leibe, daft auf die Frage: Hast du gesagt, daB du den Tempel ab-
brechen und in drei Tagen wieder aufbauen werdest? - aus dem
morschen Leibe des Jesus von Nazareth die Christus-Wesenheit nicht
mehr sprach und stumm blieb vor dem Hohenpriester der Juden,
daB sie stumm blieb vor Pilatus, der fragte : Hast du gesagt, du warest
der Konig der Juden? - Das war der Passions weg von der Taufe
im Jordan bis zur Machtlosigkeit. Und bald darauf stand die stau-
nende Menge, die vorher die uberirdischen Wunderkrafte der Chri-
stus-Wesenheit angestaunt hatte, nicht mehr bewundernd um ihn, son-
dern stand vor dem Kreuze, spottend uber die Ohnmacht des Gottes,
der Mensch geworden war, mit den Worten: Bist du ein Gott, so
steige herab. Du hast anderen geholfen, jetzt hilf dir selber! - Von
der gottlichen Machtfulle bis zur Machtlosigkeit, das war der Pas-
sions weg des Gottes. Ein Weg unendlichen Leidens fur den Mensch
gewordenen Gott, zu dem hinzukam jenes Leid iiber die Mensch-
heit, die sich so weit gebracht hatte, wie sie eben war zur Zeit des
Mysteriums von Golgatha. Und das war zu der Zeit der hohen in-
tellektuellen Entwickelung der Menschheit, wie es gestern angedeutet
wurde.
Dieses Schmerz-Erleiden aber gebar jenen Geist, der beim Pfingst-
feste ausgegossen worden ist auf die Apostek Aus diesen Schmerzen
herausgeboren ist die allwaltende kosmische Liebe, die herabgestiegen
ist bei der Taufe im Jordan aus den auBerirdischen, himmlischen
Spharen in die irdische Sphare hinein, die ahnlich geworden ist dem
Menschen, ahnlich einem menschlichen Leibe, und die durchmachte
das unendliche Leiden, das sich kein Menschendenken ausdenken
kann, die durchmachte den Augenblick der hochsten, gottlichen Ohn-
macht, um jenen Impuls zu gebaren, den wir dann als den Christus-
Impuls in der weiteren Evolution der Menschheit kennen.
Das sind die Dinge, die wir ins Auge fassen miissen, wenn wir
den tiefen Sinn verstehen wollen, die ganze Bedeutung des Christus-
Impulses, wie sie wird verstanden sein miissen in die Zukunft der
Menschheit hinein, was die Menschenzukunft brauchen wird, urn auf
ihrem Kultur-, auf ihrem Entwkkelungspfade weiterzukommen.
Kristiania (Oslo), 5. Oktober 1913
Vierter Vortrag
Eine Art Beruhigung, wenn ich iiberhaupt darangehe, von demjenigen
zu sprechen, wovon als zum Fiinften Evangelium gehdrig heute ge-
sprochen werden soli, gibt gewissermaBen der SchluB des Johannes-
Evangeliums. Wir erinnern uns dieses Schlusses, wo da stent, daB ja
in den Evangelien keineswegs aufgezeichnet sind alle Ereignisse, die
geschehen sind urn den Christus Jesus herum. Denn hatte man damals,
so steht es da, alles aufzeichnen wollen, so hatte die Welt nicht genug
Biicher aufweisen konnen, urn alles das zu fassen. So also wird das
eine nicht bezweifelt werden konnen: daB auBer dem, was auf-
gezeichnet worden ist in den vier Evangelien, noch mancherlei anderes
geschehen sein kann. Urn mich verstandlich zu machen in bezug auf
alles dasjenige, was ich gerade in diesem Vortragszyklus aus dem
Fiinften Evangelium geben will, mochte ich heute beginnen mit
Erzahlungen aus dem Leben des Jesus von Nazareth, und zwar un-
gefahr von jenem Zeitpunkte an, auf den wir ja schon hingewiesen
haben bei anderen Anlassen, wo kleine Teile aus dem Fiinften
Evangelium schon mitgeteilt worden sind.
Ungefahr von dem zwolften Jahre an des Jesus von Nazareth
mochte ich heute einiges erzahlen. Es war, wie Sie wissen, dasjenige
Jahr, in dem das Ich des Zarathustra, das verkorpert war in dem
einen der beiden Jesusknaben, die in der damaligen Zeit geboren
sind und dessen Herkunft Matthaus beschreibt, hiniibergegangen ist
durch einen mystischen Akt in den anderen Jesusknaben, in jenen
Jesusknaben, der insbesondere im Anfang des Lukas-Evangeliums
geschildert wird. So daB wir also beginnen mit unserer Erzahlung
von demjenigen Jahre im Leben des Jesus von Nazareth, in dem
aufgenommen hatte dieser Jesus des Lukas-Evangeliums das Ich des
Zarathustra. Wir wissen, daB angedeutet wird im Evangelium dieser
Augenblick im Leben des Jesus von Nazareth durch die Erzahlung,
daB verlorengegangen war auf einer Reise nach Jerusalem zum Feste
der Jesusknabe des Lukas-Evangeliums und, als er wieder gefunden
wurde, es sich zeigte, daB er itn Tempel zu Jerusalem mitten unter
den Schriftgelehrten saB und bei diesen und den Eltern Staunen
hervorrief durch die gewaltigen Antworten, die er gab. Wir wissen
jedoch, diese bedeutsamen, gewaltigen Antworten kamen daher, daB
das Ich des Zarathustra wirklich jetzt bei diesem Knaben auftauchte
und aus der tiefen Oberfulle der Erinnerung seine Weisheit aus dieser
Seele heraus wirkte, so daB der Jesus von Nazareth dazumal jene alle
iiberraschenden Antworten geben konnte. Wir wissen auch, daB die
beiden Familien durch den Tod der nathanischen Mutter einerseits
und des salomonischen Vaters anderseits zusammengekommen sind
und fortan eine Familie gebildet haben, und daB der mit dem Ich des
Zarathustra befruchtete Jesusknabe in der gemeinsam gewordenen
Familie heranwuchs.
Es war aber nun - so laBt es sich erkennen aus dem Inhalt des
Funften Evangeliums - ein ganz sonderbares, merkwiirdiges Heran-
wachsen in den nachsten Jahren. Zuerst hatte ja die nachste Umge-
bung des jungen Jesus von Nazareth eine groBe, gewaltige Meinung
bekommen von ihm, eben durch jenes Ereignis im Tempel, durch
jene gewaltigen Antworten, die er den Schriftgelehrten gegeben hatte.
Die nachste Umgebung sah sozusagen den kommenden Schriftgelehr-
ten selber in ihm, sie sah heranwachsen in ihm denjenigen, der
eine ganz hohe, besondere Stufe der Schriftgelehrsamkeit erreichen
werde. Mit groBen, ungeheueren Hoffnungen trug sich die Umgebung
des Jesus von Nazareth. Man fing sozusagen an, jedes Wort von ihm
aufzufangen. Dabei aber wurde er, trotzdem man formlich danach
jagte, jedes Wort aufzufangen, nach und nach immer schweigsamer
und schweigsamer. Er wurde so schweigsam, daB es seiner Umgebung
im hochsten Grade oftmals unsympathisch war. Er aber kampfte in
seinem Inneren, kampfte einen gewaltigen Kampf, einen Kampf, der
ungefahr in dieser seiner Innerlichkeit hineinfiel zwischen das zwolfte
und achtzehnte Jahr seines Lebens. Es war wirklich etwas in seiner
Seele wie ein Aufgehen innerlich liegender Weisheitsschatze, etwas,
wie wenn aufgeleuchtet hatte in der Form der jiidischen Gelehrsam-
keit die Sonne des einstigen Zarathustra-Weisheitslichtes.
Zunachst auBerte sich das so, als ob dieser Knabe in der feinsten
Weise alles, was die zahlreichen Schriftgelehrten, die in das Haus
kamen, sprachen, mit groBter Aufmerksamkeit aufnehmen sollte und
wie durch eine ganz besondere Geistesgabe uberall Antwort zu geben
wiiBte. So iiberraschte er auch noch anfangs zu Hause in Nazareth
diejenigen, die als Schriftgelehrte da erschienen und ihn wie ein
Wunderkind anstaunten. Dann aber wurde er immer schweigsamer
und schweigsamer und horte nur noch schweigend dem zu, was die
anderen sprachen. Dabei gingen ihm aber immer groBe Ideen, Sitten-
spriiche, namentlich bedeutsame, moralische Impulse in jenen Jahren
in der eigenen Seele auf. Wahrend er so schweigsam zuhorte, machte
doch einen gewissen Eindruck, was er von den im Hause sich ver-
sammelnden Schriftgelehrten horte, aber einen Eindruck, der ihm oft-
mals in der Seele Bitterkeit verursachte, weil er das Gefiihl hatte -
wohlgemerkt schon in jenen jungen Jahren -, daB vieles Unsichere,
leicht zum Irrtum Neigende stecken miisse in dem, was da jene Schrift-
gelehrten sprachen von den alten Traditionen, von den alten Schriften,
die in dem Alten Testamente vereinigt sind. Ganz besonders aber
bedriickte es in einer gewissen Weise seine Seele, wenn er horte, daB
in alten Zeiten der Geist iiber die Propheten gekommen sei, daB Gott
selber inspirierend gesprochen hatte zu den alten Propheten, und daB
jetzt die Inspiration von dem nachgeborenen Geschlechte gewichen
sei. Besonders aber bei einem horchte er immer tief auf, weil er fiihlte,
daB dies, wovon die Rede war, bei ihm selber kommen wurde. Es
sagten jene Schriftgelehrten oftmals: Ja, jener hohe Geist, jener ge-
waltige Geist, der zum Beispiel iiber den Elias gekommen ist, der
spricht nicht mehr; aber wer doch noch immer spricht - was auch
noch mancher von den Schriftgelehrten zu vernehmen glaubte als
Inspiration aus den geistigen Hohen -, was doch noch immer spricht,
das ist eine schwachere Stimme zwar, aber eine Stimme, die manche
doch noch zu vernehmen glauben als etwas, was der Geist Jahves
selber gibt. - Die Bath-Kol nannte man jene eigentumliche, inspirie-
rende Stimme, zwar eine schwachere Stimme der Eingebung, eine
Stimme minderer Art als der Geist, der die alten Propheten inspi-
rierte, aber doch noch etwas Ahnliches stellte diese Stimme dar. So
sprach mancher in der Umgebung des Jesus von der Bath-Kol. Von
dieser Bath-Kol wird uns in spateren judischen Schriften manches er-
zahlt.
Ich schiebe nun etwas ein in dieses Fiinfte Evangelium, was nicht
eigentlich dazugehort, was nur zur Erklarung der Bath-Kol fuhren
soli. Es war in etwas spaterer Zeit, nach der Entstehung des Christen-
tums, ein Streit ausgebrochen zwischen zwei Rabbinatschulen. Denn
es behauptete der beriihmte Rabbi Elieser ben Hirkano eine Lehre und
fuhrte zum Beweise dieser Lehre an - das erzahlt auch der Talmud
daB er Wunder wirken konne. Der Rabbi Elieser ben Hirkano lieB
einen Karobbaum aus der Erde sich erheben - so erzahlt der Talmud -
und hundert Ellen weiter sich an einem anderen Orte wieder ein-
pflanzen, er lieB einen FluB riickwarts laufen, und als drittes berief
er sich auf die Stimme vom Himmel, als OfTenbarung, die er von Bath-
Kol selber erhalte. Aber in der gegnerischen Rabbinatschule des Rabbi
Josua glaubte man diese Lehre trotzdem nicht, und Rabbi Josua er-
widerte: Mag auch Rabbi Elieser zur Bekraftigung seiner Lehre
Karobbaume von einem Orte zum anderen sich verpflanzen lassen,
mag er auch Flusse nach aufwarts flieBen lassen, mag er sich selbst
berufen auf die groBe Bath-Kol - es steht geschrieben im Gesetz,
daB die ewigen Gesetze des Daseins gelegt sein miissen in der Men-
schen Mund und in der Menschen Herz. Und wenn uns uberzeugen
will von seiner Lehre der Rabbi Elieser, so darf er sich nicht berufen
auf die Bath-Kol, sondern er muB uns uberzeugen von dem, was des
Menschen Herz fassen kann. - Ich erzahle diese Geschichte aus dem
Talmud, weil wir sehen, daB die Bath-Kol bald nach der Einfuhrung
des Christentums in gewissen Rabbinerschulen nur noch von einem
geringeren Ansehen war. Aber sie hat in einer gewissen Weise
gebliiht als inspirierende Stimme unter den Rabbinern und Schrift-
gelehrten.
