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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Welt, Erde und Mensch
deren Wesen und Entwickelung
sowie ihre Spiegelung in dem Zusammenhang zwischen
agyptischem Mythos und gegenwartiger Kultur
Ein Zyklus von elf Vortragen,
gehalten in Stuttgart vom 4. bis 16. August 1908
1983
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage (Zyklus 4) Berlin 1909
2. (erste buchformige) Auflage Dornach 1930
(mit Vorwort von Marie Steiner)
3. Auflage 1.-2. Tausend, Freiburg i. Br. 1956;
3.Tausend, Dornach I960
4. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1974
5 . Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1983
Bibliographic -Nr. 105
Siegel auf dem Einband nach einem Entwurf von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
© 1974 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-1050-7
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt-er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, raufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten , welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafl
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Aus dem Vorwort von Marie Steiner zur ersten Buchausgabe 1930 11
Erster Vortrag, Stuttgart, 4. August 1908 17
Agyptertum und Gegenwart
Hinweis auf tiefere Zusammenhange in der Menschheitsentwicke-
lung zwischen der alten agyptischen und unserer jetzigen Kultur-
epoche. Von den agyptischen Pyramiden und Sphinxen als Sinn-
bilder alten Weistums iiber die griechischen Tempel und Plastiken
als Gotterwohnungen und Gotterbilder zu den romanischen Kirchen
und gotischen Domen als Hauser fur christliche Gemeinden. Die
griechische Polis und der romische Burger. Die Isis mit dem Horus-
kind und die Madonna mit dem Christkind. Christus auf dem Weg
zur Erde. Der moderne Materialismus als aufgehende Frucht des
agyptischen Mumienkultes.
Zweiter Vortrag, 5. August 1908 33
Uralte Weisheit und neue apokalyptische Weisheit
Die Polaritat von Welt und Erde als Gegensatz von Geistig-Seeli-
schem und Physisch-Materiellem. Die Bedeutung des Tempelschlafes
im alten Agypten fiir die Heilung von Krankheiten aus dem Geiste
und aus der Weisheit der Isis. Die Bedeutung sinnlichkeitsfreier
Vorstellungen fiir die Heilpadagogik. Die Entwickelung des Men-
schen seit der lemurischen Zeit: Von der Befruchtung aus der Um-
gebung zur geschlechtlichen Fortpflanzung bis zur Erlangung des
vollen Ich-Bewufkseins und dem Auftreten von Krankheiten. Die
Wiederholung dieser Entwickelung in der Erkenntnis durch die
nachatlantischen Kulturen. Die Bedeutung einer spirituellen Welt-
anschauung fiir eine zukiinftige Moglichkeit der Heilung von
Krankheiten aus dem Geiste in vollbewufiter Weise.
Dritter Vortrag, 6. August 1908 49
Die Reiche der Natur und der geistigen Wesenheiten
Hinweis auf die in und an alien Naturwesen auf der Erde tatigen
iibersinnlichen Wesenheiten. Das Ich als Zentrum des Menschen.
Die Gruppenseelen der Tiere, der Pflanzen und der Mineralien als
Iche wirksam von den verschiedenen hoheren Planen aus auf die
leiblichen Glieder der entsprechenden Einzelwesen. Die Erde als
ein von der Sonne bestrahltes lebendiges und empfindendes Wesen.
Zukunftsperspektiven des erkennenden Menschen gegenuber den
Naturwesen. Engel, Erzengel und Urkrafte in ihrem Wirken als In-
dividualgeister, als Volksgeister und Zeitgeister auf die leiblichen
Glieder der Menschen.
VlERTER VORTRAG, 7. AugUSt 1908
Die aufiere Manifestation der geistigen Wesenheiten in den
Elementen und kosmischen Entwickelungszustanden
Das Hereinwirken der Engel, Erzengel und Urkrafte in das Wasser-,
Luft- und Warmeelement auf der Erde. Das Licht als Kleid der
Geister der Form. Die planetarische Aufgabe dieser Sonnenwesen.
Wohnplatze und Wirkungsfelder der noch hoheren Geistwesen. Die
wahren Vorgange bei der Bildung unseres Sonnensystems. Sonnen-
und Mondenkrafte in ihrer Wirkung auf die Erde und auf den wer-
denden Menschen, Das Offnen der Sinne nach aufien und der Be-
ginn des menschlichen Ich-Bewufitseins. Der Osirismythos als Bild
menschlicher Erlebnisse.
FUNFTER VORTRAG, 8. August 1908
Die Entwickelung des Menschen im Zusammenhang mit der
kosmischen Evolution
Vom Fortschreiten und Zurikkbleiben hoherer Wesenheiten und
ihrem Zusammenwirken. Das Entstehen der Naturreiche vom Sa-
turn- bis zum Mondenzustand der Erde. Tiermenschen, Pflanzen-
tiere und Mineralpflanzen als Vorlaufer der Naturreiche der Erde.
Die Rolle der Mistel im Baldur-Loki-Mythos. Der Bewulkseinswan-
del im Laufe der Menschheitsentwickelung. Die Opfertaten der
Throne, der Kyriotetes, der Dynameis und der Exusiai als Impulse
in der Weltentwickelung. Das Zusammenwirken der Elohim als
lichte Sonnengeister und des Jehova als finsterer Mondengeist in
der Menschheitsentwickelung auf der Erde.
Sechster Vortrag, 10. August 1908
Die Geister der Form als Regenten des Erdendaseins
Die fertige Ausgestaltung der Menschenform bis zur Mitte der At-
lantis. Das Herausfallen von Menschenwesen aus diesen Formungs-
kraften und ihre Verhartung in den verschiedenen Tiergestalten.
Das Eingreifen der luziferischen Geister in die Menschheitsent-
wickelung vor der eigentlichen Ich-Begabung und die damit im
Menschen veranlagten neuen Fahigkeiten und Abirrungsmoglich-
keiten. Die Verzogerung des Herabsteigens und Wirkens der Chri-
stus-Wesenheit als Ausgleichstat fiir dieses verfruhte Wirken Luzi-
fers. Jehovas Wirken durch Gesetze von aufien. Die Bildung der ver-
schiedenen Rassen als Folge vorzeitiger Verhartung in bestimmten
leiblichen Organsystemen.
SlEBENTER VORTRAG, 11. AugUSt 1908 Ill
Die Tiergestalten als verfestigter physiognomischer Ausdruck
menschlicher Leidenschaften
Die Entwickelung der Menschen mit ihrer bildsamen Leiblichkeit
wahrend der lemurischen Epoche. Das allmahliche Abstofien der
hoheren Tierformen in der menschlichen Entwickelung. Die gei-
stige Wiederholung dieser Lebenstatsache im Agyptertum. Die
Fischform der Menschengestalt als Nachklang der Wirkung der mit
der Erde noch verbundenen Sonnenkrafte. Das Fischsymbolum als
Erinnerungszeichen in den Mysterien. Die Schlangenform der Men-
schengestalt als Erinnerung an den Tiefstand in der Menschheitsent-
wickelung vor dem Mondenaustritt. Venus- und Merkurwesenheiten
als Menschheitslehrer in der Atlantis. Die Gestalten der germani-
schen und der griechischen Mythologie als Erinnerungen an die
Atlantis.
Achter Vortrag, 12. August 1908 127
Der Zusammenhang des Menschen mit den verschiedenen
Weltkorpern
Die Abhangigkeit der Planetengestaltung von den auf ihm sich ent-
wickelnden Wesenheiten. Der Aufstieg der Sonne zum Fixstern und
die materiellen Lebensbedingungen auf der Erde als Grundlage fiir
die individuelle Entwickelung der Menschen. Das ausgleichende
Wirken des Christus als geistige Sonnenkraft auf der Erde. Die
Einverleibung der Weisheit als Harmonisierung auf dem alten Mond.
Die Oberwindung der Gruppenseelenhaftigkeit und Entwickelung
der Liebe in immer hoherer Art als Mission des Erdendaseins. Das
Christus-Prinzip als Anstofi zur Wiedervereinigung der Erde mit
der Sonne. Die esoterische Bedeutung des Kreuzes. Der Mensch als
Erden-, Sonnen- und Weltallwesen. Die hoheren Bewufkseinsstufen.
Neunter Vortrag, 13. August 1908 144
Die Eroberung des physischen Plans in den nachatlantischen
Kulturen
Die Wanderungen der Atlantier und ihre Vermischung mit alteren
Bevolkerungen in Europa, in Asien und in Afrika. Das differen-
zierte Verlorengehen des Erlebens von geistigen Wesenheiten und
das Offnen der Sinne fiir Materielles bei den europaischen und bei
den orientalischen Volksgruppen. Das Ich-Erleben im Suden Euro-
pas und im Zentrum Asiens. Der Bewufkseinswandel durch die alt-
indische, die altpersische, die chaldaische und die agyptische Kultur.
Das Ich-Bewufitsein im auserwahlten Volk des Alten Testaments.
Jehova als Vorbereiter des «Ich-bin». Das reflektierte und das di-
rekte Sonnen-Christus-Licht. Die Ehe zwischen Geistigem und Phy-
sischem bei den Griechen und bei den Romern.
Zehnter Vortrag, 14. August 1908
Veranderungen im Verhaltnis des Menschen zur geistigen Welt
Das Hineinleben der lemurischen Menschen nach dem Tode in die
geistige Welt bis zum Erleben der Christus-Wesenheit und die Erin-
nerung daran im Totengericht der agyptischen Kultur. Die stufen-
weise Eroberung der physischen Welt und die Erlangung des Ich-Be-
wufitseins im Erdensein und das immer seltenere Erleben hoherer
Geistwesen nach dem Tode. Im Geistigen verbliebene Menschen-
wesen als Trager hoherer Geistwesenheiten: Wotan und Buddha als
Lehrer der germanischen und der mongolischen Volker. Die Ein-
korperung der Christus-Individualitat als Sonnengeist in den
menschlichen Leib des Jesus von Nazareth bis ins Skelett. Die Mog-
lichkeit der Wiedererhebung der gefallenen Menschheit aus dem
Physischen ins Geistig-Lichthafte.
Elfter Vortrag, 16. August 1908
Beziehungen zwischen den Kulturepochen der nachatlantischen
Entwickelung
Die Sonderstellung der griechisch-romischen Kultur und die gehei-
meren Beziehungen der drei nachfolgenden zu den drei vorausge-
gangenen Kulturen. Die Kastengliederung und die Rassenbildung in
der Vergangenheit und die freie geistige Differenzierung der Mensch-
heit in der Zukunft. Der Osiriskult im alten Agypten und die zen-
trale Stellung der Sonne im Weltbild von Kopernikus. Das Wieder-
auftauchen des Sphinxratsels im Problem der Menschwerdung heute.
Die Spaltung von Wissen im Materiellen und Glauben im Spirituel-
len. Die Entwickelung des logischen Denkens im Herabstieg ins Sinn-
lich-Materielle. Agyptische Weisheit und Arabismus in der mate-
rialistischen Wissenschaft. Agyptische Weisheit und christlicher
Glaube im Rosenkreuzertum, Das Zusammenfliefien der modernen
Wissenschaft mit dem Rosenkreuzertum als Spiegelung der dritten
in der funften nachatlantischen Kultur. Moderne christliche Esote-
rik in ihrem Verhaltnis zum Buddhismus.
Hinweise
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften .
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
Aus dem Vorwort von Marie Steiner
zuy ersten Buchausgabe ( 1930)
Es war im Jahre 1908, als Rudolf Steiner in Stuttgart diesen nun nach
einer Nachschrift in Buchform erscheinenden Vortragszyklus hielt,
dem als Motto die Worte vorangehen sollen:
«Unsere Zeit mufi nicht eine uralte Weisheit gebaren, sondern eine
neue Weisheit, die nicht nur in die Vergangenheit hineinweisen kann,
sondern die prophetisch, apokalyptisch wirken raufi in die 2ukunft.»
Ein Jahr vorher, am denkwiirdigen Kongreft der Allgemeinen Theo-
sophischen Gesellschaft in Miinchen, hatte er deutliche Betonung ge-
geben der von ihm eingeschlagenen Richtung zur Hebung und Belebung
der theosophischen Bewegung, die da drohte in Einseitigkeit zu ver-
f alien, und die, in orientalisierenden Vorstellungen sich bewegend, nicht
Rechnung trug der Seelenartung und der Konstitution der europaischen
Menschheit. Manche schwere Miftstande waren schon die Folge davon.
Rudolf Steiner stellte dem gegeniiber ein Positives hin: seine umfas-
sende, dem geschichtlichen Werdegang der Menschheit Rechnung tra-
gende Lehre. Bei dem erwahnten Kongrefi in Miinchen gab er auch zum
erstenmal den dargebrachten geistigen Inhalten einen entsprechenden
kiinstlerischen Ausdruck. Durch die Farbe der Wandbekleidung, durch
die aus ihr hervortretenden Siegel-Gemalde wurde rosenkreuzerisches
Geiststreben versinnbildlicht; die Motive der Saulenformen erfafiten
schon die Zukunft. Antikes Griechentum wurde lebendig in der dra-
matischen Wiedergabe des wiederkonstruierten Mysteriums von Edou-
ard Schure «Das heilige Drama von Eleusis. . . .
Rudolf Steiner sah seine Aufgabe darin, der Menschheit jenen Ein-
weihungsweg zu weisen, der ihrem heutigen Bewufkseinszustande ent-
spricht. Um diesen Weg der Erkenntnis zu beschreiten, war es not-
wendig, neben der ehrfiirchtig bewundernden Betrachtung uralter
Weisheit, ein Verstandnis dafiir zu wecken, wie die Formen, in denen
diese Weisheit gegeben wurde, sich wandelten, entsprechend den neu
sich entwickelnden Seelenfahigkeiten der Menschen, wie diese Formen
unterworfen sind dem Gesetz des Aufbluhens, der Reife und des Ver-
gehens, damit immer wieder neues Leben aus deren Sterben entstehe.
So ist Metamorphose, ist stufenweis sich hebende, senkende, wieder
sich hebende Entwickelung auch hier die Basis des fortschreitenden
Lebens. Geschichtlicher Sinn muftte geweckt werden, nicht nur be-
wunderndes Anschauen alter Offenbarung. Die geheimnisvollen Be-
ziehungen der groften Weltgesetze von einer Kultur zur andern mufken
aufgedeckt werden. Keiner hat in so gewaltiger und erhabener Weise
gesprochen uber das, was einst als uralte Weisheit aus geistigen Hohen
zu den Menschen heruntergeflossen ist, wie Rudolf Steiner; keiner
hat vor ihm in dieser Weise in den heutigen Bewufkseinsformen reden
konnen von der Spiegelung des grofien Weltendaseins im einzelnen
Menschen, im Mikrokosmos. Und alles dies gipfelte in dem Zentral-
ereignis der Menschheitsentwickelung: dem Niederstieg des Sonnen-
geistes in den Leib des Jesus von Nazareth; zeigte, wie dadurch erst
die Sonnenkrafte den Planeten ganz durchdringen und durchgeistigen
konnten, den Menschen zu dieser Aufgabe mit aufrufend und befahi-
gend. Im Todesakt auf Golgatha vollzog sich die entscheidend ein-
greifende mystische Tatsache; sie bedarf keiner Wiederholung. Sie
ware ja sonst umsonst geschehen.
Um diese Wahrheiten an die Menschheit heranzubringen, mufke
Stein an Stein herangeholt werden in ruhig abgewogenem Schritte. . . .
Hier in diesem Zyklus vom Jahre 1908 ist der Weg schon voll be-
schritten; der logische Faden zieht sich von Kultur zu Kultur; das
Mittelpunktsereignis leuchtet hell hervor. Gewifi kann durch manche
Geschehnisse der Zeitpunkt beschleunigt werden, in dem eine Wahr-
heit ausgesprochen wird; es kann notwendig sein, gewissen Heraus-
forderungen die Kraft der Tatsachen entgegenzustellen, die man lieber
allein aus sich heraus, frei von jenem Hintergrunde, hatte sprechen
lassen. Aber das bedeutet ja nicht, dafi man etwas getan hat, was man
sonst nicht getan hatte; was getan werden mufke, weil es in den
tiefsten Notwendigkeiten der gegenwartigen Welt- und Menschheits-
entwickelung wurzelt, was die in Verantwortung und mitvoller Opfer-
kraf t ubernommene Lebensauf gabe war.
Die Theosophische Gesellschaft hat sich diesem Zustrom neuer Weis-
heit verschlossen; sie wies von sich, was ihr Erneuerung gebracht hatte,
was dem bewundernden Anerkennen einer ehrwtirdig uralten Weisheit
hatte hinzuftigen konnen den Sinn fiir das historische Geschehen; was
sie gefiihrt hatte im reifenden Erkennen aus Indien iiber Persien hinaus
nach Chaldaa und Agypten, tief hineinleuchtend in das Mysterium des
auserwahlten Volkes, den Sinn dieser Auserwahlung dem Verstandnis
nahebringend; dann zu den kleinasiatischen und siideuropaischen My-
sterienstatten, das wartende Volk der Mitte und des Nordens Europas
in seinem Seelenleben streifend; alles kulminierend in dem Geschehnis
von Golgatha, durch welches die verborgenen Mysterien heraustreten
auf den Plan der Weltgeschichte.
Innerhalb dieses Menschheitswerdens entwickelt sich die einzelne
Persdnlichkeit. Ihren Mittelpunktsinn, den sie zunachst im geistigen
Erleben hatte, mufi sie lernen in sich zu finden. Die allmahliche Ab-
schniirung von der geistigen Welt ist ihre Dramatik; ihr Suchen, Irren
und Streben in der hereinbrechenden Nacht geistiger Abtrennung, dann
in materialistischer Finsternis - ihre tiefe Schicksalstragik. Verstandnis
solcher Zusammenhange ist notwendig, wenn wir uns selbst verstehen
sollen. In diese Nacht hinein strahlt ein Licht: das Licht christlicher
Esoterik, das sich in Palastina entziindet, nach Europa hinuberflutet. In
wunderbarer Helle hat es auf der irischen Insel gestrahlt, und trotz der
Unterdriickung irischer Monchskolonien durch die im romischen Im-
perialismus befangene Kirche lebten Ausstrahlungen dieses Lichtes als
geistige Kraftstromungen im Verborgenen weiter. Geistiges Rittertum
entwickelte sich daraus und spirituelles Gemeinschaftsstreben frommer
Gemeinden. Als reichste Bliite einer tiefen Innerlichkeit tritt daraus
hervor die deutsche Mystik. Doch urn Schritt zu halten mit den un-
aufhaltsam sich nahernden Ereignissen, vor allem der Eroberung der
Sinnenwelt durch die Wissenschaft, und um der volligen materialisti-
schen Verfinsterung standzuhalten, muflte sich noch eines herausbilden,
das an die Stelle der Glaubenskraft Wissenssicherheit hinstellen konnte.
Dies war die Aufgabe der rosenkreuzerischen Schulen. Sie rechneten
mit den im neuen Zeitalter sich neu entwickelnden Bewufitseinskraften.
Rosenkreuzerische Esoterik - mit all ihrem tiefen Ringen aus neuen
menschlichen Erkenntniskraften heraus, mit der ihren Bekennern auf-
erlegten Schicksalsschwere und Geistespriifung, liiftet hier und da auf
denWegen, die uns Rudolf Steinerweist, ihren geheimnisvollen Schleier.
Aus ihr heraus werden die neuen Geistbewufitseinskrafte herausgebo-
ren, die den Materialismus besiegen konnen durch Erkenntnis. Im
schweren Ringen urn die Wiedererlangung einer einst der Menschheit
gegebenen, dann verlorenen Geistwahrnehmungsfahigkeit, die nun aus
der Ich-Kraft heraus wiedererobert werden mufi, iiber das Stirb und
Werde der Personlichkeit hinweg, erstarkt das Ich-Wesen des streben-
den Menschen. Das Ich-Wesen des Menschen, durch welches, wenn er
es wach ergreift, er wieder zur Gottheit aufsteigen und sich mit ihr
vereinen kann. Damit dies einst geschehen konne, mufite das gottliche
Ich - ein Mai - auf die Erde hinuntersteigen. Dies Ereignis als ent-
scheidender Wendepunkt des Erdenschicksals muft in seiner Einzig-
artigkeit verstanden werden.
Das Rosenkreuzertum hat es erfafit: «In Christo morimur.» In
Christo sterben wir hinauf zum Leben, leben wir empor zum Geiste.
«Per spiritum sanctum reviviscimus» : Durch das Sterben zum Christus
hin ergreifen wir das wahre Leben, werden wir wach im Geiste, aus
welchem heraus wir einst geboren wurden.
Die Personlichkeit muftte werden, sich erfassen, sich ergreifen, sich
als Mittelpunkt empfinden, sich vor sich selbst entsetzen, sich iiber-
winden, sterben lernen, urn sich als freies Ich-Wesen wieder zu ergrei-
fen, das seinen Mittelpunkt im Gottes-Ich erfiihlt.
Es sind dies die Wege der abendlandischen Esoterik. Der Europaer
kann sie nicht umgehen. Es war ja seine Aufgabe, die im Egoismus be-
fangene Personlichkeit durchzubilden. Es ist seine Aufgabe, den Egois-
mus zu iiberwinden, umzuwandeln, zu hoherer Metamorphose zu
bringen: zur freien, zur triebfreien, das Gottliche wollenden, starken
Ichheit.
Er kann es nur durch die Beherrschung seiner Bewufkseinskrafte,
durch Erkenntnis. Er mufi das Kleinste im Groflen erkennen wollen,
Er kann nicht ganze Zeitepochen in ihrer ungeheuren Bedeutsamkeit
fur die Menschheitsentfaltung ausschalten. Die starken Krafte werden
ihm heute gegeben, wenn er den Willen hat zur Welt-, Erden- und
Menschenerkenntnis. Und dies ist wahres Rosenkreuzertum.
Dies nennt sich heute Anthroposophie. In aller Df fentlichkeit driickt
es sein Bekenntnis aus, gibt es seine Lehre. Es verbirgt nichts; es weifi,
dafi die Zeit gekommen ist, wo das, was friiher in Geheimgesellschaften
gepflegt wurde, hinaustreten mufi auf den Plan der Weltgeschichte . . .
Wir schlieften diese Betrachtung mit den Worten Rudolf Steiners, die
unmittelbar ankniipfen an die oben angefuhrten Worte:
«Wir sehen eine uralte Weisheit, bewahrt in den Mysterien der ver-
gangenen Kulturepochen; eine apokalyptische Weisheit, zu der wir den
Samen legen miissen, mufi unsere Weisheit sein. Wir brauchen wieder
ein Einweihungsprinzip , damit die urspriingliche Verbindung mit der
geistigen Welt wieder hergestellt werden kann. Das ist die Aufgabe der
anthroposophischen Weltbewegung. » *
Siehe Seite 47.
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 4. August 1908
Lassen Sie mich Ihnen zuerst sagen, dafi es mich mit einer tiefen Be-
friedigung erfiillt, in einem grofien Zusammenhange, in einem Zyklus
von Vortragen iiber Gegenstande der Geist-Erkenntnis vor Ihnen spre-
chen zu konnen. So wichtig und notwendig es ist fiir unsere Zeit, dafi
die Geisteswissenschaft in Einzelvortragen Anregungen gibt, so ist es
nicht minder notwendig, namentlich fiir denjenigen, der tiefer ein-
dringen will in das geisteswissenschaftliche Leben und Streben, dafi
solche Ausfuhrungen und Darlegungen in einem gewissen Zusammen-
hange dargebracht werden. Man kann alsdann gewisse Dinge praziser
sagen, man kann sie in einem Zusammenhange hinstellen, wo sie erst
ihr richtiges Licht, ihre richtige Farbung empfangen, wahrend sonst
dieses oder jenes leicht dem Mifiverstandnis ausgesetzt werden kann.
Denn in der gegenwartigen Zeit trifft ja, selbst bei den vorbereitetsten
Seelen, doch noch manches aus dem Geistigen geschopf te Wort auf eine
gewisse Schwierigkeit des Verstehens. Um zu erfassen, wie die Dinge
eigentlich gemeint sind, bedarf es nicht nur des guten Willens und des
Intellekts; man mufi vielmehr im echten Sinne ihnen etwas entgegen-
bringen, was man - auch im esoterisch-okkulten Sinne - Geduld nen-
nen konnte. Und diese Geduld ist hier in einem tieferen Sinne gemeint.
Wir miissen manche Idee und Anschauung durch anderes erst beleuch-
ten lassen und ruhig warten, bis sich aus dem Zusammenhange heraus
das Verstandnis fiir manches ergibt, was anfangs nur wie eine Hin-
deutung aufgenommen und von manchem nur schwer geglaubt werden
konnte.
In unserem heutigen Vortrage nun soil es sich mehr darum handeln,
in einer Art von Einleitung die Grundlinien unserer Aufgabe zu cha-
rakterisieren. Wir wollen noch nicht eigentlich in diese Aufgabe selbst
eintreten, sondern uns erst ein wenig uber das verstandigen, woruber
wir in den nachsten Tagen reden wollen. Denn wir haben im Grunde
genommen ein weites, umfangreiches Thema vor uns: Welt, Erde und
Mensch, das heifit, eine Skizze von dem Umfange alles Wissens, das
wir uns iiber die sichtbaren und unsichtbaren Welten aneignen kon-
nen. In die fernsten Fernen des Kosmos werden unsere Gefiihle hin-
ausgetragen, wenn im ernsten und wiirdigen Sinne der Ausdruck
«Welt» gebraucht wird. Auf den Schauplatz, auf den die Menschheit
gestellt ist, auf dem wir leben und wirken sollen, den wir verstehen
sollen nach seinen Aufgaben, seinen Zielen, weist uns das Wort Erde
hin. Und endlich auf das, was die Mysten aller Zeiten gemeint haben
mit dem Ausspruch: «Erkenne dich selbst, o Mensch», auf das weist
uns das Wort hin, das wir im okkulten Sinne erfassen wollen, das Wort
Mensch. Und wir haben in unserem Thema noch einen Untertitel.
Gerade daiS wir uns so hohe, bedeutsame Aufgaben gestellt haben,
rechtfertigt in gewisser Weise diesen Untertitel; denn wenn wir den
Zusammenhang zwischen jener wunderbaren vorchristlichen Kultur,
der agyptischen, und unserer eigenen Kultur betrachten werden, dann
werden wir sehen, wie geheimnisvolle Kraf te das Menschenleben durch-
dringen. Drei Zeitraume menschlichen Strebens und Forschens, mensch-
licher Entwickelung, menschlicher Moral und Lebensftthrung drangen
sich vor das geistige Auge, wenn die Rede ist von Agyptertum und
Gegenwart. Wenn wir im okkulten Sinne von Agyptertum sprechen,
meinen wir die lange, Jahrtausende wahrende Kultur, die sich im Nord-
osten von Afrika, an den Ufern des Nils, ausgebreitet hat und die sich
bis in das 8. Jahrhundert vor Christus hinein erstreckte. Wir wissen:
diese agyptische Kultur wurde abgelost von einer anderen, die wir als
die griechisch-lateinische bezeichnen und die auf der einen Seite das
wunderbare, in Schonheit erhabene Volk der Griechen zum Mittel-
punkt hatte und auf der anderen Seite das starke Romertum. Wir wis-
sen auch, daft in diese Kulturepoche hinein jenes grofte Ereignis unserer
Erdenentwickelung fallt, das wir als die Erscheinung des Christus Jesus
kennen. Und dann folgt unsere eigentliche Gegenwart, diejenige
Epoche, in der wir selbst leben. Das Agyptertum mit allem, was dazu
gehort - und es gehort vieles dazu -, die griechisch-lateinische Zeit mit
ihren grofSen Erfolgen, mit dem Hervorspriefien des Christentums aus
ihr, und unsere gegenwartige Epoche: das sind die drei Zeitraume, die
sich vor unser geistiges Auge hinstellen, wenn wir den Untertitel un-
serer Vortrage betrachten. Und gezeigt werden soli, dafi geheimnisvolle
Krafte spielen zwischen der ersten der genannten Kulturepochen und
der unseren. Es ist, als ob in der agyptischen Zeit gewisse Keime gelegt
worden sind in den Schofi der sich nach und nach entwickelnden
Menschheit; Keime, die verborgen blieben wahrend der griechisch-iatei-
nischen Kultur und die in der gegenwartigen Epoche auf ganz sonder-
bare Weise aufgehen. So dafi vieles von dem, was heute in unseren See-
len emporspriefit, was uns heute umgibt, was heute die Menschen reden
und traumen, was unsere Forscher denken, dafi vieles davon wie ein
aufgegangener Keim altagyptischer Kultur ist, ohne dafi die Menschen
es wissen. Die meisten von Ihnen werden mehr oder weniger die Ein-
richtung kennen, die man im elektrischen Betriebe bei den sogenannten
telegraphischen Apparaten hat. Sie wissen, von einem Orte zum ande-
ren gehen die Drahte, die die Apparate miteinander verbinden, und
ohne tiefere Kenntnis iiber diese Dinge zu haben, werden Sie begreifen,
dafi die Kraft, welche die Apparate in Bewegung setzt, etwas zu tun hat
mit dem, was als Kraft die Drahte durchstromt. Sie wissen aber auch
vielleicht, dafi unten, unter der Erde, eine Verbindung ist, dafi der
Draht mit seinen Enden in die Erde hineingeleitet ist. Aber diese Ver-
bindung ist nicht sichtbar; unsichtbar wird sie durch mehr oder weniger
geheimnisvolle Krafte durch die Erde selbst hergestellt. Etwas Ahn-
liches besteht als tiefes Geheimnis der Menschenentwickelung. Wir se-
hen geschichtlich die Faden sich spinnen, die im Offenbaren liegen.
