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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Die okkulten Wahrheiten
Griechische und germanische Mythologie
Richard Wagner
im Lichte der Geisteswissenschaft
Sechzehn Vortrage, gehalten in Berlin, Koln und
Niirnberg in den Jahren 1904, 1905 und 1907
(Horernotizen)
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
1999
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Horernotizen
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Helmuth von Wartburg
unter Mitarbeit von Ulla Trapp
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1999
Bibliographie-Nr. 92
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1999 by Rudolf Steiner-NachlaGverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-0920-7
2w den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofkn Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kunst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes).
Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, daft seine frei gehal-
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mit-
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft - schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miind-
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren.
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
lafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
fierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieret hat,
mufi gegemiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
mussen, da£ in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
I
GRIECHISCHE UND
GERMANISCHE MYTHOLOGIE
Erster Vortrag, Berlin, 24. Juni 1904
Gut und Bose
Die Ereignisse der physischen Welt als Schatten des geistigen
Geschehens auf hoherem Plane. Das Gute und das Bose als das der
Menschheitsentwicklung Entsprechende oder Nicht-Entsprechen-
de. Die Einfuhrung des Christentums unter Beriicksichtigung des
Entwicklungszustandes der betreffenden Volker. Der monotheisti-
sche Mohammedanismus, begriindet im Gegensatz zu den beste-
henden Religionsformen, aber in Ankniipfung an die aufkommen-
de Naturwissenschaft. Nachwirkung der alten atlantischen Tao-
Kultur in der chinesischen Religion; der Schamane Attila als un-
zeitgemafier Reprasentant jener Kultur.
Zweiter Vortrag, 1. Juli 1904
Lesen in der Akasha-Chronik. Wolfram von Eschenbach
Eine Vorbedingung fur das Lesen in der Akasha-Chronik: Die
Fahigkeit zur Ausschaltung des Ich im DenkprozelS. Das Uben
dieser Fahigkeit durch die mittelalterlichen Monche. Wolfram von
Eschenbach als inspirierter Dichter. Der Ubergang zur wissen-
schaftlichen Betrachtung der physischen Welt durch Kopernikus.
Die Bedeutung der «Meister» und ihrer Sendboten. Der okkulte
Sinn der Lohengrin-Sage und ihre Darstellung durch Richard
Wagner.
Dritter Vortrag, 8. Juli 1904
Sakramentalismus. Dadalus und Ikarus
Die Bedeutung der Sagen von Dadalus und Ikarus, von Talos und
von Theseus. Die Griindung Roms und die sieben romischen
Konige. Das Wesen des Sakramentalismus. Die Entstehung und
die sakramentale Wirksamkeit des Feuers.
VlERTER VORTRAG, 15. Juli 1904
37
Germanische Mythologie
Die Bedeutung der nordischen und der keltischen Mythologie.
Von der Geschlechter-Vermischung zur Zeit der Hyperboraer,
Lemurier und Atlantier. Die drei nordischen Initiierten Wotan,
Wili und We. Vom Sinn der nordischen Mythen. Niflheim und
Muspelheim. Der keltische Beitrag: Die Sage von Konig Artus und
seiner Tafelrunde und von dem Zauberer Merlin. Loki als Gott der
Begierden, und Hagen, der von ihm inspirierte Mensch. Das Hin-
fiihren zum Personlichen, gezeigt am Beispiel der Liebe. Wolfram
von Eschenbach als Eingeweihter und seine Darstellung der Parzi-
val-Sage. Die Verbindung des germanischen Elementes mit dem
Christentum.
Funfter Vortrag, 22. Juli 1904 45
Reinkarnation
Die indische Lehre von der Wiederverkorperung in Tierleibern.
Die Fabel von Buddha als Hase. Von der Bedeutung der Fabeln als
Vorbereitung zum Empfangen der Geisteswissenschaft in einer
spateren Inkarnation. Die Entwicklung des Menschen von der
ersten bis zur vierten Runde. Das Zuriicklassen von Mineral,
Pflanze und Tier auf niedrigerer Daseinsstufe und ihr Heraufheben
auf eine hohere Stufe durch den Menschen.
Sechster Vortrag, 30. September 1904 53
Die Mysterien der Druiden und Drotten
Drotten oder Druiden als uralte germanische Eingeweihte. Die
drei Einweihungsstufen. Die Edda als Erzahlung dessen, was sich
in den alten Drottenmysterien wirklich ereignet hat. Die Druiden-
priester als Menschheitsbauer; ein schwaches Abbild davon in den
Anschauungen der Freimaurer.
Siebenter Vortrag, 7. Oktober 1904 59
Die Prometheus-Sage
Die exoterische, allegorische und okkulte Deutungsmoglichkeit
der Sagen. Die Deutung der Prometheus-Sage als Mysteriendar-
stellung der nachatlantischen Menschheitsgeschichte. Die lemuri-
sche, atlantische und nachatlantische Zeit. Die Erfindung des Feu-
ers und Prometheus als Reprasentant der nachatlantischen Zeit.
Der Gegensatz der kama-manasischen Denkart des Epimetheus
und der manasischen des Prometheus, des in Weisheit und Tat
eingeweihten Fiihrers der nachatlantischen Menschheit.
Achter Vortrag, 14. Oktober 1904
Die Argonauten-Sage und die Odyssee
Der erste Impuls fiir die Entwicklung des Intellekts in der funften
atlantischen Kultur; dieser Impuls erneuert in der griechischen
Kultur. Das Streben der griechischen Philosophen nach Weisheit
ohne Liebe. Das Erhalten der von Liebe durchtrankten Weisheit in
den griechischen Mysterien. Der Ausdruck dieses Kampfes in der
Argonauten-Sage. Die einzelnen Ziige der Odysseus-Sage als Bil-
der fiir die Einweihungsschritte der Schuler in den griechischen
Mysterien.
Neunter Vortrag, 21. Oktober 1904
Die Siegfried-Sage
Die Erwartungsstimmung der nordischen Volker in der Zeiten-
wende. Das strenge Behiiten der Mysteriengeheimnisse und das un-
gerechtfertigte Todesurteil gegen Sokrates. Die Lehre vom Tod, der
zum wahren Leben fiihrt — bei den alten Germanen und bei Buddha.
Die Druiden-Einweihung. Siegfried, der Vorbereiter des Christen-
tums. Einzelne Ziige der Siegfried-Sage und ihre Bedeutung.
Zehnter Vortrag, 28. Oktober 1904
Der Trojanische Krieg
Bis zum Beginn der nachatlantischen Zeit waren die Menschheits-
fiihrer «Manus», ubermenschliche Wesen mit einer geistigen Ent-
wicklung auf anderen Planeten. Von der sechsten Wurzelrasse an
konnen auch Menschen zu Manus werden. Die Ablosung der
Priesterherrschaft durch die Konigsherrschaft, dargestellt in der
Sage vom Trojanischen Krieg. Weitere Ziige dieser Sage als Bilder
fiir den Abstieg der Menschheit auf den physischen Plan. Die
Geheimhaltung der Mysterien.
II
RICHARD WAGNER IM LICHTE
DER GEISTESWISSENSCHAFT
Erster Vortrag, Berlin, 28. Marz 1905
Die Fiihrung der Menschheit durch die grofien Eingeweihten; ein
Beispiel ihrer Wirksamkeit in Jakob Bohme. Richard Wagners
Bestreben, durch die Gestaltung der Mythen im Gesamtkunstwerk
die Menschheit xiber das Versinken im Materialismus herauszu-
heben. Sein Ankniipfen an Sagen iiber Karl den Grofien und
Friedrich Barbarossa. Die bildhafte Darstellung des Ubergangs
von der alten Hellseher-Kultur zur Erringung von Verstand und
Selbstbewufksein in den Musikdramen Richard Wagners.
Zweiter Vortrag, 5. Mai 1905
Der Ubergang vom alten astralen Hellsehen zur verstandesmafii-
gen Weisheit. Die bildhafte Darstellung dieses Geschehens in den
altgermanischen Sagen und in einzelnen Ziigen von Wagners «Ring
des Nibelungen», Die vierfache Einweihung Wotans. Loki und
Baldur als Reprasentanten des Monden- und des Sonnenreiches.
Dritter Vortrag, 12. Mai 1905
Vier vorbereitende Epochen in der nordisch-germanischen Ent-
wicklung, entsprechend den vier Kulturepochen im Mittelmeer-
raum. Die Geburt des Ich in der funften Epoche. Die Darstellung
dieses Geschehens in der Tetralogie von Richard Wagner. Einzelne
Ziige dieser Darstellung und ihre esoterische Bedeutung. Das
Problem der Zweigeschlechtlichkeit, erlebt in «Tristan und
Isolde*. Die Uberwindung dieses Problems in der christlichen
Liebe. Hinweis auf «Parsifal».
Vierter Vortrag, 19. Mai 1905
Richard Wagners Verhaltnis zur Mystik. Sein Dramen-Entwurf
«Der Sieger». Das Motiv der sich opf ernden Jungfrau in Hartmann
von Aues «Der arme Heinrich» und in Richard Wagners Dramen.
Das Tannhauser-Motiv. Der Kulturimpuls der Ursemiten. Die
Parsifal-Sage bei Wolfram von Eschenbach und bei Richard
Wagner. Der Impuls fur eine zukiinftige Wiedervereinigung von
Kunst, Religion und Wissenschaft im Werk Richard Wagners.
Vortrag Koln, 3. Dezember 1905
Parzival und Lohengrin
Die Uberwindung der Druiden-Religion durch das Christentum,
erlebt im Fallen der Donar-Eiche durch Bonifatius. Der tragische
Zug in den Sagen urn Siegfried. Friedrich Barbarossa und die Suche
nach dem heiligen Gral. Parzival als der Eingeweihte des Gral. Sein
Sohn Lohengrin als Begriinder der Stadtekultur.
Offentlicher Vortrag, Niirnberg, 2. Dezember 1907. . 158
Richard Wagner und sein Verhaltnis zur Mystik
Richard Wagner als wahrer Mystiker. Seine Auffassung der Musik
als Offenbarung aus einer anderen Welt. Die Spharenmusik als
geistige Wirklichkeit. Wagners Idee vom «Gesamtkunstwerk». Der
Ubergang vom hellseherischen Bewulksein der alten Atlantier zum
Verstandes- und Ich-Bewufksein der neueren Zeit. Der Beginn des
«Rheingold». Das leidenschaftlose, pflanzenartige Bewufitsein des
adantischen Menschen und die zukunftige Riickkehr zu diesem
BewuEtseinszustand auf hoherer Stufe.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 181
Hinweise zum Text 182
Personenregister 193
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 195
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 197
I
GRIECHISCHE UND
GERMANISCHE MYTHOLOGIE
ERSTER VORTRAG.
Berlin, 24. Juni 1904
Gut und Bose
Ich mochte heute an die Dinge ankniipfen, die ich vor vierzehn
Tagen besprochen habe. In der nachsten Zeit werden wir vielleicht
auch Gelegenheit haben, iiber die Amsterdamer Erlebnisse zu spre-
chen. Heute mochte ich aber sprechen iiber einige konkrete Dinge,
die in unseren physischen Plan hereinreichen - was wir neulich
schon begonnen haben.
Schon oft habe ich betont, daft die Ereignisse, die in unserer
physischen Welt vor sich gehen, nichts anderes sind als eine Art
Schattenreflexe dessen, was auf den hoheren Planen vor sich geht.
Fur den Okkultisten ist es klar, daft er die Ereignisse in der phy-
sischen Welt nur dann verstehen kann, wenn er weifi, was auf den
iibersinnlichen Planen vor sich geht. Dem Okkultisten, der Ein-
blick in die hoheren Plane hat, erscheint es so, als ob die Menschen
gezogen wiirden an Faden, die von den hoheren Planen ausgehen.
Es konnte scheinen, als ob das eine Beeintrachtigung der mensch-
lichen Freiheit ware. Ich mochte aber heute zeigen, daft das nicht
der Fall ist. Einige Beispiele mdgen uns zeigen, wie die hoheren
Plane auf uns einwirken.
Da muft ich zunachst zuriickgreifen auf etwas, was ich schon
friiher gesagt habe: daft es im Grunde genommen ein absolutes
Gutes und ein absolutes Boses nicht gibt. Das Bose ist nur eine Art
«versetztes» Gutes. Wenn etwas geschehen ist, sagen wir in der
lunarischen Entwicklungsepoche, die unserer Epoche vorangegan-
gen ist, und es hat sich davon etwas fortgepflanzt in unsere Ent-
wicklung hinein, dann erscheint das in der jetzigen Zeit als depla-
ciert. Es war gut wahrend der Mondepoche, aber es erscheint uns
bose wahrend der irdischen Epoche. Wahrend der Mondepoche
konnte jemand die Aufgabe haben, die Triebe in einer harmoni-
schen Weise zu organisieren; diese Tatigkeit war aber abgeschlos-
sen, als die Mondepoche beendet war. Die Aufgabe der irdischen
Epoche besteht nun darin, vom Manas aus die Triebe wiederum zu
beherrschen. Wiirde heute jemand die Triebe so leben, wie der Pitri
sie hat leben miissen, so wiirde er in unserer Epoche ein boser
Mensch sein, wahrend er in der lunarischen Epoche ein Weiser
gewesen war.
Man macht sich gewohnlich nicht Gedanken dariiber, was sol-
che Ereignisse zu bedeuten haben wie zum Beispiel das Auftreten
Mohammeds, des Begriinders der mohammedanischen Religion, im
sechsten und zu Anfang des siebenten Jahrhunderts.
Man mull sich dazu vorstellen, daft zunachst das Christentum
sich bemiiht hat, in die verschiedenen anderen Religionsformen
hineinzuwachsen. Zunachst sehen wir ja nur eine kleine Juden-
gemeinde in Palastina; diese ist auch recht klein geblieben. Ein
solches Prinzip, wie es die christliche Lehre birgt, lassen sich die
Volksseelen nicht leicht aufdrangen. Der Apostel Paulus fand den
Weg zu den Heiden, indem er zunachst die Gedanken der Heiden
so gelassen hat, wie er sie vorfand, und die heidnischen Religions-
formen dann benutzte, um die christliche Essenz hineinzugiefien.
In den siidlichen Gegenden Europas wurde der Mithrasdienst ge-
pflegt; er war ahnlich dem heutigen Mefiopfer. Die Heiden dort
nahmen das Christentum an, weil man ihnen das ihnen liebgewor-
dene Mithrasfest liefi. So ahnlich war es auch bei den Germanen
mit dem Fest, das als Weihnachtsfest zum christlichen Symbol
wurde. Ihre geheiligten Ahnen wurden als christliche Heilige auf-
genommen. Dadurch ist das Christentum in immer neue Gebiete
und Volkerschaften hineingewachsen. Es war die Anpassungsfahig-
keit des Christentums, die das ermoglichte. Die christliche Religion
dehnte sich immer mehr aus; wegen dieser Vielgestaltigkeit brauch-
te sie aber auch einen machtigen Zentralpunkt: das ist das romische
Papsttum. Alle Schaden, die spater durch das Christentum hervor-
gebracht worden sind, sind mit dieser weltgeschichtlichen Mission
des Papsttums verkniipft.
Die semitischen Volker mufken anders angefalk werden. Das tat
Mohammed. Er hat einen ersten grofien Lehrsatz aufgestellt, in
dem er sagte: Alle Gotter aufier dem Einen sind keine Gotter. Nur
derjenige, den ich euch lehre, ist der einzige Gott. - Dieser Lehr-
satz kann nur verstanden werden als Opposition zum Christentum.
Von Anfang an hatte bei der Eroberung des physischen Planes das
Christentum die Aufgabe, bis in die menschliche Personlichkeit
hinein zu wirken; es baut nicht auf alte Krafte auf, sondern es will
durch Manas wirken.
Wir sehen, dafi im Mohammedanismus jetzt in bewufiter Wei-
se nicht mehr angekniipft werden soli an die alten, noch spiri-
tuellen Religionsformen des Heidentums, sondern es soil nur
noch durch die physische Wissenschaft der richtige Weg gefun-
den werden, um den physischen Plan zu erobern. Wir sehen, wie
diese physische Wissenschaft die Heilkunst ergreift, die ausging
von Arabien und die sich dann spater ausgebreitet hat in andere
Lander. Die arabischen Arzte gingen lediglich vom physischen
Plan aus, anders als die Heiler bei den alten Agyptern, bei den
Druiden und selbst bei den alten Germanen. Alle diese waren
dadurch zu ihrem Heilberuf gekommen, dafi sie durch Askese
und andere Ubungen ihre psychischen Krafte ausgebildet hatten.
Heute noch sehen wir Ahnliches in den Praktiken und Vorgan-
gen des Schamanismus, nur sind dieselben heute degeneriert.
Also psychische Krafte wurden bei diesen friihen Heilern ausge-
bildet. Mohammed fuhrte diejenige Heilkunst ein, welche ihre
Heilmittel nur aus dem physischen Plan selbst nimmt. Diese
Heilkunst wurde da ausgebildet, wo man von spirituellen Wesen-
heiten nichts wissen wollte, sondern nur von einem einzigen
Gott. Alchimie und Astrologie im alten Sinne wurden ab-
geschafft und zu neuen Wissenschaften gemacht: Astronomie,
Mathematik und so weiter. Diese sind spater auch zu den Wis-
senschaften des Abendlandes geworden. In den Arabern, die nach
Spanien kamen, sehen wir auf dem physischen Gebiete gebildete
Manner, vor allem Mathematiker. Die wirklichen Anhanger die-
ser Richtung sagten: Ehrerbietig verehren wir das, was in Pflan-
ze, Tier und so weiter lebt, aber der Mensch soil das nicht nach-
stumpern, was nur Gott allein zu schaffen berufen ist. - Daher
finden wir in der maurischen Kunst auch nur Arabesken, For-
men, die nicht einmal Pflanzenform haben, sondern die nur
phantasiegestaltet sind.
Die griechische Macht ist von Rom abgelost worden, aber die
griechische Bildung ist auf die Romer iibergegangen. Die Araber
haben das, was sie haben, von Mohammed erhalten. Mohammed
fuhrte die Wissenschaft ein, die nur von den Gesetzen des phy-
sischen Planes durchzogen ist. Die christlichen Monche bekamen
Anregungen von den Mauren. Zwar wurden die Mauren durch
politische Macht zuriickgeschlagen, aber der Monotheismus, der
eine Vertiefung der physischen Wissenschaft mit sich bringt, ist
durch die Mauren nach Europa gekommen und hat zu einer
Reinigung des Christentums von allem Heidnischen gefuhrt.
Durch das Christentum wurde das Geftihlsleben der Menschen
bis zum Kama-Manas hingefuhrt. Durch den Mohammedanismus
wurde der Verstand, der Geist, heruntergefuhrt vom spirituellem
Leben zum abstrakten Auffassen der rein physischen Gesetze.
Durch verschiedene Stufen muEte diese physische Wissenschaft
gehen, um die Stufe, die sie jetzt einnimmt, sich zu erarbeiten. Sie
mufke durch die Wissenschaft der Vedenpriester und alle folgen-
den Stufen hindurchgehen bis zu den Errungenschaften unser heu-
tigen Zeit. Schon bei den Atlantiern war manches davon erreicht,
wenn auch durch psychische Krafte. Seit der atlantischen Zeit hat
sich dieses Hinlenken auf physische Gesetze vorbereitet.
Die Chinesen sind ein Rest der atlantischen Rasse der Mongo-
len. Wenn wir bei den Chinesen das Wort TAO horen, so ist das
fur uns etwas schwer Verstandliches. Die damaligen Mongolen
hatten einen Monotheismus ausgebildet, der bis zur psychischen
Greifbarkeit, bis zum Fiihlen des Geistigen ging, und wenn der alte
Chinese, der alte Mongole, das Wort TAO aussprach, so fuhlte er
das beim Aussprechen. TAO ist nicht «der Weg», wie das gewohn-
lich iibersetzt wird, es ist die Grundkraft, durch die der Atlantier
noch die Pflanzen verwandeln konnte, durch die er seine merkwur-
digen Luftschiffe in Bewegung setzen konnte. Diese Grundkraft,
die man auch «Vril» nennt, hat der Atlantier iiberall genutzt, und
er nannte sie seinen Gott. Er fuhlte diese Kraft in sich, sie war ihm
«der Weg und das Ziel». Daher hat jeder Mongole sich als ein
Werkzeug in der Hand der grofien Vril-Kraft betrachtet.
Dieser Monotheismus der Atlantier ist geblieben bei denjenigen
Rassen, welche die grofie Flut iiberlebt haben. Von dieser Reli-
gionsform, die aber noch geistig war, ging die fiinfte Wurzelrasse
aus. Diese alten spirituellen Religionsformen der Anbetung eines
einheitlichen Gottes arteten aber nach und nach zum Polytheismus
aus. Der Monotheismus war nur noch bei den hochstentwickelten
Priestern vorhanden. Am Anfange des Christentums verhielten
sich die Monche schlau: Baldur, so sagten sie, sei in Palastina
Mensch geworden. - In den friihen Jahrhunderten wiirde man ein
mit Heidnischem bunt gemischtes Christentum gefunden haben,
auch noch im arianischen Christentum. Diese Entwicklung erfolgte
in der Zeit, als ein besonders lebhaftes Aufglimmen des religiosen
Gefiihls in den alten mongolischen Rassen durch hochentwickelte
Schamanen veranlafk wurde. Wir sehen als Reaktion auf den Poly-
theismus einerseits das Heraufkommen einer neuen Einheitsreli-
gion in Arabien durch Mohammed. Auf der anderen Seite sehen
wir, etwas friiher, sich erheben einen initiierten Schamanen in sei-
nem TAO-Bewufksein, der sich zum Racher macht gegeniiber den-
jenigen, die abgef alien sind von der alten monotheistischen Gottes-
idee. Attila wurde «Gottesgei£el» genannt. Wir sehen ringsum in
seinem Reich die von ihm abgesetzten Fiirsten in Pracht und Prunk
leben, er aber, der Schamane, lebt in grolker Einfachheit. Von ihm
wird gesagt, dafi seine Augen gliihten und der Erdball erzitterte,
wenn er sein Schwert erhob. Dieser grofie Initiierte hatte seine
voile Berechtigung gehabt in der atlantischen Zeit; in unserer heu-
tigen Zeit wiirde er sich ausnehmen wie ein Verbrecher. Dieselbe
Kraft, die zu ihrer Zeit Ausdruck des gottlichen Feuers ist, er-
scheint in einer anderen Zeitperiode als gottlicher Zorn. Warum
geschieht so etwas? Es ist notig, um uberhaupt eine Weiterentwick-
lung moglich zu machen. Wenn die Entwicklung weitergebracht
werden soil, mussen sich - vom hoheren Plan aus gesehen - die
einzelnen Faden wieder harmonisch ineinanderschliefien.
Wir hatten auch von den Druidenpriestern gesprochen, die das
Volk durch Marchen und Mythen belehrt hatten. Sie waren zu-
gleich Heiler, Priester, Astrologen; sie hatten inspirierte Kenntnis-
se. Als das keltische Element abgelost wurde von den germanischen
Stammen, trat auch der Glaube an die alte Form der Inspiration
zuriick. Dem Mann wurde die Eroberung des physischen Plans
anvertraut; er wurde Krieger. Die intuitive und produktive Kraft
tritt uns im Weiblichen entgegen. Die Frau wurde Priesterin, die zu
gleicher Zeit Heilerin war, zum Beispiel die Weleda. Alle Heilkunst
war damals in den Handen der Frau; der Mann wurde hinausge-
drangt auf den aufieren, physischen Plan. Auch in der Zeit der
Merowinger und Karolinger treffen wir dies noch an. Erst durch
die von den Monchen bei den Mauren erlernte Wissenschaft wurde
dann das spirituelle Element immer mehr verdrangt. Und vom 16.
bis zum 19. Jahrhundert nahm die materielle Denkweise immer
mehr zu. Die psychischen Heiler weichen; sie kommen in Mifi-
kredit und werden als Zauberer oder Hexen verachtet. Damit hangt
zusammen der Verlust der Fahigkeit, iiberhaupt mit psychischen
Mitteln heilend zu wirken; die Heilung auf diesem Wege ist nicht
mehr so wirksam. Paracelsus besafi diese Fahigkeiten noch voll-
kommen.
Das hangt zusammen mit dem Ubergang der Fiihrung der
Menschheit von einem Dhyan Chohan hoherer Art zu einem an-
deren Dhyan Chohan. Den heilenden Dhyan Chohan nennt die
christliche Esoterik «heiliger Michael», das ist der Erzengel, wel-
cher den psychischen Idealismus des Menschen lenkt. Der Mensch
wird erst dadurch frei, daft er sich bekanntmacht damit, dafi alles,
was auf dem physischen Plane passiert, von hoheren Kraften be-
wirkt ist. Er muft in ein Schulerverhaltnis zu dem Erzengel Michael
kommen.
Zwei Wesenheiten spielten im Alten Testament eine Rolle: Der
fiihrende Geist; er ist harmonisch. Disharmonisch ist Beelzebub,
auch ein Dhyan Chohan - er ist der Fiihrer aller Disharmonie auf
dem physischen Plan; ihn mufi man verstehen, um zu wissen, war-
um eine Form zerstorend auf die andere wirken kann. Seit dem
16. Jahrhundert sind die Scharen des Beelzebub gegeniiber den
Scharen des Michael ins Ubergewicht gekommen. Mammon ist der
Gott der Hindernisse, welcher den Menschen zuriickhalt, seinen
geraden Weg zu verfolgen. Es ware deplaciert, wenn sich das
fortsetzen wiirde in das nachste Jahrhundert.
Alle physischen Ereignisse sind Schatten iibersinnlicher Ereig-
nisse. Der Kampf zwischen den spirituellen Kraften und dem
Materialismus ist ein Widerschein des Kampfes zwischen den Scha-
ren des Beelzebub und des Mammon gegen Michael. Dieser Kampf
mufite erst ausgefochten werden auf hoheren Planen; er ist dort vor
dreifiig Jahren entschieden worden fur Michael, und der jetzige
Kampf hier auf dem physischen Plan ist davon ein Widerschein.
Oben ist der Kampf entschieden, fur den einzelnen Menschen aber
ist der Kampf noch nicht ausgefochten. Wenn die Menschen von
heute ihm nicht gewachsen sind, miissen wir alle untergehen und
neue Menschen mtilken kommen. Damit ist der Weg gezeigt, die
Stelle, an der der einzelne Mensch heute einzutreten hat.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 1. Juli 1904
Lesen in der Akasba-Cbronik
Wolfram von Eschenbach
Nachdem ich am vorigen Freitag schon verschiedenes Esoterisches
vorausgeschickt habe, wird Ihnen das, was ich heute zu sagen habe,
nicht mehr so fremd erscheinen. Ich mochte namlich ein Snick der
Geschichte der letzten Jahrhunderte aus der Akasha-Chronik ab-
handeln. Sie wissen, daft alle Ereignisse, welche geschehen sind, in
einer gewissen Weise aufgezeichnet sind in einer ewigen Chronik,
in dem Akasha-Stoff, der ein viel feinerer Stoff ist als die Stoffe,
welche wir kennen. Sie wissen, daft alle Ereignisse der Geschichte
und Vorgeschichte in diesem Stoff aufgezeichnet sind. Das, was
man gewohnlich in der theosophischen Sprache die Akasha-Chro-
nik nennt, sind aber nicht die urspriinglichen Aufzeichnungen,
sondern es sind Abspiegelungen der eigentlichen Aufzeichnungen
im astralen Raum. Um diese lesen zu konnen, sind gewisse Vor-
bedingungen notwendig, von denen ich Ihnen wenigstens eine
angeben will.
Um in der Akasha-Chronik lesen zu konnen, ist es notwendig,
daft man seine eigenen Gedanken den Kraften und Wesenheiten zur
Verfugung stellt, die wir in der theososphischen Sprache die
«Meister» nennen. Die Meister mussen uns die notigen Anweisun-
gen geben, um in der Akasha-Chronik lesen zu konnen, die
geschrieben ist in Symbolen und Zeichen, nicht in Worten irgend-
einer bestehenden Sprache oder einer, die friiher bestanden hat.
Solange man die Kraft noch anwendet, die der Mensch beim ge-
wohnlichen Denken anwendet - und jeder Mensch, der nicht aus-
drucklich gelernt hat, sein Ich bewuftt auszuschalten, wendet diese
Kraft an -, solange kann man nicht in der Akasha-Chronik lesen.