Wahrend in dem Hause des Jesus von Nazareth die dort versam-
melten Schriftgelehrten von dieser inspirierenden Stimme der Bath-
Kol sprachen, und der junge Jesus das alles horte, fuhlte und emp-
fing er in sich selber die Inspiration durch die Bath-Kol. Das war
das Merkwiirdige, daB durch die Befruchtung dieser Seele mit dem
Ich des Zarathustra in der Tat Jesus von Nazareth fahig war, rasch
alles aufzunehmen, was die anderen um ihn herum wuBten. Nicht
nur, daB er den Schriftgelehrten in seinem zwolften Jahre die gewal-
tigen Antworten hatte geben konnen, sondern er konnte auch die
Bath-Kol in der eigenen Brust vernehmen. Aber gerade dieser Um-
stand der Inspiration durch die Bath-Kol wirkte auf den Jesus von
Nazareth, als er sechzehn, siebzehn Jahre alt war und er oftmals diese
offenbarende Stimme der Bath-Kol fuhlte, so daB er in bittere, schwere
innere Seelenkampfe dadurch gefuhrt wurde. Denn ihm offenbarte die
Bath-Kol - und das glaubte er alles sicher zu vernehmen -, daB
nicht mehr fern ware der Zeitpunkt, daB im Fortgang der alten Stro-
mung des Alten Testamentes dieser Geist nicht mehr sprechen wiirde
zu den alten judischen Lehrern, wie er friiher zu ihnen gesprochen
habe. Und eines Tages, und das war furchtbar fur die Seele des Jesus,
glaubte er, daB die Bath-Kol ihm offenbarte: Ich reiche jetzt nicht
mehr hinauf zu den Hohen, wo mir wirklich der Geist offenbaren
kann die Wahrheit iiber den Fortgang des judischen Volkes. - Das
war ein furchtbarer Augenblick, ein furchtbarer Eindruck, den die
Seele des jungen Jesus empfing, als die Bath-Kol ihm selber zu offen-
baren schien, daB sie nicht Fortsetzer sein konne des alten Offen-
barertums, daB sie sich selber sozusagen fur unfahig erklarte, Fort-
setzer der alten Offenbarungen des Judentums zu sein. So glaubte
Jesus von Nazareth in seinem sechzehnten, siebzehnten Jahre, daB
ihm aller Boden unter den FuBen entzogen ware, und er hatte manche
Tage, wo er sich sagen muBte: Alle Seelenkrafte, mit denen ich
glaubte begnadet zu sein, sie bringen mich nur dazu, zu begreifen,
wie in der Substanz der Evolution des Judentums kein Vermogen
mehr besteht, heraufzureichen zu den Offenbarungen des Gottes-
geistes.
Versetzen wir uns einen Augenblick in seinen Geist, in die Seele
des jungen Jesus von Nazareth, der solche Erfahrungen in seiner
Seele machte. Es war das in derselben Zeit, in der dann der junge
Jesus von Nazareth im sechzehnten, siebzehnten, achtzehnten Jahre,
teilweise veranlaBt durch sein Handwerk, teilweise durch andere
Umstande, viele Reisen machte. Auf diesen Reisen lernte er mannig-
fache Gegenden Palastinas kennen, und auch wohl manche Orte auBer-
halb Palastinas. Nun verbreitete sich in jener Zeit - das kann man
ganz genau sehen, wenn man die Akasha-Chronik hellseherisch durch-
dringt - uber die Gegenden Vorderasiens, ja sogar auch des siid-
lichen Europas, ein asiatischer Kultus, der aus mancherlei anderen
Kulten zusammengemischt war, der aber namentlich den Mithras-
kultus darstellte. An vielen Orten der verschiedensten Gegenden
waren Tempel fur den Mithrasdienst. An manchen Orten hatte er mehr
Ahnlichkeit mit dem Attisdienst, aber im wesentlichen war es Mithras-
dienst, Tempel, Kultusstatten waren es, in denen man uberall die
Mithrasopfer und Attisopfer verrichtete. Es war gewissermaBen ein
altes Heidentum, aber in einer gewissen Art durchdrungen von den
Gebrauchen, Zeremonien des Mithras- oder Attisdienstes. Wie sehr
sich das verbreitete auch liber die italienische Halbinsel, geht zum
Beispiel daraus hervor, daB die Peterskirche in Rom an derselben
Stelle stent, wo einstmals eine solche Kultstatte war. Ja, man muB
auch das fur manche Katholiken lasterliche Wort aussprechen: Der
Zeremoniendienst der Peterskirche und alles dessen, was sich davon
ableitet, ist in bezug auf die auBere Form gar nicht unahnlich dem
Kult des alten Attisdienstes, der verrichtet wurde in dem Tempel,
der damals auf derselben Stelle stand, auf deren Statte die Peters-
kirche steht. Und der Kultus der katholischen Kkche ist in vieler
Beziehung nur eine Fortsetzung des alten Mithraskultus.
Was an solchen Kultstatten vorhanden war, das lernte Jesus von
Nazareth kennen, als er jetzt in seinem sechzehnten, siebzehnten,
achtzehnten Jahre begann herumzuwandern. Und er setzte das noch
sparer fort Er lernte, wenn wir so sagen diirfen, auf diese Weise
durch auBere, physische Anschauung die Seele der Heiden kennen.
Und es war dazumal in seiner Seele wie auf eine natiirliche Weise
durch den gewaltigen Vorgang des Oberganges des Zarathustra-Ich
in seine Seele dasjenige in einem hohen Grade ausgebildet, was
andere sich nur miihsam aneignen konnten, was aber bei ihm natur-
gemaB ausgebildet war: eine hohe hellseherische Kraft. Daher erlebte
er, wenn er bei solchen Kulten zuschaute, etwas ganz anderes als die
anderen Zuschauer. Manches erschutternde Ereignis hat er dort erlebt.
Und wenn es auch fabelhaft er scheint, so muB ich doch hervorheben,
daB, wenn an manchen heidnischen Altaren der Priester den Kult ver-
richtete und sich Jesus von Nazareth dann mit seinen hellseherischen
Kraften das Opfer anschaute, er sah, wie durch die Opferhandlung
mancherlei damonische Wesen herangezogen wurden. Er machte auch
die Entdeckung, daB manches Gotzenbild, das da angebetet wurde,
das Abbild war nicht von guten geistigen Wesenheiten der hoheren
Hierarchien, sondern von bosen, damonischen Machten. Ja, er machte
weiter die Entdeckung, daB diese bosen, damonischen Machte vielfach
iibergingen in die Glaubenden, in die Bekenner, die an solchen
Kultushandlungen teilnahmen. Aus leicht begreif lichen Griinden sind
diese Dinge nicht in die anderen Evangelien iibergegangen. Und es
ist im Grunde erst im SchoBe unserer geistigen Bewegung moglich,
iiber solche Dinge zu sprechen, weil die Menschenseele erst in unserer
Zeit ein wirkliches Verstandnis haben kann fur jene ungeheueren,
tiefen, gewaltigen Erlebnisse, wie sie sich schon in diesem jungen
Jesus von Nazareth abspielten lange vor der Johannestaufe.
Diese Wanderungen dauerten fort bis ins zwanzigste, zweiund-
zwanzigste, vierundzwanzigste Jahr hinein. Es waren immer Bitter-
nisse, die er in seiner Seele empfand, wenn er also das Walten sah
der Damonen, der gleichsam von Luzifer und Ahriman hervorge-
brachten Damonen, und sah, wie das Heidentum es in vieler Beziehung
sogar so weit gebracht hatte, die Damonen fur Gotter hinzunehmen,
ja sogar in den Gotzenabbildungen Bilder zu haben wilder damo-
nischer Machte, die angezogen wurden von diesen Bildern, von die-
sen Kultushandlungen, und in die betenden Menschen iibergingen,
die betenden Menschen, die in gutem Glauben daran teilnahmen,
von sich besessen machten. Es waren bittere Erfahrungen, die Jesus
von Nazareth so machen muBte. Und diese Erfahrungen kamen zu
einem bestimmten AbschluB etwa im vierundzwanzigsten Lebensjahre.
Da hatte Jesus von Nazareth dasjenige Erlebnis, welches sich anschloB
als ein neues, unendlich schweres Erlebnis an das andere von der Ent-
tauschung durch die Bath-Kol. Ich muB, da ich ja dieses Erlebnis des
Jesus von Nazareth auch zu erzahlen habe, sagen, daB ich heute noch
nicht in der Lage bin anzugeben, an welchem Orte seiner Reisen sich
dieses Ereignis zugetragen hat. Die Szene selbst in einem hohen
Grade richtig zu entziffern war mir moglich. Allein den Ort gerade
fur diese Szene ist mir heute nicht moglich anzugeben. Es scheint
mir aber, daB diese Szene sich zugetragen hat bei einer Wanderung
des Jesus von Nazareth auBerhalb Palastinas. Aber ich kann das nicht
mit Bestimmtheit sagen, mu6 aber die Szene mitteilen.
An einen Ort also kam Jesus von Nazareth, im vierundzwanzig-
sten Jahre seines Lebens, wo eine heidnische Kultstatte war, an der
einer bestimmten Gottheit geopfert wurde. Ringsherum aber war nur
trauriges, von allerlei furchtbaren seelischen und bis ins Korperliche
gehenden Krankheiten behaftetes Volk. Von den Priestern war die
Kultstatte langst verlassen worden. Und Jesus horte das Volk jam-
mern: Die Priester haben uns verlassen, die Segnungen des Opfers
kommen nicht auf uns hernieder und wir sind aussatzig und krank,
wir sind muhselig und beladen, weil uns die Priester verlassen haben. —
Jesus sah mit tiefem Schmerze diese armen Menschen; es jammerte
ihn dieses bedriickte Volk und eine unendliche Liebe zu diesen
Bedriickten flammte in seiner Seele auf. Es muB von dieser unend-
lichen Liebe, die auflebte in seiner Seele, das Volk ringsherum
etwas gemerkt haben ; das muB einen tiefen Eindruck gemacht haben
auf das jammernde Volk, welches von seinen Priestern und, wie es
glaubte, auch von seinen Gottern verlassen worden war. Und nun
entstand, man mochte sagen wie auf einen Schlag, in den Herzen der
meisten dieses Volkes etwas, was darin zum Ausdruck kam, daB die
Leute sagten, erkennend den Ausdruck der unendlichen Liebe auf dem
Antlitz des Jesus: Du bist der neue uns gesandte Priester. - Sie
drangten ihn zum Opferaltar hin, sie stellten ihn auf den heidnischen
Altar. Und er stand auf dem heidnischen Altar, und sie erwarteten,
ja sie verlangten von ihm, daB er die Opfer verrichte, damit der Segen
ihres Gottes wieder iiber sie komme.
Und wahrend das geschah, wahrend ihn das Volk auf den Opfer-
altar erhob, da fiel er wie tot hin, seine Seele wurde wie entruckt,
und das Volk, das ringsherum glaubte seinen Gott wiedergekom-
men, sah das Furchtbare, daB derselbe, den es fur den neuen, vom
Himmel gesandten Priester gehalten hatte, wie tot hingefallen war.
Die entruckte Seele des Jesus von Nazareth aber, sie fuhlte sich er-
hoben in die geistigen Reiche, sie fuhlte sich wie hineinversetzt in
den Bereich des Sonnendaseins. Und jetzt horte sie, wie aus den
Spharen des Sonnendaseins herausklingend, Worte, wie diese Seele sie
friiher durch die Bath-Kol oftmals vernommen hatte. Aber jetzt war
die Bath-Kol verwandelt, zu etwas vollig anderem geworden. Die
Stimme kam ihm auch von ganz anderer Richtung her, und dasjenige,
was Jesus von Nazareth jetzt vernahm, das kann man, wenn man es
in unsere Sprache iibersetzt, zusammenfassen in die Worte, die ich
zum ersten Male mitteilen durfte, als wir vor kurzer Zeit den Grund-
stein legten fur unseren Dornacher Bau.
Es gibt ja okkulte Verpflichtungen! Und einer solchen okkulten
Verpflichtung folgend hatte ich damals mitzuteilen, was durch die
verwandelte Stimme der Bath-Kol Jesus von Nazareth vernahm dazu-
mal, als dies geschah, was ich jetzt eben erzahlt habe. Es vernahm
Jesus von Nazareth die Worte : *
Amen
Es walten die (Jbel
Zeugen sich losender Ichheit
Von andern erschuldete Selbstheitschuld
Erlebet im taglichen Brote
In dem nicht waltet der Himmel Wille
Da der Mensch sich schied von Eurem Reich
Und vergaB Euren Namen
Ihr Vater in den Himmeln.
Nicht anders als so kann ich in die deutsche Sprache ubersetzen
dasjenige, was wie die verwandelte Stimme der Bath-Kol dazumal
von Jesus von Nazareth vernommen worden ist Nicht anders als so !
Es waren diese Worte, welche die Seele des Jesus von Nazareth zu-
ruckbrachte, als sie aus der Betaubung wieder erwachte, durch die sie
sich entruckt fuhlte bei jener eben geschilderten Begebenheit. Und
* Siehe unter Hinweise Seite 333.
als Jesus von Nazareth wieder zu sich gekommen war, und die Augen
rings herum richtete auf die Menge der Miihseligen und Beladenen,
die ihn auf den Altar erhoben hatten, da war diese entflohen. Und
als er den hellsichtigen Blick in die Feme schweifen lieB, konnte
er ihn nur richten auf eine Schar von damonischen Gestalten, von
damonischen Wesen, die alle mit diesen Leuten verbunden waren.