Wir konnen es verfolgen, was im alten Agypterlande geschehen ist, mit
den Mitteln der Geschichte und mit den Mitteln des Okkultismus. Wir
sehen, wie sich die Kulturf aden heriiberziehen in die griechische, in die
romische, in die christliche und bis in unsere Zeit hinein. Das alles ist
wie eine Art oberirdischer Leitung. Aber es gibt auch eine unterirdische,
verborgene Kraft, und zwar eine solche sogar, die mehr oder weniger
direkt heruberwirkt von der alten agyptischen Zeit bis in unsere Zeit
hinein. Und manches merkwurdige Geheimnis wird uns kund werden,
wenn wir diese Zusammenhange verfolgen und durchschauen.
Heute nun werden wir eine Art Grundrifi unserer Auf gabe zu zeich-
nen haben. Zunachst sei mit einigen Worten noch auf die Eigentum-
lichkeit hingewiesen, die mit dem Untertitel unseres Themas gemeint
ist und die wir eben charakterisiert haben.
Wenn wir unseren Blick zuriickwenden zum alten Agyptertum und
nur einige wenige der, man mochte sagen, sich stark ankiindigenden
Dokumente dieses Agyptertums betrachten, so fallen uns zum Beispiel
die Pyramiden auf, und auch die Sphinx, jene wunderbare, ratselhafte
Figur. Dann lassen wir den Blick heraufschweifen in das alte Griechen-
land. Dort tritt uns in seiner eigenartigen Architektur der griechische
Tempel entgegen. Und wir betrachten, was wir durch die aufiere Ge-
schichte vom Griechentum wissen, und bewundern die plastischen
Kunstwerke, jene groften, idealen, vollendeten Menschengestalten, wel-
che als Gotter angesprochen werden: Zeus, Demeter, Pallas Athene,
Apollo. Und weiter herauf, nach dem alten Romertum wenden wir den
Blick. Etwas Merkwiirdiges stellt sich uns dar, wenn wir so den Blick
schweifen lassen von der alten griechischen Halbinsel hiniiber nach der
italienischen Halbinsel. Vor unser Auge treten die Gestalten des alten
Romertums, die uns am meisten haften geblieben sind, Gestalten, mit
der Toga bekleidet, die mehr ist als ein blofi aufieres Kleid. Was fuh-
len wir gegeniiber jenen romischen Gestalten? O, man konnte sagen,
man fiihlt gewissen Gestalten aus der ersten romischen Konigszeit, aus
der romischen Republik gegeniiber so, als ob von ihren Postamenten
heruntergestiegen waren die idealen Figuren der Griechen, als ob sie
uns leibhaft in den romischen Togagestalten als Menschen von Fleisch
und Blut vor die Seele traten. Denn das, was sie uns so erscheinen lafit,
das ist die innere Kraft, die sie haben; und wir fiihlen, was in dieser
inneren Kraft liegt, wenn wir das Empfinden, das Denken, die Ge-
sinnung eines Angehorigen des griechischen Staates, zum Beispiel eines
Spartaners, eines Atheners vergleichen mit dem, was sich im alten Rom
als Romer entwickelte. Wir fiihlen, urn was es sich da handelt. Der
Angehorige von Sparta, von Athen, fiihlte sich zuerst als Spartaner, als
Athener. Ausgestattet in einer gewissen Beziehung, in einem gewissen
Grade mit einer gemeinsamen Seele, fiihlt der Spartaner, der Athener
das, was wir die griechische Polis nennen, mehr als seine eigene auf sich
gestellte Menschlichkeit, mehr fiihlte er sich als Spartaner, als Athener
denn als Menschenburger; mehr fiihlt er die starke Kraft, die in ihm
wirkt, hervorgegangen aus dem gemeinsamen Geiste der Polis, als die
eigene, personliche Kraft. Der Romer dagegen erscheint uns ganz auf
den Mittelpunkt seiner eigenen Personlichkeit gestellt. Daher tritt etwas
ganz Bestimmtes vor alien Dingen im Rbmertum auf, das ist der Be-
griff des biirgerlichen Rechts. Denn alles, was Rechtsgelehrte von vor-
hergehender Entstehung des Rechtsbegriffes traumen, ist etwas ganz
anderes als das, was man in besseren Zeiten der Forschung mit Recht
das Romische Recht genannt hat. Im alten Rom lernt der Mensch sich
als Einzelmensch fuhlen, er stent auf seinen zwei Fiifien nicht mehr als
Angehoriger einer Stadt, sondern als romischer Burger da, das heifit,
er fiihlt sich auf den Punkt seiner eigenen Menschlichkeit gestellt. Da-
mit ist die Zeit gekommen, in welcher das Geistige, das vorher sozu-
sagen wie in hoheren Regionen schwebend empfunden wurde, herunter-
gestiegen ist bis auf unsere Erde. Es ist etwas Eigentumliches mit dem
romischen Recht und seiner Kultur. Nehmen wir den einen Fall, dafi
der Grieche sich als Thebaner, als Spartaner fiihlte - was ist denn der
Geist von Theben, von Sparta? Fur uns Anthroposophen ist er nicht
ein Abstraktum, sondern etwas wie eine geistige Wolke, die wiederum
der korperhafte Ausdruck fiir ein geistiges Wesen ist, in das die Stadt
Sparta oder Theben eingebettet ist; aber keine Wesenheit, die auf dem
irdischen, physischen Plane sichtbar ware. Der Grieche blickt zunachst
nicht auf sich, er blickt zu etwas uber ihm hinauf; der Romer blickt
zuerst auf sich. Er ist es, der zuerst das Hochste, das im Fleische auf
physischem Plane Gestalt annehmen kann, als Mensch anerkennt. Das
Geistige ist ganz heruntergestiegen in die Menschlichkeit: das ist die
Zeit, wo auch das hochste Geistige, wo das Gottliche selbst herunter-
steigen konnte bis zur Inkarnation, bis zur Menschwerdung im Fleische,
im Christus Jesus.
Es ist ein wunderbarer Prozefi, wie die erste unserer genannten Kul-
turen da heriibergreift in diese griechisch-romische Zeit. Erinnern wir
uns, wie Moses, als er in Agypten - so schildert es uns die Schrift - aus
hoheren Regionen den Auftrag erhalt, sein Volk zu dem «Einigen
Gotte» zu fiihren, wie er da den Gott fragt: Was soil ich meinem Volke
sagen, wenn man mich fragt, wer schickt mich, wer gibt mir die Sen-
dung? - Da antwortet der Gott - und wir werden sehen, welche tiefe
Wahrheit sich in dem Ausspruch verbirgt -: Sage denen, zu denen ich
dich sende, der «Ich bin» hat dich gesandt. - «Ich bin» wird dadurch
die Bezeichnung fiir einen einheitlichen Gott, der noch waltet und webt
in spirituellen Hohen, der noch nicht hinuntergestiegen ist auf den
physischen Plan. Wem gehort diese Stimme, die da herunterruft zu
Moses: Sage deinem Volke, ich bin der «Ich bin»? Wem gehort diese
Stimme, die sich dem Eingeweihten Moses vernehmlich machen kann,
die sozusagen aus spirituellen Welten heraus zu ihm spricht? Ganz der-
selbe ist es - und das ist das Geheimnis der alten agyptischen Myste-
rien -, derselbe ist es, der spater als Christus im Fleische erscheint; nur
dafl er nachher sichtbar dasteht fiir diejenigen, die um ihn sind, wah-
rend er vorher nur zu den Eingeweihten aus spirituellen Hohen spre-
chen konnte. So sehen wir die Gottheit, das Geistige immer mehr und
mehr heruntersteigen, nachdem die Menschheit vorbereitet ist, nach-
dem sie im Romertume erfahren hat, wie bedeutsam die Verkorperung
im Fleische, die Erscheinung auf dem physischen Plane ist.
Und wir sehen, wie in einer ungeheuer vertieften Gestalt nunmehr
eine Reihe von Kulturerscheinungen herauswachst aus dem, was so der
Mensch als eine neue Gabe empfangen hat. Wir sehen, wie sich der
Tempelbau, der Pyramidenbau zu der romanischen Kirche verwan-
delt - wiederum ein solches Dokument inneren menschlichen Schaf-
fens! - und wir sehen, wie vom 6. Jahrhundert an das Kreuz mit dem
toten Jesus erscheint. Und nach und nach wachst heraus aus dieser
Stromung des Christentums eine merkwiirdige Gestalt, deren Myste-
rien tief , tief verborgen sind. Wir brauchen uns diese Gestalt der male-
rischen Kunst nur einmal in jener wunderbaren Form vor das Auge zu
fiihren, die sie angenommen hat in der Sixtinischen Madonna von
Raffael. Sie alle kennen dies wunderbare jungf rauliche Weib im Mittel-
punkte des Bildes. Sie kennen dies Kind, von der Madonna getragen,
und Sie haben gewift alle die entsprechenden Schauer der Empfindung
vor diesem Bilde gehabt. Aber eines lassen Sie mich erwahnen gegen-
iiber diesem Bilde, das ein so wunderbarer Ausdruck ist fiir das geistige
Streben der Menschheit auf der Stufe, die uns in den drei genannten
Kulturen beschaftigt: Nicht umsonst hat der Kiinstler diese Madonna
mit einem Wolkengebilde umgeben, aus dem sich eine grofie Anzahl
von ahnlichen Kindlein, von Engelsgestalten herausentwickelt.
Und nun wollen wir uns ganz hineinversenken mit unseren Emp-
findungen in dieses Madonnenbild. Wer nur geniigend intime Empfin-
dung hat, um sich hineinzuversenken, der wird ahnen und herausfiihlen,
dafi hier etwas ganz anderes noch ist, als was ein gewohnlicher prof aner
Verstand in diesem Bilde erblicken kann. Sagen uns nicht diese Wolken-
engel um die Madonna herum etwas? - Ja, etwas hochst Bedeutsames
sagen sie uns, wenn wir sie nur geniigend tief betrachten. Es raunt sich
uns in unsere Seele hinein, wenn wir uns intim in dieses Bild versenken:
Hier ist ein Wunder vor uns im besten Sinne des Wortes. - Und wir
glauben nicht, daiS dieses Kind, das die Madonna auf ihren Armen
tragt, so wie uns diese Gestalt entgegentritt, wir glauben nicht, dafi
es in gewohnlicher Weise geboren ist von dem Weibe. Nein, diese
Engelsgestalten in den Wolken sagen es uns: Wunderbar, flikhtig wie
im Werden erscheinen sie, und das Kind auf dem Arme erscheint uns
nur wie ein verdichteter Ausdruck, wie etwas, das mehr kristallisiert
ist als diese fliichtigen Engelsgestalten. Wie aus den Wolken herunter-
geholt und in die Arme gefafk, so erscheint uns dieses Kind, nicht wie
vom Weibe geboren. Und auf einen geheimnisvollen Zusammenhang
des Kindes mit der jungfraulichen Mutter werden wir hingewiesen.
Und wenn wir so dies Bild vor den Geist hinmalen, dann taucht vor
unserem Blick eine andere jungfrauliche Mutter auf : die alte agyptische
Isis mit dem Horuskinde. Und man kann einen geheimnisvollen Zu-
sammenhang vermuten zwischen der christlichen Madonna und der
agyptischen Gestalt, die vor uns steht als die Isis, und an deren Tem-
pel die Worte standen: «Ich bin, was da war, was da ist, was da
sein wird; meinen Schleier kann kein Sterblicher luften.» Das, was wir
eben in zarter Weise wie ein Wunder auf dem Madonnenbilde an-
gedeutet haben, das deutet uns auch die agyptische Mythe an, indem
sie Horus nicht durch Empfangnis geboren sein lafit, sondern dadurch,
dafi von Osiris aus ein Lichtstrahl auf Isis fallt, eine Art unbefleckter
Geburt: das Horuskind erscheint. Da sehen wir, wie sich die Faden
heriiberknupfen; was wir da erforschen, ist sozusagen ohne irdischen
Zusammenhang.
Und wiederum lassen wir den Blick weiter schweifen, bis dahin, wo
unsere Zeit beginnt. Wir versenken uns in den gotischen Dom mit sei-
nem wunderbaren Spitzbogenbau; wir rufen vor unsere Seele, was da
im Mittelalter sich abspielte in den Versammlungen, wo die wirklich
Glaubigen wirklichen Priestern gegeniiberstanden. Wir gedenken, wie
dieser gotische Dom wirkte mit seinen verschiedenfarbigen Fenster-
scheiben, durch die das Sonnenlicht hereindrang; wir gedenken, wie da
manche von denen, die von den tieferen Geheimnissen des Welten-
werdens sprechen konnten, Tone erklingen lassen konnten, die ihr
aufteres Abbild hatten in dem wunderbaren, farbenzerteilten Lichte.
Und immer wieder kam es vor, daft die Priester darauf hinwiesen, daft
die gemeinsame Kraft des gottlichen Daseins sich der Menschheit mit-
teilt so in einzelnen Kraftestrahlen, wie dieses Licht, das durch die
farbigen Fenster hereindringt. Dem Sinne stellte sich die Zerteilung des
Lichtes dar, und in der Seele wurde angeregt, was geistig diesem Bilde
zugrunde lag. So durchsetzte die Gemuts- und Empfindungskraft einen
solchen gotischen Dom. Jetzt dringen wir etwas tiefer ein in das, was
sich so vor unsere Seele malt. Schauen wir uns die agyptischen Pyra-
miden an - ein eigentiimliches architektonisch.es Bauwerk! Wir miissen
unseren Geist anstrengen, um zu entratseln, was sie uns sagen wollen.
Nach und nach werden wir sehen, wie sich in der Pyramide das Ge-
heimnis von Welt, Erde und Mensch ausdriickt; wir werden sehen,
daft in ihr zum Ausdruck kommt, was der agyptische Priester nach sei-
ner Religionsform fuhlte. Wir werden in alle diese Dinge tief ein-
dringen; heute sei nur darauf aufmerksam gemacht, was ein solcher
Priester fuhlte und seinem Volke in Bildern mitteilte. Sie war tief, diese
agyptische Weisheit, die sich in der Religionsform auslebte; sie war ein
unmittelbares Ergebnis uralter Uberlieferungen; wie eine Erinnerung
war diese agyptische Weisheit, und der agyptische Weise, der dem
Solon begegnete, konnte mit Recht sagen: O, ihr Griechen bleibt
euer ganzes Leben lang Kinder, in euren Kinderseelen lebt nichts von
der uralten heiligen Wahrheit. - Er wollte hindeuten auf das Alter der
agyptischen Weisheit. Woher kam sie?
Unserer gegenwartigen Menschheit, das wissen Sie, ist eine andere
Menschheit vorangegangen, die auf dem Kontinent lebte, der jetzt von
den Fluten des Atlantischen Ozeans bedeckt ist. Als die grofte atlan-
tische Flut kam, da wurde das, was die Atlantier wufiten, mitgenom-
men nach dem Osten durch unser heutiges Europa hindurch. Hier zu-
riickgeblieben sind die nordischen Mythen, wie Erinnerungen an die
alte atlantische Weisheit. Wir wissen, dafi durch die Nachkommen der
Atlantier nach Asien getragen wurde die uraltindische und die per-
sische Kultur, dafi die agyptische Weisheit zum Teil wieder zuriick von
Asien angeregt worden ist, aber dafi sie auch auf direktem Wege hin-
stromte vom Westen nach dem Osten, von der Atlantis nach Afrika.
Und was war das fiir eine Weisheit, von der der agyptische Weise als
von einer uralten Tradition sprach? Das wird uns offenbar, wenn wir
nur einen kurzen Augenblick den Unterschied zwischen dem Leben in
der alten Atlantis und unserem heutigen Leben betrachten. Damals war
der Mensch mit dumpf hellseherischer Kraft begabt. Er sah um sich
herum Wesen, die auch heute noch um uns herum sind, die aber der
heutige Mensch nicht mehr sieht. Die Erde ist nicht erschopft mit den
Pflanzen, Mineralien und Tieren. Um uns herum sind geistige Wesen-
heiten, die aber nur fiir den hellseherischen Blick offen daliegen. Da-
mals, auf der Atlantis, hatte der Mensch in normaler Weise ein Hell-
sehen; nicht nur Pflanzen, Mineralien und Tiere waren seine Genossen,
Genossen waren ihm die gottlich-geistigen Gestalten, mit ihnen lebte
er, wie Sie heute mit Menschen zusammenleben. Damals war noch nicht
jene strenge Scheidung zwischen Tag und Nacht wie heute. Heute ist
es ja so, dafi, wenn der Mensch morgens mit seinem Astralleib und dem
Ich in den physischen Leib untertaucht, um ihn herum die physischen
Gegenstande sind. Und wenn er abends heraussteigt mit Ich und Astral-
leib aus seinem physischen Leibe und Atherleib, dann wird es dunkel
und finster um ihn. So ist heute der normale Mensch. Auf der Atlantis
war es nicht so, besonders in der alten Zeit. Wenn der Mensch abends
heraustrat aus seinem physischen Leibe, dann breitete sich nicht um ihn
herum Finsternis aus, sondern er trat in eine Welt von geistigen Wesen-
heiten ein: er sah jene gottlich-geistigen Gestalten, wie er heute fleisch-
liche Gestalten sieht. Wotan, Baldur, Zeus, Apollo, sie alle sind nicht
erfundene phantastische Gestalten, sie sind der Ausdruck fiir wirkliche
Wesenheiten, die nur damals in der atlantischen Zeit keinen Fleisches-
leib angenommen hatten, sondern die als dichtesten Leib den durch-
sichtigen atherischen Leib hatten. Und wenn der Mensch in der Nacht
heraustrat aus seinem physischen Leib, dann waren sie um ihn als athe-
rische Gestalten, und wenn er morgens wieder hineinstieg in seinen phy-
sischen Leib, da war er in dieser Welt der Wirklichkeit, die heute die
einzige fur ihn 1st; da verliefi er sozusagen fiir eine Zeit die Welt der
Gotter und tauchte unter in die Welt der physischen Fleischeswesen,
und keine strenge Grenze war zwischen der Wahrnehmung der Nacht
und des Tages. Und wenn in jener Zeit der Eingeweihte zu den nor-
malen Menschen von solchen gottlichen Gestalten sprach, dann sprach
er nicht von etwas, was ihnen unbekannt war. Es war, wie wenn wir
heute von Menschen sprechen und sie mit Namen nennen. So sprachen
sie von Wesenheiten wie Wotan, Baldur, denn sie kannten sie als gott-
liche Atherwesen.
Die Erinnerung an jene uralte Weisheit und Erfahrung wurde her-
ubergetragen mit den Auswanderern, die nach Osten zogen; und aus
diesen Erinnerungen, in Verbindung mit einer ganz bestimmten Kon-
stitution des Agyptervolkes, die wir noch genau kennenlernen werden,
bildete sich innerhalb des alten Agyptens die Zuversicht heraus, daft im
Menschen ein Geistiges und damit ein Ewiges lebe, dafi, wenn der Leib
als Leichnam daliegt, er verlassen ist von einem Gottlich-Geistigen. Das
drikkte sich in den mannigfaltigsten Bildern und Mitteilungen aus, die
der agyptische Priester dem Volke gab. Aber das war nicht etwa eine
abstrakte Wahrheit fiir die alten Agypter, das war fiir sie eine Wahr-
heit, die unmittelbar von ihnen erlebt wurde. Lassen Sie uns charak-
terisieren, was der Agypter empfand. Er sagte sich: Ich sehe den Leich-
nam hier liegen, den Staub von dem Menschen, der der Trager eines
Ich war; ich weift, denn aus uralter Oberlieferung weift ich es, aus
den Erlebnissen meiner Vorfahren weifi ich es, dafi da etwas bleibt,
was in andere Welten geht. Das wiirde seine Aufgabe nicht erfiillen,
so sagte der alte Agypter, wenn es einzig und allein in jener geistigen
Welt lebte; es mufi ein Anziehungsband gekniipft werden zwischen der
Welt des Geistigen und der Welt des Irdischen, Physischen. Wir miis-
sen sozusagen ein magnetisches Band haben fiir die Seele, die im Tode
in hohere Regionen zieht, um in ihr ein dauerndes Gefiihl zu erregen,
auf dafi sie wieder zuriickkehren und erscheinen kann auf dieser Erde.
Wir wissen heute aus der Geisteswissenschaft, dafi die Menschheit
schon durch sich selbst dafiir sorgt, dafi die Seele immer wieder zu
neuen und neuen Inkarnationen zuriickkehrt; wir wissen, dafi der
Mensch, wenn er im Tode in andere Spharen iibergeht, in der Zeit von
Kamaloka, in der Zeit, wo er sich abgewohnt das Irdische, mit gewis-
sen Kraften an das Physische gefesselt ist. Wir wissen, dafi diese Krafte
es sind, die ihn nicht gleich aufsteigen lassen in die Regionen des De-
vachan, dafi sie es auch sind, die ihn wieder herunterziehen in eine neue
Inkarnation. Aber wir sind heute Menschen, die in Abstraktionen leben,
die so etwas als Theorie darstellen. Im alten Agypten lebte das als
Tradition; der Agypter war das Gegenteil eines Theoretikers, eines
blofien Denkers, er wollte mit den Sinnen sehen, wie die Seele ihren
Weg macht vom toten Leibe heraus bis in die hoheren Regionen. Er
wollte das vor sich aufgebaut haben, und diesen Gedanken baute er in
der Pyramide auf: den Weg, wie die Seele aufsteigt, wie sie aus dem
Leibe heraustritt, wie sie teilweise noch gefesselt ist und wie sie hinauf-
gefuhrt wird in hohere Regionen. Sehen konnen wir in der Architektur
der Pyramide die Fesselung der Seele an das Irdische, wie ein Bild von
Kamaloka tritt sie uns mit ihren geheimnisvollen Formen entgegen,
wir konnen sagen, in der aufieren Anschauung ist sie uns ein Bild der
vom Leibe verlassenen und in hohere Regionen ziehenden Seele.
Und weiter! Wir versuchen diese alten Traditionen zu verstehen. In
der alten atlantischen Zeit sah der Mensch um sich herum noch vieles,
was dem heutigen Menschen durchaus verborgen ist. Wir erinnern uns
aus friiheren Vortragen, dafi der Atherleib des Menschen in jener Zeit
noch nicht so intensiv mit dem physischen Leib verbunden war wie
heute; der Atherkopf ragte noch weit tiber den physischen heraus. Bei
dem Tier ist die Gestalt noch heute zuruckgeblieben. Wenn Sie ein
Pferd hellseherisch betrachten, dann sehen Sie den Atherkopf als eine
Lichtgestalt iiber die Pferdeschnauze sich auftiirmen; und wenn Sie
erst jenes merkwurdige Gebilde sehen konnten, das sich beim Elef anten
iiber dem Riissel aufbaut! Nicht so stark, aber ahnlich so war der Ather-
kopf bei dem alten Atlantier vorhanden, spater ging er immer mehr
in den Kopf hinein, so dafi er heute ungefahr gleich ist an Grofie und
Form. Aber daftir war auch der physische Kopf, der nur teilweise erst
vom Atherkopf beherrscht war, der noch viele Krafte draufien hatte,
die heute im Inneren sind, noch nicht in jenem hohen Grade menschen-
ahnlich; er bildete sich erst heraus, man sah sozusagen noch etwas von
einer niederen tierischen Kopfform. Wie war es, wenn der alte Atlan-
tier einen seiner Genossen bei Tag ansah? Da sah er eine weit zuriick-
liegende Stirn, weit hervortretende Zahne, etwas, was noch an das Tier
erinnerte. Wenn dann abends der Mensch einschlief, wenn das atlan-
tische Hellsehen begann, dann richtete der Blick sich nicht nur auf die
tierahnliche Gestalt, sondern es wuchs schon die atherische menschliche
Kopfform, und zwar eine weit schonere Form, als sie heute ist, her-
aus aus dem physischen Kopfe. Da war dem nachtlichen Anschauen
das Tierahnliche undeutlich geworden, und es wuchs heraus die scheme
Menschengestalt. Und in noch entlegenere Zeiten konnte der atlan-
tische Hellseher zuruckschauen, in Zeiten, wo der Mensch noch mehr
tierahnlich war, aber verbunden mit einem ganz und gar menschen-
ahnlichen Atherleib; viel schoner war dieser Atherleib als der heutige
physische Menschenleib, der sich angepaftt hat den starken dichten
Kraften. Denken Sie sich nun diese Erinnerung an das alte atlantische
Bewufitsein symbolisch vor den Menschen hingestellt in der agypti-
schen Zeit! Denken Sie sich, der agyptische Priester hatte seinem Volke
sagen wollen: Eure eigenen Seelen in atlantischen Zeiten haben ge-
schaut, wenn sie wach waren, die Menschengestalt in Tierform, nachts
aber wuchs heraus ein wunderschoner Menschenkopf . - Diese Erinne-
rung, plastisch ausgestaltet: das ist die Sphinx. So erst versteht man
diese Formen; man mufi verstehen lernen, daft sie nichts Ausgedachtes
sind, sondern Realitaten.
Und wieder schreiten wir weiter in unserer Betrachtung. Wir dringen
von der agyptischen Pyramide vor zum griechischen Tempel. Verstehen
wird einen solchen Tempel nur derjenige, der ein Gefiihl dafiir hat, daft
im Raume Krafte walten. Die Griechen hatten ein solches Raumgefiihl.
Der Mensch, der vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus den
Raum studiert, der weift, daft dieser Raum nicht jene abstrakte Leere
ist, von der unsere gewohnlichen Mathematiker und Physiker traumen,
sondern daft er vielmehr sehr differenziert ist, Er ist etwas, was in sich
selbst von Linien erfullt ist, von Kraftlinien hierhin, dorthin, von oben
nach unten, von rechts nach links, gerade, runde Linien in alien Rich-
tungen. Man kann den Raum fiihlen, gefiihlsmafiig durchdringen. Wer
ein solches Raumgefiihl hat, weift, warum gewisse alte Maler so wun-
derbar naturgetreu die f rei schwebenden Engelgestalten auf Madonnen-
bildern malten, er weift, daft sich diese Engel gegenseitig halten, wie
die Weltenkorper im Raume durch ihre Anziehungskraft sich halten.
Ganz anders ist es, wenn Sie zum Beispiel das Bild von Bocklin «Pieta»
betrachten. Es soil nichts gegen die sqnstige Vortrefflichkeit dieses Bil-
des eingewendet werden, aber wer sich das lebendige Raumgefiihl be-
wahrt hat, der hat die Empfindung, als ob jene merkwiirdigen Engel-
gestalten jeden Augenblick herunterfallen miifiten. Die alten Maler
hatten noch das Gefiihl fur den Raum von dem fruheren Hellsehertum;
in neuerer Zeit ist das verlorengegangen.