Wenn Sie sich fragen: Wer denkt? -, so werden Sie sich sagen mussen:
Ich denke. - Sie verbinden Subjekt und Pradikat miteinander, wenn
Sie einen Satz bilden. Solange Sie selbst die einzelnen Begriffe mitein-
ander verbinden, sind Sie nicht imstande, in der Akasha-Chronik
zu lesen, weil Sie Ihre Gedanken mit dem eigenen Ich verbinden.
Sie miissen aber Ihr Ich ausschalten; Sie miissen verzichten auf
jeden Eigen-Sinn. Sie miissen lediglich die Vorstellungen hinstellen
und die Verbindung der einzelnen Vorstellungen durch Krafte
aufterhalb Ihrer selbst durch den Geist herstellen lassen. Es ist also
der Verzicht notwendig - nicht auf das Denken wohl aber darauf,
von sich aus die einzelnen Gedanken zu verbinden. Dann kann der
Meister kommen und Sie lehren, durch den Geist von aufien Ihre
Gedanken zusammenfugen zu lassen zu dem, was der universelle
Weltengeist iiber Ereignisse und Tatsachen, die in der Geschichte
sich vollzogen haben, zu zeigen vermag. Wenn Sie nicht mehr
urteilen iiber die Tatsachen, dann spricht zu Ihnen der universelle
Weltengeist selbst, und Sie stellen ihm Ihr Gedankenmaterial zur
Verfugung.
Nun mufi ich iiber etwas sprechen, was vielleicht Vorurteile
erwecken wird. Ich mull etwas sagen, was eine gute Vorbereitung
ist, um zur Ausschaltung des eigen-sinnigen Ich zu kommen und
dadurch in der Akasha-Chronik lesen zu lernen. Sie wissen, wie
heute das verachtet wird, was die Monche im Mittelalter gepflegt
haben: sie haben das Opfer des Intellektes gebracht. Der Monch
hat nicht so gedacht wie der heutige Forscher. Der Monch hatte
eine bestimmte heilige Wissenschaft, die geoffenbarte heilige Theo-
logie, deren Inhalt gegeben war, iiber den man nicht zu entscheiden
hatte. Der Theologe des Mittelalters hat seinen Verstand dazu ge-
braucht, die gegebenen Offenbarungen zu erklaren und zu vertei-
digen. Das war - wie man sich auch heute dazu stellen mag - eine
strenge Schulung: die Hinopferung des Intellektes an einen gegebe-
nen Inhalt. Ob das nun nach modernen Begriffen etwas Vorziig-
liches oder etwas Verwerfliches ist, davon wollen wir absehen. Die-
ses Opfer des Intellektes, das der Monch brachte, die Ausschaltung
des von dem personlichen Ich ausgehenden Urteils, das fiihrte ihn
dazu zu lernen, wie man den Gedanken in den Dienst eines Hohe-
ren stellt. Bei der spateren Wiederverkorperung kommt dann das,
was damals durch dieses Opfer hervorgebracht wurde, zur Auswir-
kung und befahigt den Betreffenden zu selbstlosem Denken und
macht ihn zu einem Genie des Anschauens. Kommt das hohere
Schauen, die Intuition dazu, dann kann er diese Fahigkeiten darauf
anwenden, die Tatsachen in der Akasha-Chronik zu lesen.
Es ist ganz besonders interessant, jenen Zeitraum in der geisti-
gen Entwicklung Europas, den wir vor acht Tagen betrachtet
haben, noch einmal von diesem Gesichtspunkt aus darzustellen, ich
meine die Zeit vom 9. bis zum 13., 14., 15. Jahrhundert. Wenn man
diese Selbstlosigkeit in bezug auf den Gedankeninhalt erreicht hat
und damit vereinigt den richtigen Sinn fur Verehrung, fur Devo-
tion, wie ihn auch der Mystiker haben mufite, dann nimmt sich die
Zeit, wo grofie Geister in der Weltgeschichte auftreten, oft ganz
anders aus als in der profanen Geschichtsschreibung. Wenn man
diesen Zeitraum in der Akasha-Chronik betrachtet, dann haftet
unser Blick an einer grofien Gestalt, die uns liber jene Zeit un-
geheuer viel lehren kann, eine Gestalt, die sich dem Beobachter als
groft und die sich dem Okkultisten noch gewaltiger darstellt als
dem gewohnlichen Forscher: Wolfram von Eschenbach.
Wolfram von Eschenbach hat deutsche, romanische und spani-
sche Sagen bearbeitet. Er gehort zu den grofien initiierten Dich-
tern, die selbstlos genug waren, grofie gegebene Stoffe zu bearbei-
ten, und die nicht geglaubt haben, selbst Stoffe erfinden zu miissen.
Die grofien Dichter wie Homer, Sophokles, Euripides, Aeschylos
haben niemals nach Stoffen suchen miissen. Zu diesen groften
Dichtern gehort auch Wolfram von Eschenbach. Er stellt uns in
seinen Werken die innere Geistesgeschichte der Zeit vom 9. bis
zum 15. Jahrhundert dar, die sich aufierlich als die Vorbereitungs-
zeit unserer neuen Zeit darstellt, in welcher, wie wir gesehen
haben, vorzugsweise alles das studiert wird, was zur aufieren Sin-
neswelt gehort. Das beginnt mit Kopernikus. Die Menschen fingen
an, den physischen Plan ernstzunehmen, nicht wie die fruheren als
Symbol fur die hoheren Plane. Die Weltanschauung der Alten war
nicht eine falsche, sondern ein solche Weltanschauung, die von
einem anderen Gesichtspunkt ausging: sie betrachtete die Erschei-
nungen der aufieren Welt als Symbole fur devachanische Zustande.
Kopernikus sagte, wir wollen die physische Welt nicht mehr als
Symbol betrachten, sondern wir wollen die physische Welt selbst
betrachten. - Selbstverstandlich wurde dadurch das gesamte Welt-
bild der Menschen ein anderes. Es wurde in dieser Zeit vorbereitet
die Hinlenkung auf das Praktisch-Physisch-Materielle. Die fruhe-
ren Kulturen, bei denen unser physisches Leben abhangig war von
Traditionen und Autoritaten, gingen iiber in eine solche, wo es auf
personliche Tuchtigkeit ankommt. Der Sohn eines Bauern hatte
fruher Geltung, weil er der Sohn eines Bauern war, der Sohn eines
Ritters erbte die Rechte seiner Vater. Das anderte sich in dieser
Zeit. Es ist dies die Zeit der Stadtegriindungen. Uberall stromte das
Volk vom Lande zusammen und griindete Stadte; das Biirgertum
kam hoch, praktische Erfindungen tauchten auf: die Taschenuhr,
die Buchdruckerkunst wurden erfunden. Das ist aber nur der
auftere Aspekt der Sache. Es wurden die Seelen hingelenkt auf das
Praktische der Wissenschaften, wie sich das zeigt an Kopernikus,
was dann in der Aufklarungszeit und politisch in der Fran-
zosischen Revolution weiter ausgebildet wurde. Der Handelsstand
pflegte die praktischen Interessen, personliche Tuchtigkeit war
notwendig. Es war nicht mehr so wichtig, ob man von diesem oder
jenem Mann abstammte. Fiir denjenigen, der in der Akasha-Chro-
nik die Dinge verfolgt, stellt sich die Sache so dar, dafi das, was auf
dem physischen Plane geschieht, gelenkt wird von den hoheren
Planen aus. Die fiihrenden Geister sind beeinflufit von Initiierten,
die auf den hoheren Planen arbeiten. Geniale Personlichkeiten
fiihren hinauf zu Wesenheiten, die hinter den Kulissen arbeiten,
bis hinauf zu der weifien Loge. Der physische Aspekt ist nur die
Aufienseite. Die Innenseite ist die Arbeit der hochsten Initiierten
der weifien Loge und ihrer Sendboten, die hinausgehen in die Welt.
Diese okkulte Hierarchie mochte ich kurz charakterisieren. Wir
haben da solche Wesenheiten, die sich nie sehen lassen: die Meister.
Fiir die Menschen auf dem physischen Plan sind sie zunachst nicht
wahrnehmbar. Unter diesen stehen Chelas, Geheimschiiler, die es
ubernehmen, die grofien Auftrage der Meister hinauszutragen auf
den physischen Plan. Die ersten, die da unterrichten, nennt man
«Hamsas», das heilk «Schwane». Diejenigen Chelas, die man «hei-
matlose Menschen» nennt, werden so genannt, weil sie ihre Heimat
nicht in dieser Welt haben, sondern auf hoheren Planen wurzeln.
Sie geben den Menschen den Unterricht, den sie selbst von den
Hamsas genossen haben. Sie sind die Sendboten fiir die genialen
Manner der Weltgeschichte. So ist zum Beispiel auch nachweisbar,
daft die Fiihrer der Franzosischen Revolution in Zusammenhang
standen mit dieser geistigen Seite der Weltgeschichte.
Die grofie Weifie Loge mufite ihre Sendboten ausschicken, die
Menschen vorzubereiten und zu unterrichten, damit sie auf dem
physischen Plane die Organe werden konnten, die den Willen der
Meister ausfuhren. So war es auch mit Wolfram von Eschenbach.
Man wufke im Mittelalter, dafi es eine Weifie Loge gab, man nannte
sie damals die «Gralsburg». Darin war die weifie Bruderschaft.
Derjenige, welcher dazumal hinausgesandt worden ist, um die
Stadtegriindung auf die physische Welt hinauszutragen, hiefi
Lohengrin; er war unmittelbar unterrichtet von einem Hamsa, und
er unterrichtete Heinrich I., der als der Stadtegriinder bezeichnet
wird. Das bedeutet, daft die Zeitseelen einen neuen Einschlag
bekommen sollten von den «heimatlosen Menschen».
Die Seele wird in der okkulten Sprache immer durch eine weib-
liche Personlichkeit symbolisiert. Elsa von Brabant reprasentiert
die Zeitseele. Sie soli mit einem Ritter vermahlt werden, der der
alten Tradition angehort, mit Telramund. Es kommt aber ein Ge-
sandter des Gral und freit die Zeitseele Elsa von Brabant. Durch
Wolfram von Eschenbach ist diese Zeit so charakterisiert, daft
Heinrich nach Rom gefiihrt wird, wo das innere, das esoterische
Christentum die Weltfeinde des Christentums, die Sarazenen, be-
kampft. Lohengrin ist ein «heimatloser Mensch», den man nicht
fragen darf, woher er kommt. Wenn man ihn fragt, ist das gegen
seine Ordenspflicht. Er ist mit einer Art von Januskopf behaftet;
einerseits mulS er nach der okkulten Bruderschaft hinblicken und
andererseits nach den Menschen, die er in der physischen Welt
fuhren mufi. Richard Wagner hat oft ergreifende Worte gefunden,
so zum Beispiel, wenn er Lohengrin singen lafit: Nun sei bedankt,
mein lieber Schwan. - Das ist der Moment, wo ihn der Schwan
verlafit und er von den physischen Verhaltnissen abhangig wird. Er
wird in eine Welt versetzt, die ihm nicht ganz angemessen ist; es ist
nicht seine wahre Welt. Seine Welt ist die Welt der anderen Seite,
so daft er angesehen werden mufi als ein Heimatloser. Wenn seine
Mission erfiillt ist, dann verschwindet der Heimatlose wieder
dahin, woher er gekommen ist. Wenn seine Herkunft entdeckt ist,
dann mufi er wieder verschwinden. Das fallt dem mit dem phy-
sischen Plan in Beziehung Getretenen schwer. Deshalb mufi Elsa
von Brabant dreimal fragen, woher er stammt.
So sehen wir, dafi durch den Initiierten Wolfram von Eschen-
bach diese Zeit charakterisiert ist in ihrem Zusammenhang mit den
hoheren Planen. Lohengrin ist der Gesandte, der Bote der Gralsrit-
ter. Die Gralsritter sind die Weifie Loge auf dem Montsalvatsch. Es
war die Aufgabe der Sendboten des Grals, der Gralsritter, die alten
Traditionen des echten, wahren Christentums immer wieder zu
erneuern. Das hatte man auch da im Sinne, wo man iiber die Grals-
burg und iiber den heiligen Gral selbst sprach. Man stellte sich die
Gralsritter vor als die Hiker desjenigen, was durch das richtige
Christentum in die Welt gekommen war. Angedeutet ist das auch
im Johannes -Evangelium: Das Wort ist Fleisch geworden. - Was
durch den Christus verklart worden ist, das ist das physische
Dasein selbst; er ist eingezogen in die physische Welt. Die anderen
grofien Personlichkeiten sind Lehrer der Menschheit gewesen:
Buddha, Zarathustra, Pythagoras, Moses - sie alle waren Lehrer.
Sie sind der «Weg und die Wahrheit»; das «Leben» im okkulten
Sinne ist erst Christus; daher heifit es: Niemand kommt zum Vater,
denn durch mich. - Das Leben konnte erst seine Heiligung finden,
wenn das Wort unmittelbar in den Menschenleib einzog. Dieses
Herunterfuhren des Gottlichen auf den physischen Plan sollte
immer wieder erneuert werden durch die Weifie Loge. Daher ist
die Gralsschale dargestellt als dieselbe Schale, aus der Jesus das
Abendmahl gereicht hat und in welcher Joseph von Arimathia
das Blut auf Golgatha aufgefangen hat. So soli das Prinzip des
Christentums bewahrt werden und fortleben, und neue Kraft soli
ihm erteilt werden dadurch, daft in Fortsetzung der Apostel zwolf
Gralsritter als Sendboten ausgeschickt werden, urn neue Aufgaben
zu iibernehmen.
Das war die Anschauung des ganzen Mittelalters, daft wenn eine
wichtige Zivilisationsstufe erreicht werden soli, ein Chela, ein
«Schwan» die Menschen unterrichten sollte. In einer solchen Weise
hat Wolfram von Eschenbach die Geschichte angesehen und dar-
gestellt. Wer in Richard Wagners Lohengrin zwischen den Zeilen
zu lesen versteht, der wird finden, daft Wagner, wenn auch nicht
verstandesmafiig, so doch gefiihlsmaftig, intuitiv gefiihlt hat, daft da
etwas Groftes vorlag. Daher glaubte er an eine Wiedererneuerung
der Kunst durch Ankniipfung an UbermenschKches. Im Mittelalter
wurde das so dargestellt, daft, als Elsa von Brabant Lohengrin in
diese Welt bannen wollte, er sich zuriickzog, und zwar, wie Wolf-
ram von Eschenbach sagt, nach Indien. Zuletzt wird auch die
Gralsburg als in Indien liegend vorgestellt. Auch von den Rosen-
kreuzern heiftt es, daft sie, als sie sich am Ende des 18. Jahrhunderts
zuriickzogen, nach Asien gegangen seien, nach dem Orient. Das ist
die Geschichte der Stadtegriindung des Mittelalters, nach den Ein-
tragungen in der Akasha-Chronik. Einzelheiten konnten vielleicht
von anderen etwas anders dargestellt werden, im groften und gan-
zen werden sie aber immer damit ubereinstimmen.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 8. Juli 1904
Sakramentalismus
Dadalus und Ikarus
1st das Wissen von dem, was die Theosophie lehrt, iiberhaupt et-
was, was fiir weitere Kreise von einer besonderen Wichtigkeit und
Bedeutung ist, oder ist Theosophie etwas, was nur fiir einige, be-
sonders sich dafiir Interessierende bestimmt sein kann? Diese Frage
fiihrt auf ein Thema, das sehr selten besprochen wird, das aber
einmal besprochen werden mufi: das ist der sogenannte Sakramen-
talismus und die besondere Aufgabe unserer gegenwartigen Wur-
zelrasse. Die Frage ist: Was ist Sakramentalismus, und wie verhalt
sich unsere rein menschHche Aufgabe dazu? - Man konnte fragen:
Was hat es fiir eine Bedeutung fiir irgendeinen Handwerksmann,
der den ganzen Tag in einer Tischlerwerkstatte arbeitet, wenn er
weifi, dafi Lohengrin einstmals als ein Abgesandter des heiligen
Gral die wichtigsten Kulturbewegungen des Mittelalters inspiriert
hat? Was hat iiberhaupt all das Reden von diesen hohen geistigen,
idealen Zielen fiir eine Bedeutung fiir die breite Masse? - Die ganze
Frage beantwortet sich dann, wenn man das Wesen des Sakramen-
talismus versteht.
Ich mochte heute, ankniipfend an die Anschauungen der Grie-
chen, iiber die Entstehung unserer gegenwartigen, nachatlantischen
Wurzelrasse im Verhaltnis zu der vorhergehenden, der atlantischen
Wurzelrasse, sprechen und daran einiges andere ankniipfen iiber
die Bedeutung des Sakramentalismus. Sie alle kennen die Sage von
Dadalus und Ikarus und auch die Sage von Theseus. Ich mochte
kurz den ungeheuer tiefen Sinn beriihren, der in der Dadalus-
Ikarus-Sage steckt. Man erzahlt, dafi einst ein Mensch gelebt hat
mit Namen Dadalus, der imstande war, Kunstwerke zu schaffen,
die lebten, Statuen, die sehen und horen konnten, Maschinen, die
sich selbst bewegten. Das alles verstand Dadalus. Er war angesehen
im ganzen Lande, aber er war auch aufierordentlich ehrgeizig. Er
hatte einen Schwestersohn, Talos, den er unterrichtete und der ihn
bald iibertraf in gewisser Beziehung. Es wird uns geschildert, dafi
Talos imstande war, Topferscheiben zu bemitzen, und dafi er auch
gewisse Kiinste beherrschte, die dem Dadalus fremd waren. Talos
studierte zum Beispiel die Kinnbacken einer Schlange und hatte die
Idee, aus den Zahnen der Schlange eine Sage zu formen. So wurde
er der Erfinder der Sage. Wenn wir das einander gegenuberstellen,
was uns als Charakter bei Dadalus und was uns als Charakter bei
Talos entgegentritt, so werden wir sehen, daft es sich bei Dadalus
um Dinge handelt, die unserer funften Wurzelrasse schon fremd
geworden sind. Dagegen erfindet Talos solche Dinge, die zu den
technischen Fertigkeiten der funften Wurzelrasse gehoren. Wenn
wir einen Vergleich ziehen zu der vierten Wurzelrasse, den Atlan-
tiern, so sehen wir, wie die Atlantier imstande waren, die Vril-
Kraft anzuwenden, so wie wir den Dampf zum Antrieb von Loko-
motiven, Maschinen und so weiter benutzen. Diese Kunst ist in der
nachatlantischen Zeit verlorengegangen. Dagegen hat unsere Zeit
die moderne Fahigkeit, unorganische Objekte zu Maschinen zu-
sammenzufugen. Diesen Ubergang will uns die Sage zeigen. Dada-
lus bringt es dann dazu, dafi er sich eine Art von Flugel machen
kann, womit er sich iiber die Erde zu erheben vermag. Sein Sohn
Ikarus will das auch machen, aber es gelingt ihm nicht, er geht
dabei zugrunde. Diese Gegeniiberstellung soil aus dem griechi-
schen Geist heraus zeigen, dafi die verschiedenen Epochen unserer
Erdentwicklung verschiedene Aufgaben haben. Wollte eine Epoche
der Erdentwicklung eine Aufgabe iibernehmen, die nur fur eine
andere taugt, so wurde sie dabei zugrundegehen. Alles an seinem
Ort, alles zu seiner Zeit.
Nun hat die griechische Sage mit der Dadalus-Sage noch etwas
anderes verkniipft. Dadalus geht, nachdem er Talos getotet hat,
nach Kreta zu Minos. Dort ist ein Ungeheuer, der Minotaurus. Der
Minotaurus steht im Gegensatz zur Sphinx. Der Minotaurus hat
einen Stierkopf mit menschlichem Korper, die Sphinx hat einen
Menschenkopf mit tierischem Korper. Der Minotaurus soli ge-
hemmt werden in seinen verheerenden Wirkungen. Dadalos soli
ihn bannen; das kann er, indem er ihm ein Labyrinth baut. Der
Minotaurus mufi mit Menschen ernahrt werden. Alle neun Jahre
miissen ihm sieben Jiinglinge und sieben Jungfrauen geopfert wer-
den. Mit der Minotaurus-Sage steht die Theseus-Sage in Verbin-
dung. Theseus war der Sohn des Ageus. Dieser hatte bestimmt, da£
Theseus das Schwert und die Sandalen unter einem grofien Fels-
stiick hervorholen sollte, die der Vater dort verborgen hatte. Nach-
dem Theseus in Athen verschiedenes vollbracht hatte, geht er nach
Kreta, um den Minotaurus zu iiberwinden und die Stadt Athen von
der Lieferung der sieben Jiinglinge und der sieben Jungfrauen zu
befreien. In Kreta wurde von Seiten der Griechen immer etwas
ganz besonderes gesucht. In Kreta soil auch Lykurg gelernt und
seine Verfassung fur eine Art kommunistisches Gemeinwesen er-
halten und nach Sparta gebracht haben, denn in Kreta soil es eine
Verfassung gegeben haben, die in alien alten Priesterstaaten hei-
misch war; es waren Uberreste des alten atlantischen Priester-
Kommunismus, der auf jeden personlichen Besitz verzichtet. Mit
jeder urspriinglichen Religionsgriindung hangt eine Art Kommu-
nismus zusammen. Nach Kreta sieht sogar noch Plato als dem Sitz
einer mustergultigen Verfassung. Diese Priesterverfassung ist ein
Uberbleibsel der alten atlantischen Gestaltung. Dadalus konnte
das, was in Kreta schadlich war, bannen, weil er mit dem atlanti-
schen Leben bekannt war. In dem Minotaurus haben wir den Re-
prasentanten der schwarzen Magie in Kreta zu sehen. Das soil jetzt
aufhoren. Jetzt wollen die Athener nicht mehr die sieben Jiinglinge
und die sieben Jungfrauen nach Kreta schicken. Das Schiff des
Theseus fuhr hinaus mit schwarzen Segeln. Er wollte nach Uber-
windung des Minotaurus ein weifies Segel hissen statt des friiheren
schwarzen. Die schwarze Magie sollte weifi werden. Mit Hilfe des
Fadens der Ariadne gelingt Theseus das Unternehmen, und er
kehrt nach Athen zuriick, [aber er vergafi, die weifien Segel zu
setzen]. Die Griechen waren aber noch nicht so weit, dafi sie des
weifien Pfades vollkommen wiirdig waren. Liebe soil regieren im
Ariadnefaden. Es wird aber in jener Zeit schon auf das Christen-
turn so hingedeutet, daE das Liebesprinzip - Ariadne - durch Bac-
chus geraubt wird, der noch nicht dieses Prinzip ausgebildet hat,
welches durch das Christentum verbreitet werden soil. Theseus gait
wie Herkules als ein Held, als ein Sonnenlaufer, als ein im sechsten
Grade Initiierter.
Ein solcher Sagenkomplex wurde in Griechenland Volksgut.
Das Volk als solches kannte diese Sagen. Warum suchten die Prie-
ster in die Sagen die Weltengeheimnisse hineinzulegen? Jeder Prie-
ster hatte es als etwas Unheiliges, ja als eine unmogliche Profana-
tion empfunden, irgend etwas in die Dichtung einflieften zu lassen,
was nicht einen tiefen Sinn hatte. Dabei war der Priester sich klar
dariiber, da$ der tiefe Sinn dem Volke nicht ohne weiteres aufge-
hen konnte. Dem Volke erzahlte man die Fabel, das Marchen, den
Mythos; in ihnen lag der tiefe Sinn. Das ist das Grundkennzeichen
der ganzen Dichtung der Alten. Je weiter wir zuriickgehen, desto
tiefer wird der Sinn. Eine Dichtung, die nicht einen tiefen Sinn
hatte, gibt es in jenen Zeiten nicht. Erst spatere Zeiten kamen ab
von dieser Priesteranschauung und brachten Werke hervor, die
nichts mehr von diesen spirituellen Geheimnissen hatten. Selbst auf
dem Markte sollten nur Dinge vorgetragen werden, die herausge-
flossen sind aus dem spirituellen Leben. Wenn wir uns das vor
Augen halten, so konnen wir sagen, eine andere Fiihrung als die der
Priester gab es damals noch nicht. Erst spater wird der Priester-
konig durch den weltlichen Konig abgelost. Damit folgt der Uber-
gang der alten priesterlichen Konigsstaaten in weltliche Konigsstaa-
ten - Archont heifit Verwalterkonig.
Ein Beispiel fur diese Anschauung ist die Sage von der Griin-
dung des romischen Staates. Man dachte im Altertum iiber Ge-
schichte nicht so, dafi man aufiere Ereignisse erzahlte. Erst seit
Herodot wird Geschichte als Chronik erzahlt. Vorher gab es das
nicht. Alles wurde in symbolischer Darstellung gegeben. Was
Augen sehen und Ohren horen, sollte damals noch etwas Hoheres
bedeuten, es sollte der Ausdruck des Spirituellen sein. Wenn der
Priester klarzumachen versuchte, woher das Volk der Romer sei-
nen Ursprung hat, dann erzahlte er das folgende: Immer, wenn
etwas derartiges sich verwirklicht, treten die sieben heiligen Prin-
zipien in der Welt in Wirkung. Alles geschieht in der Aufeinander-
folge der sieben Prinzipien. Zuerst steigt aus dem Himmel der
gottliche Griinder. Dann entnimmt der Priester das, was lebendig
ist an der Sache; das lebt dann als Kama. Dann wird in dem Kama
das Manas, der Verstand, geboren. Der Leib, der selbst ein Heiliges
ist, lebt im Himmel. Unheilig ist er nur, wenn er mifibraucht wird.
Das sind die vier unteren Prinzipien. Dann miissen die drei oberen
hineinkommen. Etwas, was vollkommener, vollstandiger ist, mufi
hineinsteigen.
So ging es auch bei der Griindung der Stadt Rom. Zuerst kam
Romulus; er kam aus himmlischen Spharen, er war der Griinder.
Rom war eine Griindungsstadt des alten Troja. Konig Numitor
von Alba Longa war der Nachkomme des mit trojanischen Flucht-
lingen in Latium gelandeten Aeneas. Wir brauchen nur die Worte
zu verstehen: «alba longa» ist das weifie, lange Kleid der katholi-
schen Priester. Amulius heifk: der Unbeweibte, der Priester. Eine
Priesterstadt als Tochterstadt von Troja war also Rom. Numitor ist
der Willensmensch. Der wird zunachst verbannt in den Wald, wird
aber der Stammvater der Griinder der Stadt Rom. Romulus ist der
Griinder der romischen Kultur, der erste Konig. Er wird auch
versetzt unter die Gotter unter dem Namen Quirinus. Der zweite
Konig ist Numa Pompilius. Der dritte Konig ist Tullus Hostilius;
er ist der Reprasentant von Kama; da herrscht der Krieg; es entwik-
kelt sich dasjenige, was man in der Theosophie als Kama-Rupa zu
bezeichnen hat. Der vierte Konig ist Ancus Martius; er ist der
Reprasentant von Kama-Manas. Technische Dinge werden da ge-
macht. Als das vierte Prinzip reif war, wurde die etruskische Kul-
tur herbeigerufen. Tarquinius Priscus, der fiinfte Konig, bringt
Manas hinein. Die grofien Bauten und Wasserleitungen legte er an.
Das, was man Manas nennt, das ist vertreten in Tarquinius Priscus.
Das sechste Prinzip ist Budhi. Es bewirkt die Segnungen des
menschlichen Zusammenlebens durch Liebe und Gerechtigkeit.
Servius Tullius ist der sechste Konig der Romer. Er war derjenige,
der Ordnung schaffte, der Gesetze gab, die denen der Etrusker
entsprachen. Der siebente Konig ist Tarquinius Superbus, der
Erhabene, der aber heruntergesturzt ist.
So sah der Priester die Entstehung der Stadt Rom an. Das war
nicht etwa eine Interpretation, sondern es war eine Wirklichkeit.
Die Stadte waren so geleitet, dafi die sieben Prinzipien die Richt-
linien des Herrschens waren. Wenn etwas auf der Erde gedeihen
soil, dann mufi es in der Ordnung der sieben Prinzipien geschaffen
werden. Niemals hatte ein Priester etwas getan, was erst sein Nach-
folger hatte tun sollen. Das war alles aufgezeichnet in den Biichern
der Tempel, die man die Sibyllinischen Biicher nannte. Das war
gleichsam der Plan der Geschichte. Die Priester hatten sich zu rich-
ten nach den Sibyllinischen Biichern.
