Der innere Aspekt des sozialen Rätsels

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Der innere Aspekt 
des sozialen Ratsels 

Luziferische Vergangenheit 
und ahrimanische Zukunft 



Zehn Vortrage, 
gehalten in Zurich, Bern, Heidenheim und Berlin 
zwischen dem 4. Februar und 4. November 1919 



1989 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Hendrik Knobel 



1. Auflage in dieser Zusammenstellimg 
Gesamtausgabe Dornach 1968 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1972 

3. Auflage, neu durchgesehen, 
Gesamtausgabe Dornach 1977 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989 



Einzelausgaben und Abdrucke in Zeitschriften siehe Seite 201 



Bibliographie-Nr. 193 

Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz 
© 1968 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Schiiler AG, Biel 

ISBN 3-7274-1930-X 



2,u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
<<mundliche, nicht zura Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermalSen auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Zurich, 4. Februar 1919 

Der Mensch als Mittelpunkt des Universums. Das Geistesleben als 
ideologischer Schatten und die Hinwendung zum Geiste. Die Be- 
ziehung der menschlichen Seele zu den geistigen Wesenheiten und zum 
anderen Menschen einst und jetzt. Das Reifwerden durch Lernen bis 
ins Alter. Spirituelle Alterserkenntnisse iiber das Kind als Forderung 
des heutigen sozialen Lebens. 



Zweiter Vortrag, Bern, 8. Februar 1919 

Die soziale Frage als Problem der Gesaratmenschheit. Gegensatzlich- 
keit der proletarisch-materialistischen und der geisteswissenschaftli- 
chen "Weltanschauung. Die Struktur des irdischen Geisteslebens. Der 
aufSere Rechtsstaat. Das Wirtschaftsleben. Der Totemismus. Soziale 
Gestaltungskrafte der Kirche im Mittelalter. Die Ablahmung des 
geistigen Lebens als die Siinde der Zeit. 



Dritter Vortrag, Zurich, 11. Februar 1919 

Irdisches Geistesleben und vorgeburtliches Dasein. Das staatlich- 
rechtliche Leben als Ausdruck rein irdischer Impulse. Die Hindeu- 
tung der wirtschaftlichen Impulse auf ein nachtodliches Leben. Der 
jiidische Nationalismus und das Christentum als sein "Oberwinder. 
Jahve und Christus in der modernen Theologie. Der Gedankenweg 
und der Willensweg zu Christus. Die ubersinnliche Verantwortung 
gegeniiber alien Dingen. 



Vierter Vortrag, Zurich, 9. Marz 1919 

Kurt Eisner und seine Rede vor der Basler Studentenschaft. Ver- 
schiedenartigkeit der Wirklichkeit der Dinge. Die Dreigliedrigkeit 
des sinnlichen und ubersinnlichen Lebens durch das Wirken der 
Krafte von Sympathie und Antipathic Die Anwendung des moder- 
nen Denkens auf das soziale Geschehen. Der Bolschewismus des Le- 
nin und Trotzkij, Fichtes «Geschlossener Handelsstaat». Privat- 
eigentum und geistiges Eigentum. Der Mifibrauch geistiger Fahig- 
keiten als Krankheitsursache des sozialen Lebens. 



Funfter Vortrag, Heidenheim, 12. Juni 1919 86 

Der gegenwartige melancholische Ausdruck der Kinderantlitze. t)ber 
die Ursachen des ersten Weltkrieges. Intellektuelle Unfahigkeit und 
Nichtaufnehmenwollen der geistigen Welt. Die Flucht in die Kunst. 
Imaginative Moralimpulse in der «Philosophie der Freiheit». Cha- 
rakterisierung von Mitteleuropa, England und dem Osten. Notwen- 
digkeit des Geistes in den wirtschaftlichen Zielsetzungen England 
gegemiber. Die Weltkriegskatastrophe als Beweis, dafi es ohne Geist 
nicht geht. 



Sechster Vortrag, Berlin, 12. September 1919 103 

Das Heraufkommen der Phrase. Das Erloschen und die Wiederge- 
winnung des Interesses der drei nachsthoheren Hierarchien an den 
Menschen. Das prophetische Erziehen. Das unbewufite Oberschrei- 
ten der Schwelle durch die Menschheit. Die Dreigliederung. Der 
Appell an das Wollen zur Oberwindung der Mechanisierung des 
Geistes, der Vegetarisierung der Seele und der Animalisierung des 
Leibes. 



Siebenter Vortrag, Berlin, 13. September 1919 122 

Das Erdenleben als Fortsetzung des vorgeburtlichen Lebens. Das 
Verhaltms des Menschen zu seinem Engel im Schlaf. Die tieferen 
Ursachen des Weltkrieges. Die Anschauungen in Ost und West iiber 
Ideologic und Maja. Dekadenz des Gehirns bei den Romern und im 
heutigen Burgertum. Die Sprachentwickelung und die Mission der 
anglo-amerikanischen Volker. Die Befreiung des heutigen Wirt- 
schaftslebens vom griechischen Geistesleben und romischen Rechts- 
leben. Die geistigen Kampfe zwischen Ost und West. 



Achter Vortrag, Berlin, 14. September 1919 142 

Das vollige Untertauchen des Menschen in den Leib. Notwendig- 
keit der Entfaltung naturwissenschaftlicher Ideen. Die neuen Er- 
ziehungsideale. Unterschiede im Verstandnis des Christus-Ereignis- 
ses. Woodrow Wilson und der Volkerbund. Das neue Christus-Ver- 
standnis. Die Bedeutung des Menschen fur das Leben der Erde und 
der geistigen Welt. Westliche und ostliche Versuchungen. Rabindra- 
nath Tagore. Schwarmgeisterei bei fiihrenden Personlichkeiten wah- 
rend des Weltkrieges. Ludendorff, Michaelis. Der Wille zur Wahr- 
heit. 



Neunter Vortrag, Zurich, 27. Oktober 1919 160 

Heidnische Urweisheit und die Weltauffassung des jiiclischen Volkes. 
Die Inkarnation Luzifers im Anfang des 3. Jahrtausends. Die Ur- 
weisheit in der dritten nachatlantischen Kultur, in Griechenland und 
in der Gnosis. Das Materialistischwerden der Theologie. Die Inkar- 
nation Ahrimans. Tauschungen, deren sich Ahriman als Vorberei- 
tung seines Kommens bedient. Kardinal Newman. Lux-mundi-Be- 
wegung. Der Sinn der Verschiedenheit der vier Evangelien. 

Zehnter Vortrag, Bern, 4. November 1919 181 

Heidnische und jiidische Kultur. Die Inkarnation Luzifers im An- 
fang des 3. Jahrtausends. Nahere Schilderung der Inkarnation Luzi- 
fers. Luziferische Weisheit als Grundlage der griechischen Kultur 
und der Gnosis. Die Inkarnation Ahrimans im Westen. Die Mittel 
Ahrimans, seine Inkarnation vorzubereiten. Kardinal Newman. Ro- 
bert Wilbrandt. Intellekt und geistiges Erleben. Das Geistige als das 
den Menschen Erhaltende beim Verfall des physischen Leibes. 



Hinweise 201 

Namenregister 207 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 209 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 211 



ERSTER VORTRAG 
Zurich, 4. Februar 1919 



In diesen Tagen, wo es mir obliegt, in dieser Stadt offentliche Vortrage 
zu halten iiber die soziale Frage, ist es vielleicht nicht unangemessen, 
wenn wir uns gerade an diesem Zweigabend hier gewissermafien in- 
nerlich mit dem sozialen Ratsel, wie es in der Gegenwart besonders 
bedeutungsvoll ist, beschaftigen. 

Wir wissen ja, jenem Menschen gegeniiber, dem wir in der aufieren 
Welt gegeniibertreten, der vor unserem Wahrnehmungs- und Empfin- 
dungsvermogen, wie es an den Leib gebunden ist, stent, miissen wir 
den eigentlichen, tiefer gelegenen inneren Menschen anerkennen. Die- 
sen inneren Menschen gewahren wir zuerst, wenn wir Riicksicht dar- 
auf nehmen, dafi er im Grunde genommen mit allem im Zusammen- 
hange steht, wovon wir sagen konnen, dafi es fiir unsere Erkenntnis, 
fiir unser ganzes Leben die Welt durchwellt und durchwebt. Bedenken 
Sie nur, wie verschieden von der gewohnlichen Weltbetrachtung gerade 
mit Bezug auf den Menschen unsere anthroposophische Weltbetrach- 
tung ist. Werfen Sie einen Blick auf den Versuch, den ich gemacht 
habe, um anthroposophische Weltauffassung einmal abrifiweise zusam- 
menzustellen, auf alles dasjenige, was Sie in meiner «Geheimwissen- 
schaft im Umrifi» gelesen haben, und Sie werden sehen, da ist nicht 
nur unsere Erdenentwickelung im Zusammenhange mit dem Menschen, 
da ist unsere Erdenentwickelung betrachtet als hervorgegangen aus 
fruheren Verkorperungen dieses unseres Erdenplaneten. Hervorgegan- 
gen ist diese Erdenentwickelung aus der alten Mondenentwickelung, 
diese aus der Sonnenentwickelung, diese Sonnenentwickelung aus der 
Saturnentwickelung. Aber schauen Sie sich alles an, was zusammen- 
getragen worden ist, um diese Entwickelung iiber Planetensysteme hin- 
weg bis zu unserer Erdenentwickelung zu verf olgen, und Sie werden sa- 
gen: In allem, was man betrachtet, fehlt nicht der Mensch. Der Mensch 
ist in allem drinnen. Der ganze Kosmos wird so betrachtet, daiR alle 
seine Krafte, alles dasjenige, was in ihm geschieht, hingeordnet ist auf 
den Menschen. Der Mensch ist gegeniiber der Weltenbetrachtung Mittel- 



punkt dieser Betrachtung. — In einem meiner Mysteriendramen habe 
ich in einem Gesprach zwischen Capesius und dem Eingeweihten diese 
Grundlage aller anthroposophischen Weltbetrachtung, ich mochte sa- 
gen, mit ihrem Bezug auf das menschliche Gemiit noch besonders hin- 
gestellt, hingestellt, was es auf den Menschen fur einen Eindruck machen 
mufi, wenn er gewahr wird: Alle Gottergenerationen, alle Weltenkrafte, 
sie sind aufgerufen, sie sind tatig, um zuletzt ihn zustande zu bringen, 
um ihn in den Mittelpunkt ihrer Schopfung hereinzustellen. 

Ich habe bemerklich gemacht, wie sehr es notwendig ist, gerade ge- 
geniiber dieser durch und durch wahren Idee die Notwendigkeit der 
menschlichen Bescheidenheit geltend zu machen, wie notwendig es ist, 
sich immer wieder und wieder zu sagen: Ja, wenn wir unser ganzes 
Wesen, wie wir es in uns und an uns und um uns tragen, wie wir mit 
ihm in die Welt hineingestellt sind, erkennend erleben, wenn wir 
unser ganzes Wesen in der Tat zur Offenbarung bringen konnten, es 
ware mikrokosmisch die ganze iibrige Welt. - Aber wieviel wissen wir, 
wieviel erleben wir, wieviel konnen wir durch die Tat offenbaren von 
dem, was wir als Menschen im hochsten Sinne des Wortes sind? Wir 
schweben daher - wenn wir uns so recht klarmachen konnen die Idee, 
was wir als Menschen sind - zwischen Hochmut und Bescheidenheit. Wir 
diirfen ganz gewifi nicht in Hochmut ausarten, wir durfen aber auch 
in der Bescheidenheit nicht untergehen. Wir wiirden in der Bescheiden- 
heit untergehen, wenn wir uns nicht in die Lage versetzten, unsere Auf- 
gabe als Mensch - um dessentwillen, was wir doch vor einer allseitigen 
Weltbetrachtung in der Welt sind — moglichst hoch zu setzen. Wir 
konnen im Grunde niemals hoch genug iiber dasjenige denken, was 
wir sein sollten. Wir konnen niemals genug das tiefere kosmische Ver- 
antwortungsgefiihl des Menschen wurdigen, das ihn uberkommen mufi, 
wenn er die Hingeordnetheit des ganzen Universums auf sein Wesen 
ins Auge fafit. 

Dieses sollte allerdings aus anthroposophisch orientierter Geistes- 
wissenschaft heraus weniger theoretische Idee werden, sollte weniger 
blofie Wissenschaft werden, sollte eine Empfindung werden, die Emp- 
findung einer heiligen Scheu gegeniiber dem, was wir als Mensch sein 
sollten und doch in den wenigsten Fallen sein konnen. Es sollte aber 



auch oftmals die Empfindung da sein, wenn wir einem einzelnen Men- 
schen gegeniibertreten: Da stehst du, manches brmgst du in dir zum 
Ausdruck in dieser gegenwartigen Inkarnation. Doch du gehst von 
Leben zu Leben, von Inkarnation zu Inkarnation; in der Stufenfolge 
deiner Leben pragt sich ein Unendliches aus. — Und noch nach manchen 
anderen Richtungen hin konnten wir diese Empfindungen erweitern, 
konnten sie vertiefen. Aus dieser Empfindung heraus kommt man auf 
geisteswissenschaftlichem Boden erst zur rechten Menschenschatzung, 
kommt man zu einer Empfindung von der menschlichen Wiirde in der 
Welt. Diese Empfindung kann unsere ganze Seele durchsetzen, kann, 
wenn sie sich iiber unser ganzes Innere ausbreitet, uns allein in die 
rechte Stimmung versetzen, wenn wir genotigt sind, im einzelnen Falle 
unser individuelles Verhaltnis von Mensch zu Mensch zu ordnen. Was 
ich eben auseinandergesetzt habe, konnen wir als eine erste wesentliche 
Errungenschaft aus der neuzeitlichen anthroposophisch orientierten 
Geisteswissenschaft heraus betrachten: richtige Schatzung des Mensch- 
lichen in der Welt. Das ist eines. 

Ein anderes aber wird uns aus einer wirklich seelenhaften, nicht 
blofi theoretischen Vertiefung in anthroposophisch orientierte Geistes- 
wissenschaft hervorgehen. Es ist dieses: Fassen wir alle Ereignisse der 
Welt auf ? was als Elemente in Erde, Wasser, Luft lebt, fassen wir 
alles dasjenige auf, was uns aus den Sternen entgegenscheint, was uns 
im Winde entgegenweht, was uns aus den einzelnen Reichen des Na- 
turdaseins anspricht. Denken Sie, wenn wir im Sinne anthroposophisch 
orientierter Geisteswissenschaft das alles betrachten, irgendwie hat es 
seinen Bezug auf den Menschen. Alles wird uns dadurch wertvoll, dafi 
wir es in einer gewissen Weise in Beziehung zu dem Menschen bringen 
konnen. Gefiihlsmafiig stellt sich ein Verhaltnis des Menschen aus iiber- 
sinnlicher Erkenntnis zu alien Dingen ein. Christian Morgenstern, der 
Dichter, hat eine Empfindung, die ich ofter unseren Freunden bei 
der Betrachtung eines gewissen Kapitels des Johannes-Evangeliums 
vorgelegt habe, in schone Verse gebracht, jene Empfindung, die uns 
uberkommt, wenn wir die Stufenfolge der Naturreiche auf uns wirken 
lassen. Da konnen wir uns sagen, die Pflanze mag hinschauen auf das 
leblose Reich der Mineralien. Gewift, sie muft sich in der Rangord- 



nung der Naturwesen als etwas Hoheres fiihlen als die blofien leb- 
losen Mineralien. Aber sagen kann sich die Pflanze, indem sie hin- 
schaut auf das blofie leblose Mineral, das ihr den Boden bereitet: Ich 
stehe allerdings in der Rangordnung der Wesen hdher als du, allein aus 
dir wacbse ich heraus, dir verdanke ich mein Dasein. In Dankbarkeit 
neige ich mich vor dem, was niedriger ist als ich. - Und so wiederum 
miifiten wir vom Tiere empfinden iiber des Tieres Empfindung gegen- 
iiber der Pflanze, so wiederum im Menschenreiche, wenn der Mensch 
in der Stufenfolge seiner Entwickelung auf eine hohere Stufe gestiegen 
ist. Er mufi mit Ehrfurcht, mit Achtung herunterblicken auf dasjenige, 
was in einer gewissen Beziehung niedriger ist als er, nicht blofi so, dafi 
man dies begriffsmafiig auseinandersetzen kann, sondern so, dafi man 
dasjenige, was pulst und lebt und webt in alien Dingen, wirklich als 
kosmische Empfindung in der Seele ausleben kann. So leitet uns aus 
ihrem wahren Wesen heraus anthroposophisch orientierte Geisteswis- 
senschaft. Sie gibt uns also eine Moglichkeit, ein lebendiges Verhaltnis 
des Menschen auch zu alien iibrigen Dingen zu gewinnen. 

Und ein drittes. Dasjenige, was Geisteswissenschaft vom Geiste dar- 
stellt, sie betrachtet es nicht so, als ob sie pantheistisch reden wiirde von 
Geist und Geist -, der alien Dingen zugrunde liegt. Nein, sie redet 
nicht nur von dem wirklichen Geist, sondern diese Geisteswissen- 
schaft will reden aus der Wirklichkeit, aus dem Geist selbst heraus. Sie 
will so reden, dafi derjenige, der in der Geisteswissenschaft selbst lebt, 
weifi: Indem seine Gedanken iiber den Geist sich bilden, ist es der Geist 
selbst, der in diesen Gedanken drinnen webt und lebt. Der, wenn ich 
so sagen darf , von dem Geist der Geisteswissenschaft Angehauchte will 
nicht blofi Gedanken iiber den Geist aussprechen, er will den Geist 
sich selbst durch seine Gedanken aussprechen lassen. Die unmittelbare 
Gegenwart des Geistes, die wirksame Kraft des Geistes, sie werden 
gesucht durch die Geisteswissenschaft. 

Und nun vergleichen Sie dasjenige, was gewissermafien in das In- 
nerste der Menschenseele hineinverlegt, hineinversetzt wird aus einer 
lebendigen Beschaftigung mit der Geisteswissenschaft, mit dem, wo- 
von ich gestern sprach, dafi es als soziale Forderung durch die Zeit 
geht und das in einer gewissen Weise im proletarischen Bewufitsein 



lebendig ist, um zu dieser Forderung der Zeit, zu dieser sozialen For- 
derung der Zeit zu werden. Bedenken Sie, dasjenige, was heute im pro- 
letarischen Bewufksein lebt, was gewissermaften als die Erkenntnis- 
grundlage dasteht fiir dieses proletarische Bewulksein, ist eine Ideo- 
logic, ein blofies Weben in abstrakten Gedanken. Ja, es wird geradezu 
als das Wesentliche alles seelisch-geistigen Erlebens hingestellt, dafi 
dieses seelisch-geistige Erleben nur eine Ideologic ist; daf? da wirt- 
schaftliche, okonomische Vorgange sind, die das einzig Wirkliche wa- 
ren, die spielen sich ab, in denen steht der Mensch drinnen als in seinen 
Lebenskampfen, aus ihnen steigt gewissermaflen wie Rauch und Ne- 
bel dasjenige auf, was er denkt, was er erkennt, was sich in seinen 
kiinstlerischen Schopfungen offenbart, das, was er als Sitte, als Sittlich- 
keit, als Recht und so weiter anschaut: alles nur ein ideologischer 
Schatten! Vergleichen Sie dieses als ideologischen Schatten angesehene 
Geistesleben mit dem Geistesleben, das in unsere Seelen aus anthropo- 
sophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus einziehen will. An- 
throposophisch orientierte Geisteswissenschaft will den Geist selbst 
als lebendige Wirklichkeit in die "Welt durch die Menschenseele hin- 
einstellen. Dieser Geist ist vertrieben aus der Zeitanschauung, die durch 
das Biirgertum begriindet worden ist und vom Proletariat zu seinem 
Unheil ubernommen worden ist, vertrieben! Und dasjenige, was im 
Menschen leben sollte als das Bewufksein der Lebendigkeit: Geist ist 
in mir - das lebt als eine blofie Ideologic 

Und zweitens. Bedenken Sie, wieviel steht in diesem einen Erden- 
leben, dem man mit den Sinnen, mit der gewohnlichen Leibesempfin- 
dung gegeniiberstehen kann, vom Menschlichen vor uns, von jenem 
Menschlichen, um dessentwillen wir, um es ganz zu betrachten, auf- 
rufen, nicht nur die Erdenentwickelung, sondern Mond-, Sonnen-, Sa- 
turnentwickelung? Wie schwindet vor diesem modernen Bewufitsein 
das wahrhaft Menschliche dahin, das uns aus anthroposophisch orien- 
tierter Geisteswissenschaft erst das rechte Gefiihl, die rechte Empfin- 
dung von wahrer Menschenwiirde gibt, so daft wir ein rechtes Ver- 
haltnis finden, wenn wir als menschliches Individuum dem anderen 
menschlichen Individuum gegeniiberstehen. Ist es denn denkbar, dafi 
im heutigen Chaos des menschlichen Zusammenlebens ein rechtes Ver- 



haltnis von Mensch zu Mensch gefunden werde, das doch einer wirk- 
lichen Losung des sozialen Ratsels zugrunde liegen mufi? 1st es denn 
moglich, dafi ein solches Rechtsverhaltnis von Mensch zu Mensch auf- 
treten konne, ohne daft es sich ergebe auf dem Untergrunde jener kos- 
mischen Schatzung des Menschen, die nur aus geistiger Erkenntnis und 
geistiger Empfindung erquellen kann? 

Und drittens. Mit Bezug auf das Verhaltnis zur aufteren Welt mufi 
der Mensch nicht abstrakte Gedanken suchen, wie es die Wirtschafts- 
politik, die Sozialpolitik heute will, sondern unmittelbar personliche 
Beziige zu den einzelnen Tatsachen der Welt, zu den einzelnen Dingen 
der Welt. Mit Bezug auf die aufteren menschlichen Dinge der Welt mufi 
der Mensch ein Verhaltnis zu dieser Welt finden. Da ist es wiederum, 
wie ich gezeigt habe, dieses dritte, daft uns aus anthroposophisch orien- 
tierter Geisteswissenschaft in unserer Zeit an seelischem Erleben wird, 
diese Empfindung gegeniiber alien auftermenschlichen Wesen, die Emp- 
findungen, die wir gegeniiber alledem haben, was unter uns und iiber 
uns steht in der hierarchischen Natur- und Gotterordnung. 

Und nun betrachten Sie zweierlei. Betrachten Sie auf der einen Seite 
dasjenige, was heute als proletarisches Bewufttsein lebt, wie weit es auf 
dem Gebiete des geistigen Erlebens von der Empfindung des im Men- 
schen wirkenden lebendigen Geistes selbst entfernt ist, wie es alles 
geistige Leben zur Ideologic gemacht hat. Bedenken Sie, wie weit ent- 
fernt von einer wirklich durchgreifenden, geist-erfassenden Menschen- 
schatzung dasjenige ist, was der heutige Proletarier von seinesgleichen 
als Mensch denkt und namentlich empfindet und seinen Anschauungen 
einverleibt. Bedenken Sie, wie weit entfernt endlich der rein wirtschaft- 
liche Wert der Dinge, der fast allein heute gilt fiir den Menschen, von 
jenen Werten der auftermenschlichen Dinge ist, die wir empfinden ler- 
nen durch das, was ich aus anthroposophisch orientierter Geisteswis- 
senschaft heraus vom Verhaltnis des Menschen zu den auftermensch- 
lichen Dingen ausgedriickt habe. 

Betrachten Sie zweierlei. Betrachten Sie auf der einen Seite, wohin 
die Menschheit dadurch gekommen ist, daft sich das ungeistige Wesen 
der letzten Jahrhunderte so intensiv ausgebreitet hat in den mensch- 
lichen Seelen. Betrachten Sie auf der anderen Seite jene Hoffnungen, 



die dadurch erweckt werden konnen, daft wirkliche Geisteswissen- 
schaft heute in die Menschheit einziehen kann. Stellen Sie diese beiden 
Dinge zusammen und sagen Sie sich dann selbst, ob nicht erst dadurch, 
daft die Menschenseele wirklich ergriffen ist von dem, was Geistes- 
wissenschaft geben kann, das soziale Ratsel in das rechte Licht gestellt 
wird. — Wenn Sie das, was ich Ihnen hier als zwei Perspektiven hin- 
gestellt habe, als eine hoffnungslose und als eine hoffmmgsreiche, in 
richtigem Sinne empfinden, dann wird Ihnen das Wirken fur anthro- 
posophisch orientierte Geisteswissenschaf t zu dem werden, was es heute 
allerdings fur die Menschheit notwendig werden soli: zu einer Lebens- 
notwendigkeit, zu einer solchen Lebensnotwendigkeit, die alles andere 
Wirken und Schaffen durchdringen soil. 

