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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthropo-
sophischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wurden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und f ehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen,
da£ in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
RUDOLF STEINER
Geisteswissenschaft als Erkenntnis
der Grundimpulse sozialer Gestaltun
Sechzehn Vortrage,
gehalten in Dornach vom 6. August bis 11. September 1920,
und eine Ansprache und ein Vortrag in Berlin
am 17. und 18. September 1920
1985
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe der 1. Auflage besorgte Hans W. Zbinden,
die der 2. Auflage Walter Kugler
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1967
2., neu durchgesehene Auflage
(photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1985
Einzelausgaben
Dornach, 8. August 1920: «Die zwolf Sinne des Menschen in
ihrer Beziehung zu Imagination, Inspiration und Intuition*,
Dornach 1938, 1967, 1976, 1983
Dornach, 27. August 1920:«Das Ewige in der Hegelschen Logik
und ihr Gegenbild im Marxismus», Dornach 1958
Nachweis weiterer Veroffentlichungen siehe Seite 297
Bibliographie-Nr.199
Zeichen auf dem Einband nach einem Entwurf von Rudolf Steiner
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Assja Turgenieff f und Hedwig Frey f
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1990-3
INHALT
ERSTER VORTRAG, Dornach, 6. August 1920
Riickblick auf das erste Jahr der Waldorfschule in Stuttgart: Religionsunterricht,
Weltanschauung im Zusammenhang mit Methodik und Didaktik, Zeugnisse,
Madchen-Knaben-Relation, Lehrerschaft, Emil Molt, finanzielle Verhaltnisse,
Parallelklassen, Hospitanten. Geisteswissenschaft als Taterkenntnis. Die Welt
der Erscheinungen, dargestellt am Beispiel des Regenbogens. Atomistisches
Denken als Ausdruck schwachsinnigen Geistes. Einseitiges Sich-Hingeben an
die Mystik als Ausdruck von Kindskopfigkeit. Uber das Gute und das Bose.
Politische Parteien als Abglanz geistiger Wesenheiten. Das Wissen der Jesuiten
von geistigen Wesenheiten. Gegnerschaft und ihre Widerspriiche.
ZWEITER VORTRAG, Dornach, 7. August 1920
Politische Parteien und ihr iibersinnliches Gegenbild. Vom Widersinn der
Parteiengefolgschaft. Unterschiede in dem Verhaltnis von Volkern und Partei-
gruppen zu iibersinnlichen Wesenheiten. Der dreigliedrige Mensch als Abbild
der geistigen Welt. Geisteswissenschaft und ihr Verhaltnis zum Materialismus.
Leninismus und Trotzkismus als Fortsetzung des Zarismus. Die Aufgabe der
Dreigliederung im Spannungsfeld von Ost und West. Uber die Abstraktheit von
Parteiprogrammen.
DRITTER VORTRAG, Dornach, 8. August 1920
Die zwolf Sinne des Menschen und ihr Verhaltnis zur aufieren und inneren Welt.
Die sieben «aufieren Sinne» in ihrer Beziehung zu den drei hoheren Erkenntnis-
stufen Imagination, Inspiration und Intuition. Die seelischen Wirkungen der
fiinf «inneren Sinne». Schlufifolgerungen unter Beriicksichtigung der Anschau-
ungen einiger Mystiker des Mittelalters, ferner der Darstellungen Leadbeaters
liber das Devachan sowie Aufierungen Oswald Spenglers.
VlERTER VORTRAG, Dornach, 14. August 1920
Uber die Aufgaben der anthroposophischen Bewegung und die Verantwortung
des einzelnen Mitgliedes. Kritische Anmerkungen zu Anschauungen der mate-
rialistischen Naturwissenschaft liber die Erdenentwicklung sowie iiber die Chri-
stus-Auffassung in der materialistisch tingierten Theologie des 19. Jahrhunderts.
Das Problem der Freiheit im Mittelpunkt geisteswissenschaftlicher Betrachtun-
gen. Das «wahre Wesen» der Erinnerung. Uber das Verhaltnis von Geisteswis-
senschaft und Mystik. Spirituelles und Materielles in seiner wechselseitigen
Beziehung.
FUNFTER VORTRAG, Dornach, 15. August 1920
Kategorien der Urteilsbildung (richtig und falsch, gesund und krank, niitzlich
und schadlich) in ihrer geistesgeschichtlichen Entwicklung. Die Einbeziehung
des Willens in die Urteilsbildung. Die Bedeutung einer «okkulten Denkweise»
fur die Beurteilung weltgeschichtlicher Vorgange. Die Initiationswissenschaft als
Grundlage der Urteilsbildung im sozialen Leben, dargestellt am Beispiel des
Wirtschaftslebens. Der Weg vom instinktiven Gruppenurteil zum assoziativen
Urteil.
SECHSTER VORTRAG, Dornach, 20. August 1920 95
Der Mensch im Spannungsfeld von «innen und aufien», von geistigen und
sinnlichen Erscheinungen. Das Raum-Zeit-Problem im Zusammenhang mit dem
Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das Raum-Zeit-Denken in
bezug auf die Sinneswelt und das Geistige. Uber das Problem der « Anschauung»
als Bestandteil der Erkenntnisbildung. Die Lebensfremdheit in der Urteilsbil-
dung von Zeitgenossen, dargestellt am Beispiel des Journalisten Rene Marchand.
SlEBENTER VORTRAG, Dornach, 2 1 . August 1920 1 09
Bedingungen fur ein zukunftsorientiertes Zusammenleben der Volker. Das west-
liche Volkstum und sein Einflufi auf die iibrigen Volker. Vom Wesen des
ostlichen Volkstums und Entwicklungstendenzen des Bolschewismus. Das west-
liche Volkstum und der Stellenwert der Logik bei John Stuart Mill. Die « Chri-
stian Science* als Konsequenz westlicher Anschauungen. Uber die Bedeutung
des vorgeburtlichen Lebens in der ostlichen Anschauung und die des nachtod-
lichen Lebens in der westlichen Anschauung als Keimzelle des Spiritismus.
Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben im Zusammenhang mit den
Volkern im Osten, in der Mitte und im Westen.
ACHTER VORTRAG, Dornach, 22. August 1920 128
Die Ausgestaltung der drei Glieder der menschlichen Organisation in den ver-
schiedenen Teilen der Erde: Die Bedeutung des Stoffwechselorganismus fiir die
«alten» Orientalen und die Tendenz zu seiner Uberwindung. Vom Wesen der
Jogaiibungen im alten Indien. Die Bedeutung des rhythmischen Systems fiir den
Mitteleuropaer und sein Zusammenhang mit dem rechtlich-staatlichen Element.
Wesensziige der Scholastik. Die Bedeutung des Nerven-Sinnes-Systems fiir den
westlichen Menschen. Uber die Entwicklungsrichtungen der einzelnen Glieder
des menschlichen Organismus innerhalb der verschiedenen Volkergruppen. Die
neue Initiationswissenschaft und ihr Zusammenhang mit den Volkern sowie den
drei Gliedern des sozialen Organismus.
NEUNTER VORTRAG, Dornach, 27. August 1920 145
Wichtige Stationen im Leben Hegels. Das Ewige in der Hegelschen «Logik» und
ihr Gegenbild im Marxismus, mit einem Exkurs uber Rudolf Steiners Holzpla-
stik «Der Menschheitsreprasentant». Anmerkungen zu Hegels Rechtsphiloso-
phie, insbesondere zu seiner Staatsauffassung. Die geistige Kraft im Hegeltum
und ihre Bedeutung fiir die Neuzeit. Uber den Verlust der Moralitat unter den
damaligen Intellektuellen, dargestellt an dem Konflikt zwischen Ernst Haeckel
und seinem Schuler Ludwig Plate. Die Tragik der «schlafenden Seelen» in
Europa.
ZEHNTER VORTRAG, Dornach, 28. August 1920 163
Das Verhaltnis des Menschen zur Sinnes- und Geistwelt. Uber den Zusammen-
hang der menschlichen Organe mit dem Gebiet des Geistes. Der Mensch als ein
Glied des Kosmos. Von der Lebensfremdheit religioser und sozialer Gemein-
schaften. Die Beziehungen der Hierarchien zu den Menschen. Die jenseits des
«Sinnesteppiches» iiegende Welt der zentripetal wirkenden Wesenheiten.
Anmerkungen zu Oswald Spenglers Kritik an der «Spiefierphilosophie» und zu
Leadbeaters «okkulter Chemie».
ELFTER VORTRAG, Dornach., 29. August 1920 178
Das Gebiet der zentrifugalen Krafte. Der Mensch als Vermittler zwischen Got-
terwelten. Uber den Sinn menschlichen Seins. Das Wirken der zentripetalen
Krafte durch das menschliche Haupt, das der zentrifugalen Krafte durch das
Gliedmafiensystem. Uber das Chaos in den sozialen Verhaltnissen als Folge der
Unwissenheit von den Zusammenhangen des Menschen mit dem Kosmos. Vom
Unterschied zwischen dem «sozialen Denken» und dem «Denken aus dem
Geistigen heraus». Uber den Stellenwert von Statistiken im gegenwartigen sozia-
len Leben. Initiationskrafte als Richtkrafte fur das Wirtschaftsleben. Mittel-
europa und der Dornacher Bau.
ZWOLFTER VORTRAG, Dornach, 3. September 1920 192
Der Orient als die Quelle des Geisteslebens der Menschheit; Mitteleuropa als
Ausgangspunkt fiir das Rechtsleben; der Westen als Quellort wirtschaftlicher
Begrifflichkeiten. Familienegoismus und Imitation als die sozialen Grundkrafte
im Denken von Thomas H. Huxley. Die Initiationswissenschaft als Ausgangs-
punkt fiir eine geistgemafie Gestaltung des sozialen Lebens: Das Verhaltnis des
Atherleibes, Astralleibes und des Ich zum Tier-, Pflanzen- und Miner alreich.
Die Entstehung des geistigen Lebens durch die Arbeit des Menschen an seinem
Ich, die des Rechtslebens durch die Arbeit am Astralleib, die des Wirtschafts-
lebens durch die Arbeit am Atherleib.
DREIZEHNTER VORTRAG, Dornach, 4. September 1920 207
Uber die Entwicklungsrichtungen der menschlichen Wesensglieder. Das Eigen-
sein des physischen Leibes. Die Verwandtschaft der Wesensglieder mit den
Naturreichen. Die Entstehung der drei Gebiete des sozialen Organismus durch
die Arbeit des Menschen an seinen Wesensgliedern als Ausdruck der Willens-
seite. Das Zuriickwirken der drei Glieder des sozialen Organismus als Ausdruck
der Wahrnehmungsseite: Die Riickwirkung des Geisteslebens auf den physi-
schen Leib im gegenwartigen und insbesondere im nachsten Erdenleben. Die
Riickwirkung des Rechtslebens auf den Atherleib und die Auswirkungen auf den
Kosmos. Die Riickwirkung des Wirtschaftslebens auf den Astralleib und die
Auswirkungen auf die geistige Welt. - Uber das richtige Verhaltnis des Men-
schen zu Geist und Materie.
VlERZEHNTER VORTRAG, Dornach, 5. September 1920 224
Die Vorbereitung der Naturgrundlage fiir das nachste Erdenleben durch das
soziale Leben. Die Entstehung der drei Glieder des sozialen Organismus im
Orient, in der Mitte und im Westen, impulsiert durch das Stoffwechsel-, rhyth-
mische und Nerven-Sinnes-System. Uber die Gefahren fiir das Geistesleben
durch die Verkniipfung mit dem Staats- und Wirtschaftsleben. Von der Notwen-
digkeit des «Hereinragens» des Lebens in das Geistgebiet, der Empfindung in
das Rechtsgebiet und der Vernunft in das Wirtschaftsgebiet. Der Mensch im
Zusammenklang mit der Weltenordnung.
FUNFZEHNTER VORTRAG, Dornach, 10. September 1920 238
Die Bedeutung von Lebensimpulsen in friiheren Zeiten fiir die Gegenwart,
dargestellt am Beispiel des Verhaltnisses der Menschen zum Kosmos im alten
Orient. liber die Tragik der eingeschrankten Urteilsbildung in der Gegenwart
im Zusammenhang mit der Forderung nach der Einfiihrung einer Arbeitspflicht.
Die Abschaffung der «Himmelswissenschaft» durch das juristische Denken und
ihre Folgen. Der gegenwartige Stolz auf die erworbene Intelligenz, deren mate-
rialistische Deutung sowie Konsequenzen fiir die soziale Einstellung der Men-
schen. Der Dornacher Bau als Wahrzeichen fiir ein neues Geistesleben.
SECHZEHNTER VORTRAG, Dornach, 1 1 . September 1920 253
Die Wandlung der Bedeutung von Eigennamen als Beispiel fiir weitere Verande-
rungen in der Sprache. Uber die Emanzipation des menschlichen Seelenlebens
von den Worten. Bildlose Krafte im Seelenleben des Menschen als Ursache fiir
den Intellektualismus. Die Bedeutung des Bildhaften in der Zukunft und einige
Gefahren fur den Menschen, wenn er weiterhin das Unbildliche pflegt. Die
Bildersprache des Traumlebens. Von der Notwendigkeit des schdpferischen
Erfassens des Mysteriums von Golgatha und der Notwendigkeit der Verbild-
lichung des ganzen Kulturlebens. Kritische Bemerkungen zu der aus der theo-
sophischen Denkweise hervorgegangenen Idee des «permanenten Atoms*.
ANSPRACHE, Berlin, 17. September 1920 271
bei der Generalversammlung des Berliner Zweiges
Kritische Anmerkungen zur Einschatzung der Weltlage seitens der Regierung im
Jahre 1914 und zur Verleumdungskampagne gegen die Anthroposophie. Uber
die Schrift «Gedanken wahrend der Zeit des Krieges». Einige Motive, die Rudolf
Steiner zu seinem «Aufruf an das deutsche Volk und die Kulturwelt» veranlafi-
ten. Uber die Entwicklung der Dreigliederungsbewegung und einige Mifiver-
standnisse, mit denen man ihr entgegentrat. Zur Fortsetzung der Arbeit in
Berlin.
SlEBZEHNTERVORTRAG, Berlin, 18. September 1920 . .. 279
Uber die Notwendigkeit eines Bewufitseins von der vorgeburtlichen Existenz
des Menschen. Zum Begriff der Unsterblichkeit innerhalb der Konfessionen.
Der Zusammenhang von Praexistenz und wiederholten Erdenleben. Exkurs iiber
den Umgang mit der Idee der Wiedergeburt in der Padagogik. Die Kenntnis der
Vorgeburtlichkeit als Ausgangspunkt fiir ein Begreifen des Zusammenhanges
von Menschenseele und Menschenleib. Zahnwechsel und geschlechtliche Reife.
Auffassungen die Ewigkeit des Stofflichen und die der Seele betreffend. Uber die
« Un geb orenheit » .
Hinweise 297
Textkorrekturen in der 2. Auflage 309
Personenregister 310
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 313
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 315
ERSTER VORTRAG
Dornach, 6. August 1920
Ich habe auszugehen von der ja sehr erfreulichen Tatsache, daft ich bei
meiner Ankunft hier eine groEe Anzahl von Freunden finden konnte,
die neu hier angekommen sind, um sich zu informieren iiber das, was
hier geschehen ist und was von hier aus beabsichtigt wird in unserer an-
throposophischen Bewegung. Ich begriifie auf das herzlichste alle die
angekommenen Freunde und hoffe, dafi sie allerlei Anregungen von
ihrem diesmaligen Aufenthalte mitnehmen werden. Es ist ja unter den
Freunden, die wir hier wieder sehen konnen, eine Anzahl solcher, die
wir seit Jahren nicht gesehen haben. Und das alles, dafi wir seit Jahren
manche Freunde nicht sehen konnten, das - mit vielem andern - weist
ja hin auf die Schwierigkeiten der Zeit, in der wir leben. Ich selbst
komme zuriick von einem Stuttgarter Aufenthalte, der mit den mannig-
faltigsten, innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung gelegenen
Aufgaben erfiillt war, der in sich geschlossen hat unter anderem auch
den Schlufi des ersten Schuljahres der in Stuttgart gegriindeten «Wal-
dorfschule». Diese Waldorf schule gehort ja zu denjenigen Einrichtun-
gen, welche im eminentesten Sinne aus unserer anthroposophischen
Geistesbewegung heraus gedacht sind. Und was der Abschlufi des ersten
Schuljahres gezeigt hat, das ist, wie ich glaube, auch dann, wenn man
durchaus grofie Anforderungen stellt, immerhin als etwas Befriedigen-
des zu bezeichnen. Ich darf das hier aussprechen aus dem Grunde, weil
man ja auch wohl solchen Dingen gegemiber objektiv sein kann, auch
wenn man mit dem ganzen Herzen daran hangt, und auch dann, wenn
man in einer gewissen Weise die Sache selber eingerichtet hat.
Als befriedigend ist vor alien Dingen mit Bezug auf diese Waldorf -
schule anzusehen, dafi die Lehrerschaft es durchaus verstanden hat,
erstens sich vollig, so wie es gewollt worden ist, auf anthroposophischen
Boden zu stellen. Es sollte dieses Sich-auf-anthroposophischen-Boden-
Stellen so sein, dafi — und aus den gegenwartigen Zeitverhaltnissen her-
aus mufite das sein - die Waldorfschule ja nicht etwa eine Welt-
anschauungsschule sein sollte, nicht eine Schule, in der man etwa An-
throposophie lehrt. Das war ja nicht die Absicht. Wir haben deshalb
absichtlich den Religionsunterridit so eingerichtet, dafi diejenigen Kin-
der, deren Eltera wollten, dafi sie den evangelischen Unterricht be-
suchen, von dem evangelischen Pfarrer unterrichtet werden konnten,
die katholischen von dem katholischen Pfarrer und nur fur diejenigen,
welche sich keiner der bestehenden Konfessionen zuzahlen wollten,
wurde abgesondert von dem ubrigen Unterricht eine Art anthropo-
sophischer Religionsunterricht gegeben. Aber aufier dem war es durch-
aus nicht die Absicht, eine Weltanschauungsschule zu begriinden, son-
dern es war die Absicht, was sich an praktischen, padagogisch-didak-
tischen Impulsen ergeben kann aus unserer geisteswissenschaftlichen
Anschauung und aus unserem geisteswissenschaftlichen Wollen heraus,
dafi das einmal in Erziehung und im Unterricht der Jugend wirklich
angewendet werde. Also in der Handhabung des Unterrichts, in der
Handhabung des ganzen Schulwesens, nicht im Inhalte, sollte das An-
throposophische zum Ausdrucke kommen in der besonderen Artung der
Padagogik und Didaktik und der verschiedenen Unterrichtsmethoden,
Allerdings, wenn dann der Anthroposoph aus seinem anthroposophi-
schen Wollen heraus den Unterricht befruchtet hat, dann zeigt es sich
gerade bei dieser Bef ruchtung des Unterrichtes, wie belebend Anthropo-
sophie wirkt, wenn sie eben wirklich Tat wird. Ich habe ja immer Ge-
legenheit gehabt, die Fortschritte wahrend des ersten Schuljahres in der
Waldorf schule zu beobachten; ich war ab und zu immer wiederum ein
oder zwei Wochen da, konnte den Unterricht kontrollieren, konnte auch
sehen, wie die einzelnen Klassen sich entwickeln. Ich konnte zum Bei-
spiel bemerken, wie es unserem Freunde Dr. Stein gelungen war, den
Geschichtsunterricht dadurch zu beleben, dafi er anthroposophische Im-
pulse in dasjenige hineingebracht hat, was eben schon Geschichtsunter-
richt fur die alteren Schuler ist. Man konnte sehen, wie die Menschen-
kunde, der anthropologische Unterricht in der fiinften Volksschulklasse
befruchtet wurde von Fraulein Dr. von Heydebrand dadurch, dafi sie
nicht jene ode Menschenkunde den Kindern vorbrachte, wie das ge-
wohnlich in unseren Schulen der Fall ist, sondern dafi sie wirklich diese
Anthropologic befruchtete aus anthroposophischem Wollen. Und so
konnte ich vieles im einzelnen anfuhren, aus dem Sie ersehen wiirden,
wie, ohne dafi man auch nur im entferntesten abstrakt Anthroposophie
lehrt, gerade die Methodik, die Art der Behandlungsweise von An-
throposophie befruchtet werden kann und wie gerade diese praktische
Anwendung anthroposophischen Wollens zeigt, dafi tatsachlich An-
throposophie nicht eine abgezogene, abstrakte Weltanschauung bleiben
mufi, sondern dafi sie unmittelbar eingreifen kann in das menschliche
Tun, wenn es uns auch leider nur so wenig gestattet ist, in dieses mensch-
liche Tun einzugreifen, sondern immer nur in so eingeschrankten Ge-
bieten und auch eigentlich nur in solchen Gebieten, wie es eben die Wal-
dorfschule ist. Und als wir dann das erste Schuljahr schlossen, da trat
etwas auf, was, ich mochte sagen, zunachst auf scheinbar rein Aufier-
liches deutete, das aber in Wirklichkeit auf etwas sehr Innerliches deutet,
wie ich gleich ausfiihren werde: eine vollige Neuerung trat auf, das
waren die Zeugnisse.
Dieses Zeugniswesen ist ja wirklich das Elendeste in unserem Schul-
wesen, dieses aufierliche Herumtappen der Lehrer, um da die Note 1,2,
3, 4, 5 und so weiter in die Zeugnisse hineinzuschreiben, das ist im
Grunde genommen doch etwas, was in der fiirchterlichsten Weise er-
totend auf das Schulwesen wirkt. Unsere Zeugnisse sind hervorgegangen
aus einer wirklichen Schulpsychologie, aus einer absoluten praktischen
Anwendung der menschlichen Seelenkunde. Unsere Lehrer waren am
Ende des ersten Schuljahres annahernd so weit, dafi sie jedem Kinde
ein den Charakterfahigkeiten entsprechendes, die Aussichten fur das
weitere Fortschreiten individuell bezeichnendes Zeugnis geben konnten.
Kein Zeugnis glich dem andern. Keine Ziffernote war darin, sondern
aus der individuellen Erkenntnis des Lehrers heraus gegeniiber seinem
Schuler wurde dem Schiiler sein Wesen charakterisiert. Und so intim
hatten sich bereits im Lauf e des ersten Schuljahres die Lehrer in die Seele
des Kindes zu vertiefen gesucht, dafi sie jedem Kinde auf dem Zeugnis
einen Geleitspruch mitgeben konnten, angemessen dem individuellen
Charakter des einzelnen Kindes.
Diese Zeugnisse bilden eine Neuerung. Aber schliefien Sie nicht dar-
aus, dafi man so etwas ohne weiteres irgendwo einfiihren kann, dafi
man es ohne weiteres irgendwo nachmachen kann, sondern das beruht
tatsachlich auf dem ganzen Geiste der Waldorfschule, beruht darauf ,
dalS in der Waldorf schule im ersten Schuljahr in der intensivsten Weise
Schulpsychologie getrieben worden ist. Sorgfaltig wurde von uns stu-
diert, woher gewisse intime Ersdieinungen in dem schnelleren oder lang-
sameren Vorwartskommen einer Klasse kommen. Und man kam schon
im Laufe des ersten Schuljahres auf Dinge, die in gewisser Beziehung
iiberraschend sind. So zum Beispiel stellte sich heraus, dafi die ganze
Konfiguration der Klasse eine ganz bestimmte ist, wenn der Zahl nach
gleichviel Knaben und gleichviel Madchen in der Klasse sind. Ganz
anders stellt sich die Konfiguration, wenn die Majoritat Knaben, die
Minoritat Madchen sind, und umgekehrt wiederum, wenn die Majoritat
Madchen, die Minoritat Knaben sind. Wir haben alle Beispiele in unse-
ren Klassen gehabt. Diese Imponderabilien, die man sonst gar nicht
berucksichtigt, die sind in vieler Beziehung das Wesentliche,
Wenn man gewisse Dinge der Psychologie ausspricht, definieren will,
dann sind sie im Grunde genommen schon gar nicht mehr das, um was
es sich eigentlich handelt. Und das ist gerade ein grofier Unfug in unse-
rer Zeit, dafi man die Dinge zu sehr in strammen Wortfolgen zum Aus-
druck bringen will. Man kann die Dinge nicht ordentlich studieren,
wenn man sie in strammen Wortfolgen zum Ausdruck bringen will.
Man mufi sich nur bewufit sein, dafi dadurch, dafi man die Dinge aus-
driickt, sie eigentlich immer nur annaherungsweise bezeichnet werden.