Das war das zweite bedeutsame Ereignis, der zweite bedeutsame
AbschluB in den verschiedenen Perioden der Seelenentwickelung,
die Jesus von Nazareth durchgemacht hat seit seinem zwolften Jahre.
Ja, meine Ueben Freunde, Ereignisse, die sozusagen durch ihr gemiit-
liches Wesen die Seele nur in selige Stimmung versetzen, die waren
es nicht, welche auf die Seele des heranwachsenden Jesus von Naza-
reth den groBten Eindruck machten. Kennenlernen muBte diese Seele
die Abgriinde der Menschennatur schon in so jungen Jahren, bevor
das Ereignis vom Jordan eingetreten war.
Und von dieser Reise kam Jesus von Nazareth nach Hause. Es
war um jene Zeit, als der Vater, der zu Hause geblieben war, starb,
etwa im vierundzwanzigsten Lebensjahre des Jesus von Nazareth.
Als Jesus nach Hause kam, da hatte er in der Seele lebendig den
gewaltigen Eindruck der damonischen Wirkungen, die sich hinein-
gesenkt hatten in manches, was in der alten Heidenreligion lebte.
Wie es aber immer so ist, daB man gewisse Stufen der hoheren
Erkenntnis nur dadurch erreicht, indem man die Abgriinde des Le-
bens kennenlernt, so war es in gewisser Weise auch bei Jesus von
Nazareth, daB er - an einer Stelle, die ich nicht weiB - um sein
vierundzwanzigstes Lebensjahr herum dadurch, daB er so unendlich
tief in die menschlichen Seelen hineingeschaut, in Seelen, in die wie
hineinkonzentriert war aller Seelenjammer der Menschheit der damali-
gen Zeit, auch besonders vertieft worden war in der Weisheit, die
allerdings wie gluhendes Eisen die Seele durchzieht, aber auch die
Seele so hellsichtig macht, daB sie durchschauen kann die lichten
Geistesweiten. Und dadurch, daB er die umgewandelte Stimme der
Bath-Kol vernommen hatte, war er auch wie umgewandelt. So war er
in verhaltnismaBig jungen Jahren behaftet mit dem ruhigen, ein-
dringlichen Geistesleseblick. Jesus von Nazareth war zu einem Men-
schen geworden, der tief in die Geheimnisse des Lebens hinein-
schaute, der so in die Geheimnisse des Lebens schauen konnte, wie
bisher niemand auf der Erde, weil niemand vorher so wie er be-
trachten konnte, bis zu welchem Grade menschliches Elend sich
steigern kann. Zuerst hatte er gesehen, wie man den Boden unter
den FtiBen verlieren kann durch bloBe Gelehrsamkeit; dann hatte er
erlebt, wie die alten Inspirationen verlorengingen; dann hatte er
gesehen, wie die Kulte und Opferhandlungen, anstatt die Menschen
in Verbindung zu bringen mit den Gottern, herbeizauberten allerlei
damonische Wesen, die die Menschen von sich besessen machten
und sie dadurch in seelische und korperliche Krankheiten und Elend
aller Art hineinbrachten. GewiB hatte keiner auf der Erde all diesen
menschlichen Jammer so tief geschaut als Jesus von Nazareth, kei-
ner jene unendlich tiefe Empfindung in seiner Seele gehabt wie er,
als er jenes von Damonen besessene Volk geschaut hatte. GewiB
war keiner auf der Erde so vorbereitet auf die Frage: Wie, wie
kann der Verbreitung dieses Jammers auf der Erde Einhalt getan
werden?
So war Jesus von Nazareth nicht nur ausgestattet mit dem Blick,
mit dem Wissen des Weisen, sondern in gewisser Weise durch das
Leben ein Eingeweihter geworden. Das lernten kennen Leute, die in
jener Zeit zusammengetreten waren in einen gewissen Orden, der ja
der Welt bekannt ist als der Essaerorden. Essaer waren Leute, welche
eine Art Geheimdienst und Geheimlehre pflegten an bestimmten
Orten Palastinas. Es war ein strenger Orden. Derjenige, der dem
Orden beitreten wollte, muBte mindestens ein Jahr, zumeist aber
mehrere Jahre strenge Probe durchmachen. Er muBte zeigen durch
seine Auffiihrung, durch seine Gesittung, durch seinen Dienst gegen-
iiber den hochsten geistigen Machten, durch seinen Sinn fur Gerech-
tigkeit, Menschengleichheit, durch seinen Sinn des Nichtachtens
auBerer menschlicher Guter und dergleichen, daB er wiirdig war,
eingeweiht zu werden. Wenn er dann aufgenommen wurde in den
Orden, dann gab es verschiedene Grade, durch die man aufstieg zu
jenem Essaerleben, das bestimmt war, mit einer gewissen Aus- und
Absonderung von der iibrigen Menschheit, in einer strengen kloster-
lichen Zucht und durch gewisse Reinheitsbestrebungen, durch die
man alles Unwurdige korperlicher und seelischer Art beseitigen
wollte, sich der geistigen Welt zu nahern. Das driickt sich schon in
mancherlei symbolischen Gesetzen des Essaerordens aus. Die Ent-
zifferung der Akasha-Chronik hat gezeigt, daB der Name Essaer
kommt von oder jedenfalls zusammenhangt mit dem judischen Wort
«Essin» oder «Assin». Und das bedeutet so etwas wie Schaufel,
Schaufelchen, weil die Essaer als einziges symbolisches Zeichen stets
eine kleine Schaufel als Abzeichen trugen, was sich in manchen
Ordensgemeinschaften bis heute erhalten hat. In gewissen symbo-
lischen Gepflogenheiten driickte sich auch das aus, was die Essaer
wollten: da6 sie keine Miinzen bei sich tragen durften, daB sie nicht
durch ein Tor gehen durften, das bemalt war oder in dessen Nahe
Bilder waren. Und weil der Essaerorden in der damaligen Zeit in
einer gewissen Weise auch auBerlich anerkannt war, hatte man in
Jerusalem besondere Tore, unbemalte Tore gemacht, so daB auch sie
in die Stadt gehen konnten. Denn wenn der Essaer an ein bemaltes
Tor kam, muBte er immer wieder umkehren. Im Orden selbst gab es
alte Urkunden und Traditionen, iiber deren Inhalt die Mitglieder
des Ordens streng schwiegen. Sie durften lehren, aber nur, was sie
innerhalb des Ordens gelernt hatten. Jeder, der in den Orden eintrat,
muBte sein Vermogen dem Orden abgeben. Die Zahl der Essaer war
damals zur Zeit des Jesus von Nazareth eine sehr groBe, etwa vier-
bis fiinftausend. Es waren von alien Orten der damaligen Welt Leute
zusarnmengekommen, die sich den strengen Regeln widmeten. Sie
schenkten jedesmal, wenn sie irgendwo weit weg, in Kleinasien oder
noch weiter, ein Haus hatten, dasselbe dem Essaerorden, und der
Orden bekam iiberall kleine Besitzungen, Hauser, Garten, ja weite
Acker. Keiner wurde aufgenommen, der nicht alles schenkte, was den
Essaern Gemeingut wurde. Alles gehorte alien, kein einzelner hatte
Besitz. Ein fur unsere heutigen Verhaltnisse auBerordentlich stren-
ges Gesetz, das aber begreif lich ist, war dieses, daB ein Essaer unter-
stiitzen durfte mit dem Gute des Ordens alle bediirftigen und belaste-
ten Leute, nur diejenigen nicht, die seiner eigenen Familie angehor-
ten.
In Nazareth gab es durch Schenkung eine solche Niederlassung
des Essaerordens, und dadurch war gerade in den Gesichtskreis des
Jesus von Nazareth dasjenige gekommen, was der Essaerorden war.
In dem Zentrum des Ordens bekam man Kunde von der tiefen Weis-
heit, die sich in der beschriebenen Art in die Seele des Jesus von
Nazareth gesenkt hatte, und gerade unter den Bedeutendsten, Weise-
sten der Essaer entstand eine gewisse Stimmung. Es hatte unter
ihnen sich herausgebildet eine gewisse prophetische Anschauung:
Wenn die Welt ihren richtigen Fortgang nehmen sollte, dann miisse
eine besonders weise Seele erstehen, die wie eine Art Messias wirken
miisse. Deshalb hatten sie Umschau gehalten, wo besonders weise
Seelen waren. Und sie waren tief beriihrt, als sie Kunde erhielten von
jener tiefen Weisheit, die in der Seele des Jesus von Nazareth ent-
standen war. Daher war es kein Wunder, daB die Essaer, ohne daC
Jesus von Nazareth die Erprobung der niederen Grade durchzuma-
chen hatte, ihn aufnahmen wie einen Externisten in ihre Gemein-
schaft - ich will nicht sagen in den Orden selber - und da6 in einer
gewissen Weise zutraulich, ofFenherzig wurden selbst die weisesten
Essaer in bezug auf ihre Geheimnisse gegeniiber diesem weisen, jun-
gen Menschen. In der Tat horte in diesem Essaerorden der junge
Jesus von Nazareth viel, viel Tieferes iiber die Geheimnisse, die vom
Hebraertum bewahrt worden waren, als von den Schriftgelehrten im
Hause seines Vaters. Manches auch horte er, was er schon selber fru-
her durch die Bath-Kol wie durch eine Erleuchtung in seiner Seele auf-
glanzend vernommen hatte. Kurz, es entstand ein reger Ideenaus-
tausch zwischen Jesus von Nazareth und den Essaern. Und Jesus von
Nazareth lernte kennen in seinem Verkehr mit den Essaern, im fiinf-
undzwanzigsten, sechsundzwanzigsten, siebenundzwanzigsten, acht-
undzwanzigsten Lebensjahr und noch dariiber hinaus, fast alles, was
der Essaerorden zu geben hatte. Denn was ihm nicht durch Worte
mitgeteilt wurde, das stellte sich ihm dar durch allerlei hellsichtige
Impressionen. Wichtige hellsichtige Impressionen hatte Jesus von
Nazareth entweder innerhalb der Gemeinschaft der Essaer selber oder
einige Zeit darauf in Nazareth zu Hause, wo er in einem mehr be-
schaulichen Leben auf sich wirken lieB, was in seine Seele sich hin-
eindrangte axis Kraften, die ihm gekommen waren, von denen die
Essaer nichts ahnten, die aber als Folge der mit den Essaern gefiihr-
ten bedeutsamen Gesprache in seiner Seele erlebt wurden.
Eines von diesen Erlebnissen, von diesen inneren Impressionen muB
besonders hervorgehoben werden, weiles hineinleuchten kann in den
ganzen geistigen Gang der Menschheitsentwickelung. Es war eine
gewaltige, bedeutsame Vision, die wie in einer Art Entriickung Jesus
von Nazareth hatte, in der ihm Buddha wie in unmittelbarer Gegen-
wart erschien. Ja, der Buddha erschien dem Jesus von Nazareth als
Folge des Ideenaustausches mit den Essaern. Und man kann sagen,
daB in jener Zeit zwischen Jesus und Buddha ein Geistgesprach statt-
gefunden hat. Es gehort zu meiner okkulten Verpflichtung, Ihnen
den Inhalt dieses Geistgespraches mitzuteilen, denn wir durfen, ja wir
mussen heute diese bedeutsamen Geheimnisse der Menschheitsevolu-
tion beriihren. In diesem bedeutsamen Geistgesprach erfuhr Jesus
von Nazareth von dem Buddha, daB dieser etwa sagte: Wenn meine
Lehre so, wie ich sie gelehrt habe, vollig in Erfullung gehen wiirde,
dann miiBten alle Menschen den Essaern gleich werden. Das aber kann
nicht sein. Das war der Irrtum in meiner Lehre. Auch die Essaer kon-
nen sich nur weiter fortbringen, indem sie sich aussondern von der
ubrigen Menschheit; fur sie mussen iibrige Menschenseelen da sein.
Durch die Erfullung meiner Lehre miiBten lauter Essaer entstehen.
Das aber kann nicht sein. - Das war ein bedeutsames Erlebnis, das
durch die Gemeinschaft mit den Essaern Jesus von Nazareth hatte.
Ein anderes Erlebnis war dieses, daB Jesus von Nazareth die Be-
kanntschaft machte mit einem auch noch jungeren Manne, mit einem
fast gleichaltrigen Manne, der nahegetreten war, allerdings in einer
ganz anderen Weise als Jesus von Nazareth, dem Essaerorden, der
aber trotzdem auch nicht ganz Essaer geworden ist. Es war der, man
mochte sagen, wie ein Laienbruder innerhalb der Essaergemeinschaft
lebende Johannes der Taufer. Er trug sich wie die Essaer, denn diese
trugen im Winter Kleider von Kamelhaar. Aber er hatte niemals die
Lehre des Judentums vollstandig in sich auswechseln konnen mit der
Lehre der Essaer. Da aber die Lehre der Essaer, das ganze Leben der
Essaer auf ihn einen groBen Eindruck machte, lebte er als Laienbruder
das Essaerleben, lieB sich anregen, lieB sich allmahlich inspirieren
und kam nach und nach zu dem, was ja von Johannes dem Taufer in
den Evangelien erzahlt ist. Viele Gesprache fanden statt zwischen
Jesus von Nazareth und Johannes dem Taufer. - Da geschah es eines
Tages - ich weiB, was es heiBt, diese Dinge so einfach zu erzahlen,
aber nichts kann mich abhalten; ich weiB trotzdem, daB diese Dinge
jener okkulten Verpflichtung zufolge jetzt erzahlt werden miissen
es geschah eines Tages, daB Jesus von Nazareth, wahrend er mit
Johannes dem Taufer sprach, wie verschwunden vor sich sah die
physische Leiblichkeit des Taufers und die Vision des EHas hatte. Das
war das zweite wichtige Seelenerlebnis innerhalb der Gemeinschaft
des Essaerordens.
