Die okkulten Wahrheiten alter Mythen und Sagen

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Die okkulten Wahrheiten 



Griechische und germanische Mythologie 

Richard Wagner 
im Lichte der Geisteswissenschaft 

Sechzehn Vortrage, gehalten in Berlin, Koln und 
Niirnberg in den Jahren 1904, 1905 und 1907 
(Horernotizen) 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 




1999 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Horernotizen 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Helmuth von Wartburg 
unter Mitarbeit von Ulla Trapp 



1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1999 



Bibliographie-Nr. 92 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1999 by Rudolf Steiner-NachlaGverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl 

ISBN 3-7274-0920-7 



2w den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofkn Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kunst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes). 

Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, daft seine frei gehal- 
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mit- 
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft - schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miind- 
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. 
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer- 
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran- 
lafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er 
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
fierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur 
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieret hat, 
mufi gegemiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt 
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden 
mussen, da£ in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich 
Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen 
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be- 
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



I 

GRIECHISCHE UND 
GERMANISCHE MYTHOLOGIE 

Erster Vortrag, Berlin, 24. Juni 1904 

Gut und Bose 

Die Ereignisse der physischen Welt als Schatten des geistigen 
Geschehens auf hoherem Plane. Das Gute und das Bose als das der 
Menschheitsentwicklung Entsprechende oder Nicht-Entsprechen- 
de. Die Einfuhrung des Christentums unter Beriicksichtigung des 
Entwicklungszustandes der betreffenden Volker. Der monotheisti- 
sche Mohammedanismus, begriindet im Gegensatz zu den beste- 
henden Religionsformen, aber in Ankniipfung an die aufkommen- 
de Naturwissenschaft. Nachwirkung der alten atlantischen Tao- 
Kultur in der chinesischen Religion; der Schamane Attila als un- 
zeitgemafier Reprasentant jener Kultur. 

Zweiter Vortrag, 1. Juli 1904 

Lesen in der Akasha-Chronik. Wolfram von Eschenbach 

Eine Vorbedingung fur das Lesen in der Akasha-Chronik: Die 
Fahigkeit zur Ausschaltung des Ich im DenkprozelS. Das Uben 
dieser Fahigkeit durch die mittelalterlichen Monche. Wolfram von 
Eschenbach als inspirierter Dichter. Der Ubergang zur wissen- 
schaftlichen Betrachtung der physischen Welt durch Kopernikus. 
Die Bedeutung der «Meister» und ihrer Sendboten. Der okkulte 
Sinn der Lohengrin-Sage und ihre Darstellung durch Richard 
Wagner. 

Dritter Vortrag, 8. Juli 1904 

Sakramentalismus. Dadalus und Ikarus 

Die Bedeutung der Sagen von Dadalus und Ikarus, von Talos und 
von Theseus. Die Griindung Roms und die sieben romischen 
Konige. Das Wesen des Sakramentalismus. Die Entstehung und 
die sakramentale Wirksamkeit des Feuers. 



VlERTER VORTRAG, 15. Juli 1904 



37 



Germanische Mythologie 

Die Bedeutung der nordischen und der keltischen Mythologie. 
Von der Geschlechter-Vermischung zur Zeit der Hyperboraer, 
Lemurier und Atlantier. Die drei nordischen Initiierten Wotan, 
Wili und We. Vom Sinn der nordischen Mythen. Niflheim und 
Muspelheim. Der keltische Beitrag: Die Sage von Konig Artus und 
seiner Tafelrunde und von dem Zauberer Merlin. Loki als Gott der 
Begierden, und Hagen, der von ihm inspirierte Mensch. Das Hin- 
fiihren zum Personlichen, gezeigt am Beispiel der Liebe. Wolfram 
von Eschenbach als Eingeweihter und seine Darstellung der Parzi- 
val-Sage. Die Verbindung des germanischen Elementes mit dem 
Christentum. 

Funfter Vortrag, 22. Juli 1904 45 

Reinkarnation 

Die indische Lehre von der Wiederverkorperung in Tierleibern. 
Die Fabel von Buddha als Hase. Von der Bedeutung der Fabeln als 
Vorbereitung zum Empfangen der Geisteswissenschaft in einer 
spateren Inkarnation. Die Entwicklung des Menschen von der 
ersten bis zur vierten Runde. Das Zuriicklassen von Mineral, 
Pflanze und Tier auf niedrigerer Daseinsstufe und ihr Heraufheben 
auf eine hohere Stufe durch den Menschen. 

Sechster Vortrag, 30. September 1904 53 

Die Mysterien der Druiden und Drotten 

Drotten oder Druiden als uralte germanische Eingeweihte. Die 
drei Einweihungsstufen. Die Edda als Erzahlung dessen, was sich 
in den alten Drottenmysterien wirklich ereignet hat. Die Druiden- 
priester als Menschheitsbauer; ein schwaches Abbild davon in den 
Anschauungen der Freimaurer. 

Siebenter Vortrag, 7. Oktober 1904 59 

Die Prometheus-Sage 

Die exoterische, allegorische und okkulte Deutungsmoglichkeit 
der Sagen. Die Deutung der Prometheus-Sage als Mysteriendar- 
stellung der nachatlantischen Menschheitsgeschichte. Die lemuri- 
sche, atlantische und nachatlantische Zeit. Die Erfindung des Feu- 
ers und Prometheus als Reprasentant der nachatlantischen Zeit. 
Der Gegensatz der kama-manasischen Denkart des Epimetheus 
und der manasischen des Prometheus, des in Weisheit und Tat 
eingeweihten Fiihrers der nachatlantischen Menschheit. 



Achter Vortrag, 14. Oktober 1904 

Die Argonauten-Sage und die Odyssee 

Der erste Impuls fiir die Entwicklung des Intellekts in der funften 
atlantischen Kultur; dieser Impuls erneuert in der griechischen 
Kultur. Das Streben der griechischen Philosophen nach Weisheit 
ohne Liebe. Das Erhalten der von Liebe durchtrankten Weisheit in 
den griechischen Mysterien. Der Ausdruck dieses Kampfes in der 
Argonauten-Sage. Die einzelnen Ziige der Odysseus-Sage als Bil- 
der fiir die Einweihungsschritte der Schuler in den griechischen 
Mysterien. 

Neunter Vortrag, 21. Oktober 1904 

Die Siegfried-Sage 

Die Erwartungsstimmung der nordischen Volker in der Zeiten- 
wende. Das strenge Behiiten der Mysteriengeheimnisse und das un- 
gerechtfertigte Todesurteil gegen Sokrates. Die Lehre vom Tod, der 
zum wahren Leben fiihrt — bei den alten Germanen und bei Buddha. 
Die Druiden-Einweihung. Siegfried, der Vorbereiter des Christen- 
tums. Einzelne Ziige der Siegfried-Sage und ihre Bedeutung. 

Zehnter Vortrag, 28. Oktober 1904 

Der Trojanische Krieg 

Bis zum Beginn der nachatlantischen Zeit waren die Menschheits- 
fiihrer «Manus», ubermenschliche Wesen mit einer geistigen Ent- 
wicklung auf anderen Planeten. Von der sechsten Wurzelrasse an 
konnen auch Menschen zu Manus werden. Die Ablosung der 
Priesterherrschaft durch die Konigsherrschaft, dargestellt in der 
Sage vom Trojanischen Krieg. Weitere Ziige dieser Sage als Bilder 
fiir den Abstieg der Menschheit auf den physischen Plan. Die 
Geheimhaltung der Mysterien. 



II 

RICHARD WAGNER IM LICHTE 
DER GEISTESWISSENSCHAFT 

Erster Vortrag, Berlin, 28. Marz 1905 

Die Fiihrung der Menschheit durch die grofien Eingeweihten; ein 
Beispiel ihrer Wirksamkeit in Jakob Bohme. Richard Wagners 
Bestreben, durch die Gestaltung der Mythen im Gesamtkunstwerk 



die Menschheit xiber das Versinken im Materialismus herauszu- 
heben. Sein Ankniipfen an Sagen iiber Karl den Grofien und 
Friedrich Barbarossa. Die bildhafte Darstellung des Ubergangs 
von der alten Hellseher-Kultur zur Erringung von Verstand und 
Selbstbewufksein in den Musikdramen Richard Wagners. 

Zweiter Vortrag, 5. Mai 1905 

Der Ubergang vom alten astralen Hellsehen zur verstandesmafii- 
gen Weisheit. Die bildhafte Darstellung dieses Geschehens in den 
altgermanischen Sagen und in einzelnen Ziigen von Wagners «Ring 
des Nibelungen», Die vierfache Einweihung Wotans. Loki und 
Baldur als Reprasentanten des Monden- und des Sonnenreiches. 

Dritter Vortrag, 12. Mai 1905 

Vier vorbereitende Epochen in der nordisch-germanischen Ent- 
wicklung, entsprechend den vier Kulturepochen im Mittelmeer- 
raum. Die Geburt des Ich in der funften Epoche. Die Darstellung 
dieses Geschehens in der Tetralogie von Richard Wagner. Einzelne 
Ziige dieser Darstellung und ihre esoterische Bedeutung. Das 
Problem der Zweigeschlechtlichkeit, erlebt in «Tristan und 
Isolde*. Die Uberwindung dieses Problems in der christlichen 
Liebe. Hinweis auf «Parsifal». 



Vierter Vortrag, 19. Mai 1905 

Richard Wagners Verhaltnis zur Mystik. Sein Dramen-Entwurf 
«Der Sieger». Das Motiv der sich opf ernden Jungfrau in Hartmann 
von Aues «Der arme Heinrich» und in Richard Wagners Dramen. 
Das Tannhauser-Motiv. Der Kulturimpuls der Ursemiten. Die 
Parsifal-Sage bei Wolfram von Eschenbach und bei Richard 
Wagner. Der Impuls fur eine zukiinftige Wiedervereinigung von 
Kunst, Religion und Wissenschaft im Werk Richard Wagners. 



Vortrag Koln, 3. Dezember 1905 

Parzival und Lohengrin 

Die Uberwindung der Druiden-Religion durch das Christentum, 
erlebt im Fallen der Donar-Eiche durch Bonifatius. Der tragische 
Zug in den Sagen urn Siegfried. Friedrich Barbarossa und die Suche 
nach dem heiligen Gral. Parzival als der Eingeweihte des Gral. Sein 
Sohn Lohengrin als Begriinder der Stadtekultur. 



Offentlicher Vortrag, Niirnberg, 2. Dezember 1907. . 158 

Richard Wagner und sein Verhaltnis zur Mystik 

Richard Wagner als wahrer Mystiker. Seine Auffassung der Musik 
als Offenbarung aus einer anderen Welt. Die Spharenmusik als 
geistige Wirklichkeit. Wagners Idee vom «Gesamtkunstwerk». Der 
Ubergang vom hellseherischen Bewulksein der alten Atlantier zum 
Verstandes- und Ich-Bewufksein der neueren Zeit. Der Beginn des 
«Rheingold». Das leidenschaftlose, pflanzenartige Bewufitsein des 
adantischen Menschen und die zukunftige Riickkehr zu diesem 
BewuEtseinszustand auf hoherer Stufe. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 181 

Hinweise zum Text 182 

Personenregister 193 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 195 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 197 



I 

GRIECHISCHE UND 
GERMANISCHE MYTHOLOGIE 



ERSTER VORTRAG. 



Berlin, 24. Juni 1904 
Gut und Bose 

Ich mochte heute an die Dinge ankniipfen, die ich vor vierzehn 
Tagen besprochen habe. In der nachsten Zeit werden wir vielleicht 
auch Gelegenheit haben, iiber die Amsterdamer Erlebnisse zu spre- 
chen. Heute mochte ich aber sprechen iiber einige konkrete Dinge, 
die in unseren physischen Plan hereinreichen - was wir neulich 
schon begonnen haben. 

Schon oft habe ich betont, daft die Ereignisse, die in unserer 
physischen Welt vor sich gehen, nichts anderes sind als eine Art 
Schattenreflexe dessen, was auf den hoheren Planen vor sich geht. 
Fur den Okkultisten ist es klar, daft er die Ereignisse in der phy- 
sischen Welt nur dann verstehen kann, wenn er weifi, was auf den 
iibersinnlichen Planen vor sich geht. Dem Okkultisten, der Ein- 
blick in die hoheren Plane hat, erscheint es so, als ob die Menschen 
gezogen wiirden an Faden, die von den hoheren Planen ausgehen. 
Es konnte scheinen, als ob das eine Beeintrachtigung der mensch- 
lichen Freiheit ware. Ich mochte aber heute zeigen, daft das nicht 
der Fall ist. Einige Beispiele mdgen uns zeigen, wie die hoheren 
Plane auf uns einwirken. 

Da muft ich zunachst zuriickgreifen auf etwas, was ich schon 
friiher gesagt habe: daft es im Grunde genommen ein absolutes 
Gutes und ein absolutes Boses nicht gibt. Das Bose ist nur eine Art 
«versetztes» Gutes. Wenn etwas geschehen ist, sagen wir in der 
lunarischen Entwicklungsepoche, die unserer Epoche vorangegan- 
gen ist, und es hat sich davon etwas fortgepflanzt in unsere Ent- 
wicklung hinein, dann erscheint das in der jetzigen Zeit als depla- 
ciert. Es war gut wahrend der Mondepoche, aber es erscheint uns 
bose wahrend der irdischen Epoche. Wahrend der Mondepoche 
konnte jemand die Aufgabe haben, die Triebe in einer harmoni- 
schen Weise zu organisieren; diese Tatigkeit war aber abgeschlos- 



sen, als die Mondepoche beendet war. Die Aufgabe der irdischen 
Epoche besteht nun darin, vom Manas aus die Triebe wiederum zu 
beherrschen. Wiirde heute jemand die Triebe so leben, wie der Pitri 
sie hat leben miissen, so wiirde er in unserer Epoche ein boser 
Mensch sein, wahrend er in der lunarischen Epoche ein Weiser 
gewesen war. 

Man macht sich gewohnlich nicht Gedanken dariiber, was sol- 
che Ereignisse zu bedeuten haben wie zum Beispiel das Auftreten 
Mohammeds, des Begriinders der mohammedanischen Religion, im 
sechsten und zu Anfang des siebenten Jahrhunderts. 

Man mull sich dazu vorstellen, daft zunachst das Christentum 
sich bemiiht hat, in die verschiedenen anderen Religionsformen 
hineinzuwachsen. Zunachst sehen wir ja nur eine kleine Juden- 
gemeinde in Palastina; diese ist auch recht klein geblieben. Ein 
solches Prinzip, wie es die christliche Lehre birgt, lassen sich die 
Volksseelen nicht leicht aufdrangen. Der Apostel Paulus fand den 
Weg zu den Heiden, indem er zunachst die Gedanken der Heiden 
so gelassen hat, wie er sie vorfand, und die heidnischen Religions- 
formen dann benutzte, um die christliche Essenz hineinzugiefien. 
In den siidlichen Gegenden Europas wurde der Mithrasdienst ge- 
pflegt; er war ahnlich dem heutigen Mefiopfer. Die Heiden dort 
nahmen das Christentum an, weil man ihnen das ihnen liebgewor- 
dene Mithrasfest liefi. So ahnlich war es auch bei den Germanen 
mit dem Fest, das als Weihnachtsfest zum christlichen Symbol 
wurde. Ihre geheiligten Ahnen wurden als christliche Heilige auf- 
genommen. Dadurch ist das Christentum in immer neue Gebiete 
und Volkerschaften hineingewachsen. Es war die Anpassungsfahig- 
keit des Christentums, die das ermoglichte. Die christliche Religion 
dehnte sich immer mehr aus; wegen dieser Vielgestaltigkeit brauch- 
te sie aber auch einen machtigen Zentralpunkt: das ist das romische 
Papsttum. Alle Schaden, die spater durch das Christentum hervor- 
gebracht worden sind, sind mit dieser weltgeschichtlichen Mission 
des Papsttums verkniipft. 

Die semitischen Volker mufken anders angefalk werden. Das tat 
Mohammed. Er hat einen ersten grofien Lehrsatz aufgestellt, in 



dem er sagte: Alle Gotter aufier dem Einen sind keine Gotter. Nur 
derjenige, den ich euch lehre, ist der einzige Gott. - Dieser Lehr- 
satz kann nur verstanden werden als Opposition zum Christentum. 
Von Anfang an hatte bei der Eroberung des physischen Planes das 
Christentum die Aufgabe, bis in die menschliche Personlichkeit 
hinein zu wirken; es baut nicht auf alte Krafte auf, sondern es will 
durch Manas wirken. 

Wir sehen, dafi im Mohammedanismus jetzt in bewufiter Wei- 
se nicht mehr angekniipft werden soli an die alten, noch spiri- 
tuellen Religionsformen des Heidentums, sondern es soil nur 
noch durch die physische Wissenschaft der richtige Weg gefun- 
den werden, um den physischen Plan zu erobern. Wir sehen, wie 
diese physische Wissenschaft die Heilkunst ergreift, die ausging 
von Arabien und die sich dann spater ausgebreitet hat in andere 
Lander. Die arabischen Arzte gingen lediglich vom physischen 
Plan aus, anders als die Heiler bei den alten Agyptern, bei den 
Druiden und selbst bei den alten Germanen. Alle diese waren 
dadurch zu ihrem Heilberuf gekommen, dafi sie durch Askese 
und andere Ubungen ihre psychischen Krafte ausgebildet hatten. 
Heute noch sehen wir Ahnliches in den Praktiken und Vorgan- 
gen des Schamanismus, nur sind dieselben heute degeneriert. 
Also psychische Krafte wurden bei diesen friihen Heilern ausge- 
bildet. Mohammed fuhrte diejenige Heilkunst ein, welche ihre 
Heilmittel nur aus dem physischen Plan selbst nimmt. Diese 
Heilkunst wurde da ausgebildet, wo man von spirituellen Wesen- 
heiten nichts wissen wollte, sondern nur von einem einzigen 
Gott. Alchimie und Astrologie im alten Sinne wurden ab- 
geschafft und zu neuen Wissenschaften gemacht: Astronomie, 
Mathematik und so weiter. Diese sind spater auch zu den Wis- 
senschaften des Abendlandes geworden. In den Arabern, die nach 
Spanien kamen, sehen wir auf dem physischen Gebiete gebildete 
Manner, vor allem Mathematiker. Die wirklichen Anhanger die- 
ser Richtung sagten: Ehrerbietig verehren wir das, was in Pflan- 
ze, Tier und so weiter lebt, aber der Mensch soil das nicht nach- 
stumpern, was nur Gott allein zu schaffen berufen ist. - Daher 



finden wir in der maurischen Kunst auch nur Arabesken, For- 
men, die nicht einmal Pflanzenform haben, sondern die nur 
phantasiegestaltet sind. 

Die griechische Macht ist von Rom abgelost worden, aber die 
griechische Bildung ist auf die Romer iibergegangen. Die Araber 
haben das, was sie haben, von Mohammed erhalten. Mohammed 
fuhrte die Wissenschaft ein, die nur von den Gesetzen des phy- 
sischen Planes durchzogen ist. Die christlichen Monche bekamen 
Anregungen von den Mauren. Zwar wurden die Mauren durch 
politische Macht zuriickgeschlagen, aber der Monotheismus, der 
eine Vertiefung der physischen Wissenschaft mit sich bringt, ist 
durch die Mauren nach Europa gekommen und hat zu einer 
Reinigung des Christentums von allem Heidnischen gefuhrt. 

Durch das Christentum wurde das Geftihlsleben der Menschen 
bis zum Kama-Manas hingefuhrt. Durch den Mohammedanismus 
wurde der Verstand, der Geist, heruntergefuhrt vom spirituellem 
Leben zum abstrakten Auffassen der rein physischen Gesetze. 
Durch verschiedene Stufen muEte diese physische Wissenschaft 
gehen, um die Stufe, die sie jetzt einnimmt, sich zu erarbeiten. Sie 
mufke durch die Wissenschaft der Vedenpriester und alle folgen- 
den Stufen hindurchgehen bis zu den Errungenschaften unser heu- 
tigen Zeit. Schon bei den Atlantiern war manches davon erreicht, 
wenn auch durch psychische Krafte. Seit der atlantischen Zeit hat 
sich dieses Hinlenken auf physische Gesetze vorbereitet. 

Die Chinesen sind ein Rest der atlantischen Rasse der Mongo- 
len. Wenn wir bei den Chinesen das Wort TAO horen, so ist das 
fur uns etwas schwer Verstandliches. Die damaligen Mongolen 
hatten einen Monotheismus ausgebildet, der bis zur psychischen 
Greifbarkeit, bis zum Fiihlen des Geistigen ging, und wenn der alte 
Chinese, der alte Mongole, das Wort TAO aussprach, so fuhlte er 
das beim Aussprechen. TAO ist nicht «der Weg», wie das gewohn- 
lich iibersetzt wird, es ist die Grundkraft, durch die der Atlantier 
noch die Pflanzen verwandeln konnte, durch die er seine merkwur- 
digen Luftschiffe in Bewegung setzen konnte. Diese Grundkraft, 
die man auch «Vril» nennt, hat der Atlantier iiberall genutzt, und 



er nannte sie seinen Gott. Er fuhlte diese Kraft in sich, sie war ihm 
«der Weg und das Ziel». Daher hat jeder Mongole sich als ein 
Werkzeug in der Hand der grofien Vril-Kraft betrachtet. 

Dieser Monotheismus der Atlantier ist geblieben bei denjenigen 
Rassen, welche die grofie Flut iiberlebt haben. Von dieser Reli- 
gionsform, die aber noch geistig war, ging die fiinfte Wurzelrasse 
aus. Diese alten spirituellen Religionsformen der Anbetung eines 
einheitlichen Gottes arteten aber nach und nach zum Polytheismus 
aus. Der Monotheismus war nur noch bei den hochstentwickelten 
Priestern vorhanden. Am Anfange des Christentums verhielten 
sich die Monche schlau: Baldur, so sagten sie, sei in Palastina 
Mensch geworden. - In den friihen Jahrhunderten wiirde man ein 
mit Heidnischem bunt gemischtes Christentum gefunden haben, 
auch noch im arianischen Christentum. Diese Entwicklung erfolgte 
in der Zeit, als ein besonders lebhaftes Aufglimmen des religiosen 
Gefiihls in den alten mongolischen Rassen durch hochentwickelte 
Schamanen veranlafk wurde. Wir sehen als Reaktion auf den Poly- 
theismus einerseits das Heraufkommen einer neuen Einheitsreli- 
gion in Arabien durch Mohammed. Auf der anderen Seite sehen 
wir, etwas friiher, sich erheben einen initiierten Schamanen in sei- 
nem TAO-Bewufksein, der sich zum Racher macht gegeniiber den- 
jenigen, die abgef alien sind von der alten monotheistischen Gottes- 
idee. Attila wurde «Gottesgei£el» genannt. Wir sehen ringsum in 
seinem Reich die von ihm abgesetzten Fiirsten in Pracht und Prunk 
leben, er aber, der Schamane, lebt in grolker Einfachheit. Von ihm 
wird gesagt, dafi seine Augen gliihten und der Erdball erzitterte, 
wenn er sein Schwert erhob. Dieser grofie Initiierte hatte seine 
voile Berechtigung gehabt in der atlantischen Zeit; in unserer heu- 
tigen Zeit wiirde er sich ausnehmen wie ein Verbrecher. Dieselbe 
Kraft, die zu ihrer Zeit Ausdruck des gottlichen Feuers ist, er- 
scheint in einer anderen Zeitperiode als gottlicher Zorn. Warum 
geschieht so etwas? Es ist notig, um uberhaupt eine Weiterentwick- 
lung moglich zu machen. Wenn die Entwicklung weitergebracht 
werden soil, mussen sich - vom hoheren Plan aus gesehen - die 
einzelnen Faden wieder harmonisch ineinanderschliefien. 



Wir hatten auch von den Druidenpriestern gesprochen, die das 
Volk durch Marchen und Mythen belehrt hatten. Sie waren zu- 
gleich Heiler, Priester, Astrologen; sie hatten inspirierte Kenntnis- 
se. Als das keltische Element abgelost wurde von den germanischen 
Stammen, trat auch der Glaube an die alte Form der Inspiration 
zuriick. Dem Mann wurde die Eroberung des physischen Plans 
anvertraut; er wurde Krieger. Die intuitive und produktive Kraft 
tritt uns im Weiblichen entgegen. Die Frau wurde Priesterin, die zu 
gleicher Zeit Heilerin war, zum Beispiel die Weleda. Alle Heilkunst 
war damals in den Handen der Frau; der Mann wurde hinausge- 
drangt auf den aufieren, physischen Plan. Auch in der Zeit der 
Merowinger und Karolinger treffen wir dies noch an. Erst durch 
die von den Monchen bei den Mauren erlernte Wissenschaft wurde 
dann das spirituelle Element immer mehr verdrangt. Und vom 16. 
bis zum 19. Jahrhundert nahm die materielle Denkweise immer 
mehr zu. Die psychischen Heiler weichen; sie kommen in Mifi- 
kredit und werden als Zauberer oder Hexen verachtet. Damit hangt 
zusammen der Verlust der Fahigkeit, iiberhaupt mit psychischen 
Mitteln heilend zu wirken; die Heilung auf diesem Wege ist nicht 
mehr so wirksam. Paracelsus besafi diese Fahigkeiten noch voll- 
kommen. 

Das hangt zusammen mit dem Ubergang der Fiihrung der 
Menschheit von einem Dhyan Chohan hoherer Art zu einem an- 
deren Dhyan Chohan. Den heilenden Dhyan Chohan nennt die 
christliche Esoterik «heiliger Michael», das ist der Erzengel, wel- 
cher den psychischen Idealismus des Menschen lenkt. Der Mensch 
wird erst dadurch frei, daft er sich bekanntmacht damit, dafi alles, 
was auf dem physischen Plane passiert, von hoheren Kraften be- 
wirkt ist. Er muft in ein Schulerverhaltnis zu dem Erzengel Michael 
kommen. 

Zwei Wesenheiten spielten im Alten Testament eine Rolle: Der 
fiihrende Geist; er ist harmonisch. Disharmonisch ist Beelzebub, 
auch ein Dhyan Chohan - er ist der Fiihrer aller Disharmonie auf 
dem physischen Plan; ihn mufi man verstehen, um zu wissen, war- 
um eine Form zerstorend auf die andere wirken kann. Seit dem 



16. Jahrhundert sind die Scharen des Beelzebub gegeniiber den 
Scharen des Michael ins Ubergewicht gekommen. Mammon ist der 
Gott der Hindernisse, welcher den Menschen zuriickhalt, seinen 
geraden Weg zu verfolgen. Es ware deplaciert, wenn sich das 
fortsetzen wiirde in das nachste Jahrhundert. 

Alle physischen Ereignisse sind Schatten iibersinnlicher Ereig- 
nisse. Der Kampf zwischen den spirituellen Kraften und dem 
Materialismus ist ein Widerschein des Kampfes zwischen den Scha- 
ren des Beelzebub und des Mammon gegen Michael. Dieser Kampf 
mufite erst ausgefochten werden auf hoheren Planen; er ist dort vor 
dreifiig Jahren entschieden worden fur Michael, und der jetzige 
Kampf hier auf dem physischen Plan ist davon ein Widerschein. 
Oben ist der Kampf entschieden, fur den einzelnen Menschen aber 
ist der Kampf noch nicht ausgefochten. Wenn die Menschen von 
heute ihm nicht gewachsen sind, miissen wir alle untergehen und 
neue Menschen mtilken kommen. Damit ist der Weg gezeigt, die 
Stelle, an der der einzelne Mensch heute einzutreten hat. 



ZWEITER VORTRAG 



Berlin, 1. Juli 1904 

Lesen in der Akasba-Cbronik 
Wolfram von Eschenbach 

Nachdem ich am vorigen Freitag schon verschiedenes Esoterisches 
vorausgeschickt habe, wird Ihnen das, was ich heute zu sagen habe, 
nicht mehr so fremd erscheinen. Ich mochte namlich ein Snick der 
Geschichte der letzten Jahrhunderte aus der Akasha-Chronik ab- 
handeln. Sie wissen, daft alle Ereignisse, welche geschehen sind, in 
einer gewissen Weise aufgezeichnet sind in einer ewigen Chronik, 
in dem Akasha-Stoff, der ein viel feinerer Stoff ist als die Stoffe, 
welche wir kennen. Sie wissen, daft alle Ereignisse der Geschichte 
und Vorgeschichte in diesem Stoff aufgezeichnet sind. Das, was 
man gewohnlich in der theosophischen Sprache die Akasha-Chro- 
nik nennt, sind aber nicht die urspriinglichen Aufzeichnungen, 
sondern es sind Abspiegelungen der eigentlichen Aufzeichnungen 
im astralen Raum. Um diese lesen zu konnen, sind gewisse Vor- 
bedingungen notwendig, von denen ich Ihnen wenigstens eine 
angeben will. 

