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RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Der innere Aspekt
des sozialen Ratsels
Luziferische Vergangenheit
und ahrimanische Zukunft
Zehn Vortrage,
gehalten in Zurich, Bern, Heidenheim und Berlin
zwischen dem 4. Februar und 4. November 1919
1989
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hendrik Knobel
1. Auflage in dieser Zusammenstellimg
Gesamtausgabe Dornach 1968
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1972
3. Auflage, neu durchgesehen,
Gesamtausgabe Dornach 1977
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989
Einzelausgaben und Abdrucke in Zeitschriften siehe Seite 201
Bibliographie-Nr. 193
Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz
© 1968 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Schiiler AG, Biel
ISBN 3-7274-1930-X
2,u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
<<mundliche, nicht zura Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermalSen auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Zurich, 4. Februar 1919
Der Mensch als Mittelpunkt des Universums. Das Geistesleben als
ideologischer Schatten und die Hinwendung zum Geiste. Die Be-
ziehung der menschlichen Seele zu den geistigen Wesenheiten und zum
anderen Menschen einst und jetzt. Das Reifwerden durch Lernen bis
ins Alter. Spirituelle Alterserkenntnisse iiber das Kind als Forderung
des heutigen sozialen Lebens.
Zweiter Vortrag, Bern, 8. Februar 1919
Die soziale Frage als Problem der Gesaratmenschheit. Gegensatzlich-
keit der proletarisch-materialistischen und der geisteswissenschaftli-
chen "Weltanschauung. Die Struktur des irdischen Geisteslebens. Der
aufSere Rechtsstaat. Das Wirtschaftsleben. Der Totemismus. Soziale
Gestaltungskrafte der Kirche im Mittelalter. Die Ablahmung des
geistigen Lebens als die Siinde der Zeit.
Dritter Vortrag, Zurich, 11. Februar 1919
Irdisches Geistesleben und vorgeburtliches Dasein. Das staatlich-
rechtliche Leben als Ausdruck rein irdischer Impulse. Die Hindeu-
tung der wirtschaftlichen Impulse auf ein nachtodliches Leben. Der
jiidische Nationalismus und das Christentum als sein "Oberwinder.
Jahve und Christus in der modernen Theologie. Der Gedankenweg
und der Willensweg zu Christus. Die ubersinnliche Verantwortung
gegeniiber alien Dingen.
Vierter Vortrag, Zurich, 9. Marz 1919
Kurt Eisner und seine Rede vor der Basler Studentenschaft. Ver-
schiedenartigkeit der Wirklichkeit der Dinge. Die Dreigliedrigkeit
des sinnlichen und ubersinnlichen Lebens durch das Wirken der
Krafte von Sympathie und Antipathic Die Anwendung des moder-
nen Denkens auf das soziale Geschehen. Der Bolschewismus des Le-
nin und Trotzkij, Fichtes «Geschlossener Handelsstaat». Privat-
eigentum und geistiges Eigentum. Der Mifibrauch geistiger Fahig-
keiten als Krankheitsursache des sozialen Lebens.
Funfter Vortrag, Heidenheim, 12. Juni 1919 86
Der gegenwartige melancholische Ausdruck der Kinderantlitze. t)ber
die Ursachen des ersten Weltkrieges. Intellektuelle Unfahigkeit und
Nichtaufnehmenwollen der geistigen Welt. Die Flucht in die Kunst.
Imaginative Moralimpulse in der «Philosophie der Freiheit». Cha-
rakterisierung von Mitteleuropa, England und dem Osten. Notwen-
digkeit des Geistes in den wirtschaftlichen Zielsetzungen England
gegemiber. Die Weltkriegskatastrophe als Beweis, dafi es ohne Geist
nicht geht.
Sechster Vortrag, Berlin, 12. September 1919 103
Das Heraufkommen der Phrase. Das Erloschen und die Wiederge-
winnung des Interesses der drei nachsthoheren Hierarchien an den
Menschen. Das prophetische Erziehen. Das unbewufite Oberschrei-
ten der Schwelle durch die Menschheit. Die Dreigliederung. Der
Appell an das Wollen zur Oberwindung der Mechanisierung des
Geistes, der Vegetarisierung der Seele und der Animalisierung des
Leibes.
Siebenter Vortrag, Berlin, 13. September 1919 122
Das Erdenleben als Fortsetzung des vorgeburtlichen Lebens. Das
Verhaltms des Menschen zu seinem Engel im Schlaf. Die tieferen
Ursachen des Weltkrieges. Die Anschauungen in Ost und West iiber
Ideologic und Maja. Dekadenz des Gehirns bei den Romern und im
heutigen Burgertum. Die Sprachentwickelung und die Mission der
anglo-amerikanischen Volker. Die Befreiung des heutigen Wirt-
schaftslebens vom griechischen Geistesleben und romischen Rechts-
leben. Die geistigen Kampfe zwischen Ost und West.
Achter Vortrag, Berlin, 14. September 1919 142
Das vollige Untertauchen des Menschen in den Leib. Notwendig-
keit der Entfaltung naturwissenschaftlicher Ideen. Die neuen Er-
ziehungsideale. Unterschiede im Verstandnis des Christus-Ereignis-
ses. Woodrow Wilson und der Volkerbund. Das neue Christus-Ver-
standnis. Die Bedeutung des Menschen fur das Leben der Erde und
der geistigen Welt. Westliche und ostliche Versuchungen. Rabindra-
nath Tagore. Schwarmgeisterei bei fiihrenden Personlichkeiten wah-
rend des Weltkrieges. Ludendorff, Michaelis. Der Wille zur Wahr-
heit.
Neunter Vortrag, Zurich, 27. Oktober 1919 160
Heidnische Urweisheit und die Weltauffassung des jiiclischen Volkes.
Die Inkarnation Luzifers im Anfang des 3. Jahrtausends. Die Ur-
weisheit in der dritten nachatlantischen Kultur, in Griechenland und
in der Gnosis. Das Materialistischwerden der Theologie. Die Inkar-
nation Ahrimans. Tauschungen, deren sich Ahriman als Vorberei-
tung seines Kommens bedient. Kardinal Newman. Lux-mundi-Be-
wegung. Der Sinn der Verschiedenheit der vier Evangelien.
Zehnter Vortrag, Bern, 4. November 1919 181
Heidnische und jiidische Kultur. Die Inkarnation Luzifers im An-
fang des 3. Jahrtausends. Nahere Schilderung der Inkarnation Luzi-
fers. Luziferische Weisheit als Grundlage der griechischen Kultur
und der Gnosis. Die Inkarnation Ahrimans im Westen. Die Mittel
Ahrimans, seine Inkarnation vorzubereiten. Kardinal Newman. Ro-
bert Wilbrandt. Intellekt und geistiges Erleben. Das Geistige als das
den Menschen Erhaltende beim Verfall des physischen Leibes.
Hinweise 201
Namenregister 207
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 209
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 211
ERSTER VORTRAG
Zurich, 4. Februar 1919
In diesen Tagen, wo es mir obliegt, in dieser Stadt offentliche Vortrage
zu halten iiber die soziale Frage, ist es vielleicht nicht unangemessen,
wenn wir uns gerade an diesem Zweigabend hier gewissermafien in-
nerlich mit dem sozialen Ratsel, wie es in der Gegenwart besonders
bedeutungsvoll ist, beschaftigen.
Wir wissen ja, jenem Menschen gegeniiber, dem wir in der aufieren
Welt gegeniibertreten, der vor unserem Wahrnehmungs- und Empfin-
dungsvermogen, wie es an den Leib gebunden ist, stent, miissen wir
den eigentlichen, tiefer gelegenen inneren Menschen anerkennen. Die-
sen inneren Menschen gewahren wir zuerst, wenn wir Riicksicht dar-
auf nehmen, dafi er im Grunde genommen mit allem im Zusammen-
hange steht, wovon wir sagen konnen, dafi es fiir unsere Erkenntnis,
fiir unser ganzes Leben die Welt durchwellt und durchwebt. Bedenken
Sie nur, wie verschieden von der gewohnlichen Weltbetrachtung gerade
mit Bezug auf den Menschen unsere anthroposophische Weltbetrach-
tung ist. Werfen Sie einen Blick auf den Versuch, den ich gemacht
habe, um anthroposophische Weltauffassung einmal abrifiweise zusam-
menzustellen, auf alles dasjenige, was Sie in meiner «Geheimwissen-
schaft im Umrifi» gelesen haben, und Sie werden sehen, da ist nicht
nur unsere Erdenentwickelung im Zusammenhange mit dem Menschen,
da ist unsere Erdenentwickelung betrachtet als hervorgegangen aus
fruheren Verkorperungen dieses unseres Erdenplaneten. Hervorgegan-
gen ist diese Erdenentwickelung aus der alten Mondenentwickelung,
diese aus der Sonnenentwickelung, diese Sonnenentwickelung aus der
Saturnentwickelung. Aber schauen Sie sich alles an, was zusammen-
getragen worden ist, um diese Entwickelung iiber Planetensysteme hin-
weg bis zu unserer Erdenentwickelung zu verf olgen, und Sie werden sa-
gen: In allem, was man betrachtet, fehlt nicht der Mensch. Der Mensch
ist in allem drinnen. Der ganze Kosmos wird so betrachtet, daiR alle
seine Krafte, alles dasjenige, was in ihm geschieht, hingeordnet ist auf
den Menschen. Der Mensch ist gegeniiber der Weltenbetrachtung Mittel-
punkt dieser Betrachtung. — In einem meiner Mysteriendramen habe
ich in einem Gesprach zwischen Capesius und dem Eingeweihten diese
Grundlage aller anthroposophischen Weltbetrachtung, ich mochte sa-
gen, mit ihrem Bezug auf das menschliche Gemiit noch besonders hin-
gestellt, hingestellt, was es auf den Menschen fur einen Eindruck machen
mufi, wenn er gewahr wird: Alle Gottergenerationen, alle Weltenkrafte,
sie sind aufgerufen, sie sind tatig, um zuletzt ihn zustande zu bringen,
um ihn in den Mittelpunkt ihrer Schopfung hereinzustellen.
Ich habe bemerklich gemacht, wie sehr es notwendig ist, gerade ge-
geniiber dieser durch und durch wahren Idee die Notwendigkeit der
menschlichen Bescheidenheit geltend zu machen, wie notwendig es ist,
sich immer wieder und wieder zu sagen: Ja, wenn wir unser ganzes
Wesen, wie wir es in uns und an uns und um uns tragen, wie wir mit
ihm in die Welt hineingestellt sind, erkennend erleben, wenn wir
unser ganzes Wesen in der Tat zur Offenbarung bringen konnten, es
ware mikrokosmisch die ganze iibrige Welt. - Aber wieviel wissen wir,
wieviel erleben wir, wieviel konnen wir durch die Tat offenbaren von
dem, was wir als Menschen im hochsten Sinne des Wortes sind? Wir
schweben daher - wenn wir uns so recht klarmachen konnen die Idee,
was wir als Menschen sind - zwischen Hochmut und Bescheidenheit. Wir
diirfen ganz gewifi nicht in Hochmut ausarten, wir durfen aber auch
in der Bescheidenheit nicht untergehen. Wir wiirden in der Bescheiden-
heit untergehen, wenn wir uns nicht in die Lage versetzten, unsere Auf-
gabe als Mensch - um dessentwillen, was wir doch vor einer allseitigen
Weltbetrachtung in der Welt sind — moglichst hoch zu setzen. Wir
konnen im Grunde niemals hoch genug iiber dasjenige denken, was
wir sein sollten. Wir konnen niemals genug das tiefere kosmische Ver-
antwortungsgefiihl des Menschen wurdigen, das ihn uberkommen mufi,
wenn er die Hingeordnetheit des ganzen Universums auf sein Wesen
ins Auge fafit.
Dieses sollte allerdings aus anthroposophisch orientierter Geistes-
wissenschaft heraus weniger theoretische Idee werden, sollte weniger
blofie Wissenschaft werden, sollte eine Empfindung werden, die Emp-
findung einer heiligen Scheu gegeniiber dem, was wir als Mensch sein
sollten und doch in den wenigsten Fallen sein konnen. Es sollte aber
auch oftmals die Empfindung da sein, wenn wir einem einzelnen Men-
schen gegeniibertreten: Da stehst du, manches brmgst du in dir zum
Ausdruck in dieser gegenwartigen Inkarnation. Doch du gehst von
Leben zu Leben, von Inkarnation zu Inkarnation; in der Stufenfolge
deiner Leben pragt sich ein Unendliches aus. — Und noch nach manchen
anderen Richtungen hin konnten wir diese Empfindungen erweitern,
konnten sie vertiefen. Aus dieser Empfindung heraus kommt man auf
geisteswissenschaftlichem Boden erst zur rechten Menschenschatzung,
kommt man zu einer Empfindung von der menschlichen Wiirde in der
Welt. Diese Empfindung kann unsere ganze Seele durchsetzen, kann,
wenn sie sich iiber unser ganzes Innere ausbreitet, uns allein in die
rechte Stimmung versetzen, wenn wir genotigt sind, im einzelnen Falle
unser individuelles Verhaltnis von Mensch zu Mensch zu ordnen. Was
ich eben auseinandergesetzt habe, konnen wir als eine erste wesentliche
Errungenschaft aus der neuzeitlichen anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft heraus betrachten: richtige Schatzung des Mensch-
lichen in der Welt. Das ist eines.
Ein anderes aber wird uns aus einer wirklich seelenhaften, nicht
blofi theoretischen Vertiefung in anthroposophisch orientierte Geistes-
wissenschaft hervorgehen. Es ist dieses: Fassen wir alle Ereignisse der
Welt auf ? was als Elemente in Erde, Wasser, Luft lebt, fassen wir
alles dasjenige auf, was uns aus den Sternen entgegenscheint, was uns
im Winde entgegenweht, was uns aus den einzelnen Reichen des Na-
turdaseins anspricht. Denken Sie, wenn wir im Sinne anthroposophisch
orientierter Geisteswissenschaft das alles betrachten, irgendwie hat es
seinen Bezug auf den Menschen. Alles wird uns dadurch wertvoll, dafi
wir es in einer gewissen Weise in Beziehung zu dem Menschen bringen
konnen. Gefiihlsmafiig stellt sich ein Verhaltnis des Menschen aus iiber-
sinnlicher Erkenntnis zu alien Dingen ein. Christian Morgenstern, der
Dichter, hat eine Empfindung, die ich ofter unseren Freunden bei
der Betrachtung eines gewissen Kapitels des Johannes-Evangeliums
vorgelegt habe, in schone Verse gebracht, jene Empfindung, die uns
uberkommt, wenn wir die Stufenfolge der Naturreiche auf uns wirken
lassen. Da konnen wir uns sagen, die Pflanze mag hinschauen auf das
leblose Reich der Mineralien. Gewift, sie muft sich in der Rangord-
nung der Naturwesen als etwas Hoheres fiihlen als die blofien leb-
losen Mineralien. Aber sagen kann sich die Pflanze, indem sie hin-
schaut auf das blofie leblose Mineral, das ihr den Boden bereitet: Ich
stehe allerdings in der Rangordnung der Wesen hdher als du, allein aus
dir wacbse ich heraus, dir verdanke ich mein Dasein. In Dankbarkeit
neige ich mich vor dem, was niedriger ist als ich. - Und so wiederum
miifiten wir vom Tiere empfinden iiber des Tieres Empfindung gegen-
iiber der Pflanze, so wiederum im Menschenreiche, wenn der Mensch
in der Stufenfolge seiner Entwickelung auf eine hohere Stufe gestiegen
ist. Er mufi mit Ehrfurcht, mit Achtung herunterblicken auf dasjenige,
was in einer gewissen Beziehung niedriger ist als er, nicht blofi so, dafi
man dies begriffsmafiig auseinandersetzen kann, sondern so, dafi man
dasjenige, was pulst und lebt und webt in alien Dingen, wirklich als
kosmische Empfindung in der Seele ausleben kann. So leitet uns aus
ihrem wahren Wesen heraus anthroposophisch orientierte Geisteswis-
senschaft. Sie gibt uns also eine Moglichkeit, ein lebendiges Verhaltnis
des Menschen auch zu alien iibrigen Dingen zu gewinnen.
Und ein drittes. Dasjenige, was Geisteswissenschaft vom Geiste dar-
stellt, sie betrachtet es nicht so, als ob sie pantheistisch reden wiirde von
Geist und Geist -, der alien Dingen zugrunde liegt. Nein, sie redet
nicht nur von dem wirklichen Geist, sondern diese Geisteswissen-
schaft will reden aus der Wirklichkeit, aus dem Geist selbst heraus. Sie
will so reden, dafi derjenige, der in der Geisteswissenschaft selbst lebt,
weifi: Indem seine Gedanken iiber den Geist sich bilden, ist es der Geist
selbst, der in diesen Gedanken drinnen webt und lebt. Der, wenn ich
so sagen darf , von dem Geist der Geisteswissenschaft Angehauchte will
nicht blofi Gedanken iiber den Geist aussprechen, er will den Geist
sich selbst durch seine Gedanken aussprechen lassen. Die unmittelbare
Gegenwart des Geistes, die wirksame Kraft des Geistes, sie werden
gesucht durch die Geisteswissenschaft.
Und nun vergleichen Sie dasjenige, was gewissermafien in das In-
nerste der Menschenseele hineinverlegt, hineinversetzt wird aus einer
lebendigen Beschaftigung mit der Geisteswissenschaft, mit dem, wo-
von ich gestern sprach, dafi es als soziale Forderung durch die Zeit
geht und das in einer gewissen Weise im proletarischen Bewufitsein
lebendig ist, um zu dieser Forderung der Zeit, zu dieser sozialen For-
derung der Zeit zu werden. Bedenken Sie, dasjenige, was heute im pro-
letarischen Bewufksein lebt, was gewissermaften als die Erkenntnis-
grundlage dasteht fiir dieses proletarische Bewulksein, ist eine Ideo-
logic, ein blofies Weben in abstrakten Gedanken. Ja, es wird geradezu
als das Wesentliche alles seelisch-geistigen Erlebens hingestellt, dafi
dieses seelisch-geistige Erleben nur eine Ideologic ist; daf? da wirt-
schaftliche, okonomische Vorgange sind, die das einzig Wirkliche wa-
ren, die spielen sich ab, in denen steht der Mensch drinnen als in seinen
Lebenskampfen, aus ihnen steigt gewissermaflen wie Rauch und Ne-
bel dasjenige auf, was er denkt, was er erkennt, was sich in seinen
kiinstlerischen Schopfungen offenbart, das, was er als Sitte, als Sittlich-
keit, als Recht und so weiter anschaut: alles nur ein ideologischer
Schatten! Vergleichen Sie dieses als ideologischen Schatten angesehene
Geistesleben mit dem Geistesleben, das in unsere Seelen aus anthropo-
sophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus einziehen will. An-
throposophisch orientierte Geisteswissenschaft will den Geist selbst
als lebendige Wirklichkeit in die "Welt durch die Menschenseele hin-
einstellen. Dieser Geist ist vertrieben aus der Zeitanschauung, die durch
das Biirgertum begriindet worden ist und vom Proletariat zu seinem
Unheil ubernommen worden ist, vertrieben! Und dasjenige, was im
Menschen leben sollte als das Bewufksein der Lebendigkeit: Geist ist
in mir - das lebt als eine blofie Ideologic
Und zweitens. Bedenken Sie, wieviel steht in diesem einen Erden-
leben, dem man mit den Sinnen, mit der gewohnlichen Leibesempfin-
dung gegeniiberstehen kann, vom Menschlichen vor uns, von jenem
Menschlichen, um dessentwillen wir, um es ganz zu betrachten, auf-
rufen, nicht nur die Erdenentwickelung, sondern Mond-, Sonnen-, Sa-
turnentwickelung? Wie schwindet vor diesem modernen Bewufitsein
das wahrhaft Menschliche dahin, das uns aus anthroposophisch orien-
tierter Geisteswissenschaft erst das rechte Gefiihl, die rechte Empfin-
dung von wahrer Menschenwiirde gibt, so daft wir ein rechtes Ver-
haltnis finden, wenn wir als menschliches Individuum dem anderen
menschlichen Individuum gegeniiberstehen. Ist es denn denkbar, dafi
im heutigen Chaos des menschlichen Zusammenlebens ein rechtes Ver-
haltnis von Mensch zu Mensch gefunden werde, das doch einer wirk-
lichen Losung des sozialen Ratsels zugrunde liegen mufi? 1st es denn
moglich, dafi ein solches Rechtsverhaltnis von Mensch zu Mensch auf-
treten konne, ohne daft es sich ergebe auf dem Untergrunde jener kos-
mischen Schatzung des Menschen, die nur aus geistiger Erkenntnis und
geistiger Empfindung erquellen kann?
Und drittens. Mit Bezug auf das Verhaltnis zur aufteren Welt mufi
der Mensch nicht abstrakte Gedanken suchen, wie es die Wirtschafts-
politik, die Sozialpolitik heute will, sondern unmittelbar personliche
Beziige zu den einzelnen Tatsachen der Welt, zu den einzelnen Dingen
der Welt. Mit Bezug auf die aufteren menschlichen Dinge der Welt mufi
der Mensch ein Verhaltnis zu dieser Welt finden. Da ist es wiederum,
wie ich gezeigt habe, dieses dritte, daft uns aus anthroposophisch orien-
tierter Geisteswissenschaft in unserer Zeit an seelischem Erleben wird,
diese Empfindung gegeniiber alien auftermenschlichen Wesen, die Emp-
findungen, die wir gegeniiber alledem haben, was unter uns und iiber
uns steht in der hierarchischen Natur- und Gotterordnung.
Und nun betrachten Sie zweierlei. Betrachten Sie auf der einen Seite
dasjenige, was heute als proletarisches Bewufttsein lebt, wie weit es auf
dem Gebiete des geistigen Erlebens von der Empfindung des im Men-
schen wirkenden lebendigen Geistes selbst entfernt ist, wie es alles
geistige Leben zur Ideologic gemacht hat. Bedenken Sie, wie weit ent-
fernt von einer wirklich durchgreifenden, geist-erfassenden Menschen-
schatzung dasjenige ist, was der heutige Proletarier von seinesgleichen
als Mensch denkt und namentlich empfindet und seinen Anschauungen
einverleibt. Bedenken Sie, wie weit entfernt endlich der rein wirtschaft-
liche Wert der Dinge, der fast allein heute gilt fiir den Menschen, von
jenen Werten der auftermenschlichen Dinge ist, die wir empfinden ler-
nen durch das, was ich aus anthroposophisch orientierter Geisteswis-
senschaft heraus vom Verhaltnis des Menschen zu den auftermensch-
lichen Dingen ausgedriickt habe.
Betrachten Sie zweierlei. Betrachten Sie auf der einen Seite, wohin
die Menschheit dadurch gekommen ist, daft sich das ungeistige Wesen
der letzten Jahrhunderte so intensiv ausgebreitet hat in den mensch-
lichen Seelen. Betrachten Sie auf der anderen Seite jene Hoffnungen,
die dadurch erweckt werden konnen, daft wirkliche Geisteswissen-
schaft heute in die Menschheit einziehen kann. Stellen Sie diese beiden
Dinge zusammen und sagen Sie sich dann selbst, ob nicht erst dadurch,
daft die Menschenseele wirklich ergriffen ist von dem, was Geistes-
wissenschaft geben kann, das soziale Ratsel in das rechte Licht gestellt
wird. — Wenn Sie das, was ich Ihnen hier als zwei Perspektiven hin-
gestellt habe, als eine hoffnungslose und als eine hoffmmgsreiche, in
richtigem Sinne empfinden, dann wird Ihnen das Wirken fur anthro-
posophisch orientierte Geisteswissenschaf t zu dem werden, was es heute
allerdings fur die Menschheit notwendig werden soli: zu einer Lebens-
notwendigkeit, zu einer solchen Lebensnotwendigkeit, die alles andere
Wirken und Schaffen durchdringen soil.
Sie werden sich sagen: Nichts erscheint mir begreiflicher im ganzen
Zusammenhang der neueren Menschheitsentwickelung, als daft dieses
soziale Problem heraufgezogen ist; nichts erscheint mir aber auch be-
greiflicher, als daft die Menschen in so tragischer Weise ratios stehen
vor diesem sozialen Problem. - Denn in der Zeit, in der dieses soziale
Problem so laut und vernehmlich an die Pforte der Weltanschauungen,
an die Pforte des Lebens klopft, in dieser Zeit durchschreitet die
Menschheit auch zugleich eine ihrer starksten Priifungen, die Priifung,
die darin besteht, daft sie aus innerster Kraft heraus zum Geiste sich
hinwenden muft. Wir konnen heute keine Of fenbarungen haben, wenn
wir sie nicht in Freiheit aufsuchen, denn wir leben seit der Mitte des
15. Jahrhunderts im Zeitalter der Bewufttseinsseele, in dem alles in das
Licht des Bewufitseins geriickt werden soil. Klagen wir heute nicht
etwa so, daft wir sagen: Eine furchtbare Katastrophe ist iiber die
Menschheit hereingebrochen. Warum haben die Gotter diese furcht-
bare Katastrophe iiber die Menschheit gesenkt? Warum fiihren die
Gotter die Menschen nicht heraus, da es doch jammervoll ist, daft die
Menschheit sich in eine solche Lage gebracht hat? - Vergessen wir all-
dem gegeniiber nicht, daft wir in dem Zeitalter leben, in dem die innere
Freiheit des Menschen zur Of fenbarung kommen soil, in dem die Got-
ter sich nicht anders offenbaren diirfen nach ihren ureigensten Welt-
intentionen, als wenn der Mensch ihnen gegeniibertritt, in freiem Ent-
schlusse, sie in sein innerstes Seelenwesen aufzunehmen.
In bezug auf die wichtigsten Dinge der Menschheitsentwickelung
stehen wir heute an einem Wendepunkt, auch mit Bezug auf das Chri-
stentum. Gerade manche Personlichkeiten, die innerhalb der sozialen
Frage tatig sind, haben darauf hingewiesen, dafi wir wohl das Chri-
stentum gern annehmen, aber nur dasjenige aus dem Christentum, was
uns an unsere eigenen sozialen Ideale erinnert. So lafit sich aber dieser
wichtigste Erdenimpuls, dieser Impuls, der allem iibrigen Irdischen
erst den rechten Sinn gibt, nicht behandeln! Klar miissen wir uns sein:
Was sich mit Bezug auf das Christentum bis jetzt innerhalb der Mensch-
heit ausgelebt hat, ist eigentlich nur ein Anfang. Nicht viel mehr hat
sich ausgelebt, als dafi durch alles, was die Menschen mit Bezug auf das
Christentum empfunden haben, namentlich mit Bezug auf das Myste-
rium von Golgatha, eigentlich nur darauf hingewiesen worden ist, dafi
der Christus durch den Menschen Jesus einmal dagewesen ist und durch
das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Gewissermaften haben diese
ersten fast zwei Jahrtausende des Lebens des Christentums auf der
Erde nicht mehr vermocht - wegen des noch nicht zu weiterem Reifen
vorgeschrittenen menschlichen Verstandnisses — , als dem Menschen
anzuzeigen, der Christus hat sich mit der Erde verbunden, der Chri-
stus ist auf die Erde herabgestiegen. Erst jetzt im fiinften nachatlan-
tischen Zeitraum, in dem Zeitraum der Bewulkseinsseelenentwickelung,
wird die Menschheit reif, nicht nur zu verstehen, dafi der Christus
durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, sondern was eigent-
lich in diesem Mysterium von Golgatha lebt. Den Inhalt des Myste-
riums von Golgatha wird die Menschheit erst aus denjenigen geistigen
Grundlagen heraus verstehen konnen, die sich ihr innerhalb dieses
fiinften nachatlantischen Zeitraumes bilden konnen.
