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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der ANTHROPOSOPHISCHEN gesellschaft
RUDOLF STEINER
Okkulte Untersuchungen
iiber das Leben
zwischen Tod und neuer Geburt
Die lebendige Wechselwirkung
zwischen Lebenden und Toten
Zwanzig Vortrage, gehalten 1912/1913
in verschiedenen Stadten
2003
RUDOLF STEINER VERLAG
Die Herausgabe der 5. Auflage besorgte
Walter Kugler
Bibliographischer Nachweis bisheriger Ausgaben
Seite 385
Einband-Entwurf von Assja Turgenieff
Band GA 140
5., unveranderte Auflage 2003
© 2003 by Rudolf Steiner Verlag, Dornach
© 1961 by Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der foto-
mechanischen und elektronischen Wiedergabe, vorbehalten.
Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Greiser Druck, Rastatt
ISBN 3-7274-1400-6
Xu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Rudolf Steiner hat seine Vortrage stets frei, also ohne Manuskript, gehalten.
Viele seiner Voriiberlegungen hielt er lediglich in Stichworten, manchmal
auch in kurzen Satzen, Schemata oder Skizzen in seinen Notizbiichern fest,
ohne daft er sie weiter schriftlich ausgearbeitet hatte. Nur in ganz wenigen
Fallen liegen vorbereitete schriftliche Zusammenfassungen vor, die fur Uber-
setzer bestimmt waren. Er hat jedoch der Veroffentlichung seiner Vortrage
zugestimmt, auch wenn er selbst nur einige wenige fur den Druck vorberei-
ten konnte.
Die in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe veroffentlichten Vortrage basie-
ren in der Regel auf Ubertragungen stenographischer Aufzeichnungen, die
wahrend des Vortrages von Zuhorern oder hinzugezogenen Fachstenogra-
phen angefertigt wurden. Verschiedentlich - und dies gilt fur die Anfangsjah-
re seiner Vortragstatigkeit, etwa bis 1905 - dienen auch schriftliche Ausarbei-
tungen durch Zuhorer als Textgrundlage. Fiir die Drucklegung werden die
Ubertragungen in Langschrift oder Zuhorernotizen von den Bearbeitern
(Herausgebern) einer eingehenden Priifung unterzogen, insbesondere hin-
sichtlich Sinn, Satzbau und Genauigkeit der Wiedergabe von Zitaten, Eigen-
namen oder Fachbegriffen. Bei auftretenden Komplikationen, wie zum Bei-
spiel nicht entschlusselbaren Satz- und Wortgebilden oder Liicken im Text,
werden, soweit vorhanden, die Originalstenogramme zur Abklarung hinzu-
gezogen.
Weitere Angaben, die Besonderheiten der Textgrundlagen, der Bearbei-
tung sowie die Entstehungsgeschichte der im vorliegenden Band veroffent-
lichten Vortrage betreffend, befinden sich am Schlufi des Bandes.
Die Herausgeber
INH ALT
(Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe Seite 377)
Untersuchungen iiber das Leben zwischen Tod und neuer Geburt
Mailand, Erster Vortrag, 26. Oktober 1912 9
Mailand, Zweiter Vortrag, 27. Oktober 1912 25
Der Durchgang des Menschen durch die Planetenspharen und die
Bedeutung der Christus-Erkenntnis
Hannover, 18. November 1912 38
Die neuesten Ergebnisse okkulter Forschung iiber das Leben
zwischen Tod und neuer Geburt
Wien, 3. November 1912 61
Das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
Munchen, Erster Vortrag, 26. November 1912 82
Miinchen, Zweiter Vortrag, 28. November 1912 108
Einiges iiber die Technik des Karma im Leben nach dem Tode
Bern, IX Dezember 1912 125
Zwischen Tod und neuer Geburt
Wien, 21. Januar 1913 (Horernotizen) 147
Vom Leben nach dem Tode
Linz, 26. Januar 1913 158
Anthroposophie als Empfindungs- und Lebensgehalt. Andacht
und Ehrfurcht vor dem Verborgenen
Tubingen, 16. Februar 1913 175
Die kosmische Seite des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt.
Der Weg durch die Sternenspharen
Stuttgart, Erster Vortrag, 1 7. Februar 1913 189
Das gegenseitige In-Beziehung-Treten zwischen den Lebenden
und den sogenannten Toten
Stuttgart, Zweiter Vortrag, 20. Februar 1913 207
Die Mission des Erdenlebens als Durchgangspunkt fur das Jenseits
Frankfurt, 2. Mdrz 1913 227
liber das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. - Die Zusam-
menhange zwischen der sinnlichen und der ubersinnlichen Welt
Miinchen, Erster Vortrag, 10. Mdrz 1913 244
Vom Durchgang des Menschen nach dem Tode durch die
Spharen des Kosmos
Miinchen, Zweiter Vortrag, 12. Mdrz 1913 266
Erganzende Tatsachen uber das Leben zwischen Tod und neuer
Geburt
Breslau, 5. April 1913 (Horernotizen) 288
Uber den Verkehr mit den Toten
Dusseldorf, 27. April 1913 (Horernotizen) 301
Das Leben nach dem Tode
Strafiburg, 13. Mai 1913 (Horernotizen) 317
Die lebendige Wechselwirkung zwischen Lebenden und Toten
Bergen, Erster Vortrag, 10. Oktober 1913 324
Die Umwandlung menschlich-irdischer Krafte zu Kraften hell-
seherischer Forschung
Bergen, Zweiter Vortrag, 11. Oktober 1913 344
Anhang
Zu dieser Ausgabe 367
Textgrundlagen 367
Hinweise zum Text 368
Namenregister 376
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 377
Weitere Ausfuhrungen zum Thema im Werk Rudolf Steiners . . 384
Bibliographiscker Nachweis bisheriger Ausgaben 385
Zum Werk Rudolf Steiners 386
U NITERS UCH UN GEN UBER DAS LEBEN
ZWISCHEN TOD UND NEUER GEBURT
Mailand, 26. Oktober 1912
Enter Vortrag
Es soli an diesem heutigen Abend meine Aufgabe sein, Ihnen von
einigen Eigentiimlichkeiten in der Erkenntnis der spirituellen Welt
zu sprechen und auch die Konsequenzen solcher Erkenntnisse fur
das ganze Leben anzudeuten. Derjenige, welcher die Aufgabe zu-
geteilt erhalten hat, aus den spirituellen Welten etwas seinen Mit-
menschen mitzuteilen, kann nicht oft genug daran gehen, seine
Erkenntnisse immer wieder zu priifen auf ihre Richtigkeit und auf
ihre absolute spirituelle Korrektheit hin. Meine Ausfiihrungen wer-
den zuletzt darauf hinauslaufen, Ihnen einiges mitzuteilen von
Erkenntnissen des menschlichen Lebens zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt. Es ist mir gerade in der letzten Zeit moglich
gewesen, die Untersuchungen, die der menschliche Geist auf diesem
Boden machen kann, einmal griindlich durchzupriifen; und von
dieser griindlkhen Durchpriifung mochte ich Ihnen heute im zwei-
ten Teile meiner Ausfiihrungen sprechen. Es ist namlich notwen-
dig, daB ich im ersten Teil meines Vortrages einige Bemerkungen
iiber die Art der Erlangung spiritueller Erkenntnisse vorausschicke.
Zur Erlangung spiritueller Erkenntnisse ist eine ganz bestimmte
Verfassung der menschlichen Seele notwendig. Und diese Verfas-
sung der menschlichen Seele ist in gewisser Beziehung durchaus
entgegengesetzt jener Verfassung, welche die menschliche Seele im
auBeren Leben auf dem physischen Plan hat. Im auBeren Leben,
insbesondere in unserer Gegenwart, ist die menschliche Seele im
Grunde in einer fortwahrenden Unruhe. Von Stunde zu Stunde im
Laufe des Tages bekommt die Seele fortwahrend neue Eindriicke,
und weil die menschliche Seele sich doch mit ihren Eindriicken
identifiziert, so bedeutet das eine fortwahrende Unruhe der Seele.
Das Gegenteil muB bei demjenigen in der Seele eintreten, der
in die spirituelle Welt hineindringen will. Die erste Bedingung zum
Aufsteigen in die spirituelle Welt und zum Begreifen der Erkennt-
nisse aus den spirituellen Welten ist vollstandige Ruhe, Stetigkeit,
innere Ruhe der Seele. Diese Ruhe der Seele ist schwieriger her-
zustellen, als man glauben konnte. Schweigen miissen, damit diese
Ruhe der Seele hergestellt werden kann, vor alien Dingen alle Auf-
regungen, alle Besorgnisse, alle Kiimmernisse und sogar die In-
teressen des auBeren Lebens wahrend der Zeit, in welcher wir uns
in die spirituelle Welt versetzen wollen. Es muB so sein, wie wenn
wir an einem Punkte der Welt stehen wiirden und keinen Willen
hatten, von diesem Punkte auch nur ein wenig wegzutreten, damit
die Dinge der geistigen Welt an uns voriiberziehen konnen. Dabei
aber miissen wir bedenken, daJ3 wir in dem alltaglichen Leben auf
dem physischen Plan von einem Dinge zum anderen gehen konnen,
und die Dinge sind da. Das ist nicht so in der geistigen Welt. In
der geistigen Welt miissen wir durch unser Denken, durch unser
Vorstellen tatsachlich die Dinge erst an uns, an den ruhenden
Punkt in uns herantragen. Wir miissen gleichsam aus uns heraus-
treten, in die Dinge hinein uns begeben, und dann von auBen die
Dinge zu uns heranbringen. Dabei machen wir dann Erfahrungen,
welche beangstigend sein konnen fiir die menschliche Seele.
Wir entdecken, daB wir im gewohnlichen Leben auf dem physi-
schen Plan die Dinge andern konnen, daB wir uns selber verbessern
konnen, wenn wir die Dinge falsch sehen oder falsch machen. Alles
dieses ist auf dem geistigen Plan nicht mehr der Fall. Vielmehr
miissen wir auf dem geistigen Plan erfahren, daB uns die Dinge
wahr oder falsch erscheinen je nach dem, was schon in uns war in
dem Augenblicke, in welchem wir uns an den Geistesplan heran-
begeben. Alle Vorbereitung zum richtigen Erkennen der geistigen
Welten muB daher in die Zeit vor dem Eintreten in die geistige
Welt fallen; denn ist man einmal durch das Tor in die geistige
Welt eingetreten, so kann man nicht mehr das darin Geschaute
korrigieren, sondern macht die Fehler, die man nach seinen Charak-
tereigenschaften machen muB. Und um gewisse Fehler, die man
dann gemacht hat, ferner zu vermeiden, muB man wieder zuriick-
kommen auf den physischen Plan und auf dem physischen Plan
seine Eigenschaften verbessern, und dann zuriickkehren in die gei-
stige Welt, um es nun besser zu machen. — Sie werden daraus er-
sehen, wie ungeheuer notwendig eine gute, richtige Vorbereitung
fur die geistige Welt ist, bevor man dutch das Tor in die geistige
Welt eintritt.
Alles dieses, was ich hier sage, ist abhangig von den Entwicke-
lungszyklen der Menschen, und so wie die Dinge heute stehen fur
die Seele, so war es nicht immer. Gegenwartig muB der Mensch
sich vor einem zu starken Auftreten einer visionaren Schau beim
Eintreten in die geistige Welt mehr fiirchten, als sie willkommen
heiBen. Es konnen, wenn wir unsere Ubungen beginnen zum Auf-
steigen in die hoheren Welten, visionare Erscheinungen, visionare
Tatsachen auf den Menschen eindringen. Und es gibt nur eine
einzige Moglichkeit in der gegenwartigen Zeit, gegeniiber der visio-
naren Welt den Irrtum zu vermeiden. Diese einzige Moglichkeit
ist die Notwendigkeit, von seinen Visionen zuerst sich zu sagen,
man erkennt durch diese Visionen zunachst nichts anderes als sich
selber. Wenn eine ganze visionare Welt um uns herum auftritt, so
braucht diese nichts anderes zu sein als eine Spiegelung unseres
eigenen Wesens. Unsere Eigenschaften, unsere eigene Reife, alles
dasjenige, was wir denken und fiihlen, verwandelt sich in der visio-
naren Welt in Tatsachen, die fur uns wie eine objektive Welt aus-
sehen. Wenn wir zum Beispiel glauben, in der astralischen Welt
Wesenheiten oder Vorgange zu sehen, die uns vollig objektiv er-
scheinen, so braucht das nichts anderes zu sein als eine Spiegelung,
sagen wir zum Beispiel, irgendeiner unserer Tugenden oder Un-
tugenden oder auch nur unseres Kopfschmerzes. Derjenige, der zur
wirklichen Initiation aufsteigen will, muB insbesondere heute dazu
gelangen, das, was ihm in der visionaren Welt entgegentritt, den-
kend zu begreifen, denkend zu durchdringen. Der zu Initiierende
wird daher nicht eher ruhen, als bis er dasjenige, was ihm in der
visionaren Welt entgegentritt, so begriffen hat wie das, was ihm in
der physischen Welt entgegentritt.
Nun treten uns aber, wenn wir zur Initiation aufsteigen, die-
jenigen Dinge entgegen, die wir auch in der Welt zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt durchleben. Es entstand nun in der
letzten Zeit fiir meine okkulten Untersuchungen die Frage: Wie
verhalt sich die vision'are Welt, die man finden kann durch Initia-
tion oder durch eine den Atherleib lockernde Erschiitterung, zu der
Welt, in der man lebt zwischen Tod und neuer Geburt? — Da
ergab sich denn das Folgende: Wenn wir also von der Zeit des
Kamaloka an, die Sie ja kennen, unsere Aufmerksamkeit lenken
auf die weitere Zeit zwischen Tod und neuer Geburt, da sehen wir
zunachst, daB wir in einer Art objektiven Welt leben, die sich ver-
gleichen laBt mit der Welt des Initiierten. Das soil nicht bedeuten,
daB wir nach dem Tode nicht in einer wirklichen Welt lebten;
wir leben in einer absolut realen Welt, leben mit denen, mit wel-
chen wir in Beziehung getreten sind schon in dieser physischen
Welt, in durchaus wirklichen Verhaltnissen. Aber wie auf der Erde
uns alles vermittelt wird durch die Wahrnehmung der Sinne, so
werden uns alle Dinge nach dem Tode vermittelt durch die Visionen.
Setzen wir den Fall, wir treffen nach dem Tode in der geistigen
Welt jemanden, der vor uns verstorben ist. Er ist in der Wirklich-
keit fiir uns da, wir stehen ihm wirklich gegeniiber, aber wir miis-
sen ihn auch wahrnehmen konnen, miissen in eine Beziehung zu
ihm treten in der visionaren Welt, geradeso, wie wir in der physi-
schen Welt mit einem Menschen durch Augen und Ohren in Bezie-
hung treten miissen. Nun aber stellt sich eine Schwierigkeit ein,
welche ebenso vorhanden ist fiir die Erfahrung des Initiierten, wie
sie zwischen dem Tode und einer neuen Geburt vorhanden ist: die
visionare Welt gibt uns zunachst, wie schon angedeutet, nur eine
Spiegelung unseres eigenen Wesens. Wenn ein Mensch so, wie es
charakterisiert worden ist, uns in der geistigen Welt entgegentritt,
dann steigt eine Vision auf. Diese Vision gibt aber zunachst nichts
anderes wieder als die Art von Liebe oder Antipathie, die wir hier
fiir ihn gehabt haben, oder eine andere Beziehung, die wir zu dem
haben, der uns in der geistigen Welt entgegentritt. Wir konnen
also einem Menschen gegeniiberstehen in der geistigen Welt und
doch nichts anderes wahrnehmen als dasjenige, was sich in uns
festgesetzt hat vor dem Tode. Es kann also sein, daB wir dem Men-
schen gegeniibertreten und uns mit unseren eigenen Empfindungen,
Sympathien oder Antipathien wie mit einem visionaren Nebel um-
geben, so daB er gerade die Veranlassung wird, daB wir uns durch
unseren eigenen Nebel von ihm abschlieBen. Das wichtigste dabei
ist, daB ein solches Verhalten einem Menschen gegeniiber in der
geistigen Welt nach dem Tode verkniipft ist mit einer realen Emp-
findung, mit einem realen inneren Erlebnis. Wir fiihlen zum Bei-
spiel, daB wir einen Menschen, den wir im Leben nicht vollstandig,
wie wir es hatten tun sollen, geliebt haben, nicht mehr nach dem
Tode lieben konnen, als wie wir ihn im Leben geliebt haben, trotz-
dem wir ihm gegeniiberstehen und ihn mehr lieben mochten, und
das nicht mehr gutmachen konnen, was wir im physischen Leben
versaumt haben. Dieses Nichtkonnen, dieses Seine-eigene-Seele-ab-
solut-nicht-besser-entwickeln-Konnen, das kann empfunden werden
als eine ungeheure Pressung der Seele und wird auch nach dem
Tode so empfunden.
Und hier komme ich auf das Kapitel, das sich mir in der letzten
Zeit ergeben hat: Die ersten Erlebnisse im sogenannten Devachan
sind im wesentlichen erfullt von dem, was sich schon festgesetzt
hat in unserer Seele als unsere Beziehungen zu anderen Menschen
vor unserem Tode. Wir konnen zum Beispiel einem Menschen
gegeniiber in einer ganz bestimmten Zeit nach dem Tode nicht
fragen: Wie soil ich ihn lieben? — sondern wir konnen nur fragen:
Wie habe ich ihn im irdischen Leben geliebt und wie liebe ich ihn
in Konsequenz jetzt? Dieser Zustand andert sich dadurch, daB wir
nach und nach fahig werden konnen, nach dem Tode auf dasjenige,
was wir in Visionen um uns herum haben, die Wesenheiten der
geistigen Welt, die Wesenheiten der Hierarchien wirken zu fiihlen.
Also dieser Zustand, den ich eben beschrieben habe, andert sich
nur dadurch, daB wir nach und nach fiihlen lernen: Es wirken auf
den Nebel, der uns umgibt, die Wesenheiten der Hierarchien; sie
bestrahlen diesen Nebel, wie die Sonne die Wolken bestrahlt. Wir
mussen sogar eine gewisse Summe von Erinnerungen an die Erleb-
nisse vor dem Tode mitbringen, die uns wie eine Wolke umgeben,
und mit ihnen mussen wir uns fahig machen, aufzunehmen das
Licht der andern Hierarchien. — Im allgemeinen ist auch in der
gegenwartigen Zeit fast jeder Mensch geneigt, sich in dieser Weise
den Einfliissen, den Wirkungen der hoheren Hierarchien hinzu-
geben. Das heiBt: Jeder Mensch, der heute stirbt und in die geistige
Welt eintritt, kommt dazu, daB die Hierarchien seinen Nebel von
Visionen beleuchten.
Aber dieses Einwirken der Hierarchien, das im Laufe der Zeit
geschieht, dieses Lichtgeben, verandert sich allmahlich. Es veran-
dert sich so, daB wir nach und nach fiihlen, wie durch das Herein-
brechen des Lichtes der hoheren Hierarchien unser BewuBtsein all-
mahlich herabgedampft werden kann. Und dann merken wir, daB
das Erhalten des BewuBtseins von ganz bestimmten Dingen vor
dem Tode abhangt. So zum Beispiel verdunkelt sich das BewuBt-
sein leichter bei einem Menschen mit unmoralischer Seelenver-
fassung. Das wichtigste also ist, durch den Tod mit moralischen
Kraften hindurchzugehen, denn das moralische BewuBtsein halt
unsere Seele offen fur das Licht der Hierarchien. Es war mir in der
letzten Zeit moglich zu untersuchen Menschen nach dem Tode
mit moralischer wie auch Menschen mit unmoralischer Seelenver-
fassung, und es stellte sich immer dabei heraus, daB die Menschen
mit moralischer Seelenverfassung ein BewuBtsein erhalten nach
dem Tode, das hell und klar ist; die Menschen mit unmoralischer
Seelenverfassung verfallen in eine Art dunkler BewuBtseins-
dammerung.
Man kann nun freilich fragen: Was schadet das, wenn die Men-
schen nach dem Tode in eine Art BewuBtseinsschlaf kommen?
Dann haben sie nichts zu leiden und entgehen sogar den Folgen
ihrer Unmoralitat. — Das kann man aber nicht einwenden aus
dem Grunde, weil diese Verdunkelung des BewuBtseins verkniipft
ist mit ungeheuren Angstzustanden, die sich als Folge der Un-
moralitat ergeben. Nach dem Tode gibt es keine groBeren Angst-
zustande als diese Verdunkelung des BewuBtseins.
Spater, wenn eine gewisse Zeit nach dem Tode verflossen ist,
macht man wieder andere Erfahrungen: Man vergleicht Men-
schen verschiedener Art zwischen dem Tode und einer neuen Ge-
burt; fur die spatere Zeit nach dem Tode kommen auBer den mora-
lischen Seelenverfassungen die religiosen Seelenverfassungen in
Betracht, und es stellt sich einfach als eine Tatsache heraus, gegen
die man nichts einwenden kann, daB Menschen mit mangelnden
religiosen Vorstellungen in einer gewissen Zeit nach dem Tode
durch diesen Mangel an religiosen Vorstellungen eine BewuBtseins-
verdunkelung erfahren. Man kann sich gar nicht erwehren dieser
Impression, die sich bei solchen Untersuchungen der Menschen
ergibt, welche nur materialistische Vorstellungen haben, daB sie
tatsachlich ihr BewuBtsein bald nach dem Tode erloschen, verdam-
mern fiihlen. Und es mdgen materialistische Weltanschauungen
noch so sehr einleuchten, diese Tatsache, die eben gesagt worden
ist, ergibt sich eben einmal gegen das dem Menschen Forderliche
der materialistischen Anschauungen. Sie sind nun einmal nicht
forderlich der menschlichen Entwickelung nach dem Tode.
Damit habe ich so2usagen zwei Zeitepochen geschildert, die fiir
das menschliche Leben nach dem Tode vorhanden sind: die eine
Epoche, wo die moralischen, die andere, wo die religiosen Vorstel-
lungen eine Rolle spielen. Dann kommt aber eine dritte, die fiir
jedes menschliche Wesen eine Verdunkelung des BewuBtseins her-
vorbringen wiirde, wenn es nicht gewisse WeltmaBnahmen gabe,
welche diese Verdunkelung des BewuBtseins verhindern. Wenn wir
nun diese dritte Epoche untersuchen, so miissen wir Riicksicht neh-
men auf die Evolution der ganzen Menschheit durch die verschie-
denen Entwickelungszyklen hindurch. Durch dasjenige, was sie auf
der Erde haben erwerben konnen, konnten sich die Menschen der
vorchristlichen Zeit nichts von dem verschaffen, was ihnen ein
BewuBtsein in dieser dritten Epoche nach dem Tode hatte geben
konnen. DaB die Menschen in dieser vorchristlichen Zeit dennoch
ein BewuBtsein hatten wahrend dieser dritten Epoche, kam davon
her, daB beim Erdbeginn dem Menschen gewisse spirituelle Krafte
gegeben worden waren, die in der Seele eben das BewuBtsein in
dieser dritten Epoche nach dem Tode erhalten konnten. Diese Erb-
stiicke, welche die Menschen noch vom Erdbeginne her hatten,
wurden aufbewahrt durch die weisen MaBnahmen, die durch die
initiierten Fuhrer getroffen worden sind. Wir miissen namlich
durchaus festhalten, daB in den vorchristlichen Zeiten alle ver-
schiedenen Volker der Erde die Einfiusse der Initiationsstatten er-
halten haben. Es gab Hunderte von Wegen, auf denen das spiri-
tuelle Leben aus den Mysterien in das Volksleben hineinfloB.
Diese Impulse wurden immer schwacher und schwacher, je
mehr sich die Menschheitsentwickelung in ihren Zyklen dem
Mysterium von Golgatha naherte. Ein auBerer Beweis, daB diese
Impulse immer schwacher wurden, kann gefunden werden zum
Beispiel in dem Auftreten des groBen Buddha in der vorchristlichen
Zeit. Sie finden, wenn Sie die Lehren des Buddha im Ernst betrach-
ten, nirgends wirkliche Andeutungen iiber das Wesen der spiri-
tuellen Welt. Daher ist dort die Bezeichnung fur die geistige Welt
in der Nirwanalehre eine wirklich negative. Buddha verlangte
zwar, daB derjenige, der in die geistige Welt aufsteigen will, sich
frei macht von dem Hangen an der physischen Welt; aber in der
ganzen Buddha-Lehre finden Sie keine irgendwie hervortretende
Beschreibung der geistigen Welt, wie sie vorher zum Beispiel in
der Brahman-Lehre gegeben worden ist, die noch Erbstiicke der
alten Zeiten aufzuweisen hatte. Immer wiederum muB darauf auf-
merksam gemacht werden, daB die Tatsachen, die jetzt angefuhrt
worden sind, zum Ausdruck kommen bei den verschiedenen Vol-
kern bis zu der Zeit, wo die Griechen die Bedeutung des Myste-
riums von Golgatha empfunden haben. Weil wahrend der voran-
gehenden griechischen Periode der Menschheitsentwickelung das
BewuBtsein herabgedammert war zwischen Tod und neuer Geburt,
empfand der Grieche, der das wuBte, den Aufenthalt in der gei-
stigen Welt nur wie etwas Schattenhaftes. Ihm war die geistige
Welt nur eine Schattenwelt. Alle Schonheit, alles Kunstlerische,
auch harmonische Einrichtungen der auBeren Welt konnte der
Mensch sich aus eigenen Kraften geben, aber nicht konnte er sich
in der physischen Welt dasjenige erwerben, was ihm ein Licht gab
in der dritten Epoche zwischen Tod und neuer Geburt.
