Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE  VOR  MITGLIEDERN 
DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissen- 
schaft  bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  geschriebenen 
und  veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er  in  den  Jahren  1900 
bis  1924  zahlreiche  Vortrage  und  Kurse,  sowohl  offentlich  wie 
auch  fiir  die  Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthropo- 
sophischen  Gesellschaft.  Er  selbst  wollte  urspriinglich,  dafi  seine 
durchwegs  frei  gehaltenen  Vortrage  nicht  schriftlich  festgehalten 
wurden,  da  sie  als  «miindliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mit- 
teilungen»  gedacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstan- 
dige  und  f ehlerhafte  Horernachschriften  angefertigt  und  verbreitet 
wurden,  sah  er  sich  veranlafk,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit 
dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die 
Bestimmung  der  Stenographierenden,  die  Verwaltung  der  Nach- 
schriften  und  die  fiir  die  Herausgabe  notwendige  Durchsicht  der 
Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus  Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen 
Fallen  die  Nachschriften  selbst  korrigieren  konnte,  mufi  gegen- 
iiber  alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt  beriicksich- 
tigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden  mussen, 
da£  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehler- 
haftes  findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst 
nur  als  interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen 
offentlichen  Schriften  aufiert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbst- 
biographie  «Mein  Lebensgang»  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende 
Wortlaut  ist  am  Schlufi  dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort 
Gesagte  gilt  gleichermafien  auch  fiir  die  Kurse  zu  einzelnen  Fach- 
gebieten,  welche  sich  an  einen  begrenzten,  mit  den  Grundlagen 
der  Geisteswissenschaft  vertrauten  Teilnehmerkreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi 
ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner 
Gesamtausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen 
Bestandteil  dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden  sich 
nahere  Angaben  zu  den  Textunterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


RUDOLF  STEINER 


Geisteswissenschaft  als  Erkenntnis 
der  Grundimpulse  sozialer  Gestaltun 


Sechzehn  Vortrage, 
gehalten  in  Dornach  vom  6.  August  bis  11.  September  1920, 
und  eine  Ansprache  und  ein  Vortrag  in  Berlin 
am  17.  und  18.  September  1920 


1985 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH  /  SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  der  1.  Auflage  besorgte  Hans  W.  Zbinden, 
die  der  2.  Auflage  Walter  Kugler 


1.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1967 

2.,  neu  durchgesehene  Auflage 
(photomechanischer  Nachdruck) 
Gesamtausgabe  Dornach  1985 


Einzelausgaben 

Dornach,  8.  August  1920:  «Die  zwolf  Sinne  des  Menschen  in 
ihrer  Beziehung  zu  Imagination,  Inspiration  und  Intuition*, 
Dornach  1938, 1967, 1976, 1983 

Dornach,  27.  August  1920:«Das  Ewige  in  der  Hegelschen  Logik 
und  ihr  Gegenbild  im  Marxismus»,  Dornach  1958 

Nachweis  weiterer  Veroffentlichungen  siehe  Seite  297 


Bibliographie-Nr.199 

Zeichen  auf  dem  Einband  nach  einem  Entwurf  von  Rudolf  Steiner 
Zeichnungen  im  Text  nach  Tafelzeichnungen  Rudolf  Steiners, 
ausgefuhrt  von  Assja  Turgenieff  f  und  Hedwig  Frey  f 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1967  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-1990-3 


INHALT 


ERSTER  VORTRAG,  Dornach,  6.  August  1920  

Riickblick  auf  das  erste  Jahr  der  Waldorfschule  in  Stuttgart:  Religionsunterricht, 
Weltanschauung  im  Zusammenhang  mit  Methodik  und  Didaktik,  Zeugnisse, 
Madchen-Knaben-Relation,  Lehrerschaft,  Emil  Molt,  finanzielle  Verhaltnisse, 
Parallelklassen,  Hospitanten.  Geisteswissenschaft  als  Taterkenntnis.  Die  Welt 
der  Erscheinungen,  dargestellt  am  Beispiel  des  Regenbogens.  Atomistisches 
Denken  als  Ausdruck  schwachsinnigen  Geistes.  Einseitiges  Sich-Hingeben  an 
die  Mystik  als  Ausdruck  von  Kindskopfigkeit.  Uber  das  Gute  und  das  Bose. 
Politische  Parteien  als  Abglanz  geistiger  Wesenheiten.  Das  Wissen  der  Jesuiten 
von  geistigen  Wesenheiten.  Gegnerschaft  und  ihre  Widerspriiche. 

ZWEITER  VORTRAG,  Dornach,  7.  August  1920   

Politische  Parteien  und  ihr  iibersinnliches  Gegenbild.  Vom  Widersinn  der 
Parteiengefolgschaft.  Unterschiede  in  dem  Verhaltnis  von  Volkern  und  Partei- 
gruppen  zu  iibersinnlichen  Wesenheiten.  Der  dreigliedrige  Mensch  als  Abbild 
der  geistigen  Welt.  Geisteswissenschaft  und  ihr  Verhaltnis  zum  Materialismus. 
Leninismus  und  Trotzkismus  als  Fortsetzung  des  Zarismus.  Die  Aufgabe  der 
Dreigliederung  im  Spannungsfeld  von  Ost  und  West.  Uber  die  Abstraktheit  von 
Parteiprogrammen. 

DRITTER  VORTRAG,  Dornach,  8.  August  1920   

Die  zwolf  Sinne  des  Menschen  und  ihr  Verhaltnis  zur  aufieren  und  inneren  Welt. 
Die  sieben  «aufieren  Sinne»  in  ihrer  Beziehung  zu  den  drei  hoheren  Erkenntnis- 
stufen  Imagination,  Inspiration  und  Intuition.  Die  seelischen  Wirkungen  der 
fiinf  «inneren  Sinne».  Schlufifolgerungen  unter  Beriicksichtigung  der  Anschau- 
ungen  einiger  Mystiker  des  Mittelalters,  ferner  der  Darstellungen  Leadbeaters 
liber  das  Devachan  sowie  Aufierungen  Oswald  Spenglers. 

VlERTER  VORTRAG,  Dornach,  14.  August  1920   

Uber  die  Aufgaben  der  anthroposophischen  Bewegung  und  die  Verantwortung 
des  einzelnen  Mitgliedes.  Kritische  Anmerkungen  zu  Anschauungen  der  mate- 
rialistischen  Naturwissenschaft  liber  die  Erdenentwicklung  sowie  iiber  die  Chri- 
stus-Auffassung  in  der  materialistisch  tingierten  Theologie  des  19.  Jahrhunderts. 
Das  Problem  der  Freiheit  im  Mittelpunkt  geisteswissenschaftlicher  Betrachtun- 
gen.  Das  «wahre  Wesen»  der  Erinnerung.  Uber  das  Verhaltnis  von  Geisteswis- 
senschaft und  Mystik.  Spirituelles  und  Materielles  in  seiner  wechselseitigen 
Beziehung. 

FUNFTER  VORTRAG,  Dornach,  15.  August  1920   

Kategorien  der  Urteilsbildung  (richtig  und  falsch,  gesund  und  krank,  niitzlich 
und  schadlich)  in  ihrer  geistesgeschichtlichen  Entwicklung.  Die  Einbeziehung 
des  Willens  in  die  Urteilsbildung.  Die  Bedeutung  einer  «okkulten  Denkweise» 
fur  die  Beurteilung  weltgeschichtlicher  Vorgange.  Die  Initiationswissenschaft  als 
Grundlage  der  Urteilsbildung  im  sozialen  Leben,  dargestellt  am  Beispiel  des 
Wirtschaftslebens.  Der  Weg  vom  instinktiven  Gruppenurteil  zum  assoziativen 
Urteil. 


SECHSTER  VORTRAG,  Dornach,  20.  August  1920    95 

Der  Mensch  im  Spannungsfeld  von  «innen  und  aufien»,  von  geistigen  und 
sinnlichen  Erscheinungen.  Das  Raum-Zeit-Problem  im  Zusammenhang  mit  dem 
Leben  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt.  Das  Raum-Zeit-Denken  in 
bezug  auf  die  Sinneswelt  und  das  Geistige.  Uber  das  Problem  der  « Anschauung» 
als  Bestandteil  der  Erkenntnisbildung.  Die  Lebensfremdheit  in  der  Urteilsbil- 
dung  von  Zeitgenossen,  dargestellt  am  Beispiel  des  Journalisten  Rene  Marchand. 

SlEBENTER  VORTRAG,  Dornach,  2 1 .  August  1920    1 09 

Bedingungen  fur  ein  zukunftsorientiertes  Zusammenleben  der  Volker.  Das  west- 
liche  Volkstum  und  sein  Einflufi  auf  die  iibrigen  Volker.  Vom  Wesen  des 
ostlichen  Volkstums  und  Entwicklungstendenzen  des  Bolschewismus.  Das  west- 
liche  Volkstum  und  der  Stellenwert  der  Logik  bei  John  Stuart  Mill.  Die  « Chri- 
stian Science*  als  Konsequenz  westlicher  Anschauungen.  Uber  die  Bedeutung 
des  vorgeburtlichen  Lebens  in  der  ostlichen  Anschauung  und  die  des  nachtod- 
lichen  Lebens  in  der  westlichen  Anschauung  als  Keimzelle  des  Spiritismus. 
Geistesleben,  Rechtsleben  und  Wirtschaftsleben  im  Zusammenhang  mit  den 
Volkern  im  Osten,  in  der  Mitte  und  im  Westen. 

ACHTER  VORTRAG,  Dornach,  22.  August  1920    128 

Die  Ausgestaltung  der  drei  Glieder  der  menschlichen  Organisation  in  den  ver- 
schiedenen  Teilen  der  Erde:  Die  Bedeutung  des  Stoffwechselorganismus  fiir  die 
«alten»  Orientalen  und  die  Tendenz  zu  seiner  Uberwindung.  Vom  Wesen  der 
Jogaiibungen  im  alten  Indien.  Die  Bedeutung  des  rhythmischen  Systems  fiir  den 
Mitteleuropaer  und  sein  Zusammenhang  mit  dem  rechtlich-staatlichen  Element. 
Wesensziige  der  Scholastik.  Die  Bedeutung  des  Nerven-Sinnes-Systems  fiir  den 
westlichen  Menschen.  Uber  die  Entwicklungsrichtungen  der  einzelnen  Glieder 
des  menschlichen  Organismus  innerhalb  der  verschiedenen  Volkergruppen.  Die 
neue  Initiationswissenschaft  und  ihr  Zusammenhang  mit  den  Volkern  sowie  den 
drei  Gliedern  des  sozialen  Organismus. 

NEUNTER  VORTRAG,  Dornach,  27.  August  1920    145 

Wichtige  Stationen  im  Leben  Hegels.  Das  Ewige  in  der  Hegelschen  «Logik»  und 
ihr  Gegenbild  im  Marxismus,  mit  einem  Exkurs  uber  Rudolf  Steiners  Holzpla- 
stik  «Der  Menschheitsreprasentant».  Anmerkungen  zu  Hegels  Rechtsphiloso- 
phie,  insbesondere  zu  seiner  Staatsauffassung.  Die  geistige  Kraft  im  Hegeltum 
und  ihre  Bedeutung  fiir  die  Neuzeit.  Uber  den  Verlust  der  Moralitat  unter  den 
damaligen  Intellektuellen,  dargestellt  an  dem  Konflikt  zwischen  Ernst  Haeckel 
und  seinem  Schuler  Ludwig  Plate.  Die  Tragik  der  «schlafenden  Seelen»  in 
Europa. 

ZEHNTER  VORTRAG,  Dornach,  28.  August  1920    163 

Das  Verhaltnis  des  Menschen  zur  Sinnes-  und  Geistwelt.  Uber  den  Zusammen- 
hang der  menschlichen  Organe  mit  dem  Gebiet  des  Geistes.  Der  Mensch  als  ein 
Glied  des  Kosmos.  Von  der  Lebensfremdheit  religioser  und  sozialer  Gemein- 
schaften.  Die  Beziehungen  der  Hierarchien  zu  den  Menschen.  Die  jenseits  des 
«Sinnesteppiches»  iiegende  Welt  der  zentripetal  wirkenden  Wesenheiten. 
Anmerkungen  zu  Oswald  Spenglers  Kritik  an  der  «Spiefierphilosophie»  und  zu 
Leadbeaters  «okkulter  Chemie». 


ELFTER  VORTRAG,  Dornach.,  29.  August  1920    178 

Das  Gebiet  der  zentrifugalen  Krafte.  Der  Mensch  als  Vermittler  zwischen  Got- 
terwelten.  Uber  den  Sinn  menschlichen  Seins.  Das  Wirken  der  zentripetalen 
Krafte  durch  das  menschliche  Haupt,  das  der  zentrifugalen  Krafte  durch  das 
Gliedmafiensystem.  Uber  das  Chaos  in  den  sozialen  Verhaltnissen  als  Folge  der 
Unwissenheit  von  den  Zusammenhangen  des  Menschen  mit  dem  Kosmos.  Vom 
Unterschied  zwischen  dem  «sozialen  Denken»  und  dem  «Denken  aus  dem 
Geistigen  heraus».  Uber  den  Stellenwert  von  Statistiken  im  gegenwartigen  sozia- 
len Leben.  Initiationskrafte  als  Richtkrafte  fur  das  Wirtschaftsleben.  Mittel- 
europa  und  der  Dornacher  Bau. 

ZWOLFTER  VORTRAG,  Dornach,  3.  September  1920    192 

Der  Orient  als  die  Quelle  des  Geisteslebens  der  Menschheit;  Mitteleuropa  als 
Ausgangspunkt  fiir  das  Rechtsleben;  der  Westen  als  Quellort  wirtschaftlicher 
Begrifflichkeiten.  Familienegoismus  und  Imitation  als  die  sozialen  Grundkrafte 
im  Denken  von  Thomas  H.  Huxley.  Die  Initiationswissenschaft  als  Ausgangs- 
punkt fiir  eine  geistgemafie  Gestaltung  des  sozialen  Lebens:  Das  Verhaltnis  des 
Atherleibes,  Astralleibes  und  des  Ich  zum  Tier-,  Pflanzen-  und  Miner alreich. 
Die  Entstehung  des  geistigen  Lebens  durch  die  Arbeit  des  Menschen  an  seinem 
Ich,  die  des  Rechtslebens  durch  die  Arbeit  am  Astralleib,  die  des  Wirtschafts- 
lebens  durch  die  Arbeit  am  Atherleib. 

DREIZEHNTER  VORTRAG,  Dornach,  4.  September  1920    207 

Uber  die  Entwicklungsrichtungen  der  menschlichen  Wesensglieder.  Das  Eigen- 
sein  des  physischen  Leibes.  Die  Verwandtschaft  der  Wesensglieder  mit  den 
Naturreichen.  Die  Entstehung  der  drei  Gebiete  des  sozialen  Organismus  durch 
die  Arbeit  des  Menschen  an  seinen  Wesensgliedern  als  Ausdruck  der  Willens- 
seite.  Das  Zuriickwirken  der  drei  Glieder  des  sozialen  Organismus  als  Ausdruck 
der  Wahrnehmungsseite:  Die  Riickwirkung  des  Geisteslebens  auf  den  physi- 
schen Leib  im  gegenwartigen  und  insbesondere  im  nachsten  Erdenleben.  Die 
Riickwirkung  des  Rechtslebens  auf  den  Atherleib  und  die  Auswirkungen  auf  den 
Kosmos.  Die  Riickwirkung  des  Wirtschaftslebens  auf  den  Astralleib  und  die 
Auswirkungen  auf  die  geistige  Welt.  -  Uber  das  richtige  Verhaltnis  des  Men- 
schen zu  Geist  und  Materie. 


VlERZEHNTER  VORTRAG,  Dornach,  5.  September  1920    224 

Die  Vorbereitung  der  Naturgrundlage  fiir  das  nachste  Erdenleben  durch  das 
soziale  Leben.  Die  Entstehung  der  drei  Glieder  des  sozialen  Organismus  im 
Orient,  in  der  Mitte  und  im  Westen,  impulsiert  durch  das  Stoffwechsel-,  rhyth- 
mische  und  Nerven-Sinnes-System.  Uber  die  Gefahren  fiir  das  Geistesleben 
durch  die  Verkniipfung  mit  dem  Staats-  und  Wirtschaftsleben.  Von  der  Notwen- 
digkeit  des  «Hereinragens»  des  Lebens  in  das  Geistgebiet,  der  Empfindung  in 
das  Rechtsgebiet  und  der  Vernunft  in  das  Wirtschaftsgebiet.  Der  Mensch  im 
Zusammenklang  mit  der  Weltenordnung. 

FUNFZEHNTER  VORTRAG,  Dornach,  10.  September  1920    238 

Die  Bedeutung  von  Lebensimpulsen  in  friiheren  Zeiten  fiir  die  Gegenwart, 
dargestellt  am  Beispiel  des  Verhaltnisses  der  Menschen  zum  Kosmos  im  alten 


Orient.  liber  die  Tragik  der  eingeschrankten  Urteilsbildung  in  der  Gegenwart 
im  Zusammenhang  mit  der  Forderung  nach  der  Einfiihrung  einer  Arbeitspflicht. 
Die  Abschaffung  der  «Himmelswissenschaft»  durch  das  juristische  Denken  und 
ihre  Folgen.  Der  gegenwartige  Stolz  auf  die  erworbene  Intelligenz,  deren  mate- 
rialistische  Deutung  sowie  Konsequenzen  fiir  die  soziale  Einstellung  der  Men- 
schen. Der  Dornacher  Bau  als  Wahrzeichen  fiir  ein  neues  Geistesleben. 

SECHZEHNTER  VORTRAG,  Dornach,  1 1 .  September  1920    253 

Die  Wandlung  der  Bedeutung  von  Eigennamen  als  Beispiel  fiir  weitere  Verande- 
rungen  in  der  Sprache.  Uber  die  Emanzipation  des  menschlichen  Seelenlebens 
von  den  Worten.  Bildlose  Krafte  im  Seelenleben  des  Menschen  als  Ursache  fiir 
den  Intellektualismus.  Die  Bedeutung  des  Bildhaften  in  der  Zukunft  und  einige 
Gefahren  fur  den  Menschen,  wenn  er  weiterhin  das  Unbildliche  pflegt.  Die 
Bildersprache  des  Traumlebens.  Von  der  Notwendigkeit  des  schdpferischen 
Erfassens  des  Mysteriums  von  Golgatha  und  der  Notwendigkeit  der  Verbild- 
lichung  des  ganzen  Kulturlebens.  Kritische  Bemerkungen  zu  der  aus  der  theo- 
sophischen  Denkweise  hervorgegangenen  Idee  des  «permanenten  Atoms*. 

ANSPRACHE,  Berlin,  17.  September  1920    271 

bei  der  Generalversammlung  des  Berliner  Zweiges 

Kritische  Anmerkungen  zur  Einschatzung  der  Weltlage  seitens  der  Regierung  im 
Jahre  1914  und  zur  Verleumdungskampagne  gegen  die  Anthroposophie.  Uber 
die  Schrift  «Gedanken  wahrend  der  Zeit  des  Krieges».  Einige  Motive,  die  Rudolf 
Steiner  zu  seinem  «Aufruf  an  das  deutsche  Volk  und  die  Kulturwelt»  veranlafi- 
ten.  Uber  die  Entwicklung  der  Dreigliederungsbewegung  und  einige  Mifiver- 
standnisse,  mit  denen  man  ihr  entgegentrat.  Zur  Fortsetzung  der  Arbeit  in 
Berlin. 

SlEBZEHNTERVORTRAG,  Berlin,  18.  September  1920   .  ..  279 

Uber  die  Notwendigkeit  eines  Bewufitseins  von  der  vorgeburtlichen  Existenz 
des  Menschen.  Zum  Begriff  der  Unsterblichkeit  innerhalb  der  Konfessionen. 
Der  Zusammenhang  von  Praexistenz  und  wiederholten  Erdenleben.  Exkurs  iiber 
den  Umgang  mit  der  Idee  der  Wiedergeburt  in  der  Padagogik.  Die  Kenntnis  der 
Vorgeburtlichkeit  als  Ausgangspunkt  fiir  ein  Begreifen  des  Zusammenhanges 
von  Menschenseele  und  Menschenleib.  Zahnwechsel  und  geschlechtliche  Reife. 
Auffassungen  die  Ewigkeit  des  Stofflichen  und  die  der  Seele  betreffend.  Uber  die 
«  Un  geb  orenheit » . 


Hinweise    297 

Textkorrekturen  in  der  2.  Auflage   309 

Personenregister   310 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften   313 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe   315 


ERSTER  VORTRAG 
Dornach,  6.  August  1920 


Ich  habe  auszugehen  von  der  ja  sehr  erfreulichen  Tatsache,  daft  ich  bei 
meiner  Ankunft  hier  eine  groEe  Anzahl  von  Freunden  finden  konnte, 
die  neu  hier  angekommen  sind,  um  sich  zu  informieren  iiber  das,  was 
hier  geschehen  ist  und  was  von  hier  aus  beabsichtigt  wird  in  unserer  an- 
throposophischen  Bewegung.  Ich  begriifie  auf  das  herzlichste  alle  die 
angekommenen  Freunde  und  hoffe,  dafi  sie  allerlei  Anregungen  von 
ihrem  diesmaligen  Aufenthalte  mitnehmen  werden.  Es  ist  ja  unter  den 
Freunden,  die  wir  hier  wieder  sehen  konnen,  eine  Anzahl  solcher,  die 
wir  seit  Jahren  nicht  gesehen  haben.  Und  das  alles,  dafi  wir  seit  Jahren 
manche  Freunde  nicht  sehen  konnten,  das  -  mit  vielem  andern  -  weist 
ja  hin  auf  die  Schwierigkeiten  der  Zeit,  in  der  wir  leben.  Ich  selbst 
komme  zuriick  von  einem  Stuttgarter  Aufenthalte,  der  mit  den  mannig- 
faltigsten,  innerhalb  unserer  anthroposophischen  Bewegung  gelegenen 
Aufgaben  erfiillt  war,  der  in  sich  geschlossen  hat  unter  anderem  auch 
den  Schlufi  des  ersten  Schuljahres  der  in  Stuttgart  gegriindeten  «Wal- 
dorfschule».  Diese  Waldorf schule  gehort  ja  zu  denjenigen  Einrichtun- 
gen,  welche  im  eminentesten  Sinne  aus  unserer  anthroposophischen 
Geistesbewegung  heraus  gedacht  sind.  Und  was  der  Abschlufi  des  ersten 
Schuljahres  gezeigt  hat,  das  ist,  wie  ich  glaube,  auch  dann,  wenn  man 
durchaus  grofie  Anforderungen  stellt,  immerhin  als  etwas  Befriedigen- 
des  zu  bezeichnen.  Ich  darf  das  hier  aussprechen  aus  dem  Grunde,  weil 
man  ja  auch  wohl  solchen  Dingen  gegemiber  objektiv  sein  kann,  auch 
wenn  man  mit  dem  ganzen  Herzen  daran  hangt,  und  auch  dann,  wenn 
man  in  einer  gewissen  Weise  die  Sache  selber  eingerichtet  hat. 

Als  befriedigend  ist  vor  alien  Dingen  mit  Bezug  auf  diese  Waldorf  - 
schule  anzusehen,  dafi  die  Lehrerschaft  es  durchaus  verstanden  hat, 
erstens  sich  vollig,  so  wie  es  gewollt  worden  ist,  auf  anthroposophischen 
Boden  zu  stellen.  Es  sollte  dieses  Sich-auf-anthroposophischen-Boden- 
Stellen  so  sein,  dafi  —  und  aus  den  gegenwartigen  Zeitverhaltnissen  her- 
aus mufite  das  sein  -  die  Waldorfschule  ja  nicht  etwa  eine  Welt- 
anschauungsschule  sein  sollte,  nicht  eine  Schule,  in  der  man  etwa  An- 


throposophie  lehrt.  Das  war  ja  nicht  die  Absicht.  Wir  haben  deshalb 
absichtlich  den  Religionsunterridit  so  eingerichtet,  dafi  diejenigen  Kin- 
der, deren  Eltera  wollten,  dafi  sie  den  evangelischen  Unterricht  be- 
suchen,  von  dem  evangelischen  Pfarrer  unterrichtet  werden  konnten, 
die  katholischen  von  dem  katholischen  Pfarrer  und  nur  fur  diejenigen, 
welche  sich  keiner  der  bestehenden  Konfessionen  zuzahlen  wollten, 
wurde  abgesondert  von  dem  ubrigen  Unterricht  eine  Art  anthropo- 
sophischer  Religionsunterricht  gegeben.  Aber  aufier  dem  war  es  durch- 
aus  nicht  die  Absicht,  eine  Weltanschauungsschule  zu  begriinden,  son- 
dern  es  war  die  Absicht,  was  sich  an  praktischen,  padagogisch-didak- 
tischen  Impulsen  ergeben  kann  aus  unserer  geisteswissenschaftlichen 
Anschauung  und  aus  unserem  geisteswissenschaftlichen  Wollen  heraus, 
dafi  das  einmal  in  Erziehung  und  im  Unterricht  der  Jugend  wirklich 
angewendet  werde.  Also  in  der  Handhabung  des  Unterrichts,  in  der 
Handhabung  des  ganzen  Schulwesens,  nicht  im  Inhalte,  sollte  das  An- 
throposophische  zum  Ausdrucke  kommen  in  der  besonderen  Artung  der 
Padagogik  und  Didaktik  und  der  verschiedenen  Unterrichtsmethoden, 
Allerdings,  wenn  dann  der  Anthroposoph  aus  seinem  anthroposophi- 
schen  Wollen  heraus  den  Unterricht  befruchtet  hat,  dann  zeigt  es  sich 
gerade  bei  dieser  Bef  ruchtung  des  Unterrichtes,  wie  belebend  Anthropo- 
sophie  wirkt,  wenn  sie  eben  wirklich  Tat  wird.  Ich  habe  ja  immer  Ge- 
legenheit  gehabt,  die  Fortschritte  wahrend  des  ersten  Schuljahres  in  der 
Waldorf schule  zu  beobachten;  ich  war  ab  und  zu  immer  wiederum  ein 
oder  zwei  Wochen  da,  konnte  den  Unterricht  kontrollieren,  konnte  auch 
sehen,  wie  die  einzelnen  Klassen  sich  entwickeln.  Ich  konnte  zum  Bei- 
spiel  bemerken,  wie  es  unserem  Freunde  Dr.  Stein  gelungen  war,  den 
Geschichtsunterricht  dadurch  zu  beleben,  dafi  er  anthroposophische  Im- 
pulse in  dasjenige  hineingebracht  hat,  was  eben  schon  Geschichtsunter- 
richt fur  die  alteren  Schuler  ist.  Man  konnte  sehen,  wie  die  Menschen- 
kunde,  der  anthropologische  Unterricht  in  der  fiinften  Volksschulklasse 
befruchtet  wurde  von  Fraulein  Dr.  von  Heydebrand  dadurch,  dafi  sie 
nicht  jene  ode  Menschenkunde  den  Kindern  vorbrachte,  wie  das  ge- 
wohnlich  in  unseren  Schulen  der  Fall  ist,  sondern  dafi  sie  wirklich  diese 
Anthropologic  befruchtete  aus  anthroposophischem  Wollen.  Und  so 
konnte  ich  vieles  im  einzelnen  anfuhren,  aus  dem  Sie  ersehen  wiirden, 


wie,  ohne  dafi  man  auch  nur  im  entferntesten  abstrakt  Anthroposophie 
lehrt,  gerade  die  Methodik,  die  Art  der  Behandlungsweise  von  An- 
throposophie befruchtet  werden  kann  und  wie  gerade  diese  praktische 
Anwendung  anthroposophischen  Wollens  zeigt,  dafi  tatsachlich  An- 
throposophie nicht  eine  abgezogene,  abstrakte  Weltanschauung  bleiben 
mufi,  sondern  dafi  sie  unmittelbar  eingreifen  kann  in  das  menschliche 
Tun,  wenn  es  uns  auch  leider  nur  so  wenig  gestattet  ist,  in  dieses  mensch- 
liche Tun  einzugreifen,  sondern  immer  nur  in  so  eingeschrankten  Ge- 
bieten  und  auch  eigentlich  nur  in  solchen  Gebieten,  wie  es  eben  die  Wal- 
dorfschule  ist.  Und  als  wir  dann  das  erste  Schuljahr  schlossen,  da  trat 
etwas  auf,  was,  ich  mochte  sagen,  zunachst  auf  scheinbar  rein  Aufier- 
liches  deutete,  das  aber  in  Wirklichkeit  auf  etwas  sehr  Innerliches  deutet, 
wie  ich  gleich  ausfiihren  werde:  eine  vollige  Neuerung  trat  auf,  das 
waren  die  Zeugnisse. 

Dieses  Zeugniswesen  ist  ja  wirklich  das  Elendeste  in  unserem  Schul- 
wesen,  dieses  aufierliche  Herumtappen  der  Lehrer,  um  da  die  Note  1,2, 
3,  4,  5  und  so  weiter  in  die  Zeugnisse  hineinzuschreiben,  das  ist  im 
Grunde  genommen  doch  etwas,  was  in  der  fiirchterlichsten  Weise  er- 
totend  auf  das  Schulwesen  wirkt.  Unsere  Zeugnisse  sind  hervorgegangen 
aus  einer  wirklichen  Schulpsychologie,  aus  einer  absoluten  praktischen 
Anwendung  der  menschlichen  Seelenkunde.  Unsere  Lehrer  waren  am 
Ende  des  ersten  Schuljahres  annahernd  so  weit,  dafi  sie  jedem  Kinde 
ein  den  Charakterfahigkeiten  entsprechendes,  die  Aussichten  fur  das 
weitere  Fortschreiten  individuell  bezeichnendes  Zeugnis  geben  konnten. 
Kein  Zeugnis  glich  dem  andern.  Keine  Ziffernote  war  darin,  sondern 
aus  der  individuellen  Erkenntnis  des  Lehrers  heraus  gegeniiber  seinem 
Schuler  wurde  dem  Schiiler  sein  Wesen  charakterisiert.  Und  so  intim 
hatten  sich  bereits  im  Lauf  e  des  ersten  Schuljahres  die  Lehrer  in  die  Seele 
des  Kindes  zu  vertiefen  gesucht,  dafi  sie  jedem  Kinde  auf  dem  Zeugnis 
einen  Geleitspruch  mitgeben  konnten,  angemessen  dem  individuellen 
Charakter  des  einzelnen  Kindes. 

Diese  Zeugnisse  bilden  eine  Neuerung.  Aber  schliefien  Sie  nicht  dar- 
aus,  dafi  man  so  etwas  ohne  weiteres  irgendwo  einfiihren  kann,  dafi 
man  es  ohne  weiteres  irgendwo  nachmachen  kann,  sondern  das  beruht 
tatsachlich  auf  dem  ganzen  Geiste  der  Waldorfschule,  beruht  darauf , 


dalS  in  der  Waldorf schule  im  ersten  Schuljahr  in  der  intensivsten  Weise 
Schulpsychologie  getrieben  worden  ist.  Sorgfaltig  wurde  von  uns  stu- 
diert,  woher  gewisse  intime  Ersdieinungen  in  dem  schnelleren  oder  lang- 
sameren  Vorwartskommen  einer  Klasse  kommen.  Und  man  kam  schon 
im  Laufe  des  ersten  Schuljahres  auf  Dinge,  die  in  gewisser  Beziehung 
iiberraschend  sind.  So  zum  Beispiel  stellte  sich  heraus,  dafi  die  ganze 
Konfiguration  der  Klasse  eine  ganz  bestimmte  ist,  wenn  der  Zahl  nach 
gleichviel  Knaben  und  gleichviel  Madchen  in  der  Klasse  sind.  Ganz 
anders  stellt  sich  die  Konfiguration,  wenn  die  Majoritat  Knaben,  die 
Minoritat  Madchen  sind,  und  umgekehrt  wiederum,  wenn  die  Majoritat 
Madchen,  die  Minoritat  Knaben  sind.  Wir  haben  alle  Beispiele  in  unse- 
ren  Klassen  gehabt.  Diese  Imponderabilien,  die  man  sonst  gar  nicht 
berucksichtigt,  die  sind  in  vieler  Beziehung  das  Wesentliche, 

Wenn  man  gewisse  Dinge  der  Psychologie  ausspricht,  definieren  will, 
dann  sind  sie  im  Grunde  genommen  schon  gar  nicht  mehr  das,  um  was 
es  sich  eigentlich  handelt.  Und  das  ist  gerade  ein  grofier  Unfug  in  unse- 
rer  Zeit,  dafi  man  die  Dinge  zu  sehr  in  strammen  Wortfolgen  zum  Aus- 
druck  bringen  will.  Man  kann  die  Dinge  nicht  ordentlich  studieren, 
wenn  man  sie  in  strammen  Wortfolgen  zum  Ausdruck  bringen  will. 
Man  mufi  sich  nur  bewufit  sein,  dafi  dadurch,  dafi  man  die  Dinge  aus- 
driickt,  sie  eigentlich  immer  nur  annaherungsweise  bezeichnet  werden. 