Als die Kunst noch okkulte Traditionen hatte, wuftte man von sol-
chen gegenseitig sich tragenden Kraften, die im Raume darinnen sind,
die da hin- und herstromen. Solche Krafte fiihlten diejenigen, in deren
Geist der Gedanke des griechischen Tempels entstanden ist. Sie dachten
ihn nicht aus, sondern sie nahmen die Krafte warn*, die den Raum
durchstrb'mten, und gaben das Gesteinsmaterial hinein: was okkult
schon da war, fiillten sie mit Materie. So ist der griechische Tempel eine
materielle Ausgestaltung von Kraften, die im Raume wirken; ein grie-
chischer Tempel ist ein kristallisierter Raumgedanke, im reinsten Sinne
des Wortes. Die Folge davon ist etwas sehr Wichtiges. Weil der Grieche
die Raumkrafte materiell ausgestaltet hat, hat er den gottlich-geistigen
Wesenheiten Gelegenheit gegeben, diese materielle Form zu benutzen.
Es ist keine Redensart, sondern Wirklichkeit, daft der Gott in jener
Zeit herunterstieg in den griechischen Tempel, um unter den Menschen
auf dem physischen Plan zu sein. Wie heute ein Elternpaar die phy-
sische Form, das Fleischliche des Kindes zur Verfu'gung stellt, so daft
das Geistige sich auf physischem Plane ausleben kann, so geschah etwas
Ahnliches bei dem griechischen Tempel. Da wurde Gelegenheit gege-
ben, daft gottlich-geistige Wesenheiten herunterstromten und sich ver-
korperten in dem architektonischen Tempelbau. Das ist das Geheimnis
des griechischen Tempels: der Gott war da im Tempel. Wer die grie-
chische Tempelf orm richtig fuhlte, fiihlte auch, daft weit und breit kein
Mensch zu sein brauchte, und auch nicht im Tempel selbst, und daft der
Tempel doch nicht leer war, denn der Gott war wirklich anwesend im
Tempel. Der griechische Tempel ist fur sich ein Ganzes, weil er die
Formen enthalt, die den Gott in ihn hineinbannen.
Und wenn wir nun den romischen Kirchenbau betrachten, vorzugs-
weise den mit einer Krypta, da sehen wir schon eine Art von Fort-
entwickelung. In der Pyramide sehen wir dargestellt den Weg, den die
Seele nach dem Tode nimmt, die aufiere architektonische Form fiir die
entfliehende Seele. Fiir die gottliche Seele, die gern auf dem physischen
Plan weilt, ist der griechische Tempel der Ausdruck. Der romische Bau
mit der Krypta entspricht dem Kreuz, an dem der tote Jesuskorper
hangt. Die Menschheit ist fortgeschritten zu einem gesteigerten Be-
wufitsein in geistigen Spharen. Die Fesselung an das Irdische, die Ka-
malokazeit ist dargestellt in der Pyramide; der Sieg iiber die physische
Form, der Sieg uber den Tod ist ausgedriickt im Kreuze, an dem der
tote Jesus hangt und das uns erinnern soil an den geistigen Sieg iiber
den Tod, an Christus.
Und wiederum ein Stuck weiter kommen wir zum gotischen Bau. Er
ist nicht vollstandig, wenn nicht die glaubige Gemeinde drinnen ist.
Wenn wir alles zusammen fiihlen wollen, da miissen sich mit den Spitz-
bogen vereinigen die gefalteten Hande und die Gefiihle, die sich darin
ausdrucken, die nach oben stromen. Aber nicht Gefiihle wie in der
Krypta, wo das Andenken gefeiert wurde an den geistigen Sieg iiber
den Tod, sondern sieghafte Gefiihle, wie sie die Seele empfindet, die
sich im Leibe schon Sieger fiihlt iiber den Tod. Die im Leibe sieghafte
Seele gehort hinein in den gotischen Bau; er ist nicht vollstandig, wenn
nicht solche Gefiihle ihn durchstromen. Der griechische Tempel ist der
Leib des Gottes, er steht allein fiir sich da. Die gotische Kirche stellt sich
dar als etwas, was die Gemeinde ruft; sie ist kein Tempel, sondern ein
Dom. Dom ist dasselbe Wort, das sich in der Nachsilbe «tum» aus-
driickt, wie zum Beispiel in dem Worte Menschentum oder Volkstum.
Auch dem russischen Worte Duma liegt das Wort «tum» zugrunde. Ein
Dom, ein «Tum» ist das, wo einzelne Glieder zu einer Gemeinde zu-
sammengerufen werden.
So sehen Sie, wie menschliche Gedanken und menschliche Gesinnung
in der Zeit fortschreiten, und so kommen wir nach und nach in unsere
Zeit hinein. Und wir werden sehen, wie diese Krafte nicht nur gleich-
sam im Oberirdischen fortspielen: unterhalb gehen geheimnisvolle ok-
kulte Stromungen, so daft, was heute in unserer Kultur aufgeht, uns
wie eine Wiederverkorperung von manchem erscheint, was in alten
agyptischen Zeiten in die Menschheit hineingelegt worden ist. Und da
wollen wir mit einem Gedanken abschlieften, der als eine erste Ahnung
Sie hinweisen wird auf solche geheimnisvollen Zusammenhange.
Was ist es, was den Materialismus unserer heutigen Kultur ausmacht?
Charakterisieren wir einmal diesen Materialismus. Der Mensch weiter
Kreise, der heute die Harmonie, die Versohnung zwischen Glauben
und Wissen verloren hat, was ist ihm besonders eigen, wenn er hin-
schauen will auf ein Geistiges? Nichts sieht er! Er schaut auf das Grobe,
materiell Physische; von dem weifi er, daft es real, daft es wirklich vor-
handen ist, und er kommt sogar bis zum Leugnen des Geistig-Spirituel-
len. Er glaubt, des Menschen Dasein ist erfiillt, wenn des Menschen
Leichnam im Staube daliegt; er sieht nichts sich erheben in die geistigen
Welten hinein. Kann eine solche Anschauung als Folge entstehen von
etwas, was in einer Zeit als Same gelegt wurde, wo ein fester Glaube
an das Fortleben der Seele herrschte, wie es im alten Agyptertum der
Fall war? Ja; denn in der Kultur ist es nicht wie im Pflanzenreiche,
daft nur immer wieder Ahnliches aus dem Samen entsteht. In der Kul-
tur muft abwechseln ein Wert mit einem anderen, der ihm scheinbar
nicht ahnlich ist - und dennoch bestehen tiefere, intime Ahnlichkeiten.
Des Menschen BHck von heute ist gefesselt an den physischen Leib,
er sieht diesen physischen Leib als Wirklichkeit an, er kann sich nicht
erheben zum Spirituellen. Diese Seelen, die heute durch ihre Augen
hinausschauen auf die physischen Menschenleiber und die sich nicht
erheben konnen zu einem Geistigen, sie waren in friiheren Volksstam-
men inkarniert als Griechen, als Romer, als alte Agypter. Und alles,
was heute in unseren Seelen lebt, ist das Ergebnis dessen, was wir in
friiheren Inkarnationen aufgenommen haben.
Denken Sie sich Ihre Seele zuriickversetzt in den alten agyptischen
Leib. Denken Sie Ihre Seele nach dem Tode zuriickgeleitet durch den
Gang der Pyramide in hohere Spharen, aber Ihren Leib als Mumie
festgehalten. Das hatte eine okkulte Folge. Die Seele muftte immer
herunterschauen, wenn da unten der Mumienleib lag. Da wurden die
Gedanken verfestigt, verknb'chert, verhartet, da wurden die Gedanken
hereingebannt in die physische Welt. Weil aus den Regionen des Gei-
stes die alte agyptische Seele nach dem Tode herunterschauen muflte
auf ihren konservierten physischen Leib, deshalb ist der Gedanke in
ihr eingewurzelt, dafi dieser physische Leib eine hohere Realitat ist, als
er es in Wirklichkeit ist. Denken Sie sich hinein in Ihre Seele von da-
mals; Sie schauten hinunter auf die Mumie. Der Gedanke an die phy-
sische Form hat sich verhartet, er hat sich henibergetragen durch die
Inkarnationen hindurch: heute erscheint dieser Gedanke so, dafi die
Menschen sich nicht losreifien konnen von der physischen Korperform.
Der Materialismus als Gedanke ist vielfach eine aufgehende Frucht der
Einbalsamierung der Leichname.
So sehen Sie, wie von Verkorperung zu Verkorperung die Gedanken
und Gefiihle wirken. Das soil nur eine Ahnung davon erwecken, wie
durch die Verkorperungen hindurch die Kulturen weiterleben, wie sie
in ganz anderen Formen wiedererscheinen; nur eine schwache Ahnung
soil Ihnen das erwecken von den zahlreichen okkulten Drahten, die da
unten im Verborgenen gehen.
Wir wollten heute ein wenig Faden ziehen, andeuten, welche Fragen
uns beschaftigen werden. Wir werden nun den Blick hinaufschweifen
lassen in die hochsten Weltenregionen, die der agyptische Priester er-
blickte, wir werden den Blick zu richten haben auf das Wesen, das Ziel
und die Bestimmung des Menschen, und wir werden begreifen, wie
solche Ratsel sich losen, wenn wir sehen, dafi die Friichte einer Kultur-
epoche auf wunderbar geheimnisvolle Weise in einer anderen, spateren
wiedererscheinen.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 5. August 1908
Wir werden uns am besten hineinfinden in unser Thema mit dem
weiten Horizont, den wir uns gestellt haben, wenn wir versuchen, uns
zuerst einmal eine intimere Vorstellung zu bilden von den beiden
Gegensatzen, die zunachst fur uns in Betracht kommen, wenn wir Welt
und Erde miteinander in Beziehung setzen. Diese beiden Gegensatze
sind: das Geistig-Seelische und das Physisch-Materielle. Wir wollen
versuchen, sie an einer Erscheinung zu erortern, die fur den heutigen
Menschen mehr oder weniger ratselhaft ist und die uns gerade aus der
alten agyptischen Weltanschauung und Lebensfiihrung entgegentritt
in dem sogenannten Tempelschlaf. Der Tempelschlaf liegt ja der an-
deren eigentiimlichen Tatsache zugrunde, dafi bei den agyptischen Prie-
sterweisen, und uberhaupt in der alten Kultur der Menschheit, die
Weisheit in innigem Zusammenhange mit der Heilkunst, mit der Ge-
sundheit gedacht wurde. Von den innigen Beziehungen zwischen Weis-
heit und Gesundheit, zwischen Wissenschaft und Heilkunst macht sich
der heutige Mensch gegeniiber jenen alten Vorstellungen doch nur
einen sehr schwachen Begriff; und es wird die Aufgabe der Geisteswis-
senschaft sein, die Menschheit wiederum hinzuweisen auf jenen Be-
griff des Geistigen, durch den Weisheit und Heilkunst und Gesundheit
wieder in einen naheren Zusammenhang gebracht werden. Wir erin-
nern uns dabei auch an etwas, das an allerlei Ausfuhrungen anklingt,
die wir gestern gemacht haben. Wir erinnern uns dabei jener alten Ge-
stalt, an die wir denken mufiten, als wir uns das Bild der Madonna mit
ihrem Kinde, so wie Raffael es in der Sixtinischen Madonna gemalt
hat, vor die Seele stellten, wir erinnern uns der Isis mit dem Horus-
kinde. Es ist die Gottin, deren Tempel die Aufschrift trug: «Ich bin,
die da war, die da ist, die da sein wird - meinen Schleier kann kein
Sterblicher liiften.» Diese Gottin wurde in einen geheimnisvollen Zu-
sammenhang mit aller Heilkunst gebracht, sie wurde geradezu als die
Lehrerin der agyptischen Priester in bezug auf die Heilkunst betrach-
tet. Und eine merkwiirdige Rede fiihrte man noch in den letzten Zei-
ten des Altertums von jener Isis; in dieser Rede werden wir darauf auf-
merksam gemacht, daft Isis sich noch in der Zeit, in der sie unter die
Unsterblichen versetzt wurde, fiir die Heilkunst, fur die Gesundheit
der Menschen besonders interessiert hat. Das alles deutet auf sehr ge-
heimnisvolle Zusammenhange hin.
Nun miissen wir mit einigen Strichen uns einmal das Wesen des
Tempelschlafs, der zu den Heilmitteln der agyptischen Priester ge-
horte, vor die Seele stellen. Derjenige, der in irgendeiner Weise an sei-
ner Gesundheit Schaden gelitten hatte, wurde in der Regel nicht mit
aufleren Heilmitteln behandelt in jenen Zeiten; es gab deren uberhaupt
nur wenig, und nur in seltenen Fallen wurden sie angewendet. Dage-
gen wurde der Betreffende in den meisten Fallen in den Tempel ge-
bracht und dort in eine Art Schlaf versetzt. Es war das aber kein ge-
wohnlicher Schlaf, sondern eine Art von somnambulem Schlaf, der so
gesteigert war, daft der Betreffende fahig wurde, nicht nur chaotische
Traume zu haben, sondern regelrechte Gesichte zu sehen. Er nahm
wahrend dieses Tempelschlafes atherische Gestalten in der geistigen
Welt wahr, und die Priesterweisen verstanden die Kunst, auf diese
atherischen Bilder des Menschen einzuwirken; sie konnten sie lenken
und leiten. Nehmen wir an, ein solcher Kranker wurde in den Tempel-
schlaf versetzt. Der heilkundige Priester war an seiner Seite. Wenn der
somnambule Schlaf eingetreten war, so dafi der Kranke also in einer
Welt von atherischen Gestalten lebte, dann lenkte der Priester durch
die Macht, die ihm durch seine Einweihung innewohnte und die nur
in jenen alten Zeiten moglich war, wo noch Daseinsbedingungen
herrschten, die heute gar nicht mehr oder doch nur ganz selten vorhan-
den sind, da lenkte er durch diese Macht, durch diese Krafte den gan-
zen Schlafzustand. Und er formte und gestaltete die atherischen Ge-
sichte und Wesenheiten so, daft tatsachlich wie durch einen Zauber
vor dem Schlafenden die Gestalten auftauchten, die einst der alte At-
lantier als seine Gotter gesehen hatte. Solche Gottergestalten, an die die
verschiedenen Volker nur noch eine Erinnerung bewahrt haben, zum
Beispiel in der germanischen, der nordischen und auch in der griechi-
schen Mythologie, besonders aber bestimmte Gestalten, die mit dem
heilenden Prinzip verbunden waren, wurden nun vor die Seele dessen
gestellt, der sich im Tempelschlaf befand. Ware der Mensch bewuftt
geblieben wie in seinem Tagesbewufltsein, so ware niemals die Mog-
lichkeit vorhanden gewesen, solche Krafte auf ihn wirken zu lassen;
das war nur in einem solchen somnambulen Schlaf moglich. Die Prie-
sterweisen lenkten das Traumleben also, daft starke Krafte in diesem
atherischen Anschauen entfesselt wurden, und diese Krafte wirkten
ordnend und harmonisierend auf die in Unordnung und Disharmonie
gebrachten Leibeskrafte. Bei diesem herabgestimmten Ich-Bewufitsein
war das moglich. Der Tempelschlaf hatte also eine sehr reale Bedeu-
tung. Aber wir sehen nun auch, warum eigentlich diese heilende Wir-
kung der Priesterweisen in solchen Zusammenhang mit der Weisheit
gebracht wurde, die den Menschen nur durch ihre Einweihung zuteil
werden konnte. Dieser Zusammenhang liegt klar vor uns. Die Priester-
weisen waren es ja, die durch Wiederbelebung des alten Hineinschauens
in die hoheren Welten gerade in ihrer Weisheit die hoheren Krafte
hatten, die aus dem Geistigen stromten, wo Geistiges auf Geistiges
wirken konnte. So bekamen sie die Fahigkeit, Geistiges auf Geistiges
wirken zu lassen, und dadurch kam die Weisheit uberhaupt in jenen
innigen Zusammenhang mit dem Gesundheitsleben.
In diesem Sich-Hinaufheben zum Geistigen war in alten Zeiten ein
gesundendes Element, und es ware gut, wenn die Menschen so etwas
wieder verstehen lernten, denn dann wurden sie auch die grofie Mission
der anthroposophischen Bewegung verstehen lernen. Was ist sie denn
anderes, diese Mission, als den Menschen hinaufzufiihren in die geisti-
gen Welten, dafi er wieder hineinschauen kann in die Welten, aus denen
er heruntergestiegen ist! Zwar wird in zukiinftigen Zeiten kein som-
nambuler Schlaf iiber die Menschen verhangt werden, das Selbstbe-
wufitsein wird voll aufrechterhalten bleiben, aber dennoch wird die
starke spirituelle Kraft wirksam werden in der Menschennatur, und
dann wird der Besitz von Weisheit und Einsicht in die hoheren Welten
wiederum etwas sein, was ordnend und gesundend auf die Menschen-
natur einwirken kann. Heute liegt dieser Zusammenhang des Geistigen
mit dem Heilenden so verborgen, daft die Menschen, die nicht in irgend-
einer Weise in die tiefere Mysterienweisheit eingeweiht sind, nicht viel
davon wissen; sie konnen eben die feinen Tatsachen, die vorliegen, gar
nicht beobachten. Wer aber tiefer hineinschauen kann, der weifi, von
welchen tief innerlichen Bedingungen eine Heilung abhangen kann.
Nehmen wir zum Beispiel an, ein Mensch wird von einer gewissen
Krankheit befallen, von einer Krankheit, die innere Ursachen hat,
nicht also etwa Schenkelbruch oder verdorbener Magen, denn dabei
handelt es sich auch um aufiere Ursachen. Jeder, der tiefer in diese
Dinge eindringen will, wird sehr bald einsehen, daft bei einem Men-
schen, der sich viel und gem mit mathematischen Vorstellungen be-
schaftigt, ganz andere Bedingungen der Heilung vorhanden sind als
bei einem anderen, der sich nicht damit beschaftigen mag. Das ist eine
Tatsache, die Sie darauf hinweist, welch ein merkwurdiger Zusammen-
hang besteht zwischen dem geistigen Leben eines Menschen und dem,
was die Bedingungen seiner aufteren Gesundheit sind. Natiirlich ist das
nicht so, als ob das mathematische Denken den Menschen heilte. Wir
miissen das genauer erfassen: andere Bedingungen der Heilung sind
notwendig bei einem Menschen, der mathematische Vorstellungen auf-
nehmen kann, als bei einem, der es nicht tut. Setzen wir den Fall, zwei
Menschen seien von der ganz gleichen Krankheit befallen. In Wirklich-
keit kommt das ja nicht vor, aber als Hypothese konnen wir es ja hin-
stellen. Der eine will nichts wissen von mathematischen Vorstellungen,
der andere beschaftigt sich intensiv damit. Es konnte dann der Fall ein-
treten, daft es ganz unmoglich ware, den Nichtmathematiker gesund
zu machen, wahrend Sie den anderen mit den entsprechenden Mitteln
heilen konnen. Das ist ein ganz realer Fall.
Ein anderes Beispiel: Es liegen wieder ganz andere Gesundheits-
bedingungen vor bei zwei Menschen, von denen der eine ein Atheist im
schlimmsten Sinne und der andere ein tief religios veranlagter Mensch
ist. Wieder kann es geschehen, dafi, wenn beide von derselben Krank-
heit befallen werden, Sie mit denselben Heilmitteln den religiosen
gesund machen und den anderen nicht. Das sind Zusammenhange, die
dem heutigen Denken - wenigstens bei dem grofiten Teil der Mensch-
heit - geradezu absurd erscheinen. Und dennoch verhalt es sich so.
Woher kommt das? Das beruht darauf, dafi ein ganz anderer Ein-
flufi auf die menschliche Natur ausgeiibt wird von den sogenannten
sinnlichkeitsfreien als von den sinnlichkeitserfullten Vorstellungen.
Denken Sie sich einmal den Unterschied zwischen einem Menschen,
der die Mathematik hafSt, und einem, der sie liebt. Der eine sagt: Das
alles soil ich mir denken? Ich will aber nur das haben, was ich aufier-
lich mit meinen Sinnen anschauen kann! - Es ist jedoch fur das innerste
Wesen des Menschen von grofiem Nutzen, in Vorstellungen zu leben,
die man nicht anschauen kann; und ebenso ist es niitzlich, in religiosen
Vorstellungen zu leben, denn auch diese beziehen sich auf Dinge, die
man eben nicht mit den Handen greifen kann, die sich nicht auf Aufie-
res, Materielles beziehen, die mit einem Wort sinnlichkeitsfrei sind.
Das sind Dinge, die einst, wenn man wieder mehr auf das Spirituelle
sehen wird, einen grofien Einflufi auf padagogische Prinzipien haben
werden. Nehmen wir zum Beispiel die einfache Vorstellung: drei mal
drei ist neun. Am besten bilden sich die Kinder eine solche Vorstel-
lung, wenn es sinnlichkeitsfrei geschieht. Es ist nicht gut, wenn sie zu
lange drei mal drei Bohnen nebeneinander legen, denn dann kommen
sie gar nicht iiber die sinnliche Vorstellung hinaus. Wenn Sie aber die
Kinder daran gewohnen, vielleicht zuerst, aber nicht zu lange, an den
Fingern abzuzahlen, dann es aber mit dem reinen Denken mathema-
tisch zu verfolgen, dann wirkt diese Vorstellung gesundend und ord-
nend auf die Kinder. Wie wenig die jetzige Zeit von solchen Dingen
versteht, das sehen wir daran, dafi gerade in der Padagogik das Gegen-
teil geschieht. Ist nicht in unsere Schulen die Rechenmaschine einge-
zogen, wo an allerlei Kugeln die Addition, Subtraktion und so weiter
fur das sinnliche Auge klargemacht werden soli? Das, was bloft im
Geiste erfafit werden sollte, will man, wie man sagt, auf diese Weise
sinnlich veranschaulichen. Das mag bequem sein, aber wer das fiir
padagogisch halt, weifi nichts von jener tieferen Heilpadagogik, die
in der Kraft des Geistigen wurzelt. Einen Menschen, den Sie von
Kindheit auf daran gewohnt haben, in sinnlichen Vorstellungen zu
leben, werden Sie, weil sein Nervensystem unter krankhaften Bedin-
gungen lebt, nicht so leicht heilen konnen wie denjenigen, der von
seiner Jugend auf an sinnlichkeitsfreie Vorstellungen gewohnt ist. Je
mehr Sie den Menschen daran gewohnen, abgesehen von den Dingen
zu denken, desto leichter wird es sein, ihn zu heilen. Daher war es
unter den alten Traditionen immer iiblich, allerlei symbolische Figu-
ren, Dreiecke, Zahlenkombinationen zu geben; das hatte den Zweck,
neben dem ubrigen Wert, den diese Dinge hatten, den Menschen zu er-
heben von dem blofien Anschauen dessen, was aufgezeichnet ist. Wenn
ich ein Dreieck vor mich hinstelle und es blofi anschaue, so hat das
keinen besonderen Wert. Wenn ich dagegen in ihm die Symbolisierung
der hoheren Dreiheit des Menschen erfasse, so ist das eine fur den Geist
gesundende Vorstellung. Und nun denken Sie sich, dafi die Geistes-
wissenschaft den Menschen zur Anschauung des Geistigen fuhren wird.
Wir werden hingelenkt von dem, was sich auf der Erde abspielt, zu
dem, was sich auf der alten Sonne, dem Monde, dem Saturn abgespielt
hat. Mit physisch-sinnlichen Augen konnen Sie heute die Ereignisse
von damals nicht sehen, nicht mit Sinneshanden hinaufgreifen zum
alten Mond, zur alten Sonne. Aber wenn Sie ohne Zuhilfenahme der
aufieren sinnlichen Kriicken sich hinaufheben zu den Dingen, die da
einst waren, dann eignen Sie sich Vorstellungen an, die ausgleichend
und harmonisierend auf Ihr ganzes Leben einwirken, auch auf das leib-
liche. Daher wird die Geisteswissenschaft wieder ein grofies, umfassen-
des Heilmittel sein, wie sie es einst war in der Handhabung der alten
agyptischen Priester, die allerdings eine Herabstimmung des Ich dazu
benotigten, wie sie im Tempelschlaf ausgeiibt wurde.
Die spirituelle Weltanschauung ist eine gesundende Weltanschau-
ung. Freilich wird da mancher einwenden: Sind denn die Anthropo-
sophen lauter gesunde Menschen, sind unter ihnen nicht auch Kranke?
Wir miissen uns dariiber klarwerden, dafi der einzelne Mensch im
Grunde genommen sehr wenig fur seine Gesundheit und Krankheit
kann. Ein grofier Teil der Krankheitsursachen liegt aufterhalb der ein-
zelnen Personlichkeit. Sie konnen heute die gesiindesten Begriffe haben,
die, wenn Sie unter ganz gesunden Bedingungen leben wiirden, Sie nie-
mals von innen heraus krank werden liefien; aber es gibt andere Ursa-
chen, die nicht in der Macht des individuellen Menschen von heute lie-
gen, zum Beispiel die geheimen Ursachen von Vererbung, des Einf lusses
von Mensch zu Mensch, des Einflusses einer unnatiirlichen Umgebung
und so weiter. Das alles sind Dinge, die in geheimnisvoller Art aufiere
Krankheitsursachen sind; sie alle konnen nur durch eine gesunde an-
throposophische Denkweise im Laufe der Zeiten beseitigt werden. Aber
wenn man auch sieht, daft heute selbst die innerlich gesiindesten Men-
schen krank, sogar schwer krank werden konnen, so darf man dennoch
darin nicht ein Zeugnis dafiir erblicken, daft die Geisteswissenschaft
nicht im Laufe der Jahrhunderte - und ich sage Jahrhunderte, nicht
Jahrtausende - gesundend auf die Menschheit wirken werde. O, es
steht vor dem Blicke des Geist-Erkennenden eine Zukunft, wo es in-
nere Krankheitsursachen nicht geben wird fiir diejenigen, die die inne-
ren und aufieren Bedingungen spiritueller Weisheit herbeifiihren.
Aufiere Ursachen wird es immer geben, die konnen nur dadurch besei-
tigt werden, dafi eine im geisteswissenschaftlichen Sinne gehaltene Heil-
kunst immer mehr und mehr Platz greift. Wir sehen: wenn wir die Wir-
kung des Geistigen richtig verstehen, dann ist der Tempelschlaf nichts
Ratselhaftes fiir uns.
Was also wurde in den atherischen Gesichten als eine gesundheitlich
wirkende Macht vor den Tempelschlafer gezaubert? Die Bilder der
atlantischen Gotter, die wir selbst als atherische Gestalten kannten,
unter denen die Menschen einst lebten, wenn sie auflerhalb ihrer phy-
sischen Leiber waren und sich im atherischen Hellsehen befanden.
Und wenn wir nun noch weiter in der Menschheitsentwickelung zu-
riickgehen, weit hinter die atlantische Zeit zuriick, dann gelangen wir
in eine Zeit, wo der Mensch erst das wurde, was er heute ist, wo der
Mensch erst eintrat in die individuelle Personlichkeit, die er heute hat.
Wir nennen diese Zeit die lemurische Zeit. Der atlantische Kontinent,
von dem aus sich die Volker nach Afrika, Europa, nach Asien hin ver-
breiteten, ging zugrunde durch gewaltige Wasserkatastrophen. Die
Lemuria, jener Erdteil, auf dem die Menschheit vor der atlantischen
Zeit wohnte, ging zugrunde durch Feuergewalten, durch vulkanische
Katastrophen. In der lemurischen Zeit aber war es, wo der Mensch
zum ersten Male iiberhaupt sein Ich-Bewufitsein erworben hat. Ein ge-
wal tiger Einschnitt in der Menschheitsentwickelung war das. Wodurch
erlangt der Mensch sein Ich-Bewu£tsein? Es ist im allgemeinen fiir das
heutige materialistische Denken schwer, sich diesen alten Zustand der
Menschheit vorzustellen. Wenn Sie sich den damaligen Menschen so
vorstellen wiirden, wie er heute ist, das heifk mit Fleisch und Blut,
Knochen und Muskeln, dann wiirden Sie eine ganz falsche Vorstellung
haben. Der Mensch von damals hatte eine weit fliichtigere, weichere
Gestalt; fast fliissig war alles. Das, was spater zu Muskeln und Knochen
geworden ist, hat sich erst im Laufe der Zeiten verhartet. Wir kommen
da in eine Zeit zuriick, wo noch eine ganz andere Art der Menschheits-
fortpflanzung war. Der Mensch lebte damals mehr in der Umgebung
der Erde, die aber nicht wie heute reine Luf t war, sondern die mit aller-
lei Dampfen angeftillt war. Als eine wahre Luf tgestalt lebte der Mensch
da, und es zogen die aufieren Stromungen ein und aus. Es war tatsach-
lich beinahe so, als ob wir heute eine Wolke ansehen, die fortwahrend
ihre Gestalt andert, nur etwas fester und bestimmter war die Gestalt
des einstigen Menschen. Damals trat auch zuerst das ein, was wir
heute als die Geschlechter bezeichnen; es wurde in jenen Zeiten in-
nerhalb des Menschengeschlechtes eine alte ungeschlechtliche Fort-
pflanzungsart ersetzt durch eine geschlechtliche. Das liegt allerdings
Millionen und Millionen von Jahren zuriick vor der gegenwartigen
Zeit.
