Okkulte Untersuchungen über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge  vor  mitgliedern 

der  ANTHROPOSOPHISCHEN  gesellschaft 


RUDOLF  STEINER 


Okkulte  Untersuchungen 
iiber  das  Leben 
zwischen  Tod  und  neuer  Geburt 

Die  lebendige  Wechselwirkung 
zwischen  Lebenden  und  Toten 

Zwanzig  Vortrage,  gehalten  1912/1913 
in  verschiedenen  Stadten 


2003 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 


Die  Herausgabe  der  5.  Auflage  besorgte 
Walter  Kugler 


Bibliographischer  Nachweis  bisheriger  Ausgaben 

Seite  385 

Einband-Entwurf  von  Assja  Turgenieff 


Band  GA  140 
5.,  unveranderte  Auflage  2003 

©  2003  by  Rudolf  Steiner  Verlag,  Dornach 
©  1961  by  Rudolf  Steiner  Nachlassverwaltung,  Dornach 
Alle  Rechte,  auch  die  des  auszugsweisen  Nachdrucks,  der  foto- 
mechanischen  und  elektronischen  Wiedergabe,  vorbehalten. 
Bindung:  Spinner  GmbH,  Ottersweier 
Printed  in  Germany  by  Greiser  Druck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-1400-6 


Xu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Rudolf  Steiner  hat  seine  Vortrage  stets  frei,  also  ohne  Manuskript,  gehalten. 
Viele  seiner  Voriiberlegungen  hielt  er  lediglich  in  Stichworten,  manchmal 
auch  in  kurzen  Satzen,  Schemata  oder  Skizzen  in  seinen  Notizbiichern  fest, 
ohne  daft  er  sie  weiter  schriftlich  ausgearbeitet  hatte.  Nur  in  ganz  wenigen 
Fallen  liegen  vorbereitete  schriftliche  Zusammenfassungen  vor,  die  fur  Uber- 
setzer  bestimmt  waren.  Er  hat  jedoch  der  Veroffentlichung  seiner  Vortrage 
zugestimmt,  auch  wenn  er  selbst  nur  einige  wenige  fur  den  Druck  vorberei- 
ten  konnte. 

Die  in  der  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  veroffentlichten  Vortrage  basie- 
ren  in  der  Regel  auf  Ubertragungen  stenographischer  Aufzeichnungen,  die 
wahrend  des  Vortrages  von  Zuhorern  oder  hinzugezogenen  Fachstenogra- 
phen  angefertigt  wurden.  Verschiedentlich  -  und  dies  gilt  fur  die  Anfangsjah- 
re  seiner  Vortragstatigkeit,  etwa  bis  1905  -  dienen  auch  schriftliche  Ausarbei- 
tungen  durch  Zuhorer  als  Textgrundlage.  Fiir  die  Drucklegung  werden  die 
Ubertragungen  in  Langschrift  oder  Zuhorernotizen  von  den  Bearbeitern 
(Herausgebern)  einer  eingehenden  Priifung  unterzogen,  insbesondere  hin- 
sichtlich  Sinn,  Satzbau  und  Genauigkeit  der  Wiedergabe  von  Zitaten,  Eigen- 
namen  oder  Fachbegriffen.  Bei  auftretenden  Komplikationen,  wie  zum  Bei- 
spiel  nicht  entschlusselbaren  Satz-  und  Wortgebilden  oder  Liicken  im  Text, 
werden,  soweit  vorhanden,  die  Originalstenogramme  zur  Abklarung  hinzu- 
gezogen. 

Weitere  Angaben,  die  Besonderheiten  der  Textgrundlagen,  der  Bearbei- 
tung  sowie  die  Entstehungsgeschichte  der  im  vorliegenden  Band  veroffent- 
lichten Vortrage  betreffend,  befinden  sich  am  Schlufi  des  Bandes. 


Die  Herausgeber 


INH ALT 


(Ausfiihrliche  Inhaltsangaben  siehe  Seite  377) 


Untersuchungen  iiber  das  Leben  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt 


Mailand,  Erster  Vortrag,  26.  Oktober  1912   9 

Mailand,  Zweiter  Vortrag,  27.  Oktober  1912  25 

Der  Durchgang  des  Menschen  durch  die  Planetenspharen  und  die 
Bedeutung  der  Christus-Erkenntnis 

Hannover,  18.  November  1912   38 

Die  neuesten  Ergebnisse  okkulter  Forschung  iiber  das  Leben 
zwischen  Tod  und  neuer  Geburt 

Wien,  3.  November  1912  61 

Das  Leben  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt 

Munchen,  Erster  Vortrag,  26.  November  1912  82 

Miinchen,  Zweiter  Vortrag,  28.  November  1912  108 

Einiges  iiber  die  Technik  des  Karma  im  Leben  nach  dem  Tode 

Bern,  IX  Dezember  1912  125 

Zwischen  Tod  und  neuer  Geburt 

Wien,  21.  Januar  1913  (Horernotizen)  147 

Vom  Leben  nach  dem  Tode 

Linz,  26.  Januar  1913  158 

Anthroposophie  als  Empfindungs-  und  Lebensgehalt.  Andacht 
und  Ehrfurcht  vor  dem  Verborgenen 

Tubingen,  16.  Februar  1913  175 

Die  kosmische  Seite  des  Lebens  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt. 
Der  Weg  durch  die  Sternenspharen 

Stuttgart,  Erster  Vortrag,  1 7.  Februar  1913  189 

Das  gegenseitige  In-Beziehung-Treten  zwischen  den  Lebenden 
und  den  sogenannten  Toten 

Stuttgart,  Zweiter  Vortrag,  20.  Februar  1913  207 


Die  Mission  des  Erdenlebens  als  Durchgangspunkt  fur  das  Jenseits 

Frankfurt,  2.  Mdrz  1913  227 

liber  das  Leben  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt.  -  Die  Zusam- 
menhange  zwischen  der  sinnlichen  und  der  ubersinnlichen  Welt 

Miinchen,  Erster  Vortrag,  10.  Mdrz  1913  244 

Vom  Durchgang  des  Menschen  nach  dem  Tode  durch  die 
Spharen  des  Kosmos 

Miinchen,  Zweiter  Vortrag,  12.  Mdrz  1913  266 

Erganzende  Tatsachen  uber  das  Leben  zwischen  Tod  und  neuer 
Geburt 

Breslau,  5.  April  1913  (Horernotizen)  288 

Uber  den  Verkehr  mit  den  Toten 

Dusseldorf,  27.  April  1913  (Horernotizen)  301 

Das  Leben  nach  dem  Tode 

Strafiburg,  13.  Mai  1913  (Horernotizen)  317 

Die  lebendige  Wechselwirkung  zwischen  Lebenden  und  Toten 
Bergen,  Erster  Vortrag,  10.  Oktober  1913   324 

Die  Umwandlung  menschlich-irdischer  Krafte  zu  Kraften  hell- 
seherischer  Forschung 

Bergen,  Zweiter  Vortrag,  11.  Oktober  1913  344 


Anhang 

Zu  dieser  Ausgabe   367 

Textgrundlagen   367 

Hinweise  zum  Text   368 

Namenregister   376 

Ausfuhrliche  Inhaltsangaben   377 

Weitere  Ausfuhrungen  zum  Thema  im  Werk  Rudolf  Steiners     .    .  384 

Bibliographiscker  Nachweis  bisheriger  Ausgaben   385 

Zum  Werk  Rudolf  Steiners   386 


U  NITERS  UCH  UN  GEN  UBER  DAS  LEBEN 
ZWISCHEN  TOD  UND  NEUER  GEBURT 

Mailand,  26.  Oktober  1912 
Enter  Vortrag 

Es  soli  an  diesem  heutigen  Abend  meine  Aufgabe  sein,  Ihnen  von 
einigen  Eigentiimlichkeiten  in  der  Erkenntnis  der  spirituellen  Welt 
zu  sprechen  und  auch  die  Konsequenzen  solcher  Erkenntnisse  fur 
das  ganze  Leben  anzudeuten.  Derjenige,  welcher  die  Aufgabe  zu- 
geteilt  erhalten  hat,  aus  den  spirituellen  Welten  etwas  seinen  Mit- 
menschen  mitzuteilen,  kann  nicht  oft  genug  daran  gehen,  seine 
Erkenntnisse  immer  wieder  zu  priifen  auf  ihre  Richtigkeit  und  auf 
ihre  absolute  spirituelle  Korrektheit  hin.  Meine  Ausfiihrungen  wer- 
den  zuletzt  darauf  hinauslaufen,  Ihnen  einiges  mitzuteilen  von 
Erkenntnissen  des  menschlichen  Lebens  zwischen  dem  Tod  und 
einer  neuen  Geburt.  Es  ist  mir  gerade  in  der  letzten  Zeit  moglich 
gewesen,  die  Untersuchungen,  die  der  menschliche  Geist  auf  diesem 
Boden  machen  kann,  einmal  griindlich  durchzupriifen;  und  von 
dieser  griindlkhen  Durchpriifung  mochte  ich  Ihnen  heute  im  zwei- 
ten  Teile  meiner  Ausfiihrungen  sprechen.  Es  ist  namlich  notwen- 
dig,  daB  ich  im  ersten  Teil  meines  Vortrages  einige  Bemerkungen 
iiber  die  Art  der  Erlangung  spiritueller  Erkenntnisse  vorausschicke. 

Zur  Erlangung  spiritueller  Erkenntnisse  ist  eine  ganz  bestimmte 
Verfassung  der  menschlichen  Seele  notwendig.  Und  diese  Verfas- 
sung  der  menschlichen  Seele  ist  in  gewisser  Beziehung  durchaus 
entgegengesetzt  jener  Verfassung,  welche  die  menschliche  Seele  im 
auBeren  Leben  auf  dem  physischen  Plan  hat.  Im  auBeren  Leben, 
insbesondere  in  unserer  Gegenwart,  ist  die  menschliche  Seele  im 
Grunde  in  einer  fortwahrenden  Unruhe.  Von  Stunde  zu  Stunde  im 
Laufe  des  Tages  bekommt  die  Seele  fortwahrend  neue  Eindriicke, 
und  weil  die  menschliche  Seele  sich  doch  mit  ihren  Eindriicken 
identifiziert,  so  bedeutet  das  eine  fortwahrende  Unruhe  der  Seele. 

Das  Gegenteil  muB  bei  demjenigen  in  der  Seele  eintreten,  der 
in  die  spirituelle  Welt  hineindringen  will.  Die  erste  Bedingung  zum 


Aufsteigen  in  die  spirituelle  Welt  und  zum  Begreifen  der  Erkennt- 
nisse  aus  den  spirituellen  Welten  ist  vollstandige  Ruhe,  Stetigkeit, 
innere  Ruhe  der  Seele.  Diese  Ruhe  der  Seele  ist  schwieriger  her- 
zustellen,  als  man  glauben  konnte.  Schweigen  miissen,  damit  diese 
Ruhe  der  Seele  hergestellt  werden  kann,  vor  alien  Dingen  alle  Auf- 
regungen,  alle  Besorgnisse,  alle  Kiimmernisse  und  sogar  die  In- 
teressen  des  auBeren  Lebens  wahrend  der  Zeit,  in  welcher  wir  uns 
in  die  spirituelle  Welt  versetzen  wollen.  Es  muB  so  sein,  wie  wenn 
wir  an  einem  Punkte  der  Welt  stehen  wiirden  und  keinen  Willen 
hatten,  von  diesem  Punkte  auch  nur  ein  wenig  wegzutreten,  damit 
die  Dinge  der  geistigen  Welt  an  uns  voriiberziehen  konnen.  Dabei 
aber  miissen  wir  bedenken,  daJ3  wir  in  dem  alltaglichen  Leben  auf 
dem  physischen  Plan  von  einem  Dinge  zum  anderen  gehen  konnen, 
und  die  Dinge  sind  da.  Das  ist  nicht  so  in  der  geistigen  Welt.  In 
der  geistigen  Welt  miissen  wir  durch  unser  Denken,  durch  unser 
Vorstellen  tatsachlich  die  Dinge  erst  an  uns,  an  den  ruhenden 
Punkt  in  uns  herantragen.  Wir  miissen  gleichsam  aus  uns  heraus- 
treten,  in  die  Dinge  hinein  uns  begeben,  und  dann  von  auBen  die 
Dinge  zu  uns  heranbringen.  Dabei  machen  wir  dann  Erfahrungen, 
welche  beangstigend  sein  konnen  fiir  die  menschliche  Seele. 

Wir  entdecken,  daB  wir  im  gewohnlichen  Leben  auf  dem  physi- 
schen Plan  die  Dinge  andern  konnen,  daB  wir  uns  selber  verbessern 
konnen,  wenn  wir  die  Dinge  falsch  sehen  oder  falsch  machen.  Alles 
dieses  ist  auf  dem  geistigen  Plan  nicht  mehr  der  Fall.  Vielmehr 
miissen  wir  auf  dem  geistigen  Plan  erfahren,  daB  uns  die  Dinge 
wahr  oder  falsch  erscheinen  je  nach  dem,  was  schon  in  uns  war  in 
dem  Augenblicke,  in  welchem  wir  uns  an  den  Geistesplan  heran- 
begeben.  Alle  Vorbereitung  zum  richtigen  Erkennen  der  geistigen 
Welten  muB  daher  in  die  Zeit  vor  dem  Eintreten  in  die  geistige 
Welt  fallen;  denn  ist  man  einmal  durch  das  Tor  in  die  geistige 
Welt  eingetreten,  so  kann  man  nicht  mehr  das  darin  Geschaute 
korrigieren,  sondern  macht  die  Fehler,  die  man  nach  seinen  Charak- 
tereigenschaften  machen  muB.  Und  um  gewisse  Fehler,  die  man 
dann  gemacht  hat,  ferner  zu  vermeiden,  muB  man  wieder  zuriick- 
kommen  auf  den  physischen  Plan  und  auf  dem  physischen  Plan 


seine  Eigenschaften  verbessern,  und  dann  zuriickkehren  in  die  gei- 
stige  Welt,  um  es  nun  besser  zu  machen.  —  Sie  werden  daraus  er- 
sehen,  wie  ungeheuer  notwendig  eine  gute,  richtige  Vorbereitung 
fur  die  geistige  Welt  ist,  bevor  man  dutch  das  Tor  in  die  geistige 
Welt  eintritt. 

Alles  dieses,  was  ich  hier  sage,  ist  abhangig  von  den  Entwicke- 
lungszyklen  der  Menschen,  und  so  wie  die  Dinge  heute  stehen  fur 
die  Seele,  so  war  es  nicht  immer.  Gegenwartig  muB  der  Mensch 
sich  vor  einem  zu  starken  Auftreten  einer  visionaren  Schau  beim 
Eintreten  in  die  geistige  Welt  mehr  fiirchten,  als  sie  willkommen 
heiBen.  Es  konnen,  wenn  wir  unsere  Ubungen  beginnen  zum  Auf- 
steigen  in  die  hoheren  Welten,  visionare  Erscheinungen,  visionare 
Tatsachen  auf  den  Menschen  eindringen.  Und  es  gibt  nur  eine 
einzige  Moglichkeit  in  der  gegenwartigen  Zeit,  gegeniiber  der  visio- 
naren Welt  den  Irrtum  zu  vermeiden.  Diese  einzige  Moglichkeit 
ist  die  Notwendigkeit,  von  seinen  Visionen  zuerst  sich  zu  sagen, 
man  erkennt  durch  diese  Visionen  zunachst  nichts  anderes  als  sich 
selber.  Wenn  eine  ganze  visionare  Welt  um  uns  herum  auftritt,  so 
braucht  diese  nichts  anderes  zu  sein  als  eine  Spiegelung  unseres 
eigenen  Wesens.  Unsere  Eigenschaften,  unsere  eigene  Reife,  alles 
dasjenige,  was  wir  denken  und  fiihlen,  verwandelt  sich  in  der  visio- 
naren Welt  in  Tatsachen,  die  fur  uns  wie  eine  objektive  Welt  aus- 
sehen.  Wenn  wir  zum  Beispiel  glauben,  in  der  astralischen  Welt 
Wesenheiten  oder  Vorgange  zu  sehen,  die  uns  vollig  objektiv  er- 
scheinen,  so  braucht  das  nichts  anderes  zu  sein  als  eine  Spiegelung, 
sagen  wir  zum  Beispiel,  irgendeiner  unserer  Tugenden  oder  Un- 
tugenden  oder  auch  nur  unseres  Kopfschmerzes.  Derjenige,  der  zur 
wirklichen  Initiation  aufsteigen  will,  muB  insbesondere  heute  dazu 
gelangen,  das,  was  ihm  in  der  visionaren  Welt  entgegentritt,  den- 
kend  zu  begreifen,  denkend  zu  durchdringen.  Der  zu  Initiierende 
wird  daher  nicht  eher  ruhen,  als  bis  er  dasjenige,  was  ihm  in  der 
visionaren  Welt  entgegentritt,  so  begriffen  hat  wie  das,  was  ihm  in 
der  physischen  Welt  entgegentritt. 

Nun  treten  uns  aber,  wenn  wir  zur  Initiation  aufsteigen,  die- 
jenigen  Dinge  entgegen,  die  wir  auch  in  der  Welt  zwischen  dem 


Tode  und  einer  neuen  Geburt  durchleben.  Es  entstand  nun  in  der 
letzten  Zeit  fiir  meine  okkulten  Untersuchungen  die  Frage:  Wie 
verhalt  sich  die  vision'are  Welt,  die  man  finden  kann  durch  Initia- 
tion oder  durch  eine  den  Atherleib  lockernde  Erschiitterung,  zu  der 
Welt,  in  der  man  lebt  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt?  —  Da 
ergab  sich  denn  das  Folgende:  Wenn  wir  also  von  der  Zeit  des 
Kamaloka  an,  die  Sie  ja  kennen,  unsere  Aufmerksamkeit  lenken 
auf  die  weitere  Zeit  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt,  da  sehen  wir 
zunachst,  daB  wir  in  einer  Art  objektiven  Welt  leben,  die  sich  ver- 
gleichen  laBt  mit  der  Welt  des  Initiierten.  Das  soil  nicht  bedeuten, 
daB  wir  nach  dem  Tode  nicht  in  einer  wirklichen  Welt  lebten; 
wir  leben  in  einer  absolut  realen  Welt,  leben  mit  denen,  mit  wel- 
chen  wir  in  Beziehung  getreten  sind  schon  in  dieser  physischen 
Welt,  in  durchaus  wirklichen  Verhaltnissen.  Aber  wie  auf  der  Erde 
uns  alles  vermittelt  wird  durch  die  Wahrnehmung  der  Sinne,  so 
werden  uns  alle  Dinge  nach  dem  Tode  vermittelt  durch  die  Visionen. 

Setzen  wir  den  Fall,  wir  treffen  nach  dem  Tode  in  der  geistigen 
Welt  jemanden,  der  vor  uns  verstorben  ist.  Er  ist  in  der  Wirklich- 
keit  fiir  uns  da,  wir  stehen  ihm  wirklich  gegeniiber,  aber  wir  miis- 
sen  ihn  auch  wahrnehmen  konnen,  miissen  in  eine  Beziehung  zu 
ihm  treten  in  der  visionaren  Welt,  geradeso,  wie  wir  in  der  physi- 
schen Welt  mit  einem  Menschen  durch  Augen  und  Ohren  in  Bezie- 
hung treten  miissen.  Nun  aber  stellt  sich  eine  Schwierigkeit  ein, 
welche  ebenso  vorhanden  ist  fiir  die  Erfahrung  des  Initiierten,  wie 
sie  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  vorhanden  ist:  die 
visionare  Welt  gibt  uns  zunachst,  wie  schon  angedeutet,  nur  eine 
Spiegelung  unseres  eigenen  Wesens.  Wenn  ein  Mensch  so,  wie  es 
charakterisiert  worden  ist,  uns  in  der  geistigen  Welt  entgegentritt, 
dann  steigt  eine  Vision  auf.  Diese  Vision  gibt  aber  zunachst  nichts 
anderes  wieder  als  die  Art  von  Liebe  oder  Antipathie,  die  wir  hier 
fiir  ihn  gehabt  haben,  oder  eine  andere  Beziehung,  die  wir  zu  dem 
haben,  der  uns  in  der  geistigen  Welt  entgegentritt.  Wir  konnen 
also  einem  Menschen  gegeniiberstehen  in  der  geistigen  Welt  und 
doch  nichts  anderes  wahrnehmen  als  dasjenige,  was  sich  in  uns 
festgesetzt  hat  vor  dem  Tode.  Es  kann  also  sein,  daB  wir  dem  Men- 


schen  gegeniibertreten  und  uns  mit  unseren  eigenen  Empfindungen, 
Sympathien  oder  Antipathien  wie  mit  einem  visionaren  Nebel  um- 
geben,  so  daB  er  gerade  die  Veranlassung  wird,  daB  wir  uns  durch 
unseren  eigenen  Nebel  von  ihm  abschlieBen.  Das  wichtigste  dabei 
ist,  daB  ein  solches  Verhalten  einem  Menschen  gegeniiber  in  der 
geistigen  Welt  nach  dem  Tode  verkniipft  ist  mit  einer  realen  Emp- 
findung,  mit  einem  realen  inneren  Erlebnis.  Wir  fiihlen  zum  Bei- 
spiel,  daB  wir  einen  Menschen,  den  wir  im  Leben  nicht  vollstandig, 
wie  wir  es  hatten  tun  sollen,  geliebt  haben,  nicht  mehr  nach  dem 
Tode  lieben  konnen,  als  wie  wir  ihn  im  Leben  geliebt  haben,  trotz- 
dem  wir  ihm  gegeniiberstehen  und  ihn  mehr  lieben  mochten,  und 
das  nicht  mehr  gutmachen  konnen,  was  wir  im  physischen  Leben 
versaumt  haben.  Dieses  Nichtkonnen,  dieses  Seine-eigene-Seele-ab- 
solut-nicht-besser-entwickeln-Konnen,  das  kann  empfunden  werden 
als  eine  ungeheure  Pressung  der  Seele  und  wird  auch  nach  dem 
Tode  so  empfunden. 

Und  hier  komme  ich  auf  das  Kapitel,  das  sich  mir  in  der  letzten 
Zeit  ergeben  hat:  Die  ersten  Erlebnisse  im  sogenannten  Devachan 
sind  im  wesentlichen  erfullt  von  dem,  was  sich  schon  festgesetzt 
hat  in  unserer  Seele  als  unsere  Beziehungen  zu  anderen  Menschen 
vor  unserem  Tode.  Wir  konnen  zum  Beispiel  einem  Menschen 
gegeniiber  in  einer  ganz  bestimmten  Zeit  nach  dem  Tode  nicht 
fragen:  Wie  soil  ich  ihn  lieben?  —  sondern  wir  konnen  nur  fragen: 
Wie  habe  ich  ihn  im  irdischen  Leben  geliebt  und  wie  liebe  ich  ihn 
in  Konsequenz  jetzt?  Dieser  Zustand  andert  sich  dadurch,  daB  wir 
nach  und  nach  fahig  werden  konnen,  nach  dem  Tode  auf  dasjenige, 
was  wir  in  Visionen  um  uns  herum  haben,  die  Wesenheiten  der 
geistigen  Welt,  die  Wesenheiten  der  Hierarchien  wirken  zu  fiihlen. 
Also  dieser  Zustand,  den  ich  eben  beschrieben  habe,  andert  sich 
nur  dadurch,  daB  wir  nach  und  nach  fiihlen  lernen:  Es  wirken  auf 
den  Nebel,  der  uns  umgibt,  die  Wesenheiten  der  Hierarchien;  sie 
bestrahlen  diesen  Nebel,  wie  die  Sonne  die  Wolken  bestrahlt.  Wir 
mussen  sogar  eine  gewisse  Summe  von  Erinnerungen  an  die  Erleb- 
nisse vor  dem  Tode  mitbringen,  die  uns  wie  eine  Wolke  umgeben, 
und  mit  ihnen  mussen  wir  uns  fahig  machen,  aufzunehmen  das 


Licht  der  andern  Hierarchien.  —  Im  allgemeinen  ist  auch  in  der 
gegenwartigen  Zeit  fast  jeder  Mensch  geneigt,  sich  in  dieser  Weise 
den  Einfliissen,  den  Wirkungen  der  hoheren  Hierarchien  hinzu- 
geben.  Das  heiBt:  Jeder  Mensch,  der  heute  stirbt  und  in  die  geistige 
Welt  eintritt,  kommt  dazu,  daB  die  Hierarchien  seinen  Nebel  von 
Visionen  beleuchten. 

Aber  dieses  Einwirken  der  Hierarchien,  das  im  Laufe  der  Zeit 
geschieht,  dieses  Lichtgeben,  verandert  sich  allmahlich.  Es  veran- 
dert  sich  so,  daB  wir  nach  und  nach  fiihlen,  wie  durch  das  Herein- 
brechen  des  Lichtes  der  hoheren  Hierarchien  unser  BewuBtsein  all- 
mahlich herabgedampft  werden  kann.  Und  dann  merken  wir,  daB 
das  Erhalten  des  BewuBtseins  von  ganz  bestimmten  Dingen  vor 
dem  Tode  abhangt.  So  zum  Beispiel  verdunkelt  sich  das  BewuBt- 
sein leichter  bei  einem  Menschen  mit  unmoralischer  Seelenver- 
fassung.  Das  wichtigste  also  ist,  durch  den  Tod  mit  moralischen 
Kraften  hindurchzugehen,  denn  das  moralische  BewuBtsein  halt 
unsere  Seele  offen  fur  das  Licht  der  Hierarchien.  Es  war  mir  in  der 
letzten  Zeit  moglich  zu  untersuchen  Menschen  nach  dem  Tode 
mit  moralischer  wie  auch  Menschen  mit  unmoralischer  Seelenver- 
fassung,  und  es  stellte  sich  immer  dabei  heraus,  daB  die  Menschen 
mit  moralischer  Seelenverfassung  ein  BewuBtsein  erhalten  nach 
dem  Tode,  das  hell  und  klar  ist;  die  Menschen  mit  unmoralischer 
Seelenverfassung  verfallen  in  eine  Art  dunkler  BewuBtseins- 
dammerung. 

Man  kann  nun  freilich  fragen:  Was  schadet  das,  wenn  die  Men- 
schen nach  dem  Tode  in  eine  Art  BewuBtseinsschlaf  kommen? 
Dann  haben  sie  nichts  zu  leiden  und  entgehen  sogar  den  Folgen 
ihrer  Unmoralitat.  —  Das  kann  man  aber  nicht  einwenden  aus 
dem  Grunde,  weil  diese  Verdunkelung  des  BewuBtseins  verkniipft 
ist  mit  ungeheuren  Angstzustanden,  die  sich  als  Folge  der  Un- 
moralitat ergeben.  Nach  dem  Tode  gibt  es  keine  groBeren  Angst- 
zustande  als  diese  Verdunkelung  des  BewuBtseins. 

Spater,  wenn  eine  gewisse  Zeit  nach  dem  Tode  verflossen  ist, 
macht  man  wieder  andere  Erfahrungen:  Man  vergleicht  Men- 
schen verschiedener  Art  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Ge- 


burt;  fur  die  spatere  Zeit  nach  dem  Tode  kommen  auBer  den  mora- 
lischen  Seelenverfassungen  die  religiosen  Seelenverfassungen  in 
Betracht,  und  es  stellt  sich  einfach  als  eine  Tatsache  heraus,  gegen 
die  man  nichts  einwenden  kann,  daB  Menschen  mit  mangelnden 
religiosen  Vorstellungen  in  einer  gewissen  Zeit  nach  dem  Tode 
durch  diesen  Mangel  an  religiosen  Vorstellungen  eine  BewuBtseins- 
verdunkelung  erfahren.  Man  kann  sich  gar  nicht  erwehren  dieser 
Impression,  die  sich  bei  solchen  Untersuchungen  der  Menschen 
ergibt,  welche  nur  materialistische  Vorstellungen  haben,  daB  sie 
tatsachlich  ihr  BewuBtsein  bald  nach  dem  Tode  erloschen,  verdam- 
mern  fiihlen.  Und  es  mdgen  materialistische  Weltanschauungen 
noch  so  sehr  einleuchten,  diese  Tatsache,  die  eben  gesagt  worden 
ist,  ergibt  sich  eben  einmal  gegen  das  dem  Menschen  Forderliche 
der  materialistischen  Anschauungen.  Sie  sind  nun  einmal  nicht 
forderlich  der  menschlichen  Entwickelung  nach  dem  Tode. 

Damit  habe  ich  so2usagen  zwei  Zeitepochen  geschildert,  die  fiir 
das  menschliche  Leben  nach  dem  Tode  vorhanden  sind:  die  eine 
Epoche,  wo  die  moralischen,  die  andere,  wo  die  religiosen  Vorstel- 
lungen eine  Rolle  spielen.  Dann  kommt  aber  eine  dritte,  die  fiir 
jedes  menschliche  Wesen  eine  Verdunkelung  des  BewuBtseins  her- 
vorbringen  wiirde,  wenn  es  nicht  gewisse  WeltmaBnahmen  gabe, 
welche  diese  Verdunkelung  des  BewuBtseins  verhindern.  Wenn  wir 
nun  diese  dritte  Epoche  untersuchen,  so  miissen  wir  Riicksicht  neh- 
men  auf  die  Evolution  der  ganzen  Menschheit  durch  die  verschie- 
denen  Entwickelungszyklen  hindurch.  Durch  dasjenige,  was  sie  auf 
der  Erde  haben  erwerben  konnen,  konnten  sich  die  Menschen  der 
vorchristlichen  Zeit  nichts  von  dem  verschaffen,  was  ihnen  ein 
BewuBtsein  in  dieser  dritten  Epoche  nach  dem  Tode  hatte  geben 
konnen.  DaB  die  Menschen  in  dieser  vorchristlichen  Zeit  dennoch 
ein  BewuBtsein  hatten  wahrend  dieser  dritten  Epoche,  kam  davon 
her,  daB  beim  Erdbeginn  dem  Menschen  gewisse  spirituelle  Krafte 
gegeben  worden  waren,  die  in  der  Seele  eben  das  BewuBtsein  in 
dieser  dritten  Epoche  nach  dem  Tode  erhalten  konnten.  Diese  Erb- 
stiicke,  welche  die  Menschen  noch  vom  Erdbeginne  her  hatten, 
wurden  aufbewahrt  durch  die  weisen  MaBnahmen,  die  durch  die 


initiierten  Fuhrer  getroffen  worden  sind.  Wir  miissen  namlich 
durchaus  festhalten,  daB  in  den  vorchristlichen  Zeiten  alle  ver- 
schiedenen  Volker  der  Erde  die  Einfiusse  der  Initiationsstatten  er- 
halten  haben.  Es  gab  Hunderte  von  Wegen,  auf  denen  das  spiri- 
tuelle  Leben  aus  den  Mysterien  in  das  Volksleben  hineinfloB. 

Diese  Impulse  wurden  immer  schwacher  und  schwacher,  je 
mehr  sich  die  Menschheitsentwickelung  in  ihren  Zyklen  dem 
Mysterium  von  Golgatha  naherte.  Ein  auBerer  Beweis,  daB  diese 
Impulse  immer  schwacher  wurden,  kann  gefunden  werden  zum 
Beispiel  in  dem  Auftreten  des  groBen  Buddha  in  der  vorchristlichen 
Zeit.  Sie  finden,  wenn  Sie  die  Lehren  des  Buddha  im  Ernst  betrach- 
ten,  nirgends  wirkliche  Andeutungen  iiber  das  Wesen  der  spiri- 
tuellen  Welt.  Daher  ist  dort  die  Bezeichnung  fur  die  geistige  Welt 
in  der  Nirwanalehre  eine  wirklich  negative.  Buddha  verlangte 
zwar,  daB  derjenige,  der  in  die  geistige  Welt  aufsteigen  will,  sich 
frei  macht  von  dem  Hangen  an  der  physischen  Welt;  aber  in  der 
ganzen  Buddha-Lehre  finden  Sie  keine  irgendwie  hervortretende 
Beschreibung  der  geistigen  Welt,  wie  sie  vorher  zum  Beispiel  in 
der  Brahman-Lehre  gegeben  worden  ist,  die  noch  Erbstiicke  der 
alten  Zeiten  aufzuweisen  hatte.  Immer  wiederum  muB  darauf  auf- 
merksam  gemacht  werden,  daB  die  Tatsachen,  die  jetzt  angefuhrt 
worden  sind,  zum  Ausdruck  kommen  bei  den  verschiedenen  Vol- 
kern  bis  zu  der  Zeit,  wo  die  Griechen  die  Bedeutung  des  Myste- 
riums  von  Golgatha  empfunden  haben.  Weil  wahrend  der  voran- 
gehenden  griechischen  Periode  der  Menschheitsentwickelung  das 
BewuBtsein  herabgedammert  war  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt, 
empfand  der  Grieche,  der  das  wuBte,  den  Aufenthalt  in  der  gei- 
stigen Welt  nur  wie  etwas  Schattenhaftes.  Ihm  war  die  geistige 
Welt  nur  eine  Schattenwelt.  Alle  Schonheit,  alles  Kunstlerische, 
auch  harmonische  Einrichtungen  der  auBeren  Welt  konnte  der 
Mensch  sich  aus  eigenen  Kraften  geben,  aber  nicht  konnte  er  sich 
in  der  physischen  Welt  dasjenige  erwerben,  was  ihm  ein  Licht  gab 
in  der  dritten  Epoche  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt. 