Das hangt durchaus damit zusammen, daB mit der griechischen
Zeit herangekommen war derjenige Menschheitszyklus, wo das
alte spirituelle Erbe abgedammert war und der Mensch durch eigene
Krafte sich das in der physischen Welt nicht erwerben konnte, was
ihm hatte bleiben konnen nach dem Tode, damit er mit dem ge-
schilderten BewuBtsein hatte hineinkommen konnen in die geistige
Welt. Daher muBte in der Weltentwickelung gerade in diesem
Zeitpunkte sich etwas ganz Besonderes vollziehen: Es muBte an den
Menschen von auBen her der Impuls herantreten, der ihm BewuBt-
sein gab in diesem Zeitraum nach dem Tode, von dem wir eben
gesprochen haben. Die Menschen hatten die eigene Fahigkeit ver-
loren, in der Mitte zwischen Tod und neuer Geburt BewuBtsein
zu haben aus alten Erbstiicken heraus. Sie konnten die Kraft des
BewuBtseins wieder gewinnen, hinblickend auf das, was im Myste-
rium von Golgatha geschehen ist. Es ist die Sache durchaus so, daB
dasjenige, was in der griechischen Periode hat erfahren werden kon-
nen durch das Mysterium von Golgatha, dem Menschen in dem
entsprechenden Zeitpunkt zwischen Tod und neuer Geburt das
BewuBtsein aufgehellt hat. Das Verstandnis des Mysteriums von
Golgatha ist der Impuls fur das BewuBtsein in dem dritten Zeit-
raum nach dem Tode.
Blicken wir also auf diesen Zeitpunkt der sogenannten grie-
chisch-lateinischen Epoche der Menschheitsentwickelung, so konnen
wir sagen: Fur die erste Periode nach dem Tode ist die moralische
Verfassung der Seele das MaBgebende; fur die zweite ist die reli-
giose Verfassung der Seele das MaBgebende; fur die dritte aber war
das MaBgebende das Verstandnis fur das Mysterium von Golgatha.
Wer das nicht hatte, dem erlosch in der dritten Epoche nach dem
Tode das BewuBtsein, geradeso, wie es vorher den Griechen gefehlt
hat. Es bedeutet das Mysterium von Golgatha in der Tat die Bele-
bung des menschlichen BewuBtseins gerade in der mittleren Zeit
zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Was die Menschen an
altem spirituellem Erbgut verloren hatten, wurde ihnen durch die-
ses Ereignis wieder gegeben. — So wurde das Eintreten des Christus-
Ereignisses notwendig aus den menschlichen Voraussetzungen und
Lebensverhaltnissen heraus. Im weiteren Fortgang wurden die Men-
schen mit immer neuen Fahigkeiten ausgestattet. In der ersten Zeit
der christlichen Entwickelung war es im wesentlichen die reale
Ankniipfung an das Mysterium von Golgatha, wie es iiberliefert
wurde von denen, die es miterlebt hatten und die fortgepflanzt
haben, was sich ergab als die Kraft des BewuBtseins in der dritten
Epoche nach dem Tode, wie ich es geschildert habe. Mit der weite-
ren Entwickelung der menschlichen Fahigkeiten wird aber heute
wiederum ein neues Verhaltnis zu dem Mysterium von Golgatha
und zu dem Christus notwendig.
Wenn man das tiefste Wesen der Menschenseele namentlich in
unserer gegenwartigen Zeit erfassen will, so muB man sagen: Dieses
tiefste Wesen besteht darin, daB der Mensch heute vordringen kann
zu einer gewissen Kenntnis seines Ich. Ein solches Herantreten an
das Ich, wie es heute moglich ist, war in friiheren Zeiten nicht
moglich. Bei den Menschen der auBeren "Welt macht sich dieses
Herantreten an das Ich in der Form des krassesten Egoismus gel-
tend, dann finden sich alle moglichen Abstufungen bis zu jener,
die wir die Stufe der Philosophen nennen konnen. Wenn Sie die
heutigen Philosophen studieren, werden Sie finden, daB sie einen
gewissen Ruhepunkt doch nur haben, wenn sie auf das menschliche
Ich zu sprechen kommen. Wenn in der vorchristlichen Zeit der
Mensch versuchte, die Welt zu erkennen, so ging er an die auBere
Erscheinung, die an ihn herantreten konnte, heran; das heifit, er ging aus
sich heraus, wenn er philosophieren wollte. Heute gehen die Men-
schen in sich hinein und finden einen festen Punkt nur, wenn sie
an das Ich herankommen. Ich will als Beispiel hier nur anfuhren
den groBen Philosophen Fichte und den Gegenwartsphilosophen
Bergson und erwahnen, daB eine gewisse Ruhe an diese Menschen
erst dann herankommt, wenn sie das menschliche Ich finden.
Suchen wir den Grund dieser Erscheinung, so kommen wir darauf,
daB die Menschen fniher zu einer Ich-Erkenntnis aus sich selbst
heraus nicht kommen konnten. Gegeben wurde sie in der grie-
chisch-lateinischen Zeit durch das Ereignis von Golgatha. Der Chri-
stus gab den Menschen die GewiBheit, daB in der Seele ein Funken
des Gottlichen lebt. Er lebt weiter im Menschen, der nicht nur
Fleisch geworden ist in einem physischen Sinn, sondern der Fleisch
geworden ist im christlichen Sinne. Und das bedeutet: ein Ich ge-
worden sein. Diese Moglichkeit, das Gottliche in einem mensch-
lichen Individuum zu schauen, namlich in dem Christus, die wird
dem Menschen von heute auf dem physischen Plan dadurch immer
mehr verdunkelt, daJ3 er immer mehr in sein personliches Ich hin-
eindringt. Es wird die Fahigkeit, den Christus zu schauen, dadurch
verdunkelt, daB der Mensch diesen Funken in sich selbst sucht.
Und wir haben ja erlebt, daB im Laufe des neunzehnten Jahr-
hunderts diese Anschauung von dem Ich sich dazu verdichtet hat,
daB die Christus-Gestalt entgottet worden ist und das Gottliche als
das Abstrakte aufgefaBt wird, das sich in der ganzen Menschheit
ausdriickt. Es machte zum Beispiel der deutsche Philosoph David
Friedrich Straufi geltend, daB man nicht hinblicken sollte auf einen
einzelnen historischen Christus, sondern auf dasjenige, was sich als
Gottliches durch die ganze Menschheit hindurchzieht, daB zum
Beispiel die Auferstehungsszene nichts anderes sei als das, was sich
in der ganzen Menschheit offenbare: die Auferstehung des gott-
lichen Geistes in der ganzen Menschheit.
Aus diesem Grunde ist es, daB ein tieferes Verstandnis fur das
Mysterium von Golgatha immer mehr verloren wird, je mehr die
Menschen in sich selbst das Gottliche suchen. Die ganze Tendenz
des modernen Denkens geht dahin, das Gottliche nur in dem Men-
schen selbst zu reflektieren. Dadurch wird immer mehr die Un-
moglichkeit geschaffen zu erkennen, daB das Gottliche in einer
Personlichkeit verkorpert war.
Fur das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt hat
dieses eine ganz ungeheuer reale Folge. War es schon wahrend der
griechisch-lateinischen Zeit so, daB der Mensch sich durch seine
eigenen Krafte das BewuBtsein nicht aufrechterhalten konnte in der
dritten Epoche nach dem Tode, so wird das noch viel schwieriger sein
in unserer Zeit durch den allgemein menschlichen und auch durch
den philosophischen Egoismus. In unserer Zeit schaff t sich der Mensch
in seine vorhin charakterisierte Visionswolke, in seine Nebelwolke
in der dritten Epoche zwischen Tod und neuer Geburt noch mehr
Hindernisse hinein als in der griechisch-lateinischen Zeit.
Wenn man ungeschminkt die Entwickelung der Menschheit in
der let2ten Zeit ansieht, so muB man sagen: Paulus hat das Wort
gesprochen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Der heutige
Mensch sagt: Ich in mir, und der Christus so weit, als ich ihn zu-
geben kann. — Der Christus soil nur so weit gelten, als er durch die
Ich-Vernunft, durch den Ich-Verstand zugegeben werden kann. Nun
gibt es nur ein Mittel in unserem gegenwartigen Zeitalter, das
BewuBtsein in der geistigen Welt wahrend der dritten Periode nach
dem Tode wirklich hell und aufrecht zu erhalten, das ist: daB wir
uns aus dem gegenwartigen Leben ein gewisses Gedachtnis, eine
gewisse Erinnerung nach dem Tode erhalten. Wir miiBten namlich
wahrend dieser Periode alles vergessen, was wir auf der Erde erlebt
haben, wenn wir nicht an ein ganz Bestimmtes uns erinnern kon-
nen: Haben wir auf unserer Erde ein Verstandnis erlebt und ein
Verhaltnis gefunden zu dem Christus und dem Mysterium von
Golgatha, so pflanzt das in uns hinein Gedanken und Krafte, die
uns das BewuBtsein aufrechterhalten in dieser Zeit nach dem Tode. —
Die Tatsachen zeigen also, daB es die Moglichkeit gibt, in dem
bezeichneten Zeitpunkte nach dem Tode sich zu erinnern an das,
was man hier gelernt und verstanden hat iiber das Mysterium von
Golgatha. Wenn wir uns solche Vorstellungen, Gefuhle und Emp-
findungen erworben haben, die ankniipfen an das Mysterium von
Golgatha, dann konnen wir uns nach dem Tode an diese Empfin-
dungen erinnern und auch an das andere, was sich an solche Emp-
findungen, Gefuhle und Vorstellungen ankniipft. Das heiBt: Unser
BewuBtsein muB dadurch, daB wir auf der Erde ein Verstandnis
erwerben fur das Mysterium von Golgatha, nach dem Tode iiber
einen gewissen Abgrund hinweggefuhrt werden. Wenn wir dieses
Verstandnis uns erworben haben, dann werden wir von dem betref-
fenden Zeitpunkte an in dieser dritten Periode mitwirken konnen,
aus unserer Erinnerung heraus auszubessern die Fehler, die wir in
unserer Seele aus unserem Karma heraus haben. Wenn wir uns aber
kein Verstandnis von dem Christus und dem Mysterium von Gol-
gatha erworben haben, kein Verstandnis von der ganzen Tiefe des
Ausspruches: «Nicht ich, sondern Christus in mir», dann erlischt in
uns das BewuBtsein und damit die Moglichkeit, unser Karma aus-
zubessern, und es muB iibernommen werden von anderen Machten
die Arbeit an unseren Fehlern, die wir aus unserem Karma nun zu
verbessern haben.
Naturlich kommt jeder Mensch durch eine neue Geburt ins
Dasein, aber es ist wesentlich, ob das BewuBtsein abgerissen ist oder
ob es sich iiber diese Kluft hiniiber erhalten hat Wenn wir mit
einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha an diesem Zeit-
punkt nach dem Tode ankommen, dann konnen wir zuriickschauen
und uns erinnern, daB wir mit allem Menschlichen aus dem Gott-
lichen kommen. Dann empfinden wir aber auch, daB wir unser
BewuBtsein heriiberretten dadurch, daB wir eine Erkenntnis des
Mysteriums von Golgatha gewonnen haben, und wir bauen das
BewuBtsein weiter aus, indem wir diesen Geist, der an uns heran-
kommt, sehen konnen. "Wenn wir uns hier ein Verstandnis fiir das
Mysterium von Golgatha erworben haben, dann kommen wir an
den Zeitpunkt jener dritten Periode nach dem Tode so, daB wir
uns erinnern konnen und daB wir sagen konnen: Wir sind aus dem
Geiste geboren — ex Deo nascimur. Und ich kann Ihnen sagen: Nie-
mals vernimmt derjenige, der bis zu irgendeinem Grade der Initiation
vorgedrungen ist,dieWahrheit der Worte: « Aus dem gottlichen Geiste
bin ich geboren » so stark, wie wenn er sich versetzt in den Zeitpunkt,
der eben charakterisiert wurde. In diesem Augenblick sagt es sich jede
Seele, die durch das Mysterium von Golgatha verstehend hindurch
gedrungen ist. Und man empfindet erst die Bedeutsamkeit dieses Aus-
spruches: Ex Deo nascimur, wenn man weiB, daB er in seiner tieisten
Bedeutung, auf seinem hochsten Gipfel empfunden werden kann in
dem Zeitpunkt, an den der Mensch in der Mitte zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt gelangen wird.
Und man mochte, wenn man diese Tatsachen objektiv erkennt,
unserem Zeitalter wiinschen, daB immer mehr und mehr Menschen
dazu kommen zu verstehen, wie im Grunde dieser eben genannte
Ausspruch in seiner hochsten Wurde heute nur erkannt werden
kann in der Weise, die eben geschildert worden ist. Und wenn
durch die rosenkreuzerische spirituelle Bewegung dieser Ausspruch
zu einer Art Leitspruch in unserem Kreise gemacht worden ist, so
ist es getan, um den Seelen Anregung zu geben fur das, was in die-
sen Seelen leben soli zwischen Tod und neuer Geburt.
Es ist leicht, meine lieben Freunde, solch eine Ausfiihrung wie
diejenige, die eben gemacht worden ist, als eine Voreingenommen-
heit fur die christliche Lebensanschauung zu nehmen. Wiirde in
diesem Sinne ein solches Vorurteil fur das christliche Religions-
bekenntnis vorhanden sein, so ware das wirklich untheosophisch.
Auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen wir objektiv den
Religionen gegeniiber und studieren sie mit vollstandig gleicher
Sympathie. Und die Tatsache, die eben jetzt vom Mysterium von
Golgatha geltend gemacht worden ist, hat mit irgendeinem kon-
fessionellen Christus nichts zu tun, sondern ist eine objektive okkulte
Tatsache. Man hat zwar den Vorwurf gemacht, daB innerhalb unse-
rer abendlandischen spirituellen Bewegung solche Dinge, wie sie
eben gesagt worden sind, aus einer gewissen Voreingenommenheit
fur das Christentum gegeniiber den anderen Religionen entsprun-
gen seien. Allein die Stellung, die dem Mysterium von Golgatha
hier gegeben wird, wird ihm in demselben Sinne gegeben wie in
der auBeren Wissenschaft irgendeiner zu konstatierenden Tatsache.
Und wenn gesagt wird, man diirfe nicht das Mysterium von Gol-
gatha in seiner Einzigartigkeit fur die Menschheitsentwickelung
hinstellen, weil andere Religionen dieses nicht so anerkennen kon-
nen, so ist das aus folgenden Griinden ein absolutes MiBverstand-
nis. Denn nehmen wir einmal die Tatsache, daB wir Religions-
biicher der alten indischen Religion haben und daB wir eine abend-
landische Weltanschauung haben. Wir lehren heute die Koperni-
kanische Weltanschauung im Abendlande. Niemand wird den Vor-
wurf machen, daB man diese Kopernikanische Weltanschauung
nicht lehren diirfe, weil sie in den alten indischen Religionsbuchern
nicht enthalten ist. Wie niemand verbieten kann, diese Welt-
anschauung zu lehren, weil sie nicht in den alten indischen Reli-
gionsbiichern steht, so kann auch niemand verwehren, die Tatsache
von dem Mysterium von Golgatha zu lehren aus dem Grunde, weil
sie nicht in den Religionsbuchern der alten Inder enthalten ist.
Daraus sollen Sie nur ersehen, wie unbegriindet der Vorwurf ist,
die Charakterisierung des Mysteriums von Golgatha, wie sie hier
gegeben ist, entspringe einer Vorliebe fur das Christentum. Sie ent-
spficht nur der Festsetzung einer objektiven Tatsache. Und wenn
Sie mich fragen, warum ich niemals einen Schritt zuruckweichen
werde in bezug auf die Betonung dieser Tatsache des Mysteriums
von Golgatha, so kann Ihnen gerade die heutige Auseinander-
setzung eine Antwort darauf geben.
Wir treiben Geisteswissenschaft nicht aus Neugierde oder auch
nur aus abstraktem Wissensdrang, sondern wir treiben sie aus dem
Grunde, urn mit ihr der Seele eine notwendige Nahrung zu geben.
Und mit der Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha geben wir
der menschlichen Seele die Moglichkeit, in sich diejenige Empfin-
dung und Gefuhlsstimmung auszubilden, die sie notwendig braucht,
um iiber den geschilderten Abgrund zwischen Tod und neuer Ge-
burt hinwegzukommen. Wer einsieht, daB die Seele zwischen Tod
und neuer Geburt den fur alle Menschenzukunft so schwer zu tra-
genden Verlust des BewuBtseins in der angegebenen dritten Epoche
zu erleiden hatte, der mochte bei jeder Gelegenheit das Geheimnis
von Golgatha der Menschheit nahelegen.
Und aus diesem Grunde gehort zu den wichtigen Dingen, die
wir auf geisteswissenschaftlichem Felde verstehen lernen sollen,
gerade das Verstandnis dieses Mysteriums von Golgatha.
Je mehr wir fortschreiten werden in unserem Zeitalter, desto mehr
werden die verschiedenen Religionen der "Welt gedrangt werden,
anzunehmen die Tatsache, die gerade heute besprochen worden ist.
Eine Zeit wird kommen, wo derjenige, der Anhanger der chinesi-
schen, der buddhistischen, der brahmanischen Religion ist, es ebenso-
wenig gegen seine Religion finden wird, das Mysterium von Golgatha
anzunehmen, wie er es gegen seine Religion findet, anzunehmen das
Kopernikanische Weltensystem. Und es wird angesehen werden als
eine Art von religiosem Egoismus, wenn man sich in den auBerchrist-
lichen Religionen wehren wird, diese Tatsache anzunehmen.
Sie sehen, meine lieben Freunde, wir sind bei dem Mysterium
von Golgatha angekommen, indem wir die Bedingungen zwischen
Tod und neuer Geburt betrachten wollten. Man kann in einer ein-
zelnen Vortragsstunde immer nur Andeutungen geben iiber ein sol-
ches Gebiet wie dasjenige, das wir heute betreten wollten. Aber ich
wollte Sie wenigstens hinweisen auf einige Ergebnisse, die sich mir
erschlossen haben durch meine neuesten Untersuchungen.
Da der nachste Vortrag zusammenhangen wird mit dem heuti-
gen, so werden wir wahrscheinlich eine kurze Ruckschau des Ge-
sagten anschlieBen kbnnen und dann zu den in Aussicht genom-
menen weiteren Ausfuhrungen iibergehen.
UNTERSUCHUNGEN OBER DAS LEBEN
ZWISCHEN TOD UND NEUER GEBURT
Mailand, 27. Oktober 1912
Zweiter Vortrag
Unsere Besprechung hat uns bis zu dem Zeitpunkt gefuhrt, wo
das BewuBtsein der Gestorbenen nur noch durch die Erinnerung
an das Mysterium von Golgatha aufrechterhalten wird. Alles Leben
war bis zu diesem Momente Erinnerungsleben an die Erdenzeit,
nicht durch die Sinne, sondern durch Visionen vermittelt. Auch die
Realitaten der geistigen Welt konnen in diesem Zeitpunkt nur
durch Visionen wahrgenommen werden.
Allmahlich wird es fur die Seelen immer schwieriger, die Erin-
nerungen an die Erdenzeit zu bewahren; ein Vergessen alles Erleb-
ten breitet sich immer mehr aus. Begegnet man zum Beispiel in
dieser Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt einem friiher
bekannten Menschen, so erkennt man ihn zunachst leicht, allmah-
lich aber immer schwerer; spater kann man sich nur noch an die
Beziehung zu ihm erinnern, wenn man an das Mysterium von Gol-
gatha ankniipft. Je mehr man von diesem durchdrungen ist, desto
leichter erkennt man seine Umgebung wieder. Ist aber dieser Zeit-
punkt erreicht, in welchem wir die Erinnerung an das Mysterium
von Golgatha notig haben, um unser Gedachtnis bewahren zu kon-
nen, dann setzt wiederum eine groBe Veranderung ein. Wir sind
dann namlich nicht mehr imstande, die Visionen von vorher in uns
zu erhalten. Wir konnen bis dahin zum Beispiel von astralen Farb-
erscheinungen sprechen, wir konnen in der Welt, in der wir bis zu
diesem Zeitpunkt leben, davon sprechen, daB wir astralische Far-
ben sehen; wir konnen davon sprechen, daB wir auch in vision'aren
Nachbildungen die Wesen um uns sehen. In diesem Zeitpunkt aber,
der, wie gesagt, in der Mitte liegt zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt, fallen die Visionen und die Erinnerungen gleichsam
wie Schuppen von uns ab; wir verlieren das Verhaltnis zu ihnen,
sie losen sich vollstandig von unserem Wesen. Um diesen Zeitpunkt
nun genauer zu charakterisieren, ist es gut, etwas heranzuziehen,
was sich vielleicht fiir das erste Verstandnis schockierend ausnimmt.
Man fiihlt in diesem Zeitpunkt sich der Erde entriickt, die Erde
gewissermaBen unter sich, weit fort, und fiihlt, daft man in dem
Hineinleben in die Geisteswelt in der Sonne angekommen ist. Denn
so, wie man sich im Erdenleben mit der Erde vereinigt gefiihlt hat,
so fiihlt man sich nun mit der Sonne und ihrem ganzen Planeten-
system vereinigt. Und deshalb wird in unserem modernen Okkultis-
mus ein so groBer Wert darauf gelegt, daB verstanden werde, wie
Christus als Sonnenwesen zu uns gekommen ist, weil notwendig ist,
zu verstehen, wie er uns durch das Mysterium von Golgatha zur
Sonne geleitet. Es wird uns durch den Okkultismus gezeigt, daB der
Christus ein Sonnenwesen ist, das uns wieder zuriick zur Sonne
fiihrt. Und nun kommt das Schockierende: Wie es notwendig ist,
unser Verhaltnis zum Christus zu verstehen, so muB nun aber auch
ein anderes verstanden werden. Jetzt beginnt die Zeit, wo man, als
ein reales Wesen sich gegeniiberstehend, dasjenige kennenlernt, was
man immer bezeichnet hat als Luzifer. Wenn man sich jetzt in der
Sonne fiihlt, dann fiihlt man sich nicht in stromendem physischem
Lichte, sondern man fiihlt sich in rein geistigem Lichte. Und von
diesem Zeitpunkt an empfindet man Luzifer wie ein Wesen, das
jetzt nicht mehr gegnerisch ist wie friiher, sondern man empfindet
ihn immer mehr als ein in der Welt durchaus berechtigtes Wesen.
Man fiihlt jetzt die Notwendigkeit, im weiteren Verlauf des Lebens
nach dem Tode Luzifer und das Christuswesen wie zwei neben-
einander gleichberechtigte Machte anzusehen. So sonderbar diese
Gleichbedeutendheit von Christus und Luzifer klingen mag, man
gelangt eben dazu, von dem bezeichneten Zeitpunkte an sie einzu-
sehen; wie eine Art von Briidern beide Machte anzusehen. Wie das
zu erklaren ist, das geht aus dem hervor, was man noch im weite-
ren Verlauf des Lebens nach dem Tode durchmacht.
Wenn Sie die Schilderung nehmen, die von mir oftmals ge-
geben worden ist als Schilderung des Lebens von Saturn, Sonne
und Mond, dann haben Sie darin den Verlauf des Weges, den man
tatsachlich nach dem Tode geistig durchlebt. Merkwiirdig ist nur,
daB man nicht in der Reihenfolge des kosmischen Entstehens die
Sache erlebt: Saturn, Sonne, Mond, sondern zuerst das Mondensein er-
lebt, dann das Sonnen- und zuletzt das Saturndasein. Wenn Sie alles
das, was von mir als solche Schilderung in der «Akasha-Chronik»
gegeben worden ist, durchlesen und vom Monde weiter zuriick-
gehen, so haben Sie die Welt, welche die Seele erlebt auf dem Wege,
den sie zuriicklegt nach dem Tode. Und es fallt einem dann auf,
daB, wenn man diese Dinge gleichsam aus der geistigen Welt
heraus schaut, man etwas hat wie eine Erinnerung an das Leben im
vorgeburtlichen Dasein. Noch viel bedeutsamer aber ist sozusagen
das moralische Element des weiteren Lebens in dieser Welt, die
eben jetzt charakterisiert worden ist. Wie in der «Akasha-Chronik»
geschildert worden ist, verliert man allmahlich das Interesse, das
man friiher, bis zu diesem Zeitpunkt hin, sehr stark gehabt hat fur
das auf Erden zu Erlebende. Es schwindet das Interesse fur die ein-
zelnen Menschen, mit denen man Zusammenhange gehabt hat; es
schwinden die Interessen fur die einzelnen Dinge. Man weiB, daB
die Erinnerungen, die man jetzt behalt, niemand anders weitertragt
als der Christus: der Christus begleitet einen, und infolgedessen
kann man die Erinnerung haben. Wiirde einen der Christus nicht
begleiten, so wiirde die Erinnerung an das Erdenleben schwinden;
denn dasjenige, was uns iiber den geschilderten Zeitpunkt hinaus
mit der Erde verbindet, ist tatsachlich das Erlebnis, daB wir uns
dem Christus verbunden haben. Durch unser neues Leben dann in
der geistigen Welt gewinnen wir ein ganz neues Interesse fur Luzi-
fer und seine Welt. Wir finden dann namlich, daB jetzt, wo wir frei
geworden sind von den Erdeninteressen, wir ganz ohne Schaden
Luzifer gegeniibertreten konnen. Und wir machen die merkwiir-
dige Entdeckung, daB Luzifer auf uns nur dann schadlich wirkt,
wenn wir selber im Irdischen befangen sind. Jetzt erscheint er uns
geradezu als das Wesen, welches uns dasjenige erklaren kann, was
wir weiter in der Welt des Geistes zu durchleben haben, und
eine langere Zeit verweilen wir in dem Erlebnis, uns das zu
erobern, was uns Luzifer in diesen Weiten der geistigen Welt dann
geben kann.