Mit der geschlechtlichen Fortpflanzung trat erst die Einverleibung
des Ich im ersten Keime in die Menschheit ein. Fruher wurde der
Mensch noch durch ganz andere Einf liisse dazu angeregt, seinesgleichen
aus sich hervorgehen zu lassen; durch aufiere Einf liisse wurde er dazu
veranlalk, durch Einfliisse, die in der Sphare um ihn herum lagen. Das
war die Fortpflanzung jener Zeit, wo der Mensch noch nicht sein Ich
hatte, wo er noch mit einem dumpfen, hellseherischen Bewufksein aus-
gestattet war, wo er sozusagen noch ganz im Schofie der Gottheit ruhte.
Er konnte nicht sagen: «Ich bin». Was er empfand, war etwa folgendes:
Er sah, dafi, wenn er irgend etwas tat, es einen Eindruck auf seine Um-
gebung machte, und er fiihlte sein Dasein in seiner Umgebung. Er
konnte nicht sagen: Ich bin da -, sondern er sagte: Meine Umgebung
lata mich da sein. - Er lag im Schofie der lebendigen Erde, und die
lebendigen Erdenkrafte stromten aus und ein. Damals gab es noch keine
ungesunden Krafte, da gab es noch nicht Krankheit, nicht einmal Tod
in unserer heutigen Auffassung. Erst als dem Menschen mit der ge-
schlechtlichen Fortpflanzung sein Ich ausgeliefert wurde, da erst zogen
Krankheit und Tod in die Menschheit ein. Wenn wir das alles uns
richtig vorstellen, dann miissen wir sagen: Damals wurde das Men-
schenwesen nicht von seinesgleichen befruchtet, sondern so, wie es heute
atmet, so nahm es damals die Stoffe aus seiner Umgebung in sich auf;
und in dieser Umgebung waren die Krafte der Befruchtung enthalten.
"Was da eindrang, das befruchtete ihn, das veranlafke ihn, seinesgleichen
hervorzubringen. Und das waren gesunde Krafte im Menschen selber
und in dem, was er als seinesgleichen hervorbrachte. Die alten agyp-
tischen Priester aber wufiten das, und sie sagten sich: Je weiter man das
Anschauen der Menschen zurucklenkt in friihere Zustande, desto mehr
bringt man ihn in die Bedingungen, wo es keine Krankheiten gibt. -
Schon das Anschauen der alten atlantischen Gottergestalten konnte ge-
sundend wirken, mehr aber noch war das der Fall, wenn die Priester
die Gesichte so lenkten, daft der Tempelschlaf er jene uralten Menschen-
gestalten vor sich hatte, die noch nicht von ihresgleichen befruchtet
wurden, die aus der Umgebung heraus ihre Befruchtung erhielten. Da
stand vor dem im Tempelschlaf liegenden Kranken die Gestalt der
Gebarerin ihresgleichen ohne die Befruchtung durch ihresgleichen. Da
stand vor ihm die hervorbringende Frau, die Frau mit dem Kinde, die
da jungfraulich ist, die Gottin, die in jener lemurischen Zeit eine Ge-
nossin der Menschen war, und die mittlerweile dem Blick der Mensch-
heit entschwunden ist. Die nannte man die heilige Isis im alten Agyp-
ten. Die Menschheit konnte diese Isis normalerweise nur damals sehen,
als der Tod noch nicht eingezogen war; da waren die Menschen in nor-
malem Bewulkseinszustande Genossen solcher Gestalten, die sie um-
schwebten und die ihresgleichen auf jungfrauliche Art hervorbrachten.
Und als die Isis nicht mehr die sichtbare Genossin der Menschheit war,
als sie in den Kreis der Gotter entriickt wurde, da interessierte sie sich
immer noch aus der geistigen Welt heraus fur die Gesundheit der Men-
schen, so sagten die Priester. Und wenn man den Menschen in ab-
normer Weise, wie im Tempelschlaf, zu einer Anschauung jener alten
Gestalten, jenes heiligen Isisbildes brachte, dann wirkte die Gottin
immer noch gesundend, denn sie ist das Prinzip im Menschen, das da
war, bevor die sterbliche Hiille den Menschen umgab. Ihren Schleier
hat kein Sterblicher gehoben, denn sie ist die Gestalt, die da war, als
der Tod iiberhaupt noch nicht in die Welt gekommen war. Sie ist das
im Ewigen Wurzelnde, sie ist die grofSe heilende Wesenheit, die die
Menschheit wieder erringen wird, wenn sie sich aufs neue vertiefen
wird in die spirituelle Weisheit.
So sehen wir, was geblieben ist in jenem wunderbaren Symbolum
der jungfraulichen Mutter mit dem Kinde, die sich im Madonnenbilde,
wir konnen es auf geisteswissenschaftlichem Boden mit aller Kraft
sagen: in dem gesundend wirkenden Madonnenbilde erhalten hat.
Denn das Madonnenbild ist - in jenen Grenzen, die erortert worden
sind - ein Heilmittel. Wenn es so behandelt wird, dafi die menschliche
Seele noch eine Nachwirkung hat, wenn sie im Schlafe liegt und etwa
traumen kann von diesem Madonnenbilde, dann hat dieses auch heute
noch eine heilende Kraft.
Und nun fragen wir uns: Wo lagen denn in jener Zeit, als das Men-
schenwesen noch nicht von seinesgleichen befruchtet wurde, wo lagen
denn da die befruchtenden Krafte?
Stellen Sie sich unsere Erde vor als einen festen Kern, umgeben von
allerlei zahfliissigen, brodelnden Substanzen, Wasserdampfen, und dar-
innen halbwasserige Bildungen, darinnen den lemurischen Menschen.
Dieser Erdkorper wird bestrahlt von der Sonne, die damals noch kein
menschliches Auge wahrnehmen konnte, weil die Sinnesorgane noch
nicht entwickelt waren. Aber diese Sonne wirkt durch die Nebel- und
Wolkenhulle hindurch, und mit der Kraft der Sonnenstrahlen nimmt
die Erde auch die Befruchtungskrafte auf. Das also, was die Menschen-
wesen einsaugen, das fliefk der Erde von den unsichtbaren geistigen
Sonnenwesenheiten zu. So haben wir eine Erde, die auften beschienen
wird von der Sonne, die der Mensch noch nicht sehen kann, diese Erde
wird aber nicht nur von den Kraften der Warme bestrahlt, sondern zu
gleicher Zeit von derselben Kraft, die heute in der Befruchtungskraft
lebt. So haben wir Sonne und Erde miteinander in Beziehung. Diese
Kraft, die da auf jene ungeschlechtlich sich f ortpflanzenden Menschen-
gestalten wirkt, empfand man als eine mannliche Kraft, sie war aus-
gegossen als ein Produkt der Sonne iiber die ganze Erde. So waren die
Verhaltnisse in der allerersten lemurischen Zeit.
Und dann schreiten wir in eine Zeit zuriick, in welcher wiederum
ganz andere Verhaltnisse herrschten, in eine urf erne Vergangenheit, wo
noch verbunden war der heute abgespaltene Sonnenkorper mit unserer
Erde. Denn einst war unsere Erde und die Sonne ein Leib. Alles Feinere
und Atherische hangt in gewisser Weise noch zusammen in diesem ge-
meinsamen Korper. Wir betrachten jenen Zeitpunkt, da Sonne und
Erde noch wie eine Biskuitform zusammenhangen, und zwar so, daft
der eine Teil, eine kleinere Kugel, namlich die Erde und der Mond, an
der Sonne hangt. Also wir stellen uns vor: die Sonne als ein grofier
atherischer Leib, und daran h'angend Erde und Mond zusammen. Da
flossen noch die Kraftstrahlen von der Sonne mit der Erde zusammen,
von der Sonne zur Erde, von der Erde zur Sonne, denn beide waren ja
in gewisser Weise ein Leib.
Wirverstehen am besten den Sinn dieser Entwickelung, wenn wir uns
einmal fragen, was geschehen ware, wenn die Sonne sich ohne weiteres
ganz abgewendet hatte von der Erde, nachdem sie sich herausgespalten
hatte; wenn sie nicht mehr ihre Strahlungen und Stromungen der Erde
zugesandt hatte, wenn sozusagen die Erde gleich nach der Abspaltung
ganz allein geblieben ware. Vertrocknet, verknochert, erstarrt ware
alles Leben auf der Erde, Der befruchtende Einflufi der Sonne mufite
bleiben. Man mufi dieses Zusammenwirken von Sonne und Erde emp-
finden wie ein Zusammenwirken von zwei Prinzipien: das eine zur
Verdichtung, zur Erstarrung fuhrend, das andere anfeuernd, fort-
schreitendes Leben gebend. Und so war es auch spater. Von der Sonne
flofi immer das, was fortschreitendes Leben ist.
Und jetzt kommen wir in eine noch fruhere Zeit zuriick, in eine
Zeit, wo beide Korper noch eines waren, wo die Krafte der Sonne und
der Erde noch ganz zusammenflossen.
Sie sehen: wir haben da verschiedene Entwickelungsstadien unserer
Erde absolviert. Wir haben eine uralte Vergangenheit, wo die Erde
noch im Sonnenleib drinnen war, wo sie noch eines mit der Sonne war;
dann eine zweite Zeit, da war die Erde nurmehr lose mit der Sonne
verbunden, dann eine dritte, wo beide Korper sich vollig voneinander
getrennt haben. In dieser dritten Zeit ist das Ich eigentlich erst in den
Menschen eingetreten, und da beginnt auch erst die geschlechtliche
Fortpflanzung. Dann folgt die vierte Zeit, die atlantische Zeit, und
schliefilich die nachatlantische Zeit, in der wir leben.
Fur denjenigen, der tiefer hineinsieht in das Weltengewebe, steht
alles das, was aufierlich sichtbar geschieht, unter der Einwirkung von
geistigen Wesenheiten. Einstmals waren Sonne und Erde eines. Auf die
Mondentwickelung wollen wir spater noch eingehen. Da war auch
dieser gemeinsame Korper von einheitlich wirkenden geistig-gottlichen
Wesenheiten durchzogen. Da waren hohe geistige Wesenheiten not-
wendig, die das Regiment iiber die damals noch ungeteilten Krafte
ausiiben konnten.
Und nun denken wir uns die Entwickelung ein Stuck fortgeschritten,
den Sonnenleib sich herausziehend. Was geschieht da? Mit der Sonne
gehen die hochsten Wesenheiten und die feinsten Substanzen fort; sie
wirken alsdann von aufien auf die Erde ein. Diejenigen Wesenheiten,
die das eigentlich Lebendige, das immer sich befliigelnde Leben dar-
stellen, sie wohnen auf der Sonne; und auf dem Erdengebiet wohnen
die Wesenheiten, die, wenn sie allein bleiben wiirden, die Verdichtung,
die Erstarrung, die Finsternis herbeifiihren miifiten. In diesem zweiten
Stadium wirken also Licht und Finsternis zusammen.
Im dritten Stadium der Erdentwickelung tritt fur den Menschen die
Begabung mit dem Ich ein. Es beginnt fiir ihn die Zeit, wo in ihm
sein selbstbewufkes Ich wohnt. Er empfindet dieses selbstbewulke Ich
namentlich in seinem Gegensatz: der Mensch verfallt immer mehr in
einen Zustand, wo er ein Bewufitsein hat, das heller ist, und ein an-
deres, dunkles; das eine kommt ihm von der Sonne, das andere vorzugs-
weise von der Erde. Das Ich, der ewige Kern, mufi wechseln zwischen
einer Gestalt, wo er in einer ewigen Form ist, und einer solchen, die
geboren werden kann und stirbt. Diejenigen Wesenheiten aber, die das,
was der Mensch nur abwechselnd haben kann, immer haben, die gehen
heraus aus dem Erdenkorper. Zunachst geht diejenige Wesenheit her-
aus, welche befruchtend wirkt, sie nimmt vorzugsweise ihren Aufent-
halt auf der Sonne. Und diejenige Wesenheit, welche die Gestalt in
Standigkeit, in der Dauer erhalt, die geht hinaus mit dem Monde. Es
trennen sich Sonne und Mond nach und nach von der Erde ab. Mit der
Sonne gehen alle die Wesenheiten hinaus, welche die Erde in ein sich
uberstiirzendes Leben gebracht hatten, wenn sie mit ihr vereint geblie-
ben waren; mit dem Monde ziehen die Krafte hinaus, die Verhartung
und Erstarrung bewirkt hatten, die dauernd in ihrer Gestalt bleiben.
Die Erde ist wie in der Mitte zwischen beiden. Der Mensch auf der
Erde wechselt also ab in Verrichtungen, die auf der einen Seite von der
Sonne und auf der anderen Seite von den Kraften des Mondes be-
einflulk werden. Diese Gestalten, die friiher Genossen der Menschen
waren, sind sozusagen jetzt zur Sonne und zum Monde hin entriickt.
In der vierten Periode sind diejenigen Genossen da, welche selbst
schon bis zu einem atherisch-gottlichen Leibe verdichtet sind, und die in
gewisser Beziehung menschlichen Schwachen unterworfen sind. Das
sind atherische Gotter, und mit ihnen lebte der Mensch wahrend der
atlantischen Zeit zusammen. Und in der nachatlantischen Zeit verliert
er auch mit diesen atherischen Gottern den Zusammenhang, er ist ganz
herausgestellt in die physische Welt; wie zugeschlossen ist das Tor, das
zur hoheren geistigen Welt fiihrt.
Aber aus diesen alten Zeiten verbleibt ihm etwas, was wie eine Er-
innerung an die geistigen Welten wirkt, und nacheinander tritt im
Menschen durch das Gesetz der Wiederholung alies das in der Erkennt-
nis auf, was er einst im Leben durchgemacht hatte. Im Leben hatte er
einst durchgemacht eine Anzahl von Perioden, in denen er in immer
verschiedenem Verhaltnis zu den Gottern gestanden hatte. Jetzt macht
er dieselben Perioden noch einmal durch, aber in der Erkenntnis. Auf
die grofie atlantische Hut folgte eine Zeit der uralten indischen Kultur,
wo die Menschen in ihrer Seele, in ihrem Geiste noch einmal durch-
lebten jene Zeit mit ihren hohen Gottern, da Erde und Sonne noch ver-
einigt waren. Die hohe erhabene Gottheit, die damals alles, was war,
leitete und lenkte, sie durchlebte der Mensch in der ersten nachatlan-
tischen Kulturepoche, und er nannte diese Gottheit mit einem Namen,
der flir spatere Zeiten als Tradition blieb: Brahman, das All-Eine. Die
Gottheit, die wirklich einmal da war unter den Menschen - denn der
Mensch war in der ersten Zeit der Erdenentwickelung ein Genosse des
Brahman gewesen - sie wurde in der uralt-indischen Kultur verehrt;
der Mensch erlebte sie erkennend, in hoher Abstraktion.
Und dann folgte eine Kultur, da erlebte der Mensch erkennend die
zweite Zeit, wo die Sonne mit den allbelebenden Kraften getrennt war
von den Kraften der Finsternis. Daher empfand der Mensch dieser
zweiten Kulturepoche in seiner Erkenntnis eine Gott-Zweiheit. Er
wiederholte, was einst im Leben da war, in der religiosen Erkenntnis,
und diese Zweiheit hat sich erhalten, als sich der Gegensatz zwischen
Ormuzd und Ahriman, die gute und die verneinende Gottheit, als die
persische Kultur ausbildete. Sie war nichts anderes als ein nochmaliges
Durchleben dessen - aber jetzt in der Erkenntnis -, was der Mensch
einst wirklich durchlebt hatte.
Und dann kommen wir in die Zeit, wo Sonne und Mond heraus-
getreten waren, die Sonne mit den befruchtenden Kraften, der Mond
mit den Kraften, die Gestalt gaben: fur den Menschen eine vergangliche
allerdings, fur die Gotter aber eine dauernde Gestalt. Und der Mensch
empfand diesen Unterschied wiederum in dem Gegensatz zwischen
jenen friiheren Sonnenkraften und denen, die jetzt wirkten, und an-
ders wirkten als vorher. Und er empfand diese Sonnenkrafte als die
Krafte des Osiris in Agypten. Osiris ist die Kraft der Sonne, wie sie
gewirkt hat in der dritten Zeit der Erdentwickelung, und wir sehen
die Osirisreligion in der dritten Kulturepoche entstehen. Und Isis ist die
Kraft des Mondes vor der volligen Trennung von der Erde, vor der
Geschlechtertrennung, wo sie noch als jungfrauliche Fortpflanzungs-
kraft gewirkt hat. Isis ist zum Monde entflohen, wo sie erstarrt ist.
Und in der vierten Epoche, in der griechisch-lateinischen Kultur,
erlebte die Menschheit in ihrem Polytheismus einen erinnernden Nach-
klang an die atlantische Zeit mit ihren vielen atherischen Gotter-
gestalten.
Und wir nun, in der fiinften Kulturepoche, wir haben nichts zu
wiederholen. Diesen Gedanken lassen Sie uns vor die Seele fiihren: Wir
haben nichts zu wiederholen, keine alte Erinnerung. Denn wir haben
herausgeboren eine in die Zukunft wirkende fiinfte Zeit, wahrend die
vier friiheren Zeiten Wiederholungen waren. Unsere Zeit mufi nicht
eine uralte Weisheit gebaren, sondern eine neue Weisheit, die nicht nur
in die Vergangenheit hineinweisen kann, sondern die prophetisch, apo-
kalyptisch wirken mufi in die Zukunft hinein. Wir sehen eine uralte
Weisheit, bewahrt in den Mysterien der vergangenen Kulturepochen;
eine apokalyptische Weisheit, zu der wir den Samen legen miissen, mufi
unsere Weisheit sein. Wir brauchen wieder ein Einweihungsprinzip,
damit die urspriingliche Verbindung mit der geistigen Welt wieder
hergestellt werden kann. Das ist die Aufgabe der anthroposophischen
Weltbewegung. Kein Wunder, dafi so viele Menschen die Weisheit ver-
loren haben, denn ohne das Einweihungsprinzip ist es heute schwer,
Weisheit zu erringen, schwerer als friiher, wo nur die Erinnerung an
alte Erlebnisse aufgefrischt werden durfte, wo die Fruchte fruherer
Entwickelungen erlebt werden konnten. Heute ist es schwer - daher
begreifen wir, dafi heute fiir den Menschen die Sinneswelt ohne Gott
ode und leer ist. Aber wenn es auch erscheint, als ob die alte Geistes-
welt erstorben ware, sie ist dennoch da, wirksam und befruchtend ist
sie da, und wenn die Menschen wollen, werden sie wieder Zusammen-
hang finden mit der geistigen Welt. Es ist dafiir gesorgt worden, indem
gerade da, als auszugehen schienen in der griechisch-lateinischen Zeit
die alten Erinnerungen, ein wunderbarer Keim fiir alle folgenden Zei-
ten in den kalten Boden der Erde gelegt wurde, der Keim, den wir
als das Christus-Prinzip bezeichnen. In der Ankntipfung an dieses
Christus-Prinzip wird die apokalyptische Weisheit, die wahre, neue
Geist-Erkenntnis, gefunden werden, die nicht nur erinnernd zuriick-
weist auf vergangene Zeiten, sondern die prophetisch auf die Zukunft
hindeutet und gerade dadurch den Menschen zur Tatigkeit, zum Schaf-
fen ruft. Jene tatige, jene produktive Weisheit ist freilich hervorgegan-
gen aus dem, was in der Vergangenheit als Same gelegt worden ist.
So sehen wir den Zusammenhang zwischen der Vergangenheit und
der Zukunft, die uns auch heute schon als ein Arbeitsfeld vorliegt. Wir
sehen vor uns auftauchen den ganzen Horizont der Zukunft, und wenn
wir von Welt, Mensch und Erde sprechen, werden wir nicht blofi von
der Vergangenheit zu sprechen haben, sondern auch von den Kraften
der Zukunft; denn die Welt ist nicht blofi etwas, was mit der Ver-
gangenheit zu tun hat, sondern was sich hineinentwickelt in die Zu-
kunft, und unsere Erde hat noch ein grofies Stuck Zukunft zu absol-
vieren. Der Mensch aber wird noch zukunftiger sein als die Erde,
und wenn wir ihn ganz kennenlernen wollen, dann miissen wir nicht
nur hineinschauen in die Vergangenheit, dann miissen wir studieren,
was heute wirkt und was wirken wird im grolSen Weltenmorgen.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 6. August 1908
Wenn wir in den kommenden Auseinandersetzungen uns die Bezie-
hungen zwischen Welt, Erde und Mensch vor Augen fuhren wollen,
dann wird es notwendig sein, daft wir uns heute manches vor die Seele
stellen, was uns eine Art Grundlage dazu liefert. Wir miissen ja be-
denken, daft, wenn wir uns nur unserer aufteren Sinne und des an die
Sinne gebundenen Verstandes bedienen, wir dann im Grunde genom-
men sehr wenig iiberschauen konnen. Das gilt sowohl von der Erde wie
von dem Menschen, und in hoherem Mafie noch von dem Weltall. Wir
miissen uns klar sein dariiber, daft ein grower Teil des Wesentlichsten
den aufteren Sinnen wie auch der aufteren Verstandesbetrachtung iiber-
haupt verborgen bleibt. Daher wollen wir zunachst auf einiges hin-
deuten, was von den uns umgebenden Wesenheiten im Verborgenen
vorhanden ist. Dabei wird mancherlei erwahnt werden miissen, was
vielen von Ihnen schon bekannt ist, aber zum Verfolgen des ganzen
groften tatsachlichen Zusammenhangs ist es notwendig, daft wir uns
vorher alle diese Dinge noch einmal vor die Seele fuhren. Vor alien
Dingen miissen wir uns einmal umschauen auf dem Weltenkorper, den
wir zunachst bewohnen und der im Mittelpunkt unserer Betrachtung
liegen wird: unsere Erde.
Wir haben gestern ein Snick unserer Erdenentwickelung im Zu-
sammenhange mit der ganzen Erdenentwickelung betrachtet; wir ha-
ben gesehen, wie sich im Laufe dieser Entwickelung Wesenheiten in im-
mer anderer Weise betatigt haben, von jenem Zeitpunkt an, wo Erde
und Sonne noch einen Korper bildeten, bis in unsere Zeit hinein. Und
wir haben gesehen, wie in der nachatlantischen Zeit die Menschen in der
Erkenntnis und im religiosen Bewufttsein alles das wiederholen, was
die ganze Erde im Laufe ihrer Entwickelung durchgemacht hat. Nun
aber miissen wir auf diese Erde immer tiefer eingehen. In der sicht-
baren Welt umgibt uns zunachst in bezug auf unsere Erde die Gesamt-
heit dessen, was wir die vier Reiche der Natur nennen: das mineralische
Reich, das pflanzliche, das tierische und das menschliche Reich. Aber
der Mensch ist nicht blofi das materiell-physische Wesen, von dem uns
die aufieren Sinne Kunde geben, das uns der Verstand der iiufieren
Wissenschaft beschreibt und erklart, sondern er ist eine komplizierte
Wesenheit, die sich aus dem physischen Leib, dem Atherleib, dem
Astralleib und dem Ich aufbaut. Das alles wissen wir ja.
Wenn wir nun den Blick iiber die anderen Wesen der Erdenreiche
hinschweifen lassen, dann mussen wir uns vor alien Dingen dessen be-
wufit sein, dafi diese Ausdriicke - physischer Leib, Atherleib, Astral-
leib und Ich - nicht etwa bedeutungslos fur die anderen Wesenheiten
sind, sondern dafi sie im Gegenteil ihre gute Bedeutung haben. Wenn
wir im Physischen bleiben, konnen wir von alien Erdenwesen ja zu-
nachst nur dem Menschen eine Ich-Wesenheit zuschreiben. Hier in die-
ser physischen Welt hat nur der Mensch ein selbstbewuiStes Ich. Bei den
Tieren ist es ein ganz anderes Verhaltnis; das Tier hat nicht in der-
selben Weise sein Ich in der physischen Welt wie der Mensch. Wenn wir
das Tier in seinem Unterschiede von dem Menschen betrachten, dann
miissen wir zunachst sagen: Wahrend jeder Mensch als einzelne, inner-
halb seiner Haut abgeschlossene Individuality sein Ich hat, hat das
einzelne Tier nicht sein Ich, sondern es ist so, daft immer gewisse Grup-
pen gleichgestalteter Tiere zusammen ein Ich haben. So haben zum Bei-
spiel alle Lowen oder alle Baren zusammen ein Ich, und wir nennen
daher ein solches Ich der tierischen Welt ein Gruppen-Ich. Des Men-
schen Ich begegnet uns in der physischen Welt; wenn wir es auch nicht
mit den Augen sehen konnen, es ist in jedem Menschen sozusagen inner-
halb seiner Haut vorhanden. Bei dem Tiere ist das nicht der Fall, das
Gruppen-Ich begegnet uns nicht in der physischen Welt. Um uns nun
eine Vorstellung von einem solchen Gruppen-Ich zu verschaffen, den-
ken Sie sich einmal, vor mir stiinde eine Wand, und in dieser Wand
waren zehn Locher. Ich strecke meine zehn Finger durch die Locher
und bewege sie. Nun konnen Sie meine zehn Finger sehen, mich selbst
aber nicht, und Sie werden sich ohne weiteres sagen, dafi diese Finger
sich nicht von selbst bewegen, sondern daft da irgend etwas Verborge-
nes sein muft, was die Bewegung verursacht; mit anderen Worten: Sie
vermuten eine Wesenheit, die zu den zehn Fingern gehort. Dieser Ver-
gleich fuhrt uns auf das Gruppenhafte, auf das Seelenartige beim Tiere.
Die vielen Lowen hier auf dem physischen Plane sind Wesen, die uns
in einer gewissen Beziehung auch etwas verbergen. So wie sich die
Zentralwesenheit zu den zehn Fingern hinter der Wand verbirgt, so
verbirgt sich auch hier etwas, was alien Lowen gemeinsam ist, und
zwar aus dem Grunde, weil es in der physischen Welt iiberhaupt nicht
vorhanden ist. Dasselbe Ich-Wesen, das beim Menschen in der physi-
schen Welt vorhanden ist, befindet sich beim Tier in der astralischen
Welt: das Tier hat sein Gruppen-Ich in der astralischen Welt. Wenn
wir uns schematisch die Beziehung des Tieres zu seinem Ich vorstellen
wollen, so miissen wir uns eine Grenze zwischen der physischen und
der astralischen Welt denken; beim Menschen ist das Ich unten in der
physischen Welt, beim Tier dagegen ist nur der physische Leib, der
Atherleib und der Astralleib in der physischen Welt. Das vierte Glied,
das Ich, ist nicht wie beim Menschen in der physischen Welt. Von jedem
einzelnen Tiere erstreckt sich eine Fortsetzung in die astralische Welt
hinein, und da gehen diese Fortsetzungen zusammen und bilden dort
das Kleid, die Hiille fur das tierische Gruppen-Ich, sagen wir fur das
Lowen-Ich. Dieses Gruppen-Ich lebt als einzelne Personlichkeit auf
dem Astralplane wie das menschliche individuelle Ich hier auf dem
physischen Plane. Schematisch ausgedriickt: Wenn der Hellseher den
astralischen Plan betritt, so begegnet er dort den tierischen «Ichen»
Astral- Welt S0?**„
PhyiistheWelt d " * * *
als einzelnen Wesenheiten, die ihre Glieder in die physische Welt vor-
strecken. Nun diirfen Sie aber freilich sich die Sache nicht blofi sche-
matisch vorstellen, sondern Sie miissen sich daran gewohnen, sie sich
in ihrer wirklichen Tatsachlichkeit vorzustellen. Sie miissen sich klar
dariiber sein, dafi wir nicht in eine andere Region zu gehen haben, um
in die astralische Welt hineinzukommen, denn diese astralische Welt
durchdringt unsere physische Welt; es handelt sich nur darum, dafi wir
mit geoffneten astralischen Sinnen in sie hineinblicken konnen.