Allerdings,  wir  sind  ja  immer  in  einer  eigentumlichen  Lage,  wenn  wir 
von  den  Ergebnissen  unserer  anthroposophisch  orientierten  geistes- 
wissenschaftlichen  Bewegung  reden.  Diese  Waldorf  schule,  deren  Lehrer- 
schaft  sich  im  eminentesten  Sinne  bewahrt  hat,  konnte  sich  ja  nur  da- 
durch bewahren,  dafi  wirklich  zunachst  die  tiichtigsten,  fiir  die  Pad- 
agogik  geeignetsten  Menschen  zusammengezogen  worden  sind.  Man 
stoik  ja  heute  leider,  wenn  man  irgend  etwas  praktisch  durchfuhren 
will,  immer  viel  mehr  als  irgend  jemand  denkt,  auf  das  eine  grofie  Hin- 
dernis,  das  ich  nur  so  bezeichnen  kann:  die  Welt  ist  heute  arm  an  solchen 
Menschen,  die  fiir  irgendwelche  wirklichen  Lebensaufgaben  geeignet 
sind,  und  die  Schwierigkeit  wiirde  wesentlich  grofier,  wenn  eine  zweite 
Waldorfschule  gegrundet  werden  sollte.  Da  wiirde  die  Frage  nach  den 
geeigneten,  wirklich  tiichtigen  Personlichkeiten,  die  so  aus  dem  Geiste 
anthroposophisch  orientierter  Geisteswissenschaft  heraus  wirken  konn- 


ten,  schon  wesentlich  schwieriger  werden,  weil  man  zu  der  einen  [Schule] 
selbstverstandlich  alle  diejenigen,  die  wirklich  ernsthaft  inBetracht  kom- 
men,  zusammenziehen  mufite.  Dennoch,  es  ist  einmal  auf  einem  be- 
stimmtenGebiete  ganz  zweif  ellos  etwas  erreicht  worden.  Aber  ich  mochte 
sagen,  man  sieht  da  eine  Insel.  Auf  dieser  Insel  spielte  sich  ab  im  Laufe 
des  ersten  Schuljahres  ein  wirklich  aus  den  Fundamenten  der  Anthropo- 
sophie  herausgeholtes  Unterrichts-Geisteswesen.  Aber  diese  Insel  hat 
Ufer,  ist  aufierlich  begrenzt,  und  aufierhalb  dieser  Ufer,  da  Hegt  die 
Finanzierung  der  Schule,  da  liegen  die  wirtschaftlichen  Verhaltnisse  der 
Schule,  die  selbstverstandlich  drinnenstehen  in  dem  niedergehenden 
wirtschaftlich-staatlichen  Leben  der  Gegenwart.  Und  da  beginnt  bereits 
etwas,  von  dem  man  sagen  mufi:  da  sind  die  Aussichten  nicht  so,  wie 
sie  sein  sollten,  deshalb  sein  sollten,  weil  man  doch  solch  einer  Sache  Ver- 
standnis  entgegenbringen  sollte.  Aber  steht  man  eigentlich  dem,  was 
schliefilich  die  Waldorfschule  aus  dem  Geiste  heraus  geleistet  hat,  in 
gewissem  Grade  verstandnisvoll  gegeniiber?  Zunachst  ist  von  unserem 
Freunde  Molt  die  Waldorfschule  begriindet  worden,  um  den  Waldorf- 
Kindern,  den  Kindern  der  Waldorf-Astoria -Fabrik,  Unterricht  zu 
geben.  Nun  waren  schon  im  ersten  Jahre  viele  fremde  Kinder,  die  nicht 
der  Waldorf -Astoria -Fabrik  angehorten,  in  dieser  Schule;  so  um  zwei- 
hundertachtzig  werden  es  gewesen  sein.  Jetzt  sind  bereits  viele  neue 
angemeldet;  naturlich  aus  der  Waldorf -Astoria -Fabrik  nicht  mehr  als 
schon  waren,  hochstens  diejenigen,  die  in  dem  entsprechenden  Jahre  ge- 
boren  worden  sind,  und  das  sind  nicht  viele,  also  nur  der  Nachwuchs. 
Aber  wenn  alles  wirklich  gut  geht,  das  heifit,  wenn  aufier  den  andern 
audi  die  wirtschaftlichen  Verhaltnisse  geordnet  werden  konnen,  dann 
werden  wir  nach  den  jetzigen  Anmeldungen  schon  iiber  vierhundert 
Kinder  in  der  Waldorfschule  haben.  Dazu  mu£  gebaut  werden,  dazu 
miissen  neue  Lehrer  angestellt  werden,  es  miissen  Parallelklassen  be- 
griindet werden.  All  das  mufi  geschehen,  und  es  wird  in  gewissem  Sinne 
eine  Art  von  Kreuzprobe  sein,  ob  das  finanzielle  Verstandnis  der  Men- 
schen  nachkommen  wird  jenem  Verstandnisse,  das  immerhin  schon  da- 
durch  bekundet  worden  ist,  dafi  uns  so  viele  Menschen  von  aufien  her 
ihre  Kinder  bringen.  Ich  darf  wohl  betonen,  dafi  es  mir  immerhin  nied- 
lich  vorkam,  als  auf  dem  Korridor  mir  eine  Mutter  eines  in  der  Wal- 


dorfschule  vorhandenen  Kindes  vorgestellt  wurde  als  die  Frau  Minister 
Soundso.  Also  immerhin  audi  diejenigen,  die  mit  dem  gegenwartigen 
Staatswesen  so  liiert  sind,  und  ahnliche  andere  Leute,  bringen  uns  ihre 
Kinder  in  die  Waldorfschule. 

Die  Dinge  sollte  man  eigentlich  auch  in  sozialer  Beziehung  einmal 
eingehender  studieren.  Man  wiirde  vielleicht  gerade  an  solchen  Erschei- 
nungen,  wie  die  Waldorfschule  eine  ist,  merken  konnen,  was  wirklich 
unserer  Zeit  not  tut. 

Das,  was  sich  so  handgreiflich  in  der  Waldorfschule  geltend  machte, 
das  war  das  Auftreten  einer  gewissen  Oberflachlichkeit,  die  ja,  wie  ich 
oftmals  hier  ausgefiihrt  habe,  ein  Charakteristikum  gerade  unserer  Zeit 
ist.  Auch  an  die  Leitung  der  Waldorfschule  ist  es  selbstverstandlich  her- 
angetreten,  dafi  da  oder  dort  sich  Leute  fanden,  die  nun  einmal  ein 
bifichen  hospitieren  wollten,  das  heifit,  etwas  hineinriechen  wollten  in 
die  Waldorfschule.  Aber  da  kann  man  nicht  viel  sehen,  denn  auf  die 
Einzeiheiten  kommt  es  dabei  nicht  an,  sondern  es  kommt  auf  de*n  gan- 
zen  Geist  an,  der  in  der  Waldorfschule  waltet,  und  der  ist  einfach  der 
anthroposophische.  Und  statt  dafi  die  Leute,  denen  es  zu  langweilig  ist, 
sich  mit  anthroposophischen  Buchern  zu  befassen,  hineingehen  und  sich 
einmal  ansehen  wollen,  wie  es  in  der  Waldorfschule  zugeht,  sollten  sie 
lieber  sich  in  Anthroposophie  vertiefen.  Denn  das,  was  der  Waldorf- 
schule den  Geist  gibt,  die  eigentliche  Grundlage,  das  kann  man  lediglich 
an  dem  sehen,  was  an  spirituellen  Impulsen  dem  anthroposophischen 
Geistesleben  zugrunde  liegt.  Dieses  anthroposophische  Geistesleben  ist  ja 
heute,  wie  ich  fur  diejenigen,  die  langer  hier  sitzen,  oftmals  ausgefiihrt 
habe,  eben  nicht  nur  etwas,  was  sich  an  den  einzelnen  wendet,  wenn  er 
aus  den  Lebensnoten  und  aus  den  Seelennoten  heraus  den  Aufblick  zu 
den  geistigen  Kraften  der  Welt  sucht,  sondern  diese  Geisteswissenschaft 
ist  etwas,  was  heute  zu  der  Not  unserer  Zeit,  zu  dem  ganzen  Niedergang 
unserer  Zeit  sprechen  mufi.  Da  steht  dann  allerdings  dem  Verstandnis 
dessen,  was  Geisteswissenschaft  zu  sprechen  hat,  die  besondere  Art  des 
Verstandnisses  entgegen,  die  ein  heutiger  Mensch  durchschnittlich  allem 
entgegenbringen  kann,  was  vor  ihm  in  geistiger  Beziehung  auf  tritt.  Es 
ist  ja  vielfach  notwendig,  dafi,  wenn  geisteswissenschaftlich  gesprochen 
wird,  im  Grunde  genommen  in  einer  ganz  andern  Sprache  gesprochen 


werden  mufi  als  sonst.  Man  mochte  sagen:  Durdi  die  Geisteswissenschaft 
erhalten  die  Worte  in  einer  gewissen  Beziehung  eine  neue  Bedeutung. 

Das  zu  fiihlen,  das  zu  empfinden,  das  ist  durchaus  notwendig.  Und 
ich  mochte  Ihnen  heute  einiges  von  dem  zeigen,  welches  Ihnen  ersichtlich 
machen  kann,  wie  notwendig  es  ist,  nicht  nur  in  alten  Worten  eine  etwas 
andere  Weltanschauung  horen  zu  wollen,  sondern  mit  dem  Empfinden 
die  Worte  anders  aufnehmen  zu  lernen. 

Gehen  wir  von  einem  bestimmten  Falle  aus.  Wenn  heute  geredet  wird 
iiber  irgendeine  Weltanschauung,  so  bezeichnet  man  sie  mit  einem  ab- 
strakten  Namen:  Materialismus,  Idealismus,  Realismus,  Spiritualismus 
und  so  weiter,  und  man  ist  einfach  der  Anschauung,  daft  man  sagen 
kann:  das  eine  oder  das  andere  ist  richtig  oder  unrichtig.  Sagen  wir,  es 
ist  heute  einer  Spiritualist.  Ein  Materialist  kommt  zu  ihm  und  setzt  ihm 
auseinander,  wie  er  denkt,  wie  er  zum  Beispiel  sich  vorstellt,  dafi  des 
Menschen  Gedanken  und  Empfindungen  ein  Produkt  des  Gehirns  sind. 
Dann  wird  der  Spiritualist  sagen:  Du  denkst  unrichtig,  ich  werde  dich 
logisch  widerlegen,  oder  er  wird  sagen:  Ich  werde  dich  aus  den  Tat- 
sachen  heraus  widerlegen.  -  Kurz,  dasjenige,  was  in  Frage  kommt, 
wenn  Menschen  heute  iiber  Weltanschauungsfragen  reden,  das  ist,  dafi 
sie  das  eine  als  richtig,  das  andere  als  unrichtig  bezeichnen,  dafi  also 
etwa  der  Spiritualist  den  Materialisten  widerlegen  will,  das  heifit,  ihm 
beweisen  will,  dafi  er  unrecht  hat  und  dafi  es  gut  ist,  wenn  er  die  richtige 
Anschauung  bekommt,  so  wie  sie  der  Spiritualist  zu  haben  vermeint. 

In  einer  blofi  solchen  Lage  ist  Geisteswissenschaft  nicht.  Geistes- 
wissenschaft will  nicht  nur  zu  einer  andern  logischen  Erkenntnis  fuhren 
als  andere  Weltanschauungen,  Geisteswissenschaft  mufi  werden,  wenn 
sie  ihre  Aufgabe  erfiillt,  Taterkenntnis.  Die  Erkenntnis  mufi  in  ihr  zur 
Tat  werden,  zur  Tat  im  ganzen  kosmischen  Weltzusammenhange.  Ich 
will  Ihnen  das  an  bestimmten  Beispielen  darlegen.  Wenn  die  Menschen, 
die  heute  die  Welt  naiv,  aber  mit  ein  wenig  materialistischer  Empfin- 
dung  betrachten,  die  Augen,  die  Ohren  nach  aufien  wenden,  Tone  horen, 
Farben  wahrnehmen,  Warmeempfindungen  haben  und  dergleichen, 
dann  sehen  sie  die  aufiere  Sinneswelt.  Werden  sie  dann  Wissenschafter 
oder  nehmen  sie  auch  nur  in  popularer  Weise  in  sich  auf,  was  Wissen- 
schaft  sein  will,  dann  werden  sie  sich  gewisse  Vorstellungen,  gewisse 


Begriffe  ausbilden  oder  auch  einfach  nur  aufnehmen,  die  durdi  die 
Kombination  dieser  in  der  Aufienwelt  gesehenen  Farbenelemente,  Ton- 
elemente,  Warmeelemente  und  so  weiter  entstanden  sind.  Es  gibt  ja 
Leute,  die  sagen,  dafi  alles,  was  man  zunachst  sieht,  aufiere  Erscheinung 
ist.  Aber  diese  Anschauung,  dafi  alles  aufiere  Erscheinung  ist,  nehmen 
die  Menschen  nidit  tief  genug.  Sie  sehen  zum  Beispiel  den  Regenbogen. 
Allerdings,  wenn  sie  den  Regenbogen  betrachten,  sind  sie  schon  durch 
das,  was  sie  nun  einmal  schulmafiig  gelernt  haben,  davon  iiberzeugt, 
dafi  der  Regenbogen  nur  eine  Erscheinung  ist,  dafi  man  zum  Beispiel 
nicht  dahin  gehen  kann,  wo  der  Regenbogen  ist  und  hubsch  das  eine 
Bein  zunachst  auf  die  Briicke  setzen  und  so  iiber  den  Regenbogen  als 
einen  festen  Gegenstand  hinwegmarschieren  kann.  Die  Menschen  sind 
iiberzeugt,  dafi  sie  das  nicht  konnen,  dafi  der  Regenbogen  nur  eine  Er- 
scheinung, ein  Phanomen  ist,  das  aufsteigt  und  das  wiederum  abflutet. 
Aber  nur  so  lange  sind  sie  davon  iiberzeugt,  dafi  sie  es  da  draufien  in 
der  Aufienwelt  mit  Erscheinungen  zu  tun  haben,  solange  sie  mit  dieser 
Aufienwelt  nicht  durch  ihren  Tastsinn,  durch  ihren  Gefiihlssinn  in  Be- 
riihrung  kommen.  Sobald  sie  etwas  in  der  Aufienwelt  greifen  konnen, 
dann  ist  es  ihrer  Empfindung  gemafi  nicht  mehr  in  demselben  Grade 
eine  Erscheinung,  wenn  auch  die  neuere  Philosophic  das  vielfach  be- 
hauptet  hat,  aber  es  ist  nicht  fur  die  Menschen  der  Empfindung  gemafi 
eine  Erscheinung.  Mindestens  gelten  gefuhlsmafiig  die  Eindriicke  des 
Tastsinnes  zum  Beispiel  als  etwas,  was  eine  andere  aufiere  Wirklichkeit 
verbiirgt  als  zum  Beispiel  die  Erscheinungswirklichkeiten  des  Regen- 
bogens. 

Und  dennoch,  alles,  was  wir  mit  den  aufieren  Sinnen  wahrnehmen, 
enthalt  nur  Erscheinungswelt,  modifiziert  vielleicht  gegeniiber  den  Er- 
scheinungen des  Regenbogens,  aber  doch  nur  Erscheinungswelt.  Wie  weit 
wir  auch  den  Blick  richten,  wie  weit  wir  auch  horen,  was  wir  auch  horen 
konnen,  was  wir  auch  sonst  wahrnehmen  konnen,  in  der  Aufienwelt 
haben  wir  es  iiberall  mit  Erscheinungen  zu  tun,  mit  Phanomenen.  Das 
habe  ich  ja  schon  in  meiner  Einleitung  zum  dritten  Bande  von  Goethes 
naturwissenschaftlichen  Schriften  darzustellen  versucht.  In  der  Aufien- 
welt  haben  wir  es  mit  einem  Gewebe  von  Erscheinungen  zu  tun.  Und 
wer  es  versucht,  sei  es  durch  das  Experiment,  sei  es  durch  irgendwelche 


Kombinationen  verstandesmafiiger  Art,  da  drauften  im  Reiche  der  Er- 
scheinungen  etwas  von  Materie  zu  finden,  so  wie  man  sich  Materie  vor- 
stellt,  der  ist  auf  dem  Holzwege.  Es  gibt  da  draufien  nichts,  was  man  als 
Materie  auf  finden  konnte.  Da  hat  man  es  mit  Erscheinungswelt  zu  tun. 

Das  ist  etwas,  was  ja,  wenn  ich  den  Ausdruck  gebrauchen  darf,  aus 
dem  ganzen  Geiste  der  Geisteswissenschaft  hervorgeht.  Man  hat  es  da 
draufien  mit  Erscheinungswelt  zu  tun.  Nun  wird  derjenige,  der  heute 
auf  dem  Boden  einer  gelaufigen  Weltanschauung  steht,  kommen  und 
sagen:  Also  ist  es  unrichtig,  dafi  man  die  Materie  draufien  im  Reiche  der 
Erscheinungen  suchen  sollte.  -  Diese  Redeweise  kann  Anthroposophie 
nicht  teilen.  Sie  mufi  anders  sagen.  Sie  mufi  sagen:  Der  Mensch  kann 
durch  das  ganze  Gefiige  seines  Geistes  dazu  kommen,  in  dem  Gewebe, 
in  dem  Wogen  der  Phanomene,  der  Erscheinungen  Materie  suchen  zu 
wollen,  da  draufien  irgend  etwas  suchen  zu  wollen  von  Atomen,  Mole- 
kiilen  und  so  welter,  welche  Ruhepunkte  sind  in  der  Erscheinung.  Die 
einen  stellen  sie  wie  kleine  Schrotkorner  vor,  wenn  auch  nur  ganz 
kleine,  die  andern  stellen  sie  vor  wie  Kraftpunkte  und  sind  sehr  stolz 
darauf,  sie  so  vorzustellen,  wieder  andere  stellen  sie  vor  als  mathe- 
matische  Fiktionen  und  sind  noch  stolzer  darauf.  Darauf  kommt  es 
nicht  an,  ob  man  sie  sich  als  kleine  Schrotkorner  oder  als  Kraftpunkte 
oder  als  mathematische  Fiktionen  denkt,  es  kommt  darauf  an,  ob  man 
sich  die  Aufienwelt  atomistisch  denkt.  Darauf  kommt  es  an.  Es  ist  aber 
fur  den  Geisteswissenschafter  nicht  blofi  unrichtig,  atomistisch  zu  den- 
ken.  Ein  solcher  Begriff  von  richtig  und  unrichtig  ist  logisch,  ist  abstrakt, 
und  Geisteswissenschaft  hat  es  mit  Realitaten  zu  tun.  Ich  bitte  Sie,  das 
sehr  ernst  aufzufassen,  wenn  ich  sage:  Geisteswissenschaft  hat  es  mit 
Realitaten  zu  tun.  -  Daher  miissen  gewisse  Begriffe,  die  fur  die  gewohn- 
liche,  heute  so  abstrakt  gewordene  Weltanschauung  blofie  logische  Kate- 
gorien  sind,  durch  Reales  ersetzt  werden.  Daher  sprechen  wir  in  der 
Geisteswissenschaft  nicht  blofi  da  von,  dafi  derjenige  etwas  Unrichtiges 
denkt,  der  in  der  Auftenwelt  Atome  und  Molekiile  sucht,  sondern  wir 
miissen  das  Denken,  das  so  vorgeht,  als  ein  ungesundes,  als  ein  krankes 
Denken  auffassen.  Den  blofi  logischen  Begriff  des  Unrichtigen  miissen 
wir  ersetzen  durch  den  realen  Begriff  des  Kranken,  des  Ungesunden. 
Und  wir  miissen  hindeuten  auf  eine  ganz  bestimmte  Seelenerkrankung 


-  wenn  sie  audi  nodi  so  viele  Menschen  er  griff  en  hat  -,  die  sich  dadurch 
ausspricht,  dafi  man  atomistisch  denkt.  Und  diese  Seelenverfassung  ist 
diejenige  des  Schwachsinns.  Es  ist  fur  uns  nicht  blofi  logiscli  unrichtig, 
atomistisch  zu  denken,  es  ist  der  Ausdruck  eines  schwachsinnigen  Geistes, 
blofi  atomistisch  zu  denken,  das  heifit,  in  der  Aufienwelt  etwas  anderes 
zu  suchen  als  dasjenige,  was  Phanomene  sind,  was  schliefilich  gleich- 
wertig  ist  mit  der  Erscheinung  des  Regenbogens.  Man  hat  es  verhaltnis- 
mafiig  leicht  in  andern  Weltanschauungen,  die  Dinge  zurechtzuriicken: 
man  widerlegt.  Man  glaubt,  etwas  getan  zu  haben,  wenn  man  widerlegt 
hat.  Geisteswissenschaftlich  ist  damit  nicht  alles  getan,  wenn  man  wider- 
legt hat,  sondern  da  kommt  es  darauf  an,  dafi  man  auf  das  gesunde  und 
kranke  Seelenleben  hinweist,  auf  reale  Prozesse,  die  sich  im  ganzen 
Menschen,  im  Korperlichen,  Seelischen  und  Geistigen  darleben.  Und 
atomistisch  denken,  ist  krank  denken,  ist  nicht  blofi  unrichtig  denken. 
Es  ist  ein  realer  ungesunder  Prozefi,  der  sich  abspielt  im  menschlichen 
Organismus,  wenn  wir  atomistisch  denken.  Das  ist  das  eine,  woriiber 
wir  uns  klar  werden  miissen  beziiglich  der  Phanomene  der  Auftenwelt, 
beziiglich  des  Erscheinungscharakters  der  Aufienwelt. 

Audi  in  bezug  auf  unser  Inneres  miissen  wir  uns  klar  werden.  Viele 
Menschen  suchen  das  Geistige  im  Innern.  Zunachst  findet  man  das  Gei- 
stige  im  menschlichen  Inneren  nicht.  Die  wirklich  objektive  Betrachtung 
jeder  abstrakten  Mystik  zeigt  das.  Was  man  manchmal  Mystik  nennt, 
ja  vielleicht  nicht  manchmal,  sondern  was  man  in  unserer  Zeit  sehr 
haufig  Mystik  nennt,  besteht  darin,  da£  man  in  sein  Inneres  hinein- 
briitet,  dafi  man,  wie  man  sagt,  Selbsterkenntnis  durch  dieses4n-sein- 
Inneres-Hineinbriiten  sucht.  Was  findet  man,  wenn  man  solche  einseitige 
Mystik  treibt?  Gewifi,  man  findet  interessante  Dinge.  Aber  wenn  man 
in  den  Menschen  hineinschaut  und  einem  da  jene  innerlich  so  wohlgef  al- 
ligen  Erlebnisse  aufsteigen,  die  man  als  mystischen  Inhalt  bezeichnet, 
was  sind  sie  eigentlich?  Nun,  das  sind  gerade  die  Dinge,  welche  uns 
auf  das  materielle  Dasein  hinweisen.  Materie  finden  wir  nicht  in  der 
Aufienwelt,  wo  die  Erscheinungen  der  Sinne  sind,  Materie  finden  wir 
in  unserem  Inneren.  Wir  sind  jetzt  so  weit,  dafi  wir  diese  Dinge  in  der 
richtigen  Weise  charakterisieren  konnen.  Da  brodelt  und  kocht  im 
menschlichen  Inneren  der  Stoffwechsel  im  weitesten  Umfange;  und  die 


Flamme,  die  der  Stoffwechsel  schafft,  wenn  sie  ins  Bewufitsein  herauf- 
schlagt,  das  ist  die  einseitige  Mystik,  von  der  viele  glauben,  dafi  es  der 
Geist  ist,  den  man  im  Inneren  finden  kann.  Es  ist  nicht  der  Geist,  es 
sind  die  Flammen  des  Stoff wechsels  im  Inneren  des  Menschen,  Nicht  in 
der  Aufienwelt  finden  wir  die  Materie,  in  uns  selbst  finden  wir  sie,  und 
gerade  durch  einseitige  Mystik  finden  wir  sie.  Daher  tauschen  sich  viele, 
die  nicht  materialistisch  sein  mochten  und  die  aber  dieses  Nicht-mate- 
rialistisch-sein-Wollen  begleiten  mit  den  Worten,  die  sie  etwa  so  aus- 
sprechen:  Da  draufien  ist  die  niedere  Materie;  iiber  die  erhebe  ich  mich 
und  wende  mich  dem  eigenen  Inneren  zu,  da  finde  ich  den  Geist.  - 
Nichts  vom  Geiste  zunachst  ist  weder  draufien  noch  innen.  Draufien 
sind  die  Erscheinungen,  die  ineinanderwebenden  Erscheinungen,  und 
in  unserem  Inneren  ist  die  Materie,  da  ist  das  Kochen  und  Brodeln  der 
Materie.  Und  dieses  Kochen  und  Brodeln  der  Materie  lafit  die  Flammen 
aufflackern,  die  ins  BewuJRtsein  hereinschlagen  und  die  Mystik  bilden. 
Mystik  ist  die  innerlich  wahrgenommene  Korpermaterie  des  Stoffwech- 
sels.  Und  diese  Mystik  ist  wiederum  nicht  etwas,  was  man  logisch  wider- 
legen  kann,  sondern  was  man  zuriickfiihren  mufi  auf  reale  Prozesse, 
wenn  der  Mensch  sich  dem  Stoffwechsel  in  einseitiger  Weise  hingibt.  So 
wie  der  Glaube,  dafi  man  in  der  aufieren  Welt  etwas  von  Materie  finden 
kann,  auf  Schwachsinn  hinweist,  also  auf  eine  reale  Erkrankung  des 
Geistig-Seelisch-Korperlichen  des  Menschen,  so  weist  auf  eine  korper- 
liche  Ungesundheit  das  einseitige  Weben  in  der  Mystik  hin.  Es  weist  hin 
auf  etwas,  das  sich  ja  ein  bifichen  beleidigend  ausnimmt,  wenn  man  es 
so  einf  ach  ausspricht.  Aber  es  mufi  da  ein  Ausdruck  angewendet  werden, 
der  gewissermafien  von  jenseits  des  Hikers  der  Schwelle  gesprochen 
ist,  und  dann  heifit  der  Ausdruck  «Kindsk6pfigkeit».  So  wie  man 
schwachsinnig  wird  durch  atomistisches  Denken  iiber  die  Aufienwelt, 
so  wird  man  kindskopfig,  wenn  man  sich  einer  Mystik  hingibt,  die  den 
Geist  in  dem  Brodeln  des  inneren  Stoif  wechsels  spiiren  will. 

Kindskopfigkeit  hat  natiirlich  audi  eine  gute  Seite,  denn  wenn  wir 
das  Kind  betrachten,  so  ist  in  dem  Kinde  sehr  viel  Geist,  und  Genialitat 
besteht  vielfach  darin,  dafi  sich  der  Mensch  bis  ins  spatere  Alter  den 
kindlichen  Geist  bewahrt.  Und  wenn  wir  von  jenseits  der  Schwelle  die 
Welt  betrachten,  so  sehen  wir,  wie  der  Geist  es  ist,  der  im  Kinde  zum 


Beispiel  das  Gehirn  formt,  jener  Geist,  der  schon  herauskommt  aus  der 
geistigen  Welt,  wenn  wir  durch  die  Konzeption  oder  Geburt  in  die 
physische  Welt  einziehen.  Dieser  Geist,  der  da  aus  der  geistigen  Welt 
herauskommt,  der  ist  im  Kinde  am  meisten  tatig,  verliert  sich  spater. 
Und  da  ist  dann  kindskopfig  nicht  etwa  ein  Schimpfwort,  sondern  da 
bedeutet  es  nur,  dafi  es  eben  der  Geist  ist,  der  aus  einem  fast  chaotischen 
Klumpen  heraus  das  Gehirn  formt,  der  heruntergestiegen  ist  durch  die 
Tat  des  Geistes  aus  der  geistigen  Welt  in  die  physische  Welt.  Aber  wenn 
dieser  Geist,  der  eigentlich  das  Gehirn  des  Kindes  formen  soli,  spater 
nicht  so  wirkt,  dafi  er  sich  hineinergiefit  in  die  Logizitat,  in  die  Erfah- 
rung,  in  die  Erlebnisse,  sondern  wenn  er  dann  einseitig  wirkt  und  die 
einzelnen  materiellen  Erlebnisse  ausschliefit,  wenn  er  so  weiter  wirken 
will,  wie  er  in  den  ersten  sieben  Lebensjahren  gewirkt  hat,  dann  wird 
man  statt  genial  kindskopfig.  Und  Kindskopfigkeit  ist  ein  Charakte- 
ristikum  einer  grofien  Anzahl  von  oftmals  sehr  hochmii  tigen  Mystikern. 
Sie  wollen  weben  und  leben  in  dem  Geist,  der  eigentlich  im  kindlichen 
Organismus  tatig  sein  sollte,  der  ihnen  aber  verblieben  ist,  und  den  sie 
nun  im  Bewufitsein,  indem  sie  sich  selber  aufierordentlich  viel  darauf 
zugute  tun,  anstaunen,  und  wahrend  sie  die  blofie  Materie  des  Stoff- 
wechsels  wahrnehmen,  glauben  sie,  eine  hohere  Geistigkeit  in  ihrer  ein- 
seitigen  abstrakten  Mystik  wahrzunehmen. 

Wiederum  wollen  wir  nicht  blofi  den  einseitigen  Mystiker  wider- 
legen,  wenn  wir  wirklich  auf  dem  Boden  einer  anthroposophisch  orien- 
tierten  Geisteswissenschaft  stehen,  sondern  wir  miissen  zeigen,  dafi  es 
auf  einer  kranken  Konstitution  des  Geistes,  der  Seele,  des  Leibes  beruht, 
wenn  der  Mensch,  einseitig  in  sein  Inneres  hineinbriitend,  den  Geist 
finden  will. 

Ich  habe  Ihnen  diese  beiden  Beispiele,  die  Ihnen  ja  hinlanglich  aus 
der  anthroposophischen  Literatur  bekannt  sind,  hier  von  einem  ge- 
wissen  Gesichtspunkte  angefiihrt,  um  Ihnen  zu  zeigen,  wie  die  Dinge 
ernst  werden,  wenn  man  aus  dem  gewohnlichen  heutigen  Geistesleben 
hineintaucht  in  das  anthroposophische.  Da  hat  man  es  nicht  zu  tun  mit 
etwas  so  Leichtwiegendem  wie  «falsch»  oder  «richtig»,  sondern  um 
«gesund»  oder  «krank»  in  den  organischenFunktionen.So  mufi  man  auf 
einer  hoheren  Stufe  das,  was  nach  einer  gewissen  Richtung  hin  geht,  als 


gesund,  oder  das,  was  nach  einer  andern  Riditung  geht,  als  krank  be- 
zeichnen.  Und  ich  mochte,  dafi  Sie  aus  diesen  Andeutungen  verstehen, 
wie  Geisteswissensdiaft  Taterkenntnis  ist,  wie  sie  nidit  stehenbleiben 
kann  bei  dem  Charakter  der  gewohnlichen  Erkenntnis,  sondern  wie  si& 
wird  dasjenige,  was  Realitat  ist.  Der  Erkenntnisprozefi,  insofern  er  sich 
in  der  Geisteswissensdiaft  ausspricht,  ist  etwas,  was  real  sich  vollzieht 
im  menschlichen  Organismus. 