Sie werden sich sagen: Nichts erscheint mir begreiflicher im ganzen 
Zusammenhang der neueren Menschheitsentwickelung, als daft dieses 
soziale Problem heraufgezogen ist; nichts erscheint mir aber auch be- 
greiflicher, als daft die Menschen in so tragischer Weise ratios stehen 
vor diesem sozialen Problem. - Denn in der Zeit, in der dieses soziale 
Problem so laut und vernehmlich an die Pforte der Weltanschauungen, 
an die Pforte des Lebens klopft, in dieser Zeit durchschreitet die 
Menschheit auch zugleich eine ihrer starksten Priifungen, die Priifung, 
die darin besteht, daft sie aus innerster Kraft heraus zum Geiste sich 
hinwenden muft. Wir konnen heute keine Of fenbarungen haben, wenn 
wir sie nicht in Freiheit aufsuchen, denn wir leben seit der Mitte des 
15. Jahrhunderts im Zeitalter der Bewufttseinsseele, in dem alles in das 
Licht des Bewufitseins geriickt werden soil. Klagen wir heute nicht 
etwa so, daft wir sagen: Eine furchtbare Katastrophe ist iiber die 
Menschheit hereingebrochen. Warum haben die Gotter diese furcht- 
bare Katastrophe iiber die Menschheit gesenkt? Warum fiihren die 
Gotter die Menschen nicht heraus, da es doch jammervoll ist, daft die 
Menschheit sich in eine solche Lage gebracht hat? - Vergessen wir all- 
dem gegeniiber nicht, daft wir in dem Zeitalter leben, in dem die innere 
Freiheit des Menschen zur Of fenbarung kommen soil, in dem die Got- 
ter sich nicht anders offenbaren diirfen nach ihren ureigensten Welt- 
intentionen, als wenn der Mensch ihnen gegeniibertritt, in freiem Ent- 
schlusse, sie in sein innerstes Seelenwesen aufzunehmen. 



In bezug auf die wichtigsten Dinge der Menschheitsentwickelung 
stehen wir heute an einem Wendepunkt, auch mit Bezug auf das Chri- 
stentum. Gerade manche Personlichkeiten, die innerhalb der sozialen 
Frage tatig sind, haben darauf hingewiesen, dafi wir wohl das Chri- 
stentum gern annehmen, aber nur dasjenige aus dem Christentum, was 
uns an unsere eigenen sozialen Ideale erinnert. So lafit sich aber dieser 
wichtigste Erdenimpuls, dieser Impuls, der allem iibrigen Irdischen 
erst den rechten Sinn gibt, nicht behandeln! Klar miissen wir uns sein: 
Was sich mit Bezug auf das Christentum bis jetzt innerhalb der Mensch- 
heit ausgelebt hat, ist eigentlich nur ein Anfang. Nicht viel mehr hat 
sich ausgelebt, als dafi durch alles, was die Menschen mit Bezug auf das 
Christentum empfunden haben, namentlich mit Bezug auf das Myste- 
rium von Golgatha, eigentlich nur darauf hingewiesen worden ist, dafi 
der Christus durch den Menschen Jesus einmal dagewesen ist und durch 
das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Gewissermaften haben diese 
ersten fast zwei Jahrtausende des Lebens des Christentums auf der 
Erde nicht mehr vermocht - wegen des noch nicht zu weiterem Reifen 
vorgeschrittenen menschlichen Verstandnisses — , als dem Menschen 
anzuzeigen, der Christus hat sich mit der Erde verbunden, der Chri- 
stus ist auf die Erde herabgestiegen. Erst jetzt im fiinften nachatlan- 
tischen Zeitraum, in dem Zeitraum der Bewulkseinsseelenentwickelung, 
wird die Menschheit reif, nicht nur zu verstehen, dafi der Christus 
durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, sondern was eigent- 
lich in diesem Mysterium von Golgatha lebt. Den Inhalt des Myste- 
riums von Golgatha wird die Menschheit erst aus denjenigen geistigen 
Grundlagen heraus verstehen konnen, die sich ihr innerhalb dieses 
fiinften nachatlantischen Zeitraumes bilden konnen. 

Ich habe auch hier in diesem Zweige schon ofter erwahnt, dafi ich es 
als eine aufierordentliche Trivialitat betrachten mufi, wenn irgend je- 
mand sagt: Wir leben in einer Obergangszeit. - Alle Zeiten sind Cfber- 
gangszeiten! Nicht darauf kommt es an, dafi man in dieser oder jener 
Zeit als in einer Obergangszeit lebt, sondern mit Bezug auf was eineZeit 
in einem Wandel, in einem Dbergang drinnen ist. Es kommt darauf 
an, zu sehen, was sich wandelt. Nun habe ich von den verschiedensten 
Gesichtspunkten auch hier darauf hingewiesen, was sich gerade in unse- 



rer Zeit im weitesten Sinne mit Bezug auf das Menschenbewufksein, mit 
Bezug auf die menschliche Seelenentwickelung wandelt. Heute mochte 
ich wiederum von einem bestimmten Gesichtspunkte auf dasjenige 
hinweisen, was sich gerade in unserer Zeit mit Bezug auf die mensch- 
liche Erdenentwickelung wandelt. 

Ich habe gerade vorhin gesagt: Durch anthroposophisch orientierte 
Geisteswissenschaft suchen wir nicht nur Gedanken iiber das Geistige 
zu haben, sondern wir suchen die Wirklichkeit des Geistigen, suchen 
Gedanken, in denen der Geist selber lebt, in denen der Geist sich offen- 
bart. "Wir konnen auch so sagen: Der Christus Jesus sprach die Worte: 
«Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Erdenzeiten.» - Man ist 
im rechten Sinne Bekenner der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft, wenn man nicht glaubt, alles dasjenige, was der Inhalt 
des Christentums ist, sei in den Evangelien erschopft, sondern wenn 
man weiiR, der Christus ist wirklich da, alle Tage, bis ans Ende der 
Erdenzeiten, aber nicht blofi wie eine tote Kraft, an die man glauben 
mufi, sondern wie eine lebendige Kraft, die weiter und weiter sich 
offenbart. Und was ist es, was er in der Gegenwart offenbart? Der 
Inhalt der modernen anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft. Die will nicht nur iiber den Christus sprechen, sie will dasjenige 
aussprechen, was der Christus in der Gegenwart zu den Menschen 
durch menschliche Gedanken sagen will. 

Da kann gesagt werden: Auch in alten Zeiten, in denen die Men- 
schen noch instinktiv gelebt haben, und in denen in der Menschenseele 
noch etwas von atavistischem Hellsehen lebte, sprach sich Geistiges 
in der Menschenseele aus, lebte in den menschlichen Vorstellungen, im 
menschlichen Willen Geistiges, lebten die Gotter in den Menschen. - 
Heute leben die Gotter trotzdem im Menschen, wenn auch in einer 
gewissen anderen Art als in alten Zeiten der Menschheitsentwicke- 
lung. Man kann so sagen: In alten Zeiten, da hatten die Gotter eine 
gewisse Aufgabe mit der Erdenentwickelung; sie hatten sich ein Ziel 
gesetzt, hatten ein gottliches Ziel mit der Erdenentwickelung. Sie ha- 
ben dieses Ziel dadurch erreicht, dafi sie Menschen mit ihren Kraften 
inspiriert haben, daiS sie die menschliche Seele mit Imaginationen be- 
gabt haben. Aber so sonderbar es klingt, diese eigentlichen, ureigensten 



Ziele der Gotterwelten mit der Erdenentwickelung sind mit Bezug 
auf die Erdenentwickelung erfiillt. Das, was die Gotter fiir sich von 
der Erde habenwollten,ist im Grunde mit demvierten nachatlantischen 
Zeitraum erfiillt. Daher stehen heute die geistigen Wesenheiten der 
hoheren Hierarchien, die wir auch in unserem Sinne die Gotter nennen 
konnen, in einer anderen Beziehung zur menschlichen Seele, als sie 
fruher gestanden haben. Damals suchten die Gotter die Menschen, um 
ihre Ziele mit Hilfe des Menschen hier auf der Erde zu verwirklichen. 
Heute mufi der Mensch die Gotter suchen, heute muf$ der Mensch aus 
seinem innersten Impulse heraus sich zu den Gottern erheben. Und er 
mufi gewissermafien es bei den Gottern erreichen, dafi seine Ziele, 
seine bewufken Ziele mit Hilfe der gottlichen Krafte verwirklicht 
werden. So geziemt es sich fiir den Menschen vom Zeitalter der Be- 
wulkseinsseelenentwickelung an.Menschenzielewaren in friiheren Zei- 
ten unbewulk, instinktiv, weil gottliche Ziele bewufit in ihnen lebten. 
Menschliche Ziele miissen selber immer bewufker und bewufiter wer- 
den, dann werden in diesen menschlichen Zielen Krafte liegen, sich zu 
den Gottern zu erheben, damit menschliche Ziele mit Gotterkraften 
angestrebt werden konnen. 

Denken Sie diese Worte nur aus! In diesen Worten liegt viel. In die- 
sen Worten liegt die Notwendigkeit, daf$ der Mensch gerade von 
unserem Zeitalter an ein urspriingliches, elementares Streben aus sich 
selbst heraus beginne. Wir konnen dieses elementare Streben auf ver- 
schiedenen Gebieten der Seele suchen. Wir miissen es vor alien Dingen 
auf einem tieferen sozialen Gebiete suchen, indem wir mehr geistes- 
wissenschaftlich das Verhaltnis von Mensch zu Mensch ins Auge fas- 
sen. Dadurch, dafi fruher die Gotter ihre Ziele mit der Menschenent- 
wickelung hatten und durch den Menschen verwirklichten, standen 
sich, so wie es damals sein sollte, in der Erdenentwickelung die Men- 
schen viel naher als heute. Heute werden die Menschen in einer ge- 
wissen Beziehung voneinander weggetrieben, und sie miissen sich in 
einer ganz anderen Beziehung wiederum suchen. Von diesem Suchen 
miissen die Menschen aber erst lernen. Rein aufierlich betrachtet, kon- 
nen Sie das iiberall sehen. Der Mensch weifi heute wenig vom Men- 
schen. Geisteswissenschaft ist in ihrer kosmischen Schatzung der Men- 



schenwurde und des Menschenwesens heute erst ira Anfange. Im wirk- 
lichen Leben weifi der Mensch heute wenig vom Menschen. Der Mensch 
dringt nicht vor bis zu den Tiefen im Wesen der Seele eines Mitmen- 
schen. Das ist die Regel. Das ist dasjenige, was in einem tieferen sozia- 
len Wesen gefunden werden mufi: Menschenkenntnis in einer neuen 
Form mufi in die Menschenentwickelung einziehen. 

Wir miissen aber in die Lage kommen - da wir eigentlich im Sinne 
eines geistlosen Naturdenkens nur den fleischlichen Menschen sehen — , 
in dem anderen Menschen das Wirken der Gotter zu erkennen, um in 
einen wirklichen, geisterfiillten sozialen Organismus hineinzukommen. 
Das erlangen wir nur, wenn wir auch etwas dazu tun. Das eine, was 
wir dazu tun konnen, ist, in unserem eigenen Seelenleben eine gewisse 
Vertiefung zu suchen. Es gibt viele Wege dazu. Ich will nur einen me- 
ditativen Weg Ihnen skizzieren. Wir konnen aus den verschiedensten 
Griinden, zu den verschiedensten Zielen gewisse Rikkblicke in unser 
eigenes Leben machen. Wir konnen uns fragen: Wie hat sich dieses 
unser individuelles Leben von unserer Kindheit bis heute entwickelt? - 
Wir konnen es aber auch einmal so machen: Wir konnen vor unseren 
Blick nicht so sehr das hinstellen, wie wir uns gefreut haben iiber dies 
oder jenes, wie wir das oder jenes durchlebt haben, sondern wir kon- 
nen auf diejenigen Menschen hinblicken, welche in unser Leben als 
Eltern, als Geschwister, als Freunde, als Lehrer oder sonst irgendwie 
eingegriffen haben, und wir konnen, statt uns selbst, das Wesen dieser 
Menschen uns vor die Seele stellen, die in unser Leben eingegriffen 
haben. Da wird sich fur eine Weile die Sache so ausnehmen, als ob wir 
uns sagenkonnten, wie wenig eigentlich an uns selber ist,wieviel an dem 
ist, was von den anderen in unser Selbst hineingeflossen ist. Unser Ver- 
haltnis zur Welt wird, wenn wir ehrlich und redlich eine solche Selbst- 
riickschau innerlich in Szene setzen, doch ein ganz anderes. Gefiihle, 
Empfindungen bleiben zuriick als die Ergebnisse einer solchen Riick- 
schau. Und diese Gefiihle, diese Empfindungen sind gewisse frucht- 
bare Keime in uns. Sie sind Keime fur wirkliche Menschenerkenntnis. 
Derjenige, der immer wieder und wieder so in sein eigenes Wesen 
blickt, dafi er den Anteil erkennt, den andere, vielleicht langst ver- 
storbene oder ihm ferner geriickte Menschen an seinem Wesen genom- 



men haben, er wird den anderen Menschen auch so entgegentreten, 
dafi ihm, indem er ein individuelles Verhaltnis von Mensch zu Mensch 
begriindet, die Imagination von dem wahren Wesen dieses anderen 
Menschen aufsteigt. Das ist etwas, was in der neueren Zeit und gegen 
die Zukunft der Menschheit hin auch als eine innere, und zwar seelische 
soziale Forderung fiir die menschliche Entwickelung auftauchen mui 
So mufi anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft praktisch 
werden, so mufi sie das Leben befruchten, das Leben anregen. 

Noch einen anderen Gesichtspunkt will ich geltend machen. In 
friiheren Zeiten war alle Selbsterkenntnis, alles Hineinschauen des 
Menschen in seine eigene Seele, verhaltnismafiig viel einfacher als es 
jetzt ist, weil jetzt - nicht nur in bezug auf das Bewufitsein gewisser 
Leute aus ihrem Besitz- oder Armutsverhaltnis heraus oder auch von 
anderer Seite her - ein tief innerlichster sozialer Impuls auftaucht, ein 
Impuls, der sich zum Beispiel in der folgenden Weise geltend macht. 
Wir sehen heute wenig darauf hin, wie das ganze Leben des Menschen 
ein immer Reifer- und Reiferwerden ist. So innerlich ehrliche Men- 
schen wie Goethe fuhlten dieses Reifer- und Reiferwerden. Goethe 
wollte auch im hochsten Alter noch lernen, Goethe wufite im hochsten 
Alter, fertig sei er als Mensch noch nicht. Und er blickte zurtick in seine 
Jugend, in seine Mannesjahre, indem er alles das, was in der Jugend und 
in den Mannesjahren sich zugetragen hat, als Vorbereitung empfand 
fiir dasjenige, was er im Alter erleben konnte. So denkt man in der 
heutigen Zeit nur sehr wenig, namentlich dann, wenn man den Men- 
schen als soziales Wesen ins Auge fafit. Am liebsten mochte mit zwan- 
zig Jahren heute jeder Mitglied einer Korperschaft sein und iiber alles - 
nun, wie man sagt — demokratisch urteilen. So kann sich der Mensch 
nicht denken, dafi man etwas zu erwarten hat vom Leben, indem man 
immer mehr und mehr dem Alter entgegenreift. Daran denken die 
Menschen heute nicht. - Das ist das eine, dafi wir wieder lernen miis- 
sen, dafi das ganze Leben, nicht nur die zwei bis drei ersten Jugend- 
jahrzehnte, dem Menschen etwas bringt. 

Und noch ein anderes mussen wir lernen. Wir sehen nicht nur uns 
selbst in der Welt stehen, sondern wir sehen Menschen anderen Le- 
bensalters; wir sehen vor alien Dingen das Kind durch die Geburt in 



die Welt und in das Leben hereinziehen. So wie sich die menschliche 
Erdenentwickelung ergeben hat, so ist manches, was friiher wie von 
selbst in der Seele des Menschen sich geoffenbart hat, nur durch aller- 
aufierste Anstrengung, durch eine Anstrengung zu iibersinnlicher Er- 
kenntnis hin, oder wenigstens zu einer wirklichen Lebenserkenntnis 
hin, zu erlangen. Wie dem Menschen im allgemeinen, so bleibt auch 
dem Kinde mancherlei verschlossen, das zu seinem Wesen gehort. Aber 
nicht nur das bleibt dem Kinde verschlossen, was es dann erfahren 
wird, wenn es in die Reifejahre, in die Greisenjahre eingezogen ist, 
sondern iiberhaupt vieles, was sich den alteren, instinktiv lebenden, 
im atavistischen Hellsehen befindlichen Menschen offenbarte, bleibt 
heute, wenn der Mensch nur auf sich selbst schaut, ihm verborgen. 
Und so gibt es etwas, das sich uns, wenn wir nur in uns selbst Erkennt- 
nis suchen, von der Wiege bis zum Grabe nicht offenbaren kann. Das 
liegt auch unter den Eigentumlichkeiten unseres Bewufkseinszeitalters. 
Wir konnen nach der Klarheit des Bewufkseins streben, allein vieles 
bleibt doch im Felde, das von dieser Klarheit beleuchtet sein soil, ge- 
rade verborgen. Und so ist etwas ganz Eigentiimliches in unserer Zeit. 
Als Kind treten wir in die Welt herein; es ist etwas an uns, was 
wichtig ist fur die Welt, fur das Zusammenleben der Menschheit, fur 
die geschichtliche Erkenntnis. Aber wir konnen es nicht erkennen, wenn 
wir bei uns selbst stehenbleiben, nicht als Kind, nicht als Mann, nicht als 
Frau, nicht als Greis oder Greisin. Aber in einer anderen Weise kann es 
erkannt werden. Dann kann es erkannt werden, wenn die durch wirk- 
liche geistige Empfindung feiner gestimmte reife Menschenseele, die 
Mannesseele, die Frauenseele, die Greisen- oder Greisinnenseele hin- 
schaut auf das Kind und die Empfindung hat: In dem Kinde offenbart 
sich etwas, was das Kind jetzt nicht erkennen kann, was auch durch das 
Kind, wenn es auf sich selbst gestellt ist, niemals, auch selbst bis zu sei- 
nem Tode nicht, erkannt werden kann, was aber erkannt werden kann 
in der Seele des anderen, der als Greis auf dieses Kind zuriickschaut. Da 
haben Sie etwas, was sich offenbaren kann durch das Kind, nicht im 
Kinde und nicht in dem Manne oder der Frau, die aus diesem Kinde 
werden konnen bis zum Tode hin, sondern in dem anderen, der von 
einem hoheren Lebensalter aus liebevoll den jiingsten Menschen an- 



schaut. Ich weise auf dieses besonders hin, weil Sie in einem solchen 
Zug unserer Zeit sehen konnen, wie ein sozialer Impuls - aber im aller- 
weitesten Sinne - durch unsere Zeit wellt und webt. 1st es nicht ein 
tiefster sozialer Zug, diese Notwendigkeit, etwas fiir das Leben Er- 
spriefiliches nur dadurch in das Leben hereinversetzen zu konnen, dafi 
der alte Mensch an dem jiingsten Menschen lernt, zusammenzusein 
zum hochsten Lebenszweck, nicht blofi des Menschen X 1 mit dem 
Menschen X 2, sondern des Menschen im Greisenalter mit dem jiing- 
sten Kinde? 

Dieses soziale Zusammensein, das ist dasjenige, auf das uns der in- 
nerste Geist und Sinn unserer Zeit hinweist. Und so kann anthroposo- 
phisch orientierte Geisteswissenschaft, indem sie sprechen darf zu Men- 
schen, die schon ein wenig vorbereitet sind durch die anderen Zweige 
dieser Geisteswissenschaft, das soziale Problem noch vertiefen. Sie ha- 
ben alle eine recht grofie soziale Aufgabe, wenn Sie aus alledem, was 
in Ihnen angeregt werden kann namentlich an sozialem Gefuhl, die 
Mittel entnehmen, um wiederum innerhalb der Menschheit unserer Zeit 
als diese durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft be- 
sonders Auserwahlten zu wirken. Befeuern Sie innerhalb der gegen- 
wartigen sozialen und sozialistischen Diskussion das tiefere soziale 
Gefuhl, das tiefere Verstandnis von Mensch zu Mensch, dann werden 
Sie eine lebendige Aufgabe aus anthroposophisch orientierter Geistes- 
wissenschaft heraus auch im sozialen Sinne erfiillen. 

Davon wollen wir dann in der nachsten Woche, wenn wir wiederum 
den Zweigvortrag haben zwischen den zwei offentlichen Vortragen, 
weiter reden. 



ZWEITER VORTRAG 
Bern, 8. Februar 1919 



Die offentlichen Vortrage in diesen Tagen haben iiber das soziale 
Problem gehandelt, iiber die sozialen Forderungen der Gegenwart, wie 
sie nicht nur, ich mochte sagen, der Beobachtung in Gedanken sich 
ergeben, sondern wie sie auftreten in den Tatsachen, in den Ereignis- 
sen des gegenwartigen Weltlebens. 

Alle diese Dinge, die sich auf das Leben des Menschen beziehen und 
deren Betrachtung heute im weitesten Sinne und fur die weitesten Kreise 
durchaus eine Notwendigkeit ist, sie konnen gerade von dem anthro- 
posophisch orientierten Menschen noch vertieft werden. Denn wir 
diirfen niemals, wenn wir uns als Angehorige der anthroposophischen 
Bewegung fiihlen, vergessen, daft es zu unserer innigsten Empfindung 
gehoren mufi, alle Dinge der Welt so zu betrachten, dafi wir die aufie- 
ren Erscheinungen, die aufieren Tatsachen fur unsere eigene An- 
schauung noch durchdringen mit den Erkenntnissen, die wir aus der 
geistigen Welt heraus gewinnen. Dadurch gewinnen fur uns erst alle 
Dinge das rechte Gesicht der Wirklichkeit, dafi wir sie von dem Spi- 
rituellen durchsetzt zu denken imstande sind, von jenem Wesen, wel- 
ches sich zunachst in der aufierlichen irdischen Welt verbirgt, welches 
aber doch wirklich auch in dieser irdischen Welt lebt. 

Ich habe schon, als ich das letzte Mai hier unter Ihnen sein konnte, 
einige Andeutungen auch vom Standpunkte anthroposophisch orien- 
tierter Geisteswissenschaft iiber die sozialen Impulse des Menschen- 
lebens Ihnen gegeben. Wir haben dazumal schon den Menschen als 
soziales Wesen, als ein Wesen mit sozialen und antisozialen Instinkten, 
zu betrachten versucht. Nur diirfen wir eben niemals aufier acht las- 
sen, dafi wir, indem wir Menschen dieser Erde sind, hereinbringen in 
dieses unser Erdendasein die Wirkung, das Ergebnis desjenigen, was 
wir durchmachen in der Zeit, die zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt verfliefk. Wir bringen jeweilig in unser irdisches Leben herein 
die Ergebnisse unseres letzten geistigen Lebens, unseres letzten Aufent- 
haltes in der rein iibersinnlichen Welt. Und wir betrachten unser irdi- 



sches Leben nicht vollstandig, wenn wir nicht ins Auge fassen, wie das- 
jenige, was wir tun, dasjenige, was in der Welt fur uns vorgeht in dem 
Zusammenleben mit Menschen, zugleich etwas an sich tragt von dem, 
was als Wirkungen unseres Lebens in der geistigen Welt sich ergibt, 
aus der wir durch die Geburt herausgetreten sind, deren Spuren, deren 
Krafte wir aber in diese Welt mit hereinnehmen. 