Hier haben wir es zu tun mit einer Verwirklichung spiritueller
Krafte, die lebten in dieser Priesterkultur. Wir sehen, dafi die Welt
gelenkt und geleitet wurde durch Spiritualitat. Erst spater verlor
man das Verstandnis fur die spirituelle Regentschaft. Es wird uns
erzahlt von dem etruskischen Hauptgott Tages, der aus der Erde
heraufgestiegen sei beim Umackern des Feldes mit dem Pfluge.
Technische Bauten und Kunstgewerbe waren das Merkmal der
etruskischen Kultur. Jeder Stein der etruskischen Baukunst zeigt,
dafi da etwas Besonderes ist. Es wurde erstrebt, mit dem wenigsten
Material die grofken Lasten tragen zu konnen. Es ist das Prinzip,
das der etruskischen Baukunst, den Gewolbe- und Bogen-Bauten
zugrundeliegt. Heruntergestiegen ist diese spirituell geleitete Kul-
tur auf den physischen Plan. Personliche Tiichtigkeit gewinnt nun
den Vorrang. Jegliches Bewulksein hort auf, dafi ein Zusammen-
hang besteht zwischen der niedersten Verrichtung und dem Spiri-
tuellen. Fur den Okkultisten ist es klar, ob ein Mensch, der an einer
bestimmten Stelle steht, etwas gehort hat von den gottlichen Inten-
tionen und Absichten und ob er etwas aufgenommen hat von dem,
was ausgeflossen ist aus dem Spirituellen, denn ein solcher Mensch
tut auch das Alltaglichste in einer ganz anderen Weise als ein an-
derer, bei dem das nicht der Fall ist. Die Weihe, die sich von den
hoheren Spharen auf das irdische Leben ergiefit, giefit sich nicht so
aus bei denen, die nur an dem physischen Plane haften.
Es ist das Wesen des Sakramentalismus, daft der Mensch das
Alltagliche mit spiritueller Weihe erfiillt. Die alten Sagen hatten
den Sinn, die Seelen der Menschen in die richtigen Schwingungen
zu versetzen, so daft sie mit spiritueller Kraft erfiillt waren. Die
einfachste Handlung eines naiven Gemiites kann dadurch geheiligt
werden. Das ist etwas, was wirksam ist und immer wieder wirksam
sein wird. Wer das weift, der weift auch, daft bei unserer Kultur
eine Umkehr notwendig ist. Man mag sich noch so sehr bemiihen,
diesen physischen Plan in Harmonie, in Ordnung zu bringen, es
wird fehlschlagen, solange man nur auf dem physischen Plane
arbeitet; wird auf der einen Seite Harmonie geschaffen, so wird auf
der anderen Seite Disharmonie entstehen. Lassen Sie aber das
Spirituelle wirken, so werden Sie sehen, daft das Alltagliche in einer
ganz anderen Weise angefaftt wird. Das ist Sakramentalismus.
Dieser Gedanke liegt auch dem christlichen Sakramentalismus
zugrunde: die Heilung vom spirituellen Plane aus. Ein Sakrament
ist eine physische Handlung, die so verrichtet wird, daft in ihr sich
symbolisch ein geistiger Vorgang ausdriickt. Es ist eine Symbolik,
die ihre Rechtfertigung auf hoheren Planen hat. Nichts ist im
Sakrament willkiirlich. Alles ist bis ins Kleinste hinein ein Abbild
eines hoheren okkulten Vorganges. Derjenige, der ein Sakrament
verstehen will, bei dem das Zeremoniell ein Abbild ist eines gei-
stigen Vorganges, der mufi sich bekanntmachen mit dem, was da
zugrundeliegt. Es ist ein okkulter Vorgang, der den aufteren Augen
entzogen ist. Bei jedem Sakramentalismus vollzieht sich nicht nur
etwas Verstandesmaftiges, sondern es vollzieht sich etwas, was eine
reale, okkulte Bedeutung hat. Nehmen wir zum Beispiel die okkul-
te Bedeutung des Feuers. Feuer hat es in den friihesten Entwick-
lungsepochen nicht gegeben. Es konnte erst entstehen, als die Erde
so weit verdichtet war, daft sich aus der irdischen Materie heraus
dieses Feuer schlagen lieft. Daher wird uns die Erfindung des
Feuers als ein Vorgang unserer fiinften Wurzelrasse geschildert.
Prometheus hat das Feuer vom Himmel zur Erde gebracht. Das
Hervorbringen des Feuers hat unserer Kultur ihren Charakter
gegeben. Machen Sie sich klar, wie es ware, wenn wir kein Feuer
hatten. In den ersten Zeitepochen hatte man noch kein Feuer ge-
habt. Unsere Entwicklung verdankt dem Feuer alles Verstandes-
mafiige, alles Technische. Das Feuer ist dasjenige, was herunter-
fiihrt auf den physischen Plan. Die materielle Kultur verdanken wir
dem Feuer. Die Priester mufiten daher etwas Besonderes im Feuer
sehen. Daher haben in der zweiten nachatlantischen Kulturepoche
die persischen Magier im Feuer vor allem dasjenige gesehen, was im
Sakrament wirken mufi. Was hat der persische Priester auf seinem
Altar zeremoniell verwirklicht? Der Okkultismus weifi, dafi es
sieben Zoroaster gegeben hat. Der Zoroaster der Geschichte ist der
siebente. Der persische Magier hatte eine besondere Art, das Feuer
hervorzubringen. Dieser Vorgang war das Abbild der grofien kos-
mischen Entstehung des Feuers. Da stand der persische Magier mit
seinem Thyrsus und machte seine Zeremonien, die jeder Okkultist
wohl kennt, aber auch nur der Okkultist. Dieser Vorgang war ein
Abbild der grofien kosmischen Entstehung des Feuers. Als man
nicht mehr verstand in den Priesterschulen, mit dem Thyrsus das
Feuer zu erzeugen, wurde wenigstens ein Naturfeuer gesucht.
Zunachst haben sie da das Feuer durch den Blitz geschaffen, und
dann haben sie es durch das sogenannte ewige Feuer fortgepflanzt,
das immer nur aneinander entziindet werden durfte. Das Feuer, das
durch die Natur gewonnen wird, soil wirksamer sein als das kiinst-
lich erzeugte. Als im Jahre 1826 in England und im Jahre 1828 in
Hannover eine Tierseuche aufgetreten war, haben die Menschen
Holz genommen und damit Feuer gerieben, weil sie glaubten, daft
die damit gekochten Krauter wirksamer seien.
Der Mensch mufi wiederum spirituelles Leben schaffen bis in
jeden Handgriff und jeden Schritt hinein; und das wieder einzufuh-
ren, ist die Aufgabe und das Bestreben der spirituellen Bewegung.
Der Sakramentalismus der friiheren Zeit mufi wiederkommen. Man
mufi wissen, dafi es ein anderes ist, aus dem Geiste heraus zu han-
deln, als aus dem Materiellen heraus zu handeln. Spirituelles Leben
wieder ausstromen zu lassen, das ist unser Ziel.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 15. Juli 1904
Germanische Mythologie
Sie wissen, dafi, wenn wir zuriickgehen in der Entwicklung un-
seres Geschlechtes, wir zu der atlantischen Wurzelrasse kommen,
deren Reich der Boden des [heutigen] Atlantischen Ozeans ist.
Und wenn wir noch weiter zuriickgehen, dann kommen wir zur
lemurischen Wurzelrasse; das ist eine Rasse, die Sie sich noch ganz
anders in ihrer Organisation denken miissen als unsere heutige
Wurzelrasse und selbst anders als die atlantische. Die Menschen
wohnten auf einem Kontinente, der sich siidiich von Vorder- und
Hinterindien ausdehnte und der heute auch Meeresboden gewor-
den ist. Einige Nachkommen dieser Bevolkerung sind noch in
Australien vorhanden. Wo haben wir aber die zweite Menschen-
rasse zu suchen? Da ist schon zu beriicksichtigen, dafi auch die
dritte Menschenrasse, die Lemurier, ganz anders ausgesehen hat
als wir und auch ganz anders als die vierte Menschenrasse, die At-
lantier. Die Lemurier haben nicht das gehabt, was wir Gedachtnis,
Vorstellung, Verstand nennen; die Lemurier hatten dies erst im
Keime entwickelt. Dagegen war die zweite Menschenrasse mit
einer hohen Spiritualitat begabt, die nur nicht in den Kopfen der
Menschen safi, sondern die wie eine fortwahrende Offenbarung
von aufien vorzustellen ist. Man nannte die zweite Menschenrasse
die Hyperboraer. Sie wohnten um den Nordpol herum, in Sibi-
rien, Nordeuropa mit Einschlufi der Gebiete, die Meer geworden
sind. Und wenn Sie sich dieses Land denken mit einer Art von
tropischer Temperatur, so bekommen Sie ungefahr die Vorstel-
lung, wie das Land damals war. Es war ursprunglich bevolkert
von Menschen, welche als einzelne Individuen wie Traumwesen
herumwandelten. Waren sie sich selbst iiberlassen gewesen, so
wiirden sie gar nichts gekonnt haben. Es war sozusagen Weisheit
in der Luft, in der Atmosphare.
Erst in der lemurischen Zeit fand die Ehe der Weisheit mit dem
Seelischen statt, so daft wir uns vorher die ganze Geistigkeit der
Menschen nebelhaft vorzustellen haben. Es waren das die Keime
des nebligen Geistes und die Keime des Lichtgeistes. Die Geistig-
keit, die als Keim in den Sohnen des Feuernebels aufging, die uns
noch vertraut erscheint, die haben wir in den siidlichen Gegenden
zu suchen, in Lemurien. In den Gegenden, die von uns aus nord-
lich gelegen sind, lebten Menschen, Volker, die mit einem Traum-
bewufttsein begabt waren, das deutlicher war als das Pitribewuftt-
sein. Im ganzen miissen wir uns nicht denken, daft die Menschen,
die da oben wohnten, auch da oben geblieben sind. Sie haben
Wanderziige gemacht, die nach Siiden gingen. Und diese Wander-
ziige erstreckten sich noch lange in die Zeiten hinein, in denen im
Siiden die lemurische Rasse auf gesproftt war. Es gab sozusagen eine
nordliche lemurische Rasse und eine sudliche lemurische Rasse. Es
waren zwolf grofte Wanderziige. Diese zwolf groften Wanderziige
brachten die Bewohner der verschiedenen Gegenden allmahlich
miteinander in Beriihrung. Sie brachten diese Menschen auch in
Gegenden, die den unsrigen nicht fernliegen, in Gegenden, die als
mittleres Deutschland, Frankreich, Mittelruftland und so weiter
angesprochen werden konnen.
Nun miissen Sie sich vorstellen, daft wir von einer Zeit sprechen,
in der das, was wir hohere Tiere nennen, schon vorhanden war. Die
Lemurier wurden wie eine Art Riesen dargestellt, und diese kamen
mit den von Norden kommenden Menschen in Beriihrung. Da-
durch entstanden zwei Geschlechter. Es entstand ein Geschlecht,
das in der Vorgeschichte der Menschheit die Grundlage der Atlan-
tier wurde; alle diese Menschen vermischten sich damals in dem
heutigen Europa. Wir diirfen uns das nicht so einfach vorstellen,
wie das hier in Worte gefaftt wird. Nun gingen aus dieser Ge-
schlechtervermischung der Hyperboraer, der Lemurier und spater
auch der Atlantier Initiierte hervor, die sich unterschieden von den
Initiierten, die wir heute als unsere Lehrer anzusehen haben; diese
letzteren stammen wesentlich aus dem Siiden, dem lemurischen
Kontinent.
Im Norden entwickelte sich, ich mochte sagen eine Art von
Nebelwelt, und die drei Hauptinitiierten, die wir hier auf dieser
Menschheitsinsel zu suchen haben, sie nannte man in der Zeit, die
selbst noch hineinragte bis in die Entstehung unseres Christen-
tums: Wotan, Wili und We, Das sind die drei grofien nordischen
Initiierten. Sie leiteten ihren Ursprung her in ganz regelrechter
Weise, in popularer Weise konnte man sagen aus dem Erdenreich,
in dem noch ungemischt alles das enthalten war, was jetzt auf die
Menschen verteilt ist. In popularer Weise konnte man sagen, es ist
aus diesem Erdenreich hervorgegangen ein Geschlecht, das sehr
unahnlich war der gegenwartigen Menschheit. Dieses Geschlecht
war beherrscht von einer Allweisheit. Diese Allweisheit nannten
die lehrenden Priester «Allvater». Dann wird gesprochen von den
zwei Reichen, von dem Nebelheim und dem Muspelheim. Das
Nebelheim ist das Nifelheim des Nordens, der dammernde Nebel-
zustand der hyperboraischen Wurzelrasse, im Gegensatz zu
Muspelheim. Es werden geschildert zwolf Strome, die sich gestaut
haben und dann zu Eis wurden. Daraus entstand ein Menschen-
geschlecht, dessen Reprasentant der Riese Ymir war, und dann das
Tiergeschlecht, die Kuh Audhumbla. Von Ymir stammten die
Sonne der Reifriesen. Die Menschen, die schon verstandesbegabte
Menschen waren, entstanden, auch im Sinne der «Geheimlehre»,
spater. Und so erzahlt auch die deutsche Sage, dafi [die Nachkom-
men von Ymir und Audhumbla], Wotan, Wili und We, am Strande
gingen und die Menschen bildeten. Damit sind jene Menschen der
«Geheimlehre» gemeint, die erst spater entstanden, und die mit
Verstand begabt worden sind.
In dieser urgermanischen Sage liegt eine alte Wahrheit. Es wird
uns auch gesagt, wie spater die zwei grofien Ziige waren, die vom
fernen Osten nach dem Westen [und vom Westen nach dem Osten]
gegangen sind. Wir haben uns vorzustellen, dafi zuerst die keltische
Bevolkerung da war, die dann eine Kolonie gebildet hat. Diese
urspriingliche keltische Bevolkerung stand ganz unter dem Einflufi
ihrer Initiierten. Diese haben fortgepflanzt die urspriingliche Lehre
von Wotan, Wili und We und ihrer Priesterschaft. Die Kelten hat-
ten Priester, die wir Druidenpriester nennen. Diese waren zentriert
in einer grofien Loge, in der nordischen Loge. Dies hat sich erhal-
ten in der Sage vom Konig Artus und der Tafelrunde. Tatsachlich
hat diese Loge der nordischen Initiierten bestanden, die heilige
Loge der Ceridwen - die Weifie Loge des Nordens. Spater wurde
sie der Bardenorden genannt. Diese Loge bestand noch lange bis in
die spateren Zeiten hinein. Aufgelost wurde sie erst im Zeitalter der
Konigin Elisabeth. Dann zog der Orden sich ganz von dem phy-
sischen Plan zuriick. Davon geht alles aus, was wir an altgermani-
schen Sagen haben. Alle germanische Dichtung geht zuriick auf die
urspriingliche Loge von Ceridwen, die auch der Zauberkessel der
Ceridwen genannt worden ist. Derjenige, welcher am meisten ge-
wirkt hat noch bis herein in die ersten Jahrhunderte nach Christi
Geburt, das war der grofie Initiierte Meredin, der uns erhalten ist
unter dem Namen des Zauberers Merlin. Er war genannt «der
Zauberer der nordischen Loge».
Dies ist alles in alten keltischen Geheimlehren direkt enthalten.
Da finden Sie angedeutet, was die Initiierten des Ostens zu geben
hatten. Und das, was ihnen der Kelte zuruckgegeben hat, das war
die Baldur-Sage, die Sage von dem Gott des Lichts und dem Gott
der Finsternis. So haben die Initiierten des Westens langsam diese
Sage an die Initiierten des Ostens herangebracht, in der wohlweis-
lichen Absicht, ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Und in dem
Glauben, daft da noch etwas nachkommen mufi, haben sie zu dieser
Sage noch etwas hinzugefugt, was noch in der Zukunft lag, namlich
den Untergang der Gotter in der Zukunft. Baldur konnte dem
Untergang nicht widerstehen. Es wurde daher ein zweiter Zug vor-
bereitet nach der Gotterdammerung. Es wurde gesagt, ein neuer
Baldur wiirde erstehen, und dieser «neue Baldur», welcher dem
Volke angekiindigt wurde, ist kein anderer als der Christus. Hier
im Norden konnten sich diese Dinge nicht gleich ausbilden wie im
Siiden, zum Beispiel in Griechenland. Im Norden waren mehr die
mannlichen Gotter, im Siiden war man mehr dem Kultus der
Schonheit ergeben. Dem ganzen nordischen Element war etwas
eigen, was lange bestanden hat, was aber gleichzeitig der Keim des
Verderbens war, die Kampfnatur. Wir haben also im Norden
Wotan, Wili und We und daneben Loki. Loki ist das Begehrliche,
der Wunsch, und das macht die nordische Welt zu einer Kampf-
natur, die in sich hat das Element der Walkiiren. Diese begeistern
zum Kampf. Sie sind etwas, was das nordische Element immer
hatte. Loki war der Sohn der Begierde; Hagen ist die spatere Form
fur den urspriinglichen Loki.
Und nun noch einige Worte dariiber, wie ein Initiierter beschaf-
fen war in jener Zeit. Wenn er initiiert wurde und dadurch mit
geistigen Machten bekanntgemacht wurde, dann druckte man das
so aus, dafi man sagte: Er hat den Zug unternommen in das Reich
der guten Toten, ins Alfen-Reich, nach Alfgard, damit er sich dort
hole das Gold des Nifelheim - das Gold ist das Symbol fur die
Weisheit. Siegfried war der Initiierte des alten germanischen Ele-
mentes in der Zeit, als sich das Christentum verbreitete. Er war
eigentlich unverwundbar, hatte aber noch eine verwundbare Stelle,
weil in dieser nordischen Initiation noch Loki anwesend war, der
Begierdengott in der Gestalt von Hagen. Hagen ist derjenige, wel-
cher den Initiierten an der schwachen Stelle totet. Briinhilde ist in
der Nibelungen-Sage eine ahnliche Gestalt, eine ahnliche weibliche
Gottheit wie die Pallas- Athene der Griechen. Im Norden bedeutet
sie die Verkorperung des wilden, totenden Kampfelementes. Den
alten germanischen Initiierten haben Sie in Siegfried gegeben. Das
Kampfelement ist ausgedriickt durch das alte germanische Ritter-
tum. Da es vorzugsweise ein weltliches Element war, so mufite das
weltliche Rittertum bis ins 8., 9., 10., 11. Jahrhundert hinein seinen
Ursprung zuriickfiihren auf Siegfried als einen Initiierten. Der
Ursprung dieses Rittergeschlechts war die Tafelrunde des Konigs
Artus. Von dort aus kamen die grofien Ritter, oder vielmehr, es
mufken diejenigen, welche fuhrende weltliche Ritter werden woll-
ten, zur Tafelrunde des Konigs Artus gehen. Dort lernte man welt-
liche Weisheit, aber es war dem beigemengt der Kampfeswille, das
Loki-Hagen-Element.
Im besonderen war im germanischen Element etwas vorzuberei-
ten, was im nordischen Elemente ganz besonders herauskommen
konnte. Hier konnte etwas vorbereitet werden, was mit der Ent-
wicklung des Menschen auf dem physischen Plan zusammenhangt.
Wir wissen, daft sich da abgespielt hat das Heruntersteigen des
Hochsten bis zum physischen Plan; das Personliche ist die Gestalt
des Hochsten auf dem physischen Plan. Da entwickelte sich also
das personliche Element, die personliche Kampftuchtigkeit, die
vielleicht bei Hagen am hochsten ausgebildet war.
Gehen wir zuriick zu den Lemuriern. Bei den Lemuriern gab es
noch nicht das, was der Mensch von heute die Liebe nennt. Eine
Liebe zwischen Mann und Weib war nicht vorhanden. Es entstand
wohl die Sexualitat; aber die Liebe sollte erst spater die Sexualitat
heiligen. Die Liebe im heutigen Sinne war auch bei den Atlantiern
noch nicht vorhanden. Erst als das personliche Element jene Wich-
tigkeit erlangt hatte, erst da konnte sich die Liebe entwickeln. Im
Ausgange der lemurischen Zeit gab es in gewissen Gegenden ein
eigentiimliches System. Es wurde systematisch eine in bestimmten
Gegenden lebende Menschheit in vier Gruppen geteilt. Dies wurde
so aufgefalk, dafi niemals ein Mensch der ersten Gruppe - sagen
wir der Gruppe A - einen Menschen aus der Gruppe B heiraten
durfte. Es mufiten sich verheiraten Menschen der Gruppe A mit
Menschen der Gruppe C und Menschen der Gruppe B mit Men-
schen der Gruppe D. Dadurch wurde die personliche Willkiir ver-
mieden, das heilk, es wurde dadurch das Personliche ausgeschlos-
sen. Es war diese Einteilung im Dienste der ganzen Menschheit
getroffen. Damals war nichts darinnen von personlicher Liebe. Erst
langsam entwickelte sich die personliche Willkiir in der Liebe; das
war namlich die Liebe, die ganz auf den physischen Plan herunter-
kam, und dies wurde damals erst vorbereitet. Je weiter Sie zuriick-
gehen in der Zeit, umso mehr werden Sie finden, daft die Erotik
eine geringe Rolle spielt, Auch in der ersten Zeit der griechischen
Dichter spielt sie fast keine Rolle. Aber sie spielt eine besondere
Rolle in der deutschen Dichtung des Mittelalters. Sie sehen da die
Liebe in zweierlei Gestalt dargestellt, Sie sehen dargestellt die Liebe
als Minne und als Begierde. Die Schicksale, die Siegfried erleiden
mulke, waren die Folge der Hereinziehung des Personlichen. Ge-
hen Sie zuriick nach Rom, und Sie werden finden, daft da die Ehe
nach ganz anderen Grundsatzen geschlossen wurde. Auch in Grie-
chenland hat man im Anfang keine personliche Liebe gekannt; sie
entstand erst spater.
Dann kam das Christentum nach Mitteleuropa. Wir haben gese-
hen, daft in Mitteleuropa in der ersten Zeit das Christentum mit
Aufrechterhaltung des Alten eingefiihrt wurde. Langsam verwan-
delte sich die Vorstellung der Gestalt des Baldur in die Vorstellung
der Gestalt des Christus. Das ging durch mehrere Generationen
hindurch; Bonifatius fand deshalb schon einen vorbereiteten
Boden.
Die Sage vom Konig Artus und seiner Tafelrunde verband sich
allmahlich mit der Sage vom heiligen Gral. Diese Verbindung ist
herbeigefuhrt worden durch einen wirklichen Initiierten des 13.
Jahrhunderts, durch Wolfram von Eschenbach. Die Siegfried-
Initiation war noch die alte Initiation. Dabei spielte noch die welt-
liche Ritterschaft eine Rolle und die Gefahr, durch das Element der
Begierde und der Eigenliebe verraten zu werden. Erst wenn man
dieses Element iiberwunden hatte, erst wenn man es ganz von sich
abgetan hatte und wenn man vom Prinzip der weltlichen Ritter-
schaft zum Prinzip der geistigen Ritterschaft aufgestiegen war,
dann konnte man die geistige Initiation erreichen. Das stellt Wolf-
ram von Eschenbach im Parzival dar. Zuerst gehort Parzival dem
weltlichen Rittertum an. Sein Vater ist durch Verrat bei dem Zug
nach dem Orient urns Leben gekommen. Dem liegt zugrunde, daft
der Vater schon nach hoherer Initiation gesucht hat; aber weil er
noch das Element der alten Initiation innehatte, wurde er verraten.
Durch seine Mutter Herzeleide sollte Parzival entfremdet werden
dem physischen Plan; eine Narrenkappe setzte sie ihm auf. Den-
noch wird Parzival erfaftt von dem Strome des weltlichen Ritter-
tums und kommt so an den Hof des Konigs Artus. Daft Parzival
bestimmt ist fiir die christliche Stromung, wird uns angedeutet
dadurch, daft er nach der Burg des heiligen Gral kommt. Es ist ihm
eine wichtige Lehre mitgegeben worden: nicht viel zu fragen. Dies
bedeutet nichts anderes, als den Ruhepunkt in seinem Innern zu
finden, innere Ruhe und Frieden gefunden zu haben und nicht
mehr neugierig durch die aufiere Welt zu gehen. Parzival fragt auch
nicht, als er Einlaft will in die Burg. Er wird daher zuerst abgewie-
sen. Dann aber kommt er doch zum kranken Amfortas. Er wird
durch die christliche Initiation hoher gefuhrt.
Wo Sie Wolfram von Eschenbach aufschlagen, Sie werden iiber-
all finden, da£ er ein Eingeweihter war. Er hat diese zwei Sagen-
kreise verbunden, weil er wufke, dafi das schon geschehen war, was
wir die Vereinigung der Artus-Loge mit der Grals-Loge nennen.
Die Artus-Loge ist ganz in der Grals-Loge aufgegangen.
FUNFTER VORTRAG
Berlin, 22. Juli 1904
Reinkarnation
Heute mochte ich zu Ihnen von etwas sprechen, das in einem fer-
neren Zusammenhang steht mit dem, was ich Ihnen schon friiher
gesagt habe. Trotzdem die theosophische Bewegung seit 29 Jahren
besteht, ist es doch immer noch so, dafi die Grundlehren oft mifi-
verstanden werden. 2um Beispiel wird die Lehre von der Reinkar-
nation von denen, die vielleicht niemals etwas anderes als den
Namen oder ein paar Begriffe gehort haben, vielfach so aufgefafk,
als lehrten wir die Seelenwanderung durch die verschiedensten
Korper und auch durch Tierleiber hindurch. Es wird uns dies
gewissermafien zum Vorwurf gemacht.
Die Wiederverkorperung in Tierkorpern ist in Agypten und in
Griechenland gelehrt worden, und wir konnen nicht umhin zu
sehen, dafi sie auch in Indien als eine aufierliche Lehre immer wie-
der zu finden ist. Es ist richtig, und es darf nicht bestritten werden:
In den esoterischen Lehren ist uberall davon die Rede, daft das, was
wir heute die menschliche Seele nennen, durch Entwicklungssta-
dien hindurchgegangen ist, welche in tierischen Leibern sich ab-
gespielt haben sollen. Besonders bekraftigt scheint das zu werden
durch einen Umstand, der auf der anderen Seite hochst interessant
ist, namlich dadurch, daft weitaus die groftte Zahl aller Marchen,
Sagen und Fabeln eigentlich urspriinglich auf Indien zuruckfuhren.
Wenn Sie die Tierfabeln und sonstigen Marchenerzahlungen der
verschiedensten Lander Europas durchgehen, so werden Sie zwar
kleinere oder groEere Veranderungen vorfinden, Sie werden aber
sehen, daft der Grundstock vieler europaischer Marchen sich in den
alten indischen Biichern findet. Das ist fur uns nicht zu verwun-
dern, da doch die Kulturen gemeinsam zur fiinften Wurzelrasse
gehoren, die sich von der Wuste Gobi iiber Agypten und Grie-
chenland nach Europa heriiber verbreitete. Dafi die Initiierten der
verschiedenen Volker die Lehren in Form von Fabeln darlegten,
ist fiir uns nicht wunderbar. Doch miissen wir uns klar machen,
welche Bedeutung diejenigen Fabeln haben, die in der Tierwelt
sich abspielen. Von daher wird Ihnen das Reinkarnationsproblem
in einer neuen Beleuchtung erscheinen, die noch nicht allgemein
bekannt sein diirfte.
Die indische Kultur hat sich iiber die ganze Welt verbreitet,
auch wenn sie heute als etwas Fremdes empfunden wird. Sie mogen
das daran erkennen, dafi Buddha friih unter die Reihe der katholi-
schen Heiligen aufgenommen worden ist, und zwar unter dem
Namen Josaphat. Das geschah vor vielen Jahrhunderten. Durch
Johannes von Damaskus, der den ganzen Entwicklungsgang
Buddhas in der Heiligenlegende schildert, konnte die innere Lehre
Buddhas in das katholische Christentum aufgenommen werden.
Nur die auEere Auspragung des Buddhismus wurde abgelehnt. Das
soil Ihnen ein Licht darauf werfen, welche ungeheure Bedeutung
die indische Kultur fiir die ganze funfte Wurzelrasse hat.