In  einer  ahnlichen  Weise  mufi  charakterisiert  werden  dasjenige,  was 
auf  dem  Gebiete  des  Willens  lebt.  Wenn  wir  vom  Gebiete  des  Willens 
sprechen  in  unserem  Zeitalter,  das  diesen  grandiosen  Niedergang  ent- 
halt,  iiber  den  wir  oftmals  gesproclien  haben,  wenn  wir  von  dem  spre- 
chen, was  sich  als  menschliche  Willensimpulse  ausbildet,  und  vom 
Charakter  dieser  Willensimpulse,  dann  sagen  wir:  Der  Mensch  ist  gut 
oder  bose.  -  Und  es  sind  uns  wiederum  gut  und  bose  sittliche  Kate- 
gorien,  die  selbstverstandlich  ebenso  notwendig  sind  wie  die  logischen 
Kategorien.  Aber  fur  dasjenige,  was  als  Impulse  aus  der  Geisteswissen- 
sdiaft herausfliefit,  handelt  es  sich  nicht  allein  um  das,  was  man  meint, 
wenn  man  irgendeine  Handlung  des  Menschen  als  gut,  eine  andere  als 
bose  bezeichnet.  Da  handelt  es  sich  darum,  dafi  man  -  selbst  im  kar- 
mischen  Zusammenhange  -,  wenn  man  eine  Handlung  als  gut  bezeich- 
net, sagen  will:  Der  Mensch  mufi  das  Gute  mit  dem  Bosen  in  irgendeiner 
Weise  ausgleichen.  Man  meint  etwas,  was  zur  sittlichen  Beurteilung  des 
Menschen  gehort.  In  dem  Augenblicke,  wo  wir  in  die  Gebiete  hinein- 
steigen,  welche  die  geisteswissenschaftlichen  sind,  handelt  es  sich  um 
mehr,  da  handelt  es  sich  darum,  dafi  es  eine  gewisse  Art  und  Weise  des 
Denkens,  Fuhlens  und  Wollens  fur  die  Menschen  gibt,  die  zum  Aufstieg 
fiihrt,  die  zu  einer  fruchtbaren  Entwickelung  fiihrt,  zu  einem  Vorwarts- 
kommen  in  der  Entwickelung.  Auf  der  einen  Seite  haben  wir  das  ab- 
strakte  Gute,  das  sittlich-abstrakte,  aufierordentlich  wertvolle,  aber 
eben  sittlich-abstrakte  Gute;  wenn  es  sich  aber  um  die  Impulse  der 
Geisteswissensdiaft  handelt,  hat  der  Mensch  nicht  nur  das  Gute  zu  tun, 
oder  wird  der  Mensch  nicht  nur  das  Gute  tun,  das  ihn  als  einen  sittlich 
guten  Menschen  erscheinen  lafit,  sondern  er  kann  dasjenige  tun  oder 
denken  oder  flihlen,  was  die  Welt  in  ihrer  Entwickelung  blofi  in  der 
aufieren  Sinneswelt  weiterbringt,  oder  er  kann  etwas  tun,  was  nicht 


blofi  bose  ist  und  zur  sittlichen  Beurteilung  beitragt,  sondern  was  auf 
die  Weltenkrafte  zerstorerisch  wirkt.  Das  sollte  schon  in  der  «Pforte  der 
Einweihung»  angedeutet  werden,  da  wo  Strader  imd  Capesius  sprechen 
und  darauf  hingedeutet  wird:  Was  hier  in  der  sinnlichen  Welt  getan 
wird,  was  bier  der  sittlicben  Beurteihmg  von  Gut  und  Bose  unterliegt, 
das  sind  hinter  den  Kulissen  des  Daseins  Erscheinungen,  die  vorwarts- 
wirkend-aufbauend  oder  niedergehend-zerstorend  sind.  Versuchen  Sie 
nur  zu  fiihlen  diese  ganze  Szene,  wo  es  blitzt  und  donnert,  wo  es  in 
der  Seelenwelt  in  einer  sehr  realen  Weise  hergeht,  wahrend  Capesius 
und  Strader  dieses  oder  jenes  besprecben,  versuchen  Sie  diese  Szene 
nachzufiihlen,  dann  werden  Sie  sehen,  wie  sich  da  zur  Realitat  steigert, 
was  wir  als  die  sittlicbe  Welt  hier  auf  dem  physischen  Plane  erleben. 

Das  alles  soil  Ihnen  zeigen,  wie  es  beginnt,  mit  der  Welt  ernst  zu  wer- 
den in  dem  Augenblicke,  wo  man  von  der  blofien  heute  gewohnten 
Beurteilung  nach  logischen  oder  nach  blofi  aufierlich-menschlichen  Kate- 
gorien  zu  den  Realitaten  auf  steigt,  die  uns  entgegentreten,  wenn  wir  die 
Welt  geisteswissenschafllich  betrachten.  Die  Dinge  werden  ernst,  aber 
sie  miissen  heute  ausgesprochen  werden,  denn  die  Welt  fordert  heute 
ein  neues  Geistesleben.  Heute  gehen  die  Dinge  in  der  Welt  vor,  die  ein 
jeder  sieht,  die  aber  niemand  eigentlich  in  ihrer  realen  Bedeutung  ver- 
stehen  will,  weil  man  den  Schritt  nicht  machen  kann  von  der  aufierlichen 
Abstraktheit  zur  Realitat.  Ich  will  Sie  auf  noch  andere  Beispiele  hin- 
weisen. 

Sie  erleben  es  heute,  dafi  Sie  hineinwachsen  in  eine  Welt,  in  der  es 
unter  vielem  andern,  auf  sozialem  Felde  zum  Beispiel,  Parteien  gibt, 
liberale,  konservative  und  alle  moglichen  andern  Parteien.  Die  Men- 
schen  schlafen  gegeniiber  dem,  was  diese  Parteien  sind.  Wenn  sie  Wahl- 
zettel  erhalten,  so  bekennen  sie  sich  zu  einer  oder  der  andern  Partei, 
denken  nicht  viel  dariiber  nach,  was  eigentlich  das  ist,  was  im  ganzen 
ofTentlichen  Leben,  dieses  Leben  durchwiihlend,  als  Parteimeinung  exi- 
stiert.  Man  kann  eben  die  Dinge  nicht  ernst  nehmen.  Da  ist  eine  ganze 
Menge  von  Leuten,  die  plappern  in  der  schonsten  Weise  alle  moglichen 
Orientalismen  von  Maja  in  der  Aufienwelt  nach;  aber  sobald  sie  einen 
Schritt  in  dieser  Aufienwelt  machen  wollen,  dann  bleiben  sie  nicht  bei 
dem,  was  sie  abstrakt  nachplappern.  Denn  sonst  wiirden  sie  zum  Bei- 


spiel  fragen:  Maja?  Also  sind  audi  die  Parteien  Maja?  Was  ist  denn 
die  Wirklichkeit,  auf  die  diese  Maja  hinweist? 

Geht  man  geisteswissenschaffclich  —  und  wir  werden  uns  morgen  ge- 
nauer  iiber  diese  Sache  aussprechen  -  genauer  auf  diese  Sache  ein,  dann 
findet  man,  dafi  Parteien  in  der  aufieren  physischen  Welt  da  sind,  in- 
dem  sie  Programme  haben,  Grundsatze  haben,  das  heifit,  indem  sie 
abstrakten  Ideen  nachjagen.  Aber  alles,  was  aufierlich  in  der  physischen 
Welt  lebt,  ist  immer  das  Abbild,  der  Abglanz  dessen,  was  in  der  geisti- 
gen  Welt  eine  Realitat  intensiverer  Art  ist.  Da  haben  wir  immer  die 
physische  Welt  (siehe  Zeichnung,  waagrechte  Linie).  Aber  alles  hier 


in  der  physischen  Welt  weist  hin  auf  Geistiges.  Und  da  oben  in  der 
geistigen  Welt  sind  fiir  diese  physischen  Dinge  erst  die  eigentlichen 
Realitaten  (siehe  Zeichnung,  rot).  Da  unten  sind  zum  Beispiel  die  Par- 
teien (orange);  wovon  sind  sie  Abglanz?  Auf  der  Erde  bekampfen 
sich  diese  Parteien;  da  suchen  sie  eine  Menge  von  Menschen  unter  einem 
abstrakten  Programm  zusammenzuhalten.  Wovon  sind  denn  diese  Par- 
teien der  Abglanz?  Was  ist  denn  da  oben  in  der  geistigen  Welt,  wenn 
hier  in  der  Maja  die  Parteien  sind?  In  der  geistigen  Welt  gibt  es  keine 
Abstraktionen,  und  die  Parteien  stehen  unter  Abstraktionen.  Da  oben 
gibt  es  nur  Wesen.  Da  oben  kann  man  sich  nicht  zu  einem  Partei- 
programm  bekennen,  sondern  da  kann  man  Anhanger  dieses  oder  jenes 


Wesens,  dieser  oder  jener  Hierarchie  sein.  Man  kann  dort  nicht  blofi 
mit  seinem  Intellekt  einem  Programm  anhangen,  das  gibt  es  da  nicht; 
man  mufi  mit  seinem  ganzen  Menschen  einem  andern  Wesen  nachgehen. 
Was  hier  abstrakt  ist,  ist  da  oben  wesenhaft,  das  heifit,  das  Abstrakte 
ist  hier  nur  Schatten  des  Wesenhaften  da  oben.  Und  wenn  Sie  die  beiden 
Hauptkategorien  der  Parteien,  konservativ  und  liberal,  nehmen,  so  ist 
es  so,  dafi  die  konservative  Partei  ein  Programm  hat,  die  liberale  Partei 
ein  Programm  hat;  aber  wenn  man  hinaufsieht,  wovon  das  der  Abglanz 
ist,  dann  zeigt  sich:  Ahrimanisches  Wesen  schattet  sich  hier  (siehe  Zeich- 
nung,  unterer  Teil)  im  Konservativen  ab,  luziferisches  Wesen  schattet 
sich  hier  ab  im  Liberalen,  Hier  lauft  man  einem  konservativen  oder 
einem  liberalen  Programm  nach,  oben  ist  man  Anhanger  von  einem 
ahrimanischen  Wesen  irgendeiner  Hierarchie  oder  einem  luziferischen 
Wesen  irgendeiner  Hierarchie. 

Dabei  kann  es  aber  vorkommen,  dafi  man  in  dem  Augenblicke,  wo 
man  die  Schwelle  iiberschreitet  (das  Wort  «Schwelle»  wird  an  die  Tafel 
geschrieben),  notig  hat,  sich  wirklich  klar  dariiber  zu  sein,  dafi  man 
sich  nicht  durch  Worte  tauschen  lafit,  sich  keinen  Illusionen  hingibt. 
Man  kann  sehr  leicht  glauben,  man  gehore  zu  irgendeinem  guten  Wesen. 
Aber  damit,  daft  man  irgendein  Wesen  mit  einem  guten  Namen  be- 
zeichnet,  ist  es  noch  nicht  ein  gutes.  Es  kann  zum  Beispiel  irgend 
jemand  sagen:  Ich  bekenne  mich  zu  Jesus,  dem  Christus.  -  In  der  gei- 
stigen  Welt  kann  man  sich  nicht  zu  einem  Programm  bekennen,  aber 
nach  der  ganzen  Art  und  Weise,  wie  die  Vorstellungen,  die  BegrifFe  von 
diesem  Jesus,  dem  Christus,  in  seiner  Seele  leben,  ist  es  nur  der  Name  des 
Jesus,  des  Christus,  in  Wirklichkeit  hangt  er  dann  Luzifer  oder  Ahriman 
an  und  ergibt  nur  Luzifer  oder  Ahriman  den  Namen  Jesus  oder  Christus. 

Aber  ich  frage  Sie:  Wie  viele  Menschen  wissen  heute  da  von,  dafi 
Parteimeinungen  Abschattungen  sind  von  Wesenhaftem  in  der  geistigen 
Welt?  Manche  wissen  es,  und  die  richten  dann  das,  was  sie  tun,  nach 
diesem  Wissen  ein.  Ich  kann  Sie  hinweisen  auf  solche,  die  so  etwas 
wissen.  Nehmen  Sie  die  Jesuiten,  die  wissen  das.  Glauben  Sie  nicht,  dafi 
die  Jesuiten  meinen,  wenn  sie  zum  Beispiel  in  ihren  Blattern  jetzt  gegen 
Anthroposophie  schreiben,  dafi  sie  mit  ihren  Griinden  da  irgend  etwas 
besonders  trafen,  was  nicht  widerlegt  werden  konnte.  Aber  auf  Wider- 


legungen  kommt  es  dabei  nicht  an.  Und  was  man  schliefilich  einwenden 
kann  gegen  solche  Widerlegungen,  das  wissen  die  Jesuiten  sehr  gut, 
denn  den  Jesuiten  kommt  es  nicht  darauf  an,  mit  Grunden  fur  oder 
wider  zu  fechten,  sondern  ihnen  kommt  es  darauf  an,  Anhanger  zu  sein 
eines  gewissen  Wesens,  das  ich  aber  heute  noch  nicht  bezeichnen  will, 
das  sie  aber  ihren  Anfiihrer  Jesus  nennen,  dem  sie  zugehoren.  Mag 
dieses  Wesen  sein,  was  immer,  sie  nennen  es  Jesus.  Ich  will  nicht  auf  den 
Tatbestand  genauer  hinweisen;  aber  sie  bezeichnen  sich  als  Soldaten, 
ihn  als  den  Anfiihrer,  und  sie  kampfen  nicht,  um  zu  widerlegen,  sie 
k'ampfen,  um  Anhanger  zu  werben  fur  die  Kompahien,  fur  das  Heer 
des  Jesus,  das  heifit  desjenigen  Wesens,  das  sie  Jesus  nennen.  Und  sie 
wissen  ganz  genau,  dafi,  sobald  man  iiber  die  Schwelle  hinaufschaut, 
es  nicht  auf  abstrakte  Kategorien,  nicht  auf  logische  Zusagen  oder 
Widerlegungen  ankommt,  sondern  dafi  es  da  ankommt  auf  die  Heer- 
folge  des  einen  oder  des  andern  Wesens,  wahrend  es  unten  auf  der  Erde 
sich  um  Redensarten  handelt.  Das  ist  aber  dasjenige,  was  die  Menschen 
heute  so  schwer  begreifen  wollen,  dafi,  wenn  wir  heraus  wollen  aus  dem 
Niedergang  der  Zeit,  es  sich  nicht  mehr  handeln  darf  um  blofie  Ab- 
straktionen,  nicht  blofi  um  das,  was  man  sich  denken  kann,  sondern 
dafi  es  sich  um  Realitaten  handeln  rnufi,  Wir  beginnen  zu  Realitaten 
auf  zusteigen,  wenn  wir  nicht  mehr  blofi  von  richtig  oder  unrichtig,  son- 
dern von  gesund  oder  krank  sprechen.  Wir  beginnen  zu  Realitaten  auf- 
zusteigen,  wenn  wir  nicht  von  Parteiprogrammen  oder  Weltanschau- 
ungsprogrammen  sprechen,  sondern  von  der  Gefolgschaft  irgendwelcher 
realer  Wesenheiten,  die  uns  sogleich  begegnen,  wenn  wir  auf  die  Dinge 
hindeuten,  die  jenseits  der  Schwelle  liegen.  Es  handelt  sich  heute  darum, 
wirklich  jenen  ernsten  Schritt  zu  machen  von  der  Abstraktion  zur  Reali- 
tat,  von  der  blofi  logischen  Erkenntnis  zur  Erkenntnis  als  Tat.  Und  nur 
das  kann  herausfuhren  aus  all  der  Verwirrung,  in  der  die  Welt  heute 
steckt. 

Die  Weltenlage  -  wir  werden  gerade  in  diesen  Tagen,  morgen  und 
iibermorgen,  von  dieser  Weltenlage  sprechen  -  kann  heute  nur  derjenige 
gesund  beurteilen,  der  sie  mit  Hilfe  dessen  betrachtet,  was  ihm  Geistes- 
wissenschaft  an  die  Hand  zu  geben  in  der  Lage  ist.  Sonst  wird  man  die 
bedeutungsvollen  Gegensatze,  die  heute  zwischen  Westen  und  Osten 


bestehen,  nicht  im  richtigen  Lichte  sehen  konnen.  Aber  was  da  aufierlich 
an  schaubaren  Realitaten  auftritt,  was  ist  es  denn  anderes  als  der  in  sich 
absurde  Ausdruck  von  dem,  was  heute  in  den  Kopfen  der  Menschen  an 
Gedanken  lebt?  Wie  treten  uns  denn  diese  Gedanken  entgegen?  -  Ich 
mochte  zum  Schlufi  wiederum  auf  ein  naheliegendes  Beispiel  hinweisen. 
Ich  habe  ja  schon  verschiedentlich  darauf  hingewiesen,  was  jetzt  von 
katholischer,  klerikaler  Seite  gegen  Geisteswissenschaft,  namentlich  audi 
hier  in  der  Schweiz,  an  Liigenhaftigkeit  geleistet  wird,  damit  man  diese 
Geisteswissenschaft  vernichten  konne.  Und  Sie  haben  —  diejenigen,  die 
hier  waren  -  schon  manches  Beispiel  gesehen  von  dem,  was  da  alles 
gerade  von  katholisch-jesuitischer  Seite  aufgefahren  wird,  um  diese 
Geisteswissenschaft  zu  vernichten.  Bedenken  Sie,  da  baumen  sich  die- 
jenigen auf,  allerdings  mit  nicht  schonen  Waffen,  die  die  Schiiler  des 
katholischen  Jesuitismus  sind,  und  das  brauche  ich  Ihnen  nicht  zu 
charakterisieren;  diejenigen,  die  noch  nicht  sich  informiert  haben,  konr 
nen  es  ja  leicht  tun.  Aber  sehen  Sie,  die  Schweiz  gehort  doch  audi,  und 
Mitteleuropa,  wo  dasselbe  geschieht,  das  alles  gehort  doch  eigentlich 
auch  zur  Welt,  nicht  wahr,  und  Amerika  gehort  audi  zur  Welt.  Es 
wurde  mir  nun  eine  Zeitschrift  gegeben,  die  in  Amerika  erscheint  und  in 
welcher  audi  anthroposophisch  orientierte  Geisteswissenschaft  charak- 
terisiert  wird  zur  selben  Zeit,  als  sie  hier  von  jesuitischer  Seite  in  der 
schlimmsten  Weise  charakterisiert  wurde  als  etwas,  was  gegen  die 
katholische  Kirche,  was  gegen  das  Christentum  gerichtet  sei.  Sie  wissen 
ja,  Pfarrer  Kully  hat  gesagt,  es  gibt  drei  schlimme  Dinge  in  der  Welt, 
das  eine  ist  das  Judentum,  das  zweite  ist  die  Freimaurerei,  aber  das 
Schlimmste  alles  Schlimmen,  schlimmer  als  irgendein  Bolschewismus,  sei 
das,  was  hier  in  Dornach  gelehrt  werde.  -  Das  stammt  von  katholischer 
Seite.  So  charakterisiert  die  katholische  Seite  die  Anthroposophie.  Wie 
Amerika  nun?  Ich  mochte  Ihnen  eine  kleine  Stelle  vorlesen,  die  zu 
der  gleichen  Zeit  geschrieben  ist  wie  das,  was  die  katholischen  Blatter 
hier  geschrieben  haben:  «Wie  die  romisch-katholische  Hierarchie  immer 
darauf  bestanden  hat,  dafi  die  romische  Kirche  die  einzige  mit  Autoritat 
ausgeriistete  ist»,  die  protestantischen  Sekten  kommen  fur  sie  nicht  in 
Betracht;  nach  der  Meinung  der  romischen  Kirche  stehen  sie  aufierhalb 
der  Tore,  sie  werden  nur  als  eine  Menge  von  Haretikern  angesehen,  «so 


ist  es  selbstverstandlich,  dafi  die  Kirche,  auf  die  Steiner  durch  sein 
Mundwerk  hinweist,  keine  andere  sein  kann  als  die  romisch-katholische. 
Diese  Voraussetzung  ist  bekraftigt,  und  jeder  Zweifel  iiber  die  Sadie 
hort  auf,  wenn  man  die  anderen  okkulten  Biicher  Steiners  durchgeht. 
Sie  alle  deuten  auf  dasselbe  hin,  namlich  seine  Schriften  sind  rein  irre- 
fiihrend,  Schafhaut  eines  oberflachlichen  Okkultismus  iiberdeckt  den 
"Wolf  des  Jesuitismus.» 

Also  Sie  sehen,  in  Amerika  halt  man  die  Anthroposophie  fiir  Jesuitis- 
mus,  in  Europa  wendet  sich  der  Jesuitismus  in  scharfster  Weise  gegen 
die  Anthroposophie  als  den  grofken  Feind  der  katholischen  Kirche.  So 
denkt  man  heute  in  der  Welt.  So  ungefahr  denken  aber  auch  die  Leute, 
wenn  sie  in  Europa  nebeneinander  stehen;  sie  merken  es  nur  nicht.  Dann 
kommen  noch  einzelne  schone  Satze,  die  diesen  Artikel  beschliefien: 
«Steiner  beansprucht,  Initiat  zu  sein.  Mag  sein.  Aber  ob  er  von  der 
weifien  Loge  oder  von  den  Briidern  der  Schatten  ist,  kann  man  ahnen, 
wenn  man  erfahrt,  dafi  er  auf  seiten  der  <Blut-  und  Eisen>-Manner 
stand  . . .,  und  dafi  eine  Anzahl  seiner  Schuler  hier  (in  Amerika)  inter- 
niert  waren  als  deutsche  Spione.» 

Nun,  Sie  sehen,  bald  tont  es  aus  romisch-katholischem  Horn,  bald 
tont  es  aus  amerikanischem  Horn!  Aber  all  das  kann  Sie  hinweisen 
darauf,  wie  es  in  den  Kopfen  unserer  Zeitgenossen  aussieht.  Aus  dem 
aber,  was  in  den  Kopfen  gedacht  wurde,  hat  sich  das  entwickelt,  was  in 
den  Niedergang  der  Gegenwart  hineingefiihrt  hat,  und  der  Auf  gang 
mufi  wahrhaftig  ganz  woanders  gesucht  werden,  als  wo  ihn  viele  Leute 
heute  suchen.  Davon  wollen  wir  dann  morgen  weitersprechen. 


ZWEITER  VORTRAG 


Dornach,  7.  August  1920 


Ich  habe  gestern  in  einem  bestimmten  Zusammenhange  darauf  hin- 
gewiesen,  was  eigentlichParteimeinungen  hier  auf  dem  physischen  Plane 
sind.  Und  da  unser  gegenwartiges  Leben  durcliaus  beherrscht  ist  von 
Parteimeinungen  aller  Nuancen,  so  gehdrt  es  schon  einmal  zu  den  not- 
wendigen  Erkenntnissen,  dafi  man  sich  mit  dem  Wesen  der  Partei- 
meinungen etwas  befafit.  Ich  habe  gestern  audi  darauf  hingewiesen,  wie 
die  Menschen  heute,  im  abstrahierenden  Zeitalter,  geneigt  sind,  sich 
immerhin  im  allgemeinen  zu  einem  solchen  Satze  zu  bekennen:  Alles 
ist  Erscheinung,  was  man  mit  den  Sinnen  wahrnehmen  oder  mit  dem 
gewohnlichen  Verstand  begreif  en  kann,  alles  das  ist  Maja.  -  Aber  wenn 
es  dann  darauf  ankommt,  soldi  eine  allgemeine,  abstrakte  Wahrheit, 
zu  der  man  vorgibt,  sich  zu  bekennen,  im  Leben  umf  assend  anzuwenden, 
dann  reifit  sozusagen  der  Lebensfaden,  durch  den  bei  den  meisten  Men- 
schen heute  die  Seele  verbunden  wird  mit  der  Lebenswirklichkeit. 
Parteimeinungen  auf  dem  physischen  Plane  mufi  man  ebenso  als  Ab- 
bilder  auffassen  von  etwas,  was  iibersinnlicher  Natur  ist,  was  in  den 
geistigen  Welten  seine  Wirklichkeit  hat,  hier  in  der  physischen  Welt 
nur  sein  Bild  hat,  wie  man  das  zum  Beispiel  bei  Naturerscheinungen 
oder  fur  die  kompliziertesten  Naturerscheinungen  flir  den  physischen 
Menschen  anerkennen  mufi.  Ich  sagte  schon  gestern:  Parteimeinungen 
bilden  sich  dadurch,  dafi  sich  eine  Anzahl  von  Menschen  unter  irgend- 
einem  mehr  oder  weniger  klar  umrissenen,  abstrakten  Programm  zu- 
sammentun.  Man  stellt  eine  Anzahl  von  Forderungen  auf,  die  erfullt 
werden  sollen  durch  das  oder  jenes,  man  tut  dann  das  oder  jenes 
-  meistens  redet  man  das  oder  jenes  -,  um  solchen  Programmen,  solchen 
Parteiideen  zur  Verwirklichung  zu  verhelfen.  Also  Menschengruppen, 
vereinigt  gewissermafien  unter  der  Flagge  einer  abstrakten  Idee,  von 
der  man  aber  hofft,  dafi  sie  sich  verwirklichen  konne:  das  ist  dasjenige, 
was  eine  Partei  ausmacht. 

Fur  denjenigen,  der  defer,  vor  alien  Dingen  geisteswissenschaftlich 
in  die  Dinge  hineinschauen  will,  kommt  nicht  so  sehr  das  Programm- 


mafiige  in  Betracht,  denn  das  Wesen  dieses  Programmafiigen  in  seinem 
Weltzusammenhang  mufi  er  erst  untersuchen.  Fur  ihn  kommt  zunachst 
als  aufiere  Erscheinung  in  Betracht,  dafi  sich  Menschengruppen  bilden. 

Nun  sagte  ich  gestern:  Wenn  man  von  dem  physischen  Plan  in  die 
hoheren  Welten,  in  die  Welten  jenseits  der  Schwelle  aufsteigt,  dann  gibt 
es  nicht  Abstraktionen,  dann  gibt  es  nicht  abstrakte  Forderungen,  wie 
man  sie  als  Parteiprogramme  auf  stellt,  sondern  sobald  man  die  Schwelle 
iibertritt,  sobald  man  vorbeikommt  an  dem  Hiiter  der  Schwelle  und 
nicht  bei  ihm  stehenbleibt,  was  sehr  viele  tun,  dann  findet  man,  dafi 
jenseits  der  Schwelle  nur  Wesenheiten  sind.  Da  kann  man  gar  nicht 
einem  Programm  folgen,  da  kann  man  nur  dieser  oder  jener  Wesenheit 
folgen,  da  kann  man  sich  nicht  gruppieren  nach  Mafigabe  einer  abstrak- 
ten  Idee,  sondern  da  mufi  man  sich  gruppieren  um  eine  Wesenheit  her- 
ura.  In  bezug  auf  solche  Sachen  ware  heute  der  Menschheit  ein  Wissen 
intensiv  notwendig.  Aber  gerade  in  bezug  auf  solche  Dinge  strauben  sich 
heute  die  Menschen  in  ganz  erheblichem  Mafie  gegen  ein  solches  Wissen. 
Denn  es  ist  dem  Menschen  der  Gegenwart  einmal  ans  Herz  gewachsen, 
sich  unter  abstrakten  Programmen  zu  vereinigen  und  nach  einer  ge- 
wissen  Verwirklichung  soldier  abstrakter  Programme  zu  sehnen.  Dafi 
abstrakte  Programme  nur  in  der  physischen  Welt  existieren,  daft  das- 
jenige,  was  man  in  abstrakte  Ideen  fassen  kann,  nur  Gegenstand  der 
physischen  Welt  sein  kann,  das  wollen  die  Menschen,  sie  wollen  es  nicht 
einsehen,  denn  es  ist  ihnen  unbequem.  So  vereinigen  sich  die  Menschen 
-  wenn  ich  hier  durch  diese  Linie  die  Schwelle  anzeige  (siehe  Zeichnung 
Seite  30),  hier  die  Parteigruppen  (blaue  Kreise),  hier  ihre  Programme 
(X)  so  vereinigen  sich  diese  Menschen  zu  Gruppen  unter  Partei- 
programmen.  Aber  diesen  Parteiprogrammen  entsprechen  in  der  geisti- 
gen  Welt  Wesen  (orange),  und  damit  h'angen  diejenigen,  die  sich  an  ein 
Parteiprogramm  ketten,  gewissen  Wesen  der  iibersinnlichen  Welt  an. 
Wir  haben  entsprechend  dem,  was  in  der  physischen  Welt  blofi  Bild  ist, 
in  der  iiberphysischen  Welt  Gruppierungen  um  Wesen  (rote  Kreise). 

Es  ist  durchaus  zu  beachten,  dafi  zu  einer  gedeihlichen  Entwickelung 
in  die  Zukunft  hinein  dieses  Wissen  durchaus  notwendig  ist,  weil  immer 
mehr  und  mehr  die  Bewufitheit  an  die  Stelle  des  Instinktes  treten  mufi, 
wenn  die  Menschheit  in  ihrer  Entwickelung  voranschreiten  will.  Es  ist 


durchaus  noch  ein  Oberbleibsel  alter  instinktiver  Zusammenrottungen, 
wenn  die  Menschen  sich  heute  unter  Parteiprogrammen  vereinigen  und 
glauben,  das,  was  sie  da  tun  mit  den  Gruppierungen,  das  sei  erschopft 
mit  ihrer  Zusammenrottung  und  mit  ihrem  Bekenntnis  zu  dem  ent- 
sprechenden  Programm  und  mit  ihren  Taten  oder  meistens  Worten, 
welche  zur  Verwirklichung  dieses  Programms  getan  oder  gesprochen 
werden.  Die  Menschen  geben  vor,  anzugehoren  irgendeiner  Partei,  einer 
sozialistischen  oder  liberalen  Partei,  einer  Frauenbewegungspartei,  einer 
spiritistischen  Partei  und  so  weiter;  es  wiirde,  wenn  ich  Ihnen  nur  einen 
kleinen  Teil  von  alien  heute  existierenden  Parteien  aufzahlen  wiirde, 
den  heutigen  Abend  furchtbar  in  die  Lange  ziehen.  Indem  die  Menschen 
glauben,  mit  dem,  was  sie  da  tun  und  reden  innerhalb  einer  Partei,  er- 
schopfe  sich  das  Wesen  dessen,  was  sie  hier  treiben  auf  dem  physischen 
Plan,  folgen  sie  unbewufk  einer  Wesenheit  in  der  iibersinnlichen  Welt, 
die  sie  nicht  kennen  wollen.  Denn  dadurch,  dafi  die  Menschen  etwas 
nicht  wissen,  macht  das  ja  nicht,  dafi  es  nicht  real  ist.  Wenn  irgend 
jemand  ein  Liberaler  ist  und  einem  liberalen  Programm  angehort, 
wenn  irgend  jemand  ein  Frauenrechtler  ist  und  einem  Frauenrechtler- 


programm  angehort,  so  bedeutet  das  deshalb,  weil  er  nicht  weifi,  dafi 
er  da  gewissen  Wesenheiten  der  iibersinnlichen  Welt  folgt,  nicht,  dafi 
er  ihnen  nicht  in  Wirklichkeit  folgt.  Er  folgt  ihnen  in  Wirklichkeit,  er 
bildet  die  Gefolgschaft.  Dadurch  aber  widerstrebt  er  gerade  dem  ganzen 
Geiste  der  Fortentwickelung  unseres  Zeitalters.  Denn  dieser  Geist  for- 
dert  die  Umwandlung  alles  instinktiv  Unbewufiten  und  Unterbewufi- 
ten  in  ein  bewufites  Wollen,  in  ein  bewufites  Tun  und  Reden  und 
Denken. 

Wir  kennen  ja  auch  altere  Gruppierungen  von  Menschen,  altere 
Gruppierungen  von  Rassenzusammenhangen,  und  dann  diejenigen 
Gruppierungen  von  Menschen,  die  heute  noch  ein  ephemeres  Schatten- 
dasein,  aber  ein  deshalb  nicht  weniger  lautes  und  wahnbehaftetes  Da- 
sein  fiihren:  die  Gruppierungen  in  Volker,  wir  kennen  es  ja.  Und  wenn 
Sie  sich  an  den  Zyklus  erinnern,  den  ich  19 10  in  Kristiania  gehalten 
habe  iiber  das  Wesen  der  Volksseelen,  dann  werden  Sie  finden,  dafi 
man,  wenn  man  diese  Zusammenhange  von  Rassen  und  Volkern  ins 
Auge  fassen  will,  auch  nicht  auf  dem  physischen  Plan  stehenbleiben 
kann,  dafi  man  auch  dann  notig  hat,  in  die  iiberphysischen  Welten  hin- 
aufzusteigen.  Wir  haben  in  diesem  Vortragszyklus  ja  angefiihrt,  wie 
solche  Menschengruppierungen  zusammengehalten  und  gefiihrt  sind 
von  Wesen,  die  wir  zu  der  Hierarchie  der  Archangeloi  zu  rechnen  haben. 
Wir  haben  da  gesehen,  wie  auch  in  solchen  Volkergruppierungen  eben 
iibersinnliche  Wesen  unter  den  Menschen  stehen. 