Das ist auf der einen Seite dasjenige, was fur uns Menschen herein- 
ragt aus der geistigen Welt in die physische Welt. Wir diirfen auf der 
anderen Seite aber auch nicht aufier acht lassen, dafi sich in dem Le- 
ben, das wir hier auf der Erde durchmachen, Dinge abspielen, die zu- 
nachst gar nicht ganz voll in unser Bewufitsein treten, die mit uns, um 
uns vorgehen, ohne dafi wir Veranlassung nehmen, sie deutlich in 
unserem Bewufksein aufzufassen, und dafi wir gerade von diesen Er- 
lebnissen, die gewissermafien im Unterbewuflten bleiben wahrend 
unseres irdischen Lebens zwischen Geburt und Tod, Wichtigstes durch 
des Todes Pforte wieder hinaustragen in die ubersinnliche Welt, die 
wir wiederum miterleben, wenn wir durch den Tod eben aus der irdi- 
schen Welt heraustreten. Es spielt sich in unserem irdischen Leben 
manches mit uns ab, was eben nicht seine Bedeutung hat fur dieses 
irdische Leben, sondern als Vorbereitung flir das nachtodliche Leben - 
wenn ich diesen Ausdruck «nachtodliches Leben» im Gegensatz zu 
dem «vorgeburtlkhen Leben » gebrauchen darf. 

Nun, insbesondere eine solche Betrachtung, von der ich gestern im 
offentlichen Vortrag gesprochen habe, ergibt sich erst mit der vollen 
konkreten Deutlichkeit, wenn man sie auch aus der Richtung her zu be- 
leuchten versteht, von der das Licht aus der iibersinnlichen Welt 
kommt. Und nach dieser Richtung hin mochte ich Ihnen dieses, ge- 
rade in der Gegenwart so aktuelle Thema auch anthroposophisch heute 
vertiefen. Ich mochte das soziale Problem heute betrachten als ein 
Problem der Gesamtmenschheit. Fur uns aber ist die Gesamtmensch- 
heit nicht nur die Summe der Seelen, die gerade in einem bestimmten 
Zeitpunkt sozial zusammen auf der Erde leben; sondern auch jene, 
die in dieser bestimmten Zeit in der iibersinnlichen Welt sind, sie sind 
durch geistige Bande mit den Menschen verbunden, gehoren zu dem, 
was wir die Gesamtheit der Menschen nennen konnen. Betrachten wir 



zunachst einmal dasjenige, was man im irdischen Sinne das mensch- 
liche Geistesleben nennt. 

Im irdischen Sinne ist das menschliche Geistesleben nicht das Le- 
ben der geistigen Wesenheiten, sondern dasjenige, was die Menschen 
in ihrem sozialen Zusammensein als geistiges Leben durchmachen. Zu 
diesem Geistesleben gehort vor alien Dingen alles das, was Wissen- 
schaft, Kunst, Religion umfafit. Es gehort aber zu dem geistigen Leben 
auch alles das, was Schule, Erziehung betrifft. Was die Menschen im 
sozialen Zusammensein erleben als geistiges Kulturleben, das wollen 
wir einmal als erstes ins Auge fassen. Sie wissen ja aus einer solchen 
Mitteilung wie die, welche ich gestern gegeben habe, dafi dieses gei- 
stige Leben — alles Schulwesen, alles Erziehungswesen, alles wissen- 
schaftliche, kiinstlerische, literarische Leben und so weiter - eine ab- 
gesonderte soziale Gestaltung fur sich bilden raufi. Fur die aufiere 
Welt kann man das nur aus den Griinden heraus klarmachen, die 
diese aufiere Welt heute einmal zugibt. Es kann vollstandig klarwer- 
den: Der gesunde Menschenverstand mufi vollstandig hinreichen, diese 
Dinge voll zu verstehen. Aber sie konkret anzuschauen, das wird 
noch ganz besonders moglich demjenigen, der sich auf die anthroposo- 
phisch orientierte Betrachtung der Welt einlafit. Einem solchen er- 
scheint namlich das, was man so irdisches Geistesleben nennt, noch 
in einem ganz besonderen Lichte. 

Durch die neuzeitliche Entwickelung ist doch dieses geistige Leben, 
das sich unter dem Einflufi des Biirgertums, der Intellektuellen des 
Biirgertums zu einer blofien Ideologic abgelahmt hat, das daher die Pro- 
letarier in ihrer Weltanschauung wie eine blofie Ideologic ubernommen 
haben, und das die Zweige umf afit, die ich besprochen habe, ein solches, 
das uns blofi aufsteigt aus dem wirtschaftlichen Leben. So stellt es 
sich ja ungefahr heute die proletarische Weltanschauung vor: Alles 
das, was religiose Uberzeugung und religiose Gedanken sind, alles 
das, was kiinstlerische Leistungen sind, alles, was Rechts- und sitt- 
liche Anschauungen sind, das ist, wie die proletarische Weltanschauung 
sagt, ein Uberbau, gewissermafien etwas, was als geistige Rauchwolken 
aufsteigt aus der einzig wahren Wirklichkeit, der wirtschaftlichen 
Wirklichkeit. Zur Ideologic, zu dem, was blofi erdacht wird, wird 



dieses irdische Geistesleben. Fur den, der die Grundlagen kennt, aus 
denen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft kommt, ist 
aber das, was da als geistiges Kulturleben den Menschen umspannt, 
eine Gabe der geistigen Wesenheiten selbst. Fur den dampft es nicht 
von unten herauf aus den wirtschaftlichen Untergrtinden, sondern fur 
den stromt es herab aus dem Leben der geistigen Hierarchien. Das ist 
der radikale Unterschied zwischen dem, was sich aus der biirgerlichen 
Weltbetrachtung und ihrem Erbe in der proletarischen Weltanschauung 
ausdriickt - dafi im Grunde genommen fur dasjenige, was sich seit 
dem 15., 16. Jahrhundert in der Menschheit entwickelt hat, die geistige 
Welt ideologisch ist, ein blofier Dunst, der aufsteigt aus den wirt- 
schaftlichen Harmonien und Disharmonien - und derjenigen Weltan- 
schauung, die da kommen mufi, die allein das Heil bringen kann, wel- 
ches herausfuhrt aus dem gegenwartigen Chaos, fur die das, was her- 
unterstromt, aus dem wirklichen Geistleben der Welt stromend ist, 
der wir als der spirituellenWelt ebenso angehoren, wie wir durch unsere 
Sinne, durch unseren Verstand der physisch-irdischen Welt angehoren. 
Aber jetzt, wo wir in der fiinften nachatlantischen Periode angelangt 
sind, finden wir uns als soziales Wesen in den sozialen menschlichen 
Organismus mit diesem Geistesleben nur dadurch hinein, dafi wir fur 
dieses irdische Geistesleben vorbereitet werden durch jene Beziehungen, 
die wir vor der Geburt, wo wir noch nicht heruntergestiegen sind zum 
irdischen Dasein, eingehen mit anderen geistigen Wesenheiten der Hier- 
archien, wie wir sie ofter angefuhrt haben. Das ist das, was sich der 
geistigen Forschung als eine wichtige Tatsache des Lebens ergibt. 

Wir treten, indem wir durch die Geburt ins Dasein kommen, in 
einer zweifachen Weise mit Menschen in Beziehung. Unterscheiden Sie 
diese zweifache Beziehung genau, in die wir mit Menschen kommen. 
Das eine Verhaltnis, das wir mit Menschen eingehen, mit Menschen 
eingehen mussen, das ist das Schicksalsmafiige. Wir kommen zu dem 
einen oder zu dem anderen Menschen, zu einer grofieren oder geringeren 
Anzahl von Menschen in einen schicksalsmafiigen Zusammenhang. Wir 
treten, indem wir durch die Geburt ins irdische Dasein kommen, in 
eine bestimmte Familie ein. Zu Vater und Mutter, zu den Geschwistern, 
zu der weiteren Familie kommen wir in einen schicksalsmafiigen Zu- 



sammenhang. Wir kommen mit anderen Menschen, als einzelner 
Mensch dem einzelnen Menschen gegeniiber, in schicksalsmafiige Zu- 
sammenhange. Wir leben als einzelner Mensch dem anderen Menschen 
gegeniiber unser Karma aus. Wie kommt dieses Karma zustande? Wie 
kommen diese schicksalsmaftigen Zusammenhange zustande? Sie kom- 
men dadurch zustande, dafi sie sich vorbereitet haben durch diese oder 
jene Lebenstatsache der vorhergehenden Erdenleben. Also fassen Sie 
das wohl auf: Sie kommen, indem Sie durch die Geburt ins Dasein ein- 
treten, mit anderen Menschen, als einzelner Mensch dem einzelnen 
Menschen gegeniiber, in schicksalsmafiigen Zusammenhang, gemafi 
dem, was Sie mit diesem Menschen gelebt haben in verflossenen Erden- 
leben. Das ist die eine Art, wie Sie Verhaltnisse eingehen mit anderen 
Menschen: schicksalsmafiig. 

Sie gehen aber noch andere Verhaltnisse mit den Menschen ein. Sie 
gehoren als Glied eines Volkes eben einer Gruppe von Menschen an, 
mit denen Sie nicht in solcher Art, wie es eben geschildert worden ist, 
schicksalsmafiig zusammenhangen. Sie werden in ein Volk hineingebo- 
ren, wie in ein bestimmtes Territorium. Das hangt gewifi auf der einen 
Seite mit Ihrem Karma zusammen, aber dadurch werden Sie gewisser- 
mafien zusammengeschmiedet im sozialen Organismus mit vielen Men- 
schen, mit denen Sie nicht schicksalsmafiig zusammengehoren. In einer 
Religionsgemeinschaft haben Sie eventuell die gleichen religiosen Emp- 
f indungen mit einer Anzahl von anderen Menschen, mit denen Sie durch- 
aus nicht schicksalsma&g zusammengeschmiedet sind. Das geistige, das 
irdisch-geistige Leben bringt ja die mannigfaltigsten gesellschaftlichen, 
sozialen Zusammenhange unter die Menschen, die durchaus nicht 
alle schicksalsmaiSig begriindet sind. Diese Zusammenhange werden nun 
nicht etwa alle in vorhergehenden Erdenleben vorbereitet, sondern in der 
Zeit, die Sie durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 
Namentlich wenn es so gegen die zweite Halfte dieses Lebens geht zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt, dann treten Sie zu den We- 
senheiten, vor allem der hoheren Hierarchien, in ein Verhaltnis, durch 
welches Sie von den Kraften dieser Hierarchien so beeinflufk werden, 
dafi Sie geistig zusammengeschweiiSt werden mit verschiedenen Men- 
schengruppen. Das, was Sie da als geistiges Leben erleben in Religion, 



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in Kunst, im Volkszusammenhang, in der blofien Sprachgemeinschaft 
zum Beispiel, was Sie erleben durch eine ganz bestimmt gerichtete Er- 
ziehung und so weiter, das alles bereitet sich schon vor aufierhalb der 
reinen karmischen Stromungen im vorgeburtlichen Leben. Sie tragen 
herein in das physisch-irdische Dasein das, was Sie schon erlebt haben 
in dem vorgeburtlichen Leben. Und es spiegelt sich dasjenige, was Sie, 
allerdings auf eine ganz andere Weise, im vorgeburtlichen Leben erle- 
ben, ab in dem, was Geistesleben, geistiges Kulturleben im Irdischen ist. 

Nun entsteht fur den, der eine solche Tatsache der geistigen Welt 
in vollem Sinne ernst zu nehmen vermag, eine ganz bestimmte Frage, 
die Frage: Wie wird man nun eigentlich gerecht, im hoheren Sinne ge- 
recht diesem irdischen Geistesleben, wenn man weifi, dafi dieses irdi- 
sche Geistesleben der Abglanz ist dessen, was man schon erlebt hat im 
wahren, konkreten Geistesleben vor der Geburt? Man wird diesem ir- 
dischen Geistesleben nur gerecht, wenn man es eben nicht als Ideologic 
anschaut, sondern wenn man weifi, darinnen lebt die geistige Welt. 
Und wir stelien uns nur in der rechten Weise zu diesem irdischen Gei- 
stesleben, wenn uns bewufit wird: darinnen sind uberall die Wirkens- 
krafte der geistigen Welt selber zu finden. Stelien Sie sich einmal hypo- 
thetisch vor: Dasjenige, was die Wesen - seien es die Wesen der hohe- 
ren Hierarchien, die niemals einen irdischen Leib annehmen, oder 
seien es auch die noch nicht geborenen Menschen, Menschen, die noch 
nicht durch die Pf orte der Geburt ins irdische Leben eingetreten sind -, 
was diese der iibersinnlichen Welt angehorenden Wesen denken, was 
sie als ihr Seelenleben durchmachen, das lebt; das lebt in einer Art von 
traumhaftem Abbiid in der irdisch-geistigen Kulturwelt. So dafi wir 
berechtigterweise immer die Frage stelien konnen, wenn irgendeine 
kunstlerische, irgendeine religiose, irgendeine Tatsache des Erziehungs- 
lebens an uns herantritt: Was lebt darinnen? — Nicht blofi, was die 
Menschen hier auf der Erde gemacht haben, sondern was einfliefit 
aus den Kraften, aus den Gedanken, aus den Impulsen, aus dem gan- 
zen Seelenleben der hoheren Hierarchien, das lebt darinnen. Wir se- 
hen die Welt niemals vollstandig an, wenn wir verleugnen diese sich 
durch unsere geistig-irdische Kultur gewissermafien spiegelnden Ge- 
danken der geistigen Wesen, die nicht auf dieser Erde verkorpert sind, 



entweder uberhaupt nicht verkorpert sind, oder gerade jetzt nicht ver- 
korpert sind. Konnen wir uns empf indungsgemafi aneignen, ich mochte 
sagen, dieses heilige Anschauen der geistigen Welt um uns herum, dafi 
wir diese geistige Welt halten konnen fiir dasjenige, was uns die gei- 
stigen Wesen selber schenken, womit uns die geistigen Wesen umge- 
ben, dann werden wir in der richtigen Weise fiir dieses Geschenk der 
ubersinnlichen Welt, das wir als irdisch-geistige Kulturwelt erleben, 
dankbar sein konnen. Dadurch stellt sich diese geistige Kulturwelt 
notwendig als etwas Selbstandiges herein in die ganze soziale Struktur 
der Menschheit, dafi sie die Fortwirkung desjenigen ist, was wir vor 
der Geburt mitmachen in der geistigen Welt. Beleuchtet man das so- 
ziale Leben mit dem Lichte der spirituellen Erkenntnis, dann wird es 
zu einer Selbstverstandlichkeit, in diesem geistigen Leben eine abge- 
sonderte, selbstandige Wirklichkeit anzunehmen. 

Das zweite Gebiet der sozialen Struktur ist das, was man nennen 
konnte den aufieren Rechtsstaat, das politische Leben im engeren Sinne, 
dasjenige, was sich bezieht auf die Ordnung der Rechtsverhaltnisse 
von Mensch zu Mensch, dasjenige, worinnen alle Menschen gleich sein 
sollen vor dem Gesetz. Es ist dies das eigentliche Staatsleben. Und das 
eigentliche Staatsleben sollte im Grunde genommen nichts anderes 
sein als dieses. Gewifi, man kann wieder aus Griinden des reinen, ge- 
sunden Menschenverstandes die Notwendigkeit einsehen, dafi dieses 
Staatsleben, dieses Leben des offentlichen Rechts, dieses Leben, das 
sich auf die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz bezieht, uber- 
haupt auf die Gleichheit von Mensch zu Mensch, dafi dieses Glied des 
sozialen Organismus fiir sich selbstandig dastehen mui Beleuchtet 
man die Sache aber wiederum mit dem Blicke, der gescharft ist an 
anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, so zeigt sich noch 
etwas ganz anderes. 

Dieses Leben, das eigentliche Staatsleben ist innerhalb der sozialen 
Organe das, was allein nichts zu tun hat mit Vorgeburtlichkeit, nichts 
zu tun hat mit Nachtodlichem. Das ist dasjenige, was seine Ordnung, 
seine Orientierung rein nur findet in der Welt, die der Mensch durch- 
lebt zwischen der Geburt und dem Tode. Der Staat ist nur dann ein 
in sich abgeschlossenes Ganzes mit seiner Urwesenheit, wenn er sich 



auf nichts erstreckt, was in die iibersinnliche Welt hineinragt, sei es 
nach der Seite der Geburt, sei es nach der Seite des Todes. «Gebet dem 
Casar, was des Casars ist, und Gott, was Gottes ist.» - Gebet aber 
nicht - so mulS man erganzen — dem Casar, was Gottes ist, und Gott, 
was des Casars ist. - Der wird es zunickweisen! 

Die Dinge miissen reinlich gesondert werden, wie die einzelnen 
Systemgliederungen im menschlichen natiirlichen Organismus. Alles 
das, was das Staatsleben umfassen kann, was man staatlich diskutieren, 
staatlich abmachen kann, hat nur Beziehung auf das Zusammenleben 
zwischen Mensch und Mensch. Das ist das Wesentliche. Das haben die 
tieferen religiosen Naturen in alien Zeiten empfunden. - Die anderen 
Menschen, die nicht tief religiose Naturen waren, die haben es sogar nicht 
einmal gestattet, dafi man frei, ehrlich und aufrichtig liber diese Dinge 
redet. — Denn eine Vorstellung hat sich gerade in den tieferen religio- 
sen Naturen iiber diese Dinge festgesetzt. Diese tieferen religiosen Na- 
turen sagten sich: Staat, er umfalk das Leben, das, insofern die Mensch- 
heit in Betracht kommt, nur mit alledem zu tun hat, was zwischen 
Geburt und Tod liegt, was sich auf das blofie Irdische bezieht. - 
Schlimm ist es, wenn dasjenige, was sich blofi auf das Irdische be- 
zieht, seine Herrschaft ausdehnen will auf das Oberirdische, auf das 
Obersinnliche, auf dasjenige, was iiber Geburt und Tod hinaus liegt. 
Ober Geburt und Tod hinaus liegt aber das irdische Geistesleben, denn 
es enthalt die Schatten der seelischen Erlebnisse der iibersinnlichen We- 
senheiten. Bemachtigt sich dasjenige, was im blofien Staatsleben pulst, 
des Lebens der irdischen Geistigkeit, so nannten tiefere religiose Natu- 
ren dies: Die Macht, welche ausiibt der widerrechtliche Fiirst dieser 
Welt. - Hinter dem Ausdruck «der widerrechtliche Fiirst dieser Welt» 
verbirgt sich dasjenige, was ich eben angedeutet habe. Das ist auch 
der Grund, warum in denjenigen Kreisen, die ein Interesse daran ha- 
ben, zu konfundieren die drei Glieder des sozialen Organismus, von 
diesem widerrechtlichen Fiirsten dieser Welt nicht gern gesprochen 
wird, es sogar verpont ist, davon zu sprechen. 

Etwas anders verhalt sich die Sache wiederum mit dem, was an 
Denken, an Empfinden, an Seelenimpulsen im Menschen sich da- 
durch entwickelt, dafi er dem wirtschaftlichen Gliede des sozialen 



Organismus angehort. Das ist etwas hochst Eigentiimliches. Allein 
Sie werden sich schon daran gewohnt haben, daft Sie in Ihren An- 
schauungen durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft 
in manches zunachst paradox Erscheinende hineinkommen miissen. 
Wenn wir heute von dem wirtschaftlichen Gliede des sozialen Orga- 
nismus sprechen, so miissen wir uns allerdings dariiber klar sein, 
daft so, wie wir jetzt sprechen, dies eben eine Eigentumlichkeit des 
fiinften nachatlantischen Zeitraums ist. In friiheren Epochen der 
Menschheitsenwickelung waren diese Dinge anders. Daher gilt das, 
was ich zu sagen habe in dieser Richtung, insbesondere mit Bezug auf 
unsere Gegenwart und auf die Zukunft. Aber mit Bezug auf unsere 
Gegenwart und Zukunft mulS gesagt werden: In friiheren Zeiten lebte 
sich der Mensch instinktiv in das Wirtschaftsleben hinein. Jetzt mufi 
das Hineinleben in die Wirtschaft immer bewufker und bewulker 
werden. So wie der Mensch - ich sagte es schon - schulmaftig das Ein- 
maleins lernt, wie er andere Dinge schulmaftig lernt, so mufi er schul- 
mafiig in der Zukunft die Dinge lernen, die sich auf das Leben in dem 
sozialen Organismus, auf das wirtschaftliche Leben beziehen. Der 
Mensch mufi sich fiihlen konnen als ein Glied des Wirtschaftsorganis- 
mus. Es wird freilich fur manche Menschen eine Unbequemlichkeit 
sein, weil schon einmal andere Denk- und Empfindungsgewohnheiten 
eingerissen sind, welche durchgreifende Anderungen erfahren miissen. 
Nicht wahr, wenn heute einer nicht wissen wiirde, wieviel drei mal 
neun ist, so wiirde er fur einen ungebildeten Menschen gehalten wer- 
den. In manchen Kreisen wird einer schon fur einen ungebildeten Men- 
schen gehalten, wenn er nicht weifi, wer Raffael oder Leonardo war. 
Aber man wird im allgemeinen in gewissen Kreisen heute nicht fur 
einen ungebildeten Menschen gehalten, wenn man keinen rechten Auf- 
schlufi zu geben vermag iiber das, was Kapital ist, was Produktion, 
was Konsumtion in ihren Verhaltnissen sind, was Kreditwesen ist 
und so weiter, gar nicht zu reden davon, dafi die wenigsten Menschen 
eine klare Vorstellung von dem haben, was ein Lombardgeschaft ist 
und dergleichen. 

Nun werden sich diese Begriffe unter dem Einflufi der sozialen 
Umgestaltung gewifi andern, und man wird in der Zukunft leichter 



in die Moglichkeit versetzt werden, iiber diese Dinge entsprechenden 
Auf schlufi suchen zu wollen und ihn haben zu wollen. Heute wird ja der 
Mensch ziemlich ratios, wenn er sich iiber diese Dinge einen rationel- 
len Aufschlu£ verschaffen will. Denn was wiirde natiirlicher sein, als 
daft jemand, urn nun zu wissen, was eigentlich Kapital ist, em national- 
okonomisches Handbuch von einem beriihmten Nationalokonomen in 
die Hand nehmen wiirde? Wenn Sie drei verschiedene Handbiicher 
von Nationalokonomie heute in die Hand nehmen, dann werden Sie 
in den drei verschiedenen Handbiichern auf drei verschiedene Arten 
definiert finden, was eigentlich Kapital ist. Denken Sie nur, was Sie 
fur eine eigentiimliche Anskht haben wiirden iiber die Geometrie, wenn 
Sie drei Geometrien von drei verschiedenen Verfassern in die Hand 
nehmen wiirden und in einer jeden den pythagoreischen Lehrsatz in 
einer anderen Weise dargestellt finden wiirden, wenn er fiir Sie iiber- 
all einen anderen Inhalt haben wiirde. Diese Dinge sind so, dafi aller- 
dings heute auch die Autoritaten auf dem Gebiet der Nationalokono- 
mie recht wenig wirklichen Aufschlufi geben konnen in diesen Sachen. 
Man kann es also dem allgemeinen Publikum gar nicht so iibelnehmen, 
wenn es einen solchen Aufschlufi nicht sucht. Aber er wird gesucht wer- 
den miissen, er wird eintreten miissen. Der Mensch wird die Briicke 
schlagen miissen von sich zu der, namentlich wirtschaftlichen, Struktur 
des sozialen Organismus. Er wird in bewufiter Weise sich als Subjekt 
in die Wirtschaft einfiigen miissen, in den sozialen Organismus. Da 
wird er denken lernen, wie er zu den anderen Menschen in Beziehung 
steht, einfach dadurch, daft er mit ihnen gemeinschaftlich auf einem 
bestimmten Territorium iiber die verschiedensten Gegenstande Wirt- 
schaft fiihrt. Dieses Denken, das man da entwickelt, und in das ein- 
fliefit das ganze Verhaltnis der Naturordnung zum Menschen, ist 
ein ganz anderes Denken als dasjenige, das sich zum Beispiel in der 
Welt der geistigen Kultur entwickelt. In der Welt der geistigen Kultur 
erleben Sie mit dasjenige, was Wesenheiten der hoheren Hierarchien 
denken, was Sie selbst erlebt haben in ihrem vorgeburtlichen Leben. 
In dem Denken, das Sie entwickeln als Angehoriger des sozialen 
Wirtschaftskampfes, da denkt immer - so paradox Ihnen das er- 
scheinen mufi - ein anderer Mensch in Ihnen mit, ein tieferer Mensch 



in Ihnen. Gerade dann, wenn Sie sich als Glied eines Wirtschaftskor- 
pers fuhlen, denkt ein tieferer Mensch in Ihnen mit. Sie sind angewie- 
sen, mit Ihrem Denken aufiere Lebensfaktoren zusammenzufiigen. Sie 
miissen denken: Wie wird der Preis von dem oder jenem? Wie erlange 
ich die eine Ware, wie die andere Ware und so weiter? Da huschen 
Sie gewissermafien mit Ihren Gedanken iiber die aufieren Tatsachen 
hin; da lebt nicht Geistiges, da lebt Aufieres, Materielles in Ihrem 
Denken. Gerade weil Aufteres, Materielles in Ihrem Denken lebt, 
weil Sie denkend miterleben miissen, nicht biofi instinktiv miterleben 
wie das Tier, dasjenige, was im Wirtschaftsleben vor sich geht, des- 
halb denkt in Ihnen fortwahrend noch ein anderer, tieferer Mensch 
iiber diese Dinge nach; der setzt die Gedanken erst fort, er macht 
die Gedanken erst so, dafi sie ein Ende, einen Zusammenhang haben. 
Und das ist gerade der Mensch, der wesentlich mitwirkt bei alledem, 
was Sie durch den Tod in die iibersinnliche Welt hineintragen. So pa- 
radox es manchem erscheint, gerade das Nachdenken iiber die mate- 
riellen Dinge hier in der Welt, zu dem der Mensch gezwungen ist, das 
erregt in ihm, weil es nie fertig ist, weil es nie etwas Abgeschlossenes 
ist, ein anderes inneres geistiges Leben, das er hineintragt durch den 
Tod in die ubersinnliche Welt. So stehen die Empfindungen, die Im- 
pulse, die wir gerade im Wirtschaftsleben entwickeln, mit unserem 
nachtodlichen Leben in einem engeren Zusammenhange, als die Men- 
schen glauben. Das mag heute manchem sonderbar und paradox er- 
scheinen; allein es ist, nur ins Bewufitsein umgesetzt, dasjenige, was 
sich in atavistischen Zeiten der Menschheitsentwickelung, dadurch, 
dafi dazumal die spirituelle Welt in die Instinkte des Menschen ein- 
gezogen ist, bei den Menschen gerade damals ausgebildet hat. Ich will 
Sie auf folgendes aufmerksam machen. 