Nun fragen wir: Wie sieht denn der Hellseher die Gruppen-Iche
der Tiere? - Der Hellseher nimmt das Gruppen-Ich einer der hoheren
Tiergattungen zum Beispiel dadurch wahr, daft er langs des Riick-
grats des Tieres etwas wie einen helleuchtenden Streifen sieht. Es durch-
ziehen unseren Luftkreis in der Tat nicht nur die materiellen Stromun-
gen, die wir kennen, sondern nach alien Seiten wird er auch von wirk-
lichen Stromungen astralischer Art durchzogen. Der Hellseher sieht,
wenn sein geistiges Auge geoffnet ist, unsere Erde von vielerlei Stro-
mungen durchzogen, und in solchen Stromungen lernt er erkennen die
Gruppen-Iche der Tiere.
Als zweites tritt die Frage an uns heran: Haben denn auch die niedri-
geren Wesen, wie zum Beispiel die Pflanzen, etwas von einem Ich? - Ja,
auch sie haben ein Ich. Wenn der Hellseher die Pflanze untersucht, so
findet er folgendes: Das, was in der physischen Welt da ist, ist nichts
anderes als eine Zusammenfiigung von physischem und Atherleib. Den-
ken wir uns, dafi wir hier die Oberflache der Erde haben (es wird ge-
zeichnet); hier die Wurzel einer Pflanze, den Stengel, die Blatter und
die Bliite. Was da in der physischen Welt herauswachst, hat nicht wie
der Mensch physischen, Ather-, Astralleib und Ich, sondern nur physi-
schen Leib und Atherleib. Das Tier hat auf dieser Welt noch seinen
Astralleib, die Pflanze nicht. Aber Sie durfen daraus nicht schlieften,
daft das, was als Astralisches Sie erfiillt und auch in dem Tiere tatig
ist, bei der Pflanze nicht tatig ware. Fur das geoffnete Auge des Hell-
sehers wird die Pflanze umgluht und umstrahlt, und zwar vorzugs-
weise umstrahlt von astralischen Substanzen. Und diese sind es auch,
die da mitwirken an der Bildung der Bliite. Wahrend also die Pflanze
von Blatt zu Blatt wachst durch den Einflufi des Atherleibes, wird sie
oben in der Bliite abgeschlossen dadurch, dafi sie umspiilt wird von
astralischer Substanz.
Jede Pflanze, die in die Hohe wachst, sieht der Hellseher so von
dieser astralischen Substanz umgeben. Aber es ist noch etwas anderes
bei dieser Pflanze vorhanden - das Ich. Wollen wir das Ich der Pflanze
fassen, so mussen wir es im Mittelpunkt der Erde suchen. Dort haben
alle Pflanzen ihr Ich, das ist eine wichtige und wesentliche Wahrheit.
Wahrend wir also die Iche der Tiere die Erde umkreisen sehen, miis-
sen wir, um das Pflanzen-Ich wahrzunehmen, den Blick hinlenken
zum Mittelpunkt der Erde. Und in der Tat, wenn der hellseherische
Blick vordringt zu solchem Anschauen der Pflanze, dann erweitert sich
die Erde, die ja dem Menschen sonst nur wie ein materielles Gebilde
gegenubersteht, zu einem Organismus, der in der Mine sein Ich hat;
und dieses Ich besteht aus alien Pflanzen-Ichen zusammen. Die Erde
ist beseelt mit einem Ich, und geradeso wie Ihr Kopf Haare tragt, die
also aus Ihrem Wesen herauswachsen, so wachsen die Pflanzen aus dem
Wesen der Erde heraus und gehoren zum gesamten Erdenorganismus.
Und wenn Sie eine Pflanze mit der Wurzel aus der Erde herausreifSen,
so tut das der gesamten Erde weh, so empfindet die Pflanzenseele
Schmerz. Das ist eine Tatsache. Dagegen diirfen Sie nicht glauben, daft
es der Erde weh tut, wenn man etwa die Bliite abpfliickt; da findet das
Entgegengesetzte statt. Wenn Sie zum Beispiel im Herbste sehen, wie
der Schnitter durch die Kornhalme fahrt, so sieht der hellseherische
Blick, wie iiber die Erde hinstreichen ganze Strome von Wohlgefuhlen.
Sie diirfen dabei keine moralischen Einwande geltend machen. Sie
konnten zum Beispiel sagen: Ist es denn eine geringere Sunde, wenn
das Kind alle moglichen Pflanzen ganz unniitz abreifk, als wenn man
eine Pflanze sorgfaltig und mit guter Absicht versetzt? - Die Tatsachen
bleiben bestehen. Entwurzeln Sie eine Pflanze, so tut es der Erde weh,
schneiden Sie eine Pflanze ab, so tut es der Erde wohl. Denn die Erde
gibt gern her, was sie an der Oberflache tragt, und wenn die Tiere iiber
den Erdboden gehen und die Pflanzen abgrasen, dann empfindet sie es
als ein Wohlgefiihl, ahnlich wie es die Kuh empfindet, wenn das Kalb
an ihrer Brust saugt. Das ist durchaus eine okkulte Tatsache. Das, was
als Pflanze aus der Erde herauswachst und oben von dem Astralleib
umstrahlt wird, das ist fur die Erde dasselbe wie die von den tierischen
Lebewesen hingegebene Milch. Das alles sind keine bloften Vergleiche,
sondern wirkliche Tatsachen. Wer mit hellseherischem Blick in die
astralische Welt hineinsehen kann, sieht aber noch nichts von dem Ich
der Pflanze, dazu gehort ein hoheres Hellsehen, das in die devachani-
sche Welt hineinzuschauen vermag. Wir miissen also sagen, die Grup-
pen-Iche der Tiere sind in der astralischen Welt, wahrend das Ich der
Pflanze sich in der devachanischen Welt befindet.
Und nun stellt sich uns von selbst die Frage: Wie stent es denn mit
der mineralischen Welt? Wie stent es mit dem sogenannten toten Ge-
stein? Hat auch das etwas wie ein Ich oder wie hohere Glieder? - Wenn
wir den Stein betrachten, so finden wir, daft er in dieser Welt nur den
physischen Leib hat. Der Atherleib des Minerals umgibt das Mineral
und hullt es von alien Seiten ein. Wenn Sie zum Beispiel einen Berg-
kristall nehmen, so mussen Sie sich vorstellen, daft diese ganze Form
ausgespart ist, wie ein atherischer Hohlraum ist, und daft erst da, wo
die physische Substanz aufhort, das Atherische beginnt; wie die Pflanze
oben von dem Astralischen umspiilt wird, so ist das Mineral von alien
Seiten vom Atherischen umgeben. Dieses Atherische ist zu Hause in der
Astralwelt; merken Sie wohl auf: hier haben wir ein Atherisches, das
in der Astralwelt zu Hause ist. Die Dinge sind in Wirklichkeit kom-
plizierter, als man gewohnlich denkt. Nicht etwa ist es so, daft in der
astralischen Welt alles astralisch ist; das ist ebensowenig der Fall, wie
in der physischen Welt alles physisch ist. Sie haben zum Beispiel auf
dem physischen Plane, in der physischen Welt den Atherleib, den
Astralleib und sogar das Ich des Menschen. So sieht auch der Hellseher
den Atherleib des Minerals in der astralischen Welt.
Wo ist nun der Astralleib des Minerals?
Er nimmt sich aus wie ganz eigentiimlich geformte Strahlen. Denken
Sie sich solche Strahlen, die sich wie Spitzen in den Atherleib hinein-
bohren, denken Sie sich solche Lichtgebilde, welche immer breiter und
breiter werden, und dann sich sozusagen hineinbohren in den Atherleib
des Minerals. So haben Sie astralische Strahlenfiguren, die von jedem
Mineral ausstrahlen. Ein Ende finden Sie da nicht, denn diese Figuren
strahlen ins Unbestimmte in den Weltenraum hinaus. Wenn Sie also
einen Bergkristall betrachten, so sehen Sie zunachst den Raum, der
physisch ausgefullt ist; hellseherisch sehen Sie die physische Form um-
geben vom Lichte des Atherleibes und dann wie eingebohrt allerlei
Strahlengebilde, die sich nach alien Seiten hin unendlich hinauserstrek-
ken in den Raum. Hier wird Ihnen der Blick erweitert von jedem
Punkte des Raumes, der von irgendeiner mineralischen Substanz erflillt
ist, in das Unendliche hinaus. Kein Punkt des Raumes, der aufler Zu-
sammenhang mit dem Weltall ware. Es ist, wie wenn jedes einzelne
in unserer Welt an tausend und tausend Lichtfaden geistiger Art hinge,
Lichtfaden, die sich in den unendlichen Raum hinaus erstrecken, und
Sie konnen sich vorstellen, wenn sich das immer mehr und mehr er-
weitert, wie dann alle diese Lichter ineinanderflieften miissen. Und in
der Tat, wenn Sie ein Mineral hellseherisch betrachten, so stellt sich
Ihnen dieser Anblick dar: Sie sehen den physischen Leib umstrahlt von
den Lichtfiguren des Atherleibes; dann sehen Sie Strahlen, die sich
immer mehr und mehr erweitern, hinausgehen in den Weltenraum; Sie
sehen sie verschwinden wie in einer Hohlkugel; von jedem Mineral
aus konnen Sie sich den Mittelpunkt denken von einer solchen Hohl-
kugel, und diese sind uberall, in der ganzen Welt vorhanden. Solche
Hohlkugeln stecken ineinander, und wenn wir uns vorstellen, dafi sich
das hellseherische Vermogen mehr und mehr erhebt bis dahin, wo diese
Strahlen sich vereinigen, da kommen wir zu dem, wo uns von alien
Seiten des Weltenraumes entgegenstrahlen die Iche der Mineralien,
Dem hellseherischen Vermogen zeigen sich diese Iche, wenn es die ho-
heren Partien des devachanischen Planes betritt. Wahrend die Strah-
len selbst in den niederen Partien sind, also auch der Astralleib, ist das
Ich in der hochsten devachanischen Welt.
So haben wir also eine Obersicht liber die verschiedenen Reiche. Das
Ich des Menschen ist auf dem physischen Plane, das Ich der Tiere auf
dem Astralplane, das der Pf lanze auf den niederen Stuf en der devacha-
nischen Welt, und das Ich der Mineralien auf den hochsten devachani-
schen Stuf en.
In einer gewissen Beziehung sind deshalb die Mineralien hier auf
der Erde in der entgegengesetzten Lage wie der Mensch. Der Mensch
hat sein Ich drinnen, innerhalb der Haut eingeschlossen, der Mensch
ist, jeder fur sich, ein Zentrum, ein Menschenzentrum. Die Pflanzen
bilden schon ein weiteres Zentrum; alle zusammen bilden sie ein Erden-
zentrum, und die Mineralien bilden in ihren Ichen den Umkreis unserer
Weltensphare. Daher ist das menschliche Ich uberall Mittelpunkt, wo
der Mensch steht; das mineralische Ich ist uberall im Umkreise: genau
das Entgegengesetzte wie beim Menschen. Und nun werden Sie es be-
greiflich finden, wenn ich sage, daft das Mineral als Seele in einer ganz
anderen Lage ist als zum Beispiel die Menschen- oder Tierseele. Wenn
Sie ein Mineral zerschlagen, so empfindet es nicht Schmerz, sondern im
Gegenteil Lust und Wollust, und ganze Strome von Wollust entstro-
men einem Steinbruch, wenn das Gestein zerschlagen und zersplittert
wird. Dagegen wurde es einen ungeheuren Schmerz verursachen, wenn
Sie all das Zersplitterte, all das Abgespaltete wieder zusammensetzen
wollten. Sie konnen das an einem anderen Vorgange verfolgen. Denken
Sie sich ein Glas mit warmem Wasser, Sie werfen ein Stuck Salz hinein.
Indem sich das Salz auflost, lost sich nicht nur Materie auf, sondern
Wohlgefiihl erfullt das warme Wasser, Wollust im Zerreiften der mi-
neralischen Teiie beim Auflosen. Wenn Sie aber nun das Wasser ab-
kiihlen, so daft das Salz sich wieder kristallisiert, dann ist dieser Vor-
gang mit Schmerzgefiihl verbunden. Solche Dinge haben die Einge-
weihten immer gewuftt, und sie haben es auch den Menschen immer
gesagt. Die Menschen mussen es nur verstehen lernen. Einer der groften
Eingeweihten hat gerade dariiber Bedeutsames gesprochen. Denken wir
uns einmal, wie es einst im Erdenwerden war. Heute wandeln wir auf
einer festen Erde umher; aber das war nicht immer so. Wenn wir die
Erde in ihrer Entwickelung zuruckverfolgen, so finden wir, daft sie
immer weicher wird, zuletzt flussig und sogar dampfformig. Alles, was
heute Festes, Mineralisches ist, hat sich herauskristallisiert aus der einst
fliissigen Erde. Damit der Mensch auf dieser Erde wandeln konne,
muftte sich verfestigen, was weich und flussig war. Zum Menschen-
dasein war notwendig, daft die Erde in ihrem mineralischen Wesen
Unendliches durchgemacht hat an Schmerz, denn unendlicher Schmerz
war verkniipft mit diesem Festwerden der Erdenmasse. Deshalb sagt
Paulus mit Bezug auf diese Tatsache: «Alle Kreatur seufzet unter
Schmerzen, der Annahme an Kindesstatt harrend.» Das heiftt, es muftte
unter Schmerzen sich die Erde verfestigen, derMineralgrund sichbilden,
damit der Mensch in Gottes Kindschaft angenommen werden konnte.
Die Schriften, die von wirklichen Eingeweihten stammen, sind so,
daft der Mensch keineswegs die Achtung vor ihnen zu verlieren braucht,
wenn er sie wirklich kennenlernt; mit tiefen Schauern wird ihn jede
Zeile der inspirierten Bibelschrift erfiillen, wenn er durch Geistes-
weisheit ihren Sinn erkennt. In einem solchen Worte: «Alle Kreatur
seufzet unter Schmerzen», liegen Weltengeheimnisse verborgen. Aller-
dings werden solche Wahrheiten erst wieder fruchtbar werden fur die
Menschheit, wenn sie in das Gefiihl eingedrungen sind. Nicht nur ab-
strakt, mit dem Verstande, diirfen sie begriffen werden, sondern sie
miissen einverleibt werden, eindringen in die wirkliche Erkenntnis.
Betrachten wir noch einmal die Pflanze, wie der physische Leib
herauswachst, oben umgliiht vom Astralleib, mit ihrem Ich im Mittel-
punkt der Erde. Lassen Sie mich noch einmal auf das Wesentliche der
Sache hinweisen. Was tut denn dieser Astralleib, der von aufien die
Bliite umhiillt? Er tut wirklich etwas, was von Bedeutung ist im Leben
der Pflanze, und wir werden es verstehen, wenn wir ein wenig tiefer
noch in das geistige Gefiige unseres Erdendaseins hineinblicken. Wir
haben gestern gesehen, dafi es eine Zeit gab, wo Erde und Sonne noch
einen Korper bildeten. Der Mensch lebte schon damals, wenn auch
unter ganz anderen Bedingungen als heute; er hatte ein dumpfes hell-
seherisches Bewulksein; sein Organismus war so, dafi er in dieser Erden-
Sonnenmasse leben konnte. Heute ist er so organisiert, daft, wenn der
Sonnenstrahl zu ihm kommt und in sein Auge fallt, er dann diesen
Sonnenstrahl sieht. Das heiftt, er sieht den von auften an ihn heran-
dringenden Sonnenstrahl, oder er sieht durch den Sonnenstrahl. Aber
so war es nicht, als der Mensch noch mit der Erde in der Sonne war.
Da sah er den Sonnenstrahl sozusagen von innen, er sah die seelischen
Krafte, die den Sonnenstrahl durchdrangen - und wissen Sie, was diese
Seelenkrafte waren? Der Sonnenstrahl ist durchdrungen von dersel-
ben Kraft, die wir in unserem eigenen Astralleibe haben. Das phy-
sische Licht ist nur der aufiere Leib des astralischen Lichtes, das von der
Sonne ausstrahlt, und in Wahrheit ist das, was da oben den Pflanzen-
leib umglimmt, astralisch innig verbunden mit dem, was an Astra-
lischem von der Sonne kommt. Sie haben einen Wunsch, einen Willen,
weil Sie einen Astralleib haben. Hier ist Wunsch, Wille, Gefiihl, was
oben die Pflanzenbliite umspult. Was will denn das, was die Bliite um-
spiilt? Es will einsaugen, aufnehmen die Seele des Sonnenstrahls, und
mit der Seele das Reinste, das Ich, und es ist die Fortsetzung des Son-
nenstrahles, was durch die Pflanze zum Mittelpunkt der Erde geht.
In dieser Tatigkeit des geistigen Inhaltes des Sonnenstrahls, der durch
die Pflanze hindurch zum Mittelpunkt der Erde geht, driickt sich die
Tatigkeit des Ich der Pflanze aus. So wirken Geist, Pflanze und Sonne
zusammen. Es werden in der Tat die geistigen Krafte, die in der Sonne
liegen, fort und fort der Erde zugefiihrt, und wodurch? Durch jene
die Pflanzenbliite umspiilenden Astralkorper, die sich sehnen nach der
Seele des Sonnenstrahls, die sie lechzend aufnehmen und hinunter-
senken durch ihren Leib hindurch in die Erde. Das, was sich aufierlich
abspielt in der physischen Welt durch die Einwirkung der Sonnenstrah-
len, das ist nur die eine Seite, die andere aber ist, was in der Pflanze
seelisch wirkt und was sich lechzend sehnt nach der Seele des Lichts,
die in dem Sonnenstrahle der Erde zustromt.
Und nun werden Sie begreifen, wie diese Dinge praktisch werden
konnen. Denken Sie sich einen Menschen der fernen Zukunft, der das,
was eben gesagt worden ist von den sehnsiichtigen Wunschen der Pflan-
zen, die Sonnenseele einzusaugen, einer jeden Pflanze gegeniiber emp-
findet. Dieser Mensch wird auf einer hoheren, spirituellen Stufe etwas
haben, was das Tier auf einer niedrigen Stufe hat, wenn es iiber eine
Weide geht und die Pflanzen, die ihm gerade taugen, abpfluckt und
die anderen stehen lafit. Ein unbewuftter Instinkt, das heiftt in Wirk-
lichkeit hohere Geister, lenken das Tier. In bewuftter Weise wird der
Mensch der Zukunft sich den Pflanzen nahern, die ihm taugen; nicht
wie heute, wo er nachdenkt, was die beste Substanz fur seinen Leib
gibt, sondern einen lebendigen Bezug wird er haben zu jeder einzelnen
Pflanze, denn er wird wissen, daft, was die Pflanzen eingesogen haben,
auch als solches in ihn iibergeht. Das Essen wird nicht eine niedrige
Beschaftigung fur ihn sein, sondern etwas, was mit Seele und Geist
vollbracht wird, weil er wissen wird, daft alles, was er verzehrt, die
auftere Gestalt fiir ein Seelisches ist. Fur unsere Zeit, fur unser Zwi-
schenzeitalter, wo die Menschen nicht so viel wissen konnen von den
lebendigen seelischen Beziehungen zwischen sich und der Welt, mufi-
ten allerlei Surrogate geschaffen werden. Warum haben zu alien Zei-
ten die Eingeweihten den Menschen dazu angehalten, zu beten vor dem
Essen? Das Gebet sollte nichts anderes sein als eine Dokumentierung da-
fur, daft beim Essen ein Geistiges in den Menschen einflieftt.
So sehen wir die Empfindungs- und Gefiihlswelt eine andere wer-
den, wenn der Mensch wirkliche Weisheit in sich aufnimmt. Mit einer
Sicherheit, wie auf niederer Stufe der Instinkt des Tieres, wird der
Mensch in strahlender, heller Klarheit wissen, was er tut; er wird es
wissen, weil er die Seele dessen erkennen wird, was er mit sich vereint.
Selbst bis in dies Gebiet hinunter konnen wir verfolgen, welch einen
praktischen Wert die Geisteswissenschaft fur die Zukunft hat.
Und so betrachten wir nun die Welt mit ganz anderen Empfindun-
gen. Wir sehen die Erde nicht nur als einen Weltkorper an, der von den
Sonnenstrahlen beschienen wird, sondern ein Lebewesen wird sie uns,
das durch den Mantel der astralischen Pflanzenhiille die Seele der
Sonne einsaugt; und wir sehen, dafi das ganze Wei tall durchzogen ist
von den Ichen der Mineralien, alles wird beseelt und durchgeistigt.
Aber wir konnen noch weitergehen. Wir haben die vier Reiche ge-
funden: Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich. Aber damit ist
es nicht zu Ende. Das sind nur diejenigen Reiche, welche der Mensch in
seiner normalen Entwickelung sehen kann. Wir haben schon friiher dar-
auf aufmerksam gemacht, dafi der Mensch zum Beispiel in der atlan-
tischen Zeit Genosse von solchen Wesenheiten war, die nur einen Ather-
leib als dichtestes Gebilde hatten. Das, was als Erinnerung geblieben
ist in den Sagen der Volker, die Gestalten eines Zeus, eines Apollo, sie
waren wirkliche Gestalten fiir die alten Atlantier; wahrend des Schlaf-
zustandes haben sie mit ihnen zusammen gelebt. Solche Wesen gibt es
durchaus, die nicht bis zur f leischlichen Verkorperung heruntergestie-
gen sind. Und so konnen wir vom Menschen hinaufblicken zu hoheren
Reichen, und da sind es zunachst drei Reiche, die uns interessieren. Wir
nennen im Sinne der christlichen Esoterik dasjenige Reich, das an
das menschliche Reich unmittelbar angrenzt, das Reich der Engel oder
Angeloi; man nennt sie auch die Geister des Zwielichts. Dann ein zwei-
tes, hoheres Reich iiber den Engeln ist das Reich der Erzengel oder
Archangel oi oder auch der Feuergeister; und endlich ein noch hoheres
Reich, das der Urkrafte, Urbeginne oder Archai, auch die Geister der
Personlichkeit genannt. Das sind also drei Reiche iiber dem Menschen,
und nun wollen wir uns iiber das Leben dieser Reiche einiges klar-
machen. Sie spielen in unser Leben durchaus hinein: wie der Mensch
in das Leben der Pflanzen hineinspielt, wenn er die Erde bebaut, so
spielen diese hoheren Reiche herein in das Menschenreich. Wir werden
uns das am besten klarmachen konnen, wenn wir folgendes betrachten:
Gegenwartig hat der Mensch ein Ich, einen Astralleib, einen Atherleib
und einen physischen Leib. Wie geschieht nun die Weiterentwickelung?
Dadurch, dafi der Mensch an sich selbst mehr und mehr arbeitet. Heute
ist das Ich des Menschen in vieler Beziehung noch ohnmachtig gegen-
iiber den anderen Gliedern seiner Wesenheit. Denken Sie nur daran, wie
der heutige Mensch vielfach nicht imstande ist, seine Leidenschaften
zu beherrschen und von ihnen, also von seinem astralischen Leib, be-
herrscht wird. Es ist ein grofier Unterschied unter den Menschen in
dieser Beziehung. Der eine ist ganz hingegeben seinen astralischen Kraf-
ten, seinen Leidenschaften. Betrachten Sie den Wilden, der seine Mit-
menschen f rilk, und vergleichen Sie ihn mit dem heutigen europaischen
Kulturmenschen; und dann betrachten Sie einen hohen Idealen nach-
strebenden Menschen, wie Schiller oder Franz von Assist. Sie sehen, es
ist eine Fortentwickelung, die darin besteht, dafi die Menschen immer
mehr und mehr lernen, ihren Astralleib vom Ich aus zu beherrschen.
Und es wird eine Zeit kommen, wo das Ich den Astralleib ganz
beherrscht, ihn durchgliiht und durchzieht. Dann wird der Mensch ein
hoheres Glied ausgebildet haben, das wir Manas oder Geistselbst nen-
nen. Es ist nichts anderes als der durch das Ich umgewandelte Astral-
leib. Wenn wir den heutigen Menschen betrachten, so miissen wir sa-
gen, sein Astralleib besteht eigentlich aus zwei Teilen, aus dem, was
er schon umgewandelt hat, was unter der Herrschaft des Ich steht,
und dem, was sein Ich noch nicht beherrschen kann. Dieser Teil ist noch
von anderen, niederen Kraften und Trieben erfullt, und wenn das Ich
diese hinaustreibt, fizgt es dem astralischen Leibe allerlei Krafte hinzu.
Damit aber der Astralleib iiberhaupt erhalten bleibe, damit er nicht
durch das Niedere zerstort werde, mufi er immer noch durchdrungen,
durchsetzt sein von hoheren Wesenheiten, die ihn heute so beherrschen
konnen, wie einst der Mensch es tun wird, wenn er am Ziele seiner
Entwickelung angelangt sein wird. Diese Wesen, die die Aufgabe ha-
ben, den vom Menschen unbeherrschten Teil seines Astralleibes zu be-
herrschen, stehen eine Stufe hoher als der Mensch, es sind die Engel oder
Geister des Zwielichts. In der Tat wacht sozusagen iiber jedem Men-
schen ein solch hoherer Geist, der iiber seinen Astralleib Macht hat, und
es ist nicht blofi eine kindliche Vorstellung, sondern eine tiefe Weisheit,
wenn man von Schutzengeln spricht. Sie haben eine grofte Aufgabe,
diese Schutzengel.
Betrachten wir den Gang eines Menschenlebens iiber die Erde in sei-
ner Gesamtheit. Wir wissen, es geht durch viele Verkorperungen hin-
durch. Einmal, in einem gewissen Punkte der Erdentwickelung, be-
ginnt der Mensch als Seelen-Ich in seiner ersten Inkarnation auf der
Erde zu leben. Dann stirbt er, es kommt eine Zwischenzeit, dann eine
neue Verkorperung, und so geht es fort von Inkarnation zu Inkarna-
tion, und das wird erst in einem fernen Punkte der menschlichen Ent-
wickelung sein Ende haben. Dann wird der Mensch durch alle Inkar-
nationen hindurchgegangen sein, und dann wird er auch die Fahigkeit
erlangt haben, seinen astralischen Leib vollkommen zu beherrschen. Das
kann er nicht friiher, als bis er durch alle Inkarnationen hindurchge-
gangen ist, wenigstens nicht in normaler Entwickelung. Da verf olgt nun
ein solcher hoherer Geist das Innerste der Menschennatur, was sich von
Inkarnation zu Inkarnation zieht, und leitet den Menschen von In-
karnation zu Inkarnation, so daft er seine Erdenmission wirklich erfiil-
len kann. Es ist in der Tat so, wie wenn der Mensch seit dem Beginn
seiner Erdenwanderung hinaufsehen konnte nach einem erhabenen
Geist, der sein Vorbild ist, der ganz seinen astralischen Leib beherr-
schen kann, der ihm sagt: So muEt du sein, wenn du einst aus dieser
Erdentwickelung heraustrittst. - Das ist die Aufgabe der sogenannten
Geister des Engelreiches, die Inkarnationen der Menschen zu leiten.
Und ob man sagt, der Mensch blickt auf zu seinem hoheren Selbst, dem
er immer ahnlicher werden soil, oder ob man sagt, er schaue zu seinem
Engel als zu seinem grofien Vorbilde hinauf, das ist im Grunde genom-
men geistig ganz dasselbe.