Allerdings, wir sind ja immer in einer eigentumlichen Lage, wenn wir
von den Ergebnissen unserer anthroposophisch orientierten geistes-
wissenschaftlichen Bewegung reden. Diese Waldorf schule, deren Lehrer-
schaft sich im eminentesten Sinne bewahrt hat, konnte sich ja nur da-
durch bewahren, dafi wirklich zunachst die tiichtigsten, fiir die Pad-
agogik geeignetsten Menschen zusammengezogen worden sind. Man
stoik ja heute leider, wenn man irgend etwas praktisch durchfuhren
will, immer viel mehr als irgend jemand denkt, auf das eine grofie Hin-
dernis, das ich nur so bezeichnen kann: die Welt ist heute arm an solchen
Menschen, die fiir irgendwelche wirklichen Lebensaufgaben geeignet
sind, und die Schwierigkeit wiirde wesentlich grofier, wenn eine zweite
Waldorfschule gegrundet werden sollte. Da wiirde die Frage nach den
geeigneten, wirklich tiichtigen Personlichkeiten, die so aus dem Geiste
anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus wirken konn-
ten, schon wesentlich schwieriger werden, weil man zu der einen [Schule]
selbstverstandlich alle diejenigen, die wirklich ernsthaft inBetracht kom-
men, zusammenziehen mufite. Dennoch, es ist einmal auf einem be-
stimmtenGebiete ganz zweif ellos etwas erreicht worden. Aber ich mochte
sagen, man sieht da eine Insel. Auf dieser Insel spielte sich ab im Laufe
des ersten Schuljahres ein wirklich aus den Fundamenten der Anthropo-
sophie herausgeholtes Unterrichts-Geisteswesen. Aber diese Insel hat
Ufer, ist aufierlich begrenzt, und aufierhalb dieser Ufer, da Hegt die
Finanzierung der Schule, da liegen die wirtschaftlichen Verhaltnisse der
Schule, die selbstverstandlich drinnenstehen in dem niedergehenden
wirtschaftlich-staatlichen Leben der Gegenwart. Und da beginnt bereits
etwas, von dem man sagen mufi: da sind die Aussichten nicht so, wie
sie sein sollten, deshalb sein sollten, weil man doch solch einer Sache Ver-
standnis entgegenbringen sollte. Aber steht man eigentlich dem, was
schliefilich die Waldorfschule aus dem Geiste heraus geleistet hat, in
gewissem Grade verstandnisvoll gegeniiber? Zunachst ist von unserem
Freunde Molt die Waldorfschule begriindet worden, um den Waldorf-
Kindern, den Kindern der Waldorf-Astoria -Fabrik, Unterricht zu
geben. Nun waren schon im ersten Jahre viele fremde Kinder, die nicht
der Waldorf -Astoria -Fabrik angehorten, in dieser Schule; so um zwei-
hundertachtzig werden es gewesen sein. Jetzt sind bereits viele neue
angemeldet; naturlich aus der Waldorf -Astoria -Fabrik nicht mehr als
schon waren, hochstens diejenigen, die in dem entsprechenden Jahre ge-
boren worden sind, und das sind nicht viele, also nur der Nachwuchs.
Aber wenn alles wirklich gut geht, das heifit, wenn aufier den andern
audi die wirtschaftlichen Verhaltnisse geordnet werden konnen, dann
werden wir nach den jetzigen Anmeldungen schon iiber vierhundert
Kinder in der Waldorfschule haben. Dazu mu£ gebaut werden, dazu
miissen neue Lehrer angestellt werden, es miissen Parallelklassen be-
griindet werden. All das mufi geschehen, und es wird in gewissem Sinne
eine Art von Kreuzprobe sein, ob das finanzielle Verstandnis der Men-
schen nachkommen wird jenem Verstandnisse, das immerhin schon da-
durch bekundet worden ist, dafi uns so viele Menschen von aufien her
ihre Kinder bringen. Ich darf wohl betonen, dafi es mir immerhin nied-
lich vorkam, als auf dem Korridor mir eine Mutter eines in der Wal-
dorfschule vorhandenen Kindes vorgestellt wurde als die Frau Minister
Soundso. Also immerhin audi diejenigen, die mit dem gegenwartigen
Staatswesen so liiert sind, und ahnliche andere Leute, bringen uns ihre
Kinder in die Waldorfschule.
Die Dinge sollte man eigentlich auch in sozialer Beziehung einmal
eingehender studieren. Man wiirde vielleicht gerade an solchen Erschei-
nungen, wie die Waldorfschule eine ist, merken konnen, was wirklich
unserer Zeit not tut.
Das, was sich so handgreiflich in der Waldorfschule geltend machte,
das war das Auftreten einer gewissen Oberflachlichkeit, die ja, wie ich
oftmals hier ausgefiihrt habe, ein Charakteristikum gerade unserer Zeit
ist. Auch an die Leitung der Waldorfschule ist es selbstverstandlich her-
angetreten, dafi da oder dort sich Leute fanden, die nun einmal ein
bifichen hospitieren wollten, das heifit, etwas hineinriechen wollten in
die Waldorfschule. Aber da kann man nicht viel sehen, denn auf die
Einzeiheiten kommt es dabei nicht an, sondern es kommt auf de*n gan-
zen Geist an, der in der Waldorfschule waltet, und der ist einfach der
anthroposophische. Und statt dafi die Leute, denen es zu langweilig ist,
sich mit anthroposophischen Buchern zu befassen, hineingehen und sich
einmal ansehen wollen, wie es in der Waldorfschule zugeht, sollten sie
lieber sich in Anthroposophie vertiefen. Denn das, was der Waldorf-
schule den Geist gibt, die eigentliche Grundlage, das kann man lediglich
an dem sehen, was an spirituellen Impulsen dem anthroposophischen
Geistesleben zugrunde liegt. Dieses anthroposophische Geistesleben ist ja
heute, wie ich fur diejenigen, die langer hier sitzen, oftmals ausgefiihrt
habe, eben nicht nur etwas, was sich an den einzelnen wendet, wenn er
aus den Lebensnoten und aus den Seelennoten heraus den Aufblick zu
den geistigen Kraften der Welt sucht, sondern diese Geisteswissenschaft
ist etwas, was heute zu der Not unserer Zeit, zu dem ganzen Niedergang
unserer Zeit sprechen mufi. Da steht dann allerdings dem Verstandnis
dessen, was Geisteswissenschaft zu sprechen hat, die besondere Art des
Verstandnisses entgegen, die ein heutiger Mensch durchschnittlich allem
entgegenbringen kann, was vor ihm in geistiger Beziehung auf tritt. Es
ist ja vielfach notwendig, dafi, wenn geisteswissenschaftlich gesprochen
wird, im Grunde genommen in einer ganz andern Sprache gesprochen
werden mufi als sonst. Man mochte sagen: Durdi die Geisteswissenschaft
erhalten die Worte in einer gewissen Beziehung eine neue Bedeutung.
Das zu fiihlen, das zu empfinden, das ist durchaus notwendig. Und
ich mochte Ihnen heute einiges von dem zeigen, welches Ihnen ersichtlich
machen kann, wie notwendig es ist, nicht nur in alten Worten eine etwas
andere Weltanschauung horen zu wollen, sondern mit dem Empfinden
die Worte anders aufnehmen zu lernen.
Gehen wir von einem bestimmten Falle aus. Wenn heute geredet wird
iiber irgendeine Weltanschauung, so bezeichnet man sie mit einem ab-
strakten Namen: Materialismus, Idealismus, Realismus, Spiritualismus
und so weiter, und man ist einfach der Anschauung, daft man sagen
kann: das eine oder das andere ist richtig oder unrichtig. Sagen wir, es
ist heute einer Spiritualist. Ein Materialist kommt zu ihm und setzt ihm
auseinander, wie er denkt, wie er zum Beispiel sich vorstellt, dafi des
Menschen Gedanken und Empfindungen ein Produkt des Gehirns sind.
Dann wird der Spiritualist sagen: Du denkst unrichtig, ich werde dich
logisch widerlegen, oder er wird sagen: Ich werde dich aus den Tat-
sachen heraus widerlegen. - Kurz, dasjenige, was in Frage kommt,
wenn Menschen heute iiber Weltanschauungsfragen reden, das ist, dafi
sie das eine als richtig, das andere als unrichtig bezeichnen, dafi also
etwa der Spiritualist den Materialisten widerlegen will, das heifit, ihm
beweisen will, dafi er unrecht hat und dafi es gut ist, wenn er die richtige
Anschauung bekommt, so wie sie der Spiritualist zu haben vermeint.
In einer blofi solchen Lage ist Geisteswissenschaft nicht. Geistes-
wissenschaft will nicht nur zu einer andern logischen Erkenntnis fuhren
als andere Weltanschauungen, Geisteswissenschaft mufi werden, wenn
sie ihre Aufgabe erfiillt, Taterkenntnis. Die Erkenntnis mufi in ihr zur
Tat werden, zur Tat im ganzen kosmischen Weltzusammenhange. Ich
will Ihnen das an bestimmten Beispielen darlegen. Wenn die Menschen,
die heute die Welt naiv, aber mit ein wenig materialistischer Empfin-
dung betrachten, die Augen, die Ohren nach aufien wenden, Tone horen,
Farben wahrnehmen, Warmeempfindungen haben und dergleichen,
dann sehen sie die aufiere Sinneswelt. Werden sie dann Wissenschafter
oder nehmen sie auch nur in popularer Weise in sich auf, was Wissen-
schaft sein will, dann werden sie sich gewisse Vorstellungen, gewisse
Begriffe ausbilden oder auch einfach nur aufnehmen, die durdi die
Kombination dieser in der Aufienwelt gesehenen Farbenelemente, Ton-
elemente, Warmeelemente und so weiter entstanden sind. Es gibt ja
Leute, die sagen, dafi alles, was man zunachst sieht, aufiere Erscheinung
ist. Aber diese Anschauung, dafi alles aufiere Erscheinung ist, nehmen
die Menschen nidit tief genug. Sie sehen zum Beispiel den Regenbogen.
Allerdings, wenn sie den Regenbogen betrachten, sind sie schon durch
das, was sie nun einmal schulmafiig gelernt haben, davon iiberzeugt,
dafi der Regenbogen nur eine Erscheinung ist, dafi man zum Beispiel
nicht dahin gehen kann, wo der Regenbogen ist und hubsch das eine
Bein zunachst auf die Briicke setzen und so iiber den Regenbogen als
einen festen Gegenstand hinwegmarschieren kann. Die Menschen sind
iiberzeugt, dafi sie das nicht konnen, dafi der Regenbogen nur eine Er-
scheinung, ein Phanomen ist, das aufsteigt und das wiederum abflutet.
Aber nur so lange sind sie davon iiberzeugt, dafi sie es da draufien in
der Aufienwelt mit Erscheinungen zu tun haben, solange sie mit dieser
Aufienwelt nicht durch ihren Tastsinn, durch ihren Gefiihlssinn in Be-
riihrung kommen. Sobald sie etwas in der Aufienwelt greifen konnen,
dann ist es ihrer Empfindung gemafi nicht mehr in demselben Grade
eine Erscheinung, wenn auch die neuere Philosophic das vielfach be-
hauptet hat, aber es ist nicht fur die Menschen der Empfindung gemafi
eine Erscheinung. Mindestens gelten gefuhlsmafiig die Eindriicke des
Tastsinnes zum Beispiel als etwas, was eine andere aufiere Wirklichkeit
verbiirgt als zum Beispiel die Erscheinungswirklichkeiten des Regen-
bogens.
Und dennoch, alles, was wir mit den aufieren Sinnen wahrnehmen,
enthalt nur Erscheinungswelt, modifiziert vielleicht gegeniiber den Er-
scheinungen des Regenbogens, aber doch nur Erscheinungswelt. Wie weit
wir auch den Blick richten, wie weit wir auch horen, was wir auch horen
konnen, was wir auch sonst wahrnehmen konnen, in der Aufienwelt
haben wir es iiberall mit Erscheinungen zu tun, mit Phanomenen. Das
habe ich ja schon in meiner Einleitung zum dritten Bande von Goethes
naturwissenschaftlichen Schriften darzustellen versucht. In der Aufien-
welt haben wir es mit einem Gewebe von Erscheinungen zu tun. Und
wer es versucht, sei es durch das Experiment, sei es durch irgendwelche
Kombinationen verstandesmafiiger Art, da drauften im Reiche der Er-
scheinungen etwas von Materie zu finden, so wie man sich Materie vor-
stellt, der ist auf dem Holzwege. Es gibt da draufien nichts, was man als
Materie auf finden konnte. Da hat man es mit Erscheinungswelt zu tun.
Das ist etwas, was ja, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, aus
dem ganzen Geiste der Geisteswissenschaft hervorgeht. Man hat es da
draufien mit Erscheinungswelt zu tun. Nun wird derjenige, der heute
auf dem Boden einer gelaufigen Weltanschauung steht, kommen und
sagen: Also ist es unrichtig, dafi man die Materie draufien im Reiche der
Erscheinungen suchen sollte. - Diese Redeweise kann Anthroposophie
nicht teilen. Sie mufi anders sagen. Sie mufi sagen: Der Mensch kann
durch das ganze Gefiige seines Geistes dazu kommen, in dem Gewebe,
in dem Wogen der Phanomene, der Erscheinungen Materie suchen zu
wollen, da draufien irgend etwas suchen zu wollen von Atomen, Mole-
kiilen und so welter, welche Ruhepunkte sind in der Erscheinung. Die
einen stellen sie wie kleine Schrotkorner vor, wenn auch nur ganz
kleine, die andern stellen sie vor wie Kraftpunkte und sind sehr stolz
darauf, sie so vorzustellen, wieder andere stellen sie vor als mathe-
matische Fiktionen und sind noch stolzer darauf. Darauf kommt es
nicht an, ob man sie sich als kleine Schrotkorner oder als Kraftpunkte
oder als mathematische Fiktionen denkt, es kommt darauf an, ob man
sich die Aufienwelt atomistisch denkt. Darauf kommt es an. Es ist aber
fur den Geisteswissenschafter nicht blofi unrichtig, atomistisch zu den-
ken. Ein solcher Begriff von richtig und unrichtig ist logisch, ist abstrakt,
und Geisteswissenschaft hat es mit Realitaten zu tun. Ich bitte Sie, das
sehr ernst aufzufassen, wenn ich sage: Geisteswissenschaft hat es mit
Realitaten zu tun. - Daher miissen gewisse Begriffe, die fur die gewohn-
liche, heute so abstrakt gewordene Weltanschauung blofie logische Kate-
gorien sind, durch Reales ersetzt werden. Daher sprechen wir in der
Geisteswissenschaft nicht blofi da von, dafi derjenige etwas Unrichtiges
denkt, der in der Auftenwelt Atome und Molekiile sucht, sondern wir
miissen das Denken, das so vorgeht, als ein ungesundes, als ein krankes
Denken auffassen. Den blofi logischen Begriff des Unrichtigen miissen
wir ersetzen durch den realen Begriff des Kranken, des Ungesunden.
Und wir miissen hindeuten auf eine ganz bestimmte Seelenerkrankung
- wenn sie audi nodi so viele Menschen er griff en hat -, die sich dadurch
ausspricht, dafi man atomistisch denkt. Und diese Seelenverfassung ist
diejenige des Schwachsinns. Es ist fur uns nicht blofi logiscli unrichtig,
atomistisch zu denken, es ist der Ausdruck eines schwachsinnigen Geistes,
blofi atomistisch zu denken, das heifit, in der Aufienwelt etwas anderes
zu suchen als dasjenige, was Phanomene sind, was schliefilich gleich-
wertig ist mit der Erscheinung des Regenbogens. Man hat es verhaltnis-
mafiig leicht in andern Weltanschauungen, die Dinge zurechtzuriicken:
man widerlegt. Man glaubt, etwas getan zu haben, wenn man widerlegt
hat. Geisteswissenschaftlich ist damit nicht alles getan, wenn man wider-
legt hat, sondern da kommt es darauf an, dafi man auf das gesunde und
kranke Seelenleben hinweist, auf reale Prozesse, die sich im ganzen
Menschen, im Korperlichen, Seelischen und Geistigen darleben. Und
atomistisch denken, ist krank denken, ist nicht blofi unrichtig denken.
Es ist ein realer ungesunder Prozefi, der sich abspielt im menschlichen
Organismus, wenn wir atomistisch denken. Das ist das eine, woriiber
wir uns klar werden miissen beziiglich der Phanomene der Auftenwelt,
beziiglich des Erscheinungscharakters der Aufienwelt.
Audi in bezug auf unser Inneres miissen wir uns klar werden. Viele
Menschen suchen das Geistige im Innern. Zunachst findet man das Gei-
stige im menschlichen Inneren nicht. Die wirklich objektive Betrachtung
jeder abstrakten Mystik zeigt das. Was man manchmal Mystik nennt,
ja vielleicht nicht manchmal, sondern was man in unserer Zeit sehr
haufig Mystik nennt, besteht darin, da£ man in sein Inneres hinein-
briitet, dafi man, wie man sagt, Selbsterkenntnis durch dieses4n-sein-
Inneres-Hineinbriiten sucht. Was findet man, wenn man solche einseitige
Mystik treibt? Gewifi, man findet interessante Dinge. Aber wenn man
in den Menschen hineinschaut und einem da jene innerlich so wohlgef al-
ligen Erlebnisse aufsteigen, die man als mystischen Inhalt bezeichnet,
was sind sie eigentlich? Nun, das sind gerade die Dinge, welche uns
auf das materielle Dasein hinweisen. Materie finden wir nicht in der
Aufienwelt, wo die Erscheinungen der Sinne sind, Materie finden wir
in unserem Inneren. Wir sind jetzt so weit, dafi wir diese Dinge in der
richtigen Weise charakterisieren konnen. Da brodelt und kocht im
menschlichen Inneren der Stoffwechsel im weitesten Umfange; und die
Flamme, die der Stoffwechsel schafft, wenn sie ins Bewufitsein herauf-
schlagt, das ist die einseitige Mystik, von der viele glauben, dafi es der
Geist ist, den man im Inneren finden kann. Es ist nicht der Geist, es
sind die Flammen des Stoff wechsels im Inneren des Menschen, Nicht in
der Aufienwelt finden wir die Materie, in uns selbst finden wir sie, und
gerade durch einseitige Mystik finden wir sie. Daher tauschen sich viele,
die nicht materialistisch sein mochten und die aber dieses Nicht-mate-
rialistisch-sein-Wollen begleiten mit den Worten, die sie etwa so aus-
sprechen: Da draufien ist die niedere Materie; iiber die erhebe ich mich
und wende mich dem eigenen Inneren zu, da finde ich den Geist. -
Nichts vom Geiste zunachst ist weder draufien noch innen. Draufien
sind die Erscheinungen, die ineinanderwebenden Erscheinungen, und
in unserem Inneren ist die Materie, da ist das Kochen und Brodeln der
Materie. Und dieses Kochen und Brodeln der Materie lafit die Flammen
aufflackern, die ins BewuJRtsein hereinschlagen und die Mystik bilden.
Mystik ist die innerlich wahrgenommene Korpermaterie des Stoffwech-
sels. Und diese Mystik ist wiederum nicht etwas, was man logisch wider-
legen kann, sondern was man zuriickfiihren mufi auf reale Prozesse,
wenn der Mensch sich dem Stoffwechsel in einseitiger Weise hingibt. So
wie der Glaube, dafi man in der aufieren Welt etwas von Materie finden
kann, auf Schwachsinn hinweist, also auf eine reale Erkrankung des
Geistig-Seelisch-Korperlichen des Menschen, so weist auf eine korper-
liche Ungesundheit das einseitige Weben in der Mystik hin. Es weist hin
auf etwas, das sich ja ein bifichen beleidigend ausnimmt, wenn man es
so einf ach ausspricht. Aber es mufi da ein Ausdruck angewendet werden,
der gewissermafien von jenseits des Hikers der Schwelle gesprochen
ist, und dann heifit der Ausdruck «Kindsk6pfigkeit». So wie man
schwachsinnig wird durch atomistisches Denken iiber die Aufienwelt,
so wird man kindskopfig, wenn man sich einer Mystik hingibt, die den
Geist in dem Brodeln des inneren Stoif wechsels spiiren will.
Kindskopfigkeit hat natiirlich audi eine gute Seite, denn wenn wir
das Kind betrachten, so ist in dem Kinde sehr viel Geist, und Genialitat
besteht vielfach darin, dafi sich der Mensch bis ins spatere Alter den
kindlichen Geist bewahrt. Und wenn wir von jenseits der Schwelle die
Welt betrachten, so sehen wir, wie der Geist es ist, der im Kinde zum
Beispiel das Gehirn formt, jener Geist, der schon herauskommt aus der
geistigen Welt, wenn wir durch die Konzeption oder Geburt in die
physische Welt einziehen. Dieser Geist, der da aus der geistigen Welt
herauskommt, der ist im Kinde am meisten tatig, verliert sich spater.
Und da ist dann kindskopfig nicht etwa ein Schimpfwort, sondern da
bedeutet es nur, dafi es eben der Geist ist, der aus einem fast chaotischen
Klumpen heraus das Gehirn formt, der heruntergestiegen ist durch die
Tat des Geistes aus der geistigen Welt in die physische Welt. Aber wenn
dieser Geist, der eigentlich das Gehirn des Kindes formen soli, spater
nicht so wirkt, dafi er sich hineinergiefit in die Logizitat, in die Erfah-
rung, in die Erlebnisse, sondern wenn er dann einseitig wirkt und die
einzelnen materiellen Erlebnisse ausschliefit, wenn er so weiter wirken
will, wie er in den ersten sieben Lebensjahren gewirkt hat, dann wird
man statt genial kindskopfig. Und Kindskopfigkeit ist ein Charakte-
ristikum einer grofien Anzahl von oftmals sehr hochmii tigen Mystikern.
Sie wollen weben und leben in dem Geist, der eigentlich im kindlichen
Organismus tatig sein sollte, der ihnen aber verblieben ist, und den sie
nun im Bewufitsein, indem sie sich selber aufierordentlich viel darauf
zugute tun, anstaunen, und wahrend sie die blofie Materie des Stoff-
wechsels wahrnehmen, glauben sie, eine hohere Geistigkeit in ihrer ein-
seitigen abstrakten Mystik wahrzunehmen.
Wiederum wollen wir nicht blofi den einseitigen Mystiker wider-
legen, wenn wir wirklich auf dem Boden einer anthroposophisch orien-
tierten Geisteswissenschaft stehen, sondern wir miissen zeigen, dafi es
auf einer kranken Konstitution des Geistes, der Seele, des Leibes beruht,
wenn der Mensch, einseitig in sein Inneres hineinbriitend, den Geist
finden will.
Ich habe Ihnen diese beiden Beispiele, die Ihnen ja hinlanglich aus
der anthroposophischen Literatur bekannt sind, hier von einem ge-
wissen Gesichtspunkte angefiihrt, um Ihnen zu zeigen, wie die Dinge
ernst werden, wenn man aus dem gewohnlichen heutigen Geistesleben
hineintaucht in das anthroposophische. Da hat man es nicht zu tun mit
etwas so Leichtwiegendem wie «falsch» oder «richtig», sondern um
«gesund» oder «krank» in den organischenFunktionen.So mufi man auf
einer hoheren Stufe das, was nach einer gewissen Richtung hin geht, als
gesund, oder das, was nach einer andern Riditung geht, als krank be-
zeichnen. Und ich mochte, dafi Sie aus diesen Andeutungen verstehen,
wie Geisteswissensdiaft Taterkenntnis ist, wie sie nidit stehenbleiben
kann bei dem Charakter der gewohnlichen Erkenntnis, sondern wie si&
wird dasjenige, was Realitat ist. Der Erkenntnisprozefi, insofern er sich
in der Geisteswissensdiaft ausspricht, ist etwas, was real sich vollzieht
im menschlichen Organismus.