Stellen  wir  uns  jetzt  vor  das  Seelenauge  den  Unterschied  zwischen 
dem  Verhaltnis,  in  dem  die  Menschengruppen  als  Rassen,  als  Volker  zu 
ihren  iibersinnlichen  Wesenheiten  stehen,  und  demjenigen  Verhaltnis, 
in  welchem  die  Parteigruppen  zu  den  iibersinnlichen  Wesenheiten 
stehen,  so  ist  es  so,  daft  die  ersteren  durchaus  die  Impulse,  die  ihnen 
gegeben  werden  von  diesen  iibersinnlichen  Wesenheiten,  instinktiv  zur 
Ausfiihrung,  zur  Verwirklichung  bringen.  Und  da  ist  es  berechtigt,  dafi 
Instinktivitat  waltet  in  dem  Befolgen  der  Impulse  dieser  iibersinnlichen 
Wesenheiten.  Die  Menschheit  mufite  sich  herausarbeiten  aus  diesem 
instinktiven  Folgen  gegeniiber  den  iibersinnlichen  Wesenheiten.  -  Es  ist 
ja  selbstverstandlich,  dafi  die  Menschheit  nicht  gleich  vom  Anf  ange  an 
in  einer  bewufiten  Weise  etwa  Volkergeistern,  Erzengeln  folgen  konnte, 


sondern  dafi  da  instinktive  Krafte  in  dieses  Folgen  hineinspielen  mufi- 
ten.  Die  Menschen  mufiten  gewissermafien  erst  nach  und  nach  zur  Be- 
wufitheit  erzogen  werden. 

Aber  je  mehr  man  zuruckgeht  in  der  Entwickelungsgeschidite  der 
Menschheit,  desto  mehr  findet  man,  dafi  die  Menschen  alter  Zeiten, 
wenn  auch  ein  instinktives,  so  doch  ein  deutliches  Bewufitsein  gehabt 
haben,  dafi  sie  als  Menschengruppen,  als  Rassegruppen,  als  Volker- 
gruppen  solchen  ubersinnlichen  Wesenheiten  folgten.  Gewifi,  in  der 
mittleren  Zeit,  an  die  sich  unsere  neueste  anschliefit,  ist  solches  Bewufit- 
sein  zum  Teil  verlorengegangen.  Die  Menschen  haben  ja  immer  mehr 
und  mehr  ihr  Wissen  von  den  ubersinnlichen  Welten  abstellen  miissen; 
aber  eben,  je  mehr  wir  zuriickgehen,  desto  mehr  finden  wir,  wie  die 
Menschen  -  wenn  auch,  wie  gesagt,  nur  instinktiv  -  ihre  Zusammen- 
gehorigkeit  zu  Rassen  und  Volkern  so  deuten,  dafi  sie  als  Fiihrer  eine 
geistige,  eine  iibersinnliche  Wesenheit  anerkennen.  In  alteren  Zeiten, 
wenn  auch  ein  sichtbarer  Fiihrer  von  Menschengruppen  anerkannt  wird, 
so  ist  es  doch  bei  dem  weitaus  grofiten  Teil  derjenigen,  die  einem  solchen 
sichtbaren  Fiihrer  folgten,  in  ihrem  deutlichen  Bewufitsein  gelegen,  dafi 
in  diesem  sichtbaren  Fiihrer  inkarniert,  verkorpert  war  der  Volksgeist, 
so  dafi  solche  Menschengruppen  fiihlen,  wie  auch  das,  was  sie  sehen,  die 
aufiere  Menschengestalt  nur,  gewissermafien  innerlich  besessen  ist  von 
dem  ubersinnlichen  Fiihrer.  Man  mag  das  heute  ansehen,  wie  man 
will,  man  mag  das  fiir  ein  en  alten  Aberglauben  halten:  diejenigen,  die 
iiber  diese  Dinge  vom  alten  Aberglauben  anders  denken,  die  konnen 
ja  warten  bis  in  das  dritte  Jahrtausend,  ob  unsere  Chemie,  unsere  Bota- 
nik,  unsere  Zoologie  auch  als  ein  Aberglaube  des  19.  und  20.  Jahrhun- 
derts  angesehen  werden  von  denjenigen,  die  dem  Geiste  derjenigen 
gleichkommen,  die  heute  von  altem  Aberglauben  in  dem  Falle  sprechen. 

Aber  was  ist  denn  nun  fiir  ein  Unterschied  zwischen  der  Art,  wie 
solche  Menschengruppen  zu  ihrer  geistigen  Fiihrung  stehen,  und  der- 
jenigen Stellung,  welche  heute  Parteimeinungen  zu  ihrer  geistigen  Fiih- 
rung haben?  Parteiprogramme,  die  man  in  abstrakten  Ideen  umrissen 
entwickelt,  die  hatten  diese  alten  Menschen  nicht.  Timur-Khan,  oder 
Dschingis-Khan  oder  einem  dergleichen  ware  es  schlecht  bekommen, 
wenn  er  erst  ein  Parteiprogramm  vor  seine  Menschengruppierungen 


hingestellt  hatte  wie  etwa  Dschingis-Khan,  der  gegenwartige,  den  man 
heute  Lenin  nennt,  etwa  erst  ein  Parteiprogramm  zwischen  sich  und  die 
Seinigen  hinstellt!  Das  ist  ein  betrachtlicher  Gegensatz.Die  Grofi-Khane 
der  ehemaligen  Mongolen  waren  ohne  Programm,  aber  diejenigen,  die 
etwas  wufiten,  die  sahen  in  ihnen  die  lebendigen  Verkorperungen  iiber- 
sinnlicher  Wesenheiten.  Die  Grofi-Khane  der  Gegenwart,  Lenin  und 
Trotzkijy  tragen  statt  des  Bewufitseins,  die  Sendboten  eines  hoheren 
Wesens  zu  sein,  ein  abstraktes  Parteiprogramm  in  ihrer  Seele  herum. 
Das  ist  ein  betrachtlicher  Unterschied,  denn  dadurch  ist  ja  gesagt:  die- 
jenigen, die  da  unten  im  Parteiwesen  herumlungern,  die  haben  in  ihrem 
Bewufitsein  nur  die  abstrakten  Ideen  und  sie  leugnen  es  bewufit  sich 
selber  ab,  dafi  sie  in  der  Gefolgschaft  irgendwelcher  iibersinnlicher 
Wesenheiten  stehen. 

Nur  einzelne  Menschengruppierungen  lassen  sich  auf  derlei  Dinge 
nicht  ein.  Eine  solche  Gruppe  habe  ich  Ihnen  ja  gestern  bereits  angefuhrt, 
die  Gruppe  der  Jesuiten.  Sie  lafit  sich  auf  die  Kinderei  von  Partei- 
programmen  nicht  ein.  Lesen  Sie  eben  jenen  Vortragszyklus,  den  ich 
unter  dem  Titel  «Von  Jesus  zu  Christus»  in  Karlsruhe  gehalten  habe, 
und  der  ja  unserer  hiesigen  Klerisei  ausgeliefert  worden  ist,  dann  wer- 
den  Sie  die  Obungen  verfolgen  konnen,  welche  der  Jesuit  zu  machen 
hat,  um  auf  seinem  Posten  der  rechte  Mann  zu  sein.  Dem  iibertragt  man 
kein  Parteiprogramm,  dem  kleidet  man  nicht  irgendwelche  abstrakte 
Forderungen  in  abstrakte  Formeln,  sondern  dem  zeigt  man  in  Obungen, 
wie  er  dem  geistigen  Fiihrer  nachzufolgen  hat;  den  erzieht  man  dazu, 
sich  in  der  Gefolgschaft  gegeniiber  einem  ubersinnlichen  Wesen  zu 
wissen.  Und  so  wiederum  ist  es  bei  andern,  sich  mehr  oder  weniger  ge- 
heimhaltenden  Gruppierungen  von  Menschen  in  der  Gegenwart,  auch 
bei  denjenigen,  die  vom  Westen  aus  die  grofie  Politik  machen,  die  ja 
fast  Schritt  fur  Schritt  sich  buchstablich  so  verwirklicht,  wie  sie  seit 
langer  Zeit  von  diesen  Tragern  einer  gewissen  okkulten  Politik  im 
Westen  vorgezeichnet  worden  ist.  Das  aber  ist  es,  worauf  es  ankommt, 
dafi  man  beachte  den  Geist  des  Fortschritts  fur  unsere  Zeit,  dafi  man 
wiederum  ein  Bewufitsein  erlange  von  dem  Zusammenhang  des  Men- 
schen mit  der  geistigen  Welt  und  auch  von  dem  Zusammenhange  all  des- 
jenigen,  was  der  Mensch  hier  auf  Erden  tut,  mit  Geschehnissen,  mit 


Wesenhaftem  in  der  geistigen  Welt.  Suchen  sollte  man  nach  denjenigen 
Wesenheiten  in  der  geistigen  Welt,  welche  an  der  Konstitution,  an  der 
Fiihrung  unserer  Welt  beteiligt  sind,  damit  man  wissen  konne,  in  welche 
Gefolgschaft  man  sich  mit  dem  einen  oder  dem  andern,  was  man  tut, 
wirklich  begibt.  Und  man  kann  nicht  heute  irgend  etwas  fiir  den  ge- 
deihlichen  Fortschritt  der  Menschheit  tun,  ohne  dafi  man  audi  nicht  nur 
fiir  die  egoistischen  Innenbediirfnisse  der  Seelen  sich  des  Zusammen- 
hanges  mit  der  geistigen  Welt  bewufit  wird,  sondern  man  kann  nur 
dann  fiir  diesen  gedeihlichen  Fortschritt  der  Menschheit  etwas  tun,  wenn 
man  sich  voll  bewufit  wird,  dafi  man  auch  mit  denjenigen  aufieren 
Taten,  die  sich  zum  Beispiel  ausdriicken  in  den  Parteimeinungen  und 
ihren  Nuancierungen,  einen  Zusammenhang  mit  der  geistigen  Welt 
schafft.  Geisteswissenschaft  soli  nicht  nur  unsere  Seele  gewissermafien 
beruhigen  iiber  die  engsten  Angelegenheiten  unserer  individuellen  Per- 
sonlichkeit,  sondern  Geisteswissenschaft  soli  Impulse  liefern  fiir  die 
ganze  Gestaltung  des  Lebens.  Das  ist  es,  was  in  den  letzten  Zeiten  wie 
ein  Grundton  durch  alle  meine  Vortrage  durchging.  Denn  wir  sind  nun 
einmal  zur  Abstraktheit  gekommen  und  miissen  aus  der  Abstraktheit 
heraus.  Wir  sind  insbesondere  in  dem  sogenannten  praktischen  Leben 
tief,  tief  in  der  Abstraktheit  darinnen  und  insbesondere  in  dem  Partei- 
wesen  sind  wir  in  der  Abstraktheit  darinnen.  Wir  miissen  aus  diesem 
abstrakten  Wesen  heraus,  wenn  die  europaische  Katastrophe  nicht  zu 
einer  vollstandigen  werden  soli.  Es  handelt  sich  auf  alien  Gebieten 
darum,  richtig  zu  sehen. 

Vor  alien  Dingen  aber  ist  das  in  Betracht  zu  Ziehen,  was  ich  einer 
Anzahl  der  Hiersitzenden  schon  vor  meiner  Reise  nach  Stuttgart  gesagt 
habe,  was  ich  aber  auch  heute  wiederholen  mochte  aus  dem  Grunde,  weil 
so  zahlreiche  fremde  Gaste  anwesend  sind,  und  weil  eigentlich  fiir  solche 
Dinge,  die  heute  einmal  in  die  Seelen  einziehen  miissen,  jede  Gelegenheit 
zu  ergreifen  ist,  um  sie  geltend  zu  machen.  Ich  sagte  gestern:  Was  als 
Geisteswissenschaft  getrieben  wird,  mufi  eine  ganz  andere  Art  der  Er- 
kenntnis  sein  als  das,  was  man  heute  gewohnt  ist,  Erkenntnis  oder  Wis- 
sen zu  nennen.  Es  mufi  eine  Erkenntnis  als  Tat  sein.  Man  mufi  sich  be- 
wufit  sein,  dafi,  indem  man  Erkenntnisse  anstrebt,  man  von  Realitaten 
zu  reden  hat,  nicht  von  blofien  logischen  Schemen.  Ich  sagte,  man  ist 


heute  gewohnt  zu  sagen:  Der  bekennt  sich  zum  Materialismus,  der 
Materialismus  ist  falsdi,  also  widerlegt  man  ihn,  und  man  glaubt,  mit 
dieser  Widerlegung  habe  man  etwas  getan.  Ich  habe  gestern  Beispiele 
dafiir  angefiihrt,  wie  solche  Begriffe  wie  «richtig»  und  «unrichtig»  wei- 
chen  miissen  viel  realeren  BegrifFen  auf  dem  Gebiete  anthroposophisch 
orientierter  Geisteswissenschaft.  «Gesund»  und  «ungesund»,  das  ist  et- 
was, was  auf  Reales  im  Menschenleben  hindeutet.  Wir  erkennen  nicht 
blofi  richtige  und  falsche  Erkenntnisse  an,  wir  erkennen  gesunde  und 
kranke  Erkenntnisse  an.  Wir  tauchen  ein,  indem  wir  die  blofie  Abstrakt- 
heit  abstreifen,  in  das  Gebiet  der  konkreten  Wirklichkeit. 

Das  miissen  wir  nodi  in  einem  viel  hoheren  Sinne  betrachten.  Wir 
wissen  ja  aus  der  jetzt  schon  so  zahlreich  veroffentlichten  anthropo- 
sophisdien  Literatur,  dafi  der  Mensch  aus  einem  geistig-seelischen  Teil 
besteht  -  ich  will  ihn  skizzenhaft  hier  so  andeuten  (siehe  Zeichnung, 


blau)  -  und  aus  einem  physischen  Teil  (rot).  Wir  wissen  nun,  dafi  ge- 
wisse  theoretische  Materialisten  des  19.  Jahrhunderts  gesagt  haben:  Ach 
was,  geistig-seelisch,  das  ist  etwas,  wovon  man  nicht  zu  sprechen  hat, 


das  ist  etwas,  was  gegeniiber  der  mensclilichen  Erkenntnis  nirgends  auf- 
tritt.  Was  in  der  sogenannten  Menschenseele  lebt  als  Denken,  Fuhlen 
und  Wollen,  das  ist  ja  nur  das  Ergebnis  des  physisdien  Nervensystems, 
des  physisdien  Gehirnes.  Sie  wissen,  diesen  theoretischen  Materialismus 
miissen  wir  unterscheiden  von  dem  praktischen  Materialismus,  der  noch 
etwas  ganz  anderes  ist  und  der  insbesondere  heute  ganz  krafi  immer 
noch  waltet.  Der  theoretische  Materialismus  hat  seine  Hochflut  gehabt 
im  19.  Jahrhundert.  Derjenige,  der  nun  nur  gewohnt  ist,  sich  in  den 
Vorstellungsarten  zu  bewegen,  die  man  heute  eben  hat,  der  sagt:  Nun 
ja,  der  Materialismus,  der  da  behauptet,  menschliche  Gedankenempfin- 
dungen,  Willensimpulse,  seien  nur  der  Ausflufi  des  Nervensystems,  des 
Gehirns,  dieser  Materialismus  ist  f  alsch.  Man  mufi  ihn  widerlegen.  Und 
wenn  man  ihn  widerlegt  hat,  so  hat  man  bewiesen,  dafi  der  Mensch 
eben  nicht  blofi  aus  seinem  physisdien  Leibe  mit  dem  Nervensystem  und 
dem  Gehirn  bestehe,  sondern  dafi  er  ein  Geistig-Seelisches  habe.  -  Aber 
bei  solcher  Widerlegung  kann  die  hier  gemeinte  Geisteswissenschaft  nicht 
stehenbleiben,  denn  sie  ist  nicht  blofi  etwas,  was  in  Logizitat  ablauft, 
sondern  sie  ist  etwas,  was  im  Tatsachlichen  ablauft.  Alles,  was  hier  in 
der  physischen  Welt  lebt,  ist  ein  Abbild  der  geistigen,  der  seelischen 
Welt,  aber  nicht  nur  etwa  so,  wie  man  ein  Bild  hat,  das  man  an  die 
Wand  malt,  sondern  es  ist  ein  Abbild  auch  mit  alien  seinen  Tatigkeiten, 
mit  alien  seinen  Lebensaufierungen.  So  ist  es  in  bezug  auf  den  Menschen 
so:  Der  Mensch  steigt  herab  aus  der  geistig-seelischen  Welt  durch  die 
Konzeption  oder  durch  die  Geburt  in  die  physische  Welt;  was  er  sich 
mitbringt  aus  der  geistig-seelischen  Welt,  dieser  Zusammenhang  von 
Kraften,  der  arbeitet  an  jenem  physischen  Leib,  der  aus  der  Vererbungs- 
stromung  ubernommen  wird.  Dieser  Leib  mit  seiner  ganzen  Konfigura- 
tion  wird  ausgebildet  durch  das  Geistig-Seelische,  das  herabsteigt  (siehe 
Zeichnung  Seite  35).  Er  wird  aber  nicht  nur  ausgebildet  in  bezug  auf 
seine  aufiere  Form,  sondern  auch  mit  Bezug  auf  seine  inneren  Tatig- 
keiten. So  dafi,  wenn  Sie  dasjenige  nur  denken,  was  in  Ihrer  aufieren 
sinnlichen  Wirklichkeit  ist,  Sie  das  ganz  gut  mit  dem  blofien  Gehirn 
denken  konnen.  Denn  dieses  Gehirn  ist  auch  mit  seinen  Fahigkeiten  ein 
Abbild  des  Geistig-Seelischen.  Und  wer  sich  einfach  darauf  beschrankt, 
nur  das  zu  verarbeiten,  was  die  aufiere  Sinneswelt  gibt,  oder  was  die 


gegenwartigen  Wissenschaften  geben,  der  denkt  eben  blofi  mit  dem 
Gehirn,  der  ist  blofi  denkende  Materie.  Da  ist  gar  nichts  dariiber  zu 
sagen,  der  ist  blofi  denkende  Materie.  Heute  ist  die  Zeit,  wo  man  dar- 
iiber hinauskommt,  blofi  denkende  Materie  zu  sein,  dadurch,  dafi  man- 
solche  Gedanken  denkt,  die  nicht  aus  der  Sinneswelt  gewonnen  sind, 
wie  zum  Beispiel  die  anthroposophisch  orientierten  Gedanken.  Die- 
jenigen  Menschen,  die  heute  durchaus  sich  nur  an  die  Sinneswelt  halten 
wollen,  finden  diese  anthroposophischen  Gedanken  verriickt,  irreal, 
phantastisch,  weil  sie  in  dem  Momente,  wo  sie  diese  Gedanken  denken 
sollen,  eine  starke  Kraft  anwenden  miissen;  sie  miissen  loskommen.  Sie 
wollen  diese  Gedanken  mit  ihrem  Gehirn  denken.  Damit  kann  man 
aber  nur  die  aufieren  physischen  Gedanken  denken,  das  aufiere  Phy- 
sische.  Mit  diesen  Gedanken  kann  man  ganz  gut  Atome  und  Molekule 
denken  nach  Art  des  gestern  angefuhrten  Schwachsinns;  aber  was  in 
einem  solchen  Buche  wie  die  «Geheimwissenschaft  im  Umrifi»  stent,  das 
denkt  sich  nicht  durch  dieses  Gehirn.  Also  ist  es  fiir  sie  eine  Phantasie. 
Man  mufi  sich  einen  Ruck  geben,  um  loszubekommen  das  Geistig-See- 
lische.  Dann  kann  man  diese  Gedanken  schon  denken,  dann  fmdet  man 
diese  Gedanken  gar  nicht  mehr  phantastisch  und  absurd,  dann  kann 
man  sie  denken,  dann  findet  man  sie  in  vollem  Einklange  mit  dem 
Leben. 

Aber  im  Laufe  der  letzten  Jahrhunderte,  seit  der  Mitte  des  ij.Jahr- 
hunderts,  ist  die  Menschheit  immer  mehr  dazu  gekommen,  ich  mochte 
sagen,  in  sich  selbst  zusammenzusinken,  das  Geistig-Seelische  einschlaf  en 
zu  lassen  und  sich  hineinsinken  zu  lassen  in  die  Materialitat  des  Korper- 
lichen  und  nur  zu  denken  mit  dem  physischen  Gehirn,  dieses  physische 
Gehirn  automatisch  ablaufen  zu  lassen  nach  dem,  was  der  Professor, 
wenn  er  da  oben  sitzt  auf  dem  Katheder,  in  seinem  eigenen  Gehirn 
ebenso  automatisch  ablaufen  lafit.  Da  oben  der  Gehirnautomat  -  da 
unten  der  Gehirnautomat  folgt  dem  Automaten.  Und  ganze  Gruppie- 
rungen  von  Menschen  gehen  iiber  zu  einem  bloflen  materiellen  Funk- 
tionieren  des  Gehirnes,  was  ja  das  physische  Denken  ist,  sinken  in  die 
Korperlichkeit  hinein,  geben  sich  nicht  den  Ruck  von  innen  heraus,  um 
dasjenige  zu  erfassen,  was  aus  der  ubersinnlichen  Welt  gewonnen  ist. 
So  ist  es  immer  mehr  und  mehr  mit  den  Menschen  der  sogenannten  zivi- 


lisierten  Welt  seit  der  Mitte  des  1 5.  Jahrhunderts  geworden.  Und  in  der 
Mitte  des  19.  Jahrhunderts  war  gerade  derjenige  Teil  der  Menschheit, 
den  man  innerhalb  dieses  zivilisierten  Teiles  von  Europa  und  Amerika 
die  Intellektuellen  nennt,  physische  Denker  geworden. 

"Wenn  nun  Biichner  oder  Moleschott  oder  der  dicke  Vogt  kamen  und 
ein  bifichen  nachdachten  und  sich  nicht  bewufit  wurden,  dafi  da  in  ihrem 
eigenen  Denken  doch  etwas  dahintersteckt,  was  sich  einen  Ruck  geben 
sollte,  dann  schauten  sie  sich  die  Menschen  ihrer  Gegenwart  an  und  sie 
interpretierten  sie  ganz  richtig,  indem  sie  sagten:  Individualismus,  Spiri- 
tualismus  -  falsch;  die  Gehirne  denken!  -  Es  dachten  ja  audi  nur  die 
Gehirne,  der  Materialismus  hatte  ja  recht.  Das  ist  gerade  das  Geheimnis, 
dafi  die  theoretischen  Materialisten  des  19.  Jahrhunderts  nichts  Falsches 
sagten,  sondern  dafi  sie  durchaus  Richtiges  sagten.  Es  ware  sogar  eine 
Beleidigung  gewesen,  wenn  der  Kollege  X  von  dem  Kollegen  Y  gesagt 
hatte,  er  hatte  Geist  und  Seele,  denn  jener  konnte  von  ihm  der  Wahrheit 
gemafi  nur  sagen,  dafi  da  ein  Hirn  automatisch  denkt.  Es  war  also  der 
Materialismus  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  im  Grunde  genommen 
richtig,  denn  er  bezieht  sich  auf  ein  gewisses  Stadium  in  der  Entwicke- 
lung  der  Menschheit,  das  dadurch  charakterisiert  ist,  dafi  die  Menschen 
eben  materiell  geworden  sind,  dafi  ihr  Denken,  Empfinden  und  Wollen 
aus  der  Materie  heraus  aufsteigt.  Es  sind  dann  sogar  Mystiker  gekom- 
men,  die  sich  in  ihr  Inner  es  vertieft  haben;  aber  wir  wissen  ja:  gerade 
diese  Mystiker  beobachteten  nur  das  innere  Kochen  der  Materialitat 
innerhalb  der  Haut,  bis  es  zur  Flamme  wird  und  ins  Bewufitsein  hin- 
einleuchtet. 

Geisteswissenschaft  wiirde  Unrecht  tun,  wenn  sie  sich  nun  auf  einen 
blofi  logischen  Standpunkt  stellen  wiirde.  Sie  darf  nicht  sagen:  Der 
Materialismus  ist  falsch,  man  widerlege  ihn.  -  Solches  Widerlegen  ist 
die  Sehnsucht  unseres  abstrahierenden  Zeitalters.  Geisteswissenschaft 
mufi  in  der  Erkenntnis  Taten  verrichten.  Also  erstens:  die  Widerlegung 
des  Materialismus  fiir  die  materiell  gewordenen  Menschen  ist  nicht 
wahr,  zweitens  ist  nichts  getan,  wenn  man  den  Materialismus  blofi 
widerlegt,  sondern  es  handelt  sich  darum,  dafi  man  heute  unter  die 
Menschen  dasjenige  bringt,  was  sie  dazu  veranlafit,  sich  einen  Ruck  zu 
geben  und  wiederum  herauszukommen  aus  der  Materialitat,  Gedanken 


zu  hegen  und  zu  pflegen,  die  nachgedacht  sind  iibersinnlichen  Ergeb- 
nissen.  Nicht  zu  widerlegen,  sondern  zu  iiberwinden  ist  der  Materialis- 
mus!  Die  Menschen  miissen  wiederum  geistig-seelisch  werden,  miissen 
wiederum  aufwecken  ihr  Geistig-Seelisch.es.  Tat  mufi  es  sein,  den  rich- 
tigen  Materialismus  zu  iiberwinden,  nicht  irgendwie  ihn  falsch  zu 
widerlegen.  Daft  der  Materialismus  fur  die  neuere  Kulturentwickelung 
richtig  geworden  ist,  das  eben  ist  die  iible  Tatsache,  nicht  daft  er  eine 
f  alsche  Weltanschauung  ist.  Und  nicht  darum  kann  es  sich  handeln,  eine 
falsche  Weltanschauung  zu  widerlegen,  sondern  den  Menschen  in  bezug 
auf  ihre  seelischen  Taten  das  an  die  Hand  zu  geben,  daft  sie  das  Mate- 
riellwerden  der  Menschheit  iiberwinden,  sich  herausholen  aus  dem 
Materiellen.  Tat  mufi  die  hier  gemeinte  Erkenntnis  sein,  nicht  blofte 
Logik.  Das  ist  es,  um  was  es  sich  handelt. 

Das  aber  will  man  so  schwer  einsehen  heute,  wie  der  Unterschied  ist 
zwischen  einem  bloften  Herumreden  in  Bejahungen  oder  Verneinungen, 
wobei  man  nur  in  der  Sphare  abstrakter  Begriffe  bleibt,  und  dem,  was 
Tat  ist,  die  unmittelbar  aus  dem  Geistigen  herausquillt.  Man  mache  sich 
nur  einmal  klar,  wie  es  etwas  anderes  ist,  den  Materialismus  blofi  logisch 
zu  widerlegen,  weil  man  der  Meinung  ist,  er  sei  falsch,  oder  den  richtigen 
Materialismus,  der  die  Menschheit  als  eine  Krankheit  ergriffen  hat,  zu 
iiberwinden,  damit  die  Gesundung  durch  die  Spiritualitat  eintrete.  Die- 
sen  Unterschied  mufi  man  sich  klarmachen,  denn  darauf  kommt  es  heute 
an,  daft  spirituelle  Taten  verrichtet  werden  und  diese  spirituellen  Taten 
auch  hineingetragen  werden  in  das  soziale  Leben.  Dieser  Unterschied  ist 
ein  ganz  intensiver  zwischen  dem  Sich -Wohlgef alien  in  theoretischer 
Weltanschauung  und  dem  aktiven  Drinnenstehen  in  der  Erkenntnis  als 
Tat. 

Auf  diese  Dinge  mufi  das  Augenmerk  gerichtet  werden,  damit  man 
den  Unterschied  zwischen  anthroposophisch  orientierter  Geisteswissen- 
schaft  und  andern  ahnlichen  Bestrebungen  heute  gewahr  werde.  Denn 
diese  anthroposophisch  orientierte  Geisteswissenschaft  mufi  durchaus 
begriffen  werden  als  etwas,  was  mit  den  realen  Kraften  des  Auf-  und 
Niederganges  im  sozialen  Leben  zusammenhangt,  real  zusammenhangt. 

Blicken  wir  heute  nach  dem  europaischen  Osten,  da  sehen  wir,  wie 
sich  iiber  dem  russischen  Wesen,  von  dem  sich  der  Mensch  des  Westens 


und  Mitteleuropas  heute  kaum  ordentliche  BegrifTe  macht,  etwas  aus- 
breitet,  was  der  mitteleuropaische  und  westeuropaische  Mensch  gut  ver- 
stehen  kann,  wenn  er  es  audi  verabscheut,  was  sich  da  ausbreitet  als 
Leninismus,  als  Trotzkiismus.  Es  gibt  viele  Menschen,  die  glauben,  mit 
dem,  was  da  im  Osten  einmal  entstehen  werde,  habe  dieser  Leninismus 
und  Trotzkiismus  irgend  etwas  zu  tun.  Gar  nichts  haben  sie  zu  tun  mit 
dem,  was  da  im  Osten  entstehen  soil,  sondern  lediglich  mit  dem,  was  im 
Osten  zugrunde  geht,  was  weiter  zugrunde  gerichtet  wird  durch  den 
Leninismus  und  Trotzkiismus.  Das  sind  blofi  zerstorende  Krafte,  und 
was  im  Osten  entstehen  soil,  mu8  sich  gegen  diese  zerstorenden  Krafte 
herausentwickeln.  Man  mochte  sagen:  Da  im  Osten  hat  man  irgend 
etwas  als  Grundlage  (siehe  Zeichnung,  griin),  das  beachtet  man  heute 
weniger.  Dariiber  hat  sich  gebreitet  in  den  letzten  Jahren  dieser  Bol- 
schewismus,  Leninismus,  Trotzkiismus  als  zerstorende  Krafte  (weifi). 


Aber  das,  was  ich  hier  griin  angedeutet  habe,  das  will  an  die  Ober- 
flache.  Leninismus  und  Trotzkiismus  sind  lediglich  die  Fortsetzung  des 
alten  Zarismus,  und  Lenin  ist,  was  ich  hier  schon  einmal  betont  habe, 
der  Zar,  blofi  in  einem  andern  Gewande,  im  Grunde  ganz  dasselbe. 
Der  Zarismus  stirbt  im  Leninismus,  aber  als  Zarismus  stirbt  er  im 


Leninismus.  Aber  schon  seit  Jahrhunderten  arbeitet  sich  audi  gegen 
den  Zarismus  im  Osten  etwas  heraus,  was  jetzt  sein  eigenes  Dasein 
nur  mifi  versteht,  wenn  es  irgendwie  dem  Leninismus  und  dem  Trotz- 
kiismus  entgegenkommt,  und  bis  weit  nach  Asien  hinein  geschieht  das. 
Die  Menschen  werden  erst  sehen,  vor  welchen  Umwalzungen  sie  stehen; 
es  ist  nur  eine  Ruhepause  zwischen  der  letzten  Katastrophe  und  der 
folgenden.  Die  schlafenden  Seelen  werden  eines  Tages  recht  unsanft 
aufgeweckt  werden  aus  ihrem  Schlaf  wahrend  der  Ruhepause,  werden 
sich  die  Augen  wischen  und  die  Zipfelmiitze  wegziehen,  wenn  sich  die 
Katastrophe  fortsetzt.  Aber  was  sich  trotzdem  da  herausarbeitet,  das  ist 
die  Dorfgemeinde.  Und  nur  derjenige  versteht,  was  im  Osten  als  eine 
soziale  Konstitution  sich  herausarbeitet,  der  das  Wesen  der  einzelnen 
Dorfgemeinden  versteht.  Die  Dorfgemeinde  ist  das  einzig  Reale  im 
Osten.  Alles  iibrige  ist  Institution,  die  zugrunde  geht. 

Im  Westen  wird  man  zu  verstehen  haben,  wodurch  dieses  Aggregat 
der  Dorfgemeinde  organisiert  werden  kann.  Und  wodurch  das  in  ein- 
zelne  Menschenindividualitaten  verfallende  Meinungsgewebe  des  We- 
stens  audi  organisiert  werden  kann,  das  ist  lediglich  die  Dreigliederung 
des  sozialen  Organismus.  Die  Dreigliederung  des  sozialen  Organismus 
mufi  aufnehmen  die  einzelnen  Glieder  der  ostlichen  Dorfgemeinden 
und  mufi  die  zerfallenden  alten  Organismen  des  Westens,  die  sich 
individualisieren,  die  als  Aggregate  in  ihre  Einzelheiten  zerfallen,  vor 
dem  Untergang  bewahren. 

Fur  die  nachste  Zeit  bliiht  der  sogenannten  zivilisierten  Welt  nur 
eine  Alternative:  das  ist  auf  der  einen  Seite  Bolschewismus,  auf  der 
andern  Seite  Dreigliederung.  Und  wer  nicht  einsieht,  dafi  es  nur  diese 
zwei  Dinge  gibt  fur  die  nachste  Zeit,  der  versteht  heute  von  dem  Gang 
der  Ereignisse  im  grofien  eben  nichts.  Aber  ein  wirkliches  Verstandnis 
von  diesen  Dingen  kann  man  sich  ja  nur  verschafFen  dadurch,  dafi  man 
versucht,  jene  inn  ere  Erziehung,  die  man  sich  durch  Geisteswissenschaft 
aneignet,  audi  anzuwenden  auf  die  Betrachtung  und  die  Handhabung 
der  offentlichen  sozialen  Verhaltnisse. 