Bei einzelnen sogenannten Naturvolkern finden sich frappierende 
Einrichtungen. Nun miissen wir uns durchaus nicht die unsinnige und 
torichte Vorstellung machen von den Naturvolkern, welche sich die 
heutige Volkerkunde, die heutige Anthropologic macht. Die heutige 
Anthropologic denkt: Es gibt solche Naturvolker, zum Beispiel die 
eingeborenen Australier, die stehen auf der urspriinglichsten Stufe der 
Menschheit, und die heutigen kultivierten Volker waren auch friiher 



einmal so wie heute diese Naturvolker. - Das ist Unsinn! Die Sache 
ist vielmehr so, dafi das, was man heute Urvolker nennt, in die Deka- 
denz Gekommenes ist; das ist Heruntergesunkenes von einer anderen 
Stufe. Nur haben die heutigen Urvolker in sich die friiheren Zeiten 
bewahrt, was sich bei den sogenannten zivilisierten Volkern maskiert 
hat. Deshalb kann man bei sogenannten Urvolkern noch manches 
studieren, was in einer anderen Form vorhanden war in den Zeiten 
des alten atavistischen Hellsehens. Und da gab es denn zum Beispiel 
folgende Einrichtungen: Da gab es die Einrichtung, dafi in einem 
Stamme die Angehorigen dieses Stammes in klemere Gruppen zer- 
fielen; jede dieser kleineren Gruppen hatte einen bestimmten Namen, 
der entlehnt war einer Pflanze oder einem Tier, wie sie innerhalb des 
Gebietes vorkamen, auf dem diese Gruppe lebte. Mit dieser Benennung 
kleinerer Gruppen innerhalb grofierer Zusammenhange war folgendes 
verbunden: zum Beispiel eine Gruppe - nun gebrauchen wir moderne 
Namen, nur um uns zu verstandigen -, eine Gruppe, welche den Na- 
men trug «Roggen», die hatten dafur zu sorgen, dafi der Roggenbau 
auf diesem Terrain ordentlich getrieben wurde, dafi die anderen Leute, 
die nicht den Namen «Roggen» hatten, mit Roggen versorgt werden 
konnten. Zu wachen iiber den Roggenbau, iiber die Verbreitung des 
Roggens hatten als Aufgabe diese Leute, die den Namen «Roggen» 
trugen. Und die anderen, die wieder andere Namen hatten, die setzten 
voraus, dafi sie versorgt wiirden mit dem Roggen von dieser einen 
Gruppe aus. Eine andere Gruppe hatte zum Beispiel den Namen «Rind» : 
sie hatte die Auf gabe, die Rinderkultur zu betreiben und die anderen zu 
versorgen mit Rindern, mit alldem, was dazugehort. Diese Gruppen 
hatten nicht nur die Aufgabe, die anderen zu versorgen, sondern zu- 
gleich war es den anderen verboten, die betreffende Pflanze oder das 
Tier zu kultivieren, was ein Recht des einen Totems, wie man sagte, war. 
Das ist der wirtschaftliche Sinn des Totems, der in dem Gebiete, wo die- 
ses Totem herrschte, Mysterienkultur zugleich war. Mysterienkultur, die 
nicht, wie sich der heutige Mensch traumt, blofi in hoheren Regionen 
ist, sondern die gerade aus den Ratschliissen der Gotter heraus, welche 
fur die Angehorigen der Mysterien erforschbar waren, bis ins einzeln- 
ste des Menschenlebens hinein dieses Menschenleben ordneten. Sie ord- 



neten den Stamm nach Totemgebilden, nach Totemgruppen und be- 
wirkten dadurch eine entsprechende wirtschaftliche Organisation ne- 
ben dem, dafi sie in einer bestimmten Art den Menschen offenbarten, 
wie die geistige Welt beschaffen ist, wie die geistige Welt hereinragt 
in das irdische Geistesleben, so wie es dazumal eben richtig war fiir 
die betreffenden Zeiten. Wie sie fiir das Rechtsleben, das blofi irdi- 
schen Charakter tragt, in ihrer Art sorgten, so bereiteten sie die Men- 
schen hier auf der Erde durch die Ordnung des Wirtschaftslebens so 
vor, dafi die Menschen dann durch den Tod wiederum in eine andere 
Welt eintreten konnten, in der sie Zusammenhange entfalten mufiten, 
die sie hier auf Erden nur durch den Umgang mit den aufiermensch- 
lichen Wesen der iibrigen Naturreiche vorbereiten konnten. Da haben 
diese Leute aus alten Zeiten unter der Fiihrung ihrer Eingeweihten ge- 
lernt, ein richtiges wirtschaftliches Glied in ihr Weltenleben hinein- 
zustellen. 

Spater hat sich das mehr oder weniger konfundiert, obwohl es so- 
gar nicht allzuschwierig ist, bis in die griechische Kultur, ja sogar bis 
in die Kultur des Mittelalters hinein die instinktive Dreigliederung des 
sozialen Organismus darzulegen, darzulegen gerade von diesem Ge- 
sichtspunkte aus, den ich jetzt angegeben habe, wie die Rudimente we- 
nigstens bis ins 18. Jahrhundert herein sich noch vorfinden. Ach, dieser 
moderne Mensch ist ja so bequem mit seinem Denken, mochte alles, 
alles so oberflachlich wie moglich vor seinem Denken dargelegt ha- 
ben! Wurde man wirklich das Leben der fniheren abgelebten Zeiten 
studieren, nicht nach dem, was man heute Geschichte nennt und was 
vielfach eine Fable convenue ist, sondern nach dem, wie es wirklich 
war, dann wiirde man sehen: Es war eine instinktive Dreigliederung 
da; nur ging in dem einen Glied, in dem geistigen Leben, alles von dem 
geistigen Zentrum aus und sonderte sich dadurch heraus aus dem blo- 
fien Staatsleben. 

Als die katholische Kirche auf ihrer Hohe war, bildete sie schon 
ein selbstandiges Glied, und organisierte wiederum das andere irdische 
Geistesleben als ein selbstandiges Glied, griindete Schulen, ordnete das 
Erziehungswesen, griindete auch die ersten Universitaten, machte das 
irdische Geistesleben selbstandig, sorgte dafur, dafi das Staatsleben 



nun ja nicht durchsetzt werde von dem widerrechtlichen Fiirsten die- 
ser Welt. Und im Wirtschaftsleben, selbst in spateren Zeiten, hatte 
man wenigstens das Gefiihl, wenn man im Wirtschaftsleben Briider- 
lichkeit unter den Menschen entfaltet, dafi sich dadrinnen etwas vor- 
bereitet, was eine Fortsetzung findet im Leben nach dem Tode. Daft 
die Briiderlichkeit unter den Menschen belohnt wird nach dem Tode, 
ist zwar eine egoistische Umdeutung der hoheren Vorstellungen, die 
im Totemismus gelebt haben, aber es ist wenigstens noch ein Bewulk- 
sein von dem vorhanden, dafi das briiderliche Leben im menschlichen 
Wirtschaften eine Fortsetzung finde nach dem Geistigen hin im nach- 
todlichen Leben. Selbst die Ausschreitungen auf diesem Gebiete miis- 
sen von diesem Gesichtspunkte aus beurteilt werden. Daft Ausschrei- 
tungen vorkommen, das liegt in der menschlichen Natur. Der Ablafi- 
handel ist allerdings eine der wiistesten Ausschreitungen auf diesem 
Gebiete. Aber er entsprang doch, wenn auch nur als eine Ausschreitung, 
aus dem Bewufitsein, dafS dasjenige, was der Mensch hier im physi- 
schen Leben an wirtschaftlichen Opfern bringt, eine Bedeutung hat 
fur sein nachtodliches Leben. Wenn es auch eine Karikatur dessen ist, 
was wirklich ist, es entsprang als eine Karikatur der richtigen An- 
schauung von der Bedeutung desjenigen, was wir hier erleben, indem 
wir niit den Wesenheiten der anderen Reiche der Erde, der Mineralien, 
der Pflanzen, der Tiere, in Beziehung treten. Dadurch, dafi wir zu 
den anderen Wesen in Beziehung treten, erwerben wir etwas, was erst 
zur vollen Entwickelung kommt im nachtodlichen Leben. Nicht wahr, 
mit Bezug auf das, was wir nach dem Tode sind, smd wir hier als 
Menschen noch verwandt mit dem Niedrigeren, mit Tieren, Pflanzen 
und Mineralien; aber gerade mit diesem Erleben des Aufiermensch- 
lichen bereiten wir etwas vor, was erst nach dem Tode ins Mensch- 
liche heraufwachsen soil. Wenn Sie den Gedanken so wenden, werden 
Sie ihn leichter verstehen, werden Sie leichter darauf kommen, wie es 
ganz selbstverstandlich ist, dafi dasjenige, was wir mit Tieren, Pflan- 
zen, Mineralien erleben, in etwas sich auslebt auf der Erde, was die 
Menschen zusammenfafit, was sie umgibt wie eine geistige Luft, eine 
geistige Atmosphare im Irdischen. Was die Menschen unter sich erle- 
ben, begriindet nur ein reines Atherisches zwischen Geburt und Tod. 



Was die Menschen im Untermenschlichen erleben, im Wirtschaftsle- 
ben, das wird erst Mensch, wird erst heraufgehoben ins Erdenmensch- 
liche, wenn wir durch den Tod hindurchgeschritten sind. 

Das miiftte gerade fiir den anthroposophisch orientierten Geist, fiir 
den, der eine Vertiefung des Lebens durch anthroposophisch orientierte 
Geisteswissenschaft sucht, von dem allerhochsten Interesse und von 
allergrofker Bedeutung sein: anzuerkennen, dafi diese Dreigliederung 
des sozialen Organismus konkret begriindet ist einfach in dem Um- 
stande, da£ der Mensch auch nach dieser Richtung ein dreigliedriges 
Wesen ist, dadurch, dafi er, wenn er als Kind hereinwachst in die phy- 
sische Welt, noch etwas an sich tragt von dem, was er vorgeburtlich 
erlebt hat, dadurch, dafi er etwas an sich tragt, was nur Bedeutung hat 
zwischen Geburt und Tod, und dadurch, dafi er gewissermaften unter 
dem Schleier des gewohnlichen physischen Lebens schon hier dasjenige 
vorbereitet, was wiederum ubersinnlich-nachtodliche Bedeutung hat. 
Was hier als das niederste Leben erscheint, das Leben in der physischen 
Wirtschaft, hier fiir die Erde ist es scheinbar niedriger als das Rechts- 
leben, aber dieses Durchleben des Niedrigeren entschadigt uns zugleich 
damit, dafi wir fiir unseren tiefer gelegenen Menschen, wahrend wir in 
der niedrigeren Wirtschaft drinnenstehen, die Zeit gewinnen, uns vor- 
zubereiten fiir das nachtodliche Leben. Indem wir mit unserer Seele 
angehoren dem Kunstleben, dem religiosen Leben, dem Erziehungsle- 
ben, dem sonstigen Geistesleben, zehren wir von der Erbschaft, die 
wir hereintragen durch die Geburt in das physisch-irdische Dasein. 
Aber indem wir durch das Wirtschaftsleben uns gewissermafien in das 
Untermenschliche erniedrigen, in dasjenige Denken, das nicht so hoch 
hinaufragt, werden wir entschadigt, indem wir im tiefsten Inneren 
dasjenige vorbereiten, was dann nach dem Tode erst ins Menschliche 
heraufragt. Paradox mag das fiir den heutigen Menschen noch klingen, 
weil er gern die Dinge einseitig ansieht und eigentlich keine Ahnung 
davon haben will, dalS eben jegliches Ding nach zwei Seiten hin sein 
Wesen im Leben entfaltet. Was nach der einen Seite hoch ist, ist nach 
der anderen Seite niedrig, was nach der einen Seite niedrig ist, ist nach 
der anderen Seite hoch. Immer hat ein jegliches Ding im wirklichen 
Leben - ich konnte auch sagen in der Lebenswirklichkeit — seine andere 



Seite. Der Mensch wiirde iiberhaupt iiber sich und die Welt einen besse- 
ren Aufschlufi erringen, wenn er sich bewuftt ware, wie ein jegliches 
Ding immer seine andere Seite hat. Manchmal ist es unangenehm, sich 
dies zum vollen Bewufttsein zu bringen, es legt uns das mancherlei Le- 
benspflichten auf. So zum Beispiel: Mit Bezug auf gewisse Dinge miis- 
sen wir gescheit werden, aber wir konnen das Maft dieser Gescheitheit 
in bezug auf gewisse Dinge nicht entwickeln, ohne ein gleiches Maft 
von Dummheit nach einer anderen Seite zu entwickeln. Immer bedingt 
das eine das andere. Und wir diirften eigentlich niemals einen Men- 
schen fur vollstandig dumm halten, wenn er auch im aufieren Leben 
uns als dumm entgegentritt, ohne daft wir uns dessen bewuftt waren: in 
seinem Unterbewuftten liegt vielleicht eine tiefe Weisheit, die uns 
nur verhiillt ist. Die Wirklichkeit enthiillt sich erst, wenn man dieser 
Zweiseitigkeit alles Wirklichen gerecht wird. Und so ist es auch: es 
erscheint uns das Leben der geistigen Kultur auf der einen Seite als das 
Hochste; es ist zu gleicher Zeit dasjenige, wo wir eigentlich immer 
Raubbau treiben, wo wir immer an dem zehren, was wir herein- 
bringen durch unsere Geburt ins physische Dasein. Das wirtschaft- 
liche Leben erscheint uns als das niedrigste Glied: es ist dies nur aus 
dem Grunde, weil es den niedrigsten Aspekt uns zeigt zwischen Geburt 
und Tod. Es laftt uns Zeit, unbewuftt dasjenige zu entwickeln, was die 
geistige Seite des Wirtschaftslebens ist und was wir durch den Tod in 
die iibersinnliche Welt hineintragen. Dieses Zusammengehorigkeits- 
gefiihl in Briiderlichkeit mit den anderen Menschen, das ist es, was 
ich da unter dem geistigen Teil des Wirtschaftslebens hauptsachlich zu 
verstehen habe. 

Nun, Verstandnis fiir diese Dinge ist der Menschheit dringend von- 
noten, wenn sie aus gewissen Kalamitaten herauskommen will, die sich 
gerade dadurch ergeben haben, daft man diese Dinge eben nicht be- 
riicksichtigt hat. Innerhalb der intellektuellen fiihrenden Personlich- 
keiten der herrschenden Klassen hat sich etwas herausgebildet - ich 
sprach vorgestern davon -, was nicht Stoftkraft hat, in die Alltaglich- 
keit hineinzustrahlen. In diesem Punkte das richtige Verstandnis sich 
anzueignen, ist ganz besonders wichtig fiir den Menschen der Gegen- 
wart. Sehen Sie, die fiihrenden intellektuellen Kreise der herrschenden 



Klassen, sie haben eine gewisse sittliche Weltanschauung, eine gewisse 
religiose Anschauung entwickelt. Aber diese sittliche, diese religiose 
Weltanschauung will man am liebsten immer einseitig ganz idealistisch 
halten. Sie soil nicht die Stofikraft haben, zugleich in das alltagliche 
Leben einzudringen. Praktisch tritt Ihnen das dadurch zutage, daft Sie 
Sonntag fur Sonntag und sogar ofter die bekannten Kirchen besuchen 
konnen: es werden Ihnen Predigten gehalten werden, Predigten, die 
aber fortwahrend versaumen die intensivsten Pflichten der Zeit. Es 
wird Ihnen von allem moglichen geredet werden, was Sie tun sollen 
aus religioser Weltanschauung heraus, was aber keine Stofikraft hat. 
Denn gehen Sie aus der Kirche heraus, treten Sie ins auftere alltagliche 
Leben hinein, so konnen Sie nicht anwenden alles, was da gepredigt 
wird iiber Liebe von Mensch zu Mensch, was man tun soil, was der 
eben erleben will und jener eben gepredigt hat. Wo haben Sie eine 
Verstandigung, eine Verbindung zwischen dem, was der Prediger, der 
Sittenlehrer zu seinen Studenten sagt, und zwischen dem, was im all- 
taglichen Leben nun einmal herrscht? 

Das war zum Beispiel in den Zeiten, auf die der Totemkultus zu- 
riickweist, anders: da richteten die Eingeweihten das alltagliche Leben 
nach dem Ratschlufi der Gotter ein. Es ist ein ungesunder Zustand, 
dafi heute von den Kanzeln her nichts gehort wird iiber die notwendige 
Einrichtung des Wirtschaftslebens. Dasjenige, was da gepredigt wird, 
das gleicht - ich habe ofter diesen Vergleich gebraucht - wirklich dem, 
wenn man einem Of en gegenubersteht und sagt: Du Of en, du stehst 
hier im Zimmer. So wie du angeordnet bist im Verhaltnis zu den 
iibrigen Gegenstanden im Zimmer, ist es deine heilige Pflicht, das Zim- 
mer warm zu machen. Also erfiille deine heilige Pflicht und mache das 
Zimmer warm. - Sie konnen lange so dem Ofen predigen, er wird nicht 
das Zimmer warm machen! Aber Sie brauchen gar nicht zu predigen, 
sondern Holz oder Kohlen hineinzulegen und sie anzuziinden, so wer- 
den Sie das Zimmer warm machen. So konnen Sie alle Sittenlehren 
unterlassen, die bloft reden von dem, was der Mensch, um der ewigen 
Seligkeit willen, oder um anderer Dinge willen, die dem blofien Glau- 
ben angehoren, tun soil. Sie konnen also unterlassen die Predigten, 
die heute zumeist den Inhalt der Kanzelreden bilden, aber Sie konnen 



nicht dasjenige unterlassen, was heute realesWissen vom sozialen Orga- 
nismus ist. Das ware die Pflicht derjenigen, die Volkserzieher sein wol- 
len, auch im Praktischen die Briicke zu bauen von dem, was als Gei- 
stiges die Welt durchlebt und durchwebt, zu dem, was im alltaglich- 
sten Leben geschieht. Denn der Gott, das Gottliche, lebt nicht nur in 
dem, was der Mensch in Wolkenhohen ertraurnt, sondern in dem ge- 
ringsten Alltaglichsten. Wenn Sie das Salzfaft auf dem Tisch ergreifen, 
wenn Sie den Loffel Suppe zum Munde fiihren, wenn Sie urn fiinf 
Pfennige etwas von Ihrem Mitmenschen erkaufen, in alien Dingen 
lebt das Gottliche. Und wenn man sich dem Glauben hingibt: da ist 
auf der einen Seite das derb Materielle, Konkrete, dasjenige, was nie- 
derer Natur ist, und auf der anderen Seite das Gottlich-Geistige, das 
man ja recht fernhalten soil von diesem derb Materiellen, Konkreten, 
weil das eine heilig ist und das andere profan, weil das eine hoch ist 
und das andere niedrig, dann widerspricht man gerade dem innersten 
Sinn einer wirklichkeitsgemafien Weltauffassung: der Stofikraft vom 
Hochsten, Heiligen, herunter bis in die alltaglichsten Erlebnisse der 
Menschen. 

Damit ist zugleich das charakterisiert, was die religiose Entwicke- 
lung bis in unsere Zeit herein versaumt hat, die nur immer dem Ofen 
predigt, er solle warm sein, und die verpont, auf wirkliche, konkrete 
Geist-Erkenntnis einzugehen. Wiirde man sich nur iiberall dieses frei 
sagen, was versaumt worden ist, von denjenigen versaumt, die sich 
berufen fiihlen, das geistige Leben zu fiihren, dann wiirde das schon 
eine wesentliche Hinlenkung sein auf das, was zu geschehen hat. 

Wie redet man heute oftmals von Erlosung, von Gnade, von dem, 
was Gegenstand des Glaubens ist? Man redet so, dafi man es den Men- 
schen hochst bequem macht: Da sind die Menschen mit ihren Men- 
schengemiitern. Auf Golgatha ist einstmals der Christus Jesus gestor- 
ben und - die fortgeschrittenen Theologen glauben ja heute nicht mehr 
daran - auferstanden. Aber das tut er alles fur sich, die Menschen 
brauchen nichts anderes zu tun, als daran zu glauben. - So meinen 
heute viele, und sie betrachten es als eine Storung ihrer Kreise, wenn 
anders gedacht wird. Es mufi aber gelernt werden, anders zu denken! 
Gerade auf diesem Gebiete mufi ein radikaler Umschwung eintreten. 



Man mochte sagen: Heute erklingt uns wiederum die Christus-Mah- 
nung oder schon die Mahnung des Taufers Johannes: Andert den Sinn, 
denn die Zeit der Krisis ist nahe herbeigekommen. - Die Menschen ha- 
ben sich gewohnt, das Geistige irgendwo vorauszusetzen, irgendwo, wo 
es fur sie sorgt; sich erzahlen zu lassen von den religiosen Predigern, dafi 
es eine solche geistige Welt gibt, die man moglichstwenigcharakterisiert. 
Die Menschen wollen sich nicht anstrengen in ihren Gedanken, auch 
etwas zu wissen iiber die geistige Welt, sondern nur daran glauben. Die 
Zeit ist vorbei, in der das sein darf ! Die Zeit muE beginnen, in der die 
Menschen wissen miissen: Nicht blo$: ich denke — ich denke vielleicht 
auch iiber das Ubersinnliche sondern: Ich mufS EinlaiS gewahren den 
gottlich-geistigen Machten in meinem Denken, in meinem Empfinden. 
Die Geistwelt mufi in mir leben, meine Gedanken selber miissen gott- 
licher Natur sein. Ich muJ8 dem Gotte Gelegenheit geben, dafi er durch 
mich sich ausspricht.-Dawird das geistige Leben nicht mehrblofi Ideo- 
logic sein. Das ist die grofie Siinde der neueren Zeit, dafi das geistige 
Leben zur Ideologic abgelahmt ist. Und ideologisch ist schon heute 
die Theologie, Ideologic ist nicht blofi die proletarische, sozialistische 
Weltanschauung. Aber von dieser Ideologic miissen die Menschen ge- 
sunden. Die geistige Welt mufi ihnen ein Reales werden. Und wissen 
miissen sie, daf$ die geistige Welt als Reales lebt in dem einen Gliede 
des sozialen Organismus wie die Erbschaft vom vorgeburtlichen Le- 
ben, von der sogenannten Geistwelt; und dafi sich vorbereitet ein 
Geistiges, wahrend wir scheinbar unter die Menschen herunter in das 
wirtschaftliche Leben untertauchen. Es bereitet sich gerade da, als 
Ausgleich fur dieses Untertauchen, dasjenige vor, was uns durch das 
Leben, das wir betreten, indem wir durch den Tod in die geistige Welt 
wiederum eintreten, wiederum hineinfiihren soli, wenn wir es richtig 
durchleben, in menschlichere bruderliche Wissenschaft hier auf der 
Erde. 