Ich habe auch hier in diesem Zweige schon ofter erwahnt, dafi ich es
als eine aufierordentliche Trivialitat betrachten mufi, wenn irgend je-
mand sagt: Wir leben in einer Obergangszeit. - Alle Zeiten sind Cfber-
gangszeiten! Nicht darauf kommt es an, dafi man in dieser oder jener
Zeit als in einer Obergangszeit lebt, sondern mit Bezug auf was eineZeit
in einem Wandel, in einem Dbergang drinnen ist. Es kommt darauf
an, zu sehen, was sich wandelt. Nun habe ich von den verschiedensten
Gesichtspunkten auch hier darauf hingewiesen, was sich gerade in unse-
rer Zeit im weitesten Sinne mit Bezug auf das Menschenbewufksein, mit
Bezug auf die menschliche Seelenentwickelung wandelt. Heute mochte
ich wiederum von einem bestimmten Gesichtspunkte auf dasjenige
hinweisen, was sich gerade in unserer Zeit mit Bezug auf die mensch-
liche Erdenentwickelung wandelt.
Ich habe gerade vorhin gesagt: Durch anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft suchen wir nicht nur Gedanken iiber das Geistige
zu haben, sondern wir suchen die Wirklichkeit des Geistigen, suchen
Gedanken, in denen der Geist selber lebt, in denen der Geist sich offen-
bart. "Wir konnen auch so sagen: Der Christus Jesus sprach die Worte:
«Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Erdenzeiten.» - Man ist
im rechten Sinne Bekenner der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft, wenn man nicht glaubt, alles dasjenige, was der Inhalt
des Christentums ist, sei in den Evangelien erschopft, sondern wenn
man weiiR, der Christus ist wirklich da, alle Tage, bis ans Ende der
Erdenzeiten, aber nicht blofi wie eine tote Kraft, an die man glauben
mufi, sondern wie eine lebendige Kraft, die weiter und weiter sich
offenbart. Und was ist es, was er in der Gegenwart offenbart? Der
Inhalt der modernen anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft. Die will nicht nur iiber den Christus sprechen, sie will dasjenige
aussprechen, was der Christus in der Gegenwart zu den Menschen
durch menschliche Gedanken sagen will.
Da kann gesagt werden: Auch in alten Zeiten, in denen die Men-
schen noch instinktiv gelebt haben, und in denen in der Menschenseele
noch etwas von atavistischem Hellsehen lebte, sprach sich Geistiges
in der Menschenseele aus, lebte in den menschlichen Vorstellungen, im
menschlichen Willen Geistiges, lebten die Gotter in den Menschen. -
Heute leben die Gotter trotzdem im Menschen, wenn auch in einer
gewissen anderen Art als in alten Zeiten der Menschheitsentwicke-
lung. Man kann so sagen: In alten Zeiten, da hatten die Gotter eine
gewisse Aufgabe mit der Erdenentwickelung; sie hatten sich ein Ziel
gesetzt, hatten ein gottliches Ziel mit der Erdenentwickelung. Sie ha-
ben dieses Ziel dadurch erreicht, dafi sie Menschen mit ihren Kraften
inspiriert haben, daiS sie die menschliche Seele mit Imaginationen be-
gabt haben. Aber so sonderbar es klingt, diese eigentlichen, ureigensten
Ziele der Gotterwelten mit der Erdenentwickelung sind mit Bezug
auf die Erdenentwickelung erfiillt. Das, was die Gotter fiir sich von
der Erde habenwollten,ist im Grunde mit demvierten nachatlantischen
Zeitraum erfiillt. Daher stehen heute die geistigen Wesenheiten der
hoheren Hierarchien, die wir auch in unserem Sinne die Gotter nennen
konnen, in einer anderen Beziehung zur menschlichen Seele, als sie
fruher gestanden haben. Damals suchten die Gotter die Menschen, um
ihre Ziele mit Hilfe des Menschen hier auf der Erde zu verwirklichen.
Heute mufi der Mensch die Gotter suchen, heute muf$ der Mensch aus
seinem innersten Impulse heraus sich zu den Gottern erheben. Und er
mufi gewissermafien es bei den Gottern erreichen, dafi seine Ziele,
seine bewufken Ziele mit Hilfe der gottlichen Krafte verwirklicht
werden. So geziemt es sich fiir den Menschen vom Zeitalter der Be-
wulkseinsseelenentwickelung an.Menschenzielewaren in friiheren Zei-
ten unbewulk, instinktiv, weil gottliche Ziele bewufit in ihnen lebten.
Menschliche Ziele miissen selber immer bewufker und bewufiter wer-
den, dann werden in diesen menschlichen Zielen Krafte liegen, sich zu
den Gottern zu erheben, damit menschliche Ziele mit Gotterkraften
angestrebt werden konnen.
Denken Sie diese Worte nur aus! In diesen Worten liegt viel. In die-
sen Worten liegt die Notwendigkeit, daf$ der Mensch gerade von
unserem Zeitalter an ein urspriingliches, elementares Streben aus sich
selbst heraus beginne. Wir konnen dieses elementare Streben auf ver-
schiedenen Gebieten der Seele suchen. Wir miissen es vor alien Dingen
auf einem tieferen sozialen Gebiete suchen, indem wir mehr geistes-
wissenschaftlich das Verhaltnis von Mensch zu Mensch ins Auge fas-
sen. Dadurch, dafi fruher die Gotter ihre Ziele mit der Menschenent-
wickelung hatten und durch den Menschen verwirklichten, standen
sich, so wie es damals sein sollte, in der Erdenentwickelung die Men-
schen viel naher als heute. Heute werden die Menschen in einer ge-
wissen Beziehung voneinander weggetrieben, und sie miissen sich in
einer ganz anderen Beziehung wiederum suchen. Von diesem Suchen
miissen die Menschen aber erst lernen. Rein aufierlich betrachtet, kon-
nen Sie das iiberall sehen. Der Mensch weifi heute wenig vom Men-
schen. Geisteswissenschaft ist in ihrer kosmischen Schatzung der Men-
schenwurde und des Menschenwesens heute erst ira Anfange. Im wirk-
lichen Leben weifi der Mensch heute wenig vom Menschen. Der Mensch
dringt nicht vor bis zu den Tiefen im Wesen der Seele eines Mitmen-
schen. Das ist die Regel. Das ist dasjenige, was in einem tieferen sozia-
len Wesen gefunden werden mufi: Menschenkenntnis in einer neuen
Form mufi in die Menschenentwickelung einziehen.
Wir miissen aber in die Lage kommen - da wir eigentlich im Sinne
eines geistlosen Naturdenkens nur den fleischlichen Menschen sehen — ,
in dem anderen Menschen das Wirken der Gotter zu erkennen, um in
einen wirklichen, geisterfiillten sozialen Organismus hineinzukommen.
Das erlangen wir nur, wenn wir auch etwas dazu tun. Das eine, was
wir dazu tun konnen, ist, in unserem eigenen Seelenleben eine gewisse
Vertiefung zu suchen. Es gibt viele Wege dazu. Ich will nur einen me-
ditativen Weg Ihnen skizzieren. Wir konnen aus den verschiedensten
Griinden, zu den verschiedensten Zielen gewisse Rikkblicke in unser
eigenes Leben machen. Wir konnen uns fragen: Wie hat sich dieses
unser individuelles Leben von unserer Kindheit bis heute entwickelt? -
Wir konnen es aber auch einmal so machen: Wir konnen vor unseren
Blick nicht so sehr das hinstellen, wie wir uns gefreut haben iiber dies
oder jenes, wie wir das oder jenes durchlebt haben, sondern wir kon-
nen auf diejenigen Menschen hinblicken, welche in unser Leben als
Eltern, als Geschwister, als Freunde, als Lehrer oder sonst irgendwie
eingegriffen haben, und wir konnen, statt uns selbst, das Wesen dieser
Menschen uns vor die Seele stellen, die in unser Leben eingegriffen
haben. Da wird sich fur eine Weile die Sache so ausnehmen, als ob wir
uns sagenkonnten, wie wenig eigentlich an uns selber ist,wieviel an dem
ist, was von den anderen in unser Selbst hineingeflossen ist. Unser Ver-
haltnis zur Welt wird, wenn wir ehrlich und redlich eine solche Selbst-
riickschau innerlich in Szene setzen, doch ein ganz anderes. Gefiihle,
Empfindungen bleiben zuriick als die Ergebnisse einer solchen Riick-
schau. Und diese Gefiihle, diese Empfindungen sind gewisse frucht-
bare Keime in uns. Sie sind Keime fur wirkliche Menschenerkenntnis.
Derjenige, der immer wieder und wieder so in sein eigenes Wesen
blickt, dafi er den Anteil erkennt, den andere, vielleicht langst ver-
storbene oder ihm ferner geriickte Menschen an seinem Wesen genom-
men haben, er wird den anderen Menschen auch so entgegentreten,
dafi ihm, indem er ein individuelles Verhaltnis von Mensch zu Mensch
begriindet, die Imagination von dem wahren Wesen dieses anderen
Menschen aufsteigt. Das ist etwas, was in der neueren Zeit und gegen
die Zukunft der Menschheit hin auch als eine innere, und zwar seelische
soziale Forderung fiir die menschliche Entwickelung auftauchen mui
So mufi anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft praktisch
werden, so mufi sie das Leben befruchten, das Leben anregen.
Noch einen anderen Gesichtspunkt will ich geltend machen. In
friiheren Zeiten war alle Selbsterkenntnis, alles Hineinschauen des
Menschen in seine eigene Seele, verhaltnismafiig viel einfacher als es
jetzt ist, weil jetzt - nicht nur in bezug auf das Bewufitsein gewisser
Leute aus ihrem Besitz- oder Armutsverhaltnis heraus oder auch von
anderer Seite her - ein tief innerlichster sozialer Impuls auftaucht, ein
Impuls, der sich zum Beispiel in der folgenden Weise geltend macht.
Wir sehen heute wenig darauf hin, wie das ganze Leben des Menschen
ein immer Reifer- und Reiferwerden ist. So innerlich ehrliche Men-
schen wie Goethe fuhlten dieses Reifer- und Reiferwerden. Goethe
wollte auch im hochsten Alter noch lernen, Goethe wufite im hochsten
Alter, fertig sei er als Mensch noch nicht. Und er blickte zurtick in seine
Jugend, in seine Mannesjahre, indem er alles das, was in der Jugend und
in den Mannesjahren sich zugetragen hat, als Vorbereitung empfand
fiir dasjenige, was er im Alter erleben konnte. So denkt man in der
heutigen Zeit nur sehr wenig, namentlich dann, wenn man den Men-
schen als soziales Wesen ins Auge fafit. Am liebsten mochte mit zwan-
zig Jahren heute jeder Mitglied einer Korperschaft sein und iiber alles -
nun, wie man sagt — demokratisch urteilen. So kann sich der Mensch
nicht denken, dafi man etwas zu erwarten hat vom Leben, indem man
immer mehr und mehr dem Alter entgegenreift. Daran denken die
Menschen heute nicht. - Das ist das eine, dafi wir wieder lernen miis-
sen, dafi das ganze Leben, nicht nur die zwei bis drei ersten Jugend-
jahrzehnte, dem Menschen etwas bringt.
Und noch ein anderes mussen wir lernen. Wir sehen nicht nur uns
selbst in der Welt stehen, sondern wir sehen Menschen anderen Le-
bensalters; wir sehen vor alien Dingen das Kind durch die Geburt in
die Welt und in das Leben hereinziehen. So wie sich die menschliche
Erdenentwickelung ergeben hat, so ist manches, was friiher wie von
selbst in der Seele des Menschen sich geoffenbart hat, nur durch aller-
aufierste Anstrengung, durch eine Anstrengung zu iibersinnlicher Er-
kenntnis hin, oder wenigstens zu einer wirklichen Lebenserkenntnis
hin, zu erlangen. Wie dem Menschen im allgemeinen, so bleibt auch
dem Kinde mancherlei verschlossen, das zu seinem Wesen gehort. Aber
nicht nur das bleibt dem Kinde verschlossen, was es dann erfahren
wird, wenn es in die Reifejahre, in die Greisenjahre eingezogen ist,
sondern iiberhaupt vieles, was sich den alteren, instinktiv lebenden,
im atavistischen Hellsehen befindlichen Menschen offenbarte, bleibt
heute, wenn der Mensch nur auf sich selbst schaut, ihm verborgen.
Und so gibt es etwas, das sich uns, wenn wir nur in uns selbst Erkennt-
nis suchen, von der Wiege bis zum Grabe nicht offenbaren kann. Das
liegt auch unter den Eigentumlichkeiten unseres Bewufkseinszeitalters.
Wir konnen nach der Klarheit des Bewufkseins streben, allein vieles
bleibt doch im Felde, das von dieser Klarheit beleuchtet sein soil, ge-
rade verborgen. Und so ist etwas ganz Eigentiimliches in unserer Zeit.
Als Kind treten wir in die Welt herein; es ist etwas an uns, was
wichtig ist fur die Welt, fur das Zusammenleben der Menschheit, fur
die geschichtliche Erkenntnis. Aber wir konnen es nicht erkennen, wenn
wir bei uns selbst stehenbleiben, nicht als Kind, nicht als Mann, nicht als
Frau, nicht als Greis oder Greisin. Aber in einer anderen Weise kann es
erkannt werden. Dann kann es erkannt werden, wenn die durch wirk-
liche geistige Empfindung feiner gestimmte reife Menschenseele, die
Mannesseele, die Frauenseele, die Greisen- oder Greisinnenseele hin-
schaut auf das Kind und die Empfindung hat: In dem Kinde offenbart
sich etwas, was das Kind jetzt nicht erkennen kann, was auch durch das
Kind, wenn es auf sich selbst gestellt ist, niemals, auch selbst bis zu sei-
nem Tode nicht, erkannt werden kann, was aber erkannt werden kann
in der Seele des anderen, der als Greis auf dieses Kind zuriickschaut. Da
haben Sie etwas, was sich offenbaren kann durch das Kind, nicht im
Kinde und nicht in dem Manne oder der Frau, die aus diesem Kinde
werden konnen bis zum Tode hin, sondern in dem anderen, der von
einem hoheren Lebensalter aus liebevoll den jiingsten Menschen an-
schaut. Ich weise auf dieses besonders hin, weil Sie in einem solchen
Zug unserer Zeit sehen konnen, wie ein sozialer Impuls - aber im aller-
weitesten Sinne - durch unsere Zeit wellt und webt. 1st es nicht ein
tiefster sozialer Zug, diese Notwendigkeit, etwas fiir das Leben Er-
spriefiliches nur dadurch in das Leben hereinversetzen zu konnen, dafi
der alte Mensch an dem jiingsten Menschen lernt, zusammenzusein
zum hochsten Lebenszweck, nicht blofi des Menschen X 1 mit dem
Menschen X 2, sondern des Menschen im Greisenalter mit dem jiing-
sten Kinde?
Dieses soziale Zusammensein, das ist dasjenige, auf das uns der in-
nerste Geist und Sinn unserer Zeit hinweist. Und so kann anthroposo-
phisch orientierte Geisteswissenschaft, indem sie sprechen darf zu Men-
schen, die schon ein wenig vorbereitet sind durch die anderen Zweige
dieser Geisteswissenschaft, das soziale Problem noch vertiefen. Sie ha-
ben alle eine recht grofie soziale Aufgabe, wenn Sie aus alledem, was
in Ihnen angeregt werden kann namentlich an sozialem Gefuhl, die
Mittel entnehmen, um wiederum innerhalb der Menschheit unserer Zeit
als diese durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft be-
sonders Auserwahlten zu wirken. Befeuern Sie innerhalb der gegen-
wartigen sozialen und sozialistischen Diskussion das tiefere soziale
Gefuhl, das tiefere Verstandnis von Mensch zu Mensch, dann werden
Sie eine lebendige Aufgabe aus anthroposophisch orientierter Geistes-
wissenschaft heraus auch im sozialen Sinne erfiillen.
Davon wollen wir dann in der nachsten Woche, wenn wir wiederum
den Zweigvortrag haben zwischen den zwei offentlichen Vortragen,
weiter reden.
ZWEITER VORTRAG
Bern, 8. Februar 1919
Die offentlichen Vortrage in diesen Tagen haben iiber das soziale
Problem gehandelt, iiber die sozialen Forderungen der Gegenwart, wie
sie nicht nur, ich mochte sagen, der Beobachtung in Gedanken sich
ergeben, sondern wie sie auftreten in den Tatsachen, in den Ereignis-
sen des gegenwartigen Weltlebens.
Alle diese Dinge, die sich auf das Leben des Menschen beziehen und
deren Betrachtung heute im weitesten Sinne und fur die weitesten Kreise
durchaus eine Notwendigkeit ist, sie konnen gerade von dem anthro-
posophisch orientierten Menschen noch vertieft werden. Denn wir
diirfen niemals, wenn wir uns als Angehorige der anthroposophischen
Bewegung fiihlen, vergessen, daft es zu unserer innigsten Empfindung
gehoren mufi, alle Dinge der Welt so zu betrachten, dafi wir die aufie-
ren Erscheinungen, die aufieren Tatsachen fur unsere eigene An-
schauung noch durchdringen mit den Erkenntnissen, die wir aus der
geistigen Welt heraus gewinnen. Dadurch gewinnen fur uns erst alle
Dinge das rechte Gesicht der Wirklichkeit, dafi wir sie von dem Spi-
rituellen durchsetzt zu denken imstande sind, von jenem Wesen, wel-
ches sich zunachst in der aufierlichen irdischen Welt verbirgt, welches
aber doch wirklich auch in dieser irdischen Welt lebt.
Ich habe schon, als ich das letzte Mai hier unter Ihnen sein konnte,
einige Andeutungen auch vom Standpunkte anthroposophisch orien-
tierter Geisteswissenschaft iiber die sozialen Impulse des Menschen-
lebens Ihnen gegeben. Wir haben dazumal schon den Menschen als
soziales Wesen, als ein Wesen mit sozialen und antisozialen Instinkten,
zu betrachten versucht. Nur diirfen wir eben niemals aufier acht las-
sen, dafi wir, indem wir Menschen dieser Erde sind, hereinbringen in
dieses unser Erdendasein die Wirkung, das Ergebnis desjenigen, was
wir durchmachen in der Zeit, die zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt verfliefk. Wir bringen jeweilig in unser irdisches Leben herein
die Ergebnisse unseres letzten geistigen Lebens, unseres letzten Aufent-
haltes in der rein iibersinnlichen Welt. Und wir betrachten unser irdi-
sches Leben nicht vollstandig, wenn wir nicht ins Auge fassen, wie das-
jenige, was wir tun, dasjenige, was in der Welt fur uns vorgeht in dem
Zusammenleben mit Menschen, zugleich etwas an sich tragt von dem,
was als Wirkungen unseres Lebens in der geistigen Welt sich ergibt,
aus der wir durch die Geburt herausgetreten sind, deren Spuren, deren
Krafte wir aber in diese Welt mit hereinnehmen.
Das ist auf der einen Seite dasjenige, was fur uns Menschen herein-
ragt aus der geistigen Welt in die physische Welt. Wir diirfen auf der
anderen Seite aber auch nicht aufier acht lassen, dafi sich in dem Le-
ben, das wir hier auf der Erde durchmachen, Dinge abspielen, die zu-
nachst gar nicht ganz voll in unser Bewufitsein treten, die mit uns, um
uns vorgehen, ohne dafi wir Veranlassung nehmen, sie deutlich in
unserem Bewufksein aufzufassen, und dafi wir gerade von diesen Er-
lebnissen, die gewissermafien im Unterbewuflten bleiben wahrend
unseres irdischen Lebens zwischen Geburt und Tod, Wichtigstes durch
des Todes Pforte wieder hinaustragen in die ubersinnliche Welt, die
wir wiederum miterleben, wenn wir durch den Tod eben aus der irdi-
schen Welt heraustreten. Es spielt sich in unserem irdischen Leben
manches mit uns ab, was eben nicht seine Bedeutung hat fur dieses
irdische Leben, sondern als Vorbereitung flir das nachtodliche Leben -
wenn ich diesen Ausdruck «nachtodliches Leben» im Gegensatz zu
dem «vorgeburtlkhen Leben » gebrauchen darf.
Nun, insbesondere eine solche Betrachtung, von der ich gestern im
offentlichen Vortrag gesprochen habe, ergibt sich erst mit der vollen
konkreten Deutlichkeit, wenn man sie auch aus der Richtung her zu be-
leuchten versteht, von der das Licht aus der iibersinnlichen Welt
kommt. Und nach dieser Richtung hin mochte ich Ihnen dieses, ge-
rade in der Gegenwart so aktuelle Thema auch anthroposophisch heute
vertiefen. Ich mochte das soziale Problem heute betrachten als ein
Problem der Gesamtmenschheit. Fur uns aber ist die Gesamtmensch-
heit nicht nur die Summe der Seelen, die gerade in einem bestimmten
Zeitpunkt sozial zusammen auf der Erde leben; sondern auch jene,
die in dieser bestimmten Zeit in der iibersinnlichen Welt sind, sie sind
durch geistige Bande mit den Menschen verbunden, gehoren zu dem,
was wir die Gesamtheit der Menschen nennen konnen. Betrachten wir
zunachst einmal dasjenige, was man im irdischen Sinne das mensch-
liche Geistesleben nennt.
Im irdischen Sinne ist das menschliche Geistesleben nicht das Le-
ben der geistigen Wesenheiten, sondern dasjenige, was die Menschen
in ihrem sozialen Zusammensein als geistiges Leben durchmachen. Zu
diesem Geistesleben gehort vor alien Dingen alles das, was Wissen-
schaft, Kunst, Religion umfafit. Es gehort aber zu dem geistigen Leben
auch alles das, was Schule, Erziehung betrifft. Was die Menschen im
sozialen Zusammensein erleben als geistiges Kulturleben, das wollen
wir einmal als erstes ins Auge fassen. Sie wissen ja aus einer solchen
Mitteilung wie die, welche ich gestern gegeben habe, dafi dieses gei-
stige Leben — alles Schulwesen, alles Erziehungswesen, alles wissen-
schaftliche, kiinstlerische, literarische Leben und so weiter - eine ab-
gesonderte soziale Gestaltung fur sich bilden raufi. Fur die aufiere
Welt kann man das nur aus den Griinden heraus klarmachen, die
diese aufiere Welt heute einmal zugibt. Es kann vollstandig klarwer-
den: Der gesunde Menschenverstand mufi vollstandig hinreichen, diese
Dinge voll zu verstehen. Aber sie konkret anzuschauen, das wird
noch ganz besonders moglich demjenigen, der sich auf die anthroposo-
phisch orientierte Betrachtung der Welt einlafit. Einem solchen er-
scheint namlich das, was man so irdisches Geistesleben nennt, noch
in einem ganz besonderen Lichte.
Durch die neuzeitliche Entwickelung ist doch dieses geistige Leben,
das sich unter dem Einflufi des Biirgertums, der Intellektuellen des
Biirgertums zu einer blofien Ideologic abgelahmt hat, das daher die Pro-
letarier in ihrer Weltanschauung wie eine blofie Ideologic ubernommen
haben, und das die Zweige umf afit, die ich besprochen habe, ein solches,
das uns blofi aufsteigt aus dem wirtschaftlichen Leben. So stellt es
sich ja ungefahr heute die proletarische Weltanschauung vor: Alles
das, was religiose Uberzeugung und religiose Gedanken sind, alles
das, was kiinstlerische Leistungen sind, alles, was Rechts- und sitt-
liche Anschauungen sind, das ist, wie die proletarische Weltanschauung
sagt, ein Uberbau, gewissermafien etwas, was als geistige Rauchwolken
aufsteigt aus der einzig wahren Wirklichkeit, der wirtschaftlichen
Wirklichkeit. Zur Ideologic, zu dem, was blofi erdacht wird, wird
dieses irdische Geistesleben. Fur den, der die Grundlagen kennt, aus
denen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft kommt, ist
aber das, was da als geistiges Kulturleben den Menschen umspannt,
eine Gabe der geistigen Wesenheiten selbst. Fur den dampft es nicht
von unten herauf aus den wirtschaftlichen Untergrtinden, sondern fur
den stromt es herab aus dem Leben der geistigen Hierarchien. Das ist
der radikale Unterschied zwischen dem, was sich aus der biirgerlichen
Weltbetrachtung und ihrem Erbe in der proletarischen Weltanschauung
ausdriickt - dafi im Grunde genommen fur dasjenige, was sich seit
dem 15., 16. Jahrhundert in der Menschheit entwickelt hat, die geistige
Welt ideologisch ist, ein blofier Dunst, der aufsteigt aus den wirt-
schaftlichen Harmonien und Disharmonien - und derjenigen Weltan-
schauung, die da kommen mufi, die allein das Heil bringen kann, wel-
ches herausfuhrt aus dem gegenwartigen Chaos, fur die das, was her-
unterstromt, aus dem wirklichen Geistleben der Welt stromend ist,
der wir als der spirituellenWelt ebenso angehoren, wie wir durch unsere
Sinne, durch unseren Verstand der physisch-irdischen Welt angehoren.
Aber jetzt, wo wir in der fiinften nachatlantischen Periode angelangt
sind, finden wir uns als soziales Wesen in den sozialen menschlichen
Organismus mit diesem Geistesleben nur dadurch hinein, dafi wir fur
dieses irdische Geistesleben vorbereitet werden durch jene Beziehungen,
die wir vor der Geburt, wo wir noch nicht heruntergestiegen sind zum
irdischen Dasein, eingehen mit anderen geistigen Wesenheiten der Hier-
archien, wie wir sie ofter angefuhrt haben. Das ist das, was sich der
geistigen Forschung als eine wichtige Tatsache des Lebens ergibt.
Wir treten, indem wir durch die Geburt ins Dasein kommen, in
einer zweifachen Weise mit Menschen in Beziehung. Unterscheiden Sie
diese zweifache Beziehung genau, in die wir mit Menschen kommen.
Das eine Verhaltnis, das wir mit Menschen eingehen, mit Menschen
eingehen mussen, das ist das Schicksalsmafiige. Wir kommen zu dem
einen oder zu dem anderen Menschen, zu einer grofieren oder geringeren
Anzahl von Menschen in einen schicksalsmafiigen Zusammenhang. Wir
treten, indem wir durch die Geburt ins irdische Dasein kommen, in
eine bestimmte Familie ein. Zu Vater und Mutter, zu den Geschwistern,
zu der weiteren Familie kommen wir in einen schicksalsmafiigen Zu-
sammenhang. Wir kommen mit anderen Menschen, als einzelner
Mensch dem einzelnen Menschen gegeniiber, in schicksalsmafiige Zu-
sammenhange. Wir leben als einzelner Mensch dem anderen Menschen
gegeniiber unser Karma aus. Wie kommt dieses Karma zustande? Wie
kommen diese schicksalsmaftigen Zusammenhange zustande? Sie kom-
men dadurch zustande, dafi sie sich vorbereitet haben durch diese oder
jene Lebenstatsache der vorhergehenden Erdenleben. Also fassen Sie
das wohl auf: Sie kommen, indem Sie durch die Geburt ins Dasein ein-
treten, mit anderen Menschen, als einzelner Mensch dem einzelnen
Menschen gegeniiber, in schicksalsmafiigen Zusammenhang, gemafi
dem, was Sie mit diesem Menschen gelebt haben in verflossenen Erden-
leben. Das ist die eine Art, wie Sie Verhaltnisse eingehen mit anderen
Menschen: schicksalsmafiig.