Um in der Akasha-Chronik lesen zu konnen, ist es notwendig, 
daft man seine eigenen Gedanken den Kraften und Wesenheiten zur 
Verfugung stellt, die wir in der theososphischen Sprache die 
«Meister» nennen. Die Meister mussen uns die notigen Anweisun- 
gen geben, um in der Akasha-Chronik lesen zu konnen, die 
geschrieben ist in Symbolen und Zeichen, nicht in Worten irgend- 
einer bestehenden Sprache oder einer, die friiher bestanden hat. 
Solange man die Kraft noch anwendet, die der Mensch beim ge- 
wohnlichen Denken anwendet - und jeder Mensch, der nicht aus- 
drucklich gelernt hat, sein Ich bewuftt auszuschalten, wendet diese 
Kraft an -, solange kann man nicht in der Akasha-Chronik lesen. 
Wenn Sie sich fragen: Wer denkt? -, so werden Sie sich sagen mussen: 
Ich denke. - Sie verbinden Subjekt und Pradikat miteinander, wenn 



Sie einen Satz bilden. Solange Sie selbst die einzelnen Begriffe mitein- 
ander verbinden, sind Sie nicht imstande, in der Akasha-Chronik 
zu lesen, weil Sie Ihre Gedanken mit dem eigenen Ich verbinden. 
Sie miissen aber Ihr Ich ausschalten; Sie miissen verzichten auf 
jeden Eigen-Sinn. Sie miissen lediglich die Vorstellungen hinstellen 
und die Verbindung der einzelnen Vorstellungen durch Krafte 
aufterhalb Ihrer selbst durch den Geist herstellen lassen. Es ist also 
der Verzicht notwendig - nicht auf das Denken wohl aber darauf, 
von sich aus die einzelnen Gedanken zu verbinden. Dann kann der 
Meister kommen und Sie lehren, durch den Geist von aufien Ihre 
Gedanken zusammenfugen zu lassen zu dem, was der universelle 
Weltengeist iiber Ereignisse und Tatsachen, die in der Geschichte 
sich vollzogen haben, zu zeigen vermag. Wenn Sie nicht mehr 
urteilen iiber die Tatsachen, dann spricht zu Ihnen der universelle 
Weltengeist selbst, und Sie stellen ihm Ihr Gedankenmaterial zur 
Verfugung. 

Nun mufi ich iiber etwas sprechen, was vielleicht Vorurteile 
erwecken wird. Ich mull etwas sagen, was eine gute Vorbereitung 
ist, um zur Ausschaltung des eigen-sinnigen Ich zu kommen und 
dadurch in der Akasha-Chronik lesen zu lernen. Sie wissen, wie 
heute das verachtet wird, was die Monche im Mittelalter gepflegt 
haben: sie haben das Opfer des Intellektes gebracht. Der Monch 
hat nicht so gedacht wie der heutige Forscher. Der Monch hatte 
eine bestimmte heilige Wissenschaft, die geoffenbarte heilige Theo- 
logie, deren Inhalt gegeben war, iiber den man nicht zu entscheiden 
hatte. Der Theologe des Mittelalters hat seinen Verstand dazu ge- 
braucht, die gegebenen Offenbarungen zu erklaren und zu vertei- 
digen. Das war - wie man sich auch heute dazu stellen mag - eine 
strenge Schulung: die Hinopferung des Intellektes an einen gegebe- 
nen Inhalt. Ob das nun nach modernen Begriffen etwas Vorziig- 
liches oder etwas Verwerfliches ist, davon wollen wir absehen. Die- 
ses Opfer des Intellektes, das der Monch brachte, die Ausschaltung 
des von dem personlichen Ich ausgehenden Urteils, das fiihrte ihn 
dazu zu lernen, wie man den Gedanken in den Dienst eines Hohe- 
ren stellt. Bei der spateren Wiederverkorperung kommt dann das, 



was damals durch dieses Opfer hervorgebracht wurde, zur Auswir- 
kung und befahigt den Betreffenden zu selbstlosem Denken und 
macht ihn zu einem Genie des Anschauens. Kommt das hohere 
Schauen, die Intuition dazu, dann kann er diese Fahigkeiten darauf 
anwenden, die Tatsachen in der Akasha-Chronik zu lesen. 

Es ist ganz besonders interessant, jenen Zeitraum in der geisti- 
gen Entwicklung Europas, den wir vor acht Tagen betrachtet 
haben, noch einmal von diesem Gesichtspunkt aus darzustellen, ich 
meine die Zeit vom 9. bis zum 13., 14., 15. Jahrhundert. Wenn man 
diese Selbstlosigkeit in bezug auf den Gedankeninhalt erreicht hat 
und damit vereinigt den richtigen Sinn fur Verehrung, fur Devo- 
tion, wie ihn auch der Mystiker haben mufite, dann nimmt sich die 
Zeit, wo grofie Geister in der Weltgeschichte auftreten, oft ganz 
anders aus als in der profanen Geschichtsschreibung. Wenn man 
diesen Zeitraum in der Akasha-Chronik betrachtet, dann haftet 
unser Blick an einer grofien Gestalt, die uns liber jene Zeit un- 
geheuer viel lehren kann, eine Gestalt, die sich dem Beobachter als 
groft und die sich dem Okkultisten noch gewaltiger darstellt als 
dem gewohnlichen Forscher: Wolfram von Eschenbach. 

Wolfram von Eschenbach hat deutsche, romanische und spani- 
sche Sagen bearbeitet. Er gehort zu den grofien initiierten Dich- 
tern, die selbstlos genug waren, grofie gegebene Stoffe zu bearbei- 
ten, und die nicht geglaubt haben, selbst Stoffe erfinden zu miissen. 
Die grofien Dichter wie Homer, Sophokles, Euripides, Aeschylos 
haben niemals nach Stoffen suchen miissen. Zu diesen groften 
Dichtern gehort auch Wolfram von Eschenbach. Er stellt uns in 
seinen Werken die innere Geistesgeschichte der Zeit vom 9. bis 
zum 15. Jahrhundert dar, die sich aufierlich als die Vorbereitungs- 
zeit unserer neuen Zeit darstellt, in welcher, wie wir gesehen 
haben, vorzugsweise alles das studiert wird, was zur aufieren Sin- 
neswelt gehort. Das beginnt mit Kopernikus. Die Menschen fingen 
an, den physischen Plan ernstzunehmen, nicht wie die fruheren als 
Symbol fur die hoheren Plane. Die Weltanschauung der Alten war 
nicht eine falsche, sondern ein solche Weltanschauung, die von 
einem anderen Gesichtspunkt ausging: sie betrachtete die Erschei- 



nungen der aufieren Welt als Symbole fur devachanische Zustande. 
Kopernikus sagte, wir wollen die physische Welt nicht mehr als 
Symbol betrachten, sondern wir wollen die physische Welt selbst 
betrachten. - Selbstverstandlich wurde dadurch das gesamte Welt- 
bild der Menschen ein anderes. Es wurde in dieser Zeit vorbereitet 
die Hinlenkung auf das Praktisch-Physisch-Materielle. Die fruhe- 
ren Kulturen, bei denen unser physisches Leben abhangig war von 
Traditionen und Autoritaten, gingen iiber in eine solche, wo es auf 
personliche Tuchtigkeit ankommt. Der Sohn eines Bauern hatte 
fruher Geltung, weil er der Sohn eines Bauern war, der Sohn eines 
Ritters erbte die Rechte seiner Vater. Das anderte sich in dieser 
Zeit. Es ist dies die Zeit der Stadtegriindungen. Uberall stromte das 
Volk vom Lande zusammen und griindete Stadte; das Biirgertum 
kam hoch, praktische Erfindungen tauchten auf: die Taschenuhr, 
die Buchdruckerkunst wurden erfunden. Das ist aber nur der 
auftere Aspekt der Sache. Es wurden die Seelen hingelenkt auf das 
Praktische der Wissenschaften, wie sich das zeigt an Kopernikus, 
was dann in der Aufklarungszeit und politisch in der Fran- 
zosischen Revolution weiter ausgebildet wurde. Der Handelsstand 
pflegte die praktischen Interessen, personliche Tuchtigkeit war 
notwendig. Es war nicht mehr so wichtig, ob man von diesem oder 
jenem Mann abstammte. Fiir denjenigen, der in der Akasha-Chro- 
nik die Dinge verfolgt, stellt sich die Sache so dar, dafi das, was auf 
dem physischen Plane geschieht, gelenkt wird von den hoheren 
Planen aus. Die fiihrenden Geister sind beeinflufit von Initiierten, 
die auf den hoheren Planen arbeiten. Geniale Personlichkeiten 
fiihren hinauf zu Wesenheiten, die hinter den Kulissen arbeiten, 
bis hinauf zu der weifien Loge. Der physische Aspekt ist nur die 
Aufienseite. Die Innenseite ist die Arbeit der hochsten Initiierten 
der weifien Loge und ihrer Sendboten, die hinausgehen in die Welt. 

Diese okkulte Hierarchie mochte ich kurz charakterisieren. Wir 
haben da solche Wesenheiten, die sich nie sehen lassen: die Meister. 
Fiir die Menschen auf dem physischen Plan sind sie zunachst nicht 
wahrnehmbar. Unter diesen stehen Chelas, Geheimschiiler, die es 
ubernehmen, die grofien Auftrage der Meister hinauszutragen auf 



den physischen Plan. Die ersten, die da unterrichten, nennt man 
«Hamsas», das heilk «Schwane». Diejenigen Chelas, die man «hei- 
matlose Menschen» nennt, werden so genannt, weil sie ihre Heimat 
nicht in dieser Welt haben, sondern auf hoheren Planen wurzeln. 
Sie geben den Menschen den Unterricht, den sie selbst von den 
Hamsas genossen haben. Sie sind die Sendboten fiir die genialen 
Manner der Weltgeschichte. So ist zum Beispiel auch nachweisbar, 
daft die Fiihrer der Franzosischen Revolution in Zusammenhang 
standen mit dieser geistigen Seite der Weltgeschichte. 

Die grofie Weifie Loge mufite ihre Sendboten ausschicken, die 
Menschen vorzubereiten und zu unterrichten, damit sie auf dem 
physischen Plane die Organe werden konnten, die den Willen der 
Meister ausfuhren. So war es auch mit Wolfram von Eschenbach. 
Man wufke im Mittelalter, dafi es eine Weifie Loge gab, man nannte 
sie damals die «Gralsburg». Darin war die weifie Bruderschaft. 
Derjenige, welcher dazumal hinausgesandt worden ist, um die 
Stadtegriindung auf die physische Welt hinauszutragen, hiefi 
Lohengrin; er war unmittelbar unterrichtet von einem Hamsa, und 
er unterrichtete Heinrich I., der als der Stadtegriinder bezeichnet 
wird. Das bedeutet, daft die Zeitseelen einen neuen Einschlag 
bekommen sollten von den «heimatlosen Menschen». 

Die Seele wird in der okkulten Sprache immer durch eine weib- 
liche Personlichkeit symbolisiert. Elsa von Brabant reprasentiert 
die Zeitseele. Sie soli mit einem Ritter vermahlt werden, der der 
alten Tradition angehort, mit Telramund. Es kommt aber ein Ge- 
sandter des Gral und freit die Zeitseele Elsa von Brabant. Durch 
Wolfram von Eschenbach ist diese Zeit so charakterisiert, daft 
Heinrich nach Rom gefiihrt wird, wo das innere, das esoterische 
Christentum die Weltfeinde des Christentums, die Sarazenen, be- 
kampft. Lohengrin ist ein «heimatloser Mensch», den man nicht 
fragen darf, woher er kommt. Wenn man ihn fragt, ist das gegen 
seine Ordenspflicht. Er ist mit einer Art von Januskopf behaftet; 
einerseits mulS er nach der okkulten Bruderschaft hinblicken und 
andererseits nach den Menschen, die er in der physischen Welt 
fuhren mufi. Richard Wagner hat oft ergreifende Worte gefunden, 



so zum Beispiel, wenn er Lohengrin singen lafit: Nun sei bedankt, 
mein lieber Schwan. - Das ist der Moment, wo ihn der Schwan 
verlafit und er von den physischen Verhaltnissen abhangig wird. Er 
wird in eine Welt versetzt, die ihm nicht ganz angemessen ist; es ist 
nicht seine wahre Welt. Seine Welt ist die Welt der anderen Seite, 
so daft er angesehen werden mufi als ein Heimatloser. Wenn seine 
Mission erfiillt ist, dann verschwindet der Heimatlose wieder 
dahin, woher er gekommen ist. Wenn seine Herkunft entdeckt ist, 
dann mufi er wieder verschwinden. Das fallt dem mit dem phy- 
sischen Plan in Beziehung Getretenen schwer. Deshalb mufi Elsa 
von Brabant dreimal fragen, woher er stammt. 

So sehen wir, dafi durch den Initiierten Wolfram von Eschen- 
bach diese Zeit charakterisiert ist in ihrem Zusammenhang mit den 
hoheren Planen. Lohengrin ist der Gesandte, der Bote der Gralsrit- 
ter. Die Gralsritter sind die Weifie Loge auf dem Montsalvatsch. Es 
war die Aufgabe der Sendboten des Grals, der Gralsritter, die alten 
Traditionen des echten, wahren Christentums immer wieder zu 
erneuern. Das hatte man auch da im Sinne, wo man iiber die Grals- 
burg und iiber den heiligen Gral selbst sprach. Man stellte sich die 
Gralsritter vor als die Hiker desjenigen, was durch das richtige 
Christentum in die Welt gekommen war. Angedeutet ist das auch 
im Johannes -Evangelium: Das Wort ist Fleisch geworden. - Was 
durch den Christus verklart worden ist, das ist das physische 
Dasein selbst; er ist eingezogen in die physische Welt. Die anderen 
grofien Personlichkeiten sind Lehrer der Menschheit gewesen: 
Buddha, Zarathustra, Pythagoras, Moses - sie alle waren Lehrer. 
Sie sind der «Weg und die Wahrheit»; das «Leben» im okkulten 
Sinne ist erst Christus; daher heifit es: Niemand kommt zum Vater, 
denn durch mich. - Das Leben konnte erst seine Heiligung finden, 
wenn das Wort unmittelbar in den Menschenleib einzog. Dieses 
Herunterfuhren des Gottlichen auf den physischen Plan sollte 
immer wieder erneuert werden durch die Weifie Loge. Daher ist 
die Gralsschale dargestellt als dieselbe Schale, aus der Jesus das 
Abendmahl gereicht hat und in welcher Joseph von Arimathia 
das Blut auf Golgatha aufgefangen hat. So soli das Prinzip des 



Christentums bewahrt werden und fortleben, und neue Kraft soli 
ihm erteilt werden dadurch, daft in Fortsetzung der Apostel zwolf 
Gralsritter als Sendboten ausgeschickt werden, urn neue Aufgaben 
zu iibernehmen. 

Das war die Anschauung des ganzen Mittelalters, daft wenn eine 
wichtige Zivilisationsstufe erreicht werden soli, ein Chela, ein 
«Schwan» die Menschen unterrichten sollte. In einer solchen Weise 
hat Wolfram von Eschenbach die Geschichte angesehen und dar- 
gestellt. Wer in Richard Wagners Lohengrin zwischen den Zeilen 
zu lesen versteht, der wird finden, daft Wagner, wenn auch nicht 
verstandesmafiig, so doch gefiihlsmaftig, intuitiv gefiihlt hat, daft da 
etwas Groftes vorlag. Daher glaubte er an eine Wiedererneuerung 
der Kunst durch Ankniipfung an UbermenschKches. Im Mittelalter 
wurde das so dargestellt, daft, als Elsa von Brabant Lohengrin in 
diese Welt bannen wollte, er sich zuriickzog, und zwar, wie Wolf- 
ram von Eschenbach sagt, nach Indien. Zuletzt wird auch die 
Gralsburg als in Indien liegend vorgestellt. Auch von den Rosen- 
kreuzern heiftt es, daft sie, als sie sich am Ende des 18. Jahrhunderts 
zuriickzogen, nach Asien gegangen seien, nach dem Orient. Das ist 
die Geschichte der Stadtegriindung des Mittelalters, nach den Ein- 
tragungen in der Akasha-Chronik. Einzelheiten konnten vielleicht 
von anderen etwas anders dargestellt werden, im groften und gan- 
zen werden sie aber immer damit ubereinstimmen. 



DRITTER VORTRAG 



Berlin, 8. Juli 1904 

Sakramentalismus 
Dadalus und Ikarus 

1st das Wissen von dem, was die Theosophie lehrt, iiberhaupt et- 
was, was fiir weitere Kreise von einer besonderen Wichtigkeit und 
Bedeutung ist, oder ist Theosophie etwas, was nur fiir einige, be- 
sonders sich dafiir Interessierende bestimmt sein kann? Diese Frage 
fiihrt auf ein Thema, das sehr selten besprochen wird, das aber 
einmal besprochen werden mufi: das ist der sogenannte Sakramen- 
talismus und die besondere Aufgabe unserer gegenwartigen Wur- 
zelrasse. Die Frage ist: Was ist Sakramentalismus, und wie verhalt 
sich unsere rein menschHche Aufgabe dazu? - Man konnte fragen: 
Was hat es fiir eine Bedeutung fiir irgendeinen Handwerksmann, 
der den ganzen Tag in einer Tischlerwerkstatte arbeitet, wenn er 
weifi, dafi Lohengrin einstmals als ein Abgesandter des heiligen 
Gral die wichtigsten Kulturbewegungen des Mittelalters inspiriert 
hat? Was hat iiberhaupt all das Reden von diesen hohen geistigen, 
idealen Zielen fiir eine Bedeutung fiir die breite Masse? - Die ganze 
Frage beantwortet sich dann, wenn man das Wesen des Sakramen- 
talismus versteht. 

Ich mochte heute, ankniipfend an die Anschauungen der Grie- 
chen, iiber die Entstehung unserer gegenwartigen, nachatlantischen 
Wurzelrasse im Verhaltnis zu der vorhergehenden, der atlantischen 
Wurzelrasse, sprechen und daran einiges andere ankniipfen iiber 
die Bedeutung des Sakramentalismus. Sie alle kennen die Sage von 
Dadalus und Ikarus und auch die Sage von Theseus. Ich mochte 
kurz den ungeheuer tiefen Sinn beriihren, der in der Dadalus- 
Ikarus-Sage steckt. Man erzahlt, dafi einst ein Mensch gelebt hat 
mit Namen Dadalus, der imstande war, Kunstwerke zu schaffen, 
die lebten, Statuen, die sehen und horen konnten, Maschinen, die 
sich selbst bewegten. Das alles verstand Dadalus. Er war angesehen 



im ganzen Lande, aber er war auch aufierordentlich ehrgeizig. Er 
hatte einen Schwestersohn, Talos, den er unterrichtete und der ihn 
bald iibertraf in gewisser Beziehung. Es wird uns geschildert, dafi 
Talos imstande war, Topferscheiben zu bemitzen, und dafi er auch 
gewisse Kiinste beherrschte, die dem Dadalus fremd waren. Talos 
studierte zum Beispiel die Kinnbacken einer Schlange und hatte die 
Idee, aus den Zahnen der Schlange eine Sage zu formen. So wurde 
er der Erfinder der Sage. Wenn wir das einander gegenuberstellen, 
was uns als Charakter bei Dadalus und was uns als Charakter bei 
Talos entgegentritt, so werden wir sehen, daft es sich bei Dadalus 
um Dinge handelt, die unserer funften Wurzelrasse schon fremd 
geworden sind. Dagegen erfindet Talos solche Dinge, die zu den 
technischen Fertigkeiten der funften Wurzelrasse gehoren. Wenn 
wir einen Vergleich ziehen zu der vierten Wurzelrasse, den Atlan- 
tiern, so sehen wir, wie die Atlantier imstande waren, die Vril- 
Kraft anzuwenden, so wie wir den Dampf zum Antrieb von Loko- 
motiven, Maschinen und so weiter benutzen. Diese Kunst ist in der 
nachatlantischen Zeit verlorengegangen. Dagegen hat unsere Zeit 
die moderne Fahigkeit, unorganische Objekte zu Maschinen zu- 
sammenzufugen. Diesen Ubergang will uns die Sage zeigen. Dada- 
lus bringt es dann dazu, dafi er sich eine Art von Flugel machen 
kann, womit er sich iiber die Erde zu erheben vermag. Sein Sohn 
Ikarus will das auch machen, aber es gelingt ihm nicht, er geht 
dabei zugrunde. Diese Gegeniiberstellung soil aus dem griechi- 
schen Geist heraus zeigen, dafi die verschiedenen Epochen unserer 
Erdentwicklung verschiedene Aufgaben haben. Wollte eine Epoche 
der Erdentwicklung eine Aufgabe iibernehmen, die nur fur eine 
andere taugt, so wurde sie dabei zugrundegehen. Alles an seinem 
Ort, alles zu seiner Zeit. 

Nun hat die griechische Sage mit der Dadalus-Sage noch etwas 
anderes verkniipft. Dadalus geht, nachdem er Talos getotet hat, 
nach Kreta zu Minos. Dort ist ein Ungeheuer, der Minotaurus. Der 
Minotaurus steht im Gegensatz zur Sphinx. Der Minotaurus hat 
einen Stierkopf mit menschlichem Korper, die Sphinx hat einen 
Menschenkopf mit tierischem Korper. Der Minotaurus soli ge- 



hemmt werden in seinen verheerenden Wirkungen. Dadalos soli 
ihn bannen; das kann er, indem er ihm ein Labyrinth baut. Der 
Minotaurus mufi mit Menschen ernahrt werden. Alle neun Jahre 
miissen ihm sieben Jiinglinge und sieben Jungfrauen geopfert wer- 
den. Mit der Minotaurus-Sage steht die Theseus-Sage in Verbin- 
dung. Theseus war der Sohn des Ageus. Dieser hatte bestimmt, da£ 
Theseus das Schwert und die Sandalen unter einem grofien Fels- 
stiick hervorholen sollte, die der Vater dort verborgen hatte. Nach- 
dem Theseus in Athen verschiedenes vollbracht hatte, geht er nach 
Kreta, um den Minotaurus zu iiberwinden und die Stadt Athen von 
der Lieferung der sieben Jiinglinge und der sieben Jungfrauen zu 
befreien. In Kreta wurde von Seiten der Griechen immer etwas 
ganz besonderes gesucht. In Kreta soil auch Lykurg gelernt und 
seine Verfassung fur eine Art kommunistisches Gemeinwesen er- 
halten und nach Sparta gebracht haben, denn in Kreta soil es eine 
Verfassung gegeben haben, die in alien alten Priesterstaaten hei- 
misch war; es waren Uberreste des alten atlantischen Priester- 
Kommunismus, der auf jeden personlichen Besitz verzichtet. Mit 
jeder urspriinglichen Religionsgriindung hangt eine Art Kommu- 
nismus zusammen. Nach Kreta sieht sogar noch Plato als dem Sitz 
einer mustergultigen Verfassung. Diese Priesterverfassung ist ein 
Uberbleibsel der alten atlantischen Gestaltung. Dadalus konnte 
das, was in Kreta schadlich war, bannen, weil er mit dem atlanti- 
schen Leben bekannt war. In dem Minotaurus haben wir den Re- 
prasentanten der schwarzen Magie in Kreta zu sehen. Das soil jetzt 
aufhoren. Jetzt wollen die Athener nicht mehr die sieben Jiinglinge 
und die sieben Jungfrauen nach Kreta schicken. Das Schiff des 
Theseus fuhr hinaus mit schwarzen Segeln. Er wollte nach Uber- 
windung des Minotaurus ein weifies Segel hissen statt des friiheren 
schwarzen. Die schwarze Magie sollte weifi werden. Mit Hilfe des 
Fadens der Ariadne gelingt Theseus das Unternehmen, und er 
kehrt nach Athen zuriick, [aber er vergafi, die weifien Segel zu 
setzen]. Die Griechen waren aber noch nicht so weit, dafi sie des 
weifien Pfades vollkommen wiirdig waren. Liebe soil regieren im 
Ariadnefaden. Es wird aber in jener Zeit schon auf das Christen- 



turn so hingedeutet, daE das Liebesprinzip - Ariadne - durch Bac- 
chus geraubt wird, der noch nicht dieses Prinzip ausgebildet hat, 
welches durch das Christentum verbreitet werden soil. Theseus gait 
wie Herkules als ein Held, als ein Sonnenlaufer, als ein im sechsten 
Grade Initiierter. 

Ein solcher Sagenkomplex wurde in Griechenland Volksgut. 
Das Volk als solches kannte diese Sagen. Warum suchten die Prie- 
ster in die Sagen die Weltengeheimnisse hineinzulegen? Jeder Prie- 
ster hatte es als etwas Unheiliges, ja als eine unmogliche Profana- 
tion empfunden, irgend etwas in die Dichtung einflieften zu lassen, 
was nicht einen tiefen Sinn hatte. Dabei war der Priester sich klar 
dariiber, da$ der tiefe Sinn dem Volke nicht ohne weiteres aufge- 
hen konnte. Dem Volke erzahlte man die Fabel, das Marchen, den 
Mythos; in ihnen lag der tiefe Sinn. Das ist das Grundkennzeichen 
der ganzen Dichtung der Alten. Je weiter wir zuriickgehen, desto 
tiefer wird der Sinn. Eine Dichtung, die nicht einen tiefen Sinn 
hatte, gibt es in jenen Zeiten nicht. Erst spatere Zeiten kamen ab 
von dieser Priesteranschauung und brachten Werke hervor, die 
nichts mehr von diesen spirituellen Geheimnissen hatten. Selbst auf 
dem Markte sollten nur Dinge vorgetragen werden, die herausge- 
flossen sind aus dem spirituellen Leben. Wenn wir uns das vor 
Augen halten, so konnen wir sagen, eine andere Fiihrung als die der 
Priester gab es damals noch nicht. Erst spater wird der Priester- 
konig durch den weltlichen Konig abgelost. Damit folgt der Uber- 
gang der alten priesterlichen Konigsstaaten in weltliche Konigsstaa- 
ten - Archont heifit Verwalterkonig. 

Ein Beispiel fur diese Anschauung ist die Sage von der Griin- 
dung des romischen Staates. Man dachte im Altertum iiber Ge- 
schichte nicht so, dafi man aufiere Ereignisse erzahlte. Erst seit 
Herodot wird Geschichte als Chronik erzahlt. Vorher gab es das 
nicht. Alles wurde in symbolischer Darstellung gegeben. Was 
Augen sehen und Ohren horen, sollte damals noch etwas Hoheres 
bedeuten, es sollte der Ausdruck des Spirituellen sein. Wenn der 
Priester klarzumachen versuchte, woher das Volk der Romer sei- 
nen Ursprung hat, dann erzahlte er das folgende: Immer, wenn 



etwas derartiges sich verwirklicht, treten die sieben heiligen Prin- 
zipien in der Welt in Wirkung. Alles geschieht in der Aufeinander- 
folge der sieben Prinzipien. Zuerst steigt aus dem Himmel der 
gottliche Griinder. Dann entnimmt der Priester das, was lebendig 
ist an der Sache; das lebt dann als Kama. Dann wird in dem Kama 
das Manas, der Verstand, geboren. Der Leib, der selbst ein Heiliges 
ist, lebt im Himmel. Unheilig ist er nur, wenn er mifibraucht wird. 
Das sind die vier unteren Prinzipien. Dann miissen die drei oberen 
hineinkommen. Etwas, was vollkommener, vollstandiger ist, mufi 
hineinsteigen. 

So ging es auch bei der Griindung der Stadt Rom. Zuerst kam 
Romulus; er kam aus himmlischen Spharen, er war der Griinder. 
Rom war eine Griindungsstadt des alten Troja. Konig Numitor 
von Alba Longa war der Nachkomme des mit trojanischen Flucht- 
lingen in Latium gelandeten Aeneas. Wir brauchen nur die Worte 
zu verstehen: «alba longa» ist das weifie, lange Kleid der katholi- 
schen Priester. Amulius heifk: der Unbeweibte, der Priester. Eine 
Priesterstadt als Tochterstadt von Troja war also Rom. Numitor ist 
der Willensmensch. Der wird zunachst verbannt in den Wald, wird 
aber der Stammvater der Griinder der Stadt Rom. Romulus ist der 
Griinder der romischen Kultur, der erste Konig. Er wird auch 
versetzt unter die Gotter unter dem Namen Quirinus. Der zweite 
Konig ist Numa Pompilius. Der dritte Konig ist Tullus Hostilius; 
er ist der Reprasentant von Kama; da herrscht der Krieg; es entwik- 
kelt sich dasjenige, was man in der Theosophie als Kama-Rupa zu 
bezeichnen hat. Der vierte Konig ist Ancus Martius; er ist der 
Reprasentant von Kama-Manas. Technische Dinge werden da ge- 
macht. Als das vierte Prinzip reif war, wurde die etruskische Kul- 
tur herbeigerufen. Tarquinius Priscus, der fiinfte Konig, bringt 
Manas hinein. Die grofien Bauten und Wasserleitungen legte er an. 
Das, was man Manas nennt, das ist vertreten in Tarquinius Priscus. 
Das sechste Prinzip ist Budhi. Es bewirkt die Segnungen des 
menschlichen Zusammenlebens durch Liebe und Gerechtigkeit. 
Servius Tullius ist der sechste Konig der Romer. Er war derjenige, 
der Ordnung schaffte, der Gesetze gab, die denen der Etrusker 



entsprachen. Der siebente Konig ist Tarquinius Superbus, der 
Erhabene, der aber heruntergesturzt ist. 

So sah der Priester die Entstehung der Stadt Rom an. Das war 
nicht etwa eine Interpretation, sondern es war eine Wirklichkeit. 
Die Stadte waren so geleitet, dafi die sieben Prinzipien die Richt- 
linien des Herrschens waren. Wenn etwas auf der Erde gedeihen 
soil, dann mufi es in der Ordnung der sieben Prinzipien geschaffen 
werden. Niemals hatte ein Priester etwas getan, was erst sein Nach- 
folger hatte tun sollen. Das war alles aufgezeichnet in den Biichern 
der Tempel, die man die Sibyllinischen Biicher nannte. Das war 
gleichsam der Plan der Geschichte. Die Priester hatten sich zu rich- 
ten nach den Sibyllinischen Biichern. 