Es gibt eine groEe Sammlung von vielen hundert Fabeln, die
Jatakam-Sammlung. So wie diese Fabeln in den verflossenen Jahr-
hunderten in Indien verbreitet worden sind, spielte immer Buddha
darin eine Rolle. Da wird uns erzahlt, dafi Buddha als dieses oder
jenes Tier verkorpert war, wie er als dieses oder jenes Tier da und
dort gelebt hat, wie er sich innerhalb der Tierwelt benommen hat
und wie er sich daran erinnert. Und dann kommt gewohnlich eine
moralische Lehre, wie man sich in ahnlichen Fallen zu verhalten
habe. Als ein vorzugliches Erziehungsmittel fiir Konigssohne gait
die Form der Fabel. Auch in Europa diirfte diese padagogische
Methode angewendet worden sein.
Sie alle kennen die Erzahlung, da£, wenn man in den Mond
schaut, darin eine Tierfigur zu sehen ist. Jedenfalls sehen manche
Leute darin eine Tierfigur; am verbreitetsten ist ein Hase. Die Art
und Weise, wie der Hase in den Mond gekommen ist, wird in
verschiedener Weise erzahlt. Auch das fiihrt zuriick auf die indi-
sche Fabelsammlung Jatakam. Einstmals in seinen vielen Leben war
Buddha ein Hase, er lebte im Walde und hatte drei Freunde. Sein
erster Freund war em Schakal, sein zweiter Freund ein Affe und
sein dritter Freund ein Fischotter. Er wohnte also mit diesen drei
Tieren zusammen und war als Hase schon damals ein sehr vorge-
riicktes Wesen, so daft er die Tiere in der verschiedensten Weise
unterrichten konnte. Er gab ihnen Lehren und lehrte sie vor alien
Dingen, daft man die Festtage heiligen und an den Festtagen Opfer
darbringen solle. Er sagte ihnen: Ihr miilk vor allem danach trach-
ten, von dem, was ihr zur Nahrung habt, etwas zu ersparen, und
das miifit ihr abgeben an diejenigen, die als Bittende zu euch kom-
men, damit auch sie in wiirdiger Weise am Festtage die Opfergaben
darbringen konnen. Nun kam ein Festtag heran. Eines der Tiere
ging in eine benachbarte Gegend und fand, daft die Leute damit
beschaftigt waren, Fische als Speise zusammenzutragen. Nachdem
die Leute sich entfernt hatten, dachte das Tier: Da kann ich mir
doch etwas nehmen. Ich will mich aber doch schikzen, dachte es
dann und sprach: Gehort jemand diese Speise? - Da sich niemand
meldete, nahm es von der Speise. Ebenso machte es das zweite Tier
und dann auch das dritte Tier. Nun kamen die vorhergesagten Tage
der Feste. Da verkleidete sich der Gott Indra als Brahmane und
ging, die verschiedenen Tiere zu besuchen. Indra kam zu dem er-
sten Tier und fragte: Kannst du mir nicht etwas Nahrung geben zu
der Opferung? - Das Tier erzahlte, wie es die Nahrung gefunden
habe. Da sagte Indra: Ich will wieder zuruckkommen und mir dann
etwas davon nehmen. - Ebenso ging er dann zum zweiten und zum
dritten Tiere. Der Hase aber hatte etwas Gras gefressen und sagte
sich: Wenn jemand jetzt zu mir kommt, um mich um etwas zu
bitten, so kann ich ihm doch kein Gras geben; ich werde mich
selbst ihm als Nahrung anbieten. - Als nun Indra zu ihm kam und
ihn um eine Gabe ansprach, da sagte der Hase: Ich habe nichts, was
ich dir geben kann, aber ich biete mich selbst dir als Speise an.
Mache ein Feuer, du wirst mich rosten konnen, um mich dann zu
verspeisen. Ich bitte dich nur, daft dabei keines der Insekten, wel-
che sich bei mir finden mogen, zugrunde geht. - Indra sah daran,
wie vorgeriickt der Hase in moralischer Beziehung war und be-
wirkte, daft das Feuer ihm nichts anhaben konnte, so daft der Hase
vollig unversehrt blieb. Als der Hase den Gott Indra so vor sich
hatte, da sagte er: O weiser Gott Indra, bleibe da, wir wollen zu-
sammen die Lehre verkiindigen. - Und der Gott Indra antwortete:
Ja, wir wollen sie so verkiindigen, daft sie niemals mehr ausgeloscht
werden kann wahrend dieses ganzen Weltalters. - Und er nahm
einen Stift und zeichnete einen Hasen auf den Mond, der nun sicht-
bar ist wahrend des ganzen Weltalters.
Das ist also die Fabel von Buddha, der als Hase in die Tierwelt
versetzt ist und der sich vollig selbst hinopfert. Diese Fabel ist ganz
dazu angetan, sich tief einzugraben in die Geister derjenigen, denen
sie erzahlt wurde, um sie dadurch vorzubereiten fur eine spatere
Inkarnation, damit die Seelen reif wurden, die Wahrheit dann selbst
zu suchen. Das ist iiberhaupt der Sinn der Fabeln gewesen. Ur-
sprunglich wurden nicht Fabeln erzahlt wie heute, wo man gar
nicht weift, warum ein Tier so oder so handelt. Man hat vielmehr
darauf gezahlt, daft die Menschen wahrend des Erzahlens in ihren
Vorstellungen gewisse Bilder erlebten, die auf den Kausalkorper
wirken und im nachsten Leben als Sinn fur die Wahrheit aufgehen.
Fabeln wurden nicht erzahlt, um den Menschen einen asthetischen
Genuft zu bieten, sondern um die Seelen vorzubereiten, daft sie,
wenn sie dann nach vielen Jahren wiedergeboren werden, so prapa-
riert sind, daft sie die Wahrheit leichter aufnehmen konnen. Wenn
eine solche Fabel diese Bedeutung haben soil, wenn sie gleichsam
die geistige Form schaffen soil, um spater die reine Wahrheit auf-
nehmen zu konnen, so mufi sie in sich selbst reine Wahrheit haben,
sonst werden im Astralkorper und im Kausalkorper der Menschen
nicht solche Schwingungen erregt, die sie befahigen, spater die
wirkliche Wahrheit aufzunehmen. Gerade in dieser Fabel liegt aber
ein so ungemein tiefer Sinn, und sie ist so fein dichterisch gepragt,
daft wir uber die alten Rishis - wenn wir nicht wiiftten, daft sie
durch Devas unterrichtete Manner waren - uns sehr verwundern
miiftten. Und auch wundern miiftten wir uns, wenn wir nicht
wiiftten, daft diese Fabel zusammenhangt mit einer Grundtatsache,
namlich mit der Beziehung der Menschenseele zu alien iibrigen
Wesenheiten in der Natur.
Nun bedenken Sie, wie sich der ganze Vorgang unseres Erden-
lebens abgespielt hat. Wir sind jetzt in der vierten Runde, dieser
gingen voran die dritte, zweite und erste Runde. In der ersten
Runde waren wir Menschen alle schon vorhanden, aber nicht in der
Form, in der wir jetzt vorhanden sind. Wir hatten eine wesentlich
andere Form. Wir kamen als Pitris von einem friiheren Planeten
heriiber und begannen unseren Erdenlauf in der ersten Runde. Da
gingen wir durch das Mineralreich hindurch. Wir waren als Pitris
imstande, an den Formen des Mineralreiches mitzuarbeiten, die
damals geschaffen worden sind. Das Mineralreich hat dazumal
ganz anders ausgesehen als heute; keine Kristallformen waren da;
alle physischen Stoffe waren in einem mineralisch-elementarischen
Zustand, auch das, woraus die Menschen-, Tier- und Pflanzenleiber
geworden sind. In dieser ersten Runde lebten noch nicht Pflanzen,
noch nicht Tiere, noch nicht Menschen - wenn wir die aufiere
Form beriicksichtigen -, alles lebte da seelisch, aber noch nicht in
der Form. Die Formen, die damals in der ersten Runde geschaffen
worden sind und die dann zum Knochensystem geworden sind,
haben sich die Pitris als einen mineralischen Unterbau vorbereitet.
In der zweiten Runde bereiteten sich die Pitris ihren pflanz-
lichen Unterbau vor. Alles das, was spater modelliert wurde zum
Verdauungs- und Atmungssystem, war noch nicht so gestaltet wie
heute, aber es war vorbereitet als Unterbau. Daneben bildete sich
das Mineralreich als eine Art selbstandiges Wesen weiter. Ein selb-
standiges Mineralreich entstand dadurch, dafi nicht alles, was in
einer Runde gebildet worden ist, brauchbar war, um in die hohere
Stufe der Pflanzen aufgenommen zu werden. Das wurde abgeson-
dert. Nun bitte ich Sie, den Vorgang in seiner ganzen Bedeutung
zu erkennen. Die Menschen bildeten dazumal ihren pflanzlichen
Unterbau. Wiirden wir wahrend der zweiten Runde nur alle die
Substanzen haben, die wahrend der ersten Runde gebildet worden
sind, so wiirden wir niemals einen hoheren Pflanzenbau erreicht
haben. Wahrend der zweiten Runde haben wir, als menschliche
Pitris, eine eminent egoistische Handlung ausgefiihrt. Wir haben
uns gleichsam gesagt, wir wollen herausnehmen aus dem Brei, was
wir brauchen konnen, und das, was fur unsere Weiterentwicklung
nichts taugt, lassen wir draufien. Wir haben in der Pitri-Kultur das
Mineralreich aus uns herausgeworfen. Wir haben uns hoher ent-
wickelt auf Kosten des Mineralreiches.
In der dritten Runde stiefien wir dann das Pflanzenreich ab als
eine Wesenheit fur sich. Da entstanden erst die Pflanzen. Wir saug-
ten alles auf, was wir brauchten, um unsere Systeme so zu bilden,
daft wir Kama aufbauen und eine Blutzirkulation bekommen
konnten. Dadurch haben wir uns in das Tierreich erhoben und
haben andere Wesen in das Pflanzenreich hinabgestoften. Wir ha-
ben uns in der dritten Runde das Tierreich erkampft. Das damalige
Tierreich ist aber nicht zu vergleichen mit irgendeiner Form, die
heute besteht.
Wahrend der vierten Runde haben wir uns zu Menschen entwik-
kelt, indem wir das, was wir brauchen konnten, wiederum in ganz
egoistischer Weise herausgenommen haben aus dem Tierreich. Das
andere haben wir ausgesondert, und das Ausgesonderte wurde das
heutige Tierreich.
Wir haben uns also wahrend der ersten Runde zunachst als
mineralische Wesen entwickelt. Wahrend der zweiten Runde haben
wir das Mineralreich abgesondert, wahrend der dritten Runde das
Pflanzenreich und wahrend der vierten Runde das Tierreich. Was
sind die Mineralien, die Pflanzen und die Tiere? Die Mineralien,
die Pflanzen und die Tiere sind die aus uns selbst herausgestellten,
einstmals mit uns verbundenen Entwicklungselemente unserer
Natur. Alles, was wir nicht haben brauchen konnen, haben wir der
Erde ubergeben, damit es sich selbstandig entwickeln konne. Uber-
blicken wir das Tierreich, so ist es dasselbe, was von uns herausge-
stellt worden ist, das noch in der dritten Runde mit uns eins war.
Nun sagt der Okkultist: Was du heute erblickst im Tierreich, das
ist nichts von dir Getrenntes, das ist etwas, was noch in der dritten
Runde in dir selbst war und in dir gewaltet hat. Im Laufe der
vierten Runde hast du es aus dir herausgeworfen. Die Wut des
Schakals, die List des Fuchses sind deine kamischen Elemente. Aus
der List, die in dir war, ist der Fuchs geschaffen, die Wut, die du
hattest, hat den Schakal gemacht. So ist das ganze Tierreich deine
eigene Kamawelt. Du selbst hast die Tierwelt gestaltet und geschaf-
fen. Was heute im Tierreich physisch geworden ist, das sind die
Vorgange innerhalb deines eigenen Kamakorpers wahrend der drit-
ten Runde gewesen. Blicke auf die Tiere und du blickst auf deine
eigene Vergangenheit. - Wir haben diese Stufen erreicht, indem wir
andere unter uns zuriickgelassen haben. So erkaufen wir auch jetzt
eine hohere Stufe der Vollkommenheit dadurch, dafi wir andere
zuriickstofien. Jeder Asket erkauft seine eigene Vervollkommnung
dadurch, dafi er einen anderen Menschen in umso blindere Sinnen-
wut hineinstiirzt. Das ist eine ewige Notwendigkeit.
Immer vorwarts und vorwarts schreitet die ganze Entwicklung.
Das Mineralreich, das wahrend der ersten Runde herausgebildet
worden ist, hat sich wahrend der zweiten und dritten Runde selb-
standig entwickelt und in der vierten Runde die Formen angenom-
men, die wir heute kennen. Es wird in der fiinften Runde nicht
mehr existieren, es wird zerstieben am Ende der vierten Runde, es
wird abf alien, wie von einem Baume die verdorrte Borke abfallt. In
der nachsten Runde, der fiinften, wird dann das Pflanzenreich das
niederste sein, in der darauf folgenden das Tierreich, und in der
siebenten Runde wird nur noch der Mensch da sein.
Die Mineralien sind als Formen auf der hochsten Entwicklungs-
stufe angelangt. Der Stoff derselben ist ganz gleichgiiltig. Durch die
Verwandlung der zerstiebten Formen wird er eine andere Struktur
bekommen und die Urform zu einem neuen Weltsystem bilden.
Am Schlusse der siebenten Runde wird das Menschenreich auf-
gelost sein. Das ist der Fall, wenn der Stoff seine normale Entwick-
lung durchgemacht hat. Wir haben jedes Reich erkauft durch Ab-
sonderung des vorhergehenden. Damit die Menschen so werden
konnten, mufiten sie das Mineralreich, das Pflanzenreich und das
Tierreich durch Abstofiung aus sich herauslassen. Wir sind jetzt
etwas iiber der Mitte eines Kalpas - eines Weltalters - hinaus. Die
Entwicklung in der zweiten Halfte besteht darin, dafi wir das, was
wir friiher ausgestofien haben, wieder in uns hineinnehmen und auf
hoheren Stufen verarbeiten miissen. Das mull geschehen mit dem
Tierreich, dem Pflanzenreich und dem Mineralreich. Im Tierreich
haben wir wie in einem grofien Tableau ausgebreitet unsere Lei-
denschaften.
Einen astralen Vorgang, der sich in uns abspielt, konnen wir ins
Tierreich versetzen, wenn wir Fabeln erzahlen. Wir konnen also
Handlungen im Tierreich erzahlen, und wir erzahlen unsere eige-
nen Leidenschaften. Und wenn wir die Uberwindung einer Leiden-
schaft im Tier erzahlen, so erzahlen wir die Uberwindung einer
Leidenschaft in uns selbst. Der Okkultist ist sich klar dariiber, dafi
er, indem er von seinem eigenen Leibe erzahlt, von dem erzahlt,
was er selbst geformt hat, denn wir haben ja erst wahrend der
vierten Runde unsere Leiber gebildet. In Kama leben wir jetzt, und
der Kampf von Kama mit Manas stellt sich uns jetzt dar. Blicken
wir hinauf zu hoheren Etappen, so bereiten wir eine ethische
Hoherentwicklung vor. Sind unsere Vorstellungen verkniipft mit
niederen Kama-Stufen, dann sind sie innig verwandt mit den Tier-
stufen der dritten Runde.
Der Okkultist sagt: Die Menschenwelt ist Maja. Ich erzahle viel
wahrer, wenn ich die tauschenden Menschenkorper weglasse und
die Handlung in Gestalten der Tierwelt erzahle. Den physischen
Korper verdankt der Mensch der makrokosmischen Gesamtent-
wicklung. Der kamische Mensch ist aber in der Gesamtentwick-
lung zuriickgeblieben. Tust du etwas, was nicht mehr gutgemacht
werden kann, dann entspricht dein Korper nicht dem, was du bist.
Der Makrokosmos wiirde fordern, dafi der Mensch auf einer hohe-
ren Stufe steht. Dasjenige, was den Korper soweit iiberwindet, dafi
er vollstandig dem makrokosmischen Bild entspricht, das ist repra-
sentiert durch den Hasen, der den physischen Korper hinopfert im
aufieren Feuer und nach der anderen Seite sich hin entwickelt.
SECHSTER VORTRAG
Berlin, 30. September 1904
Die Mysterien der Druiden und Drotten
Unsere mittelakerlichen Erzahlungen - Parzival, Tafelrunde, Hart-
mann von Aue - zeigen uns alle, obgleich gewohnlich nur dem
aufteren Sinn nach verstanden, esoterische Gestaltungen mystischer
Wahrheiten. Wo ist ihr Ursprung zu suchen? Vor der Verbreitung
des Christentums miissen wir den Ursprung suchen. In das Chri-
stentum hinein ist organisch gewachsen, was in Irland, Schottland
[und in Skandinavien] gelebt hat. Wir werden an einen bestimmten
Mittelpunkt gefiihrt, von dem dieses Geistesleben ausgegangen ist.
Das geistige Leben [Europas] ging aus von einer Zentralloge in
Skandinavien, der Drottenloge, Druidenloge. Druide heiftt Eiche.
Deshalb spricht man aufterlich davon, daft die alten Deutschen
unter Eichen ihre Weisungen empfingen.
Drotten oder Druiden waren uralte germanische Eingeweihte.
In England bestanden [die Druidenlogen] bis zu Zeiten der Koni-
gin Elisabeth. Alles, was wir in der Edda lesen und in der uralten
germanischen Sagenwelt finden konnen, geht zuriick bis in die
Tempel der Drotten oder Druiden. Der Dichter [dieser Sagen] ist
immer ein Druidenpriester. Die Sagen stellen nicht bloft irgendein
Symbol oder eine Allegorie dar - dies auch, aber noch anderes.
Nehmen wir ein Beispiel: Wir kennen die Sage Baldurs, wir
wissen, daft Baldur die Hoffnung der Gotter ist, daft er vom Gotte
Loki getotet wird mit dem Mistelzweig; der Gott des Lichtes wird
getotet. Diese ganze Erzahlung hat einen tiefen Mysteriensinn, den
jeder, der eingeweiht wurde, nicht nur lernte, sondern zu erleben
hatte.
Bei der Einweihung in die Mysterien der Druiden und Drotten
war der erste Akt benannt das «Auf suchen des Leichnams Bal-
durs». Es wurde gedacht, daft Baldur immer lebendig ist. Das Auf-
suchen bestand in einer volligen Aufklarung uber die Natur des
Menschen; Baldur war der Mensch, wie er verlorengegangen ist.
Einstmals lebte nicht der Mensch von heute, sondern ein anderer,
der nicht differenziert war, nicht hinimtergedriickt bis zum Er-
leben der Leidenschaften, [der noch] in einer feineren, fliichtigen
Materie [lebte] - Baldur, der leuchtende Mensch. Bei wirklichem
Verstandnis sind die Dinge, die uns als Symbol erscheinen, in ho-
herem Sinne zu nehmen. Dieser Mensch, der nicht untergetaucht
ist in das, was wir heute Materie nennen, ist Baldur. Er wohnt in
einem jeden von uns. Der Druidenpriester mufke in sich selbst
diesen hoheren Menschen suchen. Ihm wurde klargemacht, worin
diese Differenzierung besteht, von den hohen zu den niederen
[Menschheitsstufen]. Das Geheimnis aller Einweihung ist, den
hoheren Menschen in sich zu gebaren. Was der Priester schneller
durchmacht, werden die [gewohnlichen] Menschen in langer Ent-
wicklungsreihe durchmachen. Damk diese Druiden Fuhrer der
iibrigen Menschen sein konnten, dazu mufiten sie diese Einwei-
hung empfangen. Der tiefer gestiegene Mensch raufi nun die Mate-
rie uberwinden und jenen hoheren Zustand wieder erreichen. Diese
Geburt des hoheren Menschen verlauft in alien Mysterien in einer
bestimmten gleichen Weise. Den in der Materie untergegangenen
Menschen hatte man wieder zu beleben; durch eine Reihe von
Erfahrungen mufke man gehen - wirkliche Erfahrungen, die wie
kein sinnliches Erlebnis auf diesem Plan [hier] sein konnen.
Die Etappen [der Einweihung]: Die erste [Etappe] war, daft man
vor den sogenannten Thron der Notwendigkeit gefiihrt wurde.
Man stand vor dem Abgrund; man erfuhr wirklich an dem eigenen
Leibe, wie es sich in den niederen Naturreichen lebt. Der Mensch
ist Mineral und Pflanze, aber erfahren kann [das] der gegenwartige
Mensch heute nicht, [er] kann nicht erleben, was die elementaren
Stoffe erleben, und doch riihrt das Eherne, Zwingende in der Welt
davon her, daft wir auch Mineralien, Pflanzen sind.
Die nachste Stufe fiihrte den Menschen vor alles das, was im
Tierreich lebt. Alles, was an Leidenschaften, Begierden lebt, muike
man durcheinanderwogen und -wirbeln sehen. Der Mensch muftte
das anschauen, weil die Einweihung den Zweck hat, hinter die
Kulissen des Weltendaseins zu schauen. Der Mensch weifi nicht,
daft durch seine physische Hiille nur verdeckt wird, was durch den
astralen Raum wirbelt. Der Schleier der Maja ist eine wirkliche
Hiille, und wer eingeweiht wird, muft dahintersehen - die Hiillen
fallen, klar [schauen] wird der Mensch. Das ist ein besonderer
Moment: der Priester wurde gewahr, daft sie, [die Hiillen], einge-
dammt hatten Triebe, die, wenn sie losgelassen wiirden, furchtbar
war en.
Die dritte Stufe fiihrte zur Anschauung der groften Natur. Das
ist eine Stufe, die der Mensch ohne Vorbereitung noch sehr schwer
begreiflich findet. Daft da gewaltige okkulte Machte ruhen und in
diesen Naturkraften sich die Weltenleidenschaften ausdriicken, das
ist etwas, was den Menschen aufmerksam macht, daft es Krafte
gibt, die er nicht einmal so erlebt wie sein eigenes Leid.
Die nachste Priifung nennt man die «Ubergabe der Schlange»
durch den Hierophanten. Die Wirkungen, die davon ausgehen,
erklart uns die Tantalus-Sage. Die Gunst, [wie Tantalus] im Rate
der Gotter zu sitzen, kann miftbraucht werden. Es bedeutet eine
Wirklichkeit, die den Menschen gewift iiber sich selbst hinaushebt,
aber an Gefahren bindet, die nicht iibertrieben sind im Tantali-
denfluch. In der Regel sagt der Mensch, er vermag nichts gegen
die Naturgesetze. Diese sind [schaffende] Gedanken. Mit demjeni-
gen Gedanken, der nur ein schattenhafter Gehirngedanke ist, kann
man nichts machen; mit dem schaffenden Gedanken, der die Wel-
tendinge baut und konstruiert, dem produktiven, fruchtbaren,
haben wir anstelle des passiven denjenigen, der durchsetzt ist mit
spiritueller, geistiger Kraft. Eine Raupe, ausgeblasen, ist [bloft die]
Hiille der Raupe; vom [produktiven] Gedanken durchsetzt, ist sie
die lebendige Raupe. In den Hiillengedanken wird wirkende,
schaffende Kraft gegossen, so daft der Priester imstande ist, nicht
nur die Welt anzuschauen, sondern als Magier in ihr zu wirken.
Die Gefahr ist, Miftbrauch zu treiben. Auf dieser Stufe erhalt der
Okkultist eine gewisse Macht, durch die er selbst hohere Wesen-
heiten zu tauschen in der Lage ist. Er mufi Wahrheiten nicht nur
nachsprechen, sondern erfahren; entscheiden, ob etwas wahr oder
falsch ist. Das heilk: die Ubergabe der Schlange durch den
Hierophanten.
Im Geistigen gibt es ebenso ein Riickgrat [wie im Physischen],
wo es sich entscheidet, ob man ein geistiges Gehirn bekommt.
Diesen Prozeft macht der Mensch durch auf der [dritten] Stufe der
Einweihung, [dem «Gang in das Labyrinth»]. Er wird hinaus-
gehoben aus Kama und versehen mit dem geistigen Riickgrat, um
in die Wirbel des geistigen Gehirns gehoben zu werdera Die
Windungen des Labyrinths sind auf dem geistigen Plan dasselbe,
was die Windungen des Gehirns [auf dem physischen Plan] sind.
Der Mensch erhalt EinlaE in das Labyrinth, in die Windungen
innerhalb der hoheren Plane.
Dann mufke er Verschwiegenheit schworen; ein blankes Schwert
lag vor ihm, und den starksten Eid muike er schworen. Das hiefi, daft
der Mensch nunmehr schweigen wiirde iiber seine Erlebnisse gegen-
iiber dem, der nicht eingeweiht war wie er. Diese eigentlichen
Geheimnisse konnen unmoglich ohne weiteres mitgeteilt werden.
Er, [der Eingeweihte], hatte aber die Moglichkeit, die Sagen so zu
gestalten, dafi sie der Ausdruck des Ewigen sind. Konnte man in die-
ser Weise sich aussprechen, hatte man naturlich iiber seine Mitmen-
schen eine grofie Gewalt. Wer eine solche Sage formt, pragt etwas in
den menschlichen Geist ein. Was man [gewohnlich] so spricht, wird
wieder vergessen, und nur das allerwenigste iiberdauert den Tod.
Ewige Wahrheiten iiberdauern am langsten den Tod. Vom niederen
Wissenschaftlichen iiberdauert sehr wenig den Tod. Das Ewige, ja,
[das iiberdauert], und es erscheint wieder in einer neuen Inkarnation.
Der Druidenpriester sprach aus einem hoheren Plan heraus. Waren
seine Erzahlungen der Ausdruck hoherer Wahrheiten, wenn auch
einfach, so drangen sie tief in die Seelen hinein. Er hatte einfache
Menschen vor sich, aber die Wahrheiten drangen in die Seelen hin-
ein, und sie hatten etwas einverleibt, was wieder in neuen Inkarna-
tionen geboren wird. Damals haben die Menschen Marchen- Wahr-
heiten erlebt. So haben wir heute einen praparierten Geistkorper,
und wenn wir heute hohere Wahrheiten begreifen, so ist es, weil
wir prapariert sind.
So hat diese Zeit, die im Jahre 61 aufhorte, das Geistesleben
Europas vorbereitet, den Boden abgegeben, auf dem sich das Chri-
stentum hat aufbauen konnen. Die Lehren [der Druiden] haben
sich erhalten, und wer sucht, findet noch den Zugang zu dem, was
in diesen Logen gelehrt wurde.
Nachdem er, [der Druidenpriester], seinen Schwur auf das
Schwert abgelegt hatte, mufke er ein bestimmtes Getrank trinken,
und zwar aus einem Menschenschadel. Dies hatte die Bedeutung,
daft der Mensch hinausgewachsen war iiber das Menschliche. Die-
ses Gefiihl mufite der Druidenpriester gegeniiber dem niederen
Leibe haben. Was in dem Leibe lebte, mufke er so objektiv, so kalt
empfinden, dafi er ihn nur als ein Gefaft betrachtete. Dann wurde
er eingeweiht in die hoheren Geheimnisse und wie er wieder hin-
aufstieg in die hoheren Welten, [begegnete er dem lebendigen]
Baldur. Er wurde in einen Riesenpalast gefuhrt, der iiberdeckt war
mit funkelnden Schwertern. Ein Mann trat ihm entgegen, der sie-
ben Blumen hinaufwarf - [die sieben Planeten]. [Der Einzuweihen-
de erblickte drei Sitze; auf ihnen thronten]: Himmelsraum, Cheru-
bim, Demiurg. So wurde er ein wirklicher Sonnenpriester.
Viele lesen die Edda und wissen nicht, dafi sie eine Erzahlung ist
von dem, was sich in den alten Drottenmysterien wirklich ereignet
hat. Eine ungeheure Macht lag in den Handen der alten Drotten-
priester, eine Macht iiber Leben und Tod. Es ist eine Wahrheit, daft
alles im Laufe der Zeiten korrumpiert wird. Das Druidentum war
einst das Hochste, Heiligste. In den Zeiten, als das Christentum
sich ausbreitete, war vieles ausgeartet, und es gab viele schwarze
Magier, so daft das Christentum wie eine Erlosung war.
Allein das Studium dieser alten Wahrheiten veranschaulicht fast
den ganzen Okkultismus. Kein Stein wurde in dem Druidentempel
so auf den anderen gelegt wie heme, sondern genau nach astrono-
mischen Maften; Tiiren waren nach Himmelsmafi gebaut. Mensch-
heitsbauer waren die Druidenpriester. Ein schwaches Abbild davon
hat sich in den Anschauungen der Freimaurer erhalten.
Lernt man die astrale Materie durchschauen, sieht man
die Sonne urn Mitternacht: 1. Einweihung.