Real betrachten das Leben - das ist dasjenige, was wiederum kom- 
men mufi. Und derjenige stellt sich als Bekenner anthroposophisch 
orientierter Geistes wissenschaft richtig in die Welt hinein, der sich be- 
wufit wird: Die Dinge, die einmal heute in die Menschheit treten miis- 
sen, sie konnen fur ihn vertieft werden dadurch, dafi Anthroposophie 



nicht blofi als etwas entwickelt wird, was nur Wissenschaft ist, son- 
dern dafi er sie als etwas hat, was in alle seine Empfindungen eindringt, 
was seine ganze Lebensempfindung durchdringt, umgestaltet auch, sie 
so macht, dafi er als ein wiirdiges Glied eintreten kann in dasjenige, 
was beginnen mufi mit der Gegenwart und was allein zum Heile wer- 
den kann fur die Menschheitszukunft. 

Mit diesen Dingen gibt man dasjenige an, was notwendig ist fur 
die Menschheit, aber auch das, was versaumt worden ist von der 
Menschheit. Nur durch das furchtlose und mutige Sich-Hineinverset- 
zen in dasjenige, was versaumt worden ist, und in das, was notwendig 
ist, kann irgend etwas Heilsames fur die Gegenwart und die nachste 
Zukunft gebracht werden. Deshalb suchte ich Ihnen wiederum hier, 
wo wir unter uns sind, zu dem, was man heute ttber das soziale Problem 
offentlich sagen kann, dasjenige hinzuzufiigen, was man sagen kann 
gerade vom Gesichtspunkte anthroposophisch orientierter Geisteswis- 
senschaft; wo man einbeziehen kann dasjenige, was von dem unsterb- 
lichen, von dem iibersinnlichen Leben des entkorperten Menschen her- 
einragt in dieses irdische Leben. 

Von dem sozialen Organismus ist nur ein Glied, nur dasjenige Glied, 
was sich auf die aufierliche staatliche Organisation bezieht, rein irdisch. 
Die beiden anderen Glieder sind nach zwei verschiedenen Seiten hin 
mit dem Uberirdischen verquickt. Auf der einen Seite wird uns ein 
Geistesleben als ein irdisches geistiges Leben zuteil, das - weil es ge- 
wissermafien herausgeprefit wird aus dem vorgeburtlichen, tiberirdi- 
schen Geistesleben — von uns durchlebt werden kann, ich mochte sagen, 
wie ein Oberflufi. Und auf der anderen Seite miissen wir als leibliche 
Menschen - wodurch wir verbunden sind mit der Tierheit der Erde - 
untertauchen in das blofie Wirtschaftsleben. Allein, weil wir nicht 
blofi leibliche Menschen sind, sondern weil sich vorbereitet in diesem 
Leib die Seele fur die folgenden Erdenleben und fur die folgenden 
iibersinnlichen Leben, bereitet sich auch durch das Wirtschaftsleben 
dasjenige vor, was jenen Teil von uns in die Menschlichkeit hinauf- 
fiihrt, der hier noch nicht ganz menschlich ist: den Menschen, der im 
Wirtschaftsleben drinnenstehen mufi. Wir haben gleichsam etwas in 
uns von einem t)bermenschen, insofern wir in einen sozialen Zusam- 



menhang hineinriicken konnen, der das irdische Geistesleben durch- 
webt. Wir haben etwas vom bloflen Menschen an uns, indem wir 
Staatsbiirger werden. Wir haben etwas in uns, was uns zwingt, unter 
beides hinunterzusteigen, aber wir werden zu gleicher Zeit von der 
iibersinnlichen Welt entschadigt dadurch, dafi in dem, was als nied- 
rigstes Glied erscheint im sozialen Erleben, sich schon dasjenige vorbe- 
reitet, was uns wiederum hinauffuhrt, uns wiederum eingliedert in das 
Obersinnliche. 

Die Wirklichkeit ist allerdings nicht so oberflachlich, nicht so be- 
quem zu erfassen, wie man das manchmal haben mochte. Allein, sie 
zeigt auf der anderen Seite, wie das Menschenleben die verschiedensten 
Phasen durchmacht, jede Phase aber neue Momente, neue Ingredien- 
zien, neue Impulse, die nur auf diesen bestimmten Gebieten gegeben 
werden konnen, wo sie gegeben werden, in das Menschenleben hin- 
eintragt. So sehen wir, wie sich ineinanderschlingen die Faden des Le- 
bens, welches wir hier zwischen Geburt und Tod verleben, mit jenen 
Faden, die wir ziehen, indem wir das Leben zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt durchleben. Und alles fiigt sich im hochsten Mafie 
sinnvoll ineinander in diesem gesamten Menschenleben. Dasjenige, was 
sich wiederum anspinnt hier im irdischen Leben von menschlichem In- 
dividuum zu menschlichem Individuum, was wir hier einem Menschen 
tun, indem wir ihm eine Freude machen, indem wir ihm ein Leid zu- 
fugen, indem wir seine Gedanken bereichern, oder seine Gedanken 
verarmen, indem wir dieses oder jenes ihm beibringen, — das bereitet 
unser karmisches, unser schicksalsmafiiges Leben vor fiir das nachste 
Erdendasein. 

Aber unterscheiden miissen wir davon dasjenige, was wir notig 
haben zu unserer Vorbereitung fiir das Leben, welches wir unmittel- 
bar nach dem Tode als ein iibersinnliches entfalten. Wir werden hier 
zusammengefuhrt in gewisse soziale Gemeinschaften. Wir miissen wie- 
der herausgefiihrt werden. Wir werden es dadurch, da£ aus unserem 
blofien Wirtschaftsleben, aus der bloften Okonomie, etwas auftaucht, 
das uns durch die Pforte des Todes hiniibergeleitet in die geistige Welt, 
damit wir nicht in der sozialen Gemeinschaft verbleiben, in der wir 
uns hier eingelebt haben, sondern in einem nachsten Leben in eine an- 



dere aufgenommen werden konnen. So sinnvoll verschlingen sich die 
karmischen Faden mit denjenigen Faden, die uns in das allgemeine 
Weltenleben hineinstellen. 

Dasjenige, was man durch die Verbindung des Ubersinnlichen mit 
dem physisch-irdischen Leben aus der Geisteswissenschaft noch fiirdie.se 
Dreigliederung des sozialen Organismus gewinnen kann, scheint schon 
wesentlich dasjenige noch zu vertiefen, was exoterischer Gehalt iiber 
die Dreigliederung des sozialen Organismus werden mufi. Das scheint 
es schon wesentlich zu vertiefen. Gewifi, fur den aufienstehenden Men- 
schen ist dies schwer zu verstehen, da ist heute keine Hilfe moglich. 
Aber derjenige, der innerhalb der anthroposophischen Bewegung steht, 
der sollte immer fur alles das, was sich hier im Irdischen begriinden 
lafit, zu gleicher Zeit alles aufnehmen, was uns verbindet mit der 
Sphare, in die wir eintreten nach unserem Tode, aus der wir kamen 
durch unsere Geburt, in der wir zu suchen haben diejenigen, die vor 
uns hinweg aus dieser Welt gegangen sind und zu denen wir be- 
stimmte Beziehungen haben. Denn das wird die schonste menschliche 
Errungenschaft gerade anthroposophischer Vertiefung sein, dafi sie die 
beiden grofien Mysterien des irdischen Lebens, die Geburt und den 
Tod, durchschauen lehrt, eine Briicke schafft zwischen dem Sinnlichen 
und dem Ubersinnlichen, zwischen den sogenannten Lebendigen und 
den sogenannten Toten, so dafi das Tote wie ein Lebendiges unter uns 
wird und wir von dem Lebendigen sagen konnen: Nichts anderes als 
eine andere Form des Seins ist dasjenige Leben, das im Ubersinnlichen 
das unsere war vor der Geburt und das das unsere sein wird nach dem 
Tode. Es ist tot hier in der Sinnlichkeit, wie die Sinnlichkeit tot ist, 
indem wir das Ubersinnliche durchleben. Die Dinge in der Welt sind 
relativ in Beziehung zueinander. Und wenn wir durchschauen diese 
zwei Seiten einer jeglichen Wirklichkeit, dann erst dringen wir in die 
Wirklichkeit selbst ein. 

Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute als eine Erganzung, eine mehr 
esoterische Erganzung derjenigen Fragen geben wollte, welche jetzt 
offentlich zu erortern so dringend notwendig ist, und an welcher Er- 
orterung sich ganz besonders beteiligen sollten diejenigen, die der 
anthroposophischen Bewegung nahestehen. 



Auf eine Frage, die nicht erhalten ist, bemerkte Rudolf Steiner noch: 

Diese Dinge sind so, dafi man wirklich sagen kann: Diese Anschau- 
ung vom sozialen Organismus ist eine feste Basis. Und man hat nur 
zu untersuchen, wie sie sich im einzelnen Falle einlebt in das Leben. 

Wenn Sie den pythagoraischen Lehrsatz kennen, so werden Sie 
nicht fragen: wie rechtfertigt er sich in alien Einzelheiten? - Sie wis- 
sen, wenn Sie ihn kennen: Er wird liberal! richtig sein, wo er anwend- 
bar ist, ebenso wie drei mal zehn dreifiig ist, iiberall, wo Sie es an- 
wenden: Sie werden nicht fragen miissen, ob es richtig ist und es be- 
weisen miissen. Sie miissen diese Dinge in sich selber einsehen. So 
werden Sie auch finden, da£ bei dieser Anschauung uber das soziale 
Leben man von einer gewissen Basis ausgeht, die einfach sich als 
richtig erweist; die anderen Dinge, die kommen, schliefien sich dann 
richtig daran. Das Steuersystem, das Besitz-System, alles schliefk sich 
als eine Konsequenz an. Alles das wird sich ergeben, wenn man den 
lebendigen sozialen Organismus ergreift. Und so ergibt sich, dafi die 
Leute zum Beispiel durchaus nicht anstehen werden, ihre Kinder auch 
in die Freie Schule zu schicken. Im Gegenteil: sie werden sie scbicken 
wollen, weil sie ein Interesse daran haben werden. 

Und wiederum auf dem Gebiete, wo sich ein Verhaltnis eines je- 
den Menschen zu jedem Menschen entwickelt: Auf dem Gebiet des 
Rechtslebens urteilsfahig zu sein, ist notwendig, und niemand wiirde 
gewahlt werden konnen in den Vertretungskorper des zweiten Glie- 
des des sozialen Organismus, der nicht urteilsfahig ware. So etwas 
mufi natiirlich dann gepriift werden: Was sich von Mensch zu Mensch 
bezieht, dieses Interessenehmen, dieses bewufite Drinnenstehen im 
Leben, das wird ganz von selbst erhalten im freien Organismus, der 
schon gesund werden wird. 



DRITTER VORTRAG 
Zurich, 11. Februar 1919 



Ich sagte schon heute vor acht Tagen, dafi wir als an der anthroposo- 
phischen Bewegung interessierte Menschen wesentlich vertiefen kon- 
nen und auch vertieft auffassen konnen dasjenige iiber die brennenden 
Fragen der Gegenwart, was notwendig fiir die gegenwartige Mensch- 
heit ist, um ein Urteil, urn die Moglichkeit einer Stellungnahme zu 
gewinnen. Vertiefter konnen wir manches auffassen, als es moglich 
ist innerhalb der breiten Dffentlichkeit. Gewissermafien konnen wir 
uns wie eine Art von Sauerteig, wenn ich das biblische Wort gebrauchen 
darf, betrachten, so dafi ein jeder an seinem Orte versucht, auch noch 
aus einem tieferen Gefuhl, aus einem tieferen Impuls heraus etwas bei- 
zutragen zu dem, was der Zeit ganz besonders notig ist. 

Wenn wir uns an dasjenige erinnern, was als der Grundton in den 
offentlichen Vortragen gesagt worden ist, so werden wir finden, es 
handelt sich fiir die Gegenwart darum, eine gewisse Gliederung des 
sozialen Organismus anzustreben. Ich sage immer anstreben, nicht 
etwa revolutionar von heute bis morgen durchfuhren wollen, sondern 
anstreben eine gewisse Gliederung desjenigen, was unter dem Einflusse 
gewisser neuzeitlicher Zeitstromungen zentralisiert worden ist. An- 
streben, dafi statt des sogenannten Einheitsstaates, in freier Selbstan- 
digkeit neben den anderen sich entwickelt ein besonderes Glied des 
sozialen Organismus, das alles umfaflt, was sich auf das geistige Leben 
bezieht: Erziehung der Menschen, Unterricht, Kunst, Literatur, aber 
auch, wie ich schon angedeutet habe und wie morgen noch im offent- 
lichen Vortrage beriihrt werden soil, dasjenige, was sich bezieht auf 
die Verwaltung des Privat- und Strafrechtes. Ein zweites Glied des 
sozialen Organismus soli dann im engeren Sinne dasjenige sein, was 
man bisher Staat genannt hat und dem man eigentlich in der neueren 
Zeit, eben aus den Stromungen der letzten vierhundert Jahre heraus, 
alles mogliche auf laden wollte: Staatsschulen, Staatserziehung und so 
weiter. Aber auch gerade unter dem Einflufi von sozialistischen und 
sozialen Gedanken versucht man heute, das wirtschaftliche Leben und 



das im eminentesten Sinne politische Rechtsleben zu einer Einheit zu- 
sammenzuschweifien. Beide miissen wieder auseinanderstreben. Selb- 
standig miissen einander gegeniiberstehen als zweites Glied des sozialen 
Organismus der politische Staat, und selbstandig, relativ selbstandig, 
alles dasjenige, was in sich schliefit Warenzirkulation, Wirtschaftsle- 
ben, Okonomie. 

Nun wollen wir diese Sache einmal von einem Gesichtspunkte be- 
trachten, der heute noch nicht so leicht dem zuganglich sein kann, 
der nicht innerhalb unserer Bewegung steht, und wollen das dann 
bringen bis zu einer gewissen Kulmination, so dafi aus dieser Kulmi- 
nation heraus ein tieferes Verstandnis der Lebenslage der heutigen 
Menschheit iiberhaupt erquellen kann. Betrachten Sie einmal dasjenige, 
was man im irdischen Sinne Geistesleben nennt. Geistesleben im irdi- 
schen Sinne ist alles das, was uns in irgendeiner Weise iiber den ein- 
zelmenschlichen Egoismus hinaushebt und mit Gruppen von ande- 
ren Menschen zusammenfiihrt. Nehmen Sie als fiir die Mehrzahl der 
Menschen heute noch bedeutsamstes irdisches Geistesleben dasjenige 
Geistesleben, das gerade den Zusammenhang mit dem iiberirdischen 
Geistesleben vermitteln soil, nehmen Sie das religiose Leben, wie es 
sich fiir den Menschen in den einzelnen Religionsgemeinden abspielt. 
Der Mensch wird da in einer gewissen Weise durch seine seelischen 
Bediirfnisse mit anderen Menschen zusammengefiihrt, mit diesen an- 
deren Menschen verbinden ihn dann gleichartige Seelenbedurfnisse. 
Durch die Erziehung sorgt ein Mensch fiir den anderen im Geistig- 
Seelischen. Wenn wir ein Buch lesen, werden wir auch iiber unser indi- 
viduelles, egoistisches Leben hinausgefiihrt, indem wir die Gedanken 
des Autors nicht allein aufnehmen, sondern, wenn es ein nur halbwegs 
gelesenes Buch ist, mit zahlreichen anderen Menschen gleiche Gedan- 
ken aufnehmen, was wiederum uns in eine gewisse Menschengruppe 
hineinstellt, welche Gleichartiges in der Seele erlebt. Das ist doch eine 
wichtige Charaktereigenschaft des geistigen Lebens, dafi dieses geistige 
Leben aus der vollen Freiheit erquillt, aus der individuellen Initiative 
des einzelnen Menschen, dafi aber dieses irdische Geistesleben den Men- 
schen zusammenfiihrt mit anderen Menschen, Menschengruppen formt 
aus der Gesamtheit der Menschen heraus. 



Damit aber ist eines schon fur den, der tieferes Verstandnis sucht, 
gesagt, etwas gesagt, was jegliche Art solchen Zusammenlebens dem 
Zentralereignisse der ganzen Erdenentwickelung, dem Mysterium von 
Golgatha, nahebringt. Denn seitdem das Mysterium von Golgatha in 
der Erdenentwickelung sich abgespielt hat, gehort alles dasjenige, was 
auf das Menschenzusammenleben sich bezieht, in einem gewissen Sinne 
zu diesem Christus-Impuls. Das ist das Wesentliche, dafi der Christus- 
Impuls nicht dem einzelnen Menschen gehort, sondern dem menschli- 
chen Zusammenleben. Es ist, im Sinne des Christus Jesus selber verstan- 
den, ein grofier Irrtum, wenn man glaubt, der einzelne Mensch konne 
eine unmittelbare Beziehung zu dem Christus haben. Das Wesentliche 
ist, dafi der Christus gelebt hat, gestorben ist, auferstanden ist fiir die 
Menschheit, fiir dasjenige, was die Menschheit im Ganzen ist. Daher 
kommt seit dem Mysterium von Golgatha das Christus-Ereignis sofort 
in Betracht - wir werden spater darauf zuriickkommen wenn irgend- 
eine Art menschlichen Zusammenlebens entfaltet wird. Es riickt also 
auch das irdische Geistesleben, das erquillt aus dem Individuellsten 
heraus, aus den menschlichen personlichen Anlagen und Begabungen, 
an das Christus-Ereignis fiir den wirklich die Welt Verstehenden heran. 

Nun betrachten wir aber zunachst dieses irdische Geistesleben fiir 
sich: religioses Leben, Schul- und Erziehungswesen, kiinstlerisches We- 
sen und so weiter. Wir gelangen durch dieses in eine gewisse Bezie- 
hung zu anderen Menschen. Da miissen wir unterscheiden zwischen 
dem, was uns mit anderen Menschen durch unser eigentliches Schick- 
sal, durch unser Karma in Beziehung bringt, und dem, was nicht in 
diesem engsten Sinne mit unserem individuellen Karma zusammen- 
hangt. Wir haben auf der einen Seite gewisse Beziehungen zu den 
Menschen, die sich einstellen in unserem Leben; wir kniipfen neue Be- 
ziehungen an zu einzelnen Menschen. Wir haben Beziehungen, die 
nichts anderes sind als die Wirkungen von anderen Verhaltnissen, die 
in friiheren Erdenleben sich angekniipft haben. Wir kniipfen hier 
wiederum Verhaltnisse an, die ihre karmische Entwickelung in spate- 
ren Erdenleben finden werden. Das gibt eine ganze Menge von indivi- 
duellen Beziehungen der einzelnen Menschen zu anderen einzelnen 
Menschen. Diese Beziehungen, die im wesentlichen mit unserem Karma 



im engsten Sinne zusammenhangen, miissen wir unterscheiden von den 
weiteren Beziehungen, in die wir dadurch zu Menschen kommen, daft 
wir mit ihnen solche Gemeinschaften schlieften, durch welche wir einer 
religiosen Gemeinde, einem Glaubensbekenntnis mit ihnen gemeinsam 
angehoren, daft wir mit ihnen in gleichem Sinne erzogen werden, mit 
ihnen gemeinschaftlich ein Buch lesen und dergleichen, mit ihnen ge- 
meinsam irgendeine Kunst genieften und so weiter. Diese Menschen, 
mit denen wir also in eine irdische Gemeinschaft kommen, miissen 
nicht immer durch eine karmische Beziehung aus einem friiheren Er- 
denleben mit uns zusammen sein. Es gibt allerdings auch solche Ge- 
meinschaften, die auf gemeinsame Schicksale in friiheren Erdenleben 
hinweisen, aber mit diesen groften Gemeinschaften, von denen ich eben 
gesprochen habe, ist dieses in der Regel nicht der Fall. Doch fiihrt es 
auf etwas anderes zuriick. Es fiihrt darauf zuriick, daft wir gegen das 
Ende der Zeit, die wir in der iibersinnlichen Welt zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt durchleben, wenn wir in dem Zeitraume an- 
kommen, der nahe liegt unserer neuen Wiederverkorperung, geistige 
Beziehungen eingehen - weil wir bis zu einem gewissen Grade da reif 
werden fur solche geistige Beziehungen - zu den Hierarchien der 
Angeloi, Archangeloi und Archai, also geistige Beziehungen zu den 
hoheren Hierarchien iiberhaupt; aber daft wir in der geistig-iibersinn- 
lichen Welt vor unserer neuen Geburt auch anderen Menschenseelen 
nahekommen, die spater verkorpert werden als wir, die in irgend- 
einer Weise noch langer auf ihre Verkorperung zu warten haben. 
Wir haben eine ganze Summe von iibersinnlichen Begegnungen, die 
wir gerade durch unsere besondere Reife machen, bevor wir wieder- 
um durch eine Geburt in das Erdenleben hereingezogen werden. Und 
diese Krafte, die wir dabei aufnehmen, die stellen uns auf der Erde 
an denjenigen Platz hin, wo es uns moglich wird, solche Gemein- 
schaften des irdisch-geistigen Lebens zu erleben, von denen ich eben 
gesprochen habe. 

Es ist aus dem, was ich gesagt habe, vor alien Dingen herauszuneh- 
men, daft unser irdisch-geistiges Leben, das wir erleben, indem wir 
religiose Menschen sind, indem wir erzogen werden, geschult werden, 
indem wir gewisse Kunsteindriicke aufnehmen und dergleichen, nicht 



etwas ist, was nur seine Bestimmung erhalt durch das, was auf der 
Erde ist, sondern bestimmt ist durch dasjenige, was wir iibersinnlich 
erst erleben, bevor wir durch die Geburt zu diesem irdischen Geistes- 
leben herunterkommen. Wie durch das Bild, das im Spiegel ist, hin- 
gewiesen wird auf den, der sich abspiegelt, so wird durch das irdische 
Geistesleben hingewiesen auf das, was der Mensch erlebte, bevor er in 
einen irdischen Leib eingezogen ist. In dieser Beziehung gibt es nichts 
auf der Erde, was in einem so innigen Bezug, in einem so realen, leben- 
digen Bezug zu der ubersinnlichen Welt steht als dieses irdische Gei- 
stesleben, das ja gewisse Verirrungen, viele Verirrungen aufweist. Aber 
auch die Verirrungen haben einen sinnvollen Bezug zu dem, was wir 
im Ubersinnlichen, in einer ganz anderen Weise allerdings, aber doch 
eben im Ubersinnlichen erleben. Dadurch wird das irdische Geistes- 
leben zu einer besonderen Stellung auf der Erde gebracht, dafi es mit 
unserem vorgeburtlichen Leben zusammenhangt. Nichts anderes im 
irdischen Leben hangt mit unserem vorgeburtlichen Leben so zusam- 
men wie dieses irdische Geistesleben. Das ist, worauf der Geistesfor- 
scher noch besonders hinweisen muf$. Er trennt das irdische Geistes- 
leben von den anderen Betatigungen ab, denen der Mensch hier auf 
der Erde unterliegt, weil er in seinen ubersinnlichen Beobachtungen 
erfahrt, dafi dieses irdische Geistesleben im vorgeburtlichen, ubersinn- 
lichen Leben seine Urspriinge, seine Impulse hat. Dadurch gliedert sich 
fur den Geisteswissenschafter dieses irdische Geistesleben von dem an- 
deren Erleben des Menschen ab. 