Hier haben wir es zu tun mit einer Verwirklichung spiritueller 
Krafte, die lebten in dieser Priesterkultur. Wir sehen, dafi die Welt 
gelenkt und geleitet wurde durch Spiritualitat. Erst spater verlor 
man das Verstandnis fur die spirituelle Regentschaft. Es wird uns 
erzahlt von dem etruskischen Hauptgott Tages, der aus der Erde 
heraufgestiegen sei beim Umackern des Feldes mit dem Pfluge. 
Technische Bauten und Kunstgewerbe waren das Merkmal der 
etruskischen Kultur. Jeder Stein der etruskischen Baukunst zeigt, 
dafi da etwas Besonderes ist. Es wurde erstrebt, mit dem wenigsten 
Material die grofken Lasten tragen zu konnen. Es ist das Prinzip, 
das der etruskischen Baukunst, den Gewolbe- und Bogen-Bauten 
zugrundeliegt. Heruntergestiegen ist diese spirituell geleitete Kul- 
tur auf den physischen Plan. Personliche Tiichtigkeit gewinnt nun 
den Vorrang. Jegliches Bewulksein hort auf, dafi ein Zusammen- 
hang besteht zwischen der niedersten Verrichtung und dem Spiri- 
tuellen. Fur den Okkultisten ist es klar, ob ein Mensch, der an einer 
bestimmten Stelle steht, etwas gehort hat von den gottlichen Inten- 
tionen und Absichten und ob er etwas aufgenommen hat von dem, 
was ausgeflossen ist aus dem Spirituellen, denn ein solcher Mensch 
tut auch das Alltaglichste in einer ganz anderen Weise als ein an- 
derer, bei dem das nicht der Fall ist. Die Weihe, die sich von den 
hoheren Spharen auf das irdische Leben ergiefit, giefit sich nicht so 
aus bei denen, die nur an dem physischen Plane haften. 



Es ist das Wesen des Sakramentalismus, daft der Mensch das 
Alltagliche mit spiritueller Weihe erfiillt. Die alten Sagen hatten 
den Sinn, die Seelen der Menschen in die richtigen Schwingungen 
zu versetzen, so daft sie mit spiritueller Kraft erfiillt waren. Die 
einfachste Handlung eines naiven Gemiites kann dadurch geheiligt 
werden. Das ist etwas, was wirksam ist und immer wieder wirksam 
sein wird. Wer das weift, der weift auch, daft bei unserer Kultur 
eine Umkehr notwendig ist. Man mag sich noch so sehr bemiihen, 
diesen physischen Plan in Harmonie, in Ordnung zu bringen, es 
wird fehlschlagen, solange man nur auf dem physischen Plane 
arbeitet; wird auf der einen Seite Harmonie geschaffen, so wird auf 
der anderen Seite Disharmonie entstehen. Lassen Sie aber das 
Spirituelle wirken, so werden Sie sehen, daft das Alltagliche in einer 
ganz anderen Weise angefaftt wird. Das ist Sakramentalismus. 

Dieser Gedanke liegt auch dem christlichen Sakramentalismus 
zugrunde: die Heilung vom spirituellen Plane aus. Ein Sakrament 
ist eine physische Handlung, die so verrichtet wird, daft in ihr sich 
symbolisch ein geistiger Vorgang ausdriickt. Es ist eine Symbolik, 
die ihre Rechtfertigung auf hoheren Planen hat. Nichts ist im 
Sakrament willkiirlich. Alles ist bis ins Kleinste hinein ein Abbild 
eines hoheren okkulten Vorganges. Derjenige, der ein Sakrament 
verstehen will, bei dem das Zeremoniell ein Abbild ist eines gei- 
stigen Vorganges, der mufi sich bekanntmachen mit dem, was da 
zugrundeliegt. Es ist ein okkulter Vorgang, der den aufteren Augen 
entzogen ist. Bei jedem Sakramentalismus vollzieht sich nicht nur 
etwas Verstandesmaftiges, sondern es vollzieht sich etwas, was eine 
reale, okkulte Bedeutung hat. Nehmen wir zum Beispiel die okkul- 
te Bedeutung des Feuers. Feuer hat es in den friihesten Entwick- 
lungsepochen nicht gegeben. Es konnte erst entstehen, als die Erde 
so weit verdichtet war, daft sich aus der irdischen Materie heraus 
dieses Feuer schlagen lieft. Daher wird uns die Erfindung des 
Feuers als ein Vorgang unserer fiinften Wurzelrasse geschildert. 

Prometheus hat das Feuer vom Himmel zur Erde gebracht. Das 
Hervorbringen des Feuers hat unserer Kultur ihren Charakter 
gegeben. Machen Sie sich klar, wie es ware, wenn wir kein Feuer 



hatten. In den ersten Zeitepochen hatte man noch kein Feuer ge- 
habt. Unsere Entwicklung verdankt dem Feuer alles Verstandes- 
mafiige, alles Technische. Das Feuer ist dasjenige, was herunter- 
fiihrt auf den physischen Plan. Die materielle Kultur verdanken wir 
dem Feuer. Die Priester mufiten daher etwas Besonderes im Feuer 
sehen. Daher haben in der zweiten nachatlantischen Kulturepoche 
die persischen Magier im Feuer vor allem dasjenige gesehen, was im 
Sakrament wirken mufi. Was hat der persische Priester auf seinem 
Altar zeremoniell verwirklicht? Der Okkultismus weifi, dafi es 
sieben Zoroaster gegeben hat. Der Zoroaster der Geschichte ist der 
siebente. Der persische Magier hatte eine besondere Art, das Feuer 
hervorzubringen. Dieser Vorgang war das Abbild der grofien kos- 
mischen Entstehung des Feuers. Da stand der persische Magier mit 
seinem Thyrsus und machte seine Zeremonien, die jeder Okkultist 
wohl kennt, aber auch nur der Okkultist. Dieser Vorgang war ein 
Abbild der grofien kosmischen Entstehung des Feuers. Als man 
nicht mehr verstand in den Priesterschulen, mit dem Thyrsus das 
Feuer zu erzeugen, wurde wenigstens ein Naturfeuer gesucht. 
Zunachst haben sie da das Feuer durch den Blitz geschaffen, und 
dann haben sie es durch das sogenannte ewige Feuer fortgepflanzt, 
das immer nur aneinander entziindet werden durfte. Das Feuer, das 
durch die Natur gewonnen wird, soil wirksamer sein als das kiinst- 
lich erzeugte. Als im Jahre 1826 in England und im Jahre 1828 in 
Hannover eine Tierseuche aufgetreten war, haben die Menschen 
Holz genommen und damit Feuer gerieben, weil sie glaubten, daft 
die damit gekochten Krauter wirksamer seien. 

Der Mensch mufi wiederum spirituelles Leben schaffen bis in 
jeden Handgriff und jeden Schritt hinein; und das wieder einzufuh- 
ren, ist die Aufgabe und das Bestreben der spirituellen Bewegung. 
Der Sakramentalismus der friiheren Zeit mufi wiederkommen. Man 
mufi wissen, dafi es ein anderes ist, aus dem Geiste heraus zu han- 
deln, als aus dem Materiellen heraus zu handeln. Spirituelles Leben 
wieder ausstromen zu lassen, das ist unser Ziel. 



VIERTER VORTRAG 



Berlin, 15. Juli 1904 

Germanische Mythologie 

Sie wissen, dafi, wenn wir zuriickgehen in der Entwicklung un- 
seres Geschlechtes, wir zu der atlantischen Wurzelrasse kommen, 
deren Reich der Boden des [heutigen] Atlantischen Ozeans ist. 
Und wenn wir noch weiter zuriickgehen, dann kommen wir zur 
lemurischen Wurzelrasse; das ist eine Rasse, die Sie sich noch ganz 
anders in ihrer Organisation denken miissen als unsere heutige 
Wurzelrasse und selbst anders als die atlantische. Die Menschen 
wohnten auf einem Kontinente, der sich siidiich von Vorder- und 
Hinterindien ausdehnte und der heute auch Meeresboden gewor- 
den ist. Einige Nachkommen dieser Bevolkerung sind noch in 
Australien vorhanden. Wo haben wir aber die zweite Menschen- 
rasse zu suchen? Da ist schon zu beriicksichtigen, dafi auch die 
dritte Menschenrasse, die Lemurier, ganz anders ausgesehen hat 
als wir und auch ganz anders als die vierte Menschenrasse, die At- 
lantier. Die Lemurier haben nicht das gehabt, was wir Gedachtnis, 
Vorstellung, Verstand nennen; die Lemurier hatten dies erst im 
Keime entwickelt. Dagegen war die zweite Menschenrasse mit 
einer hohen Spiritualitat begabt, die nur nicht in den Kopfen der 
Menschen safi, sondern die wie eine fortwahrende Offenbarung 
von aufien vorzustellen ist. Man nannte die zweite Menschenrasse 
die Hyperboraer. Sie wohnten um den Nordpol herum, in Sibi- 
rien, Nordeuropa mit Einschlufi der Gebiete, die Meer geworden 
sind. Und wenn Sie sich dieses Land denken mit einer Art von 
tropischer Temperatur, so bekommen Sie ungefahr die Vorstel- 
lung, wie das Land damals war. Es war ursprunglich bevolkert 
von Menschen, welche als einzelne Individuen wie Traumwesen 
herumwandelten. Waren sie sich selbst iiberlassen gewesen, so 
wiirden sie gar nichts gekonnt haben. Es war sozusagen Weisheit 
in der Luft, in der Atmosphare. 



Erst in der lemurischen Zeit fand die Ehe der Weisheit mit dem 
Seelischen statt, so daft wir uns vorher die ganze Geistigkeit der 
Menschen nebelhaft vorzustellen haben. Es waren das die Keime 
des nebligen Geistes und die Keime des Lichtgeistes. Die Geistig- 
keit, die als Keim in den Sohnen des Feuernebels aufging, die uns 
noch vertraut erscheint, die haben wir in den siidlichen Gegenden 
zu suchen, in Lemurien. In den Gegenden, die von uns aus nord- 
lich gelegen sind, lebten Menschen, Volker, die mit einem Traum- 
bewufttsein begabt waren, das deutlicher war als das Pitribewuftt- 
sein. Im ganzen miissen wir uns nicht denken, daft die Menschen, 
die da oben wohnten, auch da oben geblieben sind. Sie haben 
Wanderziige gemacht, die nach Siiden gingen. Und diese Wander- 
ziige erstreckten sich noch lange in die Zeiten hinein, in denen im 
Siiden die lemurische Rasse auf gesproftt war. Es gab sozusagen eine 
nordliche lemurische Rasse und eine sudliche lemurische Rasse. Es 
waren zwolf grofte Wanderziige. Diese zwolf groften Wanderziige 
brachten die Bewohner der verschiedenen Gegenden allmahlich 
miteinander in Beriihrung. Sie brachten diese Menschen auch in 
Gegenden, die den unsrigen nicht fernliegen, in Gegenden, die als 
mittleres Deutschland, Frankreich, Mittelruftland und so weiter 
angesprochen werden konnen. 

Nun miissen Sie sich vorstellen, daft wir von einer Zeit sprechen, 
in der das, was wir hohere Tiere nennen, schon vorhanden war. Die 
Lemurier wurden wie eine Art Riesen dargestellt, und diese kamen 
mit den von Norden kommenden Menschen in Beriihrung. Da- 
durch entstanden zwei Geschlechter. Es entstand ein Geschlecht, 
das in der Vorgeschichte der Menschheit die Grundlage der Atlan- 
tier wurde; alle diese Menschen vermischten sich damals in dem 
heutigen Europa. Wir diirfen uns das nicht so einfach vorstellen, 
wie das hier in Worte gefaftt wird. Nun gingen aus dieser Ge- 
schlechtervermischung der Hyperboraer, der Lemurier und spater 
auch der Atlantier Initiierte hervor, die sich unterschieden von den 
Initiierten, die wir heute als unsere Lehrer anzusehen haben; diese 
letzteren stammen wesentlich aus dem Siiden, dem lemurischen 
Kontinent. 



Im Norden entwickelte sich, ich mochte sagen eine Art von 
Nebelwelt, und die drei Hauptinitiierten, die wir hier auf dieser 
Menschheitsinsel zu suchen haben, sie nannte man in der Zeit, die 
selbst noch hineinragte bis in die Entstehung unseres Christen- 
tums: Wotan, Wili und We, Das sind die drei grofien nordischen 
Initiierten. Sie leiteten ihren Ursprung her in ganz regelrechter 
Weise, in popularer Weise konnte man sagen aus dem Erdenreich, 
in dem noch ungemischt alles das enthalten war, was jetzt auf die 
Menschen verteilt ist. In popularer Weise konnte man sagen, es ist 
aus diesem Erdenreich hervorgegangen ein Geschlecht, das sehr 
unahnlich war der gegenwartigen Menschheit. Dieses Geschlecht 
war beherrscht von einer Allweisheit. Diese Allweisheit nannten 
die lehrenden Priester «Allvater». Dann wird gesprochen von den 
zwei Reichen, von dem Nebelheim und dem Muspelheim. Das 
Nebelheim ist das Nifelheim des Nordens, der dammernde Nebel- 
zustand der hyperboraischen Wurzelrasse, im Gegensatz zu 
Muspelheim. Es werden geschildert zwolf Strome, die sich gestaut 
haben und dann zu Eis wurden. Daraus entstand ein Menschen- 
geschlecht, dessen Reprasentant der Riese Ymir war, und dann das 
Tiergeschlecht, die Kuh Audhumbla. Von Ymir stammten die 
Sonne der Reifriesen. Die Menschen, die schon verstandesbegabte 
Menschen waren, entstanden, auch im Sinne der «Geheimlehre», 
spater. Und so erzahlt auch die deutsche Sage, dafi [die Nachkom- 
men von Ymir und Audhumbla], Wotan, Wili und We, am Strande 
gingen und die Menschen bildeten. Damit sind jene Menschen der 
«Geheimlehre» gemeint, die erst spater entstanden, und die mit 
Verstand begabt worden sind. 

In dieser urgermanischen Sage liegt eine alte Wahrheit. Es wird 
uns auch gesagt, wie spater die zwei grofien Ziige waren, die vom 
fernen Osten nach dem Westen [und vom Westen nach dem Osten] 
gegangen sind. Wir haben uns vorzustellen, dafi zuerst die keltische 
Bevolkerung da war, die dann eine Kolonie gebildet hat. Diese 
urspriingliche keltische Bevolkerung stand ganz unter dem Einflufi 
ihrer Initiierten. Diese haben fortgepflanzt die urspriingliche Lehre 
von Wotan, Wili und We und ihrer Priesterschaft. Die Kelten hat- 



ten Priester, die wir Druidenpriester nennen. Diese waren zentriert 
in einer grofien Loge, in der nordischen Loge. Dies hat sich erhal- 
ten in der Sage vom Konig Artus und der Tafelrunde. Tatsachlich 
hat diese Loge der nordischen Initiierten bestanden, die heilige 
Loge der Ceridwen - die Weifie Loge des Nordens. Spater wurde 
sie der Bardenorden genannt. Diese Loge bestand noch lange bis in 
die spateren Zeiten hinein. Aufgelost wurde sie erst im Zeitalter der 
Konigin Elisabeth. Dann zog der Orden sich ganz von dem phy- 
sischen Plan zuriick. Davon geht alles aus, was wir an altgermani- 
schen Sagen haben. Alle germanische Dichtung geht zuriick auf die 
urspriingliche Loge von Ceridwen, die auch der Zauberkessel der 
Ceridwen genannt worden ist. Derjenige, welcher am meisten ge- 
wirkt hat noch bis herein in die ersten Jahrhunderte nach Christi 
Geburt, das war der grofie Initiierte Meredin, der uns erhalten ist 
unter dem Namen des Zauberers Merlin. Er war genannt «der 
Zauberer der nordischen Loge». 

Dies ist alles in alten keltischen Geheimlehren direkt enthalten. 
Da finden Sie angedeutet, was die Initiierten des Ostens zu geben 
hatten. Und das, was ihnen der Kelte zuruckgegeben hat, das war 
die Baldur-Sage, die Sage von dem Gott des Lichts und dem Gott 
der Finsternis. So haben die Initiierten des Westens langsam diese 
Sage an die Initiierten des Ostens herangebracht, in der wohlweis- 
lichen Absicht, ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Und in dem 
Glauben, daft da noch etwas nachkommen mufi, haben sie zu dieser 
Sage noch etwas hinzugefugt, was noch in der Zukunft lag, namlich 
den Untergang der Gotter in der Zukunft. Baldur konnte dem 
Untergang nicht widerstehen. Es wurde daher ein zweiter Zug vor- 
bereitet nach der Gotterdammerung. Es wurde gesagt, ein neuer 
Baldur wiirde erstehen, und dieser «neue Baldur», welcher dem 
Volke angekiindigt wurde, ist kein anderer als der Christus. Hier 
im Norden konnten sich diese Dinge nicht gleich ausbilden wie im 
Siiden, zum Beispiel in Griechenland. Im Norden waren mehr die 
mannlichen Gotter, im Siiden war man mehr dem Kultus der 
Schonheit ergeben. Dem ganzen nordischen Element war etwas 
eigen, was lange bestanden hat, was aber gleichzeitig der Keim des 



Verderbens war, die Kampfnatur. Wir haben also im Norden 
Wotan, Wili und We und daneben Loki. Loki ist das Begehrliche, 
der Wunsch, und das macht die nordische Welt zu einer Kampf- 
natur, die in sich hat das Element der Walkiiren. Diese begeistern 
zum Kampf. Sie sind etwas, was das nordische Element immer 
hatte. Loki war der Sohn der Begierde; Hagen ist die spatere Form 
fur den urspriinglichen Loki. 

Und nun noch einige Worte dariiber, wie ein Initiierter beschaf- 
fen war in jener Zeit. Wenn er initiiert wurde und dadurch mit 
geistigen Machten bekanntgemacht wurde, dann druckte man das 
so aus, dafi man sagte: Er hat den Zug unternommen in das Reich 
der guten Toten, ins Alfen-Reich, nach Alfgard, damit er sich dort 
hole das Gold des Nifelheim - das Gold ist das Symbol fur die 
Weisheit. Siegfried war der Initiierte des alten germanischen Ele- 
mentes in der Zeit, als sich das Christentum verbreitete. Er war 
eigentlich unverwundbar, hatte aber noch eine verwundbare Stelle, 
weil in dieser nordischen Initiation noch Loki anwesend war, der 
Begierdengott in der Gestalt von Hagen. Hagen ist derjenige, wel- 
cher den Initiierten an der schwachen Stelle totet. Briinhilde ist in 
der Nibelungen-Sage eine ahnliche Gestalt, eine ahnliche weibliche 
Gottheit wie die Pallas- Athene der Griechen. Im Norden bedeutet 
sie die Verkorperung des wilden, totenden Kampfelementes. Den 
alten germanischen Initiierten haben Sie in Siegfried gegeben. Das 
Kampfelement ist ausgedriickt durch das alte germanische Ritter- 
tum. Da es vorzugsweise ein weltliches Element war, so mufite das 
weltliche Rittertum bis ins 8., 9., 10., 11. Jahrhundert hinein seinen 
Ursprung zuriickfiihren auf Siegfried als einen Initiierten. Der 
Ursprung dieses Rittergeschlechts war die Tafelrunde des Konigs 
Artus. Von dort aus kamen die grofien Ritter, oder vielmehr, es 
mufken diejenigen, welche fuhrende weltliche Ritter werden woll- 
ten, zur Tafelrunde des Konigs Artus gehen. Dort lernte man welt- 
liche Weisheit, aber es war dem beigemengt der Kampfeswille, das 
Loki-Hagen-Element. 

Im besonderen war im germanischen Element etwas vorzuberei- 
ten, was im nordischen Elemente ganz besonders herauskommen 



konnte. Hier konnte etwas vorbereitet werden, was mit der Ent- 
wicklung des Menschen auf dem physischen Plan zusammenhangt. 
Wir wissen, daft sich da abgespielt hat das Heruntersteigen des 
Hochsten bis zum physischen Plan; das Personliche ist die Gestalt 
des Hochsten auf dem physischen Plan. Da entwickelte sich also 
das personliche Element, die personliche Kampftuchtigkeit, die 
vielleicht bei Hagen am hochsten ausgebildet war. 

Gehen wir zuriick zu den Lemuriern. Bei den Lemuriern gab es 
noch nicht das, was der Mensch von heute die Liebe nennt. Eine 
Liebe zwischen Mann und Weib war nicht vorhanden. Es entstand 
wohl die Sexualitat; aber die Liebe sollte erst spater die Sexualitat 
heiligen. Die Liebe im heutigen Sinne war auch bei den Atlantiern 
noch nicht vorhanden. Erst als das personliche Element jene Wich- 
tigkeit erlangt hatte, erst da konnte sich die Liebe entwickeln. Im 
Ausgange der lemurischen Zeit gab es in gewissen Gegenden ein 
eigentiimliches System. Es wurde systematisch eine in bestimmten 
Gegenden lebende Menschheit in vier Gruppen geteilt. Dies wurde 
so aufgefalk, dafi niemals ein Mensch der ersten Gruppe - sagen 
wir der Gruppe A - einen Menschen aus der Gruppe B heiraten 
durfte. Es mufiten sich verheiraten Menschen der Gruppe A mit 
Menschen der Gruppe C und Menschen der Gruppe B mit Men- 
schen der Gruppe D. Dadurch wurde die personliche Willkiir ver- 
mieden, das heilk, es wurde dadurch das Personliche ausgeschlos- 
sen. Es war diese Einteilung im Dienste der ganzen Menschheit 
getroffen. Damals war nichts darinnen von personlicher Liebe. Erst 
langsam entwickelte sich die personliche Willkiir in der Liebe; das 
war namlich die Liebe, die ganz auf den physischen Plan herunter- 
kam, und dies wurde damals erst vorbereitet. Je weiter Sie zuriick- 
gehen in der Zeit, umso mehr werden Sie finden, daft die Erotik 
eine geringe Rolle spielt, Auch in der ersten Zeit der griechischen 
Dichter spielt sie fast keine Rolle. Aber sie spielt eine besondere 
Rolle in der deutschen Dichtung des Mittelalters. Sie sehen da die 
Liebe in zweierlei Gestalt dargestellt, Sie sehen dargestellt die Liebe 
als Minne und als Begierde. Die Schicksale, die Siegfried erleiden 
mulke, waren die Folge der Hereinziehung des Personlichen. Ge- 



hen Sie zuriick nach Rom, und Sie werden finden, daft da die Ehe 
nach ganz anderen Grundsatzen geschlossen wurde. Auch in Grie- 
chenland hat man im Anfang keine personliche Liebe gekannt; sie 
entstand erst spater. 

Dann kam das Christentum nach Mitteleuropa. Wir haben gese- 
hen, daft in Mitteleuropa in der ersten Zeit das Christentum mit 
Aufrechterhaltung des Alten eingefiihrt wurde. Langsam verwan- 
delte sich die Vorstellung der Gestalt des Baldur in die Vorstellung 
der Gestalt des Christus. Das ging durch mehrere Generationen 
hindurch; Bonifatius fand deshalb schon einen vorbereiteten 
Boden. 

Die Sage vom Konig Artus und seiner Tafelrunde verband sich 
allmahlich mit der Sage vom heiligen Gral. Diese Verbindung ist 
herbeigefuhrt worden durch einen wirklichen Initiierten des 13. 
Jahrhunderts, durch Wolfram von Eschenbach. Die Siegfried- 
Initiation war noch die alte Initiation. Dabei spielte noch die welt- 
liche Ritterschaft eine Rolle und die Gefahr, durch das Element der 
Begierde und der Eigenliebe verraten zu werden. Erst wenn man 
dieses Element iiberwunden hatte, erst wenn man es ganz von sich 
abgetan hatte und wenn man vom Prinzip der weltlichen Ritter- 
schaft zum Prinzip der geistigen Ritterschaft aufgestiegen war, 
dann konnte man die geistige Initiation erreichen. Das stellt Wolf- 
ram von Eschenbach im Parzival dar. Zuerst gehort Parzival dem 
weltlichen Rittertum an. Sein Vater ist durch Verrat bei dem Zug 
nach dem Orient urns Leben gekommen. Dem liegt zugrunde, daft 
der Vater schon nach hoherer Initiation gesucht hat; aber weil er 
noch das Element der alten Initiation innehatte, wurde er verraten. 
Durch seine Mutter Herzeleide sollte Parzival entfremdet werden 
dem physischen Plan; eine Narrenkappe setzte sie ihm auf. Den- 
noch wird Parzival erfaftt von dem Strome des weltlichen Ritter- 
tums und kommt so an den Hof des Konigs Artus. Daft Parzival 
bestimmt ist fiir die christliche Stromung, wird uns angedeutet 
dadurch, daft er nach der Burg des heiligen Gral kommt. Es ist ihm 
eine wichtige Lehre mitgegeben worden: nicht viel zu fragen. Dies 
bedeutet nichts anderes, als den Ruhepunkt in seinem Innern zu 



finden, innere Ruhe und Frieden gefunden zu haben und nicht 
mehr neugierig durch die aufiere Welt zu gehen. Parzival fragt auch 
nicht, als er Einlaft will in die Burg. Er wird daher zuerst abgewie- 
sen. Dann aber kommt er doch zum kranken Amfortas. Er wird 
durch die christliche Initiation hoher gefuhrt. 

Wo Sie Wolfram von Eschenbach aufschlagen, Sie werden iiber- 
all finden, da£ er ein Eingeweihter war. Er hat diese zwei Sagen- 
kreise verbunden, weil er wufke, dafi das schon geschehen war, was 
wir die Vereinigung der Artus-Loge mit der Grals-Loge nennen. 
Die Artus-Loge ist ganz in der Grals-Loge aufgegangen. 



FUNFTER VORTRAG 



Berlin, 22. Juli 1904 
Reinkarnation 

Heute mochte ich zu Ihnen von etwas sprechen, das in einem fer- 
neren Zusammenhang steht mit dem, was ich Ihnen schon friiher 
gesagt habe. Trotzdem die theosophische Bewegung seit 29 Jahren 
besteht, ist es doch immer noch so, dafi die Grundlehren oft mifi- 
verstanden werden. 2um Beispiel wird die Lehre von der Reinkar- 
nation von denen, die vielleicht niemals etwas anderes als den 
Namen oder ein paar Begriffe gehort haben, vielfach so aufgefafk, 
als lehrten wir die Seelenwanderung durch die verschiedensten 
Korper und auch durch Tierleiber hindurch. Es wird uns dies 
gewissermafien zum Vorwurf gemacht. 

Die Wiederverkorperung in Tierkorpern ist in Agypten und in 
Griechenland gelehrt worden, und wir konnen nicht umhin zu 
sehen, dafi sie auch in Indien als eine aufierliche Lehre immer wie- 
der zu finden ist. Es ist richtig, und es darf nicht bestritten werden: 
In den esoterischen Lehren ist uberall davon die Rede, daft das, was 
wir heute die menschliche Seele nennen, durch Entwicklungssta- 
dien hindurchgegangen ist, welche in tierischen Leibern sich ab- 
gespielt haben sollen. Besonders bekraftigt scheint das zu werden 
durch einen Umstand, der auf der anderen Seite hochst interessant 
ist, namlich dadurch, daft weitaus die groftte Zahl aller Marchen, 
Sagen und Fabeln eigentlich urspriinglich auf Indien zuruckfuhren. 
Wenn Sie die Tierfabeln und sonstigen Marchenerzahlungen der 
verschiedensten Lander Europas durchgehen, so werden Sie zwar 
kleinere oder groEere Veranderungen vorfinden, Sie werden aber 
sehen, daft der Grundstock vieler europaischer Marchen sich in den 
alten indischen Biichern findet. Das ist fur uns nicht zu verwun- 
dern, da doch die Kulturen gemeinsam zur fiinften Wurzelrasse 
gehoren, die sich von der Wuste Gobi iiber Agypten und Grie- 
chenland nach Europa heriiber verbreitete. Dafi die Initiierten der 



verschiedenen Volker die Lehren in Form von Fabeln darlegten, 
ist fiir uns nicht wunderbar. Doch miissen wir uns klar machen, 
welche Bedeutung diejenigen Fabeln haben, die in der Tierwelt 
sich abspielen. Von daher wird Ihnen das Reinkarnationsproblem 
in einer neuen Beleuchtung erscheinen, die noch nicht allgemein 
bekannt sein diirfte. 

Die indische Kultur hat sich iiber die ganze Welt verbreitet, 
auch wenn sie heute als etwas Fremdes empfunden wird. Sie mogen 
das daran erkennen, dafi Buddha friih unter die Reihe der katholi- 
schen Heiligen aufgenommen worden ist, und zwar unter dem 
Namen Josaphat. Das geschah vor vielen Jahrhunderten. Durch 
Johannes von Damaskus, der den ganzen Entwicklungsgang 
Buddhas in der Heiligenlegende schildert, konnte die innere Lehre 
Buddhas in das katholische Christentum aufgenommen werden. 
Nur die auEere Auspragung des Buddhismus wurde abgelehnt. Das 
soil Ihnen ein Licht darauf werfen, welche ungeheure Bedeutung 
die indische Kultur fiir die ganze funfte Wurzelrasse hat. 