In einer ahnlichen Weise mufi charakterisiert werden dasjenige, was
auf dem Gebiete des Willens lebt. Wenn wir vom Gebiete des Willens
sprechen in unserem Zeitalter, das diesen grandiosen Niedergang ent-
halt, iiber den wir oftmals gesproclien haben, wenn wir von dem spre-
chen, was sich als menschliche Willensimpulse ausbildet, und vom
Charakter dieser Willensimpulse, dann sagen wir: Der Mensch ist gut
oder bose. - Und es sind uns wiederum gut und bose sittliche Kate-
gorien, die selbstverstandlich ebenso notwendig sind wie die logischen
Kategorien. Aber fur dasjenige, was als Impulse aus der Geisteswissen-
sdiaft herausfliefit, handelt es sich nicht allein um das, was man meint,
wenn man irgendeine Handlung des Menschen als gut, eine andere als
bose bezeichnet. Da handelt es sich darum, dafi man - selbst im kar-
mischen Zusammenhange -, wenn man eine Handlung als gut bezeich-
net, sagen will: Der Mensch mufi das Gute mit dem Bosen in irgendeiner
Weise ausgleichen. Man meint etwas, was zur sittlichen Beurteilung des
Menschen gehort. In dem Augenblicke, wo wir in die Gebiete hinein-
steigen, welche die geisteswissenschaftlichen sind, handelt es sich um
mehr, da handelt es sich darum, dafi es eine gewisse Art und Weise des
Denkens, Fuhlens und Wollens fur die Menschen gibt, die zum Aufstieg
fiihrt, die zu einer fruchtbaren Entwickelung fiihrt, zu einem Vorwarts-
kommen in der Entwickelung. Auf der einen Seite haben wir das ab-
strakte Gute, das sittlich-abstrakte, aufierordentlich wertvolle, aber
eben sittlich-abstrakte Gute; wenn es sich aber um die Impulse der
Geisteswissensdiaft handelt, hat der Mensch nicht nur das Gute zu tun,
oder wird der Mensch nicht nur das Gute tun, das ihn als einen sittlich
guten Menschen erscheinen lafit, sondern er kann dasjenige tun oder
denken oder flihlen, was die Welt in ihrer Entwickelung blofi in der
aufieren Sinneswelt weiterbringt, oder er kann etwas tun, was nicht
blofi bose ist und zur sittlichen Beurteilung beitragt, sondern was auf
die Weltenkrafte zerstorerisch wirkt. Das sollte schon in der «Pforte der
Einweihung» angedeutet werden, da wo Strader imd Capesius sprechen
und darauf hingedeutet wird: Was hier in der sinnlichen Welt getan
wird, was bier der sittlicben Beurteihmg von Gut und Bose unterliegt,
das sind hinter den Kulissen des Daseins Erscheinungen, die vorwarts-
wirkend-aufbauend oder niedergehend-zerstorend sind. Versuchen Sie
nur zu fiihlen diese ganze Szene, wo es blitzt und donnert, wo es in
der Seelenwelt in einer sehr realen Weise hergeht, wahrend Capesius
und Strader dieses oder jenes besprecben, versuchen Sie diese Szene
nachzufiihlen, dann werden Sie sehen, wie sich da zur Realitat steigert,
was wir als die sittlicbe Welt hier auf dem physischen Plane erleben.
Das alles soil Ihnen zeigen, wie es beginnt, mit der Welt ernst zu wer-
den in dem Augenblicke, wo man von der blofien heute gewohnten
Beurteilung nach logischen oder nach blofi aufierlich-menschlichen Kate-
gorien zu den Realitaten auf steigt, die uns entgegentreten, wenn wir die
Welt geisteswissenschafllich betrachten. Die Dinge werden ernst, aber
sie miissen heute ausgesprochen werden, denn die Welt fordert heute
ein neues Geistesleben. Heute gehen die Dinge in der Welt vor, die ein
jeder sieht, die aber niemand eigentlich in ihrer realen Bedeutung ver-
stehen will, weil man den Schritt nicht machen kann von der aufierlichen
Abstraktheit zur Realitat. Ich will Sie auf noch andere Beispiele hin-
weisen.
Sie erleben es heute, dafi Sie hineinwachsen in eine Welt, in der es
unter vielem andern, auf sozialem Felde zum Beispiel, Parteien gibt,
liberale, konservative und alle moglichen andern Parteien. Die Men-
schen schlafen gegeniiber dem, was diese Parteien sind. Wenn sie Wahl-
zettel erhalten, so bekennen sie sich zu einer oder der andern Partei,
denken nicht viel dariiber nach, was eigentlich das ist, was im ganzen
ofTentlichen Leben, dieses Leben durchwiihlend, als Parteimeinung exi-
stiert. Man kann eben die Dinge nicht ernst nehmen. Da ist eine ganze
Menge von Leuten, die plappern in der schonsten Weise alle moglichen
Orientalismen von Maja in der Aufienwelt nach; aber sobald sie einen
Schritt in dieser Aufienwelt machen wollen, dann bleiben sie nicht bei
dem, was sie abstrakt nachplappern. Denn sonst wiirden sie zum Bei-
spiel fragen: Maja? Also sind audi die Parteien Maja? Was ist denn
die Wirklichkeit, auf die diese Maja hinweist?
Geht man geisteswissenschaffclich — und wir werden uns morgen ge-
nauer iiber diese Sache aussprechen - genauer auf diese Sache ein, dann
findet man, dafi Parteien in der aufieren physischen Welt da sind, in-
dem sie Programme haben, Grundsatze haben, das heifit, indem sie
abstrakten Ideen nachjagen. Aber alles, was aufierlich in der physischen
Welt lebt, ist immer das Abbild, der Abglanz dessen, was in der geisti-
gen Welt eine Realitat intensiverer Art ist. Da haben wir immer die
physische Welt (siehe Zeichnung, waagrechte Linie). Aber alles hier
in der physischen Welt weist hin auf Geistiges. Und da oben in der
geistigen Welt sind fiir diese physischen Dinge erst die eigentlichen
Realitaten (siehe Zeichnung, rot). Da unten sind zum Beispiel die Par-
teien (orange); wovon sind sie Abglanz? Auf der Erde bekampfen
sich diese Parteien; da suchen sie eine Menge von Menschen unter einem
abstrakten Programm zusammenzuhalten. Wovon sind denn diese Par-
teien der Abglanz? Was ist denn da oben in der geistigen Welt, wenn
hier in der Maja die Parteien sind? In der geistigen Welt gibt es keine
Abstraktionen, und die Parteien stehen unter Abstraktionen. Da oben
gibt es nur Wesen. Da oben kann man sich nicht zu einem Partei-
programm bekennen, sondern da kann man Anhanger dieses oder jenes
Wesens, dieser oder jener Hierarchie sein. Man kann dort nicht blofi
mit seinem Intellekt einem Programm anhangen, das gibt es da nicht;
man mufi mit seinem ganzen Menschen einem andern Wesen nachgehen.
Was hier abstrakt ist, ist da oben wesenhaft, das heifit, das Abstrakte
ist hier nur Schatten des Wesenhaften da oben. Und wenn Sie die beiden
Hauptkategorien der Parteien, konservativ und liberal, nehmen, so ist
es so, dafi die konservative Partei ein Programm hat, die liberale Partei
ein Programm hat; aber wenn man hinaufsieht, wovon das der Abglanz
ist, dann zeigt sich: Ahrimanisches Wesen schattet sich hier (siehe Zeich-
nung, unterer Teil) im Konservativen ab, luziferisches Wesen schattet
sich hier ab im Liberalen, Hier lauft man einem konservativen oder
einem liberalen Programm nach, oben ist man Anhanger von einem
ahrimanischen Wesen irgendeiner Hierarchie oder einem luziferischen
Wesen irgendeiner Hierarchie.
Dabei kann es aber vorkommen, dafi man in dem Augenblicke, wo
man die Schwelle iiberschreitet (das Wort «Schwelle» wird an die Tafel
geschrieben), notig hat, sich wirklich klar dariiber zu sein, dafi man
sich nicht durch Worte tauschen lafit, sich keinen Illusionen hingibt.
Man kann sehr leicht glauben, man gehore zu irgendeinem guten Wesen.
Aber damit, daft man irgendein Wesen mit einem guten Namen be-
zeichnet, ist es noch nicht ein gutes. Es kann zum Beispiel irgend
jemand sagen: Ich bekenne mich zu Jesus, dem Christus. - In der gei-
stigen Welt kann man sich nicht zu einem Programm bekennen, aber
nach der ganzen Art und Weise, wie die Vorstellungen, die BegrifFe von
diesem Jesus, dem Christus, in seiner Seele leben, ist es nur der Name des
Jesus, des Christus, in Wirklichkeit hangt er dann Luzifer oder Ahriman
an und ergibt nur Luzifer oder Ahriman den Namen Jesus oder Christus.
Aber ich frage Sie: Wie viele Menschen wissen heute da von, dafi
Parteimeinungen Abschattungen sind von Wesenhaftem in der geistigen
Welt? Manche wissen es, und die richten dann das, was sie tun, nach
diesem Wissen ein. Ich kann Sie hinweisen auf solche, die so etwas
wissen. Nehmen Sie die Jesuiten, die wissen das. Glauben Sie nicht, dafi
die Jesuiten meinen, wenn sie zum Beispiel in ihren Blattern jetzt gegen
Anthroposophie schreiben, dafi sie mit ihren Griinden da irgend etwas
besonders trafen, was nicht widerlegt werden konnte. Aber auf Wider-
legungen kommt es dabei nicht an. Und was man schliefilich einwenden
kann gegen solche Widerlegungen, das wissen die Jesuiten sehr gut,
denn den Jesuiten kommt es nicht darauf an, mit Grunden fur oder
wider zu fechten, sondern ihnen kommt es darauf an, Anhanger zu sein
eines gewissen Wesens, das ich aber heute noch nicht bezeichnen will,
das sie aber ihren Anfiihrer Jesus nennen, dem sie zugehoren. Mag
dieses Wesen sein, was immer, sie nennen es Jesus. Ich will nicht auf den
Tatbestand genauer hinweisen; aber sie bezeichnen sich als Soldaten,
ihn als den Anfiihrer, und sie kampfen nicht, um zu widerlegen, sie
k'ampfen, um Anhanger zu werben fur die Kompahien, fur das Heer
des Jesus, das heifit desjenigen Wesens, das sie Jesus nennen. Und sie
wissen ganz genau, dafi, sobald man iiber die Schwelle hinaufschaut,
es nicht auf abstrakte Kategorien, nicht auf logische Zusagen oder
Widerlegungen ankommt, sondern dafi es da ankommt auf die Heer-
folge des einen oder des andern Wesens, wahrend es unten auf der Erde
sich um Redensarten handelt. Das ist aber dasjenige, was die Menschen
heute so schwer begreifen wollen, dafi, wenn wir heraus wollen aus dem
Niedergang der Zeit, es sich nicht mehr handeln darf um blofie Ab-
straktionen, nicht blofi um das, was man sich denken kann, sondern
dafi es sich um Realitaten handeln rnufi, Wir beginnen zu Realitaten
auf zusteigen, wenn wir nicht mehr blofi von richtig oder unrichtig, son-
dern von gesund oder krank sprechen. Wir beginnen zu Realitaten auf-
zusteigen, wenn wir nicht von Parteiprogrammen oder Weltanschau-
ungsprogrammen sprechen, sondern von der Gefolgschaft irgendwelcher
realer Wesenheiten, die uns sogleich begegnen, wenn wir auf die Dinge
hindeuten, die jenseits der Schwelle liegen. Es handelt sich heute darum,
wirklich jenen ernsten Schritt zu machen von der Abstraktion zur Reali-
tat, von der blofi logischen Erkenntnis zur Erkenntnis als Tat. Und nur
das kann herausfuhren aus all der Verwirrung, in der die Welt heute
steckt.
Die Weltenlage - wir werden gerade in diesen Tagen, morgen und
iibermorgen, von dieser Weltenlage sprechen - kann heute nur derjenige
gesund beurteilen, der sie mit Hilfe dessen betrachtet, was ihm Geistes-
wissenschaft an die Hand zu geben in der Lage ist. Sonst wird man die
bedeutungsvollen Gegensatze, die heute zwischen Westen und Osten
bestehen, nicht im richtigen Lichte sehen konnen. Aber was da aufierlich
an schaubaren Realitaten auftritt, was ist es denn anderes als der in sich
absurde Ausdruck von dem, was heute in den Kopfen der Menschen an
Gedanken lebt? Wie treten uns denn diese Gedanken entgegen? - Ich
mochte zum Schlufi wiederum auf ein naheliegendes Beispiel hinweisen.
Ich habe ja schon verschiedentlich darauf hingewiesen, was jetzt von
katholischer, klerikaler Seite gegen Geisteswissenschaft, namentlich audi
hier in der Schweiz, an Liigenhaftigkeit geleistet wird, damit man diese
Geisteswissenschaft vernichten konne. Und Sie haben — diejenigen, die
hier waren - schon manches Beispiel gesehen von dem, was da alles
gerade von katholisch-jesuitischer Seite aufgefahren wird, um diese
Geisteswissenschaft zu vernichten. Bedenken Sie, da baumen sich die-
jenigen auf, allerdings mit nicht schonen Waffen, die die Schiiler des
katholischen Jesuitismus sind, und das brauche ich Ihnen nicht zu
charakterisieren; diejenigen, die noch nicht sich informiert haben, konr
nen es ja leicht tun. Aber sehen Sie, die Schweiz gehort doch audi, und
Mitteleuropa, wo dasselbe geschieht, das alles gehort doch eigentlich
auch zur Welt, nicht wahr, und Amerika gehort audi zur Welt. Es
wurde mir nun eine Zeitschrift gegeben, die in Amerika erscheint und in
welcher audi anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft charak-
terisiert wird zur selben Zeit, als sie hier von jesuitischer Seite in der
schlimmsten Weise charakterisiert wurde als etwas, was gegen die
katholische Kirche, was gegen das Christentum gerichtet sei. Sie wissen
ja, Pfarrer Kully hat gesagt, es gibt drei schlimme Dinge in der Welt,
das eine ist das Judentum, das zweite ist die Freimaurerei, aber das
Schlimmste alles Schlimmen, schlimmer als irgendein Bolschewismus, sei
das, was hier in Dornach gelehrt werde. - Das stammt von katholischer
Seite. So charakterisiert die katholische Seite die Anthroposophie. Wie
Amerika nun? Ich mochte Ihnen eine kleine Stelle vorlesen, die zu
der gleichen Zeit geschrieben ist wie das, was die katholischen Blatter
hier geschrieben haben: «Wie die romisch-katholische Hierarchie immer
darauf bestanden hat, dafi die romische Kirche die einzige mit Autoritat
ausgeriistete ist», die protestantischen Sekten kommen fur sie nicht in
Betracht; nach der Meinung der romischen Kirche stehen sie aufierhalb
der Tore, sie werden nur als eine Menge von Haretikern angesehen, «so
ist es selbstverstandlich, dafi die Kirche, auf die Steiner durch sein
Mundwerk hinweist, keine andere sein kann als die romisch-katholische.
Diese Voraussetzung ist bekraftigt, und jeder Zweifel iiber die Sadie
hort auf, wenn man die anderen okkulten Biicher Steiners durchgeht.
Sie alle deuten auf dasselbe hin, namlich seine Schriften sind rein irre-
fiihrend, Schafhaut eines oberflachlichen Okkultismus iiberdeckt den
"Wolf des Jesuitismus.»
Also Sie sehen, in Amerika halt man die Anthroposophie fiir Jesuitis-
mus, in Europa wendet sich der Jesuitismus in scharfster Weise gegen
die Anthroposophie als den grofken Feind der katholischen Kirche. So
denkt man heute in der Welt. So ungefahr denken aber auch die Leute,
wenn sie in Europa nebeneinander stehen; sie merken es nur nicht. Dann
kommen noch einzelne schone Satze, die diesen Artikel beschliefien:
«Steiner beansprucht, Initiat zu sein. Mag sein. Aber ob er von der
weifien Loge oder von den Briidern der Schatten ist, kann man ahnen,
wenn man erfahrt, dafi er auf seiten der <Blut- und Eisen>-Manner
stand . . ., und dafi eine Anzahl seiner Schuler hier (in Amerika) inter-
niert waren als deutsche Spione.»
Nun, Sie sehen, bald tont es aus romisch-katholischem Horn, bald
tont es aus amerikanischem Horn! Aber all das kann Sie hinweisen
darauf, wie es in den Kopfen unserer Zeitgenossen aussieht. Aus dem
aber, was in den Kopfen gedacht wurde, hat sich das entwickelt, was in
den Niedergang der Gegenwart hineingefiihrt hat, und der Auf gang
mufi wahrhaftig ganz woanders gesucht werden, als wo ihn viele Leute
heute suchen. Davon wollen wir dann morgen weitersprechen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 7. August 1920
Ich habe gestern in einem bestimmten Zusammenhange darauf hin-
gewiesen, was eigentlichParteimeinungen hier auf dem physischen Plane
sind. Und da unser gegenwartiges Leben durcliaus beherrscht ist von
Parteimeinungen aller Nuancen, so gehdrt es schon einmal zu den not-
wendigen Erkenntnissen, dafi man sich mit dem Wesen der Partei-
meinungen etwas befafit. Ich habe gestern audi darauf hingewiesen, wie
die Menschen heute, im abstrahierenden Zeitalter, geneigt sind, sich
immerhin im allgemeinen zu einem solchen Satze zu bekennen: Alles
ist Erscheinung, was man mit den Sinnen wahrnehmen oder mit dem
gewohnlichen Verstand begreif en kann, alles das ist Maja. - Aber wenn
es dann darauf ankommt, soldi eine allgemeine, abstrakte Wahrheit,
zu der man vorgibt, sich zu bekennen, im Leben umf assend anzuwenden,
dann reifit sozusagen der Lebensfaden, durch den bei den meisten Men-
schen heute die Seele verbunden wird mit der Lebenswirklichkeit.
Parteimeinungen auf dem physischen Plane mufi man ebenso als Ab-
bilder auffassen von etwas, was iibersinnlicher Natur ist, was in den
geistigen Welten seine Wirklichkeit hat, hier in der physischen Welt
nur sein Bild hat, wie man das zum Beispiel bei Naturerscheinungen
oder fur die kompliziertesten Naturerscheinungen flir den physischen
Menschen anerkennen mufi. Ich sagte schon gestern: Parteimeinungen
bilden sich dadurch, dafi sich eine Anzahl von Menschen unter irgend-
einem mehr oder weniger klar umrissenen, abstrakten Programm zu-
sammentun. Man stellt eine Anzahl von Forderungen auf, die erfullt
werden sollen durch das oder jenes, man tut dann das oder jenes
- meistens redet man das oder jenes -, um solchen Programmen, solchen
Parteiideen zur Verwirklichung zu verhelfen. Also Menschengruppen,
vereinigt gewissermafien unter der Flagge einer abstrakten Idee, von
der man aber hofft, dafi sie sich verwirklichen konne: das ist dasjenige,
was eine Partei ausmacht.
Fur denjenigen, der defer, vor alien Dingen geisteswissenschaftlich
in die Dinge hineinschauen will, kommt nicht so sehr das Programm-
mafiige in Betracht, denn das Wesen dieses Programmafiigen in seinem
Weltzusammenhang mufi er erst untersuchen. Fur ihn kommt zunachst
als aufiere Erscheinung in Betracht, dafi sich Menschengruppen bilden.
Nun sagte ich gestern: Wenn man von dem physischen Plan in die
hoheren Welten, in die Welten jenseits der Schwelle aufsteigt, dann gibt
es nicht Abstraktionen, dann gibt es nicht abstrakte Forderungen, wie
man sie als Parteiprogramme auf stellt, sondern sobald man die Schwelle
iibertritt, sobald man vorbeikommt an dem Hiiter der Schwelle und
nicht bei ihm stehenbleibt, was sehr viele tun, dann findet man, dafi
jenseits der Schwelle nur Wesenheiten sind. Da kann man gar nicht
einem Programm folgen, da kann man nur dieser oder jener Wesenheit
folgen, da kann man sich nicht gruppieren nach Mafigabe einer abstrak-
ten Idee, sondern da mufi man sich gruppieren um eine Wesenheit her-
ura. In bezug auf solche Sachen ware heute der Menschheit ein Wissen
intensiv notwendig. Aber gerade in bezug auf solche Dinge strauben sich
heute die Menschen in ganz erheblichem Mafie gegen ein solches Wissen.
Denn es ist dem Menschen der Gegenwart einmal ans Herz gewachsen,
sich unter abstrakten Programmen zu vereinigen und nach einer ge-
wissen Verwirklichung soldier abstrakter Programme zu sehnen. Dafi
abstrakte Programme nur in der physischen Welt existieren, daft das-
jenige, was man in abstrakte Ideen fassen kann, nur Gegenstand der
physischen Welt sein kann, das wollen die Menschen, sie wollen es nicht
einsehen, denn es ist ihnen unbequem. So vereinigen sich die Menschen
- wenn ich hier durch diese Linie die Schwelle anzeige (siehe Zeichnung
Seite 30), hier die Parteigruppen (blaue Kreise), hier ihre Programme
(X) so vereinigen sich diese Menschen zu Gruppen unter Partei-
programmen. Aber diesen Parteiprogrammen entsprechen in der geisti-
gen Welt Wesen (orange), und damit h'angen diejenigen, die sich an ein
Parteiprogramm ketten, gewissen Wesen der iibersinnlichen Welt an.
Wir haben entsprechend dem, was in der physischen Welt blofi Bild ist,
in der iiberphysischen Welt Gruppierungen um Wesen (rote Kreise).
Es ist durchaus zu beachten, dafi zu einer gedeihlichen Entwickelung
in die Zukunft hinein dieses Wissen durchaus notwendig ist, weil immer
mehr und mehr die Bewufitheit an die Stelle des Instinktes treten mufi,
wenn die Menschheit in ihrer Entwickelung voranschreiten will. Es ist
durchaus noch ein Oberbleibsel alter instinktiver Zusammenrottungen,
wenn die Menschen sich heute unter Parteiprogrammen vereinigen und
glauben, das, was sie da tun mit den Gruppierungen, das sei erschopft
mit ihrer Zusammenrottung und mit ihrem Bekenntnis zu dem ent-
sprechenden Programm und mit ihren Taten oder meistens Worten,
welche zur Verwirklichung dieses Programms getan oder gesprochen
werden. Die Menschen geben vor, anzugehoren irgendeiner Partei, einer
sozialistischen oder liberalen Partei, einer Frauenbewegungspartei, einer
spiritistischen Partei und so weiter; es wiirde, wenn ich Ihnen nur einen
kleinen Teil von alien heute existierenden Parteien aufzahlen wiirde,
den heutigen Abend furchtbar in die Lange ziehen. Indem die Menschen
glauben, mit dem, was sie da tun und reden innerhalb einer Partei, er-
schopfe sich das Wesen dessen, was sie hier treiben auf dem physischen
Plan, folgen sie unbewufk einer Wesenheit in der iibersinnlichen Welt,
die sie nicht kennen wollen. Denn dadurch, dafi die Menschen etwas
nicht wissen, macht das ja nicht, dafi es nicht real ist. Wenn irgend
jemand ein Liberaler ist und einem liberalen Programm angehort,
wenn irgend jemand ein Frauenrechtler ist und einem Frauenrechtler-
programm angehort, so bedeutet das deshalb, weil er nicht weifi, dafi
er da gewissen Wesenheiten der iibersinnlichen Welt folgt, nicht, dafi
er ihnen nicht in Wirklichkeit folgt. Er folgt ihnen in Wirklichkeit, er
bildet die Gefolgschaft. Dadurch aber widerstrebt er gerade dem ganzen
Geiste der Fortentwickelung unseres Zeitalters. Denn dieser Geist for-
dert die Umwandlung alles instinktiv Unbewufiten und Unterbewufi-
ten in ein bewufites Wollen, in ein bewufites Tun und Reden und
Denken.
Wir kennen ja auch altere Gruppierungen von Menschen, altere
Gruppierungen von Rassenzusammenhangen, und dann diejenigen
Gruppierungen von Menschen, die heute noch ein ephemeres Schatten-
dasein, aber ein deshalb nicht weniger lautes und wahnbehaftetes Da-
sein fiihren: die Gruppierungen in Volker, wir kennen es ja. Und wenn
Sie sich an den Zyklus erinnern, den ich 19 10 in Kristiania gehalten
habe iiber das Wesen der Volksseelen, dann werden Sie finden, dafi
man, wenn man diese Zusammenhange von Rassen und Volkern ins
Auge fassen will, auch nicht auf dem physischen Plan stehenbleiben
kann, dafi man auch dann notig hat, in die iiberphysischen Welten hin-
aufzusteigen. Wir haben in diesem Vortragszyklus ja angefiihrt, wie
solche Menschengruppierungen zusammengehalten und gefiihrt sind
von Wesen, die wir zu der Hierarchie der Archangeloi zu rechnen haben.
Wir haben da gesehen, wie auch in solchen Volkergruppierungen eben
iibersinnliche Wesen unter den Menschen stehen.
Stellen wir uns jetzt vor das Seelenauge den Unterschied zwischen
dem Verhaltnis, in dem die Menschengruppen als Rassen, als Volker zu
ihren iibersinnlichen Wesenheiten stehen, und demjenigen Verhaltnis,
in welchem die Parteigruppen zu den iibersinnlichen Wesenheiten
stehen, so ist es so, daft die ersteren durchaus die Impulse, die ihnen
gegeben werden von diesen iibersinnlichen Wesenheiten, instinktiv zur
Ausfiihrung, zur Verwirklichung bringen. Und da ist es berechtigt, dafi
Instinktivitat waltet in dem Befolgen der Impulse dieser iibersinnlichen
Wesenheiten. Die Menschheit mufite sich herausarbeiten aus diesem
instinktiven Folgen gegeniiber den iibersinnlichen Wesenheiten. - Es ist
ja selbstverstandlich, dafi die Menschheit nicht gleich vom Anf ange an
in einer bewufiten Weise etwa Volkergeistern, Erzengeln folgen konnte,
sondern dafi da instinktive Krafte in dieses Folgen hineinspielen mufi-
ten. Die Menschen mufiten gewissermafien erst nach und nach zur Be-
wufitheit erzogen werden.