Da gab es aber noch andere Erlebnisse. Schon seit langerer Zeit
hatte Jesus von Nazareth etwas Besonderes beobachten konnen: Wenn
er an Orte kam, wo Essaertore waren, wo bildlose Tore waren, da
konnte Jesus von Nazareth durch solche Tore nicht schreiten, ohne
wiederum eine bittere Erfahrung zu machen. Er sah diese bildlosen
Tore, aber fur ihn waren geistige Bilder an die sen Toren; fur ihn
erschien zu beiden Seiten eines solchen Tores immer dasjenige, was
wir jetzt kennengelernt haben in den verschiedenen geisteswissen-
schaftlichen Auseinandersetzungen unter dem Namen Ahriman und
Luzifer. Und allmahlich hatte sich ihm das Gefuhl, der Eindruck in
der Seele gefestigt, daB die Abneigung der Essaer gegen die Tor-
bilder etwas zu tun haben miisse mit dem Herbeizaubern solcher
geistiger Wesenheiten, wie er sie an diesen Toren erschaute, daB Bil-
der an den Toren Abbilder von Luzifer und Ahriman seien. Und ofter
hatte Jesus von Nazareth dieses bemerkt, ofter waren solche Gefuhle
in seiner Seele aufgestiegen.
Wer solches erlebt, der findet nicht, daB man iiber diese Dinge gleich
viel griibeln sollte; denn diese Dinge wirken zu erschiitternd auf die
Seele. Man fiihlt auch sehr bald, daB menschliche Gedanken nicht hin-
reichen, um sie tief genug zu ergriinden. Die Gedanken halt man
dann nicht fur fahig, an diese Dinge heranzudringen. Aber die Ein-
driicke graben sich nicht nur tief in die Seele ein, sondern werden zu
einem Teil des Seelenlebens selber. Man fiihlt sich wie verbunden mit
dem Teil seiner Seele, in dem man solche Erlebnisse gesammelt hat,
wie vetbunden mit den Erlebnissen selber, man tragt diese Erlebnisse
weiter durchs Leben.
So hatte Jesus von Nazareth durchs Leben getragen die beiden Bil-
der von Luzifer und Ahriman, die er oftmals gesehen hatte an den
Toren der Essaer. Es hatte zunachst nichts anderes bewirkt, als da6
ihm bewuBt wurde, daB ein Geheimnis walte zwischen diesen geisti-
gen Wesenheiten und den Essaern. Und die Wirkung, die das auf seine
Seele ausiibte, trug sich hinein in die Verstandigung mit den Essaern;
man konnte sich seit diesen Erlebnissen in der Seele des Jesus von
Nazareth nicht mehr so gut gegenseitig verstehen. Denn es lebte in
seiner Seele etwas, von dem er nicht sprechen konnte gegeniiber den
Essaern, weil sich jedesmal etwas wie in der Rede verschlug, denn
immer stellte sich dazwischen, was er an den Essaertoren erlebt hatte.
Eines Tages, als nach einer besonders wichtigen, bedeutsamen
Unterredung, in der vieles Hochste, Geistige zur Sprache gekom-
men war, Jesus von Nazareth das Tor des Hauptgebaudes der Essaer
verlieB, da traf er, indem er durch das Tor ging, auf die Gestalten,
von denen er wuBte, daB sie Luzifer und Ahriman waren. Und er sah
fliehen Luzifer und Ahriman von dem Tore des Essaer klosters. Und es
senkte sich in seine Seele eine Frage. Aber nicht als ob er selber, nicht
als ob er durch den Verstand friige, sondern mit tiefer elementarer
Gewalt drangte sich herauf in seine Seele die Frage: Wohin fliehen
diese, wohin fliehen Luzifer und Ahriman? - Denn er wuBte, die Hei-
Hgkeit des Klosters der Essaer hatte sie zum Fliehen gebracht. Aber
die Frage lebte sich in seine Seele ein: Wohin fliehen diese? - Und
diese Frage brachte er nicht mehr los aus seiner Seele, diese Frage
brannte wie Feuer in seiner Seele; mit dieser Frage ging er stiind-
lich, ja minutlich sie erlebend in den nachsten Wochen umher. Als er
nach dem geistigen Gesprach, das er gefiihrt hatte, die Tore des Haupt-
gebaudes der Essaer verlassen hatte, da brannte in seiner Seele die
Frage: Wohin fliehen Luzifer und Ahriman?
Was er unter dem Eindruck dieser in seiner Seele lebenden Frage
weiter tat, nachdem er durchlebt hatte, daB die alten Inspirationen
verlorengegangen waren, die Religionen und Kulte von damonischen
Gewalten verdorben waren und als er hingefallen war an dem Altare
des Heidenkultus, die umgewandelte Stimme der Bath-Kol vernom-
men hatte, und sich fragen muBte, was die Worte der Bath-Kol zu
bedeuten haben, und was das eben von mir Erzahlte zu bedeuten
hatte, daB die Seele des Jesus von Nazareth sich jetzt fragte; Wohin
Jfliehen Luzifer und Ahriman? ~ davon wollen wir morgen weiter
sprechen.
Kristiania (Oslo), 6. Oktober 1913
Fiinfter Vortrag
Gestern haben wir einen Blick werfen konnen auf das Leben des Jesus
von Nazareth in der Zeit, die fur ihn verflossen war ungefahr seit
seinem zwolften Lebensjahre bis etwa zum Ende seiner Zwanziger-
jahre. Aus demjenigen, was ich erzahlen durfte, konnten Sie gewiB die
Empfindung haben, daB Tief bedeutsames fur die Seele des Jesus von
Nazareth sich abgespielt hat in dieser Zeit, Tief bedeutsames aber auch
fur die ganze Evolution der Menschheit. Denn Sie werden ja gewiB
aus der Grundempfindung, die Sie sich durch ihre geisteswissen-
schaftlichen Studien haben bilden konnen, wissen, daB alles in der
Menschheitsevolution zusarnmenhangt, und daB ein so bedeutsames
Ereignis mit einem Menschen, in dessen Seelenleben so viel, so un-
endlich viel von den Angelegenheiten der ganzen Menschheit hinein-
spielt, eben auch von Bedeutung fiir die ganze Menschheitsevolution
ist. Wir lernen dasjenige, was das Ereignis von Golgatha geworden
ist fiir die Evolution der Menschheit, in der verschiedensten Weise
kennen. In diesem Vortragszyklus handelt es sich darum, es erkennen
zu lernen durch die Betrachtung des Christus Jesus-Lebens selber.
Und so wenden wir den Blick, den wir gestern auf den charakteri-
sierten Zeitraum gerichtet haben, der zwischen dem zwolften Jahre
und der Johannestaufe liegt, heute noch einmal auf die Seele des Jesus
von Nazareth hin und fragen uns : Was mag alles in dieser Seele gelebt
haben, nachdem die bedeutsamen Ereignisse sich abgespielt hatten bis
in das achtundzwanzigste, neunundzwanzigste Jahr hinein, von denen
ich gestern gesprochen habe.
Was in dieser Seele lebte, man wird vielleicht eine Empfindung,
ein Gefiihl davon erhalten, wenn erzahlt werden darf eine Szene, die
sich am Ende seiner Zwanzigerjahre bei Jesus von Nazareth abspielte.
Diese Szene, die ich da zu erzahlen habe, betrifft ein Gesprach, das
Jesus von Nazareth gefiihrt hat mit seiner Mutter, mit derjenigen also,
die durch das Zusammenziehen der beiden Familien durch lange Jahre
hindurch seine Mutter geworden war. Er hatte sich ja die ganzen Jahre
her mit dieser Mutter ganz innig und vorziiglich verstanden, viel bes-
ser, als er sich verstehen konnte mit den anderen Gliedern der Familie,
die im Hause zu Nazareth lebten, das heiBt, er hatte sich schon gut
mit ihnen verstanden, aber sie konnten sich nicht gut mit ihm verste-
hen. Es war ja auch schon friiher zwischen ihm und seiner Mutter
mancherlei von den Eindriicken, die sich allmahlich in seiner Seele
gebildet hatten, besprochen worden. Aber in dem genannten Zeitraum
spielte sich einmal ein recht bedeutsames Gesprach ab, das wir heute
betrachten werden, das uns tief hineinblicken laBt in seine Seele.
Es war der Jesus von Nazareth nach und nach durch die gestern
charakterisierten Eriebnisse allerdings umgewandelt worden, so daB
unendliche Weisheit sich in seinem Antlitz auspragte. Aber er war
auch, wie das ja immer, wenn auch in geringerem Grade der Fall ist,
wenn die Weisheit in einer Menschenseele zunimmt, zu einer gewis-
sen inneren Traurigkeit gekommen. Die Weisheit hatte ihm zunachst
die Frucht gebracht, daB der Blick, den er wenden konnte in seine
menschliche Umgebung, ihn eigentlich recht traurig machte. Dazu
kam noch, daB er in den letzten Zwanzigerjahren immer mehr in
stillen Stunden an etwas ganz Bestimmtes hatte denken miissen:
Immer wieder von neuem muBte er daran denken, wie in seinem
zwolften Jahre ein solcher Umschwung, eine solche Revolution in
seiner Seele stattgefunden hatte, wie sich das ergab durch das Heriiber-
treten des Zarathustra-Ich in seine Seele. Er muBte daran denken, wie
er in den ersten Zeiten nach seinem zwolften Jahre gewissermaBen nur
den unendlichen Reichtum dieser Zarathustra-Seele in sich gefuhlt
hatte. Er wuBte ja am Ende der Zwanziger jahre noch nicht, daB er der
wiederverkorperte Zarathustra war; aber er wuBte, daB ein groBer,
gewaltiger Umschwung in seiner Seele in seinem zwolften Jahre vor
sich gegangen war. Und jetzt hatte er oftmals das Gefuhl: Ach, wie
war es doch anders mit mir vor diesem Umschwung in meinem zwolf-
ten Jahre ! - Er fiihlte, wenn er jetzt zuriickdachte an diese Zeit, wie
unendlich warm es dazumal in seinem Gemiit war. Er war ja als Knabe
ganz weltentriickt gewesen. Da hatte er zwar gehabt die lebhafteste
Empfindung fur alles, was aus der Natur heraus zum Menschen
spricht, fur alle Herrlichkeit und GroBe der Natur, aber er hatte wenig
Anlage fur dasjenige, was menschliche Weisheit, menschlkhes Wissen
sich angeeignet hatte. Er interessierte sich wenig fur das, was man
schulmaBig lernen konnte! Es ware ein volliger Irrtum, wenn man
glauben wiirde, daB dieser Jesusknabe, bevor der Zarathustra in seine
Seele heriibergezogen war, bis in sein zwolftes Jahr hinein etwa im
auBeren Sinne eine besondere Begabung gehabt hatte, daB er beson-
ders gescheit gewesen ware. Dagegen hatte er besessen ein ungemein
mildes, sanftmiitiges Wesen, eine unendliche Liebefahigkeit, ein tiefes
inneres Gemiitsleben, ein umfassendes Verstandnis fur alles Mensch-
liche, aber kein Interesse fur alles dasjenige, was die Menschen an
Wissen im Laufe der Jahrhunderte sich aufgespeichert haben. Und
dann war es so, wie wenn nach diesem Moment im Tempel zu
Jerusalem in seinem zwolften Jahre dies alles aus seiner Seele heraus-
gesturmt und dafur alle Weisheit hineingestromt ware! Und jetzt
muBte er oftmals denken und empfinden, wie so in ganz anderer
Weise er mit allem tieferen Geiste der Welt friiher vor seinem zwolf-
ten Jahre verbunden war, als ob da seine Seele offen gewesen ware fur
die Tiefen der unendlichen Weiten! Und wie er seitdem gelebt hatte
seit seinem zwolften Jahre, wie er da seine Seele geeignet fand fur
eine Art Aufnahme der hebraischen Gelehrsamkeit, die aber ganz ur-
sprunglich wie aus sich heraus kam, wie er durchgemacht hatte die
Erschiitterung, daB die Bath-Kol nicht mehr in der alten Weise inspi-
rierend wirken konnte; wie er dann auf seinen Reisen kennenlernte
die heidnischen Kulte, wie ihm all das Wissen und die Religiositat
des Heidentums in seinen verschiedenen Nuancierungen durch die
Seele gezogen war. Er dachte daran, wie er da zwischen seinem
achtzehnten und vierundzwanzigsten Jahre gelebt hatte in alledem,
was die Menschheit sich auBerlich errungen hatte, und wie er dann
eingetreten war in die Gemeinschaft der Essaer ungefahr um das vier-
undzwanzigste Jahr und dort eine Geheimlehre kennengelernt hatte
und Menschen, die einer solchen Geheimlehre sich hingaben. Daran
muBte er oftmals denken. Aber er wuBte auch, daB im Grunde genom-
men nur dasjenige in seiner Seele aufgegangen war, was seit dem
Altertum her Menschen an Wissen in sich aufgespeichert hatten; er
lebte in dem, was Menschenschatze an Weisheit, Menschenschatze
an Kultur, Menschenschatze an moralischen Errungenschaften dar-
boten. Er fuhlte, in dem Menschlichen auf Erden hatte er gelebt seit
seinem zwolften Jahre. Und jetzt muBte er oftmals zurtickdenken, wie
er war vor diesem zwolften Jahre, wo er gleichsam sich mit den
gottlichen Urgriinden des Daseins verbunden fuhlte, wo alles in ihm
elementar und ursprunglich war, wo alles aus einem aufsprudelnden
Leben, aus einem warmen, liebenden Gemiite kam und ihn innig zu-
sammenschloB mit anderen Menschenseelen, wahrend er jetzt verein-
samt und allein und schweigsam geworden war.