Ubergabe der Schlange: 2. Einweihung.
Der Gang in das Labyrinth: 3. Einweihung.
SIEBENTER VORTRAG
Berlin, 7. Oktober 1904
Die Prometheus-Sage
Ich habe das letzte Mai versucht, Ihnen zu zeigen, wie die Einwei-
hung in den alten Druidenlogen geschah. Heute mochte ich etwas
ausfiihren, was damit zwar verwandt ist, was vielleicht aber doch
scheinbar etwas weiter abliegt. Aber wir werden sehen, wie wir das
Verstandnis unserer Menschheitsentwicklung immer mehr und
mehr in seiner Tiefe uns werden erwerben konnen.
Sie haben wohl aus meinen verschiedenen Freitagsvortragen er-
sehen, daft die Sagenwelt der verschiedenen Volker einen tiefen
Gehalt hat und dafi die Mythen der Ausdruck von tiefen, esoteri-
schen Wahrheiten sind. Nun mochte ich heute sprechen von einer
der interessantesten Sagen, von einer Sage, die im Zusammenhange
steht mit der ganzen Entwicklung unserer funften Wurzelrasse.
Dabei werden Sie zu gleicher Zeit sehen, wie der Esoteriker immer
drei Stufen des Verstandnisses der Sagenwelt durchmachen kann.
Zunachst leben die Sagen in irgendeinem Volke, und sie werden
exoterisch, aufierlich-wortlich genommen. Dann beginnt der Un-
glaube an diese wortliche Auffassung der Sagen, und es versuchen
die Gebildeten eine symbolische, eine sinnbildliche Deutung der
Sagen. Hinter diesen zwei Deutungen stecken aber noch funf an-
dere Deutungen, denn jede Sage hat sieben Deutungen. Die dritte
ist diejenige, wo Sie in der Lage sind, die Sagen wiederum in einer
gewissen Weise wortlich zu nehmen. Allerdings miissen Sie erst die
Sprache verstehen lernen, in der die Sagen verfalk sind. Heute
mochte ich iiber eine Sage sprechen, deren Verstandnis nicht so
leicht zu erlangen ist, iiber die Prometheus-Sage.
In einem Kapitel im zweiten Bande der «Geheimlehre» von H.
P. Blavatsky werden Sie etwas dariiber finden und daraus auch
ersehen, welch tiefer Gehalt in dieser Sage steckt. Dennoch ist es
nicht immer moglich, in gedruckten Schriften die letzten Dinge zu
sagen. Heute konnen wir noch ein wenig iiber die Ausfiihrungen in
der «Geheimlehre» von H. P. Blavatsky hinausgehen.
Prometheus gehort der griechischen Sagenwelt an. Er und sein
Bruder Epimetheus sind die Sonne eines Titanen, Japetos. Und die
Titanen selbst sind die Sonne der altesten griechischen Gottheiten,
von Uranos und seiner Gemahlin, der Gaia. Uranos wiirde, ins
Deutsche ubersetzt, bedeuten «der Himmel» und Gaia «die Erde».
Ich bemerke noch ausdriicklich, daft Uranos im Griechischen das-
selbe ist wie Varuna im Indischen. Ein Titan also, ein Nachkomme
des Uranos und der Gaia, ist Prometheus und ebenso sein Bruder
Epimetheus. Der jiingste der Titanen, Kronos, die Zeit, hat seinen
Vater Uranos entthront und sich selbst der Herrschaft bemachtigt.
Dafiir wurde er wiederum von seinem Sohne Zeus entthront und
mit alien Titanen in den Tartaros, den Abgrund oder die Unter-
welt, verstoften. Nur der Titan Prometheus und sein Bruder Epi-
metheus hielten zu Zeus. Sie standen damals auf der Seite des Zeus
und kampften gegen die anderen Titanen.
Nun wollte Zeus aber auch das Menschengeschlecht, das iiber-
mutig geworden war, vertilgen. Da machte sich Prometheus zum
Anwalt des Menschengeschlechts. Er sann darauf, wie er dem
Menschengeschlecht etwas geben konne, womit es sich selbst retten
konne und nicht mehr bloft angewiesen sei auf die Hilfe des Zeus.
So wird uns erzahlt, daft Prometheus den Menschen den Gebrauch
der Schrift und der Kiinste gelehrt habe, namentlich aber den Ge-
brauch des Feuers. Dadurch aber hat er den Zorn des Zeus auf sich
geladen. Er wurde wegen dieses Zornes des Zeus an einen Felsen
des Kaukasus angeschmiedet und mufite dort lange Zeit grofie
Qual erdulden.
Es wird uns ferner noch erzahlt, dafi nunmehr die Gotter, Zeus
an der Spitze, den Hephaistos, den Gott der Schmiedekunst, veran-
laftt haben, eine weibliche Bildsaule zu verfertigen. Diese weibliche
Bildsaule war von den Gottern mit alien Eigenschaften ausgestattet
worden, welche der auftere Schmuck des Menschengeschlechts der
fiinften Wurzelrasse sind. Diese weibliche Bildsaule war die Pando-
ra. Pandora wurde von Zeus veranlalk, unheilbringende Gaben an
die Menschheit heranzubringen, zunachst an den Bruder des Pro-
metheus, an den Epimetheus. Zwar warnte Prometheus den Bru-
der, diese Gaben anzunehmen; dieser lieft sich aber dennoch bere-
den und nahm von Pandora die unheilbringenden Gaben der Got-
ter an. Es wurde alles auf die Menschheit ausgeschuttet, nur eine,
die gute Gabe, wurde zuriickbehalten: die Hoffnung. Die andern
Gaben waren Plagen und Leiden fur die Menschheit; nur die Hoff-
nung wurde in der «Biichse der Pandora» zuriickbehalten.
Prometheus wird also angeschmiedet am Kaukasus, und an sei-
ner Leber nagt fortwahrend ein Geier. Hier duldet er. Er weift aber
etwas, was eine Biirgschaft fur seine Rettung ist. Er weift ein Ge-
heimnis, das selbst Zeus nicht weift, das dieser aber wissen will.
Prometheus verrat es indessen nicht, trotzdem Zeus den Gotter-
boten Hermes zu ihm schickt.
Nun wird uns im Laufe der Sage seine merkwiirdige Befreiung
erzahlt. Es wird erzahlt, daft Prometheus nur befreit werden kann
durch das Eingreifen eines Eingeweihten, eines Initiierten. Und ein
solcher Initiierter war der Grieche Herakles - Herakles, der die
zwolf Arbeiten verrichtet hatte. Die Verrichtung dieser zwolf
Arbeiten ist die Leistung eines Initiierten. Es sind dies zwolf Initia-
tionspriifungen, symbolisch ausgedrikkt. Aufterdem wird von He-
rakles gesagt, daft er sich in die eleusinischen Mysterien habe ein-
weihen lassen. Er vermag Prometheus zu retten. Es muftte sich aber
noch jemand stellvertretend opfern, und es opferte sich fiir Pro-
metheus der Kentaur Chiron; er war halb Tier, halb Mensch. Er litt
da schon an einer unheilbaren Krankheit, [war aber eigentlich un-
sterblich. Um sterben zu konnen, opfert er sich.] Er erleidet den
Tod, und Prometheus wird dadurch gerettet. Das ist die auftere
Struktur der Prometheus-Sage.
In dieser Sage liegt die ganze Geschichte der fiinften Wurzelras-
se, und es ist in ihr wirkliche Mysterienwahrheit eingeschlossen.
Diese Sage wurde in Griechenland wirklich erzahlt. Aber auch in
den Mysterien wurde sie dargestellt, so daft der Mysterienschiiler
das Schicksal des Prometheus wirklich vor sich sah. Und in diesem
sollte er die Vergangenheit und Zukunft der ganzen fiinften
Wurzelrasse sehen. Das Verstandnis hierfiir konnen Sie nur erlan-
gen, wenn Sie eines beriicksichtigen.
In der Mitte der lemurischen Rasse war erst das [erreicht], was
man als die Menschwerdung bezeichnet - Menschwerdung in dem
Sinne, wie wir heute Menschen haben. Diese Menschheit wurde
gefiihrt von grofien Lehrern und Fiihrern, die wir als die «S6hne
des Feuernebels» bezeichnen. Heute wird die Menschheit der funf-
ten Wurzelrasse auch gefiihrt von grofien Eingeweihten, aber unse-
re Eingeweihten sind anderer Art als die damaligen Fiihrer der
Menschheit.
Diesen Unterschied miissen Sie sich jetzt klarmachen. Es ist ein
grofier Unterschied zwischen den Fiihrern der zwei vorhergehen-
den Wurzelrassen und den Fiihrern unserer fiinften Wurzelrasse.
Auch die Fiihrer jener Wurzelrassen waren vereinigt in einer wei-
fien Bruderloge. Diese hatten aber ihre vorherige Entwicklung
nicht auf unserem Erdplaneten durchgemacht, sondern auf anderen
Schauplatzen. Sie waren auf die Erde herabgestiegen schon als reife,
hohere Menschen, um die Menschen, die noch in ihrer Kindheit
waren, bei ihrer ersten Entstehung zu unterrichten, sie die ersten
Kiinste zu lehren, die sie brauchten. Diese Lehrzeit dauerte durch
die dritte, vierte, ja bis in die fiinfte Wurzelrasse herein.
Diese fiinfte Wurzelrasse hat ihren Ursprung genommen von
einem kleinen Hauflein Menschen, die ausgesondert worden wa-
ren aus der vorhergehenden Wurzelrasse. Sie wurden herangezo-
gen in der Wiiste Gobi und verbreiteten sich dann strahlenformig
iiber die Erde. Der erste Fiihrer, der den Impuls gegeben hat zu
dieser Menschheitsentwicklung, das war einer der sogenannten
Manus, der Manu der fiinften Wurzelrasse. Dieser Manu gehort
noch zu jenen Fiihrern des Menschengeschlechts, die zur Zeit der
dritten Wurzelrasse herabgestiegen sind. Das war noch einer der
Fiihrer, die ihre Entwicklung nicht nur auf der Erde durch-
gemacht haben, sondern die ihre Reife hereingebracht haben auf
unsere Erde.
Erst in der fiinften Wurzelrasse beginnt die Entwicklung von
solchen Manus, die Menschen wie wir selbst sind, die wie wir ihre
Entwicklung nur auf der Erde durchgemacht haben, die sozusagen
von der Pike auf sich auf der Erde entwickeln. Wir haben also
Menschen, die hohere Fiihrer- und Meisterpersonlichkeiten schon
sind, und solche, die sich bemiihen, Fiihrer- und Meisterperson-
lichkeiten zu werden, so daft wir innerhalb der fiinften Wurzelrasse
Chelas und Meister haben, die zur friiheren Wurzelrasse gehoren,
und Chelas und Meister, die alles durchgemacht haben, was Men-
schen von der Mitte der lemurischen Zeit an durchgemacht haben.
Einer der Meister, die die Fuhrung der fiinften Wurzelrasse haben,
ist dazu ausersehen, die Fuhrung der sechsten Wurzelrasse zu
ubernehmen. Die sechste Wurzelrasse wird die erste sein, die von
einem Erdenbruder als Manu geleitet sein wird. Die friiheren
Meister, die Manus der anderen Welten, geben an den Erdenbruder
die Fuhrung der Menschheit ab.
Mit dem Aufdammern unserer fiinften Wurzelrasse fallt zusam-
men alles das, was wir die Entwicklung der Kiinste nennen. Die
Atlantier hatten noch ein ganz anderes Leben. Erfindungen und
Entdeckungen hatten sie nicht. Sie arbeiteten in ganz anderer Wei-
se. Ihre Technik und ihre Kunst waren ganz anders. Erst mit un-
serer fiinften Wurzelrasse entwickelte sich das, was wir in unserem
Sinne Technik und Kiinste nennen. Die wichtigste Erfindung ist
die Erfindung des Feuers. Machen Sie sich das einmal klar. Machen
Sie sich klar, was heute in unserer ausgebreiteten Technik, Indu-
strie und Kunst von dem Feuer abhangt. Ich glaube, der Techniker
wird mir Recht geben, wenn ich sage, daft ohne das Feuer gar
nichts von der ganzen Technik moglich ware. So diirfen wir sagen:
mit der Erfindung des Feuers war die grundlegende Erfindung, der
Impuls fiir alle anderen Erfindungen gegeben.
Dazu miissen Sie noch nehmen, daft man unter dem Feuer in der
Zeit, als die Prometheus-Sage entstand, alles dasjenige verstand,
was irgendwie mit Warme zusammenhing. Man verstand darunter
auch die Ursache des Blitzes. Die Ursachen aller Warmeerschei-
nungen wurden zusammengefaftt unter dem Ausdruck «Feuer».
Das Bewufttsein davon, daft die Menschheit der fiinften Wurzelras-
se unter dem Zeichen des Feuers steht, das drtickt sich zunachst in
der Prometheus-Sage aus. Und Prometheus ist nichts anderes als
der Reprasentant der ganzen funften Wurzelrasse.
Sein Bruder ist Epimetheus. Zunachst iibersetzen wir uns einmal
die zwei Worte: Prometheus hetfk auf deutsch der Vor-Denkende,
Epimetheus heifk der Nach-Denkende. Da haben Sie die zwei
Tatigkeiten des menschlichen Denkens klar auseinandergelegt: in
den nachdenkenden Menschen und in den vordenkenden Men-
schen. Der nachdenkende Mensch ist derjenige, welcher die Dinge
dieser Welt auf sich wirken lafit und dann hinterher denkt. Ein
solches Denken ist das kama-manasische Denken. Von einem ge-
wissen Gesichtspunkt aus gesehen heifk Kama-Manas-Denken:
zuerst die Welt auf sich wirken lassen und dann hinterher denken.
Der Mensch der fiinften Wurzelrasse denkt heute noch hauptsach-
lich wie Epimetheus.
Insofern aber der Mensch nicht das, was schon da ist, auf sich
wirken laEt, sondern Zukunft schafft, Erfinder und Entdecker ist,
insofern ist er ein Prometheus, ein Vordenker. Niemals wiirden
Erfindungen gemacht werden konnen, wenn der Mensch nur Epi-
metheus ware. Eine Erfindung wird dadurch gemacht, dafi der
Mensch etwas schafft, was noch nicht da ist. Zuerst ist es im Ge-
danken da, und dann wird der Gedanke umgesetzt in die Wirklich-
keit. Dieses ist das Prometheus-Denken. Dieses Prometheus-Den-
ken ist innerhalb der funften Wurzelrasse das manasische Denken.
Kama-manasisches und manasisches Denken gehen wie zwei Stro-
me nebeneinander her in der funften Wurzelrasse. Allmahlich wird
das manasische Denken immer weiter und weiter ausgebreitet.
Dieses manasische Denken der funften Wurzelrasse hat noch
eine besondere Eigentiimlichkeit. Das verstehen wir, wenn wir
zuriickblicken auf die atlantische Wurzelrasse. Diese hatte mehr ein
instinktives Denken, welches noch in Verbindung war mit der
Lebenskraft. Die atlantische Wurzelrasse war noch imstande, aus
der Samenkraft eine Bewegungskraft zu bilden. Wie heute der
Mensch in den Kohlenlagern eine Art Reservoir hat an Kraft, die
er in Dampf verwandelt zur Fortbewegung der Lokomotiven und
Lasten, so hatte der Atlantier grofie Lager von Pflanzensamen,
welche Krafte enthielten, die er umwandeln konnte in Fortbe-
wegungskraft, von der getrieben wurden jene Fahrzeuge, die in
Scott-Elliots Broschiire iiber die Atlantis beschrieben werden.
Diese Kunst ist verlorengegangen. Der Geist des atlantischen
Menschen bezwang noch die lebendige Natur, die Samenkraft. Der
Geist der funften Wurzelrasse kann nur die leblose Natur, die im
Stein, in den Mineralien liegenden Werdekrafte besiegen. So ist das
Manas der funften Wurzelrasse gefesselt an die mineralischen Kraf-
te, wie die atlantische Rasse gebunden war an die Lebenskrafte.
Alle Prometheus-Kraft ist gefesselt an den Felsen, an die Erde.
Daher ist auch Petrus der Fels, auf den Christus baute. Es ist das-
selbe wie der Fels des Kaukasus. Der Mensch der funften Wurzel-
rasse hat auf dem rein physischen Plan seine Entwicklung zu
suchen. Er ist gefesselt an unorganische, an mineralische Krafte.
Versuchen Sie einmal, sich einen Uberblick dariiber zu verschaf-
fen, was es heilk, wenn man von dieser Technik der funften Wur-
zelrasse spricht, Wozu ist sie da? Wenn Sie sich einen Uberblick
verschaffen, so werden Sie sehen - so grofiartig und gewaltig auch
die Resultate sind, wenn die Verstandeskraft, das Manasische ange-
wendet wird auf das Unorganische, das Mineralische -, dafi es
trotzdem im groften und ganzen zuletzt der menschliche Egoismus
ist, das menschliche personliche Interesse, wozu alle diese ganzen
Krafte der Erfindungen und Entdeckungen der funften Wurzel-
rasse angewendet werden.
Gehen Sie von der ersten Entdeckung und Erfindung aus und
gehen Sie herauf bis zum Telefon, bis zu unseren neuesten Erfindun-
gen und Entdeckungen, so werden Sie sehen, wie zwar grofie und
gewaltige Krafte durch diese Erfindungen und Entdeckungen uns
dienstbar gemacht worden sind - aber wozu dienen sie? Was holen
wir mit Eisenbahn und Dampfschiffen aus fernen Landern? Wir
holen uns Nahrungsmittel, wir verlangen durch das Telefon Nah-
rungsmittel. Im Grunde ist es das menschliche Kama, das nach diesen
Erfindungen und Entdeckungen in der funften Wurzelrasse verlangt.
Das ist das, was man sich in objektiver Betrachtung einmal klarlegen
mu$. Dann wird man auch wissen, wie jener hohere Mensch, wel-
cher hineinversetzt wird in die Materie, in der Tat wahrend der funf-
ten Wurzelrasse an die Materie gefesselt ist dadurch, daft sein Kama
die Befriedigung innerhalb der Materie verlangt.
Wenn Sie im Esoterischen sich umsehen, so werden Sie finden,
daft die Prinzipien des Menschen in Beziehung stehen zu ganz
bestimmten Organen des Korpers. Ich werde Ihnen dieses Thema
noch genauer ausfuhren; heute will ich nur anfiihren, mit welchen
Organen unsere sieben menschlichen Prinzipien in einer bestimm-
ten Beziehung stehen.
Zunachst haben wir das sogenannte Physische. Das stent in einer
okkulten Beziehung zu dem oberen Teil des menschlichen Ge-
sichts, zur Nasenwurzel. Der physische Bau des Menschen, der
einmal angefangen hat - friiher war der Mensch ja blofi astral und
baute sich hinein in das Physische -, nahm seinen Ursprung von
dieser Partie aus. Die Physis ging davon aus und baute zuerst an
der Nasenwurzel, so dafi der Esoteriker die Nasenwurzel als dem
eigentlichen Physisch-Mineralischen zugeteilt erkennt.
Das zweite ist Prana, der Atherdoppelkorper. Ihm ist esoterisch
zugeteilt die Leber. Dieses Organ steht zu ihm in einer gewissen
okkulten Beziehung. Dann kommt Kama, der Astralkorper. Der
wiederum hat seine Tatigkeit entwickelt beim Aufbau der
Ernahrungsorgane, die ihr Sinnbild im Magen haben. Wurde der
Astralkorper nicht diese ganz bestimmte Auspragung haben, die er
im Menschen hat, dann wiirde auch nicht dieser menschliche Er-
nahrungsapparat mit dem Magen diese bestimmte Form haben, die
er heute hat.
Wenn Sie den Menschen betrachten, erstens in seiner physischen
Grundlage, zweitens in seinem Atherdoppelkorper und drittens in
seinem Astralkorper, so haben Sie, wie Sie sehen, die Grundlage,
die gefesselt ist an das, was die mineralische Fessel der funften
Wurzelrasse ausmacht. Durch die hoheren Korper hebt sich der
Mensch schon wieder heraus aus dieser Fessel und steigt zu Hohe-
rem hinauf. Kama-Manas arbeitet sich schon wieder herauf. Da
befreit sich der Mensch schon wieder von der reinen Naturgrund-
lage. Deshalb gibt es eine okkulte Beziehung von Kama-Manas zu
dem, wodurch der Mensch aus der Naturgrundlage herausgehoben,
abgeschniirt wird. Dieser okkulte Zusammenhang ist der zwischen
dem niederen Manas und der sogenannten Nabelschnur. Gabe es
kein Kama-Manas in der menschlichen Gestalt, dann wiirde der
Embryo nicht in dieser Weise von der Mutter abgeschniirt werden.
Gehen wir zum hoheren Manas, so hat es eine ebensolche
okkulte Beziehung zum menschlichen Herzen und zum Blut.
Budhi hat eine okkulte Beziehung zu dem menschlichen Kehlkopf,
zu dem Schlund und zu dem Kehlkopf. Und Atma hat eine okkulte
Beziehung zu etwas, was den ganzen Menschen ausftillt, namlich
zu dem im Menschen enthaltenen Akasha.
Das sind die sieben okkulten Beziehungen. Wenn Sie sich diese
vorhalten, so haben wir als die wichtigsten fur unsere fiinfte Wur-
zelrasse hervorzuheben diejenigen zu dem Atherdoppelkorper und
zu Kama. Und wenn Sie das dazunehmen, was ich vorhin gesagt
habe von der Beherrschung des Prana durch die Atlantier - die
Lebenskraft ist das, was den Atherdoppelkorper durchzieht -, so
werden Sie sich sagen konnen, dafi der Atlantier in einer gewissen
Beziehung noch um eine Stufe tiefer stand. Sein Atherdoppelkor-
per hatte noch die urspriingliche Verwandtschaft mit allem Athe-
rischen der Aufienwelt, und er beherrschte dadurch das Prana der
AuEenwelt. Dadurch, dafi der Mensch eine Stufe hoher gestiegen
ist, ist die Arbeit eine Stufe tiefer geworden. Das ist ein Gesetz:
dafi, wenn auf der einen Seite Aufstieg erfolgt, auf der anderen
Seite ein Abstieg erfolgen muft. Wahrend der Mensch fruher am
Kama gearbeitet hat vom Prana aus, mufi er jetzt mit Kama auf
dem physischen Plane arbeiten.
Nun werden Sie verstehen, wie tief die Prometheus-Sage diesen
okkulten Zusammenhang symbolisiert. Ein Geier nagt dem Pro-
metheus an der Leber. Kama ist symbolisiert in dem Geier; es
verzehrt eigentlich wirklich die Krafte der funften Wurzelrasse.
Der Geier nagt dem Menschen an der Leber, an der Grundlage,
und so nagt diese Kraft der funften Wurzelrasse an der eigentlichen
Lebenskraft des Menschen, weil der Mensch gefesselt ist an die
mineralische Natur, an den Petrus, den Fels, den Kaukasus. Damit
mulke der Mensch seine Prometheus-Ahnlichkeit bezahlen. Des-
halb mufi der Mensch seine eigene Natur bezwingen, damit er nicht
mehr angeschmiedet ist an das Mineralische, an den Kaukasus.
Nur diejenigen, welche wahrend der funften Wurzelrasse als
menschliche Eingeweihte entstehen, konnen dem gefesselten Men-
schen die Befreiung bringen. Herakles, ein menschlicher Ein-
geweihter, muli selbst zum Kaukasus dringen, um den Prometheus
zu befreien. So werden die Initiierten den Menschen herausheben
aus der Fesselung, und opfern muE sich, was dem Untergang ge-
weiht ist. Opfern mufi sich der Mensch, der noch im Zusammen-
hang ist mit dem Tierischen: der Kentaur Chiron. Der Mensch der
Vorzeit muE geopfert werden. Das Opfer des Kentauren ist fur die
Entwicklung der funften Wurzelrasse ebenso wichtig wie die Be-
freiung durch die Eingeweihten, durch die Initiierten der funften
Wurzelrasse.
Man sagt, dafi in den griechischen Mysterien den Leuten die
Zukunft prophezeit wurde. Darunter verstand man aber nicht ein
vages, abstraktes Erzahlen dessen, was in der Zukunft geschehen
sollte, sondern die Angabe derjenigen Wege, die den Menschen in
die Zukunft hineinfiihren, was der Mensch zu tun hat, um sich in
die Zukunft hinein zu entwickeln. Und was sich als Menschenkraft
entwickeln sollte, das wurde vorgestellt in dem grofien Mysterien-
drama des Prometheus.
Man hat sich nun vorzustellen unter den drei Gottergeschlech-
tern Uranos, Kronos und Zeus drei aufeinander folgende fiihrende
Wesenheiten der Menschen. Uranos heifit der Himmel, Gaia die
Erde. Wenn wir zuriickgehen hinter die Mitte der dritten Wurzel-
rasse, der Lemurier, dann haben wir noch nicht den Menschen, den
wir jetzt kennen, sondern einen Menschen, den die Geheimlehre
«Adam Kadmon» nennt, den Menschen, der noch ungeschlechtlich
ist, den Menschen, der vorher noch nicht der Erde angehorte, der
noch nicht die Organe entwickelt hat zum irdischen Schauen, der
noch dem Uranischen, dem Himmel angehorte. Durch die Ver-
mahlung des Uranos mit der Gaia entstand der Mensch, der in die
Materie herabstieg und damit zugleich in die Zeit einriickt. Kronos
- Chronos, die Zeit - wird der Herrscher des zweiten Gotter-
geschlechts von der Mitte der lemurischen Zeit an bis herein in den
Anfang der atlantischen Zeit. Die fiihrenden Wesenheiten sind
symbolisiert bei den Griechen zuerst unter dem Uranos, spater
unter dem Kronos, und dann gingen sie iiber auf Zeus. Zeus aber
ist noch einer derjenigen Fiihrer, welche ihre Schule nicht auf der
Erde durchgemacht haben. Er ist noch einer, der zu den Un-
sterblichen gehort, wie eben die ganzen griechischen Gotter noch
zu den Unsterblichen gehorten.
Die sterbliche Menschheit soil sich wahrend der funften Wurzel-
rasse auf eigene Fiifie stellen. Diese Menschheit wird reprasentiert
durch den Prometheus. Sie erst brachte die menschlichen Kiinste
und die Urkunst des Feuers. Auf sie ist Zeus eifersiichtig, da in der
Menschheit heranwachsen ihre eigenen Eingeweihten, die in der
sechsten Wurzelrasse die Fiihrung in die Hand nehmen werden. Das
mufi sich aber die Menschheit erst erkaufen. Daher muft ihr Ureinge-
weihter die ganzen Leiden zunachst auf sich nehmen. Prometheus ist
der Ureingeweihte der funften Wurzelrasse, derjenige, der nicht nur
in die Weisheit, sondern auch in die Tat eingeweiht ist. Er macht die
ganzen Leiden durch, und er wird befreit durch denjenigen, der her-
anreift, um die Menschheit allmahlich freizumachen und sie hinaus-
zuheben iiber das Mineralische.
So stellen uns die Sagen die grofien kosmischen Wahrheiten dar.
Deshalb sagte ich Ihnen auch im Eingang: derjenige, der zur dritten
Deutung aufsteigt, vermag sie wieder wortlich zu nehmen.* Bei der
Prometheus-Sage haben Sie das Fressen des Geiers an der Leber.
Das ist ganz wortlich zu nehmen. Der Geier frifk wirklich an der
Leber der funften Wurzelrasse. Es ist der Kampf des Magens mit
der Leber. In jedem einzelnen Menschen wiederholt sich wahrend
der funften Wurzelrasse dieser prometheische Leidenskampf. Voll-
standig wortlich ist das zu nehmen, was hier in der Prometheus-
Sage ausgedriickt ist. Ware dieser Kampf nicht da, dann ware das
Schicksal der funften Wurzelrasse ein ganz anderes.
Siehe Hinweis.
Es gibt also zunachst drei Ausdeutungen der Sagen: erstens die
exoterisch-wortliche, zweitens die allegorische - der Kampf der
menschlichen Natur - drittens die okkulte Bedeutung, wo wieder
eine wortliche Interpretation der Mythen eintritt. Daraus konnen
Sie ersehen, dafi diese Sagen alle - wenigstens alle diejenigen, wel-
che eine solche Bedeutung haben - aus den Mysterienschulen her-
riihren und nichts anderes sind als die Wiedergabe dessen, was in
den Mysterienschulen als das grofie Drama des Menschheitsschick-
sals dargestellt worden ist. Wie ich Ihnen bei den Druidenmyste-
rien zeigen konnte, dafi [die Sage von] Baldur nichts anderes dar-
stellt als das, was im Inneren der Druidenmysterien sich vollzogen
hat, so haben Sie im Prometheus das, was der griechische Myste-
rienschuler im Inneren der Mysterien erlebt hat, um Kraft und
Energie zum Leben in der Zukunft zu gewinnen.