Das  hangt  durchaus  damit  zusammen,  daB  mit  der  griechischen 
Zeit  herangekommen  war  derjenige  Menschheitszyklus,  wo  das 


alte  spirituelle  Erbe  abgedammert  war  und  der  Mensch  durch  eigene 
Krafte  sich  das  in  der  physischen  Welt  nicht  erwerben  konnte,  was 
ihm  hatte  bleiben  konnen  nach  dem  Tode,  damit  er  mit  dem  ge- 
schilderten  BewuBtsein  hatte  hineinkommen  konnen  in  die  geistige 
Welt.  Daher  muBte  in  der  Weltentwickelung  gerade  in  diesem 
Zeitpunkte  sich  etwas  ganz  Besonderes  vollziehen:  Es  muBte  an  den 
Menschen  von  auBen  her  der  Impuls  herantreten,  der  ihm  BewuBt- 
sein gab  in  diesem  Zeitraum  nach  dem  Tode,  von  dem  wir  eben 
gesprochen  haben.  Die  Menschen  hatten  die  eigene  Fahigkeit  ver- 
loren,  in  der  Mitte  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  BewuBtsein 
zu  haben  aus  alten  Erbstiicken  heraus.  Sie  konnten  die  Kraft  des 
BewuBtseins  wieder  gewinnen,  hinblickend  auf  das,  was  im  Myste- 
rium  von  Golgatha  geschehen  ist.  Es  ist  die  Sache  durchaus  so,  daB 
dasjenige,  was  in  der  griechischen  Periode  hat  erfahren  werden  kon- 
nen durch  das  Mysterium  von  Golgatha,  dem  Menschen  in  dem 
entsprechenden  Zeitpunkt  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  das 
BewuBtsein  aufgehellt  hat.  Das  Verstandnis  des  Mysteriums  von 
Golgatha  ist  der  Impuls  fur  das  BewuBtsein  in  dem  dritten  Zeit- 
raum nach  dem  Tode. 

Blicken  wir  also  auf  diesen  Zeitpunkt  der  sogenannten  grie- 
chisch-lateinischen  Epoche  der  Menschheitsentwickelung,  so  konnen 
wir  sagen:  Fur  die  erste  Periode  nach  dem  Tode  ist  die  moralische 
Verfassung  der  Seele  das  MaBgebende;  fur  die  zweite  ist  die  reli- 
giose Verfassung  der  Seele  das  MaBgebende;  fur  die  dritte  aber  war 
das  MaBgebende  das  Verstandnis  fur  das  Mysterium  von  Golgatha. 
Wer  das  nicht  hatte,  dem  erlosch  in  der  dritten  Epoche  nach  dem 
Tode  das  BewuBtsein,  geradeso,  wie  es  vorher  den  Griechen  gefehlt 
hat.  Es  bedeutet  das  Mysterium  von  Golgatha  in  der  Tat  die  Bele- 
bung  des  menschlichen  BewuBtseins  gerade  in  der  mittleren  Zeit 
zwischen  dem  Tode  und  der  neuen  Geburt.  Was  die  Menschen  an 
altem  spirituellem  Erbgut  verloren  hatten,  wurde  ihnen  durch  die- 
ses Ereignis  wieder  gegeben.  —  So  wurde  das  Eintreten  des  Christus- 
Ereignisses  notwendig  aus  den  menschlichen  Voraussetzungen  und 
Lebensverhaltnissen  heraus.  Im  weiteren  Fortgang  wurden  die  Men- 
schen mit  immer  neuen  Fahigkeiten  ausgestattet.  In  der  ersten  Zeit 


der  christlichen  Entwickelung  war  es  im  wesentlichen  die  reale 
Ankniipfung  an  das  Mysterium  von  Golgatha,  wie  es  iiberliefert 
wurde  von  denen,  die  es  miterlebt  hatten  und  die  fortgepflanzt 
haben,  was  sich  ergab  als  die  Kraft  des  BewuBtseins  in  der  dritten 
Epoche  nach  dem  Tode,  wie  ich  es  geschildert  habe.  Mit  der  weite- 
ren  Entwickelung  der  menschlichen  Fahigkeiten  wird  aber  heute 
wiederum  ein  neues  Verhaltnis  zu  dem  Mysterium  von  Golgatha 
und  zu  dem  Christus  notwendig. 

Wenn  man  das  tiefste  Wesen  der  Menschenseele  namentlich  in 
unserer  gegenwartigen  Zeit  erfassen  will,  so  muB  man  sagen:  Dieses 
tiefste  Wesen  besteht  darin,  daB  der  Mensch  heute  vordringen  kann 
zu  einer  gewissen  Kenntnis  seines  Ich.  Ein  solches  Herantreten  an 
das  Ich,  wie  es  heute  moglich  ist,  war  in  friiheren  Zeiten  nicht 
moglich.  Bei  den  Menschen  der  auBeren  "Welt  macht  sich  dieses 
Herantreten  an  das  Ich  in  der  Form  des  krassesten  Egoismus  gel- 
tend,  dann  finden  sich  alle  moglichen  Abstufungen  bis  zu  jener, 
die  wir  die  Stufe  der  Philosophen  nennen  konnen.  Wenn  Sie  die 
heutigen  Philosophen  studieren,  werden  Sie  finden,  daB  sie  einen 
gewissen  Ruhepunkt  doch  nur  haben,  wenn  sie  auf  das  menschliche 
Ich  zu  sprechen  kommen.  Wenn  in  der  vorchristlichen  Zeit  der 
Mensch  versuchte,  die  Welt  zu  erkennen,  so  ging  er  an  die  auBere 
Erscheinung,  die  an  ihn  herantreten  konnte,  heran;  das  heifit,  er  ging  aus 
sich  heraus,  wenn  er  philosophieren  wollte.  Heute  gehen  die  Men- 
schen in  sich  hinein  und  finden  einen  festen  Punkt  nur,  wenn  sie 
an  das  Ich  herankommen.  Ich  will  als  Beispiel  hier  nur  anfuhren 
den  groBen  Philosophen  Fichte  und  den  Gegenwartsphilosophen 
Bergson  und  erwahnen,  daB  eine  gewisse  Ruhe  an  diese  Menschen 
erst  dann  herankommt,  wenn  sie  das  menschliche  Ich  finden. 
Suchen  wir  den  Grund  dieser  Erscheinung,  so  kommen  wir  darauf, 
daB  die  Menschen  fniher  zu  einer  Ich-Erkenntnis  aus  sich  selbst 
heraus  nicht  kommen  konnten.  Gegeben  wurde  sie  in  der  grie- 
chisch-lateinischen  Zeit  durch  das  Ereignis  von  Golgatha.  Der  Chri- 
stus gab  den  Menschen  die  GewiBheit,  daB  in  der  Seele  ein  Funken 
des  Gottlichen  lebt.  Er  lebt  weiter  im  Menschen,  der  nicht  nur 
Fleisch  geworden  ist  in  einem  physischen  Sinn,  sondern  der  Fleisch 


geworden  ist  im  christlichen  Sinne.  Und  das  bedeutet:  ein  Ich  ge- 
worden  sein.  Diese  Moglichkeit,  das  Gottliche  in  einem  mensch- 
lichen  Individuum  zu  schauen,  namlich  in  dem  Christus,  die  wird 
dem  Menschen  von  heute  auf  dem  physischen  Plan  dadurch  immer 
mehr  verdunkelt,  daJ3  er  immer  mehr  in  sein  personliches  Ich  hin- 
eindringt.  Es  wird  die  Fahigkeit,  den  Christus  zu  schauen,  dadurch 
verdunkelt,  daB  der  Mensch  diesen  Funken  in  sich  selbst  sucht. 
Und  wir  haben  ja  erlebt,  daB  im  Laufe  des  neunzehnten  Jahr- 
hunderts  diese  Anschauung  von  dem  Ich  sich  dazu  verdichtet  hat, 
daB  die  Christus-Gestalt  entgottet  worden  ist  und  das  Gottliche  als 
das  Abstrakte  aufgefaBt  wird,  das  sich  in  der  ganzen  Menschheit 
ausdriickt.  Es  machte  zum  Beispiel  der  deutsche  Philosoph  David 
Friedrich  Straufi  geltend,  daB  man  nicht  hinblicken  sollte  auf  einen 
einzelnen  historischen  Christus,  sondern  auf  dasjenige,  was  sich  als 
Gottliches  durch  die  ganze  Menschheit  hindurchzieht,  daB  zum 
Beispiel  die  Auferstehungsszene  nichts  anderes  sei  als  das,  was  sich 
in  der  ganzen  Menschheit  offenbare:  die  Auferstehung  des  gott- 
lichen  Geistes  in  der  ganzen  Menschheit. 

Aus  diesem  Grunde  ist  es,  daB  ein  tieferes  Verstandnis  fur  das 
Mysterium  von  Golgatha  immer  mehr  verloren  wird,  je  mehr  die 
Menschen  in  sich  selbst  das  Gottliche  suchen.  Die  ganze  Tendenz 
des  modernen  Denkens  geht  dahin,  das  Gottliche  nur  in  dem  Men- 
schen selbst  zu  reflektieren.  Dadurch  wird  immer  mehr  die  Un- 
moglichkeit  geschaffen  zu  erkennen,  daB  das  Gottliche  in  einer 
Personlichkeit  verkorpert  war. 

Fur  das  Leben  zwischen  dem  Tode  und  der  neuen  Geburt  hat 
dieses  eine  ganz  ungeheuer  reale  Folge.  War  es  schon  wahrend  der 
griechisch-lateinischen  Zeit  so,  daB  der  Mensch  sich  durch  seine 
eigenen  Krafte  das  BewuBtsein  nicht  aufrechterhalten  konnte  in  der 
dritten  Epoche  nach  dem  Tode,  so  wird  das  noch  viel  schwieriger  sein 
in  unserer  Zeit  durch  den  allgemein  menschlichen  und  auch  durch 
den  philosophischen  Egoismus.  In  unserer  Zeit  schaff  t  sich  der  Mensch 
in  seine  vorhin  charakterisierte  Visionswolke,  in  seine  Nebelwolke 
in  der  dritten  Epoche  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  noch  mehr 
Hindernisse  hinein  als  in  der  griechisch-lateinischen  Zeit. 


Wenn  man  ungeschminkt  die  Entwickelung  der  Menschheit  in 
der  let2ten  Zeit  ansieht,  so  muB  man  sagen:  Paulus  hat  das  Wort 
gesprochen:  «Nicht  ich,  sondern  der  Christus  in  mir.»  Der  heutige 
Mensch  sagt:  Ich  in  mir,  und  der  Christus  so  weit,  als  ich  ihn  zu- 
geben  kann.  —  Der  Christus  soil  nur  so  weit  gelten,  als  er  durch  die 
Ich-Vernunft,  durch  den  Ich-Verstand  zugegeben  werden  kann.  Nun 
gibt  es  nur  ein  Mittel  in  unserem  gegenwartigen  Zeitalter,  das 
BewuBtsein  in  der  geistigen  Welt  wahrend  der  dritten  Periode  nach 
dem  Tode  wirklich  hell  und  aufrecht  zu  erhalten,  das  ist:  daB  wir 
uns  aus  dem  gegenwartigen  Leben  ein  gewisses  Gedachtnis,  eine 
gewisse  Erinnerung  nach  dem  Tode  erhalten.  Wir  miiBten  namlich 
wahrend  dieser  Periode  alles  vergessen,  was  wir  auf  der  Erde  erlebt 
haben,  wenn  wir  nicht  an  ein  ganz  Bestimmtes  uns  erinnern  kon- 
nen:  Haben  wir  auf  unserer  Erde  ein  Verstandnis  erlebt  und  ein 
Verhaltnis  gefunden  zu  dem  Christus  und  dem  Mysterium  von 
Golgatha,  so  pflanzt  das  in  uns  hinein  Gedanken  und  Krafte,  die 
uns  das  BewuBtsein  aufrechterhalten  in  dieser  Zeit  nach  dem  Tode.  — 
Die  Tatsachen  zeigen  also,  daB  es  die  Moglichkeit  gibt,  in  dem 
bezeichneten  Zeitpunkte  nach  dem  Tode  sich  zu  erinnern  an  das, 
was  man  hier  gelernt  und  verstanden  hat  iiber  das  Mysterium  von 
Golgatha.  Wenn  wir  uns  solche  Vorstellungen,  Gefuhle  und  Emp- 
findungen  erworben  haben,  die  ankniipfen  an  das  Mysterium  von 
Golgatha,  dann  konnen  wir  uns  nach  dem  Tode  an  diese  Empfin- 
dungen  erinnern  und  auch  an  das  andere,  was  sich  an  solche  Emp- 
findungen,  Gefuhle  und  Vorstellungen  ankniipft.  Das  heiBt:  Unser 
BewuBtsein  muB  dadurch,  daB  wir  auf  der  Erde  ein  Verstandnis 
erwerben  fur  das  Mysterium  von  Golgatha,  nach  dem  Tode  iiber 
einen  gewissen  Abgrund  hinweggefuhrt  werden.  Wenn  wir  dieses 
Verstandnis  uns  erworben  haben,  dann  werden  wir  von  dem  betref- 
fenden  Zeitpunkte  an  in  dieser  dritten  Periode  mitwirken  konnen, 
aus  unserer  Erinnerung  heraus  auszubessern  die  Fehler,  die  wir  in 
unserer  Seele  aus  unserem  Karma  heraus  haben.  Wenn  wir  uns  aber 
kein  Verstandnis  von  dem  Christus  und  dem  Mysterium  von  Gol- 
gatha erworben  haben,  kein  Verstandnis  von  der  ganzen  Tiefe  des 
Ausspruches:  «Nicht  ich,  sondern  Christus  in  mir»,  dann  erlischt  in 


uns  das  BewuBtsein  und  damit  die  Moglichkeit,  unser  Karma  aus- 
zubessern,  und  es  muB  iibernommen  werden  von  anderen  Machten 
die  Arbeit  an  unseren  Fehlern,  die  wir  aus  unserem  Karma  nun  zu 
verbessern  haben. 

Naturlich  kommt  jeder  Mensch  durch  eine  neue  Geburt  ins 
Dasein,  aber  es  ist  wesentlich,  ob  das  BewuBtsein  abgerissen  ist  oder 
ob  es  sich  iiber  diese  Kluft  hiniiber  erhalten  hat  Wenn  wir  mit 
einer  Erkenntnis  des  Mysteriums  von  Golgatha  an  diesem  Zeit- 
punkt  nach  dem  Tode  ankommen,  dann  konnen  wir  zuriickschauen 
und  uns  erinnern,  daB  wir  mit  allem  Menschlichen  aus  dem  Gott- 
lichen  kommen.  Dann  empfinden  wir  aber  auch,  daB  wir  unser 
BewuBtsein  heriiberretten  dadurch,  daB  wir  eine  Erkenntnis  des 
Mysteriums  von  Golgatha  gewonnen  haben,  und  wir  bauen  das 
BewuBtsein  weiter  aus,  indem  wir  diesen  Geist,  der  an  uns  heran- 
kommt,  sehen  konnen.  "Wenn  wir  uns  hier  ein  Verstandnis  fiir  das 
Mysterium  von  Golgatha  erworben  haben,  dann  kommen  wir  an 
den  Zeitpunkt  jener  dritten  Periode  nach  dem  Tode  so,  daB  wir 
uns  erinnern  konnen  und  daB  wir  sagen  konnen:  Wir  sind  aus  dem 
Geiste  geboren  —  ex  Deo  nascimur.  Und  ich  kann  Ihnen  sagen:  Nie- 
mals  vernimmt  derjenige,  der  bis  zu  irgendeinem  Grade  der  Initiation 
vorgedrungen  ist,dieWahrheit  der  Worte:  «  Aus  dem  gottlichen  Geiste 
bin  ich  geboren »  so  stark,  wie  wenn  er  sich  versetzt  in  den  Zeitpunkt, 
der  eben  charakterisiert  wurde.  In  diesem  Augenblick  sagt  es  sich  jede 
Seele,  die  durch  das  Mysterium  von  Golgatha  verstehend  hindurch 
gedrungen  ist.  Und  man  empfindet  erst  die  Bedeutsamkeit  dieses  Aus- 
spruches:  Ex  Deo  nascimur,  wenn  man  weiB,  daB  er  in  seiner  tieisten 
Bedeutung,  auf  seinem  hochsten  Gipfel  empfunden  werden  kann  in 
dem  Zeitpunkt,  an  den  der  Mensch  in  der  Mitte  zwischen  dem  Tode 
und  einer  neuen  Geburt  gelangen  wird. 

Und  man  mochte,  wenn  man  diese  Tatsachen  objektiv  erkennt, 
unserem  Zeitalter  wiinschen,  daB  immer  mehr  und  mehr  Menschen 
dazu  kommen  zu  verstehen,  wie  im  Grunde  dieser  eben  genannte 
Ausspruch  in  seiner  hochsten  Wurde  heute  nur  erkannt  werden 
kann  in  der  Weise,  die  eben  geschildert  worden  ist.  Und  wenn 
durch  die  rosenkreuzerische  spirituelle  Bewegung  dieser  Ausspruch 


zu  einer  Art  Leitspruch  in  unserem  Kreise  gemacht  worden  ist,  so 
ist  es  getan,  um  den  Seelen  Anregung  zu  geben  fur  das,  was  in  die- 
sen  Seelen  leben  soli  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt. 

Es  ist  leicht,  meine  lieben  Freunde,  solch  eine  Ausfiihrung  wie 
diejenige,  die  eben  gemacht  worden  ist,  als  eine  Voreingenommen- 
heit  fur  die  christliche  Lebensanschauung  zu  nehmen.  Wiirde  in 
diesem  Sinne  ein  solches  Vorurteil  fur  das  christliche  Religions- 
bekenntnis  vorhanden  sein,  so  ware  das  wirklich  untheosophisch. 
Auf  dem  Boden  der  Geisteswissenschaft  stehen  wir  objektiv  den 
Religionen  gegeniiber  und  studieren  sie  mit  vollstandig  gleicher 
Sympathie.  Und  die  Tatsache,  die  eben  jetzt  vom  Mysterium  von 
Golgatha  geltend  gemacht  worden  ist,  hat  mit  irgendeinem  kon- 
fessionellen  Christus  nichts  zu  tun,  sondern  ist  eine  objektive  okkulte 
Tatsache.  Man  hat  zwar  den  Vorwurf  gemacht,  daB  innerhalb  unse- 
rer  abendlandischen  spirituellen  Bewegung  solche  Dinge,  wie  sie 
eben  gesagt  worden  sind,  aus  einer  gewissen  Voreingenommenheit 
fur  das  Christentum  gegeniiber  den  anderen  Religionen  entsprun- 
gen  seien.  Allein  die  Stellung,  die  dem  Mysterium  von  Golgatha 
hier  gegeben  wird,  wird  ihm  in  demselben  Sinne  gegeben  wie  in 
der  auBeren  Wissenschaft  irgendeiner  zu  konstatierenden  Tatsache. 
Und  wenn  gesagt  wird,  man  diirfe  nicht  das  Mysterium  von  Gol- 
gatha in  seiner  Einzigartigkeit  fur  die  Menschheitsentwickelung 
hinstellen,  weil  andere  Religionen  dieses  nicht  so  anerkennen  kon- 
nen,  so  ist  das  aus  folgenden  Griinden  ein  absolutes  MiBverstand- 
nis.  Denn  nehmen  wir  einmal  die  Tatsache,  daB  wir  Religions- 
biicher  der  alten  indischen  Religion  haben  und  daB  wir  eine  abend- 
landische  Weltanschauung  haben.  Wir  lehren  heute  die  Koperni- 
kanische  Weltanschauung  im  Abendlande.  Niemand  wird  den  Vor- 
wurf machen,  daB  man  diese  Kopernikanische  Weltanschauung 
nicht  lehren  diirfe,  weil  sie  in  den  alten  indischen  Religionsbuchern 
nicht  enthalten  ist.  Wie  niemand  verbieten  kann,  diese  Welt- 
anschauung zu  lehren,  weil  sie  nicht  in  den  alten  indischen  Reli- 
gionsbiichern  steht,  so  kann  auch  niemand  verwehren,  die  Tatsache 
von  dem  Mysterium  von  Golgatha  zu  lehren  aus  dem  Grunde,  weil 
sie  nicht  in  den  Religionsbuchern  der  alten  Inder  enthalten  ist. 


Daraus  sollen  Sie  nur  ersehen,  wie  unbegriindet  der  Vorwurf  ist, 
die  Charakterisierung  des  Mysteriums  von  Golgatha,  wie  sie  hier 
gegeben  ist,  entspringe  einer  Vorliebe  fur  das  Christentum.  Sie  ent- 
spficht  nur  der  Festsetzung  einer  objektiven  Tatsache.  Und  wenn 
Sie  mich  fragen,  warum  ich  niemals  einen  Schritt  zuruckweichen 
werde  in  bezug  auf  die  Betonung  dieser  Tatsache  des  Mysteriums 
von  Golgatha,  so  kann  Ihnen  gerade  die  heutige  Auseinander- 
setzung  eine  Antwort  darauf  geben. 

Wir  treiben  Geisteswissenschaft  nicht  aus  Neugierde  oder  auch 
nur  aus  abstraktem  Wissensdrang,  sondern  wir  treiben  sie  aus  dem 
Grunde,  urn  mit  ihr  der  Seele  eine  notwendige  Nahrung  zu  geben. 
Und  mit  der  Erkenntnis  des  Mysteriums  von  Golgatha  geben  wir 
der  menschlichen  Seele  die  Moglichkeit,  in  sich  diejenige  Empfin- 
dung  und  Gefuhlsstimmung  auszubilden,  die  sie  notwendig  braucht, 
um  iiber  den  geschilderten  Abgrund  zwischen  Tod  und  neuer  Ge- 
burt  hinwegzukommen.  Wer  einsieht,  daB  die  Seele  zwischen  Tod 
und  neuer  Geburt  den  fur  alle  Menschenzukunft  so  schwer  zu  tra- 
genden  Verlust  des  BewuBtseins  in  der  angegebenen  dritten  Epoche 
zu  erleiden  hatte,  der  mochte  bei  jeder  Gelegenheit  das  Geheimnis 
von  Golgatha  der  Menschheit  nahelegen. 

Und  aus  diesem  Grunde  gehort  zu  den  wichtigen  Dingen,  die 
wir  auf  geisteswissenschaftlichem  Felde  verstehen  lernen  sollen, 
gerade  das  Verstandnis  dieses  Mysteriums  von  Golgatha. 

Je  mehr  wir  fortschreiten  werden  in  unserem  Zeitalter,  desto  mehr 
werden  die  verschiedenen  Religionen  der  "Welt  gedrangt  werden, 
anzunehmen  die  Tatsache,  die  gerade  heute  besprochen  worden  ist. 
Eine  Zeit  wird  kommen,  wo  derjenige,  der  Anhanger  der  chinesi- 
schen,  der  buddhistischen,  der  brahmanischen  Religion  ist,  es  ebenso- 
wenig  gegen  seine  Religion  finden  wird,  das  Mysterium  von  Golgatha 
anzunehmen,  wie  er  es  gegen  seine  Religion  findet,  anzunehmen  das 
Kopernikanische  Weltensystem.  Und  es  wird  angesehen  werden  als 
eine  Art  von  religiosem  Egoismus,  wenn  man  sich  in  den  auBerchrist- 
lichen  Religionen  wehren  wird,  diese  Tatsache  anzunehmen. 

Sie  sehen,  meine  lieben  Freunde,  wir  sind  bei  dem  Mysterium 
von  Golgatha  angekommen,  indem  wir  die  Bedingungen  zwischen 


Tod  und  neuer  Geburt  betrachten  wollten.  Man  kann  in  einer  ein- 
zelnen  Vortragsstunde  immer  nur  Andeutungen  geben  iiber  ein  sol- 
ches  Gebiet  wie  dasjenige,  das  wir  heute  betreten  wollten.  Aber  ich 
wollte  Sie  wenigstens  hinweisen  auf  einige  Ergebnisse,  die  sich  mir 
erschlossen  haben  durch  meine  neuesten  Untersuchungen. 

Da  der  nachste  Vortrag  zusammenhangen  wird  mit  dem  heuti- 
gen,  so  werden  wir  wahrscheinlich  eine  kurze  Ruckschau  des  Ge- 
sagten  anschlieBen  kbnnen  und  dann  zu  den  in  Aussicht  genom- 
menen  weiteren  Ausfuhrungen  iibergehen. 


UNTERSUCHUNGEN  OBER  DAS  LEBEN 
ZWISCHEN  TOD  UND  NEUER  GEBURT 

Mailand,  27.  Oktober  1912 
Zweiter  Vortrag 

Unsere  Besprechung  hat  uns  bis  zu  dem  Zeitpunkt  gefuhrt,  wo 
das  BewuBtsein  der  Gestorbenen  nur  noch  durch  die  Erinnerung 
an  das  Mysterium  von  Golgatha  aufrechterhalten  wird.  Alles  Leben 
war  bis  zu  diesem  Momente  Erinnerungsleben  an  die  Erdenzeit, 
nicht  durch  die  Sinne,  sondern  durch  Visionen  vermittelt.  Auch  die 
Realitaten  der  geistigen  Welt  konnen  in  diesem  Zeitpunkt  nur 
durch  Visionen  wahrgenommen  werden. 

Allmahlich  wird  es  fur  die  Seelen  immer  schwieriger,  die  Erin- 
nerungen  an  die  Erdenzeit  zu  bewahren;  ein  Vergessen  alles  Erleb- 
ten  breitet  sich  immer  mehr  aus.  Begegnet  man  zum  Beispiel  in 
dieser  Zeit  zwischen  dem  Tode  und  der  neuen  Geburt  einem  friiher 
bekannten  Menschen,  so  erkennt  man  ihn  zunachst  leicht,  allmah- 
lich aber  immer  schwerer;  spater  kann  man  sich  nur  noch  an  die 
Beziehung  zu  ihm  erinnern,  wenn  man  an  das  Mysterium  von  Gol- 
gatha ankniipft.  Je  mehr  man  von  diesem  durchdrungen  ist,  desto 
leichter  erkennt  man  seine  Umgebung  wieder.  Ist  aber  dieser  Zeit- 
punkt erreicht,  in  welchem  wir  die  Erinnerung  an  das  Mysterium 
von  Golgatha  notig  haben,  um  unser  Gedachtnis  bewahren  zu  kon- 
nen, dann  setzt  wiederum  eine  groBe  Veranderung  ein.  Wir  sind 
dann  namlich  nicht  mehr  imstande,  die  Visionen  von  vorher  in  uns 
zu  erhalten.  Wir  konnen  bis  dahin  zum  Beispiel  von  astralen  Farb- 
erscheinungen  sprechen,  wir  konnen  in  der  Welt,  in  der  wir  bis  zu 
diesem  Zeitpunkt  leben,  davon  sprechen,  daB  wir  astralische  Far- 
ben  sehen;  wir  konnen  davon  sprechen,  daB  wir  auch  in  vision'aren 
Nachbildungen  die  Wesen  um  uns  sehen.  In  diesem  Zeitpunkt  aber, 
der,  wie  gesagt,  in  der  Mitte  liegt  zwischen  dem  Tode  und  einer 
neuen  Geburt,  fallen  die  Visionen  und  die  Erinnerungen  gleichsam 
wie  Schuppen  von  uns  ab;  wir  verlieren  das  Verhaltnis  zu  ihnen, 
sie  losen  sich  vollstandig  von  unserem  Wesen.  Um  diesen  Zeitpunkt 


nun  genauer  zu  charakterisieren,  ist  es  gut,  etwas  heranzuziehen, 
was  sich  vielleicht  fiir  das  erste  Verstandnis  schockierend  ausnimmt. 

Man  fiihlt  in  diesem  Zeitpunkt  sich  der  Erde  entriickt,  die  Erde 
gewissermaBen  unter  sich,  weit  fort,  und  fiihlt,  daft  man  in  dem 
Hineinleben  in  die  Geisteswelt  in  der  Sonne  angekommen  ist.  Denn 
so,  wie  man  sich  im  Erdenleben  mit  der  Erde  vereinigt  gefiihlt  hat, 
so  fiihlt  man  sich  nun  mit  der  Sonne  und  ihrem  ganzen  Planeten- 
system  vereinigt.  Und  deshalb  wird  in  unserem  modernen  Okkultis- 
mus  ein  so  groBer  Wert  darauf  gelegt,  daB  verstanden  werde,  wie 
Christus  als  Sonnenwesen  zu  uns  gekommen  ist,  weil  notwendig  ist, 
zu  verstehen,  wie  er  uns  durch  das  Mysterium  von  Golgatha  zur 
Sonne  geleitet.  Es  wird  uns  durch  den  Okkultismus  gezeigt,  daB  der 
Christus  ein  Sonnenwesen  ist,  das  uns  wieder  zuriick  zur  Sonne 
fiihrt.  Und  nun  kommt  das  Schockierende:  Wie  es  notwendig  ist, 
unser  Verhaltnis  zum  Christus  zu  verstehen,  so  muB  nun  aber  auch 
ein  anderes  verstanden  werden.  Jetzt  beginnt  die  Zeit,  wo  man,  als 
ein  reales  Wesen  sich  gegeniiberstehend,  dasjenige  kennenlernt,  was 
man  immer  bezeichnet  hat  als  Luzifer.  Wenn  man  sich  jetzt  in  der 
Sonne  fiihlt,  dann  fiihlt  man  sich  nicht  in  stromendem  physischem 
Lichte,  sondern  man  fiihlt  sich  in  rein  geistigem  Lichte.  Und  von 
diesem  Zeitpunkt  an  empfindet  man  Luzifer  wie  ein  Wesen,  das 
jetzt  nicht  mehr  gegnerisch  ist  wie  friiher,  sondern  man  empfindet 
ihn  immer  mehr  als  ein  in  der  Welt  durchaus  berechtigtes  Wesen. 
Man  fiihlt  jetzt  die  Notwendigkeit,  im  weiteren  Verlauf  des  Lebens 
nach  dem  Tode  Luzifer  und  das  Christuswesen  wie  zwei  neben- 
einander  gleichberechtigte  Machte  anzusehen.  So  sonderbar  diese 
Gleichbedeutendheit  von  Christus  und  Luzifer  klingen  mag,  man 
gelangt  eben  dazu,  von  dem  bezeichneten  Zeitpunkte  an  sie  einzu- 
sehen;  wie  eine  Art  von  Briidern  beide  Machte  anzusehen.  Wie  das 
zu  erklaren  ist,  das  geht  aus  dem  hervor,  was  man  noch  im  weite- 
ren Verlauf  des  Lebens  nach  dem  Tode  durchmacht. 

Wenn  Sie  die  Schilderung  nehmen,  die  von  mir  oftmals  ge- 
geben  worden  ist  als  Schilderung  des  Lebens  von  Saturn,  Sonne 
und  Mond,  dann  haben  Sie  darin  den  Verlauf  des  Weges,  den  man 
tatsachlich  nach  dem  Tode  geistig  durchlebt.  Merkwiirdig  ist  nur, 


daB  man  nicht  in  der  Reihenfolge  des  kosmischen  Entstehens  die 
Sache  erlebt:  Saturn,  Sonne,  Mond,  sondern  zuerst  das  Mondensein  er- 
lebt,  dann  das  Sonnen-  und  zuletzt  das  Saturndasein.  Wenn  Sie  alles 
das,  was  von  mir  als  solche  Schilderung  in  der  «Akasha-Chronik» 
gegeben  worden  ist,  durchlesen  und  vom  Monde  weiter  zuriick- 
gehen,  so  haben  Sie  die  Welt,  welche  die  Seele  erlebt  auf  dem  Wege, 
den  sie  zuriicklegt  nach  dem  Tode.  Und  es  fallt  einem  dann  auf, 
daB,  wenn  man  diese  Dinge  gleichsam  aus  der  geistigen  Welt 
heraus  schaut,  man  etwas  hat  wie  eine  Erinnerung  an  das  Leben  im 
vorgeburtlichen  Dasein.  Noch  viel  bedeutsamer  aber  ist  sozusagen 
das  moralische  Element  des  weiteren  Lebens  in  dieser  Welt,  die 
eben  jetzt  charakterisiert  worden  ist.  Wie  in  der  «Akasha-Chronik» 
geschildert  worden  ist,  verliert  man  allmahlich  das  Interesse,  das 
man  friiher,  bis  zu  diesem  Zeitpunkt  hin,  sehr  stark  gehabt  hat  fur 
das  auf  Erden  zu  Erlebende.  Es  schwindet  das  Interesse  fur  die  ein- 
zelnen  Menschen,  mit  denen  man  Zusammenhange  gehabt  hat;  es 
schwinden  die  Interessen  fur  die  einzelnen  Dinge.  Man  weiB,  daB 
die  Erinnerungen,  die  man  jetzt  behalt,  niemand  anders  weitertragt 
als  der  Christus:  der  Christus  begleitet  einen,  und  infolgedessen 
kann  man  die  Erinnerung  haben.  Wiirde  einen  der  Christus  nicht 
begleiten,  so  wiirde  die  Erinnerung  an  das  Erdenleben  schwinden; 
denn  dasjenige,  was  uns  iiber  den  geschilderten  Zeitpunkt  hinaus 
mit  der  Erde  verbindet,  ist  tatsachlich  das  Erlebnis,  daB  wir  uns 
dem  Christus  verbunden  haben.  Durch  unser  neues  Leben  dann  in 
der  geistigen  Welt  gewinnen  wir  ein  ganz  neues  Interesse  fur  Luzi- 
fer  und  seine  Welt.  Wir  finden  dann  namlich,  daB  jetzt,  wo  wir  frei 
geworden  sind  von  den  Erdeninteressen,  wir  ganz  ohne  Schaden 
Luzifer  gegeniibertreten  konnen.  Und  wir  machen  die  merkwiir- 
dige  Entdeckung,  daB  Luzifer  auf  uns  nur  dann  schadlich  wirkt, 
wenn  wir  selber  im  Irdischen  befangen  sind.  Jetzt  erscheint  er  uns 
geradezu  als  das  Wesen,  welches  uns  dasjenige  erklaren  kann,  was 
wir  weiter  in  der  Welt  des  Geistes  zu  durchleben  haben,  und 
eine  langere  Zeit  verweilen  wir  in  dem  Erlebnis,  uns  das  zu 
erobern,  was  uns  Luzifer  in  diesen  Weiten  der  geistigen  Welt  dann 
geben  kann. 