Alle diese Gefiihle waren es, die zustande brachten, daB ein ganz
bestimmtes Gesprach stattgefunden hat zwischen ihm und der Person-
lichkeit, die ihm Mutter geworden war. Die Mutter liebte ihn unge-
heuer, und sie hatte ofters mit ihm gesprochen iiber all das Schone und
GroBe, das sich seit seinem zwolften Jahre in ihm gezeigt hatte. Ein
immer intimeres, edleres, schoneres Verhaltnis hatte sich herausgebil-
det zu dieser Stiefmutter. Aber seinen inneren Zwiespalt hatte er bis-
her auch dieser Mutter verschwiegen, so daB sie nur das Schone und
GroBe gesehen hatte. Sie hatte nur gesehen, wie er immer weiser und
weiser wurde, wie er immer tiefer eindrang in die ganze Menschheits-
evolution. Deshalb war von demjenigen, was wie eine Art General-
beichte mit diesem Gesprach stattfand, vieles neu fur sie, aber sie nahm
es auf mit innigem, warmem Herzen. Es war in ihr wie ein unmittel-
bares Verstehen fur seine Traurigkeit, seine Gefuhlsstimmung, des-
sen, daB er sich zuriicksehnte zu dem, was er in sich hatte vor seinem
zwolften Jahre. Deshalb suchte sie ihn zu erheben und zu trosten, in-
dent sie anfing zu sprechen von allem, was seitdem in ihm so schon
und herrlich zutage getreten sei. Sie erinnerte ihn an all das, was ihr
durch ihn bekanntgeworden war von der Wiedererneuerung der gro-
Ben Lehren, Weisheitsspriiche und Gesetzesschatze des Judentums.
Was alles durch ihn zutage getreten ist, davon sprach sie mit ihm. Es
wurde ihm aber nur immer schwerer urns Herz, wenn er so die Mut-
ter sprechen horte, so schatzend das, was er innerlich doch eigentlich
als iiberwunden fuhlte. Und endlich erwiderte er: Ja, das mag alles
sein. Aber ob durch mich oder durch einen anderen heute erneuert
werden konnen all die alten, herrlichen Weisheitsschatze des Juden-
tums, was hatte das alles fur eine Bedeutung fur die Menschheit? Es
ist im Grunde doch alles bedeutungslos, was in soldier Art zutage
tritt. Ja, wenn es heute eine Menschheit gabe um uns herum, die Ohrejn
hatte, den alten Propheten noch zuzuhoren, dann ware es fur diese
Menschheit nutzlich, wenn erneuert werden konnten die Weisheits-
schatze des alten Prophetentums. Aber selbst wenn jemand so spre-
chen konnte, wie die alten Propheten gesprochen haben, selbst wenn
Elias heute kame - so sagte Jesus von Nazareth - und unserer
Menschheit verkunden wollte dasjenige, was er als Bestes erfahren hat
in den Himmelsweiten: es sind ja nicht die Menschen da, die Ohren
hatten zu horen die Weisheit des Elias, der alteren Propheten, auch
des Moses, ja bis Abraham hinauf. Alles was diese Propheten ver-
kundeten, ware heute zu kiinden unmoglich. Ihre Worte wiirden un-
gehort im Winde verhallen ! Und so ist ja alles, was ich in meiner Seele
halte, wertlos.
So sprach Jesus von Nazareth und er wies darauf hin, wie vor kur-
zem erst eines wahrhaft groBen Lehrers Worte im Grunde genommen
verklungen seien, ohne eine groBe Wirkung zu hinterlassen. Denn, so
sagte er, war das auch kein Lehrer, der heranreichte an die alten
Propheten, so war er doch ein groBer, bedeutsamer Lehrer, der gute
alte Hillel. Jesus wuBte genau, was dieser alte Hillel, der selbst in den
so schweren Zeiten des Herodes als Geisteslehrer ein groBes Anse-
hen zu gewinnen wuBte, fiir viele bedeutet hatte innerhalb des Juden-
tums. Er war ein Mann, der groBe Weisheitsschatze in seiner Seele
gehabt hatte. Und Jesus wuBte, wie wenig die innigen Worte, die der
alte Hillel gesprochen hatte, Eingang gefunden hatten in die Herzen
und Seelen. Dennoch hatte man von dem alten Hillel gesagt: die
Thora, die Summe der altesten, bedeutsamsten Gesetze des Juden-
tums, ist verschwunden und Hillel hat sie wiederum hergestellt. - Wie
ein Erneuerer der urspriinglichen Judenweisheit erschien Hillel fiir
diejenigen seiner Zeitgenossen, die ihn verstanden. Er war ein Lehrer,
der auch herumwandelte wie ein wahrer Weisheitslehrer, Sanftmut war
sein Grundcharakter, eine Art Messias war er. Das alles erzahlt selbst
der Talmud, und es laBt sich nachpriifen durch auBere Gelehrsam-
keit. Die Leute waren des Lobes voll iiber Hillel und erzahlten viel
Gutes von ihm. Ich kann nur einzelnes herausgreifen, urn hinzudeu-
ten auf die Art, wie Jesus von Nazareth von Hillel zu seiner Mutter
sprach, um seine Seelenstimmung anzudeuten.
Hillel wird als ein sanfter, milder Charakter geschildert, der Unge-
heueres durch Milde und Liebe wirkte. Eine Erzahlung hat sich erhal-
ten, die besonders bedeutsam ist, um zu zeigen, wie Hillel der Mann
der Geduld und Sanftmut war, der jedem entgegenkam. Zwei Men-
schen wetteten einstmals um die Moglichkeit, Hillel zum Zorn zu
reizen, denn bekannt war, daft Hillel iiberhaupt nicht in Zorn geraten
konne. Da wetteten nun zwei Manner, von denen der eine sagte : Ich
will alles tun, um Hillel dennoch in Zorn zu bringen. - Er wollte
dann seine Wette gewonnen haben. Als fur Hillel die Zeit gerade am
allerbesetztesten war, als er am meisten zu tun hatte mit der Vorbe-
reitung fur den Sabbat, wo ein solcher Mann am wenigsten gestort
werden kann, da klopfte jener Mann, der die Wette eingegangen war,
an die Tiire Hillels und sagte nicht etwa in einem hof lichen Ton oder
mit irgendeiner Anrede - und Hillel war der Vorsitzende der obersten
geistlichen Behorde, der gewohnt war, hoflich angeredet zu wer-
den -, sondern der Mann rief bloB: Hillel, komm heraus, komm
schnell heraus I - Hillel warf sich seinen Mantel um und kam heraus.
Der Mann sagte in scharfem Tone, wiederum ohne die geringste
Hoflichkeit: Hillel, ich habe dich etwas zu fragen. - Und giitig ant-
wortete Hillel: Mein Lieber, was hast du denn zu fragen? - Ich habe
dich zu fragen, warum die Babylonier so diinne Kopfe haben? - Da
sagte Hillel mit dem sanftesten Tone : Nun, mein Lieber, die Babylo-
nier haben so diinne Kopfe, weil sie so ungeschickte Hebammen
haben. - Da ging der Mann fort und dachte, diesmal war Hillel sanft-
miitig geblieben. Hillel setzte sich wiederum an seine Arbeit. Nach
ein paar Minuten kam der Mann zuriick und rief wiederum barsch
Hillel mitten aus seiner Arbeit heraus: Hillel, komm heraus, ich
habe dich etwas Wichtiges zu fragen ! - Hillel warf sich wieder seinen
Mantel um, kam heraus und sprach: Nun, mein Lieber, was hast du
wieder zu fragen? - Ich habe dich zu fragen, warum die Araber so
kleine Augen haben? - Sanftmiitig sagte Hillel: Weil die Wiiste so
groB ist, das macht die Augen klein, die Augen werden klein beim
Betrachten der groBen Wiiste, deshalb haben die Araber so kleine
Augen. - Wieder war Hillel sanftmutig geblieben. Da war der Mann
recht angstlich um seine Wette, und er kam wiederum und rief zum
dritten Male in barschem Tone: Hillel, komm heraus, ich habe dich
etwas Wichtiges zu fragen! - Hillel legte seinen Mantel um, kam
heraus und fragte mit immer gleicher Sanftmut: Nun, mein Lieber,
was hast du mich nun zu fragen? - Ich habe dich zu fragen, warum
haben die Agypter so platte FuBe? - Weil die Gegenden da so sump-
fig sind, deshalb haben die Agypter so platte FuBe. - Und ruhig und
gelassen ging Hillel wieder an seine Arbeit. Nach ein paar Minuten
kam der Mann wieder und erzahlte Hillel, er wolle ihn jetzt nichts fra-
gen; er habe eine Wette gemacht, daB er ihn in Zorn bringen wolle,
aber er wiiBte nicht, wie er ihn in Zorn bringen konnte. Da sagte
Hillel sanftmutig: Mein Lieber, es ist besser, daB du deine Wette
verlierst, als daB Hillel in Zorn gerate !
Diese Legende wird erzahlt zum Beweis dafiir, wie sanftmutig und
lieb Hillel selbst mit jedem war, der ihn qualte. Solch ein Mann ist -
so meinte Jesus von Nazareth zu seiner Mutter -, in vieler Beziehung
etwas wie ein alter Prophet. Und kennen wir nicht viele Ausspruche
Hillels, die wie eine Erneuerung des alten Prophetentums klingen?
Manche schone Ausspruche Hillels fiihrte er an und dann sagte er:
Siehe, liebe Mutter, von Hillel wird gesagt, daB er wie ein wieder-
erstandener alter Prophet ist. Ich habe noch ein besonderes Interesse
an ihm, denn merkwiirdig dammert etwas auf in mir, als wenn noch
ein besonderer Zusammenhang da sei zwischen Hillel und mir; mir
dammert etwas auf, wie wenn dasjenige, was ich weiB und was in mir
lebt als groBe Offenbarung des Geistigen, nicht allein vom Judentum
kommen wiirde. - Und ebenso war es ja auch bei Hillel; denn dieser
war ja der auBeren Geburt nach ein Babylonier und war erst sparer
in das Judentum hineingekommen. Aber auch er stammte aus dem
Geschlechte Davids, war aus uralten Zeiten verwandt mit dem Davids-
geschlechte, von dem sich Jesus von Nazareth und die Seinigen selber
auch herzuleiten hatten. Und Jesus sagte : Wenn ich auch so wie Hil-
lel als Sohn aus dem Geschlechte Davids aussprechen wollte die hohen
Offenbarungen, die wie eine Erleuchtung in meine Seele hineingegos-
sen sind und die dieselben hohen Offenbarungen sind, die in alten
Zeiten dem jiidischen Volke gegeben waren, heute sind die Ohren
nicht da, sie zu horen!
Tief hatten sich in seiner Seele abgeladen Schmerz und Leid dar-
iiber, daB ja einstmals dem hebraischen Volke die groBten Wahrheiten
der Welt gegeben waren, daB einstmals auch die Leiber dieses Volkes
so waren, daB sie verstehen konnten diese Offenbarungen, daB aber
jetzt die Zeiten anders geworden waren, daB auch die Leiber des
hebraischen Volkes anders geworden waren, so daB sie nicht mehr
verstehen konnten die alten Offenbarungen der Urvater.
Ein ungeheuer einschneidendes, schmerzlichstes Erlebnis war das
fur Jesus, daB er sich sagen muBte: Einstmals ist verstanden wor-
den, was die Propheten lehrten, verstanden worden ist votn hebra-
ischen Volke die Sprache des Gottes, heute aber ist niemand da, der
sie versteht; tauben Ohren wxirde man predigen. Solche Worte sind
heute nicht mehr am Platze; es sind nicht mehr die Ohren da, sie zu
verstehen! Wertlos und nutzlos ist alles, was man in solcher Weise
sagen konnte. - Und wie zusammenfassend das, was er in dieser Rich-
tung zu sagen hatte, sprach Jesus von Nazareth zu seiner Mutter: Es ist
nicht mehr fur diese Erde moglich die Offenbarung des alten Juden-
tums, denn die alten Juden sind nicht mehr da, um sie aufzuneh-
men. Das muB als etwas Wertloses auf unserer Erde angesehen wer-
den.