Vielleicht ist es jetzt wieder schockierend, das zu sagen, was wir
nur subjektiv fiihlen; aber wenn auch etwas zunachst Schockieren-
des ausgesprochen wird, so ist es vielleicht doch in diesem Falle
auch das Verstandlichste: Wir fuhlen uns jetzt namlich nach einiger
Zeit als Marsbewohner. Nachdem wir uns als Sonnenbewohner
gefiihlt haben, merken wir allmahlich, daB so, wie wir friiher die
Erde hinter uns gelassen haben, wir nun die Sonne hinter uns las-
sen, und wir fuhlen uns in bezug auf unsere kosmische Wirklich-
keit als Bewohner des Mars. Und fiir das Leben, das wir jetzt durch-
machen, scheint es uns in der Tat so, daB Christus uns alles Ver-
gangene gegeben hat, das hinter uns liegt, und Luzifer uns vor-
bereitet fiir die kiinftige Reinkarnation. Wenn wir dieses Mars-
leben bewuBt durchmachen und uns spater auf Erden durch In-
itiation daran erinnern konnen, so erfahren wir, daB alles, was wir
nicht als Erlebnisse aus dem Erdendasein in uns tragen durch den
groBen Weltenraum, daB alles, was wir nicht von der Erde aus
haben, uns Luzifer gibt. Unser friiheres menschliches Interesse wird
jetzt immer kosmischer. Wahrend wir auf Erden das, was uns das
Mineral, die Pflanze, das Tier, was uns Luft und Wasser, Berg und
Tal gibt, aufnahmen, nehmen wir von diesem Zeitpunkte an die
Erfahrungen des Kosmos auf, dasjenige, was von der Welt des Kos-
mos auf uns eindringt. Es beginnt jene Form des Wahrnehmens,
die man immer bezeichnet hat — die man aber wenig versteht — als
die Spharenmusik. Alles was ist, wird wahrgenommen, indem es
uns aus dem Umkreis des Kosmos entgegentont. Doch so, wie wenn
man lauter Harmonien vernehmen wurde, tont es heraus aus dem
Kosmos, nicht wie die Kl'ange aus der physischen Welt. Man gelangt
zu einem Punkte des Erlebens, wo man sich selbst wie im Mittel-
punkte des Kosmos fiihlt, und von alien Seiten hereinklingend
nimmt man die Weltentatsachen durch diese Spharenmusik wahr.
Jetzt haben wir auch das Marsdasein hinter uns gelassen, und der
Okkultist spricht davon, daB wir angekommen sind im Jupiter-
dasein. Wenn wir nun weiterleben, so steigert sich zwar immer die
Spharenmusik; sie wird aber zuletzt so stark, daB sie uns betaubt.
Wir leben uns wie in einer Betaubung in die Spharenmusik hinein.
Das weitergehende Leben verlauft so, daB, nachdem wir durch
das Jupiterdasein gegangen sind, wir auch dieses hinter uns lassen
und uns nun tatsachlich dann an der auBersten Grenze unseres
Sonnensystems befmden: im Saturn. Hier angekommen, machen
wir eine sehr wichtige moralische Erfahrung: Hat uns bis zu diesem
Zeitpunkt der Christus die Erinnerung an unsere friiheren Erden-
zustande erhalten und dadurch vor den Angstzustanden des schwin-
denden BewuBtseins bewahrt, so merken wir gerade in diesem unse-
rem jetzigen Seelenzustande nach dem Tode, wie wenig angemessen
den hoheren moralischen Forderungen dasjenige war, was wir auf
der Erde durchgemacht haben, wie wenig angemessen es war der
Majestat des ganzen kosmischen Seins. Wie ein Vorwurf beriihrt
uns das Leben, das wir hinter uns gelassen haben. Und etwas auBer-
ordentlich Bedeutsames stellt sich jetzt ein. Wie aus einem un-
bestimmten nachtlichen Dunkel heraus tritt die ganze Summe un-
seres Lebens, wie sie sich karmisch in der letzten Erdeninkarnation
geformt hat, vor die Seele. Wenn Sie Ihr jetziges Erdendasein, Ihre
jetzige Inkarnation ins Auge fassen, so haben Sie sie in der Tat
wieder so, wie sie sich in jenem Zeitpunkt nach dem Tode, der
eben gekennzeichnet worden ist, vor die Seele stellt; aber in sich
fuhlen Sie scharf alles dasjenige, was Sie einzuwenden haben gegen
jene Inkarnation. Sie sehen diese letzte Inkarnation vom kosmischen
Standpunkte aus.
Von diesem Zeitpunkt an kann nun nichts mehr, weder das
Christus-Prinzip noch das Luzifer-Prinzip, unser BewuBtsein auf-
rechterhalten, sondern es tritt unter alien Umstanden — wenn nicht
im Leben vorher eine Initiation eingetreten ist — eine Herabdam-
merung des BewuBtseins ein. Ein gewisser geistiger Schlaf beginnt,
der notwendig ist fur das menschliche Leben, nachdem bis zu die-
sem Zeitpunkt eine Art BewuBtsein vorhanden war, das aufrecht-
erhalten wurde durch die geschilderten Verhaltnisse. Dieser geistige
Schlaf ist aber nun mit etwas anderem verbunden. Dadurch, daB
der Mensch nichts mehr fuhlen kann, nichts mehr sich vorstellen
kann, konnen alle kosmischen Einfliisse unmittelbar auf ihn wir-
ken, mit Ausnahme desjenigen des Sonriensystems. Denken Sie sich
das ganze Sonnensystem ausgeschaltet und nur das allein vorhan-
den, was auBer ihm da ist, dann haben Sie die Wirkungen, die jetzt
eintreten. Und da kommen wir an den Punkt, von welchem gestern
die Ausfiihrungen ausgegangen sind.
Was jetzt zu untersuchen wichtig ist, das ist namlich der Zusam-
menhang zwischen diesem zweiten Teil des Lebens zwischen Tod
und neuer Geburt und dem Embryonalleben des Menschen. Sie
wissen ja, daB das Embryonalleben des Menschen mit dem kugel-
runden kleinen Keim beginnt. Nun ist das Merkwiirdige fiir die
okkulte Betrachtung, daB dieser Menschenkeim ganz im Anfang
sich als ein Spiegelbild dessen darstellt, was der Mensch in der eben
geschilderten Weise aus dem Kosmos heraus erlebt. Im Beginne des
Embryonallebens ist tatsachlich der Keimling des Menschen ein
kosmisches Produkt, ein Spiegelbild des kosmischen Lebens, in wel-
chem nicht das Leben innerhalb des Sonnensystems zum Ausdruck
kommt. Und das Merkwiirdige ist, daB alles das, was jetzt mit dem
Keime wahrend des Embryonallebens geschieht, sich erweist als ein
Ausscheiden des kosmischen Einschlags und ein Hineinnehmen der
Einfliisse des Sonnensystems. Erst in einer verhaltnism'aBig sp'ateren
Zeit, wenn die Vorgange wahrend des Lebens nach dem Tode wie-
derum zuriickgegangen sind den Weg durch die Saturn-, Jupiter-
und Marszustande, beginnen jene Einfliisse in dem Keim zu wirken,
welche die sogenannten vererbten sind. So diirfen wir sagen, daB
der Mensch sein Keimleben schon in einem kosmischen Sein vor
dem Embryonalleben vorbereitet, in einer Art auch ihn umfangen-
den Weltenschlafs. Wenn man dann die Vorgange nehmen wiirde,
die so im Embryonalleben stattfinden wahrend dieser Art von kos-
mischem Sein, von Weltenschlaf, wenn man nacheinander nehmen
wiirde die Zustande des vorgeburtlichen Menschen, des Keimes,
und sie zeichnerisch jetzt so betrachten wiirde, daB man hier ein
Spiegelbild machte, also so:*
friih
spat
Spiegel
Empfangnis Keim
friih
spat
Geburt
*Textvariante Seite 366
dann miiBte man alle die Zustande, die im Keime sich am spatesten
zeigen, im Bilde sparer haben, und was friiher im Embryonalleben
isr, hier im Spiegelbilde friiher sehen. So wiirde man ein geistiges
Spiegelbild des Embryonallebens nach riickwarts hin bekommen.
Wenn ich Ihnen aufzeichnen wiirde das Keimleben in der einen
Richtung und fiir jeden Zustand ein anderes Spiegelbild in der
anderen Richtung, so wiirde sich dieses auf der Tafel tatsachlich
ausnehmen wie Bild und Spiegelbild, und der Punkt, worin gespie-
gelt wird, ist die Empf angnis. Wiirde ich nun zeichnen, dann miiBte
ich die Zeichnung so machen, daB das eine, das Embryonalleben,
klein gezeichnet wird und das andere Spiegelbild nach hinten
furchtbar vergroBert wird; denn was der Mensch in zehn Monden-
monaten vor der Geburt erlebt, das wird tatsachlich in seiner Spie-
gelung in vielen Jahren erlebt. Nehmen Sie nur all dasjenige, was
der Mensch nach den geschilderten Andeutungen bis zu seiner
Wiederverkorperung in der geistigen Welt erlebt. Im ersten Teil
seines Lebens nach dem Tode hat er die Nachklange an sein friihe-
res Erdendasein in sich aufgenommen. Im zweiten Teil dieses
Lebens zwischen Tod und neuer Geburt hat er Erfahrungen aus
dem Kosmos gesucht. In diesem Erleben zwischen dem Tode und
der neuen Geburt ist vieles darinnen, nur eines ist nicht darinnen:
Wir erleben tatsachlich alles wieder, was wir seit der vorigen
Inkarnation bis zur jetzigen erlebt haben; wir erfiihlen das kos-
mische Sein, wir erleben aber wahrend des ersten Teiles unseres
Lebens zwischen Tod und neuer Geburt nicht dasjenige, was sich
auf der Erde zwischen den zwei Inkarnationen schon zugetragen
hat. Bis zum Sonnensein sind wir mit den Erinnerungen an das,
was vor dem Tode war, so beschaftigt, daB unser Interesse vollig
abgezogen ist von dem, was auf der Erde geschieht. Wir leben mit
denjenigen Menschen, die ebenso wie wir im Leben nach dem
Tode in der geistigen Welt sind; wir leben uns in alle Verhaltnisse
hinein, die wir zu diesen Menschen auf Erden schon gehabt haben,
und leben in diesen Verhaltnissen weiter, gestalten sie in ihren Kon-
sequenzen aus. Und weniger Interesse konnen wir — weil wir fort-
wahrend abgelenkt sind — in dieser Zeit uns erhalten fiir die Men-
schen, die wir auf der Erde noch haben. Nur wenn uns diese Men-
schen mit ihrer ganzen Seele suchen, ist ein Verbindungsband mit
ihnen geschaffen. Dieses ist als ein sehr wichtiges moralisches Ele-
ment zu betrachten. Denn es wirft Licht auf das Verhaltnis zwi-
schen den Gestorbenen und den Zuriickgebliebenen. Jemand, der
vor uns hinweggestorben ist und den wir vollstandig vergessen, hat
es aufierordentlich schwierig, zu uns ins Erdenleben zuriickzudrin-
gen. Unsere Liebe, unsere fortdauernde Sympathie, die wir dem Ver-
storbenen bewahren, die liefert einen Weg dazu, weil sie eben eine
Verbindung mit dem Erdendasein herstellt. Und aus dieser Verbin-
dung heraus miissen in diesen ersten Zeiten nach dem Tode die
Hingeschiedenen mit uns leben. Und es ist wirklich eine iiber-
raschende Tatsache, wie sehr der instinktive Gedachtniskultus fur die
Toten durch den Okkultismus in seinem tiefen Sinne bestatigt wird.
Unsere Hingestorbenen erreichen uns am leichtesten, wenn sie auf
Erden hier an sie gerichtete Gedanken, Gefiihle, Empfindungen
finden konnen.
Fiir den zweiten Teil des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt
stellt sich allerdings wiederum etwas anderes dar. Wir sind so sehr
dann eingesponnen in unsere kosmischen Interessen, daB wir iiber-
haupt nur aufierst schwierig in diesem zweiten Zeitraum einen Zu-
sammenhang mit der Erde finden. Dasjenige, was uns auBer den
kosmischen Interessen beschaftigt, ist: mitzuarbeiten an der rich-
tigen Herstellung unseres weiteren Karma. Neben unseren kosmi-
schen Eindriicken bewahren wir uns am allerbesten dasjenige, was
wir gewissermaBen karmisch zu korrigieren haben, und wir arbei-
ten mit an der Herstellung eines solchen nachsten Lebens, das dazu
beitragen kann, unsere karmischen Schulden auszuglekhen.
Mancher Mensch sagt, er konne nicht an die Reinkarnation glau-
ben, weil er nicht wiederum in das irdische Leben zuriickkommen
mochte. Dies ist zum Beispiel ein Einwand, der oftmals gemacht
worden ist: Ich wiinsche mir durchaus nicht mehr das Zuriickkom-
men in das Irdische. - Das sagen manche. Die Betrachtung des eben
angefiihrten Zeitpunktes zwischen Tod und neuer Geburt korrigiert
diese Ansicht betrachtlich. In diesem Zeitraum wollen wir eben mit
aller Gewalt wieder ins Leben hinein, um unser Karma zu korrigie-
ren, und wir vergessen nur, wenn wir aus dem geschilderten kosmi-
schen Schlaf wieder erwachen in der Gegenwart, daB wir das
gewollt haben, dieses Wiedergeborenwerden. Ob wir wahrend des
Lebens zwischen Geburt und Tod nochmals auf Erden wieder-
erscheinen wollen, darauf kommt es nicht an, sondern ob wir es
wollen zwischen Tod und neuer Geburt. Und da wollen wir es. Wir
miissen uns eben vorstellen, daB in vielfacher Beziehung, wie wir
es eben gesehen haben, das Leben zwischen Tod und neuer Geburt
geradezu das Entgegengesetzte ist von dem, was wir hier auf Erden
erleben zwischen Geburt und Tod. Geradeso, wie wir in diesem
physischen Leben durch den Schlaf gestarkt und mit neuen Kraften
ausgeriistet werden, so werden wir durch den angedeuteten Welten-
schlaf mit neuen Kraften fiLr die neue Inkarnation ausgeriistet.
Noch eine andere wichtige Frage wird sich uns durch die ge-
schilderten Tatsachen beantworten lassen. Es wird oftmals gefragt:
Warum muB der Mensch, wenn er sich so oft reinkarniert, immer
wieder von Kindheit an lernen und kommt nicht schon mit alle-
dem zur Welt, was er von Kindheit an lernen muB? Diese Frage
beantwortet sich dann, wenn man eines beriicksichtigt: daB man ja
nicht miterlebt — mit Ausnahme dessen, was angedeutet ist: des
Zusammenhanges mit dem Leben, den Menschen und dem ganzen
Karma — , daB man nicht erlebt dasjenige, was sich zwischen unseren
Inkarnationen auf dieser Erde abgespielt hat. War also jemand zum
Beispiel vor der Erfindung der Buchdruckerkunst auf der Erde in-
karniert, und er inkarniert sich heute wieder, so hat er alles das
nicht miterlebt, was sich in der Zeit zwischen der Erfindung der
Buchdruckerkunst und jetzt entwickelt hat. Und in der Tat, wenn
man kulturhistorisch genauer untersucht, so sieht man, daB man in
jeder Inkarnation als Kind dasjenige lernt, was sich auf der Erde
inzwischen abgespielt hat. Man braucht nur zu betrachten, was
eben ein altromischer Knabe von sechs Jahren gelernt hat: das war
etwas ganz anderes, als was ein Kind von sechs Jahren heute lernt.
Es vergeht zwischen zwei Inkarnationen ein so langer Zeitraum,
daB in der Tat das Kulturbild der Erde dann vollstandig verandert
ist. Wir kommen nicht herunter zu einer Inkarnation, bevor sich die
Verhaltnisse auf der Erde so weit verandert haben, daB sie fast keine
Ahnlichkeit zeigen mit dem Leben in der vorherigen Inkarnation.
Was ich eben geschildert habe, bezieht sich auf das Durch-
schnittsleben der Menschen. Aber es ist eben ein Durchschnitt, und
es kann zum Beispiel das BewuBtsein bei einem Menschen nach
dem Tode schon friiher erloschen, der Schlaf kann schon friiher
eintreten, wie Sie ja aus einigen Tatsachen, die gestern angefiihrt
worden sind, ersehen konnen.
Nun besteht aber das kosmische Gesetz, daB dieser Weltenschlaf
die Zeit kiirzt, die wir im Kosmos nach dem Tode verbringen: der-
jenige, der friiher in den Zustand der UnbewuBtheit hineinkommt,
der durchlebt sie schneller, die Zeit vergeht fur ihn in schnellerem
Tempo, sie ist kiirzer als fur den, der sein BewuBtsein weiter hinaus
erweitert. Ja wir konnen, wenn wir das Menschenleben unter-
suchen zwischen Tod und neuer Geburt, die Bemerkung machen,
daB ungeistige Menschen verhaltnismaBig am schnellsten wieder-
kommen. Wenn jemand nur seinen sinnlichen Geniissen, seinen
sinnlichen Leidenschaften, also demjenigen lebt, was man das Tie-
rische im Menschen nennen kann, so vergeht ein verhaltnismaBig
kurzer Zeitraum zwischen zwei Inkarnationen. Es geschieht dieses
aus dem Grunde, weil bei ihm eine verhaltnismaBig fruhe BewuBt-
losigkeit eintritt, ein Schlafzustand, und er dann schnell durch die-
ses Leben zwischen Tod und neuer Geburt hindurchgeht.
AuBerdem habe ich nur von einer durchschnittlichen Erschei-
nung erzahlt, weil ich Riicksicht genommen habe vorzugsweise auf
diejenigen Menschen, welche sozusagen ein normales Lebensalter
erreichen.
Es ist im Grunde ein groBer Unterschied zwischen Verstorbenen,
die nach dem 35.Jahr gestorben sind, und jenen, die vorher aus
diesem Leben geschieden sind. Es lebt eigentlich nur der, welcher
das 35. Jahr in seinem Erdenleben iiberschritten hat, alle die Zu-
stande mehr oder weniger bewuBt durch, die wir beschrieben haben.
Bei einem friiheren Tode tritt tatsachlich eine Art friiheren Schlaf-
zustandes zwischen Tod und neuer Geburt ein.
Wenn jemand einwenden wollte, daB man fur einen friihen Tod
doch nichts kann und daher unverschuldet einem friiheren Welten-
schlaf anheimfallt, so ware dieser Einwand doch nicht richtig. Er
ware aus dem Grunde nicht richtig, weil ein friiher Tod durch
friihere karmische Ursachen schon vorbereitet worden ist und durch
friiheres Wiedereintreten in die kosmischen Welten die Weiter-
entwickelung nun gefordert werden kann. Wie sonderbar und eben-
falls schockierend dies auch klingen mag, wir wissen aus ganz ob-
jektiven Untersuchungen des kosmischen Lebens: Von einem ge-
wissen Zeitpunkt an ist der Mensch ein Wesen, das in weite Wel-
tenspharen hinein ausgedehnt ist und ausgesetzt den Wahrneh-
mungen des Kosmos, des Makrokosmos. Wie der Mensch in der
Mitte seines physischen Erdenlebens gleichsam am meisten ver-
strickt ist mit der Erde, so ist er in der Mitte des Lebens zwischen
Tod und neuer Geburt am meisten verstrickt in das kosmische Sein.
Nehmen Sie das Kind: es lebt sozusagen noch nicht vollig auf der
Erde, es lebt mit all den Erbstiicken, die es von friiher her erhalten
hat, und es muB sich erst das Erdenleben erobern. Nehmen Sie jetzt
das Leben des Menschen nach dem Tode: er lebt in einer gewissen
Weise mit dem, was er aus der Erde herausgetragen hat, und muB
sich erst die Wahrnehmungsfahigkeit in dem Leben des Kosmos
erringen. In der Mitte des Erdenlebens sind wir ja am meisten in
irdische Verhaltnisse hinein versponnen; in der Mitte zwischen Tod
und neuer Geburt sind wir am meisten in kosmische Verhaltnisse
hineingesponnen. Je mehr es dem Ende unseres Lebens auf Erden
zugeht, desto mehr Ziehen wir uns aus den Erdenverhaltnissen im
physischen Sinne heraus. Je mehr wir die Mitte des Lebens zwischen
Tod und neuer Geburt iiberschreiten, desto mehr Ziehen wir uns
aus dem Kosmos heraus und neigen uns wieder hin zum Erden-
leben.
Das, was ich Ihnen zuletzt als eine Art Analogie gesagt habe,
betrachten Sie aber nicht so, als wenn es zugrunde gelegen hatte
der geisteswissenschaftlichen Untersuchung. Dem Okkultisten fallt
eine solche Analogie erst auf, wenn er die okkulten Untersuchun-
gen gemacht hat und mit den vorhandenen Tatsachen vergleicht.
Eine solche Analogie hat auch insofern noch einen Fehler: Sollten
wir das Leben in der ersten Periode nach dem Tode das kindliche
Leben nennen und die zweite Periode zwischen Tod und neuer
Geburt das Greisenleben, so wiirden wir einen Fehler machen. Im
geistigen Dasein zwischen Tod und neuer Geburt sind wir namlich
zuerst Greise und werden dann in der zweiten Halfte eben Kinder
in bezug auf das geistige Leben. Das geistige Leben verflieBt umge-
kehrt. Zuerst tragen wir die Fehler und Gebrechen des physischen
Lebens da hinein; dann werden sie wahrend des kosmischen Lebens
allmahlich herausgeworfen.
Ich war sehr uberrascht, in alten Traditionen einen Ausdruck zu
finden wie eine Art — ich will nicht sagen Bestatigung, aber wie
eine Art Hinweis auf diese Erfahrungen. Wenn wir auf der Erde
im physischen Leben sind, so sagen wir: Wir werden alt. Im geisti-
gen Leben zwischen Tod und neuer Geburt miissen wir ganz sinn-
gemaB sagen: Wir werden jung. So da!3 man also sagen konnte,
wenn jemand geboren wird da oder dort und man sein geistiges
Dasein betrachtet: Er ist da und dort jung geworden.
Nun finden sich merkwurdigerweise im zweiten Teil des «Faust»
die Worte: Er ist «im Nebelalter jung geworden». Warum braucht
Goethe fur Geborenwerden den Ausdruck: «Jung werden»? Wenn
wir weiter zuriickgehen wiirden, dann wiirden wir finden, daB dies
eine Tradition ist der Menschheit, die empfand, daB man mit der
geistigen Geburt jung wird. Wir finden uberhaupt — was in unse-
rem Okkultismus immer betont wird — , daB, je weiter wir zuriick-
gehen in der Entwickelung, wir immer mehr auf hellseherische Zu-
stande treffen. Wir finden sie uberall bestatigt.
Nehmen Sie zum Beispiel dasjenige, worauf gestern hingedeutet
worden ist. Von dem Tode an losen wir uns allmahlich aus den
irdischen Verhaltnissen heraus, aber wir erleben mitten drinnen in
dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt die kosmischen Zu-
stande. Wir erleben sie in Visionen, die an die Stelle der Sinnes-
wahrnehmung treten; dann, habe ich gesagt, fallt auf das, was
wir erleben, das Licht der Hierarchien. Es tritt da tatsachlich nach
dem Tode eine Art von Zustand ein, den wir in folgender Weise
charakterisieren konnen: Denken Sie, Ihr Bewufitsein ware nicht in
Ihnen, sondern auBerhalb in der Umgebung, und Sie wiirden nicht
das Gefiihl haben, daB das Leben in Ihrem Korper, sondern daB
das Leben auBerhalb Ihres Korpers sei, und wiirden von auBen
fuhlen: dies ist mein Auge, dies meine Nase, dies mein Bein. Dann
miiBten wir dasjenige, was wir auBen im Geistigen erleben, auf
uns hin beziehen, miiBten auch das Leben Gottes auf uns hin be-
ziehen und es in uns renektieren lassen. Ein solcher Zeitpunkt tritt
auf, wenn nach dem Tode, indem wir — gleichsam zuriickblickend
auf den Menschen — alles das, was in der Umgebung ist, sich in
ihm zuriickspiegeln sehen: so daB selbst die Gottheit sich im Men-
schen reflektiert.