Sie gehen aber noch andere Verhaltnisse mit den Menschen ein. Sie
gehoren als Glied eines Volkes eben einer Gruppe von Menschen an,
mit denen Sie nicht in solcher Art, wie es eben geschildert worden ist,
schicksalsmafiig zusammenhangen. Sie werden in ein Volk hineingebo-
ren, wie in ein bestimmtes Territorium. Das hangt gewifi auf der einen
Seite mit Ihrem Karma zusammen, aber dadurch werden Sie gewisser-
mafien zusammengeschmiedet im sozialen Organismus mit vielen Men-
schen, mit denen Sie nicht schicksalsmafiig zusammengehoren. In einer
Religionsgemeinschaft haben Sie eventuell die gleichen religiosen Emp-
f indungen mit einer Anzahl von anderen Menschen, mit denen Sie durch-
aus nicht schicksalsma&g zusammengeschmiedet sind. Das geistige, das
irdisch-geistige Leben bringt ja die mannigfaltigsten gesellschaftlichen,
sozialen Zusammenhange unter die Menschen, die durchaus nicht
alle schicksalsmaiSig begriindet sind. Diese Zusammenhange werden nun
nicht etwa alle in vorhergehenden Erdenleben vorbereitet, sondern in der
Zeit, die Sie durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Namentlich wenn es so gegen die zweite Halfte dieses Lebens geht zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt, dann treten Sie zu den We-
senheiten, vor allem der hoheren Hierarchien, in ein Verhaltnis, durch
welches Sie von den Kraften dieser Hierarchien so beeinflufk werden,
dafi Sie geistig zusammengeschweiiSt werden mit verschiedenen Men-
schengruppen. Das, was Sie da als geistiges Leben erleben in Religion,
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in Kunst, im Volkszusammenhang, in der blofien Sprachgemeinschaft
zum Beispiel, was Sie erleben durch eine ganz bestimmt gerichtete Er-
ziehung und so weiter, das alles bereitet sich schon vor aufierhalb der
reinen karmischen Stromungen im vorgeburtlichen Leben. Sie tragen
herein in das physisch-irdische Dasein das, was Sie schon erlebt haben
in dem vorgeburtlichen Leben. Und es spiegelt sich dasjenige, was Sie,
allerdings auf eine ganz andere Weise, im vorgeburtlichen Leben erle-
ben, ab in dem, was Geistesleben, geistiges Kulturleben im Irdischen ist.
Nun entsteht fur den, der eine solche Tatsache der geistigen Welt
in vollem Sinne ernst zu nehmen vermag, eine ganz bestimmte Frage,
die Frage: Wie wird man nun eigentlich gerecht, im hoheren Sinne ge-
recht diesem irdischen Geistesleben, wenn man weifi, dafi dieses irdi-
sche Geistesleben der Abglanz ist dessen, was man schon erlebt hat im
wahren, konkreten Geistesleben vor der Geburt? Man wird diesem ir-
dischen Geistesleben nur gerecht, wenn man es eben nicht als Ideologic
anschaut, sondern wenn man weifi, darinnen lebt die geistige Welt.
Und wir stelien uns nur in der rechten Weise zu diesem irdischen Gei-
stesleben, wenn uns bewufit wird: darinnen sind uberall die Wirkens-
krafte der geistigen Welt selber zu finden. Stelien Sie sich einmal hypo-
thetisch vor: Dasjenige, was die Wesen - seien es die Wesen der hohe-
ren Hierarchien, die niemals einen irdischen Leib annehmen, oder
seien es auch die noch nicht geborenen Menschen, Menschen, die noch
nicht durch die Pf orte der Geburt ins irdische Leben eingetreten sind -,
was diese der iibersinnlichen Welt angehorenden Wesen denken, was
sie als ihr Seelenleben durchmachen, das lebt; das lebt in einer Art von
traumhaftem Abbiid in der irdisch-geistigen Kulturwelt. So dafi wir
berechtigterweise immer die Frage stelien konnen, wenn irgendeine
kunstlerische, irgendeine religiose, irgendeine Tatsache des Erziehungs-
lebens an uns herantritt: Was lebt darinnen? — Nicht blofi, was die
Menschen hier auf der Erde gemacht haben, sondern was einfliefit
aus den Kraften, aus den Gedanken, aus den Impulsen, aus dem gan-
zen Seelenleben der hoheren Hierarchien, das lebt darinnen. Wir se-
hen die Welt niemals vollstandig an, wenn wir verleugnen diese sich
durch unsere geistig-irdische Kultur gewissermafien spiegelnden Ge-
danken der geistigen Wesen, die nicht auf dieser Erde verkorpert sind,
entweder uberhaupt nicht verkorpert sind, oder gerade jetzt nicht ver-
korpert sind. Konnen wir uns empf indungsgemafi aneignen, ich mochte
sagen, dieses heilige Anschauen der geistigen Welt um uns herum, dafi
wir diese geistige Welt halten konnen fiir dasjenige, was uns die gei-
stigen Wesen selber schenken, womit uns die geistigen Wesen umge-
ben, dann werden wir in der richtigen Weise fiir dieses Geschenk der
ubersinnlichen Welt, das wir als irdisch-geistige Kulturwelt erleben,
dankbar sein konnen. Dadurch stellt sich diese geistige Kulturwelt
notwendig als etwas Selbstandiges herein in die ganze soziale Struktur
der Menschheit, dafi sie die Fortwirkung desjenigen ist, was wir vor
der Geburt mitmachen in der geistigen Welt. Beleuchtet man das so-
ziale Leben mit dem Lichte der spirituellen Erkenntnis, dann wird es
zu einer Selbstverstandlichkeit, in diesem geistigen Leben eine abge-
sonderte, selbstandige Wirklichkeit anzunehmen.
Das zweite Gebiet der sozialen Struktur ist das, was man nennen
konnte den aufieren Rechtsstaat, das politische Leben im engeren Sinne,
dasjenige, was sich bezieht auf die Ordnung der Rechtsverhaltnisse
von Mensch zu Mensch, dasjenige, worinnen alle Menschen gleich sein
sollen vor dem Gesetz. Es ist dies das eigentliche Staatsleben. Und das
eigentliche Staatsleben sollte im Grunde genommen nichts anderes
sein als dieses. Gewifi, man kann wieder aus Griinden des reinen, ge-
sunden Menschenverstandes die Notwendigkeit einsehen, dafi dieses
Staatsleben, dieses Leben des offentlichen Rechts, dieses Leben, das
sich auf die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz bezieht, uber-
haupt auf die Gleichheit von Mensch zu Mensch, dafi dieses Glied des
sozialen Organismus fiir sich selbstandig dastehen mui Beleuchtet
man die Sache aber wiederum mit dem Blicke, der gescharft ist an
anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, so zeigt sich noch
etwas ganz anderes.
Dieses Leben, das eigentliche Staatsleben ist innerhalb der sozialen
Organe das, was allein nichts zu tun hat mit Vorgeburtlichkeit, nichts
zu tun hat mit Nachtodlichem. Das ist dasjenige, was seine Ordnung,
seine Orientierung rein nur findet in der Welt, die der Mensch durch-
lebt zwischen der Geburt und dem Tode. Der Staat ist nur dann ein
in sich abgeschlossenes Ganzes mit seiner Urwesenheit, wenn er sich
auf nichts erstreckt, was in die iibersinnliche Welt hineinragt, sei es
nach der Seite der Geburt, sei es nach der Seite des Todes. «Gebet dem
Casar, was des Casars ist, und Gott, was Gottes ist.» - Gebet aber
nicht - so mulS man erganzen — dem Casar, was Gottes ist, und Gott,
was des Casars ist. - Der wird es zunickweisen!
Die Dinge miissen reinlich gesondert werden, wie die einzelnen
Systemgliederungen im menschlichen natiirlichen Organismus. Alles
das, was das Staatsleben umfassen kann, was man staatlich diskutieren,
staatlich abmachen kann, hat nur Beziehung auf das Zusammenleben
zwischen Mensch und Mensch. Das ist das Wesentliche. Das haben die
tieferen religiosen Naturen in alien Zeiten empfunden. - Die anderen
Menschen, die nicht tief religiose Naturen waren, die haben es sogar nicht
einmal gestattet, dafi man frei, ehrlich und aufrichtig liber diese Dinge
redet. — Denn eine Vorstellung hat sich gerade in den tieferen religio-
sen Naturen iiber diese Dinge festgesetzt. Diese tieferen religiosen Na-
turen sagten sich: Staat, er umfalk das Leben, das, insofern die Mensch-
heit in Betracht kommt, nur mit alledem zu tun hat, was zwischen
Geburt und Tod liegt, was sich auf das blofie Irdische bezieht. -
Schlimm ist es, wenn dasjenige, was sich blofi auf das Irdische be-
zieht, seine Herrschaft ausdehnen will auf das Oberirdische, auf das
Obersinnliche, auf dasjenige, was iiber Geburt und Tod hinaus liegt.
Ober Geburt und Tod hinaus liegt aber das irdische Geistesleben, denn
es enthalt die Schatten der seelischen Erlebnisse der iibersinnlichen We-
senheiten. Bemachtigt sich dasjenige, was im blofien Staatsleben pulst,
des Lebens der irdischen Geistigkeit, so nannten tiefere religiose Natu-
ren dies: Die Macht, welche ausiibt der widerrechtliche Fiirst dieser
Welt. - Hinter dem Ausdruck «der widerrechtliche Fiirst dieser Welt»
verbirgt sich dasjenige, was ich eben angedeutet habe. Das ist auch
der Grund, warum in denjenigen Kreisen, die ein Interesse daran ha-
ben, zu konfundieren die drei Glieder des sozialen Organismus, von
diesem widerrechtlichen Fiirsten dieser Welt nicht gern gesprochen
wird, es sogar verpont ist, davon zu sprechen.
Etwas anders verhalt sich die Sache wiederum mit dem, was an
Denken, an Empfinden, an Seelenimpulsen im Menschen sich da-
durch entwickelt, dafi er dem wirtschaftlichen Gliede des sozialen
Organismus angehort. Das ist etwas hochst Eigentiimliches. Allein
Sie werden sich schon daran gewohnt haben, daft Sie in Ihren An-
schauungen durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft
in manches zunachst paradox Erscheinende hineinkommen miissen.
Wenn wir heute von dem wirtschaftlichen Gliede des sozialen Orga-
nismus sprechen, so miissen wir uns allerdings dariiber klar sein,
daft so, wie wir jetzt sprechen, dies eben eine Eigentumlichkeit des
fiinften nachatlantischen Zeitraums ist. In friiheren Epochen der
Menschheitsenwickelung waren diese Dinge anders. Daher gilt das,
was ich zu sagen habe in dieser Richtung, insbesondere mit Bezug auf
unsere Gegenwart und auf die Zukunft. Aber mit Bezug auf unsere
Gegenwart und Zukunft mulS gesagt werden: In friiheren Zeiten lebte
sich der Mensch instinktiv in das Wirtschaftsleben hinein. Jetzt mufi
das Hineinleben in die Wirtschaft immer bewufker und bewulker
werden. So wie der Mensch - ich sagte es schon - schulmaftig das Ein-
maleins lernt, wie er andere Dinge schulmaftig lernt, so mufi er schul-
mafiig in der Zukunft die Dinge lernen, die sich auf das Leben in dem
sozialen Organismus, auf das wirtschaftliche Leben beziehen. Der
Mensch mufi sich fiihlen konnen als ein Glied des Wirtschaftsorganis-
mus. Es wird freilich fur manche Menschen eine Unbequemlichkeit
sein, weil schon einmal andere Denk- und Empfindungsgewohnheiten
eingerissen sind, welche durchgreifende Anderungen erfahren miissen.
Nicht wahr, wenn heute einer nicht wissen wiirde, wieviel drei mal
neun ist, so wiirde er fur einen ungebildeten Menschen gehalten wer-
den. In manchen Kreisen wird einer schon fur einen ungebildeten Men-
schen gehalten, wenn er nicht weifi, wer Raffael oder Leonardo war.
Aber man wird im allgemeinen in gewissen Kreisen heute nicht fur
einen ungebildeten Menschen gehalten, wenn man keinen rechten Auf-
schlufi zu geben vermag iiber das, was Kapital ist, was Produktion,
was Konsumtion in ihren Verhaltnissen sind, was Kreditwesen ist
und so weiter, gar nicht zu reden davon, dafi die wenigsten Menschen
eine klare Vorstellung von dem haben, was ein Lombardgeschaft ist
und dergleichen.
Nun werden sich diese Begriffe unter dem Einflufi der sozialen
Umgestaltung gewifi andern, und man wird in der Zukunft leichter
in die Moglichkeit versetzt werden, iiber diese Dinge entsprechenden
Auf schlufi suchen zu wollen und ihn haben zu wollen. Heute wird ja der
Mensch ziemlich ratios, wenn er sich iiber diese Dinge einen rationel-
len Aufschlu£ verschaffen will. Denn was wiirde natiirlicher sein, als
daft jemand, urn nun zu wissen, was eigentlich Kapital ist, em national-
okonomisches Handbuch von einem beriihmten Nationalokonomen in
die Hand nehmen wiirde? Wenn Sie drei verschiedene Handbiicher
von Nationalokonomie heute in die Hand nehmen, dann werden Sie
in den drei verschiedenen Handbiichern auf drei verschiedene Arten
definiert finden, was eigentlich Kapital ist. Denken Sie nur, was Sie
fur eine eigentiimliche Anskht haben wiirden iiber die Geometrie, wenn
Sie drei Geometrien von drei verschiedenen Verfassern in die Hand
nehmen wiirden und in einer jeden den pythagoreischen Lehrsatz in
einer anderen Weise dargestellt finden wiirden, wenn er fiir Sie iiber-
all einen anderen Inhalt haben wiirde. Diese Dinge sind so, dafi aller-
dings heute auch die Autoritaten auf dem Gebiet der Nationalokono-
mie recht wenig wirklichen Aufschlufi geben konnen in diesen Sachen.
Man kann es also dem allgemeinen Publikum gar nicht so iibelnehmen,
wenn es einen solchen Aufschlufi nicht sucht. Aber er wird gesucht wer-
den miissen, er wird eintreten miissen. Der Mensch wird die Briicke
schlagen miissen von sich zu der, namentlich wirtschaftlichen, Struktur
des sozialen Organismus. Er wird in bewufiter Weise sich als Subjekt
in die Wirtschaft einfiigen miissen, in den sozialen Organismus. Da
wird er denken lernen, wie er zu den anderen Menschen in Beziehung
steht, einfach dadurch, daft er mit ihnen gemeinschaftlich auf einem
bestimmten Territorium iiber die verschiedensten Gegenstande Wirt-
schaft fiihrt. Dieses Denken, das man da entwickelt, und in das ein-
fliefit das ganze Verhaltnis der Naturordnung zum Menschen, ist
ein ganz anderes Denken als dasjenige, das sich zum Beispiel in der
Welt der geistigen Kultur entwickelt. In der Welt der geistigen Kultur
erleben Sie mit dasjenige, was Wesenheiten der hoheren Hierarchien
denken, was Sie selbst erlebt haben in ihrem vorgeburtlichen Leben.
In dem Denken, das Sie entwickeln als Angehoriger des sozialen
Wirtschaftskampfes, da denkt immer - so paradox Ihnen das er-
scheinen mufi - ein anderer Mensch in Ihnen mit, ein tieferer Mensch
in Ihnen. Gerade dann, wenn Sie sich als Glied eines Wirtschaftskor-
pers fuhlen, denkt ein tieferer Mensch in Ihnen mit. Sie sind angewie-
sen, mit Ihrem Denken aufiere Lebensfaktoren zusammenzufiigen. Sie
miissen denken: Wie wird der Preis von dem oder jenem? Wie erlange
ich die eine Ware, wie die andere Ware und so weiter? Da huschen
Sie gewissermafien mit Ihren Gedanken iiber die aufieren Tatsachen
hin; da lebt nicht Geistiges, da lebt Aufieres, Materielles in Ihrem
Denken. Gerade weil Aufteres, Materielles in Ihrem Denken lebt,
weil Sie denkend miterleben miissen, nicht biofi instinktiv miterleben
wie das Tier, dasjenige, was im Wirtschaftsleben vor sich geht, des-
halb denkt in Ihnen fortwahrend noch ein anderer, tieferer Mensch
iiber diese Dinge nach; der setzt die Gedanken erst fort, er macht
die Gedanken erst so, dafi sie ein Ende, einen Zusammenhang haben.
Und das ist gerade der Mensch, der wesentlich mitwirkt bei alledem,
was Sie durch den Tod in die iibersinnliche Welt hineintragen. So pa-
radox es manchem erscheint, gerade das Nachdenken iiber die mate-
riellen Dinge hier in der Welt, zu dem der Mensch gezwungen ist, das
erregt in ihm, weil es nie fertig ist, weil es nie etwas Abgeschlossenes
ist, ein anderes inneres geistiges Leben, das er hineintragt durch den
Tod in die ubersinnliche Welt. So stehen die Empfindungen, die Im-
pulse, die wir gerade im Wirtschaftsleben entwickeln, mit unserem
nachtodlichen Leben in einem engeren Zusammenhange, als die Men-
schen glauben. Das mag heute manchem sonderbar und paradox er-
scheinen; allein es ist, nur ins Bewufitsein umgesetzt, dasjenige, was
sich in atavistischen Zeiten der Menschheitsentwickelung, dadurch,
dafi dazumal die spirituelle Welt in die Instinkte des Menschen ein-
gezogen ist, bei den Menschen gerade damals ausgebildet hat. Ich will
Sie auf folgendes aufmerksam machen.
Bei einzelnen sogenannten Naturvolkern finden sich frappierende
Einrichtungen. Nun miissen wir uns durchaus nicht die unsinnige und
torichte Vorstellung machen von den Naturvolkern, welche sich die
heutige Volkerkunde, die heutige Anthropologic macht. Die heutige
Anthropologic denkt: Es gibt solche Naturvolker, zum Beispiel die
eingeborenen Australier, die stehen auf der urspriinglichsten Stufe der
Menschheit, und die heutigen kultivierten Volker waren auch friiher
einmal so wie heute diese Naturvolker. - Das ist Unsinn! Die Sache
ist vielmehr so, dafi das, was man heute Urvolker nennt, in die Deka-
denz Gekommenes ist; das ist Heruntergesunkenes von einer anderen
Stufe. Nur haben die heutigen Urvolker in sich die friiheren Zeiten
bewahrt, was sich bei den sogenannten zivilisierten Volkern maskiert
hat. Deshalb kann man bei sogenannten Urvolkern noch manches
studieren, was in einer anderen Form vorhanden war in den Zeiten
des alten atavistischen Hellsehens. Und da gab es denn zum Beispiel
folgende Einrichtungen: Da gab es die Einrichtung, dafi in einem
Stamme die Angehorigen dieses Stammes in klemere Gruppen zer-
fielen; jede dieser kleineren Gruppen hatte einen bestimmten Namen,
der entlehnt war einer Pflanze oder einem Tier, wie sie innerhalb des
Gebietes vorkamen, auf dem diese Gruppe lebte. Mit dieser Benennung
kleinerer Gruppen innerhalb grofierer Zusammenhange war folgendes
verbunden: zum Beispiel eine Gruppe - nun gebrauchen wir moderne
Namen, nur um uns zu verstandigen -, eine Gruppe, welche den Na-
men trug «Roggen», die hatten dafur zu sorgen, dafi der Roggenbau
auf diesem Terrain ordentlich getrieben wurde, dafi die anderen Leute,
die nicht den Namen «Roggen» hatten, mit Roggen versorgt werden
konnten. Zu wachen iiber den Roggenbau, iiber die Verbreitung des
Roggens hatten als Aufgabe diese Leute, die den Namen «Roggen»
trugen. Und die anderen, die wieder andere Namen hatten, die setzten
voraus, dafi sie versorgt wiirden mit dem Roggen von dieser einen
Gruppe aus. Eine andere Gruppe hatte zum Beispiel den Namen «Rind» :
sie hatte die Auf gabe, die Rinderkultur zu betreiben und die anderen zu
versorgen mit Rindern, mit alldem, was dazugehort. Diese Gruppen
hatten nicht nur die Aufgabe, die anderen zu versorgen, sondern zu-
gleich war es den anderen verboten, die betreffende Pflanze oder das
Tier zu kultivieren, was ein Recht des einen Totems, wie man sagte, war.
Das ist der wirtschaftliche Sinn des Totems, der in dem Gebiete, wo die-
ses Totem herrschte, Mysterienkultur zugleich war. Mysterienkultur, die
nicht, wie sich der heutige Mensch traumt, blofi in hoheren Regionen
ist, sondern die gerade aus den Ratschliissen der Gotter heraus, welche
fur die Angehorigen der Mysterien erforschbar waren, bis ins einzeln-
ste des Menschenlebens hinein dieses Menschenleben ordneten. Sie ord-
neten den Stamm nach Totemgebilden, nach Totemgruppen und be-
wirkten dadurch eine entsprechende wirtschaftliche Organisation ne-
ben dem, dafi sie in einer bestimmten Art den Menschen offenbarten,
wie die geistige Welt beschaffen ist, wie die geistige Welt hereinragt
in das irdische Geistesleben, so wie es dazumal eben richtig war fiir
die betreffenden Zeiten. Wie sie fiir das Rechtsleben, das blofi irdi-
schen Charakter tragt, in ihrer Art sorgten, so bereiteten sie die Men-
schen hier auf der Erde durch die Ordnung des Wirtschaftslebens so
vor, dafi die Menschen dann durch den Tod wiederum in eine andere
Welt eintreten konnten, in der sie Zusammenhange entfalten mufiten,
die sie hier auf Erden nur durch den Umgang mit den aufiermensch-
lichen Wesen der iibrigen Naturreiche vorbereiten konnten. Da haben
diese Leute aus alten Zeiten unter der Fiihrung ihrer Eingeweihten ge-
lernt, ein richtiges wirtschaftliches Glied in ihr Weltenleben hinein-
zustellen.
Spater hat sich das mehr oder weniger konfundiert, obwohl es so-
gar nicht allzuschwierig ist, bis in die griechische Kultur, ja sogar bis
in die Kultur des Mittelalters hinein die instinktive Dreigliederung des
sozialen Organismus darzulegen, darzulegen gerade von diesem Ge-
sichtspunkte aus, den ich jetzt angegeben habe, wie die Rudimente we-
nigstens bis ins 18. Jahrhundert herein sich noch vorfinden. Ach, dieser
moderne Mensch ist ja so bequem mit seinem Denken, mochte alles,
alles so oberflachlich wie moglich vor seinem Denken dargelegt ha-
ben! Wurde man wirklich das Leben der fniheren abgelebten Zeiten
studieren, nicht nach dem, was man heute Geschichte nennt und was
vielfach eine Fable convenue ist, sondern nach dem, wie es wirklich
war, dann wiirde man sehen: Es war eine instinktive Dreigliederung
da; nur ging in dem einen Glied, in dem geistigen Leben, alles von dem
geistigen Zentrum aus und sonderte sich dadurch heraus aus dem blo-
fien Staatsleben.
Als die katholische Kirche auf ihrer Hohe war, bildete sie schon
ein selbstandiges Glied, und organisierte wiederum das andere irdische
Geistesleben als ein selbstandiges Glied, griindete Schulen, ordnete das
Erziehungswesen, griindete auch die ersten Universitaten, machte das
irdische Geistesleben selbstandig, sorgte dafur, dafi das Staatsleben
nun ja nicht durchsetzt werde von dem widerrechtlichen Fiirsten die-
ser Welt. Und im Wirtschaftsleben, selbst in spateren Zeiten, hatte
man wenigstens das Gefiihl, wenn man im Wirtschaftsleben Briider-
lichkeit unter den Menschen entfaltet, dafi sich dadrinnen etwas vor-
bereitet, was eine Fortsetzung findet im Leben nach dem Tode. Daft
die Briiderlichkeit unter den Menschen belohnt wird nach dem Tode,
ist zwar eine egoistische Umdeutung der hoheren Vorstellungen, die
im Totemismus gelebt haben, aber es ist wenigstens noch ein Bewulk-
sein von dem vorhanden, dafi das briiderliche Leben im menschlichen
Wirtschaften eine Fortsetzung finde nach dem Geistigen hin im nach-
todlichen Leben. Selbst die Ausschreitungen auf diesem Gebiete miis-
sen von diesem Gesichtspunkte aus beurteilt werden. Daft Ausschrei-
tungen vorkommen, das liegt in der menschlichen Natur. Der Ablafi-
handel ist allerdings eine der wiistesten Ausschreitungen auf diesem
Gebiete. Aber er entsprang doch, wenn auch nur als eine Ausschreitung,
aus dem Bewufitsein, dafS dasjenige, was der Mensch hier im physi-
schen Leben an wirtschaftlichen Opfern bringt, eine Bedeutung hat
fur sein nachtodliches Leben. Wenn es auch eine Karikatur dessen ist,
was wirklich ist, es entsprang als eine Karikatur der richtigen An-
schauung von der Bedeutung desjenigen, was wir hier erleben, indem
wir niit den Wesenheiten der anderen Reiche der Erde, der Mineralien,
der Pflanzen, der Tiere, in Beziehung treten. Dadurch, dafi wir zu
den anderen Wesen in Beziehung treten, erwerben wir etwas, was erst
zur vollen Entwickelung kommt im nachtodlichen Leben. Nicht wahr,
mit Bezug auf das, was wir nach dem Tode sind, smd wir hier als
Menschen noch verwandt mit dem Niedrigeren, mit Tieren, Pflanzen
und Mineralien; aber gerade mit diesem Erleben des Aufiermensch-
lichen bereiten wir etwas vor, was erst nach dem Tode ins Mensch-
liche heraufwachsen soil. Wenn Sie den Gedanken so wenden, werden
Sie ihn leichter verstehen, werden Sie leichter darauf kommen, wie es
ganz selbstverstandlich ist, dafi dasjenige, was wir mit Tieren, Pflan-
zen, Mineralien erleben, in etwas sich auslebt auf der Erde, was die
Menschen zusammenfafit, was sie umgibt wie eine geistige Luft, eine
geistige Atmosphare im Irdischen. Was die Menschen unter sich erle-
ben, begriindet nur ein reines Atherisches zwischen Geburt und Tod.
Was die Menschen im Untermenschlichen erleben, im Wirtschaftsle-
ben, das wird erst Mensch, wird erst heraufgehoben ins Erdenmensch-
liche, wenn wir durch den Tod hindurchgeschritten sind.
Das miiftte gerade fiir den anthroposophisch orientierten Geist, fiir
den, der eine Vertiefung des Lebens durch anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft sucht, von dem allerhochsten Interesse und von
allergrofker Bedeutung sein: anzuerkennen, dafi diese Dreigliederung
des sozialen Organismus konkret begriindet ist einfach in dem Um-
stande, da£ der Mensch auch nach dieser Richtung ein dreigliedriges
Wesen ist, dadurch, dafi er, wenn er als Kind hereinwachst in die phy-
sische Welt, noch etwas an sich tragt von dem, was er vorgeburtlich
erlebt hat, dadurch, dafi er etwas an sich tragt, was nur Bedeutung hat
zwischen Geburt und Tod, und dadurch, dafi er gewissermaften unter
dem Schleier des gewohnlichen physischen Lebens schon hier dasjenige
vorbereitet, was wiederum ubersinnlich-nachtodliche Bedeutung hat.
Was hier als das niederste Leben erscheint, das Leben in der physischen
Wirtschaft, hier fiir die Erde ist es scheinbar niedriger als das Rechts-
leben, aber dieses Durchleben des Niedrigeren entschadigt uns zugleich
damit, dafi wir fiir unseren tiefer gelegenen Menschen, wahrend wir in
der niedrigeren Wirtschaft drinnenstehen, die Zeit gewinnen, uns vor-
zubereiten fiir das nachtodliche Leben. Indem wir mit unserer Seele
angehoren dem Kunstleben, dem religiosen Leben, dem Erziehungsle-
ben, dem sonstigen Geistesleben, zehren wir von der Erbschaft, die
wir hereintragen durch die Geburt in das physisch-irdische Dasein.