Und merkwiirdigerweise horte ihm die Mutter ruhig zu, wie er
sprach von der Wertlosigkeit dessen, was ihr das Heiligste war. Aber
sie hatte ihn innig lieb und fiihlte nur ihre unendliche Liebe. Daher
ging etwas uber in sie von tiefem Gefiihlsverstandnis dessen, was er
ihr zu sagen hatte. Und dann setzte er das Gesprach fort und kam
darauf, von dem zu berichten, wie er gewandert war in die heid-
nischen Kultstatten und was er dort erlebt hatte. Es dammerte herauf
in seinem Geiste, wie er niedergefallen war am heidnischen Altar, wie
er die veranderte Bath-Kol gehort hatte. Und da leuchtete ihm auf
etwas wie eine Erinnerung der alten Zarathustra-Lehre. Er wuBte
noch nicht genau, daB er die Zarathustra- Seele in sich trug, aber die
alte Zarathustra-Lehre, die Zarathustra-Weisheit, der alte Zarathustra-
Impuls stiegen wahrend des Gespraches in ihm auf. In Gemeinschaft
mit seiner Mutter erlebte er diesen groBen Zarathustra-Impuls. All
das Schone und GroBe der alten Sonnenlehre kam in seiner Seele her-
auf. Und er erinnerte sich: Als ich am heidnischen Altar lag, da horte
ich etwas wie eine Offenbarung! - Und jetzt kamen in seine Erinne-
rung die Worte der umgewandelten Bath-Kol, die ich ja gestern ge-
sprochen habe, und er sprach sie zur Mutter:
Amen
Es walten die tlbel
Zeugen sich losender Ichheit
Von andern erschuldete Selbstheitschuld
Erlebet im taglichen Brote
In dem nicht waltet der Himmel Wille
Da der Mensch sich schied von Eurem Reich
Und vergaB Euren Namen
Ihr Vater in den Himmeln.
Und all die GroBe auch des Mithras dienstes lebte mit ihnen in seiner
Seele auf und stellte sich wie durch innere Genialitat ihm dar. Viel
sprach er mit seiner Mutter uber die GroBe und Glorie des alten Hei-
dentums. Viel sprach er von dem, was in den alten Mysterien der
Volker lebte, wie zusammengeflossen waren die einzelnen Mysterien-
dienste Vorderasiens und Sudeuropas in diesem Mithrasdienst. Aber
zugleich trug er in seiner Seele die furchtbare Empfindung : wie sich
nach und nach dieser Dienst gewandelt hatte und gekommen war
unter damonische Gewalten, die er selber erlebt hatte ungefahr in
seinem vierundzwanzigsten Lebensjahre. Es kam ihm alles in den Sinn,
was er damals erlebt hatte. Und da erschien ihm auch die alte Zara-
thustra-Lehre wie etwas, wofur die Menschen der heutigen Zeit nicht
mehr empfanglich sind. Und unter diesem Eindruck sprach er zu
seiner Mutter das zweite bedeutsame Wort: Wenn auch erneuert wiir-
den alle die alten Mysterien und Kulte, und alles das hineinflosse, was
einstmals groB war in den Mysterien des Heidentums, es sind, dies zu
vernehmen, die Menschen nicht mehr da! All das ist nutzlos. Und
wiirde ich herausgehen und den Menschen dasjenige verkiinden, was
ich als die veranderte Stimme der alten Bath-Kol gehort habe, wiirde
ich das Geheimnis kund tun, warum die Menschen in ihrem physischen
Leben nicht mehr in Gemeinschaft mit den Mysterien leben konnen,
oder wiirde ich verkiindigen die alte Sonnenweisheit des Zarathustra,
heute sind die Menschen nicht da, die dies verstehen wiirden. Heute
wiirde sich alles das in den Menschen verkehren in damonisches We-
sen, denn es wiirde so hineinklingen in die Menschenseelen, daB die
Ohren nicht da sind, solches zu verstehen ! Die Menschen haben auf-
gehort, horen zu konnen auf dasjenige, was einstmals verkiindet und
gehort worden ist.
Denn es wuBte jetzt Jesus von Nazareth, daB dasjenige, was er
damals gehort hatte als die veranderte Stimme der Bath-Kol, die ihm
zugerufen hatte die Worte: «Amen, es walten die Obel» - eine uralt
heilige Lehre war, ein allwaltendes Gebet war iiberall in den Myste-
rien, welches man in den Mysterienstatten gebetet hatte, daB es aber
heute vergessen war. Er wuBte jetzt, daB das, was ihm gegeben wor-
den war, ein Hinweis war auf alte Mysterienweisheit, die iiber ihn
gekommen war, als er am heidnischen Altar entriickt war. Aber er sah
zugleich und driickte es auch in jenem Gesprach aus, daB es keine
Moglichkeit gibt, das heute wiederum zum Verstandnis zu bringen.
Und dann fiihrte er dies Gesprach mit der Mutter weiter und
sprach von dem, was er im Kreise der Essaer in sich aufgenommen
hatte. Er sprach von der Schonheit, GroBe und Glorie der Essaer-
lehre, gedachte der groBen Milde und des Sanftmutes der Essaer. Dann
sagte er das dritte bedeutsame Wort, das ihm aufgegangen war in
seinem visionaren Gesprach mit dem Buddha : Es konnen doch nicht
alle Menschen Essaer werden! Wie recht hatte doch Hillel,* als er die
Worte sprach: Sondere dich nicht von der Gesamtheit ab, sondern
schaffe und wirke in der Gesamtheit, trage deine Liebe hin zu deinen
Nebenmenschen, denn wenn du allein bist, was bist du dann? So ma-
chen es aber die Essaer; sie sondern sich ab, sie ziehen sich mit ihrem
heiligen Lebenswandel zuriick und bringen dadurch Ungliick iiber die
anderen Menschen. Denn die Menschen mussen dadurch ungliicklich
sein, daB sie sich von ihnen absondern. - Und dann sagte er zu der
82
♦Siehe Hinweis.
Mutter das bedeutsame Wort, indem er ihr das Erlebnis erzahlte, das
ich gestern besprochen habe: Als ich einstmals nach einem intimen,
wichtigsten Gesprach mit den Essaern wegging, da sah ich am Haupt-
tore, wie Luzifer und Ahriman davonliefen. Seit jener Zeit, liebe
Mutter, weiB ich, daB die Essaer durch ihre Lebensweise, durch ihre
Geheimlehre sich selber vor ihnen schutzen, so daB Luzifer und Ahri-
man vor ihren Toren fliehen miissen. Aber sie schicken dadurch Luzi-
fer und Ahriman weg von sich zu den anderen Menschen hin. Die
Essaer werden gliicklich in ihren Seelen auf Kosten der anderen Men-
schen; sie werden gliicklich, weil sie sich selber vor Luzifer und
Ahriman retten! - Er wuBte jetzt durch das Leben bei den Essaern:
Ja, eine MogHchkeit gibt es noch, hinaufzusteigen dahin, wo man
sich vereint mit dem Gottlich-Geistigen, aber nur Einzelne konnen
es auf Kosten der groBen Menge erreichen. Er wuBte jetzt: Weder
auf Juden- noch auf Heidenweise noch auf Essaerweise war der all-
gemeinen Menschheit der Zusammenhang mit der gottlich-geistigen
Welt zu bringen.
Dies Wort schlug furchtbar ein in die Seele der liebenden Mutter.
Er war wahrend dieses ganzen Gespraches vereint mit ihr, wie eins
mit ihr. Die ganze Seele, das ganze Ich des Jesus von Nazareth lag in
diesen Worten. Und hier mochte ich ankniipfen an ein Geheimnis,
welches stattfand vor der Johannestaufe in diesem Gesprach mit der
Mutter: Es ging etwas weg von Jesus zu dieser Mutter hiniiber. Nicht
nur in Worten rang sich das alles los von seiner Seele, sondern weil
er so innig mit ihr vereint war seit seinem zwolften Jahre, ging mit
seinen Worten sein ganzes Wesen zu ihr uber, und er wurde jetzt so,
daB er wie auBer sich gekommen war, wie wenn ihm sein Ich weg-
gekommen war. Die Mutter aber hatte ein neues Ich, das sich in sie
hineinversenkt hatte, erlangt: sie war eine neue Personlichkeit gewor-
den. Und forscht man nach, versucht man herauszubekommen, was
da geschah, so stellt sich folgendes Merkwiirdige heraus.
Der ganze furchtbare Schmerz, das furchtbare Leid des Jesus, das
aus seiner Seele sich losrang, ergoB sich hinein in die Seele der Mut-
ter und sie fuhlte sich wie eins mit ihm. Jesus aber fuhlte, als ob
alles, was seit seinem zwolften Jahre in ihm lebte, fortgegangen
ware wahrend dieses Gespraches. Je mehr er davon sprach, desto
mehr wurde die Mutter voll von all der Weisheit, die in ihm lebte.
Und alle die Erlebnisse, die seit seinem zwolften Jahre in ihm gelebt
hatten, sie lebten jetzt auf in der Seele der liebenden Mutter! Aber
von ihm waren sie wie hingeschwunden; er hatte gleichsam in die
Seele, in das Herz der Mutter dasjenige hineingelegt, was er selber
erlebt hatte seit seinem zwolften Jahre. Dadurch wandelte sich die
Seele der Mutter um.
Wie verwandelt war auch er seit jenem Gesprache, so verwandelt,
daB die Briider oder Stief briider und die anderen Verwandten, die in
seiner Umgebung waren, die Meinung bekamen, er hatte den Verstand
verloren. Wie schade, sagten sie, er wuBte so viel; er war ja immer
sehr schweigsam, jetzt aber ist er vollig von Sinnen gekommen, jetzt
hat er den Verstand verloren! - Man sah ihn als einen Verlorenen an.
Er ging in der Tat auch tagelang wie traumhaft im Hause umher. Das
Zarathustra-Ich war eben dabei, diesen Leib des Jesus von Nazareth
zu verlassen und in die geistige Welt uberzugehen. Und ein letzter
EntschluB entwand sich ihm: Wie durch einen inneren Drang, wie
durch eine innere Notwendigkeit getrieben, bewegte er sich nach
einigen Tagen wie mechanisch aus dem Hause fort, zu dem ihm schon
bekannten Johannes dem Taufer hin, um von ihm die Taufe zu er-
langen.
Und dann fand jenes Ereignis statt, das ich ofter beschrieben habe
als die Johannes taufe im Jordan: das Christus-Wesen senkte sich hinab
in seinen Leib.
So waren die Vorgange. Jesus war jetzt durchdrungen von dem
Christus-Wesen. Seit jenem Gesprache mit seiner Mutter war gewichen
das Ich des Zarathustra und dasjenige, was vorher gewesen war, was
er bis zum zwolften Jahre war, das war wiederum da, nur gewach-
sen, noch groBer geworden. Und hinein in diesen Leib, der jetzt nur
in sich trug die unendliche Tiefe des Gemiites, das Gefuhl des Offen-
seins fur unendliche Weiten, senkte sich der Christus. Der Jesus war
jetzt durchdrungen vom Christus ; die Mutter aber hatte auch ein neues
Ich, das sich in sie hineinversenkt hatte, erlangt; sie war eine neue
Personlichkeit geworden.
Es stellt sich dem Geistesforscher folgendes dar: In demselben
Augenblicke, als diese Taufe im Jordan geschah, fiihlte auch die Mut-
ter etwas wie das Ende ihrer Verwandlung. Sie fuhlte - sie war da-
mals im fiinfundvierzigsten, sechsundvierzigsten Lebensjahre -, sie
fuhlte sich mit einem Male wie durchdrungen von der Seele jener
Mutter, welche die Mutter des Jesusknaben war, der in seinem zwolf-
ten Jahre das Zarathustra-Ich empfangen hatte, und die gestorben
war. So wie der Christus-Geist auf Jesus von Nazareth herabgekom-
men war, so war der Geist der anderen Mutter, die mittlerweile in der
geistigen Welt weilte, herniedergekommen auf die Ziehmutter, mit
der Jesus jenes Gesprach hatte. Sie fuhlte sich seitdem wie jene junge
Mutter, die einstmals den Lukas- Jesusknaben geboren hatte.
Stellen wir uns in der richtigen Weise vor, was das fur ein unend-
lich bedeutsames Ereignis ist! Versuchen wir das zu fuhlen, aber auch
zu fuhlen, daG jetzt ein ganz besonderes Wesen auf der Erde lebte:
die Christus-Wesenheit in einem Menschenleibe, eine Wesenheit, die
noch nicht in einem Menschenleibe gelebt hatte, die bisher nur war in
geistigen Reichen, die vorher kein Erdenleben hatte, die die geistigen
Welten kannte, nicht die Erdenwelt! Von der Erdenwelt erfuhr diese
Wesenheit nur dasjenige, was gleichsam aufgespeichert war in den
drei Leibern, im physischen Leib, Atherleib und Astralleib des Jesus
von Nazareth. Sie senkte sich nieder in diese drei Leiber, wie sie
geworden waren unter dem EinfluB des dreiBigjahrigen Lebens, das
ich ja geschildert habe. So erlebte diese Christus-Wesenheit ganz un-
befangen dasjenige, was sie zunachst auf Erden erlebte.