Es gibt eine groEe Sammlung von vielen hundert Fabeln, die 
Jatakam-Sammlung. So wie diese Fabeln in den verflossenen Jahr- 
hunderten in Indien verbreitet worden sind, spielte immer Buddha 
darin eine Rolle. Da wird uns erzahlt, dafi Buddha als dieses oder 
jenes Tier verkorpert war, wie er als dieses oder jenes Tier da und 
dort gelebt hat, wie er sich innerhalb der Tierwelt benommen hat 
und wie er sich daran erinnert. Und dann kommt gewohnlich eine 
moralische Lehre, wie man sich in ahnlichen Fallen zu verhalten 
habe. Als ein vorzugliches Erziehungsmittel fiir Konigssohne gait 
die Form der Fabel. Auch in Europa diirfte diese padagogische 
Methode angewendet worden sein. 

Sie alle kennen die Erzahlung, da£, wenn man in den Mond 
schaut, darin eine Tierfigur zu sehen ist. Jedenfalls sehen manche 
Leute darin eine Tierfigur; am verbreitetsten ist ein Hase. Die Art 
und Weise, wie der Hase in den Mond gekommen ist, wird in 
verschiedener Weise erzahlt. Auch das fiihrt zuriick auf die indi- 
sche Fabelsammlung Jatakam. Einstmals in seinen vielen Leben war 
Buddha ein Hase, er lebte im Walde und hatte drei Freunde. Sein 



erster Freund war em Schakal, sein zweiter Freund ein Affe und 
sein dritter Freund ein Fischotter. Er wohnte also mit diesen drei 
Tieren zusammen und war als Hase schon damals ein sehr vorge- 
riicktes Wesen, so daft er die Tiere in der verschiedensten Weise 
unterrichten konnte. Er gab ihnen Lehren und lehrte sie vor alien 
Dingen, daft man die Festtage heiligen und an den Festtagen Opfer 
darbringen solle. Er sagte ihnen: Ihr miilk vor allem danach trach- 
ten, von dem, was ihr zur Nahrung habt, etwas zu ersparen, und 
das miifit ihr abgeben an diejenigen, die als Bittende zu euch kom- 
men, damit auch sie in wiirdiger Weise am Festtage die Opfergaben 
darbringen konnen. Nun kam ein Festtag heran. Eines der Tiere 
ging in eine benachbarte Gegend und fand, daft die Leute damit 
beschaftigt waren, Fische als Speise zusammenzutragen. Nachdem 
die Leute sich entfernt hatten, dachte das Tier: Da kann ich mir 
doch etwas nehmen. Ich will mich aber doch schikzen, dachte es 
dann und sprach: Gehort jemand diese Speise? - Da sich niemand 
meldete, nahm es von der Speise. Ebenso machte es das zweite Tier 
und dann auch das dritte Tier. Nun kamen die vorhergesagten Tage 
der Feste. Da verkleidete sich der Gott Indra als Brahmane und 
ging, die verschiedenen Tiere zu besuchen. Indra kam zu dem er- 
sten Tier und fragte: Kannst du mir nicht etwas Nahrung geben zu 
der Opferung? - Das Tier erzahlte, wie es die Nahrung gefunden 
habe. Da sagte Indra: Ich will wieder zuruckkommen und mir dann 
etwas davon nehmen. - Ebenso ging er dann zum zweiten und zum 
dritten Tiere. Der Hase aber hatte etwas Gras gefressen und sagte 
sich: Wenn jemand jetzt zu mir kommt, um mich um etwas zu 
bitten, so kann ich ihm doch kein Gras geben; ich werde mich 
selbst ihm als Nahrung anbieten. - Als nun Indra zu ihm kam und 
ihn um eine Gabe ansprach, da sagte der Hase: Ich habe nichts, was 
ich dir geben kann, aber ich biete mich selbst dir als Speise an. 
Mache ein Feuer, du wirst mich rosten konnen, um mich dann zu 
verspeisen. Ich bitte dich nur, daft dabei keines der Insekten, wel- 
che sich bei mir finden mogen, zugrunde geht. - Indra sah daran, 
wie vorgeriickt der Hase in moralischer Beziehung war und be- 
wirkte, daft das Feuer ihm nichts anhaben konnte, so daft der Hase 



vollig unversehrt blieb. Als der Hase den Gott Indra so vor sich 
hatte, da sagte er: O weiser Gott Indra, bleibe da, wir wollen zu- 
sammen die Lehre verkiindigen. - Und der Gott Indra antwortete: 
Ja, wir wollen sie so verkiindigen, daft sie niemals mehr ausgeloscht 
werden kann wahrend dieses ganzen Weltalters. - Und er nahm 
einen Stift und zeichnete einen Hasen auf den Mond, der nun sicht- 
bar ist wahrend des ganzen Weltalters. 

Das ist also die Fabel von Buddha, der als Hase in die Tierwelt 
versetzt ist und der sich vollig selbst hinopfert. Diese Fabel ist ganz 
dazu angetan, sich tief einzugraben in die Geister derjenigen, denen 
sie erzahlt wurde, um sie dadurch vorzubereiten fur eine spatere 
Inkarnation, damit die Seelen reif wurden, die Wahrheit dann selbst 
zu suchen. Das ist iiberhaupt der Sinn der Fabeln gewesen. Ur- 
sprunglich wurden nicht Fabeln erzahlt wie heute, wo man gar 
nicht weift, warum ein Tier so oder so handelt. Man hat vielmehr 
darauf gezahlt, daft die Menschen wahrend des Erzahlens in ihren 
Vorstellungen gewisse Bilder erlebten, die auf den Kausalkorper 
wirken und im nachsten Leben als Sinn fur die Wahrheit aufgehen. 
Fabeln wurden nicht erzahlt, um den Menschen einen asthetischen 
Genuft zu bieten, sondern um die Seelen vorzubereiten, daft sie, 
wenn sie dann nach vielen Jahren wiedergeboren werden, so prapa- 
riert sind, daft sie die Wahrheit leichter aufnehmen konnen. Wenn 
eine solche Fabel diese Bedeutung haben soil, wenn sie gleichsam 
die geistige Form schaffen soil, um spater die reine Wahrheit auf- 
nehmen zu konnen, so mufi sie in sich selbst reine Wahrheit haben, 
sonst werden im Astralkorper und im Kausalkorper der Menschen 
nicht solche Schwingungen erregt, die sie befahigen, spater die 
wirkliche Wahrheit aufzunehmen. Gerade in dieser Fabel liegt aber 
ein so ungemein tiefer Sinn, und sie ist so fein dichterisch gepragt, 
daft wir uber die alten Rishis - wenn wir nicht wiiftten, daft sie 
durch Devas unterrichtete Manner waren - uns sehr verwundern 
miiftten. Und auch wundern miiftten wir uns, wenn wir nicht 
wiiftten, daft diese Fabel zusammenhangt mit einer Grundtatsache, 
namlich mit der Beziehung der Menschenseele zu alien iibrigen 
Wesenheiten in der Natur. 



Nun bedenken Sie, wie sich der ganze Vorgang unseres Erden- 
lebens abgespielt hat. Wir sind jetzt in der vierten Runde, dieser 
gingen voran die dritte, zweite und erste Runde. In der ersten 
Runde waren wir Menschen alle schon vorhanden, aber nicht in der 
Form, in der wir jetzt vorhanden sind. Wir hatten eine wesentlich 
andere Form. Wir kamen als Pitris von einem friiheren Planeten 
heriiber und begannen unseren Erdenlauf in der ersten Runde. Da 
gingen wir durch das Mineralreich hindurch. Wir waren als Pitris 
imstande, an den Formen des Mineralreiches mitzuarbeiten, die 
damals geschaffen worden sind. Das Mineralreich hat dazumal 
ganz anders ausgesehen als heute; keine Kristallformen waren da; 
alle physischen Stoffe waren in einem mineralisch-elementarischen 
Zustand, auch das, woraus die Menschen-, Tier- und Pflanzenleiber 
geworden sind. In dieser ersten Runde lebten noch nicht Pflanzen, 
noch nicht Tiere, noch nicht Menschen - wenn wir die aufiere 
Form beriicksichtigen -, alles lebte da seelisch, aber noch nicht in 
der Form. Die Formen, die damals in der ersten Runde geschaffen 
worden sind und die dann zum Knochensystem geworden sind, 
haben sich die Pitris als einen mineralischen Unterbau vorbereitet. 

In der zweiten Runde bereiteten sich die Pitris ihren pflanz- 
lichen Unterbau vor. Alles das, was spater modelliert wurde zum 
Verdauungs- und Atmungssystem, war noch nicht so gestaltet wie 
heute, aber es war vorbereitet als Unterbau. Daneben bildete sich 
das Mineralreich als eine Art selbstandiges Wesen weiter. Ein selb- 
standiges Mineralreich entstand dadurch, dafi nicht alles, was in 
einer Runde gebildet worden ist, brauchbar war, um in die hohere 
Stufe der Pflanzen aufgenommen zu werden. Das wurde abgeson- 
dert. Nun bitte ich Sie, den Vorgang in seiner ganzen Bedeutung 
zu erkennen. Die Menschen bildeten dazumal ihren pflanzlichen 
Unterbau. Wiirden wir wahrend der zweiten Runde nur alle die 
Substanzen haben, die wahrend der ersten Runde gebildet worden 
sind, so wiirden wir niemals einen hoheren Pflanzenbau erreicht 
haben. Wahrend der zweiten Runde haben wir, als menschliche 
Pitris, eine eminent egoistische Handlung ausgefiihrt. Wir haben 
uns gleichsam gesagt, wir wollen herausnehmen aus dem Brei, was 



wir brauchen konnen, und das, was fur unsere Weiterentwicklung 
nichts taugt, lassen wir draufien. Wir haben in der Pitri-Kultur das 
Mineralreich aus uns herausgeworfen. Wir haben uns hoher ent- 
wickelt auf Kosten des Mineralreiches. 

In der dritten Runde stiefien wir dann das Pflanzenreich ab als 
eine Wesenheit fur sich. Da entstanden erst die Pflanzen. Wir saug- 
ten alles auf, was wir brauchten, um unsere Systeme so zu bilden, 
daft wir Kama aufbauen und eine Blutzirkulation bekommen 
konnten. Dadurch haben wir uns in das Tierreich erhoben und 
haben andere Wesen in das Pflanzenreich hinabgestoften. Wir ha- 
ben uns in der dritten Runde das Tierreich erkampft. Das damalige 
Tierreich ist aber nicht zu vergleichen mit irgendeiner Form, die 
heute besteht. 

Wahrend der vierten Runde haben wir uns zu Menschen entwik- 
kelt, indem wir das, was wir brauchen konnten, wiederum in ganz 
egoistischer Weise herausgenommen haben aus dem Tierreich. Das 
andere haben wir ausgesondert, und das Ausgesonderte wurde das 
heutige Tierreich. 

Wir haben uns also wahrend der ersten Runde zunachst als 
mineralische Wesen entwickelt. Wahrend der zweiten Runde haben 
wir das Mineralreich abgesondert, wahrend der dritten Runde das 
Pflanzenreich und wahrend der vierten Runde das Tierreich. Was 
sind die Mineralien, die Pflanzen und die Tiere? Die Mineralien, 
die Pflanzen und die Tiere sind die aus uns selbst herausgestellten, 
einstmals mit uns verbundenen Entwicklungselemente unserer 
Natur. Alles, was wir nicht haben brauchen konnen, haben wir der 
Erde ubergeben, damit es sich selbstandig entwickeln konne. Uber- 
blicken wir das Tierreich, so ist es dasselbe, was von uns herausge- 
stellt worden ist, das noch in der dritten Runde mit uns eins war. 
Nun sagt der Okkultist: Was du heute erblickst im Tierreich, das 
ist nichts von dir Getrenntes, das ist etwas, was noch in der dritten 
Runde in dir selbst war und in dir gewaltet hat. Im Laufe der 
vierten Runde hast du es aus dir herausgeworfen. Die Wut des 
Schakals, die List des Fuchses sind deine kamischen Elemente. Aus 
der List, die in dir war, ist der Fuchs geschaffen, die Wut, die du 



hattest, hat den Schakal gemacht. So ist das ganze Tierreich deine 
eigene Kamawelt. Du selbst hast die Tierwelt gestaltet und geschaf- 
fen. Was heute im Tierreich physisch geworden ist, das sind die 
Vorgange innerhalb deines eigenen Kamakorpers wahrend der drit- 
ten Runde gewesen. Blicke auf die Tiere und du blickst auf deine 
eigene Vergangenheit. - Wir haben diese Stufen erreicht, indem wir 
andere unter uns zuriickgelassen haben. So erkaufen wir auch jetzt 
eine hohere Stufe der Vollkommenheit dadurch, dafi wir andere 
zuriickstofien. Jeder Asket erkauft seine eigene Vervollkommnung 
dadurch, dafi er einen anderen Menschen in umso blindere Sinnen- 
wut hineinstiirzt. Das ist eine ewige Notwendigkeit. 

Immer vorwarts und vorwarts schreitet die ganze Entwicklung. 
Das Mineralreich, das wahrend der ersten Runde herausgebildet 
worden ist, hat sich wahrend der zweiten und dritten Runde selb- 
standig entwickelt und in der vierten Runde die Formen angenom- 
men, die wir heute kennen. Es wird in der fiinften Runde nicht 
mehr existieren, es wird zerstieben am Ende der vierten Runde, es 
wird abf alien, wie von einem Baume die verdorrte Borke abfallt. In 
der nachsten Runde, der fiinften, wird dann das Pflanzenreich das 
niederste sein, in der darauf folgenden das Tierreich, und in der 
siebenten Runde wird nur noch der Mensch da sein. 

Die Mineralien sind als Formen auf der hochsten Entwicklungs- 
stufe angelangt. Der Stoff derselben ist ganz gleichgiiltig. Durch die 
Verwandlung der zerstiebten Formen wird er eine andere Struktur 
bekommen und die Urform zu einem neuen Weltsystem bilden. 
Am Schlusse der siebenten Runde wird das Menschenreich auf- 
gelost sein. Das ist der Fall, wenn der Stoff seine normale Entwick- 
lung durchgemacht hat. Wir haben jedes Reich erkauft durch Ab- 
sonderung des vorhergehenden. Damit die Menschen so werden 
konnten, mufiten sie das Mineralreich, das Pflanzenreich und das 
Tierreich durch Abstofiung aus sich herauslassen. Wir sind jetzt 
etwas iiber der Mitte eines Kalpas - eines Weltalters - hinaus. Die 
Entwicklung in der zweiten Halfte besteht darin, dafi wir das, was 
wir friiher ausgestofien haben, wieder in uns hineinnehmen und auf 
hoheren Stufen verarbeiten miissen. Das mull geschehen mit dem 



Tierreich, dem Pflanzenreich und dem Mineralreich. Im Tierreich 
haben wir wie in einem grofien Tableau ausgebreitet unsere Lei- 
denschaften. 

Einen astralen Vorgang, der sich in uns abspielt, konnen wir ins 
Tierreich versetzen, wenn wir Fabeln erzahlen. Wir konnen also 
Handlungen im Tierreich erzahlen, und wir erzahlen unsere eige- 
nen Leidenschaften. Und wenn wir die Uberwindung einer Leiden- 
schaft im Tier erzahlen, so erzahlen wir die Uberwindung einer 
Leidenschaft in uns selbst. Der Okkultist ist sich klar dariiber, dafi 
er, indem er von seinem eigenen Leibe erzahlt, von dem erzahlt, 
was er selbst geformt hat, denn wir haben ja erst wahrend der 
vierten Runde unsere Leiber gebildet. In Kama leben wir jetzt, und 
der Kampf von Kama mit Manas stellt sich uns jetzt dar. Blicken 
wir hinauf zu hoheren Etappen, so bereiten wir eine ethische 
Hoherentwicklung vor. Sind unsere Vorstellungen verkniipft mit 
niederen Kama-Stufen, dann sind sie innig verwandt mit den Tier- 
stufen der dritten Runde. 

Der Okkultist sagt: Die Menschenwelt ist Maja. Ich erzahle viel 
wahrer, wenn ich die tauschenden Menschenkorper weglasse und 
die Handlung in Gestalten der Tierwelt erzahle. Den physischen 
Korper verdankt der Mensch der makrokosmischen Gesamtent- 
wicklung. Der kamische Mensch ist aber in der Gesamtentwick- 
lung zuriickgeblieben. Tust du etwas, was nicht mehr gutgemacht 
werden kann, dann entspricht dein Korper nicht dem, was du bist. 
Der Makrokosmos wiirde fordern, dafi der Mensch auf einer hohe- 
ren Stufe steht. Dasjenige, was den Korper soweit iiberwindet, dafi 
er vollstandig dem makrokosmischen Bild entspricht, das ist repra- 
sentiert durch den Hasen, der den physischen Korper hinopfert im 
aufieren Feuer und nach der anderen Seite sich hin entwickelt. 



SECHSTER VORTRAG 



Berlin, 30. September 1904 

Die Mysterien der Druiden und Drotten 

Unsere mittelakerlichen Erzahlungen - Parzival, Tafelrunde, Hart- 
mann von Aue - zeigen uns alle, obgleich gewohnlich nur dem 
aufteren Sinn nach verstanden, esoterische Gestaltungen mystischer 
Wahrheiten. Wo ist ihr Ursprung zu suchen? Vor der Verbreitung 
des Christentums miissen wir den Ursprung suchen. In das Chri- 
stentum hinein ist organisch gewachsen, was in Irland, Schottland 
[und in Skandinavien] gelebt hat. Wir werden an einen bestimmten 
Mittelpunkt gefiihrt, von dem dieses Geistesleben ausgegangen ist. 
Das geistige Leben [Europas] ging aus von einer Zentralloge in 
Skandinavien, der Drottenloge, Druidenloge. Druide heiftt Eiche. 
Deshalb spricht man aufterlich davon, daft die alten Deutschen 
unter Eichen ihre Weisungen empfingen. 

Drotten oder Druiden waren uralte germanische Eingeweihte. 
In England bestanden [die Druidenlogen] bis zu Zeiten der Koni- 
gin Elisabeth. Alles, was wir in der Edda lesen und in der uralten 
germanischen Sagenwelt finden konnen, geht zuriick bis in die 
Tempel der Drotten oder Druiden. Der Dichter [dieser Sagen] ist 
immer ein Druidenpriester. Die Sagen stellen nicht bloft irgendein 
Symbol oder eine Allegorie dar - dies auch, aber noch anderes. 

Nehmen wir ein Beispiel: Wir kennen die Sage Baldurs, wir 
wissen, daft Baldur die Hoffnung der Gotter ist, daft er vom Gotte 
Loki getotet wird mit dem Mistelzweig; der Gott des Lichtes wird 
getotet. Diese ganze Erzahlung hat einen tiefen Mysteriensinn, den 
jeder, der eingeweiht wurde, nicht nur lernte, sondern zu erleben 
hatte. 

Bei der Einweihung in die Mysterien der Druiden und Drotten 
war der erste Akt benannt das «Auf suchen des Leichnams Bal- 
durs». Es wurde gedacht, daft Baldur immer lebendig ist. Das Auf- 
suchen bestand in einer volligen Aufklarung uber die Natur des 



Menschen; Baldur war der Mensch, wie er verlorengegangen ist. 
Einstmals lebte nicht der Mensch von heute, sondern ein anderer, 
der nicht differenziert war, nicht hinimtergedriickt bis zum Er- 
leben der Leidenschaften, [der noch] in einer feineren, fliichtigen 
Materie [lebte] - Baldur, der leuchtende Mensch. Bei wirklichem 
Verstandnis sind die Dinge, die uns als Symbol erscheinen, in ho- 
herem Sinne zu nehmen. Dieser Mensch, der nicht untergetaucht 
ist in das, was wir heute Materie nennen, ist Baldur. Er wohnt in 
einem jeden von uns. Der Druidenpriester mufke in sich selbst 
diesen hoheren Menschen suchen. Ihm wurde klargemacht, worin 
diese Differenzierung besteht, von den hohen zu den niederen 
[Menschheitsstufen]. Das Geheimnis aller Einweihung ist, den 
hoheren Menschen in sich zu gebaren. Was der Priester schneller 
durchmacht, werden die [gewohnlichen] Menschen in langer Ent- 
wicklungsreihe durchmachen. Damk diese Druiden Fuhrer der 
iibrigen Menschen sein konnten, dazu mufiten sie diese Einwei- 
hung empfangen. Der tiefer gestiegene Mensch raufi nun die Mate- 
rie uberwinden und jenen hoheren Zustand wieder erreichen. Diese 
Geburt des hoheren Menschen verlauft in alien Mysterien in einer 
bestimmten gleichen Weise. Den in der Materie untergegangenen 
Menschen hatte man wieder zu beleben; durch eine Reihe von 
Erfahrungen mufke man gehen - wirkliche Erfahrungen, die wie 
kein sinnliches Erlebnis auf diesem Plan [hier] sein konnen. 

Die Etappen [der Einweihung]: Die erste [Etappe] war, daft man 
vor den sogenannten Thron der Notwendigkeit gefiihrt wurde. 
Man stand vor dem Abgrund; man erfuhr wirklich an dem eigenen 
Leibe, wie es sich in den niederen Naturreichen lebt. Der Mensch 
ist Mineral und Pflanze, aber erfahren kann [das] der gegenwartige 
Mensch heute nicht, [er] kann nicht erleben, was die elementaren 
Stoffe erleben, und doch riihrt das Eherne, Zwingende in der Welt 
davon her, daft wir auch Mineralien, Pflanzen sind. 

Die nachste Stufe fiihrte den Menschen vor alles das, was im 
Tierreich lebt. Alles, was an Leidenschaften, Begierden lebt, muike 
man durcheinanderwogen und -wirbeln sehen. Der Mensch muftte 
das anschauen, weil die Einweihung den Zweck hat, hinter die 



Kulissen des Weltendaseins zu schauen. Der Mensch weifi nicht, 
daft durch seine physische Hiille nur verdeckt wird, was durch den 
astralen Raum wirbelt. Der Schleier der Maja ist eine wirkliche 
Hiille, und wer eingeweiht wird, muft dahintersehen - die Hiillen 
fallen, klar [schauen] wird der Mensch. Das ist ein besonderer 
Moment: der Priester wurde gewahr, daft sie, [die Hiillen], einge- 
dammt hatten Triebe, die, wenn sie losgelassen wiirden, furchtbar 
war en. 

Die dritte Stufe fiihrte zur Anschauung der groften Natur. Das 
ist eine Stufe, die der Mensch ohne Vorbereitung noch sehr schwer 
begreiflich findet. Daft da gewaltige okkulte Machte ruhen und in 
diesen Naturkraften sich die Weltenleidenschaften ausdriicken, das 
ist etwas, was den Menschen aufmerksam macht, daft es Krafte 
gibt, die er nicht einmal so erlebt wie sein eigenes Leid. 

Die nachste Priifung nennt man die «Ubergabe der Schlange» 
durch den Hierophanten. Die Wirkungen, die davon ausgehen, 
erklart uns die Tantalus-Sage. Die Gunst, [wie Tantalus] im Rate 
der Gotter zu sitzen, kann miftbraucht werden. Es bedeutet eine 
Wirklichkeit, die den Menschen gewift iiber sich selbst hinaushebt, 
aber an Gefahren bindet, die nicht iibertrieben sind im Tantali- 
denfluch. In der Regel sagt der Mensch, er vermag nichts gegen 
die Naturgesetze. Diese sind [schaffende] Gedanken. Mit demjeni- 
gen Gedanken, der nur ein schattenhafter Gehirngedanke ist, kann 
man nichts machen; mit dem schaffenden Gedanken, der die Wel- 
tendinge baut und konstruiert, dem produktiven, fruchtbaren, 
haben wir anstelle des passiven denjenigen, der durchsetzt ist mit 
spiritueller, geistiger Kraft. Eine Raupe, ausgeblasen, ist [bloft die] 
Hiille der Raupe; vom [produktiven] Gedanken durchsetzt, ist sie 
die lebendige Raupe. In den Hiillengedanken wird wirkende, 
schaffende Kraft gegossen, so daft der Priester imstande ist, nicht 
nur die Welt anzuschauen, sondern als Magier in ihr zu wirken. 
Die Gefahr ist, Miftbrauch zu treiben. Auf dieser Stufe erhalt der 
Okkultist eine gewisse Macht, durch die er selbst hohere Wesen- 
heiten zu tauschen in der Lage ist. Er mufi Wahrheiten nicht nur 
nachsprechen, sondern erfahren; entscheiden, ob etwas wahr oder 



falsch ist. Das heilk: die Ubergabe der Schlange durch den 
Hierophanten. 

Im Geistigen gibt es ebenso ein Riickgrat [wie im Physischen], 
wo es sich entscheidet, ob man ein geistiges Gehirn bekommt. 
Diesen Prozeft macht der Mensch durch auf der [dritten] Stufe der 
Einweihung, [dem «Gang in das Labyrinth»]. Er wird hinaus- 
gehoben aus Kama und versehen mit dem geistigen Riickgrat, um 
in die Wirbel des geistigen Gehirns gehoben zu werdera Die 
Windungen des Labyrinths sind auf dem geistigen Plan dasselbe, 
was die Windungen des Gehirns [auf dem physischen Plan] sind. 
Der Mensch erhalt EinlaE in das Labyrinth, in die Windungen 
innerhalb der hoheren Plane. 

Dann mufke er Verschwiegenheit schworen; ein blankes Schwert 
lag vor ihm, und den starksten Eid muike er schworen. Das hiefi, daft 
der Mensch nunmehr schweigen wiirde iiber seine Erlebnisse gegen- 
iiber dem, der nicht eingeweiht war wie er. Diese eigentlichen 
Geheimnisse konnen unmoglich ohne weiteres mitgeteilt werden. 
Er, [der Eingeweihte], hatte aber die Moglichkeit, die Sagen so zu 
gestalten, dafi sie der Ausdruck des Ewigen sind. Konnte man in die- 
ser Weise sich aussprechen, hatte man naturlich iiber seine Mitmen- 
schen eine grofie Gewalt. Wer eine solche Sage formt, pragt etwas in 
den menschlichen Geist ein. Was man [gewohnlich] so spricht, wird 
wieder vergessen, und nur das allerwenigste iiberdauert den Tod. 
Ewige Wahrheiten iiberdauern am langsten den Tod. Vom niederen 
Wissenschaftlichen iiberdauert sehr wenig den Tod. Das Ewige, ja, 
[das iiberdauert], und es erscheint wieder in einer neuen Inkarnation. 
Der Druidenpriester sprach aus einem hoheren Plan heraus. Waren 
seine Erzahlungen der Ausdruck hoherer Wahrheiten, wenn auch 
einfach, so drangen sie tief in die Seelen hinein. Er hatte einfache 
Menschen vor sich, aber die Wahrheiten drangen in die Seelen hin- 
ein, und sie hatten etwas einverleibt, was wieder in neuen Inkarna- 
tionen geboren wird. Damals haben die Menschen Marchen- Wahr- 
heiten erlebt. So haben wir heute einen praparierten Geistkorper, 
und wenn wir heute hohere Wahrheiten begreifen, so ist es, weil 
wir prapariert sind. 



So hat diese Zeit, die im Jahre 61 aufhorte, das Geistesleben 
Europas vorbereitet, den Boden abgegeben, auf dem sich das Chri- 
stentum hat aufbauen konnen. Die Lehren [der Druiden] haben 
sich erhalten, und wer sucht, findet noch den Zugang zu dem, was 
in diesen Logen gelehrt wurde. 

Nachdem er, [der Druidenpriester], seinen Schwur auf das 
Schwert abgelegt hatte, mufke er ein bestimmtes Getrank trinken, 
und zwar aus einem Menschenschadel. Dies hatte die Bedeutung, 
daft der Mensch hinausgewachsen war iiber das Menschliche. Die- 
ses Gefiihl mufite der Druidenpriester gegeniiber dem niederen 
Leibe haben. Was in dem Leibe lebte, mufke er so objektiv, so kalt 
empfinden, dafi er ihn nur als ein Gefaft betrachtete. Dann wurde 
er eingeweiht in die hoheren Geheimnisse und wie er wieder hin- 
aufstieg in die hoheren Welten, [begegnete er dem lebendigen] 
Baldur. Er wurde in einen Riesenpalast gefuhrt, der iiberdeckt war 
mit funkelnden Schwertern. Ein Mann trat ihm entgegen, der sie- 
ben Blumen hinaufwarf - [die sieben Planeten]. [Der Einzuweihen- 
de erblickte drei Sitze; auf ihnen thronten]: Himmelsraum, Cheru- 
bim, Demiurg. So wurde er ein wirklicher Sonnenpriester. 

Viele lesen die Edda und wissen nicht, dafi sie eine Erzahlung ist 
von dem, was sich in den alten Drottenmysterien wirklich ereignet 
hat. Eine ungeheure Macht lag in den Handen der alten Drotten- 
priester, eine Macht iiber Leben und Tod. Es ist eine Wahrheit, daft 
alles im Laufe der Zeiten korrumpiert wird. Das Druidentum war 
einst das Hochste, Heiligste. In den Zeiten, als das Christentum 
sich ausbreitete, war vieles ausgeartet, und es gab viele schwarze 
Magier, so daft das Christentum wie eine Erlosung war. 

Allein das Studium dieser alten Wahrheiten veranschaulicht fast 
den ganzen Okkultismus. Kein Stein wurde in dem Druidentempel 
so auf den anderen gelegt wie heme, sondern genau nach astrono- 
mischen Maften; Tiiren waren nach Himmelsmafi gebaut. Mensch- 
heitsbauer waren die Druidenpriester. Ein schwaches Abbild davon 
hat sich in den Anschauungen der Freimaurer erhalten. 