Aber indem wir durch das Wirtschaftsleben uns gewissermafien in das
Untermenschliche erniedrigen, in dasjenige Denken, das nicht so hoch
hinaufragt, werden wir entschadigt, indem wir im tiefsten Inneren
dasjenige vorbereiten, was dann nach dem Tode erst ins Menschliche
heraufragt. Paradox mag das fiir den heutigen Menschen noch klingen,
weil er gern die Dinge einseitig ansieht und eigentlich keine Ahnung
davon haben will, dalS eben jegliches Ding nach zwei Seiten hin sein
Wesen im Leben entfaltet. Was nach der einen Seite hoch ist, ist nach
der anderen Seite niedrig, was nach der einen Seite niedrig ist, ist nach
der anderen Seite hoch. Immer hat ein jegliches Ding im wirklichen
Leben - ich konnte auch sagen in der Lebenswirklichkeit — seine andere
Seite. Der Mensch wiirde iiberhaupt iiber sich und die Welt einen besse-
ren Aufschlufi erringen, wenn er sich bewuftt ware, wie ein jegliches
Ding immer seine andere Seite hat. Manchmal ist es unangenehm, sich
dies zum vollen Bewufttsein zu bringen, es legt uns das mancherlei Le-
benspflichten auf. So zum Beispiel: Mit Bezug auf gewisse Dinge miis-
sen wir gescheit werden, aber wir konnen das Maft dieser Gescheitheit
in bezug auf gewisse Dinge nicht entwickeln, ohne ein gleiches Maft
von Dummheit nach einer anderen Seite zu entwickeln. Immer bedingt
das eine das andere. Und wir diirften eigentlich niemals einen Men-
schen fur vollstandig dumm halten, wenn er auch im aufieren Leben
uns als dumm entgegentritt, ohne daft wir uns dessen bewuftt waren: in
seinem Unterbewuftten liegt vielleicht eine tiefe Weisheit, die uns
nur verhiillt ist. Die Wirklichkeit enthiillt sich erst, wenn man dieser
Zweiseitigkeit alles Wirklichen gerecht wird. Und so ist es auch: es
erscheint uns das Leben der geistigen Kultur auf der einen Seite als das
Hochste; es ist zu gleicher Zeit dasjenige, wo wir eigentlich immer
Raubbau treiben, wo wir immer an dem zehren, was wir herein-
bringen durch unsere Geburt ins physische Dasein. Das wirtschaft-
liche Leben erscheint uns als das niedrigste Glied: es ist dies nur aus
dem Grunde, weil es den niedrigsten Aspekt uns zeigt zwischen Geburt
und Tod. Es laftt uns Zeit, unbewuftt dasjenige zu entwickeln, was die
geistige Seite des Wirtschaftslebens ist und was wir durch den Tod in
die iibersinnliche Welt hineintragen. Dieses Zusammengehorigkeits-
gefiihl in Briiderlichkeit mit den anderen Menschen, das ist es, was
ich da unter dem geistigen Teil des Wirtschaftslebens hauptsachlich zu
verstehen habe.
Nun, Verstandnis fiir diese Dinge ist der Menschheit dringend von-
noten, wenn sie aus gewissen Kalamitaten herauskommen will, die sich
gerade dadurch ergeben haben, daft man diese Dinge eben nicht be-
riicksichtigt hat. Innerhalb der intellektuellen fiihrenden Personlich-
keiten der herrschenden Klassen hat sich etwas herausgebildet - ich
sprach vorgestern davon -, was nicht Stoftkraft hat, in die Alltaglich-
keit hineinzustrahlen. In diesem Punkte das richtige Verstandnis sich
anzueignen, ist ganz besonders wichtig fiir den Menschen der Gegen-
wart. Sehen Sie, die fiihrenden intellektuellen Kreise der herrschenden
Klassen, sie haben eine gewisse sittliche Weltanschauung, eine gewisse
religiose Anschauung entwickelt. Aber diese sittliche, diese religiose
Weltanschauung will man am liebsten immer einseitig ganz idealistisch
halten. Sie soil nicht die Stofikraft haben, zugleich in das alltagliche
Leben einzudringen. Praktisch tritt Ihnen das dadurch zutage, daft Sie
Sonntag fur Sonntag und sogar ofter die bekannten Kirchen besuchen
konnen: es werden Ihnen Predigten gehalten werden, Predigten, die
aber fortwahrend versaumen die intensivsten Pflichten der Zeit. Es
wird Ihnen von allem moglichen geredet werden, was Sie tun sollen
aus religioser Weltanschauung heraus, was aber keine Stofikraft hat.
Denn gehen Sie aus der Kirche heraus, treten Sie ins auftere alltagliche
Leben hinein, so konnen Sie nicht anwenden alles, was da gepredigt
wird iiber Liebe von Mensch zu Mensch, was man tun soil, was der
eben erleben will und jener eben gepredigt hat. Wo haben Sie eine
Verstandigung, eine Verbindung zwischen dem, was der Prediger, der
Sittenlehrer zu seinen Studenten sagt, und zwischen dem, was im all-
taglichen Leben nun einmal herrscht?
Das war zum Beispiel in den Zeiten, auf die der Totemkultus zu-
riickweist, anders: da richteten die Eingeweihten das alltagliche Leben
nach dem Ratschlufi der Gotter ein. Es ist ein ungesunder Zustand,
dafi heute von den Kanzeln her nichts gehort wird iiber die notwendige
Einrichtung des Wirtschaftslebens. Dasjenige, was da gepredigt wird,
das gleicht - ich habe ofter diesen Vergleich gebraucht - wirklich dem,
wenn man einem Of en gegenubersteht und sagt: Du Of en, du stehst
hier im Zimmer. So wie du angeordnet bist im Verhaltnis zu den
iibrigen Gegenstanden im Zimmer, ist es deine heilige Pflicht, das Zim-
mer warm zu machen. Also erfiille deine heilige Pflicht und mache das
Zimmer warm. - Sie konnen lange so dem Ofen predigen, er wird nicht
das Zimmer warm machen! Aber Sie brauchen gar nicht zu predigen,
sondern Holz oder Kohlen hineinzulegen und sie anzuziinden, so wer-
den Sie das Zimmer warm machen. So konnen Sie alle Sittenlehren
unterlassen, die bloft reden von dem, was der Mensch, um der ewigen
Seligkeit willen, oder um anderer Dinge willen, die dem blofien Glau-
ben angehoren, tun soil. Sie konnen also unterlassen die Predigten,
die heute zumeist den Inhalt der Kanzelreden bilden, aber Sie konnen
nicht dasjenige unterlassen, was heute realesWissen vom sozialen Orga-
nismus ist. Das ware die Pflicht derjenigen, die Volkserzieher sein wol-
len, auch im Praktischen die Briicke zu bauen von dem, was als Gei-
stiges die Welt durchlebt und durchwebt, zu dem, was im alltaglich-
sten Leben geschieht. Denn der Gott, das Gottliche, lebt nicht nur in
dem, was der Mensch in Wolkenhohen ertraurnt, sondern in dem ge-
ringsten Alltaglichsten. Wenn Sie das Salzfaft auf dem Tisch ergreifen,
wenn Sie den Loffel Suppe zum Munde fiihren, wenn Sie urn fiinf
Pfennige etwas von Ihrem Mitmenschen erkaufen, in alien Dingen
lebt das Gottliche. Und wenn man sich dem Glauben hingibt: da ist
auf der einen Seite das derb Materielle, Konkrete, dasjenige, was nie-
derer Natur ist, und auf der anderen Seite das Gottlich-Geistige, das
man ja recht fernhalten soil von diesem derb Materiellen, Konkreten,
weil das eine heilig ist und das andere profan, weil das eine hoch ist
und das andere niedrig, dann widerspricht man gerade dem innersten
Sinn einer wirklichkeitsgemafien Weltauffassung: der Stofikraft vom
Hochsten, Heiligen, herunter bis in die alltaglichsten Erlebnisse der
Menschen.
Damit ist zugleich das charakterisiert, was die religiose Entwicke-
lung bis in unsere Zeit herein versaumt hat, die nur immer dem Ofen
predigt, er solle warm sein, und die verpont, auf wirkliche, konkrete
Geist-Erkenntnis einzugehen. Wiirde man sich nur iiberall dieses frei
sagen, was versaumt worden ist, von denjenigen versaumt, die sich
berufen fiihlen, das geistige Leben zu fiihren, dann wiirde das schon
eine wesentliche Hinlenkung sein auf das, was zu geschehen hat.
Wie redet man heute oftmals von Erlosung, von Gnade, von dem,
was Gegenstand des Glaubens ist? Man redet so, dafi man es den Men-
schen hochst bequem macht: Da sind die Menschen mit ihren Men-
schengemiitern. Auf Golgatha ist einstmals der Christus Jesus gestor-
ben und - die fortgeschrittenen Theologen glauben ja heute nicht mehr
daran - auferstanden. Aber das tut er alles fur sich, die Menschen
brauchen nichts anderes zu tun, als daran zu glauben. - So meinen
heute viele, und sie betrachten es als eine Storung ihrer Kreise, wenn
anders gedacht wird. Es mufi aber gelernt werden, anders zu denken!
Gerade auf diesem Gebiete mufi ein radikaler Umschwung eintreten.
Man mochte sagen: Heute erklingt uns wiederum die Christus-Mah-
nung oder schon die Mahnung des Taufers Johannes: Andert den Sinn,
denn die Zeit der Krisis ist nahe herbeigekommen. - Die Menschen ha-
ben sich gewohnt, das Geistige irgendwo vorauszusetzen, irgendwo, wo
es fur sie sorgt; sich erzahlen zu lassen von den religiosen Predigern, dafi
es eine solche geistige Welt gibt, die man moglichstwenigcharakterisiert.
Die Menschen wollen sich nicht anstrengen in ihren Gedanken, auch
etwas zu wissen iiber die geistige Welt, sondern nur daran glauben. Die
Zeit ist vorbei, in der das sein darf ! Die Zeit muE beginnen, in der die
Menschen wissen miissen: Nicht blo$: ich denke — ich denke vielleicht
auch iiber das Ubersinnliche sondern: Ich mufS EinlaiS gewahren den
gottlich-geistigen Machten in meinem Denken, in meinem Empfinden.
Die Geistwelt mufi in mir leben, meine Gedanken selber miissen gott-
licher Natur sein. Ich muJ8 dem Gotte Gelegenheit geben, dafi er durch
mich sich ausspricht.-Dawird das geistige Leben nicht mehrblofi Ideo-
logic sein. Das ist die grofie Siinde der neueren Zeit, dafi das geistige
Leben zur Ideologic abgelahmt ist. Und ideologisch ist schon heute
die Theologie, Ideologic ist nicht blofi die proletarische, sozialistische
Weltanschauung. Aber von dieser Ideologic miissen die Menschen ge-
sunden. Die geistige Welt mufi ihnen ein Reales werden. Und wissen
miissen sie, daf$ die geistige Welt als Reales lebt in dem einen Gliede
des sozialen Organismus wie die Erbschaft vom vorgeburtlichen Le-
ben, von der sogenannten Geistwelt; und dafi sich vorbereitet ein
Geistiges, wahrend wir scheinbar unter die Menschen herunter in das
wirtschaftliche Leben untertauchen. Es bereitet sich gerade da, als
Ausgleich fur dieses Untertauchen, dasjenige vor, was uns durch das
Leben, das wir betreten, indem wir durch den Tod in die geistige Welt
wiederum eintreten, wiederum hineinfiihren soli, wenn wir es richtig
durchleben, in menschlichere bruderliche Wissenschaft hier auf der
Erde.
Real betrachten das Leben - das ist dasjenige, was wiederum kom-
men mufi. Und derjenige stellt sich als Bekenner anthroposophisch
orientierter Geistes wissenschaft richtig in die Welt hinein, der sich be-
wufit wird: Die Dinge, die einmal heute in die Menschheit treten miis-
sen, sie konnen fur ihn vertieft werden dadurch, dafi Anthroposophie
nicht blofi als etwas entwickelt wird, was nur Wissenschaft ist, son-
dern dafi er sie als etwas hat, was in alle seine Empfindungen eindringt,
was seine ganze Lebensempfindung durchdringt, umgestaltet auch, sie
so macht, dafi er als ein wiirdiges Glied eintreten kann in dasjenige,
was beginnen mufi mit der Gegenwart und was allein zum Heile wer-
den kann fur die Menschheitszukunft.
Mit diesen Dingen gibt man dasjenige an, was notwendig ist fur
die Menschheit, aber auch das, was versaumt worden ist von der
Menschheit. Nur durch das furchtlose und mutige Sich-Hineinverset-
zen in dasjenige, was versaumt worden ist, und in das, was notwendig
ist, kann irgend etwas Heilsames fur die Gegenwart und die nachste
Zukunft gebracht werden. Deshalb suchte ich Ihnen wiederum hier,
wo wir unter uns sind, zu dem, was man heute ttber das soziale Problem
offentlich sagen kann, dasjenige hinzuzufiigen, was man sagen kann
gerade vom Gesichtspunkte anthroposophisch orientierter Geisteswis-
senschaft; wo man einbeziehen kann dasjenige, was von dem unsterb-
lichen, von dem iibersinnlichen Leben des entkorperten Menschen her-
einragt in dieses irdische Leben.
Von dem sozialen Organismus ist nur ein Glied, nur dasjenige Glied,
was sich auf die aufierliche staatliche Organisation bezieht, rein irdisch.
Die beiden anderen Glieder sind nach zwei verschiedenen Seiten hin
mit dem Uberirdischen verquickt. Auf der einen Seite wird uns ein
Geistesleben als ein irdisches geistiges Leben zuteil, das - weil es ge-
wissermafien herausgeprefit wird aus dem vorgeburtlichen, tiberirdi-
schen Geistesleben — von uns durchlebt werden kann, ich mochte sagen,
wie ein Oberflufi. Und auf der anderen Seite miissen wir als leibliche
Menschen - wodurch wir verbunden sind mit der Tierheit der Erde -
untertauchen in das blofie Wirtschaftsleben. Allein, weil wir nicht
blofi leibliche Menschen sind, sondern weil sich vorbereitet in diesem
Leib die Seele fur die folgenden Erdenleben und fur die folgenden
iibersinnlichen Leben, bereitet sich auch durch das Wirtschaftsleben
dasjenige vor, was jenen Teil von uns in die Menschlichkeit hinauf-
fiihrt, der hier noch nicht ganz menschlich ist: den Menschen, der im
Wirtschaftsleben drinnenstehen mufi. Wir haben gleichsam etwas in
uns von einem t)bermenschen, insofern wir in einen sozialen Zusam-
menhang hineinriicken konnen, der das irdische Geistesleben durch-
webt. Wir haben etwas vom bloflen Menschen an uns, indem wir
Staatsbiirger werden. Wir haben etwas in uns, was uns zwingt, unter
beides hinunterzusteigen, aber wir werden zu gleicher Zeit von der
iibersinnlichen Welt entschadigt dadurch, dafi in dem, was als nied-
rigstes Glied erscheint im sozialen Erleben, sich schon dasjenige vorbe-
reitet, was uns wiederum hinauffuhrt, uns wiederum eingliedert in das
Obersinnliche.
Die Wirklichkeit ist allerdings nicht so oberflachlich, nicht so be-
quem zu erfassen, wie man das manchmal haben mochte. Allein, sie
zeigt auf der anderen Seite, wie das Menschenleben die verschiedensten
Phasen durchmacht, jede Phase aber neue Momente, neue Ingredien-
zien, neue Impulse, die nur auf diesen bestimmten Gebieten gegeben
werden konnen, wo sie gegeben werden, in das Menschenleben hin-
eintragt. So sehen wir, wie sich ineinanderschlingen die Faden des Le-
bens, welches wir hier zwischen Geburt und Tod verleben, mit jenen
Faden, die wir ziehen, indem wir das Leben zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt durchleben. Und alles fiigt sich im hochsten Mafie
sinnvoll ineinander in diesem gesamten Menschenleben. Dasjenige, was
sich wiederum anspinnt hier im irdischen Leben von menschlichem In-
dividuum zu menschlichem Individuum, was wir hier einem Menschen
tun, indem wir ihm eine Freude machen, indem wir ihm ein Leid zu-
fugen, indem wir seine Gedanken bereichern, oder seine Gedanken
verarmen, indem wir dieses oder jenes ihm beibringen, — das bereitet
unser karmisches, unser schicksalsmafiiges Leben vor fiir das nachste
Erdendasein.
Aber unterscheiden miissen wir davon dasjenige, was wir notig
haben zu unserer Vorbereitung fiir das Leben, welches wir unmittel-
bar nach dem Tode als ein iibersinnliches entfalten. Wir werden hier
zusammengefuhrt in gewisse soziale Gemeinschaften. Wir miissen wie-
der herausgefiihrt werden. Wir werden es dadurch, da£ aus unserem
blofien Wirtschaftsleben, aus der bloften Okonomie, etwas auftaucht,
das uns durch die Pforte des Todes hiniibergeleitet in die geistige Welt,
damit wir nicht in der sozialen Gemeinschaft verbleiben, in der wir
uns hier eingelebt haben, sondern in einem nachsten Leben in eine an-
dere aufgenommen werden konnen. So sinnvoll verschlingen sich die
karmischen Faden mit denjenigen Faden, die uns in das allgemeine
Weltenleben hineinstellen.
Dasjenige, was man durch die Verbindung des Ubersinnlichen mit
dem physisch-irdischen Leben aus der Geisteswissenschaft noch fiirdie.se
Dreigliederung des sozialen Organismus gewinnen kann, scheint schon
wesentlich dasjenige noch zu vertiefen, was exoterischer Gehalt iiber
die Dreigliederung des sozialen Organismus werden mufi. Das scheint
es schon wesentlich zu vertiefen. Gewifi, fur den aufienstehenden Men-
schen ist dies schwer zu verstehen, da ist heute keine Hilfe moglich.
Aber derjenige, der innerhalb der anthroposophischen Bewegung steht,
der sollte immer fur alles das, was sich hier im Irdischen begriinden
lafit, zu gleicher Zeit alles aufnehmen, was uns verbindet mit der
Sphare, in die wir eintreten nach unserem Tode, aus der wir kamen
durch unsere Geburt, in der wir zu suchen haben diejenigen, die vor
uns hinweg aus dieser Welt gegangen sind und zu denen wir be-
stimmte Beziehungen haben. Denn das wird die schonste menschliche
Errungenschaft gerade anthroposophischer Vertiefung sein, dafi sie die
beiden grofien Mysterien des irdischen Lebens, die Geburt und den
Tod, durchschauen lehrt, eine Briicke schafft zwischen dem Sinnlichen
und dem Ubersinnlichen, zwischen den sogenannten Lebendigen und
den sogenannten Toten, so dafi das Tote wie ein Lebendiges unter uns
wird und wir von dem Lebendigen sagen konnen: Nichts anderes als
eine andere Form des Seins ist dasjenige Leben, das im Ubersinnlichen
das unsere war vor der Geburt und das das unsere sein wird nach dem
Tode. Es ist tot hier in der Sinnlichkeit, wie die Sinnlichkeit tot ist,
indem wir das Ubersinnliche durchleben. Die Dinge in der Welt sind
relativ in Beziehung zueinander. Und wenn wir durchschauen diese
zwei Seiten einer jeglichen Wirklichkeit, dann erst dringen wir in die
Wirklichkeit selbst ein.
Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute als eine Erganzung, eine mehr
esoterische Erganzung derjenigen Fragen geben wollte, welche jetzt
offentlich zu erortern so dringend notwendig ist, und an welcher Er-
orterung sich ganz besonders beteiligen sollten diejenigen, die der
anthroposophischen Bewegung nahestehen.
Auf eine Frage, die nicht erhalten ist, bemerkte Rudolf Steiner noch:
Diese Dinge sind so, dafi man wirklich sagen kann: Diese Anschau-
ung vom sozialen Organismus ist eine feste Basis. Und man hat nur
zu untersuchen, wie sie sich im einzelnen Falle einlebt in das Leben.
Wenn Sie den pythagoraischen Lehrsatz kennen, so werden Sie
nicht fragen: wie rechtfertigt er sich in alien Einzelheiten? - Sie wis-
sen, wenn Sie ihn kennen: Er wird liberal! richtig sein, wo er anwend-
bar ist, ebenso wie drei mal zehn dreifiig ist, iiberall, wo Sie es an-
wenden: Sie werden nicht fragen miissen, ob es richtig ist und es be-
weisen miissen. Sie miissen diese Dinge in sich selber einsehen. So
werden Sie auch finden, da£ bei dieser Anschauung uber das soziale
Leben man von einer gewissen Basis ausgeht, die einfach sich als
richtig erweist; die anderen Dinge, die kommen, schliefien sich dann
richtig daran. Das Steuersystem, das Besitz-System, alles schliefk sich
als eine Konsequenz an. Alles das wird sich ergeben, wenn man den
lebendigen sozialen Organismus ergreift. Und so ergibt sich, dafi die
Leute zum Beispiel durchaus nicht anstehen werden, ihre Kinder auch
in die Freie Schule zu schicken. Im Gegenteil: sie werden sie scbicken
wollen, weil sie ein Interesse daran haben werden.
Und wiederum auf dem Gebiete, wo sich ein Verhaltnis eines je-
den Menschen zu jedem Menschen entwickelt: Auf dem Gebiet des
Rechtslebens urteilsfahig zu sein, ist notwendig, und niemand wiirde
gewahlt werden konnen in den Vertretungskorper des zweiten Glie-
des des sozialen Organismus, der nicht urteilsfahig ware. So etwas
mufi natiirlich dann gepriift werden: Was sich von Mensch zu Mensch
bezieht, dieses Interessenehmen, dieses bewufite Drinnenstehen im
Leben, das wird ganz von selbst erhalten im freien Organismus, der
schon gesund werden wird.
DRITTER VORTRAG
Zurich, 11. Februar 1919
Ich sagte schon heute vor acht Tagen, dafi wir als an der anthroposo-
phischen Bewegung interessierte Menschen wesentlich vertiefen kon-
nen und auch vertieft auffassen konnen dasjenige iiber die brennenden
Fragen der Gegenwart, was notwendig fiir die gegenwartige Mensch-
heit ist, um ein Urteil, urn die Moglichkeit einer Stellungnahme zu
gewinnen. Vertiefter konnen wir manches auffassen, als es moglich
ist innerhalb der breiten Dffentlichkeit. Gewissermafien konnen wir
uns wie eine Art von Sauerteig, wenn ich das biblische Wort gebrauchen
darf, betrachten, so dafi ein jeder an seinem Orte versucht, auch noch
aus einem tieferen Gefuhl, aus einem tieferen Impuls heraus etwas bei-
zutragen zu dem, was der Zeit ganz besonders notig ist.
Wenn wir uns an dasjenige erinnern, was als der Grundton in den
offentlichen Vortragen gesagt worden ist, so werden wir finden, es
handelt sich fiir die Gegenwart darum, eine gewisse Gliederung des
sozialen Organismus anzustreben. Ich sage immer anstreben, nicht
etwa revolutionar von heute bis morgen durchfuhren wollen, sondern
anstreben eine gewisse Gliederung desjenigen, was unter dem Einflusse
gewisser neuzeitlicher Zeitstromungen zentralisiert worden ist. An-
streben, dafi statt des sogenannten Einheitsstaates, in freier Selbstan-
digkeit neben den anderen sich entwickelt ein besonderes Glied des
sozialen Organismus, das alles umfaflt, was sich auf das geistige Leben
bezieht: Erziehung der Menschen, Unterricht, Kunst, Literatur, aber
auch, wie ich schon angedeutet habe und wie morgen noch im offent-
lichen Vortrage beriihrt werden soil, dasjenige, was sich bezieht auf
die Verwaltung des Privat- und Strafrechtes. Ein zweites Glied des
sozialen Organismus soli dann im engeren Sinne dasjenige sein, was
man bisher Staat genannt hat und dem man eigentlich in der neueren
Zeit, eben aus den Stromungen der letzten vierhundert Jahre heraus,
alles mogliche auf laden wollte: Staatsschulen, Staatserziehung und so
weiter. Aber auch gerade unter dem Einflufi von sozialistischen und
sozialen Gedanken versucht man heute, das wirtschaftliche Leben und
das im eminentesten Sinne politische Rechtsleben zu einer Einheit zu-
sammenzuschweifien. Beide miissen wieder auseinanderstreben. Selb-
standig miissen einander gegeniiberstehen als zweites Glied des sozialen
Organismus der politische Staat, und selbstandig, relativ selbstandig,
alles dasjenige, was in sich schliefit Warenzirkulation, Wirtschaftsle-
ben, Okonomie.
Nun wollen wir diese Sache einmal von einem Gesichtspunkte be-
trachten, der heute noch nicht so leicht dem zuganglich sein kann,
der nicht innerhalb unserer Bewegung steht, und wollen das dann
bringen bis zu einer gewissen Kulmination, so dafi aus dieser Kulmi-
nation heraus ein tieferes Verstandnis der Lebenslage der heutigen
Menschheit iiberhaupt erquellen kann. Betrachten Sie einmal dasjenige,
was man im irdischen Sinne Geistesleben nennt. Geistesleben im irdi-
schen Sinne ist alles das, was uns in irgendeiner Weise iiber den ein-
zelmenschlichen Egoismus hinaushebt und mit Gruppen von ande-
ren Menschen zusammenfiihrt. Nehmen Sie als fiir die Mehrzahl der
Menschen heute noch bedeutsamstes irdisches Geistesleben dasjenige
Geistesleben, das gerade den Zusammenhang mit dem iiberirdischen
Geistesleben vermitteln soil, nehmen Sie das religiose Leben, wie es
sich fiir den Menschen in den einzelnen Religionsgemeinden abspielt.
Der Mensch wird da in einer gewissen Weise durch seine seelischen
Bediirfnisse mit anderen Menschen zusammengefiihrt, mit diesen an-
deren Menschen verbinden ihn dann gleichartige Seelenbedurfnisse.
Durch die Erziehung sorgt ein Mensch fiir den anderen im Geistig-
Seelischen. Wenn wir ein Buch lesen, werden wir auch iiber unser indi-
viduelles, egoistisches Leben hinausgefiihrt, indem wir die Gedanken
des Autors nicht allein aufnehmen, sondern, wenn es ein nur halbwegs
gelesenes Buch ist, mit zahlreichen anderen Menschen gleiche Gedan-
ken aufnehmen, was wiederum uns in eine gewisse Menschengruppe
hineinstellt, welche Gleichartiges in der Seele erlebt. Das ist doch eine
wichtige Charaktereigenschaft des geistigen Lebens, dafi dieses geistige
Leben aus der vollen Freiheit erquillt, aus der individuellen Initiative
des einzelnen Menschen, dafi aber dieses irdische Geistesleben den Men-
schen zusammenfiihrt mit anderen Menschen, Menschengruppen formt
aus der Gesamtheit der Menschen heraus.
Damit aber ist eines schon fur den, der tieferes Verstandnis sucht,
gesagt, etwas gesagt, was jegliche Art solchen Zusammenlebens dem
Zentralereignisse der ganzen Erdenentwickelung, dem Mysterium von
Golgatha, nahebringt. Denn seitdem das Mysterium von Golgatha in
der Erdenentwickelung sich abgespielt hat, gehort alles dasjenige, was
auf das Menschenzusammenleben sich bezieht, in einem gewissen Sinne
zu diesem Christus-Impuls. Das ist das Wesentliche, dafi der Christus-
Impuls nicht dem einzelnen Menschen gehort, sondern dem menschli-
chen Zusammenleben. Es ist, im Sinne des Christus Jesus selber verstan-
den, ein grofier Irrtum, wenn man glaubt, der einzelne Mensch konne
eine unmittelbare Beziehung zu dem Christus haben. Das Wesentliche
ist, dafi der Christus gelebt hat, gestorben ist, auferstanden ist fiir die
Menschheit, fiir dasjenige, was die Menschheit im Ganzen ist. Daher
kommt seit dem Mysterium von Golgatha das Christus-Ereignis sofort
in Betracht - wir werden spater darauf zuriickkommen wenn irgend-
eine Art menschlichen Zusammenlebens entfaltet wird. Es riickt also
auch das irdische Geistesleben, das erquillt aus dem Individuellsten
heraus, aus den menschlichen personlichen Anlagen und Begabungen,
an das Christus-Ereignis fiir den wirklich die Welt Verstehenden heran.