Aber je mehr man zuruckgeht in der Entwickelungsgeschidite der
Menschheit, desto mehr findet man, dafi die Menschen alter Zeiten,
wenn auch ein instinktives, so doch ein deutliches Bewufitsein gehabt
haben, dafi sie als Menschengruppen, als Rassegruppen, als Volker-
gruppen solchen ubersinnlichen Wesenheiten folgten. Gewifi, in der
mittleren Zeit, an die sich unsere neueste anschliefit, ist solches Bewufit-
sein zum Teil verlorengegangen. Die Menschen haben ja immer mehr
und mehr ihr Wissen von den ubersinnlichen Welten abstellen miissen;
aber eben, je mehr wir zuriickgehen, desto mehr finden wir, wie die
Menschen - wenn auch, wie gesagt, nur instinktiv - ihre Zusammen-
gehorigkeit zu Rassen und Volkern so deuten, dafi sie als Fiihrer eine
geistige, eine iibersinnliche Wesenheit anerkennen. In alteren Zeiten,
wenn auch ein sichtbarer Fiihrer von Menschengruppen anerkannt wird,
so ist es doch bei dem weitaus grofiten Teil derjenigen, die einem solchen
sichtbaren Fiihrer folgten, in ihrem deutlichen Bewufitsein gelegen, dafi
in diesem sichtbaren Fiihrer inkarniert, verkorpert war der Volksgeist,
so dafi solche Menschengruppen fiihlen, wie auch das, was sie sehen, die
aufiere Menschengestalt nur, gewissermafien innerlich besessen ist von
dem ubersinnlichen Fiihrer. Man mag das heute ansehen, wie man
will, man mag das fiir ein en alten Aberglauben halten: diejenigen, die
iiber diese Dinge vom alten Aberglauben anders denken, die konnen
ja warten bis in das dritte Jahrtausend, ob unsere Chemie, unsere Bota-
nik, unsere Zoologie auch als ein Aberglaube des 19. und 20. Jahrhun-
derts angesehen werden von denjenigen, die dem Geiste derjenigen
gleichkommen, die heute von altem Aberglauben in dem Falle sprechen.
Aber was ist denn nun fiir ein Unterschied zwischen der Art, wie
solche Menschengruppen zu ihrer geistigen Fiihrung stehen, und der-
jenigen Stellung, welche heute Parteimeinungen zu ihrer geistigen Fiih-
rung haben? Parteiprogramme, die man in abstrakten Ideen umrissen
entwickelt, die hatten diese alten Menschen nicht. Timur-Khan, oder
Dschingis-Khan oder einem dergleichen ware es schlecht bekommen,
wenn er erst ein Parteiprogramm vor seine Menschengruppierungen
hingestellt hatte wie etwa Dschingis-Khan, der gegenwartige, den man
heute Lenin nennt, etwa erst ein Parteiprogramm zwischen sich und die
Seinigen hinstellt! Das ist ein betrachtlicher Gegensatz.Die Grofi-Khane
der ehemaligen Mongolen waren ohne Programm, aber diejenigen, die
etwas wufiten, die sahen in ihnen die lebendigen Verkorperungen iiber-
sinnlicher Wesenheiten. Die Grofi-Khane der Gegenwart, Lenin und
Trotzkijy tragen statt des Bewufitseins, die Sendboten eines hoheren
Wesens zu sein, ein abstraktes Parteiprogramm in ihrer Seele herum.
Das ist ein betrachtlicher Unterschied, denn dadurch ist ja gesagt: die-
jenigen, die da unten im Parteiwesen herumlungern, die haben in ihrem
Bewufitsein nur die abstrakten Ideen und sie leugnen es bewufit sich
selber ab, dafi sie in der Gefolgschaft irgendwelcher iibersinnlicher
Wesenheiten stehen.
Nur einzelne Menschengruppierungen lassen sich auf derlei Dinge
nicht ein. Eine solche Gruppe habe ich Ihnen ja gestern bereits angefuhrt,
die Gruppe der Jesuiten. Sie lafit sich auf die Kinderei von Partei-
programmen nicht ein. Lesen Sie eben jenen Vortragszyklus, den ich
unter dem Titel «Von Jesus zu Christus» in Karlsruhe gehalten habe,
und der ja unserer hiesigen Klerisei ausgeliefert worden ist, dann wer-
den Sie die Obungen verfolgen konnen, welche der Jesuit zu machen
hat, um auf seinem Posten der rechte Mann zu sein. Dem iibertragt man
kein Parteiprogramm, dem kleidet man nicht irgendwelche abstrakte
Forderungen in abstrakte Formeln, sondern dem zeigt man in Obungen,
wie er dem geistigen Fiihrer nachzufolgen hat; den erzieht man dazu,
sich in der Gefolgschaft gegeniiber einem ubersinnlichen Wesen zu
wissen. Und so wiederum ist es bei andern, sich mehr oder weniger ge-
heimhaltenden Gruppierungen von Menschen in der Gegenwart, auch
bei denjenigen, die vom Westen aus die grofie Politik machen, die ja
fast Schritt fur Schritt sich buchstablich so verwirklicht, wie sie seit
langer Zeit von diesen Tragern einer gewissen okkulten Politik im
Westen vorgezeichnet worden ist. Das aber ist es, worauf es ankommt,
dafi man beachte den Geist des Fortschritts fur unsere Zeit, dafi man
wiederum ein Bewufitsein erlange von dem Zusammenhang des Men-
schen mit der geistigen Welt und auch von dem Zusammenhange all des-
jenigen, was der Mensch hier auf Erden tut, mit Geschehnissen, mit
Wesenhaftem in der geistigen Welt. Suchen sollte man nach denjenigen
Wesenheiten in der geistigen Welt, welche an der Konstitution, an der
Fiihrung unserer Welt beteiligt sind, damit man wissen konne, in welche
Gefolgschaft man sich mit dem einen oder dem andern, was man tut,
wirklich begibt. Und man kann nicht heute irgend etwas fiir den ge-
deihlichen Fortschritt der Menschheit tun, ohne dafi man audi nicht nur
fiir die egoistischen Innenbediirfnisse der Seelen sich des Zusammen-
hanges mit der geistigen Welt bewufit wird, sondern man kann nur
dann fiir diesen gedeihlichen Fortschritt der Menschheit etwas tun, wenn
man sich voll bewufit wird, dafi man auch mit denjenigen aufieren
Taten, die sich zum Beispiel ausdriicken in den Parteimeinungen und
ihren Nuancierungen, einen Zusammenhang mit der geistigen Welt
schafft. Geisteswissenschaft soli nicht nur unsere Seele gewissermafien
beruhigen iiber die engsten Angelegenheiten unserer individuellen Per-
sonlichkeit, sondern Geisteswissenschaft soli Impulse liefern fiir die
ganze Gestaltung des Lebens. Das ist es, was in den letzten Zeiten wie
ein Grundton durch alle meine Vortrage durchging. Denn wir sind nun
einmal zur Abstraktheit gekommen und miissen aus der Abstraktheit
heraus. Wir sind insbesondere in dem sogenannten praktischen Leben
tief, tief in der Abstraktheit darinnen und insbesondere in dem Partei-
wesen sind wir in der Abstraktheit darinnen. Wir miissen aus diesem
abstrakten Wesen heraus, wenn die europaische Katastrophe nicht zu
einer vollstandigen werden soli. Es handelt sich auf alien Gebieten
darum, richtig zu sehen.
Vor alien Dingen aber ist das in Betracht zu Ziehen, was ich einer
Anzahl der Hiersitzenden schon vor meiner Reise nach Stuttgart gesagt
habe, was ich aber auch heute wiederholen mochte aus dem Grunde, weil
so zahlreiche fremde Gaste anwesend sind, und weil eigentlich fiir solche
Dinge, die heute einmal in die Seelen einziehen miissen, jede Gelegenheit
zu ergreifen ist, um sie geltend zu machen. Ich sagte gestern: Was als
Geisteswissenschaft getrieben wird, mufi eine ganz andere Art der Er-
kenntnis sein als das, was man heute gewohnt ist, Erkenntnis oder Wis-
sen zu nennen. Es mufi eine Erkenntnis als Tat sein. Man mufi sich be-
wufit sein, dafi, indem man Erkenntnisse anstrebt, man von Realitaten
zu reden hat, nicht von blofien logischen Schemen. Ich sagte, man ist
heute gewohnt zu sagen: Der bekennt sich zum Materialismus, der
Materialismus ist falsdi, also widerlegt man ihn, und man glaubt, mit
dieser Widerlegung habe man etwas getan. Ich habe gestern Beispiele
dafiir angefiihrt, wie solche Begriffe wie «richtig» und «unrichtig» wei-
chen miissen viel realeren BegrifFen auf dem Gebiete anthroposophisch
orientierter Geisteswissenschaft. «Gesund» und «ungesund», das ist et-
was, was auf Reales im Menschenleben hindeutet. Wir erkennen nicht
blofi richtige und falsche Erkenntnisse an, wir erkennen gesunde und
kranke Erkenntnisse an. Wir tauchen ein, indem wir die blofie Abstrakt-
heit abstreifen, in das Gebiet der konkreten Wirklichkeit.
Das miissen wir nodi in einem viel hoheren Sinne betrachten. Wir
wissen ja aus der jetzt schon so zahlreich veroffentlichten anthropo-
sophisdien Literatur, dafi der Mensch aus einem geistig-seelischen Teil
besteht - ich will ihn skizzenhaft hier so andeuten (siehe Zeichnung,
blau) - und aus einem physischen Teil (rot). Wir wissen nun, dafi ge-
wisse theoretische Materialisten des 19. Jahrhunderts gesagt haben: Ach
was, geistig-seelisch, das ist etwas, wovon man nicht zu sprechen hat,
das ist etwas, was gegeniiber der mensclilichen Erkenntnis nirgends auf-
tritt. Was in der sogenannten Menschenseele lebt als Denken, Fuhlen
und Wollen, das ist ja nur das Ergebnis des physisdien Nervensystems,
des physisdien Gehirnes. Sie wissen, diesen theoretischen Materialismus
miissen wir unterscheiden von dem praktischen Materialismus, der noch
etwas ganz anderes ist und der insbesondere heute ganz krafi immer
noch waltet. Der theoretische Materialismus hat seine Hochflut gehabt
im 19. Jahrhundert. Derjenige, der nun nur gewohnt ist, sich in den
Vorstellungsarten zu bewegen, die man heute eben hat, der sagt: Nun
ja, der Materialismus, der da behauptet, menschliche Gedankenempfin-
dungen, Willensimpulse, seien nur der Ausflufi des Nervensystems, des
Gehirns, dieser Materialismus ist f alsch. Man mufi ihn widerlegen. Und
wenn man ihn widerlegt hat, so hat man bewiesen, dafi der Mensch
eben nicht blofi aus seinem physisdien Leibe mit dem Nervensystem und
dem Gehirn bestehe, sondern dafi er ein Geistig-Seelisches habe. - Aber
bei solcher Widerlegung kann die hier gemeinte Geisteswissenschaft nicht
stehenbleiben, denn sie ist nicht blofi etwas, was in Logizitat ablauft,
sondern sie ist etwas, was im Tatsachlichen ablauft. Alles, was hier in
der physischen Welt lebt, ist ein Abbild der geistigen, der seelischen
Welt, aber nicht nur etwa so, wie man ein Bild hat, das man an die
Wand malt, sondern es ist ein Abbild auch mit alien seinen Tatigkeiten,
mit alien seinen Lebensaufierungen. So ist es in bezug auf den Menschen
so: Der Mensch steigt herab aus der geistig-seelischen Welt durch die
Konzeption oder durch die Geburt in die physische Welt; was er sich
mitbringt aus der geistig-seelischen Welt, dieser Zusammenhang von
Kraften, der arbeitet an jenem physischen Leib, der aus der Vererbungs-
stromung ubernommen wird. Dieser Leib mit seiner ganzen Konfigura-
tion wird ausgebildet durch das Geistig-Seelische, das herabsteigt (siehe
Zeichnung Seite 35). Er wird aber nicht nur ausgebildet in bezug auf
seine aufiere Form, sondern auch mit Bezug auf seine inneren Tatig-
keiten. So dafi, wenn Sie dasjenige nur denken, was in Ihrer aufieren
sinnlichen Wirklichkeit ist, Sie das ganz gut mit dem blofien Gehirn
denken konnen. Denn dieses Gehirn ist auch mit seinen Fahigkeiten ein
Abbild des Geistig-Seelischen. Und wer sich einfach darauf beschrankt,
nur das zu verarbeiten, was die aufiere Sinneswelt gibt, oder was die
gegenwartigen Wissenschaften geben, der denkt eben blofi mit dem
Gehirn, der ist blofi denkende Materie. Da ist gar nichts dariiber zu
sagen, der ist blofi denkende Materie. Heute ist die Zeit, wo man dar-
iiber hinauskommt, blofi denkende Materie zu sein, dadurch, dafi man-
solche Gedanken denkt, die nicht aus der Sinneswelt gewonnen sind,
wie zum Beispiel die anthroposophisch orientierten Gedanken. Die-
jenigen Menschen, die heute durchaus sich nur an die Sinneswelt halten
wollen, finden diese anthroposophischen Gedanken verriickt, irreal,
phantastisch, weil sie in dem Momente, wo sie diese Gedanken denken
sollen, eine starke Kraft anwenden miissen; sie miissen loskommen. Sie
wollen diese Gedanken mit ihrem Gehirn denken. Damit kann man
aber nur die aufieren physischen Gedanken denken, das aufiere Phy-
sische. Mit diesen Gedanken kann man ganz gut Atome und Molekule
denken nach Art des gestern angefuhrten Schwachsinns; aber was in
einem solchen Buche wie die «Geheimwissenschaft im Umrifi» stent, das
denkt sich nicht durch dieses Gehirn. Also ist es fiir sie eine Phantasie.
Man mufi sich einen Ruck geben, um loszubekommen das Geistig-See-
lische. Dann kann man diese Gedanken schon denken, dann fmdet man
diese Gedanken gar nicht mehr phantastisch und absurd, dann kann
man sie denken, dann findet man sie in vollem Einklange mit dem
Leben.
Aber im Laufe der letzten Jahrhunderte, seit der Mitte des ij.Jahr-
hunderts, ist die Menschheit immer mehr dazu gekommen, ich mochte
sagen, in sich selbst zusammenzusinken, das Geistig-Seelische einschlaf en
zu lassen und sich hineinsinken zu lassen in die Materialitat des Korper-
lichen und nur zu denken mit dem physischen Gehirn, dieses physische
Gehirn automatisch ablaufen zu lassen nach dem, was der Professor,
wenn er da oben sitzt auf dem Katheder, in seinem eigenen Gehirn
ebenso automatisch ablaufen lafit. Da oben der Gehirnautomat - da
unten der Gehirnautomat folgt dem Automaten. Und ganze Gruppie-
rungen von Menschen gehen iiber zu einem bloflen materiellen Funk-
tionieren des Gehirnes, was ja das physische Denken ist, sinken in die
Korperlichkeit hinein, geben sich nicht den Ruck von innen heraus, um
dasjenige zu erfassen, was aus der ubersinnlichen Welt gewonnen ist.
So ist es immer mehr und mehr mit den Menschen der sogenannten zivi-
lisierten Welt seit der Mitte des 1 5. Jahrhunderts geworden. Und in der
Mitte des 19. Jahrhunderts war gerade derjenige Teil der Menschheit,
den man innerhalb dieses zivilisierten Teiles von Europa und Amerika
die Intellektuellen nennt, physische Denker geworden.
"Wenn nun Biichner oder Moleschott oder der dicke Vogt kamen und
ein bifichen nachdachten und sich nicht bewufit wurden, dafi da in ihrem
eigenen Denken doch etwas dahintersteckt, was sich einen Ruck geben
sollte, dann schauten sie sich die Menschen ihrer Gegenwart an und sie
interpretierten sie ganz richtig, indem sie sagten: Individualismus, Spiri-
tualismus - falsch; die Gehirne denken! - Es dachten ja audi nur die
Gehirne, der Materialismus hatte ja recht. Das ist gerade das Geheimnis,
dafi die theoretischen Materialisten des 19. Jahrhunderts nichts Falsches
sagten, sondern dafi sie durchaus Richtiges sagten. Es ware sogar eine
Beleidigung gewesen, wenn der Kollege X von dem Kollegen Y gesagt
hatte, er hatte Geist und Seele, denn jener konnte von ihm der Wahrheit
gemafi nur sagen, dafi da ein Hirn automatisch denkt. Es war also der
Materialismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Grunde genommen
richtig, denn er bezieht sich auf ein gewisses Stadium in der Entwicke-
lung der Menschheit, das dadurch charakterisiert ist, dafi die Menschen
eben materiell geworden sind, dafi ihr Denken, Empfinden und Wollen
aus der Materie heraus aufsteigt. Es sind dann sogar Mystiker gekom-
men, die sich in ihr Inner es vertieft haben; aber wir wissen ja: gerade
diese Mystiker beobachteten nur das innere Kochen der Materialitat
innerhalb der Haut, bis es zur Flamme wird und ins Bewufitsein hin-
einleuchtet.
Geisteswissenschaft wiirde Unrecht tun, wenn sie sich nun auf einen
blofi logischen Standpunkt stellen wiirde. Sie darf nicht sagen: Der
Materialismus ist falsch, man widerlege ihn. - Solches Widerlegen ist
die Sehnsucht unseres abstrahierenden Zeitalters. Geisteswissenschaft
mufi in der Erkenntnis Taten verrichten. Also erstens: die Widerlegung
des Materialismus fiir die materiell gewordenen Menschen ist nicht
wahr, zweitens ist nichts getan, wenn man den Materialismus blofi
widerlegt, sondern es handelt sich darum, dafi man heute unter die
Menschen dasjenige bringt, was sie dazu veranlafit, sich einen Ruck zu
geben und wiederum herauszukommen aus der Materialitat, Gedanken
zu hegen und zu pflegen, die nachgedacht sind iibersinnlichen Ergeb-
nissen. Nicht zu widerlegen, sondern zu iiberwinden ist der Materialis-
mus! Die Menschen miissen wiederum geistig-seelisch werden, miissen
wiederum aufwecken ihr Geistig-Seelisch.es. Tat mufi es sein, den rich-
tigen Materialismus zu iiberwinden, nicht irgendwie ihn falsch zu
widerlegen. Daft der Materialismus fur die neuere Kulturentwickelung
richtig geworden ist, das eben ist die iible Tatsache, nicht daft er eine
f alsche Weltanschauung ist. Und nicht darum kann es sich handeln, eine
falsche Weltanschauung zu widerlegen, sondern den Menschen in bezug
auf ihre seelischen Taten das an die Hand zu geben, daft sie das Mate-
riellwerden der Menschheit iiberwinden, sich herausholen aus dem
Materiellen. Tat mufi die hier gemeinte Erkenntnis sein, nicht blofte
Logik. Das ist es, um was es sich handelt.
Das aber will man so schwer einsehen heute, wie der Unterschied ist
zwischen einem bloften Herumreden in Bejahungen oder Verneinungen,
wobei man nur in der Sphare abstrakter Begriffe bleibt, und dem, was
Tat ist, die unmittelbar aus dem Geistigen herausquillt. Man mache sich
nur einmal klar, wie es etwas anderes ist, den Materialismus blofi logisch
zu widerlegen, weil man der Meinung ist, er sei falsch, oder den richtigen
Materialismus, der die Menschheit als eine Krankheit ergriffen hat, zu
iiberwinden, damit die Gesundung durch die Spiritualitat eintrete. Die-
sen Unterschied mufi man sich klarmachen, denn darauf kommt es heute
an, daft spirituelle Taten verrichtet werden und diese spirituellen Taten
auch hineingetragen werden in das soziale Leben. Dieser Unterschied ist
ein ganz intensiver zwischen dem Sich -Wohlgef alien in theoretischer
Weltanschauung und dem aktiven Drinnenstehen in der Erkenntnis als
Tat.
Auf diese Dinge mufi das Augenmerk gerichtet werden, damit man
den Unterschied zwischen anthroposophisch orientierter Geisteswissen-
schaft und andern ahnlichen Bestrebungen heute gewahr werde. Denn
diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft mufi durchaus
begriffen werden als etwas, was mit den realen Kraften des Auf- und
Niederganges im sozialen Leben zusammenhangt, real zusammenhangt.
Blicken wir heute nach dem europaischen Osten, da sehen wir, wie
sich iiber dem russischen Wesen, von dem sich der Mensch des Westens
und Mitteleuropas heute kaum ordentliche BegrifTe macht, etwas aus-
breitet, was der mitteleuropaische und westeuropaische Mensch gut ver-
stehen kann, wenn er es audi verabscheut, was sich da ausbreitet als
Leninismus, als Trotzkiismus. Es gibt viele Menschen, die glauben, mit
dem, was da im Osten einmal entstehen werde, habe dieser Leninismus
und Trotzkiismus irgend etwas zu tun. Gar nichts haben sie zu tun mit
dem, was da im Osten entstehen soil, sondern lediglich mit dem, was im
Osten zugrunde geht, was weiter zugrunde gerichtet wird durch den
Leninismus und Trotzkiismus. Das sind blofi zerstorende Krafte, und
was im Osten entstehen soil, mu8 sich gegen diese zerstorenden Krafte
herausentwickeln. Man mochte sagen: Da im Osten hat man irgend
etwas als Grundlage (siehe Zeichnung, griin), das beachtet man heute
weniger. Dariiber hat sich gebreitet in den letzten Jahren dieser Bol-
schewismus, Leninismus, Trotzkiismus als zerstorende Krafte (weifi).
Aber das, was ich hier griin angedeutet habe, das will an die Ober-
flache. Leninismus und Trotzkiismus sind lediglich die Fortsetzung des
alten Zarismus, und Lenin ist, was ich hier schon einmal betont habe,
der Zar, blofi in einem andern Gewande, im Grunde ganz dasselbe.
Der Zarismus stirbt im Leninismus, aber als Zarismus stirbt er im
Leninismus. Aber schon seit Jahrhunderten arbeitet sich audi gegen
den Zarismus im Osten etwas heraus, was jetzt sein eigenes Dasein
nur mifi versteht, wenn es irgendwie dem Leninismus und dem Trotz-
kiismus entgegenkommt, und bis weit nach Asien hinein geschieht das.
Die Menschen werden erst sehen, vor welchen Umwalzungen sie stehen;
es ist nur eine Ruhepause zwischen der letzten Katastrophe und der
folgenden. Die schlafenden Seelen werden eines Tages recht unsanft
aufgeweckt werden aus ihrem Schlaf wahrend der Ruhepause, werden
sich die Augen wischen und die Zipfelmiitze wegziehen, wenn sich die
Katastrophe fortsetzt. Aber was sich trotzdem da herausarbeitet, das ist
die Dorfgemeinde. Und nur derjenige versteht, was im Osten als eine
soziale Konstitution sich herausarbeitet, der das Wesen der einzelnen
Dorfgemeinden versteht. Die Dorfgemeinde ist das einzig Reale im
Osten. Alles iibrige ist Institution, die zugrunde geht.
Im Westen wird man zu verstehen haben, wodurch dieses Aggregat
der Dorfgemeinde organisiert werden kann. Und wodurch das in ein-
zelne Menschenindividualitaten verfallende Meinungsgewebe des We-
stens audi organisiert werden kann, das ist lediglich die Dreigliederung
des sozialen Organismus. Die Dreigliederung des sozialen Organismus
mufi aufnehmen die einzelnen Glieder der ostlichen Dorfgemeinden
und mufi die zerfallenden alten Organismen des Westens, die sich
individualisieren, die als Aggregate in ihre Einzelheiten zerfallen, vor
dem Untergang bewahren.
Fur die nachste Zeit bliiht der sogenannten zivilisierten Welt nur
eine Alternative: das ist auf der einen Seite Bolschewismus, auf der
andern Seite Dreigliederung. Und wer nicht einsieht, dafi es nur diese
zwei Dinge gibt fur die nachste Zeit, der versteht heute von dem Gang
der Ereignisse im grofien eben nichts. Aber ein wirkliches Verstandnis
von diesen Dingen kann man sich ja nur verschafFen dadurch, dafi man
versucht, jene inn ere Erziehung, die man sich durch Geisteswissenschaft
aneignet, audi anzuwenden auf die Betrachtung und die Handhabung
der offentlichen sozialen Verhaltnisse.