Anders steht es mit dem, was man im engeren Sinne das politische, 
das offentliche Rechtsleben nennen kann, dasjenige Leben, welches 
staatliche Ordnung unter den Menschen bringt. Wieviel man auch mit 
den genauesten geisteswissenschaftlichen Methoden sich anstrengt zu 
erforschen, womit dieses Staatliche, das eigentlich Staatliche, das poli- 
tische Rechtsleben, das offentliche Rechtsleben zusammenhangt, man 
findet gar keinen Bezug dieses Lebens zu einem Ubersinnlichen. Die- 
ses Leben steht da als vollig irdisches. Wir miissen uns nur genau 
verstandigen dariiber, was hier gemeint ist. Was ist zum Beispiel ein 
im eminenten Sinne irdisches, irdisches politisches Rechtsverhaltnis? 
Das Besitzverhaltnis, das Eigentumsverhaltnis. Wenn ich irgendwie 



Besitzer bin eines Grundstiickes, so bin ich es nur dadurch, dafi mir 
ein politischer Zusammenhang das ausschlieftliche Recht gibt, dieses 
Grundstuck zu beniitzen, mir es moglich macht, alle anderen von 
der Bemitzung dieses Grundstiickes, der Bebauung und so weiter 
auszuschliefien. So ist es mit alledem, was auf dem offentlichen Recht 
beruht. Das, was die Summe der offentlichen Rechte ist, auch die 
Summe alles dessen, was eine gewisse Gemeinschaft nach aufien 
schiitzt, das alles ist das Staatsleben im engeren Sinne. Das ist das 
eigentlich irdische Leben, was nur mit den Impulsen, die beim Men- 
schen zwischen Geburt und Tod verfliefien, zusammenhangt. Mag sich 
der Staat manchmal noch so sehr diinken, er sei ein Gottgegebenes, im 
Sinne der tieferen Auffassung aller religiosen Bekenntnisse gilt fol- 
gendes. Erstens gilt dasjenige, was der Christus Jesus meinte, als er in 
der damaligen Sprache zu den Menschen sprach: «Gebet dem Casar, 
was des Casars ist, und Gott, was Gottes ist.» Er wollte insbesondere 
gegeniiber den Aspirationen des romischen Imperiums alles, was aufier- 
liches Staatsleben ist, scheiden von dem, was ein Spiegelbild des iiber- 
sinnlichen Lebens ist. Aber alles das, was in das blofie irdische Staats- 
leben einen Uberirdischen Impuls hereinbringen will, zum Beispiel den 
Staat geradezu zum Trager des religiosen Lebens oder zum Trager des 
Erziehungswesens machen will - woran kein Mensch in der neueren 
Zeit zweifelt, dafi es so sein soil, leider! — , all das bezeichneten die 
tieferen religiosen Naturen so, dafi sie sagten: Wenn irgendwie sich 
mischen will dasjenige, was geistig-iibersinnlich ist, mit dem, was 
aufierlich-staatlich ist, so regiert der widerrechtliche Fiirst dieser Welt. 

Sie wissen vielleicht, man miifite viel iiber die Bedeutung des wider- 
rechtlichen Fiirsten dieser Welt nachdenken, und man kriegt zuletzt 
nichts heraus. Man bekommt nur durch Geisteswissenschaft heraus, 
was damit gemeint ist. Dann regiert der widerrechtliche Fiirst dieser 
Welt, wenn das, was sich blofi auf die Ordnung irdischer Verhaitnisse 
beziehen soil, sich anmafit, das geistige und, wie wir spater sehen wer- 
den, auch das wirtschaftliche Leben in sich einbeziehen zu wollen. Der 
rechtliche Fiirst dieser Welt ist nur der, der in die aufieren politischen 
Staatsverhaltnisse blofi das einbezieht, was seine Impulse hat in dem 
Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod. So haben wir das 



zweite Glied in dem sozialen Organismus geisteswissenschaftlich er- 
griffen. Es ist dasjenige, welches hingeordnet ist auf jene Impulse, die 
beim Menschen zwischen Geburt und Tod verfliefien. 

Nun kommen wir zu dem dritten, zu dem wirtschaftlichen Verhalt- 
nis.Denken Sie sich einmal, wie uns eigentlich daswirtschaftlicheLeben 
hineinstellt in ein gewisses Verhaltnis zu der Welt. Sie werden leicht 
darauf kommen, wie dieses Verhaltnis ist, wenn Sie sich denken mufken, 
dafi wir ganz aufgehen konnten im rein aufieren wirtschaftlichen Le- 
ben. Was waren wir dann, wenn wir nur im aufieren, rein wirtschaft- 
lichen Leben aufgehen wiirden? Wir waren denkende Tiere, nichts an- 
deres. Nur dadurch sind wir nicht denkende Tiere, dafi wir aufier dem 
wirtschaftlichen Leben noch ein Rechtsleben haben, ein politisches Le- 
ben, ein Staatsleben und eine Geisteswissenschaft, ein irdisches Geistes- 
leben. Wir werden also durch das Wirtschaftsleben mehr oder weniger 
hinuntergedrangt ins Untermenschliche. Aber indem wir hinunterge- 
drangt werden ins Untermenschliche, konnen wir gerade auf diesem 
Gebiete des Untermenschlichen Interessen entwickeln, die im wahren 
Sinne des Wortes die briiderlichen Interessen unter den Menschen sind. 
Auf keinem anderen Gebiete konnen wir so leicht und so selbstver- 
standlich die briiderlichen Verhaltnisse unter den Menschen im vollsten 
Sinne des Wortes entwickeln wie gerade im Wirtschaftsleben. 

Im geistigen Leben - was ist das eigentlich Regierende im irdischen 
Geistesleben? Im Grunde genommen das personliche, wenn auch see- 
lische, aber seelisch-egoistische Interesse. Von der Religion will der 
Mensch haben, dafi sie ihn selig macht. Von der Erziehung will er ha- 
ben, dafi sie seine Anlageii entwickelt. Von irgendeiner kunstlerischen 
oder sonstigen Erscheinung, die er geniefit, will er Freude in sein Leben 
hinein haben oder auch eine Entfaltung seiner Lebenskrafte. Es ist 
iiberall so, dafi ein groberer oder feinerer Egoismus, wenn auch ver- 
standlicherweise, um seinetwillen den Menschen hinfiihrt zu dem, was 
im irdischen Geistesleben iebt. 

Wiederum im Rechtsleben, im politischen Leben haben wir es zu tun 
mit dem, was uns gewissermafien zu gleichen Wesen vor dem Gesetze 
macht. Wir haben es zu tun mit dem Verhaltnisse von Mensch zu 
Mensch. Wir haben es mit dem zu tun, was unser Recht sein soil. Recht 



besteht nicht unter Tieren! Das ist auch etwas, wodurch wir iiber die 
Tierheit schon im irdischen Leben hinausgehoben sind. Aber wir haben 
sowohl in dem Verhaltnis, das wir in einer Religionsgemeinschaft, in 
einer Erziehungsgemeinschaft haben, wie auch in einer Rechtsgemein- 
schaft, in diesem allem etwas, was in einer gewissen Beziehung auf 
einem Anspruch von uns beruht, was wir gewissermaften in selbstver- 
standlicher Weise wollen. Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, da 
kann sich etwas geltend machen, gerade wenn wir uns iiberwinden 
konnen, was wir nicht aus den Interessen heraus wollen: Bruderlich- 
keit, Beriicksichtigung des anderen, so leben, daft der andere neben 
uns durch uns etwas erfahrt. 

Im geistigen Verhaltnis nehmen wir etwas entgegen, weil wir es 
wollen. Im Rechtsverhaltnis machen wir auf etwas Anspruch, worauf 
wir Anspruch machen miissen, wenn wir uns ein menschenwiirdiges 
Leben als Gleicher unter Gleichen bewahren wollen. Und im wirt- 
schaftlichen Leben entfaltet sich dasjenige, was die Gefiihle des einen 
Menschen mit den Gefiihlen des anderen Menschen verbindet: die Brii- 
derlichkeit. Die Impulse des briiderlichen Lebens, die entspringen, in- 
dem wir ein gewisses Verhaltnis herstellen, aus dem, was wir besitzen, 
zu dem, was der andere besitzt; dessen, was wir bediirfen, zu dem, was 
der andere bedarf ; aus dem, was wir haben, zu dem, was der andere hat 
und so weiter. Entwickeln wir im wirtschaftlichen Leben immer mehr 
und mehr diese Briiderlichkeit, dann geht gewissermaften aus diesem 
wirtschaftlichen Leben etwas heraus. Diese Briiderlichkeit im Wirt- 
schaftsleben, dieses briiderliche Verhaltnis unter den Menschen, das im 
Wirtschaftsleben strahlen mufi, wenn Gesundung des Wirtschaftslebens 
da sein soil, das ist dasjenige, was, wenn ich so sagen soil, aus dem Wirt- 
schaftsleben aufdampft, so daft, indem wir gerade aus dem Wirtschafts- 
leben heraus es uns anerziehen, wir es mitnehmen durch die Pforte des 
Todes und hineintragen in das iibersinnliche Leben nach dem Tode. 

So erscheint fur das irdische Leben das Wirtschaftsleben als das nie- 
derste, aber in ihm entwickelt sich etwas, was gerade hineinpulst aus 
dem Irdischen durch die Pforte des Todes in das Oberirdische. Da 
haben wir das dritte Gebiet des sozialen Organismus geisteswissen- 
schaftlich betrachtet. Es entwickelt sich etwas, was uns Menschen ge- 



wissermafien in das Untermenschliche hinunterstofit, aber wir werden 
daftir begnadet, dafi gerade aus dem, was die Briiderlichkeit im wirt- 
schaftlichen Leben entwickelt, wir etwas durch die Pforte des Todes 
mitnehmen, was uns bleibt, indem wir in die iibersinnliche Welt hin- 
eintreten. So wie das irdische Geistesleben, das sich auf die Weise ent- 
wickelt, wie ich es vorhin beschrieben habe, hinweist durch das Spie- 
gelbild auf das Abgespiegelte, auf das vorgeburtliche iibersinnliche 
Geistesleben, so weist das Wirtschaftsleben mit dem, was sich unter 
dem Einflufi dieses Wirtschaftslebens im Menschen entwickelt - so- 
ziales Interesse, Gefiihle fur menschliche Gemeinschaft, Briiderlich- 
keit — , auf das iibersinnliche Leben nach dem Tode hin. 

Und so haben wir geisteswissenschaftlich die drei Gebiete getrennt: 
das Geistesleben mit seinem Hinweis auf das vorgeburtliche iibersinn- 
liche Leben; das eigentliche Staatsleben mit seiner Beziehung auf die 
Impulse, die zwischen der Geburt und dem Tode sich abspielen; das 
eigentliche Wirtschaftsleben, welches hinweist auf dasjenige, was wir 
erleben werden, nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen 
sind. Ebenso wahr, als es ist, dafi der Mensch nicht nur ein irdisches, 
sondern ein iiberirdisches Wesen zugleich ist, dafi er in sich tragt die 
Ergebnisse desjenigen, was er vorgeburtlich «vor»-gelebt hat im Ober- 
sinnlichen, dafi er in sich entwickelt die Keime zu dem, was er erleben 
soli im nachtodlichen Leben, wenn ich das Bild gebrauchen darf , ebenso 
wahr, wie in dieser Beziehung das Menschenleben dreifach ist und der 
Mensch neben diesen zwei Spiegelungen des uberirdischen Lebens noch 
sein besonderes irdisches zwischen Geburt und Tod erlebt, so wahr die- 
ses Leben des Menschen in sich dreifach gegliedert ist, so wahr mufi der 
soziale Organismus, in dem der Mensch drinnensteht, dreifach geglie- 
dert sein, wenn seine Gesamtmenschenseele in diesem sozialen Organis- 
mus ihre Grundlage, ihre Basis haben solL So gibt es fur den, der des 
Menschen Stellung im Weltenall geisteswissenschaftlich erkennt, eben 
noch viel tiefere Griinde, einzusehen, dafi der soziale Organismus ein 
dreigliedriger sein mufi, dafi gewissermafien der Mensch verkiimmern 
mufi - wie er im neuzeitlichen Leben in einer gewissen Weise verkiim- 
mert ist, was dann zu der furchtbaren Katastrophe der letzten vier 
Jahre gefiihrt hat -, wenn alles zentralisiert ist, wenn alles nur bezogen 



wird auf ein chaotisches, anarchisch durcheinander gewiirfeltes aufie- 
res soziales Leben. So das Menschenleben auffassen, sich auf diese Weise 
bewufit werden, dafi jedes Gesamtmenschheitliche so drinnensteht in der 
allgemeinen Menschheit und in der Welt iiberhaupt, das ist, was aus 
der Vertiefung in die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse dem Men- 
schen nach und nach werden soli. Das ist dasjenige, was zugleich die 
richtige Christus-Erkenntnis fiir unsere Zeit und fur die nachste Zu- 
kunft ist. Das ist gewissermafien, was uns geoffenbart wird, wenn wir 
heute den Christus horen wollen. Er selber hat gesagt - ich habe das 
oft betont -: «Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Erdenzeiten.» 
Das heilk, er hat nicht nur gesprochen in den Zeiten, in denen er auf 
der Erde gewandelt ist, sondern er spricht welter, und wir sollen ihn 
weiter horen. Wir sollen nicht nur die Evangelien lesen wollen, die 
wir allerdings immer wieder lesen sollen, sondern wir sollen das horen, 
was er in lebendiger Art durch sein fortdauerndes Bei-uns-Sein zu 
offenbaren hat. In diesem Zeitalter hat er uns zu offenbaren: Andert 
den Sinn - wie sein Vorlaufer, der Taufer Johannes, gesagt hat -, 
andert auf s neue den Sinn, der euch erbf f net die Anschauung eurer drei- 
fachen Menschheit, die da fordert, daft auch dasjenige, in dem ihr drin- 
nen lebt als im irdischen Dasein, eine dreifache Gliederung braucht. 

Man sagt mit Recht: Der Christus ist fiir die Gesamtmenschheit 
gestorben und auferstanden, das Mysterium von Golgatha ist ein ge- 
meinsames Menschheitsereignis. - Es wird einem dies besonders in der 
heutigen Zeit bewufit, wo Volker gegen Volker aufgestanden sind und 
im wilden Kampf gegeneinander gewiitet haben, wo jetzt doch wieder, 
nachdem die Ereignisse in eine Krisis eingetreten sind, nicht Besonnen- 
heit, nicht das Bewufitsein der Menschengemeinsamkeit, sondern an- 
stelle dessen vielfach ein wilder Siegestaumel herrscht! Verkenne man 
das nicht. All dasjenige, was wir erlebt haben in den letzten vierein- 
halb Jahren, was wir jetzt erleben, was wir noch erleben werden, zeigt 
dem Tieferblickenden, dafi die Menschheit mit Bezug auf das Christus- 
Bewulksein in eine Art von Krisis eingetreten ist. In eine Krisis ist 
die Menschheit eingetreten in bezug auf das Christus-Bewufksein da- 
durch, dafi der rechte Gemeinschaf tssinn, der rechte Zusammenhang der 
Menschen untereinander abhanden gekommen ist. Und gar notwendig 



haben die Menschen, dafi sie sich besinnen: Wie konnen wir in rechter 
Weise den Christus-Impuls wiederfinden? 

Dafi man ihn nicht immer wiederfindet, kann ein'e einfache Tat- 
sache lehren. Bevor der Christus-Impuls durch das Mysterium von 
Golgatha in die Erdenentwickelung hereingewirkt hatte, betrachtete 
sich dasjenige Volk, aus dem gerade der Christus Jesus herausgeboren 
ist, als das auserwahlte Volk, und es glaubte dieses auserwahlte Volk, 
dafi die Erde nur glucklich werden konne, wenn alles iibrige abstirbt, 
und nur die Glieder dieses Volkes die ganze Erde erfullen wiirden. 
Das war in gewissem Sinn ein fester Glaube, weil der Gott Jahve dieses 
Volk auserwahlt hatte als sein Volk und weil der Gott Jahve als der 
Einheitsgott angesehen worden ist. Das war fur die Zeit, bevor das 
Mysterium von Golgatha auf die Erde gekommen ist, aus dem Grunde 
eine berechtigte Anschauung des alten hebraischen Volkes, weil gerade 
aus diesem alten hebraischen Volke der Christus Jesus hervorgehen 
sollte. Aber mit der Erscheinung des Mysteriums von Golgatha auf 
Erden hatte dieses Bewufitsein aufhoren sollen. Nachher war dieses 
Bewufitsein antiquiert, nachher hatte an die Stelle des Jehovabewufit- 
seins das Christus-Bewufitsein treten miissen, welches ebensosehr vom 
Menschen spricht, wie das Jahvevolk von den Angehorigen nur eines 
Volkes gesprochen hat. Es ist das tragische Geschick des jiidischen 
Volkes, dafi es nicht erkannt hat, dafi die Sache so liegt. Aber heute 
erleben wir vielfach einen Riickfall. Heute erleben wir den Riickfall, 
dafi die Volker langsam - wenn sie das auch anders ansehen, anders 
benennen -, alle eine Art Jahve, aber einen Spezial- Jahve, ihren Volks- 
gott, anbeten wollen. 

Gewifi man spricht nicht in religiosen Formeln wie friiher, aber 
man spricht sozusagen in neuzeitlicher Denkweise. Denkweise oder 
Denkgewohnheit scheint mir ein gutes Wort zu sein. Die Leute haben 
sich jetzt ein anderes Wort angewohnt. Man konnte auch die Kon- 
zession machen, um besser verstanden zu werden, diese Mode fur eine 
Zeitlang mitzumachen, und statt der Worte Denkgewohnheit oder 
Denkweise, die in unserem Kreise von mir immer gebraucht worden 
sind, heute in der Dffentlichkeit «Mentalitat» zu sagen. Aus der heu- 
tigen Mentalitat heraus also macht sich geltend: Jedes Volk mochte 



gewissermafien seinen besonderen Volksgott installieren, mochte nur 
im Sinne dieses Volkes da sein. - Das hat gerade dazu gefiihrt, daft 
Volk gegen Volk so wiitet. Wir erleben einen Riickfall in die Jahve- 
religion, nur dafi die Jahvereligion spezialisiert in viele Jahvereligio- 
nen auseinanderfallt. Es ist wirklich heute alttestamentlicher Riickfall 
vorhanden, Atavismus, Riickfall in das Alte Testament! Die Mensch- 
heit will sich geradezu iiber die ganze Erde in einzelne Glieder speziali- 
sieren, gegen den Christus Jesus, der fur die ganze Menschheit gewest 
und gelebt hat. Die Menschheit will sich im Sinne der Volksgotter in- 
stallieren, jahvemafiig installieren. Das war vor dem Mysterium von 
Golgatha gerechtfertigt, ist jetzt ein Riickfall. Das raufi man nur rich- 
tig verstehen: Nationale Installierung ist heute ein Riickfall ins Alte 
Testament. Dieser Riickfall ins Alte Testament ist das, was schwere 
Priifungen der modernen Menschheit auferlegen wird, und gegen das 
es nur das eine Heilmittel gibt: dem Christus auf geistigem Wege wie- 
derum nahezukommen. 

Dadurch entsteht fur den, der sich geisteswissenschaftlich interes- 
siert, ganz besonders die Frage: Wie finden wir in dieser unserer Zeit 
aus unserem eigenen Herzen heraus, aus dem eigensten Impulse unserer 
Gegenwartsseelen heraus den Christus Jesus? Da£ diese Frage sehr 
ernst ist - ich habe auch schon in diesem Zweige von anderen Gesichts- 
punkten aus ofter dariiber gesprochen -, konnen Sie daraus entnehmen, 
dafi gerade viele der offiziellen Trager des Christentums den Christus 
eigentlich doch verloren haben. Es gibt heute vielgenannte Pfarrer, 
Pastoren und so weiter, die sprechen von dem Christus. Sie sprechen 
davon, dafi der Mensch durch eine gewisse innere Vertiefung, durch 
ein gewisses inneres Erleben einen Zusammenhang mit dem Christus 
gewinnen kann. Geht man naher dem nach, was diese Leute mit dem 
Christus meinen, da findet man, dafi kein Unterschied besteht zwischen 
diesem Christus und dem Gott im allgemeinen, dem, was man den Va- 
tergott nennt auch im Sinne des Evangeliums. Nicht wahr, ein be- 
riihmter Theologe zum Beispiel ist Harnack. Auch hier in der Schweiz 
eifern ihm viele nach. Harnack hat sogar ein Buchelchen «Das Wesen 
des Christentums » erscheinen lassen. Er spricht da viel von dem Chri- 
stus. Aber was er iiber den Christus sagt, warum soil denn das iiber- 



haupt auf den Christus bezogen werden? Es ist gar kein Grund, das 
auf den Christus zu beziehen! Das kann ebensogut auf den Jahvegott 
bezogen werden. Daher ist das ganze Buch vom «Wesen des Christen- 
tums» innerlich eine Unwahrheit. Es wird zu einer Wahrheit erst, 
wenn man es hebraisiert, wenn man es ubersetzt so, daft iiberall da, 
wo in den Satzen «der Christus» steht, «Jahve» hingeschrieben wird. 
Damit spreche ich eine Wahrheit aus, von der die Leute in der Gegen- 
wart kaum eine Ahnung haben, daft sie eine Wahrheit ist. Von un- 
zahligen Kanzeln der Welt wird iiber den Christus gesprochen, und 
die Menschen glauben, daft mit Recht da iiber den Christus gesprochen 
wird, weil eben das Wort Christus dann gehort wird. Die Menschen 
iiberlegen sich nicht: Streiche ich von dem, was der Pastor sagt, das 
Wort «Christus» aus und setze «Jahve» dafur, dann erst paftt es! - 
Sehen Sie, mit den tiefsten Schaden unserer Zeit hangt eine gewisse 
Unwahrheit zusammen. Glauben Sie nicht, daft in dem Augenblicke, 
wo ich das ausspreche, ich irgend jemanden treffen will, so daft ich ihn 
beschuldige oder ihn kritisiere. Das ist gar nicht der Fall. Ich will nur 
eine Tatsache aussprechen. Denn diejenigen Menschen, die oftmals in 
der tiefsten inneren Unwahrheit, man kann schon sagen, inneren Luge 
sind, die wissen das nicht, sind durchaus in ihrer Art guten Wollens. 
Die Menschheit hat es heute schwer, zur Wahrheit zu kommen, weil sich 
gerade dasjenige, was ich hier als eine innere Unwahrheit bezeichnet 
habe, traditionell ungemein stark festgelegt hat. Und von dieser inne- 
ren Unwahrheit, die namentlich mit Bezug auf solche Dinge in uner- 
meftlich groftem Kreis herrscht, strahlt jene andere Unwahrheit aus, 
die heute die verschiedensten Zweige des Lebens ergriffen hat, so daft 
man auf mancherlei Zweigen des Lebens die Frage schon einmal auf- 
stellen kann: Was ist denn eigentlich noch wahr geblieben? Wo ist 
denn noch wirkliche Wahrheit? - Deshalb riickt,ganz besonders an den 
geisteswissenschaftlich Strebenden, ernst die Frage heran: Wie finde 
ich den wahren Weg, der zu Christus fiihrt, zu diesem besonderen 
gottlichen Wesen, das mit Recht als der Christus bezeichnet wird? - 
Wenn wir bloft geboren werden und von der Geburt bis zum Tode hier 
auf Erden mit einem Seelenleben leben, das sich nun einmal nach der ge- 
brauchlichen Anlage und Entwickelung der Anlagen zwischen Geburt 



und Tod ergibt, dann haben wir namlich gar keine Veranlassung, zu 
dem Christus zu kommen. Dann mag in uns noch so viel Geistiges vor- 
gehen, wir haben keine Veranlassung zu dem Christus zu kommen. 
Wenn wir uns gewissermafien, ohne dafi wir etwas Gewisses tun, was 
ich gleich bezeichnen werde, einfach zwischen Geburt und Tod ent- 
wickeln, wie das die meisten Menschen heute tun, dann bleiben wir 
dem Christus fern. - Wie aber kommen wir zu dem Christus? Die In- 
itiative, wenn auch die manchmal aus dem Unterbewufiten oder aus 
dem dunklen Gefiihl heraus kommende Initiative, den Weg zum Chri- 
stus einzuschlagen, muft aus uns selbst kommen. Zu dem Gott, der 
auch identisch ist mit dem Gott Jahve, kann man kommen, wenn man 
einfach gesund lebt. Den Jahve nicht zu finden, ist blofi eine Art von 
Krankheit des Menschen. Gottesleugner, Atheist sein, bedeutet in einer 
gewissen Weise krank sein. Ist man iiberhaupt vollstandig gesund nor- 
mal entwickelt, so ist man nicht Gottesleugner, weil es lacherlich ist, 
zu glauben, dafi dasjenige, was wir als unseren gesunden Organismus 
an uns tragen, nicht gottlichen Ursprungs sein konnte. Das Ex deo 
nascimur ist etwas, was im sozialen Leben dem gesund entwickelten 
Menschen sich von selbst ergibt. Denn erkennt er das nicht an: Aus 
dem Gottlichen bin ich geboren - so mull er irgendwie einen Defekt 
haben, der sich eben in der Weise ausdriickt, dafi er Atheist wird. Aber 
da kommen wir zu dem Gottlichen im allgemeinen, das aus einer inne- 
ren Luge heraus moderne Pastoren Christus nennen, das aber nicht der 
Christus ist. Zu dem Christus kommen wir nur - und ich spreche hier 
mit Bezug auf unsere unmittelbare Gegenwart -, wenn wir noch weiter- 
gehen, als das gewohnlich naturgemafi Gesunde anzuerkennen. Denn wir 
wissen, dafi das Mysterium von Golgatha deshalb auf die Erde gekom- 
men ist, weil fernerhin der Mensch nicht das Menschenwiirdige ohne 
dieses Mysterium von Golgatha, das heifit, ohne den Christus-Impuls 
hatte finden konnen. Und so miissen wir gewissermafien unseren Men- 
schen zwischen Geburt und Tod nicht nur finden, sondern wir miis- 
sen ihn wiederfinden, wenn wir Christen sein wollen im rechten Sinne, 
wenn wir dem Christus nahekommen wollen. Wir miissen ihn in der 
folgenden Weise wiederfinden, diesen unseren Menschen. Wir miissen 
die innere Ehrlichkeit suchen, miissen uns auf raf fen zu der inneren Ehr- 



lichkeit, uns zu sagen: Wir werden mit Bezug auf unsere Gedankenwelt 
nach dem Mysterium von Golgatha nicht vorurteilslos geboren, wir 
werden alle mit gewissen Vorurteilen geboren. 