Nun betrachten wir aber zunachst dieses irdische Geistesleben fiir
sich: religioses Leben, Schul- und Erziehungswesen, kiinstlerisches We-
sen und so weiter. Wir gelangen durch dieses in eine gewisse Bezie-
hung zu anderen Menschen. Da miissen wir unterscheiden zwischen
dem, was uns mit anderen Menschen durch unser eigentliches Schick-
sal, durch unser Karma in Beziehung bringt, und dem, was nicht in
diesem engsten Sinne mit unserem individuellen Karma zusammen-
hangt. Wir haben auf der einen Seite gewisse Beziehungen zu den
Menschen, die sich einstellen in unserem Leben; wir kniipfen neue Be-
ziehungen an zu einzelnen Menschen. Wir haben Beziehungen, die
nichts anderes sind als die Wirkungen von anderen Verhaltnissen, die
in friiheren Erdenleben sich angekniipft haben. Wir kniipfen hier
wiederum Verhaltnisse an, die ihre karmische Entwickelung in spate-
ren Erdenleben finden werden. Das gibt eine ganze Menge von indivi-
duellen Beziehungen der einzelnen Menschen zu anderen einzelnen
Menschen. Diese Beziehungen, die im wesentlichen mit unserem Karma
im engsten Sinne zusammenhangen, miissen wir unterscheiden von den
weiteren Beziehungen, in die wir dadurch zu Menschen kommen, daft
wir mit ihnen solche Gemeinschaften schlieften, durch welche wir einer
religiosen Gemeinde, einem Glaubensbekenntnis mit ihnen gemeinsam
angehoren, daft wir mit ihnen in gleichem Sinne erzogen werden, mit
ihnen gemeinschaftlich ein Buch lesen und dergleichen, mit ihnen ge-
meinsam irgendeine Kunst genieften und so weiter. Diese Menschen,
mit denen wir also in eine irdische Gemeinschaft kommen, miissen
nicht immer durch eine karmische Beziehung aus einem friiheren Er-
denleben mit uns zusammen sein. Es gibt allerdings auch solche Ge-
meinschaften, die auf gemeinsame Schicksale in friiheren Erdenleben
hinweisen, aber mit diesen groften Gemeinschaften, von denen ich eben
gesprochen habe, ist dieses in der Regel nicht der Fall. Doch fiihrt es
auf etwas anderes zuriick. Es fiihrt darauf zuriick, daft wir gegen das
Ende der Zeit, die wir in der iibersinnlichen Welt zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt durchleben, wenn wir in dem Zeitraume an-
kommen, der nahe liegt unserer neuen Wiederverkorperung, geistige
Beziehungen eingehen - weil wir bis zu einem gewissen Grade da reif
werden fur solche geistige Beziehungen - zu den Hierarchien der
Angeloi, Archangeloi und Archai, also geistige Beziehungen zu den
hoheren Hierarchien iiberhaupt; aber daft wir in der geistig-iibersinn-
lichen Welt vor unserer neuen Geburt auch anderen Menschenseelen
nahekommen, die spater verkorpert werden als wir, die in irgend-
einer Weise noch langer auf ihre Verkorperung zu warten haben.
Wir haben eine ganze Summe von iibersinnlichen Begegnungen, die
wir gerade durch unsere besondere Reife machen, bevor wir wieder-
um durch eine Geburt in das Erdenleben hereingezogen werden. Und
diese Krafte, die wir dabei aufnehmen, die stellen uns auf der Erde
an denjenigen Platz hin, wo es uns moglich wird, solche Gemein-
schaften des irdisch-geistigen Lebens zu erleben, von denen ich eben
gesprochen habe.
Es ist aus dem, was ich gesagt habe, vor alien Dingen herauszuneh-
men, daft unser irdisch-geistiges Leben, das wir erleben, indem wir
religiose Menschen sind, indem wir erzogen werden, geschult werden,
indem wir gewisse Kunsteindriicke aufnehmen und dergleichen, nicht
etwas ist, was nur seine Bestimmung erhalt durch das, was auf der
Erde ist, sondern bestimmt ist durch dasjenige, was wir iibersinnlich
erst erleben, bevor wir durch die Geburt zu diesem irdischen Geistes-
leben herunterkommen. Wie durch das Bild, das im Spiegel ist, hin-
gewiesen wird auf den, der sich abspiegelt, so wird durch das irdische
Geistesleben hingewiesen auf das, was der Mensch erlebte, bevor er in
einen irdischen Leib eingezogen ist. In dieser Beziehung gibt es nichts
auf der Erde, was in einem so innigen Bezug, in einem so realen, leben-
digen Bezug zu der ubersinnlichen Welt steht als dieses irdische Gei-
stesleben, das ja gewisse Verirrungen, viele Verirrungen aufweist. Aber
auch die Verirrungen haben einen sinnvollen Bezug zu dem, was wir
im Ubersinnlichen, in einer ganz anderen Weise allerdings, aber doch
eben im Ubersinnlichen erleben. Dadurch wird das irdische Geistes-
leben zu einer besonderen Stellung auf der Erde gebracht, dafi es mit
unserem vorgeburtlichen Leben zusammenhangt. Nichts anderes im
irdischen Leben hangt mit unserem vorgeburtlichen Leben so zusam-
men wie dieses irdische Geistesleben. Das ist, worauf der Geistesfor-
scher noch besonders hinweisen muf$. Er trennt das irdische Geistes-
leben von den anderen Betatigungen ab, denen der Mensch hier auf
der Erde unterliegt, weil er in seinen ubersinnlichen Beobachtungen
erfahrt, dafi dieses irdische Geistesleben im vorgeburtlichen, ubersinn-
lichen Leben seine Urspriinge, seine Impulse hat. Dadurch gliedert sich
fur den Geisteswissenschafter dieses irdische Geistesleben von dem an-
deren Erleben des Menschen ab.
Anders steht es mit dem, was man im engeren Sinne das politische,
das offentliche Rechtsleben nennen kann, dasjenige Leben, welches
staatliche Ordnung unter den Menschen bringt. Wieviel man auch mit
den genauesten geisteswissenschaftlichen Methoden sich anstrengt zu
erforschen, womit dieses Staatliche, das eigentlich Staatliche, das poli-
tische Rechtsleben, das offentliche Rechtsleben zusammenhangt, man
findet gar keinen Bezug dieses Lebens zu einem Ubersinnlichen. Die-
ses Leben steht da als vollig irdisches. Wir miissen uns nur genau
verstandigen dariiber, was hier gemeint ist. Was ist zum Beispiel ein
im eminenten Sinne irdisches, irdisches politisches Rechtsverhaltnis?
Das Besitzverhaltnis, das Eigentumsverhaltnis. Wenn ich irgendwie
Besitzer bin eines Grundstiickes, so bin ich es nur dadurch, dafi mir
ein politischer Zusammenhang das ausschlieftliche Recht gibt, dieses
Grundstuck zu beniitzen, mir es moglich macht, alle anderen von
der Bemitzung dieses Grundstiickes, der Bebauung und so weiter
auszuschliefien. So ist es mit alledem, was auf dem offentlichen Recht
beruht. Das, was die Summe der offentlichen Rechte ist, auch die
Summe alles dessen, was eine gewisse Gemeinschaft nach aufien
schiitzt, das alles ist das Staatsleben im engeren Sinne. Das ist das
eigentlich irdische Leben, was nur mit den Impulsen, die beim Men-
schen zwischen Geburt und Tod verfliefien, zusammenhangt. Mag sich
der Staat manchmal noch so sehr diinken, er sei ein Gottgegebenes, im
Sinne der tieferen Auffassung aller religiosen Bekenntnisse gilt fol-
gendes. Erstens gilt dasjenige, was der Christus Jesus meinte, als er in
der damaligen Sprache zu den Menschen sprach: «Gebet dem Casar,
was des Casars ist, und Gott, was Gottes ist.» Er wollte insbesondere
gegeniiber den Aspirationen des romischen Imperiums alles, was aufier-
liches Staatsleben ist, scheiden von dem, was ein Spiegelbild des iiber-
sinnlichen Lebens ist. Aber alles das, was in das blofie irdische Staats-
leben einen Uberirdischen Impuls hereinbringen will, zum Beispiel den
Staat geradezu zum Trager des religiosen Lebens oder zum Trager des
Erziehungswesens machen will - woran kein Mensch in der neueren
Zeit zweifelt, dafi es so sein soil, leider! — , all das bezeichneten die
tieferen religiosen Naturen so, dafi sie sagten: Wenn irgendwie sich
mischen will dasjenige, was geistig-iibersinnlich ist, mit dem, was
aufierlich-staatlich ist, so regiert der widerrechtliche Fiirst dieser Welt.
Sie wissen vielleicht, man miifite viel iiber die Bedeutung des wider-
rechtlichen Fiirsten dieser Welt nachdenken, und man kriegt zuletzt
nichts heraus. Man bekommt nur durch Geisteswissenschaft heraus,
was damit gemeint ist. Dann regiert der widerrechtliche Fiirst dieser
Welt, wenn das, was sich blofi auf die Ordnung irdischer Verhaitnisse
beziehen soil, sich anmafit, das geistige und, wie wir spater sehen wer-
den, auch das wirtschaftliche Leben in sich einbeziehen zu wollen. Der
rechtliche Fiirst dieser Welt ist nur der, der in die aufieren politischen
Staatsverhaltnisse blofi das einbezieht, was seine Impulse hat in dem
Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod. So haben wir das
zweite Glied in dem sozialen Organismus geisteswissenschaftlich er-
griffen. Es ist dasjenige, welches hingeordnet ist auf jene Impulse, die
beim Menschen zwischen Geburt und Tod verfliefien.
Nun kommen wir zu dem dritten, zu dem wirtschaftlichen Verhalt-
nis.Denken Sie sich einmal, wie uns eigentlich daswirtschaftlicheLeben
hineinstellt in ein gewisses Verhaltnis zu der Welt. Sie werden leicht
darauf kommen, wie dieses Verhaltnis ist, wenn Sie sich denken mufken,
dafi wir ganz aufgehen konnten im rein aufieren wirtschaftlichen Le-
ben. Was waren wir dann, wenn wir nur im aufieren, rein wirtschaft-
lichen Leben aufgehen wiirden? Wir waren denkende Tiere, nichts an-
deres. Nur dadurch sind wir nicht denkende Tiere, dafi wir aufier dem
wirtschaftlichen Leben noch ein Rechtsleben haben, ein politisches Le-
ben, ein Staatsleben und eine Geisteswissenschaft, ein irdisches Geistes-
leben. Wir werden also durch das Wirtschaftsleben mehr oder weniger
hinuntergedrangt ins Untermenschliche. Aber indem wir hinunterge-
drangt werden ins Untermenschliche, konnen wir gerade auf diesem
Gebiete des Untermenschlichen Interessen entwickeln, die im wahren
Sinne des Wortes die briiderlichen Interessen unter den Menschen sind.
Auf keinem anderen Gebiete konnen wir so leicht und so selbstver-
standlich die briiderlichen Verhaltnisse unter den Menschen im vollsten
Sinne des Wortes entwickeln wie gerade im Wirtschaftsleben.
Im geistigen Leben - was ist das eigentlich Regierende im irdischen
Geistesleben? Im Grunde genommen das personliche, wenn auch see-
lische, aber seelisch-egoistische Interesse. Von der Religion will der
Mensch haben, dafi sie ihn selig macht. Von der Erziehung will er ha-
ben, dafi sie seine Anlageii entwickelt. Von irgendeiner kunstlerischen
oder sonstigen Erscheinung, die er geniefit, will er Freude in sein Leben
hinein haben oder auch eine Entfaltung seiner Lebenskrafte. Es ist
iiberall so, dafi ein groberer oder feinerer Egoismus, wenn auch ver-
standlicherweise, um seinetwillen den Menschen hinfiihrt zu dem, was
im irdischen Geistesleben iebt.
Wiederum im Rechtsleben, im politischen Leben haben wir es zu tun
mit dem, was uns gewissermafien zu gleichen Wesen vor dem Gesetze
macht. Wir haben es zu tun mit dem Verhaltnisse von Mensch zu
Mensch. Wir haben es mit dem zu tun, was unser Recht sein soil. Recht
besteht nicht unter Tieren! Das ist auch etwas, wodurch wir iiber die
Tierheit schon im irdischen Leben hinausgehoben sind. Aber wir haben
sowohl in dem Verhaltnis, das wir in einer Religionsgemeinschaft, in
einer Erziehungsgemeinschaft haben, wie auch in einer Rechtsgemein-
schaft, in diesem allem etwas, was in einer gewissen Beziehung auf
einem Anspruch von uns beruht, was wir gewissermaften in selbstver-
standlicher Weise wollen. Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, da
kann sich etwas geltend machen, gerade wenn wir uns iiberwinden
konnen, was wir nicht aus den Interessen heraus wollen: Bruderlich-
keit, Beriicksichtigung des anderen, so leben, daft der andere neben
uns durch uns etwas erfahrt.
Im geistigen Verhaltnis nehmen wir etwas entgegen, weil wir es
wollen. Im Rechtsverhaltnis machen wir auf etwas Anspruch, worauf
wir Anspruch machen miissen, wenn wir uns ein menschenwiirdiges
Leben als Gleicher unter Gleichen bewahren wollen. Und im wirt-
schaftlichen Leben entfaltet sich dasjenige, was die Gefiihle des einen
Menschen mit den Gefiihlen des anderen Menschen verbindet: die Brii-
derlichkeit. Die Impulse des briiderlichen Lebens, die entspringen, in-
dem wir ein gewisses Verhaltnis herstellen, aus dem, was wir besitzen,
zu dem, was der andere besitzt; dessen, was wir bediirfen, zu dem, was
der andere bedarf ; aus dem, was wir haben, zu dem, was der andere hat
und so weiter. Entwickeln wir im wirtschaftlichen Leben immer mehr
und mehr diese Briiderlichkeit, dann geht gewissermaften aus diesem
wirtschaftlichen Leben etwas heraus. Diese Briiderlichkeit im Wirt-
schaftsleben, dieses briiderliche Verhaltnis unter den Menschen, das im
Wirtschaftsleben strahlen mufi, wenn Gesundung des Wirtschaftslebens
da sein soil, das ist dasjenige, was, wenn ich so sagen soil, aus dem Wirt-
schaftsleben aufdampft, so daft, indem wir gerade aus dem Wirtschafts-
leben heraus es uns anerziehen, wir es mitnehmen durch die Pforte des
Todes und hineintragen in das iibersinnliche Leben nach dem Tode.
So erscheint fur das irdische Leben das Wirtschaftsleben als das nie-
derste, aber in ihm entwickelt sich etwas, was gerade hineinpulst aus
dem Irdischen durch die Pforte des Todes in das Oberirdische. Da
haben wir das dritte Gebiet des sozialen Organismus geisteswissen-
schaftlich betrachtet. Es entwickelt sich etwas, was uns Menschen ge-
wissermafien in das Untermenschliche hinunterstofit, aber wir werden
daftir begnadet, dafi gerade aus dem, was die Briiderlichkeit im wirt-
schaftlichen Leben entwickelt, wir etwas durch die Pforte des Todes
mitnehmen, was uns bleibt, indem wir in die iibersinnliche Welt hin-
eintreten. So wie das irdische Geistesleben, das sich auf die Weise ent-
wickelt, wie ich es vorhin beschrieben habe, hinweist durch das Spie-
gelbild auf das Abgespiegelte, auf das vorgeburtliche iibersinnliche
Geistesleben, so weist das Wirtschaftsleben mit dem, was sich unter
dem Einflufi dieses Wirtschaftslebens im Menschen entwickelt - so-
ziales Interesse, Gefiihle fur menschliche Gemeinschaft, Briiderlich-
keit — , auf das iibersinnliche Leben nach dem Tode hin.
Und so haben wir geisteswissenschaftlich die drei Gebiete getrennt:
das Geistesleben mit seinem Hinweis auf das vorgeburtliche iibersinn-
liche Leben; das eigentliche Staatsleben mit seiner Beziehung auf die
Impulse, die zwischen der Geburt und dem Tode sich abspielen; das
eigentliche Wirtschaftsleben, welches hinweist auf dasjenige, was wir
erleben werden, nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen
sind. Ebenso wahr, als es ist, dafi der Mensch nicht nur ein irdisches,
sondern ein iiberirdisches Wesen zugleich ist, dafi er in sich tragt die
Ergebnisse desjenigen, was er vorgeburtlich «vor»-gelebt hat im Ober-
sinnlichen, dafi er in sich entwickelt die Keime zu dem, was er erleben
soli im nachtodlichen Leben, wenn ich das Bild gebrauchen darf , ebenso
wahr, wie in dieser Beziehung das Menschenleben dreifach ist und der
Mensch neben diesen zwei Spiegelungen des uberirdischen Lebens noch
sein besonderes irdisches zwischen Geburt und Tod erlebt, so wahr die-
ses Leben des Menschen in sich dreifach gegliedert ist, so wahr mufi der
soziale Organismus, in dem der Mensch drinnensteht, dreifach geglie-
dert sein, wenn seine Gesamtmenschenseele in diesem sozialen Organis-
mus ihre Grundlage, ihre Basis haben solL So gibt es fur den, der des
Menschen Stellung im Weltenall geisteswissenschaftlich erkennt, eben
noch viel tiefere Griinde, einzusehen, dafi der soziale Organismus ein
dreigliedriger sein mufi, dafi gewissermafien der Mensch verkiimmern
mufi - wie er im neuzeitlichen Leben in einer gewissen Weise verkiim-
mert ist, was dann zu der furchtbaren Katastrophe der letzten vier
Jahre gefiihrt hat -, wenn alles zentralisiert ist, wenn alles nur bezogen
wird auf ein chaotisches, anarchisch durcheinander gewiirfeltes aufie-
res soziales Leben. So das Menschenleben auffassen, sich auf diese Weise
bewufit werden, dafi jedes Gesamtmenschheitliche so drinnensteht in der
allgemeinen Menschheit und in der Welt iiberhaupt, das ist, was aus
der Vertiefung in die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse dem Men-
schen nach und nach werden soli. Das ist dasjenige, was zugleich die
richtige Christus-Erkenntnis fiir unsere Zeit und fur die nachste Zu-
kunft ist. Das ist gewissermafien, was uns geoffenbart wird, wenn wir
heute den Christus horen wollen. Er selber hat gesagt - ich habe das
oft betont -: «Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Erdenzeiten.»
Das heilk, er hat nicht nur gesprochen in den Zeiten, in denen er auf
der Erde gewandelt ist, sondern er spricht welter, und wir sollen ihn
weiter horen. Wir sollen nicht nur die Evangelien lesen wollen, die
wir allerdings immer wieder lesen sollen, sondern wir sollen das horen,
was er in lebendiger Art durch sein fortdauerndes Bei-uns-Sein zu
offenbaren hat. In diesem Zeitalter hat er uns zu offenbaren: Andert
den Sinn - wie sein Vorlaufer, der Taufer Johannes, gesagt hat -,
andert auf s neue den Sinn, der euch erbf f net die Anschauung eurer drei-
fachen Menschheit, die da fordert, daft auch dasjenige, in dem ihr drin-
nen lebt als im irdischen Dasein, eine dreifache Gliederung braucht.
Man sagt mit Recht: Der Christus ist fiir die Gesamtmenschheit
gestorben und auferstanden, das Mysterium von Golgatha ist ein ge-
meinsames Menschheitsereignis. - Es wird einem dies besonders in der
heutigen Zeit bewufit, wo Volker gegen Volker aufgestanden sind und
im wilden Kampf gegeneinander gewiitet haben, wo jetzt doch wieder,
nachdem die Ereignisse in eine Krisis eingetreten sind, nicht Besonnen-
heit, nicht das Bewufitsein der Menschengemeinsamkeit, sondern an-
stelle dessen vielfach ein wilder Siegestaumel herrscht! Verkenne man
das nicht. All dasjenige, was wir erlebt haben in den letzten vierein-
halb Jahren, was wir jetzt erleben, was wir noch erleben werden, zeigt
dem Tieferblickenden, dafi die Menschheit mit Bezug auf das Christus-
Bewulksein in eine Art von Krisis eingetreten ist. In eine Krisis ist
die Menschheit eingetreten in bezug auf das Christus-Bewufksein da-
durch, dafi der rechte Gemeinschaf tssinn, der rechte Zusammenhang der
Menschen untereinander abhanden gekommen ist. Und gar notwendig
haben die Menschen, dafi sie sich besinnen: Wie konnen wir in rechter
Weise den Christus-Impuls wiederfinden?
Dafi man ihn nicht immer wiederfindet, kann ein'e einfache Tat-
sache lehren. Bevor der Christus-Impuls durch das Mysterium von
Golgatha in die Erdenentwickelung hereingewirkt hatte, betrachtete
sich dasjenige Volk, aus dem gerade der Christus Jesus herausgeboren
ist, als das auserwahlte Volk, und es glaubte dieses auserwahlte Volk,
dafi die Erde nur glucklich werden konne, wenn alles iibrige abstirbt,
und nur die Glieder dieses Volkes die ganze Erde erfullen wiirden.
Das war in gewissem Sinn ein fester Glaube, weil der Gott Jahve dieses
Volk auserwahlt hatte als sein Volk und weil der Gott Jahve als der
Einheitsgott angesehen worden ist. Das war fur die Zeit, bevor das
Mysterium von Golgatha auf die Erde gekommen ist, aus dem Grunde
eine berechtigte Anschauung des alten hebraischen Volkes, weil gerade
aus diesem alten hebraischen Volke der Christus Jesus hervorgehen
sollte. Aber mit der Erscheinung des Mysteriums von Golgatha auf
Erden hatte dieses Bewufitsein aufhoren sollen. Nachher war dieses
Bewufitsein antiquiert, nachher hatte an die Stelle des Jehovabewufit-
seins das Christus-Bewufitsein treten miissen, welches ebensosehr vom
Menschen spricht, wie das Jahvevolk von den Angehorigen nur eines
Volkes gesprochen hat. Es ist das tragische Geschick des jiidischen
Volkes, dafi es nicht erkannt hat, dafi die Sache so liegt. Aber heute
erleben wir vielfach einen Riickfall. Heute erleben wir den Riickfall,
dafi die Volker langsam - wenn sie das auch anders ansehen, anders
benennen -, alle eine Art Jahve, aber einen Spezial- Jahve, ihren Volks-
gott, anbeten wollen.
Gewifi man spricht nicht in religiosen Formeln wie friiher, aber
man spricht sozusagen in neuzeitlicher Denkweise. Denkweise oder
Denkgewohnheit scheint mir ein gutes Wort zu sein. Die Leute haben
sich jetzt ein anderes Wort angewohnt. Man konnte auch die Kon-
zession machen, um besser verstanden zu werden, diese Mode fur eine
Zeitlang mitzumachen, und statt der Worte Denkgewohnheit oder
Denkweise, die in unserem Kreise von mir immer gebraucht worden
sind, heute in der Dffentlichkeit «Mentalitat» zu sagen. Aus der heu-
tigen Mentalitat heraus also macht sich geltend: Jedes Volk mochte
gewissermafien seinen besonderen Volksgott installieren, mochte nur
im Sinne dieses Volkes da sein. - Das hat gerade dazu gefiihrt, daft
Volk gegen Volk so wiitet. Wir erleben einen Riickfall in die Jahve-
religion, nur dafi die Jahvereligion spezialisiert in viele Jahvereligio-
nen auseinanderfallt. Es ist wirklich heute alttestamentlicher Riickfall
vorhanden, Atavismus, Riickfall in das Alte Testament! Die Mensch-
heit will sich geradezu iiber die ganze Erde in einzelne Glieder speziali-
sieren, gegen den Christus Jesus, der fur die ganze Menschheit gewest
und gelebt hat. Die Menschheit will sich im Sinne der Volksgotter in-
stallieren, jahvemafiig installieren. Das war vor dem Mysterium von
Golgatha gerechtfertigt, ist jetzt ein Riickfall. Das raufi man nur rich-
tig verstehen: Nationale Installierung ist heute ein Riickfall ins Alte
Testament. Dieser Riickfall ins Alte Testament ist das, was schwere
Priifungen der modernen Menschheit auferlegen wird, und gegen das
es nur das eine Heilmittel gibt: dem Christus auf geistigem Wege wie-
derum nahezukommen.
Dadurch entsteht fur den, der sich geisteswissenschaftlich interes-
siert, ganz besonders die Frage: Wie finden wir in dieser unserer Zeit
aus unserem eigenen Herzen heraus, aus dem eigensten Impulse unserer
Gegenwartsseelen heraus den Christus Jesus? Da£ diese Frage sehr
ernst ist - ich habe auch schon in diesem Zweige von anderen Gesichts-
punkten aus ofter dariiber gesprochen -, konnen Sie daraus entnehmen,
dafi gerade viele der offiziellen Trager des Christentums den Christus
eigentlich doch verloren haben. Es gibt heute vielgenannte Pfarrer,
Pastoren und so weiter, die sprechen von dem Christus. Sie sprechen
davon, dafi der Mensch durch eine gewisse innere Vertiefung, durch
ein gewisses inneres Erleben einen Zusammenhang mit dem Christus
gewinnen kann. Geht man naher dem nach, was diese Leute mit dem
Christus meinen, da findet man, dafi kein Unterschied besteht zwischen
diesem Christus und dem Gott im allgemeinen, dem, was man den Va-
tergott nennt auch im Sinne des Evangeliums. Nicht wahr, ein be-
riihmter Theologe zum Beispiel ist Harnack. Auch hier in der Schweiz
eifern ihm viele nach. Harnack hat sogar ein Buchelchen «Das Wesen
des Christentums » erscheinen lassen. Er spricht da viel von dem Chri-
stus. Aber was er iiber den Christus sagt, warum soil denn das iiber-
haupt auf den Christus bezogen werden? Es ist gar kein Grund, das
auf den Christus zu beziehen! Das kann ebensogut auf den Jahvegott
bezogen werden. Daher ist das ganze Buch vom «Wesen des Christen-
tums» innerlich eine Unwahrheit. Es wird zu einer Wahrheit erst,
wenn man es hebraisiert, wenn man es ubersetzt so, daft iiberall da,
wo in den Satzen «der Christus» steht, «Jahve» hingeschrieben wird.
Damit spreche ich eine Wahrheit aus, von der die Leute in der Gegen-
wart kaum eine Ahnung haben, daft sie eine Wahrheit ist. Von un-
zahligen Kanzeln der Welt wird iiber den Christus gesprochen, und
die Menschen glauben, daft mit Recht da iiber den Christus gesprochen
wird, weil eben das Wort Christus dann gehort wird. Die Menschen
iiberlegen sich nicht: Streiche ich von dem, was der Pastor sagt, das
Wort «Christus» aus und setze «Jahve» dafur, dann erst paftt es! -
Sehen Sie, mit den tiefsten Schaden unserer Zeit hangt eine gewisse
Unwahrheit zusammen. Glauben Sie nicht, daft in dem Augenblicke,
wo ich das ausspreche, ich irgend jemanden treffen will, so daft ich ihn
beschuldige oder ihn kritisiere. Das ist gar nicht der Fall. Ich will nur
eine Tatsache aussprechen. Denn diejenigen Menschen, die oftmals in
der tiefsten inneren Unwahrheit, man kann schon sagen, inneren Luge
sind, die wissen das nicht, sind durchaus in ihrer Art guten Wollens.
Die Menschheit hat es heute schwer, zur Wahrheit zu kommen, weil sich
gerade dasjenige, was ich hier als eine innere Unwahrheit bezeichnet
habe, traditionell ungemein stark festgelegt hat. Und von dieser inne-
ren Unwahrheit, die namentlich mit Bezug auf solche Dinge in uner-
meftlich groftem Kreis herrscht, strahlt jene andere Unwahrheit aus,
die heute die verschiedensten Zweige des Lebens ergriffen hat, so daft
man auf mancherlei Zweigen des Lebens die Frage schon einmal auf-
stellen kann: Was ist denn eigentlich noch wahr geblieben? Wo ist
denn noch wirkliche Wahrheit? - Deshalb riickt,ganz besonders an den
geisteswissenschaftlich Strebenden, ernst die Frage heran: Wie finde
ich den wahren Weg, der zu Christus fiihrt, zu diesem besonderen
gottlichen Wesen, das mit Recht als der Christus bezeichnet wird? -
Wenn wir bloft geboren werden und von der Geburt bis zum Tode hier
auf Erden mit einem Seelenleben leben, das sich nun einmal nach der ge-
brauchlichen Anlage und Entwickelung der Anlagen zwischen Geburt
und Tod ergibt, dann haben wir namlich gar keine Veranlassung, zu
dem Christus zu kommen. Dann mag in uns noch so viel Geistiges vor-
gehen, wir haben keine Veranlassung zu dem Christus zu kommen.