Es tut einem heute immer furchtbar leid, wenn man Menschen ihre
geistige Kapazitat verpuffen sieht in allerlei alten Programmen und
wenn man so wenig sehen kann, wie die Menschen verstehen wollen,
dafi ein wirklich Neues notwendig ist, damit der letzte Rest des Alten,
die aufierste Reaktion, der aufierste Konservativismus, namlich der
Bolschewismus iiberwunden werden kann. Mit denjenigen Programmen,
die die heutigen mittleren und westlichen Staatsmanner machen, wird
der Bolschewismus ganz gewifi nicht iiberwunden, denn in denen lebt
nichts von dem, was in jedem Impuls der Zukunft leben mufi, in
denen lebt nichts von dem neuen Geist. Diesen neuen Geist aber braucht
man. Und wenn dieser neue Geist nicht in den grofien kulturpolitischen
Unternehmungen vorhanden ist, so sind die kulturpolitischen Unter-
nehmungen nur geeignet, die Menschheit in weitere Katastrophen
dahingleiten zu lassen. Wenn dieser neue Geist nicht darinnen ist in den
Parteimeinungen: die Menschheit gleitet weiter hinunter in Kata-
strophen.
Das ist dasjenige, was man jetzt in alien moglichen Formen iiber-
denken und bedenken sollte. Man wird ja immer wieder gefragt: Ja,
Dreigliederung ist schon schon, aber wie wird sich das und jenes aus-
nehmen, wenn die Dreigliederung des sozialen Organismus eingefuhrt
sein wird? - Da meint eben der Gewiirzkramer, wie wird er dann seine
Gewiirze verkaufen, wenn die Dreigliederung eingefuhrt sein wird
und so weiter. - Hier in diesem Saale selbst ist ja vor einiger Zeit die
Frage gestellt worden, wie es mit dem Besitz einer Nahmaschine im
dreigliedrigen sozialen Organismus stehen werde. Wenn man nicht die
Moglichkeit hat, diese Fragen im grofien anzufassen und sich zu sagen:
treten sie im grofien in das soziale Leben ein, dann wird sich das ein-
zelne schon nach ihnen ordnen, dann wird das einzelne schon seine
Gestalt bekommen; wenn man nicht in der Lage ist, diese grofie Frage
audi im grofien anzufassen, so wird man sich niemals auf die Hohe
der heutigen so harten Priifungszeit der Menschheit stellen konnen.
Aber da hat man schon notig, seine alten, liebgewordenen Ideen heute
in spiritueller Metamorphose zu sehen, Wahrscheinlich ist es audi hier
noch so, dafi, wenn man am Ende eines Schuljahres die Hef te der mittel-
europaischen Schiiler und Sdiiilerinnen daraufhin durchsehen wiirde,
was fur Aufsatze sie gemacht haben, man bei einer grofien Anzahl den
Satz als Aufsatzthema finden wiirde: «Ein jeglicher mufi seinen Helden
warden, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet.» Dar-
uber schreiben Pensionatstdchter, Gymnaslasten und Realschiiler schone
Aufsatze. Im Leben aber laufen die Menschen abstrakten Parteipro-
grammen nach. Auch so etwas wie diesen Dichterspruch, der gewifi an
der Stelle, wo er in der Dichtung stent, seine gute Berechtigung hat, mufi
man hier in spiritueller Metarmorphose lesen. Wir miissen die An-
schauung in der geistigen Welt fmden, die hinfuhrt zu den geistigen
Wesenhafligkeiten, unter denen wir uns zusammengruppieren.
Was man friiher als konservatives Programm, als liberales Pro-
gramm anfiihrte, was man heute als sozialdemokratisches Programm,
als agrarisches Programm anfuhrt, das alles ist Wischiwaschi, das alles
ist abstrakte Formulierung ebenso wie alle Frauenvereinsprogramme,
alle vegetarischen Programme und so weiter. Worauf es ankommt, ist,
dafi man den Gang der Welt kennt in seiner Durchpulsung durch gei-
stige Machte und dafi man zum Beispiel sich die Antwort zu geben
vermag, was waltet im Obersinnlichen uber derjenigen Menschen-
gruppe, die sich unter irgendeinem frauenvereinlerischen Programm
vereinigt und so weiter. Heute raufi mit einem gewissen Ernste alles
hinaufgehoben werden in die Anschauung von der geistigen, von der
iibersinnlichen Welt, denn nur in dem Zusammenschauen der uber-
sinnlichen mit der sinnlichen Welt ist es moglich, dasjenige zu finden,
was uns in unserer heutigen Zeit schwerer Not und schwerer Priifung
wirklich vorwartsbringen kann.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 8. August 1920
Ich mochte heute einiges von dem in diesen Tagen Besprochenen da-
durch vertiefen, dafi ich an ein alteres Thema ankniipfe, welches eine
Anzahl von Ihnen bereits kennen wird. Ich habe einmal vor Jahren
tiber die Charakteristik der Gesamtsinnenwelt des Menschen gespro-
chen. Sie wissen ja, daft, wenn man von den Sinnen spricht, man in ge-
brauchlicher Art den Gesichtssinn, den Gehorsinn, den Geruchssinn,
den Geschmackssinn und den Tastsinn aufzahlt. In der letzteren Zeit
sind allerdings auch einige Wissenschafter veranlaik worden, von an-
dern, sozusagen mehr nach dem Inneren des Menschen hin gelegenen
Sinnen zu sprechen, von einem Gleichgewichtssinn und so weiter. Aber
dieser ganzen Anschauung von den menschlichen Sinnen fehlt einerseits
der Zusammenhang und fehlt andererseits vor alien Dingen das in sich
Geschlossene. Man hat es eigentlich immer nur mit einem Teil der
menschlichen Sinnesorganisation zu tun, wenn man die gebrauchlich
aufgezahlten Sinne ins Auge fafit. Vollstandig hat man die Sinnes-
organisation des Menschen erst erschopft, wenn man zwolf Sinne ins
Auge fafit. Diese zwolf Sinne wollen wir uns heute einmal zunachst,
ich mochte sagen, nur aufzahlend und in kurzer Charakteristik vor
Augen fiihren.
Man kann die Aufzahlung und Charakteristik der Sinne irgendwo
beginnen. Beginnen wir also zum Beispiel damit, dafi wir den Sehsinn
betrachten. Wir wollen zunachst ganz aufierlich, wie es ein jeder fur
sich konstatieren kann, die Charakteristik ins Auge fassen (siehe Zeich-
nung S. 48). Der Sehsinn vermittelt uns die Oberflache der aufieren Kor-
perlichkeit, die uns farbig, hell, dunkel und so weiter entgegentritt. Wir
konnten in der mannigfaltigsten Weise diese Oberflache beschreiben
und wiirden dann dasjenige haben, was der Sehsinn vermittelt. Dringen
wir nun durch die sinnliche Anschauung etwas ins Innere der aufieren
Korperlichkeit, vermitteln wir uns durch unsere Sinnesorganisation
dasjenige, was nicht an der Oberflache liegt, sondern was sich mehr ins
Innere des Korpers hinein fortsetzt, so mufi das durch den Warmesinn
geschehen. Wiederum mehr gegen uns hergezogen, an uns gebunden, von
der Oberflache der Korperlichkeit gegen uns zugeneigt, nehmen wir
Eigenschaften wahr durch den Geschmackssinn. Er liegt gewissermafien
auf der andern Seite des Sehsinnes. Wenn Sie Farben, Hell und Dunkel,
und wenn Sie den Geschmack ins Auge fassen, dann werden Sie sich
sagen: das was an der Oberflache der Korperlichkeit Ihnen entgegen-
tritt, ist etwas durch den Sehsinn Vermitteltes. Dasjenige, was in der
Wechselwirkung mit Ihrem eigenen Organismus Ihnen entgegentritt,
was sich gewisserma&en in der Empfindung loslost von der Oberflache
und gegen Sie zugeht, das vermittelt der Geschmackssinn.
Nun stellen wir uns vor, dafi Sie mehr noch in das Innere der Kor-
perlichkeit gehen, als es durch den Warmesinn moglich ist, dafi Sie
gewissermafien nicht nur dasjenige, was die Korperlichkeit von aufien
durchdringt, aber allerdings im Inneren durchsetzt wie die Warme, ins
Auge fassen, sondern was innere Qualitat der Korper durch ihre Wesen-
heit ist. Zum Beispiel: Sie horen eine metallene Platte, die Sie anschla-
gen, dann nehmen Sie etwas von der Substantiality dieser metallenen
Platte wahr, also von dem inneren Wesen des Metallischen. Wah-
rend, wenn Sie die Warme wahrnehmen, Sie durch den Warmesinn nur
dasjenige wahrnehmen, was gewissermafien als allgemeine Warme die
Korper durchdringt, aber dann allerdings im Inneren ist, so nehmen
Sie also durch den Horsinn dasjenige wahr, was schon mit dem inneren
Wesen der Korper zusammenhangt. Gehen Sie jetzt nach der andern
Seite, so bekommen Sie etwas, was der Korper auf Sie als Wirkung
ausiibt, was viel starker innerlich ist als dasjenige, was wahrgenommen
wird durch den Geschmackssinn. Das Riechen ist materiell viel inner-
licher als das Schmecken. Das Schmecken geschieht gewissermafien da-
durch, dafi die Korper uns nur beriihren und dann unsere Absonde-
rungen sich oberflachlich mit unserem Inneren vereinigen; das Riechen,
das ist schon eine bedeutsame Veranderung in unserem Inneren, und
die Nasenschleimhaut ist etwas, was viel innerlicher organisiert ist -
natiirlich materiell gemeint — als die Geschmackswerkzeuge.
Wenn Sie dann noch weiter in das Innere des aufieren Korperlichen
eindringen, wo das aufiere Korperliche schon mehr seelisch wird, dann
dringen Sie ein durch den Gehorsinn in das Wesen des Metallischen,
bekommen Sie gewissermafien die Seele des Metallischen, aber Sie drin-
gen noch tief er, namentlich in das Aufiere ein, wenn Sie nicht nur durch
den Gehorsinn wahrnehmen, sondern durch den Wortesinn, durch den
Sprachsinn. Es ist eine vollstandige Verkennung, dafi man glaubt, mit
dem Gehorsinn sei audi schon dasjenige erschopft, was der Wortesinn
in sich enthalt: man konnte horen, aber man brauchte noch nicht den
Inhalt der Worte so wahrzunehmen, dafi man ihn versteht. Es ist auch
in bezug auf die organische Gliederung ein Unterschied vorhanden
zwischen dem blofien Horen des Tones und dem Wortewahrnehmen.
Das Horen des Tones ist vermittelt durch das Ohr, das Wortewahr-
nehmen ist durch andere Organe vermittelt, welche ebenso physischer
Natur sind, wie diejenigen, die den Gehorsinn vermitteln. Und wir
dringen audi tiefer in das Wesen eines Aufieren ein, wenn wir es ver-
stehen durch den Wortesinn, als wenn wir sein inneres Wesen blofi ton-
haft horen.
Noch mehr nach innen gelegen, schon ganz von den Dingen abge-
sondert, viel mehr noch, als das beim Geruchssinn der Fall ist, ist jene
Vermittlung, die wir nennen konnen die Vermittlung durch den Tast-
sinn. Wenn Sie Gegenstande betasten, so nehmen Sie ja eigentlich nur
sich selber wahr. Sie betasten einen Gegenstand, der Gegenstand driickt
in einer gewissen Weise stark auf Sie, weil er hart ist, oder driickt nur
wenig auf Sie, weil er weich ist. Sie nehmen aber nichts vom Gegen-
stande wahr, sondern Sie nehmen nur das wahr, was in Ihnen selber be-
wirkt wird: die Veranderung in Ihnen selber. Ein harter Gegenstand
schiebt Ihnen Ihre Organe weit zuriick. Dieses Zuruckschieben als eine
Veranderung in Ihrem eigenen Organismus nehmen Sie wahr, wenn Sie
durch den Tastsinn wahrnehmen. Sie sehen, indem wir uns mit dem
Sinneninneren da hineinbewegen, gehen wir aus uns heraus. Wir sind
zunachst wenig aus uns heraus beim Geschmackssinn, mehr aus uns
heraus sind wir bei der Oberflache der Korper, bei dem Sehsinn. Wir
dringen schon in den Korper ein durch den Warmesinn, noch mehr
dringen wir ein in das Wesen durch den Horsinn, und schon gar in das
Innere des Wesens hineinergossen sind wir durch den Wortesinn. Da-
gegen dringen wir in unser Inneres hinein, im Geschmackssinn ist schon
etwas davon vorhanden, mehr beim Geruchssinn, mehr noch beim Tast-
sinn. Dann aber, wenn wir noch mehr in unser Inneres eindringen, so
tritt in uns ein Sinn auf, welcher eigentlich gewohnlich schon nicht mehr
genannt wird, wenigstens nicht oft genannt wird, ein Sinn, durch den
wir unterscheiden, ob wir stehen oder ob wir liegen, durch den wir auch
wahrnehmen, wie wir, wenn wir auf unseren zwei Beinen stehen, uns im
Gleichgewichte halten. Dieses Sich-im-Gleichgewicht-Fuhlen, das wird
vermittelt durch den Gleichgewichtssinn. Da dringen wir also schon
ganz in unser Inneres ein; wir nehmen die Beziehung unseres Inneren
zur Aufienwelt wahr, innerhalb welcher wir uns im Gleichgewichte
fuhlen. Aber wir nehmen das ganz in unserem Inneren wahr.
Dringen wir noch mehr in die aufiere Welt hinein, mehr noch, als
wir es durch den Wortesinn konnen, so geschieht das durch den Gedan-
kensinn. Und es gehort, um die Gedanken des anderen Wesens wahr-
zunehmen, wiederum einfach ein anderes Sinnesorgan dazu, als es der
blofie Wortesinn ist. Dagegen, wenn wir noch mehr in unser Inneres
hineindringen, dann haben wir einen Sinn, der uns innerlich vermittelt,
ob wir in der Ruhe oder ob wir in der Bewegung sind. Wir nehmen nicht
nur dadurch, dafi die aufieren Gegenstande an uns voriibergehen, wahr,
ob wir in Ruhe oder ob wir in Bewegung sind, wir konnen innerlich an
unserer Muskelverlangerung und -verkiirzung, an der Konfiguration
unseres Leibes, insofern sich diese verandert, wenn wir uns bewegen,
wahrnehmen, inwiefern wir bewegt sind und so weiter. Das geschieht
durch den Bewegungssinn.
Wenn wir Menschen gegeniiberstehen, dann nehmen wir nicht nur
ihre Gedanken wahr, sondern wir nehmen auch das Ich selber wahr.
Und auch das Ich ist noch nicht wahrgenommen, wenn man blofi die
Gedanken wahrnimmt. Gerade aus demselben Grunde, warum wir
abgesondert den Horsinn vom Sehsinn statuieren, mussen wir, wenn
wir auf die feineren Gliederungen der menschlichen Organisation ein-
gehen, auch einen besonderen Ichsinn, einen Sinn fur die Ich-Wahr-
nehmung statuieren. Indem wir in das Ich eines andern Menschen wahr-
nehmend eindringen, gehen wir am meisten aus uns selber heraus.
Wann gehen wir am meisten in uns selber hinein? Nun, wenn wir im
allgemeinen Lebensgefiihl dasjenige wahrnehmen, was wir im wachen
Zustande immer eben als unser Bewufttsein haben, dafi wir sind, dafi
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 199 Seite: 4 8
wir uns innerlich erfiihlen, dafi wir wir sind. Das wird vermittelt durch
den Lebenssinn.
Damit habe ich Ihnen die zwolf Sinne, die das vollstandige System
der Sinnesorgane geben, hingeschrieben. Sie sehen nun ohne weiteres
daraus, daft eine gewisse Anzahl von unseren Sinnen gewissermafien
mehr nach aufien gerichtet ist, mehr darauf gerichtet ist, in die Aufien-
welt einzudringen. Wir konnen, wenn wir das Ganze (siehe Zeich-
nung) als den Umfang unserer Sinneswelt ansehen, sagen: Ichsinn,
Gedankensinn, Wortesinn, Horsinn, Warmesinn, Sehsinn, Geschmacks-
sinn, das sind die Sinne, welche mehr nach aufien gerichtet sind. Dahin-
gegen, wo wir mehr uns selbst wahrnehmen an den Dingen, wo wir
mehr die Wirkungen der Dinge in uns wahrnehmen, da haben wir die
andern Sinne: Lebenssinn, Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn, Tast-
sinn, Geruchssinn. Sie bilden mehr das Gebiet des Inneren des Menschen;
es sind Sinne, welche sich nach innen offnen und durch das Wahrnehmen
des Inneren uns unser Verhaltnis zum Kosmos vermitteln (siehe Zeich-
nung, schraffiert). So dafi also, wenn wir das vollstandige System
der Sinne haben, wir sagen konnen: Wir haben sieben mehr nach aufien
gerichtete Sinne. Der siebente Sinn ist schon zweifelhaft: Der Ge-
schmackssinn steht schon an der Grenze zwischen dem, was die aufieren
Korper betrifft und dem, was die aufieren Korper als Wirkung auf uns
ausiiben. Die andern fiinf Sinne sind solche Sinne, welche uns durchaus
innere Vorgange zeigen, die in uns sich abspielen, die aber Wirkungen
der Aufienwelt auf uns sind. Was ich nun heute an diese Sinnesgliede-
rung, die den meisten von Ihnen bekannt sein wird, anfugen mochte,
ist das Folgende.
Sie wissen, wenn der Mensch aufsteigt von der gewohnlichen Sinnes-
erkenntnis zur hoheren Erkenntnis, kann er es dadurch tun, dafi er mit
seinem Geistig-Seelischen aus seinem physischen Leib heraustritt. Dann
treten die hoheren Arten des Erkennens auf: Imagination, Inspiration,
Intuition. Ich mochte sagen: beschreibend sind Imagination, Inspiration,
Intuition ja geschildert in meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi» und
in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel-
ten?». Aber Sie werden sich leicht vorstellen konnen, dafi wir, gerade
wenn wir diese Gliederung der Sinne vor uns haben, zu einer beson-
deren Charakteristik dessen gelangen konnen, was Anschauung der
hoheren Welten ist. Wir dringen aus uns heraus. Uber weldie Grenze
schreiten wir denn da? Wenn wir in uns bleiben, wenn wir in uns
stecken, dann sind die Sinne unsere Grenzen; wenn wir aus uns heraus-
dringen, dann dringen wir durch die Sinne nadi aufien. Es ist ganz, ich
mochte sagen, selbstverstandlich, dafi, wenn unser Geistig-Seelisches
die Leibeshulle verlafit, es durdi die Sinne nach aufien dringt. Wir kom-
men also durch die au£eren Sinne, durch den Geschmackssinn, den
Sehsinn, den Warmesinn, den Horsinn, den Wortesinn, den Gedanken-
sinn und den Ichsinn nach aufien. Wir werden nachher sehen, wohin
wir kommen, wenn wir durch die andere Grenze, wo die Sinne sich
nach innen offnen, nach innen dringen. Also wir dringen durch die
Sinne nach aufien, indem wir mit unserem Geistig-Seelischen gewisser-
mafien unsere Leibesgrenze verlassen. Da passieren wir zum Beispiel
den Sehsinn nach auften: das heifit, wir dringen mit unserem Geistig-
Seelischen nach aufien, indem wir unsere Sehwerkzeuge zuriicklassen.
Indem wir uns bewegen in der Welt, mit dem seelischen Auge sehend,
aber die physischen Augen zuriicklassend, wenn wir also gerade durch
das Auge verlassen unsere Leiblichkeit, kommen wir in jene Region
hinein, wo die Imagination waltet (siehe Zeichnung Seite 48).
Und wenn wir wirklich imstande sind, durch die Initiation gerade
durch das Auge hinauszudringen in die geistige Welt, dann bekommen
wir reine Imaginationen, Imaginationen, die, ich mochte sagen, Bilder
sind, so wie der Regenbogen ein Bild ist, reine Bildimaginationen, we-
bend und lebend im Seelisch-Geistigen. Noch tingiert mit den letzten
Resten materiellen Daseins erscheinen die Bilder, wenn wir durch das
Geschmacksorgan nach aufien dringen. So dafi wir also sagen konnen:
Dringen wir durch das Geschmacksorgan nach aufien, so sind die Ima-
ginationen tingiert, also f ormlich betupft mit Materialitat. Wir bekom-
men nicht reine duftige Bilder wie beim Regenbogen, sondern wir bekom-
men etwas, was tingiert ist, was gewissermafien im Bilde etwas wie
einen letzten Rest des Materiellen enthalt: wir bekommen Gespenster,
richtige Gespenster, wenn wir durch das Geschmacksorgan den physischen
Leib verlassen. Verlafit man durch den Warmesinn den physischen Leib,
so bekommt man die Bilder auch tingiert. Die Bilder, die sonst rein sind,
ich mochte sagen, wie der Regenbogen, die erscheinen dann so, dafi sie
uns seelisdi in einer gewissen Weise aff izieren. Das macht jetzt ihre Tin-
gierung aus. Beim Geschmacksorgan verdichtet sich gleichsam das Bild
zum Gespensterhaften. Wenn wir aber durch denWarmesinn nach aufien
gehen, bekommen wir allerdings audi Imaginationen, aber Imaginatio-
nen, welche seelisdi wirken, welche sympathisch, antipathisch wirken,
welche seelisdi warm oder kalt wirken. Also die Bilder erscheinen nicht
in der gleichen Weise gelassen wie die andern, sondern sie erscheinen
warm oder kalt, aber seelisdi warm oder kalt.
Wenn wir nun durch unser Ohr, durch den Gehorsinn unseren Leib
verlassen, dann kommen wir hinaus in die geistig-seelische Welt und
erleben die Inspiration. Also hier vorher (in der Zeichnung) erleben
wir Imaginationen, tingiert mit seelisdi Affizierendem; wenn wir durch
den Gehorsinn unseren Leib verlassen, dringen wir in das Gebiet der
Inspiration. Wahrend sonst diese Sinne mehr nach aufien hin gehen,
dringt jetzt das, was da vom Warmesinn zum Gehorsinn heriiber-
kommt, wenn wir den Leib verlassen, mehr in unser seelisch-geistiges
Inneres ein. Denn Inspirationen gehoren mehr dem seelisch-geistigen
Inneren an als Imaginationen, wir werden mehr beruhrt, nicht nur
aflfektiv, sondern wir fiihlen uns durchdrungen mit Inspirationen, wie
wir uns leiblich durchdrungen fiihlen mit der Luft, die wir eingeatmet
haben, so fiihlen wir uns seelisdi durchdrungen mit den Inspirationen,
in deren Region wir hineingelangen, wenn wir durch den Gehorsinn
unseren Leib verlassen.
Wenn wir durch den Wortesinn, durch den Sprachsinn unseren Leib
verlassen, dann tingieren sich wiederum die Inspirationen. Das ist etwas,
was ganz besonders wichtig ist, dafi man kennenlernt dasjenige Organ,
das ebenso real da ist in der physischen Organisation, wie der Gehor-
sinn da ist, wenn man sich ein Gefiihl erwirbt zunachst fur das, was der
Sprachsinn ist. Wenn man durch dieses Organ den physischen Leib
mit dem Geistig-Seelischen verlafit, so tingiert sich die Inspiration mit
innerlichem Erleben, mit dem Sich-Eins-Fuhlen mit dem fremden
Wesen.
Wenn wir durch den Gedankensinn unseren Leib verlassen, dann
dringen wir in das Gebiet der Intuitionen. Und wenn wir durch den
Idisinn unseren Leib verlassen, dann sind die Intuitionen tingiert mit
Wesenhaftem der geistigen Aufienwelt.
So dringen wir immer mehr und mehr in das Wesenhafte der gei-
stigen Aufienwelt ein, sobald wir mit unserem Geistig-Seelisdien den
Leib verlassen, und wir konnen immer hinweisen darauf , wie eigentlich
das, was uns umgibt, die geistige Welt ist. Aber der Mensch ist gewisser-
mafien herausgedrangt aus der geistigen Welt. Was da hinter den Sinnen
ist, nimmt er ja erst wahr, wenn er durch sein Geistig-Seelisches den
Leib verlafit. Aber es driickt sidi ab durch die Sinne: Es erscheinen uns
die Intuitionen durch den Ich- und den Gedankensinn, aber nur die
Abdriicke davon; die Inspirationen durch den Wortesinn und den Hor-
sinn, aber wiederum nur Abdriicke davon; die Imaginationen durch den
Warmesinn und den Sehsinn, und ein wenig durch den Geschmackssinn,
aber abgetont, hereingenommen, ins Sinnliche verwandelt. Schematisch
konnte man die Sache so zeichnen: An der Grenze ist die Wahrneh-
mung der Sinneswelt (siehe Zeichnung, rot); gelangt man hinaus mit
dem Geistig-Seelischen, so dringt man in die geistige Welt ein (siehe
Zeichnung, gelb) durch Imagination, Inspiration und Intuition. Und
das zu Imaginierende, das zu Inspirierende, zu Intuitierende, das ist da
draufien. Aber indem es in uns eindringt, wird es zu unserer Sinneswelt.
rot
Sie sehen: Atome sind nicht da draufien, wie es sich die Materialisten
phantasieren, sondern da draufien ist die Welt des Imaginativen, des
Inspirierten, des Intuitiven. Und indem diese Welt auf uns wirkt, ent-
stehen die Abdriicke davon in den aufieren Sinneswahrnehmungen.*
Daraus sehen Sie, dafi - wenn wir durch unsere Haut, welche die Sinnes-
organe umschlieik, gewissermafien nach aufien dringen, aber nach den
verschiedenen Richtungen hin, in denen die Sinne wirken - wir dann in
die objektive geistig-seelische Welt hineingelangen. Da dringen wir
durch die Sinne, die wir als nach aufien sich offnend erkannt haben,
in die Auflenwelt ein.