Und dann, wenn der Mensch weiterarbeitet, wird er den Atherleib
umgestalten zu Buddhi oder Lebensgeist; bewuftt wird er es einst tun,
aber auch heute schon arbeitet er unbewuftt daran. Um so mehr miissen
heute hohere Geisteswelten mitwirken in alien Menschen- Atherleibern,
und die Feuergeister sind es, die diese Arbeit verrichten. Nun sind aber
die Atherleiber der Menschheit nicht so individuell verschieden wie
die Astralleiber. Jeder Mensch hat seine besonderen Tugenden oder
Untugenden, aber in bezug auf das, was mit dem Atherleib zusammen-
hangt, herrscht eine gewisse Gleichheit; wir sehen das an den Eigen-
schaften, die mit der Rasse, mit dem Volkstum zu tun haben. Und
deshalb sehen wir auch, daft in bezug auf seinen Atherleib nicht jeder
Mensch seinen Erzengel hat, sondern es sind Volksstamme, Rassen, die
von hoheren und niederen Feuergeistern geleitet werden. Die Volker
und Rassen unserer Erde werden in der Tat gemeinschaftlich gelenkt
von jenen Geistern, die man die Erzengel oder Feuergeister nennt. Da
erweitert sich Ihr Blick auf etwas, was fur viele Menschen recht ab-
strakt ist, was aber fiir den, der in geistige Welten hineinsieht, etwas sehr
Konkretes darstellt. Wenn jemand heute vom Volksgeist oder von der
Volksseele spricht, so halt er das fiir irgendeine Abstraktion. Fiir den
okkulten Beobachter ist das nicht so. Da ist das ganze Volk wie gemein-
sam hineingebettet in eine geistige Substanz, und diese geistige Sub-
stanz ist der Leib eines Feuergeistes. Und wie unsere Erde gelenkt und
geleitet wird von alten grauen Zeiten her bis auf uns, von Volk zu
Volk, von Rasse zu Rasse, da sind es die sozusagen iiber die Entwicke-
lung hinschreitenden Feuergeister, die in den Volksseelen ihren Leib
haben und die den Gang der Erdentwickelung also leiten.
Und dann gibt es noch etwas, was von solchen Gemeinschaften wie
Volk und Rasse unabhangig ist. Betrachten wir unsere heutige Zeit,
wie vieles unabhangig von solchen Gemeinschaften ist; und blicken wir
zuriick zum Beispiel auf die Zeiten des 12. Jahrhunderts. Da sehen wir,
wie gewisse geistige Angelegenheiten sich bei alien Volkern Europas in
gleicher Weise abspielen, wir sehen etwas, was iibergreifend ist iiber die
Volksgeister - man hat den Namen Zeitgeist dafiir gepragt. Aber die-
ser Zeitgeist ist in Wirklichkeit vorhanden, und er ist der Leib fiir noch
hohere Wesenheiten, er ist der Leib von den Geistern der Personlich-
keit, von den Urbeginnen.
Und jetzt sehen wir, wie unsere Erde gleichsam eingebettet ist in eine
geistige Atmosphare. Sie i'i&t aus mineralischen Gebilden heraus die
Pflanze hervorspriefien, Tiere und Menschen wandeln auf ihr; sie selbst
aber ist wie eingehullt von erhabenen geistigen Wesenheiten: von Gei-
stern, die den einzelnen Menschen lenken; von Geistern, die die Leiter
und Fiihrer der Volks- und Rassengemeinschaf ten sind, und von denen,
die den Zeitgeist hiniiberlenken von einer Epoche zur anderen.
So haben wir heute einmal versucht, uns einen Oberblick zu ver-
schaffen iiber das, was unsere Erde, ja was unsere Welt in geistiger
Beziehung ist und wie der Mensch mit alldem zusammenhangt. Und
damit haben wir eine Grundlage geschaffen, um wirklich mit Nutzen
zu betrachten, was wir iiber das Verhaltnis von Welt, Erde und Mensch
zu sagen haben werden.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 7. August 1908
Wir haben gestern von all den verschiedenen geistigen Wesenheiten
gesprochen, welche wie eine Art Erganzung zu dem gehoren, was uns
in der physischen Welt umgibt. Wir haben gesehen, wie auch die Steine,
die Pflanzen ihr Ich haben, ihren Astralleib, und unser geistiger Blick
hat sich erweitert iiber eine Fulle von Realitaten aufier denen, die das
physische Auge sieht, und die man mit dem physischen Verstande be-
greifen kann. Wir haben ferner gesehen, wie hohere Wesen sozusagen
tatig sind in dem, was der Mensch innerhalb unserer Erdenentwickelung
vollbringt; schon in bezug auf den einzelnen Menschen sahen wir, daft
eine hohere Wesensgattung einzugreifen hat. Wir betrachten im Sinne
der Geisteswissenschaft den einzelnen Menschen ja zunachst als voll-
standigen Herrn seiner inneren Welt und der Welt seiner Taten, seines
Willens, zwischen seiner physischen Geburt und seinem Tode. Wir
wissen aber, dafi die eigentliche innere Wesenheit des Menschen viele
Inkarnationen durchgemacht hat, und dafi der Mensch in seiner gegen-
wartigen normalen Entwickelung noch nicht fahig ist, hinauszuwirken
iiber die eine Inkarnation, dafi da vielmehr hohere Wesenheiten ein-
greifen miissen, um diejenigen Richtungskrafte zu geben, welche nicht
nur zwischen Geburt und Tod wirken, sondern iiber den Tod hinaus,
von Inkarnation zu Inkarnation. Wir haben gesehen, daft diese gei-
stigen Wesenheiten in der christlichen Esoterik Engel oder Angeloi
genannt werden, und dafi man sie im theosophischen Sprachgebrauch
auch die Geister des Zwielichts oder der Dammerung nennt; man kann
sie auch im Sinne der rosenkreuzerischen Geisteswissenschaft die Sohne
des Lebens nennen, alle diese Bezeichnungen werden uns im Laufe
der Zeit immer klarer werden. Dann haben wir betrachtet, wie die
Menschengemeinschaften, wie die Rassen und Volker von einer Art von
Geistern dirigiert werden, die wir Erzengel oder Feuergeister nennen;
und endlich sahen wir, wie dasjenige, was iiber die engeren Volks-
gemeinschaften hiniibergreift, was als Zeitgeist zum Ausdruck kommt,
dirigiert wird von den Urkraften, die man auch Archai oder Geister
der Personlichkeit nennt oder Asuras in der theosophischen Ausdrucks-
weise. So wirken uberall da, wo wir sind, geistige Wesenheiten in un-
sere Welt herein, und wir sehen die Reiche, die uns zunachst umgeben,
damit um drei vermehrt. Wir wollen uns nun auch eine Vorstellung
davon machen, wie es denn mit der mehr aufterlichen Manifestation
dieser Wesen aussieht.
Wenn wir sie vom gewohnlichen physisch-materiellen Standpunkt
unserer Erde betrachten, dann sehen wir sie zusammengesetzt aus dem,
was wir Erde, Wasser, Luft und Feuer nennen. Das sind, wie wir schon
gehort haben, zunachst vier Zustande der aufieren Materie. Das, was
wir gewohnlich in der Geisteswissenschaft Erde nennen, bezeichnet
man heute als Festes; alles, was fest ist, ist in der Geisteswissenschaft
einfach mit dem Namen Erde belegt. Alles, was fliissig ist, nicht nur
Wasser, sondern auch Quecksilber und so weiter, bezeichnen wir als
Wasser; alles Gas- und Luftformige als Luft; und alles, was von uns
mit irgendeinem Grade von Warme empfunden wird, wird so gedacht,
daft es durchdrungen ist von etwas, was wir substantielle Warme nen-
nen, die nicht fur uns eine auftere Eigenschaft ist, sondern die von
den eben genannten Formzustanden eine Fortsetzung darstellt und die
gleichberechtigt zu solcher Benennung ist. So haben wir das, was uns
materiell umgibt, zuerst einmal vor unser Auge hingestellt.
Nun leben aber in diesen verschiedenen materiellen Elementen als
in ihrer aufterlichen Leiblichkeit die verschiedenen Wesenheiten, von
denen wir gesprochen haben. Fur denjenigen, der mit hellseherischem
Blick die Welt betrachtet, ist deshalb das, was man als f lussiges Element
kennt, besonders das Wasser, nicht etwa nur von den Wesenheiten be-
lebt und durchsetzt, die wir als Wasserwesen, Fische und so weiter
kennen; sondern ein solcher weift, daft trotz der sozusagen verflieften-
den Gestalt des Fliissigen, trotzdem keine feste Form in diesem waft-
rigen Element festgehalten wird, daft trotzdem geistige Wesenheiten
darin wohnen. Und zwar wohnen sie darin richtig verkorpert in dem
wafirigen Element, in verflieftender, fortwahrend sich verandernder
Gestalt, die man deshalb auch mit dem aufieren Auge nicht unterschei-
den kann. Da leben sie, diese Wesenheiten, die wir als Engel, als Geister
des Zwielichts bezeichnet haben. Sie haben wirklich ihren physischen
Leib so, dafi er nicht eine festumrissene Korperlichkeit darstellt; und
wenn die alten Mythen und Sagen von solchen Wasserwesen erzahlen,
so ist das keine Phantasie, sondern entspricht einer Tatsachlichkeit.
Weiter leben in dem, was wir als das Luftelement kennen und vor-
zugsweise in unserer Luft diejenigen Wesenheiten, die wir die Erz-
engel nennen. Und es ist durchaus nicht ein Marchen oder eine blofie
Sage, wenn wir in der dahinstromenden Luft, in dem dahinbrausenden
Sturme die leibliche Offenbarung dieser geistigen Reiche sehen. Wenn
vorhin gesagt wurde, dafi die Engelwesen in dem Wasser leben, so ist
es vorzugsweise jenes Wasser, das unsere Luft wie ein Wasserdampf
durchdringt, das fluchtig ist, in einzelne Atome zerstiebend, in welchem
der hellseherische Blick die Verleiblichung dessen wahrnimmt, was wir
als die Erzengel bezeichnen. Und in dem, was man als Warme emp-
findet, haben wir die Verleiblichung derjenigen Wesenheiten, die wir
als die Geister der Personlichkeit, als die Urkrafte kennen. Daher wer-
den Sie auch verstehen, dafi der Mensch zusammengefugt ist aus diesen
vier Elementen: Erde, Wasser, Luft und Feuer, und zwar so, daft in
dem Menschen nicht nur die vier Elemente gemischt sind, sondern
durchaus untereinander gemischt diejenigen Wesenheiten, welche wir
eben genannt haben; sie fiillen seinen Leib gewissermafien ebenso aus
wie das Materielle, sie Ziehen in den physischen Leib des Menschen ein
und aus.
Nun ist aber die Reihe der Wesenheiten, die mit dem Menschen zu
tun haben, damit nicht erschopft. Wir haben noch hohere Wesenheiten,
die mit Erde, Welt und Menschen zu tun haben, Wesenheiten, die auf
noch hoherer Stufe stehen als die Geister der Personlichkeit, die Ur-
beginne. Da haben wir zum Beispiel jene Wesenheiten, die uns im Lichte
entgegenstrahlen; und das Licht ist fiir uns wieder ein feinerer Zustand
als die Warme. Uberall, wo etwas aufleuchtet, da haben wir in dem
Lichte das Kleid von hohen Wesenheiten, die in der christlichen Eso-
terik als Gewalten, als Exusiai bezeichnet werden. Man nennt sie auch
die Geister der Form, denn es sind diejenigen Wesen, welche fiir alles,
was um uns herum ist, die Form geben. Wo immer Sie etwas in einer
bestimmten, abgegrenzten Form sehen, da sind es diese Geister, welche
tatig sind. Wir haben gesehen, dafi dasjenige, was in unserer Erd-
entwickelung als die verschiedenen Zeitgeister tatig ist, von den Gei-
stern der Personlichkeit beherrscht wird; die Geister der Form haben
nun eine noch hohere Aufgabe. Wir werden uns das am besten verstand-
lich machen, wenn wir bedenken, dafi vom Beginn der eigentlichen
Menschheitsentwickelung an, das heifk seit jenem Zeitpunkt, wo der
Mensch seine erste Inkarnation durchgemacht hat, der Zeitgeist sich
immer verandert hat, dafi aus der Schar der Geister der Personlichkeit
heraus immer andere Dirigenten gekommen sind. Aber ubergreifend
iiber alles das, was durch den Zeitgeist bewirkt wird, ist etwas, was
durch die ganze Erdenmenschheit hindurchgeht. Als der Mensch auf
der Erde seine menschliche Erdenmission begann, haben geistige We-
senheiten in diese Erdenmenschheit eingegriffen, und ihnen verdanken
wir es, dafi wir als Erdenmenschheit tatig sein konnen. Und was auch
als Geister der Personlichkeit im Zeitgeiste, als Erzengel in den einzel-
nen Gemeinschaften oder als Engel in bezug auf die einzelnen Men-
schen aufgetreten ist: jene Geister, die wir die Geister der Form ge-
nannt haben, dirigieren seit dem Beginn der Erdenmission gleichsam
in einem hoheren Reiche, und lenken und leiten im Grofien alles, was
diese geistigen Wesenheiten tun. Diese Gewalten, sie hatten die Auf-
gabe, in der Erdenmission als Ganzes zu wirken, sie hatten eine plane-
tarische Aufgabe. Wir sehen also: wenn wir iiber den Zeitgeist hinaus-
schreiten zu dem Geiste der ganzen Menschheit, dann haben wir diese
Gewalten, diese Geister der Form.
Nun wissen Sie ja, dafi unsere Erde als Planet ebenso wie der Mensch
dem Gesetze der Wiederverkorperung untersteht. Unsere Erde war
friiher das, was wir den alten Mond nennen. Da war das, was wir heute
die Erdenmission nennen, noch nicht in der Weise wie auf der Erde
vorhanden. Der Mond hatte eine andere Mission, jeder Planetenzu-
stand hat seine eigene Mission im Weltenzusammenhange zu leisten;
nichts wiederholt sich in gleicher Weise, alles unterliegt der Evolution,
der Entwickelung. Damals, wahrend jener Verkorperung der Erde, die
wir den alten Mond nennen, hatten eine ahnliche Aufgabe, wie sie hier
auf der Erde die Geister der Form haben, jene Wesenheiten, die wir im
Sinne der christlichen Esoterik als die Machte, Dynameis oder auch als
die Geister der Bewegung bezeichnen. Gehen wir noch weiter in der
Entwickelung zuriick, so kommen wir zu demjenigen planetarischen
Zustande unserer Erde, der dem alten Mondzustande voranging, wir
kommen dann zu dem uralten Sonnenzustand, der, wie Sie ja wissen,
nichts mit dem zu tun hat, was wir heute als Sonne am Himmel sehen.
Auf dieser alten Sonne herrschten, wie auf der Erde die Geister der
Form, wie auf dem Monde die Geister der Bewegung, auch hohe We-
senheiten, diejenigen, welche in der christlichen Esoterik als Kyriotetes
bezeichnet werden oder auch als Herrschaften, Herrlichkeiten, auch
Geister der Weisheit. Das sind also diejenigen Geister, die sozusagen
die Aufsicht wahrend des Sonnenzustandes hatten. - Und nun kom-
men wir zu dem letzten Planetenzustand, zu dem alten Saturn. Die
Wesenheiten, die hier in ahnlicher Weise die Leitung fiihrten, nennen
wir die Throne, die Geister des Willens. So sind wir zu immer hoheren
Stufen geistiger Wesenheiten hinaufgeschritten bis zu Wesenheiten,
welche nicht bloft die Dirigenten sind von so etwas, was sich wie der
Zeitgeist verandert, sondern von dem, was mit der Mission planetari-
scher Zustande zu tun hat, was erst von Planet zu Planet wechselt.
Die Throne, die Geister der Weisheit, die Geister der Bewegung und
die Geister der Form, sie alle sind fortwahrend noch in irgendeiner
Verbindung mit uns, wenn auch nicht in einer so nahen, unmittelbar
wahrnehmbaren Verbindung wie die anderen, niedrigeren geistigen
Wesenheiten. An einem Beispiel wollen wir uns einmal klarmachen,
wie solche Wesenheiten in unsere Erdentwickelung hineinwirken. Dazu
ist es aber notwendig, dafi wir vorher die Entwickelung derjenigen
Wesen betrachten, die wir als die Engel, die Erzengel und die Geister
der Personlichkeit kennen. Diese Wesenheiten sind alle hoher als der
heutige Mensch. Aber unser gegenwartiger Mensch wird auch einstmals
hohere Stufen in seiner Entwickelung erreichen. Schon in der nachsten
Verkorperung unserer Erde, im Jupiterzustande, wird der Mensch so
hoch stehen wie heute die Engel; ein fortwahrendes Aufsteigen zu
immer hoheren Stufen der Vollkommenheit macht der Mensch durch.
Aber so war auch die Entwickelung der anderen Wesenheiten; sie waren
nicht immer das, was sie jetzt sind, auch sie haben niedrigere Stufen
der Entwickelung durchgemacht. Nehmen wir zum Beispiel die Engel-
wesenheiten. Auch sie haben in friiheren Zeiten ihre Menschheitsstufe
durchgemacht, wie wir es jetzt auf unserer Erde tun; das war auf dem
alten Monde, und dadurch, daft sie damals an sich gearbeitet haben,
wurden sie jene hoheren Wesenheiten, die sie heute sind. Und ebenso
haben die Erzengel oder Feuergeister ihre Menschheitsstufe auf der
alten Sonne durchgemacht; damals waren sie Wesen wie wir, heute
stehen sie zwei Stufen hoher. Und die Geister der Personlichkeit haben
ihre Menschheitsstufe auf dem alten Saturn gehabt. Sie waren eine
Stufe hoher als diejenigen "Wesen, die ihre Menschheit auf der alten
Sonne durchmachten, und sind heute um drei Stufen hoher als der
Mensch auf unserer Erde.
Diejenigen Wesenheiten aber, die wir als die Geister der Form oder
Gewalten bezeichnen, zu denen wir als zu hoch, hoch erhabenen Wesen
aufblicken, sie haben in einer nicht zu denkenden Vergangenheit ihre
Menschheitsstufe durchgemacht; und als die erste Verkorperung unserer
Erde begann, als die Erde Saturn war, da hatten sie schon ihre Mensch-
heitsentwickelung hinter sich. Daran konnen wir ermessen, welch hohe
Gefiihle in uns leben miissen, wenn wir zu diesen geistigen Wesenheiten
emporschauen. Aber auch sie unterstehen dem Gesetze der Entwicke-
lung, und wenn sie auch schon auf dem Saturn hohere Wesenheiten wa-
ren als der heutige Mensch, so haben sie doch durch die Sonne und den
Mond hindurch bis in unsere Erde hinein immer hohere und hohere
Stufen durchgemacht. Und so sind sie endlich zu einem Grade von
Erhabenheit gelangt, dafi sie ein so grofies Wirkungsfeld haben kon-
nen, dafi sie nicht mehr einen Planeten brauchen, um darin die Sub-
stanzen zu finden, durch die sie da sein konnen. Denn die anderen
Wesenheiten brauchen in gewisser Beziehung unsere Erde; die Engel
brauchen das Wasser, die Erzengel die Luft und die Geister der Per-
sonlichkeit das Feuer; aber die Geister der Form brauchen nicht mehr
unseren planetarischen Zustand; sie hatten daher einen anderen Wohn-
platz notig, als unsere Erde ihre Entwickelung begann, und das war der
Grund, warum sie sich von unserer Erde trennten.
Ich habe Ihnen gesagt, dafi es einen Zeitpunkt gab, wo unsere Erde
mit der Sonne einen Leib bildete. Damals waren auch noch diejenigen
Wesen mit unserer Erde vereint, die wir die Geister der Form nennen.
Aber ihre Entwickelung war zu weit schon vorgeschritten, sie brauch-
ten eine feinere Substanz, als die Erde sie ihnen hatte bieten konnen,
deshalb zogen sie die feinere Substanz und die feineren Wesenheiten
heraus aus der Erde und gingen sozusagen mit der Sonne fort. Das ist
der geistige Grund, weshalb Erde und Sonne sich getrennt haben. Es ist
nicht blofi ein mechanisches Auseinandersplittern der Materie, sondern
Weltenkorper trennen sich, um der Wohnplatz fiir geistige Wesenhei-
ten zu werden. Die Geister der Form haben die feine Substanz aus
der Erde herausgerissen, und der Sonnenball ist entstanden, der nun
der Erde von aufien her das Licht zusendet. Und in dem Sonnenlichte
stromt uns die geistige Wesenheit der Gewalten zu; daher habe ich
Thnen vorhin gesagt, dafi das Licht das Kleid dieser Gewalten ist.
Wenn wir im Sinne der Geisteswissenschaft emporblicken zur Sonne
und das helle Sonnenlicht zu uns herunterstrahlen sehen, dann wird
uns dieses Licht das Kleid fiir die Geister, die ihre leitenden und len-
kenden Krafte herunter zur Erde senden; von der Sonne aus lenken sie
die Erdenmission.
Wenn wir so verstehen lernen, da!5 solche kosmischen Abspaltungen
ihre Ursache in den geistigen Wesenheiten haben, die mit der Materie
verbunden sind, dann wird uns noch eine andere Tatsache verstandlich,
die sonst schwer zu erklaren ist. Sie wissen, die Naturforschung weist
auf einen Anfangszustand unseres Systems hin, auf eine Art von Ur-
nebel. Zwar ist die sogenannte Kant-Laplacesche Theorie heute von
ge wissen Forschern wie Arrhenius etwas modifiziert worden, aber um
diese Kleinigkeiten brauchen wir uns hier nicht zu kummern. Wir neh-
men einmal das an, was gewohnlich angenommen wird: daft sich nam-
lich aus dem Urnebel die Sonne und die anderen Planeten, die die
Sonne umkreisen, herausballten; alles, was heute dicht ist, war also
einstmals in diesem Urnebel vorhanden; der ist dann in Rotation ge-
kommen und hat dadurch unsere Sonne und die anderen Planeten abge-
spalten. Was nun die Geisteswissenschaft dazu zu sagen hat, wider-
spricht in keiner Weise dem, was hier als Hypothese gelehrt wird. Wenn
sozusagen jemand einen Stuhl in den Weltenraum gestellt hatte, um
durch Jahrmillionen hindurch zu verfolgen, wie sich diese Differen-
zierung des Urnebels zu den heutigen Planetengebilden vollzogen hatte:
es wiirde sich wirklich nicht viel anders darstellen, als die wissenschaft-
liche Hypothese es darstellt. Aber wir wollen einmal sehen, wie das
geistige Auge des Hellsehers diesen Urnebel anschaut.
Auch fiir ihn ist er ein grofier, gewaltiger Ball in ganz feinem Zu-
stande, in dem noch nicht unterschieden ist irgendeine Sonne oder Erde
oder Jupiter; aber dieser Urnebel hat sich fiir ihn nicht, man weifi nicht
woher, gebildet, sondern er hat eine Vergangenheit, und diese Ver-
gangenheit liegt auf dem alten Monde: ihn miissen Sie als den Vor-
ganger unserer Erde betrachten. Diesen alten Mond miissen Sie sich
ebenso wie unsere Erde als einen Weltenkorper vorstellen, und zuletzt
hat er, wenn wir so sagen diirfen, einen Zustand der Vergeistigung
durchgemacht. Was damals schon differenziert war, wurde sozusagen
wieder durcheinandergeriihrt und wieder in einen undifferenzierten
Zustand zuruckgefuhrt. Dann ging das alles durch eine Art von kos-
mischem Schlaf hindurch, und dann tauchte auf aus dem Schofie des
Kosmos jener Nebelatherball, der die Wiedergeburt des alten Mondes
ist. Er ist fiir uns nicht blofi eine materielle Masse, sondern in diesem
Balle leben alle die geistigen Wesenheiten, in ihm leben in einem be-
sonderen Zustande jene gewaltigen Wesenheiten, die wir als die Geister
der Bewegung, der Form und so weiter bezeichnet haben. Der Mensch
lebte nur als Keim darin, denn er hatte auf dem Monde noch kein Ich,
das erhielt er ja erst auf der Erde; aber all die geistigen Wesenheiten,
die schon gewisse Entwickelungsgrade hinter sich hatten, die waren mit
diesem Urnebel in inniger Verbindung.
Was tut denn die materialistische physikalische Hypothese, wenn
sie erklaren will, wie sich aus dieser Urnebelmasse das Sonnensystem
herausgebildet hat? Erinnern Sie sich an ein Experiment, das man
haufig in der Schule darstellt, um diesen Entwickelungsgang zu ver-
anschaulichen: Man bringt eine Olkugel in einer gleich schweren Fliis-
sigkeit mittels einer einfachen mechanischen Vorrichtung zum Rotie-
ren. Man kann alsdann beobachten, wie sich diese Kugel abplattet, wie
sich von ihr Tropfen losreifien, die sich wiederum zu Kugeln formen
und die Hauptkugel umkreisen; und auf diese Weise sieht man im Klei-
nen eine Art Planetensystem durch das Rotieren entstehen. Das wirkt
ungeheuer suggestiv. Warum sollte man sich das nicht in der Welt eben-
so vorstellen? Man sieht es hier ja formlich, wie durch die Rotation ein
Planetensystem entsteht, man hat es ja vor sich! Man vergifk dabei nur
eines! Manchmal ist es ja recht schon, dies eine zu vergessen, aber in
diesem Falle nicht: man vergifit dabei namlich sich selbst. Wenn man
dieses Experiment macht und nicht als Mensch dabeistehen wiirde und
die Kurbel drehen, dann wiirde das ganze Planetensystem nicht ent-
stehen. Aber so ist es ja iiberhaupt Usus im materialistischen Denken,
dafi man immer nur einen Teil dessen nimmt, was man vor sich hat.
Dachte man richtig und logisch, dann muike man sich im Weltenraum
einen riesigen Menschen denken, der an einer gewaltigen Kurbel die
Achse in Bewegung setzte. Nun ist ein solcher Riese im Weltenraum
freilich nicht vorhanden, aber etwas anderes ist da. Der Weltennebel
ist ja nicht blofi Materie, er ist durchgeistigt und durchsetzt von jenen
Wesenheiten, von denen wir gesprochen haben, die gewisse Bediirfnisse
und Sehnsuchten haben, von denen die eine Gattung diese, die andere
jene Materie belebt. Und die sind es, die nach einem gewissen Reifungs-
zustande die Spaltung vornehmen, so dafi die hoheren Wesen sich mit
der Sonne hinausbegeben, und dasjenige, was die Erdenstoffe und
-krafte braucht, auf der Erde zuriickbleibt. In dieser brodelnden Ur-
masse sind alle diese geistigen Wesenheiten tatig und gliedern nach und
nach heraus, was wir gegenwartig als unser Planetensystem kennen.
So zum Beispiel gab es gewisse Wesenheiten, die nicht das Ziel ganz
erreicht hatten, welches die Geister der Form zu erreichen hatten,
Wesenheiten, welche in der Entwickelung zuriickgeblieben waren. Diese
Wesenheiten waren zu weit vorgeschritten, um die Erde als ihren
Schauplatz zu haben, aber nicht reif genug, um zu der feineren Sub-
stanz der Sonne zu ziehen. Vorzugsweise zwei Klassen solcher Wesen-
heiten gab es, und wir werden sie in ihrer Wirkung auf die Erde noch
kennenlernen. Denn so wie die fertigen und gereiften Gewalten als
Geister der Form im Sonnenlichte herunterscheinen auf unsere Erde
und sie von der Sonne aus dirigieren, so dirigieren auch diese Zwischen-
wesen die Erde, aber sozusagen von einem niedrigeren Gesichtskreis aus,
der freilich dem menschlichen gegeniiber ein erhabener ist. Diese We-
senheiten nahmen sich Stoffe heraus, die fur sie pafken, und machten
sie zu Weltenkorpern zwischen Sonne und Erde; und so entstand die
Venus und der Merkur zwischen Sonne und Erde, bewohnt von We-
senheiten, die auf einer Zwischenstufe stehen. Und so haben auch die
anderen Planeten unseres Systems sich abgegliedert dadurch, dafi an-
dere Wesenheiten sie zu ihrem Schauplatz brauchten.
Nun lassen Sie uns noch einmal den Zeitpunkt ins Auge fassen, wo
die Sonne eben mit ihren Wesenheiten hinausgeht; da bleibt die Erde
zuriick mit all den Keimen, die spater sich auf ihr entwickelt haben,
darunter die Menschen der Gegenwart, die aber damals noch nicht auf
der heutigen Menschheitsstufe waren. Auch andere Wesen, aus dem
Tier- und Pflanzenreiche, sind vorhanden, die schon in vorherigen Ver-
korperungen der Erde ihre Entwickelung gefunden haben und die nun
keimhaft hervorkommen. Betrachten wir zunachst nur den Menschen!