Lernt man die astrale Materie durchschauen, sieht man 
die Sonne urn Mitternacht: 1. Einweihung. 

Ubergabe der Schlange: 2. Einweihung. 

Der Gang in das Labyrinth: 3. Einweihung. 



SIEBENTER VORTRAG 



Berlin, 7. Oktober 1904 

Die Prometheus-Sage 

Ich habe das letzte Mai versucht, Ihnen zu zeigen, wie die Einwei- 
hung in den alten Druidenlogen geschah. Heute mochte ich etwas 
ausfiihren, was damit zwar verwandt ist, was vielleicht aber doch 
scheinbar etwas weiter abliegt. Aber wir werden sehen, wie wir das 
Verstandnis unserer Menschheitsentwicklung immer mehr und 
mehr in seiner Tiefe uns werden erwerben konnen. 

Sie haben wohl aus meinen verschiedenen Freitagsvortragen er- 
sehen, daft die Sagenwelt der verschiedenen Volker einen tiefen 
Gehalt hat und dafi die Mythen der Ausdruck von tiefen, esoteri- 
schen Wahrheiten sind. Nun mochte ich heute sprechen von einer 
der interessantesten Sagen, von einer Sage, die im Zusammenhange 
steht mit der ganzen Entwicklung unserer funften Wurzelrasse. 
Dabei werden Sie zu gleicher Zeit sehen, wie der Esoteriker immer 
drei Stufen des Verstandnisses der Sagenwelt durchmachen kann. 

Zunachst leben die Sagen in irgendeinem Volke, und sie werden 
exoterisch, aufierlich-wortlich genommen. Dann beginnt der Un- 
glaube an diese wortliche Auffassung der Sagen, und es versuchen 
die Gebildeten eine symbolische, eine sinnbildliche Deutung der 
Sagen. Hinter diesen zwei Deutungen stecken aber noch funf an- 
dere Deutungen, denn jede Sage hat sieben Deutungen. Die dritte 
ist diejenige, wo Sie in der Lage sind, die Sagen wiederum in einer 
gewissen Weise wortlich zu nehmen. Allerdings miissen Sie erst die 
Sprache verstehen lernen, in der die Sagen verfalk sind. Heute 
mochte ich iiber eine Sage sprechen, deren Verstandnis nicht so 
leicht zu erlangen ist, iiber die Prometheus-Sage. 

In einem Kapitel im zweiten Bande der «Geheimlehre» von H. 
P. Blavatsky werden Sie etwas dariiber finden und daraus auch 
ersehen, welch tiefer Gehalt in dieser Sage steckt. Dennoch ist es 
nicht immer moglich, in gedruckten Schriften die letzten Dinge zu 



sagen. Heute konnen wir noch ein wenig iiber die Ausfiihrungen in 
der «Geheimlehre» von H. P. Blavatsky hinausgehen. 

Prometheus gehort der griechischen Sagenwelt an. Er und sein 
Bruder Epimetheus sind die Sonne eines Titanen, Japetos. Und die 
Titanen selbst sind die Sonne der altesten griechischen Gottheiten, 
von Uranos und seiner Gemahlin, der Gaia. Uranos wiirde, ins 
Deutsche ubersetzt, bedeuten «der Himmel» und Gaia «die Erde». 
Ich bemerke noch ausdriicklich, daft Uranos im Griechischen das- 
selbe ist wie Varuna im Indischen. Ein Titan also, ein Nachkomme 
des Uranos und der Gaia, ist Prometheus und ebenso sein Bruder 
Epimetheus. Der jiingste der Titanen, Kronos, die Zeit, hat seinen 
Vater Uranos entthront und sich selbst der Herrschaft bemachtigt. 
Dafiir wurde er wiederum von seinem Sohne Zeus entthront und 
mit alien Titanen in den Tartaros, den Abgrund oder die Unter- 
welt, verstoften. Nur der Titan Prometheus und sein Bruder Epi- 
metheus hielten zu Zeus. Sie standen damals auf der Seite des Zeus 
und kampften gegen die anderen Titanen. 

Nun wollte Zeus aber auch das Menschengeschlecht, das iiber- 
mutig geworden war, vertilgen. Da machte sich Prometheus zum 
Anwalt des Menschengeschlechts. Er sann darauf, wie er dem 
Menschengeschlecht etwas geben konne, womit es sich selbst retten 
konne und nicht mehr bloft angewiesen sei auf die Hilfe des Zeus. 
So wird uns erzahlt, daft Prometheus den Menschen den Gebrauch 
der Schrift und der Kiinste gelehrt habe, namentlich aber den Ge- 
brauch des Feuers. Dadurch aber hat er den Zorn des Zeus auf sich 
geladen. Er wurde wegen dieses Zornes des Zeus an einen Felsen 
des Kaukasus angeschmiedet und mufite dort lange Zeit grofie 
Qual erdulden. 

Es wird uns ferner noch erzahlt, dafi nunmehr die Gotter, Zeus 
an der Spitze, den Hephaistos, den Gott der Schmiedekunst, veran- 
laftt haben, eine weibliche Bildsaule zu verfertigen. Diese weibliche 
Bildsaule war von den Gottern mit alien Eigenschaften ausgestattet 
worden, welche der auftere Schmuck des Menschengeschlechts der 
fiinften Wurzelrasse sind. Diese weibliche Bildsaule war die Pando- 
ra. Pandora wurde von Zeus veranlalk, unheilbringende Gaben an 



die Menschheit heranzubringen, zunachst an den Bruder des Pro- 
metheus, an den Epimetheus. Zwar warnte Prometheus den Bru- 
der, diese Gaben anzunehmen; dieser lieft sich aber dennoch bere- 
den und nahm von Pandora die unheilbringenden Gaben der Got- 
ter an. Es wurde alles auf die Menschheit ausgeschuttet, nur eine, 
die gute Gabe, wurde zuriickbehalten: die Hoffnung. Die andern 
Gaben waren Plagen und Leiden fur die Menschheit; nur die Hoff- 
nung wurde in der «Biichse der Pandora» zuriickbehalten. 

Prometheus wird also angeschmiedet am Kaukasus, und an sei- 
ner Leber nagt fortwahrend ein Geier. Hier duldet er. Er weift aber 
etwas, was eine Biirgschaft fur seine Rettung ist. Er weift ein Ge- 
heimnis, das selbst Zeus nicht weift, das dieser aber wissen will. 
Prometheus verrat es indessen nicht, trotzdem Zeus den Gotter- 
boten Hermes zu ihm schickt. 

Nun wird uns im Laufe der Sage seine merkwiirdige Befreiung 
erzahlt. Es wird erzahlt, daft Prometheus nur befreit werden kann 
durch das Eingreifen eines Eingeweihten, eines Initiierten. Und ein 
solcher Initiierter war der Grieche Herakles - Herakles, der die 
zwolf Arbeiten verrichtet hatte. Die Verrichtung dieser zwolf 
Arbeiten ist die Leistung eines Initiierten. Es sind dies zwolf Initia- 
tionspriifungen, symbolisch ausgedrikkt. Aufterdem wird von He- 
rakles gesagt, daft er sich in die eleusinischen Mysterien habe ein- 
weihen lassen. Er vermag Prometheus zu retten. Es muftte sich aber 
noch jemand stellvertretend opfern, und es opferte sich fiir Pro- 
metheus der Kentaur Chiron; er war halb Tier, halb Mensch. Er litt 
da schon an einer unheilbaren Krankheit, [war aber eigentlich un- 
sterblich. Um sterben zu konnen, opfert er sich.] Er erleidet den 
Tod, und Prometheus wird dadurch gerettet. Das ist die auftere 
Struktur der Prometheus-Sage. 

In dieser Sage liegt die ganze Geschichte der fiinften Wurzelras- 
se, und es ist in ihr wirkliche Mysterienwahrheit eingeschlossen. 
Diese Sage wurde in Griechenland wirklich erzahlt. Aber auch in 
den Mysterien wurde sie dargestellt, so daft der Mysterienschiiler 
das Schicksal des Prometheus wirklich vor sich sah. Und in diesem 
sollte er die Vergangenheit und Zukunft der ganzen fiinften 



Wurzelrasse sehen. Das Verstandnis hierfiir konnen Sie nur erlan- 
gen, wenn Sie eines beriicksichtigen. 

In der Mitte der lemurischen Rasse war erst das [erreicht], was 
man als die Menschwerdung bezeichnet - Menschwerdung in dem 
Sinne, wie wir heute Menschen haben. Diese Menschheit wurde 
gefiihrt von grofien Lehrern und Fiihrern, die wir als die «S6hne 
des Feuernebels» bezeichnen. Heute wird die Menschheit der funf- 
ten Wurzelrasse auch gefiihrt von grofien Eingeweihten, aber unse- 
re Eingeweihten sind anderer Art als die damaligen Fiihrer der 
Menschheit. 

Diesen Unterschied miissen Sie sich jetzt klarmachen. Es ist ein 
grofier Unterschied zwischen den Fiihrern der zwei vorhergehen- 
den Wurzelrassen und den Fiihrern unserer fiinften Wurzelrasse. 
Auch die Fiihrer jener Wurzelrassen waren vereinigt in einer wei- 
fien Bruderloge. Diese hatten aber ihre vorherige Entwicklung 
nicht auf unserem Erdplaneten durchgemacht, sondern auf anderen 
Schauplatzen. Sie waren auf die Erde herabgestiegen schon als reife, 
hohere Menschen, um die Menschen, die noch in ihrer Kindheit 
waren, bei ihrer ersten Entstehung zu unterrichten, sie die ersten 
Kiinste zu lehren, die sie brauchten. Diese Lehrzeit dauerte durch 
die dritte, vierte, ja bis in die fiinfte Wurzelrasse herein. 

Diese fiinfte Wurzelrasse hat ihren Ursprung genommen von 
einem kleinen Hauflein Menschen, die ausgesondert worden wa- 
ren aus der vorhergehenden Wurzelrasse. Sie wurden herangezo- 
gen in der Wiiste Gobi und verbreiteten sich dann strahlenformig 
iiber die Erde. Der erste Fiihrer, der den Impuls gegeben hat zu 
dieser Menschheitsentwicklung, das war einer der sogenannten 
Manus, der Manu der fiinften Wurzelrasse. Dieser Manu gehort 
noch zu jenen Fiihrern des Menschengeschlechts, die zur Zeit der 
dritten Wurzelrasse herabgestiegen sind. Das war noch einer der 
Fiihrer, die ihre Entwicklung nicht nur auf der Erde durch- 
gemacht haben, sondern die ihre Reife hereingebracht haben auf 
unsere Erde. 

Erst in der fiinften Wurzelrasse beginnt die Entwicklung von 
solchen Manus, die Menschen wie wir selbst sind, die wie wir ihre 



Entwicklung nur auf der Erde durchgemacht haben, die sozusagen 
von der Pike auf sich auf der Erde entwickeln. Wir haben also 
Menschen, die hohere Fiihrer- und Meisterpersonlichkeiten schon 
sind, und solche, die sich bemiihen, Fiihrer- und Meisterperson- 
lichkeiten zu werden, so daft wir innerhalb der fiinften Wurzelrasse 
Chelas und Meister haben, die zur friiheren Wurzelrasse gehoren, 
und Chelas und Meister, die alles durchgemacht haben, was Men- 
schen von der Mitte der lemurischen Zeit an durchgemacht haben. 
Einer der Meister, die die Fuhrung der fiinften Wurzelrasse haben, 
ist dazu ausersehen, die Fuhrung der sechsten Wurzelrasse zu 
ubernehmen. Die sechste Wurzelrasse wird die erste sein, die von 
einem Erdenbruder als Manu geleitet sein wird. Die friiheren 
Meister, die Manus der anderen Welten, geben an den Erdenbruder 
die Fuhrung der Menschheit ab. 

Mit dem Aufdammern unserer fiinften Wurzelrasse fallt zusam- 
men alles das, was wir die Entwicklung der Kiinste nennen. Die 
Atlantier hatten noch ein ganz anderes Leben. Erfindungen und 
Entdeckungen hatten sie nicht. Sie arbeiteten in ganz anderer Wei- 
se. Ihre Technik und ihre Kunst waren ganz anders. Erst mit un- 
serer fiinften Wurzelrasse entwickelte sich das, was wir in unserem 
Sinne Technik und Kiinste nennen. Die wichtigste Erfindung ist 
die Erfindung des Feuers. Machen Sie sich das einmal klar. Machen 
Sie sich klar, was heute in unserer ausgebreiteten Technik, Indu- 
strie und Kunst von dem Feuer abhangt. Ich glaube, der Techniker 
wird mir Recht geben, wenn ich sage, daft ohne das Feuer gar 
nichts von der ganzen Technik moglich ware. So diirfen wir sagen: 
mit der Erfindung des Feuers war die grundlegende Erfindung, der 
Impuls fiir alle anderen Erfindungen gegeben. 

Dazu miissen Sie noch nehmen, daft man unter dem Feuer in der 
Zeit, als die Prometheus-Sage entstand, alles dasjenige verstand, 
was irgendwie mit Warme zusammenhing. Man verstand darunter 
auch die Ursache des Blitzes. Die Ursachen aller Warmeerschei- 
nungen wurden zusammengefaftt unter dem Ausdruck «Feuer». 
Das Bewufttsein davon, daft die Menschheit der fiinften Wurzelras- 
se unter dem Zeichen des Feuers steht, das drtickt sich zunachst in 



der Prometheus-Sage aus. Und Prometheus ist nichts anderes als 
der Reprasentant der ganzen funften Wurzelrasse. 

Sein Bruder ist Epimetheus. Zunachst iibersetzen wir uns einmal 
die zwei Worte: Prometheus hetfk auf deutsch der Vor-Denkende, 
Epimetheus heifk der Nach-Denkende. Da haben Sie die zwei 
Tatigkeiten des menschlichen Denkens klar auseinandergelegt: in 
den nachdenkenden Menschen und in den vordenkenden Men- 
schen. Der nachdenkende Mensch ist derjenige, welcher die Dinge 
dieser Welt auf sich wirken lafit und dann hinterher denkt. Ein 
solches Denken ist das kama-manasische Denken. Von einem ge- 
wissen Gesichtspunkt aus gesehen heifk Kama-Manas-Denken: 
zuerst die Welt auf sich wirken lassen und dann hinterher denken. 
Der Mensch der fiinften Wurzelrasse denkt heute noch hauptsach- 
lich wie Epimetheus. 

Insofern aber der Mensch nicht das, was schon da ist, auf sich 
wirken laEt, sondern Zukunft schafft, Erfinder und Entdecker ist, 
insofern ist er ein Prometheus, ein Vordenker. Niemals wiirden 
Erfindungen gemacht werden konnen, wenn der Mensch nur Epi- 
metheus ware. Eine Erfindung wird dadurch gemacht, dafi der 
Mensch etwas schafft, was noch nicht da ist. Zuerst ist es im Ge- 
danken da, und dann wird der Gedanke umgesetzt in die Wirklich- 
keit. Dieses ist das Prometheus-Denken. Dieses Prometheus-Den- 
ken ist innerhalb der funften Wurzelrasse das manasische Denken. 
Kama-manasisches und manasisches Denken gehen wie zwei Stro- 
me nebeneinander her in der funften Wurzelrasse. Allmahlich wird 
das manasische Denken immer weiter und weiter ausgebreitet. 

Dieses manasische Denken der funften Wurzelrasse hat noch 
eine besondere Eigentiimlichkeit. Das verstehen wir, wenn wir 
zuriickblicken auf die atlantische Wurzelrasse. Diese hatte mehr ein 
instinktives Denken, welches noch in Verbindung war mit der 
Lebenskraft. Die atlantische Wurzelrasse war noch imstande, aus 
der Samenkraft eine Bewegungskraft zu bilden. Wie heute der 
Mensch in den Kohlenlagern eine Art Reservoir hat an Kraft, die 
er in Dampf verwandelt zur Fortbewegung der Lokomotiven und 
Lasten, so hatte der Atlantier grofie Lager von Pflanzensamen, 



welche Krafte enthielten, die er umwandeln konnte in Fortbe- 
wegungskraft, von der getrieben wurden jene Fahrzeuge, die in 
Scott-Elliots Broschiire iiber die Atlantis beschrieben werden. 
Diese Kunst ist verlorengegangen. Der Geist des atlantischen 
Menschen bezwang noch die lebendige Natur, die Samenkraft. Der 
Geist der funften Wurzelrasse kann nur die leblose Natur, die im 
Stein, in den Mineralien liegenden Werdekrafte besiegen. So ist das 
Manas der funften Wurzelrasse gefesselt an die mineralischen Kraf- 
te, wie die atlantische Rasse gebunden war an die Lebenskrafte. 
Alle Prometheus-Kraft ist gefesselt an den Felsen, an die Erde. 
Daher ist auch Petrus der Fels, auf den Christus baute. Es ist das- 
selbe wie der Fels des Kaukasus. Der Mensch der funften Wurzel- 
rasse hat auf dem rein physischen Plan seine Entwicklung zu 
suchen. Er ist gefesselt an unorganische, an mineralische Krafte. 

Versuchen Sie einmal, sich einen Uberblick dariiber zu verschaf- 
fen, was es heilk, wenn man von dieser Technik der funften Wur- 
zelrasse spricht, Wozu ist sie da? Wenn Sie sich einen Uberblick 
verschaffen, so werden Sie sehen - so grofiartig und gewaltig auch 
die Resultate sind, wenn die Verstandeskraft, das Manasische ange- 
wendet wird auf das Unorganische, das Mineralische -, dafi es 
trotzdem im groften und ganzen zuletzt der menschliche Egoismus 
ist, das menschliche personliche Interesse, wozu alle diese ganzen 
Krafte der Erfindungen und Entdeckungen der funften Wurzel- 
rasse angewendet werden. 

Gehen Sie von der ersten Entdeckung und Erfindung aus und 
gehen Sie herauf bis zum Telefon, bis zu unseren neuesten Erfindun- 
gen und Entdeckungen, so werden Sie sehen, wie zwar grofie und 
gewaltige Krafte durch diese Erfindungen und Entdeckungen uns 
dienstbar gemacht worden sind - aber wozu dienen sie? Was holen 
wir mit Eisenbahn und Dampfschiffen aus fernen Landern? Wir 
holen uns Nahrungsmittel, wir verlangen durch das Telefon Nah- 
rungsmittel. Im Grunde ist es das menschliche Kama, das nach diesen 
Erfindungen und Entdeckungen in der funften Wurzelrasse verlangt. 
Das ist das, was man sich in objektiver Betrachtung einmal klarlegen 
mu$. Dann wird man auch wissen, wie jener hohere Mensch, wel- 



cher hineinversetzt wird in die Materie, in der Tat wahrend der funf- 
ten Wurzelrasse an die Materie gefesselt ist dadurch, daft sein Kama 
die Befriedigung innerhalb der Materie verlangt. 

Wenn Sie im Esoterischen sich umsehen, so werden Sie finden, 
daft die Prinzipien des Menschen in Beziehung stehen zu ganz 
bestimmten Organen des Korpers. Ich werde Ihnen dieses Thema 
noch genauer ausfuhren; heute will ich nur anfiihren, mit welchen 
Organen unsere sieben menschlichen Prinzipien in einer bestimm- 
ten Beziehung stehen. 

Zunachst haben wir das sogenannte Physische. Das stent in einer 
okkulten Beziehung zu dem oberen Teil des menschlichen Ge- 
sichts, zur Nasenwurzel. Der physische Bau des Menschen, der 
einmal angefangen hat - friiher war der Mensch ja blofi astral und 
baute sich hinein in das Physische -, nahm seinen Ursprung von 
dieser Partie aus. Die Physis ging davon aus und baute zuerst an 
der Nasenwurzel, so dafi der Esoteriker die Nasenwurzel als dem 
eigentlichen Physisch-Mineralischen zugeteilt erkennt. 

Das zweite ist Prana, der Atherdoppelkorper. Ihm ist esoterisch 
zugeteilt die Leber. Dieses Organ steht zu ihm in einer gewissen 
okkulten Beziehung. Dann kommt Kama, der Astralkorper. Der 
wiederum hat seine Tatigkeit entwickelt beim Aufbau der 
Ernahrungsorgane, die ihr Sinnbild im Magen haben. Wurde der 
Astralkorper nicht diese ganz bestimmte Auspragung haben, die er 
im Menschen hat, dann wiirde auch nicht dieser menschliche Er- 
nahrungsapparat mit dem Magen diese bestimmte Form haben, die 
er heute hat. 

Wenn Sie den Menschen betrachten, erstens in seiner physischen 
Grundlage, zweitens in seinem Atherdoppelkorper und drittens in 
seinem Astralkorper, so haben Sie, wie Sie sehen, die Grundlage, 
die gefesselt ist an das, was die mineralische Fessel der funften 
Wurzelrasse ausmacht. Durch die hoheren Korper hebt sich der 
Mensch schon wieder heraus aus dieser Fessel und steigt zu Hohe- 
rem hinauf. Kama-Manas arbeitet sich schon wieder herauf. Da 
befreit sich der Mensch schon wieder von der reinen Naturgrund- 
lage. Deshalb gibt es eine okkulte Beziehung von Kama-Manas zu 



dem, wodurch der Mensch aus der Naturgrundlage herausgehoben, 
abgeschniirt wird. Dieser okkulte Zusammenhang ist der zwischen 
dem niederen Manas und der sogenannten Nabelschnur. Gabe es 
kein Kama-Manas in der menschlichen Gestalt, dann wiirde der 
Embryo nicht in dieser Weise von der Mutter abgeschniirt werden. 

Gehen wir zum hoheren Manas, so hat es eine ebensolche 
okkulte Beziehung zum menschlichen Herzen und zum Blut. 
Budhi hat eine okkulte Beziehung zu dem menschlichen Kehlkopf, 
zu dem Schlund und zu dem Kehlkopf. Und Atma hat eine okkulte 
Beziehung zu etwas, was den ganzen Menschen ausftillt, namlich 
zu dem im Menschen enthaltenen Akasha. 

Das sind die sieben okkulten Beziehungen. Wenn Sie sich diese 
vorhalten, so haben wir als die wichtigsten fur unsere fiinfte Wur- 
zelrasse hervorzuheben diejenigen zu dem Atherdoppelkorper und 
zu Kama. Und wenn Sie das dazunehmen, was ich vorhin gesagt 
habe von der Beherrschung des Prana durch die Atlantier - die 
Lebenskraft ist das, was den Atherdoppelkorper durchzieht -, so 
werden Sie sich sagen konnen, dafi der Atlantier in einer gewissen 
Beziehung noch um eine Stufe tiefer stand. Sein Atherdoppelkor- 
per hatte noch die urspriingliche Verwandtschaft mit allem Athe- 
rischen der Aufienwelt, und er beherrschte dadurch das Prana der 
AuEenwelt. Dadurch, dafi der Mensch eine Stufe hoher gestiegen 
ist, ist die Arbeit eine Stufe tiefer geworden. Das ist ein Gesetz: 
dafi, wenn auf der einen Seite Aufstieg erfolgt, auf der anderen 
Seite ein Abstieg erfolgen muft. Wahrend der Mensch fruher am 
Kama gearbeitet hat vom Prana aus, mufi er jetzt mit Kama auf 
dem physischen Plane arbeiten. 

Nun werden Sie verstehen, wie tief die Prometheus-Sage diesen 
okkulten Zusammenhang symbolisiert. Ein Geier nagt dem Pro- 
metheus an der Leber. Kama ist symbolisiert in dem Geier; es 
verzehrt eigentlich wirklich die Krafte der funften Wurzelrasse. 
Der Geier nagt dem Menschen an der Leber, an der Grundlage, 
und so nagt diese Kraft der funften Wurzelrasse an der eigentlichen 
Lebenskraft des Menschen, weil der Mensch gefesselt ist an die 
mineralische Natur, an den Petrus, den Fels, den Kaukasus. Damit 



mulke der Mensch seine Prometheus-Ahnlichkeit bezahlen. Des- 
halb mufi der Mensch seine eigene Natur bezwingen, damit er nicht 
mehr angeschmiedet ist an das Mineralische, an den Kaukasus. 

Nur diejenigen, welche wahrend der funften Wurzelrasse als 
menschliche Eingeweihte entstehen, konnen dem gefesselten Men- 
schen die Befreiung bringen. Herakles, ein menschlicher Ein- 
geweihter, muli selbst zum Kaukasus dringen, um den Prometheus 
zu befreien. So werden die Initiierten den Menschen herausheben 
aus der Fesselung, und opfern muE sich, was dem Untergang ge- 
weiht ist. Opfern mufi sich der Mensch, der noch im Zusammen- 
hang ist mit dem Tierischen: der Kentaur Chiron. Der Mensch der 
Vorzeit muE geopfert werden. Das Opfer des Kentauren ist fur die 
Entwicklung der funften Wurzelrasse ebenso wichtig wie die Be- 
freiung durch die Eingeweihten, durch die Initiierten der funften 
Wurzelrasse. 

Man sagt, dafi in den griechischen Mysterien den Leuten die 
Zukunft prophezeit wurde. Darunter verstand man aber nicht ein 
vages, abstraktes Erzahlen dessen, was in der Zukunft geschehen 
sollte, sondern die Angabe derjenigen Wege, die den Menschen in 
die Zukunft hineinfiihren, was der Mensch zu tun hat, um sich in 
die Zukunft hinein zu entwickeln. Und was sich als Menschenkraft 
entwickeln sollte, das wurde vorgestellt in dem grofien Mysterien- 
drama des Prometheus. 

Man hat sich nun vorzustellen unter den drei Gottergeschlech- 
tern Uranos, Kronos und Zeus drei aufeinander folgende fiihrende 
Wesenheiten der Menschen. Uranos heifit der Himmel, Gaia die 
Erde. Wenn wir zuriickgehen hinter die Mitte der dritten Wurzel- 
rasse, der Lemurier, dann haben wir noch nicht den Menschen, den 
wir jetzt kennen, sondern einen Menschen, den die Geheimlehre 
«Adam Kadmon» nennt, den Menschen, der noch ungeschlechtlich 
ist, den Menschen, der vorher noch nicht der Erde angehorte, der 
noch nicht die Organe entwickelt hat zum irdischen Schauen, der 
noch dem Uranischen, dem Himmel angehorte. Durch die Ver- 
mahlung des Uranos mit der Gaia entstand der Mensch, der in die 
Materie herabstieg und damit zugleich in die Zeit einriickt. Kronos 



- Chronos, die Zeit - wird der Herrscher des zweiten Gotter- 
geschlechts von der Mitte der lemurischen Zeit an bis herein in den 
Anfang der atlantischen Zeit. Die fiihrenden Wesenheiten sind 
symbolisiert bei den Griechen zuerst unter dem Uranos, spater 
unter dem Kronos, und dann gingen sie iiber auf Zeus. Zeus aber 
ist noch einer derjenigen Fiihrer, welche ihre Schule nicht auf der 
Erde durchgemacht haben. Er ist noch einer, der zu den Un- 
sterblichen gehort, wie eben die ganzen griechischen Gotter noch 
zu den Unsterblichen gehorten. 

Die sterbliche Menschheit soil sich wahrend der funften Wurzel- 
rasse auf eigene Fiifie stellen. Diese Menschheit wird reprasentiert 
durch den Prometheus. Sie erst brachte die menschlichen Kiinste 
und die Urkunst des Feuers. Auf sie ist Zeus eifersiichtig, da in der 
Menschheit heranwachsen ihre eigenen Eingeweihten, die in der 
sechsten Wurzelrasse die Fiihrung in die Hand nehmen werden. Das 
mufi sich aber die Menschheit erst erkaufen. Daher muft ihr Ureinge- 
weihter die ganzen Leiden zunachst auf sich nehmen. Prometheus ist 
der Ureingeweihte der funften Wurzelrasse, derjenige, der nicht nur 
in die Weisheit, sondern auch in die Tat eingeweiht ist. Er macht die 
ganzen Leiden durch, und er wird befreit durch denjenigen, der her- 
anreift, um die Menschheit allmahlich freizumachen und sie hinaus- 
zuheben iiber das Mineralische. 

So stellen uns die Sagen die grofien kosmischen Wahrheiten dar. 
Deshalb sagte ich Ihnen auch im Eingang: derjenige, der zur dritten 
Deutung aufsteigt, vermag sie wieder wortlich zu nehmen.* Bei der 
Prometheus-Sage haben Sie das Fressen des Geiers an der Leber. 
Das ist ganz wortlich zu nehmen. Der Geier frifk wirklich an der 
Leber der funften Wurzelrasse. Es ist der Kampf des Magens mit 
der Leber. In jedem einzelnen Menschen wiederholt sich wahrend 
der funften Wurzelrasse dieser prometheische Leidenskampf. Voll- 
standig wortlich ist das zu nehmen, was hier in der Prometheus- 
Sage ausgedriickt ist. Ware dieser Kampf nicht da, dann ware das 
Schicksal der funften Wurzelrasse ein ganz anderes. 



Siehe Hinweis. 