ACHTER VORTRAG
Berlin, 14. Oktober 1904
Die Argonauten-Sage und die Odyssee
Durch die Betrachtung der verschiedenen My then mochte ich eine
Grundlage schaffen fur eine gewisse Art esoterischer Lehren, die
ich in den nachsten Stunden behandeln werde. Heute mochte ich
von einer sehr wichtigen Mythe sprechen, die wir auch in Grie-
chenland finden und die, ebenso wie jede andere Mythe, stufen-
weise und mannigfaltig gedeutet werden kann. Wir wollen uns
heute einmal ihren realen Kern klarlegen. Bevor ich aber dazu
iibergehe, mochte ich noch einiges Theoretisches vorausschicken.
Im letzten Heft von «Lucifer-Gnosis» habe ich darauf aufmerk-
sam gemacht, dafi innerhalb der drei letzten atlantischen Kulturen
ein bestimmter Einflufi auf unser Menschengeschlecht begonnen
hat, der heute noch in einer gewissen Beziehung andauert. Dieser
EinfluE hangt damit zusammen, daft damals die Menschen reif
wurden, in dem zu leben, was wir unseren Intellekt, unseren Ver-
stand nennen. Vorher war der Mensch mehr ein Gedachtniswesen.
Bis zur vierten atlantischen Kultur wurde ganz besonders sein
Gedachtnis ausgebildet. Der kombinierende Verstand, die rechne-
rische Tatigkeit, kurz dasjenige, worauf unsere ganze heutige Kul-
tur beruht, begann mit der fiinften atlantischen Kultur, mit den
Ursemiten. Und deshalb wurden diese Ursemiten auch befahigt,
die Stammrasse der ganzen fiinften nachatlantischen Wurzelrasse
zu werden. Diese Wurzelrasse hat im Laufe der Evolution vorzugs-
weise den Verstand, der mit dem physischen Plane beschaftigt ist,
auszubilden. Wenn nun eine solche neue Entwicklungsphase in der
Menschheit auftritt wie die des Verstandes, dann ist es moglich,
daf$ neue Wesenheiten, die vorher nur im Verborgenen ihr Wesen
trieben, auf die Evolution Einflufi gewinnen, Und in der Tat, seit
jenem Zeitpunkt, seit der fiinften atlantischen Kultur, konnte sich
auf dem Gebiete der menschlichen Evolution eine gewisse Schar
von Wesenheiten betatigen, deren Tatigkeit vorher nicht bemerk-
bar war. Diese Wesenheiten miissen Sie sich hochentwickelt vor-
stellen, viel hoher entwickelt als der Mensch auf seiner damaligen
Stufe der Evolution. Aber sie waren in gewisser Weise zuriickge-
blieben hinter denjenigen Wesenheiten, die in der Mitte der lemu-
rischen Zeitepoche in das Menschengeschlecht eingegriffen haben.
Es war ein neuer Nachschub, der da stattfand. Diese Wesenheiten,
von denen ich jetzt spreche, gehorten ihrer ganzen Natur nach zu
dem, was wir die lunarische Entwicklung nennen. In der Mond-
epoche hatten sie ihre Entwicklung durchgemacht, aber sie waren
nicht so weit gekommen wie diejenigen, welche in der Mitte der
lemurischen Zeit eingreifen konnten. Sie waren zuriickgeblieben
hinter der normalen Entwicklung auf dem Monde. Sie waren gera-
de so weit gekommen, dafi sie die Fahigkeiten, die die Menschen
damals erlangt hatten, als ihnen gleichartig erkannten, und das
hatte zur Folge, daft sie sich ihrer bemachtigen konnten. Vorher
waren die Menschen keine intelligenten Wesenheiten; jetzt be-
kamen sie den Intellekt. Und diese neue Fahigkeit beniitzten die
Wesenheiten zu ihrer weiteren Entwicklung. So geschah es, daft
dazumal jene Entwicklungsphase einsetzte, die wir die Vorberei-
tung zu der objektiven Wissenschaftlichkeit nennen. Die gab es
friiher nicht und wird es auch spater nicht mehr geben. Alle Weis-
heit, die in der Menschheitsevolution errungen wurde, war im
Grunde verkniipft mit dem, was wir Liebe nennen. Jene kalte, rein
berechnende Wissenschaftlichkeit ist beeinflulk von diesen einen
«Nachschub» darstellenden Wesenheiten.
Der Einflufi dieser Wesenheiten also, die heute noch immer in
einer gewissen Weise wirksam sind, wird erst dann beendet sein,
wenn auch unsere ganze intellektuelle Tatigkeit, alles, was wir
wissen konnen, alles, was wir Verstandestatigkeit nennen, wieder-
um durchdrungen sein wird von Liebe. Wenn der Verstand und die
Liebe sich wieder zu der hoheren Weisheit vereinigt haben werden,
dann wird der Einflufi dieser Wesenheiten, die auf dem physischen
Plane nicht sichtbar sind, verschwinden. Den Einflufi dieser
Wesenheiten den Menschen klarzumachen, klarzumachen zunachst
den Mysterienschiilern, das war die Aufgabe namentlich der grie-
chischen Mysterien.
Ungefahr im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt bricht in bezug
auf diese Wesenheiten eine ganz besonders wichtige Epoche herein.
Wenn Sie die Kulturen unserer fiinften Wurzelrasse betrachten,
jene, welche die alte Vedenkultur, dann diejenigen, welche die ur-
alte persische, die chaldaisch-agyptische Kultur begriindet haben,
so werden Sie finden, daft selbst noch in den Epochen, die die
Druidenkultur hervorgebracht haben, eine objektive, niichterne
Wissenschaft eigentlich nicht vorhanden war. Diese tauchte erst
auf, als die vierte Kulturepoche immer mehr und mehr herauf-
dammerte. Den Beginn der vierten Kulturepoche wird man etwa
im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt verzeichnen konnen. Damit
dammerte eine von allem iibrigen menschlichen Gemiitsinhalt ab-
gesonderte, objektive Wissenschaft herauf. Ein chaldaischer Prie-
ster, der Astronomie getrieben hat, hat noch die Absichten der
Weltregierung zu ergriinden versucht. Ebenso war es bei den Prie-
stern der Agypter und den Druidenpriestern; sie suchten Einsich-
ten zu erhalten in die Absichten des Weltenlenkers. Eine reine Ver-
standeswissenschaft dammerte erst in Griechenland herauf. Diese
Verstandeswissenschaft, die sich nach und nach vorbereitet hat und
durch den Einflufi der genannten Wesenheiten heraufkam, aber mit
der anderen menschlichen Tatigkeit verkniipft war, wurde vollstan-
dig entfesselt in der vierten Kulturperiode der fiinften Wurzelrasse.
Die Eingeweihten, die unterwiesen wurden in den Mysterien der
damaligen Zeit, empfanden die Urweisheit, die dem Menschenge-
schlecht friiher zuteil geworden war, gegeniiber der aufieren Weis-
heit als etwas Verlorenes, das erst wieder gesucht werden mufke.
Es hat einen Zeitpunkt gegeben, in dem diese erstorbene Weisheit
sich abgesondert hat von der umfassenden Urweisheit. Diesen Zeit-
punkt, in dem diese niichterne, trockene Weisheit sich abgesondert
hat von der umfassenden Urweisheit, hat man dadurch bezeichnet,
daft man sagte: Etwa im 8. Jahrhundert vor Christus ist die Sonne
durch den Friihlingspunkt im Widder durchgegangen. Dieser
Durchgang der Sonne durch den Widder ist die Wiederholung
eines vor Jahrtausenden stattgefundenen friiheren Durchgangs
durch dasselbe Zeichen. Die Sonne riickt ja bekanntlich durch den
ganzen Tierkreis, durch die Tierkreisbilder Widder, Stier, Zwillin-
ge, Krebs, Lowe, Jungfrau und so weiter, so dafi sie schon viele
Male durch den Widder hindurchgegangen ist. Das letzte Mai war
sie durch den Widder durchgegangen, als der Mensch noch die
Vereinigung von Liebe und Erkenntnis und damit die Urweisheit
besaft. Diese Urweisheit war nun verlorengegangen und hatte einer
aufierlichen Verstandeskultur Platz gemacht. Diesen ganzen Vor-
gang in seiner okkulten Bedeutung driickte der griechische Myste-
rienpriester aus durch den ungeheuer tiefen Mythos von der Argo-
nauten-Sage, in welcher der Widder das Sinnbild der Vereinigung
von Liebe und Erkenntnis darstellt.
Halten wir uns den ganzen Mythos erst einmal vor Augen. Es
wird uns erzahlt, daft Phrixos und Helle viel zu leiden hatten von
ihrer bosen Stiefmutter Ino. Deshalb erschien dem Phrixos seine
gottliche Mutter Nephele und riet ihm, mit der Schwester zu ent-
fliehen. Sie gab ihm auch einen groEen Widder mit einem goldenen
Vlies, mit dem sie iiber das Meer reiten sollten. Helle sei dann
abgestiirzt und im Meer ertrunken, das danach den Namen Helles-
pont erhielt; Phrixos dagegen sei mit dem Widder nach Kolchis
gekommen. Dort soil er den Widder dem Zeus geopfert und das
Fell dem Konig Aietes gegeben haben, der es an einer Eiche vor
einer Hohle aufgehangt habe. Spater machte sich der griechische
Held Jason gemeinsam mit den bedeutendsten der damaligen grie-
chischen Eingeweihten - Orpheus, Theseus, Herakles und anderen
- auf, urn das Widderfell von den barbarischen Volkern in Kolchis
wieder zunickzuholen. Dadurch, dafi er die jiingste Tochter des
Konigs Aietes, Medea, fur sich gewann, wurde es ihm moglich, das
Widderfell wieder nach Griechenland zuriickzubringen. Er muftte
zuerst zwei feuerschnaubende Stiere besiegen. Weiterhin mufite er
Drachenzahne ausstreuen; aus den Drachenzahnen wuchsen ge-
harnischte Manner hervor, welche in Streit kamen. Durch Medea
wurde er befahigt, diesen Streit zu schlichten. Sie war es auch, die
Jason ermoglichte, das Widderfell zu nehmen und mit ihm und ihr
die Heimreise nach Griecheniand anzutreten. Medea hatte, urn
ihren Vater zu tauschen, ihren Bruder mitgenommen, ihn getotet
und zerstuckelt ins Meer geworfen. Wahrend der jammernde Vater
die Glieder sammelte, konnten sie die Flucht nach Griecheniand
fortsetzen.
Im 8. und 9. Jahrhundert vor Christi Geburt, also am Eingang
der griechischen Kulturperiode, wurde die okkulte Bedeutung
dieser Sage den griechischen Geheimschulern gelehrt. Diese okkul-
te Bedeutung liegt in der Mitteilung, daft diejenigen Wesenheiten,
welche sich der trockenen, niichternen Intelligenz der Menschen
bedienen, von diesem Zeitpunkt an eine besondere Bedeutung
erlangten. Die Sehnsucht nach der Urkultur, welche einmal bestan-
den hatte, als die Sonne zum vorletztenmal durch den Widder ge-
gangen war, erwachte jetzt wieder. Daft das Zwillingspaar Phrixos
und Helle vom Widder nach Kolchis gebracht wurde, heiftt nichts
anderes, als daft eine vorhergehende Unterrasse, die persisch-irani-
sche mit ihrer Zwillingsnatur - sie haben unter dem Zeichen des
Guten und Bosen, Ormuzd und Ahriman, gestanden -, die Verbin-
dung von Erkenntnis und Liebe wiedergewinnen will. Die vorher-
gehende Unterrasse hatte dieses in verborgene Gebiete getragen.
Fruher, in der atlantischen Zeit, war dieses Fell, diese Weisheit,
Gemeingut der menschlichen Kultur gewesen, dann war es in feme
Geheimschulen getragen worden. Es mufi zuriickgeholt werden. So
sehen wir ausgedriickt in der Argonauten-Sage die Begriindung der
Geheimschulen in Griecheniand.
Es gab also eine Urweisheit bei der atlantischen Rasse, so wird
uns erzahlt. Diese Urweisheit war damals Gemeingut der Mensch-
heit. Sie ist verlorengegangen und nur noch in den Hohlen und
Krypten der Mysterienschulen zu finden. Die Griechen aber haben
fur ihre Eingeweihten die Mysterien neu errichtet, und Theseus,
Orpheus, Herkules und andere waren die Begriinder dieser Weis-
heitsschulen dadurch, daft sie die Urweisheit wieder zuriickgeholt
haben nach Griecheniand. Durch Thales, Anaximenes, Sokrates
und andere Philosophen ist eine niichterne, kalte Verstandesweis-
heit heraufgebracht worden, die objektiv ist. Die Mysterienweisheit
ist mit der Liebe verbunden. Sie ist eine Weisheit, die nicht erlangt
werden kann ohne die Lauterung der Leidenschaften, der Kama-
krafte. Die Verstandeswissenschaft dagegen kann ohne Lauterung
von Kama erlangt werden. In der so wichtigen Argonauten-Sage ist
uns also der Ubergang von der dritten zur vierten Kulturperiode
unserer gegenwartigen Wurzelrasse dargestellt. Der Ubergang
besteht darin, dafi der friiher gemeinsame Strom der menschlichen
Kultur sich teilte in zwei Stromungen: in Mysterienweisheit und in
die auftere Verstandeswissenschaft. Der eine Strom war verborgen,
aber so, dafi er doch wirksam war und Einflufi bekam auf die grie-
chische Kunst und Kultur - er ist dargestellt als das Zuruckholen
des Widderfelles. Nur auf die Verstandeswissenschaft sollte er fort-
an keinen EinfluE haben. Das ist die Sage von dem Argonautenzug.
Auch bei der Odysseus-Sage sehen wir, da£ sie sich bezieht auf
den Ubergang von einer Rasse zur anderen. Die Odysseus-Sage hat
hintereinander die mannigfaltigsten Deutungen und Auslegungen
gefunden. Ich mochte heute nur das Geriist dieser Sage angeben. In
meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» habe ich
die zweite Art der Ausdeutung, die allegorische, anzuwenden ver-
sucht; heute wollen wir die dritte Art der Ausdeutung, die okkulte,
betrachten.
Odysseus, der unter den Kampfern von Troja war, hat den
Griechen durch Schlauheit und Klugheit dazu verholfen, Troja zu
erobern. Er hat grofie Irrfahrten durchgemacht auf dem Wasser;
das bitte ich festzuhalten. Er kam zu den Zyklopen, iiberwand den
Hauptzyklopen mit dem einen Auge, ging dann weiter zu Circe,
welche, wie uns erzahlt wird, seine Gefahrten in Schweine verwan-
delte. Dann ging er in die Unterwelt und machte da mit den im
Trojanischen Krieg gefallenen Helden Bekanntschaft. Dann kam er
unter die Gewalt der Sirenen, die durch ihren zauberhaften Gesang
die Menschen verfiihren. Es wird uns weiter erzahlt, wie der grofke
Teil der Gefahrten der Verfiihrung erliegt und wie er sich dadurch
rettet, dafi er sich an sein Schiff festbinden lafit. Odysseus kommt
dann an einen Ort, der sich zwischen Skylla und Charybdis befin-
det, wo die Schiffe Gefahr laufen zu scheitern. Er muft sich durch
einen Meeresstrudel hindurchretten. Er kommt dann nach Ogygia,
der Insel der Nymphe Kalypso, verweilt dort sieben Jahre und
wird durch Zeus, der Kalypso den Auftrag gibt, ihn freizugeben,
entlassen und gelangt schlieftlich in seine Heimat Ithaka. Durch die
Gottin Pallas Athene wird er in sein Haus und zu seinem Weib
Penelope gefuhrt, das die verschiedensten Fahrnisse auszustehen
hatte, weil sich viele Freier um sie bemuhten. So fertigte sie bei Tag
ein Gewebe an, das sie bei Nacht wieder auftrennte, weil sie den
Freiern ihre Hand versprochen hatte, wenn das Gewebe fertig sei.
Nun bitte ich Sie, dieses Geriist der Odysseus-Sage mit mir
einmal in der Art durchzugehen, wie es uns bekannt ist aus der
griechischen Mysterienweisheit. Die Einweihungsschulen, in denen
sich tatsachlich abspielte, was hier erzahlt wird, fuhrten den Schil-
ler auf dem Astralplan und dem Mentalplan so, dafi er eine be-
stimmte Strecke der menschlichen Entwicklung durchlaufen konn-
te, und zwar die Strecke von der Mitte der lemurischen Zeit bis zu
dem Zeitpunkt, wo in Griechenland der Mensch in den Einwei-
hungsschulen, die durch Jason zusammen mit Orpheus, Theseus,
Herakles und anderen begriindet worden waren, wiederum die Ur-
weisheit finden konnte. Es wurde also der Schuler auf den Astral-
und Mentalplan gefuhrt, und es wurden ihm die Vorgange gezeigt,
die die Menschheit durchlaufen hatte von der Mitte der lemu-
rischen Zeit bis zu dem Punkte, wo der Trojanische Krieg sich
abspielte. Durch das Mythische im Argonautenzug wird uns ein
Stuck der Urweisheit dargestellt. Es zeigt sich uns, daft sie dazumal
neben der Wissenschaft einherging. Was wurde den Menschen, den
Einweihungsschulern, nun in der Odysseus-Sage gezeigt? Das wird
uns in Odysseus reprasentativ dargestellt.
Versetzen wir uns einmal zuriick in die Mitte der lemurischen
Zeit. Der Mensch war da auf dem Ubergang von dem hermaphro-
ditischen Zustand in den Zustand der Geschlechtlichkeit, auf dem
Ubergang vom Zustande des Sehens ohne aufieres physisches
Sinnesorgan zum Sehen mit dem aufteren physischen Auge. Tat-
sachlich hatte der Mensch bis zur Mitte der lemurischen Zeit jenes
«eine Auge», das dann ersetzt wurde durch die zwei aufteren,
physischen Augen. In diese Entwicklungsphase wurde der Schiiler
damals zuriickversetzt. Er sollte den Ubergang erleben von der
vorlemurischen Zeit in die nachlemurische Zeit, in die Zeit nach
der Mitte der lemurischen Rasse bis zum Auftauchen des aufieren
Auges. Die Zyklopen waren die Menschen der vorlemurischen
Zeit. Mit diesen machte Odysseus auf dem Astralplan Bekannt-
schaft. Nun war des Menschen Astralkorper nach dieser Zeit in die
dichter und fester werdende Materie hineingesenkt worden. Das
wurde den Einzuweihenden vorgestellt. Wir kommen dann heran
an die ersten atlantischen Zeiten. Immer mehr und mehr gewinnt
der Atlantier die Fahigkeit, die Lebenskrafte zu verwenden, sich
ihrer zu seinen Verrichtungen zu bedienen. Es waren ausgebildete,
hohe astrale Fahigkeiten, die die Atlantier entwickelten und zu
denen sich ein Grieche nur auf dem astralischen Plane zuriickver-
setzen konnte. Das war die Zeit, von der so viel in alten okkulten
Schriften die Rede ist, wo die atlantischen Geschlechter in die wil-
desten Kiinste der schwarzen Magie verfielen. Diese Epoche wurde
dem griechischen Mysterienschuler dramatisch vorgefiihrt in Ver-
wandlungsbildern. Es war die Epoche, wo des Menschen Leiden-
schaften unter dem Einflufi der schwarzmagischen Krafte so ent-
stellt wurden, dafi die Astralkorper den niedersten Tieren glichen.
Das war auch das Bild, das sich darbot, als dann spater die Turanier
in diese wilden magischen Kiinste verfielen. Der Astralkorper
wurde so verwandelt unter dem Einflusse dieser schwarzen Kiinste,
daft es symbolisch ausgedriickt hiefi: Circe verwandelte die Gefahr-
ten des Odysseus in Schweine. - Diesen Zeitpunkt der mensch-
lichen Entwicklung machte der griechische Eingeweihte durch.
Dann stieg Odysseus in die Unterwelt hinab. Das Hinabsteigen in
die Unterwelt bedeutet nun iiberall, wo es uns in der griechischen
Sagenwelt entgegentritt, dafi eine Einweihung stattfindet. Wenn von
einem Helden gesagt wird, dafi er in die Unterwelt hinunterstieg,
will der Erzahler damit nichts anderes ausdriicken, als dafi der
Betreffende eingeweiht wurde, dafi er bekannt wurde mit den Din-
gen, die jenseits des Todes liegen. Odysseus war ein Eingeweihter,
und die Odysseus-Sage selbst ist die Darstellung seiner Einweihung.
Wir schreiten nun weiter bis zu dem Zeitpunkte, wo nach der
atlantischen Flut die Menschen bekannt wurden mit den ersten
Wirkungen jener Wesenheiten, von denen ich gesprochen habe, die
sich in der aufteren Kultur, in der damaligen Wissenschaft und in
den damaligen Kiinsten offenbaren mit denjenigen Wirkungen, die
auf das Intellektuelle Einflufi hatten nach der atlantischen Flut. Die
ersten Anfange rein aufterer physischer Kultur wurden dem Ein-
geweihten vorgefiihrt als die Verlockungen der rein weltlichen
Kiinste, der rein weltlichen Kultur. Es sind die Sirenenklange der
jungen fiinften Wurzelrasse. Diese Sirenenklange der jungen funf-
ten Wurzelrasse waren es, von denen so viel gesprochen wird in
den okkulten Schriften. Denn wir haben auf der einen Seite die
grofte Weisheitslehre des Manu, welcher die Menschen der fiinften
Wurzelrasse darauf aufmerksam macht, daft ihr Intellekt sich zu
erheben hat zu dem Gottlichen. Das hat seinen Ausdruck gefunden
in den Veden und in dem, was der persische Zarathustra als Reli-
gion begriindet und seinen Religionsgenossen hinterlassen hat.
Daneben haben wir die rein verstandesmaftige Kultur, die den
Menschen abbringt von dem, was unter dem Einfluft des Manu sich
entwickelt. Sie finden in alien okkulten Schriften die Vorgange
dargestellt, die da stattfanden. Der Manu wahlte das kleine Hauf-
lein aus und ging in die Wiiste Gobi oder Schamo. Da war es nur
eine kleine Schar, die ihm treu blieb, wahrend die anderen untreu
wurden und sich nach alien Seiten zerstreuten. Dieser wichtige
Vorgang, daft der Manu zuerst einen Teil der Ursemiten auswahlte,
daft von diesen Ausgewahlten aber wieder nur ein kleiner Teil ihm
folgte, wahrend der andere Teil zugrundeging, weil er den Sirenen-
klangen der aufteren Kultur folgte, dieser wichtige Vorgang wurde
den Einzuweihenden dargestellt.
Dann wird noch ein wichtiger Punkt der Menschheitsentwick-
lung in der Odysseus-Sage dargestellt, der Durchgang zwischen
Skylla und Charybdis. Was beginnt denn jetzt eigentlich in der
Menschheit? Jetzt erst beginnt, wie wir gesehen haben, die eigent-
liche Kama-Manas-Kultur. Nach und nach ist sie bis hierher vor-
bereitet worden. Jetzt beginnt sie. Unsere fiinfte Wurzelrasse hat
vorzugsweise diese Kama-Manas-Kultur. Kama ist im Astralen und
auch heute noch im Astralkorper tatig. Manas aber ist das, was im
physischen Gehirn tatig ist. Der Mensch der fiinften Wurzelrasse
denkt mit seinem physischen Gehirn. Erst in einer kiinftigen Ent-
wicklungsphase wird auch das Kama, der Astralkorper so weit sein,
daft er zu denken vermag. Heute hat Manas erst im physischen
Gehirn Platz gegriffen. Zwischen den zwei nach beiden Seiten uns
schleudernden Strudeln Skylla und Charybdis miissen wir hin-
durch. Das wird reprasentiert durch den Durchgang des Odysseus
zwischen Skylla-Manas und Charybdis-Kama. Da ist auf der einen
Seite der astrale Strudel, die Triebe, Begierden und Leidenschaften,
in denen der Mensch untergehen kann, und auf der anderen der an
den Felsen geschmiedete physische Verstand. Der Fels ist uns ja
bereits begegnet in der Prometheus-Sage. Hier tritt uns der Fels
wieder entgegen. Der menschliche Verstand ist alien Gefahren der
Physis, des Felsens, ausgesetzt. Zwischen den Klippen des physi-
schen Verstandes und dem Strudel des astralen Lebens mufi der
Mensch hindurchsegeln. Hat er sich da durchgebracht, hat er er-
kannt, welche Gefahren ihm drohen und hat sich dennoch aufrecht
halten konnen, dann kommt er zu der Insel der Kalypso, zur ver-
borgenen Weisheit. Da kann er den Ausblick tun in die Zukunft
der Menschheit, die Probezeit durchmachen, die sieben Jahre an-
dauert. Deshalb bleibt Odysseus auch sieben Jahre bei der Kalypso.
Jeder, der zur Einweihung kommen will, mufi eine siebenjahrige
Probezeit durchmachen, und die ist angedeutet durch den Aufent-
halt bei der Kalypso, wo hinter der Tauschung verborgene Weis-
heit lebt. Dann erst kann er dahin kommen, wo die Seele hing-
elangt, wenn sie dem Strudel der astralen Leidenschaften entronnen
ist. Lesen Sie Homers «Odyssee»; er deutet an, daft der Mensch die
eigene Seele sucht. Die Zuriickkunft der eigenen Seele, das ist das
Streben nach der Heimat. Wer die Odyssee wirklich verstehen will,
darf nicht der Ansicht eines neueren Forschers sein, der da meint,
daft mit dem Polyphem und den Zyklopen nichts anderes gemeint
sei, als daft der Atna Feuer gespieen hatte und die Brandstelle dem
Odysseus erschienen ware als das Auge des Riesen.
Odysseus kommt zuletzt als Bettler nach Hause, ohne alles
aufiere Gut. Damit ist angedeutet, dafi der Mensch, der das Un-
wichtige der aufieren Welt und der weltlichen Giiter durchschaut
hat, nicht in der Maya, sondern hinter der Maya die Heimat der
Seele sucht, daft er also im mystischen Sinn als Bettler in die Hei-
mat kommt. Dafi er in Wahrheit ein Weiser ist, das wird dadurch
angedeutet, dafi Pallas Athene Odysseus nach Hause geleitet. Die
eigene Seele wird in aller Esoterik dargestellt durch ein weibliches
Wesen; immer werden als Symbole fur das Streben der eigenen
Seele weibliche Wesen gewahlt. Goethe nennt es das Ewig-Weib-
liche. Wie in der Medea in der Sage vom Argonautenzug, so haben
wir hier in der Penelope die eigene Seele zu sehen, zu der Odysseus
wieder den Weg sucht. In der christlichen Religion ist die Jungfrau
Maria die nach Erlosung strebende menschliche Seele, nur ist die
Bedeutung hier eine unendlich viel tiefere. Diese Penelope ist, um
es genau zu sagen, die Seele des Menschen in der fiinften Wurzel-
rasse. Die fiinfte Wurzelrasse hat den menschlichen Verstand zu
kultivieren. Er ist das Unfruchtbarste, das es an sich gibt; nur wenn
er angewendet wird auf einen Inhalt, dann kann der Verstand
fruchtbar werden. Der Verstand ist ein Netz, das gesponnen wird
um die Dinge, die wir anderswoher haben. Wenn Sie die aufiere
Erfahrung etwas lehrt, konnen Sie es mit dem Verstande umspin-
nen. Wenn Sie die hohere okkulte Weisheit etwas lehrt, dann kon-
nen Sie es wiederum mit dem Verstande umspinnen. Die Menschen
sagen oft, die okkulten Weisheiten widersprachen dem Verstand.