In dem Augenblicke, wenn man in Rousseauscher oder in anderer 
Weise den Menschen von vornherein fur vollkommen halt, kann man 
iiberhaupt nicht den Christus finden, sondern nur wenn man weifi, 
dafi der Mensch in gewisser Weise als ein nach dem Mysterium von 
Golgatha Lebender einen Defekt hat, den er durch seine eigene Tatig- 
keit im Leben hier ausgleichen mufi. Ich bin als ein vorurteilsvoller 
Mensch geboren und mufi mir die Gedankenvorurteilslosigkeit im Le- 
ben erst erwerben. Und wodurch kann ich sie hier erwerben? Einzig 
und allein dadurch, dafi ich nicht nur Interesse entwickele fur das- 
jenige, was ich selber denke, was ich selber fur richtig halte, sondern 
dafi ich selbstloses Interesse entwickele fur alles, was Menschen meinen 
und was an mich herantritt, und wenn ich es noch so sehr fiir Irrtum 
halte. Je mehr der Mensch auf seine eigenen eigensinnigen Meinungen 
pocht und sich nur fiir diese interessiert, desto mehr entfernt er sich in 
diesem Augenblicke der Weitentwickelung von dem Christus. Je mehr 
der Mensch soziales Interesse entwickelt fiir des anderen Menschen 
Meinungen, auch wenn er sie fiir Irrtiimer halt, je mehr der Mensch 
seine eigenen Gedanken beleuchtet durch die Meinungen der anderen, 
je mehr er hinstellt neben seine eigenen Gedanken, die er vielleicht fiir 
Wahrheit halt, jene, welche andere entwickeln, die er fiir Irrtiimer 
halt, aber sich dennoch dafiir interessiert, desto mehr erfiihlt er im 
Innersten seiner Seele ein Christus-Wort, das heute im Sinne der neuen 
Christus-Sprache gedeutet werden mufi. Der Christus hat gesagt: «Was 
ihr einem der geringsten meiner B ruder tut, das habt ihr mir getan.» 
Der Christus hort nicht auf, immer wieder und wieder sich den Men- 
schen zu offenbaren, bis ans Ende der Erdentage. Und so spricht er 
heute zu denjenigen, die ihn horen wolien: Was einer der geringsten 
eurer Briider denkt, das habt ihr so anzusehen, dafi ich in ihm denke, 
und dafi ich mit euch fiihle, indem ihr des anderen Gedanken an euren 
Gedanken abmesset, soziales Interesse habt fiir dasjenige, was in der 
anderen Seele vorgeht. Was ihr findet als Meinung, als Lebensan- 
schauung in einem der geringsten eurer Briider, darin suchet ihr mich 



selber. - So spricht in wiser Gedankenleben hinein der Christus, der 
sich gerade auf eine neue Weise - wir nahern uns der Zeit - den Men- 
schen des 20. Jahrhunderts offenbaren will. Nicht dadurch, daft man 
in Harnackscher Weise spricht von dem Gotte, der auch der Jahvegott 
sein kann und es in Wirklichkeit ist, sondern dadurch, daft man weift, 
Christus ist der Gott fur alle Menschen. Wir finden ihn aber nicht, 
wenn wir egoistisch in uns bleiben mit unseren Gedanken, sondern nur, 
wenn wir unsere Gedanken messen mit den Gedanken der anderen 
Menschen, wenn wir unser Interesse erweitern in innerer Toleranz fur 
alles Menschliche, wenn wir uns sagen: Durch die Geburt bin ich ein 
vorurteilsvoller Mensch, durch meine Wiedergeburt aus den Gedanken 
aller Menschen heraus in einem umfassenden sozialen Gedankenge- 
fiihl werde ich denjenigen Impuls in mir finden, der der Christus-Im- 
puls ist. Wenn ich mich nicht, als den Quell alles dessen, was ich denke, 
nur selbst betrachte, sondern wenn ich mich als ein Glied der Mensch- 
heit bis in das Innerste meinerSeele hinein betrachte, dann ist ein Wegzu 
dem Christus gefunden. - Das ist der Weg, der heute als der Gedanken- 
weg zu dem Christus bezeichnet werden mui Ernste Selbsterziehung 
dadurch, daft wir uns einen Sinn fur das Rechnen auf die Gedanken 
der anderen aneignen, daft wir dasjenige korrigieren, was wir als un- 
sere eigene Richtung von selbst in uns tragen, an Unterhaltungen mit 
den anderen, es mufi das eine ernste Lebensaufgabe werden. Denn 
wurde unter den Menschen diese Lebensaufgabe nicht Platz greifen, 
so wiirden die Menschen den Weg zu dem Christus verlieren. Das ist 
der Weg der Gedanken heute. 

Und der andere Weg geht durch das Wollen. Auch da haben die 
Menschen sich sehr auf den Abweg begeben, der nicht zu dem Christus 
hinfuhrt, der von dem Christus wegfiihrt. Und wiederfinden miissen 
wir auf diesem anderen Gebiete den Weg zu dem Christus. Die Jugend 
hat von selbst noch etwas Idealismus, aber die heutige Menschheit ist 
trocken und niichtern. Und die heutige Menschheit ist hochmiitig auf 
dasjenige, was man oftmals Praxis nennt, was aber nur ein gewisser 
enger Sinn ist. Die heutige Menschheit halt nichts von Idealen, die 
aus dem Quell des Geistigen herausgeholt sind. Die Jugend hat sie noch, 
diese Ideale. In keiner Zeit war das Leben der Alten so sehr verschie- 



den von dem Leben der Jugend, wie das heute ist. Nichtverstehen des 
Menschen ist iiberhaupt dasjenige, was unserer heutigen Zeit eignet. 

Ich habe gestern hingewiesen auf die tiefe Kluft, welche zwischen 
Proletariat und Biirgertum herrscht. Auch das Alter und die Jugend - 
wie schlecht verstehen sie sich heute! Das ist dasjenige, was wir auch 
sehr, sehr beriicksichtigen sollen. Versuchen wir, die Jugend mit Bezug 
auf ihren Idealismus zu verstehen. Sehr schon, aber man will ihn 
heute der Jugend austreiben. Man will ihn dadurch heute austreiben, 
dafi man der Jugend eine gewisse Phantasieerziehung, Phantasiebil- 
dung durch das Marchen, durch die Legende, durch alles dasjenige, 
was von dem trockenen aufieren Sinnlichen hinwegfuhrt, entzieht. 
Dennoch wird es sogar schwierig sein, der Jugend dasjenige auszutrei- 
ben, was jugendlicher, natiirlicher, elementarer Idealismus ist. Aber 
was ist das? Schon ist es, grofi ist es, aber es darf nicht das Alleinige 
im Menschen sein. Denn dieser jugendliche Idealismus ist doch nur der 
Idealismus des Ex deo nascimur, des Gottlichen, das auch mit dem 
Jahvegottlichen identisch ist, das aber nicht allein bleiben darf, nach- 
dem das Mysterium von Golgatha iiber die Erde hingegangen ist. Es 
mufi daneben noch etwas anderes geben, es mu$ eine Erziehung, eine 
Selbsterziehung zum Idealismus geben. Neben dem angeborenen Idea- 
lismus der Jugend mufi darauf gesehen werden, dafi in der mensch- 
lichen Gemeinschaft etwas erworben wird, was eben erworbener Idea- 
lismus ist, was nicht blolS Idealismus aus Blut und Jugendfeuer her- 
aus ist, sondern was anerzogen ist, was man sich selbst erst aus irgend- 
einer Initiative erwirbt. Anerzogener, namentlich selbstanerzogener 
Idealismus, der auch dann nicht verlorengehen kann mit der Jugend, 
das ist etwas, was den Weg zu dem Christus eroffnet, weil es wieder 
etwas ist, was im Leben zwischen Geburt und Tod eben erworben 
wird. Fuhlen Sie den grofien Unterschied zwischen Blutidealismus und 
dem anerzogenen, dem erworbenen Idealismus. Fuhlen Sie den grofien 
Unterschied zwischen Jugendfeuer und demjenigen Feuer, das aus dem 
Ergreifen des Geisteslebens kommt und immer von neuem und neuem 
entfacht werden kann, weil wir es in unserer Seele, unabhangig von 
unserer leiblichen Entwickelung, uns angeeignet haben, dann haben Sie 
ergriffen den zweiten Idealismus, welcher der erworbene Idealismus ist, 



der Idealismus der Wiedergeburt, nicht der des Angeborenseins. Das ist 
der Willensweg zu dem Christus. Der andere ist der Gedankenweg. Fra- 
gen Sie heute nicht nach abstrakten Wegen zu dem Christus, fragen Sie 
nach diesen konkreten Wegen. Fragen Sie, wie der Gedankenweg ist, der 
darin besteht, daft wir innerlich tolerant werden fiir Meinungen der Ge- 
samtmenschheit, dafi wir soziales Interesse fiir die Gedanken der an- 
deren Menschen gewinnen. Fragen Sie, wie der Willensweg ist, so werden 
Sie nicht irgend etwas Abstraktes finden, sondern die Notwendigkeit, 
einen Idealismus sich anzuerziehen. Dann aber, wenn Sie sich diesen 
Idealismus anerziehen, oder wenn Sie ihn der Jugend, der aufwachsen- 
den Jugend anerziehen, was insbesondere notwendig ist, dann finden Sie 
in dem, was da als Idealismus heranerzogen wird, daft in dem Men- 
schen der Sinn erwacht, nicht nur dasjenige zu tun, wozu die aufiere 
Welt stofit. Sondern aus diesem Idealismus heraus quellen die Impulse, 
mehr zu tun, als wozu die Sinneswelt stoftt, quillt der Sinn auf, aus 
dem Geiste heraus zu handeln. In dem, was wir aus anerzogenem 
Idealismus tun, verwirklichen wir dasjenige, was der Christus wollte, 
der nicht deshalb aus aufierirdischen Welten auf die Erde herabgekom- 
men ist, um blofi irdische Ziele hier zu verwirklichen, sondern aus der 
aufierirdischen in die irdische Welt herabgekommen ist, um Oberirdi- 
sches zu verwirklichen. Wir wachsen aber nur mit ihm zusammen, 
wenn wir uns Idealismus anerziehen, so dajS Christus, der iiberirdisch 
im Irdischen ist, in uns wirken kann. Nur im anerzogenen Idealismus 
verwirklicht sich das, was das Paulinische Wort iiber den Christus sa- 
gen will: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Wer nicht versuchen 
will, den in innerer moralischer Wiedergeburt anerzogenen Idealis- 
mus zu entwickeln, der kann nichts anderes sagen als: Nicht ich, son- 
dern der Jahve in mir. - Wer aber denjenigen Idealismus eben erwirbt, 
der anerzogen werden mufi, der erworben werden mufi, der kann sagen: 
« Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Das sind die zwei Wege, durch 
die wir den Christus wirklich finden. Wandeln wir sie, dann werden 
wir nicht mehr so sprechen, dafi unser Sprechen eine innere Luge 
ist. Dann werden wir von dem Christus sprechen als dem Gotte un- 
serer inneren Wiedergeburt, wahrend der Jahve der Gott unserer Ge- 
burt ist. 



Dieser Unterschied mufi gefunden werden von dem neueren Men- 
schen, denn dieser Unterschied allein ist zugleich das, was uns zu wah- 
ren sozialen Gefiihlen, zu wahren sozialen Interessen bringt. Wer an- 
erzogenen Idealismus in sich entwickelt, der hat auch Liebe fur die 
Menschen. Predigen Sie, wieviel Sie wollen von den Kanzeln, die Men- 
schen sollen sich lieben. Sie reden wie zum Ofen. Wenn Sie ihm gut 
zureden, er wird doch nicht das Zimmer heizen, er wird das Zimmer 
heizen, wenn Sie Kohle hinein tun. Sie brauchen ihm dann gar nicht 
zuzureden, dafi es seine Ofenpflicht ist, das Zimmer zu warmen. So 
konnen Sie der Menschheit immer predigen: Liebe und Liebe und Liebe. 
Das ist erne blofie Rederei, das ist ein blofies Wort. Arbeiten Sie dahin, 
daft die Menschen in bezug auf den Idealismus eine Wiedergeburt er- 
leben, dafi sie neben dem Blutidealismus einen seelisch anerzogenen 
Idealismus haben, der durchhalt durch das Leben, dann heizen Sie auch 
in der Seele des Menschen Menschenliebe. Denn so viel Sie an Idealis- 
mus sich selber anerziehen, so viel fiihrt Sie Ihre Seele von Ihrem Ego- 
ismus hinaus zu einem selbstandigen Gefiihlsinteresse fur die anderen 
Menschen. Eines werden Sie allerdings erleben, wenn Sie diesen zwei- 
fachen Weg gehen, den Gedankenweg und den Willensweg, den ich 
mit Bezug auf die Erneuerung des Christentums Ihnen angedeutet habe. 
Aus den innerlich toleranten und sich fiir andere Gedanken interes- 
sierenden eigenen Gedanken heraus und aus dem wiedergeborenen 
Willen, in anerzogenem Idealismus wiedergeborenen Willen, da ent- 
wickelt sich etwas, das nicht anders bezeichnet werden kann als ein fiir 
alle Dinge, die man tut und denkt, erhohtes Verantwortlichkeitsgefiihl. 
Der Mensch, der Neigung hat, hinzusehen auf die Entwickelung seiner 
Seele, wird, wenn er die beiden Wege geht, in sich fiihlen — anders als 
im gewohnlichen Leben, das nicht diese Wege geht - das erhohte, ver- 
feinert sich aufiernde innere Verantwortlichkeitsgefiihl gegeniiber den 
Dingen, die man denkt, die man tut. Stolk so das Verantwortlichkeits- 
gefiihl auf, dafi man sich sagt: Kann ich denn das auch rechtfertigen, 
nicht blofi fiir den nachsten Kreis meines Lebens und der unmittelba- 
ren Umgebung, kann ich es denn rechtfertigen, indem ich mich weifi 
angehorig einer iibersinnlich-geistigen Welt? Kann ich es denn recht- 
fertigen, indem ich weifi, dafi alles das, was ich hier auf Erden tue, 



eingeschrieben wird in eine Akasha-Chronik ewiger Bedeutung, wo es 
weiter wirkt? - Oh, das fuhlt man stark, diese iibersinnliche Verant- 
wortlichkeit gegeniiber allem! Das ist etwas, das wie ein Mahner an 
einen herantritt, wenn man den zweifachen Christus-Weg sucht, wie 
ein Wesen, das hinter einem stent, einem iiber die Schulter blickt, einem 
immer sagt: Du bist nicht nur vor der Welt, du bist vor dem Gottlich- 
Geistigen verantwortlich fiir das, was du denkst und tust. 

Aber dieses Wesen, das uns so iiber die Schulter blickt, unser Ver- 
antwortlichkeitsgefuhl erhoht, verf einert, auf ganz andereWege bringt, 
als es vorher war, ist doch dasjenige, welches uns erst recht nahe hin- 
fiihrt zu dem Christus, der durch das Mysterium von Golgatha ge- 
gangen ist. Von diesem Christus- Wege, wie er gefunden wird und wie 
er sich in dem zuletzt charakterisierten Wesen zeigt, wollte ich Ihnen 
heute sprechen. Denn dieser Christus-Weg hangt innig zusammen ge- 
rade mit den tiefsten sozialen Impulsen und Aufgaben unserer Zeit. 

Das wollte ich Ihnen bei diesem unserem Zusammensein nahe- 
bringen. 



VIERTER VORTRAG 
Zurich, 9. Marz 1919 



Es ist wirklich recht bedeutungsvoll, in welcher Weise heute einige 
derjenigen Menschen iiber die gegenwartige Menschenlage zu sprechen 
sich gedrangt fuhlen, die mit ihren Gefiihlen und Empfindungen we- 
nigstens versuchen zu durchschauen, wie gegenwartig die sozialen Dinge 
in der Welt stehen. Mit Bezug auf dieses Bedeutungsvolle mochte ich 
heute ausgehen von einigen Satzen in der Rede, die kurz vor seinem 
Tode Kurt Eisner in einer Versammlung von Basler Studenten ge- 
halten hat. Vielleicht kennen einige von Ihnen diese Satze schon, aber 
sie sind aufierordentlich bedeutungsvoll, wenn man gewisse Dinge heute 
symptomatisch ins Auge fassen will. «H6re ich nicht», sagt er, auf 
friiher Ausgesprochenes anspielend, «oder sehe ich doch klar, dafi tief 
in unserem Leben jene Sehnsucht lebt und nach Leben drangt, die 
erkennt, dafi unser Leben, wie wir's heute leben miissen, doch nur die 
deutliche Erfindung irgendeines bosen Geistes ist. Stellen Sie sich einen 
grofien Denker vor, der nichts von unserer Zeit wiifite und der unge- 
fahr vor zweitausend Jahren gelebt und getraumt hatte, wie etwa in 
zweitausend Jahren die Welt aussehen wiirde, er hatte nicht mit blii- 
hendster Phantasie wohl eine Welt sich ausdenken konnen wie die, in 
der wir zu leben verurteilt sind. Das Bestehende ist doch in Wahrheit 
die einzige Utopie in der Welt, und das, was wir wollen, was als Sehn- 
sucht in unserem Geiste lebt, ist die tiefste und letzte Wirklichkeit, und 
alles andere ist schauderbar. Wir verwechseln nur Traum und Wachen. 
Diesen alten Traum unseres heutigen sozialen Daseins abzuschiitteln, 
ist unsere Aufgabe. Ein Blick in den Krieg: Lafit sich eine menschliche 
Vernunft denken, die dergleichen ersinnen konnte? Wenn dieser Krieg 
nicht das gewesen ist, was man wirklich nennt, so haben wir vielleicht 
getraumt, und wir wachen nun.» Also denken Sie, dieser Mann hatte 
notig, um den Versuch zu machen, die Gegenwart zu verstehen, zu dem 
Begriff des Traumes seine Zuflucht zu nehmen, sich die Frage vorzu- 
legen: Kann man denn dasjenige, was uns jetzt wirklich umgibt, nicht 
viel mehr einen bosen Traum nennen als eine wahre Wirklichkeit? 



Es tritt der merkwiirdige Fall ein - bedenken Sie nur das ganz 
Charakteristische dieses Falles — daft ein ganz moderner Mensch, ein 
Mensch, der sich selbst als Herold einer neuen Zeit fuhlt, nicht im allge- 
meinen die aufiere sinnliche Wirklichkeit als eine Maja, als einen Traum, 
ansieht - wie etwa die indische Weltanschauung das tut sondern dafi 
ein solcher moderner Geist sich gezwungen fuhlt, durch die besonderen 
Ereignisse der Gegenwart, die Frage, in welchem Sinne es auch sein 
mag, aber immerhin die Frage aufzuwerfen, ob nicht diese Wirklich- 
keit eigentlich getraumt sei! Man mufi doch aus dem ganzen Zusam- 
menhang der Rede Eisners entnehmen, dafi er mehr als eine blofte 
Phrase sagen wollte, als er den Satz aussprach, dafi diese gegenwartige 
Wirklichkeit nichts anderes sein kann als etwas, was iiber die Mensch- 
heit gebracht worden ist durch einen bosen Geist. 

Nun, nehmen wir mancherlei von dem, was im Verlauf unserer 
anthroposophischen Bemiihungen durch unsere Seele gezogen ist, neh- 
men wir vor alien Dingen die Tatsache, dafi wir im allgemeinen den 
Versuch machen, die aufiere sinnliche Wirklichkeit nicht als die ganze 
Wirklichkeit anzusehen, und dieser aufieren sinnlichen Wirklichkeit 
gegeniiberzustellen die iibersinnliche, die erst diese sinnliche Wirklich- 
keit zur wahren, zur vollkommenen Wirklichkeit abschliefit. Aber be- 
denken wir gegeniiber dieser Anschauung, die eigentlich nur ein kleines 
Funklein in den Gedankenstromungen des gegenwartigen Zeitalters ist, 
wahrend materialistisches Denken dieses gegenwartige Zeitalter in wei- 
tem Umfange ausfullt, dafi auf der anderen Seite gerade solch ein 
Mann wie Kurt Eisner - der von seinem Standpunkte aus ganz gewifi 
nichts halt, wenigstens in seinem physischen Leben nichts von diesem 
kleinen Funklein gehalten hat wie gebandigt durch die Tatsachen 
der Gegenwart zu keinem anderen Vergleich greifen kann als zu dem, 
die aufiere Wirklichkeit, wie sie wenigstens gegenwartig vorliegt, sei 
ein Traum. Also wenigstens der gegenwartigen Wirklichkeit gegemiber 
mufi solch ein Mann ein Gestandnis ablegen, das sich nur ausdriicken 
lafit durch einen Vergleich mit der allgemeinen Wahrheit von dem 
Majacharakter, von dem Charakter der Unwirklichkeit der blofi aufie- 
ren, sinnlichen Wirklichkeit. 

Wollen wir einmal manches von dem, was durch unsere Betrach- 



tungen auch der sozialen Frage in den letzten Wochen durch unsere 
Seele gezogen ist, nun auch etwas defer betrachten. Wollen wir doch 
unser Augenmerk darauf richten, wie die Entwickelung der letzten 
Jahrhunderte sich so gestaltet hat, dafi die Menschen immer mehr und 
mehr zum Ableugnen der eigentlichen geistigen oder iibersinnlichen 
Welt gekommen sind, dafi sie in weitestem Umfange sich, man mochte 
sagen, gewissermafien einsetzen fur dieses Ableugnen der iibersinnlichen 
Welt. Gewifi, es wird von gewissen Seiten aus - das werden Sie ein- 
wenden konnen - noch viel iiber die iibersinnliche Welt gesprochen. Die 
Kirchen sind noch immer reichlich, wenn vielleicht auch nicht gefullt, 
so doch wenigstens von Worten, die vom Geiste kiinden sollen, durch- 
hallt. Schliefilich konnte man heute und auch gestern abend fast die 
ganze Zeit iiber auch hier die Glocken lauten horen, die auch ein Aus- 
druck sein sollen fur dasjenige, was sich als Geistesleben in der Welt gel- 
tend macht. Aber daneben erleben wir doch auch etwas anderes. Wir er- 
leben, dafi, wenn heute in der unmittelbaren Gegenwart der Versuch 
gemacht wird, auf den Christus hinzuhoren, was Er fur die Gegenwart 
sagt, dann sich gerade die Bekenner der alten Religionsgemeinschaften 
am allerheftigsten gegen ein solches Wort des Geistes wenden. Wirk- 
liches Geistesleben, nicht blofi ein solches, das auf den Glauben einer 
alten Tradition geht, sondern das auf die unmittelbare Geistespro- 
duktion der Gegenwart geht, wollen doch heute recht, recht wenige 
Menschen. 