Es gibt also zunachst drei Ausdeutungen der Sagen: erstens die 
exoterisch-wortliche, zweitens die allegorische - der Kampf der 
menschlichen Natur - drittens die okkulte Bedeutung, wo wieder 
eine wortliche Interpretation der Mythen eintritt. Daraus konnen 
Sie ersehen, dafi diese Sagen alle - wenigstens alle diejenigen, wel- 
che eine solche Bedeutung haben - aus den Mysterienschulen her- 
riihren und nichts anderes sind als die Wiedergabe dessen, was in 
den Mysterienschulen als das grofie Drama des Menschheitsschick- 
sals dargestellt worden ist. Wie ich Ihnen bei den Druidenmyste- 
rien zeigen konnte, dafi [die Sage von] Baldur nichts anderes dar- 
stellt als das, was im Inneren der Druidenmysterien sich vollzogen 
hat, so haben Sie im Prometheus das, was der griechische Myste- 
rienschuler im Inneren der Mysterien erlebt hat, um Kraft und 
Energie zum Leben in der Zukunft zu gewinnen. 



ACHTER VORTRAG 



Berlin, 14. Oktober 1904 

Die Argonauten-Sage und die Odyssee 

Durch die Betrachtung der verschiedenen My then mochte ich eine 
Grundlage schaffen fur eine gewisse Art esoterischer Lehren, die 
ich in den nachsten Stunden behandeln werde. Heute mochte ich 
von einer sehr wichtigen Mythe sprechen, die wir auch in Grie- 
chenland finden und die, ebenso wie jede andere Mythe, stufen- 
weise und mannigfaltig gedeutet werden kann. Wir wollen uns 
heute einmal ihren realen Kern klarlegen. Bevor ich aber dazu 
iibergehe, mochte ich noch einiges Theoretisches vorausschicken. 

Im letzten Heft von «Lucifer-Gnosis» habe ich darauf aufmerk- 
sam gemacht, dafi innerhalb der drei letzten atlantischen Kulturen 
ein bestimmter Einflufi auf unser Menschengeschlecht begonnen 
hat, der heute noch in einer gewissen Beziehung andauert. Dieser 
EinfluE hangt damit zusammen, daft damals die Menschen reif 
wurden, in dem zu leben, was wir unseren Intellekt, unseren Ver- 
stand nennen. Vorher war der Mensch mehr ein Gedachtniswesen. 
Bis zur vierten atlantischen Kultur wurde ganz besonders sein 
Gedachtnis ausgebildet. Der kombinierende Verstand, die rechne- 
rische Tatigkeit, kurz dasjenige, worauf unsere ganze heutige Kul- 
tur beruht, begann mit der fiinften atlantischen Kultur, mit den 
Ursemiten. Und deshalb wurden diese Ursemiten auch befahigt, 
die Stammrasse der ganzen fiinften nachatlantischen Wurzelrasse 
zu werden. Diese Wurzelrasse hat im Laufe der Evolution vorzugs- 
weise den Verstand, der mit dem physischen Plane beschaftigt ist, 
auszubilden. Wenn nun eine solche neue Entwicklungsphase in der 
Menschheit auftritt wie die des Verstandes, dann ist es moglich, 
daf$ neue Wesenheiten, die vorher nur im Verborgenen ihr Wesen 
trieben, auf die Evolution Einflufi gewinnen, Und in der Tat, seit 
jenem Zeitpunkt, seit der fiinften atlantischen Kultur, konnte sich 
auf dem Gebiete der menschlichen Evolution eine gewisse Schar 



von Wesenheiten betatigen, deren Tatigkeit vorher nicht bemerk- 
bar war. Diese Wesenheiten miissen Sie sich hochentwickelt vor- 
stellen, viel hoher entwickelt als der Mensch auf seiner damaligen 
Stufe der Evolution. Aber sie waren in gewisser Weise zuriickge- 
blieben hinter denjenigen Wesenheiten, die in der Mitte der lemu- 
rischen Zeitepoche in das Menschengeschlecht eingegriffen haben. 
Es war ein neuer Nachschub, der da stattfand. Diese Wesenheiten, 
von denen ich jetzt spreche, gehorten ihrer ganzen Natur nach zu 
dem, was wir die lunarische Entwicklung nennen. In der Mond- 
epoche hatten sie ihre Entwicklung durchgemacht, aber sie waren 
nicht so weit gekommen wie diejenigen, welche in der Mitte der 
lemurischen Zeit eingreifen konnten. Sie waren zuriickgeblieben 
hinter der normalen Entwicklung auf dem Monde. Sie waren gera- 
de so weit gekommen, dafi sie die Fahigkeiten, die die Menschen 
damals erlangt hatten, als ihnen gleichartig erkannten, und das 
hatte zur Folge, daft sie sich ihrer bemachtigen konnten. Vorher 
waren die Menschen keine intelligenten Wesenheiten; jetzt be- 
kamen sie den Intellekt. Und diese neue Fahigkeit beniitzten die 
Wesenheiten zu ihrer weiteren Entwicklung. So geschah es, daft 
dazumal jene Entwicklungsphase einsetzte, die wir die Vorberei- 
tung zu der objektiven Wissenschaftlichkeit nennen. Die gab es 
friiher nicht und wird es auch spater nicht mehr geben. Alle Weis- 
heit, die in der Menschheitsevolution errungen wurde, war im 
Grunde verkniipft mit dem, was wir Liebe nennen. Jene kalte, rein 
berechnende Wissenschaftlichkeit ist beeinflulk von diesen einen 
«Nachschub» darstellenden Wesenheiten. 

Der Einflufi dieser Wesenheiten also, die heute noch immer in 
einer gewissen Weise wirksam sind, wird erst dann beendet sein, 
wenn auch unsere ganze intellektuelle Tatigkeit, alles, was wir 
wissen konnen, alles, was wir Verstandestatigkeit nennen, wieder- 
um durchdrungen sein wird von Liebe. Wenn der Verstand und die 
Liebe sich wieder zu der hoheren Weisheit vereinigt haben werden, 
dann wird der Einflufi dieser Wesenheiten, die auf dem physischen 
Plane nicht sichtbar sind, verschwinden. Den Einflufi dieser 
Wesenheiten den Menschen klarzumachen, klarzumachen zunachst 



den Mysterienschiilern, das war die Aufgabe namentlich der grie- 
chischen Mysterien. 

Ungefahr im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt bricht in bezug 
auf diese Wesenheiten eine ganz besonders wichtige Epoche herein. 
Wenn Sie die Kulturen unserer fiinften Wurzelrasse betrachten, 
jene, welche die alte Vedenkultur, dann diejenigen, welche die ur- 
alte persische, die chaldaisch-agyptische Kultur begriindet haben, 
so werden Sie finden, daft selbst noch in den Epochen, die die 
Druidenkultur hervorgebracht haben, eine objektive, niichterne 
Wissenschaft eigentlich nicht vorhanden war. Diese tauchte erst 
auf, als die vierte Kulturepoche immer mehr und mehr herauf- 
dammerte. Den Beginn der vierten Kulturepoche wird man etwa 
im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt verzeichnen konnen. Damit 
dammerte eine von allem iibrigen menschlichen Gemiitsinhalt ab- 
gesonderte, objektive Wissenschaft herauf. Ein chaldaischer Prie- 
ster, der Astronomie getrieben hat, hat noch die Absichten der 
Weltregierung zu ergriinden versucht. Ebenso war es bei den Prie- 
stern der Agypter und den Druidenpriestern; sie suchten Einsich- 
ten zu erhalten in die Absichten des Weltenlenkers. Eine reine Ver- 
standeswissenschaft dammerte erst in Griechenland herauf. Diese 
Verstandeswissenschaft, die sich nach und nach vorbereitet hat und 
durch den Einflufi der genannten Wesenheiten heraufkam, aber mit 
der anderen menschlichen Tatigkeit verkniipft war, wurde vollstan- 
dig entfesselt in der vierten Kulturperiode der fiinften Wurzelrasse. 
Die Eingeweihten, die unterwiesen wurden in den Mysterien der 
damaligen Zeit, empfanden die Urweisheit, die dem Menschenge- 
schlecht friiher zuteil geworden war, gegeniiber der aufieren Weis- 
heit als etwas Verlorenes, das erst wieder gesucht werden mufke. 
Es hat einen Zeitpunkt gegeben, in dem diese erstorbene Weisheit 
sich abgesondert hat von der umfassenden Urweisheit. Diesen Zeit- 
punkt, in dem diese niichterne, trockene Weisheit sich abgesondert 
hat von der umfassenden Urweisheit, hat man dadurch bezeichnet, 
daft man sagte: Etwa im 8. Jahrhundert vor Christus ist die Sonne 
durch den Friihlingspunkt im Widder durchgegangen. Dieser 
Durchgang der Sonne durch den Widder ist die Wiederholung 



eines vor Jahrtausenden stattgefundenen friiheren Durchgangs 
durch dasselbe Zeichen. Die Sonne riickt ja bekanntlich durch den 
ganzen Tierkreis, durch die Tierkreisbilder Widder, Stier, Zwillin- 
ge, Krebs, Lowe, Jungfrau und so weiter, so dafi sie schon viele 
Male durch den Widder hindurchgegangen ist. Das letzte Mai war 
sie durch den Widder durchgegangen, als der Mensch noch die 
Vereinigung von Liebe und Erkenntnis und damit die Urweisheit 
besaft. Diese Urweisheit war nun verlorengegangen und hatte einer 
aufierlichen Verstandeskultur Platz gemacht. Diesen ganzen Vor- 
gang in seiner okkulten Bedeutung driickte der griechische Myste- 
rienpriester aus durch den ungeheuer tiefen Mythos von der Argo- 
nauten-Sage, in welcher der Widder das Sinnbild der Vereinigung 
von Liebe und Erkenntnis darstellt. 

Halten wir uns den ganzen Mythos erst einmal vor Augen. Es 
wird uns erzahlt, daft Phrixos und Helle viel zu leiden hatten von 
ihrer bosen Stiefmutter Ino. Deshalb erschien dem Phrixos seine 
gottliche Mutter Nephele und riet ihm, mit der Schwester zu ent- 
fliehen. Sie gab ihm auch einen groEen Widder mit einem goldenen 
Vlies, mit dem sie iiber das Meer reiten sollten. Helle sei dann 
abgestiirzt und im Meer ertrunken, das danach den Namen Helles- 
pont erhielt; Phrixos dagegen sei mit dem Widder nach Kolchis 
gekommen. Dort soil er den Widder dem Zeus geopfert und das 
Fell dem Konig Aietes gegeben haben, der es an einer Eiche vor 
einer Hohle aufgehangt habe. Spater machte sich der griechische 
Held Jason gemeinsam mit den bedeutendsten der damaligen grie- 
chischen Eingeweihten - Orpheus, Theseus, Herakles und anderen 
- auf, urn das Widderfell von den barbarischen Volkern in Kolchis 
wieder zunickzuholen. Dadurch, dafi er die jiingste Tochter des 
Konigs Aietes, Medea, fur sich gewann, wurde es ihm moglich, das 
Widderfell wieder nach Griechenland zuriickzubringen. Er muftte 
zuerst zwei feuerschnaubende Stiere besiegen. Weiterhin mufite er 
Drachenzahne ausstreuen; aus den Drachenzahnen wuchsen ge- 
harnischte Manner hervor, welche in Streit kamen. Durch Medea 
wurde er befahigt, diesen Streit zu schlichten. Sie war es auch, die 
Jason ermoglichte, das Widderfell zu nehmen und mit ihm und ihr 



die Heimreise nach Griecheniand anzutreten. Medea hatte, urn 
ihren Vater zu tauschen, ihren Bruder mitgenommen, ihn getotet 
und zerstuckelt ins Meer geworfen. Wahrend der jammernde Vater 
die Glieder sammelte, konnten sie die Flucht nach Griecheniand 
fortsetzen. 

Im 8. und 9. Jahrhundert vor Christi Geburt, also am Eingang 
der griechischen Kulturperiode, wurde die okkulte Bedeutung 
dieser Sage den griechischen Geheimschulern gelehrt. Diese okkul- 
te Bedeutung liegt in der Mitteilung, daft diejenigen Wesenheiten, 
welche sich der trockenen, niichternen Intelligenz der Menschen 
bedienen, von diesem Zeitpunkt an eine besondere Bedeutung 
erlangten. Die Sehnsucht nach der Urkultur, welche einmal bestan- 
den hatte, als die Sonne zum vorletztenmal durch den Widder ge- 
gangen war, erwachte jetzt wieder. Daft das Zwillingspaar Phrixos 
und Helle vom Widder nach Kolchis gebracht wurde, heiftt nichts 
anderes, als daft eine vorhergehende Unterrasse, die persisch-irani- 
sche mit ihrer Zwillingsnatur - sie haben unter dem Zeichen des 
Guten und Bosen, Ormuzd und Ahriman, gestanden -, die Verbin- 
dung von Erkenntnis und Liebe wiedergewinnen will. Die vorher- 
gehende Unterrasse hatte dieses in verborgene Gebiete getragen. 
Fruher, in der atlantischen Zeit, war dieses Fell, diese Weisheit, 
Gemeingut der menschlichen Kultur gewesen, dann war es in feme 
Geheimschulen getragen worden. Es mufi zuriickgeholt werden. So 
sehen wir ausgedriickt in der Argonauten-Sage die Begriindung der 
Geheimschulen in Griecheniand. 

Es gab also eine Urweisheit bei der atlantischen Rasse, so wird 
uns erzahlt. Diese Urweisheit war damals Gemeingut der Mensch- 
heit. Sie ist verlorengegangen und nur noch in den Hohlen und 
Krypten der Mysterienschulen zu finden. Die Griechen aber haben 
fur ihre Eingeweihten die Mysterien neu errichtet, und Theseus, 
Orpheus, Herkules und andere waren die Begriinder dieser Weis- 
heitsschulen dadurch, daft sie die Urweisheit wieder zuriickgeholt 
haben nach Griecheniand. Durch Thales, Anaximenes, Sokrates 
und andere Philosophen ist eine niichterne, kalte Verstandesweis- 
heit heraufgebracht worden, die objektiv ist. Die Mysterienweisheit 



ist mit der Liebe verbunden. Sie ist eine Weisheit, die nicht erlangt 
werden kann ohne die Lauterung der Leidenschaften, der Kama- 
krafte. Die Verstandeswissenschaft dagegen kann ohne Lauterung 
von Kama erlangt werden. In der so wichtigen Argonauten-Sage ist 
uns also der Ubergang von der dritten zur vierten Kulturperiode 
unserer gegenwartigen Wurzelrasse dargestellt. Der Ubergang 
besteht darin, dafi der friiher gemeinsame Strom der menschlichen 
Kultur sich teilte in zwei Stromungen: in Mysterienweisheit und in 
die auftere Verstandeswissenschaft. Der eine Strom war verborgen, 
aber so, dafi er doch wirksam war und Einflufi bekam auf die grie- 
chische Kunst und Kultur - er ist dargestellt als das Zuruckholen 
des Widderfelles. Nur auf die Verstandeswissenschaft sollte er fort- 
an keinen EinfluE haben. Das ist die Sage von dem Argonautenzug. 

Auch bei der Odysseus-Sage sehen wir, da£ sie sich bezieht auf 
den Ubergang von einer Rasse zur anderen. Die Odysseus-Sage hat 
hintereinander die mannigfaltigsten Deutungen und Auslegungen 
gefunden. Ich mochte heute nur das Geriist dieser Sage angeben. In 
meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» habe ich 
die zweite Art der Ausdeutung, die allegorische, anzuwenden ver- 
sucht; heute wollen wir die dritte Art der Ausdeutung, die okkulte, 
betrachten. 

Odysseus, der unter den Kampfern von Troja war, hat den 
Griechen durch Schlauheit und Klugheit dazu verholfen, Troja zu 
erobern. Er hat grofie Irrfahrten durchgemacht auf dem Wasser; 
das bitte ich festzuhalten. Er kam zu den Zyklopen, iiberwand den 
Hauptzyklopen mit dem einen Auge, ging dann weiter zu Circe, 
welche, wie uns erzahlt wird, seine Gefahrten in Schweine verwan- 
delte. Dann ging er in die Unterwelt und machte da mit den im 
Trojanischen Krieg gefallenen Helden Bekanntschaft. Dann kam er 
unter die Gewalt der Sirenen, die durch ihren zauberhaften Gesang 
die Menschen verfiihren. Es wird uns weiter erzahlt, wie der grofke 
Teil der Gefahrten der Verfiihrung erliegt und wie er sich dadurch 
rettet, dafi er sich an sein Schiff festbinden lafit. Odysseus kommt 
dann an einen Ort, der sich zwischen Skylla und Charybdis befin- 
det, wo die Schiffe Gefahr laufen zu scheitern. Er muft sich durch 



einen Meeresstrudel hindurchretten. Er kommt dann nach Ogygia, 
der Insel der Nymphe Kalypso, verweilt dort sieben Jahre und 
wird durch Zeus, der Kalypso den Auftrag gibt, ihn freizugeben, 
entlassen und gelangt schlieftlich in seine Heimat Ithaka. Durch die 
Gottin Pallas Athene wird er in sein Haus und zu seinem Weib 
Penelope gefuhrt, das die verschiedensten Fahrnisse auszustehen 
hatte, weil sich viele Freier um sie bemuhten. So fertigte sie bei Tag 
ein Gewebe an, das sie bei Nacht wieder auftrennte, weil sie den 
Freiern ihre Hand versprochen hatte, wenn das Gewebe fertig sei. 

Nun bitte ich Sie, dieses Geriist der Odysseus-Sage mit mir 
einmal in der Art durchzugehen, wie es uns bekannt ist aus der 
griechischen Mysterienweisheit. Die Einweihungsschulen, in denen 
sich tatsachlich abspielte, was hier erzahlt wird, fuhrten den Schil- 
ler auf dem Astralplan und dem Mentalplan so, dafi er eine be- 
stimmte Strecke der menschlichen Entwicklung durchlaufen konn- 
te, und zwar die Strecke von der Mitte der lemurischen Zeit bis zu 
dem Zeitpunkt, wo in Griechenland der Mensch in den Einwei- 
hungsschulen, die durch Jason zusammen mit Orpheus, Theseus, 
Herakles und anderen begriindet worden waren, wiederum die Ur- 
weisheit finden konnte. Es wurde also der Schuler auf den Astral- 
und Mentalplan gefuhrt, und es wurden ihm die Vorgange gezeigt, 
die die Menschheit durchlaufen hatte von der Mitte der lemu- 
rischen Zeit bis zu dem Punkte, wo der Trojanische Krieg sich 
abspielte. Durch das Mythische im Argonautenzug wird uns ein 
Stuck der Urweisheit dargestellt. Es zeigt sich uns, daft sie dazumal 
neben der Wissenschaft einherging. Was wurde den Menschen, den 
Einweihungsschulern, nun in der Odysseus-Sage gezeigt? Das wird 
uns in Odysseus reprasentativ dargestellt. 

Versetzen wir uns einmal zuriick in die Mitte der lemurischen 
Zeit. Der Mensch war da auf dem Ubergang von dem hermaphro- 
ditischen Zustand in den Zustand der Geschlechtlichkeit, auf dem 
Ubergang vom Zustande des Sehens ohne aufieres physisches 
Sinnesorgan zum Sehen mit dem aufteren physischen Auge. Tat- 
sachlich hatte der Mensch bis zur Mitte der lemurischen Zeit jenes 
«eine Auge», das dann ersetzt wurde durch die zwei aufteren, 



physischen Augen. In diese Entwicklungsphase wurde der Schiiler 
damals zuriickversetzt. Er sollte den Ubergang erleben von der 
vorlemurischen Zeit in die nachlemurische Zeit, in die Zeit nach 
der Mitte der lemurischen Rasse bis zum Auftauchen des aufieren 
Auges. Die Zyklopen waren die Menschen der vorlemurischen 
Zeit. Mit diesen machte Odysseus auf dem Astralplan Bekannt- 
schaft. Nun war des Menschen Astralkorper nach dieser Zeit in die 
dichter und fester werdende Materie hineingesenkt worden. Das 
wurde den Einzuweihenden vorgestellt. Wir kommen dann heran 
an die ersten atlantischen Zeiten. Immer mehr und mehr gewinnt 
der Atlantier die Fahigkeit, die Lebenskrafte zu verwenden, sich 
ihrer zu seinen Verrichtungen zu bedienen. Es waren ausgebildete, 
hohe astrale Fahigkeiten, die die Atlantier entwickelten und zu 
denen sich ein Grieche nur auf dem astralischen Plane zuriickver- 
setzen konnte. Das war die Zeit, von der so viel in alten okkulten 
Schriften die Rede ist, wo die atlantischen Geschlechter in die wil- 
desten Kiinste der schwarzen Magie verfielen. Diese Epoche wurde 
dem griechischen Mysterienschuler dramatisch vorgefiihrt in Ver- 
wandlungsbildern. Es war die Epoche, wo des Menschen Leiden- 
schaften unter dem Einflufi der schwarzmagischen Krafte so ent- 
stellt wurden, dafi die Astralkorper den niedersten Tieren glichen. 
Das war auch das Bild, das sich darbot, als dann spater die Turanier 
in diese wilden magischen Kiinste verfielen. Der Astralkorper 
wurde so verwandelt unter dem Einflusse dieser schwarzen Kiinste, 
daft es symbolisch ausgedriickt hiefi: Circe verwandelte die Gefahr- 
ten des Odysseus in Schweine. - Diesen Zeitpunkt der mensch- 
lichen Entwicklung machte der griechische Eingeweihte durch. 

Dann stieg Odysseus in die Unterwelt hinab. Das Hinabsteigen in 
die Unterwelt bedeutet nun iiberall, wo es uns in der griechischen 
Sagenwelt entgegentritt, dafi eine Einweihung stattfindet. Wenn von 
einem Helden gesagt wird, dafi er in die Unterwelt hinunterstieg, 
will der Erzahler damit nichts anderes ausdriicken, als dafi der 
Betreffende eingeweiht wurde, dafi er bekannt wurde mit den Din- 
gen, die jenseits des Todes liegen. Odysseus war ein Eingeweihter, 
und die Odysseus-Sage selbst ist die Darstellung seiner Einweihung. 



Wir schreiten nun weiter bis zu dem Zeitpunkte, wo nach der 
atlantischen Flut die Menschen bekannt wurden mit den ersten 
Wirkungen jener Wesenheiten, von denen ich gesprochen habe, die 
sich in der aufteren Kultur, in der damaligen Wissenschaft und in 
den damaligen Kiinsten offenbaren mit denjenigen Wirkungen, die 
auf das Intellektuelle Einflufi hatten nach der atlantischen Flut. Die 
ersten Anfange rein aufterer physischer Kultur wurden dem Ein- 
geweihten vorgefiihrt als die Verlockungen der rein weltlichen 
Kiinste, der rein weltlichen Kultur. Es sind die Sirenenklange der 
jungen fiinften Wurzelrasse. Diese Sirenenklange der jungen funf- 
ten Wurzelrasse waren es, von denen so viel gesprochen wird in 
den okkulten Schriften. Denn wir haben auf der einen Seite die 
grofte Weisheitslehre des Manu, welcher die Menschen der fiinften 
Wurzelrasse darauf aufmerksam macht, daft ihr Intellekt sich zu 
erheben hat zu dem Gottlichen. Das hat seinen Ausdruck gefunden 
in den Veden und in dem, was der persische Zarathustra als Reli- 
gion begriindet und seinen Religionsgenossen hinterlassen hat. 
Daneben haben wir die rein verstandesmaftige Kultur, die den 
Menschen abbringt von dem, was unter dem Einfluft des Manu sich 
entwickelt. Sie finden in alien okkulten Schriften die Vorgange 
dargestellt, die da stattfanden. Der Manu wahlte das kleine Hauf- 
lein aus und ging in die Wiiste Gobi oder Schamo. Da war es nur 
eine kleine Schar, die ihm treu blieb, wahrend die anderen untreu 
wurden und sich nach alien Seiten zerstreuten. Dieser wichtige 
Vorgang, daft der Manu zuerst einen Teil der Ursemiten auswahlte, 
daft von diesen Ausgewahlten aber wieder nur ein kleiner Teil ihm 
folgte, wahrend der andere Teil zugrundeging, weil er den Sirenen- 
klangen der aufteren Kultur folgte, dieser wichtige Vorgang wurde 
den Einzuweihenden dargestellt. 

Dann wird noch ein wichtiger Punkt der Menschheitsentwick- 
lung in der Odysseus-Sage dargestellt, der Durchgang zwischen 
Skylla und Charybdis. Was beginnt denn jetzt eigentlich in der 
Menschheit? Jetzt erst beginnt, wie wir gesehen haben, die eigent- 
liche Kama-Manas-Kultur. Nach und nach ist sie bis hierher vor- 
bereitet worden. Jetzt beginnt sie. Unsere fiinfte Wurzelrasse hat 



vorzugsweise diese Kama-Manas-Kultur. Kama ist im Astralen und 
auch heute noch im Astralkorper tatig. Manas aber ist das, was im 
physischen Gehirn tatig ist. Der Mensch der fiinften Wurzelrasse 
denkt mit seinem physischen Gehirn. Erst in einer kiinftigen Ent- 
wicklungsphase wird auch das Kama, der Astralkorper so weit sein, 
daft er zu denken vermag. Heute hat Manas erst im physischen 
Gehirn Platz gegriffen. Zwischen den zwei nach beiden Seiten uns 
schleudernden Strudeln Skylla und Charybdis miissen wir hin- 
durch. Das wird reprasentiert durch den Durchgang des Odysseus 
zwischen Skylla-Manas und Charybdis-Kama. Da ist auf der einen 
Seite der astrale Strudel, die Triebe, Begierden und Leidenschaften, 
in denen der Mensch untergehen kann, und auf der anderen der an 
den Felsen geschmiedete physische Verstand. Der Fels ist uns ja 
bereits begegnet in der Prometheus-Sage. Hier tritt uns der Fels 
wieder entgegen. Der menschliche Verstand ist alien Gefahren der 
Physis, des Felsens, ausgesetzt. Zwischen den Klippen des physi- 
schen Verstandes und dem Strudel des astralen Lebens mufi der 
Mensch hindurchsegeln. Hat er sich da durchgebracht, hat er er- 
kannt, welche Gefahren ihm drohen und hat sich dennoch aufrecht 
halten konnen, dann kommt er zu der Insel der Kalypso, zur ver- 
borgenen Weisheit. Da kann er den Ausblick tun in die Zukunft 
der Menschheit, die Probezeit durchmachen, die sieben Jahre an- 
dauert. Deshalb bleibt Odysseus auch sieben Jahre bei der Kalypso. 
Jeder, der zur Einweihung kommen will, mufi eine siebenjahrige 
Probezeit durchmachen, und die ist angedeutet durch den Aufent- 
halt bei der Kalypso, wo hinter der Tauschung verborgene Weis- 
heit lebt. Dann erst kann er dahin kommen, wo die Seele hing- 
elangt, wenn sie dem Strudel der astralen Leidenschaften entronnen 
ist. Lesen Sie Homers «Odyssee»; er deutet an, daft der Mensch die 
eigene Seele sucht. Die Zuriickkunft der eigenen Seele, das ist das 
Streben nach der Heimat. Wer die Odyssee wirklich verstehen will, 
darf nicht der Ansicht eines neueren Forschers sein, der da meint, 
daft mit dem Polyphem und den Zyklopen nichts anderes gemeint 
sei, als daft der Atna Feuer gespieen hatte und die Brandstelle dem 
Odysseus erschienen ware als das Auge des Riesen. 



Odysseus kommt zuletzt als Bettler nach Hause, ohne alles 
aufiere Gut. Damit ist angedeutet, dafi der Mensch, der das Un- 
wichtige der aufieren Welt und der weltlichen Giiter durchschaut 
hat, nicht in der Maya, sondern hinter der Maya die Heimat der 
Seele sucht, daft er also im mystischen Sinn als Bettler in die Hei- 
mat kommt. Dafi er in Wahrheit ein Weiser ist, das wird dadurch 
angedeutet, dafi Pallas Athene Odysseus nach Hause geleitet. Die 
eigene Seele wird in aller Esoterik dargestellt durch ein weibliches 
Wesen; immer werden als Symbole fur das Streben der eigenen 
Seele weibliche Wesen gewahlt. Goethe nennt es das Ewig-Weib- 
liche. Wie in der Medea in der Sage vom Argonautenzug, so haben 
wir hier in der Penelope die eigene Seele zu sehen, zu der Odysseus 
wieder den Weg sucht. In der christlichen Religion ist die Jungfrau 
Maria die nach Erlosung strebende menschliche Seele, nur ist die 
Bedeutung hier eine unendlich viel tiefere. Diese Penelope ist, um 
es genau zu sagen, die Seele des Menschen in der fiinften Wurzel- 
rasse. Die fiinfte Wurzelrasse hat den menschlichen Verstand zu 
kultivieren. Er ist das Unfruchtbarste, das es an sich gibt; nur wenn 
er angewendet wird auf einen Inhalt, dann kann der Verstand 
fruchtbar werden. Der Verstand ist ein Netz, das gesponnen wird 
um die Dinge, die wir anderswoher haben. Wenn Sie die aufiere 
Erfahrung etwas lehrt, konnen Sie es mit dem Verstande umspin- 
nen. Wenn Sie die hohere okkulte Weisheit etwas lehrt, dann kon- 
nen Sie es wiederum mit dem Verstande umspinnen. Die Menschen 
sagen oft, die okkulten Weisheiten widersprachen dem Verstand. 
Nichts widerspricht dem Verstande. Die Menschen haben immer, 
wenn etwas Neues in ihren Horizont eingetreten ist, gesagt, es 
widerspreche dem Verstande. Der Verstand ist aber nur zum Kom- 
binieren, zum Verbinden da. Aus sich selbst kann er nichts gewin- 
nen, vom Verstande aus konnen Sie nichts beweisen. Dieses Un- 
fruchtbare des Verstandes, der doch die eigentliche Seele der fiinf- 
ten Wurzelrasse ist, wird ausgedriickt in dem fortwahrenden Spin- 
nen und Wiederaufziehen des Gewebes der Penelope. Odysseus 
wird durch die Weisheit geleitet. Der Eingeweihte mul? den Weg 
finden zu der Seele der fiinften Wurzelrasse, zu dem unfruchtbaren 



Verstande. Aber er wird nur dann sich in der richtigen Weise mit 
der Seele der funften Wurzelrasse verbinden, wenn er eben mit der 
Weisheit selbst erfullt ist, wenn er von Pallas Athene geleitet wird. 
Pallas Athene wiederum ist eine hohere weibliche Gottheit, eine 
andere Kraft in der Seele; die Weisheit, die eigentliche Fuhrerin. 
Der Mensch mufi nach mancherlei Irrfahrten, die er durchgemacht 
hat, sofern sie wirklich Entwicklungsfahrten sind, zum Verstande 
kommen. Dabei mull Pallas Athene, die Weisheit, seine Fuhrerin 
sein. Das wurde dem Mysterienschiiler in Griechenland vorgefuhrt, 
und das wollte Homer in der tiefsinnigen Odysseus-Sage erzahlen. 