Wenn wir uns gewissermafien, ohne dafi wir etwas Gewisses tun, was
ich gleich bezeichnen werde, einfach zwischen Geburt und Tod ent-
wickeln, wie das die meisten Menschen heute tun, dann bleiben wir
dem Christus fern. - Wie aber kommen wir zu dem Christus? Die In-
itiative, wenn auch die manchmal aus dem Unterbewufiten oder aus
dem dunklen Gefiihl heraus kommende Initiative, den Weg zum Chri-
stus einzuschlagen, muft aus uns selbst kommen. Zu dem Gott, der
auch identisch ist mit dem Gott Jahve, kann man kommen, wenn man
einfach gesund lebt. Den Jahve nicht zu finden, ist blofi eine Art von
Krankheit des Menschen. Gottesleugner, Atheist sein, bedeutet in einer
gewissen Weise krank sein. Ist man iiberhaupt vollstandig gesund nor-
mal entwickelt, so ist man nicht Gottesleugner, weil es lacherlich ist,
zu glauben, dafi dasjenige, was wir als unseren gesunden Organismus
an uns tragen, nicht gottlichen Ursprungs sein konnte. Das Ex deo
nascimur ist etwas, was im sozialen Leben dem gesund entwickelten
Menschen sich von selbst ergibt. Denn erkennt er das nicht an: Aus
dem Gottlichen bin ich geboren - so mull er irgendwie einen Defekt
haben, der sich eben in der Weise ausdriickt, dafi er Atheist wird. Aber
da kommen wir zu dem Gottlichen im allgemeinen, das aus einer inne-
ren Luge heraus moderne Pastoren Christus nennen, das aber nicht der
Christus ist. Zu dem Christus kommen wir nur - und ich spreche hier
mit Bezug auf unsere unmittelbare Gegenwart -, wenn wir noch weiter-
gehen, als das gewohnlich naturgemafi Gesunde anzuerkennen. Denn wir
wissen, dafi das Mysterium von Golgatha deshalb auf die Erde gekom-
men ist, weil fernerhin der Mensch nicht das Menschenwiirdige ohne
dieses Mysterium von Golgatha, das heifit, ohne den Christus-Impuls
hatte finden konnen. Und so miissen wir gewissermafien unseren Men-
schen zwischen Geburt und Tod nicht nur finden, sondern wir miis-
sen ihn wiederfinden, wenn wir Christen sein wollen im rechten Sinne,
wenn wir dem Christus nahekommen wollen. Wir miissen ihn in der
folgenden Weise wiederfinden, diesen unseren Menschen. Wir miissen
die innere Ehrlichkeit suchen, miissen uns auf raf fen zu der inneren Ehr-
lichkeit, uns zu sagen: Wir werden mit Bezug auf unsere Gedankenwelt
nach dem Mysterium von Golgatha nicht vorurteilslos geboren, wir
werden alle mit gewissen Vorurteilen geboren.
In dem Augenblicke, wenn man in Rousseauscher oder in anderer
Weise den Menschen von vornherein fur vollkommen halt, kann man
iiberhaupt nicht den Christus finden, sondern nur wenn man weifi,
dafi der Mensch in gewisser Weise als ein nach dem Mysterium von
Golgatha Lebender einen Defekt hat, den er durch seine eigene Tatig-
keit im Leben hier ausgleichen mufi. Ich bin als ein vorurteilsvoller
Mensch geboren und mufi mir die Gedankenvorurteilslosigkeit im Le-
ben erst erwerben. Und wodurch kann ich sie hier erwerben? Einzig
und allein dadurch, dafi ich nicht nur Interesse entwickele fur das-
jenige, was ich selber denke, was ich selber fur richtig halte, sondern
dafi ich selbstloses Interesse entwickele fur alles, was Menschen meinen
und was an mich herantritt, und wenn ich es noch so sehr fiir Irrtum
halte. Je mehr der Mensch auf seine eigenen eigensinnigen Meinungen
pocht und sich nur fiir diese interessiert, desto mehr entfernt er sich in
diesem Augenblicke der Weitentwickelung von dem Christus. Je mehr
der Mensch soziales Interesse entwickelt fiir des anderen Menschen
Meinungen, auch wenn er sie fiir Irrtiimer halt, je mehr der Mensch
seine eigenen Gedanken beleuchtet durch die Meinungen der anderen,
je mehr er hinstellt neben seine eigenen Gedanken, die er vielleicht fiir
Wahrheit halt, jene, welche andere entwickeln, die er fiir Irrtiimer
halt, aber sich dennoch dafiir interessiert, desto mehr erfiihlt er im
Innersten seiner Seele ein Christus-Wort, das heute im Sinne der neuen
Christus-Sprache gedeutet werden mufi. Der Christus hat gesagt: «Was
ihr einem der geringsten meiner B ruder tut, das habt ihr mir getan.»
Der Christus hort nicht auf, immer wieder und wieder sich den Men-
schen zu offenbaren, bis ans Ende der Erdentage. Und so spricht er
heute zu denjenigen, die ihn horen wolien: Was einer der geringsten
eurer Briider denkt, das habt ihr so anzusehen, dafi ich in ihm denke,
und dafi ich mit euch fiihle, indem ihr des anderen Gedanken an euren
Gedanken abmesset, soziales Interesse habt fiir dasjenige, was in der
anderen Seele vorgeht. Was ihr findet als Meinung, als Lebensan-
schauung in einem der geringsten eurer Briider, darin suchet ihr mich
selber. - So spricht in wiser Gedankenleben hinein der Christus, der
sich gerade auf eine neue Weise - wir nahern uns der Zeit - den Men-
schen des 20. Jahrhunderts offenbaren will. Nicht dadurch, daft man
in Harnackscher Weise spricht von dem Gotte, der auch der Jahvegott
sein kann und es in Wirklichkeit ist, sondern dadurch, daft man weift,
Christus ist der Gott fur alle Menschen. Wir finden ihn aber nicht,
wenn wir egoistisch in uns bleiben mit unseren Gedanken, sondern nur,
wenn wir unsere Gedanken messen mit den Gedanken der anderen
Menschen, wenn wir unser Interesse erweitern in innerer Toleranz fur
alles Menschliche, wenn wir uns sagen: Durch die Geburt bin ich ein
vorurteilsvoller Mensch, durch meine Wiedergeburt aus den Gedanken
aller Menschen heraus in einem umfassenden sozialen Gedankenge-
fiihl werde ich denjenigen Impuls in mir finden, der der Christus-Im-
puls ist. Wenn ich mich nicht, als den Quell alles dessen, was ich denke,
nur selbst betrachte, sondern wenn ich mich als ein Glied der Mensch-
heit bis in das Innerste meinerSeele hinein betrachte, dann ist ein Wegzu
dem Christus gefunden. - Das ist der Weg, der heute als der Gedanken-
weg zu dem Christus bezeichnet werden mui Ernste Selbsterziehung
dadurch, daft wir uns einen Sinn fur das Rechnen auf die Gedanken
der anderen aneignen, daft wir dasjenige korrigieren, was wir als un-
sere eigene Richtung von selbst in uns tragen, an Unterhaltungen mit
den anderen, es mufi das eine ernste Lebensaufgabe werden. Denn
wurde unter den Menschen diese Lebensaufgabe nicht Platz greifen,
so wiirden die Menschen den Weg zu dem Christus verlieren. Das ist
der Weg der Gedanken heute.
Und der andere Weg geht durch das Wollen. Auch da haben die
Menschen sich sehr auf den Abweg begeben, der nicht zu dem Christus
hinfuhrt, der von dem Christus wegfiihrt. Und wiederfinden miissen
wir auf diesem anderen Gebiete den Weg zu dem Christus. Die Jugend
hat von selbst noch etwas Idealismus, aber die heutige Menschheit ist
trocken und niichtern. Und die heutige Menschheit ist hochmiitig auf
dasjenige, was man oftmals Praxis nennt, was aber nur ein gewisser
enger Sinn ist. Die heutige Menschheit halt nichts von Idealen, die
aus dem Quell des Geistigen herausgeholt sind. Die Jugend hat sie noch,
diese Ideale. In keiner Zeit war das Leben der Alten so sehr verschie-
den von dem Leben der Jugend, wie das heute ist. Nichtverstehen des
Menschen ist iiberhaupt dasjenige, was unserer heutigen Zeit eignet.
Ich habe gestern hingewiesen auf die tiefe Kluft, welche zwischen
Proletariat und Biirgertum herrscht. Auch das Alter und die Jugend -
wie schlecht verstehen sie sich heute! Das ist dasjenige, was wir auch
sehr, sehr beriicksichtigen sollen. Versuchen wir, die Jugend mit Bezug
auf ihren Idealismus zu verstehen. Sehr schon, aber man will ihn
heute der Jugend austreiben. Man will ihn dadurch heute austreiben,
dafi man der Jugend eine gewisse Phantasieerziehung, Phantasiebil-
dung durch das Marchen, durch die Legende, durch alles dasjenige,
was von dem trockenen aufieren Sinnlichen hinwegfuhrt, entzieht.
Dennoch wird es sogar schwierig sein, der Jugend dasjenige auszutrei-
ben, was jugendlicher, natiirlicher, elementarer Idealismus ist. Aber
was ist das? Schon ist es, grofi ist es, aber es darf nicht das Alleinige
im Menschen sein. Denn dieser jugendliche Idealismus ist doch nur der
Idealismus des Ex deo nascimur, des Gottlichen, das auch mit dem
Jahvegottlichen identisch ist, das aber nicht allein bleiben darf, nach-
dem das Mysterium von Golgatha iiber die Erde hingegangen ist. Es
mufi daneben noch etwas anderes geben, es mu$ eine Erziehung, eine
Selbsterziehung zum Idealismus geben. Neben dem angeborenen Idea-
lismus der Jugend mufi darauf gesehen werden, dafi in der mensch-
lichen Gemeinschaft etwas erworben wird, was eben erworbener Idea-
lismus ist, was nicht blolS Idealismus aus Blut und Jugendfeuer her-
aus ist, sondern was anerzogen ist, was man sich selbst erst aus irgend-
einer Initiative erwirbt. Anerzogener, namentlich selbstanerzogener
Idealismus, der auch dann nicht verlorengehen kann mit der Jugend,
das ist etwas, was den Weg zu dem Christus eroffnet, weil es wieder
etwas ist, was im Leben zwischen Geburt und Tod eben erworben
wird. Fuhlen Sie den grofien Unterschied zwischen Blutidealismus und
dem anerzogenen, dem erworbenen Idealismus. Fuhlen Sie den grofien
Unterschied zwischen Jugendfeuer und demjenigen Feuer, das aus dem
Ergreifen des Geisteslebens kommt und immer von neuem und neuem
entfacht werden kann, weil wir es in unserer Seele, unabhangig von
unserer leiblichen Entwickelung, uns angeeignet haben, dann haben Sie
ergriffen den zweiten Idealismus, welcher der erworbene Idealismus ist,
der Idealismus der Wiedergeburt, nicht der des Angeborenseins. Das ist
der Willensweg zu dem Christus. Der andere ist der Gedankenweg. Fra-
gen Sie heute nicht nach abstrakten Wegen zu dem Christus, fragen Sie
nach diesen konkreten Wegen. Fragen Sie, wie der Gedankenweg ist, der
darin besteht, daft wir innerlich tolerant werden fiir Meinungen der Ge-
samtmenschheit, dafi wir soziales Interesse fiir die Gedanken der an-
deren Menschen gewinnen. Fragen Sie, wie der Willensweg ist, so werden
Sie nicht irgend etwas Abstraktes finden, sondern die Notwendigkeit,
einen Idealismus sich anzuerziehen. Dann aber, wenn Sie sich diesen
Idealismus anerziehen, oder wenn Sie ihn der Jugend, der aufwachsen-
den Jugend anerziehen, was insbesondere notwendig ist, dann finden Sie
in dem, was da als Idealismus heranerzogen wird, daft in dem Men-
schen der Sinn erwacht, nicht nur dasjenige zu tun, wozu die aufiere
Welt stofit. Sondern aus diesem Idealismus heraus quellen die Impulse,
mehr zu tun, als wozu die Sinneswelt stoftt, quillt der Sinn auf, aus
dem Geiste heraus zu handeln. In dem, was wir aus anerzogenem
Idealismus tun, verwirklichen wir dasjenige, was der Christus wollte,
der nicht deshalb aus aufierirdischen Welten auf die Erde herabgekom-
men ist, um blofi irdische Ziele hier zu verwirklichen, sondern aus der
aufierirdischen in die irdische Welt herabgekommen ist, um Oberirdi-
sches zu verwirklichen. Wir wachsen aber nur mit ihm zusammen,
wenn wir uns Idealismus anerziehen, so dajS Christus, der iiberirdisch
im Irdischen ist, in uns wirken kann. Nur im anerzogenen Idealismus
verwirklicht sich das, was das Paulinische Wort iiber den Christus sa-
gen will: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Wer nicht versuchen
will, den in innerer moralischer Wiedergeburt anerzogenen Idealis-
mus zu entwickeln, der kann nichts anderes sagen als: Nicht ich, son-
dern der Jahve in mir. - Wer aber denjenigen Idealismus eben erwirbt,
der anerzogen werden mufi, der erworben werden mufi, der kann sagen:
« Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Das sind die zwei Wege, durch
die wir den Christus wirklich finden. Wandeln wir sie, dann werden
wir nicht mehr so sprechen, dafi unser Sprechen eine innere Luge
ist. Dann werden wir von dem Christus sprechen als dem Gotte un-
serer inneren Wiedergeburt, wahrend der Jahve der Gott unserer Ge-
burt ist.
Dieser Unterschied mufi gefunden werden von dem neueren Men-
schen, denn dieser Unterschied allein ist zugleich das, was uns zu wah-
ren sozialen Gefiihlen, zu wahren sozialen Interessen bringt. Wer an-
erzogenen Idealismus in sich entwickelt, der hat auch Liebe fur die
Menschen. Predigen Sie, wieviel Sie wollen von den Kanzeln, die Men-
schen sollen sich lieben. Sie reden wie zum Ofen. Wenn Sie ihm gut
zureden, er wird doch nicht das Zimmer heizen, er wird das Zimmer
heizen, wenn Sie Kohle hinein tun. Sie brauchen ihm dann gar nicht
zuzureden, dafi es seine Ofenpflicht ist, das Zimmer zu warmen. So
konnen Sie der Menschheit immer predigen: Liebe und Liebe und Liebe.
Das ist erne blofie Rederei, das ist ein blofies Wort. Arbeiten Sie dahin,
daft die Menschen in bezug auf den Idealismus eine Wiedergeburt er-
leben, dafi sie neben dem Blutidealismus einen seelisch anerzogenen
Idealismus haben, der durchhalt durch das Leben, dann heizen Sie auch
in der Seele des Menschen Menschenliebe. Denn so viel Sie an Idealis-
mus sich selber anerziehen, so viel fiihrt Sie Ihre Seele von Ihrem Ego-
ismus hinaus zu einem selbstandigen Gefiihlsinteresse fur die anderen
Menschen. Eines werden Sie allerdings erleben, wenn Sie diesen zwei-
fachen Weg gehen, den Gedankenweg und den Willensweg, den ich
mit Bezug auf die Erneuerung des Christentums Ihnen angedeutet habe.
Aus den innerlich toleranten und sich fiir andere Gedanken interes-
sierenden eigenen Gedanken heraus und aus dem wiedergeborenen
Willen, in anerzogenem Idealismus wiedergeborenen Willen, da ent-
wickelt sich etwas, das nicht anders bezeichnet werden kann als ein fiir
alle Dinge, die man tut und denkt, erhohtes Verantwortlichkeitsgefiihl.
Der Mensch, der Neigung hat, hinzusehen auf die Entwickelung seiner
Seele, wird, wenn er die beiden Wege geht, in sich fiihlen — anders als
im gewohnlichen Leben, das nicht diese Wege geht - das erhohte, ver-
feinert sich aufiernde innere Verantwortlichkeitsgefiihl gegeniiber den
Dingen, die man denkt, die man tut. Stolk so das Verantwortlichkeits-
gefiihl auf, dafi man sich sagt: Kann ich denn das auch rechtfertigen,
nicht blofi fiir den nachsten Kreis meines Lebens und der unmittelba-
ren Umgebung, kann ich es denn rechtfertigen, indem ich mich weifi
angehorig einer iibersinnlich-geistigen Welt? Kann ich es denn recht-
fertigen, indem ich weifi, dafi alles das, was ich hier auf Erden tue,
eingeschrieben wird in eine Akasha-Chronik ewiger Bedeutung, wo es
weiter wirkt? - Oh, das fuhlt man stark, diese iibersinnliche Verant-
wortlichkeit gegeniiber allem! Das ist etwas, das wie ein Mahner an
einen herantritt, wenn man den zweifachen Christus-Weg sucht, wie
ein Wesen, das hinter einem stent, einem iiber die Schulter blickt, einem
immer sagt: Du bist nicht nur vor der Welt, du bist vor dem Gottlich-
Geistigen verantwortlich fiir das, was du denkst und tust.
Aber dieses Wesen, das uns so iiber die Schulter blickt, unser Ver-
antwortlichkeitsgefuhl erhoht, verf einert, auf ganz andereWege bringt,
als es vorher war, ist doch dasjenige, welches uns erst recht nahe hin-
fiihrt zu dem Christus, der durch das Mysterium von Golgatha ge-
gangen ist. Von diesem Christus- Wege, wie er gefunden wird und wie
er sich in dem zuletzt charakterisierten Wesen zeigt, wollte ich Ihnen
heute sprechen. Denn dieser Christus-Weg hangt innig zusammen ge-
rade mit den tiefsten sozialen Impulsen und Aufgaben unserer Zeit.
Das wollte ich Ihnen bei diesem unserem Zusammensein nahe-
bringen.
VIERTER VORTRAG
Zurich, 9. Marz 1919
Es ist wirklich recht bedeutungsvoll, in welcher Weise heute einige
derjenigen Menschen iiber die gegenwartige Menschenlage zu sprechen
sich gedrangt fuhlen, die mit ihren Gefiihlen und Empfindungen we-
nigstens versuchen zu durchschauen, wie gegenwartig die sozialen Dinge
in der Welt stehen. Mit Bezug auf dieses Bedeutungsvolle mochte ich
heute ausgehen von einigen Satzen in der Rede, die kurz vor seinem
Tode Kurt Eisner in einer Versammlung von Basler Studenten ge-
halten hat. Vielleicht kennen einige von Ihnen diese Satze schon, aber
sie sind aufierordentlich bedeutungsvoll, wenn man gewisse Dinge heute
symptomatisch ins Auge fassen will. «H6re ich nicht», sagt er, auf
friiher Ausgesprochenes anspielend, «oder sehe ich doch klar, dafi tief
in unserem Leben jene Sehnsucht lebt und nach Leben drangt, die
erkennt, dafi unser Leben, wie wir's heute leben miissen, doch nur die
deutliche Erfindung irgendeines bosen Geistes ist. Stellen Sie sich einen
grofien Denker vor, der nichts von unserer Zeit wiifite und der unge-
fahr vor zweitausend Jahren gelebt und getraumt hatte, wie etwa in
zweitausend Jahren die Welt aussehen wiirde, er hatte nicht mit blii-
hendster Phantasie wohl eine Welt sich ausdenken konnen wie die, in
der wir zu leben verurteilt sind. Das Bestehende ist doch in Wahrheit
die einzige Utopie in der Welt, und das, was wir wollen, was als Sehn-
sucht in unserem Geiste lebt, ist die tiefste und letzte Wirklichkeit, und
alles andere ist schauderbar. Wir verwechseln nur Traum und Wachen.
Diesen alten Traum unseres heutigen sozialen Daseins abzuschiitteln,
ist unsere Aufgabe. Ein Blick in den Krieg: Lafit sich eine menschliche
Vernunft denken, die dergleichen ersinnen konnte? Wenn dieser Krieg
nicht das gewesen ist, was man wirklich nennt, so haben wir vielleicht
getraumt, und wir wachen nun.» Also denken Sie, dieser Mann hatte
notig, um den Versuch zu machen, die Gegenwart zu verstehen, zu dem
Begriff des Traumes seine Zuflucht zu nehmen, sich die Frage vorzu-
legen: Kann man denn dasjenige, was uns jetzt wirklich umgibt, nicht
viel mehr einen bosen Traum nennen als eine wahre Wirklichkeit?
Es tritt der merkwiirdige Fall ein - bedenken Sie nur das ganz
Charakteristische dieses Falles — daft ein ganz moderner Mensch, ein
Mensch, der sich selbst als Herold einer neuen Zeit fuhlt, nicht im allge-
meinen die aufiere sinnliche Wirklichkeit als eine Maja, als einen Traum,
ansieht - wie etwa die indische Weltanschauung das tut sondern dafi
ein solcher moderner Geist sich gezwungen fuhlt, durch die besonderen
Ereignisse der Gegenwart, die Frage, in welchem Sinne es auch sein
mag, aber immerhin die Frage aufzuwerfen, ob nicht diese Wirklich-
keit eigentlich getraumt sei! Man mufi doch aus dem ganzen Zusam-
menhang der Rede Eisners entnehmen, dafi er mehr als eine blofte
Phrase sagen wollte, als er den Satz aussprach, dafi diese gegenwartige
Wirklichkeit nichts anderes sein kann als etwas, was iiber die Mensch-
heit gebracht worden ist durch einen bosen Geist.
Nun, nehmen wir mancherlei von dem, was im Verlauf unserer
anthroposophischen Bemiihungen durch unsere Seele gezogen ist, neh-
men wir vor alien Dingen die Tatsache, dafi wir im allgemeinen den
Versuch machen, die aufiere sinnliche Wirklichkeit nicht als die ganze
Wirklichkeit anzusehen, und dieser aufieren sinnlichen Wirklichkeit
gegeniiberzustellen die iibersinnliche, die erst diese sinnliche Wirklich-
keit zur wahren, zur vollkommenen Wirklichkeit abschliefit. Aber be-
denken wir gegeniiber dieser Anschauung, die eigentlich nur ein kleines
Funklein in den Gedankenstromungen des gegenwartigen Zeitalters ist,
wahrend materialistisches Denken dieses gegenwartige Zeitalter in wei-
tem Umfange ausfullt, dafi auf der anderen Seite gerade solch ein
Mann wie Kurt Eisner - der von seinem Standpunkte aus ganz gewifi
nichts halt, wenigstens in seinem physischen Leben nichts von diesem
kleinen Funklein gehalten hat wie gebandigt durch die Tatsachen
der Gegenwart zu keinem anderen Vergleich greifen kann als zu dem,
die aufiere Wirklichkeit, wie sie wenigstens gegenwartig vorliegt, sei
ein Traum. Also wenigstens der gegenwartigen Wirklichkeit gegemiber
mufi solch ein Mann ein Gestandnis ablegen, das sich nur ausdriicken
lafit durch einen Vergleich mit der allgemeinen Wahrheit von dem
Majacharakter, von dem Charakter der Unwirklichkeit der blofi aufie-
ren, sinnlichen Wirklichkeit.
Wollen wir einmal manches von dem, was durch unsere Betrach-
tungen auch der sozialen Frage in den letzten Wochen durch unsere
Seele gezogen ist, nun auch etwas defer betrachten. Wollen wir doch
unser Augenmerk darauf richten, wie die Entwickelung der letzten
Jahrhunderte sich so gestaltet hat, dafi die Menschen immer mehr und
mehr zum Ableugnen der eigentlichen geistigen oder iibersinnlichen
Welt gekommen sind, dafi sie in weitestem Umfange sich, man mochte
sagen, gewissermafien einsetzen fur dieses Ableugnen der iibersinnlichen
Welt. Gewifi, es wird von gewissen Seiten aus - das werden Sie ein-
wenden konnen - noch viel iiber die iibersinnliche Welt gesprochen. Die
Kirchen sind noch immer reichlich, wenn vielleicht auch nicht gefullt,
so doch wenigstens von Worten, die vom Geiste kiinden sollen, durch-
hallt. Schliefilich konnte man heute und auch gestern abend fast die
ganze Zeit iiber auch hier die Glocken lauten horen, die auch ein Aus-
druck sein sollen fur dasjenige, was sich als Geistesleben in der Welt gel-
tend macht. Aber daneben erleben wir doch auch etwas anderes. Wir er-
leben, dafi, wenn heute in der unmittelbaren Gegenwart der Versuch
gemacht wird, auf den Christus hinzuhoren, was Er fur die Gegenwart
sagt, dann sich gerade die Bekenner der alten Religionsgemeinschaften
am allerheftigsten gegen ein solches Wort des Geistes wenden. Wirk-
liches Geistesleben, nicht blofi ein solches, das auf den Glauben einer
alten Tradition geht, sondern das auf die unmittelbare Geistespro-
duktion der Gegenwart geht, wollen doch heute recht, recht wenige
Menschen.
Ist es demgegeniiber nicht eigentlich doch so, als wenn vielleicht nicht
von einem bosen Weltengeiste, aber von einem guten Weltengeiste aus
diese moderne Menschheit gezwungen werden sollte, an die Geistigkeit
des Daseins dadurch wiederum zu denken, daft einmal iiber diese mo-
derne Menschheit eine solche aufiere sinnliche Wirklichkeit verhangt
worden ist, von der ein so moderner Geist sagen mufi, sie nahme sich aus
wie ein Traum, und selbst ein grofier Denker vor zweitausend Jahren
hatte nicht auszudenken vermocht dasjenige, was heute eine scheinbare
aufiere Wirklichkeit geworden ist?
Jedenfalls zwingt ein solches Bekenntnis eines modernen Geistes
dazu, noch andere Vorstellungen iiber die Wirklichkeit sich zu bilden,
als heute gangbar sind. Ich weifi, dafi eine grofte Anzahl unserer anthro-
posophischen Freunde gerade diese Vorstellungen von der wahren
Wirklichkeit, auf die ich heute als wichtige hingewiesen habe, etwas
schwer gefunden hat. Aber man kommt heute nicht aus mit dem Le-
ben, wenn man nicht den guten Willen hat, sich zu solchen schweren
Vorstellungen zu wenden. Wie denken denn auf einem gewissen Ge-
biete heute die Leute? Sie bekommen emen Kristall in die Hand: das ist
ein wirklicher Gegenstand. Sie bekommen eine Rose in die Hand, die
vom Rosenstock abgepfliickt ist, und sie sagen auch, das ist ein wirk-
licher Gegenstand. Beides nennen sie in gleichem Sinne einen wirk-
lichen Gegenstand. Aber sind beide Gegenstande in gleichem Sinne
wirklich? Die Naturforscher auf alien Lehrkanzeln und in alien Labo-
ratorien und Kliniken reden so iiber die Wirklichkeit, indem sie nur
dasjenige wirklich nennen, was in gleichem Sinne wirklich ist wie der
Kristall und wie die Rose, die vom Rosenstock abgepfliickt ist. Aber
ist denn nicht ein betrachtlicher, gewaltiger Unterschied dadurch da,
daft der Kristall durch lange Zeiten hin die Formen durch sich selbst
beibehalt, die er hat? Die Rose wird nach verhaltnismafiig kurzer Zeit,
wenn sie vom Rosenstock abgepfliickt ist, ihre Form verlieren, sie
stirbt ab. Sie hat nicht in sich denselben Grad von Wirklichkeit, den
der Kristall in sich hat. Und selbst der Rosenstock, wenn wir ihn aus
der Erde herausreifien, hat nicht mehr denselben Grad von Wirklich-
keit, den er hat, wenn er in der Erde drinnen ist. Das leitet uns an,
die Dinge in der Welt doch anders zu betrachten, als es die heutige
aufSerliche Betrachtungsweise tut. Wir diirfen nicht von Wirklichkeit
sprechen, wenn wir von einer Rose oder von einem Rosenstock spre-
chen. Wir diirfen hochstens von Wirklichkeit sprechen, indem wir die
ganze Erde ins Auge fassen; und den Rosenstock wie auch jede Pflanze
darauf wie ein aus dieser Wirklichkeit herauswachsendes Haar.