Es  tut  einem  heute  immer  furchtbar  leid,  wenn  man  Menschen  ihre 
geistige  Kapazitat  verpuffen  sieht  in  allerlei  alten  Programmen  und 
wenn  man  so  wenig  sehen  kann,  wie  die  Menschen  verstehen  wollen, 


dafi  ein  wirklich  Neues  notwendig  ist,  damit  der  letzte  Rest  des  Alten, 
die  aufierste  Reaktion,  der  aufierste  Konservativismus,  namlich  der 
Bolschewismus  iiberwunden  werden  kann.  Mit  denjenigen  Programmen, 
die  die  heutigen  mittleren  und  westlichen  Staatsmanner  machen,  wird 
der  Bolschewismus  ganz  gewifi  nicht  iiberwunden,  denn  in  denen  lebt 
nichts  von  dem,  was  in  jedem  Impuls  der  Zukunft  leben  mufi,  in 
denen  lebt  nichts  von  dem  neuen  Geist.  Diesen  neuen  Geist  aber  braucht 
man.  Und  wenn  dieser  neue  Geist  nicht  in  den  grofien  kulturpolitischen 
Unternehmungen  vorhanden  ist,  so  sind  die  kulturpolitischen  Unter- 
nehmungen  nur  geeignet,  die  Menschheit  in  weitere  Katastrophen 
dahingleiten  zu  lassen.  Wenn  dieser  neue  Geist  nicht  darinnen  ist  in  den 
Parteimeinungen:  die  Menschheit  gleitet  weiter  hinunter  in  Kata- 
strophen. 

Das  ist  dasjenige,  was  man  jetzt  in  alien  moglichen  Formen  iiber- 
denken  und  bedenken  sollte.  Man  wird  ja  immer  wieder  gefragt:  Ja, 
Dreigliederung  ist  schon  schon,  aber  wie  wird  sich  das  und  jenes  aus- 
nehmen,  wenn  die  Dreigliederung  des  sozialen  Organismus  eingefuhrt 
sein  wird?  -  Da  meint  eben  der  Gewiirzkramer,  wie  wird  er  dann  seine 
Gewiirze  verkaufen,  wenn  die  Dreigliederung  eingefuhrt  sein  wird 
und  so  weiter.  -  Hier  in  diesem  Saale  selbst  ist  ja  vor  einiger  Zeit  die 
Frage  gestellt  worden,  wie  es  mit  dem  Besitz  einer  Nahmaschine  im 
dreigliedrigen  sozialen  Organismus  stehen  werde.  Wenn  man  nicht  die 
Moglichkeit  hat,  diese  Fragen  im  grofien  anzufassen  und  sich  zu  sagen: 
treten  sie  im  grofien  in  das  soziale  Leben  ein,  dann  wird  sich  das  ein- 
zelne  schon  nach  ihnen  ordnen,  dann  wird  das  einzelne  schon  seine 
Gestalt  bekommen;  wenn  man  nicht  in  der  Lage  ist,  diese  grofie  Frage 
audi  im  grofien  anzufassen,  so  wird  man  sich  niemals  auf  die  Hohe 
der  heutigen  so  harten  Priifungszeit  der  Menschheit  stellen  konnen. 
Aber  da  hat  man  schon  notig,  seine  alten,  liebgewordenen  Ideen  heute 
in  spiritueller  Metamorphose  zu  sehen,  Wahrscheinlich  ist  es  audi  hier 
noch  so,  dafi,  wenn  man  am  Ende  eines  Schuljahres  die  Hef  te  der  mittel- 
europaischen  Schiiler  und  Sdiiilerinnen  daraufhin  durchsehen  wiirde, 
was  fur  Aufsatze  sie  gemacht  haben,  man  bei  einer  grofien  Anzahl  den 
Satz  als  Aufsatzthema  finden  wiirde:  «Ein  jeglicher  mufi  seinen  Helden 
warden,  dem  er  die  Wege  zum  Olymp  hinauf  sich  nacharbeitet.»  Dar- 


uber  schreiben  Pensionatstdchter,  Gymnaslasten  und  Realschiiler  schone 
Aufsatze.  Im  Leben  aber  laufen  die  Menschen  abstrakten  Parteipro- 
grammen  nach.  Auch  so  etwas  wie  diesen  Dichterspruch,  der  gewifi  an 
der  Stelle,  wo  er  in  der  Dichtung  stent,  seine  gute  Berechtigung  hat,  mufi 
man  hier  in  spiritueller  Metarmorphose  lesen.  Wir  miissen  die  An- 
schauung  in  der  geistigen  Welt  fmden,  die  hinfuhrt  zu  den  geistigen 
Wesenhafligkeiten,  unter  denen  wir  uns  zusammengruppieren. 

Was  man  friiher  als  konservatives  Programm,  als  liberales  Pro- 
gramm  anfiihrte,  was  man  heute  als  sozialdemokratisches  Programm, 
als  agrarisches  Programm  anfuhrt,  das  alles  ist  Wischiwaschi,  das  alles 
ist  abstrakte  Formulierung  ebenso  wie  alle  Frauenvereinsprogramme, 
alle  vegetarischen  Programme  und  so  weiter.  Worauf  es  ankommt,  ist, 
dafi  man  den  Gang  der  Welt  kennt  in  seiner  Durchpulsung  durch  gei- 
stige  Machte  und  dafi  man  zum  Beispiel  sich  die  Antwort  zu  geben 
vermag,  was  waltet  im  Obersinnlichen  uber  derjenigen  Menschen- 
gruppe,  die  sich  unter  irgendeinem  frauenvereinlerischen  Programm 
vereinigt  und  so  weiter.  Heute  raufi  mit  einem  gewissen  Ernste  alles 
hinaufgehoben  werden  in  die  Anschauung  von  der  geistigen,  von  der 
iibersinnlichen  Welt,  denn  nur  in  dem  Zusammenschauen  der  uber- 
sinnlichen  mit  der  sinnlichen  Welt  ist  es  moglich,  dasjenige  zu  finden, 
was  uns  in  unserer  heutigen  Zeit  schwerer  Not  und  schwerer  Priifung 
wirklich  vorwartsbringen  kann. 


DRITTER  VORTRAG 


Dornach,  8.  August  1920 


Ich  mochte  heute  einiges  von  dem  in  diesen  Tagen  Besprochenen  da- 
durch  vertiefen,  dafi  ich  an  ein  alteres  Thema  ankniipfe,  welches  eine 
Anzahl  von  Ihnen  bereits  kennen  wird.  Ich  habe  einmal  vor  Jahren 
tiber  die  Charakteristik  der  Gesamtsinnenwelt  des  Menschen  gespro- 
chen.  Sie  wissen  ja,  daft,  wenn  man  von  den  Sinnen  spricht,  man  in  ge- 
brauchlicher  Art  den  Gesichtssinn,  den  Gehorsinn,  den  Geruchssinn, 
den  Geschmackssinn  und  den  Tastsinn  aufzahlt.  In  der  letzteren  Zeit 
sind  allerdings  auch  einige  Wissenschafter  veranlaik  worden,  von  an- 
dern,  sozusagen  mehr  nach  dem  Inneren  des  Menschen  hin  gelegenen 
Sinnen  zu  sprechen,  von  einem  Gleichgewichtssinn  und  so  weiter.  Aber 
dieser  ganzen  Anschauung  von  den  menschlichen  Sinnen  fehlt  einerseits 
der  Zusammenhang  und  fehlt  andererseits  vor  alien  Dingen  das  in  sich 
Geschlossene.  Man  hat  es  eigentlich  immer  nur  mit  einem  Teil  der 
menschlichen  Sinnesorganisation  zu  tun,  wenn  man  die  gebrauchlich 
aufgezahlten  Sinne  ins  Auge  fafit.  Vollstandig  hat  man  die  Sinnes- 
organisation des  Menschen  erst  erschopft,  wenn  man  zwolf  Sinne  ins 
Auge  fafit.  Diese  zwolf  Sinne  wollen  wir  uns  heute  einmal  zunachst, 
ich  mochte  sagen,  nur  aufzahlend  und  in  kurzer  Charakteristik  vor 
Augen  fiihren. 

Man  kann  die  Aufzahlung  und  Charakteristik  der  Sinne  irgendwo 
beginnen.  Beginnen  wir  also  zum  Beispiel  damit,  dafi  wir  den  Sehsinn 
betrachten.  Wir  wollen  zunachst  ganz  aufierlich,  wie  es  ein  jeder  fur 
sich  konstatieren  kann,  die  Charakteristik  ins  Auge  fassen  (siehe  Zeich- 
nung  S.  48).  Der  Sehsinn  vermittelt  uns  die  Oberflache  der  aufieren  Kor- 
perlichkeit,  die  uns  farbig,  hell,  dunkel  und  so  weiter  entgegentritt.  Wir 
konnten  in  der  mannigfaltigsten  Weise  diese  Oberflache  beschreiben 
und  wiirden  dann  dasjenige  haben,  was  der  Sehsinn  vermittelt.  Dringen 
wir  nun  durch  die  sinnliche  Anschauung  etwas  ins  Innere  der  aufieren 
Korperlichkeit,  vermitteln  wir  uns  durch  unsere  Sinnesorganisation 
dasjenige,  was  nicht  an  der  Oberflache  liegt,  sondern  was  sich  mehr  ins 
Innere  des  Korpers  hinein  fortsetzt,  so  mufi  das  durch  den  Warmesinn 


geschehen.  Wiederum  mehr  gegen  uns  hergezogen,  an  uns  gebunden,  von 
der  Oberflache  der  Korperlichkeit  gegen  uns  zugeneigt,  nehmen  wir 
Eigenschaften  wahr  durch  den  Geschmackssinn.  Er  liegt  gewissermafien 
auf  der  andern  Seite  des  Sehsinnes.  Wenn  Sie  Farben,  Hell  und  Dunkel, 
und  wenn  Sie  den  Geschmack  ins  Auge  fassen,  dann  werden  Sie  sich 
sagen:  das  was  an  der  Oberflache  der  Korperlichkeit  Ihnen  entgegen- 
tritt,  ist  etwas  durch  den  Sehsinn  Vermitteltes.  Dasjenige,  was  in  der 
Wechselwirkung  mit  Ihrem  eigenen  Organismus  Ihnen  entgegentritt, 
was  sich  gewisserma&en  in  der  Empfindung  loslost  von  der  Oberflache 
und  gegen  Sie  zugeht,  das  vermittelt  der  Geschmackssinn. 

Nun  stellen  wir  uns  vor,  dafi  Sie  mehr  noch  in  das  Innere  der  Kor- 
perlichkeit gehen,  als  es  durch  den  Warmesinn  moglich  ist,  dafi  Sie 
gewissermafien  nicht  nur  dasjenige,  was  die  Korperlichkeit  von  aufien 
durchdringt,  aber  allerdings  im  Inneren  durchsetzt  wie  die  Warme,  ins 
Auge  fassen,  sondern  was  innere  Qualitat  der  Korper  durch  ihre  Wesen- 
heit  ist.  Zum  Beispiel:  Sie  horen  eine  metallene  Platte,  die  Sie  anschla- 
gen,  dann  nehmen  Sie  etwas  von  der  Substantiality  dieser  metallenen 
Platte  wahr,  also  von  dem  inneren  Wesen  des  Metallischen.  Wah- 
rend,  wenn  Sie  die  Warme  wahrnehmen,  Sie  durch  den  Warmesinn  nur 
dasjenige  wahrnehmen,  was  gewissermafien  als  allgemeine  Warme  die 
Korper  durchdringt,  aber  dann  allerdings  im  Inneren  ist,  so  nehmen 
Sie  also  durch  den  Horsinn  dasjenige  wahr,  was  schon  mit  dem  inneren 
Wesen  der  Korper  zusammenhangt.  Gehen  Sie  jetzt  nach  der  andern 
Seite,  so  bekommen  Sie  etwas,  was  der  Korper  auf  Sie  als  Wirkung 
ausiibt,  was  viel  starker  innerlich  ist  als  dasjenige,  was  wahrgenommen 
wird  durch  den  Geschmackssinn.  Das  Riechen  ist  materiell  viel  inner- 
licher  als  das  Schmecken.  Das  Schmecken  geschieht  gewissermafien  da- 
durch,  dafi  die  Korper  uns  nur  beriihren  und  dann  unsere  Absonde- 
rungen  sich  oberflachlich  mit  unserem  Inneren  vereinigen;  das  Riechen, 
das  ist  schon  eine  bedeutsame  Veranderung  in  unserem  Inneren,  und 
die  Nasenschleimhaut  ist  etwas,  was  viel  innerlicher  organisiert  ist  - 
natiirlich  materiell  gemeint  —  als  die  Geschmackswerkzeuge. 

Wenn  Sie  dann  noch  weiter  in  das  Innere  des  aufieren  Korperlichen 
eindringen,  wo  das  aufiere  Korperliche  schon  mehr  seelisch  wird,  dann 
dringen  Sie  ein  durch  den  Gehorsinn  in  das  Wesen  des  Metallischen, 


bekommen  Sie  gewissermafien  die  Seele  des  Metallischen,  aber  Sie  drin- 
gen noch  tief  er,  namentlich  in  das  Aufiere  ein,  wenn  Sie  nicht  nur  durch 
den  Gehorsinn  wahrnehmen,  sondern  durch  den  Wortesinn,  durch  den 
Sprachsinn.  Es  ist  eine  vollstandige  Verkennung,  dafi  man  glaubt,  mit 
dem  Gehorsinn  sei  audi  schon  dasjenige  erschopft,  was  der  Wortesinn 
in  sich  enthalt:  man  konnte  horen,  aber  man  brauchte  noch  nicht  den 
Inhalt  der  Worte  so  wahrzunehmen,  dafi  man  ihn  versteht.  Es  ist  auch 
in  bezug  auf  die  organische  Gliederung  ein  Unterschied  vorhanden 
zwischen  dem  blofien  Horen  des  Tones  und  dem  Wortewahrnehmen. 
Das  Horen  des  Tones  ist  vermittelt  durch  das  Ohr,  das  Wortewahr- 
nehmen ist  durch  andere  Organe  vermittelt,  welche  ebenso  physischer 
Natur  sind,  wie  diejenigen,  die  den  Gehorsinn  vermitteln.  Und  wir 
dringen  audi  tiefer  in  das  Wesen  eines  Aufieren  ein,  wenn  wir  es  ver- 
stehen  durch  den  Wortesinn,  als  wenn  wir  sein  inneres  Wesen  blofi  ton- 
haft  horen. 

Noch  mehr  nach  innen  gelegen,  schon  ganz  von  den  Dingen  abge- 
sondert,  viel  mehr  noch,  als  das  beim  Geruchssinn  der  Fall  ist,  ist  jene 
Vermittlung,  die  wir  nennen  konnen  die  Vermittlung  durch  den  Tast- 
sinn.  Wenn  Sie  Gegenstande  betasten,  so  nehmen  Sie  ja  eigentlich  nur 
sich  selber  wahr.  Sie  betasten  einen  Gegenstand,  der  Gegenstand  driickt 
in  einer  gewissen  Weise  stark  auf  Sie,  weil  er  hart  ist,  oder  driickt  nur 
wenig  auf  Sie,  weil  er  weich  ist.  Sie  nehmen  aber  nichts  vom  Gegen- 
stande wahr,  sondern  Sie  nehmen  nur  das  wahr,  was  in  Ihnen  selber  be- 
wirkt  wird:  die  Veranderung  in  Ihnen  selber.  Ein  harter  Gegenstand 
schiebt  Ihnen  Ihre  Organe  weit  zuriick.  Dieses  Zuruckschieben  als  eine 
Veranderung  in  Ihrem  eigenen  Organismus  nehmen  Sie  wahr,  wenn  Sie 
durch  den  Tastsinn  wahrnehmen.  Sie  sehen,  indem  wir  uns  mit  dem 
Sinneninneren  da  hineinbewegen,  gehen  wir  aus  uns  heraus.  Wir  sind 
zunachst  wenig  aus  uns  heraus  beim  Geschmackssinn,  mehr  aus  uns 
heraus  sind  wir  bei  der  Oberflache  der  Korper,  bei  dem  Sehsinn.  Wir 
dringen  schon  in  den  Korper  ein  durch  den  Warmesinn,  noch  mehr 
dringen  wir  ein  in  das  Wesen  durch  den  Horsinn,  und  schon  gar  in  das 
Innere  des  Wesens  hineinergossen  sind  wir  durch  den  Wortesinn.  Da- 
gegen  dringen  wir  in  unser  Inneres  hinein,  im  Geschmackssinn  ist  schon 
etwas  davon  vorhanden,  mehr  beim  Geruchssinn,  mehr  noch  beim  Tast- 


sinn.  Dann  aber,  wenn  wir  noch  mehr  in  unser  Inneres  eindringen,  so 
tritt  in  uns  ein  Sinn  auf,  welcher  eigentlich  gewohnlich  schon  nicht  mehr 
genannt  wird,  wenigstens  nicht  oft  genannt  wird,  ein  Sinn,  durch  den 
wir  unterscheiden,  ob  wir  stehen  oder  ob  wir  liegen,  durch  den  wir  auch 
wahrnehmen,  wie  wir,  wenn  wir  auf  unseren  zwei  Beinen  stehen,  uns  im 
Gleichgewichte  halten.  Dieses  Sich-im-Gleichgewicht-Fuhlen,  das  wird 
vermittelt  durch  den  Gleichgewichtssinn.  Da  dringen  wir  also  schon 
ganz  in  unser  Inneres  ein;  wir  nehmen  die  Beziehung  unseres  Inneren 
zur  Aufienwelt  wahr,  innerhalb  welcher  wir  uns  im  Gleichgewichte 
fuhlen.  Aber  wir  nehmen  das  ganz  in  unserem  Inneren  wahr. 

Dringen  wir  noch  mehr  in  die  aufiere  Welt  hinein,  mehr  noch,  als 
wir  es  durch  den  Wortesinn  konnen,  so  geschieht  das  durch  den  Gedan- 
kensinn.  Und  es  gehort,  um  die  Gedanken  des  anderen  Wesens  wahr- 
zunehmen,  wiederum  einfach  ein  anderes  Sinnesorgan  dazu,  als  es  der 
blofie  Wortesinn  ist.  Dagegen,  wenn  wir  noch  mehr  in  unser  Inneres 
hineindringen,  dann  haben  wir  einen  Sinn,  der  uns  innerlich  vermittelt, 
ob  wir  in  der  Ruhe  oder  ob  wir  in  der  Bewegung  sind.  Wir  nehmen  nicht 
nur  dadurch,  dafi  die  aufieren  Gegenstande  an  uns  voriibergehen,  wahr, 
ob  wir  in  Ruhe  oder  ob  wir  in  Bewegung  sind,  wir  konnen  innerlich  an 
unserer  Muskelverlangerung  und  -verkiirzung,  an  der  Konfiguration 
unseres  Leibes,  insofern  sich  diese  verandert,  wenn  wir  uns  bewegen, 
wahrnehmen,  inwiefern  wir  bewegt  sind  und  so  weiter.  Das  geschieht 
durch  den  Bewegungssinn. 

Wenn  wir  Menschen  gegeniiberstehen,  dann  nehmen  wir  nicht  nur 
ihre  Gedanken  wahr,  sondern  wir  nehmen  auch  das  Ich  selber  wahr. 
Und  auch  das  Ich  ist  noch  nicht  wahrgenommen,  wenn  man  blofi  die 
Gedanken  wahrnimmt.  Gerade  aus  demselben  Grunde,  warum  wir 
abgesondert  den  Horsinn  vom  Sehsinn  statuieren,  mussen  wir,  wenn 
wir  auf  die  feineren  Gliederungen  der  menschlichen  Organisation  ein- 
gehen,  auch  einen  besonderen  Ichsinn,  einen  Sinn  fur  die  Ich-Wahr- 
nehmung  statuieren.  Indem  wir  in  das  Ich  eines  andern  Menschen  wahr- 
nehmend  eindringen,  gehen  wir  am  meisten  aus  uns  selber  heraus. 

Wann  gehen  wir  am  meisten  in  uns  selber  hinein?  Nun,  wenn  wir  im 
allgemeinen  Lebensgefiihl  dasjenige  wahrnehmen,  was  wir  im  wachen 
Zustande  immer  eben  als  unser  Bewufttsein  haben,  dafi  wir  sind,  dafi 


3nspirationen 

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mnerlid,en,  £r2eben    ^        w   \  <ff^Ani^&n 


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Intuition^,,,,,/'     Wortesm'n    ^  ]7r^es,'n"^1maqir,atio«en 

amaginatlonw 


'i  -to.    /       y   t  y    s  ' 
"SteicljQewicljtji'niq 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung   Buch:  199      Seite:  4  8 


wir  uns  innerlich  erfiihlen,  dafi  wir  wir  sind.  Das  wird  vermittelt  durch 
den  Lebenssinn. 

Damit  habe  ich  Ihnen  die  zwolf  Sinne,  die  das  vollstandige  System 
der  Sinnesorgane  geben,  hingeschrieben.  Sie  sehen  nun  ohne  weiteres 
daraus,  daft  eine  gewisse  Anzahl  von  unseren  Sinnen  gewissermafien 
mehr  nach  aufien  gerichtet  ist,  mehr  darauf  gerichtet  ist,  in  die  Aufien- 
welt  einzudringen.  Wir  konnen,  wenn  wir  das  Ganze  (siehe  Zeich- 
nung)  als  den  Umfang  unserer  Sinneswelt  ansehen,  sagen:  Ichsinn, 
Gedankensinn,  Wortesinn,  Horsinn,  Warmesinn,  Sehsinn,  Geschmacks- 
sinn,  das  sind  die  Sinne,  welche  mehr  nach  aufien  gerichtet  sind.  Dahin- 
gegen,  wo  wir  mehr  uns  selbst  wahrnehmen  an  den  Dingen,  wo  wir 
mehr  die  Wirkungen  der  Dinge  in  uns  wahrnehmen,  da  haben  wir  die 
andern  Sinne:  Lebenssinn,  Bewegungssinn,  Gleichgewichtssinn,  Tast- 
sinn,  Geruchssinn.  Sie  bilden  mehr  das  Gebiet  des  Inneren  des  Menschen; 
es  sind  Sinne,  welche  sich  nach  innen  offnen  und  durch  das  Wahrnehmen 
des  Inneren  uns  unser  Verhaltnis  zum  Kosmos  vermitteln  (siehe  Zeich- 
nung,  schraffiert).  So  dafi  also,  wenn  wir  das  vollstandige  System 
der  Sinne  haben,  wir  sagen  konnen:  Wir  haben  sieben  mehr  nach  aufien 
gerichtete  Sinne.  Der  siebente  Sinn  ist  schon  zweifelhaft:  Der  Ge- 
schmackssinn  steht  schon  an  der  Grenze  zwischen  dem,  was  die  aufieren 
Korper  betrifft  und  dem,  was  die  aufieren  Korper  als  Wirkung  auf  uns 
ausiiben.  Die  andern  fiinf  Sinne  sind  solche  Sinne,  welche  uns  durchaus 
innere  Vorgange  zeigen,  die  in  uns  sich  abspielen,  die  aber  Wirkungen 
der  Aufienwelt  auf  uns  sind.  Was  ich  nun  heute  an  diese  Sinnesgliede- 
rung,  die  den  meisten  von  Ihnen  bekannt  sein  wird,  anfugen  mochte, 
ist  das  Folgende. 

Sie  wissen,  wenn  der  Mensch  aufsteigt  von  der  gewohnlichen  Sinnes- 
erkenntnis  zur  hoheren  Erkenntnis,  kann  er  es  dadurch  tun,  dafi  er  mit 
seinem  Geistig-Seelischen  aus  seinem  physischen  Leib  heraustritt.  Dann 
treten  die  hoheren  Arten  des  Erkennens  auf:  Imagination,  Inspiration, 
Intuition.  Ich  mochte  sagen:  beschreibend  sind  Imagination,  Inspiration, 
Intuition  ja  geschildert  in  meiner  «Geheimwissenschaft  im  Umrifi»  und 
in  meiner  Schrift  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Wel- 
ten?».  Aber  Sie  werden  sich  leicht  vorstellen  konnen,  dafi  wir,  gerade 
wenn  wir  diese  Gliederung  der  Sinne  vor  uns  haben,  zu  einer  beson- 


deren  Charakteristik  dessen  gelangen  konnen,  was  Anschauung  der 
hoheren  Welten  ist.  Wir  dringen  aus  uns  heraus.  Uber  weldie  Grenze 
schreiten  wir  denn  da?  Wenn  wir  in  uns  bleiben,  wenn  wir  in  uns 
stecken,  dann  sind  die  Sinne  unsere  Grenzen;  wenn  wir  aus  uns  heraus- 
dringen,  dann  dringen  wir  durch  die  Sinne  nadi  aufien.  Es  ist  ganz,  ich 
mochte  sagen,  selbstverstandlich,  dafi,  wenn  unser  Geistig-Seelisches 
die  Leibeshulle  verlafit,  es  durdi  die  Sinne  nach  aufien  dringt.  Wir  kom- 
men  also  durch  die  au£eren  Sinne,  durch  den  Geschmackssinn,  den 
Sehsinn,  den  Warmesinn,  den  Horsinn,  den  Wortesinn,  den  Gedanken- 
sinn  und  den  Ichsinn  nach  aufien.  Wir  werden  nachher  sehen,  wohin 
wir  kommen,  wenn  wir  durch  die  andere  Grenze,  wo  die  Sinne  sich 
nach  innen  offnen,  nach  innen  dringen.  Also  wir  dringen  durch  die 
Sinne  nach  aufien,  indem  wir  mit  unserem  Geistig-Seelischen  gewisser- 
mafien  unsere  Leibesgrenze  verlassen.  Da  passieren  wir  zum  Beispiel 
den  Sehsinn  nach  auften:  das  heifit,  wir  dringen  mit  unserem  Geistig- 
Seelischen  nach  aufien,  indem  wir  unsere  Sehwerkzeuge  zuriicklassen. 
Indem  wir  uns  bewegen  in  der  Welt,  mit  dem  seelischen  Auge  sehend, 
aber  die  physischen  Augen  zuriicklassend,  wenn  wir  also  gerade  durch 
das  Auge  verlassen  unsere  Leiblichkeit,  kommen  wir  in  jene  Region 
hinein,  wo  die  Imagination  waltet  (siehe  Zeichnung  Seite  48). 

Und  wenn  wir  wirklich  imstande  sind,  durch  die  Initiation  gerade 
durch  das  Auge  hinauszudringen  in  die  geistige  Welt,  dann  bekommen 
wir  reine  Imaginationen,  Imaginationen,  die,  ich  mochte  sagen,  Bilder 
sind,  so  wie  der  Regenbogen  ein  Bild  ist,  reine  Bildimaginationen,  we- 
bend  und  lebend  im  Seelisch-Geistigen.  Noch  tingiert  mit  den  letzten 
Resten  materiellen  Daseins  erscheinen  die  Bilder,  wenn  wir  durch  das 
Geschmacksorgan  nach  aufien  dringen.  So  dafi  wir  also  sagen  konnen: 
Dringen  wir  durch  das  Geschmacksorgan  nach  aufien,  so  sind  die  Ima- 
ginationen tingiert,  also  f  ormlich  betupft  mit  Materialitat.  Wir  bekom- 
men nicht  reine  duftige  Bilder  wie  beim  Regenbogen,  sondern  wir  bekom- 
men etwas,  was  tingiert  ist,  was  gewissermafien  im  Bilde  etwas  wie 
einen  letzten  Rest  des  Materiellen  enthalt:  wir  bekommen  Gespenster, 
richtige  Gespenster,  wenn  wir  durch  das  Geschmacksorgan  den  physischen 
Leib  verlassen.  Verlafit  man  durch  den  Warmesinn  den  physischen  Leib, 
so  bekommt  man  die  Bilder  auch  tingiert.  Die  Bilder,  die  sonst  rein  sind, 


ich  mochte  sagen,  wie  der  Regenbogen,  die  erscheinen  dann  so,  dafi  sie 
uns  seelisdi  in  einer  gewissen  Weise  aff  izieren.  Das  macht  jetzt  ihre  Tin- 
gierung  aus.  Beim  Geschmacksorgan  verdichtet  sich  gleichsam  das  Bild 
zum  Gespensterhaften.  Wenn  wir  aber  durch  denWarmesinn  nach  aufien 
gehen,  bekommen  wir  allerdings  audi  Imaginationen,  aber  Imaginatio- 
nen,  welche  seelisdi  wirken,  welche  sympathisch,  antipathisch  wirken, 
welche  seelisdi  warm  oder  kalt  wirken.  Also  die  Bilder  erscheinen  nicht 
in  der  gleichen  Weise  gelassen  wie  die  andern,  sondern  sie  erscheinen 
warm  oder  kalt,  aber  seelisdi  warm  oder  kalt. 

Wenn  wir  nun  durch  unser  Ohr,  durch  den  Gehorsinn  unseren  Leib 
verlassen,  dann  kommen  wir  hinaus  in  die  geistig-seelische  Welt  und 
erleben  die  Inspiration.  Also  hier  vorher  (in  der  Zeichnung)  erleben 
wir  Imaginationen,  tingiert  mit  seelisdi  Affizierendem;  wenn  wir  durch 
den  Gehorsinn  unseren  Leib  verlassen,  dringen  wir  in  das  Gebiet  der 
Inspiration.  Wahrend  sonst  diese  Sinne  mehr  nach  aufien  hin  gehen, 
dringt  jetzt  das,  was  da  vom  Warmesinn  zum  Gehorsinn  heriiber- 
kommt,  wenn  wir  den  Leib  verlassen,  mehr  in  unser  seelisch-geistiges 
Inneres  ein.  Denn  Inspirationen  gehoren  mehr  dem  seelisch-geistigen 
Inneren  an  als  Imaginationen,  wir  werden  mehr  beruhrt,  nicht  nur 
aflfektiv,  sondern  wir  fiihlen  uns  durchdrungen  mit  Inspirationen,  wie 
wir  uns  leiblich  durchdrungen  fiihlen  mit  der  Luft,  die  wir  eingeatmet 
haben,  so  fiihlen  wir  uns  seelisdi  durchdrungen  mit  den  Inspirationen, 
in  deren  Region  wir  hineingelangen,  wenn  wir  durch  den  Gehorsinn 
unseren  Leib  verlassen. 

Wenn  wir  durch  den  Wortesinn,  durch  den  Sprachsinn  unseren  Leib 
verlassen,  dann  tingieren  sich  wiederum  die  Inspirationen.  Das  ist  etwas, 
was  ganz  besonders  wichtig  ist,  dafi  man  kennenlernt  dasjenige  Organ, 
das  ebenso  real  da  ist  in  der  physischen  Organisation,  wie  der  Gehor- 
sinn da  ist,  wenn  man  sich  ein  Gefiihl  erwirbt  zunachst  fur  das,  was  der 
Sprachsinn  ist.  Wenn  man  durch  dieses  Organ  den  physischen  Leib 
mit  dem  Geistig-Seelischen  verlafit,  so  tingiert  sich  die  Inspiration  mit 
innerlichem  Erleben,  mit  dem  Sich-Eins-Fuhlen  mit  dem  fremden 
Wesen. 

Wenn  wir  durch  den  Gedankensinn  unseren  Leib  verlassen,  dann 
dringen  wir  in  das  Gebiet  der  Intuitionen.  Und  wenn  wir  durch  den 


Idisinn  unseren  Leib  verlassen,  dann  sind  die  Intuitionen  tingiert  mit 
Wesenhaftem  der  geistigen  Aufienwelt. 