Nichts widerspricht dem Verstande. Die Menschen haben immer,
wenn etwas Neues in ihren Horizont eingetreten ist, gesagt, es
widerspreche dem Verstande. Der Verstand ist aber nur zum Kom-
binieren, zum Verbinden da. Aus sich selbst kann er nichts gewin-
nen, vom Verstande aus konnen Sie nichts beweisen. Dieses Un-
fruchtbare des Verstandes, der doch die eigentliche Seele der fiinf-
ten Wurzelrasse ist, wird ausgedriickt in dem fortwahrenden Spin-
nen und Wiederaufziehen des Gewebes der Penelope. Odysseus
wird durch die Weisheit geleitet. Der Eingeweihte mul? den Weg
finden zu der Seele der fiinften Wurzelrasse, zu dem unfruchtbaren
Verstande. Aber er wird nur dann sich in der richtigen Weise mit
der Seele der funften Wurzelrasse verbinden, wenn er eben mit der
Weisheit selbst erfullt ist, wenn er von Pallas Athene geleitet wird.
Pallas Athene wiederum ist eine hohere weibliche Gottheit, eine
andere Kraft in der Seele; die Weisheit, die eigentliche Fuhrerin.
Der Mensch mufi nach mancherlei Irrfahrten, die er durchgemacht
hat, sofern sie wirklich Entwicklungsfahrten sind, zum Verstande
kommen. Dabei mull Pallas Athene, die Weisheit, seine Fuhrerin
sein. Das wurde dem Mysterienschiiler in Griechenland vorgefuhrt,
und das wollte Homer in der tiefsinnigen Odysseus-Sage erzahlen.
Eine Einweihung also, wie sie damals in Griechenland gepflegt
wurde, ist uns in der Odysseus-Sage dargestellt, eine Einweihung,
die nichts anderes war als eine im Astral-Mentalen erfolgte Wieder-
holung der Erlebnisse der Menschen in der lemurischen Zeit bis in
die Zeit der Mysterien selbst. Odysseus ist der Schlaue, Kluge, und
durch seine Fahigkeiten wurde Troja iiberwunden. Der kluge Ver-
standesmensch ist der Mensch der funften Wurzelrasse. Aber diese
seine Heimat, seine Penelope, mu!5 er wieder auf dem Umwege
suchen, um in der funften Wurzelrasse seinen Weg richtig gehen zu
konnen. Derjenige, welcher blofi schlau und klug ist, wiirde inner-
halb der funften Wurzelrasse nicht den richtigen Weg finden. Er
mufi erst aus sich herauskommen und seinen Blick erweitern, in-
dem er zuriickblickt auf den langen Weg der Entwicklung des
Menschengeschlechts. Odysseus ist der Reprasentant des schlauen
Kama-Manas-Menschen, der mancherlei Irrfahrten durchmachen
mufi, um in der funften Wurzelrasse wieder zur Seele gefiihrt zu
werden.
NEUNTER VORTRAG
Berlin, 21. Oktober 1904
Die Siegfried-Sage
Suchen wir uns eine lebendige Anschauung zu bilden iiber das
Entstehen der nordischen Sagenwelt, so ist besonders wichtig der
Zeitraum, der vor dem ersten christlichen Jahrhundert liegt und
danach. Damals waren die nordlichen Gegenden Europas in einem
Zustande der Erwartung. Das Ereignis, dessen Wirkung sich iiber
Europa ausbreiten sollte, der Niederstieg des gottlichen Vatergei-
stes bis in einen physischen Menschen hinein, war den Initiierten
der nordischen Volker bekannt; das wurde auch in den Mysterien
erzahlt.
In den alten Druiden-Mysterien im Norden wurden ahnliche
Initiationen vollzogen wie bei andern aufsteigenden Volkern der
damaligen Zeit. Ein Unterschied ist aber hervorzuheben zwischen
dem, was sich im Norden vorbereitete und dem, was in andern
Gegenden geschah. Um uns eine begriffliche Anschauung davon zu
bilden, miissen wir einen Blick zuriickwerfen auf die Entstehung
der menschlichen Rassen auf den allmahlich zu menschlichen
Wohnstatten sich herausgestaltenden Gebieten der Erde. Von einer
physisch bewohnbaren Erde konnen wir erst sprechen seit der
lemurischen Wurzelrasse. Aber eine Athererde ging dieser lemuri-
schen Zeit voran, an welche die Sagen iiber das Paradies ankmipfen,
ebenso die Sagen der verschiedenen Volker des siidlichen und
nordlichen Erdkreises. Sie sind dasjenige, was den Weisheitschatz
der Mysterien bildet. Die Schulung in den Mysterien bestand darin,
da£ sie, dem Auffassungs grade der Menschen gemaE, ihnen stufen-
weise dasjenige enthiillten, was die menschlichen Seelen imstande
waren aufzunehmen und zu verarbeiten. Man kann also vom ge-
meinsamen Ursprung der Mysterien sprechen, der in der imagina-
tiven und inspirierten Erkenntnis ihrer sie leitenden Lehrer liegt
und von der dadurch gegebenen Einheit der Lehren, aber auch von
deren Verschiedenheit, die durch die Zeitenlaufe und die geo-
graphische und menschliche Umgebung gegeben ist. Sie waren
geschiitzt durch die strengste Schweigepflicht, da durch Unreife
Boses statt Gutes entstehen mufite, und auf dem Verrat der Myste-
rien an unreife Menschen stand Todesstrafe.
Doch lassen wir jetzt einige Streiflichter auf dasjenige fallen, was
als gemeinsame Richtlinien zugrundelag den alten atlantischen
Mysterien, die sich aus den Orakelstatten heraus zu Einweihungs-
schulen gestalteten. Auf neuplatonische Quellen und auf Plotin
sich stiitzend, hat die theosophische Literatur ihre chronologischen
Untersuchungen an die Annahme gekniipft, dafi mit Sokrates der
geschichtliche Augenblick gegeben war, in dem die fruher von
gottlichen Wesenheiten inspirierte und den Menschen als Werk-
zeug benutzende Weisheit sich in den Menschen, den Anthropos,
hinuntersenkte und allmahlich sein Gut, seine Aufgabe, seine
Pflicht wurde. Sokrates mufke noch den Tod dafiir erleiden, daft er
Wahrheiten aus den Mysterien seinen Schiilern vermittelte. Er
nahm den iiber in verhangten Tod willig und bewulk auf sich. Aber
die Metamorphosierung dieses Gedankens des bewufit erlebten
Todes, der erst zum wahren Leben fuhrt, sollte erst in den nor-
dischen Volkern zur Reife gelangen, die langsam und allmahlich
dafiir vorbereitet wurden durch dasjenige, was in ihren eigenen
Mysterien lebte, und die durch eine lange Wartezeit hindurch zu
einer grofieren Reife ihres Seelenorganismus gefiihrt wurden. Bud-
dha wurde aus seiner Religionsgemeinschaft ausgestofien, weil er
hinausging, von Ort zu Ort wanderte und den Menschen die Lehre
brachte von der Befreiung durch den Tod. Das war eine Myste-
rienwahrheit, die noch nicht gelehrt werden durfte. Sie durfte nur
in einer fernab liegenden Zeit zur Geltung kommen und konnte
jetzt nur in einzelnen Feuerseelen, diese feme Zeit vorbereitend,
leben. Ihre Erfiillung sollte sie erst finden durch das Christentum.
Doch bis zu dieser Zeit ihrer Erfiillung mufiten gewisse Volker-
schaften durch ihre Mysterien eine Erziehung erhalten, die sie als
Volkssubstanz fur die fernab liegenden Aufgaben der Menschheits-
zivilisation pradestinierten.
Vor uns gab es vier Wurzelrassen; wir stehen in der fiinften
Wurzelrasse, der nachatlantischen. Die Bezeichnungen, die man
den ersten Unterrassen - Kulturepochen - dieser nachatlantischen
Zeit gab, kann man in der deutschen Sprache annahernd mit den
Worten iibersetzen: die Unterrassen des Geistes, der Flamme und
der Sterne. Der ersten Unterrasse, der Rasse des Geistes, wurde
zuerst der Gehalt der fiinften Wurzelrasse in geistiger Form durch
den Manu gegeben; sie umfafk das indische Volk. Die zweite Un-
terrasse ist die Rasse der Flamme, welcher Zarathustra ein Reli-
gionsbekenntnis gegeben hat. Die dritte Unterrasse war die Rasse
der Sterne, die der Chaldaer, Babylonier, Assyrer, aus der spater
die israelitische Tradition hervorgegangen ist. Die griechisch-latei-
nischen Volker, die im Griechentum und Romertum ihre haupt-
sachlichen ersten Reprasentanten hatten, wurden die vierte Unter-
rasse. Es ist diejenige, in welcher das Christentum zuerst Wurzel
gefafit hat in Kleinasien, Griechenland und Rom. Sie war bestimmt,
am starksten vom Christentum beeinflufit zu werden, aber erfassen
konnte sie seine iiber menschliches Begriffsvermogen hinausgehen-
de Bedeutung noch nicht. Dazu war eine lange Vorbereitung not-
wendig. Diese war schon gegeben durch die in den nordischen
Mysterien herausgestaltete Sagenwelt, die in Liedern und Epen
weiterlebte, durch Rhapsoden von Land zu Land getragen wurde
und zur religiosen Innigkeit sich steigerte.
Unsere fiinfte Unterrasse hat das am Beginn unserer Zeitrech-
nung begrundete Christentum iiberliefert erhalten. Einige Jahrhun-
derte aber, bevor das Christentum in die nordlichen Gegenden
gebracht worden ist, und auch in alteren Zeiten, bestanden die alten
Druiden-Einweihungen. Diese hielten ungefahr so lange stand, bis
man ganz genau wufite, daft jetzt die Abenddammerung dieser
vorbereitenden keltischen Kultur eingetreten war. Sie miissen sich
vorstellen, daft alle die Einflusse, die iiber andere Volker gezogen
waren, nicht in diese nordlichen Gegenden gekommen sind. Alle
die Stromungen, welche zu der Rasse der Flamme und der Rasse
der Sterne gehorten, waren nicht bis zu den nordischen Gegenden
vorgedrungen. Im Norden war noch etwas iibriggeblieben von den
Uberresten der atlantischen Kultur, die durch Initiierte heriiber-
getragen worden war. Wotan war der Initiierte der nordischen
Volkerschaften, der die Elemente der atlantischen Kultur in diese
Gegenden heriibergebracht hatte.
In diesen nordischen Gegenden war iiberall die Druiden-Ein-
weihung in Geltung. Ich habe bereits erzahlt, dafi einer der Be-
griinder, man kann sagen der hauptsachlichste Begriinder dieser
Einweihungsstatten, Sig oder Sigge hiefi. Und hier in diesen nordi-
schen Gegenden geschah etwas ahnliches, wie es spater in Palastina
zur Begriindung des Christentums geschah: Sig gab seinen Leib ab
und stellte ihn zur Verfugung einer hoheren Individuality. Daher
ist der verwandelte Sig spater Odin genannt worden; dieser war der
hochste Initiierte der nordischen Mysterien; Odin war der Trager
der geistigen Kultur in dieser Zeit. Sig war also im Norden der
Chela, der dem hoheren, geistigeren Odin seinen Leib zur Verfu-
gung gestellt hat. Er lebte selbst spater als initiierter Meister weiter.
Sig ist ein ganz besonderer Fall. Er konnte nicht eine Bewegung
einleiten, wie es etwa der Meister Jesus tat, nachdem das Christen-
tum begriindet war. Sig mufi ja diese nordische Kultur, die sich hier
geltend gemacht hatte, zum Untergang fiihren. Er ist berufen, die
nordischen Volker so lange zu fiihren, bis vom Siiden her durch die
vierte Unterrasse der ftinften Wurzelrasse das Christentum zu
ihnen kam. Der alte Chela Sig ist derjenige, der die nordischen
Volker in den tragischen Untergang hineinfuhren mufke. Daher
heifit er auch Sigurd, das heifit derjenige, der in die Vergangenheit
fuhrt. Urd ist die Nome der Vergangenheit. Fried bedeutet dassel-
be, das, was zum Frieden fuhrt, das heifk zum Tode, zum Unter-
gang. Dies ist noch erhalten in dem Wort Friedhof: dasjenige, was
zum Tode gefuhrt worden ist. Derselbe Chela, der dem grofien
Initiierten den Weg gebahnt hat, soil die nordische Kultur zum
Untergang fiihren. Ihr geistiger Inhalt geht unter und wird durch
das herankommende Christentum ersetzt. Das, was ich jetzt gesagt
habe, ist ein prophetischer Inhalt, der in den spateren Mysterien
der nordischen Volker vielfach so beschrieben wurde: Wir mussen
ein Stamm sein, der zum Frieden gefuhrt wird - das ist der Klang,
der aus den verschiedenen Mysterien in diesen nordischen Volkern
herausspricht. Der ganze zukiinftige Vorgang, der in den Schriften
seit uralten Zeiten aufgezeichnet war, wurde als Vorhersagung in
den nordischen Mysterien verkundigt, und aus diesen Vorhersa-
gungen ist das entstanden, was spater zura Inhalt des Nibelungen-
liedes und der Siegfried-Sage wurde. Im zweiten Teil des Nibelun-
genliedes ist der Abschlufi des Karmas der Nibelungen gegeben.
Eine Eigentumlichkeit mufi ich erwahnen, die immer in einem
solchen Fall in der Entwicklung der Menschheit eintritt: Bevor eine
neue Phase Platz greift, mull die friihere Entwicklungsphase kurz
wiederholt werden. Gerade hier im Norden stellt sich diese Wie-
derholung friiherer Phasen deutlich dar. Es wird uns dargestellt,
wie dasjenige, was hier im Norden durchgemacht worden ist seit
der lemurischen und atlantischen Zeit, iiberwunden werden mufi,
bevor diese nordischen Volker reif werden, sich zur christianisier-
ten fiinften Unterrasse heraufzubilden. Derjenige, in dem die ganze
Summe der Geschichte der nordischen Kultur lebt, das ist der
Initiierte Siegfried. Lassen wir einmal kurz die hauptsachlichsten
Punkte der Siegfried-Sage an uns voniberziehen.
Zunachst wird uns das Leben der drei Helden Gunther, Hagen
und Giselher am Hofe in Worms dargestellt. Wir horen weiter, wie
der Held Siegfried fur Gunther wirbt um Briinhilde. Wir horen,
dafi in Siegfried am Hofe in Worms eine auEerordentliche Person-
lichkeit erkannt wird. Das ist er auch, denn er ist unverwundbar, er
hat den Besitzer des Nibelungenhortes getotet, er hat im Kampfe
mit dem Drachen seinen Korper ganz hornern gemacht, und er hat
sich die Tarnkappe erobert. Er besitzt also zweierlei Eigenschaften,
die die Initiierten der vorchristlichen Zeit immer zeigen: Sie sind
unverwundbar, und sie sind unerkennbar. Sie sind unverwundbar
durch ihre Einweihung. Im Evangelium heifk es: Drei sind es, die
da zeugen: Blut, Wasser und Geist. - Blut und Wasser miissen
besiegt werden. Was unverwundbar machte in den Zeiten, die dem
Christentum vorhergingen, waren Blut und Wasser. Diese unver-
wundbaren Initiierten sind aber immer an einer Stelle verwundbar.
Achilles stellt uns einen Initiierten der vorhergehenden Zeit dar. Er
ist in den Styx getaucht worden und war an der Ferse verwundbar.
Siegfried ist in das Blut des Drachen getaucht worden und ist
zwischen den Schulterblattern verwundbar. Seinen eigentlichen
Menschen kann der Eingeweihte dadurch unkenntlich machen, dafi
er die Tarnkappe besitzt; sie macht den Besitzer dieser hoheren
okkulten Fahigkeiten fur die Auftenwelt unbemerkbar. Diese
okkulten Fahigkeiten haben die Besitzer des Nibelungenhortes
gehabt. Sie stammten von der atlantischen Rasse ab, und insbeson-
dere die Eingeweihten der atlantischen Wurzelrasse besafien diese
Fahigkeiten; sie waren aber auch bei den Eingeweihten der funften
Wurzelrasse und daher auch bei Siegfried vorhanden. Als Siegfried
den Drachen erschlug, gelangte er in den Besitz des Nibelungen-
hortes. Was ist nun der Nibelungenhort? Darin ist ausgedriickt,
dafi die nordischen Volkerschaften sozusagen den Grund und Bo-
den abgaben, aus dem die fiinfte Unterrasse entstehen konnte. Man
nennt die fiinfte Unterrasse auch die Rasse der grofien Erfindungen
und Entdeckungen, die den ganzen physischen Plan erobert und im
Besitz der aufieren Welt grofi wird. Sie soil einerseits besitzen und
andererseits dieses Besitztum zu Weisheit ausbilden. Im Nibelun-
genhort haben wir nichts anderes zu sehen als eine sprachliche
Umbildung des alten Wortes Nifelheim, Nebelheim. Es ist also
dasjenige, was man im Norden kannte als die physische Erde, die
Erde im Augenblicke des Physischwerdens. Ein fester Besitz, das
ist es, was diese vorbereitende Rasse um sich ausbreitet und dem
Christentum entgegengestellt hat. Das Gold des Nibelungenhortes
ist der irdische Besitz, der Reprasentant des irdischen Besitzes. Das
ist etwas, was der Initiierte besitzt und was er auch besitzen darf,
weil er in entsprechender Weise dariiber wachen kann.
Nun wissen Sie alle, wie die Siegfried-Sage weitergeht in dieser
alten Gestalt. Es ist nicht die alteste Form der Sage, aber diejenige,
die fur uns in Betracht kommt. Bekanntlich wirbt dann Gunther
um Briinhilde von Isenland. Siegfried besiegt Briinhilde zweimal.
Gunther wirbt um sie, aber Siegfried kampft unsichtbar, mit der
Tarnkappe gewappnet, an der Seite Gunthers, und Briinhilde
glaubt, daft ihr Freier Gunther sie besiegt hatte. Siegfried ist gliick-
lich, dafi sie Gunthers Gemahlin wird. Nun verrat Siegfrieds Ge-
mahlin Kriemhilde in einem schwachen Augenblick der Briinhilde,
daft in Wirklichkeit nicht Gunther, sondern Siegfried unsichtbar sie
besiegt habe. Dariiber entriistet sich Briinhilde und fafk den Plan,
Siegfried zu toten. Nun mufi ihr aber erst noch verraten werden,
wie er getotet werden kann. Sie gewinnt Hagen von Tronje, der am
Hofe lebt, dafiir.
Hagen ist eine Gestalt, die man aus den alten Druiden-Mysteri-
en kennt. Hagen ist ein wichtiger Name von alten Druiden-Einge-
weihten. Er ist ein Eingeweihter, der die zuriickliegenden hochsten
Stromungen des geistigen Lebens vertritt, die dadurch zum Aus-
druck kommen, daft das Vorhergehende immer dem Nachfolgen-
den entgegensteht und mit ihm in Kampf kommt. Siegfried gehort
der folgenden Stromung an, die unmittelbar dem Christentum vor-
angeht. Hagen gehort der vorhergehenden Druidenstromung an.
Hagen wird also herbeigeholt, urn Siegfried zu verderben. Dazu
mufi Kriemhilde verraten, dafi Siegfried an einer Stelle verwundbar
ist. Hier enthiillt sich, was diese Stelle zu bedeuten hat. Kriemhilde
verrat, dafi Siegfried zwischen den Schultern verwundbar ist, und
zwar gerade an der Stelle, wo das Kreuz getragen werden mufi. Er
hat noch nicht das Kreuz. Das Christentum fehlt noch diesen vor-
zeitlichen Volkern. An dieser Stelle, wo das Kreuz ruhen soli, um
durch die Welt getragen zu werden, da ist Siegfried verwundbar -
so sagt die Siegfried-Sage -, weil das Christentum noch fehlt. Sieg-
fried, der die Sig-Initiierten zum Frieden, zur Ruhe bringt, ist ver-
wundbar an der Stelle, wo das Christentum spater unverwundbar
macht. Er wird iiberwunden von den Machten, die von den friihe-
ren Kulturen ubriggeblieben sind. Hagen, der Vertreter vorherge-
hender Stromungen, totet ihn. Das ist ein Bild fur die Ablosung der
vorhergehenden nordischen Kultur durch die fiinfte Unterrasse.
Der Sinn dieser Ablosung wird in der Siegfried-Sage dargestellt.
Wogegen kampfen denn eigentlich diese nordischen Rassen?
Indem sie Wegbereiter sind fur das Christentum, kampfen sie ge-
gen all das Alte, das geblieben ist von der atlantischen Zeit. Gegen
das miissen sie sich fortwahrend wehren. Die Seele der nordischen
Volker mufi sich wehren gegen dasjenige, was noch heranstiirmt
von friiher, von den Uberbleibseln der atlantischen Kultur. Es ist
eine friihere Kulturschicht, die hier in die fiinfte Kulturepoche hin-
einragt. Diejenigen aber, die stehengeblieben sind in der atlanti-
schen Kultur, sind ein Hemmschuh der Weiterentwicklung, sie
miissen bekampft werden.
Die spater erfolgenden Kampfe sind in einer alteren Fassung der
Gudrun-Sage dargestellt. Da tritt uns die Seele der nordischen Vol-
ker als Gudrun entgegen. Sie kampft gegen den grofien Initiierten
der Atlantier, Attila oder Atli oder Etzel, der aus den Uberbleib-
seln einer atlantischen Rasse, der turanischen, von Asien heriiber-
kommt. Auch der historische Attila und sein Volk wurden von den
europaischen Volkern als «Geiftel Gottes» bezeichnet. Attila war
ein Initiierter, der mit ganz bedeutenden okkulten Kraften an der
Spitze seiner Volkerschaft kampfte. Daher wird die Hunnen-
schlacht ganz richtig so dargestellt, daft das Heer in der Luft
kampft. Fur jeden, der die Dinge weift und versteht, ist es klar, um
was es sich da handelt. Attila wich vor nichts zuriick, was ihm in
Europa entgegentrat; nur vor dem Papst, dem Vertreter des Chri-
stentums, trat er freiwillig zuriick, denn er war sich voll bewuftt,
daft er gegen den Vertreter des Christentums nichts vermochte. Die
nordischen Volkerrassen wuftten, daft sie sich zu wehren hatten
gegen die ostlichen Einfliisse, aber dem Christentum vermochten
diese nichts anzuhaben.
Nun wird uns in der spateren Nibelungen-Sage weiter erzahlt,
daft Kriemhild den Plan faftte, Rache zu nehmen an denjenigen, die
Siegfried getotet hatten. Sie nimmt Rache in der Weise, daft sie sich
gerade mit den atlantischen Elementen verbindet. Sie leistet der
Werbung Attilas Folge; sie wird die Gattin des Hunnenkonigs
Attila. Zuvor lebte sie nach dem Tode Siegfrieds eine Zeitlang am
burgundischen Hofe. Sie war in den Besitz des Nibelungenhortes
gekommen und hat ihn verwendet als grofte Wohltaterin. Aber ihre
Feinde, die aus friiheren Epochen stammten und die in Hagen
reprasentiert sind, versenkten den Nibelungenhort in den Rhein.
Kriemhild halt an ihrem Plan fest, mit Hilfe Attilas die alten nor-
dischen Feinde zu vernichten. Durch Kriemhilds Racheplan wer-
den die Nibelungen hinuntergelockt nach dem Hofe Attilas, und
da tritt ihnen am Wege gerade diejenige Geistesmacht entgegen,
von der sie abgelost werden sollen. An der Donau tritt ihnen in
Riidiger von Bechlaren und seiner Gemahlin Gotelinde das Chri-
stentum entgegen. Das ist die Morgenrote des Christentums, das-
jenige, was an die Stelle der nordeuropaischen Volkerkulturen tre-
ten soil. Die Nibelungen gehen dem Untergang entgegen; sie wer-
den am Hunnenhofe ermordet. Kriemhild nimmt zwar Rache, mufi
aber selbst untergehen. Und wodurch geht sie unter? Sie, die ja die
umgewandelte Gudrun ist, die Volksseele der nordischen Kultur,
verbindet sich mit Atli-Attila-Etzel, dem Atlantier, und racht sich
an dem Vertreter ihrer eigenen Kultur, der den Initiierten getotet
hatte. Sie selbst geht zugrunde.
Wenn Sie die Sage nur asthetisch betrachten, so werden Sie sich
natiirlich fragen: Wie kommt es, daft nun am Schlusse noch am
Hunnenhofe Dietrich von Bern, Hildebrand und alle die anderen
Helden eingefuhrt werden, die einer Schicht angehoren, die bereits
zum Christentum iibergegangen ist? Das sind ja bereits christliche
Helden. - Das Christentum bringt der alten Volksseele den Tod,
es iiberwindet die alte Volksseele. Das ist nicht etwas, was nach-
traglich der Sage angehangt worden ist, sondern etwas, was lange
vor dem Auftreten des Christentums innerhalb der Mysterien als
Prophezeiung gelebt hat. Diese Vorgange waren Gegenstand der
Mysterieneinweihung. Zu der Mysterieneinweihung gehorte nicht
nur die Einweihung in die Wahrheiten der Gegenwart, sondern
auch in die der Vergangenheit und der Zukunft. Immer gehorte
dazu die Apokalyptik. Die Siegfried-Sage ist lange Zeit die Apo-
kalypse des nordischen Volkes gewesen. Diese Sage ist nicht
Dichtung, die irgendwie im Volk entstanden ist aus einzelnen
Stiicken, wie man sich das in der Philologie vorstellt. Das Volk
dichtet nicht. Das kann nur jemand sagen, der keine Ahnung da-
von hat, wie es in der Seele eines Volkes zugeht. Die Sagen sind
nichts anderes als Wiedergaben dessen, was in den Krypten der
Mysterien sich vollzogen hat. Was man in der Sage hat, ist nichts
anderes als die Wiedergabe von Mysterienvorgangen. Einen sol-
chen Vorgang, fur den man im Siiden das Wort «Mysterium» hat-
te, nannte man im Norden eine «Maere», woraus das Wort «Mar-
chen» fiir die kleineren Vorgange dann entstanden ist. «Uns ist in
alten maeren wunders vil geseit». «Wunders» ist nichts anderes als
ein «Zeichen», ein Zeichen fiir Dinge, die als Vorgange auf hohe-
ren Planen anzusehen sind.
Die nordische Sagenwelt ist deshalb so interessant, weil sie
etwas darstellt, was Sie in der ganzen sudlichen Sagenwelt nicht
finden konnen. Was die sudlichen Volkerschaften in ihrer Sagen-
welt darstellen, bedeutet immer einen Aufstieg; sie haben immer
etwas aufgenommen, etwas bekommen, was zu einer hoheren Stu-
fe hinauffuhrt. Die indischen, persischen, babylonischen, chaldai-
schen Volker und die, welche sie abgelost haben, haben zwar auch
tragische Gestalten; ich erinnere nur an die Chronos-Sage. Aber
hier im Norden ist das Tragische am meisten ausgebildet, weil die-
se Volker lange warten mulken. Es war eine lang dauernde, vorbe-
reitende Kultur mit einer hohen Initiation, die - und das ist das
Wichtige - eine Kultur war, die so weit hinunterging, dafi der In-
itiierte der Mensch war. Der Initiierte der Inder ist der Bodhisatt-
va, dann sind es die Rishis, spater bei den Griechen sind die Initi-
ierten die Sonnensohne wie Herakles und Achilles. Dann erst,
nachdem die Stufenleiter der Initiierten so weit heruntergegangen
war, kam der initiierte Mensch hier im Norden, dem nur das eine
fehlte, namlich das, was der Christus ist, der Gott-gewordene
Mensch. Der Mensch im Norden tritt uns in wartender Haltung
entgegen; er ist verwundbar an der Stelle, wo das Christentum
einsetzen mul
So haben wir also vier «Schichten» zu beachten:
Erstens: Wotan. Er geht parallel dem, was im Siiden in der ersten
Unterrasse der fiinften Wurzelrasse sich entwickelt.
Zweitens: Odin. Er geht parallel mit der zweiten Unterrasse der
fiinften Wurzelrasse.
Als drittes: Baldur, der Sonnenheros. Er geht parallel mit dem, was
sich im Siiden als babylonisch-chaldaisch-assyrische Epoche
entwickelt. Was jedoch dort aufsteigende Kultur ist, ist im
Norden Wartekultur.
Initiierte der Wartekultur, in der uberall das Tragische sich aus-
driickt. Weil es mit den alten Kraften zu Ende geht, sehen wir den
tragischen Tod Baldurs und den tragischen Tod Siegfrieds.