Ware es deshalb gar zu gewagt, es als eine Erkenntnis hinzuneh-
men, wenn ein Dichter sagt, daB das Leben nach dem Tode eine
Spiegelung des Gottlichen ist? Das wissen wohl alle, daB Dante
diesen Ausspruch gebraucht hat, daB im geistigen Leben der Zeit-
punkt eintritt, wo man Gott als Menschen sieht.
Es mag gewiB zuweilen solch ein Hinweis wie unberechtigt er-
scheinen, vielleicht als eine Spielerei einem vorkommen. Derjenige
aber, der in die tiefen Zusammenhange der Menschheit hinern-
blickt, wird diese Dinge nicht mehr als Spielerei ansehen. Bei den
groBen Dichtern leben eben Nachklange alter hellseherischer Er-
kenntnis der Menschheit immer wieder auf, und durch Initiation
werden solche Nachklange aufgefrischt und zu menschlicher Er-
kenntnis erhoben.
Damit, meine lieben Freunde, habe ich Ihnen einige Tatsachen
angefiihrt, die zu den zuletzt gemachten Untersuchungen iiber das
Leben zwischen Tod und neuer Geburt gehoren, und ich hoffe, daB
wir in nicht zu ferner Zeit weitersprechen konnen iiber solche Er-
kenntnisse iiber das Leben zwischen Tod und neuer Geburt.
DER DURCHGANG DES MENSCHEN
DURCH DIE PLANETENSPHAREN UND DIE BEDEUTUNG
DER CHRISTUS-ERKENNTNIS
Hannover, 18. November 1912
Wir sind am heutigen Abend versammelt in einer gewisser-
maBen neuen Umhiillung unseres lieben Hannoverschen Zweiges,
und es ist mit dem heutigen Abend die schonste Einweihung damit
gegeben, daB so viele unserer Freunde hier erschienen sind und
dadurch in ihren Herzen wiederum einmal auch hier an diesem
Orte bekundet haben, daB es ihnen ernst ist mit demjenigen, was
wir zusammenfassen in unserer spirituellen Weltanschauungsstro-
mung. Es ist ja seit einiger Zeit bei solchen Gelegenheiten auf der
einen Seite eben wirklich immer eine Schwierigkeit, die auf der
anderen Seite aber uns mit einer gewissen Befriedigung erfiillen
kann: daB, wenn unsere Freunde eine solche Umhiillung ihrer Arbeit
sich geschaffen haben, sie sich sogleich bei den allerersten Versamm-
lungen als zu klein erweist. Dieses ist natiirlich eine Sache, die zwei
Seiten hat; allein, es ist zugleich dasjenige, was unsere Seele mit
Zuversicht und Hoffnung fur die Tragkraft unserer Bewegung er-
fiillen kann. Und so lassen Sie mich denn nur ganz kurz bei Ein-
tritt in unsere Betrachtung aussprechen, daB auch in diesen Rau-
men Segen und Gedeihen bliihen mogen der spirituellen Arbeit, die
hier verrichtet wird; lassen Sie mich aussprechen den Herzenswunsch,
daB diese Arbeit so verlaufen moge, daB sie durch ihre innere Kraft
und Gediegenheit haben kann den Segen der jenigen, die als spirituelle
Fiihrer iiber unserer Bewegung wachen. Diesen Segen, wir konnen
ihn nur dann haben, wenn wir in innerer Ehrlichkeit, Wahrhaftig-
keit und Aufrichtigkeit nach den groBen, geistigen Idealen streben.
Dann aber, wenn wir aus diesem Streben heraus in ernstem und
wahrem und ehrlichem Geiste hier zusammen arbeiten, dann konnen
wir auch immer sicher sein, daB der Segen derjenigen, die wir nennen
die Meister der Weisheit und des Zusammenklingens der Empfin-
dungen, iiber unserer Sache walten. Und so moge denn dieser Segen
auf uns herabflieBen, damit unsere Arbeit etwas werden kann, was
den Seelen Kraft und Starke gibt, damit diese Arbeit einen kleinen
Baustein liefere zu dem, was durch die Geisteswissenschaft der ge-
samten Menschheitskultur zugefiihrt werden soil.
Ausgehen, meine lieben Freunde, wollen wir bei unserer heuti-
gen Betrachtung von einem Ins-Auge-Fassen desjenigen, was wir
unser menschliches BewuBtsein nennen. Was nennen wir denn
unser menschliches BewuBtsein? Nun, wir konnen zunachst dieses
BewuBtsein umschreiben. Wir konnen sagen: Wahrend wir in dem
Zustande des Schlafes sind — vom Einschlafen am Abend bis zum
Aufwachen am nachsten Morgen — , da ist dieses BewuBtsein nicht
in uns. Keiner, der sozusagen seine fiinf Sinne beieinander hat —
wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf — , zweifelt daran, daB
er auch vorhanden ist, wenn er am Abend beim Einschlafen dies
BewuBtsein gewissermaBen verliert. Denn wenn er daran zweifelte,
wiirde er damit die ganz unsinnige Behauptung aufstellen, daB
alles, was er innerlich erlebt hat, wahrend des Schlafes verloren-
geht und am nachsten Morgen erst wiederum von neuem entsteht.
Wer nicht diese unsinnige Anschauung hat, der ist uberzeugt da-
von, daB er auch wahrend der Zeit des Schlafes existiert. Aber das-
jenige ist nicht in ihm, was wir unser BewuBtsein nennen, Wir
sind wahrend des Schlafes nicht erfiillt von Vorstellungen, wir sind
nicht erfiillt von Trieben, Begierden und Leidenschaften; wir sind
nicht erfiillt von Schmerzen und Leiden — denn wenn die Schmer-
zen so stark werden, daB sie uns den Schlaf storen, dann bleibt das
BewuBtsein eben vorhanden. Derjenige, der unterscheiden kann
zwischen Schlafen und Wachen, kann auch wissen, was BewuBt-
sein ist. BewuBtsein ist dasjenige, was bei jedem Aufwachen wieder
in die Seele hineinkommt; all die Summe von Vorstellungen, Affek-
ten, Leidenschaften, Schmerzen und so weiter, das kommt am Mor-
gen wieder in die Seele hinein. Wodurch ist dieses BewuBtsein ganz
besonders charakteristisch beim Menschen? Beim Menschen ist es
besonders dadurch charakteristisch, daB alles, was der Mensch in
seinem BewuBtsein haben kann, gewissermaBen begleitet ist von
dem Gefiihl, von der Empfindung, von dem Erlebnis des Ich; und
eine Vorstellung, bei der Sie nicht wenigstens denken konnten:
ich stelle sie mir vor; eine Empfindung, bei der Sie nicht denken
konnten: ich empfinde; ein Schmerz, bei dem Sie nicht sagen konn-
ten: mich schmerzt er, das wiirde nicht ein wirkliches inneres Erleb-
nis Ihrer Seele sein. Alles was Sie erleben, muB mit der Ich-Vor-
stellung verkniipft sein. Das ist es auch. Dennoch wissen Sie, daB
dieses Verkniipftsein mit der Ich- Vorstellung — wir haben das ofter
schon besprochen - in einem gewissen Zeitpunkt des Lebens erst
beginnt. In der Zeit so um das dritte Jahr herum, da beginnt erst
das Kind ein Erlebnis damit zu verbinden, wenn es nicht mehr
sagt: Karlchen oder Mariechen spielt oder spricht und so weiter,
sondern: Ich spreche. - So entziindet sich eigentlich erst das Wissen
vom Ich im Verlaufe des kindlichen Alters.
Heute wollen wir uns fragen: Wodurch entziindet sich denn all-
mahlich im Kinde das Wissen vom Ich? Nun konnen wir gerade
bei dieser Frage sehen, daB sozusagen die einfachsten, scheinbar ein-
fachsten Sachen nicht so ganz leicht zu beantworten sind, obwohl die
Antwort manchmal recht naheliegt. Wie kommt denn das Kind dazu,
von dem allgemeinen Ich-losen BewuBtseinszustande zu Ich-erfuil-
ten Vorstellungen zu kommen? Wer das kindliche Leben wirklich
studiert, der kann erfahren, wie das Kind dazu kommt. Sehen Sie,
es gibt eine sehr einfache Beobachtung, die jeder machen kann, die
ihn dazu fiihren kann, sich zu iiberzeugen, wie das Kind zu dem Ich-
BewuBtsein kommt. Es braucht der Mensch nur einmal so recht
ernst zu beobachten, wie sich diese Ich- Vorstellung heranbildet und
verstarkt. Beobachten Sie einmal ein Kind, wenn es sich sein Kopf-
chen an der Tischkante stoBt. Wenn Sie das kindliche Leben ge-
nauer beobachten, werden Sie fmden, daB das Ich-Gefuhl gewach-
sen ist, nachdem das Kind sich das Kopfchen gestoBen hat. Es hat
sich namlich wahrgenommen. Das tragt dazu bei, daB das Kind sich
selbst kennenlernt. Nun braucht es sich bei einer solchen Sache
nicht immer zu verletzen, es braucht nicht immer auBere Schram-
men dabei zu geben; schon wenn das Kind seine Hande irgendwo
auflegt, so ist das ein kleiner StoB, da nimmt sich das Kind an
anderen Dingen wahr. Sie werden sich sagen miissen: Das Kind
wiirde nicht zum Ich-BewuBtsein kommen, wenn es sich nicht an
der AuBenwelt, an dem Widerstand der AuBenwelt wahrnehmen
wiirde. Wiirde das Kind keinen Widerstand erleben, so wiirde es
niemals zum Ich-BewuBtsein kommen. DaB das Kind eine AuBen-
welt sich gegeniiber haben kann, das bildet im Kind allmahlich das
Ich-BewuBtsein aus. Dann wissen Sie ja, hat das Kind zu einer ge-
wissen Zeit seines Lebens dieses Ich-BewuBtsein. Aber dann hort
dasjenige nicht auf beim Menschen, was bis dahin stattgefunden
hat; nur findet eine Umkehrung statt. Das Kind hat das Ich-Be-
wuBtsein ausgebildet, indem es die auBeren Gegenstande als auBer
sich befindlich wahrnimmt, sich also davon trennt. Wenn dieses
Ich-BewuBtsein einmal da ist, stoBt es sich noch immer an etwas,
muB es sich noch immerfort stoBen. Wo stoBt es sich denn? Was
mit nichts in Beriihrung kommt, kann von sich selber nichts wissen,
wenigstens nicht innerhalb unserer Welt, soweit wir in der Welt
leben. Sehen Sie, von dem Zeitpunkt an, wo das Ich-BewuBtsein
da ist, da stoBt sich das Ich an der eigenen inneren Leiblichkeit, da
fangt das Ich an, nach innen zu leben; da fangt das Ich an, sich
an dem eigenen Leib nach innen zu stoBen. Sie brauchen ja nur
daran zu denken, wenn Sie sich das vorstellen wollen, daB das
Kind an jedem Morgen aufwacht. Das ist ein Hineingehen des Ich
und des astralischen Leibes in den physischen und den Atherleib,
da stoBt sich das Ich an dem physischen und dem Atherleib. Ja,
denken Sie, wenn Sie schon mit der Hand in das Wasser greifen
und das Wasser durchmessen, so haben Sie iiberall einen Wider-
stand, wo Sie sich mit dem Wasser beriihren. So ist es, wenn das
Ich heruntertaucht am Morgen und sich von seinem Innenleben
umspiilt findet. Aber wahrend des ganzen Lebens ist dieses Ich ein-
gesenkt in diesen physischen und Atherleib und stoBt sich an alien
Seiten an diesen Leibern. Wenn Sie mit der Hand im Wasser her-
umplatschern, werden Sie die Hand von alien Seiten gewahr; so
ist es, wenn das Ich heruntertaucht in den Atherleib und den phy-
sischen Leib und sich stoBt auf alien Seiten innerhalb dieser Leib-
lichkeit. Und dies geschieht das ganze Leben hindurch. Das ganze
Leben hindurch muB der Mensch mit jedem neuen Aufwachen am
Morgen untertauchen in seinen physischen Leib und seinen Ather-
leib, und dadurch, daB er so untertaucht, geschehen fortwahrend
ZusammenstoBe von dem physischen Leib und dem Atherleib auf
der einen Seite und dem astralischen Leib und dem Ich auf der an-
deren Seite. Was ist die Folge davon? Die Folge davon ist, daB die-
jenigen Wesenhaftigkeiten, die da zusammenstoBen, abgenutzt wer-
den. Es geht dem Ich und dem astralischen Leib auf der einen Seite
und dem atherischen und dem physischen Leib auf der anderen
Seite genauso, wie wenn Sie fortwahrend zwei Korper aufeinander
schiagen. Sie niitzen sich ab; und dieses Abniitzen, das ist das all-
mahliche Alterwerden, Abgebrauchtwerden, das beim Menschen
im Verlaufe des Lebens eintritt, und das ist auch der Grund, warum
wir iiberhaupt physisch sterben. Denken Sie einmal: wir hatten
keinen physischen, keinen Atherleib, dann konnten wir auch unser
Ich-BewuBtsein nicht aufrechterhalten. Wir wiirden zwar in die
Lage kommen, das Ich-BewuBtsein zu entwickeln, aber wir konnten
es nicht aufrechterhalten. Denn wir miissen uns immer nach innen
stoBen, wenn es aufrechterhalten werden soil in unserem BewuBt-
sein. Daraus folgt nichts Geringeres als die auBerordentlich bedeut-
same Tatsache, daB wir von der Zerstorung unserer Wesenheit die
Entwickelung unser es Ich haben. Konnten wir nicht zusammen-
stoBen mit den Gliedern unserer Wesenheit, so konnten wir kein
Ich-BewuBtsein haben. Ja, wenn der Mensch fragt, wozu ist Zer-
storung da, Alter n da, Tod da, da muB man ihm antworten: Zer-
storung, Altern, Tod ist dazu da, daB der Mensch, indem er zer-
stort, sich entwickelt, namlich das Ich-BewuBtsein immer weiter
entwickelt. Konnten wir nicht sterben — das ist der radikale Aus-
druck dafiir — , so konnten wir nicht wahrhaft Menschen sein. Wenn
wir aber diese Tatsache in ihrer vollen Bedeutung auf unsere Seele
wirken lassen, dann kann uns folgender Gedanke kommen, den
uns der Okkultismus beantworten kann, namlich der Gedanke:
Als Menschen brauchen wir doch, wenn wir leben wollen, immer
physischen Leib, Atherleib, astralischen Leib und Ich. So wie wir
im gegenwartigen menschlichen Leben sind, miissen wir sagen,
wir brauchen diese vier Glieder; damit wir aber das Ich-Bewu£tsein
erlangen konnen, miissen wir sie zerstoren. Wir miissen sie immer
wieder bekommen, damit wir sie immer wieder zerstoren. Darauf
beruht die Notwendigkeit der wiederholten Erdenleben, urn die
Moglichkeit zu haben, immer aufs neue die menschlichen Leiber zu
zerstoren und uns dadurch gerade als bewuBte Menschheitswesen
weiter zu entwickeln.
Nun haben wir in dem Erdenleben nur ein einziges menschliches
Glied, an dessen Entwickelung wir wirklich arbeiten konnen, das
ist unser Ich. An der Entwickelung unseres Ich konnen wir in einer
gewissen Weise arbeiten. Was heiBt nun, im geistigen Sinne, an
der Entwickelung seines Ich arbeiten? Wenn wir diese Frage be-
antworten wollen, miissen wir uns klar dariiber sein, was die Arbeit
am Ich notwendig macht. Nehmen wir an, ein Mensch geht auf
den anderen los und sagt ihm: Du bist ein schlechter Mensch.
Wenn das nicht stimmt, so hat der Betreffende eine Unwahrheit
gesagt. Was bedeutet eine solche Aussage des Ich, die eine Un-
wahrheit ist? Ja, diese Aussage des Ich, die eine Unwahrheit ist, die
bedeutet, daB von dem Zeitpunkt an das Ich weniger wert gewor-
den ist. Das ist die objektive Bedeutung der Unmoralitat. Wir sind
mehr wert vor dem Augenblick, wo wir eine Unwahrheit gesagt
haben, als nachher, nachdem wir die Unwahrheit ausgesprochen
haben. Und messen Sie alle Raume und alle Zeiten aus: der Wert
Ihres Ich wird geringer fur alle Raume und alle Zeiten, fur alle
Unendlichkeit und alle Ewigkeit, wenn Sie ihn durch eine solche
Sache geringer gemacht haben. Nun steht uns aber wahrend des
Lebens zwischen Geburt und Tod eines zur Verfiigung, sozusagen.
Wir konnen dasjenige, was wir so beigetragen haben, um unser
Ich weniger wertvoll zu machen, das konnen wir immer verbessern,
wenn wir unsere Luge iiberwinden konnen. Wir konnen demjeni-
gen, zu dem wir gesagt haben: Du bist ein schlechter Mensch, ge-
stehen: Ich habe mich geirrt, es ist nicht richtig, was ich gesagt habe,
und so weiter. Dann haben wir unserem Ich den Wert wiedergege-
ben, dann haben wir den Schaden, den wir unserem Ich zufiigten,
wieder ausgeglichen, dann haben wir bewirkt, daB das, was wir
ihm zugefiigt haben, wiederum ausgeglichen ist. So haben wir es
fur viele Dinge, die unser Ich beriihren, in der Hand, wahrend
unseres Lebens noch einen Ausgleich zu schaffen, das, um was das
Ich unvollkommen wird, zu verbessern. Wenn es zum Beispiel zu
unserer Aufgabe gehort, irgend etwas zu wissen, und wir haben
es vergessen, so ist unser Ich weniger wert; wenn wir uns aber
bemiihen, konnen wir es wieder in die Erinnerung bringen. Das
Ich hat vorher weniger Wert; wenn wir es wieder in die Erinnerung
gebracht haben, dann haben wir den Schaden ausgeglichen. Also:
Wir konnen dieses Ich weniger wertvoll machen; wir konnen es
aber auch wiederum immer wertvoller machen. — Sehen Sie, diese
Fahigkeit, sozusagen zu revidieren ein Lebensglied, ein Mensch-
heitsglied von uns, daB wir seine Fehler korrigieren, daB wir es
vorwarts bringen, diese Fahigkeit haben wir in bezug auf das Ich.
Das BewuBtsein des Menschen erstreckt sich aber nicht unmittel-
bar auf das astralische Sein, auf das atherische und noch viel weni-
ger auf das physische Sein. Dennoch ist das ganze Leben ein fort-
wahrendes Zerstoren dieser drei Glieder, aber wir haben kein Wis-
sen, wie man das immer wieder ausbessert. Dariiber ist der Mensch
Herr, wie man das Ich ausbessert, wie man ausgleicht einen mora-
lischen, einen Gedachtnisdefekt; iiber dasjenige aber, was da der
Mensch fortwahrend zerstort in seinem astralischen, atherischen
und physischen Leib, dariiber ist er nicht Herr. Trotzdem wird fort-
wahrend diese Dreiheit verschlechtert, und wenn wir so hinleben,
fiihren wir fortwahrend Attacken aus gegen unsere drei Mensch-
heitsglieder, astralischer Leib, atherischer Leib und physischer Leib.
An dem Ich arbeiten wir. Ja, wenn wir an unserem Ich nicht arbei-
ten wiirden unser ganzes Leben lang zwischen Geburt und Tod, so
wiirde es eben nicht weiterkommen. Nun aber, an dem astralischen
Leib, an dem Atherleib und an dem physischen Leib kann der Mensch
nicht so bewuBt arbeiten wie an seinem Ich. Dennoch muB das-
jenige, was der Mensch da fortwahrend zerstort, wieder ersetzt
werden. Der Mensch muB in der Zeit zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt in der richtigen Art wiederum zusammengestellt
bekommen als astralischen Leib, Atherleib und physischen Leib,
was er zerstort hat; es muB moglich sein, daB wir in dieser Zeit
hergestellt bekommen das, was wir vorher im Leben zerstort haben:
den astralischen Leib, den Atherleib und den physischen Leib. Das
kann aber nur dadurch geschehen, daB etwas an uns arbeitet, was
nicht in unserer Hand liegt. Das ist ja ganz offenbar, daB Sie es,
wenn Sie nicht besondere magische Krafte zur Verfiigung haben,
nicht in Ihrer Gewalt haben, sich einen astralischen Leib zu ver-
schaff en, wenn Sie verstorben sind. Das muB dem Menschen aus der
groBen Welt, aus dem Makrokosmos geschafFen werden.
Da begreifen Sie jetzt die Frage: Ja, woher wird denn das wie-
derum hergestellt, was wir zum Beispiel an unserem astralischen
Leib zerstort haben? Wir miissen ja einen richtigen Leib haben,
wenn wir wiedergeboren werden zu einem neuen leiblichen Dasein.
Wo sind die Krafte zu Bnden im Weltenall, die den astralischen
Leib wieder herstellen? Sehen Sie, diese Krafte konnen Sie suchen
mit alien moglichen hellseherischen Kiinsten auf der Erde, Sie fin-
den sie auf der Erde nicht. Und wenn es bloB auf die Erde ank'ame,
so kbnnte dem Menschen nie wieder sein astralischer Leib her-
gestellt werden. Die materialistische Weltanschauung, die da glaubt,
alle Menschheitsbedingungen seien auf der Erde zu finden, irrt ganz
gewaltig. Der Mensch hat seine Heimat nicht bloB auf der Erde.
Das zeigt uns die wirkliche Betrachtung des Lebens zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt, daB die Krafte, die der Mensch
braucht, urn seinen astralischen Leib wieder herzustellen, bei Mer-
kur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn liegen, bei den Sternen unseres
Planetensystems liegen. Was von diesen Sternen ausgeht an Kraf-
ten, das muB alles arbeiten an der Wiederherstellung unseres astra-
lischen Leibes; und wenn wir von da nicht herbekommen die Krafte,
so konnen wir einen astralischen Leib nicht erhalten. Was heiBt
denn das aber? Das heiBt nichts anderes, als daB wir nach dem Tode
oder auch bei einer Initiation mit den Kraften unseres astralischen
Leibes herausdringen miissen aus dem physischen Leib. Und dieser
astralische Leib dehnt sich hinaus ins Weltenall. Wahrend wir sonst
nur an einer Stelle dieses Weltenalls auf einen kleinen Punkt zu-
sammengedrangt sind, dehnt sich unser ganzes Wesen nach dem
Tode hinaus in den ganzen Kosmos. Tatsachlich ist unser Leben
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt nichts anderes als ein
Aus-den-Sternen-Heraussaugen derjenigen Krafte, die wir brauchen,
damit diejenigen Glieder, die wir zerstort haben wahrend des Le-
bens, wieder hergestellt werden konnen. Also aus den Sternen emp-
fangen wir wirklich dasjenige, was uns unseren astralischen Leib
wieder herstellt.
Auf dem Gebiete, das man im wahren Sinne des Wortes Okkul-
tismus nennt, auf diesem Gebiete ist die Forschung eine sehr schwie-
rige, eine komplizierte. Nicht wahr, es ist schon so, daB derjenige,
der ganz gesunde Augen hat, wenn Sie ihn, sagen wir, in eine
Gegend schicken in die Schweiz, und er stellt sich dann auf einen
sehr hohen Berg hinauf und er kommt zuriick, so wird er Ihnen
eine Schilderung geben, die den Tatsachen entspricht. Aber Sie
konnen sich ganz gut vorstellen, wenn er ein zweites Mai nach
dieser Gegend geht und wiederum auf denselben Berg steigt, viel-
leicht etwas hoher, so wird er das, was er so sieht, von einem ande-
ren Gesichtspunkte aus beschreiben. Und man wird durch die Be-
schreibung von verschiedenen Gesichtspunkten aus einen immer
vollstandigeren, einen immer richtigeren BegrirT von der Bergland-
schaft bekommen. Man glaubt nun, wenn einer einmal hellsichtig
geworden ist, dann wisse er alles. So einfach ist die Sache nicht.
Hier, in der geistigen Welt, handelt es sich auch immer um ein
Forschen von Stuck zu Stuck. Und auch bei Dingen, die genau unter-
sucht worden sind, findet man immer Neues und Neues. Nun war
es gerade meine Aufgabe in den letzten zwei Jahren, das Kapitel
des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt wiederum
genauer zu untersuchen und nachzupriifen, und von diesen neuer-
lichen Priifungen mochte ich Ihnen hier einiges erzahlen.*
Natiirlich miissen Sie bei einer solchen Sache sich klar sein, daB
richtiges Verstandnis dafiir nur derjenige haben kann, der etwas
defer sich hineinfiihlen kann in eine solche Sache, der iiberhaupt
Herz und Sinn hat fur solche Betrachtung. Man kann nicht ver-
langen, daB alles an einem Abend belegt und bewiesen wird. Aber
wenn man wirklich in Geduld alles vergleicht und zusammenhalt,
was gesagt worden ist im Laufe der Zeit, so wird man finden, daB
nirgends ein Stiick ist in unserem Okkultismus, das sich nicht mit
den anderen zu einem wohlabgerundeten Ganzen geschlossen in
sich zusammenfiigt. Gerade diese Zeit zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt zu untersuchen, oblag mir in der letzten Zeit.