Sie sehen also, dafi der Mensch, wenn er durch seine Sinne in die
Aufienwelt dringt, wenn er die Schwelle, die, wie Sie daraus ersehen,
sehr nahe ist, nach der Aufienwelt hin iiberschreket, er in die objektiv
geistig-seelische Welt hineindringt. Das ist das, was wir durch Geistes-
wissenschaft zu erreichen versuchen: in diese objektive geistig-seelische
Welt einzudringen. Wir kommen zu einem Hoheren, indem wir durch
unsere aufieren Sinne in dasjenige eindringen, was innerhalb der Sinnes-
welt durch einen Schleier fur uns bedeckt ist.
Wie ist es nun, wenn wir durch die inneren Sinne, den Lebenssinn, den
Bewegungssinn, den Gleichgewichtssinn, den Tastsinn, den Geruchssinn
in unser Inneres eindringen, wenn wir - ebenso, wie wir durch die
aufieren Sinne nach aufien dringen - durch diese inneren Sinne in uns
eindringen? Da nimmt sich die Sache iiberhaupt anders aus. Schreiben
wir uns noch einmal diese inneren Sinne auf: Geruchssinn, Tastsinn,
Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, Lebenssinn. Was da eigentlich in
uns vorgeht, das wird da nicht wahrgenommen. Wir nehmen im ge-
wohnlichen Leben eigentlich das, was im Bereiche dieser Sinne vorgeht,
nicht wahr; das bleibt unterbewufk. Dasjenige, was wir im gewohn-
lichen Leben durch diese Sinne wahrnehmen, ist schon heraufgestrahlt
in das Seelische.
Sehen Sie, wenn das die aufiere geistige Welt der Imagination, Inspi-
ration, Intuition ist (siehe Zeichnung S. 54, rot), so strahlt sie gewisser-
mafien auf unsere Sinne, und durch die Sinne wird vor uns hingestellt,
wird die sinnliche Welt eben erzeugt. Da wird also um eine Stufe herein-
geschoben die aufiere Geistwelt. Was aber diese Sinne umschliefit, und
was da unten in der Korperlichkeit wiihlt (orange), das nimmt man un-
mittelbar nicht wahr. So wie man unmittelbar nicht wahrnimmt die
objektive aulSere Geistwelt, sondern nur in ihrer Hereingeschobenheit
in unsere Sinne, so nimmt man unmittelbar audi nicht das wahr, was da
in unserem Korper wiihlt, sondern nur das Heraufgeschobensein in das
Seelische. Man nimmt gewissermafien die seelischen Wirkungen dieser
inneren Sinne wahr. Sie nehmen nicht die Vorgange wahr, welche die
Lebensvorgange sind, sondern Sie nehmen wahr vom Lebenssinn (siehe
Zeichnung Seite 48), was Gefiihl ist da von, was Sie nicht wahrnehmen,
wenn Sie schlafen, was Sie wahrnehmen als innere Behaglichkeit beim
Wachen, als das Durchbehaglichtsein, was nur gestort ist, wenn einem
irgend etwas weh tut in seinem Inneren. Da ist der Lebenssinn, der sonst
als Behaglichkeit heraufstrahlt, so, dafi er gestort ist, geradeso wie ein
aufierer Sinn gestort ist, wenn man zum Beispiel schlecht hort. Aber im
ganzen lebt sich beim gesunden Menschen der Lebenssinn als Behaglich-
keit aus. Jenes Durchdrungensein von Behaglichkeit, erhoht nach einer
wiirzigen Mahlzeit, etwas herabgestimmt beim Hunger, dieses allge-
meine innerliche Sich-Fuhlen, das ist die in die Seele hineingestrahlte
Wirkung des Lebenssinnes.
Der Bewegungssinn (siehe Zeichnung Seite 48), dasjenige, das da in
uns vorgeht, indem wir durch Verkiirzung und Verlangerung unserer
Muskeln wahrnehmen, ob wir gehen oder stehen, ob wir springen oder
tanzen, also wodurch wir wahrnehmen, ob und wie wir in Bewegung
sind, das gibt, in die Seele hineingestrahlt, jenes Freiheitsgefuhl des
Menschen, das ihn sich als Seele emipfrnden lafit: Empfindung des eige-
nen freien Seelischen. Dafi Sie sich als eine freie Seele empfinden, das
ist die Ausstrahlung des Bewegungssinnes, das ist das Hereinstrahlen
der Muskelverkiirzungen und Muskelverlangerungen in Ihr Seelisches,
so wie die innere Behaglichkeit oder Unbehaglichkeit das Hereinstrah-
len der Ergebnisse, der Erfahrungen desLebenssinnesin Ihr Seelisches ist.
Wenn der Gleichgewichtssinn hereinstrahlt in das Seelische, da losen
wir schon sehr stark dieses Seelische los. Denken Sie nur einmal, wie
wenig wir darauf aus sind - wenn wir nicht gerade ohnmachtig gewor-
den sind, dann wissen wir nichts davon — , unmittelbar wirklich zu
empfinden, dafi wir in die Welt im Gleichgewichte hineingestellt sind.
Wie empfinden wir denn, in die Seele hineingestrahlt, die Erlebnisse
des Gleichgewichtssinnes? Das ist schon ganz seelisch: wir empfinden das
als innere Ruhe, als jene innere Ruhe, welche macht, dafi, wenn ich
von da bis hierher gehe, ich doch nicht zuriicklasse den, der da in mei-
nem Korper steckt, sondern ihn mitnehme; der bleibt ruhig derselbe.
Und so konnte ich durch die Lufl fliegen, ich wiirde ruhig derselbe blei-
ben. Das ist dasjenige, was uns unabhangig erscheinen lafit von der Zeit.
Ich lasse mich auch heute nicht zuriick, sondern ich bin morgen derselbe.
Dieses Unabhangigsein von der Korperlichkeit, das ist das Hineinstrah-
len des Gleichgewichtssinnes in die Seele. Es ist das Sich-als-Geist-
Fiihlen.
Noch weniger nehmen wir wahr die inneren Vorgange des Tast-
sinnes. Die projizieren wir ja ganz nach aufien. Wir fiihlen den Korpern
an, ob sie hart oder weich sind, ob sie rauh oder glatt sind, ob sie seidig
sind oder wollen; wir projizieren die Erlebnisse des Tastsinnes ganz
in den aufieren Raum. Eigentlich ist das, was wir im Tastsinn haben,
ein inneres Erlebnis, aber was da innerlich vorgeht, das bleibt ganz im
Unbewufiten. Davon ist nur ein Schatten vorhanden in den Eigen-
schaften des Tastsinnes, die wir den Korpern zuschreiben. Aber das
Organ des Tastsinnes, das macht, dafi wir die Gegenstande seiden oder
wollen, hart oder weich, rauh oder glatt fiihlen. Das strahlt auch ins
Innere herein, das strahlt in die Seele herein; nur merkt der Mensch
den Zusammenhang seines seelischen Erlebnisses mit dem, was der
aufiere Tastsinn ertastet, nicht, weil die Dinge sich sehr difFerenzieren -
was da ins Innere hineinstrahlt und was nach aulSen hin erlebt wird.
Aber dasjenige, was da ins Innere hineinstrahlt, ist nichts anderes als
das Durchdrungensein mit dem Gottgefiihl. Der Mensch wiirde, wenn
er keinen Tastsinn hatte, das Gottgefuhl nicht haben. Was da im
Tastsinn sich als Rauheit und Glatte, Harte und Weichheit erfuhlt, das
ist das nach aufien Strahlende; was sich zuruckschlagt in der Seelener-
scheinung, das ist das Durchdrungensein mit der allgemeinen Welt-
substantialitat, das Durchdrungensein mit dem Sein als solchem. Wir
konstatieren das Sein der aufieren Welt gerade durch den Tastsinn. Wir
glauben noch nicht, wenn wir irgend etwas sehen, dafi es audi im Raume
vorhanden ist; wir iiberzeugen uns, dafi es im Raume vorhanden ist,
wenn der Tastsinn es ertasten kann. Dasjenige, was alle Dinge durch-
dringt, was auch in uns hereindringt, was Sie alle halt und tragt, diese
alles durchdringende Gottsubstanz kommt ins Bewufitsein und ist, nach
innen reflektiert, das Erlebnis des Tastsinnes.
Der Geruchssinn: seine Ausstrahlung nach aufien kennen Sie. Wenn
der Geruchssinn aber seine Erlebnisse nacb innen strahlt, dann merkt
der Mensch schon gar nicht mehr, wie diese inneren Erlebnisse mit den
aufieren Erlebnissen zusammenfallen. Wenn der Mensch irgend etwas
riecht, so ist das die Ausstrahlung seines Geruchssinn es nach auEen; er
projiziert die Bilder nach aufien. Aber diese Wirkung projiziert sich
auch nach innen. Der Mensch beachtet sie nur seltener als die Wirkung
nach aufien. Manche Leute riechen gern wohlriechende Dinge, da beob-
achten sie die Ausstrahlung des Geruchssinnes nach aufien. Aber es gibt
auch Leute, die sich dem hingeben, was da als die Wirkung des Geruchs-
sinnes nach innen so intensiv das Innere ergreift, was nicht nur wie das
Gottesgefuhl den Menschen durchdringt, sondern was sich so hinein-
setzt in den Menschen, dafi er es als mystisches Einssein mit Gott
empfindet.
5. Geruchssinn = mystisches Einssein mit Gott
4. Tastsinn = Durchdrungensein mit dem Gottgefuhl
3. Gleichgewichtssinn == innere Ruhe, sich als Geist fiihlen
2. Bewegungssinn = Empfindung des eigenen freien Seelischen
1. Lebenssinn = Behaglichkeit
Sie sehen, man mufi sich, wenn man die Dinge durchschaut, so wie sie
wirklich in der Welt sind, von manchem sentimentalen Vorurteile los-
machen. Denn manch einer wird ganz sonderbare Gefiihle haben, wenn
er Mystiker sein will und nun erfahrt, was eigentlich dieses mystische
Erlebnis im Verhaltnis zur Sinneswelt ist: es ist das in das Innere der
Seele einstrahlende Geruchssinn-Erlebnis.
Man braucht vor solchen Dingen nicht zu erschrecken, denn audi
unsere Empfindungen bilden wir ja nur in der aufieren konventionellen
Scheinwelt, in der Maja. Und warum sollte man denn, wenn man den
Geruchssinn nicht gleich als etwas vom Hochsten betrachtet, dieses
Majaurteil iiber den Geruchssinn beibehalten? Warum sollte man denn
nicht in der Lage sein, diesen Geruchssinn in seinem hoheren Aspekt
zu betrachten, wo er der Schopfer der inneren Erlebnisse des Menschen
wird? Ja, die Mystiker sind manchmal arge Materialisten, sie verdam-
men die Materie, sie wollen sich iiber die Materie erheben, weil die
Materie etwas so Niedriges ist, und sie erheben sich iiber die Materie,
indem sie sich innerlich wohlgef allig den Wirkungen des Geruchssinnes
nach innen hingeben.
Wer fur solche Dinge eine feinere Empf anglichkeit und Empfindlich-
keit hat, der wird gerade bei ausgesprochenen Mystikern sympathischer
Art, wie der Mechthild von Magdeburg oder der heiligen Therese oder
Johannes vom Kreuz, wenn sie ihre inneren Erlebnisse beschreiben - und
solche Personlichkeiten beschreiben sehr anschaulich an der besonde-
ren Art der Erlebnisse die Dinge «riechen». Mystik, audi bei Meister
Eckhart oder bei Johannes Taulery ist ebensogut, ja adaquater zu riechen,
als mit Wollust durch die seelische Empfindung einzusaugen. Wenn man
zum Beispiel die Beschreibung der mystischen Erlebnisse der heiligen
Therese nimmt oder der Mechthild von Magdeburg, so hat man einen
sufilichen Geruch in seinem Inneren, wenn man die Dinge okkult ver-
steht. Wenn man die Mystik des Tauler, des Meister Eckhart nimmt,
dann hat man so etwas von einem Geruch, wie etwa die Rautepflanze
riecht, einen herben, aber nicht unsympathischen Geruch.
Kurz, das Eigentumliche, das Frappierende, das einem da entgegen-
tritt, besteht darin, dafi, wenn man sich durch die Sinne nach aufien
entfernt, man in eine hohere Welt hineinkommt, in eine objektiv gei-
stige Welt. Wenn man hinuntersteigt durch Mystik, durch das Durch-
drungensein mit dem Gottgefiihl, durch die innere Ruhe des Sich-als-
Geist-Fiihlen, durch das Sich-seelisch-frei-Fiihlen, durch die innere Be-
haglichkeit: dann kommt man in Korperlichkeit, in Materialitat hinein,
was ich Ihnen ja schon angedeutet habe in diesen Betrachtungen. Beim
inneren Erleben kommt man, majahaft gesprochen, immer in niedrigere
Regionen hinein als diejenigen, die man schon im gewohnlichen Leben
hat. Beim aufieren Sich-Erheben iiber die Sinne kommt man in hohere
Regionen hinein. Daraus sehen Sie wohl audi, wie es darauf ankommt,
dafi man sich iiber diese Dinge keinen Illusionen hingibt, dafi man vor
alien Dingen sich nicht der Illusion hingibt, dafi man glaubt, man dringe
in eine besondere Geistigkeit ein, wenn man durch das mystische Sich-
Einsfiihlen mit dem Gottlichen in sein Inneres hineinsteigt. Nein, da
steigt man nur in die Ausstrahlungen seiner Nase nach innen hinein.
Und diejenigen Mystiker, die am meisten geliebt werden, die geben
uns durch ihre Beschreibungen dasjenige, was sie durch die Ausstrah-
lungen der nach innen fortgesetzten Nase in ihrem Inneren fuhlen.
Sie sehen: redet man von jenseits der Schwelle, redet man von der
geistigen Welt aus iiber die Angelegenheiten dieser Welt, dann mufi
man in ganz andern Worten reden, als die Menschen es sich von dieser
physischen Welt aus vorstellen. Das sollte Sie eigentlich nicht verwun-
dern, denn Sie brauchen ja nicht erwarten, dafi die geistige Welt jenseits
der Schwelle eine blofie Doublette dieser physischen Welt hier sei. Solche
Doubletten konnen Sie einzig und allein erleben, wenn Sie die Beschrei-
bungen der hoheren Welt in der Esoterik des Islam lesen, oder wenn
Sie die Beschreibungen des Devachan vom Herrn Leadbeater lesen. Da
haben Sie, nur ein wenig verandert, aber im Grunde genommen Doub-
letten von dieser Welt. Das ist den Leuten sehr behaglich. Insbesondere
bei denen, welche ein gewisses Salonleben in guten Kleidern und bei
sonst hinreichenden Gelustebefnedigungen hier in der physischen Welt
fiihren, kann man es leicht finden, dafi sie auch jenen Devachansalon,
in dem man sich dann auf halten kann, wie in einer ahnlichen Weise in
den Salons hier, nach ihrem Tode betreten, wie es ihnen ja auch Herr
Leadbeater beschreibt. In dieser bequemen Lage ist derjenige nicht,
der die Wahrheiten der geistigen Welten beschreiben mufi. Der mufi
Ihnen sagen, dafi das Durchdrungensein mit dem Gottgefiihl zu der
Projektion des Riechens nach innen fiihrt, und dafi der Mystiker eigent-
lich dem wirklichen Okkultisten nichts anderes verrat, als wie er in
seinem Inneren riecht. Zur Sentimentalitat ist keine Gelegenheit bei
wirklicher Betraditung der Welt von der geistigen Seite aus. Ich habe es
oftmals erwahnt: Dringt man wirklich in die geistige Welt hinein, dann
beginnt der Ernst in solchem Mafte, daft alle Dinge selbst andere Worte
bekommen miissen, als sie hier haben, und daft die Worte selbst ganz ent-
gegengesetzte Bedeutung bekommen. In die geistige Welt eindringen,
heiftt nicht bloft Gespenster der hiesigen Welt beschreiben, sondern man
mufi sich darauf gefaftt machen, daft man vieles von dem erlebt, was
das Gegenteil der physischen Welt hier ist, vor alien Dingen aber das
Gegenteil des Angenehmen ist.
Ich wollte Ihnen diesen Gesichtspunkt heute hinstellen, urn Ihnen ein
mehr allgemeines Gefuhl zu vermitteln von dem, was unserer Zeit
wirklich notwendig ist. Wenn man hinhorcht auf das, was einem heute
vom Westen entgegentont — im Osten, und je weiter man nach dem
Osten hinkommt, ist es etwas anderes wenn ein Gedanke in westlicher
Form wiedergegeben wird, dann ist es oft so, daft man sagt: so kann man
nicht im Franzosischen sich ausdriicken, so kann man nicht im Engli-
schen sich ausdriicken. Je weiter man nach Westen kommt, desto mehr
findet man dieses Urteil. Was bedeutet dieses Urteil aber anderes als das
Hangen an dem Physischen, das schon Erstarrtsein in dem Physischen
gegenuber der wirklichen Welt? Was kommt es auf Worte an? Es kommt
vielmehr darauf an, daft man sich uber die Worte hinaus iiber die Dinge
verstandigt. Dann aber muft man auch die Worte loslosen konnen von
den Dingen, und man muft nicht nur die Worte loslosen konnen, sondern
man muft sogar die in der Sinneswelt erworbenen subjektiven Emp-
flndungen loslosen konnen. Wenn man den Geruchssinn als einen niede-
ren Sinn betrachtet, so ist das ein Urteil, gewonnen aus der Sinneswelt.
Und wenn man sein inneres Korrelat, die Mystik als ein Hoheres be-
trachtet, so ist das auch ein Urteil aus der Sinneswelt. Von jenseits der
Schwelle angesehen, ist die Organisation des Geruchssinnes etwas
aufterordentlich Bedeutendes, und die Mystik ist nicht etwas so Groft-
artiges, wenn sie von jenseits der Schwelle angesehen wird. Denn die
Mystik ist durchaus ein Produkt der materiellen, physischen Welt, sie ist
namlich dieArt,wieMenschen in die geistige Welt eindringen wollen,die
eigentlich materialistisch bleiben, indem sie das, was hier ist, erst recht
als Materie ansehen. Das ist ihnen zu niedrig, zu materialistisch. Wiirden
sie allerdings eindringen in das, was da draufien ist, dann kamen sie
gerade in die geistige Welt, in die Hierarchien. Statt dessen aber dringen
sie in ihr Inneres: da tappen sie in die voile Materie innerhalb der
eigenen Haut hinein! Das kommt ihnen allerdings als der hohere Geist
vor. Aber es handelt sich nicht darum, dafi wir durch unsere geist-seeli-
schen Phanomene mystisch hinunterdringen in unsere Korper, sondern
es handelt sich darum, dafi wir durch unsere materiellen Phanomene,
durch die Phanomene der Sinneswelt hindurchdringen in die Geistwelt
hinein, in die Welt der Hierarchien, in die Welt der geistigen Wesen-
hafligkeiten. Nicht eher, als bis die Welt es vertragt, solche Tone an-
schlagen zu horen, nicht eher, als bis die Welt es vertragt, dafi iiber die
Welt ganz anders gesprochen wird als in den letzten vier Jahrhunderten,
nicht eher, als bis die Welt es vertragt, dafi wir auch unsere sozialen
Urteile aus solchen vollstandig umgewandelten Begriffen bilden, kom-
men wir zu Impulsen, die wiederum zu einem Aufgang fuhren. Wollen
wir aber verbleiben in alledem, was wir uns angeeignet haben, und
wollen wir daraus unser soziales Tun orientieren, dann segeln wir im-
mer tiefer in den Niedergang hinein, dann geht es hinunter in den Nie-
dergang des Abendlandes.
Worauf beruht so etwas, wie das Urteil Oswald Spenglers? Es be-
ruht darauf , dafi er ein sehr genialer Mensch ist, der aber nichts anderes
denken kann als die gewohnlichen BegrifFe des Abendlandes, die man
jetzt hat. Die analysiert er. Da rechnet er aus - was fiir diese Begriffe
durchaus richtig ist — , dafi mit dem Beginn des dritten Jahrtausends an
die Stelle unserer Zivilisation die Barbarei getreten sein wird. Wenn
man ihm von Anthroposophie redet, bekommt er einen roten Kopf,
weil er es nicht ausstehen kann. Wiirde er verstehen, was durch die
Anthroposophie in die Menschheit einziehen kann, wie sie die Menschen
beleben kann, dann wiirde er sehen, dafi einzig und allein durch sie
der Niedergang abgewendet werden kann, dafi man einzig und allein
durch sie zu einem Aufstiege kommen kann.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 14. August 1920
Sie werden aus dem Zusammenhange mancher Darlegungen der letzten
Zeit mit allerlei Kundgebungen von aufien eines wohl entnehmen kon-
nen, daft unsere anthroposophische Bewegung in ein Stadium eingetre-
ten ist, welches von jedem einzelnen, der sich an ihr beteiligen will, vor-
aussetzt, dafi er diese Beteiligung mit einem sehr ernsten Verantwort-
lichkeitsgefiihl verbindet. Es ist ja in dieser Richtung ofters von mir
gesprochen worden. Allein es wird nicht immer der Zusammenhang,
um den es sich dabei handelt, in durchdringender Weise ins Auge gefafk.
Wir diirfen eben, gerade weil wir innerhalb unserer Bewegung stehen,
nicht aus dem Auge verlieren, in welch ungeheuer ernster Zeit die euro-
paische Zivilisation mit ihrem amerikanischen Anhange sich gegen-
wartig befindet. Und wenn wir auch gar nicht von uns aus das eine
oder das andere sagen wiirden - was aber durchaus zu sagen notwendig
1st — , was als Zusammenhang besteht zwischen den Impulsen, die aus
anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft kommen, und den
zeitgeschichtlichen Ereignissen der Gegenwart: diese Ereignisse der Ge-
genwart wiirden heranschlagen an das, womit wir uns beschaftigen, und
wiirden ganz zweifellos auch ohne unser Zutun sich mit dem beschafti-
gen, was in unserer Linie liegt. Es handelt sich darum, dafi wir tatsach-
lich nicht die Augen verschliefien vor der ganzen Bedeutung dessen, was
mit solchen Worten angedeutet ist.
Es ist vielleicht einer Reihe von Freunden, denen es friiher noch nicht
klar war, gerade aus den gestrigen Darlegungen von Dr. Boos klar
geworden, in welch notwendigem und sachlichem Zusammenhange die
Dreigliederungsidee mit alledem steht, was auf dem Grunde der an-
throposophisch orientierten Geisteswissenschaft gewollt ist.
Der Weltengang gleicht gegenwartig einem aufierordentlich kompli-
zierten Organismus, und aus den mannigfaltigsten Erscheinungen, die
man sorgfaltig beobachten mufi, geht hervor, welchen Gang dieser
Organismus nimmt. Es geschieht heute sehr vieles, was zunachst schein-
bar unbedeutend ins Dasein tritt. Dieses Unbedeutende, dieses scheinbar
Unbedeutende bedeutet aber zuweilen etwas aufierordentlich Ein-
schneidendes und Eingreifendes. Es geschehen Dinge wiederum, die im
eminentesten Sinne zeigen, wie aufierordentlich schwer es ist, sich aus
den altgewohnten Vorstellungen heraus zu einer Anschauung aufzu-
schwingen, die der heutigen Zeit angemessen ist.