Diese Christus-Wesenheit wurde zunachst gefiihrt - das zeigt uns
auch die Akasha-Chronik des Funften Evangeliums - in die Einsam-
keit. Der Jesus von Nazareth, in dessen Leib die Christus-Wesenheit
war, hatte ja dahingegeben alles, was ihn friiher mit der iibrigen Welt
verbunden hatte. Die Christus-Wesenheit war eben angekommen auf
der Erde. Zunachst zog es diese Christus-Wesenheit zu dem hin, was
durch die Eindrucke des Leibes, die wie im Gedachtnis geblieben
waren, im Astralleibe am heftigsten sich eingegraben hatte. Gleich-
sam sagte sich die Christus-Wesenheit: Ja, das ist der Leib, der den
niehenden Ahriman und Luzifer erlebt hat, der gespurt hat, dafi die
strebenden Essaer Ahriman und Luzifer zu den anderen Menschen
hinstoBen. - Zu ihnen fiihlte der Christus sich hingezogen, zu Ahri-
man und Luzifer, denn er sagte sich: Das sind die geistigen Wesen,
mit denen die Menschen auf Erden zu kampfen haben. - So zog es die
Christus- Wesenheit, die zum ersten Male in einem Menschenleibe, in
einem Erdenleibe wohnte, zunachst hin zum Kampf mit Luzifer und
Ahriman in der Einsamkeit der Wiiste.
Ich glaube, da8 die Szene von der Versuchung, so wie ich sie nun
erzahlen werde, durchaus richtig ist. Aber es ist sehr schwierig, solche
Dinge in der Akasha-Chronik zu lesen. Deshalb bemerke ich aus-
drucklich, daB das eine oder andere unbetrachtlich modifiziert wer-
den konnte bei einer weiteren okkulten Untersuchung. Aber das
Wesentliche ist da, und dieses Wesentliche habe ich Ihnen zu erzah-
len. Die Versuchungsszene stent ja in verschiedenen Evangelien. Aber
diese erzahlen von verschiedenen Seiten her. Das habe ich ja ofters
hervorgehoben. Ich habe mich bemuht, diese Versuchungsszene so
zu gewinnen, wie sie wirklich war und ich mochte unbefangen erzah-
len, wie sie wirklich war.
Zuerst begegnete die Christus- Wesenheit im Leibe des Jesus von
Nazareth in der Einsamkeit Luzifer, Luzifer, wie er waltet und wirkt
und an die Menschen versuchend herankommt, wenn sie sich selbst
uberschatzen, wenn sie zu wenig Selbsterkenntnis und Demut haben.
Herantreten an den falschen Stolz, den Hochmut, an die Selbstver-
groBerung der Menschen: das will Luzifer ja immer versuchen. Jetzt
trat Luzifer dem Christus Jesus entgegen und sagte zu ihm ungefahr
die Worte, die ja auch in den anderen Evangelien stehen: Sieh mich
an! Die anderen Reiche, in welche der Mensch versetzt ist, die von
den anderen Gottern und Geistern gegriindet worden sind, die sind
alt. Ich aber will ein neues Reich griinden; ich habe mich losgelost von
der Weltordnung ; ich will dir alles geben, was an Schonheit und Herr-
lichkeit in den alten Reichen ist, wenn du in mein Reich eintrittst.
Aber abtrennen sollst du dich von den anderen Gottern und mich
anerkennen! - Und alle Schonheit und HerrHchkeit der luziferischen
Welt schilderte Luzifer, alles, was zur Menschenseele sprechen muBte,
wenn sie auch nur ein wenig Hochmut in sich hatte. Aber die Chri-
stus-Wesenheit kam eben aus den geistigen Welten; sie wuBte, wer
Luzifer ist und wie das Verhalten der Seele zu den Gottern ist, die
nicht auf Erden von Luzifer verfiihrt werden will. Die Christus-
Wesenheit kannte zwar nichts von der luziferischen Verfuhrung in
der Welt, aus der sie kam; sie wuBte aber, wie man den Gottern
dient, und sie war so stark, um Luzifer zuriickzuweisen.
Da machte Luzifer eine zweite Attacke, aber jetzt holte er sich
Ahriman zu seiner Unterstiitzung heran, und sie sprachen jetzt beide
zum Christus. Der eine wollte seinen Hochmut aufstacheln: Luzifer;
der andere wollte zu seiner Furcht sprechen: Ahriman. Dadurch kam
zustande, daB ihm der eine sagte : Durch meine Geistigkeit, durch das,
was ich dir zu geben vermag, wenn du mich anerkennst, wirst du
nicht bediirfen dessen, wessen du jetzt bedarfst, weil du als Christus in
einen menschlichen Leib getreten bist. Dieser physische Leib unter-
wirft dich, du muBt in ihm das Gesetz der Schwere anerkennen. Er
hindert dich, das Gesetz der Schwere zu ubertreten, ich aber werde
dich erheben \iber die Gesetze der Schwere. Wenn du mich anerkennst,
werde ich die Folgen des Sturzes aufheben und es wird dir nichts
geschehen. Stiirze dich hinunter von der Zinne! Es steht ja geschrie-
ben: Ich will den Engeln befehlen, daB sie dich behuten, daB du
deinen FuB nicht an einen Stein stoBest. - Ahriman, der wirken
wollte auf seine Furcht, sprach: Ich werde dich behuten vor der
Furcht! Stiirze dich hinunter!
Und beide drangen auf ihn ein. Aber da sie beide auf ihn einstiirm-
ten und sich gleichsam in ihrem Drangen die Waage hielten, konnte er
sich vor ihnen retten. Und er fand die Kraft, die der Mensch finden
muB auf Erden, um sich liber Luzifer und Ahriman zu erheben.
Da sagte Ahriman: Luzifer, ich kann dich nicht brauchen, du
hemmst mich nur, du hast meine Krafte nicht vermehrt, sondern ver-
mindert, ich werde ihn allein versuchen. Du hast verhindert, daB diese
Seele uns verfallt. - Da schickte Ahriman den Luzifer weg und machte
die letzte Attacke, als er allein war, und er sagte dasjenige, was ja nach-
klingt im Matthaus-Evangelium : Wenn du dich gottlicher Krafte riih-
men willst, dann mache das Mineralische zu Brot, oder wie es im
Evangelium steht: Mache die Steine zu Brot! - Da sagte die Christus-
Wesenheit zu Ahriman: Die Menschen leben nicht von Brot allein,
sondern von dem, was als Geistiges aus den geistigen Welten kommt. -
Das wuBte die Christus-Wesenheit am besten, denn sie war ja eben erst
herabgestiegen aus den geistigen Welten. Da antwortete Ahriman:
Wohl magst du recht haben. Aber daB du recht hast und inwiefern du
recht hast, das kann mich eigentlich nicht hindern, dich doch in einer
gewissen Weise zu halten. Du weiBt nur, was der Geist tut, der aus
den Hohen heruntersteigt. Du warst aber noch nicht in der mensch-
lichen Welt. Da unten in der menschlichen Welt gibt es noch ganz
andere Menschen, die haben wahrhaftig notig, Steine zu Brot zu ma-
chen, die konnen unmoglich sich bloB vom Geiste nahren.
Das war der Moment, wo Ahriman zu Christus etwas sprach, was
man zwar auf der Erde wissen konnte, was aber der Gott, der eben
erst die Erde betreten hatte, noch nicht wissen konnte. Er wuBte
nicht, daB es unten auf der Erde notwendig ist, das Mineralische, das
Metall zu Geld zu machen, damit die Menschen Brot haben. Da sagte
Ahriman, daB die armen Menschen da unten auf der Erde gezwungen
sind, mit dem Gelde sich zu ernahren. Das war der Punkt, an dem
Ahriman noch eine Gewalt hatte. Und ich werde - sagte Ahriman -
diese Gewalt gebrauchen!
Dies ist die wirkliche Darstellung der Versuchungsgeschichte. Es
war also ein Rest geblieben bei der Versuchung. Nicht endgultig waren
die Fragen gelost; wohl die Fragen Luzifers, aber nicht die Fragen
Ahrimans. Um diese zu losen, war noch etwas anderes notwendig.
Als der Christus Jesus die Einsamkeit verlieB, da fiihlte er sich hin-
ausgeriickt iiber all das, was er durchlebt und gelernt hatte von seinem
zwolften Jahre ab ; er fiihlte den Christus-Geist verbunden mit dem,
was in ihm gelebt hatte vor seinem zwolften Jahre. Er fiihlte sich
eigentlich mit all dem, was alt und diirr geworden war im Mensch-
heitswerden, nicht mehr verbunden. Selbst die Sprache, die in seiner
Umgebung gesprochen wurde, war ihm gleichgiiltig geworden, und
zunachst schwieg er auch. Er wanderte um Nazareth herum und noch
weiter hinaus, immer weiter und weiter. Er besuchte viele derjenigen
Orte, die er schon als Jesus von Nazareth beriihrt hatte, und da zeigte
sich etwas hochst Eigentumliches. Ich bitte wohl zu beachten, ich
erzahle die Geschichte des Funften Evangeliums, und es wiirde nichts
taugen, wenn irgend jemand sogleich Widerspruche aufsuchen wollte
zwischen diesem und den vier anderen Evangelien. Ich erzahle so, wie
die Dinge im Funften Evangelium stehen.
In rechter Schweigsamkeit, wie nichts gemein habend mit der Um-
gebung, wanderte zunachst der Christus Jesus von Herberge zu Her-
berge, \iberall bei den Leuten und mit den Leuten arbeitend. Und tie-
fen Eindruck hatte zuruckgelassen auf ihn, was er durchlebt hatte mit
dem Spruche des Ahriman vom Brote. tjberall fand er die Menschen,
die ihn schon kannten, bei denen er fniher schon gearbeitet hatte. Die
Menschen erkannten ihn wieder, und er fand unter diesen Menschen
wirklich das Volk, diejenigen, bei denen Ahriman Zutritt haben muB,
weil sie notig haben, Steine, Mineralisches zu Brot zu machen, oder
was dasselbe ist, Geld, Metall zu Brot zu machen. Bei denjenigen, die
Hillels oder anderer Sittenspruche beachteten, brauchte er ja nicht ein-
zukehren. Aber bei denen, welche die anderen Evangelien die Zollner
und Sunder nennen, kehrte er ein, denn das waren diejenigen, die
darauf angewiesen waren, Steine zu Brot zu machen. Besonders bei
diesen ging er viel herum.
Aber jetzt war das Eigentumliche eingetreten: Viele von diesen
Menschen kannten ihn schon aus der Zeit vor seinem dreiBigsten
Jahre, da er schon ein-, zwei- oder dreimal als Jesus von Nazareth bei
ihnen gewesen war. Dazumal lernten sie kennen sein mildes, liebes,
weises Wesen. Denn solch groBe Schmerzen, solch tiefes Leid, die er
durchlebte seit seinem zwolften Jahre, wandelt sich zuletzt um in die
Zauberkraft der Liebe, die in jedem Worte so ausstromt, wie wenn in
seinen Worten noch eine geheimnisvolle Kraft waltete, die sich aus-
goB iiber die Umstehenden. Wohin er kam, uberall, in jedem Hause, in
jeder Herberge, war er tief geliebt. Und diese Liebe blieb zuriick, wenn
er wiederum die Hauser verlassen hatte und weitergezogen war.
Viel sprach man in diesen Hausern von dem lieben Menschen, dem
Jesus von Nazareth, der durchwandert hatte diese Hauser, diese Orte.
Und wie durch das Hineinwirken kosmischer GesetzmaBigkeit
geschah das Folgende. Ich erzahle hier Szenen, die sich zahlreich wie-
derholten und die uns die hellsichtige Forschung oft und oft zeigen
kann. Da war er in den Familien, bei denen Jesus von Nazareth gear-
beitet hatte, die nach der Arbeit zusammensaBen und gerne redeten,
wenn die Sonne untergegangen war, noch wie gegenwartig ! Da rede-
ten sie von dem lieben Menschen, der als Jesus von Nazareth bei
ihnen gewesen war. Vieles erzahlten sie von seiner Liebe und Milde,
vieles von ihren schonen, warmen Empfindungen, die durch ihre See-
len gezogen waren, wenn dieser Mensch unter ihrem Dache gelebt
hatte. Und da geschah es - es war eine Nachwirkung jener Liebe, die
da ausstromte -, in manchen dieser Hauser, wenn sie so stundenlang
von diesem Gast gesprochen hatten, daft in die Stube hereintrat wie
in einer gemeinsamen Vision fur alle Familienmitglieder, das Bild die-
ses Jesus von Nazareth. Ja, er besuchte sie im Geiste, oder auch, sie
schufen sich sein geistiges Bild.