Vielleicht  ist  es  jetzt  wieder  schockierend,  das  zu  sagen,  was  wir 
nur  subjektiv  fiihlen;  aber  wenn  auch  etwas  zunachst  Schockieren- 
des  ausgesprochen  wird,  so  ist  es  vielleicht  doch  in  diesem  Falle 
auch  das  Verstandlichste:  Wir  fuhlen  uns  jetzt  namlich  nach  einiger 
Zeit  als  Marsbewohner.  Nachdem  wir  uns  als  Sonnenbewohner 
gefiihlt  haben,  merken  wir  allmahlich,  daB  so,  wie  wir  friiher  die 
Erde  hinter  uns  gelassen  haben,  wir  nun  die  Sonne  hinter  uns  las- 
sen,  und  wir  fuhlen  uns  in  bezug  auf  unsere  kosmische  Wirklich- 
keit  als  Bewohner  des  Mars.  Und  fiir  das  Leben,  das  wir  jetzt  durch- 
machen,  scheint  es  uns  in  der  Tat  so,  daB  Christus  uns  alles  Ver- 
gangene  gegeben  hat,  das  hinter  uns  liegt,  und  Luzifer  uns  vor- 
bereitet  fiir  die  kiinftige  Reinkarnation.  Wenn  wir  dieses  Mars- 
leben  bewuBt  durchmachen  und  uns  spater  auf  Erden  durch  In- 
itiation daran  erinnern  konnen,  so  erfahren  wir,  daB  alles,  was  wir 
nicht  als  Erlebnisse  aus  dem  Erdendasein  in  uns  tragen  durch  den 
groBen  Weltenraum,  daB  alles,  was  wir  nicht  von  der  Erde  aus 
haben,  uns  Luzifer  gibt.  Unser  friiheres  menschliches  Interesse  wird 
jetzt  immer  kosmischer.  Wahrend  wir  auf  Erden  das,  was  uns  das 
Mineral,  die  Pflanze,  das  Tier,  was  uns  Luft  und  Wasser,  Berg  und 
Tal  gibt,  aufnahmen,  nehmen  wir  von  diesem  Zeitpunkte  an  die 
Erfahrungen  des  Kosmos  auf,  dasjenige,  was  von  der  Welt  des  Kos- 
mos  auf  uns  eindringt.  Es  beginnt  jene  Form  des  Wahrnehmens, 
die  man  immer  bezeichnet  hat  —  die  man  aber  wenig  versteht  —  als 
die  Spharenmusik.  Alles  was  ist,  wird  wahrgenommen,  indem  es 
uns  aus  dem  Umkreis  des  Kosmos  entgegentont.  Doch  so,  wie  wenn 
man  lauter  Harmonien  vernehmen  wurde,  tont  es  heraus  aus  dem 
Kosmos,  nicht  wie  die  Kl'ange  aus  der  physischen  Welt.  Man  gelangt 
zu  einem  Punkte  des  Erlebens,  wo  man  sich  selbst  wie  im  Mittel- 
punkte  des  Kosmos  fiihlt,  und  von  alien  Seiten  hereinklingend 
nimmt  man  die  Weltentatsachen  durch  diese  Spharenmusik  wahr. 

Jetzt  haben  wir  auch  das  Marsdasein  hinter  uns  gelassen,  und  der 
Okkultist  spricht  davon,  daB  wir  angekommen  sind  im  Jupiter- 
dasein.  Wenn  wir  nun  weiterleben,  so  steigert  sich  zwar  immer  die 
Spharenmusik;  sie  wird  aber  zuletzt  so  stark,  daB  sie  uns  betaubt. 
Wir  leben  uns  wie  in  einer  Betaubung  in  die  Spharenmusik  hinein. 


Das  weitergehende  Leben  verlauft  so,  daB,  nachdem  wir  durch 
das  Jupiterdasein  gegangen  sind,  wir  auch  dieses  hinter  uns  lassen 
und  uns  nun  tatsachlich  dann  an  der  auBersten  Grenze  unseres 
Sonnensystems  befmden:  im  Saturn.  Hier  angekommen,  machen 
wir  eine  sehr  wichtige  moralische  Erfahrung:  Hat  uns  bis  zu  diesem 
Zeitpunkt  der  Christus  die  Erinnerung  an  unsere  friiheren  Erden- 
zustande  erhalten  und  dadurch  vor  den  Angstzustanden  des  schwin- 
denden  BewuBtseins  bewahrt,  so  merken  wir  gerade  in  diesem  unse- 
rem  jetzigen  Seelenzustande  nach  dem  Tode,  wie  wenig  angemessen 
den  hoheren  moralischen  Forderungen  dasjenige  war,  was  wir  auf 
der  Erde  durchgemacht  haben,  wie  wenig  angemessen  es  war  der 
Majestat  des  ganzen  kosmischen  Seins.  Wie  ein  Vorwurf  beriihrt 
uns  das  Leben,  das  wir  hinter  uns  gelassen  haben.  Und  etwas  auBer- 
ordentlich  Bedeutsames  stellt  sich  jetzt  ein.  Wie  aus  einem  un- 
bestimmten  nachtlichen  Dunkel  heraus  tritt  die  ganze  Summe  un- 
seres Lebens,  wie  sie  sich  karmisch  in  der  letzten  Erdeninkarnation 
geformt  hat,  vor  die  Seele.  Wenn  Sie  Ihr  jetziges  Erdendasein,  Ihre 
jetzige  Inkarnation  ins  Auge  fassen,  so  haben  Sie  sie  in  der  Tat 
wieder  so,  wie  sie  sich  in  jenem  Zeitpunkt  nach  dem  Tode,  der 
eben  gekennzeichnet  worden  ist,  vor  die  Seele  stellt;  aber  in  sich 
fuhlen  Sie  scharf  alles  dasjenige,  was  Sie  einzuwenden  haben  gegen 
jene  Inkarnation.  Sie  sehen  diese  letzte  Inkarnation  vom  kosmischen 
Standpunkte  aus. 

Von  diesem  Zeitpunkt  an  kann  nun  nichts  mehr,  weder  das 
Christus-Prinzip  noch  das  Luzifer-Prinzip,  unser  BewuBtsein  auf- 
rechterhalten,  sondern  es  tritt  unter  alien  Umstanden  —  wenn  nicht 
im  Leben  vorher  eine  Initiation  eingetreten  ist  —  eine  Herabdam- 
merung  des  BewuBtseins  ein.  Ein  gewisser  geistiger  Schlaf  beginnt, 
der  notwendig  ist  fur  das  menschliche  Leben,  nachdem  bis  zu  die- 
sem Zeitpunkt  eine  Art  BewuBtsein  vorhanden  war,  das  aufrecht- 
erhalten  wurde  durch  die  geschilderten  Verhaltnisse.  Dieser  geistige 
Schlaf  ist  aber  nun  mit  etwas  anderem  verbunden.  Dadurch,  daB 
der  Mensch  nichts  mehr  fuhlen  kann,  nichts  mehr  sich  vorstellen 
kann,  konnen  alle  kosmischen  Einfliisse  unmittelbar  auf  ihn  wir- 
ken,  mit  Ausnahme  desjenigen  des  Sonriensystems.  Denken  Sie  sich 


das  ganze  Sonnensystem  ausgeschaltet  und  nur  das  allein  vorhan- 
den,  was  auBer  ihm  da  ist,  dann  haben  Sie  die  Wirkungen,  die  jetzt 
eintreten.  Und  da  kommen  wir  an  den  Punkt,  von  welchem  gestern 
die  Ausfiihrungen  ausgegangen  sind. 

Was  jetzt  zu  untersuchen  wichtig  ist,  das  ist  namlich  der  Zusam- 
menhang  zwischen  diesem  zweiten  Teil  des  Lebens  zwischen  Tod 
und  neuer  Geburt  und  dem  Embryonalleben  des  Menschen.  Sie 
wissen  ja,  daB  das  Embryonalleben  des  Menschen  mit  dem  kugel- 
runden  kleinen  Keim  beginnt.  Nun  ist  das  Merkwiirdige  fiir  die 
okkulte  Betrachtung,  daB  dieser  Menschenkeim  ganz  im  Anfang 
sich  als  ein  Spiegelbild  dessen  darstellt,  was  der  Mensch  in  der  eben 
geschilderten  Weise  aus  dem  Kosmos  heraus  erlebt.  Im  Beginne  des 
Embryonallebens  ist  tatsachlich  der  Keimling  des  Menschen  ein 
kosmisches  Produkt,  ein  Spiegelbild  des  kosmischen  Lebens,  in  wel- 
chem nicht  das  Leben  innerhalb  des  Sonnensystems  zum  Ausdruck 
kommt.  Und  das  Merkwiirdige  ist,  daB  alles  das,  was  jetzt  mit  dem 
Keime  wahrend  des  Embryonallebens  geschieht,  sich  erweist  als  ein 
Ausscheiden  des  kosmischen  Einschlags  und  ein  Hineinnehmen  der 
Einfliisse  des  Sonnensystems.  Erst  in  einer  verhaltnism'aBig  sp'ateren 
Zeit,  wenn  die  Vorgange  wahrend  des  Lebens  nach  dem  Tode  wie- 
derum  zuriickgegangen  sind  den  Weg  durch  die  Saturn-,  Jupiter- 
und  Marszustande,  beginnen  jene  Einfliisse  in  dem  Keim  zu  wirken, 
welche  die  sogenannten  vererbten  sind.  So  diirfen  wir  sagen,  daB 
der  Mensch  sein  Keimleben  schon  in  einem  kosmischen  Sein  vor 
dem  Embryonalleben  vorbereitet,  in  einer  Art  auch  ihn  umfangen- 
den  Weltenschlafs.  Wenn  man  dann  die  Vorgange  nehmen  wiirde, 
die  so  im  Embryonalleben  stattfinden  wahrend  dieser  Art  von  kos- 
mischem  Sein,  von  Weltenschlaf,  wenn  man  nacheinander  nehmen 
wiirde  die  Zustande  des  vorgeburtlichen  Menschen,  des  Keimes, 
und  sie  zeichnerisch  jetzt  so  betrachten  wiirde,  daB  man  hier  ein 
Spiegelbild  machte,  also  so:* 


friih 


spat 


Spiegel 
Empfangnis  Keim 

friih 


spat 


Geburt 


*Textvariante  Seite  366 


dann  miiBte  man  alle  die  Zustande,  die  im  Keime  sich  am  spatesten 
zeigen,  im  Bilde  sparer  haben,  und  was  friiher  im  Embryonalleben 
isr,  hier  im  Spiegelbilde  friiher  sehen.  So  wiirde  man  ein  geistiges 
Spiegelbild  des  Embryonallebens  nach  riickwarts  hin  bekommen. 
Wenn  ich  Ihnen  aufzeichnen  wiirde  das  Keimleben  in  der  einen 
Richtung  und  fiir  jeden  Zustand  ein  anderes  Spiegelbild  in  der 
anderen  Richtung,  so  wiirde  sich  dieses  auf  der  Tafel  tatsachlich 
ausnehmen  wie  Bild  und  Spiegelbild,  und  der  Punkt,  worin  gespie- 
gelt  wird,  ist  die  Empf  angnis.  Wiirde  ich  nun  zeichnen,  dann  miiBte 
ich  die  Zeichnung  so  machen,  daB  das  eine,  das  Embryonalleben, 
klein  gezeichnet  wird  und  das  andere  Spiegelbild  nach  hinten 
furchtbar  vergroBert  wird;  denn  was  der  Mensch  in  zehn  Monden- 
monaten  vor  der  Geburt  erlebt,  das  wird  tatsachlich  in  seiner  Spie- 
gelung  in  vielen  Jahren  erlebt.  Nehmen  Sie  nur  all  dasjenige,  was 
der  Mensch  nach  den  geschilderten  Andeutungen  bis  zu  seiner 
Wiederverkorperung  in  der  geistigen  Welt  erlebt.  Im  ersten  Teil 
seines  Lebens  nach  dem  Tode  hat  er  die  Nachklange  an  sein  friihe- 
res  Erdendasein  in  sich  aufgenommen.  Im  zweiten  Teil  dieses 
Lebens  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  hat  er  Erfahrungen  aus 
dem  Kosmos  gesucht.  In  diesem  Erleben  zwischen  dem  Tode  und 
der  neuen  Geburt  ist  vieles  darinnen,  nur  eines  ist  nicht  darinnen: 
Wir  erleben  tatsachlich  alles  wieder,  was  wir  seit  der  vorigen 
Inkarnation  bis  zur  jetzigen  erlebt  haben;  wir  erfiihlen  das  kos- 
mische  Sein,  wir  erleben  aber  wahrend  des  ersten  Teiles  unseres 
Lebens  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  nicht  dasjenige,  was  sich 
auf  der  Erde  zwischen  den  zwei  Inkarnationen  schon  zugetragen 
hat.  Bis  zum  Sonnensein  sind  wir  mit  den  Erinnerungen  an  das, 
was  vor  dem  Tode  war,  so  beschaftigt,  daB  unser  Interesse  vollig 
abgezogen  ist  von  dem,  was  auf  der  Erde  geschieht.  Wir  leben  mit 
denjenigen  Menschen,  die  ebenso  wie  wir  im  Leben  nach  dem 
Tode  in  der  geistigen  Welt  sind;  wir  leben  uns  in  alle  Verhaltnisse 
hinein,  die  wir  zu  diesen  Menschen  auf  Erden  schon  gehabt  haben, 
und  leben  in  diesen  Verhaltnissen  weiter,  gestalten  sie  in  ihren  Kon- 
sequenzen  aus.  Und  weniger  Interesse  konnen  wir  —  weil  wir  fort- 
wahrend  abgelenkt  sind  —  in  dieser  Zeit  uns  erhalten  fiir  die  Men- 


schen,  die  wir  auf  der  Erde  noch  haben.  Nur  wenn  uns  diese  Men- 
schen  mit  ihrer  ganzen  Seele  suchen,  ist  ein  Verbindungsband  mit 
ihnen  geschaffen.  Dieses  ist  als  ein  sehr  wichtiges  moralisches  Ele- 
ment zu  betrachten.  Denn  es  wirft  Licht  auf  das  Verhaltnis  zwi- 
schen  den  Gestorbenen  und  den  Zuriickgebliebenen.  Jemand,  der 
vor  uns  hinweggestorben  ist  und  den  wir  vollstandig  vergessen,  hat 
es  aufierordentlich  schwierig,  zu  uns  ins  Erdenleben  zuriickzudrin- 
gen.  Unsere  Liebe,  unsere  fortdauernde  Sympathie,  die  wir  dem  Ver- 
storbenen  bewahren,  die  liefert  einen  Weg  dazu,  weil  sie  eben  eine 
Verbindung  mit  dem  Erdendasein  herstellt.  Und  aus  dieser  Verbin- 
dung  heraus  miissen  in  diesen  ersten  Zeiten  nach  dem  Tode  die 
Hingeschiedenen  mit  uns  leben.  Und  es  ist  wirklich  eine  iiber- 
raschende  Tatsache,  wie  sehr  der  instinktive  Gedachtniskultus  fur  die 
Toten  durch  den  Okkultismus  in  seinem  tiefen  Sinne  bestatigt  wird. 
Unsere  Hingestorbenen  erreichen  uns  am  leichtesten,  wenn  sie  auf 
Erden  hier  an  sie  gerichtete  Gedanken,  Gefiihle,  Empfindungen 
finden  konnen. 

Fiir  den  zweiten  Teil  des  Lebens  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt 
stellt  sich  allerdings  wiederum  etwas  anderes  dar.  Wir  sind  so  sehr 
dann  eingesponnen  in  unsere  kosmischen  Interessen,  daB  wir  iiber- 
haupt  nur  aufierst  schwierig  in  diesem  zweiten  Zeitraum  einen  Zu- 
sammenhang  mit  der  Erde  finden.  Dasjenige,  was  uns  auBer  den 
kosmischen  Interessen  beschaftigt,  ist:  mitzuarbeiten  an  der  rich- 
tigen  Herstellung  unseres  weiteren  Karma.  Neben  unseren  kosmi- 
schen Eindriicken  bewahren  wir  uns  am  allerbesten  dasjenige,  was 
wir  gewissermaBen  karmisch  zu  korrigieren  haben,  und  wir  arbei- 
ten  mit  an  der  Herstellung  eines  solchen  nachsten  Lebens,  das  dazu 
beitragen  kann,  unsere  karmischen  Schulden  auszuglekhen. 

Mancher  Mensch  sagt,  er  konne  nicht  an  die  Reinkarnation  glau- 
ben,  weil  er  nicht  wiederum  in  das  irdische  Leben  zuriickkommen 
mochte.  Dies  ist  zum  Beispiel  ein  Einwand,  der  oftmals  gemacht 
worden  ist:  Ich  wiinsche  mir  durchaus  nicht  mehr  das  Zuriickkom- 
men in  das  Irdische.  -  Das  sagen  manche.  Die  Betrachtung  des  eben 
angefiihrten  Zeitpunktes  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  korrigiert 
diese  Ansicht  betrachtlich.  In  diesem  Zeitraum  wollen  wir  eben  mit 


aller  Gewalt  wieder  ins  Leben  hinein,  um  unser  Karma  zu  korrigie- 
ren,  und  wir  vergessen  nur,  wenn  wir  aus  dem  geschilderten  kosmi- 
schen  Schlaf  wieder  erwachen  in  der  Gegenwart,  daB  wir  das 
gewollt  haben,  dieses  Wiedergeborenwerden.  Ob  wir  wahrend  des 
Lebens  zwischen  Geburt  und  Tod  nochmals  auf  Erden  wieder- 
erscheinen  wollen,  darauf  kommt  es  nicht  an,  sondern  ob  wir  es 
wollen  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt.  Und  da  wollen  wir  es.  Wir 
miissen  uns  eben  vorstellen,  daB  in  vielfacher  Beziehung,  wie  wir 
es  eben  gesehen  haben,  das  Leben  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt 
geradezu  das  Entgegengesetzte  ist  von  dem,  was  wir  hier  auf  Erden 
erleben  zwischen  Geburt  und  Tod.  Geradeso,  wie  wir  in  diesem 
physischen  Leben  durch  den  Schlaf  gestarkt  und  mit  neuen  Kraften 
ausgeriistet  werden,  so  werden  wir  durch  den  angedeuteten  Welten- 
schlaf  mit  neuen  Kraften  fiLr  die  neue  Inkarnation  ausgeriistet. 

Noch  eine  andere  wichtige  Frage  wird  sich  uns  durch  die  ge- 
schilderten Tatsachen  beantworten  lassen.  Es  wird  oftmals  gefragt: 
Warum  muB  der  Mensch,  wenn  er  sich  so  oft  reinkarniert,  immer 
wieder  von  Kindheit  an  lernen  und  kommt  nicht  schon  mit  alle- 
dem  zur  Welt,  was  er  von  Kindheit  an  lernen  muB?  Diese  Frage 
beantwortet  sich  dann,  wenn  man  eines  beriicksichtigt:  daB  man  ja 
nicht  miterlebt  —  mit  Ausnahme  dessen,  was  angedeutet  ist:  des 
Zusammenhanges  mit  dem  Leben,  den  Menschen  und  dem  ganzen 
Karma  — ,  daB  man  nicht  erlebt  dasjenige,  was  sich  zwischen  unseren 
Inkarnationen  auf  dieser  Erde  abgespielt  hat.  War  also  jemand  zum 
Beispiel  vor  der  Erfindung  der  Buchdruckerkunst  auf  der  Erde  in- 
karniert,  und  er  inkarniert  sich  heute  wieder,  so  hat  er  alles  das 
nicht  miterlebt,  was  sich  in  der  Zeit  zwischen  der  Erfindung  der 
Buchdruckerkunst  und  jetzt  entwickelt  hat.  Und  in  der  Tat,  wenn 
man  kulturhistorisch  genauer  untersucht,  so  sieht  man,  daB  man  in 
jeder  Inkarnation  als  Kind  dasjenige  lernt,  was  sich  auf  der  Erde 
inzwischen  abgespielt  hat.  Man  braucht  nur  zu  betrachten,  was 
eben  ein  altromischer  Knabe  von  sechs  Jahren  gelernt  hat:  das  war 
etwas  ganz  anderes,  als  was  ein  Kind  von  sechs  Jahren  heute  lernt. 
Es  vergeht  zwischen  zwei  Inkarnationen  ein  so  langer  Zeitraum, 
daB  in  der  Tat  das  Kulturbild  der  Erde  dann  vollstandig  verandert 


ist.  Wir  kommen  nicht  herunter  zu  einer  Inkarnation,  bevor  sich  die 
Verhaltnisse  auf  der  Erde  so  weit  verandert  haben,  daB  sie  fast  keine 
Ahnlichkeit  zeigen  mit  dem  Leben  in  der  vorherigen  Inkarnation. 

Was  ich  eben  geschildert  habe,  bezieht  sich  auf  das  Durch- 
schnittsleben  der  Menschen.  Aber  es  ist  eben  ein  Durchschnitt,  und 
es  kann  zum  Beispiel  das  BewuBtsein  bei  einem  Menschen  nach 
dem  Tode  schon  friiher  erloschen,  der  Schlaf  kann  schon  friiher 
eintreten,  wie  Sie  ja  aus  einigen  Tatsachen,  die  gestern  angefiihrt 
worden  sind,  ersehen  konnen. 

Nun  besteht  aber  das  kosmische  Gesetz,  daB  dieser  Weltenschlaf 
die  Zeit  kiirzt,  die  wir  im  Kosmos  nach  dem  Tode  verbringen:  der- 
jenige,  der  friiher  in  den  Zustand  der  UnbewuBtheit  hineinkommt, 
der  durchlebt  sie  schneller,  die  Zeit  vergeht  fur  ihn  in  schnellerem 
Tempo,  sie  ist  kiirzer  als  fur  den,  der  sein  BewuBtsein  weiter  hinaus 
erweitert.  Ja  wir  konnen,  wenn  wir  das  Menschenleben  unter- 
suchen  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt,  die  Bemerkung  machen, 
daB  ungeistige  Menschen  verhaltnismaBig  am  schnellsten  wieder- 
kommen.  Wenn  jemand  nur  seinen  sinnlichen  Geniissen,  seinen 
sinnlichen  Leidenschaften,  also  demjenigen  lebt,  was  man  das  Tie- 
rische  im  Menschen  nennen  kann,  so  vergeht  ein  verhaltnismaBig 
kurzer  Zeitraum  zwischen  zwei  Inkarnationen.  Es  geschieht  dieses 
aus  dem  Grunde,  weil  bei  ihm  eine  verhaltnismaBig  fruhe  BewuBt- 
losigkeit  eintritt,  ein  Schlafzustand,  und  er  dann  schnell  durch  die- 
ses Leben  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  hindurchgeht. 

AuBerdem  habe  ich  nur  von  einer  durchschnittlichen  Erschei- 
nung  erzahlt,  weil  ich  Riicksicht  genommen  habe  vorzugsweise  auf 
diejenigen  Menschen,  welche  sozusagen  ein  normales  Lebensalter 
erreichen. 

Es  ist  im  Grunde  ein  groBer  Unterschied  zwischen  Verstorbenen, 
die  nach  dem  35.Jahr  gestorben  sind,  und  jenen,  die  vorher  aus 
diesem  Leben  geschieden  sind.  Es  lebt  eigentlich  nur  der,  welcher 
das  35.  Jahr  in  seinem  Erdenleben  iiberschritten  hat,  alle  die  Zu- 
stande  mehr  oder  weniger  bewuBt  durch,  die  wir  beschrieben  haben. 
Bei  einem  friiheren  Tode  tritt  tatsachlich  eine  Art  friiheren  Schlaf- 
zustandes  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  ein. 


Wenn  jemand  einwenden  wollte,  daB  man  fur  einen  friihen  Tod 
doch  nichts  kann  und  daher  unverschuldet  einem  friiheren  Welten- 
schlaf  anheimfallt,  so  ware  dieser  Einwand  doch  nicht  richtig.  Er 
ware  aus  dem  Grunde  nicht  richtig,  weil  ein  friiher  Tod  durch 
friihere  karmische  Ursachen  schon  vorbereitet  worden  ist  und  durch 
friiheres  Wiedereintreten  in  die  kosmischen  Welten  die  Weiter- 
entwickelung  nun  gefordert  werden  kann.  Wie  sonderbar  und  eben- 
falls  schockierend  dies  auch  klingen  mag,  wir  wissen  aus  ganz  ob- 
jektiven  Untersuchungen  des  kosmischen  Lebens:  Von  einem  ge- 
wissen  Zeitpunkt  an  ist  der  Mensch  ein  Wesen,  das  in  weite  Wel- 
tenspharen  hinein  ausgedehnt  ist  und  ausgesetzt  den  Wahrneh- 
mungen  des  Kosmos,  des  Makrokosmos.  Wie  der  Mensch  in  der 
Mitte  seines  physischen  Erdenlebens  gleichsam  am  meisten  ver- 
strickt  ist  mit  der  Erde,  so  ist  er  in  der  Mitte  des  Lebens  zwischen 
Tod  und  neuer  Geburt  am  meisten  verstrickt  in  das  kosmische  Sein. 
Nehmen  Sie  das  Kind:  es  lebt  sozusagen  noch  nicht  vollig  auf  der 
Erde,  es  lebt  mit  all  den  Erbstiicken,  die  es  von  friiher  her  erhalten 
hat,  und  es  muB  sich  erst  das  Erdenleben  erobern.  Nehmen  Sie  jetzt 
das  Leben  des  Menschen  nach  dem  Tode:  er  lebt  in  einer  gewissen 
Weise  mit  dem,  was  er  aus  der  Erde  herausgetragen  hat,  und  muB 
sich  erst  die  Wahrnehmungsfahigkeit  in  dem  Leben  des  Kosmos 
erringen.  In  der  Mitte  des  Erdenlebens  sind  wir  ja  am  meisten  in 
irdische  Verhaltnisse  hinein  versponnen;  in  der  Mitte  zwischen  Tod 
und  neuer  Geburt  sind  wir  am  meisten  in  kosmische  Verhaltnisse 
hineingesponnen.  Je  mehr  es  dem  Ende  unseres  Lebens  auf  Erden 
zugeht,  desto  mehr  Ziehen  wir  uns  aus  den  Erdenverhaltnissen  im 
physischen  Sinne  heraus.  Je  mehr  wir  die  Mitte  des  Lebens  zwischen 
Tod  und  neuer  Geburt  iiberschreiten,  desto  mehr  Ziehen  wir  uns 
aus  dem  Kosmos  heraus  und  neigen  uns  wieder  hin  zum  Erden- 
leben. 

Das,  was  ich  Ihnen  zuletzt  als  eine  Art  Analogie  gesagt  habe, 
betrachten  Sie  aber  nicht  so,  als  wenn  es  zugrunde  gelegen  hatte 
der  geisteswissenschaftlichen  Untersuchung.  Dem  Okkultisten  fallt 
eine  solche  Analogie  erst  auf,  wenn  er  die  okkulten  Untersuchun- 
gen gemacht  hat  und  mit  den  vorhandenen  Tatsachen  vergleicht. 


Eine  solche  Analogie  hat  auch  insofern  noch  einen  Fehler:  Sollten 
wir  das  Leben  in  der  ersten  Periode  nach  dem  Tode  das  kindliche 
Leben  nennen  und  die  zweite  Periode  zwischen  Tod  und  neuer 
Geburt  das  Greisenleben,  so  wiirden  wir  einen  Fehler  machen.  Im 
geistigen  Dasein  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  sind  wir  namlich 
zuerst  Greise  und  werden  dann  in  der  zweiten  Halfte  eben  Kinder 
in  bezug  auf  das  geistige  Leben.  Das  geistige  Leben  verflieBt  umge- 
kehrt.  Zuerst  tragen  wir  die  Fehler  und  Gebrechen  des  physischen 
Lebens  da  hinein;  dann  werden  sie  wahrend  des  kosmischen  Lebens 
allmahlich  herausgeworfen. 

Ich  war  sehr  uberrascht,  in  alten  Traditionen  einen  Ausdruck  zu 
finden  wie  eine  Art  —  ich  will  nicht  sagen  Bestatigung,  aber  wie 
eine  Art  Hinweis  auf  diese  Erfahrungen.  Wenn  wir  auf  der  Erde 
im  physischen  Leben  sind,  so  sagen  wir:  Wir  werden  alt.  Im  geisti- 
gen Leben  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  miissen  wir  ganz  sinn- 
gemaB  sagen:  Wir  werden  jung.  So  da!3  man  also  sagen  konnte, 
wenn  jemand  geboren  wird  da  oder  dort  und  man  sein  geistiges 
Dasein  betrachtet:  Er  ist  da  und  dort  jung  geworden. 

Nun  finden  sich  merkwurdigerweise  im  zweiten  Teil  des  «Faust» 
die  Worte:  Er  ist  «im  Nebelalter  jung  geworden».  Warum  braucht 
Goethe  fur  Geborenwerden  den  Ausdruck:  «Jung  werden»?  Wenn 
wir  weiter  zuriickgehen  wiirden,  dann  wiirden  wir  finden,  daB  dies 
eine  Tradition  ist  der  Menschheit,  die  empfand,  daB  man  mit  der 
geistigen  Geburt  jung  wird.  Wir  finden  uberhaupt  —  was  in  unse- 
rem  Okkultismus  immer  betont  wird  — ,  daB,  je  weiter  wir  zuriick- 
gehen in  der  Entwickelung,  wir  immer  mehr  auf  hellseherische  Zu- 
stande  treffen.  Wir  finden  sie  uberall  bestatigt. 

Nehmen  Sie  zum  Beispiel  dasjenige,  worauf  gestern  hingedeutet 
worden  ist.  Von  dem  Tode  an  losen  wir  uns  allmahlich  aus  den 
irdischen  Verhaltnissen  heraus,  aber  wir  erleben  mitten  drinnen  in 
dem  Leben  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  die  kosmischen  Zu- 
stande.  Wir  erleben  sie  in  Visionen,  die  an  die  Stelle  der  Sinnes- 
wahrnehmung  treten;  dann,  habe  ich  gesagt,  fallt  auf  das,  was 
wir  erleben,  das  Licht  der  Hierarchien.  Es  tritt  da  tatsachlich  nach 
dem  Tode  eine  Art  von  Zustand  ein,  den  wir  in  folgender  Weise 


charakterisieren  konnen:  Denken  Sie,  Ihr  Bewufitsein  ware  nicht  in 
Ihnen,  sondern  auBerhalb  in  der  Umgebung,  und  Sie  wiirden  nicht 
das  Gefiihl  haben,  daB  das  Leben  in  Ihrem  Korper,  sondern  daB 
das  Leben  auBerhalb  Ihres  Korpers  sei,  und  wiirden  von  auBen 
fuhlen:  dies  ist  mein  Auge,  dies  meine  Nase,  dies  mein  Bein.  Dann 
miiBten  wir  dasjenige,  was  wir  auBen  im  Geistigen  erleben,  auf 
uns  hin  beziehen,  miiBten  auch  das  Leben  Gottes  auf  uns  hin  be- 
ziehen  und  es  in  uns  renektieren  lassen.  Ein  solcher  Zeitpunkt  tritt 
auf,  wenn  nach  dem  Tode,  indem  wir  —  gleichsam  zuriickblickend 
auf  den  Menschen  —  alles  das,  was  in  der  Umgebung  ist,  sich  in 
ihm  zuriickspiegeln  sehen:  so  daB  selbst  die  Gottheit  sich  im  Men- 
schen reflektiert. 

Ware  es  deshalb  gar  zu  gewagt,  es  als  eine  Erkenntnis  hinzuneh- 
men,  wenn  ein  Dichter  sagt,  daB  das  Leben  nach  dem  Tode  eine 
Spiegelung  des  Gottlichen  ist?  Das  wissen  wohl  alle,  daB  Dante 
diesen  Ausspruch  gebraucht  hat,  daB  im  geistigen  Leben  der  Zeit- 
punkt eintritt,  wo  man  Gott  als  Menschen  sieht. 