Sie sehen daraus, es kann in der aufteren sinnlichen Wirklichkeit
Dinge geben, die nicht im wahren Sinne des Wortes, wenn sie von ihrer
Grundlage entfernt sind, noch wirklich sind. Das heifit, wir miissen in
der scheinbaren aufieren Wirklichkeit, in dieser grofien Tauschung erst
nach den wahren Wirklichkeiten suchen. Die Menschheit, sie macht
heute schon bei der Naturbetrachtung solche Fehler in bezug auf die
Wirklichkeit. Aber wer solche Fehler in bezug auf die Wirklichkeit
macht und sich im Laufe von langen Jahrhunderten daran gewohnt hat,
sie zu machen, wie die heutige Menschheit, der wird aufierordentlich
schwer zu einem wirklichkeitsgemafien sozialen Denken kommen.
Denn sehen Sie, das ist der grofie Unterschied des menschlichen Lebens
von der Natur, daft die Natur dasjenige absterben lafit, was nicht mehr
seine voile Wirklichkeit hat: die vom Rosenstock abgepfliickte Rose.
Einen aufieren Schein von Wirklichkeit kann auch etwas haben, was
keine Wirklichkeit ist, was fur sich eine Luge ist. So etwas, was fur
sich keine Wirklichkeit hat, konnen wir aber im sozialen Leben wie
eine Wirklichkeit realisieren. Dann braucht es nicht gleich abzuster-
ben, aber es wird allmahlich zum Schmerz und zur Qual der Mensch-
heit, wahrend nur dasjenige zum Heile der Menschheit ausschlagen
kann, was aus einerganzen Wirklichkeit heraus empfunden,gedachtund
dem menschlichen sozialen Organismus eingepflanzt ist. Es ist nicht
bloft eine Sunde wider die soziale Ordnung, sondern es ist eine Siinde
wider die Wahrheit selbst, wenn zum Beispiel unsere heutige Lebens-
auffassung noch davon ausgeht, dafi menschliche Arbeitskraft - ich
habe das jetzt ofter hier gesagt - eine Ware sein kann. Man kann sie
in der aufieren scheinbaren Wirklichkeit dazu machen, aber eine solche
aufiere scheinbare Wirklichkeit wird dann zum Schmerz, zum Leid
der menschlichen sozialen Ordnung und gibt den Anlafi zu den Er-
schiitterungen, zu den Revolutionen des gesellschaftlichen Organismus.
Kurz, dasjenige, was die Menschheit gegenwartig notig hat in ihre
Denkgewohnheiten aufzunehmen, ist, daft nicht alles, was in der aufie-
ren scheinbaren Wirklichkeit sich offenbart, so wie es sich innerhalb
gewisser Grenzen offenbart, auch eine wahre Wirklichkeit zu sein
braucht, sondern eine Lebensliige sein kann. Und dieser Unterschied
der Lebenswahrheit und der Lebensliige ist es, der sich ganz tief in das
Gemiit des heutigen Menschen eingraben sollte. Denn in je mehr Men-
schen sich dieser Unterschied ganz tief eingrabt, in je mehr Menschen
das Gefiihl erwacht, man mufi nach dem suchen, was keine Lebens-
liige, sondern was eine Lebenswahrheit ist, um so eher werden wir zu
einer Gesundung des sozialen Organismus kommen konnen. Was mufi
aber dazu eintreten?
Ohne weiteres werden Sie ja nicht zu der Erkenntnis von der
wahren oder nur scheinbaren Wirklichkeit eines aufleren Gegenstandes
kommen konnen. Denken Sie sich, es wiirde ein Wesen von einem Pla-
neten kommen, auf dem die Verhaltnisse nicht so lagen wie auf unserer
Erde, so dafi das Wesen niemals den Unterschied bemerkt hatte zwi-
schen einer Rose, die auf einem Rosenstock wachst, und einem Kristall,
so konnte ein solches Wesen, wenn man ihm nebeneinandergelegt nun
einen Kristall und eine Rose darbote, glauben, die beiden waren von
gleicher Wirklichkeit. Und es konnte dann nur iiberrascht sein, daft die
Rose so schnell verwelkt, wahrend der Kristall bestehen bleibt. Der
Mensch auf der Erde weift sich nur gegeniiber dieser Wirklichkeit zu-
rechtzufinden, weil er eben die Dinge durch langere Zeiten verfolgt
hat. Aber nicht alles kann man so verfolgen, dafi man schon in der
aufteren Wirklichkeit sieht, was wahre Wirklichkeit ist oder nicht, wie
bei der Rose, sondern es liegen uns im Leben Dinge vor, welche not-
wendig machen, daft wir uns erst eine Grundlage schaffen, um die
wahre Wirklichkeit iiberhaupt ins Auge fassen zu konnen. Welches
kann eine solche Grundlage sein, namentlich fur das soziale Zusam-
menleben der Menschen?
Nun, ich habe Ihnen einzelnes iiber diese Grundlage im letzten und
im vorletzten Zweigvortrage hier auseinandergesetzt. Heute will ich
noch einiges hinzufugen. Sie kennen aus meinen Schriften die Schil-
derungen, die ich iiber die geistige Welt gegeben habe, iiber jene Welt,
die der Mensch durchlebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
Sie wissen, wenn man auf dieses Leben in der iibersinnlichen, in der
geistigen Welt hinweist, hat man notig, die Beziehungen festzustellen,
die da herrschen von Seele zu Seele. Da ist der Mensch leibfrei, da ist
der Mensch nicht den physischen Gesetzen dieser unserer Welt unter-
worfen, die wir zwischen der Geburt und dem Tode durchleben. Da
redet man daher von dem, was als Kraft oder als Krafte spielt von
Seele zu Seele. Lesen Sie nach in meiner «Theosophie», wie da in bezug
auf das Leben zwischen Tod und neuer Geburt gesprochen werden
muft von den Sympathie- und Antipathiekraften, die von Seele zu
Seele in der Seelenwelt spielen. Da spielen die Krafte ganz innerlich
von Seele zu Seele. Antipathie bringt eine Seele der anderen entgegen,
durch Sympathien werden sie gemildert. Es entstehen Harmonien und
Disharmonien zwischen Innerlichstem, was die Seelen erleben. Und
dieses Erleben des Innerlichsten einer Seele im Verhaltnis zu dem Er-
leben des Innerlichsten einer anderen Seele ist dasjenige, was das wahre
Verhaltnis der ubersinnlichen Welt ausmacht. Und nur ein Abglanz von
diesem Ubersinnlichen ist dasjenige, was, gewissermaften wie die Reste
davon, durch das physische Leben hindurch hier in der physischen Welt
eine Seele mit der anderen erleben kann.
Aber dieser Abglanz wiederum mufi im rechten Lichte beurteilt
werden. Man kann die Frage aufwerfen: Wie stellt sich, sozial betrach-
tet, dasjenige, was wir hier durchleben zwischen Geburt und Tod, zu
dem ubersinnlichen Leben? - Da werden wir jetzt, wo wir die notwen-
dige Dreigliederung des sozialen Organismus schon ofter ins Auge ge-
fafit haben, zunachst auf das mittlere Glied gelenkt, das ofter beschrie-
ben worden ist, auf den eigentlichen politischen Staat. Die Menschen,
die in unserer Gegenwart iiber den politischen Staat nachgedacht ha-
ben, haben immer versucht zu erkennen, was eigentlich der politische
Staat ist. Aber sehen Sie, die Menschen der Gegenwart mit ihren ma-
terialistischen Vorstellungen haben wirklich keine rechte Unterlage, so
etwas zu betrachten. Aufierdem ist nach den Interessen der verschie-
denen Menschenklassen in der neueren Zeit alles mogliche zusammen-
geschmolzen worden mit dem modernen Staate, so dafi man gar nicht
ohne weiteres voraussetzen kann, dieser Staat sei eine Wirklichkeit und
nicht eine Lebensliige. Es ist ein weiter Abstand von der Anschauung
des deutschen Philosophen Hegel zu der anderen Anschauung, die Fritz
Mauthner, der philosophische Worterbuchschreiber, in der neueren Zeit
dargetan hat. Hegel sieht den Staat mehr oder weniger wie den ver-
wirklichten Gott auf der Erde an. Fritz Mauthner sagt, der Staat sei
ein notwendiges Ubel. Also er sieht ihn als ein Ubel an, allerdings als
ein solches, das man nicht entbehren kann, das notwendig ist zum
menschlichen Zusammenleben. Das sind so entgegengesetzte Empfin-
dungen zweier neuerer Geister.
Die mannigfaltigsten Menschen haben sich, da jetzt vieles, was
fruher instinktiv sich gestaltet hat, in das menschliche Bewulksein
hereingestellt wird, Vorstellungen dariiber zu bilden versucht, wie der
Staat beschaffen sein soli, wie der Staat werden soli. Wiederum sind
die mannigfaltigsten Abstufungen in diesen Menschenvorstellungen zu-
tagegetreten. Da haben wir auf der einen Seite die lammfrommen Schil-
derer des Staates, die nicht recht eindringen wollen in das, was er ei-
gentlich ist, aber ihn doch so gestalten wollen, dafi die Menschen, wel-
che viel dariiber zu klagen haben, moglichst nicht viel dariiber zu reden
haben. Und da sind die anderen, die den Staat radikal umandern wol-
len, damit sich aus ihm heraus ein die Menschen befriedigendes Dasein
entwickeln konne. Es fragt sich: Wie kann man aber iiberhaupt eine
Anschauung gewinnen iiber dasjenige, was der Staat eigentlich ist?
Wenn man unbefangen ins Auge fafit, was sich nun spinnen kann
von Mensch zu Mensch im Staatsverhaltnis, und dies mit dem ver-
gleicht, was sich spinnt, wie ich eben charakterisiert habe, von Seele
zu Seele im ubersinnlichen Leben, dann erst bekommt man eine An-
schauung iiber die Wirklichkeit des Staates, iiber die mogliche Wirk-
lichkeit des Staates. Denn so, wie jenes Verhaltnis, das auf die Grund-
krafte der menschlichen Seele von Sympathien und Antipathien im
ubersinnlichen Leben aufgebaut ist, ein Innerlichstes ist in der mensch-
lichen Seele, so ist dasjenige, was sich von Mensch zu Mensch im blofien
Leben des politischen Staates begriinden kann, ein Aufierlichstes, auf
das Recht Basiertes, auf dasjenige, wo der Mensch in der aufierlichsten
Weise dem anderen Menschen gegeniibersteht. Wenn Sie diesen Ge-
danken durchdenken, dann kommen Sie dazu, einzusehen, dafi der
Staat das genaue Gegenteil des ubersinnlichen Lebens ist. Und er ist
um so vollkommener in seinem Wesen, dieser Staat, je mehr er das
voile Gegenteil des ubersinnlichen Lebens ist, je weniger er sich irgend-
wie anmafit, irgend etwas von ubersinnlichem Leben in seine Struktur
hineinzubringen, je mehr er nur dasjenige ins Auge fafit, was das
aufierlichste Rechtsverhaltnis des Verhaltens von Mensch zu Mensch
betrifft, worinnen alle Menschen gleich sind, gleich vor dem aufteren
Rechtsgesetze. Immer tiefer und tiefer wird man von der Wahrheit
durchdrungen, dafi die Vollkommenheit des Staates gerade darinnen
besteht, dafi in ihm nichts gesucht werde als dasjenige, was angehort
unserem Leben zwischen Geburt und Tod, was unserem alleraufier-
lichsten Verhaltnis angehort.
Dann aber mufi man fragen: Wenn der Staat nur ein Abglanz des
iibersinnlichen Lebens ist dadurch, dafi er das Gegenteil dieses uber-
smnlichen Lebens darstellt, wie ragt denn in unser ubriges sinnliches
Leben das Obersinnliche herein? - Von einem anderen Gesichtspunkte
aus habe ich es Ihnen letzthin dargestellt. Heute aber will ich Ihnen
noch mitteilen, dafi von den Antipathien, die sich in der iibersinnlichen
Welt zwischen dem Tode und der Geburt entwickeln, gewisse Reste
zurtickbleiben, Rest- Antipathien, mit denen wir durch die Geburt ins
physische Dasein schreiten. Denen wird im physischen Leben entge-
gengewirkt durch alles das, was sich im sogenannten geistigen Leben,
in der geistigen Kultur auslebt. Da werden die Menschen in religiosen
Gemeinschaften, da werden sie in anderen gemeinsamen Geistesgutern
zusammengebracht; da sollen sie den Ausgleich fur gewisse Antipathien
schaffen, die als Rest aus dem vorgeburtlichen Leben geblieben sind.
All unsere geistige Kultur soil eine Einrichtung fur sich hier sein, weil
sie ein Abglanz ist unseres vorgeburtlichen Lebens, weil sie gewisser-
mafien den Menschen hier in die Sinneswelt herausstellt, damit begabt,
eine Art Heilmittel fur die restlichen Antipathien zu bilden, die aus
der iibersinnlichen Welt geblieben sind. Daher ist es so schauderhaft,
wenn die Menschen im geistigen Leben Spaltungen hervorrufen, statt
sich gerade im geistigen Leben recht zu vereinen. Die restlichen Anti-
pathien, die uns aus dem geistigen Leben vor der Geburt bleiben, sind
wiihlend in den Untergriinden der menschlichen Seele und lassen nicht
dasjenige, was eigentlich angestrebt werden sollte, zur Wahrheit wer-
den: wirkliche geistige Harmonie, wirkliches geistiges Zusammenwir-
ken. Wo solches sein sollte, entwickeln sich gleich Sekten. Diese Sek-
tenbildungen und Sektenspaltungen sind noch das hier auf der Erde
befindliche Abglanzzeichen fur die Antipathien, aus denen alles gei-
stige Leben hervorgeht, und fiir die es eigentlich als ein Heilmittel sich
entwickeln soli. Wir haben das geistige Leben als etwas aufzufassen,
was in inniger Beziehung steht zu unserem vorgeburtlichen Leben, was
in gewisser Beziehung schon verwandt ist mit dem iibersinnlichen Le-
ben. Wir sollen daher nicht in die Versuchung kommen, dieses geistige
Kulturleben anders aufzurichten als ein freies Leben aufierhalb des
Staates, der nicht ein Abglanz in diesem Sinne, sondern ein Gegenbild
sein soil fiir das ubersinnliche Leben. Und wir bekommen nur eine Vor-
stellung iiber das, was wirklich ist am Staate urid wirklich ist an dem
geistigen Kulturleben, wenn wir zu unserem sinnlichen Leben das iiber-
sinnliche Leben hinzufiigen. Beides zusammen macht erst die wahre
Wirklichkeit aus, wahrend das blofie sinnliche Leben eben durchaus
ein Traum ist.
Das wirtschaftliche Leben ist wiederum ganz anders geartet. Im
wirtschaftlichen Leben arbeitet der eine Mensch fur den anderen. Der
eine Mensch arbeitet in der Regel f iir den anderen, weil er ebenso wie der
andere seine Vorteile dabei findet. Das wirtschaftliche Leben geht aus
den Bedurfnissen hervor und besteht in der Bef riedigung der Bediirf-
nisse, in dem Herausarbeiten alles dessen auf dem physischen Plane, was
die dumpf en Naturbediirf nisse des Menschen bef riedigen kann oder auch
wohl die feineren, aber doch mehr instinktiven Seelenbediirfnisse. Da
entwickelt sich innerhalb dieses wirtschaftlichen Lebens unbewulk das-
jenige, was nun wiederum hinauswirkt bis jenseits des Todes. Das-
jenige, was die Menschen aus den egoistischen Bedurfnissen des Wirt-
schaftslebens fiir einander arbeiten, entwickelt in seinen Untergriinden
die Keime fiir gewisse Sympathien, die sich im nachtodlichen Leben in
unserer Seele ausbilden miissen. So wie das geistige Kulturleben eine
Art Heilmittel ist gegen den Rest der Antipathien, die wir mitbringen
aus unserem vorgeburtlichen Leben in dieses nachgeburtliche, so ist
dasjenige, was in den Untergriinden des Wirtschaftslebens spielt, von
Keimen durchsetzt fiir die Sympathien, die sich nach dem Tode ent-
wickeln sollen. Das ist wiederum ein anderer Gesichtspunkt fiir die
Art, wie wir aus der iibersinnlichen Welt heraus die notwendige Drei-
gliederung des sozialen Organismus erkennen konnen. Solch einen
Gesichtspunkt kann allerdings derjenige nicht erringen, der sich nicht
bestrebt, die geisteswissenschaftlichen Grundlagen der Welterkenntnis
sich anzueignen. Aber fiir denjenigen, der sich diese geisteswissenschaft-
liche Grundlage aneignet, wird immer mehr und mehr zur Selbstver-
standlichkeit die Forderung, dafi der gesunde soziale Organismus in diese
drei Glieder geteilt sein raufi, weil diese drei Glieder in untereinander
ganz verschiedener Art ihre Beziehungen zur iibersinnlichen Wirklich-
keit haben, die, wie gesagt, erst mit der sinnlichen zusammen die wahre
Wirklichkeit ausmacht.
Aber von solchen Zusammenhangen des aufieren physischen Da-
seins, wie es sich entfaltet im geistigen Kulturleben, im Staatsleben,
im Wirtschaftsleben, hat die Menschheit in den letzten Jahrhunderten
nicht mehr geredet. Sie hat die alten Traditionen fortgesponnen, die
aber unverstandene geblieben sind. Sie hat sich abgewohnt, in unmit-
telbarem tatigem Seelenleben den Weg ins Geistesland hinein zu gehen,
um im Geistesland das Licht zu suchen, das die physische Wirklichkeit
beleuchten kann, so dafi man diese physische Wirklichkeit erst in der
richtigen Weise erkennt. Die fiihrenden Kreise der Menschheit, sie
haben ja den Ton angegeben in diesem ungeistigen Leben. Dadurch ist
jene tiefe Kluft zwischen den Menschenklassen entstanden, die heute
auf dem Untergrunde alles Lebens zu suchen ist, die wirklich von
den Menschen nicht verschlafen werden sollte. Ich darf vielleicht im-
mer wieder daran erinnern, wie, bevor Juli und August 1914 einge-
treten ist, die Menschen insofern sie den fiihrenden, den bisher fiihren-
den Klassen angehort haben, dasjenige gelobt haben, wozu es unsere
Zivilisation, wie sie das nannten, nun endlich gebracht hat. Sie wiesen
darauf hin, wie der Gedanke pfeilschnell iiber weite Strecken hin durch
Telegraphen und Telephon befordert werden kann, wie andere mar-
chenhafte Errungenschaften der neueren Technik das Kultur-, das Zi-
vilisationsleben so vorwartsgebracht haben. Aber dieses Kultur-, dieses
Zivilisationsleben ruhte eben auf dem Untergrunde, der die heutigen
furchtbaren Katastrophen herbeigefiihrt hat. Vor dem Juli und August
1914 haben die europaischen Staatsmanner, besonders diejenigen in den
mitteleuropaischen Staaten - man kann das dokumentarisch nachwei-
sen -, unzahlige Male betont: So wie die Verhaltnisse liegen, ist der
Friede in Europa fur lange Zeit gesichert. - Wortlich mit solchen
Redensarten haben insbesondere die Staatsmanner Mitteleuropas zu
ihren Parteien gesprochen. Ich konnte Ihnen noch von Mai 1914 solche
Reden zeigen, wo gesagt worden ist: So wie die Verhaltnisse der Staaten
jetzt untereinander durch unsere diplomatischen Beziehungen geord-
net sind, haben wir die Moglichkeit, an einen langer dauernden Frie-
den zu glauben. - Im Mai 1914! Aber derjenige, der die Verhaltnisse
dazumal durchschaute, muftte eben anders reden. Ich habe dazumal
in den Vortragen in Wien, vor dem Kriege, dasjenige ausgesprochen,
was ich ofter im Verlauf der letzten Jahre gesagt habe: Wir leben
in etwas darinnen, das man nur nennen kann eine menschliche soziale
Krebskrankheit, ein Karzinom der gesellschaftlichen Ordnung. Dieses
Karzinom, dieses Geschwiir ist aufgebrochen und ist zu dem geworden,
was man den Weltkrieg nennt.
Dazumal war natiirlich der Ausspruch: Wir leben in einem Karzi-
nom, wir leben in einem sozialen Geschwiir - fur die Leute eine Re-
densart, eine Phrase, weil der Weltkrieg erst danach kam. Denn die
Leute hatten keine Ahnung, dafi sie auf einem Vulkan tanzten. Fur
viele ist es heute wieder so, wenn man auf den anderen Vulkan hin-
weist, der wahrhaftig auch einer ist, und der da liegt in dem, was erst
heraufkommt fur die Ausgestaltung desjenigen, was man seit langem die
soziale Frage nennt. Weil die Menschen so gern schlafen gegeniiber
der Wirklichkeit, kommen sie nicht darauf, in dieser Wirklichkeit die
wahren Krafte, die diese Wirklichkeit selbst erst zur wahren Wirklich-
keit machen, zu erkennen.
Sehen Sie, deshalb ist es so schwierig, fur den heutigen Menschen
eindringlich zu machen, was so notwendig ware: die Sache von den
drei Gliedern des gesunden sozialen Organismus, von der Notwendig-
keit des Hinarbeitens auf diese Dreigliederung. Wie unterscheidet
sich denn diese Denkungsart, die da in der Forderung dieser Dreiglie-
derung zum Ausdrucke kommt, von anderen Denkungsarten? Sehen
Sie, andere Denkungsarten gehen eigentlich davon aus, auszudenken,
welches die beste soziale Weltordnung sein konnte, wie man es eigent-
lich machen musse, damit die Menschen zu der besten sozialen Welt-
ordnung kommen. Merken Sie den Unterschied von der Denkart, die
dieser Dreigliederung des sozialen Organismus zugrunde liegt. Diese
Dreigliederung geht gar nicht davon aus, zu fragen: Welches ist die
beste Anordnung im sozialen Organismus? - Sondern sie geht auf die
Wirklichkeit los : Wie soil man die Menschen selber gliedern, dafi sie in
den sozialen Organismus frei hineingestellt sind und zusammen wir-
ken konnen, so dafi das Richtige wird? - Diese Denkungsweise appel-
liert nicht an Prinzipien, appelliert nicht an Theorien, nicht an soziale
Dogmen, sondern sie appelliert an die Menschen. Sie sagt: Stellt die
Menschen hinein in die drei Glieder des sozialen Organismus, dann
werden diese Menschen sagen, was soziale Ordnung sein soil. - An den
wirklichen Menschen appelliert diese Denkungsweise und nicht an
abstrakte Theorien oder abstrakte soziale Dogmen.
Wenn ein Mensch allein leben wiirde, wiirde er niemals die mensch-
liche Sprache entwickeln. Die menschliche Sprache kann nur in der so-
zialen Gemeinschaft entstehen. Der Mensch, der allein lebt, entwickelt
auch keine soziale Denkungsart, keine soziale Empfindung und keine
sozialen Instinkte. Nur in der richtigen Gemeinschaft kann das soziale
Leben entwickelt werden.
Daft das heute geschehe, dem widerspricht aber sehr vieles. Dadurch
namlich, daft der Materialismus in den letzten Jahrhunderten herauf-
gezogen ist, hat sich der Mensch von der wahren Wirklichkeit entfernt.
Er ist der wahren Wirklichkeit fremd geworden. Er ist einsam gewor-
den in seinem Inneren. Und am einsamsten sind diejenigen geworden,
die aus dem Leben herausgerissen sind und mit nichts zusammenhangen
als mit der oden Maschine, mit der Fabrik auf der einen Seite und dem
seelenlosen Kapitalismus auf der anderen Seite. Ode ist es in den
menschlichen Seelen geworden. Aber aus dieser Seelenode ringt sich
dann los dasjenige, was eben aus dem einzelnen individuellen, person-
lichen Menschen heraus kommen kann. Was aus diesem einzelnen, indi-
viduellen, personlichen Menschen heraus kommen kann, sind innerliche
Gedanken, sind innerliche Schauungen von der iibersmnlichen Welt,
sind auch Schauungen, die uns die auftere sinnliche Naturwelt erklaren.
Aber gerade dann, wenn wir recht einsam werden, wenn wir recht auf
uns selber nur gestellt sind, ist das die beste Seelenverfassung fur all
dasjenige, was die Erkenntnis fur den einzelnen Menschen in seinen
Zusammenhangen mit Natur- und Geisteswelt entwickeln soli. Dem
steht entgegen dasjenige, was sich als soziales Denken entwickeln soli.
Nur wer dies bedenkt, kann richtig iiber den bedeutungsvollen ge-
schichtlichen Augenblick urteilen, in welchem wir jetzt stehen. Die
Menschen muftten einmal in der Weltentwickelung so einsam werden,
damit sie aus der Einsamkeit ihrer Seele heraus geistiges Leben ent-
wickeln wollen. Die einsamsten waren die groften Denker, die in
scheinbar ganz abstrakten Hohen gelebt haben und die in ihren Ab-
straktionen nur den Weg suchten zu der ubersinnlichen Welt.
Aber natiirlich mufi der Mensch nicht nur den Weg suchen zu der
iibersinnlichen Welt und zu der Natur, er mufi den Weg suchen aus
seinen Gedanken heraus zu dem sozialen Leben. Da aber das soziale
Leben nicht in der Einsamkeit entwickelt werden kann, sondern nur
in dem wirklichen Miterleben der anderen Menschen, so war der ein-
same Mensch der neueren Zeit nicht recht geeignet, ein soziales Denken
zu entwickeln. Gerade wenn er so recht sein Inneres nur zur Geltung
bringen wollte, wurde das, was er aus seinem Inneren heraus spann,
antisozial, wurde kein soziales Denken. So leben wir in den wider-
spriichlichsten Erscheinungen. Die neueren Neigungen und Sehnsuchten
der Menschen sind die Entfaltung von Geisteskraften, die auf Einsam-
keit angelegt sind und die durch den iiberflutenden ahrimanischen
Materialismus auf falsche Bahnen gebracht werden.
Man merkt das Gewicht dieser Tatsache so recht, wenn man sich
etwas fragt, was heute fur viele Menschen schreckhaft ist. Man kann
die Menschen fragen: Was nennt ihr bolschewistisch? - Lenin, Trotzkij,
sagen dann die Leute. Nun, ich kenne noch einen dritten Bolschewik, der
allerdings nicht in der unmittelbaren Gegenwart lebt, und dieser dritte
ist kein anderer als der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte. Sie
werden mancherlei schon gehort haben, mancherlei aufgenommen ha-
ben iiber die ideale spirituelle Denkungsart Johann Gottlieb Fichtes.
Sie werden dabei weniger daran gedacht haben, als welcher Mensch
sich Fichte auslebt, und werden die Anschauungen kennen, die er in
seinem «Geschlossenen Handelsstaat», den sich jeder in der Reclam-
Bibliothek fur billigstes Geld kaufen kann, niedergelegt hat. Lesen Sie
die Art und Weise, wie sich Fichte die Giiter der Menschen, deren gesell-
schaftliche Ordnung verteilt denkt, und vergleichen Sie dann dasjenige,
was Fichte da aufstellt, mit dem, was Trotzkij oder Lenin schreiben,
so werden Sie eine merkwurdige Obereinstimmung entdecken. Dann
werden Sie doch bedenklich werden in dem blofien aufierlichen Hin-
stellen und Verurteilen, und Sie werden versucht sein zu fragen: Was
liegt denn da eigentlich zugrunde? - Wenn Sie dann naher darauf ein-
gehen, wenn Sie versuchen sich klarzumachen, was da zugrunde liegt,
so kommen Sie zu folgendem: Sie untersuchen die besondere geistige
Richtung, die sich bei den radikalsten Menschen heute findet, Sie las-
sen sich darauf ein, vielleicht gerade Trotzkijs und Lenins Seele zu
untersuchen, die besondere Art zu denken, die Gedankenformen, und
Sie fragen sich dann: Wie sind solche Menschen denkbar geworden? -
Sie bekommen zur Antwort: Sie sind denkbar auf der einen Seite in
einer anderen sozialen Ordnung und denkbar in unserer sozialen Ord-
nung, die sich unter dem Lichte oder eigentlich unter der Dunkel-
heit, der Finsternis des Materialismus seit Jahrhunderten entwickelt
hat. - Nehmen Sie an, in einer anderen sozialen Ordnung hatten sich
Lenin und Trotzkij entwickelt. Was waren sie vielleicht geworden,
indem sie ihre Geisteskrafte in ganz anderer Weise entwickelt hatten?