So  dringen  wir  immer  mehr  und  mehr  in  das  Wesenhafte  der  gei- 
stigen Aufienwelt  ein,  sobald  wir  mit  unserem  Geistig-Seelisdien  den 
Leib  verlassen,  und  wir  konnen  immer  hinweisen  darauf ,  wie  eigentlich 
das,  was  uns  umgibt,  die  geistige  Welt  ist.  Aber  der  Mensch  ist  gewisser- 
mafien  herausgedrangt  aus  der  geistigen  Welt.  Was  da  hinter  den  Sinnen 
ist,  nimmt  er  ja  erst  wahr,  wenn  er  durch  sein  Geistig-Seelisches  den 
Leib  verlafit.  Aber  es  driickt  sidi  ab  durch  die  Sinne:  Es  erscheinen  uns 
die  Intuitionen  durch  den  Ich-  und  den  Gedankensinn,  aber  nur  die 
Abdriicke  davon;  die  Inspirationen  durch  den  Wortesinn  und  den  Hor- 
sinn,  aber  wiederum  nur  Abdriicke  davon;  die  Imaginationen  durch  den 
Warmesinn  und  den  Sehsinn,  und  ein  wenig  durch  den  Geschmackssinn, 
aber  abgetont,  hereingenommen,  ins  Sinnliche  verwandelt.  Schematisch 
konnte  man  die  Sache  so  zeichnen:  An  der  Grenze  ist  die  Wahrneh- 
mung  der  Sinneswelt  (siehe  Zeichnung,  rot);  gelangt  man  hinaus  mit 


dem  Geistig-Seelischen,  so  dringt  man  in  die  geistige  Welt  ein  (siehe 
Zeichnung,  gelb)  durch  Imagination,  Inspiration  und  Intuition.  Und 
das  zu  Imaginierende,  das  zu  Inspirierende,  zu  Intuitierende,  das  ist  da 
draufien.  Aber  indem  es  in  uns  eindringt,  wird  es  zu  unserer  Sinneswelt. 


rot 


Sie  sehen:  Atome  sind  nicht  da  draufien,  wie  es  sich  die  Materialisten 
phantasieren,  sondern  da  draufien  ist  die  Welt  des  Imaginativen,  des 
Inspirierten,  des  Intuitiven.  Und  indem  diese  Welt  auf  uns  wirkt,  ent- 
stehen  die  Abdriicke  davon  in  den  aufieren  Sinneswahrnehmungen.* 
Daraus  sehen  Sie,  dafi  -  wenn  wir  durch  unsere  Haut,  welche  die  Sinnes- 
organe  umschlieik,  gewissermafien  nach  aufien  dringen,  aber  nach  den 
verschiedenen  Richtungen  hin,  in  denen  die  Sinne  wirken  -  wir  dann  in 
die  objektive  geistig-seelische  Welt  hineingelangen.  Da  dringen  wir 
durch  die  Sinne,  die  wir  als  nach  aufien  sich  offnend  erkannt  haben, 
in  die  Auflenwelt  ein. 

Sie  sehen  also,  dafi  der  Mensch,  wenn  er  durch  seine  Sinne  in  die 
Aufienwelt  dringt,  wenn  er  die  Schwelle,  die,  wie  Sie  daraus  ersehen, 
sehr  nahe  ist,  nach  der  Aufienwelt  hin  iiberschreket,  er  in  die  objektiv 
geistig-seelische  Welt  hineindringt.  Das  ist  das,  was  wir  durch  Geistes- 
wissenschaft  zu  erreichen  versuchen:  in  diese  objektive  geistig-seelische 
Welt  einzudringen.  Wir  kommen  zu  einem  Hoheren,  indem  wir  durch 
unsere  aufieren  Sinne  in  dasjenige  eindringen,  was  innerhalb  der  Sinnes- 
welt  durch  einen  Schleier  fur  uns  bedeckt  ist. 

Wie  ist  es  nun,  wenn  wir  durch  die  inneren  Sinne,  den  Lebenssinn,  den 
Bewegungssinn,  den  Gleichgewichtssinn,  den  Tastsinn,  den  Geruchssinn 
in  unser  Inneres  eindringen,  wenn  wir  -  ebenso,  wie  wir  durch  die 
aufieren  Sinne  nach  aufien  dringen  -  durch  diese  inneren  Sinne  in  uns 
eindringen?  Da  nimmt  sich  die  Sache  iiberhaupt  anders  aus.  Schreiben 
wir  uns  noch  einmal  diese  inneren  Sinne  auf:  Geruchssinn,  Tastsinn, 
Gleichgewichtssinn,  Bewegungssinn,  Lebenssinn.  Was  da  eigentlich  in 
uns  vorgeht,  das  wird  da  nicht  wahrgenommen.  Wir  nehmen  im  ge- 
wohnlichen  Leben  eigentlich  das,  was  im  Bereiche  dieser  Sinne  vorgeht, 
nicht  wahr;  das  bleibt  unterbewufk.  Dasjenige,  was  wir  im  gewohn- 
lichen  Leben  durch  diese  Sinne  wahrnehmen,  ist  schon  heraufgestrahlt 
in  das  Seelische. 

Sehen  Sie,  wenn  das  die  aufiere  geistige  Welt  der  Imagination,  Inspi- 
ration, Intuition  ist  (siehe  Zeichnung  S.  54,  rot),  so  strahlt  sie  gewisser- 
mafien  auf  unsere  Sinne,  und  durch  die  Sinne  wird  vor  uns  hingestellt, 
wird  die  sinnliche  Welt  eben  erzeugt.  Da  wird  also  um  eine  Stufe  herein- 
geschoben  die  aufiere  Geistwelt.  Was  aber  diese  Sinne  umschliefit,  und 


was  da  unten  in  der  Korperlichkeit  wiihlt  (orange),  das  nimmt  man  un- 
mittelbar  nicht  wahr.  So  wie  man  unmittelbar  nicht  wahrnimmt  die 
objektive  aulSere  Geistwelt,  sondern  nur  in  ihrer  Hereingeschobenheit 
in  unsere  Sinne,  so  nimmt  man  unmittelbar  audi  nicht  das  wahr,  was  da 
in  unserem  Korper  wiihlt,  sondern  nur  das  Heraufgeschobensein  in  das 
Seelische.  Man  nimmt  gewissermafien  die  seelischen  Wirkungen  dieser 
inneren  Sinne  wahr.  Sie  nehmen  nicht  die  Vorgange  wahr,  welche  die 
Lebensvorgange  sind,  sondern  Sie  nehmen  wahr  vom  Lebenssinn  (siehe 
Zeichnung  Seite  48),  was  Gefiihl  ist  da  von,  was  Sie  nicht  wahrnehmen, 
wenn  Sie  schlafen,  was  Sie  wahrnehmen  als  innere  Behaglichkeit  beim 
Wachen,  als  das  Durchbehaglichtsein,  was  nur  gestort  ist,  wenn  einem 
irgend  etwas  weh  tut  in  seinem  Inneren.  Da  ist  der  Lebenssinn,  der  sonst 
als  Behaglichkeit  heraufstrahlt,  so,  dafi  er  gestort  ist,  geradeso  wie  ein 
aufierer  Sinn  gestort  ist,  wenn  man  zum  Beispiel  schlecht  hort.  Aber  im 
ganzen  lebt  sich  beim  gesunden  Menschen  der  Lebenssinn  als  Behaglich- 
keit aus.  Jenes  Durchdrungensein  von  Behaglichkeit,  erhoht  nach  einer 
wiirzigen  Mahlzeit,  etwas  herabgestimmt  beim  Hunger,  dieses  allge- 
meine  innerliche  Sich-Fuhlen,  das  ist  die  in  die  Seele  hineingestrahlte 
Wirkung  des  Lebenssinnes. 

Der  Bewegungssinn  (siehe  Zeichnung  Seite  48),  dasjenige,  das  da  in 
uns  vorgeht,  indem  wir  durch  Verkiirzung  und  Verlangerung  unserer 
Muskeln  wahrnehmen,  ob  wir  gehen  oder  stehen,  ob  wir  springen  oder 
tanzen,  also  wodurch  wir  wahrnehmen,  ob  und  wie  wir  in  Bewegung 
sind,  das  gibt,  in  die  Seele  hineingestrahlt,  jenes  Freiheitsgefuhl  des 
Menschen,  das  ihn  sich  als  Seele  emipfrnden  lafit:  Empfindung  des  eige- 
nen  freien  Seelischen.  Dafi  Sie  sich  als  eine  freie  Seele  empfinden,  das 
ist  die  Ausstrahlung  des  Bewegungssinnes,  das  ist  das  Hereinstrahlen 


der  Muskelverkiirzungen  und  Muskelverlangerungen  in  Ihr  Seelisches, 
so  wie  die  innere  Behaglichkeit  oder  Unbehaglichkeit  das  Hereinstrah- 
len  der  Ergebnisse,  der  Erfahrungen  desLebenssinnesin  Ihr  Seelisches  ist. 

Wenn  der  Gleichgewichtssinn  hereinstrahlt  in  das  Seelische,  da  losen 
wir  schon  sehr  stark  dieses  Seelische  los.  Denken  Sie  nur  einmal,  wie 
wenig  wir  darauf  aus  sind  -  wenn  wir  nicht  gerade  ohnmachtig  gewor- 
den  sind,  dann  wissen  wir  nichts  davon  — ,  unmittelbar  wirklich  zu 
empfinden,  dafi  wir  in  die  Welt  im  Gleichgewichte  hineingestellt  sind. 
Wie  empfinden  wir  denn,  in  die  Seele  hineingestrahlt,  die  Erlebnisse 
des  Gleichgewichtssinnes?  Das  ist  schon  ganz  seelisch:  wir  empfinden  das 
als  innere  Ruhe,  als  jene  innere  Ruhe,  welche  macht,  dafi,  wenn  ich 
von  da  bis  hierher  gehe,  ich  doch  nicht  zuriicklasse  den,  der  da  in  mei- 
nem  Korper  steckt,  sondern  ihn  mitnehme;  der  bleibt  ruhig  derselbe. 
Und  so  konnte  ich  durch  die  Lufl  fliegen,  ich  wiirde  ruhig  derselbe  blei- 
ben.  Das  ist  dasjenige,  was  uns  unabhangig  erscheinen  lafit  von  der  Zeit. 
Ich  lasse  mich  auch  heute  nicht  zuriick,  sondern  ich  bin  morgen  derselbe. 
Dieses  Unabhangigsein  von  der  Korperlichkeit,  das  ist  das  Hineinstrah- 
len  des  Gleichgewichtssinnes  in  die  Seele.  Es  ist  das  Sich-als-Geist- 
Fiihlen. 

Noch  weniger  nehmen  wir  wahr  die  inneren  Vorgange  des  Tast- 
sinnes.  Die  projizieren  wir  ja  ganz  nach  aufien.  Wir  fiihlen  den  Korpern 
an,  ob  sie  hart  oder  weich  sind,  ob  sie  rauh  oder  glatt  sind,  ob  sie  seidig 
sind  oder  wollen;  wir  projizieren  die  Erlebnisse  des  Tastsinnes  ganz 
in  den  aufieren  Raum.  Eigentlich  ist  das,  was  wir  im  Tastsinn  haben, 
ein  inneres  Erlebnis,  aber  was  da  innerlich  vorgeht,  das  bleibt  ganz  im 
Unbewufiten.  Davon  ist  nur  ein  Schatten  vorhanden  in  den  Eigen- 
schaften  des  Tastsinnes,  die  wir  den  Korpern  zuschreiben.  Aber  das 
Organ  des  Tastsinnes,  das  macht,  dafi  wir  die  Gegenstande  seiden  oder 
wollen,  hart  oder  weich,  rauh  oder  glatt  fiihlen.  Das  strahlt  auch  ins 
Innere  herein,  das  strahlt  in  die  Seele  herein;  nur  merkt  der  Mensch 
den  Zusammenhang  seines  seelischen  Erlebnisses  mit  dem,  was  der 
aufiere  Tastsinn  ertastet,  nicht,  weil  die  Dinge  sich  sehr  difFerenzieren  - 
was  da  ins  Innere  hineinstrahlt  und  was  nach  aulSen  hin  erlebt  wird. 
Aber  dasjenige,  was  da  ins  Innere  hineinstrahlt,  ist  nichts  anderes  als 
das  Durchdrungensein  mit  dem  Gottgefiihl.  Der  Mensch  wiirde,  wenn 


er  keinen  Tastsinn  hatte,  das  Gottgefuhl  nicht  haben.  Was  da  im 
Tastsinn  sich  als  Rauheit  und  Glatte,  Harte  und  Weichheit  erfuhlt,  das 
ist  das  nach  aufien  Strahlende;  was  sich  zuruckschlagt  in  der  Seelener- 
scheinung,  das  ist  das  Durchdrungensein  mit  der  allgemeinen  Welt- 
substantialitat,  das  Durchdrungensein  mit  dem  Sein  als  solchem.  Wir 
konstatieren  das  Sein  der  aufieren  Welt  gerade  durch  den  Tastsinn.  Wir 
glauben  noch  nicht,  wenn  wir  irgend  etwas  sehen,  dafi  es  audi  im  Raume 
vorhanden  ist;  wir  iiberzeugen  uns,  dafi  es  im  Raume  vorhanden  ist, 
wenn  der  Tastsinn  es  ertasten  kann.  Dasjenige,  was  alle  Dinge  durch- 
dringt,  was  auch  in  uns  hereindringt,  was  Sie  alle  halt  und  tragt,  diese 
alles  durchdringende  Gottsubstanz  kommt  ins  Bewufitsein  und  ist,  nach 
innen  reflektiert,  das  Erlebnis  des  Tastsinnes. 

Der  Geruchssinn:  seine  Ausstrahlung  nach  aufien  kennen  Sie.  Wenn 
der  Geruchssinn  aber  seine  Erlebnisse  nacb  innen  strahlt,  dann  merkt 
der  Mensch  schon  gar  nicht  mehr,  wie  diese  inneren  Erlebnisse  mit  den 
aufieren  Erlebnissen  zusammenfallen.  Wenn  der  Mensch  irgend  etwas 
riecht,  so  ist  das  die  Ausstrahlung  seines  Geruchssinn  es  nach  auEen;  er 
projiziert  die  Bilder  nach  aufien.  Aber  diese  Wirkung  projiziert  sich 
auch  nach  innen.  Der  Mensch  beachtet  sie  nur  seltener  als  die  Wirkung 
nach  aufien.  Manche  Leute  riechen  gern  wohlriechende  Dinge,  da  beob- 
achten  sie  die  Ausstrahlung  des  Geruchssinnes  nach  aufien.  Aber  es  gibt 
auch  Leute,  die  sich  dem  hingeben,  was  da  als  die  Wirkung  des  Geruchs- 
sinnes nach  innen  so  intensiv  das  Innere  ergreift,  was  nicht  nur  wie  das 
Gottesgefuhl  den  Menschen  durchdringt,  sondern  was  sich  so  hinein- 
setzt  in  den  Menschen,  dafi  er  es  als  mystisches  Einssein  mit  Gott 
empfindet. 

5.  Geruchssinn  =  mystisches  Einssein  mit  Gott 

4.  Tastsinn  =  Durchdrungensein  mit  dem  Gottgefuhl 

3.  Gleichgewichtssinn  ==  innere  Ruhe,  sich  als  Geist  fiihlen 

2.  Bewegungssinn        =  Empfindung  des  eigenen  freien  Seelischen 

1.  Lebenssinn  =  Behaglichkeit 

Sie  sehen,  man  mufi  sich,  wenn  man  die  Dinge  durchschaut,  so  wie  sie 
wirklich  in  der  Welt  sind,  von  manchem  sentimentalen  Vorurteile  los- 
machen.  Denn  manch  einer  wird  ganz  sonderbare  Gefiihle  haben,  wenn 


er  Mystiker  sein  will  und  nun  erfahrt,  was  eigentlich  dieses  mystische 
Erlebnis  im  Verhaltnis  zur  Sinneswelt  ist:  es  ist  das  in  das  Innere  der 
Seele  einstrahlende  Geruchssinn-Erlebnis. 

Man  braucht  vor  solchen  Dingen  nicht  zu  erschrecken,  denn  audi 
unsere  Empfindungen  bilden  wir  ja  nur  in  der  aufieren  konventionellen 
Scheinwelt,  in  der  Maja.  Und  warum  sollte  man  denn,  wenn  man  den 
Geruchssinn  nicht  gleich  als  etwas  vom  Hochsten  betrachtet,  dieses 
Majaurteil  iiber  den  Geruchssinn  beibehalten?  Warum  sollte  man  denn 
nicht  in  der  Lage  sein,  diesen  Geruchssinn  in  seinem  hoheren  Aspekt 
zu  betrachten,  wo  er  der  Schopfer  der  inneren  Erlebnisse  des  Menschen 
wird?  Ja,  die  Mystiker  sind  manchmal  arge  Materialisten,  sie  verdam- 
men  die  Materie,  sie  wollen  sich  iiber  die  Materie  erheben,  weil  die 
Materie  etwas  so  Niedriges  ist,  und  sie  erheben  sich  iiber  die  Materie, 
indem  sie  sich  innerlich  wohlgef  allig  den  Wirkungen  des  Geruchssinnes 
nach  innen  hingeben. 

Wer  fur  solche  Dinge  eine  feinere  Empf anglichkeit  und  Empfindlich- 
keit  hat,  der  wird  gerade  bei  ausgesprochenen  Mystikern  sympathischer 
Art,  wie  der  Mechthild  von  Magdeburg  oder  der  heiligen  Therese  oder 
Johannes  vom  Kreuz,  wenn  sie  ihre  inneren  Erlebnisse  beschreiben  -  und 
solche  Personlichkeiten  beschreiben  sehr  anschaulich  an  der  besonde- 
ren  Art  der  Erlebnisse  die  Dinge  «riechen».  Mystik,  audi  bei  Meister 
Eckhart  oder  bei  Johannes  Taulery  ist  ebensogut,  ja  adaquater  zu  riechen, 
als  mit  Wollust  durch  die  seelische  Empfindung  einzusaugen.  Wenn  man 
zum  Beispiel  die  Beschreibung  der  mystischen  Erlebnisse  der  heiligen 
Therese  nimmt  oder  der  Mechthild  von  Magdeburg,  so  hat  man  einen 
sufilichen  Geruch  in  seinem  Inneren,  wenn  man  die  Dinge  okkult  ver- 
steht.  Wenn  man  die  Mystik  des  Tauler,  des  Meister  Eckhart  nimmt, 
dann  hat  man  so  etwas  von  einem  Geruch,  wie  etwa  die  Rautepflanze 
riecht,  einen  herben,  aber  nicht  unsympathischen  Geruch. 

Kurz,  das  Eigentumliche,  das  Frappierende,  das  einem  da  entgegen- 
tritt,  besteht  darin,  dafi,  wenn  man  sich  durch  die  Sinne  nach  aufien 
entfernt,  man  in  eine  hohere  Welt  hineinkommt,  in  eine  objektiv  gei- 
stige  Welt.  Wenn  man  hinuntersteigt  durch  Mystik,  durch  das  Durch- 
drungensein  mit  dem  Gottgefiihl,  durch  die  innere  Ruhe  des  Sich-als- 
Geist-Fiihlen,  durch  das  Sich-seelisch-frei-Fiihlen,  durch  die  innere  Be- 


haglichkeit:  dann  kommt  man  in  Korperlichkeit,  in  Materialitat  hinein, 
was  ich  Ihnen  ja  schon  angedeutet  habe  in  diesen  Betrachtungen.  Beim 
inneren  Erleben  kommt  man,  majahaft  gesprochen,  immer  in  niedrigere 
Regionen  hinein  als  diejenigen,  die  man  schon  im  gewohnlichen  Leben 
hat.  Beim  aufieren  Sich-Erheben  iiber  die  Sinne  kommt  man  in  hohere 
Regionen  hinein.  Daraus  sehen  Sie  wohl  audi,  wie  es  darauf  ankommt, 
dafi  man  sich  iiber  diese  Dinge  keinen  Illusionen  hingibt,  dafi  man  vor 
alien  Dingen  sich  nicht  der  Illusion  hingibt,  dafi  man  glaubt,  man  dringe 
in  eine  besondere  Geistigkeit  ein,  wenn  man  durch  das  mystische  Sich- 
Einsfiihlen  mit  dem  Gottlichen  in  sein  Inneres  hineinsteigt.  Nein,  da 
steigt  man  nur  in  die  Ausstrahlungen  seiner  Nase  nach  innen  hinein. 
Und  diejenigen  Mystiker,  die  am  meisten  geliebt  werden,  die  geben 
uns  durch  ihre  Beschreibungen  dasjenige,  was  sie  durch  die  Ausstrah- 
lungen der  nach  innen  fortgesetzten  Nase  in  ihrem  Inneren  fuhlen. 

Sie  sehen:  redet  man  von  jenseits  der  Schwelle,  redet  man  von  der 
geistigen  Welt  aus  iiber  die  Angelegenheiten  dieser  Welt,  dann  mufi 
man  in  ganz  andern  Worten  reden,  als  die  Menschen  es  sich  von  dieser 
physischen  Welt  aus  vorstellen.  Das  sollte  Sie  eigentlich  nicht  verwun- 
dern,  denn  Sie  brauchen  ja  nicht  erwarten,  dafi  die  geistige  Welt  jenseits 
der  Schwelle  eine  blofie  Doublette  dieser  physischen  Welt  hier  sei.  Solche 
Doubletten  konnen  Sie  einzig  und  allein  erleben,  wenn  Sie  die  Beschrei- 
bungen der  hoheren  Welt  in  der  Esoterik  des  Islam  lesen,  oder  wenn 
Sie  die  Beschreibungen  des  Devachan  vom  Herrn  Leadbeater  lesen.  Da 
haben  Sie,  nur  ein  wenig  verandert,  aber  im  Grunde  genommen  Doub- 
letten von  dieser  Welt.  Das  ist  den  Leuten  sehr  behaglich.  Insbesondere 
bei  denen,  welche  ein  gewisses  Salonleben  in  guten  Kleidern  und  bei 
sonst  hinreichenden  Gelustebefnedigungen  hier  in  der  physischen  Welt 
fiihren,  kann  man  es  leicht  finden,  dafi  sie  auch  jenen  Devachansalon, 
in  dem  man  sich  dann  auf  halten  kann,  wie  in  einer  ahnlichen  Weise  in 
den  Salons  hier,  nach  ihrem  Tode  betreten,  wie  es  ihnen  ja  auch  Herr 
Leadbeater  beschreibt.  In  dieser  bequemen  Lage  ist  derjenige  nicht, 
der  die  Wahrheiten  der  geistigen  Welten  beschreiben  mufi.  Der  mufi 
Ihnen  sagen,  dafi  das  Durchdrungensein  mit  dem  Gottgefiihl  zu  der 
Projektion  des  Riechens  nach  innen  fiihrt,  und  dafi  der  Mystiker  eigent- 
lich dem  wirklichen  Okkultisten  nichts  anderes  verrat,  als  wie  er  in 


seinem  Inneren  riecht.  Zur  Sentimentalitat  ist  keine  Gelegenheit  bei 
wirklicher  Betraditung  der  Welt  von  der  geistigen  Seite  aus.  Ich  habe  es 
oftmals  erwahnt:  Dringt  man  wirklich  in  die  geistige  Welt  hinein,  dann 
beginnt  der  Ernst  in  solchem  Mafte,  daft  alle  Dinge  selbst  andere  Worte 
bekommen  miissen,  als  sie  hier  haben,  und  daft  die  Worte  selbst  ganz  ent- 
gegengesetzte  Bedeutung  bekommen.  In  die  geistige  Welt  eindringen, 
heiftt  nicht  bloft  Gespenster  der  hiesigen  Welt  beschreiben,  sondern  man 
mufi  sich  darauf  gefaftt  machen,  daft  man  vieles  von  dem  erlebt,  was 
das  Gegenteil  der  physischen  Welt  hier  ist,  vor  alien  Dingen  aber  das 
Gegenteil  des  Angenehmen  ist. 

Ich  wollte  Ihnen  diesen  Gesichtspunkt  heute  hinstellen,  urn  Ihnen  ein 
mehr  allgemeines  Gefuhl  zu  vermitteln  von  dem,  was  unserer  Zeit 
wirklich  notwendig  ist.  Wenn  man  hinhorcht  auf  das,  was  einem  heute 
vom  Westen  entgegentont  —  im  Osten,  und  je  weiter  man  nach  dem 
Osten  hinkommt,  ist  es  etwas  anderes  wenn  ein  Gedanke  in  westlicher 
Form  wiedergegeben  wird,  dann  ist  es  oft  so,  daft  man  sagt:  so  kann  man 
nicht  im  Franzosischen  sich  ausdriicken,  so  kann  man  nicht  im  Engli- 
schen  sich  ausdriicken.  Je  weiter  man  nach  Westen  kommt,  desto  mehr 
findet  man  dieses  Urteil.  Was  bedeutet  dieses  Urteil  aber  anderes  als  das 
Hangen  an  dem  Physischen,  das  schon  Erstarrtsein  in  dem  Physischen 
gegenuber  der  wirklichen  Welt?  Was  kommt  es  auf  Worte  an?  Es  kommt 
vielmehr  darauf  an,  daft  man  sich  uber  die  Worte  hinaus  iiber  die  Dinge 
verstandigt.  Dann  aber  muft  man  auch  die  Worte  loslosen  konnen  von 
den  Dingen,  und  man  muft  nicht  nur  die  Worte  loslosen  konnen,  sondern 
man  muft  sogar  die  in  der  Sinneswelt  erworbenen  subjektiven  Emp- 
flndungen  loslosen  konnen.  Wenn  man  den  Geruchssinn  als  einen  niede- 
ren  Sinn  betrachtet,  so  ist  das  ein  Urteil,  gewonnen  aus  der  Sinneswelt. 
Und  wenn  man  sein  inneres  Korrelat,  die  Mystik  als  ein  Hoheres  be- 
trachtet, so  ist  das  auch  ein  Urteil  aus  der  Sinneswelt.  Von  jenseits  der 
Schwelle  angesehen,  ist  die  Organisation  des  Geruchssinnes  etwas 
aufterordentlich  Bedeutendes,  und  die  Mystik  ist  nicht  etwas  so  Groft- 
artiges,  wenn  sie  von  jenseits  der  Schwelle  angesehen  wird.  Denn  die 
Mystik  ist  durchaus  ein  Produkt  der  materiellen,  physischen  Welt,  sie  ist 
namlich  dieArt,wieMenschen  in  die  geistige  Welt  eindringen  wollen,die 
eigentlich  materialistisch  bleiben,  indem  sie  das,  was  hier  ist,  erst  recht 


als  Materie  ansehen.  Das  ist  ihnen  zu  niedrig,  zu  materialistisch.  Wiirden 
sie  allerdings  eindringen  in  das,  was  da  draufien  ist,  dann  kamen  sie 
gerade  in  die  geistige  Welt,  in  die  Hierarchien.  Statt  dessen  aber  dringen 
sie  in  ihr  Inneres:  da  tappen  sie  in  die  voile  Materie  innerhalb  der 
eigenen  Haut  hinein!  Das  kommt  ihnen  allerdings  als  der  hohere  Geist 
vor.  Aber  es  handelt  sich  nicht  darum,  dafi  wir  durch  unsere  geist-seeli- 
schen  Phanomene  mystisch  hinunterdringen  in  unsere  Korper,  sondern 
es  handelt  sich  darum,  dafi  wir  durch  unsere  materiellen  Phanomene, 
durch  die  Phanomene  der  Sinneswelt  hindurchdringen  in  die  Geistwelt 
hinein,  in  die  Welt  der  Hierarchien,  in  die  Welt  der  geistigen  Wesen- 
hafligkeiten.  Nicht  eher,  als  bis  die  Welt  es  vertragt,  solche  Tone  an- 
schlagen  zu  horen,  nicht  eher,  als  bis  die  Welt  es  vertragt,  dafi  iiber  die 
Welt  ganz  anders  gesprochen  wird  als  in  den  letzten  vier  Jahrhunderten, 
nicht  eher,  als  bis  die  Welt  es  vertragt,  dafi  wir  auch  unsere  sozialen 
Urteile  aus  solchen  vollstandig  umgewandelten  Begriffen  bilden,  kom- 
men  wir  zu  Impulsen,  die  wiederum  zu  einem  Aufgang  fuhren.  Wollen 
wir  aber  verbleiben  in  alledem,  was  wir  uns  angeeignet  haben,  und 
wollen  wir  daraus  unser  soziales  Tun  orientieren,  dann  segeln  wir  im- 
mer  tiefer  in  den  Niedergang  hinein,  dann  geht  es  hinunter  in  den  Nie- 
dergang  des  Abendlandes. 

Worauf  beruht  so  etwas,  wie  das  Urteil  Oswald  Spenglers?  Es  be- 
ruht  darauf ,  dafi  er  ein  sehr  genialer  Mensch  ist,  der  aber  nichts  anderes 
denken  kann  als  die  gewohnlichen  BegrifFe  des  Abendlandes,  die  man 
jetzt  hat.  Die  analysiert  er.  Da  rechnet  er  aus  -  was  fiir  diese  Begriffe 
durchaus  richtig  ist  — ,  dafi  mit  dem  Beginn  des  dritten  Jahrtausends  an 
die  Stelle  unserer  Zivilisation  die  Barbarei  getreten  sein  wird.  Wenn 
man  ihm  von  Anthroposophie  redet,  bekommt  er  einen  roten  Kopf, 
weil  er  es  nicht  ausstehen  kann.  Wiirde  er  verstehen,  was  durch  die 
Anthroposophie  in  die  Menschheit  einziehen  kann,  wie  sie  die  Menschen 
beleben  kann,  dann  wiirde  er  sehen,  dafi  einzig  und  allein  durch  sie 
der  Niedergang  abgewendet  werden  kann,  dafi  man  einzig  und  allein 
durch  sie  zu  einem  Aufstiege  kommen  kann. 


VIERTER  VORTRAG 
Dornach,  14.  August  1920 

Sie  werden  aus  dem  Zusammenhange  mancher  Darlegungen  der  letzten 
Zeit  mit  allerlei  Kundgebungen  von  aufien  eines  wohl  entnehmen  kon- 
nen,  daft  unsere  anthroposophische  Bewegung  in  ein  Stadium  eingetre- 
ten  ist,  welches  von  jedem  einzelnen,  der  sich  an  ihr  beteiligen  will,  vor- 
aussetzt,  dafi  er  diese  Beteiligung  mit  einem  sehr  ernsten  Verantwort- 
lichkeitsgefiihl  verbindet.  Es  ist  ja  in  dieser  Richtung  ofters  von  mir 
gesprochen  worden.  Allein  es  wird  nicht  immer  der  Zusammenhang, 
um  den  es  sich  dabei  handelt,  in  durchdringender  Weise  ins  Auge  gefafk. 
Wir  diirfen  eben,  gerade  weil  wir  innerhalb  unserer  Bewegung  stehen, 
nicht  aus  dem  Auge  verlieren,  in  welch  ungeheuer  ernster  Zeit  die  euro- 
paische  Zivilisation  mit  ihrem  amerikanischen  Anhange  sich  gegen- 
wartig  befindet.  Und  wenn  wir  auch  gar  nicht  von  uns  aus  das  eine 
oder  das  andere  sagen  wiirden  -  was  aber  durchaus  zu  sagen  notwendig 
1st  — ,  was  als  Zusammenhang  besteht  zwischen  den  Impulsen,  die  aus 
anthroposophisch  orientierter  Geisteswissenschaft  kommen,  und  den 
zeitgeschichtlichen  Ereignissen  der  Gegenwart:  diese  Ereignisse  der  Ge- 
genwart  wiirden  heranschlagen  an  das,  womit  wir  uns  beschaftigen,  und 
wiirden  ganz  zweifellos  auch  ohne  unser  Zutun  sich  mit  dem  beschafti- 
gen, was  in  unserer  Linie  liegt.  Es  handelt  sich  darum,  dafi  wir  tatsach- 
lich  nicht  die  Augen  verschliefien  vor  der  ganzen  Bedeutung  dessen,  was 
mit  solchen  Worten  angedeutet  ist. 

Es  ist  vielleicht  einer  Reihe  von  Freunden,  denen  es  friiher  noch  nicht 
klar  war,  gerade  aus  den  gestrigen  Darlegungen  von  Dr.  Boos  klar 
geworden,  in  welch  notwendigem  und  sachlichem  Zusammenhange  die 
Dreigliederungsidee  mit  alledem  steht,  was  auf  dem  Grunde  der  an- 
throposophisch orientierten  Geisteswissenschaft  gewollt  ist. 

Der  Weltengang  gleicht  gegenwartig  einem  aufierordentlich  kompli- 
zierten  Organismus,  und  aus  den  mannigfaltigsten  Erscheinungen,  die 
man  sorgfaltig  beobachten  mufi,  geht  hervor,  welchen  Gang  dieser 
Organismus  nimmt.  Es  geschieht  heute  sehr  vieles,  was  zunachst  schein- 
bar  unbedeutend  ins  Dasein  tritt.  Dieses  Unbedeutende,  dieses  scheinbar 
Unbedeutende  bedeutet  aber  zuweilen  etwas  aufierordentlich  Ein- 


schneidendes  und  Eingreifendes.  Es  geschehen  Dinge  wiederum,  die  im 
eminentesten  Sinne  zeigen,  wie  aufierordentlich  schwer  es  ist,  sich  aus 
den  altgewohnten  Vorstellungen  heraus  zu  einer  Anschauung  aufzu- 
schwingen,  die  der  heutigen  Zeit  angemessen  ist. 