Es  mag  gewiB  zuweilen  solch  ein  Hinweis  wie  unberechtigt  er- 
scheinen,  vielleicht  als  eine  Spielerei  einem  vorkommen.  Derjenige 
aber,  der  in  die  tiefen  Zusammenhange  der  Menschheit  hinern- 
blickt,  wird  diese  Dinge  nicht  mehr  als  Spielerei  ansehen.  Bei  den 
groBen  Dichtern  leben  eben  Nachklange  alter  hellseherischer  Er- 
kenntnis der  Menschheit  immer  wieder  auf,  und  durch  Initiation 
werden  solche  Nachklange  aufgefrischt  und  zu  menschlicher  Er- 
kenntnis erhoben. 

Damit,  meine  lieben  Freunde,  habe  ich  Ihnen  einige  Tatsachen 
angefiihrt,  die  zu  den  zuletzt  gemachten  Untersuchungen  iiber  das 
Leben  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  gehoren,  und  ich  hoffe,  daB 
wir  in  nicht  zu  ferner  Zeit  weitersprechen  konnen  iiber  solche  Er- 
kenntnisse  iiber  das  Leben  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt. 


DER  DURCHGANG  DES  MENSCHEN 
DURCH  DIE  PLANETENSPHAREN  UND  DIE  BEDEUTUNG 
DER  CHRISTUS-ERKENNTNIS 

Hannover,  18.  November  1912 

Wir  sind  am  heutigen  Abend  versammelt  in  einer  gewisser- 
maBen  neuen  Umhiillung  unseres  lieben  Hannoverschen  Zweiges, 
und  es  ist  mit  dem  heutigen  Abend  die  schonste  Einweihung  damit 
gegeben,  daB  so  viele  unserer  Freunde  hier  erschienen  sind  und 
dadurch  in  ihren  Herzen  wiederum  einmal  auch  hier  an  diesem 
Orte  bekundet  haben,  daB  es  ihnen  ernst  ist  mit  demjenigen,  was 
wir  zusammenfassen  in  unserer  spirituellen  Weltanschauungsstro- 
mung.  Es  ist  ja  seit  einiger  Zeit  bei  solchen  Gelegenheiten  auf  der 
einen  Seite  eben  wirklich  immer  eine  Schwierigkeit,  die  auf  der 
anderen  Seite  aber  uns  mit  einer  gewissen  Befriedigung  erfiillen 
kann:  daB,  wenn  unsere  Freunde  eine  solche  Umhiillung  ihrer  Arbeit 
sich  geschaffen  haben,  sie  sich  sogleich  bei  den  allerersten  Versamm- 
lungen  als  zu  klein  erweist.  Dieses  ist  natiirlich  eine  Sache,  die  zwei 
Seiten  hat;  allein,  es  ist  zugleich  dasjenige,  was  unsere  Seele  mit 
Zuversicht  und  Hoffnung  fur  die  Tragkraft  unserer  Bewegung  er- 
fiillen kann.  Und  so  lassen  Sie  mich  denn  nur  ganz  kurz  bei  Ein- 
tritt  in  unsere  Betrachtung  aussprechen,  daB  auch  in  diesen  Rau- 
men  Segen  und  Gedeihen  bliihen  mogen  der  spirituellen  Arbeit,  die 
hier  verrichtet  wird;  lassen  Sie  mich  aussprechen  den  Herzenswunsch, 
daB  diese  Arbeit  so  verlaufen  moge,  daB  sie  durch  ihre  innere  Kraft 
und  Gediegenheit  haben  kann  den  Segen  der  jenigen,  die  als  spirituelle 
Fiihrer  iiber  unserer  Bewegung  wachen.  Diesen  Segen,  wir  konnen 
ihn  nur  dann  haben,  wenn  wir  in  innerer  Ehrlichkeit,  Wahrhaftig- 
keit  und  Aufrichtigkeit  nach  den  groBen,  geistigen  Idealen  streben. 
Dann  aber,  wenn  wir  aus  diesem  Streben  heraus  in  ernstem  und 
wahrem  und  ehrlichem  Geiste  hier  zusammen  arbeiten,  dann  konnen 
wir  auch  immer  sicher  sein,  daB  der  Segen  derjenigen,  die  wir  nennen 
die  Meister  der  Weisheit  und  des  Zusammenklingens  der  Empfin- 
dungen,  iiber  unserer  Sache  walten.  Und  so  moge  denn  dieser  Segen 


auf  uns  herabflieBen,  damit  unsere  Arbeit  etwas  werden  kann,  was 
den  Seelen  Kraft  und  Starke  gibt,  damit  diese  Arbeit  einen  kleinen 
Baustein  liefere  zu  dem,  was  durch  die  Geisteswissenschaft  der  ge- 
samten  Menschheitskultur  zugefiihrt  werden  soil. 

Ausgehen,  meine  lieben  Freunde,  wollen  wir  bei  unserer  heuti- 
gen  Betrachtung  von  einem  Ins-Auge-Fassen  desjenigen,  was  wir 
unser  menschliches  BewuBtsein  nennen.  Was  nennen  wir  denn 
unser  menschliches  BewuBtsein?  Nun,  wir  konnen  zunachst  dieses 
BewuBtsein  umschreiben.  Wir  konnen  sagen:  Wahrend  wir  in  dem 
Zustande  des  Schlafes  sind  —  vom  Einschlafen  am  Abend  bis  zum 
Aufwachen  am  nachsten  Morgen  — ,  da  ist  dieses  BewuBtsein  nicht 
in  uns.  Keiner,  der  sozusagen  seine  fiinf  Sinne  beieinander  hat  — 
wenn  ich  diesen  Ausdruck  gebrauchen  darf  — ,  zweifelt  daran,  daB 
er  auch  vorhanden  ist,  wenn  er  am  Abend  beim  Einschlafen  dies 
BewuBtsein  gewissermaBen  verliert.  Denn  wenn  er  daran  zweifelte, 
wiirde  er  damit  die  ganz  unsinnige  Behauptung  aufstellen,  daB 
alles,  was  er  innerlich  erlebt  hat,  wahrend  des  Schlafes  verloren- 
geht  und  am  nachsten  Morgen  erst  wiederum  von  neuem  entsteht. 
Wer  nicht  diese  unsinnige  Anschauung  hat,  der  ist  uberzeugt  da- 
von,  daB  er  auch  wahrend  der  Zeit  des  Schlafes  existiert.  Aber  das- 
jenige  ist  nicht  in  ihm,  was  wir  unser  BewuBtsein  nennen,  Wir 
sind  wahrend  des  Schlafes  nicht  erfiillt  von  Vorstellungen,  wir  sind 
nicht  erfiillt  von  Trieben,  Begierden  und  Leidenschaften;  wir  sind 
nicht  erfiillt  von  Schmerzen  und  Leiden  —  denn  wenn  die  Schmer- 
zen  so  stark  werden,  daB  sie  uns  den  Schlaf  storen,  dann  bleibt  das 
BewuBtsein  eben  vorhanden.  Derjenige,  der  unterscheiden  kann 
zwischen  Schlafen  und  Wachen,  kann  auch  wissen,  was  BewuBt- 
sein ist.  BewuBtsein  ist  dasjenige,  was  bei  jedem  Aufwachen  wieder 
in  die  Seele  hineinkommt;  all  die  Summe  von  Vorstellungen,  Affek- 
ten,  Leidenschaften,  Schmerzen  und  so  weiter,  das  kommt  am  Mor- 
gen wieder  in  die  Seele  hinein.  Wodurch  ist  dieses  BewuBtsein  ganz 
besonders  charakteristisch  beim  Menschen?  Beim  Menschen  ist  es 
besonders  dadurch  charakteristisch,  daB  alles,  was  der  Mensch  in 


seinem  BewuBtsein  haben  kann,  gewissermaBen  begleitet  ist  von 
dem  Gefiihl,  von  der  Empfindung,  von  dem  Erlebnis  des  Ich;  und 
eine  Vorstellung,  bei  der  Sie  nicht  wenigstens  denken  konnten: 
ich  stelle  sie  mir  vor;  eine  Empfindung,  bei  der  Sie  nicht  denken 
konnten:  ich  empfinde;  ein  Schmerz,  bei  dem  Sie  nicht  sagen  konn- 
ten: mich  schmerzt  er,  das  wiirde  nicht  ein  wirkliches  inneres  Erleb- 
nis Ihrer  Seele  sein.  Alles  was  Sie  erleben,  muB  mit  der  Ich-Vor- 
stellung  verkniipft  sein.  Das  ist  es  auch.  Dennoch  wissen  Sie,  daB 
dieses  Verkniipftsein  mit  der  Ich- Vorstellung  —  wir  haben  das  ofter 
schon  besprochen  -  in  einem  gewissen  Zeitpunkt  des  Lebens  erst 
beginnt.  In  der  Zeit  so  um  das  dritte  Jahr  herum,  da  beginnt  erst 
das  Kind  ein  Erlebnis  damit  zu  verbinden,  wenn  es  nicht  mehr 
sagt:  Karlchen  oder  Mariechen  spielt  oder  spricht  und  so  weiter, 
sondern:  Ich  spreche.  -  So  entziindet  sich  eigentlich  erst  das  Wissen 
vom  Ich  im  Verlaufe  des  kindlichen  Alters. 

Heute  wollen  wir  uns  fragen:  Wodurch  entziindet  sich  denn  all- 
mahlich  im  Kinde  das  Wissen  vom  Ich?  Nun  konnen  wir  gerade 
bei  dieser  Frage  sehen,  daB  sozusagen  die  einfachsten,  scheinbar  ein- 
fachsten  Sachen  nicht  so  ganz  leicht  zu  beantworten  sind,  obwohl  die 
Antwort  manchmal  recht  naheliegt.  Wie  kommt  denn  das  Kind  dazu, 
von  dem  allgemeinen  Ich-losen  BewuBtseinszustande  zu  Ich-erfuil- 
ten  Vorstellungen  zu  kommen?  Wer  das  kindliche  Leben  wirklich 
studiert,  der  kann  erfahren,  wie  das  Kind  dazu  kommt.  Sehen  Sie, 
es  gibt  eine  sehr  einfache  Beobachtung,  die  jeder  machen  kann,  die 
ihn  dazu  fiihren  kann,  sich  zu  iiberzeugen,  wie  das  Kind  zu  dem  Ich- 
BewuBtsein  kommt.  Es  braucht  der  Mensch  nur  einmal  so  recht 
ernst  zu  beobachten,  wie  sich  diese  Ich- Vorstellung  heranbildet  und 
verstarkt.  Beobachten  Sie  einmal  ein  Kind,  wenn  es  sich  sein  Kopf- 
chen  an  der  Tischkante  stoBt.  Wenn  Sie  das  kindliche  Leben  ge- 
nauer  beobachten,  werden  Sie  fmden,  daB  das  Ich-Gefuhl  gewach- 
sen  ist,  nachdem  das  Kind  sich  das  Kopfchen  gestoBen  hat.  Es  hat 
sich  namlich  wahrgenommen.  Das  tragt  dazu  bei,  daB  das  Kind  sich 
selbst  kennenlernt.  Nun  braucht  es  sich  bei  einer  solchen  Sache 
nicht  immer  zu  verletzen,  es  braucht  nicht  immer  auBere  Schram- 
men  dabei  zu  geben;  schon  wenn  das  Kind  seine  Hande  irgendwo 


auflegt,  so  ist  das  ein  kleiner  StoB,  da  nimmt  sich  das  Kind  an 
anderen  Dingen  wahr.  Sie  werden  sich  sagen  miissen:  Das  Kind 
wiirde  nicht  zum  Ich-BewuBtsein  kommen,  wenn  es  sich  nicht  an 
der  AuBenwelt,  an  dem  Widerstand  der  AuBenwelt  wahrnehmen 
wiirde.  Wiirde  das  Kind  keinen  Widerstand  erleben,  so  wiirde  es 
niemals  zum  Ich-BewuBtsein  kommen.  DaB  das  Kind  eine  AuBen- 
welt sich  gegeniiber  haben  kann,  das  bildet  im  Kind  allmahlich  das 
Ich-BewuBtsein  aus.  Dann  wissen  Sie  ja,  hat  das  Kind  zu  einer  ge- 
wissen  Zeit  seines  Lebens  dieses  Ich-BewuBtsein.  Aber  dann  hort 
dasjenige  nicht  auf  beim  Menschen,  was  bis  dahin  stattgefunden 
hat;  nur  findet  eine  Umkehrung  statt.  Das  Kind  hat  das  Ich-Be- 
wuBtsein ausgebildet,  indem  es  die  auBeren  Gegenstande  als  auBer 
sich  befindlich  wahrnimmt,  sich  also  davon  trennt.  Wenn  dieses 
Ich-BewuBtsein  einmal  da  ist,  stoBt  es  sich  noch  immer  an  etwas, 
muB  es  sich  noch  immerfort  stoBen.  Wo  stoBt  es  sich  denn?  Was 
mit  nichts  in  Beriihrung  kommt,  kann  von  sich  selber  nichts  wissen, 
wenigstens  nicht  innerhalb  unserer  Welt,  soweit  wir  in  der  Welt 
leben.  Sehen  Sie,  von  dem  Zeitpunkt  an,  wo  das  Ich-BewuBtsein 
da  ist,  da  stoBt  sich  das  Ich  an  der  eigenen  inneren  Leiblichkeit,  da 
fangt  das  Ich  an,  nach  innen  zu  leben;  da  fangt  das  Ich  an,  sich 
an  dem  eigenen  Leib  nach  innen  zu  stoBen.  Sie  brauchen  ja  nur 
daran  zu  denken,  wenn  Sie  sich  das  vorstellen  wollen,  daB  das 
Kind  an  jedem  Morgen  aufwacht.  Das  ist  ein  Hineingehen  des  Ich 
und  des  astralischen  Leibes  in  den  physischen  und  den  Atherleib, 
da  stoBt  sich  das  Ich  an  dem  physischen  und  dem  Atherleib.  Ja, 
denken  Sie,  wenn  Sie  schon  mit  der  Hand  in  das  Wasser  greifen 
und  das  Wasser  durchmessen,  so  haben  Sie  iiberall  einen  Wider- 
stand,  wo  Sie  sich  mit  dem  Wasser  beriihren.  So  ist  es,  wenn  das 
Ich  heruntertaucht  am  Morgen  und  sich  von  seinem  Innenleben 
umspiilt  findet.  Aber  wahrend  des  ganzen  Lebens  ist  dieses  Ich  ein- 
gesenkt  in  diesen  physischen  und  Atherleib  und  stoBt  sich  an  alien 
Seiten  an  diesen  Leibern.  Wenn  Sie  mit  der  Hand  im  Wasser  her- 
umplatschern,  werden  Sie  die  Hand  von  alien  Seiten  gewahr;  so 
ist  es,  wenn  das  Ich  heruntertaucht  in  den  Atherleib  und  den  phy- 
sischen Leib  und  sich  stoBt  auf  alien  Seiten  innerhalb  dieser  Leib- 


lichkeit.  Und  dies  geschieht  das  ganze  Leben  hindurch.  Das  ganze 
Leben  hindurch  muB  der  Mensch  mit  jedem  neuen  Aufwachen  am 
Morgen  untertauchen  in  seinen  physischen  Leib  und  seinen  Ather- 
leib, und  dadurch,  daB  er  so  untertaucht,  geschehen  fortwahrend 
ZusammenstoBe  von  dem  physischen  Leib  und  dem  Atherleib  auf 
der  einen  Seite  und  dem  astralischen  Leib  und  dem  Ich  auf  der  an- 
deren  Seite.  Was  ist  die  Folge  davon?  Die  Folge  davon  ist,  daB  die- 
jenigen  Wesenhaftigkeiten,  die  da  zusammenstoBen,  abgenutzt  wer- 
den.  Es  geht  dem  Ich  und  dem  astralischen  Leib  auf  der  einen  Seite 
und  dem  atherischen  und  dem  physischen  Leib  auf  der  anderen 
Seite  genauso,  wie  wenn  Sie  fortwahrend  zwei  Korper  aufeinander 
schiagen.  Sie  niitzen  sich  ab;  und  dieses  Abniitzen,  das  ist  das  all- 
mahliche  Alterwerden,  Abgebrauchtwerden,  das  beim  Menschen 
im  Verlaufe  des  Lebens  eintritt,  und  das  ist  auch  der  Grund,  warum 
wir  iiberhaupt  physisch  sterben.  Denken  Sie  einmal:  wir  hatten 
keinen  physischen,  keinen  Atherleib,  dann  konnten  wir  auch  unser 
Ich-BewuBtsein  nicht  aufrechterhalten.  Wir  wiirden  zwar  in  die 
Lage  kommen,  das  Ich-BewuBtsein  zu  entwickeln,  aber  wir  konnten 
es  nicht  aufrechterhalten.  Denn  wir  miissen  uns  immer  nach  innen 
stoBen,  wenn  es  aufrechterhalten  werden  soil  in  unserem  BewuBt- 
sein.  Daraus  folgt  nichts  Geringeres  als  die  auBerordentlich  bedeut- 
same  Tatsache,  daB  wir  von  der  Zerstorung  unserer  Wesenheit  die 
Entwickelung  unser  es  Ich  haben.  Konnten  wir  nicht  zusammen- 
stoBen mit  den  Gliedern  unserer  Wesenheit,  so  konnten  wir  kein 
Ich-BewuBtsein  haben.  Ja,  wenn  der  Mensch  fragt,  wozu  ist  Zer- 
storung da,  Alter n  da,  Tod  da,  da  muB  man  ihm  antworten:  Zer- 
storung, Altern,  Tod  ist  dazu  da,  daB  der  Mensch,  indem  er  zer- 
stort,  sich  entwickelt,  namlich  das  Ich-BewuBtsein  immer  weiter 
entwickelt.  Konnten  wir  nicht  sterben  —  das  ist  der  radikale  Aus- 
druck  dafiir  — ,  so  konnten  wir  nicht  wahrhaft  Menschen  sein.  Wenn 
wir  aber  diese  Tatsache  in  ihrer  vollen  Bedeutung  auf  unsere  Seele 
wirken  lassen,  dann  kann  uns  folgender  Gedanke  kommen,  den 
uns  der  Okkultismus  beantworten  kann,  namlich  der  Gedanke: 
Als  Menschen  brauchen  wir  doch,  wenn  wir  leben  wollen,  immer 
physischen  Leib,  Atherleib,  astralischen  Leib  und  Ich.  So  wie  wir 


im  gegenwartigen  menschlichen  Leben  sind,  miissen  wir  sagen, 
wir  brauchen  diese  vier  Glieder;  damit  wir  aber  das  Ich-Bewu£tsein 
erlangen  konnen,  miissen  wir  sie  zerstoren.  Wir  miissen  sie  immer 
wieder  bekommen,  damit  wir  sie  immer  wieder  zerstoren.  Darauf 
beruht  die  Notwendigkeit  der  wiederholten  Erdenleben,  urn  die 
Moglichkeit  zu  haben,  immer  aufs  neue  die  menschlichen  Leiber  zu 
zerstoren  und  uns  dadurch  gerade  als  bewuBte  Menschheitswesen 
weiter  zu  entwickeln. 

Nun  haben  wir  in  dem  Erdenleben  nur  ein  einziges  menschliches 
Glied,  an  dessen  Entwickelung  wir  wirklich  arbeiten  konnen,  das 
ist  unser  Ich.  An  der  Entwickelung  unseres  Ich  konnen  wir  in  einer 
gewissen  Weise  arbeiten.  Was  heiBt  nun,  im  geistigen  Sinne,  an 
der  Entwickelung  seines  Ich  arbeiten?  Wenn  wir  diese  Frage  be- 
antworten  wollen,  miissen  wir  uns  klar  dariiber  sein,  was  die  Arbeit 
am  Ich  notwendig  macht.  Nehmen  wir  an,  ein  Mensch  geht  auf 
den  anderen  los  und  sagt  ihm:  Du  bist  ein  schlechter  Mensch. 
Wenn  das  nicht  stimmt,  so  hat  der  Betreffende  eine  Unwahrheit 
gesagt.  Was  bedeutet  eine  solche  Aussage  des  Ich,  die  eine  Un- 
wahrheit ist?  Ja,  diese  Aussage  des  Ich,  die  eine  Unwahrheit  ist,  die 
bedeutet,  daB  von  dem  Zeitpunkt  an  das  Ich  weniger  wert  gewor- 
den  ist.  Das  ist  die  objektive  Bedeutung  der  Unmoralitat.  Wir  sind 
mehr  wert  vor  dem  Augenblick,  wo  wir  eine  Unwahrheit  gesagt 
haben,  als  nachher,  nachdem  wir  die  Unwahrheit  ausgesprochen 
haben.  Und  messen  Sie  alle  Raume  und  alle  Zeiten  aus:  der  Wert 
Ihres  Ich  wird  geringer  fur  alle  Raume  und  alle  Zeiten,  fur  alle 
Unendlichkeit  und  alle  Ewigkeit,  wenn  Sie  ihn  durch  eine  solche 
Sache  geringer  gemacht  haben.  Nun  steht  uns  aber  wahrend  des 
Lebens  zwischen  Geburt  und  Tod  eines  zur  Verfiigung,  sozusagen. 
Wir  konnen  dasjenige,  was  wir  so  beigetragen  haben,  um  unser 
Ich  weniger  wertvoll  zu  machen,  das  konnen  wir  immer  verbessern, 
wenn  wir  unsere  Luge  iiberwinden  konnen.  Wir  konnen  demjeni- 
gen,  zu  dem  wir  gesagt  haben:  Du  bist  ein  schlechter  Mensch,  ge- 
stehen:  Ich  habe  mich  geirrt,  es  ist  nicht  richtig,  was  ich  gesagt  habe, 
und  so  weiter.  Dann  haben  wir  unserem  Ich  den  Wert  wiedergege- 
ben,  dann  haben  wir  den  Schaden,  den  wir  unserem  Ich  zufiigten, 


wieder  ausgeglichen,  dann  haben  wir  bewirkt,  daB  das,  was  wir 
ihm  zugefiigt  haben,  wiederum  ausgeglichen  ist.  So  haben  wir  es 
fur  viele  Dinge,  die  unser  Ich  beriihren,  in  der  Hand,  wahrend 
unseres  Lebens  noch  einen  Ausgleich  zu  schaffen,  das,  um  was  das 
Ich  unvollkommen  wird,  zu  verbessern.  Wenn  es  zum  Beispiel  zu 
unserer  Aufgabe  gehort,  irgend  etwas  zu  wissen,  und  wir  haben 
es  vergessen,  so  ist  unser  Ich  weniger  wert;  wenn  wir  uns  aber 
bemiihen,  konnen  wir  es  wieder  in  die  Erinnerung  bringen.  Das 
Ich  hat  vorher  weniger  Wert;  wenn  wir  es  wieder  in  die  Erinnerung 
gebracht  haben,  dann  haben  wir  den  Schaden  ausgeglichen.  Also: 
Wir  konnen  dieses  Ich  weniger  wertvoll  machen;  wir  konnen  es 
aber  auch  wiederum  immer  wertvoller  machen.  —  Sehen  Sie,  diese 
Fahigkeit,  sozusagen  zu  revidieren  ein  Lebensglied,  ein  Mensch- 
heitsglied  von  uns,  daB  wir  seine  Fehler  korrigieren,  daB  wir  es 
vorwarts  bringen,  diese  Fahigkeit  haben  wir  in  bezug  auf  das  Ich. 

Das  BewuBtsein  des  Menschen  erstreckt  sich  aber  nicht  unmittel- 
bar  auf  das  astralische  Sein,  auf  das  atherische  und  noch  viel  weni- 
ger auf  das  physische  Sein.  Dennoch  ist  das  ganze  Leben  ein  fort- 
wahrendes  Zerstoren  dieser  drei  Glieder,  aber  wir  haben  kein  Wis- 
sen, wie  man  das  immer  wieder  ausbessert.  Dariiber  ist  der  Mensch 
Herr,  wie  man  das  Ich  ausbessert,  wie  man  ausgleicht  einen  mora- 
lischen,  einen  Gedachtnisdefekt;  iiber  dasjenige  aber,  was  da  der 
Mensch  fortwahrend  zerstort  in  seinem  astralischen,  atherischen 
und  physischen  Leib,  dariiber  ist  er  nicht  Herr.  Trotzdem  wird  fort- 
wahrend diese  Dreiheit  verschlechtert,  und  wenn  wir  so  hinleben, 
fiihren  wir  fortwahrend  Attacken  aus  gegen  unsere  drei  Mensch- 
heitsglieder,  astralischer  Leib,  atherischer  Leib  und  physischer  Leib. 
An  dem  Ich  arbeiten  wir.  Ja,  wenn  wir  an  unserem  Ich  nicht  arbei- 
ten  wiirden  unser  ganzes  Leben  lang  zwischen  Geburt  und  Tod,  so 
wiirde  es  eben  nicht  weiterkommen.  Nun  aber,  an  dem  astralischen 
Leib,  an  dem  Atherleib  und  an  dem  physischen  Leib  kann  der  Mensch 
nicht  so  bewuBt  arbeiten  wie  an  seinem  Ich.  Dennoch  muB  das- 
jenige, was  der  Mensch  da  fortwahrend  zerstort,  wieder  ersetzt 
werden.  Der  Mensch  muB  in  der  Zeit  zwischen  dem  Tode  und  einer 
neuen  Geburt  in  der  richtigen  Art  wiederum  zusammengestellt 


bekommen  als  astralischen  Leib,  Atherleib  und  physischen  Leib, 
was  er  zerstort  hat;  es  muB  moglich  sein,  daB  wir  in  dieser  Zeit 
hergestellt  bekommen  das,  was  wir  vorher  im  Leben  zerstort  haben: 
den  astralischen  Leib,  den  Atherleib  und  den  physischen  Leib.  Das 
kann  aber  nur  dadurch  geschehen,  daB  etwas  an  uns  arbeitet,  was 
nicht  in  unserer  Hand  liegt.  Das  ist  ja  ganz  offenbar,  daB  Sie  es, 
wenn  Sie  nicht  besondere  magische  Krafte  zur  Verfiigung  haben, 
nicht  in  Ihrer  Gewalt  haben,  sich  einen  astralischen  Leib  zu  ver- 
schaff  en,  wenn  Sie  verstorben  sind.  Das  muB  dem  Menschen  aus  der 
groBen  Welt,  aus  dem  Makrokosmos  geschafFen  werden. 

Da  begreifen  Sie  jetzt  die  Frage:  Ja,  woher  wird  denn  das  wie- 
derum  hergestellt,  was  wir  zum  Beispiel  an  unserem  astralischen 
Leib  zerstort  haben?  Wir  miissen  ja  einen  richtigen  Leib  haben, 
wenn  wir  wiedergeboren  werden  zu  einem  neuen  leiblichen  Dasein. 
Wo  sind  die  Krafte  zu  Bnden  im  Weltenall,  die  den  astralischen 
Leib  wieder  herstellen?  Sehen  Sie,  diese  Krafte  konnen  Sie  suchen 
mit  alien  moglichen  hellseherischen  Kiinsten  auf  der  Erde,  Sie  fin- 
den  sie  auf  der  Erde  nicht.  Und  wenn  es  bloB  auf  die  Erde  ank'ame, 
so  kbnnte  dem  Menschen  nie  wieder  sein  astralischer  Leib  her- 
gestellt werden.  Die  materialistische  Weltanschauung,  die  da  glaubt, 
alle  Menschheitsbedingungen  seien  auf  der  Erde  zu  finden,  irrt  ganz 
gewaltig.  Der  Mensch  hat  seine  Heimat  nicht  bloB  auf  der  Erde. 
Das  zeigt  uns  die  wirkliche  Betrachtung  des  Lebens  zwischen  dem 
Tode  und  einer  neuen  Geburt,  daB  die  Krafte,  die  der  Mensch 
braucht,  urn  seinen  astralischen  Leib  wieder  herzustellen,  bei  Mer- 
kur,  Venus,  Mars,  Jupiter,  Saturn  liegen,  bei  den  Sternen  unseres 
Planetensystems  liegen.  Was  von  diesen  Sternen  ausgeht  an  Kraf- 
ten,  das  muB  alles  arbeiten  an  der  Wiederherstellung  unseres  astra- 
lischen Leibes;  und  wenn  wir  von  da  nicht  herbekommen  die  Krafte, 
so  konnen  wir  einen  astralischen  Leib  nicht  erhalten.  Was  heiBt 
denn  das  aber?  Das  heiBt  nichts  anderes,  als  daB  wir  nach  dem  Tode 
oder  auch  bei  einer  Initiation  mit  den  Kraften  unseres  astralischen 
Leibes  herausdringen  miissen  aus  dem  physischen  Leib.  Und  dieser 
astralische  Leib  dehnt  sich  hinaus  ins  Weltenall.  Wahrend  wir  sonst 
nur  an  einer  Stelle  dieses  Weltenalls  auf  einen  kleinen  Punkt  zu- 


sammengedrangt  sind,  dehnt  sich  unser  ganzes  Wesen  nach  dem 
Tode  hinaus  in  den  ganzen  Kosmos.  Tatsachlich  ist  unser  Leben 
zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  nichts  anderes  als  ein 
Aus-den-Sternen-Heraussaugen  derjenigen  Krafte,  die  wir  brauchen, 
damit  diejenigen  Glieder,  die  wir  zerstort  haben  wahrend  des  Le- 
bens,  wieder  hergestellt  werden  konnen.  Also  aus  den  Sternen  emp- 
fangen  wir  wirklich  dasjenige,  was  uns  unseren  astralischen  Leib 
wieder  herstellt. 

Auf  dem  Gebiete,  das  man  im  wahren  Sinne  des  Wortes  Okkul- 
tismus  nennt,  auf  diesem  Gebiete  ist  die  Forschung  eine  sehr  schwie- 
rige,  eine  komplizierte.  Nicht  wahr,  es  ist  schon  so,  daB  derjenige, 
der  ganz  gesunde  Augen  hat,  wenn  Sie  ihn,  sagen  wir,  in  eine 
Gegend  schicken  in  die  Schweiz,  und  er  stellt  sich  dann  auf  einen 
sehr  hohen  Berg  hinauf  und  er  kommt  zuriick,  so  wird  er  Ihnen 
eine  Schilderung  geben,  die  den  Tatsachen  entspricht.  Aber  Sie 
konnen  sich  ganz  gut  vorstellen,  wenn  er  ein  zweites  Mai  nach 
dieser  Gegend  geht  und  wiederum  auf  denselben  Berg  steigt,  viel- 
leicht  etwas  hoher,  so  wird  er  das,  was  er  so  sieht,  von  einem  ande- 
ren  Gesichtspunkte  aus  beschreiben.  Und  man  wird  durch  die  Be- 
schreibung  von  verschiedenen  Gesichtspunkten  aus  einen  immer 
vollstandigeren,  einen  immer  richtigeren  BegrirT  von  der  Bergland- 
schaft  bekommen.  Man  glaubt  nun,  wenn  einer  einmal  hellsichtig 
geworden  ist,  dann  wisse  er  alles.  So  einfach  ist  die  Sache  nicht. 
Hier,  in  der  geistigen  Welt,  handelt  es  sich  auch  immer  um  ein 
Forschen  von  Stuck  zu  Stuck.  Und  auch  bei  Dingen,  die  genau  unter- 
sucht  worden  sind,  findet  man  immer  Neues  und  Neues.  Nun  war 
es  gerade  meine  Aufgabe  in  den  letzten  zwei  Jahren,  das  Kapitel 
des  Lebens  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  wiederum 
genauer  zu  untersuchen  und  nachzupriifen,  und  von  diesen  neuer- 
lichen  Priifungen  mochte  ich  Ihnen  hier  einiges  erzahlen.* 

Natiirlich  miissen  Sie  bei  einer  solchen  Sache  sich  klar  sein,  daB 
richtiges  Verstandnis  dafiir  nur  derjenige  haben  kann,  der  etwas 
defer  sich  hineinfiihlen  kann  in  eine  solche  Sache,  der  iiberhaupt 
Herz  und  Sinn  hat  fur  solche  Betrachtung.  Man  kann  nicht  ver- 
langen,  daB  alles  an  einem  Abend  belegt  und  bewiesen  wird.  Aber 


wenn  man  wirklich  in  Geduld  alles  vergleicht  und  zusammenhalt, 
was  gesagt  worden  ist  im  Laufe  der  Zeit,  so  wird  man  finden,  daB 
nirgends  ein  Stiick  ist  in  unserem  Okkultismus,  das  sich  nicht  mit 
den  anderen  zu  einem  wohlabgerundeten  Ganzen  geschlossen  in 
sich  zusammenfiigt.  Gerade  diese  Zeit  zwischen  dem  Tode  und 
einer  neuen  Geburt  zu  untersuchen,  oblag  mir  in  der  letzten  Zeit. 
Und  das  trat  so  ganz  besonders  zutage  in  diesen  Forschungen,  die 
mir  in  der  neueren  Zeit  aufgetragen  waren,  das  lag  so  ganz  im 
Sinne  dieser  Forschung,  die  Bedingungen,  die  bestehen  fiir  dieses 
ganze  Leben  zwischen  einem  Tode  und  einer  neuen  Geburt,  ins 
geistige  Auge  zu  f  assen.  Da  zeigt  sich  eben  wirklich,  daB  der  Mensch, 
so  wie  er  auf  der  Erde  zwischen  Geburt  und  Tod  gleichsam  auf 
seinen  kleinsten  Raum  zusammengezogen  ist,  sozusagen  immer 
mehr  iiber  diesen  kleinsten  Raum  hinaustritt,  wenn  er  diesen  phy- 
sischen  Leib  ablegt.  Indem  er  durch  die  Pforte  des  Todes  tritt,  dehnt 
er  sich  immer  weiter  und  weiter  hinaus,  er  wachst  und  wachst.  Er 
wachst  stuckweise  in  das  Planetensystem  hinein.  Er  wachst  wirklich 
erst  bis  zu  der  Stelle  in  unserem  Planetensystem,  wo  der  Mond 
kreist.  Und  der  Mensch  wird  so  groB,  daB  seine  auBersten  Grenzen 
zusammenfallen  mit  der  Sphare,  die  durch  die  Stellung  des  Mondes 
markiert  ist.  Da  hort  das  Kamaloka  auf.  Wenn  der  Mensch  dann 
weiter  wachst,  so  wachst  er  zunachst  hinein  in  die  Sphare,  die  gebil- 
det  ist  durch  den  Merkur,  dann  in  die  der  Venus.  Da  wird  tatsach- 
lich  der  Mensch,  indem  er  sich  immer  weiter  und  weiter  ausdehnt, 
immer  mehr  und  mehr  wachst,  da  wird  er  so  groB,  daB  sein  AuBer- 
stes  durch  die  Sonnenbahn  begrenzt  ist,  das  heiBt,  wo  man  sagt, 
daB  die  scheinbare  Sonnenbahn  ist.  Wir  brauchen  uns  dabei  nicht 
um  das  Kopernikanische  Weltensystem  zu  kummern;  wir  brauchen 
uns  nur  vorzustellen  die  Umkreise  so,  wie  das  ausgesprochen  ist  im 
Diisseldorfer  Zyklus  iiber  die  geistigen  Hierarchien  und  ihre  Wider- 
spiegelung  in  der  physischen  Welt.  Also  der  Mensch  wachst  in  das 
Planetensystem  hinein  bei  seinem  Aufstieg  in  die  geistigen  Welten, 
in  die  Sphare  des  Mondes  und  so  weiter  bis  in  die  auBerste  Sphare, 
in  die  des  Saturn  hinein.  Und  das  alles  ist  notwendig,  damit  der 
Mensch  in  der  richtigen  Weise  zusammenkommt  mit  den  Kraften, 


die  er  fiir  seinen  astralischen  Leib  nur  aus  den  Kraften  des  Planeten- 
systems  erhalten  kann. 