Eine Einweihung also, wie sie damals in Griechenland gepflegt 
wurde, ist uns in der Odysseus-Sage dargestellt, eine Einweihung, 
die nichts anderes war als eine im Astral-Mentalen erfolgte Wieder- 
holung der Erlebnisse der Menschen in der lemurischen Zeit bis in 
die Zeit der Mysterien selbst. Odysseus ist der Schlaue, Kluge, und 
durch seine Fahigkeiten wurde Troja iiberwunden. Der kluge Ver- 
standesmensch ist der Mensch der funften Wurzelrasse. Aber diese 
seine Heimat, seine Penelope, mu!5 er wieder auf dem Umwege 
suchen, um in der funften Wurzelrasse seinen Weg richtig gehen zu 
konnen. Derjenige, welcher blofi schlau und klug ist, wiirde inner- 
halb der funften Wurzelrasse nicht den richtigen Weg finden. Er 
mufi erst aus sich herauskommen und seinen Blick erweitern, in- 
dem er zuriickblickt auf den langen Weg der Entwicklung des 
Menschengeschlechts. Odysseus ist der Reprasentant des schlauen 
Kama-Manas-Menschen, der mancherlei Irrfahrten durchmachen 
mufi, um in der funften Wurzelrasse wieder zur Seele gefiihrt zu 
werden. 



NEUNTER VORTRAG 



Berlin, 21. Oktober 1904 

Die Siegfried-Sage 

Suchen wir uns eine lebendige Anschauung zu bilden iiber das 
Entstehen der nordischen Sagenwelt, so ist besonders wichtig der 
Zeitraum, der vor dem ersten christlichen Jahrhundert liegt und 
danach. Damals waren die nordlichen Gegenden Europas in einem 
Zustande der Erwartung. Das Ereignis, dessen Wirkung sich iiber 
Europa ausbreiten sollte, der Niederstieg des gottlichen Vatergei- 
stes bis in einen physischen Menschen hinein, war den Initiierten 
der nordischen Volker bekannt; das wurde auch in den Mysterien 
erzahlt. 

In den alten Druiden-Mysterien im Norden wurden ahnliche 
Initiationen vollzogen wie bei andern aufsteigenden Volkern der 
damaligen Zeit. Ein Unterschied ist aber hervorzuheben zwischen 
dem, was sich im Norden vorbereitete und dem, was in andern 
Gegenden geschah. Um uns eine begriffliche Anschauung davon zu 
bilden, miissen wir einen Blick zuriickwerfen auf die Entstehung 
der menschlichen Rassen auf den allmahlich zu menschlichen 
Wohnstatten sich herausgestaltenden Gebieten der Erde. Von einer 
physisch bewohnbaren Erde konnen wir erst sprechen seit der 
lemurischen Wurzelrasse. Aber eine Athererde ging dieser lemuri- 
schen Zeit voran, an welche die Sagen iiber das Paradies ankmipfen, 
ebenso die Sagen der verschiedenen Volker des siidlichen und 
nordlichen Erdkreises. Sie sind dasjenige, was den Weisheitschatz 
der Mysterien bildet. Die Schulung in den Mysterien bestand darin, 
da£ sie, dem Auffassungs grade der Menschen gemaE, ihnen stufen- 
weise dasjenige enthiillten, was die menschlichen Seelen imstande 
waren aufzunehmen und zu verarbeiten. Man kann also vom ge- 
meinsamen Ursprung der Mysterien sprechen, der in der imagina- 
tiven und inspirierten Erkenntnis ihrer sie leitenden Lehrer liegt 
und von der dadurch gegebenen Einheit der Lehren, aber auch von 



deren Verschiedenheit, die durch die Zeitenlaufe und die geo- 
graphische und menschliche Umgebung gegeben ist. Sie waren 
geschiitzt durch die strengste Schweigepflicht, da durch Unreife 
Boses statt Gutes entstehen mufite, und auf dem Verrat der Myste- 
rien an unreife Menschen stand Todesstrafe. 

Doch lassen wir jetzt einige Streiflichter auf dasjenige fallen, was 
als gemeinsame Richtlinien zugrundelag den alten atlantischen 
Mysterien, die sich aus den Orakelstatten heraus zu Einweihungs- 
schulen gestalteten. Auf neuplatonische Quellen und auf Plotin 
sich stiitzend, hat die theosophische Literatur ihre chronologischen 
Untersuchungen an die Annahme gekniipft, dafi mit Sokrates der 
geschichtliche Augenblick gegeben war, in dem die fruher von 
gottlichen Wesenheiten inspirierte und den Menschen als Werk- 
zeug benutzende Weisheit sich in den Menschen, den Anthropos, 
hinuntersenkte und allmahlich sein Gut, seine Aufgabe, seine 
Pflicht wurde. Sokrates mufke noch den Tod dafiir erleiden, daft er 
Wahrheiten aus den Mysterien seinen Schiilern vermittelte. Er 
nahm den iiber in verhangten Tod willig und bewulk auf sich. Aber 
die Metamorphosierung dieses Gedankens des bewufit erlebten 
Todes, der erst zum wahren Leben fuhrt, sollte erst in den nor- 
dischen Volkern zur Reife gelangen, die langsam und allmahlich 
dafiir vorbereitet wurden durch dasjenige, was in ihren eigenen 
Mysterien lebte, und die durch eine lange Wartezeit hindurch zu 
einer grofieren Reife ihres Seelenorganismus gefiihrt wurden. Bud- 
dha wurde aus seiner Religionsgemeinschaft ausgestofien, weil er 
hinausging, von Ort zu Ort wanderte und den Menschen die Lehre 
brachte von der Befreiung durch den Tod. Das war eine Myste- 
rienwahrheit, die noch nicht gelehrt werden durfte. Sie durfte nur 
in einer fernab liegenden Zeit zur Geltung kommen und konnte 
jetzt nur in einzelnen Feuerseelen, diese feme Zeit vorbereitend, 
leben. Ihre Erfiillung sollte sie erst finden durch das Christentum. 
Doch bis zu dieser Zeit ihrer Erfiillung mufiten gewisse Volker- 
schaften durch ihre Mysterien eine Erziehung erhalten, die sie als 
Volkssubstanz fur die fernab liegenden Aufgaben der Menschheits- 
zivilisation pradestinierten. 



Vor uns gab es vier Wurzelrassen; wir stehen in der fiinften 
Wurzelrasse, der nachatlantischen. Die Bezeichnungen, die man 
den ersten Unterrassen - Kulturepochen - dieser nachatlantischen 
Zeit gab, kann man in der deutschen Sprache annahernd mit den 
Worten iibersetzen: die Unterrassen des Geistes, der Flamme und 
der Sterne. Der ersten Unterrasse, der Rasse des Geistes, wurde 
zuerst der Gehalt der fiinften Wurzelrasse in geistiger Form durch 
den Manu gegeben; sie umfafk das indische Volk. Die zweite Un- 
terrasse ist die Rasse der Flamme, welcher Zarathustra ein Reli- 
gionsbekenntnis gegeben hat. Die dritte Unterrasse war die Rasse 
der Sterne, die der Chaldaer, Babylonier, Assyrer, aus der spater 
die israelitische Tradition hervorgegangen ist. Die griechisch-latei- 
nischen Volker, die im Griechentum und Romertum ihre haupt- 
sachlichen ersten Reprasentanten hatten, wurden die vierte Unter- 
rasse. Es ist diejenige, in welcher das Christentum zuerst Wurzel 
gefafit hat in Kleinasien, Griechenland und Rom. Sie war bestimmt, 
am starksten vom Christentum beeinflufit zu werden, aber erfassen 
konnte sie seine iiber menschliches Begriffsvermogen hinausgehen- 
de Bedeutung noch nicht. Dazu war eine lange Vorbereitung not- 
wendig. Diese war schon gegeben durch die in den nordischen 
Mysterien herausgestaltete Sagenwelt, die in Liedern und Epen 
weiterlebte, durch Rhapsoden von Land zu Land getragen wurde 
und zur religiosen Innigkeit sich steigerte. 

Unsere fiinfte Unterrasse hat das am Beginn unserer Zeitrech- 
nung begrundete Christentum iiberliefert erhalten. Einige Jahrhun- 
derte aber, bevor das Christentum in die nordlichen Gegenden 
gebracht worden ist, und auch in alteren Zeiten, bestanden die alten 
Druiden-Einweihungen. Diese hielten ungefahr so lange stand, bis 
man ganz genau wufite, daft jetzt die Abenddammerung dieser 
vorbereitenden keltischen Kultur eingetreten war. Sie miissen sich 
vorstellen, daft alle die Einflusse, die iiber andere Volker gezogen 
waren, nicht in diese nordlichen Gegenden gekommen sind. Alle 
die Stromungen, welche zu der Rasse der Flamme und der Rasse 
der Sterne gehorten, waren nicht bis zu den nordischen Gegenden 
vorgedrungen. Im Norden war noch etwas iibriggeblieben von den 



Uberresten der atlantischen Kultur, die durch Initiierte heriiber- 
getragen worden war. Wotan war der Initiierte der nordischen 
Volkerschaften, der die Elemente der atlantischen Kultur in diese 
Gegenden heriibergebracht hatte. 

In diesen nordischen Gegenden war iiberall die Druiden-Ein- 
weihung in Geltung. Ich habe bereits erzahlt, dafi einer der Be- 
griinder, man kann sagen der hauptsachlichste Begriinder dieser 
Einweihungsstatten, Sig oder Sigge hiefi. Und hier in diesen nordi- 
schen Gegenden geschah etwas ahnliches, wie es spater in Palastina 
zur Begriindung des Christentums geschah: Sig gab seinen Leib ab 
und stellte ihn zur Verfugung einer hoheren Individuality. Daher 
ist der verwandelte Sig spater Odin genannt worden; dieser war der 
hochste Initiierte der nordischen Mysterien; Odin war der Trager 
der geistigen Kultur in dieser Zeit. Sig war also im Norden der 
Chela, der dem hoheren, geistigeren Odin seinen Leib zur Verfu- 
gung gestellt hat. Er lebte selbst spater als initiierter Meister weiter. 
Sig ist ein ganz besonderer Fall. Er konnte nicht eine Bewegung 
einleiten, wie es etwa der Meister Jesus tat, nachdem das Christen- 
tum begriindet war. Sig mufi ja diese nordische Kultur, die sich hier 
geltend gemacht hatte, zum Untergang fiihren. Er ist berufen, die 
nordischen Volker so lange zu fiihren, bis vom Siiden her durch die 
vierte Unterrasse der ftinften Wurzelrasse das Christentum zu 
ihnen kam. Der alte Chela Sig ist derjenige, der die nordischen 
Volker in den tragischen Untergang hineinfuhren mufke. Daher 
heifit er auch Sigurd, das heifit derjenige, der in die Vergangenheit 
fuhrt. Urd ist die Nome der Vergangenheit. Fried bedeutet dassel- 
be, das, was zum Frieden fuhrt, das heifk zum Tode, zum Unter- 
gang. Dies ist noch erhalten in dem Wort Friedhof: dasjenige, was 
zum Tode gefuhrt worden ist. Derselbe Chela, der dem grofien 
Initiierten den Weg gebahnt hat, soil die nordische Kultur zum 
Untergang fiihren. Ihr geistiger Inhalt geht unter und wird durch 
das herankommende Christentum ersetzt. Das, was ich jetzt gesagt 
habe, ist ein prophetischer Inhalt, der in den spateren Mysterien 
der nordischen Volker vielfach so beschrieben wurde: Wir mussen 
ein Stamm sein, der zum Frieden gefuhrt wird - das ist der Klang, 



der aus den verschiedenen Mysterien in diesen nordischen Volkern 
herausspricht. Der ganze zukiinftige Vorgang, der in den Schriften 
seit uralten Zeiten aufgezeichnet war, wurde als Vorhersagung in 
den nordischen Mysterien verkundigt, und aus diesen Vorhersa- 
gungen ist das entstanden, was spater zura Inhalt des Nibelungen- 
liedes und der Siegfried-Sage wurde. Im zweiten Teil des Nibelun- 
genliedes ist der Abschlufi des Karmas der Nibelungen gegeben. 

Eine Eigentumlichkeit mufi ich erwahnen, die immer in einem 
solchen Fall in der Entwicklung der Menschheit eintritt: Bevor eine 
neue Phase Platz greift, mull die friihere Entwicklungsphase kurz 
wiederholt werden. Gerade hier im Norden stellt sich diese Wie- 
derholung friiherer Phasen deutlich dar. Es wird uns dargestellt, 
wie dasjenige, was hier im Norden durchgemacht worden ist seit 
der lemurischen und atlantischen Zeit, iiberwunden werden mufi, 
bevor diese nordischen Volker reif werden, sich zur christianisier- 
ten fiinften Unterrasse heraufzubilden. Derjenige, in dem die ganze 
Summe der Geschichte der nordischen Kultur lebt, das ist der 
Initiierte Siegfried. Lassen wir einmal kurz die hauptsachlichsten 
Punkte der Siegfried-Sage an uns voniberziehen. 

Zunachst wird uns das Leben der drei Helden Gunther, Hagen 
und Giselher am Hofe in Worms dargestellt. Wir horen weiter, wie 
der Held Siegfried fur Gunther wirbt um Briinhilde. Wir horen, 
dafi in Siegfried am Hofe in Worms eine auEerordentliche Person- 
lichkeit erkannt wird. Das ist er auch, denn er ist unverwundbar, er 
hat den Besitzer des Nibelungenhortes getotet, er hat im Kampfe 
mit dem Drachen seinen Korper ganz hornern gemacht, und er hat 
sich die Tarnkappe erobert. Er besitzt also zweierlei Eigenschaften, 
die die Initiierten der vorchristlichen Zeit immer zeigen: Sie sind 
unverwundbar, und sie sind unerkennbar. Sie sind unverwundbar 
durch ihre Einweihung. Im Evangelium heifk es: Drei sind es, die 
da zeugen: Blut, Wasser und Geist. - Blut und Wasser miissen 
besiegt werden. Was unverwundbar machte in den Zeiten, die dem 
Christentum vorhergingen, waren Blut und Wasser. Diese unver- 
wundbaren Initiierten sind aber immer an einer Stelle verwundbar. 
Achilles stellt uns einen Initiierten der vorhergehenden Zeit dar. Er 



ist in den Styx getaucht worden und war an der Ferse verwundbar. 
Siegfried ist in das Blut des Drachen getaucht worden und ist 
zwischen den Schulterblattern verwundbar. Seinen eigentlichen 
Menschen kann der Eingeweihte dadurch unkenntlich machen, dafi 
er die Tarnkappe besitzt; sie macht den Besitzer dieser hoheren 
okkulten Fahigkeiten fur die Auftenwelt unbemerkbar. Diese 
okkulten Fahigkeiten haben die Besitzer des Nibelungenhortes 
gehabt. Sie stammten von der atlantischen Rasse ab, und insbeson- 
dere die Eingeweihten der atlantischen Wurzelrasse besafien diese 
Fahigkeiten; sie waren aber auch bei den Eingeweihten der funften 
Wurzelrasse und daher auch bei Siegfried vorhanden. Als Siegfried 
den Drachen erschlug, gelangte er in den Besitz des Nibelungen- 
hortes. Was ist nun der Nibelungenhort? Darin ist ausgedriickt, 
dafi die nordischen Volkerschaften sozusagen den Grund und Bo- 
den abgaben, aus dem die fiinfte Unterrasse entstehen konnte. Man 
nennt die fiinfte Unterrasse auch die Rasse der grofien Erfindungen 
und Entdeckungen, die den ganzen physischen Plan erobert und im 
Besitz der aufieren Welt grofi wird. Sie soil einerseits besitzen und 
andererseits dieses Besitztum zu Weisheit ausbilden. Im Nibelun- 
genhort haben wir nichts anderes zu sehen als eine sprachliche 
Umbildung des alten Wortes Nifelheim, Nebelheim. Es ist also 
dasjenige, was man im Norden kannte als die physische Erde, die 
Erde im Augenblicke des Physischwerdens. Ein fester Besitz, das 
ist es, was diese vorbereitende Rasse um sich ausbreitet und dem 
Christentum entgegengestellt hat. Das Gold des Nibelungenhortes 
ist der irdische Besitz, der Reprasentant des irdischen Besitzes. Das 
ist etwas, was der Initiierte besitzt und was er auch besitzen darf, 
weil er in entsprechender Weise dariiber wachen kann. 

Nun wissen Sie alle, wie die Siegfried-Sage weitergeht in dieser 
alten Gestalt. Es ist nicht die alteste Form der Sage, aber diejenige, 
die fur uns in Betracht kommt. Bekanntlich wirbt dann Gunther 
um Briinhilde von Isenland. Siegfried besiegt Briinhilde zweimal. 
Gunther wirbt um sie, aber Siegfried kampft unsichtbar, mit der 
Tarnkappe gewappnet, an der Seite Gunthers, und Briinhilde 
glaubt, daft ihr Freier Gunther sie besiegt hatte. Siegfried ist gliick- 



lich, dafi sie Gunthers Gemahlin wird. Nun verrat Siegfrieds Ge- 
mahlin Kriemhilde in einem schwachen Augenblick der Briinhilde, 
daft in Wirklichkeit nicht Gunther, sondern Siegfried unsichtbar sie 
besiegt habe. Dariiber entriistet sich Briinhilde und fafk den Plan, 
Siegfried zu toten. Nun mufi ihr aber erst noch verraten werden, 
wie er getotet werden kann. Sie gewinnt Hagen von Tronje, der am 
Hofe lebt, dafiir. 

Hagen ist eine Gestalt, die man aus den alten Druiden-Mysteri- 
en kennt. Hagen ist ein wichtiger Name von alten Druiden-Einge- 
weihten. Er ist ein Eingeweihter, der die zuriickliegenden hochsten 
Stromungen des geistigen Lebens vertritt, die dadurch zum Aus- 
druck kommen, daft das Vorhergehende immer dem Nachfolgen- 
den entgegensteht und mit ihm in Kampf kommt. Siegfried gehort 
der folgenden Stromung an, die unmittelbar dem Christentum vor- 
angeht. Hagen gehort der vorhergehenden Druidenstromung an. 
Hagen wird also herbeigeholt, urn Siegfried zu verderben. Dazu 
mufi Kriemhilde verraten, dafi Siegfried an einer Stelle verwundbar 
ist. Hier enthiillt sich, was diese Stelle zu bedeuten hat. Kriemhilde 
verrat, dafi Siegfried zwischen den Schultern verwundbar ist, und 
zwar gerade an der Stelle, wo das Kreuz getragen werden mufi. Er 
hat noch nicht das Kreuz. Das Christentum fehlt noch diesen vor- 
zeitlichen Volkern. An dieser Stelle, wo das Kreuz ruhen soli, um 
durch die Welt getragen zu werden, da ist Siegfried verwundbar - 
so sagt die Siegfried-Sage -, weil das Christentum noch fehlt. Sieg- 
fried, der die Sig-Initiierten zum Frieden, zur Ruhe bringt, ist ver- 
wundbar an der Stelle, wo das Christentum spater unverwundbar 
macht. Er wird iiberwunden von den Machten, die von den friihe- 
ren Kulturen ubriggeblieben sind. Hagen, der Vertreter vorherge- 
hender Stromungen, totet ihn. Das ist ein Bild fur die Ablosung der 
vorhergehenden nordischen Kultur durch die fiinfte Unterrasse. 
Der Sinn dieser Ablosung wird in der Siegfried-Sage dargestellt. 

Wogegen kampfen denn eigentlich diese nordischen Rassen? 
Indem sie Wegbereiter sind fur das Christentum, kampfen sie ge- 
gen all das Alte, das geblieben ist von der atlantischen Zeit. Gegen 
das miissen sie sich fortwahrend wehren. Die Seele der nordischen 



Volker mufi sich wehren gegen dasjenige, was noch heranstiirmt 
von friiher, von den Uberbleibseln der atlantischen Kultur. Es ist 
eine friihere Kulturschicht, die hier in die fiinfte Kulturepoche hin- 
einragt. Diejenigen aber, die stehengeblieben sind in der atlanti- 
schen Kultur, sind ein Hemmschuh der Weiterentwicklung, sie 
miissen bekampft werden. 

Die spater erfolgenden Kampfe sind in einer alteren Fassung der 
Gudrun-Sage dargestellt. Da tritt uns die Seele der nordischen Vol- 
ker als Gudrun entgegen. Sie kampft gegen den grofien Initiierten 
der Atlantier, Attila oder Atli oder Etzel, der aus den Uberbleib- 
seln einer atlantischen Rasse, der turanischen, von Asien heriiber- 
kommt. Auch der historische Attila und sein Volk wurden von den 
europaischen Volkern als «Geiftel Gottes» bezeichnet. Attila war 
ein Initiierter, der mit ganz bedeutenden okkulten Kraften an der 
Spitze seiner Volkerschaft kampfte. Daher wird die Hunnen- 
schlacht ganz richtig so dargestellt, daft das Heer in der Luft 
kampft. Fur jeden, der die Dinge weift und versteht, ist es klar, um 
was es sich da handelt. Attila wich vor nichts zuriick, was ihm in 
Europa entgegentrat; nur vor dem Papst, dem Vertreter des Chri- 
stentums, trat er freiwillig zuriick, denn er war sich voll bewuftt, 
daft er gegen den Vertreter des Christentums nichts vermochte. Die 
nordischen Volkerrassen wuftten, daft sie sich zu wehren hatten 
gegen die ostlichen Einfliisse, aber dem Christentum vermochten 
diese nichts anzuhaben. 

Nun wird uns in der spateren Nibelungen-Sage weiter erzahlt, 
daft Kriemhild den Plan faftte, Rache zu nehmen an denjenigen, die 
Siegfried getotet hatten. Sie nimmt Rache in der Weise, daft sie sich 
gerade mit den atlantischen Elementen verbindet. Sie leistet der 
Werbung Attilas Folge; sie wird die Gattin des Hunnenkonigs 
Attila. Zuvor lebte sie nach dem Tode Siegfrieds eine Zeitlang am 
burgundischen Hofe. Sie war in den Besitz des Nibelungenhortes 
gekommen und hat ihn verwendet als grofte Wohltaterin. Aber ihre 
Feinde, die aus friiheren Epochen stammten und die in Hagen 
reprasentiert sind, versenkten den Nibelungenhort in den Rhein. 
Kriemhild halt an ihrem Plan fest, mit Hilfe Attilas die alten nor- 



dischen Feinde zu vernichten. Durch Kriemhilds Racheplan wer- 
den die Nibelungen hinuntergelockt nach dem Hofe Attilas, und 
da tritt ihnen am Wege gerade diejenige Geistesmacht entgegen, 
von der sie abgelost werden sollen. An der Donau tritt ihnen in 
Riidiger von Bechlaren und seiner Gemahlin Gotelinde das Chri- 
stentum entgegen. Das ist die Morgenrote des Christentums, das- 
jenige, was an die Stelle der nordeuropaischen Volkerkulturen tre- 
ten soil. Die Nibelungen gehen dem Untergang entgegen; sie wer- 
den am Hunnenhofe ermordet. Kriemhild nimmt zwar Rache, mufi 
aber selbst untergehen. Und wodurch geht sie unter? Sie, die ja die 
umgewandelte Gudrun ist, die Volksseele der nordischen Kultur, 
verbindet sich mit Atli-Attila-Etzel, dem Atlantier, und racht sich 
an dem Vertreter ihrer eigenen Kultur, der den Initiierten getotet 
hatte. Sie selbst geht zugrunde. 

Wenn Sie die Sage nur asthetisch betrachten, so werden Sie sich 
natiirlich fragen: Wie kommt es, daft nun am Schlusse noch am 
Hunnenhofe Dietrich von Bern, Hildebrand und alle die anderen 
Helden eingefuhrt werden, die einer Schicht angehoren, die bereits 
zum Christentum iibergegangen ist? Das sind ja bereits christliche 
Helden. - Das Christentum bringt der alten Volksseele den Tod, 
es iiberwindet die alte Volksseele. Das ist nicht etwas, was nach- 
traglich der Sage angehangt worden ist, sondern etwas, was lange 
vor dem Auftreten des Christentums innerhalb der Mysterien als 
Prophezeiung gelebt hat. Diese Vorgange waren Gegenstand der 
Mysterieneinweihung. Zu der Mysterieneinweihung gehorte nicht 
nur die Einweihung in die Wahrheiten der Gegenwart, sondern 
auch in die der Vergangenheit und der Zukunft. Immer gehorte 
dazu die Apokalyptik. Die Siegfried-Sage ist lange Zeit die Apo- 
kalypse des nordischen Volkes gewesen. Diese Sage ist nicht 
Dichtung, die irgendwie im Volk entstanden ist aus einzelnen 
Stiicken, wie man sich das in der Philologie vorstellt. Das Volk 
dichtet nicht. Das kann nur jemand sagen, der keine Ahnung da- 
von hat, wie es in der Seele eines Volkes zugeht. Die Sagen sind 
nichts anderes als Wiedergaben dessen, was in den Krypten der 
Mysterien sich vollzogen hat. Was man in der Sage hat, ist nichts 



anderes als die Wiedergabe von Mysterienvorgangen. Einen sol- 
chen Vorgang, fur den man im Siiden das Wort «Mysterium» hat- 
te, nannte man im Norden eine «Maere», woraus das Wort «Mar- 
chen» fiir die kleineren Vorgange dann entstanden ist. «Uns ist in 
alten maeren wunders vil geseit». «Wunders» ist nichts anderes als 
ein «Zeichen», ein Zeichen fiir Dinge, die als Vorgange auf hohe- 
ren Planen anzusehen sind. 

Die nordische Sagenwelt ist deshalb so interessant, weil sie 
etwas darstellt, was Sie in der ganzen sudlichen Sagenwelt nicht 
finden konnen. Was die sudlichen Volkerschaften in ihrer Sagen- 
welt darstellen, bedeutet immer einen Aufstieg; sie haben immer 
etwas aufgenommen, etwas bekommen, was zu einer hoheren Stu- 
fe hinauffuhrt. Die indischen, persischen, babylonischen, chaldai- 
schen Volker und die, welche sie abgelost haben, haben zwar auch 
tragische Gestalten; ich erinnere nur an die Chronos-Sage. Aber 
hier im Norden ist das Tragische am meisten ausgebildet, weil die- 
se Volker lange warten mulken. Es war eine lang dauernde, vorbe- 
reitende Kultur mit einer hohen Initiation, die - und das ist das 
Wichtige - eine Kultur war, die so weit hinunterging, dafi der In- 
itiierte der Mensch war. Der Initiierte der Inder ist der Bodhisatt- 
va, dann sind es die Rishis, spater bei den Griechen sind die Initi- 
ierten die Sonnensohne wie Herakles und Achilles. Dann erst, 
nachdem die Stufenleiter der Initiierten so weit heruntergegangen 
war, kam der initiierte Mensch hier im Norden, dem nur das eine 
fehlte, namlich das, was der Christus ist, der Gott-gewordene 
Mensch. Der Mensch im Norden tritt uns in wartender Haltung 
entgegen; er ist verwundbar an der Stelle, wo das Christentum 
einsetzen mul 

So haben wir also vier «Schichten» zu beachten: 
Erstens: Wotan. Er geht parallel dem, was im Siiden in der ersten 

Unterrasse der fiinften Wurzelrasse sich entwickelt. 
Zweitens: Odin. Er geht parallel mit der zweiten Unterrasse der 

fiinften Wurzelrasse. 
Als drittes: Baldur, der Sonnenheros. Er geht parallel mit dem, was 

sich im Siiden als babylonisch-chaldaisch-assyrische Epoche 



entwickelt. Was jedoch dort aufsteigende Kultur ist, ist im 

Norden Wartekultur. 
Initiierte der Wartekultur, in der uberall das Tragische sich aus- 
driickt. Weil es mit den alten Kraften zu Ende geht, sehen wir den 
tragischen Tod Baldurs und den tragischen Tod Siegfrieds. 