Sie  sehen  aus  mancherlei  Zeitungsaufierungen  der  letzten  Tage,  wie 
das,  was  hier  von  Dornach  ausgeht,  hinauswirkt  in  die  Welt,  wie  es 
zum  Teil  von  diesem  oder  jenem  aufgenommen  wird,  und  man  soil 
eben  solche  Ereignisse  aufierordentlich  ernst  betrachten.  Man  soli  sich 
dariiber  klar  sein,  dafi  im  Grunde  genommen  jedes  Wort,  das  von  uns 
heute  ausgesprochen  wird,  durch  und  durch  bedacht  sein  mufi,  und  dafi 
wichtige  Worte  eigentlich  nicht  ausgesprochen  werden  sollten,  ohne  dafi 
man  sich  die  Verpflichtung  auferlegt,  sich  von  dem  allgemeinen  Welten- 
gang,  wie  er  eben  heute  ein  aufierordentlich  komplizierter  Organismus 
ist,  Kenntnis  zu  verschaffen.  Auf  Dinge,  die  hier  in  Betracht  kommen, 
wird  mir  noch  obliegen,  in  der  allernachsten  Zeit  einzugehen;  aber  ich 
mochte  heute  einleitend  doch  dieses  bemerken,  daft  gerade  durch  die 
Verkniipfungen  unserer  Bewegung  mit  dem  allgemeinen  Weltengange 
es  uns  vor  alien  Dingen  obliegt,  wirklich  ein  voiles  Verstandnis  dafiir 
zu  erwerben,  dafi  wir  nicht  mehr  unsere  Bewegung  irgendwie  sekten- 
mafiig  betreiben  diirfen.  Ich  habe  iiber  dieses  Faktum  des  ofteren  ge- 
sprochen.  Durchaus  ist  heute  die  Zeit  gekommen,  wo  wir  notig  haben, 
jeden  einzelnen  Mitarbeiter  zu  iibernehmen,  aber  jeden  einzelnen  Mit- 
arbeiter  mit  der  breiten  vollen  Verantwortung  fiir  dasjenige,  was  er 
im  Sinne  unserer  Bewegung  vertritt.  Und  diese  Verantwortung  sollte 
doch  so  gestaltet  sein,  dafi  sie  eben  verkniipft  ist  damit,  sich  verpflichtet 
zu  fiihlen,  nichts  zu  sagen,  was  nicht  durch  innere  Grunde  in  rechtem 
Zusammenhang  erscheint  mit  dem  allgemeinen  Gang  der  heutigen  Welt- 
ereignisse.  Am  wenigsten  im  Einklang  mit  den  heutigen  Weltereignis- 
sen  ist  ein  sektiererisches  Treiben.  Was  heute  vertreten  werden  soil,  mufi 
durchaus  im  Angesichte  der  ganzen  Welt  vertreten  werden  konnen  und 
darf  weder  einen  sektiererischen  noch  einen  dilettantischen  Charakter 
tragen,  gleichgiiltig,  ob  es  Gesprochenes  oder  ob  es  Getanes  ist.  Wir 
diirfen  nicht  zuriickschrecken  da  vor,  durchzusegeln  zwischen  der  Skylla 
und  der  Charybdis. 

Gewifi  wird  sich  mancher  sagen  und  damit  auf  eine  gewisse  Skylla 


deuten:  Wie  soli  ich  midb  denn  dariiber  informieren,  was  heute  geschieht, 
da  der  Gang  der  Ereignisse  ein  so  verwickelter  geworden  ist,  da  man 
heute  so  schwer  aus  den  Symptomen  auf  die  innere  Bewegung  der 
Tatsachen  schliefien  kann?  -  Aber  das  soli  eben  nicht,  ich  mochte  sagen, 
zur  Charybdis  hinfiihren,  das  heifit,  tatenlos  zu  sein;  sondern  es  sollte 
eben  zum  richtigen  Durchsegeln  fiihren,  namlich  zum  Fiihlen  der  Ver- 
pflichtung,  sichj  so  gut  es  geht,  mit  alien  nur  zuganglichen  Mitteln  in 
Einklang  zu  versetzen  mit  dem  Gang  der  allgemeinen  Weltenereignisse. 
Es  ist  ja  gewifi  leichter,  sich  zu  sagen:  Da  ist  die  Anthroposophie,  die 
lerne  ich;  auf  ihrem  Boden  denke  ich  auch  ein  bifichen  nach,  erforsche 
das  eine  oder  das  andere  und  das  vertrete  ich  dann  vor  der  Welt.  - 
Gerade  dadurch  kommen  wir  in  die  Sektiererei  hinein,  wenn  wir  so, 
gewissermafien  mit  Scheuledern  gegeniiber  den  so  grofien,  wichtigen 
Ereignissen  der  Gegenwart,  einfach  ohne  rechts  und  links  zu  sehen, 
auf  einem  solchen  Wege  tatig  sein  wollen,  wie  ich  es  eben  angedeutet 
habe.  Uns  obliegt  es,  den  Gang  der  Ereignisse  der  Gegenwart  zu  stu- 
dieren  und  vor  alien  Dingen  bei  diesem  Studieren  zugrunde  zu  legen 
dasjenige,  was  uns  an  Urteilen  zukommen  kann  durch  die  Tatsachen, 
die  aus  anthroposophischer  Geisteswissenschaft  selber  folgen. 

Die  ganzen  Jahre  her  sind  hier  Tatsachen  zusammengetragen  worden 
mit  dem  Zwecke,  dafi  auf  Grundlage  dieser  Tatsachen  der  einzelne  in 
die  Lage  kommt,  sich  ein  Urteil  zu  bilden.  Es  diirfen  diese  Tatsachen 
nicht  unberiicksichtigt  bleiben,  wenn  man  von  unseren  Beobachtungen 
aus  ein  Urteil  iiber  irgend  etwas,  was  heute  geschieht,  fallen  will.  Dies 
mochte  ich  heute  nur  im  allgemeinen  hingestellt  haben  und  werde  in  der 
allernachsten  Zeit  auf  Einzelheiten  nach  dieser  Richtung  eingehen. 

Ich  mochte  heute  einiges  von  dem  vorbringen,  was  erganzen  wird, 
was  ich  letzten  Sonntag  hier  iiber  das  Wesen  des  menschlichen  Sinnes- 
organismus  vorgebracht  habe.  Und  ich  mochte  davon  ausgehen,  dafi  ich 
einen  Gegensatz  vor  Sie  hinstelle,  den  ich  oftmals  schon  gerade  an 
diesem  Orte  zum  Ausdruck  gebracht  habe.  Es  besteht  ja  heute,  ohne  dafi 
das  grofie  Publikum  viel  davon  weifi,  aber  doch  in  dieser  Richtung 
denkt,  ich  mochte  sagen,  das  Infiziertsein  durch  die  naturwissenschaft- 
liche  Denkweise  auf  der  einen  Seite,  und  auf  der  andern  Seite  besteht 
bei  dem  einen  noch  ein  alter  traditioneller  Glaube  an  sittliche  oder 


religiose  Ideale,  bei  dem  andern  besteht  nurmehr  Skeptizismus,  Zweif  el- 
sucht  in  dieser  Beziehung,  bei  dem  dritten  Gleichgtiltigkeit  und  so 
weiter.  Dieser  grofie  Gegensatz,  der  durchzittert  und  durchzuckt  heute 
im  Grunde  die  ganze  Menschheit:  Wie  verhalt  sich  der  notwendige 
Gang  der  Naturereignisse  zu  dem,  was  die  Geltung  der  ethischen,  sitt- 
lichen  und  religiosen  Ideale  ist? 

Noch  einmal  will  ich  erwahnen,  was  ich  ja  vor  erne  grofie  Anzahl  von 
Ihnen  bereits  hingestellt  habe:  Wir  haben  eine  naturwissenschaftliche 
Weltanschauung  auf  der  einen  Seite;  sie  glaubt,  durch  ihre  Tatsachen 
etwas  ausmachen  zu  konnen  iiber  den  Weltengang,  namentlich  den  Wel- 
tengang  der  Erde.  Und  wenn  sie  audi  dasjenige,  was  sie  sagt,  als  hypo- 
thesenhaft  betrachtet,  so  impft  sich  das  doch  dem  ganzen  Denken,  dem 
ganzen  Empfinden  und  dem  ganzen  Fiihlen  der  Menschheit  ein.  Man 
fiihrt  unser  Erdendasein  auf  eine  Art  Nebelzustand  zuriick.  Man  be- 
trachtet dann  als  durch  rein  naturgesetzliche  Notwendigkeit  hervor- 
gebracht  alles,  was  aus  diesem  Nebelzustand  hervorgegangen  ist,  und 
man  sieht  auf  den  Endzustand  unseres  Erdendaseins  hin,  indem  man 
wiederum  starre,  notwendige  Naturgesetze  zugrunde  legt  und  sich 
Vorstellungen  dariiber  macht,  wie  diese  Erde  zugrunde  gehen  wird. 
Und  man  hat,  indem  man  eine  solche  Anschauung  aufstellt,  eine  Grund- 
vorstellung,  welche  heute  auch  schon  ganz  popular  geworden  ist,  welche 
den  Kindern  in  der  Schule  beigebracht  wird;  man  hat  die  Grundvor- 
stellung,  dal5  der  Stoff  des  Weltenalls,  gleichgiiltig  ob  man  ihn  aus  Ato- 
men  oder  Ionen  und  dergleichen  bestehen  lafit,  unzerstorbar  sei,  dafi 
also  gewissermafien  der  Stoff  beim  Ausgangspunkt  der  Erdenbildung 
in  einer  gewissen  Weise  geballt  war,  sich  dann  umgewandelt,  metamor- 
phosiert  hat,  aber  da$  im  Grunde  genommen  heute  derselbe  Stoff  da  ist, 
der  im  Beginn  der  Erdenentwickelung  da  war,  und  dafi  derselbe  Stoff 
am  Ende  der  Erdenentwickelung  da  sein  wird,  nur  anders  geballt,  dafi 
der  Stoff  unzerstorbar  ist,  dafi  alles  nur  Verwandlungen  im  Stoff e  sind. 
Man  hat  hinzugefiigt  zu  dieser  Anschauung  diejenige  von  der  soge- 
nannten  Erhaltung  der  Kraft,  indem  man  eine  gewisse  Summe  von 
Kraften  im  Beginne  annimmt,  sie  sich  umwandelnd  denkt  und  sich  im 
Grunde  genommen  wiederum  dieselbe  Summe  von  Kraften  im  Endzu- 
stande  der  Erde  vorstellt. 


Es  sind  nur  einzelne  mutige  Geister  gewesen,  welche  sich  gegen  so 
etwas  aufgebaumt  haben.  Einen  habe  ich  als  typisches  Beispiel  ofters  vor 
Ihnen  angefiihrt,  Herman  Grimm,  der  ja  gesagt  hat:  Von  einem  Nebel- 
zustand,  von  derKant-Laplaceschen  Nebelessenz  im  Beginne  des  Erden- 
daseins  oder  des  Weltendaseins  spricht  man;  da  soil  sich  durch  rein 
natiirliche  Vorgange  alles  herausgeballt  haben,  was  auf  unserer  Erde 
ist,  inbegriffen  der  Mensch.  Und  dann  soil  sich  das  umwandeln,  bis 
es  zuletzt  als  Schlacke  wiederum  in  die  Sonne  zuriickfallt.  Herman 
Grimm  meint,  ein  Aasknochen,  urn  den  ein  hungriger  Hund  herum- 
lauft,  sei  ein  appetitlicherer  Anblick  als  diese  Kant-Laplacesche  Theorie 
vom  Weltendasein,  und  es  wiirde  kiinftigen  Zeiten  schwer  sein,  kultur- 
historisch  zu  erharten,  wie  es  hat  sein  konnen,  dafi  das  19.  und  20.  Jahr- 
hundert  von  dieser  Krankheit,  so  etwas  zu  denken,  hat  ergriffen  wer- 
den  konnen.  Einzelne  mutige  Geister,  wie  gesagt,  haben  sich  aufgelehnt 
gegen  diese  Dinge.  Aber  diese  Dinge  werden  heute  so  gelehrt,  dafi  man 
von  demjenigen,  der  dagegen  etwas  einwendet,  wenn  es  ein  Herman 
Grimm  ist,  sagt:  Nun  ja,  ein  Kunstgelehrter  braucht  ja  von  der  Natur- 
wissenschafl;  nichts  zu  verstehen.  -  Und  wenn  es  ein  anderer  sagt,  der 
von  der  Naturwissenschaft  etwas  verstehen  will,  so  halt  man  ihn  fur 
einen  Narren.  Derlei  Dinge  gelten  heute  fur  selbstverstandlich,  und  die 
wenigsten  Menschen  empfinden,  welche  Bedeutung  dieses  Selbstver- 
standlichsein  eigentlich  hat.  Wenn  diese  Anschauung  auch  nur  ein  Atom 
Richtigkeit  hat,  dann  hat  alles  Reden  von  sittlichen  und  religiosen 
Idealen  keinen  Sinn,  dann  sind  sittliche  und  religiose  Ideale  aus  den 
Gehirnen  der  Menschen  herausgeboren  und  steigen  auf  wie  Blasen  -  die 
sozialdemokratischen  Theoretiker  nennen  sie  eine  Ideologic,  um  die 
Menschen  zu  affen  -,  die  sich  ja  nur  herausgeballt  haben  aus  den  Ver- 
wandlungen  des  Stoffes  und  die  verschwinden  werden,  wenn  unsere 
Erde  in  ihrem  Endzustand  angelangt  ist.  Alles,  was  wir  uns  vorstellen 
an  sittlichen,  an  religiosen  Idealen,  ist  lediglich  Schaumblase  dann. 
Denn  die  Realitat,  welche  die  naturwissenschaftliche  Weltanschauung 
fordert,  ist  so  geartet,  dafi  sie  gar  nicht  eine  sittliche  oder  religiose 
Weltanschauung  zulafit,  wenn  man  diese  naturwissenschaftliche  Welt- 
anschauung so  hinnimmt,  wie  sie  von  der  Mehrzahl  der  Menschen  ge- 
glaubt  wird.  Daher  handelt  es  sich  darum,  dafi  die  Zeit,  die  heute  reif  ist 


auf  der  einen  Seite,  dringend  notwendig  macht  auf  der  andern  Seite, 
dafi  aus  ganz  andern  Quellen  heraus,  als  die  heutige  Bildung  sie  hat, 
eine  Weltanschauung  geholt  werde. 

Diese  Quellen,  die  es  moglich  machen,  dafi  eine  sittliche  und  eine 
religiose  Weltanschauung  neben  der  naturwissenschaftlichen  bestehe, 
konnen  einzig  und  allein  die  geisteswissenschaftlichen  Quellen  sein.  Aber 
diese  geisteswissenschaftlichen  Quellen  miissen  dann  da  auf  gesucht  wer- 
den,  wo  sie  im  vollen  Ernst  sprechen.  Das  Aufsuchen  dieser  Quellen 
wird  vielen  Menschen  der  Gegenwart  schwer.  Sie  wollen  sich  lieber 
hinwegsetzen  iiber  jenen  reinen  Widerspruch,  den  ich  heute  wiederum 
vor  Sie  hingestellt  habe,  denn  man  hat  nicht  den  Mut,  der  naturwissen- 
schaftlichen Weltanschauung  selber  zu  Leibe  zu  gehen.  Man  hort  von 
denen,  die  man  als  Autoritaten  betrachtet,  das  Gesetz  von  der  Erhaltung 
des  Stoffes  und  der  Kraft  sei  sichergestellt  und  jeder  sei  ein  Dilettant, 
der  sich  nicht  an  diese  Gesetze  halt.  Man  bringt  eben  gegenuber  der  un- 
geheuren  Last  der  falschen  Autoritat,  die  heute  auf  der  Menschheit 
liegt,  den  Mut  nicht  auf,  von  dieser  Autoritat  weg  zu  den  Quellen  der 
Geisteswissenschaft  zu  gehen. 

Und  audi  das  lehren  die  aufieren  Tatsachen,  dafi  das  Heil  des  Chri- 
stentums,  das  Heil  eines  wirklichen  Begreifens  des  Mysteriums  von 
Golgatha  von  der  Hinwanderung  zu  den  Quellen  der  Geisteswissen- 
schaft abhangt.  Der  aufiere  Gang  der  Ereignisse  zeigt  das  ja.  Sehen  Sie 
sich  die  sogenannten  fortgeschrittenen  Theologen  an,  sehen  Sie  sich  an, 
was  von  den  fortgeschritteneren  Vertretern  des  Christentums  gelehrt 
wird.  Der  Materialismus  hat  ja  audi  die  Religion  ergriffen.  Nicht  mehr 
kann  man  einsehen,  wie  das  geistig-gottliche  Prinzip,  das  mit  dem  Na- 
men  des  Christus  umrissen  ist,  vereinigt  ist  mit  der  menschlichen  Per- 
sonlichkeit  des  Jesus  von  Nazareth,  denn  diese  Vereinigung  kann  heute 
nur  aus  den  Quellen  der  Geisteswissenschaft  heraus  gekannt  werden. 

Und  so  ist  es  denn  dahin  gekommen,  dafi  auch  die  Theologie  ma- 
terialistisch  geworden  ist,  nur  von  dem  «schlichten  Manne  aus  Naza- 
reth»  spricht,  von  einem  Menschen,  der  ja  Grofiartigeres  gelehrt  haben 
soil  als  andere,  der  aber  eben  doch  nur  als  ein  grofiartigerer  Lehrer  in 
Betracht  kommt,  der  nicht  in  Betracht  kommt  durch  dasjenige  Wesen, 
das  er  in  seinem  Leibe  getragen  hat.  Und  einer  der  bedeutendsten  Theo- 


logen  der  Gegenwart,  Adolf  Harnack,  hat  ja  das  Wort  gepragt:  Nicht 
der  Christus,  sondern  der  Vater  gehort  in  das  Evangelium  — ,  das  heifk, 
das  Evangelium  soli  nicht  sprechen  von  dem  Christus,  weil  solche  Theo- 
logen  wie  Harnack  im  Grunde  genommen  den  Christus  gar  nicht  mehr 
kennen,  sondern  nur  den  Lehrer  von  Nazareth.  Die  Lehre  dieses  Men- 
schen  von  Nazareth  wollen  sie  noch  annehmen;  die  Lehre  von  dem 
vaterlichen  Schopfer  der  Welt,  die  gehore  ins  Evangelium,  nicht  aber 
eine  Lehre  iiber  den  Christus  Jesus  selber! 

Auf  dieser  Bahn  der  Naturalisierung,  der  Materialisierung  wiirde  das 
Christentum  zweifellos  fortschreiten,  wenn  ein  geisteswissenschaftKcher 
Einschlag  fur  dasselbe  nicht  kommen  wiirde.  Aus  dem,  was  von  alters- 
her  die  Menschheit  iiberkommen  hat,  kann  sie  in  ehrlichem  Sinne  keinen 
Begriff  aufbringen  iiber  die  Vereinigung  der  gottlichen  und  der  mensch- 
lichen  Natur  in  dem  Christus  Jesus.  Dazu  ist  die  Eroffnung  neuer  Quel- 
len  geistiger  Wissenschaft  notwendig.  Und  diese  Eroffnung  brauchen 
wir  fiir  das  religiose  Leben;  diese  Eroffnung,  wir  brauchen  sie  aber 
auch  fiir  die  von  den  Zeitereignissen  geforderte  Neugestaltung  der 
sozialen  Verhaltnisse  innerhalb  unserer  Zivilisation.  Und  wir  brau- 
chen vor  alien  Dingen  eine  vollige  Neugestaltung  der  Wissenschaft,  eine 
Durchdringung  aller  Wissenschaften  mit  geisteswissenschaftlichen  Quel- 
len.  Ohne  diese  geht  es  nicht  weiter.  Und  derjenige,  der  glaubt,  man 
brauche  sich  nicht  zu  kiimmern  um  den  Gang  des  religiosen  Lebens,  um 
den  Gang  des  sozialen  Lebens,  um  den  Gang  der  offentlichen  Ereig- 
nisse  iiber  die  zivilisierte  Welt  hin,  um  den  Gang  der  wissenschaftiichen 
Leistungen,  wer  da  glaubt,  man  konne  in  sektiererischer  Abgeschlossen- 
heit  Anthroposophie  treiben  vor  irgendeinem  zusammengewiirfelten 
Kreis,  der  sich  dann  als  eine  Summe  von  Fremdlingen  innerhalb  die- 
ser Welt  ausnimmt,  der  ist  eben  durchaus  in  einem  schweren  Irrtum 
befangen. 

Bei  allem,  was  hier  von  mir  gesprochen  wird,  liegt  immer  zugrunde 
die  Verantwortung  gegeniiber  dem  ganzen  Gang  der  gegenwartigen 
Weltereignisse.  Bei  jedem  einzelnen  Satze,  bei  jedem  einzelnen  Worte 
liegt  diese  Verantwortung  zugrunde.  Ich  mufi  das  schon  erwahnen  aus 
dem  Grunde,  weil  es  nicht  immer  in  aller  Scharf  e  eingesehen  wird.  Wenn 
heute  in  derselben  Weise  fortgefahren  wird,  von  Mystik  zu  reden,  wie 


viele  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  von  Mystik  geredet  haben,  dann 
stent  das  nicht  mehr  im  Einklange  mit  dem,  was  die  Welt  heute  fordert. 
Und  wenn  nur  zu  dem,  was  sonst  im  Gang  der  Weltereignisse  geschieht, 
der  Inhalt  der  anthroposophischen  Lehre  hinzugesetzt  wird,  so  steht 
das  ebenfalls  nicht  im  Einklange  mit  den  Anforderungen  der  Gegen- 
wart.  Erinnern  Sie  sich,  wie  im  Mittelpunkt  der  Betrachtungen,  die  ich 
seit  Jahrzehnten  pflege,  das  Problem,  das  Ratsel  der  menschliclien  Frei- 
heit  steht.  Dieses  Problem  der  menschlichen  Freiheit,  wir  mussen  es 
heute  in  den  Mittelpunkt  einer  jeglichen  und  wirklich  geisteswissen- 
schaftlichen  Betrachtung  stellen. 

Wir  mussen  dies  aus  zwei  Griinden  tun.  Erstens  deshalb,  weil  alles, 
was  aus  den  alten  Mysterien  heraus  aufgebracht  worden  ist,  was  durch 
die  Initiationswissenschaft  der  alten  Zeit  vor  die  Welt  hingestellt  wor- 
den ist,  weil  alles  das  ohne  ein  wirkliches  Begreifen  des  Ratsels  der 
menschlichen  Freiheit  dasteht.  Grofiartiges,  Gewaltiges  haben  die  Lehrer 
der  alten  Mysterien  der  Menschheit  uberliefern  konnen.  Grofiartiges, 
Gewaltiges  liegt  in  den  mythischen  Uberlieferungen  der  verschiedenen 
Volker,  die  ja  auch  esoterisch  erlautert  werden  diirfen,  freilich  nicht  so, 
wie  man  es  oft  macht.  Grofiartiges  liegt  in  den  sonstigen  Oberlieferun- 
gen,  die  ihren  Quell  in  der  Initiationswissenschaft  alter  Zeit  haben, 
wenn  man  sie  nur  in  der  richtigen  Weise  versteht.  Aber  eines  liegt  in 
alledem  nicht,  eines  liegt  nicht  in  der  Initiationswissenschaft  der  alten 
Mysterien,  nicht  in  den  Mythen  der  verschiedenen  Volker,  auch  wenn  sie 
esoterisch  verstanden  werden,  nicht  in  den  Traditionen,  die  sich  her- 
schreiben  aus  dieser  Initiationswissenschaft:  das  ist  das  Ratsel  von  der 
menschlichen  Freiheit.  Denn  derjenige,  der  von  einer  Initiationswissen- 
schaft, von  einer  Einweihung  der  Gegenwart  ausgeht,  der  begreift,  wie 
Einweihung  der  Gegenwart  sich  hinstellt  neben  Einweihung  der  Ver- 
gangenheit,  der  weift,  dafi  die  Menschheit  in  ihrer  Entwickelung  iiber 
die  Erde  hin  erst  jetzt  in  das  Stadium  wirklicher  Freiheit  eintritt,  und 
dafi  es  einfach  friiher  nicht  notig  war,  der  Menschheit  eine  Initiations- 
wissenschaft zu  geben,  die  ganz  impragniert  ware  von  dem  Ratsel  der 
Freiheit.  Was  alles  das  Ratsel  der  Freiheit  umschlielk,  in  welche  Lage 
die  menschliche  Seele  versetzt  ist,  wenn  sie  das  Ratsel  der  Freiheit  vollig 
klar  auf  sie  abgeladen  findet,  das  ahnen  die  wenigsten  Menschen  heute. 


Alle  Initiationswissenschaft  mufi  ja  ein  neues  Licht  empfangen  durch 
dieses  Ratsel  der  menschlichen  Freiheit.  Das  auf  der  einen  Seite.  Wir 
sehen,  wie  sich  fortsetzen  aus  alten  Zeiten  in  direkter  Kontinuation, 
mochte  ich  sagen,  Geheimgesellschaften,  die  zum  Teil  recht  stark  in  dem- 
Leben  der  Gegenwart  stehen,  die  aber  nur  das  Alte  bewahren,  nur  das 
Alte  nachahmen,  nur  f  ortwirken  im  Sinne  des  Alten,  und  die  doch  nichts 
weiter  sind,  als  Schatten  des  Alten,  die  nichts  weiter  sind  als  etwas,  was, 
wenn  es  heute  wirkt,  der  Menschheit  schadlich  sein  mufi. 

Man  mufi  einsehen,  dafi  selbst  die  einstmals  grofiten  Mysterien,  wollte 
sie  heute  jemand  lehren,  schadlich  fur  die  Menschheit  waren.  Niemand, 
der  das  Wesen  gegenwartiger  Initiation  versteht,  kann  wie  etwas  Ge- 
genwartiges  lehren,  was  einst  in  den  agyptischen,  in  den  chaldaischen, 
in  den  indischen,  selbst  in  den  griechischen  Mysterien,  die  uns  noch  so 
nahestehen,  gelehrt  worden  ist.  Aber  schliefilich  ist  alles,  was  an  Lehre 
iiber  das  Christentum  vorgebracht  worden  ist  bis  jetzt,  aus  diesen  tra- 
ditionellen  Lehren  heraus  vorgebracht  worden.  Und  notig  haben  wir, 
aus  einer  neuen  Lehre  neu  das  Mysterium  von  Golgatha  zu  verstehen. 
Das,  wie  gesagt,  auf  der  einen  Seite. 

Auf  der  andern  Seite  sehen  wir  den  Gang  der  Zeitereignisse.  Wir 
sehen,  wie  aus  unterbewufiten,  tiefliegenden  Griinden  der  Menschen- 
seele  heraufzieht  das  Streben  nach  dem  Freiheitsimpuls.  Wir  sehen,  wie 
gewissermafien  dieser  Ruf  nach  Freiheit  das  menschliche  Streben  der 
neueren  Zeit  durchtont.  Ja,  er  durchtont  dieses  Streben,  aber  es  durch- 
tont  so  vieles  das  menschliche  Streben,  was  nicht  klar  verstanden  wird, 
was  nur  aus  unterbewufiten  Tiefen  herauftont  und  was  eben  mit  kla- 
rem  Verstandnis  erst  durchdrungen  werden  mufi.  Man  mochte  sagen: 
Die  Menschheit  lechzt  nach  Freiheit!  Die  Initiationswissenschaft  weifi, 
dafi  sie  eine  Initiationswissenschaft  geben  mufi,  beleuchtet  von  dem 
Lichte  der  Freiheit. 

Und  diese  zwei  Dinge,  dieses  Streben  der  Menschheit  und  dieses 
Herausschaffen  einer  Initiationsweisheit,  beleuchtet  mit  dem  Lichte  der 
Freiheit,  diese  zwei  Dinge  miissen  zusammenkommen.  Sie  miissen  zu- 
sammenkommen  auf  alien  Gebieten.  Daher  darf  man  heute  nicht  aus 
alien  moglichen  alten  Untergriinden  heraus  iiber  die  soziale  Frage  reden. 
Man  kann  heute  iiber  sie  nur  dann  reden,  wenn  man  sie  im  Lichte  der 


Geisteswissenschaft  betrachtet.  Das  wird  gerade  der  heutigen  Mensch- 
heit  so  sdiwer.  Warum?  -  Ja,  die  Menschheit  strebt  nach  Freiheit,  nach 
Freiheit  der  einzelnen  Individualitat,  und  mit  Recht  strebt  sie  darnach. 
Ich  sage  durchaus:  mit  Recht.  Die  Menschen  konnen  nicht  mehr  im  Sinne 
des  alten  Gruppensystems  mit  den  Gruppenseelen  wirken.  Die  Men- 
schen miissen  Individualitaten  bilden.  Aber  dieses  Streben,  Individuali- 
taten zu  bilden,  das  scheint  zu  widersprechen  dem  Hinhorchen  auf  das, 
was  aus  der  Initiationswissenschafl  kommt  und  was  ja  selbstverstandlich 
zunachst  durch  einzelne  Individuen  kommen  mufi.  Der  alte  Initiierte 
hatte  Mittel  und  Wege,  sich  seine  Schuler  auszusuchen,  seinen  Schulern 
die  Initiationsweisheit  zu  iibertragen  und  auch  Anerkennung  fur  sie  zu 
schaffen  und  Anerkennung  fur  sich  und  seine  Mysterienstatte.  Der  mo- 
derne  Initiierte  kann  das  nicht  haben,  denn  es  wiirde  notwendig  machen, 
dafi  man  aus  gewissen  Kraften  und  Impulsen  der  Gruppenseelenhaftig- 
keit  heraus  wirke,  und  das  geht  heute  nicht.  So  steht  heute  die  Mensch- 
heit da;  jeder  mochte  von  dem  Standpunkte  aus,  auf  dem  er  gerade 
steht,  eine  Individualitat  werden.  Da  will  er  selbstverstandlich  nicht 
auf  das  horen,  was  da  durch  Menschen  als  Initiationswissenschafl: 
kommt.  Aber  ehe  nicht  die  Menschen  einsehen,  dafi  sie  nur  gerade  da- 
durch  Individualitaten  werden  konnen,  dafi  sie  wiederum  durch  andere 
menschliche  Individualitaten  den  Inhalt  der  Initiationswissenschafl  auf- 
nehmen,  eher  kann  es  nicht  besser  werden.  Das  hangt  nicht  nur  zusam- 
men  mit  einzelnen  Weltanschauungsfragen,  das  hangt  zusammen  mit 
dem  Grundcharakter  unseres  ganzen  Zeitalters  und  mit  den  Auswir- 
kungen  dieses  Zeitalters  auf  geistigem,  auf  staatlichem  und  wirtschaft- 
lichem  Gebiete.  Nach  Freiheit  diirstet  die  Menschheit.  Von  Freiheit 
mochte  die  Initiationswissenschafl;  sprechen.  Wir  sind  aber  im  gegen- 
wartigen  Entwickelungsstadium  der  Menschheit  eigentlich  erst  da  ange- 
kommen,  wo  Freiheit  durch  den  gesunden  Menschenverstand  wirklich 
begriffen  werden  kann.  Heute  mufi  man  manches  einsehen,  was  Sie  aus 
unserer  anthroposophischen  Literatur  entnehmen  konnen  und  was  ich 
hier  wiederum  von  gewissen  Gesichtspunkten  aus  kurz  zusammenf  assen 
mochte.  Man  mufi  heute  begreifen,  was  fiir  eine  Art  von  Wesen  der 
Mensch  ist.  Alles  abstrakte  Schwatzen  von  Monismus  lauft  gerade  vor- 
bei  an  dem  wahren  Monismus,  der  errungen  sein  will,  nachdem  man 


manches  andere  durchgemacht  hat,  den  man  aber  nicht  von  vornherein 
als  eine  Weltanschauung  deklamieren  kann. 

Der  Mensch  ist  ein  Doppelwesen.  Auf  der  einen  Seite  stent  dasjenige, 
was  man  -  das  Wort  fiihrt  zu  Mifiverstandnissen,  aber  wir  haben  ja 
in  der  Sprache  so  wenig  Worte,  die  wirklich  adaquat  dasjenige  aus- 
driicken,  was  man  eigentlich  ausdriicken  mochte  vom  geisteswissen- 
schaftlichen  Standpunkte  aus  — ,  was  man  die  niedere  Natur  des  Men- 
schen  nennen  konnte,  die  physisch-korperhafle  Organisation,  aus  der 
zunachst  der  Mensch  besteht.  Diese  physisch-korperhafle  Organisation 
habe  ich  Ihnen  das  letzte  Mai  im  Zusammenhange  gerade  mit  der 
Sinnesorganisation  geschildert.  Wir  wollen  heute  zunachst  davon  ab- 
sehen  und  morgen  auf  die  Sache  wieder  zuriickkommen.  Aber  jeder 
von  Ihnen,  der  einigermafien  die  anthroposophische  Literatur  verfolgt 
hat,  hat  ja  eine  Vorstellung  von  dieser  physisch-korperhaften  Organi- 
sation des  Menschen  und  auch  davon,  dafi  sie  zusammenhangt  mit  dem, 
was  zunachst  unsere  Umwelt  ist.  Das,  was  da  drauiSen  die  Welt  kon- 
stituiert,  was  draufien  im  mineralischen,  im  pflanzlichen,  im  tierischen 
Reiche  lebt,  das  konstituiert  physisch-korperhaft  auch  uns  Menschen. 
Wir  sind  ja  eine  Art  Zusammenfassung,  heraufgehoben  auf  eine  hohere 
Stufe,  und  man  kann  bildhaft  sagen:  die  Krone  der  Schopfung.  Aber  wir 
sind  eben  in  physisch-korperhafler  Weise  ein  Zusammenflufi  dessen,  was 
an  Krafte-  und  StofTwirkungen  aufier  uns  vorgeht  und  was  vor  uns 
auftaucht  durch  unsere  Sinneswahrnehmungen. 