Fruher, als die Sonne noch mit der Erde vereint war, waren auch
jene gewaltigen Krafte, die von den hohen Sonnenwesen ausgingen,
noch mit der Erde verbunden und wirkten auf den Menschen vom
Inneren der Erde aus. Der Mensch war aber so, wie er vom Monde her-
iibergekommen war, glekhsam aus seinem Keime aufgegangen und an-
fangs nur mit dem physischen, dem atherischen und dem astralischen
Leibe begabt. Der physische Leib war noch nicht so dicht wie heute,
sondern atherisch, feiner. Das Ich aber war noch nicht ausgebildet zu
jener Zeit. Dadurch nun, dafi die Sonne die Erde von aufien her be-
schien und die Sonnenwesen auf die Erde hereinwirkten, veranderten
sich fiir den Menschen die Verhaltnisse auf der Erde ganzlich. Sie miis-
sen sich das so vorstellen: Solange die Erde mit der Sonne noch ver-
bunden war, waren jene hohen Wesenheiten, die spater mit der Sonne
hinausgegangen sind, in ihrer eigenen Entwickelung und daher auch in
ihrer Macht und in ihrer Regierungsgewalt durch die groben Krafte der
Erde gehemmt. Jetzt waren sie frei geworden, konnten sich frei be-
wegen, jetzt konnten sie ein ganz anderes Tempo ihrer Entwickelung
anschlagen als fruher, wo sie noch das ganze schwere Gewicht der
Erdenmasse mittragen mufiten. Sie befreiten sich in ihrer eigenen Ent-
wickelung um so mehr von der Erde, als sie dadurch Krafte und Ge-
walten bekamen, um von aufien bedeutsamer auf den Menschen zu wir-
ken. Die Menschen, die fruher unter der Gewalt der Sonnengeister
standen, die noch durch das Zusammensein mit der Erde gehemmt
waren in ihren Kraften, kamen nun unter die Wirkung der frei und
machtig sich entwickelnden Sonnenwesen, die von auflen herein auf
die Erde wirkten. Dadurch aber wiirde sich die Entwickelung in un-
geheuerster Weise beschleunigt haben, das Menschenleben ware in einer
ungeheuer raschen Weise zum Ablauf gebracht worden, wenn nicht
etwas anderes hinzugetreten ware. Der Mensch konnte dies Tempo
nicht mitmachen, und deshalb ist aus der Gesamtheit der Geister, die
friiher da waren, einer mit seinen Scharen ausgeschieden : er blieb mit
der Erde vereint. Und dieser Geist der Form hatte die Aufgabe, das-
jenige, was die Sonnenkrafte mit einer ungeheuren Beschleunigung ge-
leistet hatten, aufzuhalten und zu hemmen, so dafi also nicht diese
Sonnengeister allein wirkten. Ware aber dieser Geist mit der Erde ver-
bunden geblieben, hatte er immer in der Erde gewirkt, dann ware die
ganze Erde in einen Erstarrungszustand gekommen, denn seine Macht,
sein Einflufi ware zu stark gewesen. Was geschah deshalb? Er nahm die
grobsten Stoffe und Krafte und fuhr aus der Erde heraus. Das, was da
herausgefahren ist, das ist der heutige Mond. So bleibt also jetzt mit
dem Monde verbunden dieser Geist, der die Aufgabe iibernommen
hatte, die zu schnelle Entwickelung zu hemmen und zuruckzuhalten.
Die Entwickelung geht weiter. Die Erden- und Mondwesen spalten
sich ab. Die Erdenwesen kommen nun vorzugsweise unter den Einflufi
von zwei Kraften: die einen kommen von der Sonne her, die anderen
vom Monde. Wiirde der Mensch blofi unter dem Einflusse der Sonnen-
krafte stehen, so wiirde er schon alt sein, kaum dafi er geboren ware;
unter dem alleinigen Einflufi des Mondes ware er erstarrt, verhartet,
mumifiziert. Er kann sich nur entwickeln, indem sich Sonnen- und
Mondkrafte die Waage halten. Der Mensch ist auf die Erde gestellt,
und von aufien wirken auf ihn im geistigen Sinne Wesenheiten und
Krafte, damit er seine gegenwartige Evolution auf der Erde durch-
machen kann. Wir haben gesehen, dafi der Mensch von Inkarnation zu
Inkarnation durch diejenigen Wesenheiten gelenkt wird, die wir die
Engel nennen. Aber diese Engel haben im grofien Kosmos keine Selb-
standigkeit, sie haben hohere Dirigenten, die die Bewohner der Sonne
sind. Unter der Einwirkung dieser Sonnengeister allein wiirde sich
alles zusammendrangen in eine Inkarnation; unter der Einwirkung des
Mondes allein wiirde iiberhaupt nichts zustande kommen. So aber, im
Zusammenwirken geht das Feste, das Formende von den Monden-
kraften aus; das aber, was die Formen zerstort und das Bleibende iiber
die Inkarnationen hiniiberfiihrt, das kommt von der Sonne her. Und
so begreifen wir, dafi, wenn wir es nur geistig betrachten, alles in der
Welt seine Aufgabe hat.
Und nun wollen wir uns einmal das, was sich da auf der Erde ab-
gespielt hat, ein wenig konkreter vor die Seele stellen. Wir wissen ja:
Als der Mensch von dem alten Monde heriiberkam, hatte er nur seinen
physischen Leib, seinen Atherleib und seinen Astralleib. Der physische
Leib war damals, als die Sonne sich losloste, noch nicht so weit, dafi
die Sinnesorgane schon einen aufiern Gegenstand hatten anschauen
konnen. Sie waren ja seit dem Saturn vorhanden, aber aufiere Gegen-
stande konnten sie nicht wahrnehmen. Es waren diejenigen Organe,
die auf dem alten Monde von innen heraus Bilder erzeugten. Das war
ungefahr so: Denken Sie sich, ein Mensch hatte sich dem anderen ge-
nahert; die aufSere Form hatte der Mensch nicht wahr nehmen konnen.
Aber es stieg dann etwas wie ein Traumbild in ihm auf; und wenn
dieses Bild gewisse Formen, gewisse Farbung hatte, dann wufite er, dafi
es ein Feind war, und er konnte fliehen. Es war das ein Bilderbewufit-
sein, das zu den seelischen Eigenschaften der Umgebung in einer realen
Beziehung stand. Das Gegenstandsbewufttsein trat erst nach und nach
auf der Erde ein; als die Sonne schon draufien als ein Weltkorper war,
konnte der Mensch sie immer noch nicht sehen, nur ein inneres Licht in
seinen Bildern nahm er wahr. Er sah alierdings in einer gewissen Be-
ziehung geistig-seelisch die wohltatige Wirkung, die ihm die Geister
der Sonne herunterschickten, er spiirte das sozusagen, er sah es in
aurischen Bildern aufstrahlen; aber das hat mit der heutigen aufieren
Anschauung gar nichts zu tun. Es gab also eine Zeit, wo die Sonnen-
gewalten ihr Licht dem Menschen zustromten, der Mensch aber die
aufiere Sonne nicht sah.
Das Herausgehen des Mondes geschah etwas spater. Erst in dem
Augenblicke, als der Mond von der Erde fortging, wurde der Mensch
fahig, ein Ich-Bewufitsein in seiner allerersten Anlage aufzunehmen,
da begann er erst, sich sozusagen als ein besonderes Wesen zu fiihlen.
Vorher fiihlte er sich im Schofie von anderen Wesenheiten. Und nun
erst begann fur ihn die Moglichkeit, aufieres Physisches in seinen ersten
Anflugen mit dem Ich-Bewuf$tsein wahrzunehmen. Sie konnen sich sehr
leicht klarmachen, daft dies aufiere Sehen mit dem Ich-Bewufksein zu-
sammenhangt; denn solange man sich nicht von dem Aufteren unter-
scheiden kann, so lange ist man kein Ich. Die erste Fahigkeit, das erste
Aufblitzen des Ich-Bewufitseins fallt deshalb zusammen mit dem Uff-
nen der Augen nach aufien. Das ist auch mit dem Hinausgehen des
Mondes verknupft. Friiher, als der Mond noch mit der Erde verbunden
war, leitete er in der Erde die Wachstumskrafte des einzelnen Menschen
von der Geburt an bis zum Tode, so wie er es auch jetzt noch, aber von
aufien her, tut. Damit aber der Mensch nicht nur zwischen Geburt und
Tod eingeschlossen sei, mufSten von aufien her diejenigen Krafte kom-
men, welche von der Sonne hereinwirkten. Fortwahrend war also mit
der Erdentwickelung verbunden ein Zusammenwirken der inneren
Mondenkrafte und der aufteren Sonnenkrafte. Und jetzt versuchen Sie
sich recht lebhaft und genau vorzustellen, was da geschah.
Solange die Sonne schon abgespalten, der Mond aber noch mit der
Erde verknupft war, sah der Mensch in innerlichen Bildern die Wir-
kung der Sonnenkrafte; er spiirte das Wohltatige der Sonnenkrafte,
denn diese verbanden sich immer mit den Mondkraften innerhalb des
Erdenkorpers, und das bewirkte den Menschen in seiner Konstitution;
aber sehen konnte er die Sonnenkrafte nicht. Jetzt ging auch der Mond
heraus. Der Mensch erhielt seine Sinne geoffnet, dadurch verschwand
fur ihn die Moglichkeit, das Seelisch-Geistige der Sonnenkrafte wahr-
zunehmen. Denken Sie sich den Moment, wo sozusagen die geistig-
seelische Wahrnehmung in Bildern entschwindet und die ersten An-
fange einer aufieren Anschauung der Sonne, eines wirklichen Sehens
beginnen. Aber in Wahrheit konnte der Mensch die Sonne noch nicht
sehen, denn die Erde war mit dichten Dampfen bedeckt. Gegeniiber
dem friiheren dumpf-hellseherischen Spiiren dieser Sonnenkrafte ware
er jetzt in der Lage gewesen, die Sonne, wenn auch erst allmahlich,
aufierlich zu sehen, wenn sie ihm nicht durch die dunstige, dichte Atmo-
sphare verhullt gewesen ware. So ist also dem Menschen durch seine
Hoherentwickelung die wohltuende Wirkung der Sonne entschwun-
den. Die alten Agypter, indem sie sich an diesen Zustand erinnerten,
nannten die Krafte der Sonne, die reinen Strahlen, die der Mensch
einst im dumpfen Hellsehen wahrnahm, Osiris. Dieses Wahrnehmen
des Osiris verschwand, und durch die Wolkenhulle war auch ein aufter-
liches Wahrnehmen noch nicht moglich: tot war, was der Mensch
friiher gesehen hatte. «Der Gegner Typhon hat den Osiris getotet»,
und diejenigen Krafte, die als Mond herausgegangen waren, die zwi-
schen Geburt und Tod wirkenden Krafte, sie such ten jetzt sehnsiichtig
den alten Osiris.
Und nach und nach verzog sich der Nebel; freilich lange, lange Zei-
ten dauerte das, bis hinein in die spatatlantische Zeit. Und der Mensch
fing an, die Sonne wiederum zu sehen, aber nicht mehr wie friiher, wo
er in einem gemeinsamen Bewufitsein war, sondern in jedes einzelne
Auge fielen die Strahlen der Sonne, als der Mensch die Sonne nun sah:
der zerstuckelte Osiris.
Da haben wir einen gewaltigen kosmischen Vorgang. Und wahrend
wir verkorpert waren in der alten agyptischen Zeit, haben wir ihn in
der Wiederholung erkannt. Das war es, was die agyptischen Priester-
weisen urspninglich im Sinne hatten, und sie kleideten es in ein Bild.
Sie sagten: Damals, als der Mond und die Sonne zuerst draufien stan-
den, da war der Mensch in der Mitte, wie im Gleichgewicht gehalten
von den Sonnen- und Mondenkraften. Friiher gab es noch keine ge-
schlechtliche Fortpflanzung, es wirkte dasjenige, was man eine jung-
frauliche Fortpflanzung nennt. Diejenigen Krafte, die unsere Erde be-
herrschten, gingen uber aus dem Zeichen der Jungfrau durch dieWaage,
die Gleichgewichtslage, in das Zeichen des Skorpions; daher sagte der
agyptische Priesterweise: Als die Sonne im Zeichen des Skorpions
stand, als die Erde in der Waage war und die Strahlen als Stachel wirk-
ten, indem sie die Sinnesorgane durchstachen - dieses Eintreten der
aufieren Gegenstandlichkeit, das ist der Skorpionstachel, der trat als
etwas Neues auf gegeniiber der alten jungfraulichen Fortpflanzung -,
da wurde Osiris getotet. Und da tritt das Suchen, die Sehnsucht der
Menschheit nach der alten Kraft, nach der Anschauung des Osiris ein.
Sie sehen, wir diirfen nicht blofi irgend etwas Astronomisches suchen
in einem solchen Mythos wie die Osirissage, sondern wir miissen in ihm
erblicken das Ergebnis tiefer, hellseherischer Einsicht der alten agyp-
tischen Priesterweisen. In einen solchen Mythos haben sie hineinver-
korpert, was sie iiber die Erden- und Menschenentwickelung wuftten.
Allen Mythen liegen reale Tatsachen der hoheren geistigen Welten
zugrunde. Heute sollte Ihnen vorgefiihrt werden, wie dem Osiris-
mythos eine solche Tatsache zugrunde liegt.
FONFTER VORTRAG
Stuttgart, 8. August 1908
Wir haben gesehen, wie sich unsere Erdenverhaltnisse in ihrer Ent-
wickelung aus dem Kosmos herausgestaltet haben. Wir haben gesehen,
wie unsere Erde in einer urfernen Vergangenheit mit dem, was heute
als Sonne vom Himmel herunterstrahlt, verbunden war, und wie dann
in einem gewissen Zeitpunkt sich diese Sonne von der Erde getrennt
hat. Spater ist aus jener Weltenwesenheit, die nach der Abspaltung der
Sonne noch den jetzigen Mond in sich hatte, auch dieser Mond hinaus-
gezogen, und gestern haben wir nun betrachtet, wie diese Trennung
einer urspriinglichen Gemeinschaft in drei Weltkorper mit der ganzen
Evolution des Menschen und unseres Kosmos in geistiger Beziehung
aufs innigste zusammenhangt. Mit den Kraf ten der Sonne sind namlich
auch gewisse Wesenheiten aus unserer Erdmasse herausgegangen, die
friiher innerhalb unserer Erde, sozusagen von innen gewirkt haben,
die aber seit dieser Spaltung von Sonne und Erde auf die verschiedenen
Wesenheiten, und also auch auf den Menschen, von auften her wirken.
Dadurch haben sich naturlich alle Verhaltnisse des Erdenmenschen ge-
andert; und spater anderten sie sich wiederum dadurch, dafi der Mond
sich auch heraustrennte. Also dasjenige, was wir eine Zeitlang als Erde
plus Mond kennen, das erf uhr dann neuerdings eine Veranderung durch
das Hinausgehen des Mondes. Und der Sinn der ganzen Evolution war,
wie wir gesehen haben, dafi der Mensch, wenn er ausschliefilich unter
dem Einflusse der Sonnenkrafte geblieben ware, ein zu rasches Tempo
der Entwickelung eingeschlagen hatte; hatte andrerseits sich die Sonne
ganz von der Erde getrennt und ihr ihre Krafte entzogen, dann hatte
die Weiterentwickelung der Erde sich so vollzogen, dafi die Erdenwe-
sen, namentlich der Mensch, unter dem Einflusse der Mondkrafte er-
starrt waren. So wird also in bezug auf die Menschheitsentwickelung
ein Gleichgewicht erhalten.
Nun habe ich Sie auch schon darauf aufmerksam gemacht, dafi die-
jenigen Wesenheiten, die zunachst mit der Sonne ihre eigene geistige
Kraft der Erde zustrahlten und so die Evolution der Menschheit be-
wirkten, die Geister der Form oder die Gewalten sind. Sie sind es, die
sozusagen der Erdentwickelung am nachsten stehen. Der Fiihrer dieser
«Gewalten» mit seiner Schar, konnen wir sagen, hat sich abgetrennt; er
bewohnte nach der Abtrennung der Sonne die Erde und trennte sich
spater mit dem Monde von der Erde ab. So daft wir zunachst eine
Mondgottheit haben, jene Gottheit, welche die biblische Urkunde als
Jehova bezeichnet. Jene anderen Sonnengewalten aber, die ihr Licht
von aufien zustrahlen und als Formgeister wirken, die werden in der
biblischen Urkunde die Elohim, die Geister des Lichts genannt. Unter
dem Einflusse der Elohim auf der einen Seite und des Jehova auf der
anderen Seite wird dem Menschen in seiner Entwickelung das Gleich-
gewicht erhalten. Wir haben aber gesehen, daft nicht nur der Mensch
eine Entwickelung erfahrt, sondern daft alle Wesen im Kosmos ihre
Entwickelung durchmachen. Auch jene erhabenen Wesenheiten, die
uns ihre Krafte mit dem Lichte zusenden, die Geister der Form, auch sie
haben ihre Entwickelung durchgemacht; sie waren friiher auf einer
niedrigeren Stufe, sie haben sich bis zu der heutigen Stufe erst empor-
gerungen. Das, was wir jetzt von den Elohim und von Jehova gesagt
haben, gilt auch von den reifsten dieser Geister, die sich vollstandig
fahig gemacht haben, ihre Weiterentwickelung von dem Zeitpunkte der
Erdentstehung an entweder auf der Sonne oder auf dem Monde zu
finden. Aber es gibt uberall solche Wesenheiten, die auf irgendeiner
Stufe zuriickgeblieben sind. Wir haben ja gestern schon gesehen, dafi
Planeten wie Venus oder Merkur ihr Dasein dem Umstande verdan-
ken, dafi Wesenheiten zuriickgeblieben sind mitten zwischen den Men-
schen auf der einen und den erhabenen Sonnengeistern auf der anderen
Seite; siebrauchten einen Wohnplatz, der erhabener als die Erde ist, aber
die Sonne konnten sie nicht bewohnen, weil sie dazu noch nicht reif
waren. Das sind erhabene Wesenheiten, die weit iiber die Entwicke-
lung des Menschen hinausgehen, die aber den Zustand der Sonnengei-
ster noch nicht erreicht haben. Sie bilden eine sehr wichtige Klasse von
Wesenheiten in bezug auf die Entwickelung der Erdenmenschheit.
Wahrend wir also auf der einen Seite die reifen Wesenheiten haben, ha-
ben wir zwischen ihnen und den Menschen stehend diese eben geschil-
derten Wesenheiten, die wir in ihrer Gesamtheit als luziferische We-
senheiten bezeichnen; wir benennen sie nach demjenigen, der sozusa-
gen ihr Anfiihrer ist, nach der Gestalt, die wir Luzifer nennen.
Nun miissen wir uns klarmachen, wie Jehova und die Elohim auf
der einen, und die luziferischen Wesenheiten auf der anderen Seite mit
der Menschenentwickelung zusammenhangen. Durch das Zusammen-
wirken der Sonnengotter und des Mondgottes entsteht ein Zweifaches,
und was da entsteht, werden wir begreifen, wenn wir beobachten, wie
die Entwickelung des Menschen vorher war. Noch einmal wollen wir
uns daran erinnern, dafi die Erde einen uralten Verkorperungszustand
durchgemacht hat, den des Saturn; dafi dann nach einem Ruhezustande
die Sonne, dann der Mond, und dann erst unsere Erde daraus wurde.
Der Mensch ist in bezug auf seine Evolution mit all diesen Verkorpe-
rungen unserer Erde verbunden; der Mensch, wie er uns heute entgegen-
tritt, ist ein sehr kompliziertes Wesen. Er besteht ja heute aus phy-
sischem Leib, aus dem Ather-, dem Astralleib und dem Ich. Diese vier
Glieder der menschlichen Wesenheit spielen in sehr komplizierter Weise
ineinander. Ein Wesen, das in unserer physischen Welt nur einen phy-
sischen Leib haben wiirde, ware ein Stein, ein Mineral; unser Mine-
ralreich hat in der Tat nur einen physischen Leib hier auf der Erde. Ein
Wesen, das aufier dem physischen Leibe noch einen Atherleib hat, ist
pflanzlicher Natur; unsere Pflanzenwelt besteht aus solchen Wesen.
Ein Wesen mit physischem, atherischem und astralischem Leibe stent
auf der Tierstufe, und erst ein Wesen, das dazu noch ein Ich besitzt, das
steht auf unserer Erde auf unserer Stufe, auf der Stufe des Menschen-
daseins. Aber das ist nur ganz skizzenhaft beschrieben, wenn wir sa-
gen, dafi der Mensch heute diese vier Glieder seiner Wesenheit hat.
Und wie skizzenhaft es ist, wird uns klar werden, wenn wir einen
Blick auf die lange, lange Entwickelung des Menschen werfen.
Wir fragen uns da: Welches ist denn das alteste der vier Glieder un-
serer menschlichen Wesenheit? - Leicht konnte man glauben, weil das
menschliche Ich zunachst als das Hochste erscheint, als das, was den
Menschen erst zum Menschen macht, dafi dieses Ich auch das alteste
Glied sei. Das ist aber nicht der Fall. Weder das Ich noch der Ather-
oder Astralleib, sondern der physische Leib ist das, was der Mensch zu-
allererst gehabt hat. Dieser physische Leib ist in seiner ersten Anlage
auf dem alten Saturn schon gebildet worden, aber Sie diirfen sich nicht
vorstellen, daft er etwa so wie heute ausgesehen hat. Wenn Sie den
heutigen physischen Leib betrachten, dann haben Sie zunachst feste
Glieder, ein festes Knochensystem, kurz, Bestandteile, die wir als fest
bezeichnen; dann haben wir auch noch fliissige Bestandteile von alien
moglichen Beschaffenheiten; ferner durchzieht den physischen Leib
nach alien Seiten Luftformiges, Gasformiges; und schliefiHch finden
Sie in ihm etwas, was, okkult betrachtet, substantiell Warme, innere
Warme ist. Denken Sie sich einmal den Menschen in bezug auf seine
Warme und auf seine Umgebung. Seine Warme ist nicht von seiner
Umgebung abhangig, er mufi sich nicht wie das Mineral nach seiner
Umgebung richten; in einer kalten Umgebung wird er nicht wie das
Mineral kalt, sondern er tragt im Inneren den Quell seiner eigenen
Warme. Denken Sie sich einmal von dem Menschen alles weg, was fest,
flussig und was gasformig ist, denken Sie sich leiblich im Raume, aus
Warme gebildet, den physischen Leib des Menschen, so aus Warme ge-
bildet, wie die Warme in Ihrem Blute pulsiert, dann haben Sie das, was
auf dem alten Saturn vorhanden war. Nur war es nicht in der Form
wie heute, sondern in der ersten Keimanlage. Insbesondere war das in
der Mitte der Saturnentwickelung der Fall. Der Saturn hatte einen An-
fangszustand, einen mittleren und einen Endzustand. Den Anfangszu-
stand zu schildern, wiirde sehr schwer halten, weil nur wenige Men-
schen die Fahigkeit ausgebildet haben, um sich die Eigenschaften den-
ken zu konnen, die der Saturn gehabt hat, ehe er sich so verdichtete,
da# er aus Warme bestand. Wenn Sie sich im Geiste in diese Zeiten ur-
ferner Vergangenheit zuriickversetzen, so mvissen Sie sich nicht vorstel-
len, daft, wenn Sie den Saturn von irgendwo im Weltenraum hatten
beobachten konnen, Sie da irgend etwas von ihm gesehen hatten. Licht
hat er nicht gehabt, geleuchtet hat der Saturn nicht. Erst gegen das
Ende seiner Entwickelung f ing er an zu leuchten. Wenn Sie sich ihm in
der Mitte seiner Entwickelung hatten nahern konnen, dann hatten Sie
nur gespiirt, dafi es warm wird wie in einem Backofen, der aber keine
Grenzen von aufien hat, sondern der sich selbst begrenzt: in einen War-
meraum waren Sie eingetreten. Diesen Warmekorper mussen Sie sich
aber nicht gleichmafiig vorstellen. Wenn Sie eine Empfindung fur
Warmeunterschiede hatten, dann wiirden Sie finden, dafi da Warme-
linien in alien Richtungen sind, nach alien Seiten; Sie wiirden Warme-
formen herausfiihlen. Der ganze Saturn bestand aus Formen, die nur in
Warme gebildet waren, und diese Formen, das waren die Uranlagen
des physischen menschlichen Leibes. Weiter bringt es der Saturn iiber-
haupt nicht, wahrend er fur die Menschheitsentwickelung fruchtbar
ist; spater, als er abflutet, bringt er es allerdings weiter, aber im tieferen
Sinne ist das nicht fruchtbar fiir die Menschheitsentwickelung.
Jetzt gehen wir iiber zur Sonnenentwickelung. Nach einer Ruhe-
pause verwandelt sich der Saturn in die Sonnenform. Aufierlich mate-
riell ist es so, daft in der Mitte der Sonnenentwickelung eine Verdich-
tung des Materiellen eingetreten ist. Die Sonne besteht nicht nur aus
Warme, sondern auch aus Gas und Luf t, im okkulten Sinne also Warme
und Luft. Und wiederum erfahrt alles, was in der Sonne ist, seine Ent-
wickelung innerhalb der Bedingungen, die in Warme und Luft statt-
haben konnen. Zunachst geschieht nun folgendes: Der Mensch, der, als
er nur aus Warme bestand, noch keinen Atherleib aufnehmen konnte,
wird jetzt auf der Sonne durchdrungen von einem Atherleib, so dafi
er aus zwei Gliedern, aus dem physischen und dem atherischen Leib
besteht. Aber immer noch ist dieser physische Leib auf der Sonne ganz
anders, als er jetzt ist. Wir wollen versuchen, uns eine wenn auch grobe
Vorstellung von dem physischen Leibe auf der alten Sonne zu machen.
Wir denken uns, dafi wir eingeatmet haben, dafi die eingeatmete Luft
in uns hineingegangen ist. Denken Sie sich also den Einatmungszug
gemacht und die Wirkung in einer gewissen Warmewirkung. Und nun
denken Sie sich alles weg aufier der eingeatmeten Luft, die sozusagen
in ihrer Wirkung den ganzen menschlichen Leib nachbildet - alles
andere, Festes und Flussiges, denken Sie sich fort, und halten nur die
Luft und die Warme fest. Denken Sie also, es entstiinde vor Ihnen
eine solche Form, wie sie entsteht, wenn Sie blofi auf den Einatmungs-
zug und auf seine Wirkung sehen. Nun verfolgen Sie die Form der
eingeatmeten Luft und die Warme, die der Mensch enthalt, dann haben
Sie ungefahr die Gestalt, die der Mensch in der Mitte der Sonnen-
entwickelung gehabt hat. Sie konnen nun fragen: Wenn wir Warme-
linien haben, und aufierdem Gasstromungen, die diesen physischen
Leib bilden, wie sieht denn der Hellseher dieses Gas in der Akasha-
Chronik? Er nimmt es an etwas ganz Bestimmtem wahr. Wenn sich
namlich die Warme zu Luft verdichtet und keine anderen Verhaltnisse
da sind - nicht wie heute auf der Erde, wo die Sonne von aufien her-
einstrahlt -, da beginnt es in dem Augenblicke, wo das Gas, die Luft,
sich abspaltet von der Warmeform, zu leuchten. So dafi Sie den phy-
sischen Leib auf der Sonne so gestaltet haben, dafi er eine Art von keim-
hafter Warmeform ist und eine Form von Gasluftstromungen, die in
der wunderbarsten Weise erglanzt und in den verschiedensten Farben
leuchtet. Dieser ganze Sonnenball besteht zunachst aus leuchtenden
Warmekorpern, die die Uranlage unseres menschlichen physischen Lei-
bes sind, und die durchdrungen sind von dem Atherleibe. Der Mensch
ist zu einer hoheren Stufe heraufgestiegen, er hat zu dem physischen
Leib den Atherleib erlangt. Er selbst ist es, der als ein Teil des Sonnen-
gebildes die Leuchtkraft des Lichtes in den Weltenraum hinausstrahlt.
Der physische Leib ist ein Leuchtkorper geworden dadurch, dafi er den
Atherleib in sich aufgenommen hat. Auf der zweiten Stufe seiner Voll-
kommenheit ist also der physische Leib; wahrend der Atherleib, der ja
erst eben auf der Sonne eingestrahlt ist, sich noch auf der ersten Stufe
befindet.