Sie sehen aus mancherlei Zeitungsaufierungen der letzten Tage, wie
das, was hier von Dornach ausgeht, hinauswirkt in die Welt, wie es
zum Teil von diesem oder jenem aufgenommen wird, und man soil
eben solche Ereignisse aufierordentlich ernst betrachten. Man soli sich
dariiber klar sein, dafi im Grunde genommen jedes Wort, das von uns
heute ausgesprochen wird, durch und durch bedacht sein mufi, und dafi
wichtige Worte eigentlich nicht ausgesprochen werden sollten, ohne dafi
man sich die Verpflichtung auferlegt, sich von dem allgemeinen Welten-
gang, wie er eben heute ein aufierordentlich komplizierter Organismus
ist, Kenntnis zu verschaffen. Auf Dinge, die hier in Betracht kommen,
wird mir noch obliegen, in der allernachsten Zeit einzugehen; aber ich
mochte heute einleitend doch dieses bemerken, daft gerade durch die
Verkniipfungen unserer Bewegung mit dem allgemeinen Weltengange
es uns vor alien Dingen obliegt, wirklich ein voiles Verstandnis dafiir
zu erwerben, dafi wir nicht mehr unsere Bewegung irgendwie sekten-
mafiig betreiben diirfen. Ich habe iiber dieses Faktum des ofteren ge-
sprochen. Durchaus ist heute die Zeit gekommen, wo wir notig haben,
jeden einzelnen Mitarbeiter zu iibernehmen, aber jeden einzelnen Mit-
arbeiter mit der breiten vollen Verantwortung fiir dasjenige, was er
im Sinne unserer Bewegung vertritt. Und diese Verantwortung sollte
doch so gestaltet sein, dafi sie eben verkniipft ist damit, sich verpflichtet
zu fiihlen, nichts zu sagen, was nicht durch innere Grunde in rechtem
Zusammenhang erscheint mit dem allgemeinen Gang der heutigen Welt-
ereignisse. Am wenigsten im Einklang mit den heutigen Weltereignis-
sen ist ein sektiererisches Treiben. Was heute vertreten werden soil, mufi
durchaus im Angesichte der ganzen Welt vertreten werden konnen und
darf weder einen sektiererischen noch einen dilettantischen Charakter
tragen, gleichgiiltig, ob es Gesprochenes oder ob es Getanes ist. Wir
diirfen nicht zuriickschrecken da vor, durchzusegeln zwischen der Skylla
und der Charybdis.
Gewifi wird sich mancher sagen und damit auf eine gewisse Skylla
deuten: Wie soli ich midb denn dariiber informieren, was heute geschieht,
da der Gang der Ereignisse ein so verwickelter geworden ist, da man
heute so schwer aus den Symptomen auf die innere Bewegung der
Tatsachen schliefien kann? - Aber das soli eben nicht, ich mochte sagen,
zur Charybdis hinfiihren, das heifit, tatenlos zu sein; sondern es sollte
eben zum richtigen Durchsegeln fiihren, namlich zum Fiihlen der Ver-
pflichtung, sichj so gut es geht, mit alien nur zuganglichen Mitteln in
Einklang zu versetzen mit dem Gang der allgemeinen Weltenereignisse.
Es ist ja gewifi leichter, sich zu sagen: Da ist die Anthroposophie, die
lerne ich; auf ihrem Boden denke ich auch ein bifichen nach, erforsche
das eine oder das andere und das vertrete ich dann vor der Welt. -
Gerade dadurch kommen wir in die Sektiererei hinein, wenn wir so,
gewissermafien mit Scheuledern gegeniiber den so grofien, wichtigen
Ereignissen der Gegenwart, einfach ohne rechts und links zu sehen,
auf einem solchen Wege tatig sein wollen, wie ich es eben angedeutet
habe. Uns obliegt es, den Gang der Ereignisse der Gegenwart zu stu-
dieren und vor alien Dingen bei diesem Studieren zugrunde zu legen
dasjenige, was uns an Urteilen zukommen kann durch die Tatsachen,
die aus anthroposophischer Geisteswissenschaft selber folgen.
Die ganzen Jahre her sind hier Tatsachen zusammengetragen worden
mit dem Zwecke, dafi auf Grundlage dieser Tatsachen der einzelne in
die Lage kommt, sich ein Urteil zu bilden. Es diirfen diese Tatsachen
nicht unberiicksichtigt bleiben, wenn man von unseren Beobachtungen
aus ein Urteil iiber irgend etwas, was heute geschieht, fallen will. Dies
mochte ich heute nur im allgemeinen hingestellt haben und werde in der
allernachsten Zeit auf Einzelheiten nach dieser Richtung eingehen.
Ich mochte heute einiges von dem vorbringen, was erganzen wird,
was ich letzten Sonntag hier iiber das Wesen des menschlichen Sinnes-
organismus vorgebracht habe. Und ich mochte davon ausgehen, dafi ich
einen Gegensatz vor Sie hinstelle, den ich oftmals schon gerade an
diesem Orte zum Ausdruck gebracht habe. Es besteht ja heute, ohne dafi
das grofie Publikum viel davon weifi, aber doch in dieser Richtung
denkt, ich mochte sagen, das Infiziertsein durch die naturwissenschaft-
liche Denkweise auf der einen Seite, und auf der andern Seite besteht
bei dem einen noch ein alter traditioneller Glaube an sittliche oder
religiose Ideale, bei dem andern besteht nurmehr Skeptizismus, Zweif el-
sucht in dieser Beziehung, bei dem dritten Gleichgtiltigkeit und so
weiter. Dieser grofie Gegensatz, der durchzittert und durchzuckt heute
im Grunde die ganze Menschheit: Wie verhalt sich der notwendige
Gang der Naturereignisse zu dem, was die Geltung der ethischen, sitt-
lichen und religiosen Ideale ist?
Noch einmal will ich erwahnen, was ich ja vor erne grofie Anzahl von
Ihnen bereits hingestellt habe: Wir haben eine naturwissenschaftliche
Weltanschauung auf der einen Seite; sie glaubt, durch ihre Tatsachen
etwas ausmachen zu konnen iiber den Weltengang, namentlich den Wel-
tengang der Erde. Und wenn sie audi dasjenige, was sie sagt, als hypo-
thesenhaft betrachtet, so impft sich das doch dem ganzen Denken, dem
ganzen Empfinden und dem ganzen Fiihlen der Menschheit ein. Man
fiihrt unser Erdendasein auf eine Art Nebelzustand zuriick. Man be-
trachtet dann als durch rein naturgesetzliche Notwendigkeit hervor-
gebracht alles, was aus diesem Nebelzustand hervorgegangen ist, und
man sieht auf den Endzustand unseres Erdendaseins hin, indem man
wiederum starre, notwendige Naturgesetze zugrunde legt und sich
Vorstellungen dariiber macht, wie diese Erde zugrunde gehen wird.
Und man hat, indem man eine solche Anschauung aufstellt, eine Grund-
vorstellung, welche heute auch schon ganz popular geworden ist, welche
den Kindern in der Schule beigebracht wird; man hat die Grundvor-
stellung, dal5 der Stoff des Weltenalls, gleichgiiltig ob man ihn aus Ato-
men oder Ionen und dergleichen bestehen lafit, unzerstorbar sei, dafi
also gewissermafien der Stoff beim Ausgangspunkt der Erdenbildung
in einer gewissen Weise geballt war, sich dann umgewandelt, metamor-
phosiert hat, aber da$ im Grunde genommen heute derselbe Stoff da ist,
der im Beginn der Erdenentwickelung da war, und dafi derselbe Stoff
am Ende der Erdenentwickelung da sein wird, nur anders geballt, dafi
der Stoff unzerstorbar ist, dafi alles nur Verwandlungen im Stoff e sind.
Man hat hinzugefiigt zu dieser Anschauung diejenige von der soge-
nannten Erhaltung der Kraft, indem man eine gewisse Summe von
Kraften im Beginne annimmt, sie sich umwandelnd denkt und sich im
Grunde genommen wiederum dieselbe Summe von Kraften im Endzu-
stande der Erde vorstellt.
Es sind nur einzelne mutige Geister gewesen, welche sich gegen so
etwas aufgebaumt haben. Einen habe ich als typisches Beispiel ofters vor
Ihnen angefiihrt, Herman Grimm, der ja gesagt hat: Von einem Nebel-
zustand, von derKant-Laplaceschen Nebelessenz im Beginne des Erden-
daseins oder des Weltendaseins spricht man; da soil sich durch rein
natiirliche Vorgange alles herausgeballt haben, was auf unserer Erde
ist, inbegriffen der Mensch. Und dann soil sich das umwandeln, bis
es zuletzt als Schlacke wiederum in die Sonne zuriickfallt. Herman
Grimm meint, ein Aasknochen, urn den ein hungriger Hund herum-
lauft, sei ein appetitlicherer Anblick als diese Kant-Laplacesche Theorie
vom Weltendasein, und es wiirde kiinftigen Zeiten schwer sein, kultur-
historisch zu erharten, wie es hat sein konnen, dafi das 19. und 20. Jahr-
hundert von dieser Krankheit, so etwas zu denken, hat ergriffen wer-
den konnen. Einzelne mutige Geister, wie gesagt, haben sich aufgelehnt
gegen diese Dinge. Aber diese Dinge werden heute so gelehrt, dafi man
von demjenigen, der dagegen etwas einwendet, wenn es ein Herman
Grimm ist, sagt: Nun ja, ein Kunstgelehrter braucht ja von der Natur-
wissenschafl; nichts zu verstehen. - Und wenn es ein anderer sagt, der
von der Naturwissenschaft etwas verstehen will, so halt man ihn fur
einen Narren. Derlei Dinge gelten heute fur selbstverstandlich, und die
wenigsten Menschen empfinden, welche Bedeutung dieses Selbstver-
standlichsein eigentlich hat. Wenn diese Anschauung auch nur ein Atom
Richtigkeit hat, dann hat alles Reden von sittlichen und religiosen
Idealen keinen Sinn, dann sind sittliche und religiose Ideale aus den
Gehirnen der Menschen herausgeboren und steigen auf wie Blasen - die
sozialdemokratischen Theoretiker nennen sie eine Ideologic, um die
Menschen zu affen -, die sich ja nur herausgeballt haben aus den Ver-
wandlungen des Stoffes und die verschwinden werden, wenn unsere
Erde in ihrem Endzustand angelangt ist. Alles, was wir uns vorstellen
an sittlichen, an religiosen Idealen, ist lediglich Schaumblase dann.
Denn die Realitat, welche die naturwissenschaftliche Weltanschauung
fordert, ist so geartet, dafi sie gar nicht eine sittliche oder religiose
Weltanschauung zulafit, wenn man diese naturwissenschaftliche Welt-
anschauung so hinnimmt, wie sie von der Mehrzahl der Menschen ge-
glaubt wird. Daher handelt es sich darum, dafi die Zeit, die heute reif ist
auf der einen Seite, dringend notwendig macht auf der andern Seite,
dafi aus ganz andern Quellen heraus, als die heutige Bildung sie hat,
eine Weltanschauung geholt werde.
Diese Quellen, die es moglich machen, dafi eine sittliche und eine
religiose Weltanschauung neben der naturwissenschaftlichen bestehe,
konnen einzig und allein die geisteswissenschaftlichen Quellen sein. Aber
diese geisteswissenschaftlichen Quellen miissen dann da auf gesucht wer-
den, wo sie im vollen Ernst sprechen. Das Aufsuchen dieser Quellen
wird vielen Menschen der Gegenwart schwer. Sie wollen sich lieber
hinwegsetzen iiber jenen reinen Widerspruch, den ich heute wiederum
vor Sie hingestellt habe, denn man hat nicht den Mut, der naturwissen-
schaftlichen Weltanschauung selber zu Leibe zu gehen. Man hort von
denen, die man als Autoritaten betrachtet, das Gesetz von der Erhaltung
des Stoffes und der Kraft sei sichergestellt und jeder sei ein Dilettant,
der sich nicht an diese Gesetze halt. Man bringt eben gegenuber der un-
geheuren Last der falschen Autoritat, die heute auf der Menschheit
liegt, den Mut nicht auf, von dieser Autoritat weg zu den Quellen der
Geisteswissenschaft zu gehen.
Und audi das lehren die aufieren Tatsachen, dafi das Heil des Chri-
stentums, das Heil eines wirklichen Begreifens des Mysteriums von
Golgatha von der Hinwanderung zu den Quellen der Geisteswissen-
schaft abhangt. Der aufiere Gang der Ereignisse zeigt das ja. Sehen Sie
sich die sogenannten fortgeschrittenen Theologen an, sehen Sie sich an,
was von den fortgeschritteneren Vertretern des Christentums gelehrt
wird. Der Materialismus hat ja audi die Religion ergriffen. Nicht mehr
kann man einsehen, wie das geistig-gottliche Prinzip, das mit dem Na-
men des Christus umrissen ist, vereinigt ist mit der menschlichen Per-
sonlichkeit des Jesus von Nazareth, denn diese Vereinigung kann heute
nur aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus gekannt werden.
Und so ist es denn dahin gekommen, dafi auch die Theologie ma-
terialistisch geworden ist, nur von dem «schlichten Manne aus Naza-
reth» spricht, von einem Menschen, der ja Grofiartigeres gelehrt haben
soil als andere, der aber eben doch nur als ein grofiartigerer Lehrer in
Betracht kommt, der nicht in Betracht kommt durch dasjenige Wesen,
das er in seinem Leibe getragen hat. Und einer der bedeutendsten Theo-
logen der Gegenwart, Adolf Harnack, hat ja das Wort gepragt: Nicht
der Christus, sondern der Vater gehort in das Evangelium — , das heifk,
das Evangelium soli nicht sprechen von dem Christus, weil solche Theo-
logen wie Harnack im Grunde genommen den Christus gar nicht mehr
kennen, sondern nur den Lehrer von Nazareth. Die Lehre dieses Men-
schen von Nazareth wollen sie noch annehmen; die Lehre von dem
vaterlichen Schopfer der Welt, die gehore ins Evangelium, nicht aber
eine Lehre iiber den Christus Jesus selber!
Auf dieser Bahn der Naturalisierung, der Materialisierung wiirde das
Christentum zweifellos fortschreiten, wenn ein geisteswissenschaftKcher
Einschlag fur dasselbe nicht kommen wiirde. Aus dem, was von alters-
her die Menschheit iiberkommen hat, kann sie in ehrlichem Sinne keinen
Begriff aufbringen iiber die Vereinigung der gottlichen und der mensch-
lichen Natur in dem Christus Jesus. Dazu ist die Eroffnung neuer Quel-
len geistiger Wissenschaft notwendig. Und diese Eroffnung brauchen
wir fiir das religiose Leben; diese Eroffnung, wir brauchen sie aber
auch fiir die von den Zeitereignissen geforderte Neugestaltung der
sozialen Verhaltnisse innerhalb unserer Zivilisation. Und wir brau-
chen vor alien Dingen eine vollige Neugestaltung der Wissenschaft, eine
Durchdringung aller Wissenschaften mit geisteswissenschaftlichen Quel-
len. Ohne diese geht es nicht weiter. Und derjenige, der glaubt, man
brauche sich nicht zu kiimmern um den Gang des religiosen Lebens, um
den Gang des sozialen Lebens, um den Gang der offentlichen Ereig-
nisse iiber die zivilisierte Welt hin, um den Gang der wissenschaftiichen
Leistungen, wer da glaubt, man konne in sektiererischer Abgeschlossen-
heit Anthroposophie treiben vor irgendeinem zusammengewiirfelten
Kreis, der sich dann als eine Summe von Fremdlingen innerhalb die-
ser Welt ausnimmt, der ist eben durchaus in einem schweren Irrtum
befangen.
Bei allem, was hier von mir gesprochen wird, liegt immer zugrunde
die Verantwortung gegeniiber dem ganzen Gang der gegenwartigen
Weltereignisse. Bei jedem einzelnen Satze, bei jedem einzelnen Worte
liegt diese Verantwortung zugrunde. Ich mufi das schon erwahnen aus
dem Grunde, weil es nicht immer in aller Scharf e eingesehen wird. Wenn
heute in derselben Weise fortgefahren wird, von Mystik zu reden, wie
viele im Laufe des 19. Jahrhunderts von Mystik geredet haben, dann
stent das nicht mehr im Einklange mit dem, was die Welt heute fordert.
Und wenn nur zu dem, was sonst im Gang der Weltereignisse geschieht,
der Inhalt der anthroposophischen Lehre hinzugesetzt wird, so steht
das ebenfalls nicht im Einklange mit den Anforderungen der Gegen-
wart. Erinnern Sie sich, wie im Mittelpunkt der Betrachtungen, die ich
seit Jahrzehnten pflege, das Problem, das Ratsel der menschliclien Frei-
heit steht. Dieses Problem der menschlichen Freiheit, wir mussen es
heute in den Mittelpunkt einer jeglichen und wirklich geisteswissen-
schaftlichen Betrachtung stellen.
Wir mussen dies aus zwei Griinden tun. Erstens deshalb, weil alles,
was aus den alten Mysterien heraus aufgebracht worden ist, was durch
die Initiationswissenschaft der alten Zeit vor die Welt hingestellt wor-
den ist, weil alles das ohne ein wirkliches Begreifen des Ratsels der
menschlichen Freiheit dasteht. Grofiartiges, Gewaltiges haben die Lehrer
der alten Mysterien der Menschheit uberliefern konnen. Grofiartiges,
Gewaltiges liegt in den mythischen Uberlieferungen der verschiedenen
Volker, die ja auch esoterisch erlautert werden diirfen, freilich nicht so,
wie man es oft macht. Grofiartiges liegt in den sonstigen Oberlieferun-
gen, die ihren Quell in der Initiationswissenschaft alter Zeit haben,
wenn man sie nur in der richtigen Weise versteht. Aber eines liegt in
alledem nicht, eines liegt nicht in der Initiationswissenschaft der alten
Mysterien, nicht in den Mythen der verschiedenen Volker, auch wenn sie
esoterisch verstanden werden, nicht in den Traditionen, die sich her-
schreiben aus dieser Initiationswissenschaft: das ist das Ratsel von der
menschlichen Freiheit. Denn derjenige, der von einer Initiationswissen-
schaft, von einer Einweihung der Gegenwart ausgeht, der begreift, wie
Einweihung der Gegenwart sich hinstellt neben Einweihung der Ver-
gangenheit, der weift, dafi die Menschheit in ihrer Entwickelung iiber
die Erde hin erst jetzt in das Stadium wirklicher Freiheit eintritt, und
dafi es einfach friiher nicht notig war, der Menschheit eine Initiations-
wissenschaft zu geben, die ganz impragniert ware von dem Ratsel der
Freiheit. Was alles das Ratsel der Freiheit umschlielk, in welche Lage
die menschliche Seele versetzt ist, wenn sie das Ratsel der Freiheit vollig
klar auf sie abgeladen findet, das ahnen die wenigsten Menschen heute.
Alle Initiationswissenschaft mufi ja ein neues Licht empfangen durch
dieses Ratsel der menschlichen Freiheit. Das auf der einen Seite. Wir
sehen, wie sich fortsetzen aus alten Zeiten in direkter Kontinuation,
mochte ich sagen, Geheimgesellschaften, die zum Teil recht stark in dem-
Leben der Gegenwart stehen, die aber nur das Alte bewahren, nur das
Alte nachahmen, nur f ortwirken im Sinne des Alten, und die doch nichts
weiter sind, als Schatten des Alten, die nichts weiter sind als etwas, was,
wenn es heute wirkt, der Menschheit schadlich sein mufi.
Man mufi einsehen, dafi selbst die einstmals grofiten Mysterien, wollte
sie heute jemand lehren, schadlich fur die Menschheit waren. Niemand,
der das Wesen gegenwartiger Initiation versteht, kann wie etwas Ge-
genwartiges lehren, was einst in den agyptischen, in den chaldaischen,
in den indischen, selbst in den griechischen Mysterien, die uns noch so
nahestehen, gelehrt worden ist. Aber schliefilich ist alles, was an Lehre
iiber das Christentum vorgebracht worden ist bis jetzt, aus diesen tra-
ditionellen Lehren heraus vorgebracht worden. Und notig haben wir,
aus einer neuen Lehre neu das Mysterium von Golgatha zu verstehen.
Das, wie gesagt, auf der einen Seite.
Auf der andern Seite sehen wir den Gang der Zeitereignisse. Wir
sehen, wie aus unterbewufiten, tiefliegenden Griinden der Menschen-
seele heraufzieht das Streben nach dem Freiheitsimpuls. Wir sehen, wie
gewissermafien dieser Ruf nach Freiheit das menschliche Streben der
neueren Zeit durchtont. Ja, er durchtont dieses Streben, aber es durch-
tont so vieles das menschliche Streben, was nicht klar verstanden wird,
was nur aus unterbewufiten Tiefen herauftont und was eben mit kla-
rem Verstandnis erst durchdrungen werden mufi. Man mochte sagen:
Die Menschheit lechzt nach Freiheit! Die Initiationswissenschaft weifi,
dafi sie eine Initiationswissenschaft geben mufi, beleuchtet von dem
Lichte der Freiheit.
Und diese zwei Dinge, dieses Streben der Menschheit und dieses
Herausschaffen einer Initiationsweisheit, beleuchtet mit dem Lichte der
Freiheit, diese zwei Dinge miissen zusammenkommen. Sie miissen zu-
sammenkommen auf alien Gebieten. Daher darf man heute nicht aus
alien moglichen alten Untergriinden heraus iiber die soziale Frage reden.
Man kann heute iiber sie nur dann reden, wenn man sie im Lichte der
Geisteswissenschaft betrachtet. Das wird gerade der heutigen Mensch-
heit so sdiwer. Warum? - Ja, die Menschheit strebt nach Freiheit, nach
Freiheit der einzelnen Individualitat, und mit Recht strebt sie darnach.
Ich sage durchaus: mit Recht. Die Menschen konnen nicht mehr im Sinne
des alten Gruppensystems mit den Gruppenseelen wirken. Die Men-
schen miissen Individualitaten bilden. Aber dieses Streben, Individuali-
taten zu bilden, das scheint zu widersprechen dem Hinhorchen auf das,
was aus der Initiationswissenschafl kommt und was ja selbstverstandlich
zunachst durch einzelne Individuen kommen mufi. Der alte Initiierte
hatte Mittel und Wege, sich seine Schuler auszusuchen, seinen Schulern
die Initiationsweisheit zu iibertragen und auch Anerkennung fur sie zu
schaffen und Anerkennung fur sich und seine Mysterienstatte. Der mo-
derne Initiierte kann das nicht haben, denn es wiirde notwendig machen,
dafi man aus gewissen Kraften und Impulsen der Gruppenseelenhaftig-
keit heraus wirke, und das geht heute nicht. So steht heute die Mensch-
heit da; jeder mochte von dem Standpunkte aus, auf dem er gerade
steht, eine Individualitat werden. Da will er selbstverstandlich nicht
auf das horen, was da durch Menschen als Initiationswissenschafl:
kommt. Aber ehe nicht die Menschen einsehen, dafi sie nur gerade da-
durch Individualitaten werden konnen, dafi sie wiederum durch andere
menschliche Individualitaten den Inhalt der Initiationswissenschafl auf-
nehmen, eher kann es nicht besser werden. Das hangt nicht nur zusam-
men mit einzelnen Weltanschauungsfragen, das hangt zusammen mit
dem Grundcharakter unseres ganzen Zeitalters und mit den Auswir-
kungen dieses Zeitalters auf geistigem, auf staatlichem und wirtschaft-
lichem Gebiete. Nach Freiheit diirstet die Menschheit. Von Freiheit
mochte die Initiationswissenschafl; sprechen. Wir sind aber im gegen-
wartigen Entwickelungsstadium der Menschheit eigentlich erst da ange-
kommen, wo Freiheit durch den gesunden Menschenverstand wirklich
begriffen werden kann. Heute mufi man manches einsehen, was Sie aus
unserer anthroposophischen Literatur entnehmen konnen und was ich
hier wiederum von gewissen Gesichtspunkten aus kurz zusammenf assen
mochte. Man mufi heute begreifen, was fiir eine Art von Wesen der
Mensch ist. Alles abstrakte Schwatzen von Monismus lauft gerade vor-
bei an dem wahren Monismus, der errungen sein will, nachdem man
manches andere durchgemacht hat, den man aber nicht von vornherein
als eine Weltanschauung deklamieren kann.
Der Mensch ist ein Doppelwesen. Auf der einen Seite stent dasjenige,
was man - das Wort fiihrt zu Mifiverstandnissen, aber wir haben ja
in der Sprache so wenig Worte, die wirklich adaquat dasjenige aus-
driicken, was man eigentlich ausdriicken mochte vom geisteswissen-
schaftlichen Standpunkte aus — , was man die niedere Natur des Men-
schen nennen konnte, die physisch-korperhafle Organisation, aus der
zunachst der Mensch besteht. Diese physisch-korperhafle Organisation
habe ich Ihnen das letzte Mai im Zusammenhange gerade mit der
Sinnesorganisation geschildert. Wir wollen heute zunachst davon ab-
sehen und morgen auf die Sache wieder zuriickkommen. Aber jeder
von Ihnen, der einigermafien die anthroposophische Literatur verfolgt
hat, hat ja eine Vorstellung von dieser physisch-korperhaften Organi-
sation des Menschen und auch davon, dafi sie zusammenhangt mit dem,
was zunachst unsere Umwelt ist. Das, was da drauiSen die Welt kon-
stituiert, was draufien im mineralischen, im pflanzlichen, im tierischen
Reiche lebt, das konstituiert physisch-korperhaft auch uns Menschen.