Dann  haben  wir  unser  Innenleben.  Wir  haben  unser  Wollen,  unser 
Fiihlen,  unser  Denken,  unser  Vorstellen.  Wir  konnen,  wenn  wir  uns 
auf  uns  selbst  besinnen,  aufmerksam  werden  auf  dieses  Wollen,  Fiihlen, 
Denken  in  uns,  und  wir  konnen  dieses  Wollen,  Fiihlen  und  Denken  mit 
dem  durchdringen,  was  wir  unsere  religiosen,  unsere  sittlichen  und  son- 
stigen  Ideale  nennen.  Wir  kommen  da  zu  etwas,  was  man  —  wiederum 
fiihrt  das  leicht  zu  Mifiverstandnissen,  aber  man  braucht  dieses  Wort  - 
den  seelisch-geistigen  Menschen  nennen  kann.  Man  kommt  nicht  zu- 
recht,  wenn  man  nicht  den  Seelenblick  hinwendet  einerseits  auf  diesen 
geistig-seelischen  Menschen,  andererseits  auf  den  physisch-korperlichen 
Menschen.  Aber  es  ist  notwendig,  dafi  man,  sei  es  durch  ein  wirklich 
unbefangenes  Verfolgen  der  Tatsachen  der  Natur,  sei  es  durch  Ver- 


tiefung  in  die  Geisteswissenschaft,  es  ist  notwendig,  dafi  man  sich 
zum  Bewufksein  bringe:  diese  physisch-korperhafte  Organisation  liegt 
eigentlich  zunachst  niclit  vor  in  demjenigen,  was  irgendweldie  mensch- 
liche  Wissenschaft,  wie  sie  heute  in  der  exoterischen  Welt  existiert,  um- 
f  assen  kann.  Wenn  idi  das  schematisch  durch  eine  Zeichnung  klarmadien 
soli,  so  mochte  ich  sagen:  Wenn  idi  alles  das  zusammenfasse,  wasmensch- 
lich-physische  Organisation  ist  und  was  im  Zusammenhange  stent  mit 


der  ganzen  Umwelt  (siehe  Zeichnung,  rot),  so  geht  das  bis  zu  einem 
gewissen  Punkte  -  ich  will  das  hier  durch  eine  Linie  zeichnen  — ,  und 
straff  davon  verschieden,  trotz  aller  moderner  dilettantischer  psycho- 
logischer  Einwande,  straff  davon  verschieden  ist  dasjenige,  was  man  die 
geistig-seelische  Natur  des  Menschen  nennen  kann  (gelb),  die  ihrerseits 
mit  einer  Welt  des  Geistig-Seelischen  in  Verbindung  steht,  mit  einer 
Welt,  die  der  heutigen  Menschheit  sehr  abstrakt  vorkommt,  weil  sie  sie 
nur  auf  f  afit  im  Sinne  der  abstrakt-sittlichen  oder  im  Sinne  der  religiosen 
Ideale,  die  audi  immer  mehr  und  mehr  zu  abstrakten  Vorstellungen 
geworden  sind.  Beiden  Gliedern  der  menschlichen  Natur  gegenuber 
mufi  man  aber  sagen:  Das,  was  man  heute  als  Wissenschaft  ansieht,  das 


umfafk  weder  die  physisch-korperliche  nodi  die  geistig-seelische  Natur 
des  Menschen.  Die  physisch-korperliche  Natur  des  Menschen,  man  kann 
sie  nicht  erkennen.  Lesen  Sie  die  Griinde,  warum  man  sie  niclit  erkennen 
kann,  in  meinem  kleinen  Biichelchen  «Durch  den  Geist  zur  Wirklich- 
keits-Erkenntnis  der  Menschenratsel».  Wenn  der  Mensch  namlich  bei 
einer  Innenschau  sich  selber  durchschauen  wiirde,  das  heilk,  bis  auf  den 
Grund  hinunterschauen  wiirde  auf  das,  was  da  im  Inneren  eigentlich 
vorgeht,  dann  wiirde  er  genau  sehen  konnen,  was  im  Inneren  vorgeht, 
in  dem  Sinne  genau,  wie  die  heutige  Wissenschafl  etwas  « genau  sehen» 
nennt.  Dann  wiirde  der  Mensch  aber  nicht  das  Wesen  sein  konnen,  das 
er  heute  ist,  denn  er  wiirde  dann  kein  Gedachtnis  haben  konnen,  er 
wiirde  kein  Erinnerungsvermogen  haben.  Indem  wir  die  Welt  an- 
sdiauen,  bleiben  uns  die  Bilder  der  Welt  als  Erinnerungen,  das  heifit,  die 
Welteindriicke  schlagen  uberhaupt  nur  bis  zu  dieser  Grenze  hier  (siehe 
Zeichnung,  Pfeile)  und  da  schlagen  sie  in  die  Seele  zuriick,  und  wir 
erinnern  uns  an  sie.  Und  was  da  aus  uns  selbst  in  die  Erinnerung  zuriick- 
schlagt,  das  verdeckt  uns  das  physisch-leibliche  Innere  des  Menschen. 
Wir  konnen  da  nicht  hineinschauen,  denn  wiirden  wir  hineinschauen 
konnen,  so  ware  jeder  Eindruck  nur  ein  Augenblickseindruck.  Es  wiirde 
nichts  als  Erinnerung  zuriickgeworfen.  Nur  dadurch,  daft  sich  diese 
Grenze  hier  verhalt,  wie  sich  ein  Spiegel  verhalt  -  wir  konnen  auch  nicht 
hinter  den  Spiegel  schauen,  sondern  es  werden  uns  die  Eindriicke  zu- 
riickgeworfen -,  konnen  wir  nicht  in  unser  Inneres  schauen,  es  werden 
uns  die  Eindriicke  zuriickgeworfen,  wenn  wir  nicht  zur  Geisteswissen- 
schafl  aufsteigen.  Und  wiirden  sie  nicht  zuriickgeworfen,  so  wiirden 
wir  eben  auch  nicht  im  gewohnlichen  Leben  die  zuriickgeworf enen  Ein- 
driicke der  Erinnerung  haben.  Wir  mussen  als  Menschen  im  Leben  so 
organisiert  sein,  dafi  wir  Erinnerungen  haben.  Dadurch  aber  ist  uns 
verschlossen  unsere  physisch-leibliche  Organisation.  Wie  man  durch 
den  Spiegel  nicht  hindurchschauen  kann  auf  das,  was  hinter  dem  Spiegel 
ist,  so  kann  man  gewissermafien  nicht  hinter  den  Erinnerungsspiegel 
oder  unter  den  Erinnerungsspiegel  schauen,  auf  das,  was  die  leiblich- 
physische  Organisation  des  Menschen  ist. 

Das  ist  wahre  Psychologie,  das  ist  das  wahre  Wesen  der  Erinnerung. 
Und  erst  dann,  wenn  geisteswissenschaftliche  Methoden  so  diesen  Spie- 


gel  durchbrechen,  dafi  fiir  die  geisteswissenschaftlichen  Methoden  -  was 
ich  auch  schon  in  ofTentlichen  Vortragen  gesagt  habe  -  eben  nicht  an 
das  Erinnerungsvermogen  appelliert  wird,  sondern  ohne  Ermnerung 
und  jedesmal  mit  neuen  Eindriicken  gearbeitet  wird,  erst  dann  kommt 
man  audi  auf  das  Leiblich-Seelische,  auf  seine  wahre  Gestalt. 

Ebenso  ist  es  nach  der  andern  Seite  hin.  Wiirden  wir  das  Geistig- 
Seelische,  von  dem  ich  Ihnen  ja  letzten  Sonntag  zeigte,  wie  es  hinter 
dem  Sinnlichen  ist  -  nicht  Atome  oder  Molekiile  sind  dahinter,  sondern 
das  Geistig-Seelische  ist  da  in  Wahrheit  dahinter  -,  wiirden  wir  dies 
mit  unserem  gewohnlichen  alltaglichen  Erkenntnisvermogen  durch- 
schauen,  wiirden  wir  uns  gewissermafien  nicht  stolen  an  den  Pfahlen, 
an  den  Grenzen  der  Naturwissenschaft,  dann  ware  in  uns  das  nicht  vor- 
handen,  was  wir  wiederum  zum  menschlichen  Leben  brauchen,  was  wir 
erziehen  miissen  hier  zwischen  Geburt  und  Tod,  dann  ware  in  uns  nicht 
vorhanden  die  menschliche  Liebef  ahigkeit.  Die  menschliche  Liebefahig- 
keit  wird  in  uns  dadurch  erzogen,  dafi  wir  zunachst  in  diesem  Leben 
zwischen  Geburt  und  Tod,  wenn  wir  nicht  zur  Geisteswissenschaft 
schreiten,  zu  verzichten  haben  auf  das  Durchschauen  des  Sinnenschleiers, 
auf  das  Hineinschauen  in  die  geistige  Welt.  Und  Erinnerungsvermogen 
konnen  wir  nur  dadurch  haben,  dafi  wir  verzichten  auf  das  Hinein- 
schauen in  das  Leiblich-Physische.  Dadurch  aber  sind  wir  zwei  grofien 
Tauschungen  ausgesetzt.  Der  einen  Tauschung  unterliegen  die  dogma- 
tischen  Anhanger  der  naturwissenschaftlichen  Weltanschauung.  Sie  ho- 
ren  nicht  hin  auf  die  Initiationswissenschafl  und  kommen  nicht  in  der 
Art,  wie  ich  Ihnen  das  letzten  Sonntag  auseinandergesetzt  habe,  darauf , 
dafi  hinter  dem  Sinnenschleier  nicht  Materie,  nicht  Stoff,  nicht  das,  was 
die  Naturwissenschaft  Kraft  nennt,  vorhanden  ist,  sondern  durch  und 
durch  geistig-seelische  Wesenheit.  Es  ist  auch  heute  von  mir  noch  mit 
aller  Scharfe  dasselbe  zu  betonen,  was  ich  in  meinem  Kommentar  zum 
dritten  Bande  von  Goethes  naturwissenschafllichen  Schriften,  zu  Goethes 
«Farbenlehre»  hervorgehoben  habe.  Da  draufien  ist  der  Farbenteppich 
der  Welt,  da  draufien  ist  Rot  und  Blau  und  Griin,  und  da  draufien  sind 
die  andern  Empfindungen.  Hinter  diesen  stecken  nicht  Atome,  stecken 
nicht  Molekiile,  hinter  diesen  stecken  geistige  Wesenheiten.  Was  aus 
diesen  geistigen  Wesenheiten  an  die  Oberflache  getrieben  wird,  das  lebt 


sich  aus  im  Farbenteppich  der  Welt,  im  Tonzusammenhange,  im  Warme- 
zusammenhange  der  Welt  und  in  all  den  andern  Empfindungen,  die  uns 
die  Welt  vermittelt. 

Diejenigen  aber,  die  heute  dogmatische  Anhanger  der  naturwissen- 
schaftlichen  Weltanschauung  sind,  die  durchschauen  das  nicht.  Sie  wollen 
nicht  auf  die  Initiationswissenscnaft  hinhoren.  Die  Folge  davon  ist,  dafi 
sie  anf  angen  dariiber  zu  spekulieren,  was  hinter  den  Farben,  der  Warme 
und  so  weiter  steckt,  und  dann  zu  einer  stofflichen  Konstruktion  der 
Welt  kommen.  Die  ist  immer,  wenn  sie  scheinbar  noch  so  gut  gegriindet 
ist,  wie  die  moderne  Ionentheorie,  nur  erspekuliert,  und  man  darf  nicht 
hinter  die  Sinneswelt  hinspekulieren,  man  darf  hinter  der  Sinneswelt 
nur  durch  eine  hohere,  durch  eine  geistige  Welt  Erlebnisse  haben,  sonst 
mufi  man  bei  den  Phanomenen  stehenbleiben.  Die  Sinneswelt  ist  eine 
Summe  von  Phanomenen  und  sie  mufi  als  eine  Summe  von  Phanomenen 
begriffen  werden. 

So  wird  uns  heute  ein  Bild  der  Natur  uberliefert,  das  dann  ausge- 
dehnt  wird  iiber  den  Anfangszustand,  uber  den  Endzustand  der  Erde, 
jenes  Bild  der  Natur,  das  eben  sktliche,  religiose  Weltanschauung  fur 
den  ehrlich  Denkenden  ausschliefit. 

Auf  die  andere  KHppe  kommen  diejenigen,  welche  nun  ins  Innere 
hineinschauen.  Die  bleiben  meistens  bei  dem  stehen,  was  sich  spiegelt. 
Der  gewohnliche  Mensch  im  Alltagsleben  nimmt  die  Erinnerungswir- 
kungen  wahr,  ich  mochte  sagen,  er  erinnert  sich  an  das,  was  er  gestern 
und  vorgestern  erlebt  hat,  wenn  audi  das  Gestern  und  Vorgestern 
schon  vor  Jahren  war.  Derjenige,  der  nun  ein  Mystiker  wird,  treibt  dann 
allerlei  aus  seinem  Inneren  an  die  Oberflache  und  belegt  es  mit  allerlei 
schonen  mystischen  Worten  und  Theorien.  Aber  es  ist  doch  nichts  ande- 
res,  als  was  ich  hier  neulich  angedeutet  habe,  es  ist  nichts  anderes  als 
das  Kochen  und  Brodeln  des  organischen  Lebens  im  menschlichen  Inne- 
ren. Denn  durchdringt  man  diesen  Spiegel,  dann  kommt  man  nicht  zu 
dem,  was  etwa  der  Meister  Eckhart  oder  Johannes  Tauter  in  ihrer  Mystik 
haben,  sondern  dann  kommt  man  zu  organischen  Prozessen  allerdings, 
von  denen  die  Welt  heute  wenig  ahnt.  Und  was  noch  mit  so  schonen 
mystischen  Worten  dargelegt  wird,  das  verhalt  sich  zu  diesen  organi- 
schen Prozessen  nicht  anders,  als  sich  bei  der  Kerze  die  Flamme  zu  dem 


Brennstoff  verhalt:  sie  ist  das  Produkt  dieser  organisdien  Prozesse. 
Die  Mystik  eines  Johannes  vom  Kreuz,  einer  Mechthild  von  Magde- 
burg, audi  des  Johannes  Tauler  und  Meister  Eckharts,  sie  sind  schon,  aber 
doch  nur  das,  was  aus  dem  organisdien  Leben  heraufbrodelt  und  was 
nur  deshalb  in  abstrakten  Formen  beschrieben  wird,  weil  man  nicht  ein- 
sieht,  wie  dieses  organische  Leben  tatig  ist.  Man  lernt  das  geistige  Leben 
nicht  kennen,  wenn  man  nicht  erst  dieses  organische  Leben  kennenlernt. 
Der  kann  kein  Geisteswissenschafter  werden  im  wahren  Sinne  des 
Wortes,  der  das  innerlich-brodelnde  organische  Leben  in  Mystik  um- 
deutet.  Gewifi,  es  sind  schone  Worte,  die  da  gesprochen  werden.  Aber 
man  mufi  sich,  wenn  man  liber  diese  Dinge  spricht,  auf  einen  ganz 
andern  Gesichtspunkt  stellen  konnen  als  den  der  aufieren  Welt.  Man 
muE  sich  eben  nicht  auf  den  menschlich  hochmiitigen  Gesichtspunkt 
stellen,  indem  man  sagt:  Das  innere  organische  Leben  ist  eben  niederes 
Leben.  -  Es  wird  dadurch  nicht  hoher,  dafi  man  seine  Wirkung  als 
Mystik  bezeichnet,  sondern  man  wird  ins  geistige  Leben  eben  gerade 
dadurch  getrieben,  dafi  man  dieses  organische  Leben  in  seinen  organi- 
sdien Wirkungen  durchschaut,  dafi  man  weifi,  je  tiefer  man  in  die  Ein- 
zelnatur  des  Menschen  hineinsteigt,  desto  mehr  entfernt  man  sich  vom 
Geistigen,  man  kommt  ihm  nicht  naher.  Man  kommt  nur  auf  geistes- 
wissenschaftliche  Weise  dem  Geistigen  naher,  nicht  dadurch,  dafi  man 
in  sich  selber  hineinsteigt.  Wenn  man  in  sich  selber  hineinsteigt,  dann  hat 
man  die  Aufgabe,  zu  untersuchen,  wie  durch  Zusammenwirkung  von 
Herz,  Leber  und  Niere  Mystik  zustande  kommt,  denn  das  tut  sie. 

Das  habe  ich  ja  ofters  als  die  Tragik  des  modernen  Materialismus 
hingestellt,  dafi  dieser  moderne  Materialismus  zuletzt  eben  die  materiel- 
len  Wirkungen  nicht  erkennen  kann,  dafi  er  gar  nicht  bis  zu  den  mate- 
riellen  Wirkungen  kommt.  Wir  haben  ja  heute  weder  eine  wirkliche 
Naturwissenschaft  noch  eine  wirkliche  Psychologie;  denn  eine  wirkliche 
Naturwissenschaft  fiihrt  zum  Geiste,  und  eine  Psychologie,  die  in  dem 
Sinne,  wie  wir  es  heute  wollen,  fortschreitet,  die  fiihrt  zu  der  Erkennt- 
nis  von  Herz,  Leber,  Niere  und  nicht  zu  den  abstrakten  Dingen,  von 
denen  die  heutige  dilettantische  Psychologie  redet.  Denn  was  man  heute 
oftmals  Wollen,  Fiihlen,  Denken  nennt,  sind  abstrakte  Worte,  die  kon- 
kreten  Dinge  fehlen  den  Leuten.  Und  es  ist  leicht,  sogar  wirklich  ernst- 


gemeinte  Geisteswissenschaft  des  Materialismus  zu  zeihen,  weil  sie 
gerade  in  das  Wesen  des  Materiellen  hineinfiihrt,  um  auf  diesem  Wege 
zum  Geiste  zu  fiihren. 

Der  wirkliche  Spiritualismus  wird  gerade  das  Wesen  des  Materiellen 
zu  enthiillen  haben.  Dann  wird  er  zeigen  konnen,  wie  der  Geist  im 
Materiellen  wirkt.  Denn  das  mufi  ganz  ernst  genommen  werden:  Gei- 
steswissenschaft darf  nicht  auf  die  blofie  Logizitat  der  Erkenntnis,  son- 
dern  mufi  auf  die  Erkenntnis  als  Tat  gehen.  Es  mufi  etwas  getan  werden 
im  Erkennen.  Es  mufi  das,  was  im  Erkennen  sich  abspielt,  in  den  Gang 
der  Weltereignisse  eingreifen.  Es  mufi  etwas  Tatsachliches  sein.  Gerade 
darauf  habe  ich  mich  ja  bemiiht,  letzten  Sonntag  und  in  den  vorher- 
gehenden  Tagen  hinzuweisen.  Es  handelt  sich  einmal  darum,  dafi  man 
einsehe:  Der  Geist  als  soldier  mufi  als  Tatsache  verstanden  werden,  es 
darf  nicht  eine  Theorie  vom  Geiste  ausgebildet  werden.  Theorien  sollen 
dazu  da  sein,  um  zum  lebendigen  Empfinden  des  Geistes  zu  fiihren.  Aus 
diesem  Grunde  ist  es  notwendig,  dafi  von  dem  wirklichen  Geisteswis- 
senschafter  so  oft  paradox  gesprochen  wird.  Man  kann  heute  nicht  fort- 
f  ahren,  in  den  landlaufigen  Formeln  zu  sprechen,  wenn  man  von  wahrer 
Geisteswissenschaft  spricht,  sonst  kommt  man  eben  zu  dem,  wozu  eine 
verderbliche  Theosophie  gefiihrt  hat,  welche  von  alien  moglichen  Glie- 
dern  der  Menschennatur  spricht,  vom  physischen  Menschen,  vom  athe- 
rischen,  vom  astralischen  Menschen;  aber  das  wird  immer  nur  «diinner». 
Der  physische  Mensch  ist  dicht,  der  atherische  ist  diinner,  der  astralische 
ist  noch  diinner,  dann  gibt  es  ganz  diinne,  mentale  und  was  noch  alles, 
es  wird  immer  diinner  und  diinner,  ein  wahrgenommener  Nebel,  aber 
Nebel  bleibt  es,  es  bleibt  Materiel  Darauf  kommt  es  namlich  nicht  an. 
Es  kommt  darauf  an,  dafi  man  in  der  Substanz  das  Materielle  iiber- 
windet.  Da  mufi  man  dann  oftmals  Worte  anwenden,  die  eine  andere 
Pragung  haben,  als  sie  im  alltaglichen  Leben  iiblich  ist. 

Und  so  mufi  man  schon  sagen  -  morgen  wird  uns  diese  Sache  noch 
klarer  werden  -,  so  mufi  man  schon  sagen:  Nehmen  wir  auf  der  einen 
Seite  einen  Menschen,  der  durch  und  durch  materialistische  Gesinnung 
hat,  der,  sagen  wir,  verfiihrt  durch  den  Materialismus  der  Gegenwart, 
sich  nicht  zu  der  Anschauung  eines  Geistigen  erheben  kann,  der  durch 
und  durch  ein  Materialist  der  Theorie  nach  ist  und  alles  als  Nonsens 


ansieht,  was  man  iiber  ein  Geistiges  behauptet,  aber  dasjenige,  was  er 
iiber  die  Materie  sagt,  nehmen  wir  an,  das  ware  geistvoll,  das  ware 
etwas,  was  die  Materie  wirklich  trefFen  wiirde,  dann  hatte  der  Mann 
Geist.  Er  wiirde  zwar  durch  seinen  Geist  den  Materialismus  vertreten, 
aber  er  hatte  Geist. 

Nehmen  wir  einen  andern,  der  sich  in  irgendeiner  theosophischen  Ge- 
sellschaft  hat  einschreiben  lassen  und  den  Standpunkt  vertritt:  Da  ist  der 
physische  Leib,  dann  etwas  diinner  der  atherische  Leib,  noch  diinner 
der  astralische  Leib,  noch  diinner  der  Mentalleib  und  so  weiter.  Um 
das  zu  behaupten,  dazu  gehort  nicht  viel  Geist.  Man  kann  wenig  Geist 
haben  und  soldi  eine  Theorie  vertreten.  Man  vertritt  im  Grunde  genom- 
men  nur  als  Liige  eine  geistige  Welt,  denn  man  vertritt  in  Wirklichkeit 
nur  eine  materielle  Welt,  die  man  geistig  umschreibt. 

Wo  wird  derjenige,  der  nun  wirklich  auf  den  Geist  geht,  den  Geist 
suchen,  beim  materialistischen  Theoretiker,  der  den  Geist  hat,  nur 
eben  auf  eine  Weise,  die  logisch  ist,  oder  bei  dem,  der  sozusagen  richtige 
Behauptungen  aufstellt,  aber  in  seinen  Worten  doch  nur  von  Materie 
redet?  -  Der  wirkliche  Spiritualist  wird  vom  Geiste  bei  dem  ersteren 
reden,  bei  dem,  der  eine  materialistische  Weltanschauung  vertritt,  denn 
da  kann  Geist  eben  vorhanden  sein,  wahrend  beim  Vertreten  einer 
spirituellen  Anschauung  eben  kein  Geist  vorhanden  zu  sein  braucht. 
Und  es  kommt  darauf  an,  dafi  der  Geist  wirkt,  nicht  dafi  man  vom 
Geiste  redet. 

Das  wollte  ich  heute  nur  zur  Erlauterung  von  manchem  sagen,  was 
wie  paradox  sich  ausnimmt.  Der  geistvolle  Materialist  kann  mehr  er- 
fiillt  sein  vom  Geiste  als  derjenige,  der  eine  spirituelle  Theorie  vertritt, 
wenn  er  sie  eben  geistlos  vertritt.  Es  hort  eben  bei  der  wahren  Geistes- 
wissenschaft  die  Moglichkeit  auf,  bloft  logisch  iiber  Weltanschauungs- 
gesichtspunkte  zu  streiten.  Da  beginnt  die  Notwendigkeit,  den  Geist 
in  seiner  Realitat  zu  erfassen.  Das  kann  man  nicht,  ohne  dafi  man  sich 
erst  Vorbegriffe  klarmacht,  wie  diejenigen  sind,  von  denen  wir  heute 
gesprochen  haben,  von  denen  wir  morgen  weiter  sprechen  wollen. 


Ft)NFTER  VORTRAG 


Dornach,  15.  August  1920 


Ich  mochte  heute  einiges  fiir  manchen  hier  schon  wiederholentlich  Vor- 
gebrachtes  vor  Ihnen  entwickeln,  was  zu  gleicher  Zeit  in  gewisser  Be- 
ziehung  als  eine  Vorbereitung  dienen  kann  fiir  das,  was  morgen  hier 
iiber  die  Bildung  des  sozialen  Urteils  vorzubringen  sein  wird.  Ich 
mochte  zunachst  darauf  aufmerksam  machen,  wie  wir  innerhalb  der 
Bildungsgewohnheiten  der  Gegenwart  davon  ausgehen,  iiber  Welt- 
anschauungsfragen  so  zu  diskutieren,  so  uns  Ansichten  zu  bilden,  dafi 
es  uns  dabei  darauf  ankommt,  im  logischen  Sinne  zu  entscheiden:  Was 
ist  wahr,  was  ist  falsch?  Gerade  das  aber  ist  etwas,  was  sich  wandeln 
mufi  in  der  Gegenwart.  Johann  Gottlieb  Fichte  sagte  ja  die  schonen 
Worte:  Man  hat  eine  solche  Philosophic,  wie  man  ein  Mensch  ist.  —  Nun, 
man  bildet  sich  nach  seiner  Veranlagung  eine  mehr  materialistische  oder 
spiritualistische  Weltanschauung,  eine  realistische,  eine  idealistische  oder 
eine  liberale  oder  eine  konservative  oder  eine  sozialistische,  eine  poli- 
tische  Weltanschauung,  oder  audi  man  bildet  sich  eine  philistrose  oder 
eine  fortschrittliche  Ansicht  in  der  Frauenfrage.  Ich  konnte  noch  lange 
diese  Dinge  hier  aufzahlen.  Man  bildet  sich  Ansichten,  und  man  vertritt 
dann  diese  Ansichten,  indem  man  sich  vorstellt,  man  selbst  habe  das 
Richtige,  der  andere,  der  das  Entgegengesetzte  vertritt,  habe  das  Falsche. 
Richtig  und  falsch  ist  etwas,  was  uns  heute  bei  der  Bildung  eines  Urteils 
ganz  besonders  interessiert. 

Allerdings,  man  sieht  schon  -  wie  wir  gleich  nachher  deutlich  aus- 
fiihren  werden  dafi  ein  Ubergang  von  diesem  «Wahr  und  Falsch»  zu 
etwas  ganz  anderem  seinen  Anfang  nimmt.  Aber  vorerst  wollen  wir  uns 
klarmachen,  daft  dieses  «Wahr  und  Falsch»  nicht  immer  so  war  wie 
heute.  Noch  in  den  alteren  Zeiten  des  Christentums  oder  gar  in  den 
Zeiten  des  Agyptertums,  des  Chaldaertums,  gar  nicht  zu  reden  von  den 
Zeiten,  die  vorangegangen  sind  diesen  Kulturepochen,  gait  etwas  ganz 
anderes,  wenn  man  sich  ein  Urteil  bilden  wollte.  Man  bildete  sich  ein 
Urteil  nicht  so,  dafi  man  zunachst  auf  seine  Logizitat  sah,  sondern  man 
hatte  das  Gefiihl:  Wenn  jemand  in  einer  bestimmten  Weise  urteilt,  so 


urteilt  er  gesund;  wenn  er  in  einer  andern  Weise  urteilt,  so  urteilt  er 
krank.  -  Geradeso  wie  man  sagt,  wenn  man  jemanden  pausbackig, 
gerotet,  ein  bifichen  belebt  sieht,  er  sei  gesund,  und  wie  man  sagt,  wenn 
man  jemanden  ganz  durr  findet,  kasig,  weifi,  mit  schwarzen  Randern 
an  den  Augen,  er  sei  kranklich,  so  sagte  man,  wenn  jemand  so  oder  so 
urteilte,  er  urteile  gesund  oder  krank.  Man  sah  also  in  der  Art  und 
Weise,  wie  jemand  urteilte,  geradeso  einen  Ausflufi  der  ganzen  Mensch- 
heitsorganisation  wie  im  pausbackigen  oder  im  hageren  oder  im  kasigen 
Aussehen.  Man  beurteilte  den  Menschen  mehr  mit  Bezug  auf  das,  was 
er  an  sich  ist,  weniger  mit  Bezug  auf  das,  was  er  gegeniiber  einer  Um- 
gebung  ist,  iiber  die  er  sich  Vorstellungen  von  richtig  oder  f  alsch  macht. 

Ich  habe  hier  bereits  friiher  hervorgehoben,  fur  eine  Anzahl  von 
Ihnen,  die  damals  dagewesen  sind,  dafi  wir  in  einer  gewissen  Weise 
auf  diese  Anschauungsart  wiederum  zuruckkommen  miissen.  In  einer 
gewissen  Art  ist  ja  der  Entwickelungsgang  der  Menschheit  so,  dafi  be- 
stimmte  instinktive,  atavistische  Wahrheiten  aus  den  alten  Mysterien 
stammten,  die  dann  verintellektualisiert,  verabstrahiert  worden  sind. 
Und  in  diesem  Intellektualismus,  in  dieser  Abstraktion  leben  wir  noch 
heute.  Aber  die  neuere  Initiationswissenschaft,  die  sich  geltend  machen 
mufi,  mufi  aus  dem  vollen  Bewufitsein  in  gewisser  Weise  wieder  auf 
fruhere  Empfindungen  zuruckkommen.  Und  so  wird  man  sich  in  der 
Zukunft  nicht  dariiber  streiten  —  obzwar  in  einer  fur  die  allgemeine 
Menschheit  mehr  oder  weniger  fernen  Zukunft  -,  ob  ein  Urteil  richtig 
oder  falsch  ist,  wenn  man  sich  ernstlich  bemuht,  an  dem  Aufgang  der 
menschlichen  Zivilisation  mitzuarbeiten.  Man  wird  jemanden,  der  zum 
Beispiel  Atome  und  Molekiile  in  der  aufieren  Welt  sucht,  statt  geistige 
Wesenheiten  hinter  dem  Schleier  des  Sinnlichen  zu  sehen,  als  krankhaft 
urteilend  bezeichnen;  man  wird  finden,  dafi  er  an  einer  gewissen  Art  von 
Krankheit  der  Seele  leidet,  die  man  als  Schwachsinn  bezeichnen  kann. 
Schwachsinnig  wird  man  die  Anschauung  finden,  da!5  die  aufiere  Welt 
nicht  in  Goetheschem  Sinne  «Phanomen»  ist,  sondern  dafi  dahinter  so 
etwas  wie  reale  Atome  oder  Molekiile  verborgen  seien.  Schwachsinnig, 
nicht  falsch,  wird  man  das  nennen,  weil  man  finden  wird,  dafi  das  aus 
einer  unzulanglichen  Organisation  des  ganzen  Menschen  hervorgeht. 
Und  wenn  jemand  das,  was  aus  seiner  Organisation,  aus  dem  Kochen 


und  Brodeln  von  Leber,  Magen  raid  so  weiter  aufsteigt,  was  da  aus  dem 
Blute  kommt,  wenn  jemand  das  wie  eine  erhabene  Mystik  beschreibt  - 
es  kann  richtig  so  beschrieben  werden,  aber  es  handelt  sich  darum,  wie 
man  sich  dazu  stellt  -  wenn  jemand  so  sich  dazu  stellt,  dafi  er  darin 
etwas  anderes  sieht  als  die  Flamme,  welche  aufbrennt  aus  der  Organi- 
sation, dann  wird  man  nicht  sagen,  das  sei  falsch,  sondern  man  wird 
sagen,  das  sei  kindskopfig.  «Kindsk6pfig»,  habe  idi  Ihnen  gesagt,  ist 
ein  Wort,  welches  von  jenseits  der  Schwelle  etwas  anderes  bedeutet  als 
von  diesseits  der  Schwelle.  Von  diesseits  wird  die  Sadie  so  aussehen,  dafi 
man  sagt:
…[truncated]