Nun konnen Sie sich denken, wie es in solchen Familien emp-
funden wurde, wenn er ihnen in der gemeinsamen Vision erschie-
nen war, und was es fur sie bedeutete, wenn er jetzt wiederkam,
nach der Johannestaufe im Jordan, und sie sein AuBeres wieder-
erkannten, nur war sein Auge leuchtender geworden. Sie sahen das
verklarte Antlitz, das einstmals sie so lieb angeschaut hatte, diesen
ganzen Menschen, den sie im Geiste bei sich sitzend gesehen hatten.
Was da AuBerordentliches geschah in solchen Familien, was da ge-
schah bei den Siindern und Zollnern, die wegen ihres Karma von all
den damonischen Wesen jener Zeit umgeben, geplagt waren, die da
krank und beladen und besessen waren, wie diese Leute diese Wieder-
kehr empfunden haben, das konnen wir uns wohl denken !
Jetzt zeigte sich die umgewandelte Natur des Jesus; es zeigte sich
besonders an solchen Menschen, was durch die Einwohnung des
Christus aus Jesus von Nazareth geworden war. Friiher hatten sie nur
seine Liebe, Giite und Milde empfunden, so daB sie nachher die
Vision von ihm hatten; jetzt aber ging etwas von ihm aus wie eine
Zauberkraft ! Hatten sie sich friiher nur getrostet gefiihlt durch seine
Gegenwart, so fiihlten sie sich jetzt geheilt durch ihn. Und sie gingen
zu ihren Nachbarn, holten sie herbei, wenn sie ebenso bedriickt und
von damonischen Gewalten geplagt waren, und brachten sie dem
Jesus Christus. Und so geschah es, daB der Christus Jesus, nachdem
er Luzifer besiegt und nur einen Stachel zuriickbehalten hatte von
Ahriman, bei den Menschen, die unter Ahrimans Herrschaft waren,
dasjenige bewirken konnte, was immer geschildert wird in der Bibel
als die Austreibung der Damonen und Heilung der Kranken. Viele
von jenen Damonen, die er gesehen hatte, als er wie tot auf dem
heidnischen Opferaltar gelegen hatte, wichen jetzt von den Leuten,
wenn er als Christus Jesus den Menschen gegeniibertrat. Denn so
wie Luzifer und Ahriman in ihm ihren Gegner sahen, so sahen auch
die Damonen in ihm ihren Gegner. Und als er so durch das Land
zog, da muBte er durch das Verhalten der Damonen in den Men-
schenseelen oft und oft an dazumal denken, wie er dort am alten
Opferaltar gelegen hatte, wo statt der Gotter die Damonen waren,
und wo er nicht den Dienst verrichten konnte. Er muBte gedenken
der Bath-Kol, die ihm das alte Mysteriengebet verkiindet hatte, von
dem ich Ihnen gesprochen habe. Und insbesondere kam ihm immer
wieder und wieder in den Sinn die mittlere Zeile dieses Gebetes:
«Erlebet im taglichen Brote.» - Jetzt sah er es: Diese Menschen, bei
denen er eingekehrt war, muBten Steine zu Brot machen. Er sah:
Unter diesen Menschen, bei denen er so gelebt hatte, sind viele, die
nur vom Brot allein leben miissen. Und das Wort aus jenem urheid-
nischen Gebete: «Erlebet im taglichen Brote», senkte sich tief in
seine Seele. Er fuhlte die ganze Einkorperung des Menschen in die
physische Welt. Er fuhlte, daB es in der Menschheitsevolution wegen
dieser Notwendigkeit so weit gekommen war, daB durch diese phy-
sische Einkorperung die Menschen vergessen konnten die Namen der
Vater in den Himmeln, die Namen der Geister der hoheren Hierar-
chies Und er fuhlte, wie jetzt keine Menschen mehr da waren, die
horen konnten die Stimmen der alten Propheten und die Botschaft
der Zarathustra-Weisheit. Jetzt wuBte er, daB das Leben im taglichen
Brote es ist, das die Menschen von den Himmeln getrennt hat, das
die Menschen in den Egoismus treiben und Ahriman zufuhren muB.
Als er mit solchen Gedanken durch die Lande ging, da stellte sich
heraus, daB diejenigen, die am tiefsten gefuhlt hatten, wie Jesus von
Nazareth verwandelt war, seine Junger wurden und ihm folgten. Aus
mancherlei Herbergen nahm er diesen oder jenen mit, der ihm jetzt
folgte, folgte, weil er im hochsten MaBe jene Empfindung hatte, die
ich eben schilderte. So geschah es, daB bald eine Schar von solchen
Jiingern schon zusammen kam. Da hatte er in diesen Jiingern Leute
um sich herum, die nun in einer Grundseelenstimmung waren, die
gewissermaBen ganz neu war, die durch ihn anders geworden waren
als diejenigen Menschen, von denen er einstmals seiner Mutter hatte
erzahlen miissen, daB sie nicht mehr das Alte horen konnten. Und da
leuchtete in ihm die Erdenerfahrung des Gottes auf: Ich habe den
Menschen zu sagen, nicht wie die Gotter den Weg herunterbahnten
vom Geist zur Erde, sondern wie die Menschen hinauffinden kon-
nen den Weg von der Erde zum Geist.
Und jetzt kam ihm die Stimme der Bath-Kol wieder in den Sinn,
und er wuBte, daB erneuert werden miiBten die uraltesten Formeln
und Gebete; er wuBte, daB nun der Mensch von unten hinauf suchen
muBte den Weg in die geistigen Welten, daB er durch dieses Gebet
den gottlichen Geist suchen konnte. Da nahm er die letzte Zeile des
alten Gebetes :
«Ihr Vater in den Himmeln»
und kehrte sie um, weil sie so jetzt angemessen ist fur den Menschen
der neuen Zeit und weil er sie nicht auf die vielen geistigen Wesen-
heiten der Hierarchien, sondern auf das eine Geistwesen zu beziehen
hatte :
«Unser Vater im Himmel. »
Und die zweite Zeile, die er gehort hatte als die vorletzte Mysterien-
zeile :
«Und vergaB Euren Namen»,
er kehrte sie um, wie sie jetzt lauten muBte fur die Menschen der
neuen Zeit:
«Geheiliget werde Dein Name.»
Und so wie die Menschen, die von unten hinaufsteigen miissen,
sich fiihlen miissen, wenn sie sich der Gottheit nahen wollen, so
wandelte er um die drittletzte Zeile, die da hieB :
«Da der Mensch sich schied von Eurem Reich»
in:
«Zu uns komme Dein Reich !»
Und die folgende Zeile:
«In dem nicht waltet der Himmel Wille»,
er kehrte sie urn, wie sie die Menschen jetzt allein horen konnten,
denn die alte Wortstellung konnte kein Mensch mehr horen. Er kehrte
sie um, denn eine vollige Umkehrung des Weges in die geistigen
Welten sollte geschehen; er kehrte sie um in:
«Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.»
Und das Geheimnis vom Brote, von der Einkorperung im physi-
schen Leibe, das Geheimnis von alledem, was ihm jetzt durch den
Stachel Ahrimans voll erschienen war, das wandelte er so um, daB
der Mensch empfinden sollte, wie auch diese physische Welt aus der
geistigen Welt kommt, wenn es der Mensch auch nicht unmittelbar
erkennt. So wandelte er diese Zeile vom taglichen Brote um in eine
Bitte:
«Gib uns heute unser taglich Brot.»
Und die Worte:
«Von andern erschuldete Selbstheitschuld»
kehrte er um in die Worte:
«Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.»
Und diejenige Zeile, welche die zweite war in dem alten Gebet der
Mysterien :
«Zeugen sich losender Ichheit»,
er kehrte sie um, indem er sagte :
«Sondern erlose uns»,
und die erste Zeile:
«Es walten die Ubel»,
machte er 211 :
«Von dem t)bel. Amen.»
Und so wurde denn dasjenige, was das Christentum als das Vater-
unser kennenlernte durch die Umkehrung dessen, was Jesus einstmals
als die umgewandelte Stimme der Bath-Kol vernommen hatte bei
seinem Fall am heidnischen Altar, zu dem, was Christus Jesus als das
neue Mysteriengebet, das neue Vaterunser lehrte. In einer ahnlichen
Weise - und es wird ja noch manches zu sagen sein - entstand auch
die Verkiindigung der Bergpredigt und andere Dinge, die der Chri-
stus Jesus seine Jiinger lehrte.
In einer merkwiirdigen Weise wirkte der Christus Jesus gerade auf
seine Jiinger. Ich bitte, wenn ich Ihnen, meine lieben Freunde, hier-
von erzahle, immer im Auge zu behalten, daB ich einfach erzahle, was
zu lesen ist in diesem Fiinften Evangelium. Als er so durch die Lande
zog, da war seine Wirkung auf die Umgebung eine ganz eigentiimliche.
Er war zwar mit den Aposteln, mit den Jiingern in Gemeinschaft,
aber es war, weil er die Christus-Wesenheit war, so, als wenn er gar
nicht bloB in seinem Leibe ware. Wenn er so mit den Jiingern im
Lande umherging, dann fuhlte dieser oder jener manchmal, als ob er
in ihm, in der eigenen Seele ware, wenn er auch neben ihm ging.
Mancher fuhlte, wie wenn jene Wesenheit, die zu dem Christus Jesus
gehorte, in der eigenen Seele ware, und er fing dann an zu sprechen
die Worte, die eigentlich der Christus Jesus selber nur sprechen
konnte. Und da ging diese Schar herum und traf Leute, es wurde zu
ihnen gesprochen und derjenige, der da sprach, war durchaus nicht
immer Christus Jesus selber, sondern es sprach auch mancher der
Jiinger; denn er hatte alles gemeinsam mit den Jiingern, auch seine
Weisheit.
Ich muB gestehen, ich war in hohem MaBe erstaunt, als ich gewahr
wurde, daB zum Beispiel das Gesprach mit dem Sadduzaer, von
dem das Markus-Evangelium erzahlt, gar nicht von dem Christus Je-
sus aus dem Jesusleibe gesprochen wurde, sondern aus einem der
Jiinger; aber natiirlich sprach es der Christus. Und auch diese Erschei-
nung war haufig, daB wenn Christus Jesus einmal seine Schar ver-
lieB - er trennte sich zuweilen von ihnen -, er doch unter ihnen war.
Entweder wandelte er geistig mit ihnen, wahrend er weit weg war,
oder er war auch nur in seinem atherischen Leibe bei ihnen. Sein
Atherleib war unter ihnen, sein Atherleib wandelte auch mit ihnen im
Lande umher, und man konnte oftmals nicht unterscheiden, ob er so-
zusagen den physischen Leib mithatte, oder ob es nur die Erscheinung
des Atherleibes war.
So war der Verkehr mit den Jiingern und mit mancherlei Men-
schen aus dem Volke, als der Jesus von Nazareth zum Christus Jesus
geworden war. Er selber erlebte allerdings das, was ich schon ange-
deutet habe: Wahrend die Christus- Wesenheit in den ersten Zeiten ver-
haltnismaBig unabhangig war von dem Leibe des Jesus von Naza-
reth, muBte sie sich ihm spater immer mehr und mehr anahneln. Und
je mehr das Leben vorriickte, desto mehr war er gebunden an den
Leib des Jesus von Nazareth, und ein tiefster Schmerz kam in dem
letzten Jahre uber ihn von dem Gebundensein an den dazu noch siech
gewordenen Leib des Jesus von Nazareth. Aber doch kam es immer
noch vor, daB Christus, der jetzt schon mit einer groBen Schar um-
herzog, wiederum hinausging aus seinem Leibe. Da und dort wurde
gesprochen, hier sprach dieser, dort jener aus der Apostelschar, und
man konnte glauben, daB der, der da sprach, der Christus Jesus sei,
oder daB es nicht der Christus Jesus sei: der Christus sprach durch
sie alle, so lange sie in inniger Gemeinschaft mit ihm herumzogen.
Man kann belauschen einmal ein Gesprach, wie die Pharisaer und
judischen Schriftgelehrten miteinander sprachen und zueinander sag-
ten: Zum Abschrecken fur das Volk konnte man allerdings einen
beliebigen aus dieser Schar herausgreifen und ihn toten; aber es konnte
ebensogut ein falscher sein, denn alle sprechen sie gleich. Damit ist
uns also nicht gedient, denn dann ist der wirkliche Christus Jesus viel-
leicht noch da. Wir miissen aber den wirklichen haben! - Nur die
Jiinger selber, diejenigen, die ihm schon nahergetreten waren, konn-
ten ihn unterscheiden. Sie sagten aber ganz gewiB nicht dem Feinde,
welcher der richtige sei.
Da war aber Ahriman stark genug geworden in bezug auf die Frage,
die ubriggeblieben war, die der Christus nicht in den geistigen Welten
abmachen konnte, sondern nur auf Erden. Er muBte durch die schwer-
ste Tat erfahren, was die Frage bedeutet, Steine zu Brot zu machen,
oder was dasselbe ist, Geld zu Brot zu machen, denn Ahriman be-
diente sich des Judas aus Karioth.
So wie der Christus wirkte - kein geistiges Mit
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