Und das trat so ganz besonders zutage in diesen Forschungen, die
mir in der neueren Zeit aufgetragen waren, das lag so ganz im
Sinne dieser Forschung, die Bedingungen, die bestehen fiir dieses
ganze Leben zwischen einem Tode und einer neuen Geburt, ins
geistige Auge zu f assen. Da zeigt sich eben wirklich, daB der Mensch,
so wie er auf der Erde zwischen Geburt und Tod gleichsam auf
seinen kleinsten Raum zusammengezogen ist, sozusagen immer
mehr iiber diesen kleinsten Raum hinaustritt, wenn er diesen phy-
sischen Leib ablegt. Indem er durch die Pforte des Todes tritt, dehnt
er sich immer weiter und weiter hinaus, er wachst und wachst. Er
wachst stuckweise in das Planetensystem hinein. Er wachst wirklich
erst bis zu der Stelle in unserem Planetensystem, wo der Mond
kreist. Und der Mensch wird so groB, daB seine auBersten Grenzen
zusammenfallen mit der Sphare, die durch die Stellung des Mondes
markiert ist. Da hort das Kamaloka auf. Wenn der Mensch dann
weiter wachst, so wachst er zunachst hinein in die Sphare, die gebil-
det ist durch den Merkur, dann in die der Venus. Da wird tatsach-
lich der Mensch, indem er sich immer weiter und weiter ausdehnt,
immer mehr und mehr wachst, da wird er so groB, daB sein AuBer-
stes durch die Sonnenbahn begrenzt ist, das heiBt, wo man sagt,
daB die scheinbare Sonnenbahn ist. Wir brauchen uns dabei nicht
um das Kopernikanische Weltensystem zu kummern; wir brauchen
uns nur vorzustellen die Umkreise so, wie das ausgesprochen ist im
Diisseldorfer Zyklus iiber die geistigen Hierarchien und ihre Wider-
spiegelung in der physischen Welt. Also der Mensch wachst in das
Planetensystem hinein bei seinem Aufstieg in die geistigen Welten,
in die Sphare des Mondes und so weiter bis in die auBerste Sphare,
in die des Saturn hinein. Und das alles ist notwendig, damit der
Mensch in der richtigen Weise zusammenkommt mit den Kraften,
die er fiir seinen astralischen Leib nur aus den Kraften des Planeten-
systems erhalten kann.
Aber nun stellt sich eine Verschiedenheit heraus, wenn man ver-
schiedene Menschen beobachtet. Die Verschiedenheit ergibt sich,
wenn man zum Beispiel einen Menschen beobachtet nach dem
Tode, der sein Leben hindurch in seinem Gemiite eine moralische,
gute Stimmung hervorgerufen hat, der eine moralische Seelen-
verfassung dutch den Tod hindurchtragt. Man kann einen solchen
vergleichen mit einem, der eine weniger moralische Seelenverfas-
sung durch die Pforte des Todes tragt; das macht einen groBen
Unterschied und dieses zeigt sich schon, indem der Mensch in die
Krafte des Merkur eintritt. Wie zeigt sich das? Nun, wenn der
Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, so nimmt er
durch jene Wahrnehmungsmittel, die wir dann haben nach der
Kamalokazeit, zum Beispiel die Wesenheiten wahr, die ihm im
Leben nahegestanden haben, die weggestorben sind, ehe er selbst
die Pforte des Todes durchschritten hat. Sind diese mit ihm ver-
bunden? GewiB, wir kommen mit alien diesen Wesenheiten zusam-
men, wir leben mit ihnen auch im Leben nach dem Tode. Aber es
ist ein Unterschied, wie wir leben mit den Wesenheiten, mit denen
wir gelebt haben auf der Erde. Es ist ein Unterschied, je nachdem
der Mensch eine moralische Seelenverfassung durch den Tod bringt
oder ob er eine unmoralische Seelenverfassung hat. Wenn der
Mensch unmoralisch gewesen ist im Leben, dann kommt er zwar
zusammen mit seinen Familienangehorigen und Freunden, aber es
ist immer durch seine eigene Wesenheit etwas geschaffen wie eine
Mauer, durch die er nicht hindurch kann bis zu den anderen Wesen.
Und es wird der Mensch mit einer unmoralischen Seelenverfassung
nach dem Tode ein Einsiedler, ein einsames Wesen, das iiberall
etwas wie eine Mauer um sich hat und nicht hinuber kann zu den
Wesen, in deren Sphare er versetzt ist. Die Seele aber mit einer
moralischen Seelenverfassung, die Seele mit solchen inneren Vor-
stellungen, die wir haben, wenn wir unseren Willen lautern, die
wird sozusagen ein geselliger Geist und findet immer die Briicken
und Zusammenhange mit den Wesen, in deren Sphare sie lebt. Ob
wir einsame oder gesellige Geister sind, das entscheidet sich nach
unserer unmoralischen oder moralischen Seelenverfassung. Diese
Entscheidung hat etwas sehr Wichtiges im Gefolge. Derjenige, der
ein geselliger Geist ist und nicht wie in die Schale seiner Wesenheit
eingeschlossen ist, sondern heran kann an die Wesen seiner Sphare,
dieser Mensch arbeitet fruchtbar an der Fortentwickelung, an dem
Fortschritt der ganzen Welt; der unmoralische Mensch, der nach
dem Tode ein Einsiedler, ein einsamer Geist wird, der arbeitet an
der Zerstorung der ganzen Welt; der reiBt ebensogroBe Locher aus
der ganzen Welt heraus, so grofi wie der Grad seiner Unmoralitat,
seiner Abgeschlossenheit ist. Die Wirkung der unmoralischen Taten
eines solchen Menschen ist fur ihn eine Qual, fur die Welt eine
Zerstorung.
Die moralische Seelenverfassung hat also eine groBe Bedeutung
schon nach den ersten Zeiten im Kamaloka; sie entscheidet unser
Schicksal auch fur die nachste Zeit, die man die Venus-Zeit nennt.
Es kommen aber noch andere Vorstellungen in Betracht, die der
Mensch ausgebildet hat wahrend des Lebens und die ihn angehen,
wenn er in die geistige Welt eintritt. Diese anderen Vorstellungen
sind die religiosen Vorstellungen. Anders lebt die Seele in der
Venus-Sphare nach dem Tode, wenn sie ein religioses Band gehabt
hat zwischen dem Verganglichen und dem Unverganglichen, und
anders lebt sie, wenn sie dieses Band nicht gehabt hat. Wiederum
hangt es davon ab, ob wir gesellige Geister werden oder einsame,
einsiedlerische Geister, je nachdem wir religios gestimmt waren im
Leben oder nicht. Das AbschlieBen im Leben, das religiose Ab-
schlieBen im Leben macht uns zu Einsiedlern, zu ungeselligen Gei-
stern. Wie wenn wir in eine Kapsel eingeschlossen waren, wie in
einem Gefangnis fiihlt sich eine solche unreligiose Seele. Wir wis-
sen zwar, daB auBer uns die Wesen sind, aber wir sind wie in einem
Gefangnis, in einer Kapsel, so daB wir nicht zu ihnen gelangen
konnen. So werden zum Beispiel die Mitgliedet des Monisten-
bundes, insofern sie in ihren oden materialistischen Vorstellungen
jedes religiose Gefiihl ausgeschlossen haben, nicht nach dem Tode
in einer neuen Gesellschaft, in einem Bund vereinigt sein; sie wer-
den ein jeder in seinem eigenen Gefangnis eingesperrt sein. Damit
soil nattirlich nichts gegen den Monistenbund gesagt sein; es soli
damit nur eine Tatsache begreiflich gemacht werden.
Hier im Leben sind materialistische Vorstellungen ein Irrtum, im
Reiche des Geistes sind sie eine Tatsache, namlich die Tatsache, daB
wir uns durch solche Vorstellungen, durch die wir uns hier im Phy-
sischen nur irrtiimlich abschlieBen, uns dort im Geisterland ein-
kerkern, uns zu Gefangenen machen unserer eigenen Astralit'at. —
Wir entziehen uns die Anziehungskrafte in der Merkursphare durch
unmoralische Lebensverfassung; wir entziehen uns die Anziehungs-
krafte in der Venus-Sphare durch irreligiose Seelenverfassung; wir
konnen die Krafte, die wir brauchen, nicht herausbekommen aus
dieser Sphare, das heiBt, wir bekommen dann in der nachsten In-
karnation einen in einer gewissen Art unvollkommenen astra-
lischen Leib.
Hier sehen Sie, wie an dem Karma gebaut wird, hier sehen Sie
die Technik des Karma. Wenn man diese Tatsache der okkulten
Forschung nimmt, dann beleuchtet sich einem in einer merkwiirdi-
gen Weise solch ein Ausspruch, der wie instinktiv von Kant gemacht
worden ist. Als er sagen wollte, welche zwei Dinge ihm am meisten
Bewunderung einfloBen, da sagte er: Der bestir nte Himmel iiber
mir und das moralische Gesetz in mir. — Scheinbar sind es zwei
Dinge, in Wahrheit aber ist es eines und dasselbe. Ja, warum iiber-
kommt uns ein solches Gefiihl der Erhabenheit, des gottlichen hei-
ligen Ernstes, wenn wir in die Weiten des Sternenhimmels hinauf-
schauen? Weil dann, ohne daB wir es wissen, unser seelisches Hei-
matgefiihl erwacht; weil dann in der Seele erwacht das Gefiihl:
Bevor du heruntergestiegen bist auf die Erde zu einer neuen In-
karnation, da warst du selber in diesen Sternen, und aus diesen
Sternen hast du die besten Krafte in dich hineinbekommen. Und
dein moralisches Gesetz, es ist dir verliehen worden, als du in dieser
Sternenweit weiltest. Du kannst dasjenige, was der Sternenhimmel
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt dir gegeben hat, als
die besten, schonsten Krafte deiner Seele erschauen, wenn du Selbst-
erkenntnis iibst. — Was wir im Sternenhimmel erblicken, ist das
moralische Gesetz, das uns aus geistigen Welten gegeben ist, denn
wir leben mit dem Sternenhimmel zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt. Wer sich in die Moglichkeit versetzen will, eine
Ahnung zu bekommen, woher seine besten Krafte stammen, der
sollte mit solchen Gefiihlen den Sternenhimmel betrachten. Wer
iiberhaupt nicht fragen will, sondern stumpfsinnig in den Tag
hineinlebt, dem werden die Sterne nichts erzahlen. Wer sich aber
die Frage aufwirft: Wie kommt dasjenige, was niemals mit meinem
Sinnenleib zusammenhangt, wie kommt es in mich? Wenn er dann
den Blick zum Sternenhimmel erhebt und ihn jenes eigentiimliche
Gefiihl iiber kommt; wenn er dann spiiren kann, wie er fromm wer-
den kann, dann weiB er: es ist die Erinnerung an unsere ewige Hei-
mat. So wachst man allmahlich hinein in jenen Zustand, wo wir
wirklich zusammenleben mit dem Sternenhimmel zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt.
Wir fragten, so wie wir bisher gefragt haben, nach unserem
astralischen Leib mit seinen Zusammenhangen, seinem Wiederauf-
bau in der geistigen Welt. Dieselbe Frage konnen wir in bezug auf
unseren Atherleib aufwerfen. Auch ihn miissen wir unser ganzes
Leben hindurch zerstoren; aber ebenso miissen wir von woanders
her die Krafte holen, damit wir ihn wieder aufbauen konnen, da-
mit wir ihn in den Stand setzen, seine Arbeit w'ahrend des Lebens
fur den ganzen Menschen zu leisten.
Ja, es gab lange Zeitraume in der menschlichen Erdenentwicke-
lung, da konnte der Mensch iiberhaupt gar nichts tun, um irgend
etwas dazu beizutragen, daB sein Atherleib in der nachsten In-
karnation mit guten Kraften ausgestattet war. Aber es hatte der
Mensch dazumal noch eine Erbschaft aus den Zeiten, wo er auf der
Erde entstanden ist. Solange das alte Hellsehen dauerte, waren in
dem Menschen noch solche Krafte, die beim Tode noch unver-
braucht vorhanden waren, gewissermaBen Reservekrafte, durch die
der Atherleib wieder aufgebaut werden konnte. Aber das ist der
Sinn der Menschenentwickelung, daB alle Krafte schwinden und
durch neue ersetzt werden miissen. Und heute sind wir wirklich in
einem Entwickelungspunkte, wo der Mensch etwas dazu tun muB,
damit sein Atherleib wieder aufgebaut werden kann. Durch alles
dasjenige, was wir mit den gewohnlichen moralischen Vorstellun-
gen tun, was wir tun mit irgendeiner Religion der Erde, mit einer
Religion, die auf ein einzelnes Volk der Erde beschrankt ist, gehen
wir allerdings in das Planetensystem und ziehen aus dem Planeten-
system die Krafte, die wir zum Wiederaufbau des astralischen Leibes
brauchen; nur durch eines gehen wir durch, ohne daB wir die rich-
tigen Krafte herausziehen: durch die Sonne selbst. Denn aus der
Sonne muB zugleich unser Atherleib die Krafte Ziehen; unser athe-
rischer Leib muB aus der Sonne die Krafte Ziehen, die er zu seinem
Wiederaufbau braucht.
In den vorchristlichen Zeiten, da war es so, daB der Mensch,
indem er sich hinaufentwickelte in die geistige Welt, einen Teil der
Krafte des Atherleibes mitnahm, und diese Reservekrafte lieBen
ihn aus der Sonne herausziehen dasjenige, was er zum Wiederauf-
bau seines Atherleibes in einer neuen Inkarnation brauchte. Das ist
jetzt anders: der Mensch bleibt jetzt immer mehr und mehr un-
beriihrt von den Kraften der Sonne. Wenn er nicht das Entspre-
chende dazu tut, daB sein atherischer Leib sich so vorbereitet, daB
er in die Seele das hineingieBt, was aus der Sonne herausziehen
kann die Krafte, die er braucht zum Wiederaufbau seines Ather-
leibes, so geht er unberiihrt durch die Sonnensphare hindurch.
Nun kann uns das, was wir fiihlen konnen aus einem einzelnen
Religionsbekenntnis der Erde, niemals in der Seele das geben, was
wir brauchen, um in der Sonnensphare bestehen zu konnen. Das-
jenige, was wir in unseren Atherleib hineingieBen konnen, das-
jenige, was wir dann brauchen in der Seele, damit sie fruchtbar
durchlaufen kann die Sonnensphare, das kann uns nur werden aus
dem Gemeinsamen, das in alien menschlichen Religionen flieBt.
Und was flieBt darin? Nun, wenn Sie die verschiedenen Religionen
der Welt vergleichen — und dies ist ja eine der bedeutsamsten Auf-
gaben der geisteswissenschaftlichen Arbeit, den Wahrheitskern der
verschiedenen Religionen wirklich zu studieren — , wenn Sie sie alle
miteinander vergleichen, so werden Sie eines finden. Sie werden
finden, daB diese Religionen immer in ihrer Art vollkommen waren,
aber ger ade auf ein bestimmtes Volk, auf eine bestimmte Zeitepoche
hin; daB sie diesem Volk, dieser Zeitepoche das Bedeutsamste ge-
geben haben, was diese Zeit erhalten konnte. Und wir wissen im
Grunde genommen am meisten iiber eine Religion da, wo diese
Religionen gerade haben dienen konnen ihrer Zeit und ihrem Volke
dadurch, daB sie sich abgeschlossen haben in einer gewissen egoisti-
schen Weise so, wie sie aus dem groBen Urquell des Lebens ge-
geben waren.
Wir haben ja schon seit mehr als zehn Jahren die Religionen
studiert; aber es mufite einmal der Anfang gemacht werden damit,
der Menschheit etwas zu geben, das iiber die einzelnen Religionen
hinausgeht, das gleichsam alles das enthalt, worauf die einzelnen
Religionen hingewiesen haben. Wodurch kam das zustande? Das
kam dadurch zustande, daB einmal eine Religion auftrat, die eine
unegoistische Religion ist. Ihre Vollkommenheit beruht gerade
darin, daB sie sich nicht bloB auf ein Volk und auf eine Zeit
beschrankte. Eine im eminentesten Sinne egoistische Religion ist
zum Beispiel die Hindu-Religion. Denn wer kein Hindu ist, kann
nicht aufgenommen werden in diese Religion. Diese Hindu-Reli-
gion ist also in besonderem Sinne zugeschnitten auf das Hinduvolk.
Ebenso ist es mit den anderen Territorialreligionen. Darauf beruht
die GroBe der einzelnen Religionsbekenntnisse, daB sie fur die ein-
zelnen irdischen Verhaltnisse zugeschnitten waren. Wer das nicht
ins Auge faBt, daB die Religionen gerade darin ihre Vollkommen-
heit haben, daB sie auf einzelne irdische Verhaltnisse sich beschran-
ken, wer nur immer betont, daB alle Religionssysteme aus einer
Einheksquelle gekommen sind, der kann nie zu einer Erkenntnis
kommen.
Was heiBt es denn, nur immer von der Einheit zu sprechen? Das
heiBt zum Beispiel, jemand sagt: Auf dem Tische stehen Salz und
Pfeffer und Paprika und Zucker, aber nicht was jedes fur sich
bedeutet, wollen wir hervorheben, sondern die Einheit suchen wir,
die sich ausdriickt in den verschiedenen Gewiirzen, Pfeffer, Salz,
Paprika und Zucker. — Reden kann man so iiber diese Dinge, aber
wenn es sich darum handelt, von dem Reden zur Wirklichkeit
iiberzugehen, wenn es darauf ankommt, die verschiedenen Gewiirze
jedes fiir sich in seiner Eigenart anzuwenden, wird man den Unter-
schied schon gewahr werden. Da wird niemand, wenn er die ver-
schiedenen Gewiirze anwendet, sagen, daB sie alle ohne Unterschied
Gewiirz seien. Denn wenn wirklich kein Unterschied ist, dann neh-
men Sie einmal das Salz oder den Pfeffer und tun diese statt
Zucker in Ihren Kaffee oder Tee; da werden Sie den Unterschied
schon spiiren. Denselben logischen Schnitzer macht jemand, der
nicht wirklich die einzelnen Religionsbekenntnisse trennt, sondern
sagt: sie kommen alle aus derselben Quelle.
Aber wenn man kennen will, wie das lebendige Band sich durch
die verschiedenen Religionen hindurchzieht auf ein groBes Ziel hin,
dann muB man dieses Band kennenlernen, dann muB man die
Religionen in ihrem Wert fiir die einzelnen Spharen wirklich stu-
dieren. Das ist geschehen seit mehr als zehn Jahren innerhalb
unserer mitteleuropaischen Sektion der Theosophischen Gesell-
schaft; aber es ist dann einmal der Anfang gemacht worden, eine
Art von Religion zu gewinnen fiir etwas, was nichts zu tun hat
mit den menschlichen Unterschieden, was nur mit dem Mensch-
lichen etwas zu tun hat, das ohne Unterschied von Farbe und Rasse
und so weiter ist. Worin driickt sich das aus? Haben wir in Wahr-
heit eine nationale Religion, wie sie die Hindu oder die Juden
haben? Wenn wir den Wotan verehren wiirden, dann waren wir in
der Lage, in der die Hindu sind. Wir verehren aber nicht den Wotan.
Das Abendland hat sich zum Christus bekannt, der kein Abend-
lander ist, der ein Auswartiger ist in bezug auf seine Abstammung.
Nicht eine national-egoistische Art, sich an ein Bekenntnis zu bin-
den, ist die Art, wie das Abendland sich zum Christus gestellt hat.
Wir konnen das hier beriihrte Gebiet im Rahmen eines einzelnen
Vortrages natiirlich nicht erschopfend behandeln; immer konnen
nur einzelne Gesichtspunkte angefuhrt werden. Angefuhrt werden
sollte, daB die Art, wie sich das Abendland sein Religionsbekennt-
nis angeeignet hat, eine absolut unegoistische gewesen ist. Auch
in einer anderen Art zeigt sich das Uberwiegende des Christus-
Prinzipes. Rufen Sie zusammen einen ernsten KongreB, zusammen-
gesetzt von Religionsgelehrten der verschiedenen Religionsbekennt-
nisse, die sich bemiihen sollen, die einzelnen Religionssysteme un-
parteiisch miteinander zu vergleichen. Die Frage mochte ich ihnen
stellen, ob es in demselben Sinne in irgendeiner Religion etwas gibt,
was iiber die ganze Erde hin Giiltigkeit hat wie das Folgende: daB wir
eine und dieselbe Bemerkung haben, die von zwei Seiten herkommend
etwas ganz Verschiedenes bedeutet, wie im Christentum. Es ist eine
tiefe Bemerkung im Evangelium, die da der Christus Jesus macht, in-
dem er sagt zu denen, die er lehrte: In euch alien lebt ein Gottliches;
seid ihr denn nicht Gotter? Er sagt es mit aller Gewalt: «Ihr seid
G6tter» (Joh. 10, 34). Damit meint der Christus Jesus: Ein Funke
liegt in jeder Menschenbrust, der gottlich ist, der angefacht werden
muB, so daB man sagen kann: Seid wie die Gotter! Zu einer ande-
ren, und zwar gerade entgegengesetzten Wirkung fiihrt ein Wort
von Luzifer, als er an den Menschen herantritt, um ihn herabzu-
ziehen aus dem Gotterbereiche, indem er zu den Menschen sagt:
«Ihr werdet sein wie Gott» (I. Mose, 3, 5). Da war der Sinn ganz
anders. Der gleiche Ausspruch, der Menschheit zum Verderben,
beim Beginn des Herabgehens in den Abgrund; derselbe Ausspruch,
ein Hinweis auf unser hochstes Ziel! Das soil man in irgendeinem
Religionsbekenntnis in der gleichen Art suchen! Entweder ist das
eine oder das andere da; aber es ist nicht beides da. Man forsche
— aber man forsche nur genau — und man wird sehen, wie vieles
darin liegt in den wenigen Worten, die jetzt gesagt worden sind.
Warum hat das Christentum diese wichtige Sache in sich aufgenom-
men? Damit sich zeigt, daB es auf den bloBen Inhalt nicht ankommt,
sondern darauf, aus welcher Wesenheit er herkommt. Warum?
Weil das Christentum begann, in tichtigem Sinne darauf hinzuwei-
sen und hinzuwirken, was sein Wesenskern verkiindet: Nicht bloB
Stammesverwandtschaft ist da, sondern Menschheitsverwandtschaft
ist da, etwas, was ohne Unterschied von Rasse, Nationalist und
Bekenntnis gilt, etwas, was iiber alle Rassen und iiber alle Zeiten
heriibergreift. Darum ist das Christentum zugleich so intim ver-
wandt mit der menschlichen Seele, weil das, was das Christentum
geben kann, keiner menschlichen Seele fremd zu bleiben braucht.
Das geben zwar noch nicht alle Menschen auf der Erde zu. Aber
was wahr ist, muB ja doch zuletzt sieghaft sich durchsetzen.
Heute allerdings sind die Menschen noch nicht einmal so weit,
einsehen zu konnen, daB der Buddhist, der Hindu nicht den Christus
abzulehnen braucht. Denken Sie doch einmal, was es heiBen wiirde,
wenn jemand denkend, tief denkend, auftreten wiirde und wenn
er sagen wiirde zu uns: Es ist unrecht von euch Christus-Bekennern,
wenn ihr besonders von dem Christus sagt: alle Bekenntnisse kon-
nen sich in ihm vereinigen, konnen ihn gleichmaBig als ihr hoch-
stes Ziel anerkennen. Damit gebt ihr dem Christus den Vorzug.
Ihr diirft besonders nicht iiber den Christus eine solche Behaup-
tung aufstellen. — Warum denn nicht? Vielleicht, weil der Hindu
verlangen konnte, wir sollten auch seine Lehren allein verehren?