Aber  nun  stellt  sich  eine  Verschiedenheit  heraus,  wenn  man  ver- 
schiedene  Menschen  beobachtet.  Die  Verschiedenheit  ergibt  sich, 
wenn  man  zum  Beispiel  einen  Menschen  beobachtet  nach  dem 
Tode,  der  sein  Leben  hindurch  in  seinem  Gemiite  eine  moralische, 
gute  Stimmung  hervorgerufen  hat,  der  eine  moralische  Seelen- 
verfassung  dutch  den  Tod  hindurchtragt.  Man  kann  einen  solchen 
vergleichen  mit  einem,  der  eine  weniger  moralische  Seelenverfas- 
sung  durch  die  Pforte  des  Todes  tragt;  das  macht  einen  groBen 
Unterschied  und  dieses  zeigt  sich  schon,  indem  der  Mensch  in  die 
Krafte  des  Merkur  eintritt.  Wie  zeigt  sich  das?  Nun,  wenn  der 
Mensch  durch  die  Pforte  des  Todes  gegangen  ist,  so  nimmt  er 
durch  jene  Wahrnehmungsmittel,  die  wir  dann  haben  nach  der 
Kamalokazeit,  zum  Beispiel  die  Wesenheiten  wahr,  die  ihm  im 
Leben  nahegestanden  haben,  die  weggestorben  sind,  ehe  er  selbst 
die  Pforte  des  Todes  durchschritten  hat.  Sind  diese  mit  ihm  ver- 
bunden?  GewiB,  wir  kommen  mit  alien  diesen  Wesenheiten  zusam- 
men,  wir  leben  mit  ihnen  auch  im  Leben  nach  dem  Tode.  Aber  es 
ist  ein  Unterschied,  wie  wir  leben  mit  den  Wesenheiten,  mit  denen 
wir  gelebt  haben  auf  der  Erde.  Es  ist  ein  Unterschied,  je  nachdem 
der  Mensch  eine  moralische  Seelenverfassung  durch  den  Tod  bringt 
oder  ob  er  eine  unmoralische  Seelenverfassung  hat.  Wenn  der 
Mensch  unmoralisch  gewesen  ist  im  Leben,  dann  kommt  er  zwar 
zusammen  mit  seinen  Familienangehorigen  und  Freunden,  aber  es 
ist  immer  durch  seine  eigene  Wesenheit  etwas  geschaffen  wie  eine 
Mauer,  durch  die  er  nicht  hindurch  kann  bis  zu  den  anderen  Wesen. 
Und  es  wird  der  Mensch  mit  einer  unmoralischen  Seelenverfassung 
nach  dem  Tode  ein  Einsiedler,  ein  einsames  Wesen,  das  iiberall 
etwas  wie  eine  Mauer  um  sich  hat  und  nicht  hinuber  kann  zu  den 
Wesen,  in  deren  Sphare  er  versetzt  ist.  Die  Seele  aber  mit  einer 
moralischen  Seelenverfassung,  die  Seele  mit  solchen  inneren  Vor- 
stellungen,  die  wir  haben,  wenn  wir  unseren  Willen  lautern,  die 
wird  sozusagen  ein  geselliger  Geist  und  findet  immer  die  Briicken 
und  Zusammenhange  mit  den  Wesen,  in  deren  Sphare  sie  lebt.  Ob 


wir  einsame  oder  gesellige  Geister  sind,  das  entscheidet  sich  nach 
unserer  unmoralischen  oder  moralischen  Seelenverfassung.  Diese 
Entscheidung  hat  etwas  sehr  Wichtiges  im  Gefolge.  Derjenige,  der 
ein  geselliger  Geist  ist  und  nicht  wie  in  die  Schale  seiner  Wesenheit 
eingeschlossen  ist,  sondern  heran  kann  an  die  Wesen  seiner  Sphare, 
dieser  Mensch  arbeitet  fruchtbar  an  der  Fortentwickelung,  an  dem 
Fortschritt  der  ganzen  Welt;  der  unmoralische  Mensch,  der  nach 
dem  Tode  ein  Einsiedler,  ein  einsamer  Geist  wird,  der  arbeitet  an 
der  Zerstorung  der  ganzen  Welt;  der  reiBt  ebensogroBe  Locher  aus 
der  ganzen  Welt  heraus,  so  grofi  wie  der  Grad  seiner  Unmoralitat, 
seiner  Abgeschlossenheit  ist.  Die  Wirkung  der  unmoralischen  Taten 
eines  solchen  Menschen  ist  fur  ihn  eine  Qual,  fur  die  Welt  eine 
Zerstorung. 

Die  moralische  Seelenverfassung  hat  also  eine  groBe  Bedeutung 
schon  nach  den  ersten  Zeiten  im  Kamaloka;  sie  entscheidet  unser 
Schicksal  auch  fur  die  nachste  Zeit,  die  man  die  Venus-Zeit  nennt. 
Es  kommen  aber  noch  andere  Vorstellungen  in  Betracht,  die  der 
Mensch  ausgebildet  hat  wahrend  des  Lebens  und  die  ihn  angehen, 
wenn  er  in  die  geistige  Welt  eintritt.  Diese  anderen  Vorstellungen 
sind  die  religiosen  Vorstellungen.  Anders  lebt  die  Seele  in  der 
Venus-Sphare  nach  dem  Tode,  wenn  sie  ein  religioses  Band  gehabt 
hat  zwischen  dem  Verganglichen  und  dem  Unverganglichen,  und 
anders  lebt  sie,  wenn  sie  dieses  Band  nicht  gehabt  hat.  Wiederum 
hangt  es  davon  ab,  ob  wir  gesellige  Geister  werden  oder  einsame, 
einsiedlerische  Geister,  je  nachdem  wir  religios  gestimmt  waren  im 
Leben  oder  nicht.  Das  AbschlieBen  im  Leben,  das  religiose  Ab- 
schlieBen  im  Leben  macht  uns  zu  Einsiedlern,  zu  ungeselligen  Gei- 
stern.  Wie  wenn  wir  in  eine  Kapsel  eingeschlossen  waren,  wie  in 
einem  Gefangnis  fiihlt  sich  eine  solche  unreligiose  Seele.  Wir  wis- 
sen  zwar,  daB  auBer  uns  die  Wesen  sind,  aber  wir  sind  wie  in  einem 
Gefangnis,  in  einer  Kapsel,  so  daB  wir  nicht  zu  ihnen  gelangen 
konnen.  So  werden  zum  Beispiel  die  Mitgliedet  des  Monisten- 
bundes,  insofern  sie  in  ihren  oden  materialistischen  Vorstellungen 
jedes  religiose  Gefiihl  ausgeschlossen  haben,  nicht  nach  dem  Tode 
in  einer  neuen  Gesellschaft,  in  einem  Bund  vereinigt  sein;  sie  wer- 


den  ein  jeder  in  seinem  eigenen  Gefangnis  eingesperrt  sein.  Damit 
soil  nattirlich  nichts  gegen  den  Monistenbund  gesagt  sein;  es  soli 
damit  nur  eine  Tatsache  begreiflich  gemacht  werden. 

Hier  im  Leben  sind  materialistische  Vorstellungen  ein  Irrtum,  im 
Reiche  des  Geistes  sind  sie  eine  Tatsache,  namlich  die  Tatsache,  daB 
wir  uns  durch  solche  Vorstellungen,  durch  die  wir  uns  hier  im  Phy- 
sischen  nur  irrtiimlich  abschlieBen,  uns  dort  im  Geisterland  ein- 
kerkern,  uns  zu  Gefangenen  machen  unserer  eigenen  Astralit'at.  — 
Wir  entziehen  uns  die  Anziehungskrafte  in  der  Merkursphare  durch 
unmoralische  Lebensverfassung;  wir  entziehen  uns  die  Anziehungs- 
krafte in  der  Venus-Sphare  durch  irreligiose  Seelenverfassung;  wir 
konnen  die  Krafte,  die  wir  brauchen,  nicht  herausbekommen  aus 
dieser  Sphare,  das  heiBt,  wir  bekommen  dann  in  der  nachsten  In- 
karnation  einen  in  einer  gewissen  Art  unvollkommenen  astra- 
lischen  Leib. 

Hier  sehen  Sie,  wie  an  dem  Karma  gebaut  wird,  hier  sehen  Sie 
die  Technik  des  Karma.  Wenn  man  diese  Tatsache  der  okkulten 
Forschung  nimmt,  dann  beleuchtet  sich  einem  in  einer  merkwiirdi- 
gen  Weise  solch  ein  Ausspruch,  der  wie  instinktiv  von  Kant  gemacht 
worden  ist.  Als  er  sagen  wollte,  welche  zwei  Dinge  ihm  am  meisten 
Bewunderung  einfloBen,  da  sagte  er:  Der  bestir nte  Himmel  iiber 
mir  und  das  moralische  Gesetz  in  mir.  —  Scheinbar  sind  es  zwei 
Dinge,  in  Wahrheit  aber  ist  es  eines  und  dasselbe.  Ja,  warum  iiber- 
kommt  uns  ein  solches  Gefiihl  der  Erhabenheit,  des  gottlichen  hei- 
ligen  Ernstes,  wenn  wir  in  die  Weiten  des  Sternenhimmels  hinauf- 
schauen?  Weil  dann,  ohne  daB  wir  es  wissen,  unser  seelisches  Hei- 
matgefiihl  erwacht;  weil  dann  in  der  Seele  erwacht  das  Gefiihl: 
Bevor  du  heruntergestiegen  bist  auf  die  Erde  zu  einer  neuen  In- 
karnation,  da  warst  du  selber  in  diesen  Sternen,  und  aus  diesen 
Sternen  hast  du  die  besten  Krafte  in  dich  hineinbekommen.  Und 
dein  moralisches  Gesetz,  es  ist  dir  verliehen  worden,  als  du  in  dieser 
Sternenweit  weiltest.  Du  kannst  dasjenige,  was  der  Sternenhimmel 
zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  dir  gegeben  hat,  als 
die  besten,  schonsten  Krafte  deiner  Seele  erschauen,  wenn  du  Selbst- 
erkenntnis  iibst.  —  Was  wir  im  Sternenhimmel  erblicken,  ist  das 


moralische  Gesetz,  das  uns  aus  geistigen  Welten  gegeben  ist,  denn 
wir  leben  mit  dem  Sternenhimmel  zwischen  dem  Tode  und  einer 
neuen  Geburt.  Wer  sich  in  die  Moglichkeit  versetzen  will,  eine 
Ahnung  zu  bekommen,  woher  seine  besten  Krafte  stammen,  der 
sollte  mit  solchen  Gefiihlen  den  Sternenhimmel  betrachten.  Wer 
iiberhaupt  nicht  fragen  will,  sondern  stumpfsinnig  in  den  Tag 
hineinlebt,  dem  werden  die  Sterne  nichts  erzahlen.  Wer  sich  aber 
die  Frage  aufwirft:  Wie  kommt  dasjenige,  was  niemals  mit  meinem 
Sinnenleib  zusammenhangt,  wie  kommt  es  in  mich?  Wenn  er  dann 
den  Blick  zum  Sternenhimmel  erhebt  und  ihn  jenes  eigentiimliche 
Gefiihl  iiber kommt;  wenn  er  dann  spiiren  kann,  wie  er  fromm  wer- 
den kann,  dann  weiB  er:  es  ist  die  Erinnerung  an  unsere  ewige  Hei- 
mat.  So  wachst  man  allmahlich  hinein  in  jenen  Zustand,  wo  wir 
wirklich  zusammenleben  mit  dem  Sternenhimmel  zwischen  dem 
Tode  und  einer  neuen  Geburt. 

Wir  fragten,  so  wie  wir  bisher  gefragt  haben,  nach  unserem 
astralischen  Leib  mit  seinen  Zusammenhangen,  seinem  Wiederauf- 
bau  in  der  geistigen  Welt.  Dieselbe  Frage  konnen  wir  in  bezug  auf 
unseren  Atherleib  aufwerfen.  Auch  ihn  miissen  wir  unser  ganzes 
Leben  hindurch  zerstoren;  aber  ebenso  miissen  wir  von  woanders 
her  die  Krafte  holen,  damit  wir  ihn  wieder  aufbauen  konnen,  da- 
mit  wir  ihn  in  den  Stand  setzen,  seine  Arbeit  w'ahrend  des  Lebens 
fur  den  ganzen  Menschen  zu  leisten. 

Ja,  es  gab  lange  Zeitraume  in  der  menschlichen  Erdenentwicke- 
lung,  da  konnte  der  Mensch  iiberhaupt  gar  nichts  tun,  um  irgend 
etwas  dazu  beizutragen,  daB  sein  Atherleib  in  der  nachsten  In- 
karnation  mit  guten  Kraften  ausgestattet  war.  Aber  es  hatte  der 
Mensch  dazumal  noch  eine  Erbschaft  aus  den  Zeiten,  wo  er  auf  der 
Erde  entstanden  ist.  Solange  das  alte  Hellsehen  dauerte,  waren  in 
dem  Menschen  noch  solche  Krafte,  die  beim  Tode  noch  unver- 
braucht  vorhanden  waren,  gewissermaBen  Reservekrafte,  durch  die 
der  Atherleib  wieder  aufgebaut  werden  konnte.  Aber  das  ist  der 
Sinn  der  Menschenentwickelung,  daB  alle  Krafte  schwinden  und 
durch  neue  ersetzt  werden  miissen.  Und  heute  sind  wir  wirklich  in 
einem  Entwickelungspunkte,  wo  der  Mensch  etwas  dazu  tun  muB, 


damit  sein  Atherleib  wieder  aufgebaut  werden  kann.  Durch  alles 
dasjenige,  was  wir  mit  den  gewohnlichen  moralischen  Vorstellun- 
gen  tun,  was  wir  tun  mit  irgendeiner  Religion  der  Erde,  mit  einer 
Religion,  die  auf  ein  einzelnes  Volk  der  Erde  beschrankt  ist,  gehen 
wir  allerdings  in  das  Planetensystem  und  ziehen  aus  dem  Planeten- 
system  die  Krafte,  die  wir  zum  Wiederaufbau  des  astralischen  Leibes 
brauchen;  nur  durch  eines  gehen  wir  durch,  ohne  daB  wir  die  rich- 
tigen  Krafte  herausziehen:  durch  die  Sonne  selbst.  Denn  aus  der 
Sonne  muB  zugleich  unser  Atherleib  die  Krafte  Ziehen;  unser  athe- 
rischer  Leib  muB  aus  der  Sonne  die  Krafte  Ziehen,  die  er  zu  seinem 
Wiederaufbau  braucht. 

In  den  vorchristlichen  Zeiten,  da  war  es  so,  daB  der  Mensch, 
indem  er  sich  hinaufentwickelte  in  die  geistige  Welt,  einen  Teil  der 
Krafte  des  Atherleibes  mitnahm,  und  diese  Reservekrafte  lieBen 
ihn  aus  der  Sonne  herausziehen  dasjenige,  was  er  zum  Wiederauf- 
bau seines  Atherleibes  in  einer  neuen  Inkarnation  brauchte.  Das  ist 
jetzt  anders:  der  Mensch  bleibt  jetzt  immer  mehr  und  mehr  un- 
beriihrt  von  den  Kraften  der  Sonne.  Wenn  er  nicht  das  Entspre- 
chende  dazu  tut,  daB  sein  atherischer  Leib  sich  so  vorbereitet,  daB 
er  in  die  Seele  das  hineingieBt,  was  aus  der  Sonne  herausziehen 
kann  die  Krafte,  die  er  braucht  zum  Wiederaufbau  seines  Ather- 
leibes, so  geht  er  unberiihrt  durch  die  Sonnensphare  hindurch. 

Nun  kann  uns  das,  was  wir  fiihlen  konnen  aus  einem  einzelnen 
Religionsbekenntnis  der  Erde,  niemals  in  der  Seele  das  geben,  was 
wir  brauchen,  um  in  der  Sonnensphare  bestehen  zu  konnen.  Das- 
jenige, was  wir  in  unseren  Atherleib  hineingieBen  konnen,  das- 
jenige, was  wir  dann  brauchen  in  der  Seele,  damit  sie  fruchtbar 
durchlaufen  kann  die  Sonnensphare,  das  kann  uns  nur  werden  aus 
dem  Gemeinsamen,  das  in  alien  menschlichen  Religionen  flieBt. 
Und  was  flieBt  darin?  Nun,  wenn  Sie  die  verschiedenen  Religionen 
der  Welt  vergleichen  —  und  dies  ist  ja  eine  der  bedeutsamsten  Auf- 
gaben  der  geisteswissenschaftlichen  Arbeit,  den  Wahrheitskern  der 
verschiedenen  Religionen  wirklich  zu  studieren  — ,  wenn  Sie  sie  alle 
miteinander  vergleichen,  so  werden  Sie  eines  finden.  Sie  werden 
finden,  daB  diese  Religionen  immer  in  ihrer  Art  vollkommen  waren, 


aber  ger ade  auf  ein  bestimmtes  Volk,  auf  eine  bestimmte  Zeitepoche 
hin;  daB  sie  diesem  Volk,  dieser  Zeitepoche  das  Bedeutsamste  ge- 
geben  haben,  was  diese  Zeit  erhalten  konnte.  Und  wir  wissen  im 
Grunde  genommen  am  meisten  iiber  eine  Religion  da,  wo  diese 
Religionen  gerade  haben  dienen  konnen  ihrer  Zeit  und  ihrem  Volke 
dadurch,  daB  sie  sich  abgeschlossen  haben  in  einer  gewissen  egoisti- 
schen  Weise  so,  wie  sie  aus  dem  groBen  Urquell  des  Lebens  ge- 
geben  waren. 

Wir  haben  ja  schon  seit  mehr  als  zehn  Jahren  die  Religionen 
studiert;  aber  es  mufite  einmal  der  Anfang  gemacht  werden  damit, 
der  Menschheit  etwas  zu  geben,  das  iiber  die  einzelnen  Religionen 
hinausgeht,  das  gleichsam  alles  das  enthalt,  worauf  die  einzelnen 
Religionen  hingewiesen  haben.  Wodurch  kam  das  zustande?  Das 
kam  dadurch  zustande,  daB  einmal  eine  Religion  auftrat,  die  eine 
unegoistische  Religion  ist.  Ihre  Vollkommenheit  beruht  gerade 
darin,  daB  sie  sich  nicht  bloB  auf  ein  Volk  und  auf  eine  Zeit 
beschrankte.  Eine  im  eminentesten  Sinne  egoistische  Religion  ist 
zum  Beispiel  die  Hindu-Religion.  Denn  wer  kein  Hindu  ist,  kann 
nicht  aufgenommen  werden  in  diese  Religion.  Diese  Hindu-Reli- 
gion ist  also  in  besonderem  Sinne  zugeschnitten  auf  das  Hinduvolk. 
Ebenso  ist  es  mit  den  anderen  Territorialreligionen.  Darauf  beruht 
die  GroBe  der  einzelnen  Religionsbekenntnisse,  daB  sie  fur  die  ein- 
zelnen irdischen  Verhaltnisse  zugeschnitten  waren.  Wer  das  nicht 
ins  Auge  faBt,  daB  die  Religionen  gerade  darin  ihre  Vollkommen- 
heit haben,  daB  sie  auf  einzelne  irdische  Verhaltnisse  sich  beschran- 
ken,  wer  nur  immer  betont,  daB  alle  Religionssysteme  aus  einer 
Einheksquelle  gekommen  sind,  der  kann  nie  zu  einer  Erkenntnis 
kommen. 

Was  heiBt  es  denn,  nur  immer  von  der  Einheit  zu  sprechen?  Das 
heiBt  zum  Beispiel,  jemand  sagt:  Auf  dem  Tische  stehen  Salz  und 
Pfeffer  und  Paprika  und  Zucker,  aber  nicht  was  jedes  fur  sich 
bedeutet,  wollen  wir  hervorheben,  sondern  die  Einheit  suchen  wir, 
die  sich  ausdriickt  in  den  verschiedenen  Gewiirzen,  Pfeffer,  Salz, 
Paprika  und  Zucker.  —  Reden  kann  man  so  iiber  diese  Dinge,  aber 
wenn  es  sich  darum  handelt,  von  dem  Reden  zur  Wirklichkeit 


iiberzugehen,  wenn  es  darauf  ankommt,  die  verschiedenen  Gewiirze 
jedes  fiir  sich  in  seiner  Eigenart  anzuwenden,  wird  man  den  Unter- 
schied  schon  gewahr  werden.  Da  wird  niemand,  wenn  er  die  ver- 
schiedenen Gewiirze  anwendet,  sagen,  daB  sie  alle  ohne  Unterschied 
Gewiirz  seien.  Denn  wenn  wirklich  kein  Unterschied  ist,  dann  neh- 
men  Sie  einmal  das  Salz  oder  den  Pfeffer  und  tun  diese  statt 
Zucker  in  Ihren  Kaffee  oder  Tee;  da  werden  Sie  den  Unterschied 
schon  spiiren.  Denselben  logischen  Schnitzer  macht  jemand,  der 
nicht  wirklich  die  einzelnen  Religionsbekenntnisse  trennt,  sondern 
sagt:  sie  kommen  alle  aus  derselben  Quelle. 

Aber  wenn  man  kennen  will,  wie  das  lebendige  Band  sich  durch 
die  verschiedenen  Religionen  hindurchzieht  auf  ein  groBes  Ziel  hin, 
dann  muB  man  dieses  Band  kennenlernen,  dann  muB  man  die 
Religionen  in  ihrem  Wert  fiir  die  einzelnen  Spharen  wirklich  stu- 
dieren.  Das  ist  geschehen  seit  mehr  als  zehn  Jahren  innerhalb 
unserer  mitteleuropaischen  Sektion  der  Theosophischen  Gesell- 
schaft;  aber  es  ist  dann  einmal  der  Anfang  gemacht  worden,  eine 
Art  von  Religion  zu  gewinnen  fiir  etwas,  was  nichts  zu  tun  hat 
mit  den  menschlichen  Unterschieden,  was  nur  mit  dem  Mensch- 
lichen  etwas  zu  tun  hat,  das  ohne  Unterschied  von  Farbe  und  Rasse 
und  so  weiter  ist.  Worin  driickt  sich  das  aus?  Haben  wir  in  Wahr- 
heit  eine  nationale  Religion,  wie  sie  die  Hindu  oder  die  Juden 
haben?  Wenn  wir  den  Wotan  verehren  wiirden,  dann  waren  wir  in 
der  Lage,  in  der  die  Hindu  sind.  Wir  verehren  aber  nicht  den  Wotan. 
Das  Abendland  hat  sich  zum  Christus  bekannt,  der  kein  Abend- 
lander  ist,  der  ein  Auswartiger  ist  in  bezug  auf  seine  Abstammung. 
Nicht  eine  national-egoistische  Art,  sich  an  ein  Bekenntnis  zu  bin- 
den,  ist  die  Art,  wie  das  Abendland  sich  zum  Christus  gestellt  hat. 
Wir  konnen  das  hier  beriihrte  Gebiet  im  Rahmen  eines  einzelnen 
Vortrages  natiirlich  nicht  erschopfend  behandeln;  immer  konnen 
nur  einzelne  Gesichtspunkte  angefuhrt  werden.  Angefuhrt  werden 
sollte,  daB  die  Art,  wie  sich  das  Abendland  sein  Religionsbekennt- 
nis  angeeignet  hat,  eine  absolut  unegoistische  gewesen  ist.  Auch 
in  einer  anderen  Art  zeigt  sich  das  Uberwiegende  des  Christus- 
Prinzipes.  Rufen  Sie  zusammen  einen  ernsten  KongreB,  zusammen- 


gesetzt  von  Religionsgelehrten  der  verschiedenen  Religionsbekennt- 
nisse,  die  sich  bemiihen  sollen,  die  einzelnen  Religionssysteme  un- 
parteiisch  miteinander  zu  vergleichen.  Die  Frage  mochte  ich  ihnen 
stellen,  ob  es  in  demselben  Sinne  in  irgendeiner  Religion  etwas  gibt, 
was  iiber  die  ganze  Erde  hin  Giiltigkeit  hat  wie  das  Folgende:  daB  wir 
eine  und  dieselbe  Bemerkung  haben,  die  von  zwei  Seiten  herkommend 
etwas  ganz  Verschiedenes  bedeutet,  wie  im  Christentum.  Es  ist  eine 
tiefe  Bemerkung  im  Evangelium,  die  da  der  Christus  Jesus  macht,  in- 
dem  er  sagt  zu  denen,  die  er  lehrte:  In  euch  alien  lebt  ein  Gottliches; 
seid  ihr  denn  nicht  Gotter?  Er  sagt  es  mit  aller  Gewalt:  «Ihr  seid 
G6tter»  (Joh.  10,  34).  Damit  meint  der  Christus  Jesus:  Ein  Funke 
liegt  in  jeder  Menschenbrust,  der  gottlich  ist,  der  angefacht  werden 
muB,  so  daB  man  sagen  kann:  Seid  wie  die  Gotter!  Zu  einer  ande- 
ren,  und  zwar  gerade  entgegengesetzten  Wirkung  fiihrt  ein  Wort 
von  Luzifer,  als  er  an  den  Menschen  herantritt,  um  ihn  herabzu- 
ziehen  aus  dem  Gotterbereiche,  indem  er  zu  den  Menschen  sagt: 
«Ihr  werdet  sein  wie  Gott»  (I.  Mose,  3,  5).  Da  war  der  Sinn  ganz 
anders.  Der  gleiche  Ausspruch,  der  Menschheit  zum  Verderben, 
beim  Beginn  des  Herabgehens  in  den  Abgrund;  derselbe  Ausspruch, 
ein  Hinweis  auf  unser  hochstes  Ziel!  Das  soil  man  in  irgendeinem 
Religionsbekenntnis  in  der  gleichen  Art  suchen!  Entweder  ist  das 
eine  oder  das  andere  da;  aber  es  ist  nicht  beides  da.  Man  forsche 
—  aber  man  forsche  nur  genau  —  und  man  wird  sehen,  wie  vieles 
darin  liegt  in  den  wenigen  Worten,  die  jetzt  gesagt  worden  sind. 
Warum  hat  das  Christentum  diese  wichtige  Sache  in  sich  aufgenom- 
men?  Damit  sich  zeigt,  daB  es  auf  den  bloBen  Inhalt  nicht  ankommt, 
sondern  darauf,  aus  welcher  Wesenheit  er  herkommt.  Warum? 
Weil  das  Christentum  begann,  in  tichtigem  Sinne  darauf  hinzuwei- 
sen  und  hinzuwirken,  was  sein  Wesenskern  verkiindet:  Nicht  bloB 
Stammesverwandtschaft  ist  da,  sondern  Menschheitsverwandtschaft 
ist  da,  etwas,  was  ohne  Unterschied  von  Rasse,  Nationalist  und 
Bekenntnis  gilt,  etwas,  was  iiber  alle  Rassen  und  iiber  alle  Zeiten 
heriibergreift.  Darum  ist  das  Christentum  zugleich  so  intim  ver- 
wandt  mit  der  menschlichen  Seele,  weil  das,  was  das  Christentum 
geben  kann,  keiner  menschlichen  Seele  fremd  zu  bleiben  braucht. 


Das  geben  zwar  noch  nicht  alle  Menschen  auf  der  Erde  zu.  Aber 
was  wahr  ist,  muB  ja  doch  zuletzt  sieghaft  sich  durchsetzen. 