ZEHNTER VORTRAG 



Berlin, 28. Oktober 1904 

Der Trojanische Krieg 

Da heute einige Neuhinzugekommene hier sind, so mochte ich nur 
kurz andeuten, daft ich im Verlaufe dieser Stunden versucht habe 
zu zeigen, wie in den verschiedenen Mythen und Sagen esoteri- 
scher Gehalt aufgezeichnet ist und dafi man nur die Sprache der 
Mythen und Sagen handhaben zu konnen braucht, um in ihnen 
unter Umstanden tiefe esoterische Wahrheiten zu finden. Heute 
mochte ich im besonderen von einer jener Sagen sprechen, die 
die merkwiirdige Eigentumlichkeit zeigen, dafi sie einerseits Sagen 
sind und auf der anderen Seite einen vollstandig aufieren Gehalt 
von dem physischen Plan her haben, also ein ganz bestimmtes phy- 
sisches Ereignis zum Ausdruck bringen. 

Bevor ich von dieser Sage sprechen werde, will ich noch einer 
Tatsache Erwahnung tun, die ja die meisten von Ihnen schon ken- 
nen, die man sich aber immer wieder einscharfen mufi. Das ist die, 
dafi im Verlauf unserer fiinften Wurzelrasse, also in der Zeit vom 
Untergang der Atlantis in der vierten Wurzelrasse bis zur nachsten 
Wurzelrasse, ein hochst wichtiger Schritt in der ganzen Mensch- 
heitsevolution getan wurde, namlich der, daft aus der Menschheit 
selbst heraus Fiihrer der Menschheit, die Manus entstehen. Alle die 
grofien Fiihrer, die Manus, welche wahrend der friiheren Wurzel- 
rassen die Menschheit weitergebracht haben, welche ihr die grofien 
Impulse gegeben haben, sie haben ihre Entwicklung nicht rein auf 
der Erde absolviert, sondern zum Teil auf anderen Himmelskorpern 
zuriickgelegt und haben dabei das, was sie der Menschheit an groften 
Impulsen zu geben hatten, schon von anderen Welten her auf die 
Erde mitgebracht. Die Manus der lemurischen und auch die der 
atlantischen Rasse und auch der Stamm-Manu unserer fiinften 
Wurzelrasse sind iibermenschliche Individualitaten, die ihre grofte 
Schule, durch die sie die Fiihrer der Menschheit werden konnten, 



auf anderen Planeten durchgemacht haben. Dagegen bildeten sich 
wahrend unserer fiinften Wurzelrasse innerhalb unserer Menschheit 
selbst so hoch entwickelte Individualitaten heraus, da£ sie nunmehr 
von der sechsten Wurzelrasse ab Fiihrer der Menschheit werden 
konnen. Namentlich der Hauptfuhrer der sechsten Wurzelrasse 
wird ein Mensch sein, wie wir sind, nur eben einer der Vorgeschrit- 
tensten, der Vorgeschrittenste geradezu der Menschen. Es wird eine 
Wesenheit sein, die damals begonnen hat mit der Entwicklung, als in 
der Mitte der lemurischen Zeit iiberhaupt die Menschwerdung ge- 
schah, die immer Mensch unter Menschen gewesen ist, nur schneller 
vorschreiten konnte und alle Stufen der menschlichen Entwicklung 
mitgemacht hat. Das wird der Grundcharakter des Manu der sech- 
sten Wurzelrasse sein. Der Haupt-Manu der sechsten Wurzelrasse 
und alle, die ihm zur Seite stehen, mussen durch die mannigfaltig- 
sten Initiationen hindurchgehen; sie mussen wiederholt initiiert ge- 
wesen sein. Daher hat es in der fiinften Wurzelrasse seit ihrer Ent- 
stehung immer initiierte Menschen gegeben, Menschen, die sozusa- 
gen in der Richtung initiiert waren, daft sie ihren eigenen freiwilligen 
Weg gehen konnten. Das war wahrend der ganzen lemurischen und 
auch wahrend der ganzen atlantischen Zeit nicht der Fall. Da stan- 
den diejenigen, die der Menschheit weitergeholfen haben, die sie re- 
giert und gelenkt haben, die Staatenlenker und Lenker grofier reli- 
gioser Gemeinschaften waren, unter dem EinfluE von hoheren We- 
senheiten. Sie waren wahrend der lemurischen und atlantischen Zeit 
unmittelbar abhangig von jenen hoherentwickelten Wesenheiten, 
welche ihre Entwicklung auf anderen Planeten durchgemacht hat- 
ten. Erst in der fiinften Wurzelrasse wird die Menschheit immer 
mehr freigegeben. Da haben wir Initiierte, die zwar im Zusammen- 
hang stehen mit den hoheren Wesenheiten, denen aber nicht so weit- 
gehende Ratschlage gegeben werden, dafi sie vollstandig ausgearbei- 
tet sind, sondern es wird den Initiierten der fiinften Wurzelrasse 
immer mehr Freiheit gegeben in den Einzelheiten. Im allgemeinen 
werden den Initiierten zwar Direktiven gegeben, Impulse gegeben, 
aber doch so, dafi sie aus eigener Geistigkeit und Urteilskraft heraus 
die Dinge ausfiihren. 



Zu unserer fiinften Wurzelrasse gehoren sieben Unterrassen. Sie 
nehmen folgende Stellung in der Entwicklung ein: Die erste Unter- 
rasse ist die Rasse der Spiritualitat, des Geistes; es ist jene Rasse, 
aus welcher die indische Kulturgemeinschaft hervorgegangen ist, 
die Rishi-Kultur, die Veden-Kultur. Dann haben wir die zweite 
Unterrasse, die Rasse der Flamme, das ist die persische Kulturge- 
meinschaft, die in der Zarathustra-Religion ihren Ausdruck findet. 
Dann haben wir die dritte Unterrase, die wir die Rasse der Sterne 
nennen, die Urchaldaer, von der das israelitische Volk einen 
Hauptzweig bildet. Die vierte Unterrasse ist die Kulturgemein- 
schaft, aus welcher die Griechen und Romer hervorgegangen sind, 
die Rasse der Personlichkeit. Die fiinfte Unterrasse ist die Rasse 
der Welt; es ist diejenige, innerhalb welcher wir selbst stehen, die 
Kulturgemeinschaft der germanisch-angelsachsischen Volker, die 
gegenwartig im Stadium der Entwicklung ist und die den Men- 
schen zur freien Personlichkeit macht, die Rasse, die die Welt er- 
obert. Sie wird abgelost werden von der slawischen Unterrasse, 
einer von Asien nachriickenden Kulturgemeinschaft. 

In meinem letzten Vortrag habe ich Ihnen von den groften 
Initiierten in den nordischen Gegenden gesprochen. Ich habe da 
schon darauf hingedeutet, daft symbolische Bezeichnungen exi- 
stierten fur den Initiierten oder fur einen, der mit den Initiationen 
in irgendeiner Beziehung stand, und daft dafur ein symbolischer 
Ausdruck ist, daft der Initiierte unverwundbar ist. Diese Unver- 
wundbarkeit, die wir bei Siegfried antrafen, ist auch bei Achilles 
anzutreffen. In der Tat liegt in dem Mythos, in den Achilles hin- 
eingeflochten ist, eine tief esoterische Bedeutung verborgen. Sie 
miissen bedenken, daft das, was ich auseinandergesetzt habe, grad- 
weise im Verlauf der fiinften Wurzelrasse vor sich geht. Die Lei- 
tung der Menschheit im Beginn der fiinften Wurzelrasse hat der 
Manu so eingerichtet, daft die Lenkung ganz der Priesterschaft 
unterstand, die ihre Inspirationen unmittelbar von den hoheren 
gottlichen Wesenheiten, von iibermenschlichen Wesenheiten be- 
kam. Dieser initiierten Priesterschaft konnte es iiberlassen werden, 
die Menschheit selbst einzuteilen. Es ware unmoglich gewesen, in 



anderen Kulturgemeinschaften als solchen, die durch Priesterherr- 
scher gelenkt wurden, eine Einteilung der Menschen in Kasten 
gerecht durchzufiihren. Sie finden daher Kasteneinteilungen auch 
eigentlich nur in den wirklichen Priesterkulturen, im alten Indien 
und im alten Agypten, wo initiierte Priester an der Spitze standen, 
die keinen kamischen Impulsen folgten, sondern hoheren Weisun- 
gen. Sie verfuhren unpersonlich, kama-frei, und ihnen konnte es 
iiberlassen bleiben, jene schwerwiegende Einteilung der Menschen 
in Kasten vorzunehmen, die in Agypten und Indien urspriinglich 
voll berechtigt war. Wenn Sie diese Kasten betrachten, so finden 
Sie in denselben ausgepragt den ganzen Plan zur Entwicklung der 
fiinften Wurzelrasse. 

Dieser Plan ist der, dafi nach und nach die Fiihrung, die Len- 
kung dieser fiinften Wurzelrasse iibergeht von der Priestergesin- 
nung auf die Weltgesinnung, vom Priester auf den Konig. Ein 
weltlicher Konig, der nicht Priester war, ware in der ersten Zeit der 
fiinften Wurzelrasse noch ganz unmoglich gewesen. Wahrend der 
atlantischen Zeit, als die Menschen ihre Impulse noch nicht durch 
den denkenden Verstand erhielten, sondern aus anderen Kraften, 
und auch noch im Beginn der fiinften Wurzelrasse, mufke die 
Lenkung der Menschheit jeder weltlichen Macht entzogen und 
denen iiberlassen werden, welche gottliche Inspirationen empfin- 
gen. Daher finden Sie in der indischen und agyptischen Kultur die 
reine Priesterherrschaft. Der Priester ist der Regent, er ist derjeni- 
ge, von dem alles ausgeht. Der Priester gehort der hochsten Kaste 
an. Die Krieger, die eine rein weltliche Beschaftigung haben, ge- 
horen der zweiten Kaste an. Dann geht es herunter zu denen, die 
sich mit dem Ackerbau befassen. 

Nach und nach sollten diese Kasten stufenweise zur Selbstandig- 
keit kommen. In dem, was sich in der Zeitlichkeit entwickelt, 
haben wir niemals das gegeben, was aufierlich im Raume wirklich 
vorhanden ist. Das bitte ich zu beachten. Wenn ein raumliches 
Verhaltnis zeitlich werden soil, so geschieht das im Verhaltnis von 
vier zu sieben, in der Weise, dafi die Vierheit zur Siebenheit sich 
erweitert. Die vier im Raum nebeneinanderstehenden Kasten kom- 



men im Verlaufe der funften Wurzelrasse zeitlich so zur Geltung, 
dafi wir die sieben Unterrassen nach und nach zur Selbstandigkeit 
sich entwickeln sehen. Das Verhaltnis von vier zu sieben beruht auf 
einem ganz bestimmten Gesetz. Heute will ich dazu nur sagen, dafi 
die sieben Unterrassen sich so entwickeln, daft wir es in der ersten 
Unterrasse im wesentlichen zu tun haben mit der ausschliefilichen 
Lenkung durch Priester, in der zweiten Unterrasse mit der Len- 
kung durch Priesterkonige und durch Magier. Zarathustra, der 
eigentliche Magier, ist der Ratgeber des Priesterkonigs. Wahrend 
der dritten Unterrasse kann die Herrschaft auf die weltlichen 
Konige ubergehen, die noch immer den Ratschlagen der Priester 
folgen. Erst wahrend der vierten Unterrasse haben wir es mit welt- 
lichen Konigen zu tun, die nicht mehr in irgendeiner Beziehung 
zur priesterlichen Gewalt stehen. Die ersten weltlichen Konige tre- 
ten zunachst im griechischen Volke auf, und als die griechische 
Herrschaft befestigt wird, geschieht das durch weltliche Konige. 

Die Ausbreitung des Griechentums wird aufierlich - sagenhaft - 
dargestellt in der Sage vom Trojanischen Krieg. Diese Sage vom 
Trojanischen Krieg ist nichts anderes als die mythische Darstellung 
einer esoterischen Wahrheit, namlich des Aufbliihens der vierten 
Unterrasse der funften Wurzelrasse und der Ablosung der Priester- 
herrschaft in ihrem letzten Stadium durch die rein weltliche Herr- 
schaft. Das wird gleich im Beginn der trojanischen Sage in einer 
aufierordentlich feinen Weise angedeutet. 

Sie wissen wohl, daft in der Esoterik iiberall die Materie darge- 
stellt wird durch das Symbol des Wassers. Wasser ist das esoteri- 
sche Symbol fur die Materie. Ich brauche Sie nur auf ein Beispiel 
aus der Theologie hinzuweisen: In dem Nicaenischen Glaubens- 
bekenntnis, da, wo es heiftt «... gelitten unter Pontius Pilatus», da 
miiftte es eigentlich heiften «gelitten in Pontos Pylet6s», das bedeu- 
tet «in dem zusammengedriickten Wasser». Der Gottessohn ist 
herabgestiegen, um zu leiden in der auf dem physischen Plan vor- 
handenen Materie. Im Credo, das wir im christlichen Bekenntnis 
haben, ist aus «pontos», das Meer, latinisiert «Pontius» geworden, 
und aus «Pylet6s» wurde «Pilatus». 



Wenn Thales erklart, alles sei aus dem Wasser entstanden, so 
meint er damit in Wahrheit die allumfassende physische Materie. 
Wir haben es da zu tun mit dem Wasser als physische Materie. 
Diese physische Materie soli das Maftgebende werden bei denjeni- 
gen, die jetzt die Lenkung der Menschheit iibernehmen: die welt- 
lichen Konige. Vorher gab es nur Konige, die mit dem Gottlichen 
in Zusammenhang standen. Peleus ist der Konig, der herrschen soil 
auf dem physischen Plan, aus dem physischen Plan selbst die Kraft 
ziehend. Das wurde in den Mysterien als Mythe dem Volke da- 
durch dargestellt, daft erzahlt wurde: Peleus vermahlte sich mit der 
Meergottin Thetis. Wir haben es da zu tun mit der Ehe der 
Menschheitsfuhrung mit der Materie des physischen Planes. Thetis 
ist die Gottin des Wassers, des Meeres. Und derjenige, der dieser 
Ehe entsprieftt, ist Achilleus. Achilleus ist der erste Initiierte von 
dieser Art. Er ist daher unverwundbar, bis auf die Ferse. Alle In- 
itiierten der vierten Unterrasse sind noch verwundbar an irgend- 
einer Stelle. Erst am Ende der fiinften Unterrasse wird es so weit 
fortgeschrittene Initiierte geben, daft sie gar nicht mehr verwund- 
bar sind. Achilleus ist in den Styx getaucht, daft heiftt er ist allem 
Irdischen abgestorben und auf einen hoheren Plan entriickt. 

Da haben Sie einen wichtigen Abschnitt in der Menschheitsent- 
wicklung. In der Mitte der vierten Unterrasse steigt zuerst das 
spirituelle Leben herab, da haben wir erst Initiierte des physischen 
Planes. Damit tritt etwas ganz Besonderes auf. Die friiheren 
Weltenlenker waren kama-frei, sie waren ohne Begierden, sie muft- 
ten alles Kamische durch die verschiedenen vorhergehenden Initia- 
tionsstufen bis zur spirituellen Initiation abstreifen. Solange es 
Priester im alten Sinne gab, solange konnte unmoglich etwas von 
Kama in die Weltenlenkung einflieften. Kama aber bewirkt Sonder- 
heit, Kama macht es moglich, daft die Menschen sich gegeneinander 
wenden. Fruher gab es auch Kampf und Streit, aber die Menschen 
waren noch nicht so weit, um Gutes und Boses einander gegen- 
iiberzustellen. Streit und Krieg unter den damaligen Menschen darf 
man nicht mit unseren heutigen Maftstaben messen, man muft sie 
mit demselben Mafte messen wie heute die Tierwelt. Man konnte 



nicht sagen, dafS etwas gut oder bose sei, ebensowenig wie ein 
Lowe oder ein Tiger gut oder bose ist. Das wirkliche Bose fing erst 
an, als Manas sich mit Kama verband, so dafi der Mensch durch 
Kama dirigiert wurde, und das fuhrte dazu, dafi die Menschen mit 
Bewufitsein gegeneinander kampften. 

Das ist in der Sage dadurch angedeutet, dafi bei der Vereheli- 
chung des Peleus mit der Meergottin Thetis alle Gotter anwesend 
sind, aber eine Gottin fehlt. Es fehlt Eris, die Gottin der Zwie- 
tracht, weil die Menschheit noch vor dem Stadium war, wo 
Kama sich mit Manas verband und die Sonderung entstand, durch 
die die Menschen sich in Gegensatz zueinander stellten. Nun aber 
erscheint die Gottin Eris; sie wirft einen Apfel unter die Gaste, 
welcher die Aufschrift tragt «der Sch6nsten», um Zwietracht her- 
beizufuhren. Damit ist Veranlassung gegeben zu dem erst inner- 
halb der funften Wurzelrasse auftretenden, unter voller menschli- 
cher Verantwortung stehenden Krieg. Erst von diesem Zeitpunkt 
an kann man von einem bewulken Wiiten der Menschen gegen- 
einander sprechen. 

Alles weitere im Mythos ist eine Ausgestaltung dessen, was hier 
begonnen hat. Die Schonste der Gottinnen soli den Apfel der Eris 
bekommen. Die drei Gottinnen Hera, Pallas Athene und Aphro- 
dite streiten um den Apfel. Die drei Gottinnen bedeuten verschie- 
dene Stufen des Seelenlebens auf den hoheren, spirituellen Planen. 
Jetzt aber soil nicht mehr auf dem spirituellen Plan, sondern auf 
dem physischen Plan entschieden werden. Deshalb wird Paris 
gerufen, der entscheiden soil vom physischen Plan aus. Hier liegt 
die eigentliche Crux, wo man es handgreiflich hat, worauf es an- 
kommt. Was mufi uns entgegentreten, wenn vom physischen Plane 
aus die Entscheidungen herbeigefuhrt werden? 

Als Manas zuerst auf dem physischen Plan auftrat, vermischte es 
sich mit Kama. Vorher waren die Menschen zwar auch kamisch, 
aber das hatte noch nicht die Bedeutung von gut und bose. Jetzt 
aber verbindet Manas sich mit Kama, und daher werden die Men- 
schen sich der Taten bewufit. Manas zieht in das ein, was der 
Mensch seiner niederen Natur nach ist. Die kamische Entwicklung 



hatte er sich schon auf dem alten Monde erworben. Das derbste 
Kamische ist von der Erde abgefallen mit dem Austria des Mondes 
und begleitet nun im Monde die Erde als Trabant. Der Mond ist in 
der Esoterik das Leitmotiv, das Merkzeichen der niederen Natur, 
fur das, was uns hinunterzieht, fur das, wohin wir kommen kon- 
nen, wenn wir selbst der niederen Natur verfallen. 

Es mu6 also das Verhangnisvolle in der Verbindung von Manas 
mit Kama wahrend der vierten Unterrasse darin bestehen, daft 
sich der Mensch, welcher Entscheidungen zu treffen hat, mit dem 
Kamischen, mit dem Mondprinzip, mit der Selene verbindet. Aus 
Selene ist der Name Helena entstanden. In der Verbindung des 
Paris mit der Helena haben wir die Ehe von Manas mit Kama in 
der vierten Unterrasse symbolisch ausgedriickt. An sich gerissen 
hat der auf dem physischen Plane befindliche Mensch das Mond- 
prinzip. Uberall konnen Sie das finden, wenn in der Esoterik vom 
«Mond» gesprochen wird. Damit, daft unmittelbar auf dem physi- 
schen Plan in bewuftter Art die ganze Verbindung geschaffen ist 
vom Manasprinzip mit dem Kamaprinzip, daraus entspringt der 
Krieg. Der Trojanische Krieg ist zugleich Symbol und Tatsache. Er 
hat wirklich stattgefunden; die wichtigsten Ereignisse des Trojani- 
schen Krieges spielten sich auf dem physischen Plan ab. Sie haben 
aber auch symbolische Bedeutung. Die Sage vom Trojanischen 
Krieg hat einen mystischen Inhalt, aber die Tatsachen sind auch 
aufterlich auf dem physischen Plan abgelaufen. 

Nun bitte ich, noch eines aufzufassen. Wenn die fiinfte Wurzel- 
rasse ihr Ende erreicht haben wird und die sechste Wurzelrasse im 
Aufgang sein wird, wird sich auf dem Gebiete des bewuftten Ver- 
standes ein Einfluft herausgebildet haben, der jetzt wahrend der 
fiinften Unterrasse noch sehr zuriicktritt, der sich aber bereits her- 
ausbildet. Es ist etwas, was vom Musikalischen ausgeht. Die Be- 
deutung der Musik wird in der fiinften Unterrasse immer mehr 
und mehr zum Ausdruck kommen. Die Musik wird nicht bloft 
Kunst sein, sondern Ausdrucksmittel werden fiir ganz andere Din- 
ge als rein Kunstlerische. Hier liegt etwas, was hindeutet auf den 
Einfluft eines ganz bestimmten Prinzipes auf den physischen Plan. 



Es werden auf dem Gebiete der Musik oder des Musik-Ahnlichen 
die bedeutsamsten Impulse von den Initiierten der funften Wurzel- 
rasse gegeben werden. Was einflieften mufi in die funfte Wurzelras- 
se, und zwar auf dem Gebiete des bewufken Verstandeslebens, das 
ist das, was man das Kundalinifeuer nennt. Das ist eine Kraft, die 
jetzt noch im Menschen schlummert, aber immer mehr und mehr 
Bedeutung gewinnen wird. Heute hat sie schon einen grofSen Ein- 
flufi, eine grofie Bedeutung in dem, was durch den Sinn des Geho- 
res wahrgenommen wird. Wahrend der weiteren Entwicklung in 
der sechsten Unterrasse der funften Wurzelrasse wird dieses 
Kundalinifeuer grofien Einflufi gewinnen auf das, was im mensch- 
lichen Herzen lebt. Das menschliche Herz wird wirklich jenes 
Kundalinifeuer in sich haben. Der Mensch wird dann durchdrun- 
gen sein von einer besonderen Kraft, die in seinem Herzen leben 
wird, so dafi er in der sechsten Wurzelrasse nicht mehr unterschei- 
den wird sein eigenes Wohl von dem Wohle der Gesamtheit. Der 
Mensch wird von dem Kundalinilicht so durchdrungen sein, dafi er 
das Prinzip der Liebe als seine ureigenste Natur haben wird. 

In der siebenten Unterrasse wird zwar die ganze grofie Mensch- 
heit in einem wahren Chaos sein, denn die Wurzelrasse wird dann 
nahe dem Untergange sein. Aber ein kleiner Teil der Menschen der 
siebenten Unterrasse werden die wahren Sonne des Kundalinifeuers 
sein. Sie werden durchdrungen sein mit alien Kraften des Kundalini- 
feuers; sie werden den Stoff abgeben zur nachsten Wurzelrasse, fur 
diejenigen, welche die Weiterentwicklung der Menschheit lenken. 
So steuert die funfte Wurzelrasse zu jenen Hohen, wo das gottliche 
Feuer, das Kundalinifeuer, mit heiligem Pathos das gottliche Prinzip 
im Innern der Menschen anfachen wird, so dafi nicht mehr der 
Mensch vom Menschen getrennt sein wird, sondern, soweit der den- 
kende Verstand reicht, eine Briiderlichkeit herbeigefiihrt sein wird. 
Dieses Feuer wird dereinst in den Menschen leben. Und in denjeni- 
gen Menschen, welche im Verlaufe der funften Wurzelrasse initiiert 
werden, lebt schon eine Andeutung dieses gottlichen Feuers, in dem 
die Kraft der Briiderlichkeit ist und das die Abgesondertheit der 
Menschen aufheben wird. Aber es arbeitet sich erst durch, es kommt 



erst in den Anfangen heraus, es ist noch verhiillt, verschleiert durch 
das, was die sondernden Leidenschaften der Menschen, die trennen- 
den Gewalten des Kama sind. Und da, wo es als Vorverkiinder einer 
kommenden Zeit im Einzelnen auftritt, nimmt es eine andere Ge- 
stalt, einen ganz anderen Charakter an. Auf dem Plane der Tau- 
schung ist das gottliche Feuer der gottliche Zorn. Erst dann, wenn 
die Briiderlichkeit die ganze Menschheit durchfluten wird, ist es die 
gottliche Liebe. Solange es aber im Einzelnen als Eifer sich geltend 
macht, ist es der gottliche Zorn, und er macht sich gerade dadurch 
als starke Gewalt im Einzelnen geltend, weil die iibrige Menschheit 
noch nicht reif ist. 

Dies driickt auch der initiierte Dichter - Homer heifit der «blin- 
de» Dichter, weil er innerlich schaut - in seiner Dichtung aus: 
«Singe, o Muse, vom Zorn mir, des Peleiden Achilleus». Das ist der 
gottliche Zorn, von dem der Dichter hier gleich am Anfange der 
Ilias spricht. In der Ilias wird das Ausleben des Kundalinifeuers auf 
dem physischen Plan dargestellt. Im Streit zwischen Agamemnon 
und Achilles flammt der Zorn als gottlicher Zorn auf. In der Sage 
vom Trojanischen Krieg wird dargestellt, wie der alte Priester- 
konigstaat abgelost wird durch weltliche Konigsherrschaft. Denn 
Troja ist ein Staat, in dem der Konig unter dem Einflufi der alten 
Priesterherrschaft steht. Er wird abgelost von dem Prinzip der 
weltlichen Klugheit. Das wird sehr schon dargestellt, wie es die 
weltliche Klugheit ist, die siegt. Odysseus, der listenreiche, siegt. Er 
ist der Initiierte der fiinften Unterrasse, der seine Initiation durch 
seine Wanderungen empfing. Die Spiritualitat der alten Priester 
wird abgelost von der Intellektualitat. Das wird auch ausgedriickt 
durch das Bild der Umklammerung des Laokoon durch die Schlan- 
gen. Die Schlangen, das Symbol der weltlichen Klugheit, umgarnen 
den Priester Laokoon, den Reprasentanten der alten Spiritualitat. 

Wenn Sie dies alles verfolgen, sehen Sie, daJft auch in der troja- 
nischen Sage nichts anderes festgehalten ist als ein welthistorischer 
Zusammenhang. In den Mysterien wurden solche Vorgange darge- 
stellt. In den alteren Mysterien, die den eleusinischen vorangegan- 
gen sind, wurde unter anderen gerade dieser wichtige Moment des 



Aufganges der vierten Unterrasse der fiinften Wurzelrasse dar- 
gestellt. Der Trojanische Krieg, der ja tatsachlich stattgefunden hat, 
wurde in den Mysterien schon dargestellt, bevor er stattgefunden 
hat. Fur denjenigen, der nicht bewandert ist in der Theosophie, ist 
das ja phantastisch. Es ist aber Mysterienprinzip, neben der Ver- 
gangenheit auch Vorgange der Zukunft darzustellen. Und weil sie 
Vorgange der Zukunft vorausnehmen, deshalb muftten sie auch 
geheimgehalten werden. Nicht um die Neugier der Menschen zu 
befriedigen, waren die Mysterien da, sondern diejenigen Menschen 
sollten daran teilnehmen, die berufen waren, mitumgestaltend an 
der Zukunft zu wirken. Sie sollten sich dort die Impulse fur ihre 
Aufgabe holen. Das ist der Sinn der Mysterien. 

Wenn daher jemand ein Mysterium verraten wurde, so wurde 
das bedeuten, da£ er dasjenige, was in der Zukunft geschehen soil, 
den Leuten offentlich sagen wiirde. Dadurch miifite er unbedingt 
bei seinen Mitmenschen Verwirrung anrichten. Nur einzelne Vor- 
geschrittene bekommen dazu die Impulse. Sie haben die Aufgabe, 
die Menschen langsam dahin zu bringen, wohin sie einst kommen 
sollen. Nur die wenigen reifen Menschen, die ihren Mitmenschen 
vielleicht fiinfhundert Jahre voraus sind, sind in der Lage, diese 
Geheimnisse zu ertragen und im Sinne der Mysterien zu wirken. 
Nehmen Sie einmal an, andere wiirden davon horen, dann wiirden 
sie das gleich herbeifiihren wollen, wofiir die Menschen noch nicht 
reif sind. Jedes Mysterium wird unter wesentlich veranderten Ver- 
haltnissen einmal offentliches Gemeingut. Alles wird zu einer be- 
stimmten Zeit offenbar werden. Der Geheimnischarakter liegt nur 
darin, dafi zunachst wenige Einzelne die Zukunft vorzubereiten 
haben; sie miissen die Lenker werden, um die anderen Menschen 
zu fiihren. 

Es gibt heute noch Geheimnisse, die erst in der sechsten Wur- 
zelrasse enthiillt werden konnen, wenn ganz andere Verhaltnisse 
der Briiderlichkeit herrschen werden, die jetzt noch nicht realisiert 
sind. Diejenigen, die etwas von diesen Tatsachen wufiten, hatten 
natiirlich eine furchtbare Angst, daft durch Unvorsichtigkeit etwas 
von den Mysterien verraten werden konnte. Es war friiher so, dafi 



auf Verrat der Mysterien die hochsten Strafen standen; in alten 
Zeiten war es die Todesstrafe. Nicht die eingeweihten Priester 
haben die Todesstrafe verhangt, sondern diejenigen, welche von 
aufien her etwas wufiten und nicht eingeweiht waren. Die Furcht 
vor dem Verrat der Mysterien fuhrte das tragische Ende so 
mancher Grofien herbei. Einem solchen Urteile fiel auch Sokrates 
zum Opfer, obgleich mit Unrecht. 



I 

RICHARD WAGNER IM LICHTE 
DER G E IS TE SWI S SENS C HAFT 



ERSTER VORTRAG 



Berlin, 28. Marz 1905 



Mythen sind von den groften Eingeweihten den Menschen mit- 
geteilte
…[truncated]