Wir wollen nichts nehmen diesen Lehren, die wir wahrhaftig so
hoch verehren wie nur irgendein Hindu. Darf der Buddhist sagen:
Ich darf den Christus nicht anerkennen, denn das steht nicht in
meinen buddhistischen Schriften? Kommt irgend etwas darauf an,
wenn etwas, was wahr ist, nicht in besonderen Schriften steht? Ist
es antibuddhistisch, daB man sich zu dem kopernikanischen Welt-
system bekennt, obgleich davon nichts in buddhistischen Schriften
steht? Darf der Buddhist sagen: Es ist nicht recht, es ist antibuddhi-
stisch, daB man sich zu dem kopernikanischen Weltsystem bekennt,
denn in meinen Biichern steht nichts von dem kopernikanischen
Weltsystem? — Geradeso wie das kopernikanische Weltsystem sind
die neueren geisteswissenschaftlichen Forschungsresultate iiber die
Christus- Wesenheit etwas, was von einem Hindu oder Bekenner
eines anderen Religionssystems angenommen werden kann; das hat
nichts zu tun mit einem Religionsbekenntnis. Wer es ablehnt, was
Geisteswissenschaft zu sagen hat iiber den Christus-Impuls im Ver-
haltnis zu den Religionsbekenntnissen, der hat nicht das wahre Ver-
standnis fur das, wie man sich zu einem Religionsbekenntnis zu
stellen hat. — Vielleicht, meine lieben Freunde, wird noch einmal
die Zeit kommen, wo man sehen wird, wie das, was wir iiber das
Wesen des Christus-Impulses und sein Verhaltnis zu alien Reli-
gionsbekenntnissen und Weltanschauungen zu sagen haben, ebenso
tief zu unseren Herzen, zu unseren Seelen spricht, wie es sich
bemiiht, mit einer auBersten Konsequenz bis in die einzelnen Pha-
sen zu gehen. — Es ist nicht leicht fiir den einzelnen, einzusehen,
wie versucht wird, die Dinge zusammenzutragen, die zu einem wah-
ren Verstandnis des Christus-Impulses fiihren konnen. Und es
braucht der Mensch in seinem gegenwartigen Zyklus ein Verstand-
nis fiir das, was wir die Christus-Wesenheit nennen. Das Sich-
Bekennen zum Christus hat nichts zu tun mit einem einzelnen, sich
abschlieBenden Religionssystem; ein richtiger Christ ist nur der-
jenige, der gewohnt ist, einen jeden Menschen anzusehen als sol-
chen, der das christliche Prinzip in sich selber tragt; fiir einen rich-
tigen Christen wird das Christliche gesucht in einem Chinesen,
einem Hindu und so weiter. — Das wahre Verstandnis eines jeden,
der sich zum Christus bekennt, beruht darin, daB er sich bewuBt
wird, daB der Christus-Impuls sich nicht beschrankt auf einen Teil
der Erde — ein Irrtum ware dies. Die Realitat ist so, daB seit dem
Mysterium von Golgatha wirklich wahr ist, was Paulus schon sagte
fiir die Gebiete, fiir die er zu sprechen hatte. Paulus hat verkiindet:
Christus ist gestorben auch fiir die Heiden. — Verstehen aber muB die
Menschheit, daB der Christus gekommen ist nicht fiir ein bestimm-
tes Volk, fiir eine bestimmte, beschrankte Zeit, sondern fiir die
gesamte Erdenbevolkerung, fiir alle. Und dieser Christus, er hat
seine Phantomkeime in jede Seele gestreut, und der Fortschritt wird
nur darin bestehen, daB die Seelen sich ihrer bewuBt werden. Wir
arbeiten also nicht nur eine Theorie aus, nicht bloB, daB unser Ver-
stand ein paar Begriffe mehr bekommt, wenn wir geisteswissen-
schaftlich arbeiten, sondern wir kommen zusammen, daB unsere
Herzen und Seelen ergriffen werden. Wenn wir in dieser Art ein
Verstandnis entgegenbringen dem Christus-Impulse, so wird er es
endlkh machen, daB alle Menschen auf der Erde zum tiefsten
Christus-Verstandnis kommen, zum Verstandnis des Christus-Wortes:
« Wenn zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, so bin
ich mitten unter ihnen.» Die in diesem Geiste zusammen arbeiten,
sie finden die Briicke von Seele zu Seele. Das aber wird der Christus-
Impuls iiber die ganze Erde hin machen. Der richtige Christus-Impuls,
das ist dasjenige, was das lebendige Leben unserer Zweige sein soil.
Da kommt dann der Okkultismus und zeigt uns, wenn wir es uns an-
gelegen sein lassen dadurch, daB wir etwas fiihlen die Realitat des
Christus-Impulses: dann wird in unsere Seelen etwas hineingesenkt,
was sie geeignet macht, den Durchgang zu finden durch die Son-
nensphare, so dafi der Atherleib uns in der richtigen Weise wieder
gegeben werden kann in der nachsten Inkarnation. Richtig nehmen
wir Geisteswissenschaft erst auf, wenn wir ein tiefgehendes Ver-
standnis der Aufnahme des Christus-Impulses entgegenbringen.
Nur so wird unser Atherleib beim Eintritt in eine neue Inkarnation
stark und kraftig sein. Die Atherleiber werden immer mehr und
mehr verkommen, wenn die Menschen nichts wissen von dem
Chrisms und seiner Mission fur die ganze Erdenentwickelung.
Durch Verstandnis der Christus- Wesenheit werden wir diesem Ver-
kommen des Atherleibes entgehen, das macht uns sonnenfahig,
sonnenhaft, das macht uns geeignet, daB wir aus dem Gebiete, aus
dem der Christus gekommen ist, Krafte aufzunehmen fahig werden.
Seit er da ist, der Christus, kann der Mensch die Krafte mitnehmen
von der Erde, die ihn in die Sonnensphare fiihren. Dann konnen
wir zuriickgehen auf die Erde und in der nachsten Inkarnation leben
die Krafte, die unseren Atherleib stark machen. Wenn wir den
Christus-Impuls nicht aufnehmen, dann werden die Atherleiber
immer unfahiger und unfahiger, sich ihre erhaltenden, aufbauen-
den Krafte aus der Sonnensphare mitzunehmen, urn hier auf der
Erde richtig wirken zu konnen. Klar sein miissen wir uns, daB das
Leben der Erde wirklich abhangt nicht von dem bloBen theoreti-
schen Auffassen, sondern von einem ganzlichen Durchdrungensein
von dem Ereignis von Golgatha. Das zeigt uns die wahre okkulte
Forschung.
Und diese okkulte Forschung zeigt uns weiter, wie wir empfan-
gen konnen, was uns fur den physischen Leib vorbereitet. Denn der
physische Leib wird uns verliehen durch das, was man nennt das
Vater-Prinzip. Aber durch die Eigentiimlichkeit, die sich ausdriickt
durch das Wort des Christus Jesus: «Ich und der Vater sind Eins»
(Joh. 10, 30), werden wir durch den Christus-Impuls auch des Vater-
Prinzips teilhaftig; das heiBt, es fiihrt uns der Christus-Impuls zu-
gleich zu den gottlichen Vaterkraften.
Was ist das Beste, das wir gewinnen konnen aus unserer spiri-
tuellen Vertiefung? Man konnte sich vorstellen, daB eine Menschen-
seele mbglich ware unter Ihnen, die nachher zur Tiire hinausginge
und sich sagen wiirde: Jetzt habe ich eigentlich alles vergessen bis
auf alle einzelnen Worte. Es wiirde dies ein extremer Fall sein, es
wiirde der radikalste Fall sein. Das, meine lieben Freunde, ware
noch nicht einmal der groBte Schaden. Denn ich konnte mir den
Fall denken, daB so einer, der da hinaustritt auf die StraBe, trotz-
dem ein Gefiihl, eine Empfindung mittriige, die das Ergebnis ist
dessen, was er hier gehort hat, wenn er auch sonst alles vergessen
hat. Und dieses Gefiihl ist die Hauptsache, Was wir in unserem
Gemiit erleben, das ist die Hauptsache. Aber wir konnen es nicht
anders erleben, wenn wir die Worte horen, als dadurch: wir miissen
uns ihm hingeben in alien Einzelheiten, damit unsere Gemiiter mit
dem machtigen Impulse ausgefiillt werden. Wenn alles dasjenige,
was Geist-Erkenntnis uns sein kann, zur Verbesserung unserer Seele
beitragt, dann haben wir das Richtige gewonnen. Und gar, wenn
im rechten Sinne durch das, was sich in seinem Gemiite nieder-
schlagt durch die Geisteswissenschaft, der Mensch fahig wird, nur um
ein weniges mehr seine Mitmenschen zu verstehen, dann hat sie an
ihm ihr Werk getan. Denn Geisteswissenschaft ist Leben, unmittel-
bares Leben. Widerlegt oder bewiesen wird sie nicht durch logische
Disputationen. Sie wird durch das Leben bewiesen und gewertet.
Und sie wird sich bewahren dadurch, daB sie Menschen finden
kann, in deren Seelen sie Eingang findet. Aber was konnte uns
mehr erheben, als wenn wir imstande sind zu wissen, daB wir ken-
nenlernen die Quelle unseres wahren Lebens zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt, unsere Verwandtschaft zu fiihlen mit dem
ganzen Universum! Was konnte uns mehr bestarken in unseren
Pflichten in unserem Leben als das Wissen, daB wir in uns tragen
die Krafte des Universums, zu deren EingieBung wir uns vorberei-
ten miissen im Leben, damit sie wirksam in uns werden konnen,
wenn wir wiederum betreten die Welt der Planeten und die Welt
der Sonne zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und der,
der wirklich begreift die Dinge, die ihm der Okkultismus enthiillen
kann iiber des Menschen Verh'altnis zur Sternenwelt, bei dem ist
ehrlich das Gebet, das er dann verstandnisvoll an die Welt richtet
und das etwa so lauten kann: «Je mehr ich mir bewuBt werde, wie
ich herausgeboren bin aus dem Weltenall, je mehr ich die Verant-
wortlichkeit fiihle, die Krafte in mir zu entwkkeln, die ein ganzes
Weltenall mir gegeben hat, ein um so besserer Mensch werde ich
werden konnen. » Und wer dieses Gebet aus der tief innersten Seele
heraus zu beten versteht, der darf auch hoffen, daB es bei ihm ein
reales Ideal wird, der darf auch hoffen, daB er durch die Kraft eines
solchen Gebetes ein immer besserer und vollkommenerer Mensch
werde. So arbeitet bis in die intimsten Tiefen hinein das, was wir
durch die wahre Geisteswissenschaft erhalten.
DIE NEUESTEN ERGEBNISSE OKKULTER FORSCHUNG
OBER DAS LEBEN ZWISCHEN TOD UND NEUER GEBURT
Wien, 3. November 1912
Es ist mir eine groBe Freude, daB ich heute abend in Ihrer Mitte
sein kann gelegentlich meiner Anwesenheit in Wien, die durch
anderes notwendig geworden ist.
Sprechen mochte ich zu Ihnen heute abend, meine lieben Freunde,
da es ja ein ausnahmsweises Zusammentreffen ist, von einigem, man
darf wohl sagen, Intimerem, das sich doch nur besprechen laBt ganz
im engen Kreise derjenigen, die schon langere Zeit geisteswissen-
schaftlich gearbeitet haben.
Es ist nun so in der okkulten Forschung, daB man eigentlich
nicht oft genug gleichsam nachsehen kann, wie es mit den Dingen
ist, die ja immer wieder und wieder durchforscht, durchsucht wer-
den, von denen immer wieder und wieder verkundet wird, und die,
weil sie sich ja in der dem Menschen nicht so leicht zuganglichen,
von ihm nicht so leicht faBbaren geistigen Welt befinden, gewisser-
maBen auch leicht nach der einen oder nach der anderen Richtung
hin selbst vom Forscher miBdeutet oder ungenau gesehen werden
konnen; daher muB immer wieder und wieder gewissermaBen nach-
kontrolliert werden. GewiB, die Hauptsache der Tatsachen des iiber-
sinnlichen Lebens steht seit Jahrtausenden fest, aber es ist schwie-
rig, sie darzustellen. Und deshalb war es mir eine tiefe Befriedi-
gung, daB es mir in den letzten Zeiten moglich geworden ist, mich
intimer wiederum mit einem Gebiete zu befassen, das auf der Seite
des Okkultismus von Wichtigkeit ist: mit dem Gebiete des Lebens
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. GewiB, nicht gerade
neue Dinge miissen sich bei einer solchen Gelegenheit zum Durch-
forschen herausstellen, aber manches ergibt dann die Moglichkeit,
genauer, praziser die Dinge wieder und wieder zu sagen. So mochte
ich am heutigen Tage gerade von dieser fur die iibersinnliche Er-
kenntnis so wichtigen Zeit des Menschen, der Zeit zwischen Tod
und neuer Geburt, sprechen; nicht so sehr iiber das nachste Gebiet,
das ja in den Schriften und auch sonst oft hier zur Sprache gekom-
men ist, iiber das sogenannte Kamaloka-Gebiet, sondern iiber das-
jenige, was sich daran anschlieBt, iiber den eigentlichen Aufenthalt
des Menschen in der geistigen Welt zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt. Nur ein paar Worte mochte ich dieser Schilderung
vorausschicken.
Dasjenige, was zwischen Tod und neuer Geburt liegt, lernt man
kennen durch die Initiation, durch die Einweihung oder durch das
Durchschreiten der Pforte des Todes. Gewohnlich nimmt man den
Unterschied nicht ernst genug, der besteht zwischen alien Erkennt-
nissen, die wir uns aneignen konnen in bezug auf die sinnliche
Welt, in der wir immer mit unseren Sinnen und mit dem Verstande
drinnenstehen, und in bezug auf die geistige Welt, in die wir ein-
treten entweder durch die Initiation schon in diesem Leibe, in die-
sem physischen Dasein, oder ohne diesen Leib, wenn wir durch die
Pforte des Todes geschritten sind. Es ist gewissermafien alles um-
gekehrt in dieser geistigen Welt. Zwei Merkmale mochte ich an-
fiihren, welche so recht zeigen konnen, wie die geistige Welt sich
ganz bedeutsam unterscheidet von der gewohnlichen sinnlichen Welt.
Nehmen wir unser Dasein in dieser Sinnenwelt wahrend unseres
wachenden Zustandes vom Morgen bis zum Abend. Da sehen wir,
daB die Dinge, die wir durch unsere Augen und Ohren wahrneh-
men, an uns herankommen; und sozusagen nur die hoheren Gebiete
des Lebens, die Erkenntnisgebiete, das Kunstgebiet suchen wir auf,
die miissen wir tatig an uns heranbringen, da miissen wir mittun —
aber das iibrige auBere Leben, das uns in Anspruch nimmt, bringt
wahrhaftig alles, was auf unsere Sinne und unseren Verstand wir-
ken soil, von morgens bis abends an uns heran. Wo wir gehen, auf
der StraBe, wie wir auch leben, alles und jedes, jeder Augenblick
hat seine Eindriicke, und wir tun, mit den angedeuteten Ausnah-
men, nichts fur das Herbeibringen; sie kommen von selber.
Anders ist es mit dem, was in der physischen Welt durch uns
geschieht; da miissen wir tatig sein, da miissen wir von Ort zu Ort
schreiten, da miissen wir uns riihren. Das sind die bedeutsamen
Kennzeichen des taglichen Lebens, daB das, was sich unserer Er-
kenntnis darbietet, geschieht, ohne daB wir etwas dazu tun. So gro-
tesk es ist, im Geistigen ist es umgekehrt. In der geistigen Welt
kann man nicht handeln, nicht titig sein, nicht etwas herbeifiihren
dadurch, daB man von einem Ort zum anderen geht; man kann
auch nichts herbeifiihren in der geistigen Welt dadurch, daB man
sozusagen Organe riihrt, welche analog waren den physischen Han-
den, sondern dasjenige, was vor alien Dingen notwendig ist, damit
mit uns etwas geschieht in der geistigen Welt, das ist die absolute
Gemiitsruhe.
Je ruhiger wir sein konnen, desto mehr geschieht durch uns in
der geistigen Welt, so daB wir also gar nicht sprechen konnen da-
von, daB etwas geschieht in der geistigen Welt, wenn wir hasten
und treiben, sondern indem wir in aller Gemiitsruhe entwickeln
eine groBere liebevolle Anteilnahme an dem, was geschehen soil,
und dann abwarten, wie die Dinge sich entwickeln. Diese Gemiits-
ruhe, welche in der geistigen Welt schaffend ist, hat kaum irgend
etwas Ahnliches im gewohnlichen physischen Leben, wohl aber in
hoheren Gebieten auf dem physischen Plane, im Erkenntnisleben
und im Kunstleben. Da haben Sie schon etwas Analoges. Der
Kiinstler kann eigentlich nicht das Hochste, was er vermag nach
seinen Anlagen, schaffen, wenn er nicht warten kann, wenn er nicht
in aller Gemiitsruhe warten kann, bis der rechte Augenblick gekom-
men ist, bis die Intuition kommt. Wer programmaBig schaffen will,
der kann nur minderwertige Produkte zustande bringen. Wer auf
irgendeinen auBeren AnlaB hin irgendein Werk, sei es das kleinste,
schaffen will, wird es nicht so gut zustande bringen, als wenn er in
liebevoller Hingabe und ruhig warten kann auf den Augenblick
der Inspiration, wir konnen auch sagen, auf den Augenblick der
Gnade. So ist es auch in der geistigen Welt, da gibt es kein Hasten
und Drangen, da gibt es nur Gemiitsruhe.
Im Grunde genommen muB es auch so sein bei der Ausbreitung
unserer Bewegung. Alle auBere Agitation, alles auBere den Men-
schen die Geisteswissenschaft Aufdrangenwollen, fiihrt im Grunde
genommen zu nichts. Am besten ist es, wenn wir warten konnen,
bis sich uns im Leben die Menschen zeigen, die in ihrer Seele das
Bediirfnis haben, etwas zu horen, die sich hinneigen wollen dem
Geistigen, und wir sollen gar nicht das Bediirfnis entwickeln, einen
jeden an die Geisteswissenschaft heranzubringen. Wir werden die
Erfahrung machen, je mehr Ruhe, agitationslose Ruhe wir ent-
wickeln konnen, desto mehr Leute kommen an uns heran, wahrend
wir durch eine briiske Agitation die Leute geradezu zurikkstoBen
werden. Wenn ein offentlicher Vortrag gehalten wird, geschieht es
nur, damit gesagt werde, was gesagt werden muB; wer es aufneh-
men will, kann es aufnehmen. Insofern muB unser ganzes Leben
innerhalb der geisteswissenschaftlichen Bewegung ein Abbild des
Geistigen sein, daB wir das, was geschehen soli, geschehen lassen
und es abwarten mit Gemiitsruhe.
Nehmen wir einmal einen initiierten Menschen, welcher erkannt
hat, daB in einem bestimmten Zeitpunkte irgend etwas aus der gei-
stigen Welt heraus geschehen soli. Ich habe ofters aufmerksam
gemacht auf einen wichtigen Zeitpunkt, in dem etwas geschehen
ist von der geistigen Welt aus, nur zeigt es sich jetzt noch nicht in
so auBerordentlichem MaBe. Das war das Jahr 1899, der Ablauf
des kleinen Kali Yuga. Das war im wesentlichen das Jahr, welches
einen bestimmten Impuls brachte, der dazu bestimmt war, den
Menschen dasjenige von innen heraus zu geben, ihnen in der Seele
zu erwecken, was im Grunde genommen in den friiheren Zeiten
durch irgendwelche auBeren Dinge, man nannte es Zufall, aus der
geistigen Welt gegeben worden ist. Ich will einen bestimmten Fall
anfiihren: Im zwolften Jahrhundert lebte ein gewisser Norbert.
Dieser begriindete einen Orden. Er fiihrte zunachst ein recht welt-
liches, man konnte sagen, ein ausschweifendes Leben, da traf ihn
ein Blitzstrahl. Oftmals kommt es in der Geschichte bei einzelnen
Menschen vor, daB ein solches Ereignis eintritt; ein Blitzstrahl kann
durchschutteln den physischen und den Atherleib. Da wurde sein gan-
zes Leben verandert. Da ist es so, daB wie ein auBerer AnlaB von der
geistigen Welt zu Hilfe genommen wird, um die Menschen zu ver-
andern. Solche Zuf'alle kommen oft vor, sie durchschutteln den
ganzen Zusammenhang zwischen physischem und Atherleib und
verandern den Betreffenden ganz und gar. So war es auch hier. Das
sind aber keine Zufalle, das sind in der geistigen Welt wohlvor-
bereitete Tatsachen, den Menschen zu verandern. Nun wurden diese
Tatsachen vom Jahre 1899 an immer intimer und intimer, viel
weniger auBerlich, viel mehr durch das Innere wirkend; verinner-
licht wird des Menschen Seele. Und tatsachlich, bei einer solchen
Umwalzung in der Welt wie im Jahre 1899 miissen mitwirken alle
Wesenheiten und Machte aus der geistigen Welt, aber auch alle
Initiierten, die hier leben. Sie sagen nicht: Bereitet euch vor! — , sie
sagen es nicht den Leuten in die Ohren, sondern es geschieht so,
daB der Impuls von innen kommt, daB die Menschen ihn von innen
heraus verstehen lernen. Dann bleiben die Leute in der Seele ruhig,
befassen sich mit dem Gedanken, lassen diesen Gedanken in sich
wirken und warten. Und je ruhiger sie werden mit dem Gedanken
in der Seele, desto kraftiger kommen solche geistigen Ereignisse.
Also, abwarten diese Begnadung! Dies ist es vorzugsweise, daB wir
abwarten sollen, was mit uns geschehen soli in der geistigen Welt.
Anders ist es mit dem Erkennen im Alltag; da miissen wir alles
herantragen, miissen es erwerben, miissen arbeiten, um es uns
gewissermaBen entgegenzubringen. Eine Rose, die wir am Wege
finden, erfreut uns in dieser physischen Welt; auf dem geistigen
Plane wiirde es nicht geschehen, es wiirde sich uns nichts einer Rose
auf dem physischen Plane Ahnliches hinstellen, wenn wir uns nicht
bemuhten, in bestimmte geistige Gebiete hineinzukommen, um die
Dinge an uns heranzubringen. Gerade was wir beim Tun hier
machen, miissen wir beim Erkennen im Geistigen machen; und
umgekehrt: Was durch uns geschehen soil, miissen wir in Ruhe
abwarten und nur sozusagen das Hereinragen aus der geistigen
Welt in die physische, die hoheren Betatigungen der Menschen
bilden ein Abbild des Geschehens in der geistigen Welt. Daher ist
es notwendig, daB derjenige, der durch seine Seele verstehen will
die Wahrheiten, die durch die Geisteswissenschaft kommen sollen,
die zwei Eigenschaften immer mehr und mehr entwickelt: Liebe
zum geistigen Leben, die ihn zum tatigen Heranbringen der geisti-
gen Welt fiihrt, und diese ist das allersicherste, uns in die Lage zu
versetzen, immer wieder und wieder die Dinge an uns heranzu-
bringen — und Ruhe, Gemiitsruhe, eine Ruhe, die nicht eitel und
ehrgeizig Erfolge herbeifiihren will, sondern die begnadet sein
will, die auf Inspiration warten kann. Dieses Warten ist im kon-
kreten Falle schwierig. Aber ein Gedanke, den wir immer wieder
und wieder in unserer Seele haben sollten, kann uns iiber vieles
hinausfuhren. Er ist schwer zu fassen, weil er sehr gegen unsere
Eitelkeit verstoBt. Dieser Gedanke ist, daft es gleichgiiltig ist im
Weltenzusammenhang, ob etwas durch uns oder einen anderen
Menschen geschieht. Das soli uns nicht abhalten, alles zu tun, was
uns zu vollbringen obliegt; nicht von unserer Pflicht soli es uns ab-
halten, aber vom Hasten, Treiben soli es uns abhalten. Wie gern
hat es ein jeder Mensch, daB er befahigt ist, daB er etwas kann. Es
gehort eine gewisse Resignation dazu, ebenso gern zu haben, daB
und wenn ein anderer etwas kann. Nicht lieben soil man eine Sache,
weil man sie selber tut, sondern lieben, weil sie in der Welt ist,
gleichgiiltig ob durch uns oder durch andere. Dieser Gedanke fiihrt
uns sicher zur Selbstlosigkeit, wenn wir ihn immer wieder denken.
Solche Stimmungen sind notwendig, um sich einzuleben in die
geistige Welt, um nicht nur immer zu forschen, sondern auch zu
verstehen, was geforscht wird. Viel wichtiger als Visionen, die wohl
auch da sein miissen, sind diese Stimmungen, und eben damit wir
die Visionen beurteilen konnen, sind solche Stimmungen notwendig.
Visionen, man braucht nur dies Wort auszusprechen und jeder
weiB, der sich nur ein wenig damit befaBt hat, was eigentlich unter
Visionen zu verstehen ist — aber unser ganzes Leben nach dem
Tode, wenn das Kamaloka voriiber ist, ist eigentlich ein Leben in
Visionen. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen
ist, das Kamaloka hinter sich hat, in die eigentliche geistige Welt
eintritt, lebt er in einer Welt, die ganz so ist, als wenn er nach alien
Seiten umgeben ware von lauter Visionen; nur sind diese Visionen
Abbilder von Wirklichkeiten. Und man kann sehr wohl sagen, wah-
rend wir die Welt des Physischen wahrnehmen durch Farben, die
uns das Auge vorzaubert, durch Tone, die uns das Ohr vermittelt,
nehmen wir die geistige Welt auch dann, wenn wir durch die Pforte
des Todes getreten sind, als Visionen wahr, in die wir hineinverwo-
ben sind. Nun werde ich, weil ich iiber diese Dinge intimer spre-
chen will, manches zu sagen haben in einer mehr erzahlenden Form,
was, wenn man es zunachst hort, etwas grotesk sich ausnimmt, aber
es ergibt sich cben durch eine wirkliche geistige Forschung.
Das Kamaloka selbst verlauft ja, wenn man es inhaltlich schil-
dert, so wie ich es in meiner «Theosophie» geschildert habe; aber
man kann es noch anders charakterisieren. 1st der Mensch durch die
Pforte des Todes geschritten, wo fiihlt er sich dann? kann man
fragen. Und man kann diese Frage beantworten: Wo ist denn der
Mensch wahrend seiner Kamalokazeit? Man kann sogar in Worten,
die physisch zu fassen sind, den Raum ausdriicken, wo der Mensch
ist wahrend des Kamaloka-Lebens. Wenn Sie sich denken den Raum
zwischen der Erde und dem Monde, den Menschen losgelost von
der Erde, aber durchaus noch in dem Raume zwischen der Erde
und dem Monde, in jenem kugelformigen Raume, der sich ergibt,
wenn man die Mondbahn als den auBersten Ring ansieht, weg von
der Erde, aber in diesem Raume — dort ist der Mensch in der
Kamalokazeit. Wenn die Kamalokazeit zu Ende ist, dann geht der
Mensch aus diesem Kreise in den wirklichen Himmelsraum hinaus.