Heute  allerdings  sind  die  Menschen  noch  nicht  einmal  so  weit, 
einsehen  zu  konnen,  daB  der  Buddhist,  der  Hindu  nicht  den  Christus 
abzulehnen  braucht.  Denken  Sie  doch  einmal,  was  es  heiBen  wiirde, 
wenn  jemand  denkend,  tief  denkend,  auftreten  wiirde  und  wenn 
er  sagen  wiirde  zu  uns:  Es  ist  unrecht  von  euch  Christus-Bekennern, 
wenn  ihr  besonders  von  dem  Christus  sagt:  alle  Bekenntnisse  kon- 
nen sich  in  ihm  vereinigen,  konnen  ihn  gleichmaBig  als  ihr  hoch- 
stes  Ziel  anerkennen.  Damit  gebt  ihr  dem  Christus  den  Vorzug. 
Ihr  diirft  besonders  nicht  iiber  den  Christus  eine  solche  Behaup- 
tung  aufstellen.  —  Warum  denn  nicht?  Vielleicht,  weil  der  Hindu 
verlangen  konnte,  wir  sollten  auch  seine  Lehren  allein  verehren? 
Wir  wollen  nichts  nehmen  diesen  Lehren,  die  wir  wahrhaftig  so 
hoch  verehren  wie  nur  irgendein  Hindu.  Darf  der  Buddhist  sagen: 
Ich  darf  den  Christus  nicht  anerkennen,  denn  das  steht  nicht  in 
meinen  buddhistischen  Schriften?  Kommt  irgend  etwas  darauf  an, 
wenn  etwas,  was  wahr  ist,  nicht  in  besonderen  Schriften  steht?  Ist 
es  antibuddhistisch,  daB  man  sich  zu  dem  kopernikanischen  Welt- 
system  bekennt,  obgleich  davon  nichts  in  buddhistischen  Schriften 
steht?  Darf  der  Buddhist  sagen:  Es  ist  nicht  recht,  es  ist  antibuddhi- 
stisch, daB  man  sich  zu  dem  kopernikanischen  Weltsystem  bekennt, 
denn  in  meinen  Biichern  steht  nichts  von  dem  kopernikanischen 
Weltsystem?  —  Geradeso  wie  das  kopernikanische  Weltsystem  sind 
die  neueren  geisteswissenschaftlichen  Forschungsresultate  iiber  die 
Christus- Wesenheit  etwas,  was  von  einem  Hindu  oder  Bekenner 
eines  anderen  Religionssystems  angenommen  werden  kann;  das  hat 
nichts  zu  tun  mit  einem  Religionsbekenntnis.  Wer  es  ablehnt,  was 
Geisteswissenschaft  zu  sagen  hat  iiber  den  Christus-Impuls  im  Ver- 
haltnis  zu  den  Religionsbekenntnissen,  der  hat  nicht  das  wahre  Ver- 
standnis  fur  das,  wie  man  sich  zu  einem  Religionsbekenntnis  zu 
stellen  hat.  —  Vielleicht,  meine  lieben  Freunde,  wird  noch  einmal 
die  Zeit  kommen,  wo  man  sehen  wird,  wie  das,  was  wir  iiber  das 
Wesen  des  Christus-Impulses  und  sein  Verhaltnis  zu  alien  Reli- 
gionsbekenntnissen und  Weltanschauungen  zu  sagen  haben,  ebenso 


tief  zu  unseren  Herzen,  zu  unseren  Seelen  spricht,  wie  es  sich 
bemiiht,  mit  einer  auBersten  Konsequenz  bis  in  die  einzelnen  Pha- 
sen  zu  gehen.  —  Es  ist  nicht  leicht  fiir  den  einzelnen,  einzusehen, 
wie  versucht  wird,  die  Dinge  zusammenzutragen,  die  zu  einem  wah- 
ren  Verstandnis  des  Christus-Impulses  fiihren  konnen.  Und  es 
braucht  der  Mensch  in  seinem  gegenwartigen  Zyklus  ein  Verstand- 
nis fiir  das,  was  wir  die  Christus-Wesenheit  nennen.  Das  Sich- 
Bekennen  zum  Christus  hat  nichts  zu  tun  mit  einem  einzelnen,  sich 
abschlieBenden  Religionssystem;  ein  richtiger  Christ  ist  nur  der- 
jenige,  der  gewohnt  ist,  einen  jeden  Menschen  anzusehen  als  sol- 
chen,  der  das  christliche  Prinzip  in  sich  selber  tragt;  fiir  einen  rich- 
tigen  Christen  wird  das  Christliche  gesucht  in  einem  Chinesen, 
einem  Hindu  und  so  weiter.  —  Das  wahre  Verstandnis  eines  jeden, 
der  sich  zum  Christus  bekennt,  beruht  darin,  daB  er  sich  bewuBt 
wird,  daB  der  Christus-Impuls  sich  nicht  beschrankt  auf  einen  Teil 
der  Erde  —  ein  Irrtum  ware  dies.  Die  Realitat  ist  so,  daB  seit  dem 
Mysterium  von  Golgatha  wirklich  wahr  ist,  was  Paulus  schon  sagte 
fiir  die  Gebiete,  fiir  die  er  zu  sprechen  hatte.  Paulus  hat  verkiindet: 
Christus  ist  gestorben  auch  fiir  die  Heiden.  —  Verstehen  aber  muB  die 
Menschheit,  daB  der  Christus  gekommen  ist  nicht  fiir  ein  bestimm- 
tes  Volk,  fiir  eine  bestimmte,  beschrankte  Zeit,  sondern  fiir  die 
gesamte  Erdenbevolkerung,  fiir  alle.  Und  dieser  Christus,  er  hat 
seine  Phantomkeime  in  jede  Seele  gestreut,  und  der  Fortschritt  wird 
nur  darin  bestehen,  daB  die  Seelen  sich  ihrer  bewuBt  werden.  Wir 
arbeiten  also  nicht  nur  eine  Theorie  aus,  nicht  bloB,  daB  unser  Ver- 
stand  ein  paar  Begriffe  mehr  bekommt,  wenn  wir  geisteswissen- 
schaftlich  arbeiten,  sondern  wir  kommen  zusammen,  daB  unsere 
Herzen  und  Seelen  ergriffen  werden.  Wenn  wir  in  dieser  Art  ein 
Verstandnis  entgegenbringen  dem  Christus-Impulse,  so  wird  er  es 
endlkh  machen,  daB  alle  Menschen  auf  der  Erde  zum  tiefsten 
Christus-Verstandnis  kommen,  zum  Verstandnis  des  Christus-Wortes: 
«  Wenn  zwei  oder  drei  in  meinem  Namen  zusammen  sind,  so  bin 
ich  mitten  unter  ihnen.»  Die  in  diesem  Geiste  zusammen  arbeiten, 
sie  finden  die  Briicke  von  Seele  zu  Seele.  Das  aber  wird  der  Christus- 
Impuls  iiber  die  ganze  Erde  hin  machen.  Der  richtige  Christus-Impuls, 


das  ist  dasjenige,  was  das  lebendige  Leben  unserer  Zweige  sein  soil. 
Da  kommt  dann  der  Okkultismus  und  zeigt  uns,  wenn  wir  es  uns  an- 
gelegen  sein  lassen  dadurch,  daB  wir  etwas  fiihlen  die  Realitat  des 
Christus-Impulses:  dann  wird  in  unsere  Seelen  etwas  hineingesenkt, 
was  sie  geeignet  macht,  den  Durchgang  zu  finden  durch  die  Son- 
nensphare, so  dafi  der  Atherleib  uns  in  der  richtigen  Weise  wieder 
gegeben  werden  kann  in  der  nachsten  Inkarnation.  Richtig  nehmen 
wir  Geisteswissenschaft  erst  auf,  wenn  wir  ein  tiefgehendes  Ver- 
standnis  der  Aufnahme  des  Christus-Impulses  entgegenbringen. 
Nur  so  wird  unser  Atherleib  beim  Eintritt  in  eine  neue  Inkarnation 
stark  und  kraftig  sein.  Die  Atherleiber  werden  immer  mehr  und 
mehr  verkommen,  wenn  die  Menschen  nichts  wissen  von  dem 
Chrisms  und  seiner  Mission  fur  die  ganze  Erdenentwickelung. 
Durch  Verstandnis  der  Christus- Wesenheit  werden  wir  diesem  Ver- 
kommen des  Atherleibes  entgehen,  das  macht  uns  sonnenfahig, 
sonnenhaft,  das  macht  uns  geeignet,  daB  wir  aus  dem  Gebiete,  aus 
dem  der  Christus  gekommen  ist,  Krafte  aufzunehmen  fahig  werden. 
Seit  er  da  ist,  der  Christus,  kann  der  Mensch  die  Krafte  mitnehmen 
von  der  Erde,  die  ihn  in  die  Sonnensphare  fiihren.  Dann  konnen 
wir  zuriickgehen  auf  die  Erde  und  in  der  nachsten  Inkarnation  leben 
die  Krafte,  die  unseren  Atherleib  stark  machen.  Wenn  wir  den 
Christus-Impuls  nicht  aufnehmen,  dann  werden  die  Atherleiber 
immer  unfahiger  und  unfahiger,  sich  ihre  erhaltenden,  aufbauen- 
den  Krafte  aus  der  Sonnensphare  mitzunehmen,  urn  hier  auf  der 
Erde  richtig  wirken  zu  konnen.  Klar  sein  miissen  wir  uns,  daB  das 
Leben  der  Erde  wirklich  abhangt  nicht  von  dem  bloBen  theoreti- 
schen  Auffassen,  sondern  von  einem  ganzlichen  Durchdrungensein 
von  dem  Ereignis  von  Golgatha.  Das  zeigt  uns  die  wahre  okkulte 
Forschung. 

Und  diese  okkulte  Forschung  zeigt  uns  weiter,  wie  wir  empfan- 
gen  konnen,  was  uns  fur  den  physischen  Leib  vorbereitet.  Denn  der 
physische  Leib  wird  uns  verliehen  durch  das,  was  man  nennt  das 
Vater-Prinzip.  Aber  durch  die  Eigentiimlichkeit,  die  sich  ausdriickt 
durch  das  Wort  des  Christus  Jesus:  «Ich  und  der  Vater  sind  Eins» 
(Joh.  10,  30),  werden  wir  durch  den  Christus-Impuls  auch  des  Vater- 


Prinzips  teilhaftig;  das  heiBt,  es  fiihrt  uns  der  Christus-Impuls  zu- 
gleich  zu  den  gottlichen  Vaterkraften. 

Was  ist  das  Beste,  das  wir  gewinnen  konnen  aus  unserer  spiri- 
tuellen  Vertiefung?  Man  konnte  sich  vorstellen,  daB  eine  Menschen- 
seele  mbglich  ware  unter  Ihnen,  die  nachher  zur  Tiire  hinausginge 
und  sich  sagen  wiirde:  Jetzt  habe  ich  eigentlich  alles  vergessen  bis 
auf  alle  einzelnen  Worte.  Es  wiirde  dies  ein  extremer  Fall  sein,  es 
wiirde  der  radikalste  Fall  sein.  Das,  meine  lieben  Freunde,  ware 
noch  nicht  einmal  der  groBte  Schaden.  Denn  ich  konnte  mir  den 
Fall  denken,  daB  so  einer,  der  da  hinaustritt  auf  die  StraBe,  trotz- 
dem  ein  Gefiihl,  eine  Empfindung  mittriige,  die  das  Ergebnis  ist 
dessen,  was  er  hier  gehort  hat,  wenn  er  auch  sonst  alles  vergessen 
hat.  Und  dieses  Gefiihl  ist  die  Hauptsache,  Was  wir  in  unserem 
Gemiit  erleben,  das  ist  die  Hauptsache.  Aber  wir  konnen  es  nicht 
anders  erleben,  wenn  wir  die  Worte  horen,  als  dadurch:  wir  miissen 
uns  ihm  hingeben  in  alien  Einzelheiten,  damit  unsere  Gemiiter  mit 
dem  machtigen  Impulse  ausgefiillt  werden.  Wenn  alles  dasjenige, 
was  Geist-Erkenntnis  uns  sein  kann,  zur  Verbesserung  unserer  Seele 
beitragt,  dann  haben  wir  das  Richtige  gewonnen.  Und  gar,  wenn 
im  rechten  Sinne  durch  das,  was  sich  in  seinem  Gemiite  nieder- 
schlagt  durch  die  Geisteswissenschaft,  der  Mensch  fahig  wird,  nur  um 
ein  weniges  mehr  seine  Mitmenschen  zu  verstehen,  dann  hat  sie  an 
ihm  ihr  Werk  getan.  Denn  Geisteswissenschaft  ist  Leben,  unmittel- 
bares  Leben.  Widerlegt  oder  bewiesen  wird  sie  nicht  durch  logische 
Disputationen.  Sie  wird  durch  das  Leben  bewiesen  und  gewertet. 
Und  sie  wird  sich  bewahren  dadurch,  daB  sie  Menschen  finden 
kann,  in  deren  Seelen  sie  Eingang  findet.  Aber  was  konnte  uns 
mehr  erheben,  als  wenn  wir  imstande  sind  zu  wissen,  daB  wir  ken- 
nenlernen  die  Quelle  unseres  wahren  Lebens  zwischen  dem  Tode 
und  einer  neuen  Geburt,  unsere  Verwandtschaft  zu  fiihlen  mit  dem 
ganzen  Universum!  Was  konnte  uns  mehr  bestarken  in  unseren 
Pflichten  in  unserem  Leben  als  das  Wissen,  daB  wir  in  uns  tragen 
die  Krafte  des  Universums,  zu  deren  EingieBung  wir  uns  vorberei- 
ten  miissen  im  Leben,  damit  sie  wirksam  in  uns  werden  konnen, 
wenn  wir  wiederum  betreten  die  Welt  der  Planeten  und  die  Welt 


der  Sonne  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt.  Und  der, 
der  wirklich  begreift  die  Dinge,  die  ihm  der  Okkultismus  enthiillen 
kann  iiber  des  Menschen  Verh'altnis  zur  Sternenwelt,  bei  dem  ist 
ehrlich  das  Gebet,  das  er  dann  verstandnisvoll  an  die  Welt  richtet 
und  das  etwa  so  lauten  kann:  «Je  mehr  ich  mir  bewuBt  werde,  wie 
ich  herausgeboren  bin  aus  dem  Weltenall,  je  mehr  ich  die  Verant- 
wortlichkeit  fiihle,  die  Krafte  in  mir  zu  entwkkeln,  die  ein  ganzes 
Weltenall  mir  gegeben  hat,  ein  um  so  besserer  Mensch  werde  ich 
werden  konnen. »  Und  wer  dieses  Gebet  aus  der  tief  innersten  Seele 
heraus  zu  beten  versteht,  der  darf  auch  hoffen,  daB  es  bei  ihm  ein 
reales  Ideal  wird,  der  darf  auch  hoffen,  daB  er  durch  die  Kraft  eines 
solchen  Gebetes  ein  immer  besserer  und  vollkommenerer  Mensch 
werde.  So  arbeitet  bis  in  die  intimsten  Tiefen  hinein  das,  was  wir 
durch  die  wahre  Geisteswissenschaft  erhalten. 


DIE  NEUESTEN  ERGEBNISSE  OKKULTER  FORSCHUNG 
OBER  DAS  LEBEN  ZWISCHEN  TOD  UND  NEUER  GEBURT 

Wien,  3.  November  1912 

Es  ist  mir  eine  groBe  Freude,  daB  ich  heute  abend  in  Ihrer  Mitte 
sein  kann  gelegentlich  meiner  Anwesenheit  in  Wien,  die  durch 
anderes  notwendig  geworden  ist. 

Sprechen  mochte  ich  zu  Ihnen  heute  abend,  meine  lieben  Freunde, 
da  es  ja  ein  ausnahmsweises  Zusammentreffen  ist,  von  einigem,  man 
darf  wohl  sagen,  Intimerem,  das  sich  doch  nur  besprechen  laBt  ganz 
im  engen  Kreise  derjenigen,  die  schon  langere  Zeit  geisteswissen- 
schaftlich  gearbeitet  haben. 

Es  ist  nun  so  in  der  okkulten  Forschung,  daB  man  eigentlich 
nicht  oft  genug  gleichsam  nachsehen  kann,  wie  es  mit  den  Dingen 
ist,  die  ja  immer  wieder  und  wieder  durchforscht,  durchsucht  wer- 
den,  von  denen  immer  wieder  und  wieder  verkundet  wird,  und  die, 
weil  sie  sich  ja  in  der  dem  Menschen  nicht  so  leicht  zuganglichen, 
von  ihm  nicht  so  leicht  faBbaren  geistigen  Welt  befinden,  gewisser- 
maBen  auch  leicht  nach  der  einen  oder  nach  der  anderen  Richtung 
hin  selbst  vom  Forscher  miBdeutet  oder  ungenau  gesehen  werden 
konnen;  daher  muB  immer  wieder  und  wieder  gewissermaBen  nach- 
kontrolliert  werden.  GewiB,  die  Hauptsache  der  Tatsachen  des  iiber- 
sinnlichen  Lebens  steht  seit  Jahrtausenden  fest,  aber  es  ist  schwie- 
rig,  sie  darzustellen.  Und  deshalb  war  es  mir  eine  tiefe  Befriedi- 
gung,  daB  es  mir  in  den  letzten  Zeiten  moglich  geworden  ist,  mich 
intimer  wiederum  mit  einem  Gebiete  zu  befassen,  das  auf  der  Seite 
des  Okkultismus  von  Wichtigkeit  ist:  mit  dem  Gebiete  des  Lebens 
zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt.  GewiB,  nicht  gerade 
neue  Dinge  miissen  sich  bei  einer  solchen  Gelegenheit  zum  Durch- 
forschen  herausstellen,  aber  manches  ergibt  dann  die  Moglichkeit, 
genauer,  praziser  die  Dinge  wieder  und  wieder  zu  sagen.  So  mochte 
ich  am  heutigen  Tage  gerade  von  dieser  fur  die  iibersinnliche  Er- 
kenntnis  so  wichtigen  Zeit  des  Menschen,  der  Zeit  zwischen  Tod 
und  neuer  Geburt,  sprechen;  nicht  so  sehr  iiber  das  nachste  Gebiet, 


das  ja  in  den  Schriften  und  auch  sonst  oft  hier  zur  Sprache  gekom- 
men  ist,  iiber  das  sogenannte  Kamaloka-Gebiet,  sondern  iiber  das- 
jenige,  was  sich  daran  anschlieBt,  iiber  den  eigentlichen  Aufenthalt 
des  Menschen  in  der  geistigen  Welt  zwischen  dem  Tode  und  einer 
neuen  Geburt.  Nur  ein  paar  Worte  mochte  ich  dieser  Schilderung 
vorausschicken. 

Dasjenige,  was  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt  liegt,  lernt  man 
kennen  durch  die  Initiation,  durch  die  Einweihung  oder  durch  das 
Durchschreiten  der  Pforte  des  Todes.  Gewohnlich  nimmt  man  den 
Unterschied  nicht  ernst  genug,  der  besteht  zwischen  alien  Erkennt- 
nissen,  die  wir  uns  aneignen  konnen  in  bezug  auf  die  sinnliche 
Welt,  in  der  wir  immer  mit  unseren  Sinnen  und  mit  dem  Verstande 
drinnenstehen,  und  in  bezug  auf  die  geistige  Welt,  in  die  wir  ein- 
treten  entweder  durch  die  Initiation  schon  in  diesem  Leibe,  in  die- 
sem  physischen  Dasein,  oder  ohne  diesen  Leib,  wenn  wir  durch  die 
Pforte  des  Todes  geschritten  sind.  Es  ist  gewissermafien  alles  um- 
gekehrt  in  dieser  geistigen  Welt.  Zwei  Merkmale  mochte  ich  an- 
fiihren,  welche  so  recht  zeigen  konnen,  wie  die  geistige  Welt  sich 
ganz  bedeutsam  unterscheidet  von  der  gewohnlichen  sinnlichen  Welt. 

Nehmen  wir  unser  Dasein  in  dieser  Sinnenwelt  wahrend  unseres 
wachenden  Zustandes  vom  Morgen  bis  zum  Abend.  Da  sehen  wir, 
daB  die  Dinge,  die  wir  durch  unsere  Augen  und  Ohren  wahrneh- 
men,  an  uns  herankommen;  und  sozusagen  nur  die  hoheren  Gebiete 
des  Lebens,  die  Erkenntnisgebiete,  das  Kunstgebiet  suchen  wir  auf, 
die  miissen  wir  tatig  an  uns  heranbringen,  da  miissen  wir  mittun  — 
aber  das  iibrige  auBere  Leben,  das  uns  in  Anspruch  nimmt,  bringt 
wahrhaftig  alles,  was  auf  unsere  Sinne  und  unseren  Verstand  wir- 
ken  soil,  von  morgens  bis  abends  an  uns  heran.  Wo  wir  gehen,  auf 
der  StraBe,  wie  wir  auch  leben,  alles  und  jedes,  jeder  Augenblick 
hat  seine  Eindriicke,  und  wir  tun,  mit  den  angedeuteten  Ausnah- 
men,  nichts  fur  das  Herbeibringen;  sie  kommen  von  selber. 

Anders  ist  es  mit  dem,  was  in  der  physischen  Welt  durch  uns 
geschieht;  da  miissen  wir  tatig  sein,  da  miissen  wir  von  Ort  zu  Ort 
schreiten,  da  miissen  wir  uns  riihren.  Das  sind  die  bedeutsamen 
Kennzeichen  des  taglichen  Lebens,  daB  das,  was  sich  unserer  Er- 


kenntnis  darbietet,  geschieht,  ohne  daB  wir  etwas  dazu  tun.  So  gro- 
tesk  es  ist,  im  Geistigen  ist  es  umgekehrt.  In  der  geistigen  Welt 
kann  man  nicht  handeln,  nicht  titig  sein,  nicht  etwas  herbeifiihren 
dadurch,  daB  man  von  einem  Ort  zum  anderen  geht;  man  kann 
auch  nichts  herbeifiihren  in  der  geistigen  Welt  dadurch,  daB  man 
sozusagen  Organe  riihrt,  welche  analog  waren  den  physischen  Han- 
den,  sondern  dasjenige,  was  vor  alien  Dingen  notwendig  ist,  damit 
mit  uns  etwas  geschieht  in  der  geistigen  Welt,  das  ist  die  absolute 
Gemiitsruhe. 

Je  ruhiger  wir  sein  konnen,  desto  mehr  geschieht  durch  uns  in 
der  geistigen  Welt,  so  daB  wir  also  gar  nicht  sprechen  konnen  da- 
von,  daB  etwas  geschieht  in  der  geistigen  Welt,  wenn  wir  hasten 
und  treiben,  sondern  indem  wir  in  aller  Gemiitsruhe  entwickeln 
eine  groBere  liebevolle  Anteilnahme  an  dem,  was  geschehen  soil, 
und  dann  abwarten,  wie  die  Dinge  sich  entwickeln.  Diese  Gemiits- 
ruhe, welche  in  der  geistigen  Welt  schaffend  ist,  hat  kaum  irgend 
etwas  Ahnliches  im  gewohnlichen  physischen  Leben,  wohl  aber  in 
hoheren  Gebieten  auf  dem  physischen  Plane,  im  Erkenntnisleben 
und  im  Kunstleben.  Da  haben  Sie  schon  etwas  Analoges.  Der 
Kiinstler  kann  eigentlich  nicht  das  Hochste,  was  er  vermag  nach 
seinen  Anlagen,  schaffen,  wenn  er  nicht  warten  kann,  wenn  er  nicht 
in  aller  Gemiitsruhe  warten  kann,  bis  der  rechte  Augenblick  gekom- 
men  ist,  bis  die  Intuition  kommt.  Wer  programmaBig  schaffen  will, 
der  kann  nur  minderwertige  Produkte  zustande  bringen.  Wer  auf 
irgendeinen  auBeren  AnlaB  hin  irgendein  Werk,  sei  es  das  kleinste, 
schaffen  will,  wird  es  nicht  so  gut  zustande  bringen,  als  wenn  er  in 
liebevoller  Hingabe  und  ruhig  warten  kann  auf  den  Augenblick 
der  Inspiration,  wir  konnen  auch  sagen,  auf  den  Augenblick  der 
Gnade.  So  ist  es  auch  in  der  geistigen  Welt,  da  gibt  es  kein  Hasten 
und  Drangen,  da  gibt  es  nur  Gemiitsruhe. 

Im  Grunde  genommen  muB  es  auch  so  sein  bei  der  Ausbreitung 
unserer  Bewegung.  Alle  auBere  Agitation,  alles  auBere  den  Men- 
schen  die  Geisteswissenschaft  Aufdrangenwollen,  fiihrt  im  Grunde 
genommen  zu  nichts.  Am  besten  ist  es,  wenn  wir  warten  konnen, 
bis  sich  uns  im  Leben  die  Menschen  zeigen,  die  in  ihrer  Seele  das 


Bediirfnis  haben,  etwas  zu  horen,  die  sich  hinneigen  wollen  dem 
Geistigen,  und  wir  sollen  gar  nicht  das  Bediirfnis  entwickeln,  einen 
jeden  an  die  Geisteswissenschaft  heranzubringen.  Wir  werden  die 
Erfahrung  machen,  je  mehr  Ruhe,  agitationslose  Ruhe  wir  ent- 
wickeln konnen,  desto  mehr  Leute  kommen  an  uns  heran,  wahrend 
wir  durch  eine  briiske  Agitation  die  Leute  geradezu  zurikkstoBen 
werden.  Wenn  ein  offentlicher  Vortrag  gehalten  wird,  geschieht  es 
nur,  damit  gesagt  werde,  was  gesagt  werden  muB;  wer  es  aufneh- 
men  will,  kann  es  aufnehmen.  Insofern  muB  unser  ganzes  Leben 
innerhalb  der  geisteswissenschaftlichen  Bewegung  ein  Abbild  des 
Geistigen  sein,  daB  wir  das,  was  geschehen  soli,  geschehen  lassen 
und  es  abwarten  mit  Gemiitsruhe. 

Nehmen  wir  einmal  einen  initiierten  Menschen,  welcher  erkannt 
hat,  daB  in  einem  bestimmten  Zeitpunkte  irgend  etwas  aus  der  gei- 
stigen Welt  heraus  geschehen  soli.  Ich  habe  ofters  aufmerksam 
gemacht  auf  einen  wichtigen  Zeitpunkt,  in  dem  etwas  geschehen 
ist  von  der  geistigen  Welt  aus,  nur  zeigt  es  sich  jetzt  noch  nicht  in 
so  auBerordentlichem  MaBe.  Das  war  das  Jahr  1899,  der  Ablauf 
des  kleinen  Kali  Yuga.  Das  war  im  wesentlichen  das  Jahr,  welches 
einen  bestimmten  Impuls  brachte,  der  dazu  bestimmt  war,  den 
Menschen  dasjenige  von  innen  heraus  zu  geben,  ihnen  in  der  Seele 
zu  erwecken,  was  im  Grunde  genommen  in  den  friiheren  Zeiten 
durch  irgendwelche  auBeren  Dinge,  man  nannte  es  Zufall,  aus  der 
geistigen  Welt  gegeben  worden  ist.  Ich  will  einen  bestimmten  Fall 
anfiihren:  Im  zwolften  Jahrhundert  lebte  ein  gewisser  Norbert. 
Dieser  begriindete  einen  Orden.  Er  fiihrte  zunachst  ein  recht  welt- 
liches,  man  konnte  sagen,  ein  ausschweifendes  Leben,  da  traf  ihn 
ein  Blitzstrahl.  Oftmals  kommt  es  in  der  Geschichte  bei  einzelnen 
Menschen  vor,  daB  ein  solches  Ereignis  eintritt;  ein  Blitzstrahl  kann 
durchschutteln  den  physischen  und  den  Atherleib.  Da  wurde  sein  gan- 
zes Leben  verandert.  Da  ist  es  so,  daB  wie  ein  auBerer  AnlaB  von  der 
geistigen  Welt  zu  Hilfe  genommen  wird,  um  die  Menschen  zu  ver- 
andern.  Solche  Zuf'alle  kommen  oft  vor,  sie  durchschutteln  den 
ganzen  Zusammenhang  zwischen  physischem  und  Atherleib  und 
verandern  den  Betreffenden  ganz  und  gar.  So  war  es  auch  hier.  Das 


sind  aber  keine  Zufalle,  das  sind  in  der  geistigen  Welt  wohlvor- 
bereitete  Tatsachen,  den  Menschen  zu  verandern.  Nun  wurden  diese 
Tatsachen  vom  Jahre  1899  an  immer  intimer  und  intimer,  viel 
weniger  auBerlich,  viel  mehr  durch  das  Innere  wirkend;  verinner- 
licht  wird  des  Menschen  Seele.  Und  tatsachlich,  bei  einer  solchen 
Umwalzung  in  der  Welt  wie  im  Jahre  1899  miissen  mitwirken  alle 
Wesenheiten  und  Machte  aus  der  geistigen  Welt,  aber  auch  alle 
Initiierten,  die  hier  leben.  Sie  sagen  nicht:  Bereitet  euch  vor!  — ,  sie 
sagen  es  nicht  den  Leuten  in  die  Ohren,  sondern  es  geschieht  so, 
daB  der  Impuls  von  innen  kommt,  daB  die  Menschen  ihn  von  innen 
heraus  verstehen  lernen.  Dann  bleiben  die  Leute  in  der  Seele  ruhig, 
befassen  sich  mit  dem  Gedanken,  lassen  diesen  Gedanken  in  sich 
wirken  und  warten.  Und  je  ruhiger  sie  werden  mit  dem  Gedanken 
in  der  Seele,  desto  kraftiger  kommen  solche  geistigen  Ereignisse. 
Also,  abwarten  diese  Begnadung!  Dies  ist  es  vorzugsweise,  daB  wir 
abwarten  sollen,  was  mit  uns  geschehen  soli  in  der  geistigen  Welt. 

Anders  ist  es  mit  dem  Erkennen  im  Alltag;  da  miissen  wir  alles 
herantragen,  miissen  es  erwerben,  miissen  arbeiten,  um  es  uns 
gewissermaBen  entgegenzubringen.  Eine  Rose,  die  wir  am  Wege 
finden,  erfreut  uns  in  dieser  physischen  Welt;  auf  dem  geistigen 
Plane  wiirde  es  nicht  geschehen,  es  wiirde  sich  uns  nichts  einer  Rose 
auf  dem  physischen  Plane  Ahnliches  hinstellen,  wenn  wir  uns  nicht 
bemuhten,  in  bestimmte  geistige  Gebiete  hineinzukommen,  um  die 
Dinge  an  uns  heranzubringen.  Gerade  was  wir  beim  Tun  hier 
machen,  miissen  wir  beim  Erkennen  im  Geistigen  machen;  und 
umgekehrt:  Was  durch  uns  geschehen  soil,  miissen  wir  in  Ruhe 
abwarten  und  nur  sozusagen  das  Hereinragen  aus  der  geistigen 
Welt  in  die  physische,  die  hoheren  Betatigungen  der  Menschen 
bilden  ein  Abbild  des  Geschehens  in  der  geistigen  Welt.  Daher  ist 
es  notwendig,  daB  derjenige,  der  durch  seine  Seele  verstehen  will 
die  Wahrheiten,  die  durch  die  Geisteswissenschaft  kommen  sollen, 
die  zwei  Eigenschaften  immer  mehr  und  mehr  entwickelt:  Liebe 
zum  geistigen  Leben,  die  ihn  zum  tatigen  Heranbringen  der  geisti- 
gen Welt  fiihrt,  und  diese  ist  das  allersicherste,  uns  in  die  Lage  zu 
versetzen,  immer  wieder  und  wieder  die  Dinge  an  uns  heranzu- 


bringen  —  und  Ruhe,  Gemiitsruhe,  eine  Ruhe,  die  nicht  eitel  und 
ehrgeizig  Erfolge  herbeifiihren  will,  sondern  die  begnadet  sein 
will,  die  auf  Inspiration  warten  kann.  Dieses  Warten  ist  im  kon- 
kreten  Falle  schwierig.  Aber  ein  Gedanke,  den  wir  immer  wieder 
und  wieder  in  unserer  Seele  haben  sollten,  kann  uns  iiber  vieles 
hinausfuhren.  Er  ist  schwer  zu  fassen,  weil  er  sehr  gegen  unsere 
Eitelkeit  verstoBt.  Dieser  Gedanke  ist,  daft  es  gleichgiiltig  ist  im 
Weltenzusammenhang,  ob  etwas  durch  uns  oder  einen  anderen 
Menschen  geschieht.  Das  soli  uns  nicht  abhalten,  alles  zu  tun,  was 
uns  zu  vollbringen  obliegt;  nicht  von  unserer  Pflicht  soli  es  uns  ab- 
halten, aber  vom  Hasten,  Treiben  soli  es  uns  abhalten.  Wie  gern 
hat  es  ein  jeder  Mensch,  daB  er  befahigt  ist,  daB  er  etwas  kann.  Es 
gehort  eine  gewisse  Resignation  dazu,  ebenso  gern  zu  haben,  daB 
und  wenn  ein  anderer  etwas  kann.  Nicht  lieben  soil  man  eine  Sache, 
weil  man  sie  selber  tut,  sondern  lieben,  weil  sie  in  der  Welt  ist, 
gleichgiiltig  ob  durch  uns  oder  durch  andere.  Dieser  Gedanke  fiihrt 
uns  sicher  zur  Selbstlosigkeit,  wenn  wir  ihn  immer  wieder  denken. 
Solche  Stimmungen  sind  notwendig,  um  sich  einzuleben  in  die 
geistige  Welt,  um  nicht  nur  immer  zu  forschen,  sondern  auch  zu 
verstehen,  was  geforscht  wird.  Viel  wichtiger  als  Visionen,  die  wohl 
auch  da  sein  miissen,  sind  diese  Stimmungen,  und  eben  damit  wir 
die  Visionen  beurteilen  konnen,  sind  solche  Stimmungen  notwendig. 

Visionen,  man  braucht  nur  dies  Wort  auszusprechen  und  jeder 
weiB,  der  sich  nur  ein  wenig  damit  befaBt  hat,  was  eigentlich  unter 
Visionen  zu  verstehen  ist  —  aber  unser  ganzes  Leben  nach  dem 
Tode,  wenn  das  Kamaloka  voriiber  ist,  ist  eigentlich  ein  Leben  in 
Visionen.  Wenn  der  Mensch  durch  die  Pforte  des  Todes  gegangen 
ist,  das  Kamaloka  hinter  sich  hat,  in  die  eigentliche  geistige  Welt 
eintritt,  lebt  er  in  einer  Welt,  die  ganz  so  ist,  als  wenn  er  nach  alien 
Seiten  umgeben  ware  von  lauter  Visionen;  nur  sind  diese  Visionen 
Abbilder  von  Wirklichkeiten.  Und  man  kann  sehr  wohl  sagen,  wah- 
rend  wir  die  Welt  des  Physischen  wahrnehmen  durch  Farben,  die 
uns  das  Auge  vorzaubert,  durch  Tone,  die  uns  das  Ohr  vermittelt, 
nehmen  wir  die  geistige  Welt  auch  dann,  wenn  wir  durch  die  Pforte 
des  Todes  getreten  sind,  als  Visionen  wahr,  in  die  wir  hineinverwo- 


ben  sind.  Nun  werde  ich,  weil  ich  iiber  diese  Dinge  intimer  spre- 
chen  will,  manches  zu  sagen  haben  in  einer  mehr  erzahlenden  Form, 
was,  wenn  man  es  zunachst  hort,  etwas  grotesk  sich  ausnimmt,  aber 
es  ergibt  sich  cben  durch  eine  wirkliche  geistige  Forschung. 