Wir sind ja eine Art Zusammenfassung, heraufgehoben auf eine hohere
Stufe, und man kann bildhaft sagen: die Krone der Schopfung. Aber wir
sind eben in physisch-korperhafler Weise ein Zusammenflufi dessen, was
an Krafte- und StofTwirkungen aufier uns vorgeht und was vor uns
auftaucht durch unsere Sinneswahrnehmungen.
Dann haben wir unser Innenleben. Wir haben unser Wollen, unser
Fiihlen, unser Denken, unser Vorstellen. Wir konnen, wenn wir uns
auf uns selbst besinnen, aufmerksam werden auf dieses Wollen, Fiihlen,
Denken in uns, und wir konnen dieses Wollen, Fiihlen und Denken mit
dem durchdringen, was wir unsere religiosen, unsere sittlichen und son-
stigen Ideale nennen. Wir kommen da zu etwas, was man — wiederum
fiihrt das leicht zu Mifiverstandnissen, aber man braucht dieses Wort -
den seelisch-geistigen Menschen nennen kann. Man kommt nicht zu-
recht, wenn man nicht den Seelenblick hinwendet einerseits auf diesen
geistig-seelischen Menschen, andererseits auf den physisch-korperlichen
Menschen. Aber es ist notwendig, dafi man, sei es durch ein wirklich
unbefangenes Verfolgen der Tatsachen der Natur, sei es durch Ver-
tiefung in die Geisteswissenschaft, es ist notwendig, dafi man sich
zum Bewufksein bringe: diese physisch-korperhafte Organisation liegt
eigentlich zunachst niclit vor in demjenigen, was irgendweldie mensch-
liche Wissenschaft, wie sie heute in der exoterischen Welt existiert, um-
f assen kann. Wenn idi das schematisch durch eine Zeichnung klarmadien
soli, so mochte ich sagen: Wenn idi alles das zusammenfasse, wasmensch-
lich-physische Organisation ist und was im Zusammenhange stent mit
der ganzen Umwelt (siehe Zeichnung, rot), so geht das bis zu einem
gewissen Punkte - ich will das hier durch eine Linie zeichnen — , und
straff davon verschieden, trotz aller moderner dilettantischer psycho-
logischer Einwande, straff davon verschieden ist dasjenige, was man die
geistig-seelische Natur des Menschen nennen kann (gelb), die ihrerseits
mit einer Welt des Geistig-Seelischen in Verbindung steht, mit einer
Welt, die der heutigen Menschheit sehr abstrakt vorkommt, weil sie sie
nur auf f afit im Sinne der abstrakt-sittlichen oder im Sinne der religiosen
Ideale, die audi immer mehr und mehr zu abstrakten Vorstellungen
geworden sind. Beiden Gliedern der menschlichen Natur gegenuber
mufi man aber sagen: Das, was man heute als Wissenschaft ansieht, das
umfafk weder die physisch-korperliche nodi die geistig-seelische Natur
des Menschen. Die physisch-korperliche Natur des Menschen, man kann
sie nicht erkennen. Lesen Sie die Griinde, warum man sie niclit erkennen
kann, in meinem kleinen Biichelchen «Durch den Geist zur Wirklich-
keits-Erkenntnis der Menschenratsel». Wenn der Mensch namlich bei
einer Innenschau sich selber durchschauen wiirde, das heilk, bis auf den
Grund hinunterschauen wiirde auf das, was da im Inneren eigentlich
vorgeht, dann wiirde er genau sehen konnen, was im Inneren vorgeht,
in dem Sinne genau, wie die heutige Wissenschafl etwas « genau sehen»
nennt. Dann wiirde der Mensch aber nicht das Wesen sein konnen, das
er heute ist, denn er wiirde dann kein Gedachtnis haben konnen, er
wiirde kein Erinnerungsvermogen haben. Indem wir die Welt an-
sdiauen, bleiben uns die Bilder der Welt als Erinnerungen, das heifit, die
Welteindriicke schlagen uberhaupt nur bis zu dieser Grenze hier (siehe
Zeichnung, Pfeile) und da schlagen sie in die Seele zuriick, und wir
erinnern uns an sie. Und was da aus uns selbst in die Erinnerung zuriick-
schlagt, das verdeckt uns das physisch-leibliche Innere des Menschen.
Wir konnen da nicht hineinschauen, denn wiirden wir hineinschauen
konnen, so ware jeder Eindruck nur ein Augenblickseindruck. Es wiirde
nichts als Erinnerung zuriickgeworfen. Nur dadurch, daft sich diese
Grenze hier verhalt, wie sich ein Spiegel verhalt - wir konnen auch nicht
hinter den Spiegel schauen, sondern es werden uns die Eindriicke zu-
riickgeworfen -, konnen wir nicht in unser Inneres schauen, es werden
uns die Eindriicke zuriickgeworfen, wenn wir nicht zur Geisteswissen-
schafl aufsteigen. Und wiirden sie nicht zuriickgeworfen, so wiirden
wir eben auch nicht im gewohnlichen Leben die zuriickgeworf enen Ein-
driicke der Erinnerung haben. Wir mussen als Menschen im Leben so
organisiert sein, dafi wir Erinnerungen haben. Dadurch aber ist uns
verschlossen unsere physisch-leibliche Organisation. Wie man durch
den Spiegel nicht hindurchschauen kann auf das, was hinter dem Spiegel
ist, so kann man gewissermafien nicht hinter den Erinnerungsspiegel
oder unter den Erinnerungsspiegel schauen, auf das, was die leiblich-
physische Organisation des Menschen ist.
Das ist wahre Psychologie, das ist das wahre Wesen der Erinnerung.
Und erst dann, wenn geisteswissenschaftliche Methoden so diesen Spie-
gel durchbrechen, dafi fiir die geisteswissenschaftlichen Methoden - was
ich auch schon in ofTentlichen Vortragen gesagt habe - eben nicht an
das Erinnerungsvermogen appelliert wird, sondern ohne Ermnerung
und jedesmal mit neuen Eindriicken gearbeitet wird, erst dann kommt
man audi auf das Leiblich-Seelische, auf seine wahre Gestalt.
Ebenso ist es nach der andern Seite hin. Wiirden wir das Geistig-
Seelische, von dem ich Ihnen ja letzten Sonntag zeigte, wie es hinter
dem Sinnlichen ist - nicht Atome oder Molekiile sind dahinter, sondern
das Geistig-Seelische ist da in Wahrheit dahinter -, wiirden wir dies
mit unserem gewohnlichen alltaglichen Erkenntnisvermogen durch-
schauen, wiirden wir uns gewissermafien nicht stolen an den Pfahlen,
an den Grenzen der Naturwissenschaft, dann ware in uns das nicht vor-
handen, was wir wiederum zum menschlichen Leben brauchen, was wir
erziehen miissen hier zwischen Geburt und Tod, dann ware in uns nicht
vorhanden die menschliche Liebef ahigkeit. Die menschliche Liebefahig-
keit wird in uns dadurch erzogen, dafi wir zunachst in diesem Leben
zwischen Geburt und Tod, wenn wir nicht zur Geisteswissenschaft
schreiten, zu verzichten haben auf das Durchschauen des Sinnenschleiers,
auf das Hineinschauen in die geistige Welt. Und Erinnerungsvermogen
konnen wir nur dadurch haben, dafi wir verzichten auf das Hinein-
schauen in das Leiblich-Physische. Dadurch aber sind wir zwei grofien
Tauschungen ausgesetzt. Der einen Tauschung unterliegen die dogma-
tischen Anhanger der naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Sie ho-
ren nicht hin auf die Initiationswissenschafl und kommen nicht in der
Art, wie ich Ihnen das letzten Sonntag auseinandergesetzt habe, darauf ,
dafi hinter dem Sinnenschleier nicht Materie, nicht Stoff, nicht das, was
die Naturwissenschaft Kraft nennt, vorhanden ist, sondern durch und
durch geistig-seelische Wesenheit. Es ist auch heute von mir noch mit
aller Scharfe dasselbe zu betonen, was ich in meinem Kommentar zum
dritten Bande von Goethes naturwissenschafllichen Schriften, zu Goethes
«Farbenlehre» hervorgehoben habe. Da draufien ist der Farbenteppich
der Welt, da draufien ist Rot und Blau und Griin, und da draufien sind
die andern Empfindungen. Hinter diesen stecken nicht Atome, stecken
nicht Molekiile, hinter diesen stecken geistige Wesenheiten. Was aus
diesen geistigen Wesenheiten an die Oberflache getrieben wird, das lebt
sich aus im Farbenteppich der Welt, im Tonzusammenhange, im Warme-
zusammenhange der Welt und in all den andern Empfindungen, die uns
die Welt vermittelt.
Diejenigen aber, die heute dogmatische Anhanger der naturwissen-
schaftlichen Weltanschauung sind, die durchschauen das nicht. Sie wollen
nicht auf die Initiationswissenscnaft hinhoren. Die Folge davon ist, dafi
sie anf angen dariiber zu spekulieren, was hinter den Farben, der Warme
und so weiter steckt, und dann zu einer stofflichen Konstruktion der
Welt kommen. Die ist immer, wenn sie scheinbar noch so gut gegriindet
ist, wie die moderne Ionentheorie, nur erspekuliert, und man darf nicht
hinter die Sinneswelt hinspekulieren, man darf hinter der Sinneswelt
nur durch eine hohere, durch eine geistige Welt Erlebnisse haben, sonst
mufi man bei den Phanomenen stehenbleiben. Die Sinneswelt ist eine
Summe von Phanomenen und sie mufi als eine Summe von Phanomenen
begriffen werden.
So wird uns heute ein Bild der Natur uberliefert, das dann ausge-
dehnt wird iiber den Anfangszustand, uber den Endzustand der Erde,
jenes Bild der Natur, das eben sktliche, religiose Weltanschauung fur
den ehrlich Denkenden ausschliefit.
Auf die andere KHppe kommen diejenigen, welche nun ins Innere
hineinschauen. Die bleiben meistens bei dem stehen, was sich spiegelt.
Der gewohnliche Mensch im Alltagsleben nimmt die Erinnerungswir-
kungen wahr, ich mochte sagen, er erinnert sich an das, was er gestern
und vorgestern erlebt hat, wenn audi das Gestern und Vorgestern
schon vor Jahren war. Derjenige, der nun ein Mystiker wird, treibt dann
allerlei aus seinem Inneren an die Oberflache und belegt es mit allerlei
schonen mystischen Worten und Theorien. Aber es ist doch nichts ande-
res, als was ich hier neulich angedeutet habe, es ist nichts anderes als
das Kochen und Brodeln des organischen Lebens im menschlichen Inne-
ren. Denn durchdringt man diesen Spiegel, dann kommt man nicht zu
dem, was etwa der Meister Eckhart oder Johannes Tauter in ihrer Mystik
haben, sondern dann kommt man zu organischen Prozessen allerdings,
von denen die Welt heute wenig ahnt. Und was noch mit so schonen
mystischen Worten dargelegt wird, das verhalt sich zu diesen organi-
schen Prozessen nicht anders, als sich bei der Kerze die Flamme zu dem
Brennstoff verhalt: sie ist das Produkt dieser organisdien Prozesse.
Die Mystik eines Johannes vom Kreuz, einer Mechthild von Magde-
burg, audi des Johannes Tauler und Meister Eckharts, sie sind schon, aber
doch nur das, was aus dem organisdien Leben heraufbrodelt und was
nur deshalb in abstrakten Formen beschrieben wird, weil man nicht ein-
sieht, wie dieses organische Leben tatig ist. Man lernt das geistige Leben
nicht kennen, wenn man nicht erst dieses organische Leben kennenlernt.
Der kann kein Geisteswissenschafter werden im wahren Sinne des
Wortes, der das innerlich-brodelnde organische Leben in Mystik um-
deutet. Gewifi, es sind schone Worte, die da gesprochen werden. Aber
man mufi sich, wenn man liber diese Dinge spricht, auf einen ganz
andern Gesichtspunkt stellen konnen als den der aufieren Welt. Man
muE sich eben nicht auf den menschlich hochmiitigen Gesichtspunkt
stellen, indem man sagt: Das innere organische Leben ist eben niederes
Leben. - Es wird dadurch nicht hoher, dafi man seine Wirkung als
Mystik bezeichnet, sondern man wird ins geistige Leben eben gerade
dadurch getrieben, dafi man dieses organische Leben in seinen organi-
sdien Wirkungen durchschaut, dafi man weifi, je tiefer man in die Ein-
zelnatur des Menschen hineinsteigt, desto mehr entfernt man sich vom
Geistigen, man kommt ihm nicht naher. Man kommt nur auf geistes-
wissenschaftliche Weise dem Geistigen naher, nicht dadurch, dafi man
in sich selber hineinsteigt. Wenn man in sich selber hineinsteigt, dann hat
man die Aufgabe, zu untersuchen, wie durch Zusammenwirkung von
Herz, Leber und Niere Mystik zustande kommt, denn das tut sie.
Das habe ich ja ofters als die Tragik des modernen Materialismus
hingestellt, dafi dieser moderne Materialismus zuletzt eben die materiel-
len Wirkungen nicht erkennen kann, dafi er gar nicht bis zu den mate-
riellen Wirkungen kommt. Wir haben ja heute weder eine wirkliche
Naturwissenschaft noch eine wirkliche Psychologie; denn eine wirkliche
Naturwissenschaft fiihrt zum Geiste, und eine Psychologie, die in dem
Sinne, wie wir es heute wollen, fortschreitet, die fiihrt zu der Erkennt-
nis von Herz, Leber, Niere und nicht zu den abstrakten Dingen, von
denen die heutige dilettantische Psychologie redet. Denn was man heute
oftmals Wollen, Fiihlen, Denken nennt, sind abstrakte Worte, die kon-
kreten Dinge fehlen den Leuten. Und es ist leicht, sogar wirklich ernst-
gemeinte Geisteswissenschaft des Materialismus zu zeihen, weil sie
gerade in das Wesen des Materiellen hineinfiihrt, um auf diesem Wege
zum Geiste zu fiihren.
Der wirkliche Spiritualismus wird gerade das Wesen des Materiellen
zu enthiillen haben. Dann wird er zeigen konnen, wie der Geist im
Materiellen wirkt. Denn das mufi ganz ernst genommen werden: Gei-
steswissenschaft darf nicht auf die blofie Logizitat der Erkenntnis, son-
dern mufi auf die Erkenntnis als Tat gehen. Es mufi etwas getan werden
im Erkennen. Es mufi das, was im Erkennen sich abspielt, in den Gang
der Weltereignisse eingreifen. Es mufi etwas Tatsachliches sein. Gerade
darauf habe ich mich ja bemiiht, letzten Sonntag und in den vorher-
gehenden Tagen hinzuweisen. Es handelt sich einmal darum, dafi man
einsehe: Der Geist als soldier mufi als Tatsache verstanden werden, es
darf nicht eine Theorie vom Geiste ausgebildet werden. Theorien sollen
dazu da sein, um zum lebendigen Empfinden des Geistes zu fiihren. Aus
diesem Grunde ist es notwendig, dafi von dem wirklichen Geisteswis-
senschafter so oft paradox gesprochen wird. Man kann heute nicht fort-
f ahren, in den landlaufigen Formeln zu sprechen, wenn man von wahrer
Geisteswissenschaft spricht, sonst kommt man eben zu dem, wozu eine
verderbliche Theosophie gefiihrt hat, welche von alien moglichen Glie-
dern der Menschennatur spricht, vom physischen Menschen, vom athe-
rischen, vom astralischen Menschen; aber das wird immer nur «diinner».
Der physische Mensch ist dicht, der atherische ist diinner, der astralische
ist noch diinner, dann gibt es ganz diinne, mentale und was noch alles,
es wird immer diinner und diinner, ein wahrgenommener Nebel, aber
Nebel bleibt es, es bleibt Materiel Darauf kommt es namlich nicht an.
Es kommt darauf an, dafi man in der Substanz das Materielle iiber-
windet. Da mufi man dann oftmals Worte anwenden, die eine andere
Pragung haben, als sie im alltaglichen Leben iiblich ist.
Und so mufi man schon sagen - morgen wird uns diese Sache noch
klarer werden -, so mufi man schon sagen: Nehmen wir auf der einen
Seite einen Menschen, der durch und durch materialistische Gesinnung
hat, der, sagen wir, verfiihrt durch den Materialismus der Gegenwart,
sich nicht zu der Anschauung eines Geistigen erheben kann, der durch
und durch ein Materialist der Theorie nach ist und alles als Nonsens
ansieht, was man iiber ein Geistiges behauptet, aber dasjenige, was er
iiber die Materie sagt, nehmen wir an, das ware geistvoll, das ware
etwas, was die Materie wirklich trefFen wiirde, dann hatte der Mann
Geist. Er wiirde zwar durch seinen Geist den Materialismus vertreten,
aber er hatte Geist.
Nehmen wir einen andern, der sich in irgendeiner theosophischen Ge-
sellschaft hat einschreiben lassen und den Standpunkt vertritt: Da ist der
physische Leib, dann etwas diinner der atherische Leib, noch diinner
der astralische Leib, noch diinner der Mentalleib und so weiter. Um
das zu behaupten, dazu gehort nicht viel Geist. Man kann wenig Geist
haben und soldi eine Theorie vertreten. Man vertritt im Grunde genom-
men nur als Liige eine geistige Welt, denn man vertritt in Wirklichkeit
nur eine materielle Welt, die man geistig umschreibt.
Wo wird derjenige, der nun wirklich auf den Geist geht, den Geist
suchen, beim materialistischen Theoretiker, der den Geist hat, nur
eben auf eine Weise, die logisch ist, oder bei dem, der sozusagen richtige
Behauptungen aufstellt, aber in seinen Worten doch nur von Materie
redet? - Der wirkliche Spiritualist wird vom Geiste bei dem ersteren
reden, bei dem, der eine materialistische Weltanschauung vertritt, denn
da kann Geist eben vorhanden sein, wahrend beim Vertreten einer
spirituellen Anschauung eben kein Geist vorhanden zu sein braucht.
Und es kommt darauf an, dafi der Geist wirkt, nicht dafi man vom
Geiste redet.
Das wollte ich heute nur zur Erlauterung von manchem sagen, was
wie paradox sich ausnimmt. Der geistvolle Materialist kann mehr er-
fiillt sein vom Geiste als derjenige, der eine spirituelle Theorie vertritt,
wenn er sie eben geistlos vertritt. Es hort eben bei der wahren Geistes-
wissenschaft die Moglichkeit auf, bloft logisch iiber Weltanschauungs-
gesichtspunkte zu streiten. Da beginnt die Notwendigkeit, den Geist
in seiner Realitat zu erfassen. Das kann man nicht, ohne dafi man sich
erst Vorbegriffe klarmacht, wie diejenigen sind, von denen wir heute
gesprochen haben, von denen wir morgen weiter sprechen wollen.
Ft)NFTER VORTRAG
Dornach, 15. August 1920
Ich mochte heute einiges fiir manchen hier schon wiederholentlich Vor-
gebrachtes vor Ihnen entwickeln, was zu gleicher Zeit in gewisser Be-
ziehung als eine Vorbereitung dienen kann fiir das, was morgen hier
iiber die Bildung des sozialen Urteils vorzubringen sein wird. Ich
mochte zunachst darauf aufmerksam machen, wie wir innerhalb der
Bildungsgewohnheiten der Gegenwart davon ausgehen, iiber Welt-
anschauungsfragen so zu diskutieren, so uns Ansichten zu bilden, dafi
es uns dabei darauf ankommt, im logischen Sinne zu entscheiden: Was
ist wahr, was ist falsch? Gerade das aber ist etwas, was sich wandeln
mufi in der Gegenwart. Johann Gottlieb Fichte sagte ja die schonen
Worte: Man hat eine solche Philosophic, wie man ein Mensch ist. — Nun,
man bildet sich nach seiner Veranlagung eine mehr materialistische oder
spiritualistische Weltanschauung, eine realistische, eine idealistische oder
eine liberale oder eine konservative oder eine sozialistische, eine poli-
tische Weltanschauung, oder audi man bildet sich eine philistrose oder
eine fortschrittliche Ansicht in der Frauenfrage. Ich konnte noch lange
diese Dinge hier aufzahlen. Man bildet sich Ansichten, und man vertritt
dann diese Ansichten, indem man sich vorstellt, man selbst habe das
Richtige, der andere, der das Entgegengesetzte vertritt, habe das Falsche.
Richtig und falsch ist etwas, was uns heute bei der Bildung eines Urteils
ganz besonders interessiert.
Allerdings, man sieht schon - wie wir gleich nachher deutlich aus-
fiihren werden dafi ein Ubergang von diesem «Wahr und Falsch» zu
etwas ganz anderem seinen Anfang nimmt. Aber vorerst wollen wir uns
klarmachen, daft dieses «Wahr und Falsch» nicht immer so war wie
heute. Noch in den alteren Zeiten des Christentums oder gar in den
Zeiten des Agyptertums, des Chaldaertums, gar nicht zu reden von den
Zeiten, die vorangegangen sind diesen Kulturepochen, gait etwas ganz
anderes, wenn man sich ein Urteil bilden wollte. Man bildete sich ein
Urteil nicht so, dafi man zunachst auf seine Logizitat sah, sondern man
hatte das Gefiihl: Wenn jemand in einer bestimmten Weise urteilt, so
urteilt er gesund; wenn er in einer andern Weise urteilt, so urteilt er
krank. - Geradeso wie man sagt, wenn man jemanden pausbackig,
gerotet, ein bifichen belebt sieht, er sei gesund, und wie man sagt, wenn
man jemanden ganz durr findet, kasig, weifi, mit schwarzen Randern
an den Augen, er sei kranklich, so sagte man, wenn jemand so oder so
urteilte, er urteile gesund oder krank. Man sah also in der Art und
Weise, wie jemand urteilte, geradeso einen Ausflufi der ganzen Mensch-
heitsorganisation wie im pausbackigen oder im hageren oder im kasigen
Aussehen. Man beurteilte den Menschen mehr mit Bezug auf das, was
er an sich ist, weniger mit Bezug auf das, was er gegeniiber einer Um-
gebung ist, iiber die er sich Vorstellungen von richtig oder f alsch macht.
Ich habe hier bereits friiher hervorgehoben, fur eine Anzahl von
Ihnen, die damals dagewesen sind, dafi wir in einer gewissen Weise
auf diese Anschauungsart wiederum zuruckkommen miissen. In einer
gewissen Art ist ja der Entwickelungsgang der Menschheit so, dafi be-
stimmte instinktive, atavistische Wahrheiten aus den alten Mysterien
stammten, die dann verintellektualisiert, verabstrahiert worden sind.
Und in diesem Intellektualismus, in dieser Abstraktion leben wir noch
heute. Aber die neuere Initiationswissenschaft, die sich geltend machen
mufi, mufi aus dem vollen Bewufitsein in gewisser Weise wieder auf
fruhere Empfindungen zuruckkommen. Und so wird man sich in der
Zukunft nicht dariiber streiten — obzwar in einer fur die allgemeine
Menschheit mehr oder weniger fernen Zukunft -, ob ein Urteil richtig
oder falsch ist, wenn man sich ernstlich bemuht, an dem Aufgang der
menschlichen Zivilisation mitzuarbeiten. Man wird jemanden, der zum
Beispiel Atome und Molekiile in der aufieren Welt sucht, statt geistige
Wesenheiten hinter dem Schleier des Sinnlichen zu sehen, als krankhaft
urteilend bezeichnen; man wird finden, dafi er an einer gewissen Art von
Krankheit der Seele leidet, die man als Schwachsinn bezeichnen kann.
Schwachsinnig wird man die Anschauung finden, da!5 die aufiere Welt
nicht in Goetheschem Sinne «Phanomen» ist, sondern dafi dahinter so
etwas wie reale Atome oder Molekiile verborgen seien. Schwachsinnig,
nicht falsch, wird man das nennen, weil man finden wird, dafi das aus
einer unzulanglichen Organisation des ganzen Menschen hervorgeht.
Und wenn jemand das, was aus seiner Organisation, aus dem Kochen
und Brodeln von Leber, Magen raid so weiter aufsteigt, was da aus dem
Blute kommt, wenn jemand das wie eine erhabene Mystik beschreibt -
es kann richtig so beschrieben werden, aber es handelt sich darum, wie
man sich dazu stellt - wenn jemand so sich dazu stellt, dafi er darin
etwas anderes sieht als die Flamme, welche aufbrennt aus der Organi-
sation, dann wird man nicht sagen, das sei falsch, sondern man wird
sagen, das sei kindskopfig. «Kindsk6pfig», habe idi Ihnen gesagt, ist
ein Wort, welches von jenseits der Schwelle etwas anderes bedeutet als
von diesseits der Schwelle. Von diesseits wird die Sadie so aussehen, dafi
man sagt:
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