ZEHNTER VORTRAG
Berlin, 28. Oktober 1904
Der Trojanische Krieg
Da heute einige Neuhinzugekommene hier sind, so mochte ich nur
kurz andeuten, daft ich im Verlaufe dieser Stunden versucht habe
zu zeigen, wie in den verschiedenen Mythen und Sagen esoteri-
scher Gehalt aufgezeichnet ist und dafi man nur die Sprache der
Mythen und Sagen handhaben zu konnen braucht, um in ihnen
unter Umstanden tiefe esoterische Wahrheiten zu finden. Heute
mochte ich im besonderen von einer jener Sagen sprechen, die
die merkwiirdige Eigentumlichkeit zeigen, dafi sie einerseits Sagen
sind und auf der anderen Seite einen vollstandig aufieren Gehalt
von dem physischen Plan her haben, also ein ganz bestimmtes phy-
sisches Ereignis zum Ausdruck bringen.
Bevor ich von dieser Sage sprechen werde, will ich noch einer
Tatsache Erwahnung tun, die ja die meisten von Ihnen schon ken-
nen, die man sich aber immer wieder einscharfen mufi. Das ist die,
dafi im Verlauf unserer fiinften Wurzelrasse, also in der Zeit vom
Untergang der Atlantis in der vierten Wurzelrasse bis zur nachsten
Wurzelrasse, ein hochst wichtiger Schritt in der ganzen Mensch-
heitsevolution getan wurde, namlich der, daft aus der Menschheit
selbst heraus Fiihrer der Menschheit, die Manus entstehen. Alle die
grofien Fiihrer, die Manus, welche wahrend der friiheren Wurzel-
rassen die Menschheit weitergebracht haben, welche ihr die grofien
Impulse gegeben haben, sie haben ihre Entwicklung nicht rein auf
der Erde absolviert, sondern zum Teil auf anderen Himmelskorpern
zuriickgelegt und haben dabei das, was sie der Menschheit an groften
Impulsen zu geben hatten, schon von anderen Welten her auf die
Erde mitgebracht. Die Manus der lemurischen und auch die der
atlantischen Rasse und auch der Stamm-Manu unserer fiinften
Wurzelrasse sind iibermenschliche Individualitaten, die ihre grofte
Schule, durch die sie die Fiihrer der Menschheit werden konnten,
auf anderen Planeten durchgemacht haben. Dagegen bildeten sich
wahrend unserer fiinften Wurzelrasse innerhalb unserer Menschheit
selbst so hoch entwickelte Individualitaten heraus, da£ sie nunmehr
von der sechsten Wurzelrasse ab Fiihrer der Menschheit werden
konnen. Namentlich der Hauptfuhrer der sechsten Wurzelrasse
wird ein Mensch sein, wie wir sind, nur eben einer der Vorgeschrit-
tensten, der Vorgeschrittenste geradezu der Menschen. Es wird eine
Wesenheit sein, die damals begonnen hat mit der Entwicklung, als in
der Mitte der lemurischen Zeit iiberhaupt die Menschwerdung ge-
schah, die immer Mensch unter Menschen gewesen ist, nur schneller
vorschreiten konnte und alle Stufen der menschlichen Entwicklung
mitgemacht hat. Das wird der Grundcharakter des Manu der sech-
sten Wurzelrasse sein. Der Haupt-Manu der sechsten Wurzelrasse
und alle, die ihm zur Seite stehen, mussen durch die mannigfaltig-
sten Initiationen hindurchgehen; sie mussen wiederholt initiiert ge-
wesen sein. Daher hat es in der fiinften Wurzelrasse seit ihrer Ent-
stehung immer initiierte Menschen gegeben, Menschen, die sozusa-
gen in der Richtung initiiert waren, daft sie ihren eigenen freiwilligen
Weg gehen konnten. Das war wahrend der ganzen lemurischen und
auch wahrend der ganzen atlantischen Zeit nicht der Fall. Da stan-
den diejenigen, die der Menschheit weitergeholfen haben, die sie re-
giert und gelenkt haben, die Staatenlenker und Lenker grofier reli-
gioser Gemeinschaften waren, unter dem EinfluE von hoheren We-
senheiten. Sie waren wahrend der lemurischen und atlantischen Zeit
unmittelbar abhangig von jenen hoherentwickelten Wesenheiten,
welche ihre Entwicklung auf anderen Planeten durchgemacht hat-
ten. Erst in der fiinften Wurzelrasse wird die Menschheit immer
mehr freigegeben. Da haben wir Initiierte, die zwar im Zusammen-
hang stehen mit den hoheren Wesenheiten, denen aber nicht so weit-
gehende Ratschlage gegeben werden, dafi sie vollstandig ausgearbei-
tet sind, sondern es wird den Initiierten der fiinften Wurzelrasse
immer mehr Freiheit gegeben in den Einzelheiten. Im allgemeinen
werden den Initiierten zwar Direktiven gegeben, Impulse gegeben,
aber doch so, dafi sie aus eigener Geistigkeit und Urteilskraft heraus
die Dinge ausfiihren.
Zu unserer fiinften Wurzelrasse gehoren sieben Unterrassen. Sie
nehmen folgende Stellung in der Entwicklung ein: Die erste Unter-
rasse ist die Rasse der Spiritualitat, des Geistes; es ist jene Rasse,
aus welcher die indische Kulturgemeinschaft hervorgegangen ist,
die Rishi-Kultur, die Veden-Kultur. Dann haben wir die zweite
Unterrasse, die Rasse der Flamme, das ist die persische Kulturge-
meinschaft, die in der Zarathustra-Religion ihren Ausdruck findet.
Dann haben wir die dritte Unterrase, die wir die Rasse der Sterne
nennen, die Urchaldaer, von der das israelitische Volk einen
Hauptzweig bildet. Die vierte Unterrasse ist die Kulturgemein-
schaft, aus welcher die Griechen und Romer hervorgegangen sind,
die Rasse der Personlichkeit. Die fiinfte Unterrasse ist die Rasse
der Welt; es ist diejenige, innerhalb welcher wir selbst stehen, die
Kulturgemeinschaft der germanisch-angelsachsischen Volker, die
gegenwartig im Stadium der Entwicklung ist und die den Men-
schen zur freien Personlichkeit macht, die Rasse, die die Welt er-
obert. Sie wird abgelost werden von der slawischen Unterrasse,
einer von Asien nachriickenden Kulturgemeinschaft.
In meinem letzten Vortrag habe ich Ihnen von den groften
Initiierten in den nordischen Gegenden gesprochen. Ich habe da
schon darauf hingedeutet, daft symbolische Bezeichnungen exi-
stierten fur den Initiierten oder fur einen, der mit den Initiationen
in irgendeiner Beziehung stand, und daft dafur ein symbolischer
Ausdruck ist, daft der Initiierte unverwundbar ist. Diese Unver-
wundbarkeit, die wir bei Siegfried antrafen, ist auch bei Achilles
anzutreffen. In der Tat liegt in dem Mythos, in den Achilles hin-
eingeflochten ist, eine tief esoterische Bedeutung verborgen. Sie
miissen bedenken, daft das, was ich auseinandergesetzt habe, grad-
weise im Verlauf der fiinften Wurzelrasse vor sich geht. Die Lei-
tung der Menschheit im Beginn der fiinften Wurzelrasse hat der
Manu so eingerichtet, daft die Lenkung ganz der Priesterschaft
unterstand, die ihre Inspirationen unmittelbar von den hoheren
gottlichen Wesenheiten, von iibermenschlichen Wesenheiten be-
kam. Dieser initiierten Priesterschaft konnte es iiberlassen werden,
die Menschheit selbst einzuteilen. Es ware unmoglich gewesen, in
anderen Kulturgemeinschaften als solchen, die durch Priesterherr-
scher gelenkt wurden, eine Einteilung der Menschen in Kasten
gerecht durchzufiihren. Sie finden daher Kasteneinteilungen auch
eigentlich nur in den wirklichen Priesterkulturen, im alten Indien
und im alten Agypten, wo initiierte Priester an der Spitze standen,
die keinen kamischen Impulsen folgten, sondern hoheren Weisun-
gen. Sie verfuhren unpersonlich, kama-frei, und ihnen konnte es
iiberlassen bleiben, jene schwerwiegende Einteilung der Menschen
in Kasten vorzunehmen, die in Agypten und Indien urspriinglich
voll berechtigt war. Wenn Sie diese Kasten betrachten, so finden
Sie in denselben ausgepragt den ganzen Plan zur Entwicklung der
fiinften Wurzelrasse.
Dieser Plan ist der, dafi nach und nach die Fiihrung, die Len-
kung dieser fiinften Wurzelrasse iibergeht von der Priestergesin-
nung auf die Weltgesinnung, vom Priester auf den Konig. Ein
weltlicher Konig, der nicht Priester war, ware in der ersten Zeit der
fiinften Wurzelrasse noch ganz unmoglich gewesen. Wahrend der
atlantischen Zeit, als die Menschen ihre Impulse noch nicht durch
den denkenden Verstand erhielten, sondern aus anderen Kraften,
und auch noch im Beginn der fiinften Wurzelrasse, mufke die
Lenkung der Menschheit jeder weltlichen Macht entzogen und
denen iiberlassen werden, welche gottliche Inspirationen empfin-
gen. Daher finden Sie in der indischen und agyptischen Kultur die
reine Priesterherrschaft. Der Priester ist der Regent, er ist derjeni-
ge, von dem alles ausgeht. Der Priester gehort der hochsten Kaste
an. Die Krieger, die eine rein weltliche Beschaftigung haben, ge-
horen der zweiten Kaste an. Dann geht es herunter zu denen, die
sich mit dem Ackerbau befassen.
Nach und nach sollten diese Kasten stufenweise zur Selbstandig-
keit kommen. In dem, was sich in der Zeitlichkeit entwickelt,
haben wir niemals das gegeben, was aufierlich im Raume wirklich
vorhanden ist. Das bitte ich zu beachten. Wenn ein raumliches
Verhaltnis zeitlich werden soil, so geschieht das im Verhaltnis von
vier zu sieben, in der Weise, dafi die Vierheit zur Siebenheit sich
erweitert. Die vier im Raum nebeneinanderstehenden Kasten kom-
men im Verlaufe der funften Wurzelrasse zeitlich so zur Geltung,
dafi wir die sieben Unterrassen nach und nach zur Selbstandigkeit
sich entwickeln sehen. Das Verhaltnis von vier zu sieben beruht auf
einem ganz bestimmten Gesetz. Heute will ich dazu nur sagen, dafi
die sieben Unterrassen sich so entwickeln, daft wir es in der ersten
Unterrasse im wesentlichen zu tun haben mit der ausschliefilichen
Lenkung durch Priester, in der zweiten Unterrasse mit der Len-
kung durch Priesterkonige und durch Magier. Zarathustra, der
eigentliche Magier, ist der Ratgeber des Priesterkonigs. Wahrend
der dritten Unterrasse kann die Herrschaft auf die weltlichen
Konige ubergehen, die noch immer den Ratschlagen der Priester
folgen. Erst wahrend der vierten Unterrasse haben wir es mit welt-
lichen Konigen zu tun, die nicht mehr in irgendeiner Beziehung
zur priesterlichen Gewalt stehen. Die ersten weltlichen Konige tre-
ten zunachst im griechischen Volke auf, und als die griechische
Herrschaft befestigt wird, geschieht das durch weltliche Konige.
Die Ausbreitung des Griechentums wird aufierlich - sagenhaft -
dargestellt in der Sage vom Trojanischen Krieg. Diese Sage vom
Trojanischen Krieg ist nichts anderes als die mythische Darstellung
einer esoterischen Wahrheit, namlich des Aufbliihens der vierten
Unterrasse der funften Wurzelrasse und der Ablosung der Priester-
herrschaft in ihrem letzten Stadium durch die rein weltliche Herr-
schaft. Das wird gleich im Beginn der trojanischen Sage in einer
aufierordentlich feinen Weise angedeutet.
Sie wissen wohl, daft in der Esoterik iiberall die Materie darge-
stellt wird durch das Symbol des Wassers. Wasser ist das esoteri-
sche Symbol fur die Materie. Ich brauche Sie nur auf ein Beispiel
aus der Theologie hinzuweisen: In dem Nicaenischen Glaubens-
bekenntnis, da, wo es heiftt «... gelitten unter Pontius Pilatus», da
miiftte es eigentlich heiften «gelitten in Pontos Pylet6s», das bedeu-
tet «in dem zusammengedriickten Wasser». Der Gottessohn ist
herabgestiegen, um zu leiden in der auf dem physischen Plan vor-
handenen Materie. Im Credo, das wir im christlichen Bekenntnis
haben, ist aus «pontos», das Meer, latinisiert «Pontius» geworden,
und aus «Pylet6s» wurde «Pilatus».
Wenn Thales erklart, alles sei aus dem Wasser entstanden, so
meint er damit in Wahrheit die allumfassende physische Materie.
Wir haben es da zu tun mit dem Wasser als physische Materie.
Diese physische Materie soli das Maftgebende werden bei denjeni-
gen, die jetzt die Lenkung der Menschheit iibernehmen: die welt-
lichen Konige. Vorher gab es nur Konige, die mit dem Gottlichen
in Zusammenhang standen. Peleus ist der Konig, der herrschen soil
auf dem physischen Plan, aus dem physischen Plan selbst die Kraft
ziehend. Das wurde in den Mysterien als Mythe dem Volke da-
durch dargestellt, daft erzahlt wurde: Peleus vermahlte sich mit der
Meergottin Thetis. Wir haben es da zu tun mit der Ehe der
Menschheitsfuhrung mit der Materie des physischen Planes. Thetis
ist die Gottin des Wassers, des Meeres. Und derjenige, der dieser
Ehe entsprieftt, ist Achilleus. Achilleus ist der erste Initiierte von
dieser Art. Er ist daher unverwundbar, bis auf die Ferse. Alle In-
itiierten der vierten Unterrasse sind noch verwundbar an irgend-
einer Stelle. Erst am Ende der fiinften Unterrasse wird es so weit
fortgeschrittene Initiierte geben, daft sie gar nicht mehr verwund-
bar sind. Achilleus ist in den Styx getaucht, daft heiftt er ist allem
Irdischen abgestorben und auf einen hoheren Plan entriickt.
Da haben Sie einen wichtigen Abschnitt in der Menschheitsent-
wicklung. In der Mitte der vierten Unterrasse steigt zuerst das
spirituelle Leben herab, da haben wir erst Initiierte des physischen
Planes. Damit tritt etwas ganz Besonderes auf. Die friiheren
Weltenlenker waren kama-frei, sie waren ohne Begierden, sie muft-
ten alles Kamische durch die verschiedenen vorhergehenden Initia-
tionsstufen bis zur spirituellen Initiation abstreifen. Solange es
Priester im alten Sinne gab, solange konnte unmoglich etwas von
Kama in die Weltenlenkung einflieften. Kama aber bewirkt Sonder-
heit, Kama macht es moglich, daft die Menschen sich gegeneinander
wenden. Fruher gab es auch Kampf und Streit, aber die Menschen
waren noch nicht so weit, um Gutes und Boses einander gegen-
iiberzustellen. Streit und Krieg unter den damaligen Menschen darf
man nicht mit unseren heutigen Maftstaben messen, man muft sie
mit demselben Mafte messen wie heute die Tierwelt. Man konnte
nicht sagen, dafS etwas gut oder bose sei, ebensowenig wie ein
Lowe oder ein Tiger gut oder bose ist. Das wirkliche Bose fing erst
an, als Manas sich mit Kama verband, so dafi der Mensch durch
Kama dirigiert wurde, und das fuhrte dazu, dafi die Menschen mit
Bewufitsein gegeneinander kampften.
Das ist in der Sage dadurch angedeutet, dafi bei der Vereheli-
chung des Peleus mit der Meergottin Thetis alle Gotter anwesend
sind, aber eine Gottin fehlt. Es fehlt Eris, die Gottin der Zwie-
tracht, weil die Menschheit noch vor dem Stadium war, wo
Kama sich mit Manas verband und die Sonderung entstand, durch
die die Menschen sich in Gegensatz zueinander stellten. Nun aber
erscheint die Gottin Eris; sie wirft einen Apfel unter die Gaste,
welcher die Aufschrift tragt «der Sch6nsten», um Zwietracht her-
beizufuhren. Damit ist Veranlassung gegeben zu dem erst inner-
halb der funften Wurzelrasse auftretenden, unter voller menschli-
cher Verantwortung stehenden Krieg. Erst von diesem Zeitpunkt
an kann man von einem bewulken Wiiten der Menschen gegen-
einander sprechen.
Alles weitere im Mythos ist eine Ausgestaltung dessen, was hier
begonnen hat. Die Schonste der Gottinnen soli den Apfel der Eris
bekommen. Die drei Gottinnen Hera, Pallas Athene und Aphro-
dite streiten um den Apfel. Die drei Gottinnen bedeuten verschie-
dene Stufen des Seelenlebens auf den hoheren, spirituellen Planen.
Jetzt aber soil nicht mehr auf dem spirituellen Plan, sondern auf
dem physischen Plan entschieden werden. Deshalb wird Paris
gerufen, der entscheiden soil vom physischen Plan aus. Hier liegt
die eigentliche Crux, wo man es handgreiflich hat, worauf es an-
kommt. Was mufi uns entgegentreten, wenn vom physischen Plane
aus die Entscheidungen herbeigefuhrt werden?
Als Manas zuerst auf dem physischen Plan auftrat, vermischte es
sich mit Kama. Vorher waren die Menschen zwar auch kamisch,
aber das hatte noch nicht die Bedeutung von gut und bose. Jetzt
aber verbindet Manas sich mit Kama, und daher werden die Men-
schen sich der Taten bewufit. Manas zieht in das ein, was der
Mensch seiner niederen Natur nach ist. Die kamische Entwicklung
hatte er sich schon auf dem alten Monde erworben. Das derbste
Kamische ist von der Erde abgefallen mit dem Austria des Mondes
und begleitet nun im Monde die Erde als Trabant. Der Mond ist in
der Esoterik das Leitmotiv, das Merkzeichen der niederen Natur,
fur das, was uns hinunterzieht, fur das, wohin wir kommen kon-
nen, wenn wir selbst der niederen Natur verfallen.
Es mu6 also das Verhangnisvolle in der Verbindung von Manas
mit Kama wahrend der vierten Unterrasse darin bestehen, daft
sich der Mensch, welcher Entscheidungen zu treffen hat, mit dem
Kamischen, mit dem Mondprinzip, mit der Selene verbindet. Aus
Selene ist der Name Helena entstanden. In der Verbindung des
Paris mit der Helena haben wir die Ehe von Manas mit Kama in
der vierten Unterrasse symbolisch ausgedriickt. An sich gerissen
hat der auf dem physischen Plane befindliche Mensch das Mond-
prinzip. Uberall konnen Sie das finden, wenn in der Esoterik vom
«Mond» gesprochen wird. Damit, daft unmittelbar auf dem physi-
schen Plan in bewuftter Art die ganze Verbindung geschaffen ist
vom Manasprinzip mit dem Kamaprinzip, daraus entspringt der
Krieg. Der Trojanische Krieg ist zugleich Symbol und Tatsache. Er
hat wirklich stattgefunden; die wichtigsten Ereignisse des Trojani-
schen Krieges spielten sich auf dem physischen Plan ab. Sie haben
aber auch symbolische Bedeutung. Die Sage vom Trojanischen
Krieg hat einen mystischen Inhalt, aber die Tatsachen sind auch
aufterlich auf dem physischen Plan abgelaufen.
Nun bitte ich, noch eines aufzufassen. Wenn die fiinfte Wurzel-
rasse ihr Ende erreicht haben wird und die sechste Wurzelrasse im
Aufgang sein wird, wird sich auf dem Gebiete des bewuftten Ver-
standes ein Einfluft herausgebildet haben, der jetzt wahrend der
fiinften Unterrasse noch sehr zuriicktritt, der sich aber bereits her-
ausbildet. Es ist etwas, was vom Musikalischen ausgeht. Die Be-
deutung der Musik wird in der fiinften Unterrasse immer mehr
und mehr zum Ausdruck kommen. Die Musik wird nicht bloft
Kunst sein, sondern Ausdrucksmittel werden fiir ganz andere Din-
ge als rein Kunstlerische. Hier liegt etwas, was hindeutet auf den
Einfluft eines ganz bestimmten Prinzipes auf den physischen Plan.
Es werden auf dem Gebiete der Musik oder des Musik-Ahnlichen
die bedeutsamsten Impulse von den Initiierten der funften Wurzel-
rasse gegeben werden. Was einflieften mufi in die funfte Wurzelras-
se, und zwar auf dem Gebiete des bewufken Verstandeslebens, das
ist das, was man das Kundalinifeuer nennt. Das ist eine Kraft, die
jetzt noch im Menschen schlummert, aber immer mehr und mehr
Bedeutung gewinnen wird. Heute hat sie schon einen grofSen Ein-
flufi, eine grofie Bedeutung in dem, was durch den Sinn des Geho-
res wahrgenommen wird. Wahrend der weiteren Entwicklung in
der sechsten Unterrasse der funften Wurzelrasse wird dieses
Kundalinifeuer grofien Einflufi gewinnen auf das, was im mensch-
lichen Herzen lebt. Das menschliche Herz wird wirklich jenes
Kundalinifeuer in sich haben. Der Mensch wird dann durchdrun-
gen sein von einer besonderen Kraft, die in seinem Herzen leben
wird, so dafi er in der sechsten Wurzelrasse nicht mehr unterschei-
den wird sein eigenes Wohl von dem Wohle der Gesamtheit. Der
Mensch wird von dem Kundalinilicht so durchdrungen sein, dafi er
das Prinzip der Liebe als seine ureigenste Natur haben wird.
In der siebenten Unterrasse wird zwar die ganze grofie Mensch-
heit in einem wahren Chaos sein, denn die Wurzelrasse wird dann
nahe dem Untergange sein. Aber ein kleiner Teil der Menschen der
siebenten Unterrasse werden die wahren Sonne des Kundalinifeuers
sein. Sie werden durchdrungen sein mit alien Kraften des Kundalini-
feuers; sie werden den Stoff abgeben zur nachsten Wurzelrasse, fur
diejenigen, welche die Weiterentwicklung der Menschheit lenken.
So steuert die funfte Wurzelrasse zu jenen Hohen, wo das gottliche
Feuer, das Kundalinifeuer, mit heiligem Pathos das gottliche Prinzip
im Innern der Menschen anfachen wird, so dafi nicht mehr der
Mensch vom Menschen getrennt sein wird, sondern, soweit der den-
kende Verstand reicht, eine Briiderlichkeit herbeigefiihrt sein wird.
Dieses Feuer wird dereinst in den Menschen leben. Und in denjeni-
gen Menschen, welche im Verlaufe der funften Wurzelrasse initiiert
werden, lebt schon eine Andeutung dieses gottlichen Feuers, in dem
die Kraft der Briiderlichkeit ist und das die Abgesondertheit der
Menschen aufheben wird. Aber es arbeitet sich erst durch, es kommt
erst in den Anfangen heraus, es ist noch verhiillt, verschleiert durch
das, was die sondernden Leidenschaften der Menschen, die trennen-
den Gewalten des Kama sind. Und da, wo es als Vorverkiinder einer
kommenden Zeit im Einzelnen auftritt, nimmt es eine andere Ge-
stalt, einen ganz anderen Charakter an. Auf dem Plane der Tau-
schung ist das gottliche Feuer der gottliche Zorn. Erst dann, wenn
die Briiderlichkeit die ganze Menschheit durchfluten wird, ist es die
gottliche Liebe. Solange es aber im Einzelnen als Eifer sich geltend
macht, ist es der gottliche Zorn, und er macht sich gerade dadurch
als starke Gewalt im Einzelnen geltend, weil die iibrige Menschheit
noch nicht reif ist.
Dies driickt auch der initiierte Dichter - Homer heifit der «blin-
de» Dichter, weil er innerlich schaut - in seiner Dichtung aus:
«Singe, o Muse, vom Zorn mir, des Peleiden Achilleus». Das ist der
gottliche Zorn, von dem der Dichter hier gleich am Anfange der
Ilias spricht. In der Ilias wird das Ausleben des Kundalinifeuers auf
dem physischen Plan dargestellt. Im Streit zwischen Agamemnon
und Achilles flammt der Zorn als gottlicher Zorn auf. In der Sage
vom Trojanischen Krieg wird dargestellt, wie der alte Priester-
konigstaat abgelost wird durch weltliche Konigsherrschaft. Denn
Troja ist ein Staat, in dem der Konig unter dem Einflufi der alten
Priesterherrschaft steht. Er wird abgelost von dem Prinzip der
weltlichen Klugheit. Das wird sehr schon dargestellt, wie es die
weltliche Klugheit ist, die siegt. Odysseus, der listenreiche, siegt. Er
ist der Initiierte der fiinften Unterrasse, der seine Initiation durch
seine Wanderungen empfing. Die Spiritualitat der alten Priester
wird abgelost von der Intellektualitat. Das wird auch ausgedriickt
durch das Bild der Umklammerung des Laokoon durch die Schlan-
gen. Die Schlangen, das Symbol der weltlichen Klugheit, umgarnen
den Priester Laokoon, den Reprasentanten der alten Spiritualitat.
Wenn Sie dies alles verfolgen, sehen Sie, daJft auch in der troja-
nischen Sage nichts anderes festgehalten ist als ein welthistorischer
Zusammenhang. In den Mysterien wurden solche Vorgange darge-
stellt. In den alteren Mysterien, die den eleusinischen vorangegan-
gen sind, wurde unter anderen gerade dieser wichtige Moment des
Aufganges der vierten Unterrasse der fiinften Wurzelrasse dar-
gestellt. Der Trojanische Krieg, der ja tatsachlich stattgefunden hat,
wurde in den Mysterien schon dargestellt, bevor er stattgefunden
hat. Fur denjenigen, der nicht bewandert ist in der Theosophie, ist
das ja phantastisch. Es ist aber Mysterienprinzip, neben der Ver-
gangenheit auch Vorgange der Zukunft darzustellen. Und weil sie
Vorgange der Zukunft vorausnehmen, deshalb muftten sie auch
geheimgehalten werden. Nicht um die Neugier der Menschen zu
befriedigen, waren die Mysterien da, sondern diejenigen Menschen
sollten daran teilnehmen, die berufen waren, mitumgestaltend an
der Zukunft zu wirken. Sie sollten sich dort die Impulse fur ihre
Aufgabe holen. Das ist der Sinn der Mysterien.
Wenn daher jemand ein Mysterium verraten wurde, so wurde
das bedeuten, da£ er dasjenige, was in der Zukunft geschehen soil,
den Leuten offentlich sagen wiirde. Dadurch miifite er unbedingt
bei seinen Mitmenschen Verwirrung anrichten. Nur einzelne Vor-
geschrittene bekommen dazu die Impulse. Sie haben die Aufgabe,
die Menschen langsam dahin zu bringen, wohin sie einst kommen
sollen. Nur die wenigen reifen Menschen, die ihren Mitmenschen
vielleicht fiinfhundert Jahre voraus sind, sind in der Lage, diese
Geheimnisse zu ertragen und im Sinne der Mysterien zu wirken.
Nehmen Sie einmal an, andere wiirden davon horen, dann wiirden
sie das gleich herbeifiihren wollen, wofiir die Menschen noch nicht
reif sind. Jedes Mysterium wird unter wesentlich veranderten Ver-
haltnissen einmal offentliches Gemeingut. Alles wird zu einer be-
stimmten Zeit offenbar werden. Der Geheimnischarakter liegt nur
darin, dafi zunachst wenige Einzelne die Zukunft vorzubereiten
haben; sie miissen die Lenker werden, um die anderen Menschen
zu fiihren.
Es gibt heute noch Geheimnisse, die erst in der sechsten Wur-
zelrasse enthiillt werden konnen, wenn ganz andere Verhaltnisse
der Briiderlichkeit herrschen werden, die jetzt noch nicht realisiert
sind. Diejenigen, die etwas von diesen Tatsachen wufiten, hatten
natiirlich eine furchtbare Angst, daft durch Unvorsichtigkeit etwas
von den Mysterien verraten werden konnte. Es war friiher so, dafi
auf Verrat der Mysterien die hochsten Strafen standen; in alten
Zeiten war es die Todesstrafe. Nicht die eingeweihten Priester
haben die Todesstrafe verhangt, sondern diejenigen, welche von
aufien her etwas wufiten und nicht eingeweiht waren. Die Furcht
vor dem Verrat der Mysterien fuhrte das tragische Ende so
mancher Grofien herbei. Einem solchen Urteile fiel auch Sokrates
zum Opfer, obgleich mit Unrecht.
I
RICHARD WAGNER IM LICHTE
DER G E IS TE SWI S SENS C HAFT
ERSTER VORTRAG
Berlin, 28. Marz 1905
Mythen sind von den groften Eingeweihten den Menschen mit-
geteilte
…[truncated]