Das  Kamaloka  selbst  verlauft  ja,  wenn  man  es  inhaltlich  schil- 
dert,  so  wie  ich  es  in  meiner  «Theosophie»  geschildert  habe;  aber 
man  kann  es  noch  anders  charakterisieren.  1st  der  Mensch  durch  die 
Pforte  des  Todes  geschritten,  wo  fiihlt  er  sich  dann?  kann  man 
fragen.  Und  man  kann  diese  Frage  beantworten:  Wo  ist  denn  der 
Mensch  wahrend  seiner  Kamalokazeit?  Man  kann  sogar  in  Worten, 
die  physisch  zu  fassen  sind,  den  Raum  ausdriicken,  wo  der  Mensch 
ist  wahrend  des  Kamaloka-Lebens.  Wenn  Sie  sich  denken  den  Raum 
zwischen  der  Erde  und  dem  Monde,  den  Menschen  losgelost  von 
der  Erde,  aber  durchaus  noch  in  dem  Raume  zwischen  der  Erde 
und  dem  Monde,  in  jenem  kugelformigen  Raume,  der  sich  ergibt, 
wenn  man  die  Mondbahn  als  den  auBersten  Ring  ansieht,  weg  von 
der  Erde,  aber  in  diesem  Raume  —  dort  ist  der  Mensch  in  der 
Kamalokazeit.  Wenn  die  Kamalokazeit  zu  Ende  ist,  dann  geht  der 
Mensch  aus  diesem  Kreise  in  den  wirklichen  Himmelsraum  hinaus. 
Wie  gesagt,  es  klingt  grotesk,  aber  es  ist  so.  Auch  in  dieser  Richtung 
merkt  man  durch  eine  wirklich  gewissenhafte  Forschung,  daB  diese 
Dinge  entgegengesetzt  sind  denen  auf  dem  physischen  Plane  hier. 
Wir  sind  von  auBen  an  die  Erde  gebunden,  vom  Irdischen  umgeben 
und  getrennt  von  den  Himmelsspharen;  nach  dem  Tode  ist  die 
Erde  von  uns  entfernt,  und  wir  sind  mit  den  Himmelsspharen  zu- 
sammen.  Solange  wir  drinnen  sind  in  der  Mondensphare,  sind  wir 
im  Kamaloka,  das  heiBt,  daB  wir  den  Wunsch  haben,  noch  mit  der 
Erde  verbunden  zu  sein,  und  wir  kommen  hinaus,  wenn  wir  durch 
das  Kamaloka-Leben  gelernt  haben,  auf  Affekte,  Leidenschaften, 
Verlangen  zu  verzichten.  Anders  als  man  hier  gewohnt  ist,  muB 
man  sich  nun  den  Aufenthalt  in  der  geistigen  Welt  vorstellen.  Da 
sind  wir  ausgebreitet  iiber  den  ganzen  Raum,  da  fuhlen  wir  uns 
iiberall  drinnen  im  ganzen  Raume.  Daher  ist  das  Leben,  sei  es  das 
eines  Initiierten  oder  eines  Menschen  nach  dem  Tode,  ein  Fuhlen  des 
Sich-Ausbreitens  in  den  Raum  hinaus,  und  man  wird  so  groB  nach 


dem  Tod  oder  als  Initiierter,  daB  man  dann  durch  den  Mondenlauf 
begrenzt  wird  wie  jetzt  durch  die  Haut.  Ja,  es  ist  nun  einmal  so 
und  es  niitzt  nichts,  solche  Dinge  durch  Worte  auszudriicken,  die 
einem  die  gegenwartige  Zeit  leichter  verzeiht,  denn  dadurch  driickt 
man  sie  nicht  richtiger  aus.  Im  offentlichen  Vortrage  muB  man 
solche  schockierenden  Dinge  weglassen,  aber  demjenigen,  der  sich 
langere  Zeit  befaBt  hat  mit  geisteswissenschaftlichen  Dingen,  ist  es 
gut,  mit  wahren  Namen  die  Dinge  zu  benennen. 

Dann,  nach  dem  Kamaloka-Leben,  wachsen  wir  weiter  hinaus,  und 
das  nun  hangt  ab  von  gewissen  Eigenschaften,  die  wir  uns  hier  schon 
errungen  haben.  Eine  lange  Zeit  unserer  Entwickelung  nach  dem 
Tode  hangt  die  Art,  wie  wir  uns  da  ausbreiten  konnen  bis  zur  nachsten 
Sphare,  ab  von  dem,  was  wir  an  moralischer  Verfassung,  sittlichen  Be- 
griff en  und  Gefuhlen  auf  der  Erde  entwickelt  haben.  Man  kann  sagen, 
der  Mensch,  der  die  Eigenschaften  des  Mitleids,  der  Liebe  entwickelt 
hat,  die  Eigenschaften,  die  man  gewohnlich  als  sittlich-gute  bezeich- 
net,  lebt  sich  in  die  nachste  Sphare  so  hinein,  daB  er  mit  den  Wesen, 
die  sonst  in  dieser  Sphare  sind,  bekannt  werden  kann,  mit  ihnen  zu- 
sammenleben  kann,  wahrend  der  Mensch,  der  mangelhafte  Moral 
mitbringt  in  diese  Sphare,  wie  ein  Einsiedler  darinnen  lebt.  Das  ist  die 
beste  Bezeichnung,  daB  uns  zum  Zusammenleben  mit  der  geistigen 
Welt  vorbereitet  das  Moralische;  zur  qualenden  Einsamkeit,  in  wel- 
cher  wir  immer  die  Sehnsucht  haben,  das  andere  kennenzulernen,  und 
es  nicht  konnen,  zu  dieser  Einsamkeit  verurteilt  uns  das  Nicht- 
moralische  unseres  Herzens  wie  unseres  Denkens  und  Verhaltens 
in  der  physischen  Welt.  Und  entweder  als  Einsiedler  oder  als  ge- 
selliger  Geist,  der  zum  Segen  ist  in  der  geistigen  Welt,  leben  wir 
uns  ein  in  die  zweite  Sphare,  die  man  im  Okkultismus  immer  ge- 
nannt  hat  die  Sphare  des  Merkur.  Heute  wird  sie  Venus  genannt 
in  der  auBeren  Astronomie;  es  hat  bekanntlich  eine  Umkehrung  der 
Namen  stattgefunden,  wie  schon  oft  gesagt  worden  ist.  Bis  zum 
Kreise  des  heutigen  Morgen-  und  Abendsterns  breitet  der  Mensch 
sein  Wesen  aus,  wahrend  er  sich  friiher  nur  bis  zum  Monde  aus- 
gebreitet  hat.  Nun  stellt  sich  etwas  Eigentiimliches  ein.  Bis  zur 
Mondensphare  sind  wir  immer  noch  mit  den  irdischen  Verhaltnissen 


beschaftigt,  aber  auch  dariiber  hinaus  ist  das  Verhaltnis  zur  Erde 
nicht  ganz  abgebrockelt,  wir  wissen  noch  immer  alles,  was  wir  auf 
der  Erde  getan,  gedacht  haben;  wie  wir  uns  jetzt  an  etwas  erinnern 
konnen,  so  wissen  wir  es,  und  —  sehen  Sie,  meine  lieben  Freunde  — 
wieder  ist  leicht  das  Erinnern  das  Qualende!  —  Wenn  wir  noch  auf 
der  Erde  leben  und  wir  haben  einem  Menschen  Unrecht  getan  oder 
haben  einen  Menschen,  den  wir  eigentlich  lieben  sollten,  nicht  hin- 
reichend  geliebt,  ist  es  an  uns,  die  Folgen  noch  abzuwenden;  wir 
konnen  zu  ihm  hingehen  und  uns  mit  ihm  auseinandersetzen  und 
dergleichen.  Das  ist  von  der  Merkursphare  an  nicht  mehr  der  Fall. 
Wir  konnen  alle  Verhaltnisse  in  der  Erinnerung  erschauen  und  diese 
bleiben  auch  aufrecht,  aber  wir  konnen  sie  nicht  mehr  andern. 

Nehmen  wir  an,  es  ist  jemand  vor  uns  gestorben,  den  wir  ver- 
moge  der  Verhaltnisse  auf  der  Erde  eigentlich  hatten  lieben  sollen, 
aber  nicht  geniigend  geliebt  haben.  Wir  treifen  ihn  —  wir  treffen 
tatsachlich  die  Menschen  nach  dem  Tode  wieder,  mit  denen  wir  ver- 
bunden  waren  — ,  wir  treffen  ihn  aber  so,  wie  wir  zu  ihm  gestanden 
waren  und  konnen  es  nicht  andern  zunachst.  Es  lebt  also  ein  Vor- 
wurf  in  uns,  daB  wir  ihn  nicht  geniigend  geliebt  haben,  aber  wir 
konnen  unsern  Charakter  hier  nicht  mehr  andern,  so  daB  wir  ihn 
jetzt  etwas  mehr  lieben  konnten.  Es  bleibt,  was  wir  auf  der  Erde 
begriindet  haben,  wir  konnen  es  aber  nicht  andern.  Gerade  diese 
Tatsache,  daB  wir  da  eintreten  in  das  richtige,  unveranderliche 
Wahrnehmungen  in  bezug  auf  die  Liebe,  sie  trat  mir  in  den  letzten 
neueren  Forschungen  dieses  Sommers  ganz  kraftig  entgegen,  und 
durch  solche  Dinge  wird  man  auf  mancherlei  aufmerksam,  was 
sonst  dem  Menschen  entgeht,  und  auch  davon  mochte  ich  Ihnen 
sozusagen  eine  Empfindung  geben.  Man  lernt  also  durch  die  Er- 
kenntnis  der  geistigen  Welt  diese  eigentiimliche  Tatsache  kennen, 
daB  man  in  der  Merkursphare  lebt,  wie  gesagt,  mit  alien  Menschen 
in  den  alten  Verhaltnissen,  die  man  nicht  andern  kann  zunachst. 
Zuriickschauend  und  entwickelnd,  was  man  schon  entwickelt  hat,  so 
lebt  man. 

Nun,  ich  darf  wohl  sagen,  daB  ich  mich  in  meinem  Leben  viel 
mit  Homer  beschaftigt  habe,  aber  eine  Stelle  ist  mir  erst  ganz  klar 


geworden,  als  dies,  wovon  ich  eben  sprach,  mir  in  der  okkulten  For- 
schung  so  machtig  entgegengetreten  ist;  das  ist  die  Stelle,  wo  Homer 
das  Reich  nach  dem  Tode  nennt  das  Land  der  Schatten,  wo  skh 
nichts  verwandeln  kann.  Man  kann  sie  auslegen  nach  dem  Ver- 
stande,  aber  was  der  Kiinstler  sagen  will  von  der  geistigen  Welt, 
wie  er  als  ein  Prophet  spricht,  lernt  man  kennen,  wenn  man  die 
betreffende  Entdeckung  in  der  geistigen  Forschung  gemacht  hat.  So 
ist  es  bei  jedem  wahren  Kiinstler,  er  braucht  es.  gar  nicht  zu  wissen 
in  seinen  Alltagsgedanken,  was  ihm  aus  der  Inspiration  zuflieBt. 
Und  dasjenige,  was  die  Menschheit  durch  ihre  Kiinstler  im  Laufe 
der  Jahrhunderte  erhalten  hat,  wird  nicht  verblassen  durch  die  Aus- 
breitung  der  spirituellen  Bewegung,  sondern  es  wird  immer  mehr 
und  mehr  vertieft  werden,  und  ganz  gewiB  wird  den  Menschen  ein 
Licht  aufgehen  liber  ihre  wahren  Kiinstler,  wenn  sie  durch  die 
okkulte  Forschung  in  die  geistige  Welt,  in  jene  Welt  hineinkom- 
men,  aus  welcher  die  Kiinstler  inspiriert  sind.  Allerdings  solche, 
welche  oft  einem  Zeitalter  als  Kiinstler  gelten,  es  aber  nicht  sind, 
werden  eine  solche  Beleuchtung  nicht  erhalten.  Manche  Tages- 
groBe  wird  dahin  erkannt  werden,  daB  sie  nichts  hat  an  Inspiration 
aus  der  geistigen  Welt. 

Die  nachste  Sphare  kann  man  im  Okkultismus  nennen  die  Venus- 
Sphare;  da  dehnen  wir  unser  Wesen  hinaus  bis  zum  Merkur,  der 
okkult  die  Venus  genannt  wird;  bis  dahin  dehnen  wir  unser  Wesen 
aus.  In  dieser  Sphare,  ja  da  hat  wieder  etwas  einen  groBen  EinfluB 
auf  den  Menschen  und  wiederum  hat  dies  so  EinfluB,  daB  derjenige, 
der  es  hat,  sozusagen  ein  geselliger  Geist  wird,  der  es  nicht  hat,  ein 
einsamer  Geist;  furchtbar  qualend  ist  das  Fehlen  dieses  Etwas  —  das 
ist  das  religiose  Moment.  Je  religiosere  Gesinnung  wir  uns  an- 
geeignet  haben,  desto  geselligere  Geister  werden  wir  in  dieser 
Sphare.  Menschen,  denen  die  religiose  Gesinnung  fehlt,  die  schlie- 
Ben  sich  ab  zu  Wesen,  die  sozusagen  nirgends  hinaus  konnen  iiber 
eine  gewisse  Schale  oder  Hiille,  die  sich  um  sie  ausbreitet.  Wir 
lernen,  sagen  wir,  unsere  Freunde  kennen,  trotzdem  sie  Einsiedler 
sind,  aber  wir  kommen  nicht  an  sie  heran;  wir  fiihlen  uns  immer, 
als  ob  wir  eine  Hiille  durchbrechen  muBten,  die  wir  aber  nicht 


durchbrechen  konnen.  Wenn  wir  nicht  religiose  Innerlichkeit  haben, 
frieren  wir  gewissermaBen  ein  in  dieser  Venus-Sphare. 

Dann  kommt  eine  Sphare,  so  sonderbar  es  klingt,  wenn  der 
Mensch  —  und  jeder  tut  es  nach  dem  Tode  —  sich  hineinlebt  in  diese 
Sphare,  fuhlt  er  sich  erweitert  bis  zu  unserer  Sonne.  Es  wird  nicht 
mehr  lange  dauern,  dann  wird  man  auch  anders  iiber  die  Himmels- 
korper  denken,  als  die  heutige  Astronomie  annimmt.  Wir  selber 
sind  mit  dieser  Sonne  verbunden;  es  kommt  eben  eine  Zeit  zwischen 
dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt,  wo  wir  ein  Sonnenwesen  ge- 
worden  sind.  Aber  jetzt  ist  noch  ein  anderes  notwendig:  zur  ersten 
Sphare  ist  sittliches  Leben,  zur  Venus-Sphare  religioses  Leben,  zur 
Sonnensphare  ist  notwendig,  da/3  wir  Natur  und  Wesenheit  der 
Sonnengeister,  namentlich  des  Hauptsonnengeistes,  des  Christus, 
wirklich  kennen,  daJ3  wir  uns  auf  Erden  eine  Verbindung  zu  ihm 
geschaffen  haben.  Mit  dieser  Verbindung  ist  es  so:  Als  die  Menschen 
noch  ein  altes  Hellsehen  hatten,  fanden  sie  diese  Verbindung  so, 
daB  sie  sich  durch  die  alte  gottliche  Gnade  hineinlebten;  das  ver- 
schwand  dann  und  das  Mysterium  von  Golgatha  mit  der  Vorberei- 
tung  durch  das  Alte  Testament  war  dazu  da,  um  den  Menschen  das 
Sonnenwesen  verstandlich  zu  machen.  Heute  geniigt  nicht  mehr  die 
alte  Weise,  wie  seit  dem  Mysterium  von  Golgatha  die  Menschen 
sich  mehr  naiv  zum  Christus  emporgerungen  haben;  heute  soil  die 
Geisteswissenschaft  die  Welt  vom  Gesichtspunkte  eines  Sonnen- 
wesens  begreiflich  machen.  Das  erste  Mai,  als  das  so  richtig  ver- 
standen  worden  ist,  war  die  Zeit  des  Mittelalters,  als  innerhalb 
Europas  die  Gralssage  in  ihrer  eigentlichen  tieferen  Bedeutung  ihren 
Ursprung  genommen  hat.  Durch  das  Verstandnis  dessen,  was  wie- 
derum  durch  die  spirituelle  Bewegung  gegeben  wird,  wird  ja  gerade 
das  wieder  erobert,  was  durch  den  hohen  Sonnengeist,  den  Christus, 
gebracht  worden  ist,  der  herabgestiegen  ist  und  nun  der  Erdgeist 
geworden  ist  durch  das  Mysterium  von  Golgatha.  Dieser  Impuls, 
der  durch  das  Mysterium  von  Golgatha  gegeben  worden  ist,  ist  ge- 
eignet,  in  der  Geisteswissenschaft  alle  religiosen  Bekenntnisse  iiber 
das  ganze  Erdenrund  hin  in  Frieden  zu  verbinden.  Das  bleibt  die 
Grundforderung  der  Geisteswissenschaft:  jede  Religion  mit  gleicher 


Hingebung  zu  behandeln,  keiner  Religion  den  Vorzug  zu  geben 
durch  irgendwelche  auBeren  Griinde.  Wenn  zum  Beispiel  unserer 
Stromung  vorgeworfen  wird,  daB  wir  das  Mysterium  von  Golgatha 
in  die  Mitte  der  Weltenentwickelung  stellen  und  daB  das  eine  Be- 
vorzugung  ware  der  christlichen  Religion,  so  ist  das  ein  ganz  un- 
gerechter  Vorwurf.  Verstandigen  wir  uns  einmal  dariiber,  was  es 
mit  einem  solchen  Vorwurfe  fur  eine  Bewandtnis  h'atte.  Wenn  ein 
Buddhist  oder  Brahmane  zu  uns  kame  und  uns  diesen  Vorwurf 
machen  wiirde,  wiirden  wir  ihm  sagen:  Koramt  es  denn  darauf  an, 
was  in  religiosen  Buchern  steht,  und  ist  es  eine  Benachteiligung 
einer  Religion,  wenn  man  das  alles  nicht  ablehnt,  was  nicht  in 
diesen  Buchern  steht?  Kann  nicht  jeder  Buddhist  die  kopernikani- 
sche  Weltanschauung  annehmen,  ohne  aufzuhoren,  ein  Buddhist  zu 
bleiben?  Das  ist  ein  Fortschritt  der  allgemeinen  Menschheit.  Und 
so  ist  die  Erkenntnis,  daB  das  Mysterium  von  Golgatha  in  der  Mitte 
der  Weltenentwickelung  steht,  ein  Fortschritt  der  ganzen  Mensch- 
heitsentwickelung,  ob  davon  in  den  alten  Buchern  steht  oder  nicht, 
und  uns  zuzumuten,  sozusagen  von  der  chinesischen  oder  buddhi- 
stischen  Religion  nicht  so  zu  denken,  ware  dasselbe,  wie  wenn  von 
diesen  Religionen  ganz  Europa  verboten  wiirde,  die  kopernikani- 
sche  Weltanschauung  anzunehmen,  weil  sie  nicht  in  ihren  Buchern 
steht.  Aber  gerade  dieses  Verstandnis  des  Mysteriums  von  Golgatha 
—  wenn  man  erkennt,  was  da  vorgegangen  ist  —  macht  uns  zu  einem 
geselligen  Geiste  nach  dem  Tode  in  der  Sonnensphare.  Uberhaupt 
ist  es  so:  In  dem  Augenblicke,  in  dem  wir  tiber  den  Mond  hinaus- 
kommen,  da  tritt  etwas  ein,  was  wir  jetzt  auch  geistig  inner lich  be- 
zeichnen  konnen  —  wir  sind  von  Visionen  umgeben.  Wenn  wir 
einem  verstorbenen  Freund  begegnen  nach  dem  Tode,  ist  es  eine 
Vision,  aber  er  ist  es  selbst,  er  lebt  in  dieser  Realitat  drinnen;  aber 
es  sind  Visionen,  die  sich  aufbauen  auf  das  Gedachtnis  an  das,  was 
wir  hier  getan  haben. 

Spater,  auBerhalb  der  Mondensphare,  ist  das  zwar  auch  noch  der 
Fall,  aber  es  leuchten  dann  die  geistigen  Wesen  der  hoheren  Hierar- 
chien  an  uns  heran.  Es  ist  so,  als  ob  die  Sonne  aufgeht  und  die 
Wblken  vergoldet.  So  ist  es  im  Sonnenkreise.  Aber  wir  lernen  auch 


die  geistigen  Hierarchien  in  der  Merkursphare  nur  kennen,  wenn 
wir  mit  religioser  Gesinnung  erfiillt  sind,  in  der  Sonnensphare  nur, 
wenn  wir  mit  jahvisch-christlicher  Stimmung  erfiillt  sind.  Da  treten 
die  auBeren  geistigen  Wesenheiten  an  uns  heran.  Wiederum  ist  etwas 
hochst  merkwiirdig,  und  was  ich  gesd.gt  habe,  ergibt  sich  durch  objek- 
tive  okkulte  Forschung:  Der  Mensch  ist  iiber  den  Mond  hinaus  wie 
eine  Wolke  aus  Geist  gewoben  und  wird  beleuchtet  von  den  geistigen 
Wesenheiten,  sowie  er  in  den  Merkur  kommt.  Daher  haben  die  Grie- 
chen  den  Merkur  den  Gotterboten  genannt,  weil  in  dieser  Sphare  hohe 
geistige  Wesenheiten  den  Menschen  beleuchten.  Das  sind  die  groBen 
gewaltigen  Eindriicke,  die  wir  empfangen,  wenn  wir  aus  dem  Kreise 
der  okkulten  Forschung  entwickeln,  was  die  Menschheit  geschaffen 
hat,  was  als  Kunst,  als  Mythos  gegeben  worden  ist. 

So  leben  wir  uns  durchchristet  in  die  Sonnensphare  hinein.  Dann 
leben  wir  weiter  und  kommen  in  eine  Region  hinein,  wo  wir  die 
Sonne  so  unter  uns  haben,  wie  wir  fruher  die  Erde  unter  uns  gehabt 
haben.  Wir  beginnen  auf  die  Sonne  zuriickzublicken  —  und  da 
beginnt  etwas  sehr  Merkwiirdiges.  In  diesem  Augenblicke  zeigt  sich 
uns,  daB  wir  noch  einen  anderen  Geist  in  seiner  eigenartigen  Weise 
zu  erkennen  beginnen,  den  Luzifergeist. 

Was  Luzifer  ist,  das  durchschauen  wir,  wenn  nicht  vorher  durch 
die  okkulte  Wissenschaft  oder  Initiation,  durch  das  bloBe  Leben 
nach  dem  Tode  nicht.  Erst  wenn  wir  jenseits  der  Sonnensphare  an- 
gekommen  sind,  lernen  wir  ihn  erkennen,  wie  er  war,  bevor  er 
Luzifer  geworden  ist,  als  er  noch  ein  Bruder  des  Christus  gewesen 
ist.  Denn  daB  er  anders  geworden  ist,  ist  erst  in  der  Zeit  eingetreten, 
da  Luzifer  zuriickgeblieben  ist  und  sich  losgelost  hat  vom  Fortschritt 
im  Kosmos.  Und  dasjenige,  was  er  Schlimmes  tun  kann,  erstreckt 
sich  nur  bis  zur  Sonne  hin.  Dariiber  ist  noch  eine  Sphare,  wo  Luzi- 
fer seine  Tatigkeit  so  entwickeln  kann,  wie  sie  vor  seiner  Loslosung 
war.  Da  ist  nichts  von  Schaden,  was  er  da  entwickelt,  und  wenn  wir 
uns  mit  dem  Mysterium  von  Golgatha  in  der  richtigen  Weise  zu- 
sammengehorig  gemacht  haben,  gehen  wir,  geleitet  von  Christus, 
von  Luzifer  in  Empf ang  genommen,  in  der  richtigen  Weise  in  die  noch 
weiteren  Spharen  des  Weltalls  hinaus.  Der  Name  Luzifer  ist  gut  ge- 


wahlt,  wie  iiberhaupt  die  Alten  sich  weise  Namen  gewahlt  haben. 
Wenn  wir  die  Sonne  unter  uns  haben,  ist  auch  das  Sonnenlicht  unter 
uns.  Da  brauchen  wir  dann  einen  neuen  Lichttrager,  der  uns  hinaus- 
leuchtet  in  den  Weltenraum.  Wir  kommen  dann  in  die  Mars-Sphare. 
Solange  wir  unter  der  Sonne  war  en,  blickten  wir  hinaus  in  die  Sonne; 
jetzt  ist  die  Sonne  unter  uns  und  wir  blicken  in  den  weiten  Welten- 
raum hinaus.  Und  diesen  weiten  Weltenraum  empfinden  wir  durch 
das,  was  immer  genannt  und  so  wenig  verstanden  wird,  im  eigent- 
lichen  Sinne  durch  die  Spharenmusik,  durch  eine  Art  von  geistiger 
Musik.  Immer  weniger  und  weniger  Bedeutung  haben  dann  die  Visio- 
nen,  in  die  wir  getaucht  sind,  immer  groBere  und  groBere  Bedeutung 
gewinnt,  was  wir  geistig  horen  und  vernehmen.  Da  erscheinen  uns 
die  Weltenkorper  nicht  so,  daB  wir  wie  die  irdischen  Astronomen 
messen,  ob  der  eine  schnell  oder  langsam  geht  —  das  schnelle  oder 
langsame  Zusammenstimmen  ergibt  das  Tonen  der  Weltenharmonie. 
Und  dasjenige,  was  der  Mensch  dabei  innerlich  erlebt,  ist  das,  daB 
er  immer  mehr  und  mehr  fiihlt:  das  einzige,  was  ihm  bleibt  in  diese 
Region  hinein,  ist  das,  was  er  als  Spirituelles  auf  Erden  aufge- 
nommen  hat.  Dadurch  entwickelt  er  seine  Bekanntschaft  mit  den 
Wesenheiten  dieser  Sphare,  bleibt  er  ein  geselliger  Geist.  Die  Men- 
schen,  die  sich  heute  abschlieBen  von  dem  Spirituellen,  geraten  trotz 
des  Moralischen,  trotz  des  religiosen  Lebens  auch  nicht  in  die  spiri- 
tuelle  Welt.  Da  ist  nichts  zu  machen.  Es  ist  ja  natiirlich  durchaus 
moglich,  daB  solche  Menschen  in  der  nachsten  Inkarnation  dazu- 
kommen.  Alle  materialistisch  Gesinnten  werden,  wenn  sie  iiber  die 
Sonne  hinaus  in  die  Mars-Sphare  kommen,  Einsiedler;  das  ist  nicht 
anders.  So  toricht  es  vielleicht  manchem  erscheinen  konnte,  es  ist  doch 
wirklich;  der  ganze  Monistenbund  wird  nicht  fortbestehen  konnen, 
wenn  seine  Anhanger  einmal  in  die  Sonnensphare  gelangt  sind, 
weil  seine  Anhanger  nicht  zusammenkommen  konnen,  weil  jeder 
ein  Einsiedler  ist. 

Auf  dem  Mars  wird  der  Mensch,  der  sich  hier  auf  der  Erde  spiri- 
tuelles Verstandnis  erworben  hat,  noch  eine  andere  Erfahrung 
machen.  Und  da  wir  heute  schon  intimer  sprechen,  darf  auch  das 
ausgesprochen  werden.  Es  kann  ja  gefragt  werden  gerade  innerhalb 


unserer  Weltanschauung,  wie  wir  sie  ais  Geisteswissenschaft  im 
Abendlande  entwickeln:  Was  ist  mit  einem  solchen  Geiste  ge- 
schehen  wie  dem  Buddha  nach  seiner  letzten  Inkarnation  auf  der 
Erde?  Ich  habe  schon  darauf  hingewiesen,  nicht  wahr:  Der  Buddha 
hat  als  Gautama  die  letzte  Inkarnation  durchgemacht  sechshundert 
Jahre  vor  Christus.  Wenn  Sie  meine  Vortrage  gut  verfolgt  haben, 
werden  Sie  wissen,  er  hat  sozusagen  noch  einmal  gewirkt  —  er 
brauchte  sich  nicht  mehr  als  Buddha  zu  inkarnieren  — ,  er  hat  nur 
geistig  gewirkt  bei  der  Geburt  des  Lukas-Jesusknaben.  Geistig  hat 
er  aus  hoheren  Spharen  herabgewirkt  auf  die  Erde;  aber  wo  ist  er 
selber?  Ich  habe  in  Schweden,  in  Norrkoping,  auf  ein  noch  spateres 
Hereinwirken  des  Buddha  auf  die  Erde  hingedeutet.  So  war  im 
achten  Jahrhundert  eine  Initiationsstatte  in  Europa,  am  Schwarzen 
Meer,  da  lebte  Buddha  geistig  in  einem  Schuler,  namlich  in  einem 
Schiiler,  der  spater  Franz  von  Assist  geworden  ist.  Franz  von  Assisi 
war  in  der  friiheren  Inkarnation  im  achten  Jahrhundert  also  ein 
Schuler  des  Buddha  und  hat  alle  Eigenschaften  aufgenommen,  um 
in  dieser  sonderbaren  Weise  zu  wirken,  wie  er  als  Franz  von  Assisi 
gewirkt  hat.  In  vielem  kann  man  seine  Gemeinde  nicht  von  An- 
hangern  Buddhas  unterscheiden,  auBer  durch  das,  daB  die  einen 
Anhanger  Buddhas,  die  anderen  Christen  waren.  Das  ist  eine  Folge 
davon  gewesen,  daB  er  in  seinem  vorhergehenden  Leben  ein  Schii- 
ler Buddhas  war,  des  geistigen  Buddha.  —  Wo  ist  aber  der  Buddha 
selbst,  wo  ist  er,  der  als  Gautama  gelebt  hat?  Er  ist  fur  den  Mars 
dasselbe  geworden,  was  Christus  fur  die  Erde  geworden  ist;  er  hat 
fur  den  Mars  eine  Art  von  Mysterium  von  Golgatha  durchgefuhrt 
und  die  eigentiimliche  Erlosung  der  Marsleute  hat  Buddha  zustande 
gebracht;  er  lebt  dort  unter  ihnen.  Und  fiir  ihn  selbst  war  gerade 
sein  Erdenleben  die  richtige  Vorbereitung,  um  die  Marsleute  zu 
erlosen,  doch  war  diese  seine  Erlosung  nicht  so  wie  das  Mysterium 
von  Golgatha,  sondern  etwas  anders. 

Geistig  aber  lebt  der  Mensch  in  der  Mars-Sphare  in  der  angedeu- 
teten  Zeit,  dann  lebt  er  wieder  weiter,  dann  lebt  er  sich  in  die 
Jupitersphare  hinein.  In  der  Jupitersphare  wird  sozusagen  der  Zu- 
sammenhang  mit  der  Erde,  der  vorher  noch  ein  biBchen  bestanden 


hat,  schon  ganz  bedeutungslos  fiir  den  Menschen;  von  der  Sonne 
wirkt  noch  ein  wenig  auf  den  Menschen,  dagegen  wirkt  machtig 
der  Kosmos  auf  ihn  ein.  So  stellt  es  sich  dar:  Alles  wirkt  von  auBen 
herein  und  der  Mensch  nimmt  Kosmisches  auf.  Der  ganze  Kosmos 
wirkt  eben  durch  die  Spharenharmonie,  die  immer  andere  Formen 
annimmt,  je  weiter  wir  das  Leben  durchforschen  zwischen  dem 
Tode  und  einer  neuen  Geburt.  Es  ist  schwer  zu  charakterisieren 
dieses  Leben,  diese  Veranderung  der  Spharenharmonie;  man  konnte, 
weil  man  diese  Dinge  nicht  mit  irdischen  Worten  ausdriicken  kann, 
vergleichsweise  sagen:  Die  Spharenmusik  verandert  sich  beim 
Durchgang  vom  Mars  zum  Jupiter  so,  man  kann  nur  sagen,  wie 
das  Orchestrale  in  die  gesangliche  Musik.  Es  wird  immer  mehr  zum 
Tone,  zu  dem,  was  den  Ton  zugleich  durchsetzt  als  das  Bedeu- 
tungsvolle,  als  das  Sein-Wesen-Ausdriickende.  Inhalt  bekommt  die 
Spharenmusik,  wenn  wir  uns  in  die  Sphare  des  Jupiter  hinein- 
begeben,  und  sie  wird  dann  in  der  Sphare  des  Saturn  zum  volligen 
Inhalt,  zum  Ausdruck  des  Weltenwortes,  aus  dem  alle  Dinge  ge- 
schaffen  sind,  und  das  geme'mt  ist  im  Johannes-Evangelium:  «Im 
Urbeginne  war  das  Wort. . .»  Dieses  Wort  ist  das  Hineintonen  der 
kosmischen  GesetzmaBigkeit  und  Weisheit.  Dann  geht  der  Mensch, 
wenn  er  vorbereitet  ist  —  der  geistige  Mensch  weiter,  der  nicht  gei- 
stige  weniger  weit  — ,  in  noch  weitere  Spharen,  aber  er  geht  auch 
iiber  in  einen  ganz  anderen  Zustand  als  der  ist,  in  dem  er  vorher 
war.  Und  wenn  man  diesen  spateren  Zustand  charakterisieren 
will,  mufite  man  sagen:  Von  da  ab,  wo  der  Mensch  iiber  den  Saturn 
hinausgeschritten  ist,  beginnt  ein  geistiges  Schlafen,  wahrend  das 
Vorhergehende  ein  geistiges  Wachen  war.  Das  BewuBtsein  dampft 
sich  herab  von  jetzt  an,  es  tritt  ein  Benommensein  ein,  und  dieses 
Benommensein  wieder  gestattet  gerade  dem  Menschen  andere  Dinge 
durchzumachen,  als  er  friiher  durchgemacht  hat.  Geradeso,  wie  wir 
im  Schlafe  die  Ermiidung  wegschaffen  und  uns  neue  Krafte  zufiih- 
ren,  so  tritt  dann  durch  das  Herabdampfen  des  BewuBtseins  ein 
Einstromen  geistiger  Krafte  des  Kosmos  ein,  wenn  wir  sozusagen 
eine  weit,  weit  ausgedehnte  spirituelle  Raumkugel  geworden  sind. 
Erst  haben  wir  es  geahnt,  dann  haben  wir  es  als  Weltorchester 


gehort,  dann  hat  es  gesungen,  dann  haben  wir  es  als  Wort  vernom- 
men,  dann  schlafen  wir  ein  und  es  durchdringt  uns,  und  wahrend 
dieser  Zeit  gehen  wir  wieder  zuruck  durch  alle  diese  Spharen  unter 
Herabdampfung  des  BewuBtseins;  immer  dumpfer  und  dumpfer 
wird  unser  BewuBtsein,  wir  Ziehen  uns  zusammen,  je  nach  unserem 
Karma  langsam  oder  schnell,  und  wahrend  dieses  Zusammenziehens 
treten  wieder  auf  die  Krafte,  die  aus  dem  Sonnensystem  kommen. 
Von  Sphare  zu  Sphare  gehen  wir  zuriick.  Fiir  die  Mondensphare 
sind  wir  nicht  empfanglich,  wenn  wir  aus  dem  Kosmos  zuriick- 
kommen;  wir  gehen  sozusagen  unberiihrt  und  ungehemmt  durch 
sie  hindurch,  und  dann  sind  wir  so,  daB  wir  uns  zusammenziehen 
und  zusammenziehen,  so  daB  wir  uns  vereinigen  konnen  mit  dem 
kleinen  Menschenkeime,  der  dann  seine  Entwickelung  durchmacht 
vor  der  Geburt.  Und  in  aller  Physiologie  und  Embryologie  wird 
gar  nichts  Wahres  enthalten  sein,  wenn  ihr  dies  nicht  aus  der  okkul- 
ten  Forschung,  nicht  aus  diesen  Tatsachen  zukommt;  denn  der 
Menschenkeim  ist  ein  Abbild  des  groBen  Kosmos.  Er  tragt  den  gan- 
zen  Kosmos  in  sich;  was  zwischen  Empfangnis  und  Geburt  mate- 
riell  geschieht  und  als  Mensch  sich  bildet,  aber  auch  was  der  Mensch 
im  Weltenschlafe  durchgemacht  hat,  tragt  er  als  Kraft  im  Keim- 
zustande  in  sich. 