Wie gesagt, es klingt grotesk, aber es ist so. Auch in dieser Richtung
merkt man durch eine wirklich gewissenhafte Forschung, daB diese
Dinge entgegengesetzt sind denen auf dem physischen Plane hier.
Wir sind von auBen an die Erde gebunden, vom Irdischen umgeben
und getrennt von den Himmelsspharen; nach dem Tode ist die
Erde von uns entfernt, und wir sind mit den Himmelsspharen zu-
sammen. Solange wir drinnen sind in der Mondensphare, sind wir
im Kamaloka, das heiBt, daB wir den Wunsch haben, noch mit der
Erde verbunden zu sein, und wir kommen hinaus, wenn wir durch
das Kamaloka-Leben gelernt haben, auf Affekte, Leidenschaften,
Verlangen zu verzichten. Anders als man hier gewohnt ist, muB
man sich nun den Aufenthalt in der geistigen Welt vorstellen. Da
sind wir ausgebreitet iiber den ganzen Raum, da fuhlen wir uns
iiberall drinnen im ganzen Raume. Daher ist das Leben, sei es das
eines Initiierten oder eines Menschen nach dem Tode, ein Fuhlen des
Sich-Ausbreitens in den Raum hinaus, und man wird so groB nach
dem Tod oder als Initiierter, daB man dann durch den Mondenlauf
begrenzt wird wie jetzt durch die Haut. Ja, es ist nun einmal so
und es niitzt nichts, solche Dinge durch Worte auszudriicken, die
einem die gegenwartige Zeit leichter verzeiht, denn dadurch driickt
man sie nicht richtiger aus. Im offentlichen Vortrage muB man
solche schockierenden Dinge weglassen, aber demjenigen, der sich
langere Zeit befaBt hat mit geisteswissenschaftlichen Dingen, ist es
gut, mit wahren Namen die Dinge zu benennen.
Dann, nach dem Kamaloka-Leben, wachsen wir weiter hinaus, und
das nun hangt ab von gewissen Eigenschaften, die wir uns hier schon
errungen haben. Eine lange Zeit unserer Entwickelung nach dem
Tode hangt die Art, wie wir uns da ausbreiten konnen bis zur nachsten
Sphare, ab von dem, was wir an moralischer Verfassung, sittlichen Be-
griff en und Gefuhlen auf der Erde entwickelt haben. Man kann sagen,
der Mensch, der die Eigenschaften des Mitleids, der Liebe entwickelt
hat, die Eigenschaften, die man gewohnlich als sittlich-gute bezeich-
net, lebt sich in die nachste Sphare so hinein, daB er mit den Wesen,
die sonst in dieser Sphare sind, bekannt werden kann, mit ihnen zu-
sammenleben kann, wahrend der Mensch, der mangelhafte Moral
mitbringt in diese Sphare, wie ein Einsiedler darinnen lebt. Das ist die
beste Bezeichnung, daB uns zum Zusammenleben mit der geistigen
Welt vorbereitet das Moralische; zur qualenden Einsamkeit, in wel-
cher wir immer die Sehnsucht haben, das andere kennenzulernen, und
es nicht konnen, zu dieser Einsamkeit verurteilt uns das Nicht-
moralische unseres Herzens wie unseres Denkens und Verhaltens
in der physischen Welt. Und entweder als Einsiedler oder als ge-
selliger Geist, der zum Segen ist in der geistigen Welt, leben wir
uns ein in die zweite Sphare, die man im Okkultismus immer ge-
nannt hat die Sphare des Merkur. Heute wird sie Venus genannt
in der auBeren Astronomie; es hat bekanntlich eine Umkehrung der
Namen stattgefunden, wie schon oft gesagt worden ist. Bis zum
Kreise des heutigen Morgen- und Abendsterns breitet der Mensch
sein Wesen aus, wahrend er sich friiher nur bis zum Monde aus-
gebreitet hat. Nun stellt sich etwas Eigentiimliches ein. Bis zur
Mondensphare sind wir immer noch mit den irdischen Verhaltnissen
beschaftigt, aber auch dariiber hinaus ist das Verhaltnis zur Erde
nicht ganz abgebrockelt, wir wissen noch immer alles, was wir auf
der Erde getan, gedacht haben; wie wir uns jetzt an etwas erinnern
konnen, so wissen wir es, und — sehen Sie, meine lieben Freunde —
wieder ist leicht das Erinnern das Qualende! — Wenn wir noch auf
der Erde leben und wir haben einem Menschen Unrecht getan oder
haben einen Menschen, den wir eigentlich lieben sollten, nicht hin-
reichend geliebt, ist es an uns, die Folgen noch abzuwenden; wir
konnen zu ihm hingehen und uns mit ihm auseinandersetzen und
dergleichen. Das ist von der Merkursphare an nicht mehr der Fall.
Wir konnen alle Verhaltnisse in der Erinnerung erschauen und diese
bleiben auch aufrecht, aber wir konnen sie nicht mehr andern.
Nehmen wir an, es ist jemand vor uns gestorben, den wir ver-
moge der Verhaltnisse auf der Erde eigentlich hatten lieben sollen,
aber nicht geniigend geliebt haben. Wir treifen ihn — wir treffen
tatsachlich die Menschen nach dem Tode wieder, mit denen wir ver-
bunden waren — , wir treffen ihn aber so, wie wir zu ihm gestanden
waren und konnen es nicht andern zunachst. Es lebt also ein Vor-
wurf in uns, daB wir ihn nicht geniigend geliebt haben, aber wir
konnen unsern Charakter hier nicht mehr andern, so daB wir ihn
jetzt etwas mehr lieben konnten. Es bleibt, was wir auf der Erde
begriindet haben, wir konnen es aber nicht andern. Gerade diese
Tatsache, daB wir da eintreten in das richtige, unveranderliche
Wahrnehmungen in bezug auf die Liebe, sie trat mir in den letzten
neueren Forschungen dieses Sommers ganz kraftig entgegen, und
durch solche Dinge wird man auf mancherlei aufmerksam, was
sonst dem Menschen entgeht, und auch davon mochte ich Ihnen
sozusagen eine Empfindung geben. Man lernt also durch die Er-
kenntnis der geistigen Welt diese eigentiimliche Tatsache kennen,
daB man in der Merkursphare lebt, wie gesagt, mit alien Menschen
in den alten Verhaltnissen, die man nicht andern kann zunachst.
Zuriickschauend und entwickelnd, was man schon entwickelt hat, so
lebt man.
Nun, ich darf wohl sagen, daB ich mich in meinem Leben viel
mit Homer beschaftigt habe, aber eine Stelle ist mir erst ganz klar
geworden, als dies, wovon ich eben sprach, mir in der okkulten For-
schung so machtig entgegengetreten ist; das ist die Stelle, wo Homer
das Reich nach dem Tode nennt das Land der Schatten, wo skh
nichts verwandeln kann. Man kann sie auslegen nach dem Ver-
stande, aber was der Kiinstler sagen will von der geistigen Welt,
wie er als ein Prophet spricht, lernt man kennen, wenn man die
betreffende Entdeckung in der geistigen Forschung gemacht hat. So
ist es bei jedem wahren Kiinstler, er braucht es. gar nicht zu wissen
in seinen Alltagsgedanken, was ihm aus der Inspiration zuflieBt.
Und dasjenige, was die Menschheit durch ihre Kiinstler im Laufe
der Jahrhunderte erhalten hat, wird nicht verblassen durch die Aus-
breitung der spirituellen Bewegung, sondern es wird immer mehr
und mehr vertieft werden, und ganz gewiB wird den Menschen ein
Licht aufgehen liber ihre wahren Kiinstler, wenn sie durch die
okkulte Forschung in die geistige Welt, in jene Welt hineinkom-
men, aus welcher die Kiinstler inspiriert sind. Allerdings solche,
welche oft einem Zeitalter als Kiinstler gelten, es aber nicht sind,
werden eine solche Beleuchtung nicht erhalten. Manche Tages-
groBe wird dahin erkannt werden, daB sie nichts hat an Inspiration
aus der geistigen Welt.
Die nachste Sphare kann man im Okkultismus nennen die Venus-
Sphare; da dehnen wir unser Wesen hinaus bis zum Merkur, der
okkult die Venus genannt wird; bis dahin dehnen wir unser Wesen
aus. In dieser Sphare, ja da hat wieder etwas einen groBen EinfluB
auf den Menschen und wiederum hat dies so EinfluB, daB derjenige,
der es hat, sozusagen ein geselliger Geist wird, der es nicht hat, ein
einsamer Geist; furchtbar qualend ist das Fehlen dieses Etwas — das
ist das religiose Moment. Je religiosere Gesinnung wir uns an-
geeignet haben, desto geselligere Geister werden wir in dieser
Sphare. Menschen, denen die religiose Gesinnung fehlt, die schlie-
Ben sich ab zu Wesen, die sozusagen nirgends hinaus konnen iiber
eine gewisse Schale oder Hiille, die sich um sie ausbreitet. Wir
lernen, sagen wir, unsere Freunde kennen, trotzdem sie Einsiedler
sind, aber wir kommen nicht an sie heran; wir fiihlen uns immer,
als ob wir eine Hiille durchbrechen muBten, die wir aber nicht
durchbrechen konnen. Wenn wir nicht religiose Innerlichkeit haben,
frieren wir gewissermaBen ein in dieser Venus-Sphare.
Dann kommt eine Sphare, so sonderbar es klingt, wenn der
Mensch — und jeder tut es nach dem Tode — sich hineinlebt in diese
Sphare, fuhlt er sich erweitert bis zu unserer Sonne. Es wird nicht
mehr lange dauern, dann wird man auch anders iiber die Himmels-
korper denken, als die heutige Astronomie annimmt. Wir selber
sind mit dieser Sonne verbunden; es kommt eben eine Zeit zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt, wo wir ein Sonnenwesen ge-
worden sind. Aber jetzt ist noch ein anderes notwendig: zur ersten
Sphare ist sittliches Leben, zur Venus-Sphare religioses Leben, zur
Sonnensphare ist notwendig, da/3 wir Natur und Wesenheit der
Sonnengeister, namentlich des Hauptsonnengeistes, des Christus,
wirklich kennen, daJ3 wir uns auf Erden eine Verbindung zu ihm
geschaffen haben. Mit dieser Verbindung ist es so: Als die Menschen
noch ein altes Hellsehen hatten, fanden sie diese Verbindung so,
daB sie sich durch die alte gottliche Gnade hineinlebten; das ver-
schwand dann und das Mysterium von Golgatha mit der Vorberei-
tung durch das Alte Testament war dazu da, um den Menschen das
Sonnenwesen verstandlich zu machen. Heute geniigt nicht mehr die
alte Weise, wie seit dem Mysterium von Golgatha die Menschen
sich mehr naiv zum Christus emporgerungen haben; heute soil die
Geisteswissenschaft die Welt vom Gesichtspunkte eines Sonnen-
wesens begreiflich machen. Das erste Mai, als das so richtig ver-
standen worden ist, war die Zeit des Mittelalters, als innerhalb
Europas die Gralssage in ihrer eigentlichen tieferen Bedeutung ihren
Ursprung genommen hat. Durch das Verstandnis dessen, was wie-
derum durch die spirituelle Bewegung gegeben wird, wird ja gerade
das wieder erobert, was durch den hohen Sonnengeist, den Christus,
gebracht worden ist, der herabgestiegen ist und nun der Erdgeist
geworden ist durch das Mysterium von Golgatha. Dieser Impuls,
der durch das Mysterium von Golgatha gegeben worden ist, ist ge-
eignet, in der Geisteswissenschaft alle religiosen Bekenntnisse iiber
das ganze Erdenrund hin in Frieden zu verbinden. Das bleibt die
Grundforderung der Geisteswissenschaft: jede Religion mit gleicher
Hingebung zu behandeln, keiner Religion den Vorzug zu geben
durch irgendwelche auBeren Griinde. Wenn zum Beispiel unserer
Stromung vorgeworfen wird, daB wir das Mysterium von Golgatha
in die Mitte der Weltenentwickelung stellen und daB das eine Be-
vorzugung ware der christlichen Religion, so ist das ein ganz un-
gerechter Vorwurf. Verstandigen wir uns einmal dariiber, was es
mit einem solchen Vorwurfe fur eine Bewandtnis h'atte. Wenn ein
Buddhist oder Brahmane zu uns kame und uns diesen Vorwurf
machen wiirde, wiirden wir ihm sagen: Koramt es denn darauf an,
was in religiosen Buchern steht, und ist es eine Benachteiligung
einer Religion, wenn man das alles nicht ablehnt, was nicht in
diesen Buchern steht? Kann nicht jeder Buddhist die kopernikani-
sche Weltanschauung annehmen, ohne aufzuhoren, ein Buddhist zu
bleiben? Das ist ein Fortschritt der allgemeinen Menschheit. Und
so ist die Erkenntnis, daB das Mysterium von Golgatha in der Mitte
der Weltenentwickelung steht, ein Fortschritt der ganzen Mensch-
heitsentwickelung, ob davon in den alten Buchern steht oder nicht,
und uns zuzumuten, sozusagen von der chinesischen oder buddhi-
stischen Religion nicht so zu denken, ware dasselbe, wie wenn von
diesen Religionen ganz Europa verboten wiirde, die kopernikani-
sche Weltanschauung anzunehmen, weil sie nicht in ihren Buchern
steht. Aber gerade dieses Verstandnis des Mysteriums von Golgatha
— wenn man erkennt, was da vorgegangen ist — macht uns zu einem
geselligen Geiste nach dem Tode in der Sonnensphare. Uberhaupt
ist es so: In dem Augenblicke, in dem wir tiber den Mond hinaus-
kommen, da tritt etwas ein, was wir jetzt auch geistig inner lich be-
zeichnen konnen — wir sind von Visionen umgeben. Wenn wir
einem verstorbenen Freund begegnen nach dem Tode, ist es eine
Vision, aber er ist es selbst, er lebt in dieser Realitat drinnen; aber
es sind Visionen, die sich aufbauen auf das Gedachtnis an das, was
wir hier getan haben.
Spater, auBerhalb der Mondensphare, ist das zwar auch noch der
Fall, aber es leuchten dann die geistigen Wesen der hoheren Hierar-
chien an uns heran. Es ist so, als ob die Sonne aufgeht und die
Wblken vergoldet. So ist es im Sonnenkreise. Aber wir lernen auch
die geistigen Hierarchien in der Merkursphare nur kennen, wenn
wir mit religioser Gesinnung erfiillt sind, in der Sonnensphare nur,
wenn wir mit jahvisch-christlicher Stimmung erfiillt sind. Da treten
die auBeren geistigen Wesenheiten an uns heran. Wiederum ist etwas
hochst merkwiirdig, und was ich gesd.gt habe, ergibt sich durch objek-
tive okkulte Forschung: Der Mensch ist iiber den Mond hinaus wie
eine Wolke aus Geist gewoben und wird beleuchtet von den geistigen
Wesenheiten, sowie er in den Merkur kommt. Daher haben die Grie-
chen den Merkur den Gotterboten genannt, weil in dieser Sphare hohe
geistige Wesenheiten den Menschen beleuchten. Das sind die groBen
gewaltigen Eindriicke, die wir empfangen, wenn wir aus dem Kreise
der okkulten Forschung entwickeln, was die Menschheit geschaffen
hat, was als Kunst, als Mythos gegeben worden ist.
So leben wir uns durchchristet in die Sonnensphare hinein. Dann
leben wir weiter und kommen in eine Region hinein, wo wir die
Sonne so unter uns haben, wie wir fruher die Erde unter uns gehabt
haben. Wir beginnen auf die Sonne zuriickzublicken — und da
beginnt etwas sehr Merkwiirdiges. In diesem Augenblicke zeigt sich
uns, daB wir noch einen anderen Geist in seiner eigenartigen Weise
zu erkennen beginnen, den Luzifergeist.
Was Luzifer ist, das durchschauen wir, wenn nicht vorher durch
die okkulte Wissenschaft oder Initiation, durch das bloBe Leben
nach dem Tode nicht. Erst wenn wir jenseits der Sonnensphare an-
gekommen sind, lernen wir ihn erkennen, wie er war, bevor er
Luzifer geworden ist, als er noch ein Bruder des Christus gewesen
ist. Denn daB er anders geworden ist, ist erst in der Zeit eingetreten,
da Luzifer zuriickgeblieben ist und sich losgelost hat vom Fortschritt
im Kosmos. Und dasjenige, was er Schlimmes tun kann, erstreckt
sich nur bis zur Sonne hin. Dariiber ist noch eine Sphare, wo Luzi-
fer seine Tatigkeit so entwickeln kann, wie sie vor seiner Loslosung
war. Da ist nichts von Schaden, was er da entwickelt, und wenn wir
uns mit dem Mysterium von Golgatha in der richtigen Weise zu-
sammengehorig gemacht haben, gehen wir, geleitet von Christus,
von Luzifer in Empf ang genommen, in der richtigen Weise in die noch
weiteren Spharen des Weltalls hinaus. Der Name Luzifer ist gut ge-
wahlt, wie iiberhaupt die Alten sich weise Namen gewahlt haben.
Wenn wir die Sonne unter uns haben, ist auch das Sonnenlicht unter
uns. Da brauchen wir dann einen neuen Lichttrager, der uns hinaus-
leuchtet in den Weltenraum. Wir kommen dann in die Mars-Sphare.
Solange wir unter der Sonne war en, blickten wir hinaus in die Sonne;
jetzt ist die Sonne unter uns und wir blicken in den weiten Welten-
raum hinaus. Und diesen weiten Weltenraum empfinden wir durch
das, was immer genannt und so wenig verstanden wird, im eigent-
lichen Sinne durch die Spharenmusik, durch eine Art von geistiger
Musik. Immer weniger und weniger Bedeutung haben dann die Visio-
nen, in die wir getaucht sind, immer groBere und groBere Bedeutung
gewinnt, was wir geistig horen und vernehmen. Da erscheinen uns
die Weltenkorper nicht so, daB wir wie die irdischen Astronomen
messen, ob der eine schnell oder langsam geht — das schnelle oder
langsame Zusammenstimmen ergibt das Tonen der Weltenharmonie.
Und dasjenige, was der Mensch dabei innerlich erlebt, ist das, daB
er immer mehr und mehr fiihlt: das einzige, was ihm bleibt in diese
Region hinein, ist das, was er als Spirituelles auf Erden aufge-
nommen hat. Dadurch entwickelt er seine Bekanntschaft mit den
Wesenheiten dieser Sphare, bleibt er ein geselliger Geist. Die Men-
schen, die sich heute abschlieBen von dem Spirituellen, geraten trotz
des Moralischen, trotz des religiosen Lebens auch nicht in die spiri-
tuelle Welt. Da ist nichts zu machen. Es ist ja natiirlich durchaus
moglich, daB solche Menschen in der nachsten Inkarnation dazu-
kommen. Alle materialistisch Gesinnten werden, wenn sie iiber die
Sonne hinaus in die Mars-Sphare kommen, Einsiedler; das ist nicht
anders. So toricht es vielleicht manchem erscheinen konnte, es ist doch
wirklich; der ganze Monistenbund wird nicht fortbestehen konnen,
wenn seine Anhanger einmal in die Sonnensphare gelangt sind,
weil seine Anhanger nicht zusammenkommen konnen, weil jeder
ein Einsiedler ist.
Auf dem Mars wird der Mensch, der sich hier auf der Erde spiri-
tuelles Verstandnis erworben hat, noch eine andere Erfahrung
machen. Und da wir heute schon intimer sprechen, darf auch das
ausgesprochen werden. Es kann ja gefragt werden gerade innerhalb
unserer Weltanschauung, wie wir sie ais Geisteswissenschaft im
Abendlande entwickeln: Was ist mit einem solchen Geiste ge-
schehen wie dem Buddha nach seiner letzten Inkarnation auf der
Erde? Ich habe schon darauf hingewiesen, nicht wahr: Der Buddha
hat als Gautama die letzte Inkarnation durchgemacht sechshundert
Jahre vor Christus. Wenn Sie meine Vortrage gut verfolgt haben,
werden Sie wissen, er hat sozusagen noch einmal gewirkt — er
brauchte sich nicht mehr als Buddha zu inkarnieren — , er hat nur
geistig gewirkt bei der Geburt des Lukas-Jesusknaben. Geistig hat
er aus hoheren Spharen herabgewirkt auf die Erde; aber wo ist er
selber? Ich habe in Schweden, in Norrkoping, auf ein noch spateres
Hereinwirken des Buddha auf die Erde hingedeutet. So war im
achten Jahrhundert eine Initiationsstatte in Europa, am Schwarzen
Meer, da lebte Buddha geistig in einem Schuler, namlich in einem
Schiiler, der spater Franz von Assist geworden ist. Franz von Assisi
war in der friiheren Inkarnation im achten Jahrhundert also ein
Schuler des Buddha und hat alle Eigenschaften aufgenommen, um
in dieser sonderbaren Weise zu wirken, wie er als Franz von Assisi
gewirkt hat. In vielem kann man seine Gemeinde nicht von An-
hangern Buddhas unterscheiden, auBer durch das, daB die einen
Anhanger Buddhas, die anderen Christen waren. Das ist eine Folge
davon gewesen, daB er in seinem vorhergehenden Leben ein Schii-
ler Buddhas war, des geistigen Buddha. — Wo ist aber der Buddha
selbst, wo ist er, der als Gautama gelebt hat? Er ist fur den Mars
dasselbe geworden, was Christus fur die Erde geworden ist; er hat
fur den Mars eine Art von Mysterium von Golgatha durchgefuhrt
und die eigentiimliche Erlosung der Marsleute hat Buddha zustande
gebracht; er lebt dort unter ihnen. Und fiir ihn selbst war gerade
sein Erdenleben die richtige Vorbereitung, um die Marsleute zu
erlosen, doch war diese seine Erlosung nicht so wie das Mysterium
von Golgatha, sondern etwas anders.
Geistig aber lebt der Mensch in der Mars-Sphare in der angedeu-
teten Zeit, dann lebt er wieder weiter, dann lebt er sich in die
Jupitersphare hinein. In der Jupitersphare wird sozusagen der Zu-
sammenhang mit der Erde, der vorher noch ein biBchen bestanden
hat, schon ganz bedeutungslos fiir den Menschen; von der Sonne
wirkt noch ein wenig auf den Menschen, dagegen wirkt machtig
der Kosmos auf ihn ein. So stellt es sich dar: Alles wirkt von auBen
herein und der Mensch nimmt Kosmisches auf. Der ganze Kosmos
wirkt eben durch die Spharenharmonie, die immer andere Formen
annimmt, je weiter wir das Leben durchforschen zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt. Es ist schwer zu charakterisieren
dieses Leben, diese Veranderung der Spharenharmonie; man konnte,
weil man diese Dinge nicht mit irdischen Worten ausdriicken kann,
vergleichsweise sagen: Die Spharenmusik verandert sich beim
Durchgang vom Mars zum Jupiter so, man kann nur sagen, wie
das Orchestrale in die gesangliche Musik. Es wird immer mehr zum
Tone, zu dem, was den Ton zugleich durchsetzt als das Bedeu-
tungsvolle, als das Sein-Wesen-Ausdriickende. Inhalt bekommt die
Spharenmusik, wenn wir uns in die Sphare des Jupiter hinein-
begeben, und sie wird dann in der Sphare des Saturn zum volligen
Inhalt, zum Ausdruck des Weltenwortes, aus dem alle Dinge ge-
schaffen sind, und das geme'mt ist im Johannes-Evangelium: «Im
Urbeginne war das Wort. . .» Dieses Wort ist das Hineintonen der
kosmischen GesetzmaBigkeit und Weisheit. Dann geht der Mensch,
wenn er vorbereitet ist — der geistige Mensch weiter, der nicht gei-
stige weniger weit — , in noch weitere Spharen, aber er geht auch
iiber in einen ganz anderen Zustand als der ist, in dem er vorher
war. Und wenn man diesen spateren Zustand charakterisieren
will, mufite man sagen: Von da ab, wo der Mensch iiber den Saturn
hinausgeschritten ist, beginnt ein geistiges Schlafen, wahrend das
Vorhergehende ein geistiges Wachen war. Das BewuBtsein dampft
sich herab von jetzt an, es tritt ein Benommensein ein, und dieses
Benommensein wieder gestattet gerade dem Menschen andere Dinge
durchzumachen, als er friiher durchgemacht hat. Geradeso, wie wir
im Schlafe die Ermiidung wegschaffen und uns neue Krafte zufiih-
ren, so tritt dann durch das Herabdampfen des BewuBtseins ein
Einstromen geistiger Krafte des Kosmos ein, wenn wir sozusagen
eine weit, weit ausgedehnte spirituelle Raumkugel geworden sind.