Jetzt verfolgen wir den Menschen weiter. Die Sonne verwandelt sich
nach und nach in den Mondleib, nachdem sie wiederum eine Pause,
einen Ruhezustand durchgemacht hat. Materiell tritt das ein, daft die
Luftform sich zum Wafirigen verdichtet: es entsteht Fliissiges. In der
Tat, der alte Mond war ein fliissiger Weltkorper, und darin wiirden
Sie als plastische Gebilde wiederum die physischen Menschenleiber
finden, die jetzt aus verfliefienden Saften, aus wafirigen Bestandtei-
len bestehen, in welchen, sagen wir, Luftstromungen kursieren wie
heute die Atmung und Warmestromung. Der physische Leib besteht
jetzt aus drei Gliedern: aus Wasser, aus Gas oder Luft und aus Warme.
Und der friihere Atherleib, den er gehabt hat, geht wieder hinein in
dieser Mondzeit, aber jetzt ist der Mensch imstande, auch den Astral-
leib aufzunehmen, so daft er aus drei Gliedern besteht: dem physischen,
dem Ather- und dem Astralleibe. Nun tritt schon wahrend dieser
Mondzeit die Unmoglichkeit ein, dafi alle Wesen, die mit dem Monde
verbunden sind, gleichen Schritt in der Entwickelung halten. Nicht
blofl wahrend unserer Erdentwickelung, sondern vorbereitend schon
wahrend der Mondentwickelung geht die Sonne einmal heraus aus dem
gemeinsamen Weltenkorper; so dafi wir in der Mitte der Mondent-
wickelung zwei Korper haben, den Mondleib - Erde plus Mond - und
die Sonne, die mit den vorgeschrittensten Wesenheiten sich herausge-
trennt hat, weil diese Wesenheiten fur ihre Weiterentwickelung einen
erhabeneren Schauplatz brauchten. Dadurch nun, daft die feineren
Krafte und Wesenheiten hinausgingen, blieben auf der Erde die grobe-
ren zuriick, und dieser Weltkorper - Erde plus Mond - erf uhr dadurch
sozusagen eine Verdichtung. Wir sehen also, daft schon damals in der
alten Mondzeit die Sonne mit ihren Wesenheiten von aufien her wah-
rend einiger Zeit auf den zuriickbleibenden Mondkorper gewirkt hat.
Nun wird es notig sein, Ihnen diesen zuriickbleibenden Korper ein
wenig naher zu beschreiben, denn wir haben ja einen Teil unserer Ent-
wickelung auf ihm durchgemacht. Auf dem Saturn gab es nur den
physischen Leib; der Mensch hatte den Wert eines Minerals. Auf der
Sonne erhob sich der Mensch zu dem Werte einer Pf lanze, denn er hatte
physischen und Atherleib. Nun waren aber gewisse Wesenheiten zu-
riickgeblieben, indem sie auf der alten Sonne nicht mit hinaufstiegen
zum Menschen-Pflanzendasein, sondern auf der Stufe des Saturn ste-
hen blieben. Das sind die Vorlaufer gewisser heutiger Tiere. Sie sehen,
der heutige Mensch reicht in bezug auf seine Vergangenheit zuriick bis
zu dem alten Saturn, wahrend erst auf der Sonne die Vorlaufer eines
Teiles unserer heutigen Tiere auftreten als ein zweites Reich neben
dem Menschen. Aus demselben Grunde, aus einem Zurikkbleiben ge-
wisser Wesenheiten, war der Mensch, der sich auf dem Monde zu einem
dreigliedrigen Wesen emporgearbeitet hatte, von zwei anderen Rei-
chen umgeben: von einem Reiche, das auf dem Monde in der Stufe der
Pflanze zuruckgeblieben war - die Vorlaufer unserer heutigen Tiere -,
und von dem, was sich jetzt auf dem Monde noch auf der Stufe des
Minerals befand, die Vorlaufer unserer heutigen Pflanzen. Das, was
heute Mineral ist, das gab es noch nicht auf dem Monde, das ist erst
am spatesten entstanden als eine Aussonderung der anderen Reiche. Na-
turlich weifi derjenige, der solche Dinge behauptet, ganz genau, dafi es
Unsinn ist, im heutigen Sinne davon zu reden, daft die Pflanzen ohne
die Grundlage eines Mineralreichs entstehen konnten; aber es waren
eben friiher ganz andere Verhaltnisse. In der Tat entwickelte sich auf
dem alten Monde der Mensch sozusagen im Tierreich, das Tier im
Pflanzenreich, die Pflanze im Mineralreich, und als der Mond sich von
der Sonne trennte, erfuhren alle Reiche eine Verschiebung, die in fol-
gender Weise geschah.
Wenn wir uns den alten Mond denken, dann sind zunachst die drei
oben genannten Reiche vorhanden:
1 . das Menschenreich - eigentlich Tierreich, aus physischem, athe-
rischem und Astralleib bestehend;
2. das Tierreich - eigentlich Pflanzenreich, aus physischem und
atherischem Leibe bestehend;
3. das Pflanzenreich - eigentlich Mineralreich, weil es nur physi-
schen Leib hat.
Unser heutiges Mineralreich also besteht noch nicht. Als nun Mond und
Sonne sich trennen, sind die Wesenheiten und Krafte der Sonne ganz
befreit von den groben Stoffen des Mondes und konnen um so starker
wirken. Dadurch werden nun alle drei Reiche um eine Stufe herauf-
gehoben. Das, was menschlicher Astralleib ist, wird aus seiner innigen
Verbindung mit physischem und Atherleib herausgehoben, so daft,
wenn Sie sich den Menschen mit seinem physischen, seinem Ather- und
Astralleib im Beginn des Mondendaseins denken, Sie spater eine we-
sentliche Veranderung wahrnehmen: Dadurch, dafi die Sonne heraus-
tritt und von aufien zu scheinen beginnt, werden der Astralleib und der
Atherleib zum Teil befreit. Die Folge davon ist, dafi etwas entsteht,
was Sie sich etwa so vorstellen miissen: Denken Sie sich einmal, der
heutige Mensch bestiinde aus physischem Leib, Atherleib und Astral-
leib, und nun kame eine auftere Kraft, die den Astralleib und den Ather-
leib heraustriebe; dann wurden fur den Hellseher Ihr Astralleib und
Ihr Atherleib aufierhalb Ihrer vorhanden sein. Sie selbst aber wurden
dadurch, daft diese beiden Leiber von der Schwere des physischen Lei-
bes befreit werden, um eine halbe Stufe hinaufgehoben werden. Und
so etwas geschah auch damals. Der Mensch wurde auch hinaufgehoben,
er wurde ein Wesen, welches zwischen dem heutigen Menschen und
dem heutigen Tiere mitten drinnen steht, welches aber in geistiger Be-
ziehung gelenkt und geleitet wurde von den erhabenen Sonnenmach-
ten. Ebenso wurden die beiden anderen Reiche um ein Stuck hinauf-
gehoben, so daft wir in der Mitte der Mondentwickelung nicht unsere
heutigen Reiche haben, sondern Zwischenreiche: ein Tiermenschen-
reich, ein Reich zwischen Tier und Pflanze stehend, und ein Pflanzen-
mineralreich. Und geradeso wie unsere Mineralien den festen Boden
bilden, auf dem wir herumwandeln, so gingen die Wesenheiten des
alten Mondes herum auf dem, was das niedrigste Reich des Mondes
war, auf dem Pflanzenmineral. Diese Grundsubstanz des Mondes war
nicht wie auf der Erde heute eine mineralische Substanz, sondern eine
Art halblebendigen Wesens. Wenn Sie sich heute denken wurden etwas
wie Torfmoor oder wie Kochsalat oder gekochten Spinat, einen solchen
Brei, aber dabei lebendig, aufbrodelnd - dann ungefahr hatten Sie eine
Vorstellung von dem, was damals die Grundmasse war. Und nicht
Felsen ragten aus dieser Masse heraus, sondern Gebilde wie etwa das
Holz, verdichtete Pflanzenmasse, Horngebilde, das war damals an-
stelle der heutigen Felsen. Und fur den hellseherischen Blick zeigt sich
das so, daft man auf einer pflanzlich-mineralischen Grundlage wan-
delte, die eine Verdichtung erfuhr, und das sind die Gesteine. Da wach-
sen nun heraus, mehr oder weniger festgewurzelt, die Tierpflanzen,
viel beweglicher als heute; aus dem zahfliissigen Element wachsen sie
heraus. Sie hatten eine Art von Empfindung, wenn man sie anriihrte.
Und aus den feinsten Substanzen hob sich der Tiermensch heraus, der
keineswegs bis in die grobsten Substanzen hinunterreichte, sondern sei-
nen physischen Leib aus den feinsten Substanzen hatte. Und dieser phy-
sische Leib, der in fortwahrender Verwandlung sich befand, sah recht
merkwiirdig aus; einen solchen Menschenkopf, wie ihn der Mensch
heute hat, den kann der Hellseher nicht entdecken auf dem alten
Monde. Er entdeckt im physischen Leibe, wenn dieser auch noch so
weich und fliissig ist, nur tierahnliche Kopfformen, und was aus die-
ser tierahnlichen Kopfform herausragt, das ist der Ather- und der
Astralleib. Fur den physischen Blick hatten alle Tiermenschen also die
verschiedensten Formen, die an Tiere erinnern, aber auch nur erinnern,
und erst wenn man vom physischen Sehen zum astralischen Schauen
aufsteigt, dann erblickt man die hohere Natur dieses Mondtiermen-
schen. So ist die Bevolkerung des alten Mondes.
Wenn wir in die Tiefen der menschlichen Kulturentwickelung, so-
fern sie geistiger Art ist, hineinblicken, so finden wir an vielen Stellen,
dafi in der Tat die Mythen und Sagen, die uns iiberliefert worden sind,
in vieler Beziehung weiser sind, als es unsere heutige Wissenschaft ist.
Und wenn der Mensch einst die geistige Grundlage der Welt wieder
erkennen wird, dann wird er in manchem Mythos, in manchen Sagen
und Marchen eine tiefe Weisheit erkennen, tiefer als unsere scheinbar
so vorgeschrittene Wissenschaft. Denken wir uns noch einmal den alten
Mond, in dem nur die alte Tierpflanze gedeihen kann, und lenken wir
eine Weile den Blick ab von der Weiterentwickelung des Mondes. Seien
wir uns klar, dafi alle diese Mondwesenheiten Vorlaufer unserer heu-
tigen Menschenwesen waren. Aus den Mineralpflanzen ist durch einen
Herunterstieg unser heutiges Mineralreich entstanden, aus den Tier-
pf lanzen unsere heutigen Pf lanzen und aus den zuriickgebliebenen Tier-
menschen, aus denen, die nicht fortgeschritten sind, zum grofiten Teile
unsere heutigen Tiere. So sehen wir, wie unsere heutigen Mineralien,
unsere Pf lanzen, Tiere und Menschen wirklich Nachkommen sind jener
alten Mondwesen. Nun gibt es heute sehr merkwiirdige Pflanzen, die
nicht in einem mineralischen Boden gedeihen, zum Beispiel die Mistel.
Sie ist deshalb so merkwurdig, weil sie sich als Pflanze fiir den hell-
seherischen Blick sehr von den anderen Pflanzen unterscheidet. Sie
zeigt namlich etwas von einem Astralleib, der, wie bei dem Tierleibe,
in die Mistel hineingeht. Trotzdem sie keine Empfindung hat, zeigt sie
etwas von der aufieren Gestalt des Tierwesens. Das riihrt davon her,
dafi sie zu jenen Pflanzentieren des Mondes gehort, die zuriickgeblie-
ben sind; die jetzt nicht Pflanzen haben werden konnen und die deshalb
auch nicht auf einem mineralischen Boden gedeihen. So weit konnten
sie nicht fortschreiten, und deshalb brauchen sie andere Pflanzen, in
die sie sich hineinsenken konnen. Die Mistel ist bei dem alten Mond-
brauch geblieben. Das haben die alten Vorfahren der europaischen
Volker gewufit, indem sie es zunachst in einem wunderbaren Sagenge-
bilde verkbrpert haben. Diese alten germanischen und nordischen Vol-
kerschaften sahen in Loki eine Gewalt, welche noch jenen alten Mond-
kraften angehorte, die sich von dem alten Mondschauplatz auf unsere
Erde heriibergefunden haben. Als die Erde Erde geworden ist, kam sie
unter den Einflufl derjenigen Krafte, welche sich diese alten Volker-
schaften in dem Gotte Baldur symbolisierten. Er reprasentiert alle die
Krafte, die auf die reifen Erdenwesen wirkten, Diejenigen Wesenheiten
unserer Erde aber, die auf der Mondstufe zuriickgeblieben sind, fiihlen
innige Verwandtschaft zu dem, der zu dem Gotte des Mondes gehort,
zu Loki. Daher stammt die wunderbare Sage, dafi einst, als die Gotter
spielten, alle Wesen einen Eid geleistet haben, dafi sie Baldur nicht
verletzen wollten - nur die Mistel schwur diesen Eid nicht. Weshalb?
Weil sie nicht verwandt ist mit den Erdenkraften, die in Baldur ver-
korpert sind; sie ist degeneriert, ein zurvickgebliebenes Geschopf des
Mondes. Sie kann die Grundkraft der Erde, Baldur, verletzen. Loki
mufi sich eines Wesens bedienen, das zu ihm gehort. Tief aus dem ge-
heimen Weltenzusammenhange heraus ist diese Sage entstanden. Und
wenn wir wissen, dafi in vieler Beziehung dasjenige, was der gesunden
Entwickelung widerstrebt, gerade der kranken Entwickelung dienen
mufi, dann begreifen wir, dafi es eine grofie, weise Intuition unserer
Vorfahren war, die sie dazu fiihrte, in der Mistel besonders heilende
Krafte und Safte zu suchen. Sie wufiten das, was wir eben besprochen
haben; daher das Ansehen, welches der Mistel iiberhaupt gegeben wor-
den ist. Das ist so ein Beispiel, an dem wir sehen konnen, wie in den
Sagen und Mythen Weisheit der Weltentwickelung verborgen ist.
Dadurch nun, dafi auf dem Monde sozusagen ein Teil von dem
Ather- und dem Astralleib herausgezogen ist beim Tiermenschen, da-
durch entsteht bereits auf dem alten Monde die Notwendigkeit eines
Bewufkseinswechsels. Und jetzt mtissen wir von einer anderen Ent-
wickelung sprechen, die parallel mit dieser vor sich geht. Jede einzelne
dieser Entwickelungsstufen auf dem Saturn, der Sonne, dem Monde
und der Erde ist zugleich eine Stufe der Bewulltseinsentwickelung.
Auf dem Saturn war das Bewufitsein ganz dumpf, es war die erste
Stufe. Unser Bewufitsein im traumlosen Schlafe, das, was die ewig
schlafende Pflanzenwelt hat, ist schon heller als das, was der Mensch
auf dem Saturn hatte und was sich mit dem Bewufitsein des Minerals
vergleichen lafit. Erst auf der Sonne erhob sich der Mensch zu einem
Bewufitsein, wie das der Pflanze ist, und dadurch, dafi der Mensch
auf dem Monde den Astralleib eingegliedert erhielt, stieg auch sein
Bewufltsein noch einen Grad hoher, zu dem, was wir als das Bilderbe-
wufksein bezeichnen. Mit dem heutigen Traumbewufltsein konnen wir
es nur in gewisser Beziehung vergleichen, denn unsere Traume haben
ja nur in Ausnahmefallen etwas zu bedeuten. Aber auf dem Monde
war das anders. Die auf- und absteigenden Bilder, die sich dem Men-
schen da zeigten, hatten etwas zu bedeuten. Wenn sich ihm ein anderes
Wesen naherte, so konnte er nicht aufiere Form und Farbe wahrneh-
men, aber er empfand etwas in sich aufsteigen, so wie es heute der
Mensch im Traume tut; es stieg in ihm auf ein Bild von der inneren
Natur des Wesens, und je nach der Farbe und dem Charakter dieses
Bildes wufke er, ob das Wesen ihm freundlich oder feindlich gesinnt
sei, ob er bleiben oder fliehen sollte.
Aber es gab schon, wie gesagt, auf dem Monde, wahrend der Zeit,
wo die Sonne draufien war, einen Bewufltseinswechsel; es gab Zeiten,
in denen das BewufStsein lebhafter, und Zeiten, wo es dumpfer war.
Heute wechseln Tag- und Nachtzeiten ab. Der Mensch geht heute des
Morgens in seinen physischen und Atherleib hinein; dadurch taucht
die Welt der aufleren Gegenstande und Wesenheiten vor ihm auf. Es
wird licht und hell um ihn dadurch, daft er sich seiner Sinne bedient.
Dann aber, wenn er abends mit seinem Ich und dem Astralleib hinaus-
geht, dann hat er zunachst kein Werkzeug, um wahrzunehmen; es wird
dunkel um ihn. So wechselt das traumlose Schlafbewufttsein, das dem
Menschen zuerst auf der Sonne geschenkt worden ist, mit dem Wach-
bewufttsein, mit dem Erdenbewufttsein ab. Vorbereitet hat sich das
schon auf dem alten Monde. Schon da waren der Atherleib und der
Astralleib nicht fortwahrend herausgehoben, sondern es gab Zeiten,
wo sie sich in den physischen Leib hineinsenkten; denn der alte Mond
bewegte sich schon um die Sonne herum, und diese Umdrehung be-
wirkte, daft der Mensch zu Zeiten von der Sonne beschienen wurde, zu
Zeiten nicht. Dadurch geschah ein Aus- und Eintreten des Atherleibs
und des Astralleibs in den physischen Leib. Freilich war der Wechsel
nicht von solchem Kontrast wie heute. Wenn der Mensch auf dem alten
Monde herausriickte, wenn er von den Kraften der Sonne beschienen
wurde, dann war er in einem hellen Bewufttsein, in einem geistigen Be-
wufttsein; er nahm intensiv das Geistige wahr. Und wenn sich sein
Ather- und Astralleib in den physischen Leib hineinsenkten, dann ver-
dunkelte sich sein Bewufttsein - Sie sehen, es war umgekehrt wie heute.
So wechselten also auf dem Monde in viel, viel langeren Zeiten helle
und dunkle Bewufttseinszustande ab } und in den dunklen Bewufit-
seinszustanden war es, daft, ohne daft der Mensch es wufite, dasjenige
vor sich ging, was man die Befruchtung nennt. Um die Fahigkeit der
Fortpflanzung zu entwickeln, um die Befruchtung zu bewirken, um zu
gebaren, senkte sich die hohere Wesenheit des Menschen nieder in sei-
nen physischen Leib, und wenn der Vorgang abgeschlossen war, dann
ging sie wieder hinauf in die hohere Welt. Es hat sich nach und nach
vorbereitet, was sich auf der Erde vollstandig entwickelt hat. Und da-
durch, daft die Sonne sich abgesondert hatte, dadurch, daft sie ihren
Wesenheiten starkere Kraft gegeben hatte, konnte der Mensch, und
alle anderen Wesenheiten, hoher entwickelt -werden. Wenn namlich die
Sonnenkrafte die Hemmung durch den alten Mond weiter gehabt hat-
ten, dann hatten sie nicht so kraftig wirken konnen. Nun waren sie
selbst befreit von dem Hemmnis der Mondsubstanzen, und dadurch
ruckte der Mond mit alien seinen Wesenheiten so rasch vorwarts, daft
er nach einer bestimmten Zeit die Reife erlangt hatte, wieder von der
Sonne aufgenommen zu werden. Es trat ein Zustand ein, wo alle abge-
sonderten Weltkorper wieder aufgenommen werden konnten, wo sie
gemeinsam in einen geistigen, in einen Ruhestand traten, den wir Pra-
laya nennen. Und dann trat nach dieser Pause das wieder hervor, was
wir den ersten atherischen Keim des Erdenkorpers nennen konnen, und
aus dem sich spater wieder alles abgesondert hat.
Und nun fragen wir uns: Woher kommt der physische Leib auf
dem Saturn, woher der Atherleib auf der Sonne, und woher der Astral-
leib auf dem Monde? - So philosophisch ungeschickt fragt der Schiiler
der Geisteswissenschaft nicht wie viele, die da glauben, philosophisch
zu fragen. Es gibt Menschen, die fragen: Woher kommt dies oder je-
nes? - und wenn man antwortet, dann fragen sie weiter und immer wei-
ter, ohne Ende. Das tut man nur, solange man sich nicht selbst zur gei-
stigen Betrachtung der Welt erhebt. Verniinf tiger weise mufi man ja
mit dem Fragen an einen Punkt schliefilich kommen, wo der Sinn der
Frage ein Ende nimmt. Denken Sie sich, Sie finden auf der Strafie Fur-
chen in dem Straftenmaterial. Sie fragen: Woher kommt das? - Die
Antwort lautet: Ein Wagen fuhr darin. - Jetzt konnen Sie weiter fra-
gen: Woher kam der Wagen? - Man kann antworten: Den beniitzte
ein Mensch, der ein bestimmtes Geschaft hatte. - Nun konnen Sie aller-
dings fragen: Woher kam das Geschaft? - Aber einmal werden Sie doch
dahin kommen, dafi die Fragen ein Ende nehmen, dafi Sie so weit vom
Gegenstande abkommen, dafi Sie in ein ganz anderes Gebiet hineinge-
langen. Beginnt der Sinn der Fragestellung bei einer Idee, so kommt
man nur, wenn man im Abstrakten bleibt, zu endlosen Fragen. Aber
im konkreten Betrachten kommt man zuletzt zu geistigen Wesenheiten,
und dann fragt man nicht mehr: Warum tun sie das? - sondern man
fragt: Was tun sie? - Dazu mufi man sich erst erziehen, dafi man die
Grenzen des Fragens einsieht.
So sagt uns nun die okkulte Beobachtung, dafi einst, als der alte
Saturn anfing sich zu bilden, gewisse geistige Wesenheiten die Grund-
substanz des Saturn, die Warme, aus ihrer eigenen Substanz als ein
Opfer ausstromten. Sie sind zu solcher Reife gelangt, dafl sie nicht nur
nichts als Nahrung aufzunehmen brauchten, sondern dafi sie sogar im-
stande waren, ihre eigene Substanz hinzuopfern, auszustromen. Das
sind die Throne. Diese Throne giefien ihre Substanz wahrend der alten
Saturnzeit aus, und sie sind es, die durch ihr Opfer die Grundlage zum
physischen Menschenleibe bilden. Derjenige, der diesen physischen
Leib auf dem Saturn okkult betrachtet, sagt: Er ist ausgeflossen aus
der Substanz der Throne. Wir sehen, daft dieser physische Leib sich
von Stufe zu Stufe verwandelt, hoher entwickelt hat, aber was wir in
uns haben, ist immer die umgewandelte Substanz der Throne. Dann
gehen wir hintiber zu der alten Sonne. Da hat sich der Atherleib dem
physischen Leibe zugesellt. Da sind es wiederum geistige Wesenheiten,
unter den Thronen stehend, die wir die Geister der Weisheit, die Ky-
riotetes nennen. Sie waren auf dem Saturn noch nicht so weit, daft
sie ihre eigene Wesenheit hatten ausstrdmen konnen. Auf der Sonne
aber waren sie so weit, und aus ihrem Leibe flofi die Substanz des
Atherleibes. In unserem Atherleib tragen wir seit der Sonnenzeit die
Substanz der Geister der Weisheit. Auf dem Monde gesellte sich der
Astralleib hinzu. Wieder sind es geistige Wesenheiten, die ihre Sub-
stanz hinopfern: die Geister der Bewegung, Dynameis oder Machte.
Und endlich gehen wir von dem Monde auf die Erde heriiber; da stromt
eine andere Wesenheit ihre Kraft in uns hinein, wir erlangen das Ich;
zu den drei anderen Leibern kommt das Ich. Dieses Ich wird uns ver-
liehen von den Geistern, die da lenken die kosmische Entwickelung,
von den Geistern der Form, von den Gewalten oder Exusiai. Diese
Geister der Form treffen wir hier wieder an: es sind die Elohim, die
uns ihr Sonnenlicht zustrahlen, und Jehova, der von der Mondseite her
an dem Menschengeiste formt. Hier haben wir sie in ihrem Zusammen-
wirken, die Geister der Form, die von auflen herein dem Menschen die
Anlage zu seinem Ich gaben.
So sehen wir von Stufe zu Stufe gewisse geistige Wesenheiten sich
hineingliedern in die Menschenentwickelung: auf dem Saturn die
Throne, auf der Sonne die Geister der Weisheit, auf dem Monde die
Geister der Bewegung oder Dynameis, und auf der Erde die Geister der
Form: Jehova und die Elohim. Alle diese Wesenheiten sind es, die dem
Menschen seine jetzige Gestalt und Form gegeben haben, die ihre eigene
Wesenheit haben einstromen lassen. In der biblischen Urkunde wer-
den wir deutlich darauf hingewiesen, wie das Wesen eines der Geister
der Form einstromte in das Wesen des Menschen. Ein tiefes Geheimnis
verbirgt sich hinter dem, was in der Thora steht. Denken Sie sich, dafl
einer der Geister der Elohim sich als Jehova mit dem Monde verbunden
hat, dal$ er von dort aus als Geist der Form wirkte, den Menschen zu
dem machte, was ihm die gottliche Form gibt: Der Gott bildete den
Menschen nach seinem Bilde, er gab ihm die Gestalt der Gotter. — Die
Geister der Form sind es, die ihm die menschliche Gestalt, das heiftt
die gottliche Form gaben. Die Elohim stromen im Lichte die Sonnen-
kraf t auf die Erde nieder. Der Jehovagott hat verzichtet auf das aufiere
Kleid, auf die aufiere Gestalt des Lichtes; als ein finsterer Gott stromt
er auf die Erde ein, indem er sich beschrankt auf die Zeit zwischen
Geburt und Tod. Durch die Luft, welche das Licht durchdringt, gesel-
len sich zu ihm die Geister der Luft. So dafi, wenn wir uns ein Bild
machen wollen von dem, was geistig und physisch von der Sonne auf
die Erde stromt, wir sehen, wie die Sonnenstrahlen aufgefangen wer-
den von der Erde und an den Menschen herankommen, und wie diese
Strahlen auch das mitbringen, was vom Jehovageiste uns zustromt:
da kommt dasjenige hinzu, was in der Luft als Geistiges lebt. Und auf
diesen Augenblick, wo Jehova seine Kraftwesenheit, ein Stuck der Je-
hovagottheit einstromen lafit in den Menschen, darauf wird hingewie-
sen mit den Worten der Bibel: «Und Jehova stromte dem Menschen
den lebendigen Odem ein, und er ward eine lebendige Seele.»
Wir miissen uns klarmachen, dafi wir solche Worte ganz wortlich
nehmen miissen, dafi wir lesen miissen, was wirklich darinnen steht.
Und Schauer der Ehrfurcht durchdringen uns, wenn wir anfangen, ein
solches Wort zu verstehen; wenn wir begreifen den Sinn dieses Aus-
spruches, der uns verkiindet, dafi, nachdem auf dem Saturn, der Sonne
und dem Monde die Throne, die Geister der Weisheit und die Geister
der Bewegung ihre Wesenheiten eingegossen haben in den Menschen,
nun auf der Erde auch die Geister der Form gleichsam hineingefahren
sind in ihn. Dieser grofte, gewaltige Moment ist es, der in dem biblischen
Worte ausgedriickt ist.
Und nun werden wir weiter sehen, wie diese Elohim und Jehova
zusammenwirkten mit den luziferischen Wesenheiten durch die atlan-
tische Periode bis in unsere Zeit hinein.
SECHSTER VORTRAG
Stuttgart, 10. August 1908
Die Natur unseres Themas bringt es mit sich, daft wir in einer ganz
eigenartigen Weise vorgehen, daft wir uns sozusagen im Kreise unse-
rem Ziel nahern, daft wir vom Umfange aus immer engere Kreise Zie-
hen, um dasjenige zu erreichen, was wir erreichen wollen. Daher kann
es anfangs scheinen, als ob eine innere Systematik unseren Betrachtun-
gen fehlte. Aber gerade dadurch, daft wir uns so allmahlich von auften
dem Inneren nahern, werden wir zu einem richtigen Verst'andnis der
Sache vordringen.
Wir haben vorgestern
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