Da  beriihren  wir  ein  wunderbares  Mysterium,  das  im  Grunde 
genommen  in  unserer  Zeit  nur  Kiinstler  angedeutet  und  dargestellt 
haben,  aber  es  wird  schon  auch  noch  besser  verstanden  werden 
—  sagen  wir  die  Tristan-Frage  —  als  dasjenige,  was  in  ihr  lebt,  die 
Tristan-Stimmung,  wenn  wir  in  der  Tristan-  und  Isolde-Liebe  ein- 
mal  empfinden  werden  das  Hereinstromen  des  ganzen  Kosmischen, 
das  wir  in  seiner  wahren  Gestalt  kennenlernen  eben  durch  das 
Durchlaufen  der  ganzen  Entwickelung  des  Menschen  vom  Tode  zu 
einer  neuen  Geburt  hin.  Was  vom  Kosmos  hereingeholt  wird,  was 
vom  Saturn  hereingebracht  worden  ist,  wirkt  auf  Liebende,  die 
zusammengefiihrt  werden.  Es  wird  manches  zu  einem  kosmischen 
Ereignis  gemacht,  nur  darf  es  nicht  verstandesmaBig  analysiert  wer- 
den, sondern  es  muB  empfunden  werden,  was  den  Menschen  ver- 
bindet  in  Realitat  mit  dem  ganzen  Kosmos.  Daher  wird  es  die  Gei- 


steswissenschaft  schon  gewiB  dahin  bringen,  daB  die  Menschheit 
eine  neue  Frommigkeit  entwickelt,  die  eine  wahre,  echte  Religiosi- 
tat  ist,  indem  dasjenige,  was  oftmals  sich  als  Kleinstes  kundgibt, 
erscheint  als  aus  dem  Kosmos  heraus  entstanden.  Das,  was  in 
menschlicher  Brust  lebt,  wir  lernen  es  in  der  richtigen,  weisen  Form 
an  seinen  Ursprung  angliedern,  wenn  wir  es  im  Zusammenhang  mit 
dem  Kosmos  betrachten.  So  kann  ausgieBen  das,  was  von  der  Geistes- 
wissenschaft  ausgeht,  iiber  das  ganze  Leben,  iiber  die  ganze  Mensch- 
heit, die  da  kommen  mufl,  eine  wirklich  neue  Stimmung.  Kiinstler 
haben  sie  vorbereitet,  aber  das  wirkliche  Verstandnis  muB  vielfach 
gerade  durch  die  spirituelle  Stimmung  erst  geschaffen  werden. 

Das  sind  so  einige  Andeutungen,  die  ich  Ihnen  geben  wollte 
gerade  auf  Grund  erneuter  intimer  Forschungen  iiber  das  Leben 
des  Menschen  zwischen  dem  Tode  und  der  neuen  Geburt.  Nichts 
ist  eigentlich  in  der  Geisteswissenschaft,  was  uns  nicht  in  unserer 
tiefsten  Empfindung,  im  tiefsten  Gefiihle  zugleich  beriihren  wiirde; 
nichts  bleibt  abstrakte  Vorstellung,  wenn  wir  es  richtig  erfassen  und 
verstehen.  Die  Blume  freut  uns  mehr,  wenn  wir  sie  anschauen,  als 
wenn  der  Botaniker  sie  zerfasert.  Die  weit  entfernte  Sternenwelt 
kann  ein  Gefuhl  der  Ahnung  uns  entwickeln,  aber  was  sich  darlebt 
darinnen,  das  geht  uns  erst  auf,  wenn  wir  uns  mit  der  Seele  in  die 
Spharen  hinaus  erheben  konnen.  Die  Pnanze  verliert,  wenn  sie  zer- 
fasert wird;  die  Sternenwelt  verliert  nichts,  wenn  wir  hinausgehen 
iiber  sie  und  wenn  wir  erkennen,  wie  der  Geist  mit  ihr  verbunden  ist. 

Kant  hat  ein  merkwiirdiges  Wort  ausgesprochen,  aber  nur  so  wie 
einer,  der  die  Ethik  einseitig  erfaBt  hat:  zwei  Dinge  beriihrten  ihn 
eigentiimlich,  der  bestirnte  Himmel  iiber  ihm  und  die  moralische 
Welt  in  ihm.  Beide  sind  eigentlich  dasselbe,  wir  nehmen  sie  nur 
aus  den  Himmelswelten  in  uns  herein.  Wenn  wir  etwas  Moralisches 
haben,  damit  geboren  werden,  so  ist  es  daher,  daB  uns  beim  Ein- 
schlafen,  bei  der  Zuriickentwickelung,  die  Merkursphare  viel  hat 
geben  konnen  und  die  Venus-Sphare,  wenn  wir  auftreten  mit  reli- 
giosen  Gefuhlen.  Wie  wir  des  Morgens  hier  im  irdischen  Leben 
gestarkt,  mit  wiedererwachten  Kraften  aufwachen,  so  werden  wir 
geboren  mit  dem,  was  uns  als  starkende  Kraft  der  Kosmos  gegeben 


hat;  wir  konnen  es  aufnehmen  gemaB  unserem  Karma.  In  dem 
MaBe,  als  das  Karma  gestattet,  kann  uns  der  Kosmos  die  Krafte 
geben,  so  daB  wir  mit  diesen  als  Anlagen  geboren  werden. 

So  zerfallt  das  Leben  zwischen  dem  Tode  und  der  neuen  Geburt 
in  zwei  Teile.  Zuerst  ist  es  unwandelbar.  Wir  leben  uns  dann  hin- 
auf,  die  Wesen  kommen  an  uns  heran;  wir  kommen  in  den  Schlaf, 
da  wird  es  wandelbar;  da  kommen  die  Krafte  in  uns  hinein,  mit 
denen  wir  geboren  werden.  Wenn  wir  diese  Entwickelung  des  Men- 
schen  so  ins  Auge  fassen,  dann  sehen  wir  ja  zugleich,  daB  der 
Mensch,  indem  er  sich  nach  dem  Tode  entwickelt,  zuerst  in  einer 
Welt  der  Visionen  lebt.  Was  der  Mensch  geistig-seelisch  ist,  lernt 
er  spater  erkennen.  Dann  kommen  die  Wesen  von  auBen,  die,  wie 
das  goldene  Morgensonnenlicht  die  Dinge  der  AuBenwelt  beleuch- 
tet,  nun  uns  beleuchten;  so  leben  wir  uns  hinauf,  so  dringt  die  gei- 
stige  Welt  auf  uns  ein.  Dieses  Sich-Hineinleben  in  die  geistige  Welt 
von  auBen,  das  tritt  zuerst  dann  hervor,  wenn  das  sozusagen  ganz 
reif  geworden  ist,  was  wir  selber  sind  in  unserer  visionaren  Welt, 
wenn  wir  als  Mensch  entgegentreten  den  Wesen  der  geistigen  Welt, 
die  von  alien  Seiten  wie  Strahlen  an  uns  herankommen. 

Versetzen  Sie  sich  jetzt  einmal  in  die  geistige  Welt,  wie  wenn  Sie 
zuschauen  konnten.  Da  kommt  der  Mensch  als  eine  Visionswolke 
hinauf,  da  ist  er  so  recht,  was  er  eigentlich  ist.  Dann  kommen  die 
Wesen  an  ihn  heran  und  beleuchten  ihn  von  auBen.  Die  Rose,  im 
Dunkel  sehen  Sie  sie  nicht;  wenn  wir  das  Licht  anziinden,  fallt  das 
Licht  auf  die  Rose,  darum  sehen  wir  die  Rose,  wie  sie  ist.  So  ist  es, 
wenn  der  Mensch  sich  hinausbegibt  in  die  geistige  Welt:  es  kommt 
das  Licht  der  geistigen  Wesen  an  ihn  heran.  Aber  es  gibt  einen 
Moment,  wo  der  Mensch  gar  deutlich  sichtbar  ist,  wo  er  beschienen 
wird  vom  Lichte  der  Hierarchien,  so  daB  er  eigentlich  zuruckstrahlt 
die  ganze  AuBenwelt,  und  da  erscheint  der  ganze  Kosmos  eigentlich 
vom  Menschen  zuriickgestrahlt.  Sie  konnen  sich  also  vorstellen: 
Erst  leben  Sie  weiter  als  eine  Wolke,  die  nicht  genug  beleuchtet  ist, 
dann  strahlen  Sie  das  Licht  des  Kosmos  zuriick  und  dann  losen  Sie 
sich  auf.  Einen  solchen  Moment  gibt  es,  wo  der  Mensch  das  kos- 
mische  Licht  zuruckstrahlt.  Bis  dahin  kann  man  sich  erheben. 


Dante  sagt  in  seiner  «Divina  Com  media »,  da/3  man  in  einem  gewissen 
Teile  der  geistigen  Welt  Gott  als  Mensch  sieht.  Diese  Stelle  ist  real 
gemeint,  sie  ist  anders  gar  nicht  verstandlich.  Man  kann  sie  als  eine 
schone  Sache  hinnehmen,  wie  es  die  Astheten  tun,  aber  im  inneren 
Gehalt  kann  man  sie  nicht  verstehen.  Das  ist  wieder  solch  ein  Fall, 
wo  wir  die  geistige  Welt  gespiegelt  sehen  in  den  Werken  der  Kiinst- 
ler;  so  auch  namentlich  in  den  Werken  der  groBen  Tonkiinstler  der 
letzten  Zeit,  bei  Beethoven,  Wagner,  Bruckner.  Da  wird  es  einem  so 
gehen,  wie  es  mir  vor  einigen  Tagen  gegangen  ist,  wo  ich  mich 
eigentlich  gewehrt  habe  gegen  eine  Erkenntnis,  weil  sie  zu  frappie- 
rend  ist.  Es  gibt  in  Florenz  die  Mediceer-Kapelle,  wo  Michelangelo 
die  zwei  Denkmaler  der  Mediceer  geschaffen  hat  und  vier  allego- 
rische  Figuren,  «Tag  und  Nacht,  Morgen-  und  Abenddammerung». 
Man  redet  leicht  von  frostiger  Allegorie;  aber  wenn  man  sich  die 
vier  Figuren  ansieht,  so  erscheinen  sie  doch  als  etwas  anderes  denn 
als  frostige  Allegorien.  Da  ist  eine  Figur,  die  «Nacht».  Sehen  Sie, 
da!3  es  mit  der  Forschung  auf  diesem  Gebiete  nicht  besonders  gut 
stent,  hat  sich  mir  deshalb  schon  gezeigt,  daB  iiberall  gefunden  wird, 
da£  von  den  beiden  Mediceer-Denkmalern  von  Lorenzo  und  Giu- 
liano,  Lorenzo  derjenige  ist,  der  fur  den  Sinnenden  gehalten  wird. 
Nun  hat  sich  mir  vom  okkulten  Standpunkte  gezeigt,  daB  das 
gerade  umgekehrt  ist,  denn  derjenige,  den  die  Historiker  als  Lorenzo 
ansprechen,  ist  der  Giuliano  und  umgekehrt.  Das  wird  sich  auch 
historisch  beweisen  lassen  aus  dem  Charakter  der  beiden  Person- 
lichkeiten.  Die  Denkmaler  stehen  auf  Postamenten,  es  wird  eben 
im  Laufe  der  Zeiten  wahrscheinlich  eine  Verwechslung  stattgefun- 
den  haben.  Das  wollte  ich  nicht  eigentlich  sagen,  ich  wollte  nur 
bemerken,  daB  da  die  Dinge  in  der  auBeren  Forschung  etwas  hapern. 

An  einer  der  Figuren,  an  der,  die  als  «Nacht»  bezeichnet  wird, 
kann  man  gerade  recht  kiinstlerische  Studien  machen,  wie  die  Ge- 
barden  sind,  wie  die  Stellung  ist  des  ruhenden  Korpers,  das  Haupt 
in  die  Hand  gestutzt,  der  Arm  auf  das  Bein,  wie  dies  gestellt  ist  — 
wenn  man  das  also  alles  kiinstlerisch  studiert,  kann  man  das  Ganze 
dann  so  zusammenfassen,  daB  man  sagt:  Wenn  der  Atherleib  ganz 
besonders  tatig  ist  im  Menschen  und  wenn  das  dargestellt  werden 


sollte,  so  muBte  es  in  dieser  Weise  dargestellt  werden;  so  driickt 
sich  das  in  der  Gebarde,  in  der  AuBerlichkeit  aus,  wenn  der  Mensch 
ruht.  Wenn  der  Mensch  schlaft,  ist  der  atherische  Leib  am  meisten 
tatig.  Die  angemessenste  Stellung  hat  Michelangelo  in  der  «Nacht» 
geschaffen.  Wie  die  Gestalt  daliegt,  ist  das  der  wirksame  Ausdruck 
fur  den  tatigen  Atherleib,  den  Lebensleib. 

Wenn  man  zum  «Tag»  iibergeht,  der  auf  der  anderen  Seite  liegt, 
ist  das  der  angemessenste  Ausdruck  fur  das  Ich;  die  Gestalt  der 
«Morgendammerung»  fur  den  Astralleib,  die  des  «Abends»  fiir 
den  physischen  Leib.  Das  sind  keine  Allegorien,  sondern  das  sind 
aus  dem  Leben  heraus  gewonneneWahrheiten,  mit  einer  ungeheuer 
kiinstlerisch  bedeutsamen  Tiefe  da  verewigt.  Ich  habe  mich  gewehrt 
gegen  diese  Erkenntnis,  aber  je  genauer  ich  studiert  habe,  desto 
klarer  ist  es  geworden.  Ich  wundere  mich  jetzt  nicht  mehr  iiber 
eine  Legende,  die  damals  in  Florenz  entstanden  ist.  Es  hieB,  Michel- 
angelo habe  Macht  iiber  die  «Nacht»;  wenn  er  allein  mit  ihr  in  der 
Kapelle  sei,  stehe  sie  auf  und  gehe  herum.  Wenn  sie  der  Ausdruck 
ist  fiir  den  Atherleib,  ist  es  kein  Wunder.  Ich  wollte  damit  nur 
sagen,  wie  klar  und  anschaulich  alles  wird,  wenn  wir  immer  mehr 
und  mehr  lernen,  alles  vom  Standpunkte  des  Okkultismus  anzu- 
schauen. 

Am  meisten  aber  wird  beigetragen  zur  Entwickelung  des  gei- 
stigen  Lebens  und  der  Kultur,  wenn  der  Mensch  dem  Menschen  so 
gegeniibertritt,  daB  er  voraussetzt  und  ahnt  das  okkult  Verborgene. 
Dann  wird  das  rechte  Verhaltnis  von  Mensch  zu  Mensch  gewonnen 
werden,  und  die  Liebe  wird  einziehen  in  die  menschliche  Seele  in 
der  Gestalt,  in  der  sie  wirklich  echt  menschlich  ist,  wo  der  Mensch 
dem  Menschen  entgegentritt  so,  daB  der  Mensch  dem  Menschen 
ein  heiliges  Ratsel  ist.  In  diesem  Verhalten  kultiviert  sich  erst,  was 
das  richtige  Verhaltnis  der  Menschenliebe  ist. 

So  wird  Geisteswissenschaft  dasjenige  sein,  was  nicht  stets  zu 
betonen  braucht  auBerliche  Pflege  von  allgemeiner  Menschenliebe, 
sondern  sie  wird  dasjenige  sein,  was  diese  Menschenliebe  durch  die 
rechte  und  wahrhaft  echte  Erkenntnis  im  menschlichen  Seelenleben 
empfangen  wird. 


DAS  LEBEN  ZW1SCHEN  DEM  TODE 
UND  EINER  NEUEN  GEBURT 

Munchen,  26.  November  1912 
Erster  Vortrag 

Die  Welt  der  okkulten  Tatsachen  —  wir  haben  das  ja  oftmals 
betont  —  ist  nicht  etwa  so  einfach  zu  untersuchen  und  darzustellen, 
wie  man  sehr  haufig  meint,  und  derjenige,  der  auf  diesem  Gebiete 
gewissenhaft  vorgehen  will,  wird  sich  immer  wieder  und  wiederum 
in  die  Notwendigkeit  versetzt  fiihlen,  gewisse  wichtige  Kapitel  der 
Geistesforschung  sozusagen  aufs  neue  zu  untersuchen.  Und  so  oblag 
mir  denn  gerade  in  den  letzten  Monaten  unter  mancherlei  anderem, 
wiederum  von  neuem  ein  Kapitel  zu  untersuchen,  iiber  welches  wir 
ja  auch  hier  schon  ofters  gesprochen  haben.  Bei  solch  neuen  Unter- 
suchungen  ergeben  sich  dann  neue  Gesichtspunkte.  Das  Kapitel, 
um  das  es  sich  da  handelt  und  das  wir  heute,  wenn  das  auch  nur 
skizzenhaft  geschehen  kann,  ein  wenig  beschreiben  wollen,  handelt 
iiber  das  Leben  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt.  Wenn 
gesagt  worden  ist,  neue  Gesichtspunkte  haben  sich  dabei  ergeben, 
so  ist  das  nicht  so  zu  nehmen,  als  ob  etwa  deshalb  das,  was  friiher 
gesagt  worden  ist,  irgend  verandert  zu  denken  ware.  Das  ist  gerade 
bei  diesem  Kapitel  nicht  der  Fall.  Aber  es  ist  ja  einmal  so  bei  der 
Betrachtung  der  iibersinnlichen  Tatsachen,  daB  man  ihnen  eigent- 
lich  nur  dann  wirklich  nahetritt,  wenn  man  sie  von  den  verschie- 
densten  Gesichtspunkten  aus  ins  Auge  faBt.  Und  so  werden  wir 
vielleicht  manches  von  dem,  was  zum  Beispiel  in  meiner  «Theo- 
sophie»  oder  «Geheimwissenschaft»  mehr  von  dem  Gesichtspunkt 
des  unmittelbaren  menschlichen  Erlebens  dargestellt  worden  ist, 
heute  von  einem  universelleren  Standpunkt  aus  darzustellen  haben. 
Die  Dinge  sind  dieselben,  aber  man  soil  eben  nicht  glauben,  daB 
man  sie  schon  kennt,  wenn  man  sie  von  einem  Standpunkt  aus  ein- 
mal charakterisiert  erhalten  hat.  Gerade  die  okkulten  Tatsachen  sind 
solche,  daB  man  gleichsam  um  sie  herumgehen  und  von  den  ver- 
schiedensten  Gesichtspunkten  aus  anschauen  muB.  In  der  Beurtei- 


lung  dieser  Dinge,  die  von  der  Geisteswissenschaft  mitgeteilt  wer- 
den,  wird  ja  am  haufigsten  der  Fehler  gemacht,  daB  die  Leute  urtei- 
len,  die,  sagen  wir,  gerade  ein  paar  Ausfiihrungen  iiber  eine  Sache 
gehort  haben  und  nicht  die  Geduld  besitzen,  wirklich  alles,  was 
gesagt  werden  kann,  von  den  verschiedensten  Gesichtspunkten  aus 
auf  sich  wirken  zu  lassen.  Dann  tritt  schon  auch  fiir  den  gewohn- 
lichen  gesunden  Menschenverstand  das  Verstandnis  ein,  von  dem 
wir  gestern  im  offentlichen  Vortrage  iiber  «Wahrheiten  der  Geistes- 
forschung»  gesprochen  haben.  Wir  wollen  heute  nicht  so  sehr  da 
beginnen,  wo  das  Leben  nach  dem  Tode,  welches  wir  gewohnlich 
als  das  Kamaloka  bezeichnen,  anhebt,  sondern  hauptsachlich  da, 
wo  das  Kamaioka-Leben  zu  Ende  geht  und  das  Leben  in  der  geistigen 
Welt  beginnt,  hauptsachlich  nach  dem  Kamaloka-Leben  bis  zum 
Wiedereintritt  in  ein  neues  Erdenleben,  und  wo  die  Krafte  sich 
bilden  zu  einer  neuen  Inkarnation. 

Sie  wissen,  daB  das  hellseherische  Hineinschauen  in  die  geistige 
Welt  einen  in  einer  gewissen  Beziehung  in  dieselbe  Lage  versetzt, 
in  welcher  der  Mensch  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt 
ist,  so  daB  innerhalb  der  Einweihung  eben  das  erlebt  wird,  was  auch 
zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  erlebt  wird,  wenn  auch 
in  etwas  anderer  Weise.  Und  damit  ist  ja  iiberhaupt  die  Moglich- 
keit  gegeben,  iiber  diese  Dinge  sprechen  und  etwas  dariiber  mittei- 
len  zu  kbnnen.  Da  mochte  ich  zunachst  iiber  zwei  wichtige  Dinge 
der  hellseherischen  Anschauung  sprechen,  die  auch  zum  Verstand- 
nis des  Lebens  nach  dem  Tode  fiihren  konnen.  Zunachst  ist  ja  schon 
ofters  aufmerksam  darauf  gemacht  worden,  wie  verschieden  das 
ganze  Leben  in  der  iibersinnlichen  Welt  gegeniiber  dem  Leben  hier 
in  der  physischen,  in  der  sinnlichen  Welt  ist.  Wenn  wir  in  die  iiber- 
sinnliche  Welt  hinaufkommen,  dann  ist  zum  Beispiel  schon  der 
ganze  ErkenntnisprozeB  ein  anderer  als  hier  in  der  physischen  Welt. 
Hier  in  der  physischen  Welt,  da  gehen  wir  gleichsam  durch  diese 
Welt,  und  die  Dinge  treten  an  unsere  Sinne  heran,  die  Dinge 
machen  ihre  Farben-  und  Lichteindriicke  auf  unsere  Augen,  Gehors- 
eindriicke  auf  unsere  Ohren  und  andere  Eindriicke  auf  unsere  an- 
deren  Sinnesorgane.  Wir  nehmen  die  Dinge  wahr,  wir  gehen  durch 


die  Welt  und  miissen  durch  die  Welt  gehen,  wenn  wir  die  Dirtge 
wahrnehmen  wollen,  und  es  hilft  uns  nichts  zur  Wahrnehmung 
irgendeines  Dinges,  das  an  einem  entfernten  Orte  ist,  wenn  wir 
nicht  hingehen;  kurz,  wir  miissen  uns  in  der  Welt  der  Sinne  regen, 
wir  miissen  uns  bewegen,  wenn  wir  die  Dinge  wahrnehmen  wollen. 
Das  genau  Entgegengesetzte  gilt  fur  die  Wahrnehmungen  in  der 
iibersinnlichen  Welt.  Je  ruhiger  wir  in  unserer  Seele  werden,  je 
mehr  wir  sozusagen  alles  von  innerer  Beweglichkeit  ausschlieBen, 
je  weniger  wir  irgendein  Ding  aufsuchen,  je  weniger  wir  danach 
streben  konnen,  daB  dieses  Ding  zu  uns  komme,  je  mehr  wir  warten 
konnen,  desto  sicherer  tritt  die  Wahrnehmung  des  Dinges  ein,  desto 
wahrer  ist  dann  die  Empfindung,  das  Erlebnis,  das  wir  von  dem 
Dinge  haben  konnen.  In  der  iibersinnlichen  Welt  miissen  wir  die 
Dinge  an  uns  herankommen  lassen,  das  ist  das  Wesentliche.  Innere 
Ruhe,  die  miissen  wir  uns  erwerben,  dann  kommen  die  Dinge  an 
uns  heran. 

Und  das  zweite,  das  ich  beruhren  mochte,  ist  dieses,  daB,  wenn 
wir  die  iibersinnliche  Welt  betreten,  wir  gar  sehr  notig  haben  zu 
beriicksichtigen,  daB  die  ganze  Art,  wie  uns  diese  iibersinnliche  Welt 
entgegentritt,  abhangig  ist  von  dem,  was  wir  aus  der  sinnlichen 
Welt,  aus  unserer  gewohnlichen  menschlich-sinnlichen  Welt  in  diese 
iibersinnliche  Welt  hinein  mitbringen.  Das  gibt  zuweilen  recht 
groBe  Seelenschwierigkeiten  in  der  iibersinnlichen  Welt.  Es  mag 
fur  uns  in  der  sinnlichen  Welt  zuweilen  recht  peinlich  sein,  wenn 
wir  wissen,  wir  haben  einen  Menschen  weniger  lieb,  als  wir  ihn 
eigentlich  haben  sollten,  als  er  verdiente,  von  uns  geliebt  zu  wer- 
den. Demjenigen,  der  mit  so  etwas  behaftet  in  die  iibersinnliche 
Welt  hineintritt,  daB  er  einen  Menschen  weniger  liebt,  als  derselbe 
geliebt  werden  sollte,  steht  dies  mit  einer  viel,  viel  groBeren  In- 
tensitat  vor  dem  geistigen  Auge,  als  es  jemals  uns  vor  die  Seele 
treten  kann  hier  in  der  physisch-sinnlichen  Welt.  Aber  nun  kommt 
etwas  dazu,  und  das  ist  das  ungeheuer  Wichtige,  was  oftmals  gerade 
dem  hellseherischen  BewuBtsein  die  groBten  Seelenschmerzen 
machen  kann.  Alle  Krafte,  die  wir  aus  der  iibersinnlichen  Welt 
herausziehen  konnen,  alles,  was  wir  in  der  iibersinnlichen  Welt 


gewinnen  konnen,  kann  uns  nichts  helfen,  um  irgendein  Seelen- 
verhaltnis,  das  wir  als  nicht  richtig  erkennen  in  der  physischen 
Welt,  etwa  durch  Krafte,  die  wir  aus  der  iibersinnlichen  Welt 
holen,  besser  zu  machen.  Das  gibt  gegeniiber  all  dem,  was  uns  in 
der  sinnlichen  Welt  peinigen  kann,  etwas  viel  ^e'migenderes  noch 
in  der  iibersinnlichen  Welt;  es  gibt  ein  gewisses  Gefiihl  der  Ohn- 
machtigkeit  gegeniiber  dem  notwendigen  Ausleben  des  Karma, 
das  ja  geschehen  muB  in  der  sinnlich-physischen  Welt. 

Sehen  Sie,  diese  beiden  Dinge,  die  dem  Schiiler  der  okkulten 
Wissenschaft  sehr  bald  entgegentreten,  wenn  er  nur  ein  wenig 
Fortschritte  macht,  sie  treten  sofort  auf  in  dem  Leben  zwischen  dem 
Tod  und  einer  neuen  Geburt.  Nehmen  wir  nur  einmal  den  Fall, 
daft  wir  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt,  bald  nach 
unserem  Tode,  mit  menschlichen  Wesenheiten  zusammentreffen,  die 
vielleicht  vor  uns  hier  in  der  physischen  Welt  gestorben  sind.  Wir 
treffen  mit  ihnen  zusammen;  wir  konnen  das  ganze  Verhaltnis 
empfinden,  das  wir  zu  ihnen  hier  in  der  physischen  Welt  gehabt 
haben.  Wir  sind  sozusagen  mit  einem  vor  uns  oder  jetzt  oder  nach 
uns  Hingestorbenen  zusammen  und  empfinden:  Genau  so  standest 
du  im  Leben  zu  diesem  Menschen,  so  war  dein  Verhaltnis  zu  ihm. 
Wahrend  wir  aber  in  der  physischen  Welt,  wenn  wir  zum  Beispiel 
darauf  kommen,  daB  wir  einem  Menschen  Unrecht  getan  haben  in 
unseren  Gefiihlen  oder  Taten,  imstande  sind,  irgend  etwas  dazu  zu 
tun,  um  die  Sache  auszugleichen,  sind  wir  das  in  dem  Leben  nach 
dem  Tode  durchaus  nicht  unmittelbar.  Wir  sehen  klar  ein:  So  steht 
es  mit  unserem  Verhaltnis,  aber  wir  sehen,  daB  es  unmoglich  ist, 
innerhalb  dieser  iibersinnlichen  Welt  irgend  etwas  auch  aus  der  tief- 
sten  Einsicht,  daB  es  anders  sein  sollte,  zu  andern.  Es  muB  zunachst 
so  bleiben,  wie  es  ist.  Das  ist  das  Driickende  manches  Vorwurfes, 
daB  man  klar  durchschaut,  wie  das  Verhaltnis  nicht  hatte  sein  sol- 
len,  aber  daB  man  es  so  lassen  muB,  wahrend  man  immer  die  Emp- 
findung  hat,  es  sollte  anders  sein.  Und  das  wird  zu  ubertragen  sein 
auf  das  gesamte  Leben  nach  dem  Tode.  Die  Dinge,  von  denen  wir 
wissen,  sie  sind  von  uns  nicht  tichtig  gemacht  im  Leben,  wir  sehen 
sie  um  so  tiefer  ein  nach  dem  Tode;  aber  wir  miissen  sie  so  lassen, 


wie  sie  sind,  miissen  sie  so  weiterleben,  wie  sie  sind.  Wir  sehen  gleich- 
sam  zuriick  auf  das,  was  wir  getan  haben,  aber  wir  miissen  vollstandig 
die  Konsequenz  dessen  ausleben,  was  wir  getan  haben,  und  haben 
das  deutliche  Erlebnis,  daJ3  wir  nichts  daran  andern  konnen. 

So  geht  es  nicht  nur  mit  den  Beziehungen  zu  anderen  Menschen, 
so  geht  es  mit  unserem  gesamten  seelischen  Leben  nach  dem  Tode. 
Denn  dieses  seelische  Leben  hangt  von  mancherlei  ab.  Zunachst 
mochte  ich  wie  durch  Imaginationen  schildernd  dieses  Leben 
nach  dem  Tode  ein  wenig  darstellen.  Wenn  man  den  Ausdruck 
Visionen  oder  Imaginationen  so  nimmt,  wie  das  gestern  zum  Bei- 
spiel  auseinandergesetzt  worden  ist,  so  kann  kein  MiBverstandnis 
entstehen  iiber  das,  was  jetzt  gesagt  werden  soil.  Wahrend  der 
Mensch  hier  durch  seine  Organe  in  der  Sinneswelt  wahrnimmt, 
lebt  er  nach  dem  Tode  sozusagen  in  einer  Welt  von  Visionen,  nur 
daB  diese  Visionen  Abbilder  von  Wirklichkeiten  darstellen.  Wie 
wir  das  innere  Wesen  der  Rose  hier  in  der  physischen  Welt  nicht 
unmittelbar  wahrnehmen,  sondern  die  Rote  auBerlich,  so  nehmen 
wir  einen  verstorbenen  Freund  oder  Bruder  oder  dergleichen  nicht 
unmittelbar  wahr,  sondern  das,  was  wir  nach  dem  Tode  haben,  ist 
das  visionare  Bild.  Wir  sind  sozusagen  in  der  Wolke  unserer  Visio- 
nen darinnen,  aber  wir  wissen  ganz  genau:  wir  sind  mit  dem  ande- 
ren zusammen;  es  ist  ein  reales  Verhaltnis,  ja  ein  viel  realeres,  als 
es  hier  auf  der  Erde  zwischen  Mensch  und  Mensch  sein  kann.  Durch 
das  Bild  nehmen  wir  das  Wesen  wahr.  In  der  ersten  Zeit,  auch  nach 
der  Kamalokazeit  ist  es  so,  daB  unsere  uns  umgebenden,  von  uns 
erlebten  Visionen  so  sind,  daB  sie  eigentlich  zumeist  auf  das,  was 
wir  hier  auf  der  Erde  erlebt  haben,  in  dem  angedeuteten  Sinn  zu- 
riickweisen.  Wir  wissen,  sagen  wir,  es  ist  auBer  uns  ein  verstorbener 
Freund  hier  in  der  geistigen  Welt;  wir  nehmen  ihn  durch  unsere 
Vision  wahr.  Di
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