Tiefe Mystiker! Denn dasjenige, was in solchen Seelen lebt, konnte in
einer religiosen Atmosphare zum Beispiel tiefste Mystik werden. In
der Atmosphare des neueren Materialismus wird es das, als was es sich
einem darstellt.
Nehmen Sie Johann Gottlieb Fichtes «Geschlossenen Handels-
staat», so ist es das soziale Ideal eines Menschen, der nun wahrhaftig
in intensivster Art hochste Erkenntnispfade zu beschreiten versuchte,
der ein Denken ausbildete, das immerzu hingeneigt war auf die iiber-
sinnliche Welt. Als er aber aus sich selbst herausspinnen wollte ein so-
ziales Ideal, so war es zwar ein reines Gebilde des menschlichen Her-
zens, aber gerade dasjenige, was uns geeignet macht, auf innerlichem
Wege hochste Ideale der Erkenntnis zu erringen, das macht uns, wenn
wir es auf das soziale Leben anwenden wollen, ungeeignet, soziale
Denkungsart zu entwickeln. In einem solchen geistigen Wesen, wie
Fichte es entwickelt hat, kann nur der Mensch allein seine Wege ma-
chen. Das soziale Denken mufi in der menschlichen Gemeinschaft ent-
wickelt werden. Und der Denker hat dann hauptsachlich die Auf gabe,
darauf hinzuweisen, wie der soziale Organismus gestaltet sein mag,
damit die Menschen in der richtigen Weise zusammenwirken, um im
Sozialen selbst das Soziale zu begriinden. Deshalb gebe ich Ihnen nicht
an, oder gebe ich den gegenwartigen Menschen nicht an, man soil so
und so einrichten Privateigentum an Produktionsmitteln oder Gemein-
eigentum an Produktionsmitteln, sondern ich mufi sagen: Versucht hin-
zuarbeiten darauf, daf$ der soziale Organismus gegliedert werde in
seine drei Glieder, dann wird auch dasjenige, was unter der Wirksam-
keit des Kapitals steht, von dem geistigen Gebiete aus verwaltet war-
den und ihm sein Rechtsleben eingeflofo werden von dem politischen
Staate. Dann wird Rechtsleben und Geistesleben mit dem Wirtschafts-
leben in ordentlicher Weise zusammenflieften. Und dann wird jene
Sozialisierung eintreten, die immerzu wieder iiberleken wird aus ge-
wissen Rechtsbegriffen heraus dasjenige, was man iiber seinen eigenen
Verbrauch hinaus erworben bat, in die geistige Organisation hinein.
Es geht wieder zuriick an die geistige Organisation.
Heute hat man diese Einrichtung nur auf dem Gebiete des geistigen
Eigentums, wo es niemandem auffallt. Sein geistiges Eigentum kann
man nicht langer wahren fur seine Nachkommen, als hochstens eine
gewisse Zeit hindurch, dreifiig Jahre nach dem Tode, dann wird es
Gemeineigentum. Man sollte nur daran denken, dafi dies ein Muster
sein kann fur die Zuriickleitung desjenigen, was allerdings durch
menschlich-individuelle Krafte erarbeitet wird, wie auch desjenigen,
was in der kapitalistischen Ordnung steht, die Zuriickleitung wiederum
in den sozialen Organismus. Es fragt sich dann nur in welche Teile? In
denjenigen Teil, der geistige individuelle und auch sonstige individu-
elle Krafte des Menschen in der richtigen Weise verwalten kann: in den
geistigen Organismus. Die Menschen werden das so machen, wenn sie
in der richtigen Weise im sozialen Organismus stehen. Das setzt diese
Denkungsart voraus.
Ich konnte mir denken, dafi diese Dinge in jedem Jahrhundert an-
ders gemacht werden: Absolute Festsetzungen fur diese Dinge gibt es
nicht. Aber unsere Zeit hat sich angewohnt, alles vom materialistischen
Gesichtspunkte aus zu beurteilen, und daher sieht man gar nichts mehr
in seinem rechten Lichte. Ich habe jetzt ofter auseinandergesetzt, wie
in der modernen Zeit Arbeitskraft Ware geworden ist. Dagegen hilft
nicht der gewohnliche Arbeitsvertrag, denn der geht davon aus, dafi
Arbeitskraft Ware ist, und er wird geschlossen iiber die Arbeit, die der
Arbeiter dem Unternehmer leisten soil. Ein gesundes Verhaltnis kann
nur dadurch zustande kommen, dafi der Vertrag gar nicht iiber die
Arbeit geschlossen wird, dafi die Arbeit als Rechtsverhaltnis festgesetzt
wird vom politischen Staate, und dafi der Vertrag geschlossen wird
iiber die Verteilung des erzeugten Produkts zwischen dem korperlich
Arbeitenden und dem geistig Arbeitenden. Ober die erzeugten War en
aber nur kann der Vertrag geschlossen werden, nicht iiber das Ver-
haltnis der Arbeitskraft zum Unternehmer. Dadurch allein kann die
Sache auf eine gesunde Basis gestelk werden.
Aber die Menschen fragen nun: Woher kommen die Schaden im so-
zialen Leben, die dem Kapitalismus anhaften? - Sie sagen: Die kom-
men von der wirtschaftlichen Ordnung des Kapitalismus. - Aber von
dieser wirtschaftlichen Ordnung konnen keine Schaden kommen, son-
dern davon kommen die Schaden, dafi wir erstens kein wirkliches Ar-
beitsrecht haben, welches die Arbeit in der entsprechenden Weise
schiitzt, und zweitens, dafi wir nicht bemerken, wie wir in der Lebens-
liige leben, wie dem Arbeiter sein Teil abgenommen wird. Aber worauf
beruht denn das Abnehmen? Nicht auf der Wirtschaftsordnung, son-
dern darauf, daft eigentlich durch die gesellschaftliche Ordnung selber
die Moglichkeit geboten ist, dafi die individuellen Fahigkeiten des
Unternehmers nicht in der richtigen Weise teilen mit dem Arbeiter.
Bei Waren mufi man teilen, denn sie werden gemeinsam produziert
von dem geistigen und korperlichen Arbeiter. Was heifit es denn aber,
durch seine individuellen Fahigkeiten jemandem anderen etwas ab-
nehmen, was man ihm nicht abnehmen soil? Das heilk, ihn betriigen,
ihn iibervorteilen! Diesen Verhaltnissen mufi man nur gesund und un-
befangen ins Auge schauen, dann kommt man darauf: nicht in dem
Kapitalismus liegt es, sondern in dem Mifibrauch der geistigen Fahig-
keiten. Da haben Sie den Zusammenhang mit der geistigen Welt. Ma-
chen Sie erst die geistige Organisation gesund, so dafi die geistigen
Fahigkeiten sich nicht mehr dahin entwickeln, dafi sie denjenigen iiber-
vorteilen, der arbeiten mufi, dann machen Sie den sozialen Organismus
gesund. Es kommt darauf an, iiberall auf das Richtige hinsehen zu
konnen.
Um auf das Richtige hinsehen zu konnen, dazu bedarf der Mensch
einer Richtlinie. Heute ist die Zeit so weit gekommen, dafi richtige
Richtlinien nur aus dem geistigen Leben heraus kommen konnen. Da-
her mufi die Hinlenkung zu diesem geistigen Leben eine ernste werden.
Und es ist immer wieder und wiederum darauf aufmerksam zu machen,
daft es heute nicht geniigt, immer wieder und wiederum darauf hinzu-
weisen, die Menschen sollen wiederum an den Geist glauben. Oh, es
fangen jetzt viele Propheten an, von der Notwendigkeit des Glaubens
an den Geist zu reden! Aber darauf kommt es nicht an, daft die Men-
schen nur sagen: Um zu einer Heilung zu kommen aus den jetzigen un-
gesunden Verhaltnissen heraus, ist es notwendig, daft sich die Menschen
vom Materialismus wiederum zum Geist wenden. - Nein, der blofte
Glaube an den Geist bringt heute keine Heilung. Es konnen noch so
gefeierte Propheten in den Landern herumgehen und immer wieder und
wiederum sagen: Das neuere Leben hat die Menschen veraufterlicht,
sie miissen innerlicher werden. - Es konnen noch so viele Propheten
sagen: Der Christus war bisher nur zum Privatleben da, er soil jetzt in
das Staatsleben einziehen. — Mit solchen Dingen ist heute absolut nichts
getan. Denn heute kommt es nicht darauf an, bloft an den Geist zu glau-
ben, sondern heute kommt es darauf an, daft man vom Geiste sich so
erfiillt, daft der Geist gerade durch uns in die auftere materielle Wirk-
lichkeit ubergefuhrt werde. Nicht darauf kommt es an, heute den
Menschen zu sagen: Glaubt an den Geist -, sondern von einem solchen
Geiste ist notwendig heute zu sprechen, der die materielle Wirklichkeit
wirklich bezwingt, der wirklich sagt, wie man den sozialen Organismus
gliedern soli. Denn nicht darauf beruht heute die Ungeistigkeit, daft die
Menschen nicht an den Geist glauben, sondern darauf, daft sie nicht mit
dem Geiste in einem solchen Zusammenhang stehen konnen, daft der
Geist in die Materie im wirklichen Leben einzugreifen vermag. Der
Unglaube an den Geist beruht nicht darauf, daft man bloft den Glauben
an den Geist leugnet, sondern er kann auch darauf beruhen, daft man
eine blofte Materie annimmt, die ungeistig ist. Wie viele Menschen gibt
es heute, die gerade darinnen etwas aufterordentlich Vornehmes sehen,
daft sie sagen: Ach, das ist das blofte aufterliche materielle Leben, das hat
nichts Geistiges, aus dem muft man sich zuriickziehen, man muft sich
hinwenden von dem aufieren materiellen Leben zu dem abgezogenen
Leben des Geistes. - Da ist die materielle Wirklichkeit, da schneidet
man seine Coupons ab, dann setzt man sich ins Meditationszimmer und
geht weg in die geistige Welt. Schone doppelte Lebensstromungen, fein
voneinander getrennt! Darauf kommt es heute nicht an. Heute kommt
es darauf an, daft der Geist so stark in den menschlichen Gemiitern
werde, dafl dieser Geist nicht nur redet von der Art, wie der Mensch
geistig begnadet oder erlost wird, sondern daft der Geist eindringt in
dasjenige, was wir tun wollen in der aufteren materiellen Wirklichkeit,
daft wir den Geist einf iihren, einf liefien lassen in diese aufiere materielle
Wirklichkeit. Gewohnheitsmafiig reden iiber den Geist, das liegt den
Menschen sehr nahe. Und in dieser Beziehung konnen manche Men-
schen in einem sonderbaren Selbstwiderspruch sein. Die Anzengruber-
sche dramatische Figur des Menschen, der den Gott leugnet, und dies
besonders dadurch bekraftigt, dafi er sagt: «So wahr ein Gott im
Himmel ist, bin ich ein Atheist», — diese Figur des sich so widerspre-
chenden Menschen, die ist heute vorhanden, wenn auch nicht so kraft
wie diese Anzengrubersche dramatische Figur, aber sie ist durchaus
keine Seltenheit. Denn in diesem Stile wird heute sehr haufig geredet:
So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist!
Das alles schliefk eben die Mahnung ein, nicht auf blofien Glauben
an den Geist zu sehen, sondern vor alien Dingen zu versuchen, den
Geist so zu fiiiden, dafi der Geist uns stark macht, um auch die aufiere
materielle Wirklichkeit zu durchschauen. Dann wird in der Tat der
Mensch aufhoren, in jedem Satze das Wort Geist, Geist, Geist zu spre-
chen. Dann wird aber der Mensch durch die Art, wie er die Dinge an-
schaut, beweisen, dafi er sie mit Geist betrachtet. Darauf kommt es
heute an, dafi man die Dinge mit Geist betrachtet, nicht dafi man im-
mer nur vom Geiste spricht. Das wird durchschaut werden miissen,
damit nicht immer wiederum anthroposophische Geisteswissenschaft
mit all dem Gerede vom Geiste, das heute noch so beliebt ist, verwech-
selt werden konne. Immer wieder und wieder hort man es, wenn nur
in einem besseren Stile da oder dort ein Sonntagnachmittagsprediger
weltlicher Sorte spricht, dafi gesagt wird, der redet ja ganz im Sinne
der Anthroposophie, Er redet dann meistens das Gegenteil! Darauf
mufi man gerade sein Augenmerk lenken. Das ist es, worauf es an-
kommt.
Wer dies erkennt, wird dann durchaus nicht weit von der Einsicht
sein, dafi gerade ein so gut gemeinter, ich mochte sagen, wie aus einer
Vorempfindung eines tragischen Todes heraus gesprochener Satz wie
der, den ich Ihnen vorgelesen habe von Kurt Eisner, deshalb besonders
wertvoll ist, weil er einem vorkommt wie das Gestandnis eines Men-
schen: An Obersinnliches glaube ich eigentlich doch im Ernste nicht,
wenigstens will ich mich nicht lebendig an Obersinnliches wenden.
Doch haben diejenigen, die vom Obersinnlichen geredet haben, immer
gesagt: Die sinnliche Wirklichkeit hier ist nur die halbe Wirklichkeit,
sie ist wie ein Traum. Und ich raufi hineinschauen in die Gestalt, wel-
che diese sinnliche Wirklichkeit im sozialen Leben der Gegenwart an-
genommen hat, und da kommt sie mir gar sehr als ein Traum vor. Da
ist es so, dafi man sagen mufi, dafi diese Wirklichkeit die deutliche
Erfindung irgendeines bosen Geistes ist. —
Gewifi ein bemerkenswertes Gestandnis. Konnte es aber nicht auch
anders sein? Konnte nicht dasjenige, was in so tragischer, in so furcht-
barer Weise die gegenwartige Wirklichkeit den Menschen zeigt, die
Erziehung eines guten Geistes sein, urn aus dem, was wie ein boser Alp-
traum erscheint, die wahre Wirklichkeit zu suchen, die aus Sinnlichem
und Obersinnlichem zusammengefugt ist? Man mufi nicht durchaus
pessimistisch diese Gegenwart ansehen, man kann auch aus ihr die
Kraft schopfen fur eine Art von Rechtfertigung dieses Daseins. Dann
wird man aber nimmermehr bei dem Sinnlichen stehenbleiben diirfen,
dann wird man den Weg aus dem Sinnlichen heraus in das Obersinn-
liche finden miissen. Derjenige, der diesen Weg nicht suchen will,
mtifite eigentlich heute wirklich kurzdenkig sein, wenn er sich nicht
sagen wiirde: Diese Wirklichkeit ist wie die Erfindung eines bosen Gei-
stes! - Derjenige aber, der den Willen in sich entwickelt, von dieser
Wirklichkeit aufzusteigen zu einer geistigen Wirklichkeit, wird auch
von einer Erziehung durch einen guten Geist sprechen konnen. Und
trotz alledem, was wir heute schauen, diirfen wir doch iiberzeugt sein,
dafi die Menschen einen Ausweg aus dem tragischen Geschick der Ge-
genwart finden werden. Aber freilich, der deutliche Wink mufi beob-
achtet werden: mitzuwirken an der sozialen Gesundung.
Das wollte ich heute zu dem, was ich letzthin sagte, doch noch
hinzufiigen.
FUNFTER VORTRAG
Heidenheim, 12. Juni 1919
Wir leben in einer Zeit, in der bemerkt werden konnte, was eigentlich
seit Jahren die sogenannte anthroposophische Geisteswissenschaft an-
strebt. Und es ware wohl die schonste Frucht gerade des anthropo-
sophischen Strebens, wenn dieses als Oberzeugung sich ergeben wiirde
in den Herzen und Seelen der an dieser Bewegung sich Beteiligenden,
da# gewissermafien die Feuerzeichen unserer Zeit dasjenige sind, was
wie ein Beweis gelten kann fur die Notwendigkeit, aus der heraus
sich diese geisteswissenschaftliche Bewegung nun schon seit Jahren in
die Zeit hineingestellt hat. Mag heute aufterlich in der Welt dies oder
jenes sturmisch vor sich gehen, mag das, was sich herausarbeiten will
aus tiefen Untergriinden der menschlichen Entwickelung, so oder so
aussehen, die eigentliche Natur und Wesenheit desjenigen, was ge-
schieht, vernimmt man eigentlich doch nur, wenn man auf diejenigen
Ereignisse hinschaut, die dem gewohnlichen, heute noch iiblichen
menschlichen Anschauen entgehen, und die eigentlich nur dann wahr-
nehmbar sind, wenn man die Welt von einem geistigen Gesichtspunkte
aus betrachtet.
Ich mochte ausgehen von einer solchen Erscheinung, die heute unter
den mannigfachen sturmischen Ereignissen kaum bemerkt wird. Sie
wird als etwas Unbedeutendes und Unbetrachtliches angesehen, aber
sie ist da fur denjenigen, der sich aus geistigen Untergriinden heraus
die Moglichkeit erworben hat, das Leben wirklichkeitsgemafi zu be-
trachten.
Es sind jetzt etwa sieben, acht, zehn Jahre her - es mag paradox
klingen, aber es ist wahr seit fur den wirklichen Beobachter des Le-
bens die Kinder, die geboren werden, mit einem ganz anderen Antlitz
geboren werden als fruher. Gewifi, man bemerkt es nicht, weil man
auf solche Dinge nicht achtet, weil man heute iiberhaupt auf die wich-
tigsten Dinge des Lebens nicht acht gibt. Aber wer sich einen Blick
fur solche Dinge erworben hat, der weifi, dafi iiber dem Antlitz der
vielen, seit sieben bis acht oder zehn Jahren geborenen Kinder etwas
Iagert wie Triibe, wie Zuriickhaltung gegeniiber der Welt. Man mochte
sagen, schon von den ersten Tagen, von den ersten Wochen an merkt
man es an der Physiognomie der Kindergesichter: da ist etwas anders,
als es friiher war. Und geht man dieser merkwiirdigen, dem heu-
tigen Menschen noch paradox klingenden Tatsache nach, dann bemerkt
man, daft die Kinderseelen, die sich durch die Geburt in die Welt
bringen, bereits, indem sie durch Empfangnis und Geburt durchgehen,
schon dasjenige in sich tragen, was dann ihrem Antlitz fast von der
Geburt ab den melancholischen, vielleicht oftmals hinter allem Lacheln
verborgenen melancholischen Ausdruck gibt, der friiher nicht so auf
den Kindergesichtern lagerte. Und in den Seelen, ganz unbewufit
selbstverstandlich, lebt etwas von der Stimmung des Nichthereinwol-
lens ins Leben. Die Seelen, die heute durch die Geburt gehen — wie ge-
sagt, es ist das schon seit fast zehn Jahren -, fiihlen etwas wie ein Hin-
dernis und Hemmnis, in diese physische Welt hereinzukommen.
Es ist ja so, dafi der Mensch, bevor er durch Empfangnis und Ge-
burt in die physische Welt hereinkommt, in der geistigen Welt ein
wichtiges Ereignis durchmacht, das dann seine Strahlen wirft, seine
Wirkungen betatigt in dem kommenden Leben. Die Menschen sterben
hier auf der Erde, sie gehen durch die Todespforte, sie legen den phy-
sischen Leib ab, bringen ihre Seele hinein in die geistige Welt. Diese
Seele tragt in sich noch die Wirkungen alles desjenigen, was sie hier
in der physischen Welt durchlebt und erf ahren hat. Sie sieht im Grunde
genommen aus, indem sie durch die Todespforte gegangen ist, wie die
Wirkungen selbst, desjenigen, was unmittelbar hier im Erdenleben
durchgemacht wird. Solche Seelen, welche nun durch die Todespforte
gegangen sind, begegnen — das ist ein Ereignis, das eben Tatsache ist,
ich kann es Ihnen nur erzahlen, weil diese Dinge ja nur durch Erfah-
rung aus der geistigen Welt herausgeholt werden konnen -, sie begeg-
nen jenen Seelen, die sich anschicken, in der kommenden Zeit herunter-
zusteigen in einen physischen Leib. Und das ist ein wichtiges Ereignis,
diese Begegnung der Seelen, die eben durch die Todespforte gegangen
sind, mit jenen Seelen, die demnachst durch die Geburtspforte in die
physische Welt hereintreten werden. Dieses Ereignis hat etwas Aus-
schlaggebendes. Es ist gewissermafien da, um den heruntersteigenden
Seelen so etwas einzuimpfen wie eine Vorstellung von dem, was sie
hier antreffen werden. Und von dieser Begegnung her stammt der Im-
puls, welcher die eigentiimliche Melancholie den Kindefn aufdriickt,
die heute in die Welt hereingehen. Sie wollen in diese Welt nicht herein,
von der sie durch diese Begegnung erfahren haben. Denn sie wissen,
wie ihnen gewissermafien das «geistige Gefieder» zerzaust wird durch
dasjenige, was die in materialistische Gesinnung und materialistische
Weltanschauung und auch in materialistisches Tun getauchte Mensch-
heit auf der Erde heute durchmacht. Dieses Ereignis, das natiirlich nur
geistig konstatierbar ist, wirft neben anderem eine stark wirkende Be-
leuchtung auf unsere ganze Gegenwart, die man aus solchen Unter-
griinden heraus nur verstehen kann, aber auch verstehen sollte.
Ich ging von einem Ereignis aus, das selbstverstandlich nur aus
geistigem Schauen erfafit werden kann. Aber andere Ereignisse in der
Gegenwart sprechen laut und deutlich zu uns, und die konnten auch
ohne geistiges Schauen unmittelbar auffallig werden fur jeden nicht
schlafrig durch das Leben gehenden Menschen. Wir sehen, wie sich
zum groften Unheil der Welt ausgebreitet hat seit den letzten vier bis
fiinf Jahren die grolSe Weltkriegskatastrophe. Wir blicken immer wie-
der und wieder - ich denke, das mufi jede wache Seele tun - zuriick
nach dem, was aufierlich sichtbar zu dieser furchtbaren Menschheitska-
tastrophe gefiihrt hat. Wir blicken auf den Verlauf dieser Katastrophe
und blicken zuletzt auf das, was heute als Ereignisse aus dieser Kata-
strophe iiber weiteste Gebiete der Welt hin hervorgegangen ist. Eines
miilke auffallig sein fur jede wache Seele. Nehmen Sie doch die eigen-
tiimliche Tatsache, dafi diese Weltkriegskatastrophe zum Beispiel iiber
Mitteleuropa hereingebrochen ist, und dafi eigentlich - es ist ja doch
so - niemand wissen mochte, wie die Dinge eigentlich gekommen sind.
Die Leute fragen sich, wie die Dinge gekommen sind, geben dem einen
oder anderen die Schuld, sagen sich aber doch zuletzt immer wieder,
wenn sie dann glauben, ergrundet zu haben, dafi das eine oder andere
schuld war: Es kann doch nicht so sein, es mufi da doch noch etwas
anderes im Spiele sein.
Die Leute sagen sich: Die groEe soziale Bewegung hat sich heraus-
ergeben aus dieser Weltkriegskatastrophe. Die Menschen - seien sie
nun Parteileute, seien sie nicht Parteileute - versuchen zu verstehen,
was eigentlich geschehen soli innerhalb dieser sozialen Katastrophe.
Alles, was sich die Menschen dariiber an Gedanken machen, sind ja
eigentlich gegeniiber den Ereignissen Gedankenmumien, sind Gedan-
ken, die der Wucht der Ereignisse und dem eigentlichen Charakter
durchaus nicht gewachsen sind. Und sieht man noch genauer zu, gerade
jetzt, wo von einer Reihe von scheinbar recht unmittelbar an dem Ent-
stehen der Weltkatastrophe beteiligten Personen allerlei Memoiren er-
scheinen, so mufi man sich sagen nach dem, was diese Leute schreiben:
Standen sie denn vor vier bis funf Jahren wirklich in den Ereignissen
drinnen? Haben sie eigentlich gewufit, was sie tun? Haben sie eine
Ahnung gehabt von der Tragweite dessen, was ihr Verstand ausgeheckt
hat? Immer mehr mu#ten sich die Menschen heute gestehen so etwas,
wie das Gestandnis des russischen Ministers Suchomlinoff, der mit Be-
zug auf die drei bis vier Stunden, wo es darauf ankam, dafi er seine
wichtigsten Entschliisse faftte, vor Gericht gesagt hat: Da mufi ich
den Verstand nicht gehabt haben, da mufi ich ja verriickt gewesen sein!
Solche Ereignisse sind tief sprechend. Und sie weisen darauf hin,
dafi eine Verwirrung des Geistes durch die weitesten Kreise der Betei-
ligten gegangen ist. Und wer nun wirklich das Zeug dazu hat, in das
Furchtbare der gegenwartigen Weltereignisse hineinzublicken, der
kommt schon darauf - und die Leute werden immer mehr darauf
kommen -: Moralisch ist nicht so sehr viel verfehlt worden, aber um
so mehr intellektuell durch die Unfahigkeit, die Weltereignisse irgend-
wie zu durchschauen. Und heute ist es nicht anders. Wie hilflos steht
im Grunde genommen die grofie Mehrheit der Menschheit da gegen-
iiber den hereingebrochenen Weltereignissen. Da miifite die ernsteste
Frage auftauchen: Was liegt denn da eigentlich zugrunde? - Es liegt
etwas zugrunde, was gerade fur unsere von materialistischer Gesinnung
durchdrungene Zeit au£erordentlich schwer zu begreifen ist: dafi ge-
rade seit jenem weltgeschichtlichen Zeitpunkt, in dem die materia-
listische Weltanschauungswoge besonders hoch gegangen ist, in Wahr-
heit die starkste geistige Kraft, die jemals in das Menschenleben aus der
geistigen Welt herein wollte, in dieses Menschenleben jetzt herein will.
Das ist das Charakteristische in unserer Zeit. Der Geist, die geistige
Welt will sich seit dem Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts
mit aller Macht den Menschen offenbaren. Doch die Menschen sind all-
mahlich an einem Punkte ihrer Entwickelung angekommen, wo sie zum
Aufnehmen von irgend etwas in der Welt als Werkzeug nur ihren phy-
sischen Leib benutzen wollen. Sie haben sich aus der materialistischen
Weltanschauungsgesinnung heraus gewohnt, sogar theoretisch zu ver-
treten, dafi das physische Gehirn das Werkzeug sei fur das Denken, so-
gar fur das Fiihlen und sogar fiir das Wollen. Sie haben sich eingeredet,
dafi der physische Leib das Werkzeug sei fiir alles geistige Leben. Sie
haben sich das nicht grundlos eingeredet. Sie hatten guten Grund dazu,
namlich den Grund, daft innerhalb der Menschheitsentwickelung die
Menschen allmahlich nur den physischen Leib noch benutzen konnten,
dafi es wirklich nach und nach so gekommen 1st, dafi nur der physische
Leib fiir die geistige Betatigung als Werkzeug benutzt werden konnte.
Und so stehen wir heute in dem unendlich wichtigen Knoten der
Menschheitsentwickelung, wo auf der einen Seite wie im Sturme sich
offenbaren will die geistige Welt, und wo auf der anderen Seite der
Mensch die Kraft finden mufi, aus seinem starksten Eingesponnensein
in das Materielle sich zum neuen Empfangen der Geistesoffenbarun-
gen heraufzuarbeiten.
Es ist der Menschheit heute die starkste Priifung ihrer Kraft ge-
stellt, die Priifung der Kraft des freien Sich-Hinaufarbeitens zu dem
Geiste, der ganz von selbst der Menschheit entgegenkommt, wenn der
Mensch sich vor diesem Geiste nicht verschliefit. Aber es ist die Zeit
vorbei, in der
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