Erst haben wir es geahnt, dann haben wir es als Weltorchester
gehort, dann hat es gesungen, dann haben wir es als Wort vernom-
men, dann schlafen wir ein und es durchdringt uns, und wahrend
dieser Zeit gehen wir wieder zuruck durch alle diese Spharen unter
Herabdampfung des BewuBtseins; immer dumpfer und dumpfer
wird unser BewuBtsein, wir Ziehen uns zusammen, je nach unserem
Karma langsam oder schnell, und wahrend dieses Zusammenziehens
treten wieder auf die Krafte, die aus dem Sonnensystem kommen.
Von Sphare zu Sphare gehen wir zuriick. Fiir die Mondensphare
sind wir nicht empfanglich, wenn wir aus dem Kosmos zuriick-
kommen; wir gehen sozusagen unberiihrt und ungehemmt durch
sie hindurch, und dann sind wir so, daB wir uns zusammenziehen
und zusammenziehen, so daB wir uns vereinigen konnen mit dem
kleinen Menschenkeime, der dann seine Entwickelung durchmacht
vor der Geburt. Und in aller Physiologie und Embryologie wird
gar nichts Wahres enthalten sein, wenn ihr dies nicht aus der okkul-
ten Forschung, nicht aus diesen Tatsachen zukommt; denn der
Menschenkeim ist ein Abbild des groBen Kosmos. Er tragt den gan-
zen Kosmos in sich; was zwischen Empfangnis und Geburt mate-
riell geschieht und als Mensch sich bildet, aber auch was der Mensch
im Weltenschlafe durchgemacht hat, tragt er als Kraft im Keim-
zustande in sich.
Da beriihren wir ein wunderbares Mysterium, das im Grunde
genommen in unserer Zeit nur Kiinstler angedeutet und dargestellt
haben, aber es wird schon auch noch besser verstanden werden
— sagen wir die Tristan-Frage — als dasjenige, was in ihr lebt, die
Tristan-Stimmung, wenn wir in der Tristan- und Isolde-Liebe ein-
mal empfinden werden das Hereinstromen des ganzen Kosmischen,
das wir in seiner wahren Gestalt kennenlernen eben durch das
Durchlaufen der ganzen Entwickelung des Menschen vom Tode zu
einer neuen Geburt hin. Was vom Kosmos hereingeholt wird, was
vom Saturn hereingebracht worden ist, wirkt auf Liebende, die
zusammengefiihrt werden. Es wird manches zu einem kosmischen
Ereignis gemacht, nur darf es nicht verstandesmaBig analysiert wer-
den, sondern es muB empfunden werden, was den Menschen ver-
bindet in Realitat mit dem ganzen Kosmos. Daher wird es die Gei-
steswissenschaft schon gewiB dahin bringen, daB die Menschheit
eine neue Frommigkeit entwickelt, die eine wahre, echte Religiosi-
tat ist, indem dasjenige, was oftmals sich als Kleinstes kundgibt,
erscheint als aus dem Kosmos heraus entstanden. Das, was in
menschlicher Brust lebt, wir lernen es in der richtigen, weisen Form
an seinen Ursprung angliedern, wenn wir es im Zusammenhang mit
dem Kosmos betrachten. So kann ausgieBen das, was von der Geistes-
wissenschaft ausgeht, iiber das ganze Leben, iiber die ganze Mensch-
heit, die da kommen mufl, eine wirklich neue Stimmung. Kiinstler
haben sie vorbereitet, aber das wirkliche Verstandnis muB vielfach
gerade durch die spirituelle Stimmung erst geschaffen werden.
Das sind so einige Andeutungen, die ich Ihnen geben wollte
gerade auf Grund erneuter intimer Forschungen iiber das Leben
des Menschen zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Nichts
ist eigentlich in der Geisteswissenschaft, was uns nicht in unserer
tiefsten Empfindung, im tiefsten Gefiihle zugleich beriihren wiirde;
nichts bleibt abstrakte Vorstellung, wenn wir es richtig erfassen und
verstehen. Die Blume freut uns mehr, wenn wir sie anschauen, als
wenn der Botaniker sie zerfasert. Die weit entfernte Sternenwelt
kann ein Gefuhl der Ahnung uns entwickeln, aber was sich darlebt
darinnen, das geht uns erst auf, wenn wir uns mit der Seele in die
Spharen hinaus erheben konnen. Die Pnanze verliert, wenn sie zer-
fasert wird; die Sternenwelt verliert nichts, wenn wir hinausgehen
iiber sie und wenn wir erkennen, wie der Geist mit ihr verbunden ist.
Kant hat ein merkwiirdiges Wort ausgesprochen, aber nur so wie
einer, der die Ethik einseitig erfaBt hat: zwei Dinge beriihrten ihn
eigentiimlich, der bestirnte Himmel iiber ihm und die moralische
Welt in ihm. Beide sind eigentlich dasselbe, wir nehmen sie nur
aus den Himmelswelten in uns herein. Wenn wir etwas Moralisches
haben, damit geboren werden, so ist es daher, daB uns beim Ein-
schlafen, bei der Zuriickentwickelung, die Merkursphare viel hat
geben konnen und die Venus-Sphare, wenn wir auftreten mit reli-
giosen Gefuhlen. Wie wir des Morgens hier im irdischen Leben
gestarkt, mit wiedererwachten Kraften aufwachen, so werden wir
geboren mit dem, was uns als starkende Kraft der Kosmos gegeben
hat; wir konnen es aufnehmen gemaB unserem Karma. In dem
MaBe, als das Karma gestattet, kann uns der Kosmos die Krafte
geben, so daB wir mit diesen als Anlagen geboren werden.
So zerfallt das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt
in zwei Teile. Zuerst ist es unwandelbar. Wir leben uns dann hin-
auf, die Wesen kommen an uns heran; wir kommen in den Schlaf,
da wird es wandelbar; da kommen die Krafte in uns hinein, mit
denen wir geboren werden. Wenn wir diese Entwickelung des Men-
schen so ins Auge fassen, dann sehen wir ja zugleich, daB der
Mensch, indem er sich nach dem Tode entwickelt, zuerst in einer
Welt der Visionen lebt. Was der Mensch geistig-seelisch ist, lernt
er spater erkennen. Dann kommen die Wesen von auBen, die, wie
das goldene Morgensonnenlicht die Dinge der AuBenwelt beleuch-
tet, nun uns beleuchten; so leben wir uns hinauf, so dringt die gei-
stige Welt auf uns ein. Dieses Sich-Hineinleben in die geistige Welt
von auBen, das tritt zuerst dann hervor, wenn das sozusagen ganz
reif geworden ist, was wir selber sind in unserer visionaren Welt,
wenn wir als Mensch entgegentreten den Wesen der geistigen Welt,
die von alien Seiten wie Strahlen an uns herankommen.
Versetzen Sie sich jetzt einmal in die geistige Welt, wie wenn Sie
zuschauen konnten. Da kommt der Mensch als eine Visionswolke
hinauf, da ist er so recht, was er eigentlich ist. Dann kommen die
Wesen an ihn heran und beleuchten ihn von auBen. Die Rose, im
Dunkel sehen Sie sie nicht; wenn wir das Licht anziinden, fallt das
Licht auf die Rose, darum sehen wir die Rose, wie sie ist. So ist es,
wenn der Mensch sich hinausbegibt in die geistige Welt: es kommt
das Licht der geistigen Wesen an ihn heran. Aber es gibt einen
Moment, wo der Mensch gar deutlich sichtbar ist, wo er beschienen
wird vom Lichte der Hierarchien, so daB er eigentlich zuruckstrahlt
die ganze AuBenwelt, und da erscheint der ganze Kosmos eigentlich
vom Menschen zuriickgestrahlt. Sie konnen sich also vorstellen:
Erst leben Sie weiter als eine Wolke, die nicht genug beleuchtet ist,
dann strahlen Sie das Licht des Kosmos zuriick und dann losen Sie
sich auf. Einen solchen Moment gibt es, wo der Mensch das kos-
mische Licht zuruckstrahlt. Bis dahin kann man sich erheben.
Dante sagt in seiner «Divina Com media », da/3 man in einem gewissen
Teile der geistigen Welt Gott als Mensch sieht. Diese Stelle ist real
gemeint, sie ist anders gar nicht verstandlich. Man kann sie als eine
schone Sache hinnehmen, wie es die Astheten tun, aber im inneren
Gehalt kann man sie nicht verstehen. Das ist wieder solch ein Fall,
wo wir die geistige Welt gespiegelt sehen in den Werken der Kiinst-
ler; so auch namentlich in den Werken der groBen Tonkiinstler der
letzten Zeit, bei Beethoven, Wagner, Bruckner. Da wird es einem so
gehen, wie es mir vor einigen Tagen gegangen ist, wo ich mich
eigentlich gewehrt habe gegen eine Erkenntnis, weil sie zu frappie-
rend ist. Es gibt in Florenz die Mediceer-Kapelle, wo Michelangelo
die zwei Denkmaler der Mediceer geschaffen hat und vier allego-
rische Figuren, «Tag und Nacht, Morgen- und Abenddammerung».
Man redet leicht von frostiger Allegorie; aber wenn man sich die
vier Figuren ansieht, so erscheinen sie doch als etwas anderes denn
als frostige Allegorien. Da ist eine Figur, die «Nacht». Sehen Sie,
da!3 es mit der Forschung auf diesem Gebiete nicht besonders gut
stent, hat sich mir deshalb schon gezeigt, daB iiberall gefunden wird,
da£ von den beiden Mediceer-Denkmalern von Lorenzo und Giu-
liano, Lorenzo derjenige ist, der fur den Sinnenden gehalten wird.
Nun hat sich mir vom okkulten Standpunkte gezeigt, daB das
gerade umgekehrt ist, denn derjenige, den die Historiker als Lorenzo
ansprechen, ist der Giuliano und umgekehrt. Das wird sich auch
historisch beweisen lassen aus dem Charakter der beiden Person-
lichkeiten. Die Denkmaler stehen auf Postamenten, es wird eben
im Laufe der Zeiten wahrscheinlich eine Verwechslung stattgefun-
den haben. Das wollte ich nicht eigentlich sagen, ich wollte nur
bemerken, daB da die Dinge in der auBeren Forschung etwas hapern.
An einer der Figuren, an der, die als «Nacht» bezeichnet wird,
kann man gerade recht kiinstlerische Studien machen, wie die Ge-
barden sind, wie die Stellung ist des ruhenden Korpers, das Haupt
in die Hand gestutzt, der Arm auf das Bein, wie dies gestellt ist —
wenn man das also alles kiinstlerisch studiert, kann man das Ganze
dann so zusammenfassen, daB man sagt: Wenn der Atherleib ganz
besonders tatig ist im Menschen und wenn das dargestellt werden
sollte, so muBte es in dieser Weise dargestellt werden; so driickt
sich das in der Gebarde, in der AuBerlichkeit aus, wenn der Mensch
ruht. Wenn der Mensch schlaft, ist der atherische Leib am meisten
tatig. Die angemessenste Stellung hat Michelangelo in der «Nacht»
geschaffen. Wie die Gestalt daliegt, ist das der wirksame Ausdruck
fur den tatigen Atherleib, den Lebensleib.
Wenn man zum «Tag» iibergeht, der auf der anderen Seite liegt,
ist das der angemessenste Ausdruck fur das Ich; die Gestalt der
«Morgendammerung» fur den Astralleib, die des «Abends» fiir
den physischen Leib. Das sind keine Allegorien, sondern das sind
aus dem Leben heraus gewonneneWahrheiten, mit einer ungeheuer
kiinstlerisch bedeutsamen Tiefe da verewigt. Ich habe mich gewehrt
gegen diese Erkenntnis, aber je genauer ich studiert habe, desto
klarer ist es geworden. Ich wundere mich jetzt nicht mehr iiber
eine Legende, die damals in Florenz entstanden ist. Es hieB, Michel-
angelo habe Macht iiber die «Nacht»; wenn er allein mit ihr in der
Kapelle sei, stehe sie auf und gehe herum. Wenn sie der Ausdruck
ist fiir den Atherleib, ist es kein Wunder. Ich wollte damit nur
sagen, wie klar und anschaulich alles wird, wenn wir immer mehr
und mehr lernen, alles vom Standpunkte des Okkultismus anzu-
schauen.
Am meisten aber wird beigetragen zur Entwickelung des gei-
stigen Lebens und der Kultur, wenn der Mensch dem Menschen so
gegeniibertritt, daB er voraussetzt und ahnt das okkult Verborgene.
Dann wird das rechte Verhaltnis von Mensch zu Mensch gewonnen
werden, und die Liebe wird einziehen in die menschliche Seele in
der Gestalt, in der sie wirklich echt menschlich ist, wo der Mensch
dem Menschen entgegentritt so, daB der Mensch dem Menschen
ein heiliges Ratsel ist. In diesem Verhalten kultiviert sich erst, was
das richtige Verhaltnis der Menschenliebe ist.
So wird Geisteswissenschaft dasjenige sein, was nicht stets zu
betonen braucht auBerliche Pflege von allgemeiner Menschenliebe,
sondern sie wird dasjenige sein, was diese Menschenliebe durch die
rechte und wahrhaft echte Erkenntnis im menschlichen Seelenleben
empfangen wird.
DAS LEBEN ZW1SCHEN DEM TODE
UND EINER NEUEN GEBURT
Munchen, 26. November 1912
Erster Vortrag
Die Welt der okkulten Tatsachen — wir haben das ja oftmals
betont — ist nicht etwa so einfach zu untersuchen und darzustellen,
wie man sehr haufig meint, und derjenige, der auf diesem Gebiete
gewissenhaft vorgehen will, wird sich immer wieder und wiederum
in die Notwendigkeit versetzt fiihlen, gewisse wichtige Kapitel der
Geistesforschung sozusagen aufs neue zu untersuchen. Und so oblag
mir denn gerade in den letzten Monaten unter mancherlei anderem,
wiederum von neuem ein Kapitel zu untersuchen, iiber welches wir
ja auch hier schon ofters gesprochen haben. Bei solch neuen Unter-
suchungen ergeben sich dann neue Gesichtspunkte. Das Kapitel,
um das es sich da handelt und das wir heute, wenn das auch nur
skizzenhaft geschehen kann, ein wenig beschreiben wollen, handelt
iiber das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wenn
gesagt worden ist, neue Gesichtspunkte haben sich dabei ergeben,
so ist das nicht so zu nehmen, als ob etwa deshalb das, was friiher
gesagt worden ist, irgend verandert zu denken ware. Das ist gerade
bei diesem Kapitel nicht der Fall. Aber es ist ja einmal so bei der
Betrachtung der iibersinnlichen Tatsachen, daB man ihnen eigent-
lich nur dann wirklich nahetritt, wenn man sie von den verschie-
densten Gesichtspunkten aus ins Auge faBt. Und so werden wir
vielleicht manches von dem, was zum Beispiel in meiner «Theo-
sophie» oder «Geheimwissenschaft» mehr von dem Gesichtspunkt
des unmittelbaren menschlichen Erlebens dargestellt worden ist,
heute von einem universelleren Standpunkt aus darzustellen haben.
Die Dinge sind dieselben, aber man soil eben nicht glauben, daB
man sie schon kennt, wenn man sie von einem Standpunkt aus ein-
mal charakterisiert erhalten hat. Gerade die okkulten Tatsachen sind
solche, daB man gleichsam um sie herumgehen und von den ver-
schiedensten Gesichtspunkten aus anschauen muB. In der Beurtei-
lung dieser Dinge, die von der Geisteswissenschaft mitgeteilt wer-
den, wird ja am haufigsten der Fehler gemacht, daB die Leute urtei-
len, die, sagen wir, gerade ein paar Ausfiihrungen iiber eine Sache
gehort haben und nicht die Geduld besitzen, wirklich alles, was
gesagt werden kann, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus
auf sich wirken zu lassen. Dann tritt schon auch fiir den gewohn-
lichen gesunden Menschenverstand das Verstandnis ein, von dem
wir gestern im offentlichen Vortrage iiber «Wahrheiten der Geistes-
forschung» gesprochen haben. Wir wollen heute nicht so sehr da
beginnen, wo das Leben nach dem Tode, welches wir gewohnlich
als das Kamaloka bezeichnen, anhebt, sondern hauptsachlich da,
wo das Kamaioka-Leben zu Ende geht und das Leben in der geistigen
Welt beginnt, hauptsachlich nach dem Kamaloka-Leben bis zum
Wiedereintritt in ein neues Erdenleben, und wo die Krafte sich
bilden zu einer neuen Inkarnation.
Sie wissen, daB das hellseherische Hineinschauen in die geistige
Welt einen in einer gewissen Beziehung in dieselbe Lage versetzt,
in welcher der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
ist, so daB innerhalb der Einweihung eben das erlebt wird, was auch
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt erlebt wird, wenn auch
in etwas anderer Weise. Und damit ist ja iiberhaupt die Moglich-
keit gegeben, iiber diese Dinge sprechen und etwas dariiber mittei-
len zu kbnnen. Da mochte ich zunachst iiber zwei wichtige Dinge
der hellseherischen Anschauung sprechen, die auch zum Verstand-
nis des Lebens nach dem Tode fiihren konnen. Zunachst ist ja schon
ofters aufmerksam darauf gemacht worden, wie verschieden das
ganze Leben in der iibersinnlichen Welt gegeniiber dem Leben hier
in der physischen, in der sinnlichen Welt ist. Wenn wir in die iiber-
sinnliche Welt hinaufkommen, dann ist zum Beispiel schon der
ganze ErkenntnisprozeB ein anderer als hier in der physischen Welt.
Hier in der physischen Welt, da gehen wir gleichsam durch diese
Welt, und die Dinge treten an unsere Sinne heran, die Dinge
machen ihre Farben- und Lichteindriicke auf unsere Augen, Gehors-
eindriicke auf unsere Ohren und andere Eindriicke auf unsere an-
deren Sinnesorgane. Wir nehmen die Dinge wahr, wir gehen durch
die Welt und miissen durch die Welt gehen, wenn wir die Dirtge
wahrnehmen wollen, und es hilft uns nichts zur Wahrnehmung
irgendeines Dinges, das an einem entfernten Orte ist, wenn wir
nicht hingehen; kurz, wir miissen uns in der Welt der Sinne regen,
wir miissen uns bewegen, wenn wir die Dinge wahrnehmen wollen.
Das genau Entgegengesetzte gilt fur die Wahrnehmungen in der
iibersinnlichen Welt. Je ruhiger wir in unserer Seele werden, je
mehr wir sozusagen alles von innerer Beweglichkeit ausschlieBen,
je weniger wir irgendein Ding aufsuchen, je weniger wir danach
streben konnen, daB dieses Ding zu uns komme, je mehr wir warten
konnen, desto sicherer tritt die Wahrnehmung des Dinges ein, desto
wahrer ist dann die Empfindung, das Erlebnis, das wir von dem
Dinge haben konnen. In der iibersinnlichen Welt miissen wir die
Dinge an uns herankommen lassen, das ist das Wesentliche. Innere
Ruhe, die miissen wir uns erwerben, dann kommen die Dinge an
uns heran.
Und das zweite, das ich beruhren mochte, ist dieses, daB, wenn
wir die iibersinnliche Welt betreten, wir gar sehr notig haben zu
beriicksichtigen, daB die ganze Art, wie uns diese iibersinnliche Welt
entgegentritt, abhangig ist von dem, was wir aus der sinnlichen
Welt, aus unserer gewohnlichen menschlich-sinnlichen Welt in diese
iibersinnliche Welt hinein mitbringen. Das gibt zuweilen recht
groBe Seelenschwierigkeiten in der iibersinnlichen Welt. Es mag
fur uns in der sinnlichen Welt zuweilen recht peinlich sein, wenn
wir wissen, wir haben einen Menschen weniger lieb, als wir ihn
eigentlich haben sollten, als er verdiente, von uns geliebt zu wer-
den. Demjenigen, der mit so etwas behaftet in die iibersinnliche
Welt hineintritt, daB er einen Menschen weniger liebt, als derselbe
geliebt werden sollte, steht dies mit einer viel, viel groBeren In-
tensitat vor dem geistigen Auge, als es jemals uns vor die Seele
treten kann hier in der physisch-sinnlichen Welt. Aber nun kommt
etwas dazu, und das ist das ungeheuer Wichtige, was oftmals gerade
dem hellseherischen BewuBtsein die groBten Seelenschmerzen
machen kann. Alle Krafte, die wir aus der iibersinnlichen Welt
herausziehen konnen, alles, was wir in der iibersinnlichen Welt
gewinnen konnen, kann uns nichts helfen, um irgendein Seelen-
verhaltnis, das wir als nicht richtig erkennen in der physischen
Welt, etwa durch Krafte, die wir aus der iibersinnlichen Welt
holen, besser zu machen. Das gibt gegeniiber all dem, was uns in
der sinnlichen Welt peinigen kann, etwas viel ^e'migenderes noch
in der iibersinnlichen Welt; es gibt ein gewisses Gefiihl der Ohn-
machtigkeit gegeniiber dem notwendigen Ausleben des Karma,
das ja geschehen muB in der sinnlich-physischen Welt.
Sehen Sie, diese beiden Dinge, die dem Schiiler der okkulten
Wissenschaft sehr bald entgegentreten, wenn er nur ein wenig
Fortschritte macht, sie treten sofort auf in dem Leben zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt. Nehmen wir nur einmal den Fall,
daft wir zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, bald nach
unserem Tode, mit menschlichen Wesenheiten zusammentreffen, die
vielleicht vor uns hier in der physischen Welt gestorben sind. Wir
treffen mit ihnen zusammen; wir konnen das ganze Verhaltnis
empfinden, das wir zu ihnen hier in der physischen Welt gehabt
haben. Wir sind sozusagen mit einem vor uns oder jetzt oder nach
uns Hingestorbenen zusammen und empfinden: Genau so standest
du im Leben zu diesem Menschen, so war dein Verhaltnis zu ihm.
Wahrend wir aber in der physischen Welt, wenn wir zum Beispiel
darauf kommen, daB wir einem Menschen Unrecht getan haben in
unseren Gefiihlen oder Taten, imstande sind, irgend etwas dazu zu
tun, um die Sache auszugleichen, sind wir das in dem Leben nach
dem Tode durchaus nicht unmittelbar. Wir sehen klar ein: So steht
es mit unserem Verhaltnis, aber wir sehen, daB es unmoglich ist,
innerhalb dieser iibersinnlichen Welt irgend etwas auch aus der tief-
sten Einsicht, daB es anders sein sollte, zu andern. Es muB zunachst
so bleiben, wie es ist. Das ist das Driickende manches Vorwurfes,
daB man klar durchschaut, wie das Verhaltnis nicht hatte sein sol-
len, aber daB man es so lassen muB, wahrend man immer die Emp-
findung hat, es sollte anders sein. Und das wird zu ubertragen sein
auf das gesamte Leben nach dem Tode. Die Dinge, von denen wir
wissen, sie sind von uns nicht tichtig gemacht im Leben, wir sehen
sie um so tiefer ein nach dem Tode; aber wir miissen sie so lassen,
wie sie sind, miissen sie so weiterleben, wie sie sind. Wir sehen gleich-
sam zuriick auf das, was wir getan haben, aber wir miissen vollstandig
die Konsequenz dessen ausleben, was wir getan haben, und haben
das deutliche Erlebnis, daJ3 wir nichts daran andern konnen.
So geht es nicht nur mit den Beziehungen zu anderen Menschen,
so geht es mit unserem gesamten seelischen Leben nach dem Tode.
Denn dieses seelische Leben hangt von mancherlei ab. Zunachst
mochte ich wie durch Imaginationen schildernd dieses Leben
nach dem Tode ein wenig darstellen. Wenn man den Ausdruck
Visionen oder Imaginationen so nimmt, wie das gestern zum Bei-
spiel auseinandergesetzt worden ist, so kann kein MiBverstandnis
entstehen iiber das, was jetzt gesagt werden soil. Wahrend der
Mensch hier durch seine Organe in der Sinneswelt wahrnimmt,
lebt er nach dem Tode sozusagen in einer Welt von Visionen, nur
daB diese Visionen Abbilder von Wirklichkeiten darstellen. Wie
wir das innere Wesen der Rose hier in der physischen Welt nicht
unmittelbar wahrnehmen, sondern die Rote auBerlich, so nehmen
wir einen verstorbenen Freund oder Bruder oder dergleichen nicht
unmittelbar wahr, sondern das, was wir nach dem Tode haben, ist
das visionare Bild. Wir sind sozusagen in der Wolke unserer Visio-
nen darinnen, aber wir wissen ganz genau: wir sind mit dem ande-
ren zusammen; es ist ein reales Verhaltnis, ja ein viel realeres, als
es hier auf der Erde zwischen Mensch und Mensch sein kann. Durch
das Bild nehmen wir das Wesen wahr. In der ersten Zeit, auch nach
der Kamalokazeit ist es so, daB unsere uns umgebenden, von uns
erlebten Visionen so sind, daB sie eigentlich zumeist auf das, was
wir hier auf der Erde erlebt haben, in dem angedeuteten Sinn zu-
riickweisen. Wir wissen, sagen wir, es ist auBer uns ein verstorbener
Freund hier in der geistigen Welt; wir nehmen ihn durch unsere
Vision wahr. Di
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