Ist es demgegeniiber nicht eigentlich doch so, als wenn vielleicht nicht 
von einem bosen Weltengeiste, aber von einem guten Weltengeiste aus 
diese moderne Menschheit gezwungen werden sollte, an die Geistigkeit 
des Daseins dadurch wiederum zu denken, daft einmal iiber diese mo- 
derne Menschheit eine solche aufiere sinnliche Wirklichkeit verhangt 
worden ist, von der ein so moderner Geist sagen mufi, sie nahme sich aus 
wie ein Traum, und selbst ein grofier Denker vor zweitausend Jahren 
hatte nicht auszudenken vermocht dasjenige, was heute eine scheinbare 
aufiere Wirklichkeit geworden ist? 

Jedenfalls zwingt ein solches Bekenntnis eines modernen Geistes 
dazu, noch andere Vorstellungen iiber die Wirklichkeit sich zu bilden, 
als heute gangbar sind. Ich weifi, dafi eine grofte Anzahl unserer anthro- 



posophischen Freunde gerade diese Vorstellungen von der wahren 
Wirklichkeit, auf die ich heute als wichtige hingewiesen habe, etwas 
schwer gefunden hat. Aber man kommt heute nicht aus mit dem Le- 
ben, wenn man nicht den guten Willen hat, sich zu solchen schweren 
Vorstellungen zu wenden. Wie denken denn auf einem gewissen Ge- 
biete heute die Leute? Sie bekommen emen Kristall in die Hand: das ist 
ein wirklicher Gegenstand. Sie bekommen eine Rose in die Hand, die 
vom Rosenstock abgepfliickt ist, und sie sagen auch, das ist ein wirk- 
licher Gegenstand. Beides nennen sie in gleichem Sinne einen wirk- 
lichen Gegenstand. Aber sind beide Gegenstande in gleichem Sinne 
wirklich? Die Naturforscher auf alien Lehrkanzeln und in alien Labo- 
ratorien und Kliniken reden so iiber die Wirklichkeit, indem sie nur 
dasjenige wirklich nennen, was in gleichem Sinne wirklich ist wie der 
Kristall und wie die Rose, die vom Rosenstock abgepfliickt ist. Aber 
ist denn nicht ein betrachtlicher, gewaltiger Unterschied dadurch da, 
daft der Kristall durch lange Zeiten hin die Formen durch sich selbst 
beibehalt, die er hat? Die Rose wird nach verhaltnismafiig kurzer Zeit, 
wenn sie vom Rosenstock abgepfliickt ist, ihre Form verlieren, sie 
stirbt ab. Sie hat nicht in sich denselben Grad von Wirklichkeit, den 
der Kristall in sich hat. Und selbst der Rosenstock, wenn wir ihn aus 
der Erde herausreifien, hat nicht mehr denselben Grad von Wirklich- 
keit, den er hat, wenn er in der Erde drinnen ist. Das leitet uns an, 
die Dinge in der Welt doch anders zu betrachten, als es die heutige 
aufSerliche Betrachtungsweise tut. Wir diirfen nicht von Wirklichkeit 
sprechen, wenn wir von einer Rose oder von einem Rosenstock spre- 
chen. Wir diirfen hochstens von Wirklichkeit sprechen, indem wir die 
ganze Erde ins Auge fassen; und den Rosenstock wie auch jede Pflanze 
darauf wie ein aus dieser Wirklichkeit herauswachsendes Haar. 

Sie sehen daraus, es kann in der aufteren sinnlichen Wirklichkeit 
Dinge geben, die nicht im wahren Sinne des Wortes, wenn sie von ihrer 
Grundlage entfernt sind, noch wirklich sind. Das heifit, wir miissen in 
der scheinbaren aufieren Wirklichkeit, in dieser grofien Tauschung erst 
nach den wahren Wirklichkeiten suchen. Die Menschheit, sie macht 
heute schon bei der Naturbetrachtung solche Fehler in bezug auf die 
Wirklichkeit. Aber wer solche Fehler in bezug auf die Wirklichkeit 



macht und sich im Laufe von langen Jahrhunderten daran gewohnt hat, 
sie zu machen, wie die heutige Menschheit, der wird aufierordentlich 
schwer zu einem wirklichkeitsgemafien sozialen Denken kommen. 
Denn sehen Sie, das ist der grofie Unterschied des menschlichen Lebens 
von der Natur, daft die Natur dasjenige absterben lafit, was nicht mehr 
seine voile Wirklichkeit hat: die vom Rosenstock abgepfliickte Rose. 
Einen aufieren Schein von Wirklichkeit kann auch etwas haben, was 
keine Wirklichkeit ist, was fur sich eine Luge ist. So etwas, was fur 
sich keine Wirklichkeit hat, konnen wir aber im sozialen Leben wie 
eine Wirklichkeit realisieren. Dann braucht es nicht gleich abzuster- 
ben, aber es wird allmahlich zum Schmerz und zur Qual der Mensch- 
heit, wahrend nur dasjenige zum Heile der Menschheit ausschlagen 
kann, was aus einerganzen Wirklichkeit heraus empfunden,gedachtund 
dem menschlichen sozialen Organismus eingepflanzt ist. Es ist nicht 
bloft eine Sunde wider die soziale Ordnung, sondern es ist eine Siinde 
wider die Wahrheit selbst, wenn zum Beispiel unsere heutige Lebens- 
auffassung noch davon ausgeht, dafi menschliche Arbeitskraft - ich 
habe das jetzt ofter hier gesagt - eine Ware sein kann. Man kann sie 
in der aufieren scheinbaren Wirklichkeit dazu machen, aber eine solche 
aufiere scheinbare Wirklichkeit wird dann zum Schmerz, zum Leid 
der menschlichen sozialen Ordnung und gibt den Anlafi zu den Er- 
schiitterungen, zu den Revolutionen des gesellschaftlichen Organismus. 

Kurz, dasjenige, was die Menschheit gegenwartig notig hat in ihre 
Denkgewohnheiten aufzunehmen, ist, daft nicht alles, was in der aufie- 
ren scheinbaren Wirklichkeit sich offenbart, so wie es sich innerhalb 
gewisser Grenzen offenbart, auch eine wahre Wirklichkeit zu sein 
braucht, sondern eine Lebensliige sein kann. Und dieser Unterschied 
der Lebenswahrheit und der Lebensliige ist es, der sich ganz tief in das 
Gemiit des heutigen Menschen eingraben sollte. Denn in je mehr Men- 
schen sich dieser Unterschied ganz tief eingrabt, in je mehr Menschen 
das Gefiihl erwacht, man mufi nach dem suchen, was keine Lebens- 
liige, sondern was eine Lebenswahrheit ist, um so eher werden wir zu 
einer Gesundung des sozialen Organismus kommen konnen. Was mufi 
aber dazu eintreten? 

Ohne weiteres werden Sie ja nicht zu der Erkenntnis von der 



wahren oder nur scheinbaren Wirklichkeit eines aufleren Gegenstandes 
kommen konnen. Denken Sie sich, es wiirde ein Wesen von einem Pla- 
neten kommen, auf dem die Verhaltnisse nicht so lagen wie auf unserer 
Erde, so dafi das Wesen niemals den Unterschied bemerkt hatte zwi- 
schen einer Rose, die auf einem Rosenstock wachst, und einem Kristall, 
so konnte ein solches Wesen, wenn man ihm nebeneinandergelegt nun 
einen Kristall und eine Rose darbote, glauben, die beiden waren von 
gleicher Wirklichkeit. Und es konnte dann nur iiberrascht sein, daft die 
Rose so schnell verwelkt, wahrend der Kristall bestehen bleibt. Der 
Mensch auf der Erde weift sich nur gegeniiber dieser Wirklichkeit zu- 
rechtzufinden, weil er eben die Dinge durch langere Zeiten verfolgt 
hat. Aber nicht alles kann man so verfolgen, dafi man schon in der 
aufteren Wirklichkeit sieht, was wahre Wirklichkeit ist oder nicht, wie 
bei der Rose, sondern es liegen uns im Leben Dinge vor, welche not- 
wendig machen, daft wir uns erst eine Grundlage schaffen, um die 
wahre Wirklichkeit iiberhaupt ins Auge fassen zu konnen. Welches 
kann eine solche Grundlage sein, namentlich fur das soziale Zusam- 
menleben der Menschen? 

Nun, ich habe Ihnen einzelnes iiber diese Grundlage im letzten und 
im vorletzten Zweigvortrage hier auseinandergesetzt. Heute will ich 
noch einiges hinzufugen. Sie kennen aus meinen Schriften die Schil- 
derungen, die ich iiber die geistige Welt gegeben habe, iiber jene Welt, 
die der Mensch durchlebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. 
Sie wissen, wenn man auf dieses Leben in der iibersinnlichen, in der 
geistigen Welt hinweist, hat man notig, die Beziehungen festzustellen, 
die da herrschen von Seele zu Seele. Da ist der Mensch leibfrei, da ist 
der Mensch nicht den physischen Gesetzen dieser unserer Welt unter- 
worfen, die wir zwischen der Geburt und dem Tode durchleben. Da 
redet man daher von dem, was als Kraft oder als Krafte spielt von 
Seele zu Seele. Lesen Sie nach in meiner «Theosophie», wie da in bezug 
auf das Leben zwischen Tod und neuer Geburt gesprochen werden 
muft von den Sympathie- und Antipathiekraften, die von Seele zu 
Seele in der Seelenwelt spielen. Da spielen die Krafte ganz innerlich 
von Seele zu Seele. Antipathie bringt eine Seele der anderen entgegen, 
durch Sympathien werden sie gemildert. Es entstehen Harmonien und 



Disharmonien zwischen Innerlichstem, was die Seelen erleben. Und 
dieses Erleben des Innerlichsten einer Seele im Verhaltnis zu dem Er- 
leben des Innerlichsten einer anderen Seele ist dasjenige, was das wahre 
Verhaltnis der ubersinnlichen Welt ausmacht. Und nur ein Abglanz von 
diesem Ubersinnlichen ist dasjenige, was, gewissermaften wie die Reste 
davon, durch das physische Leben hindurch hier in der physischen Welt 
eine Seele mit der anderen erleben kann. 

Aber dieser Abglanz wiederum mufi im rechten Lichte beurteilt 
werden. Man kann die Frage aufwerfen: Wie stellt sich, sozial betrach- 
tet, dasjenige, was wir hier durchleben zwischen Geburt und Tod, zu 
dem ubersinnlichen Leben? - Da werden wir jetzt, wo wir die notwen- 
dige Dreigliederung des sozialen Organismus schon ofter ins Auge ge- 
fafit haben, zunachst auf das mittlere Glied gelenkt, das ofter beschrie- 
ben worden ist, auf den eigentlichen politischen Staat. Die Menschen, 
die in unserer Gegenwart iiber den politischen Staat nachgedacht ha- 
ben, haben immer versucht zu erkennen, was eigentlich der politische 
Staat ist. Aber sehen Sie, die Menschen der Gegenwart mit ihren ma- 
terialistischen Vorstellungen haben wirklich keine rechte Unterlage, so 
etwas zu betrachten. Aufierdem ist nach den Interessen der verschie- 
denen Menschenklassen in der neueren Zeit alles mogliche zusammen- 
geschmolzen worden mit dem modernen Staate, so dafi man gar nicht 
ohne weiteres voraussetzen kann, dieser Staat sei eine Wirklichkeit und 
nicht eine Lebensliige. Es ist ein weiter Abstand von der Anschauung 
des deutschen Philosophen Hegel zu der anderen Anschauung, die Fritz 
Mauthner, der philosophische Worterbuchschreiber, in der neueren Zeit 
dargetan hat. Hegel sieht den Staat mehr oder weniger wie den ver- 
wirklichten Gott auf der Erde an. Fritz Mauthner sagt, der Staat sei 
ein notwendiges Ubel. Also er sieht ihn als ein Ubel an, allerdings als 
ein solches, das man nicht entbehren kann, das notwendig ist zum 
menschlichen Zusammenleben. Das sind so entgegengesetzte Empfin- 
dungen zweier neuerer Geister. 

Die mannigfaltigsten Menschen haben sich, da jetzt vieles, was 
fruher instinktiv sich gestaltet hat, in das menschliche Bewulksein 
hereingestellt wird, Vorstellungen dariiber zu bilden versucht, wie der 
Staat beschaffen sein soli, wie der Staat werden soli. Wiederum sind 



die mannigfaltigsten Abstufungen in diesen Menschenvorstellungen zu- 
tagegetreten. Da haben wir auf der einen Seite die lammfrommen Schil- 
derer des Staates, die nicht recht eindringen wollen in das, was er ei- 
gentlich ist, aber ihn doch so gestalten wollen, dafi die Menschen, wel- 
che viel dariiber zu klagen haben, moglichst nicht viel dariiber zu reden 
haben. Und da sind die anderen, die den Staat radikal umandern wol- 
len, damit sich aus ihm heraus ein die Menschen befriedigendes Dasein 
entwickeln konne. Es fragt sich: Wie kann man aber iiberhaupt eine 
Anschauung gewinnen iiber dasjenige, was der Staat eigentlich ist? 

Wenn man unbefangen ins Auge fafit, was sich nun spinnen kann 
von Mensch zu Mensch im Staatsverhaltnis, und dies mit dem ver- 
gleicht, was sich spinnt, wie ich eben charakterisiert habe, von Seele 
zu Seele im ubersinnlichen Leben, dann erst bekommt man eine An- 
schauung iiber die Wirklichkeit des Staates, iiber die mogliche Wirk- 
lichkeit des Staates. Denn so, wie jenes Verhaltnis, das auf die Grund- 
krafte der menschlichen Seele von Sympathien und Antipathien im 
ubersinnlichen Leben aufgebaut ist, ein Innerlichstes ist in der mensch- 
lichen Seele, so ist dasjenige, was sich von Mensch zu Mensch im blofien 
Leben des politischen Staates begriinden kann, ein Aufierlichstes, auf 
das Recht Basiertes, auf dasjenige, wo der Mensch in der aufierlichsten 
Weise dem anderen Menschen gegeniibersteht. Wenn Sie diesen Ge- 
danken durchdenken, dann kommen Sie dazu, einzusehen, dafi der 
Staat das genaue Gegenteil des ubersinnlichen Lebens ist. Und er ist 
um so vollkommener in seinem Wesen, dieser Staat, je mehr er das 
voile Gegenteil des ubersinnlichen Lebens ist, je weniger er sich irgend- 
wie anmafit, irgend etwas von ubersinnlichem Leben in seine Struktur 
hineinzubringen, je mehr er nur dasjenige ins Auge fafit, was das 
aufierlichste Rechtsverhaltnis des Verhaltens von Mensch zu Mensch 
betrifft, worinnen alle Menschen gleich sind, gleich vor dem aufteren 
Rechtsgesetze. Immer tiefer und tiefer wird man von der Wahrheit 
durchdrungen, dafi die Vollkommenheit des Staates gerade darinnen 
besteht, dafi in ihm nichts gesucht werde als dasjenige, was angehort 
unserem Leben zwischen Geburt und Tod, was unserem alleraufier- 
lichsten Verhaltnis angehort. 

Dann aber mufi man fragen: Wenn der Staat nur ein Abglanz des 



iibersinnlichen Lebens ist dadurch, dafi er das Gegenteil dieses uber- 
smnlichen Lebens darstellt, wie ragt denn in unser ubriges sinnliches 
Leben das Obersinnliche herein? - Von einem anderen Gesichtspunkte 
aus habe ich es Ihnen letzthin dargestellt. Heute aber will ich Ihnen 
noch mitteilen, dafi von den Antipathien, die sich in der iibersinnlichen 
Welt zwischen dem Tode und der Geburt entwickeln, gewisse Reste 
zurtickbleiben, Rest- Antipathien, mit denen wir durch die Geburt ins 
physische Dasein schreiten. Denen wird im physischen Leben entge- 
gengewirkt durch alles das, was sich im sogenannten geistigen Leben, 
in der geistigen Kultur auslebt. Da werden die Menschen in religiosen 
Gemeinschaften, da werden sie in anderen gemeinsamen Geistesgutern 
zusammengebracht; da sollen sie den Ausgleich fur gewisse Antipathien 
schaffen, die als Rest aus dem vorgeburtlichen Leben geblieben sind. 
All unsere geistige Kultur soil eine Einrichtung fur sich hier sein, weil 
sie ein Abglanz ist unseres vorgeburtlichen Lebens, weil sie gewisser- 
mafien den Menschen hier in die Sinneswelt herausstellt, damit begabt, 
eine Art Heilmittel fur die restlichen Antipathien zu bilden, die aus 
der iibersinnlichen Welt geblieben sind. Daher ist es so schauderhaft, 
wenn die Menschen im geistigen Leben Spaltungen hervorrufen, statt 
sich gerade im geistigen Leben recht zu vereinen. Die restlichen Anti- 
pathien, die uns aus dem geistigen Leben vor der Geburt bleiben, sind 
wiihlend in den Untergriinden der menschlichen Seele und lassen nicht 
dasjenige, was eigentlich angestrebt werden sollte, zur Wahrheit wer- 
den: wirkliche geistige Harmonie, wirkliches geistiges Zusammenwir- 
ken. Wo solches sein sollte, entwickeln sich gleich Sekten. Diese Sek- 
tenbildungen und Sektenspaltungen sind noch das hier auf der Erde 
befindliche Abglanzzeichen fur die Antipathien, aus denen alles gei- 
stige Leben hervorgeht, und fiir die es eigentlich als ein Heilmittel sich 
entwickeln soli. Wir haben das geistige Leben als etwas aufzufassen, 
was in inniger Beziehung steht zu unserem vorgeburtlichen Leben, was 
in gewisser Beziehung schon verwandt ist mit dem iibersinnlichen Le- 
ben. Wir sollen daher nicht in die Versuchung kommen, dieses geistige 
Kulturleben anders aufzurichten als ein freies Leben aufierhalb des 
Staates, der nicht ein Abglanz in diesem Sinne, sondern ein Gegenbild 
sein soil fiir das ubersinnliche Leben. Und wir bekommen nur eine Vor- 



stellung iiber das, was wirklich ist am Staate urid wirklich ist an dem 
geistigen Kulturleben, wenn wir zu unserem sinnlichen Leben das iiber- 
sinnliche Leben hinzufiigen. Beides zusammen macht erst die wahre 
Wirklichkeit aus, wahrend das blofie sinnliche Leben eben durchaus 
ein Traum ist. 

Das wirtschaftliche Leben ist wiederum ganz anders geartet. Im 
wirtschaftlichen Leben arbeitet der eine Mensch fur den anderen. Der 
eine Mensch arbeitet in der Regel f iir den anderen, weil er ebenso wie der 
andere seine Vorteile dabei findet. Das wirtschaftliche Leben geht aus 
den Bedurfnissen hervor und besteht in der Bef riedigung der Bediirf- 
nisse, in dem Herausarbeiten alles dessen auf dem physischen Plane, was 
die dumpf en Naturbediirf nisse des Menschen bef riedigen kann oder auch 
wohl die feineren, aber doch mehr instinktiven Seelenbediirfnisse. Da 
entwickelt sich innerhalb dieses wirtschaftlichen Lebens unbewulk das- 
jenige, was nun wiederum hinauswirkt bis jenseits des Todes. Das- 
jenige, was die Menschen aus den egoistischen Bedurfnissen des Wirt- 
schaftslebens fiir einander arbeiten, entwickelt in seinen Untergriinden 
die Keime fiir gewisse Sympathien, die sich im nachtodlichen Leben in 
unserer Seele ausbilden miissen. So wie das geistige Kulturleben eine 
Art Heilmittel ist gegen den Rest der Antipathien, die wir mitbringen 
aus unserem vorgeburtlichen Leben in dieses nachgeburtliche, so ist 
dasjenige, was in den Untergriinden des Wirtschaftslebens spielt, von 
Keimen durchsetzt fiir die Sympathien, die sich nach dem Tode ent- 
wickeln sollen. Das ist wiederum ein anderer Gesichtspunkt fiir die 
Art, wie wir aus der iibersinnlichen Welt heraus die notwendige Drei- 
gliederung des sozialen Organismus erkennen konnen. Solch einen 
Gesichtspunkt kann allerdings derjenige nicht erringen, der sich nicht 
bestrebt, die geisteswissenschaftlichen Grundlagen der Welterkenntnis 
sich anzueignen. Aber fiir denjenigen, der sich diese geisteswissenschaft- 
liche Grundlage aneignet, wird immer mehr und mehr zur Selbstver- 
standlichkeit die Forderung, dafi der gesunde soziale Organismus in diese 
drei Glieder geteilt sein raufi, weil diese drei Glieder in untereinander 
ganz verschiedener Art ihre Beziehungen zur iibersinnlichen Wirklich- 
keit haben, die, wie gesagt, erst mit der sinnlichen zusammen die wahre 
Wirklichkeit ausmacht. 



Aber von solchen Zusammenhangen des aufieren physischen Da- 
seins, wie es sich entfaltet im geistigen Kulturleben, im Staatsleben, 
im Wirtschaftsleben, hat die Menschheit in den letzten Jahrhunderten 
nicht mehr geredet. Sie hat die alten Traditionen fortgesponnen, die 
aber unverstandene geblieben sind. Sie hat sich abgewohnt, in unmit- 
telbarem tatigem Seelenleben den Weg ins Geistesland hinein zu gehen, 
um im Geistesland das Licht zu suchen, das die physische Wirklichkeit 
beleuchten kann, so dafi man diese physische Wirklichkeit erst in der 
richtigen Weise erkennt. Die fiihrenden Kreise der Menschheit, sie 
haben ja den Ton angegeben in diesem ungeistigen Leben. Dadurch ist 
jene tiefe Kluft zwischen den Menschenklassen entstanden, die heute 
auf dem Untergrunde alles Lebens zu suchen ist, die wirklich von 
den Menschen nicht verschlafen werden sollte. Ich darf vielleicht im- 
mer wieder daran erinnern, wie, bevor Juli und August 1914 einge- 
treten ist, die Menschen insofern sie den fiihrenden, den bisher fiihren- 
den Klassen angehort haben, dasjenige gelobt haben, wozu es unsere 
Zivilisation, wie sie das nannten, nun endlich gebracht hat. Sie wiesen 
darauf hin, wie der Gedanke pfeilschnell iiber weite Strecken hin durch 
Telegraphen und Telephon befordert werden kann, wie andere mar- 
chenhafte Errungenschaften der neueren Technik das Kultur-, das Zi- 
vilisationsleben so vorwartsgebracht haben. Aber dieses Kultur-, dieses 
Zivilisationsleben ruhte eben auf dem Untergrunde, der die heutigen 
furchtbaren Katastrophen herbeigefiihrt hat. Vor dem Juli und August 
1914 haben die europaischen Staatsmanner, besonders diejenigen in den 
mitteleuropaischen Staaten - man kann das dokumentarisch nachwei- 
sen -, unzahlige Male betont: So wie die Verhaltnisse liegen, ist der 
Friede in Europa fur lange Zeit gesichert. - Wortlich mit solchen 
Redensarten haben insbesondere die Staatsmanner Mitteleuropas zu 
ihren Parteien gesprochen. Ich konnte Ihnen noch von Mai 1914 solche 
Reden zeigen, wo gesagt worden ist: So wie die Verhaltnisse der Staaten 
jetzt untereinander durch unsere diplomatischen Beziehungen geord- 
net sind, haben wir die Moglichkeit, an einen langer dauernden Frie- 
den zu glauben. - Im Mai 1914! Aber derjenige, der die Verhaltnisse 
dazumal durchschaute, muftte eben anders reden. Ich habe dazumal 
in den Vortragen in Wien, vor dem Kriege, dasjenige ausgesprochen, 



was ich ofter im Verlauf der letzten Jahre gesagt habe: Wir leben 
in etwas darinnen, das man nur nennen kann eine menschliche soziale 
Krebskrankheit, ein Karzinom der gesellschaftlichen Ordnung. Dieses 
Karzinom, dieses Geschwiir ist aufgebrochen und ist zu dem geworden, 
was man den Weltkrieg nennt. 

Dazumal war natiirlich der Ausspruch: Wir leben in einem Karzi- 
nom, wir leben in einem sozialen Geschwiir - fur die Leute eine Re- 
densart, eine Phrase, weil der Weltkrieg erst danach kam. Denn die 
Leute hatten keine Ahnung, dafi sie auf einem Vulkan tanzten. Fur 
viele ist es heute wieder so, wenn man auf den anderen Vulkan hin- 
weist, der wahrhaftig auch einer ist, und der da liegt in dem, was erst 
heraufkommt fur die Ausgestaltung desjenigen, was man seit langem die 
soziale Frage nennt. Weil die Menschen so gern schlafen gegeniiber 
der Wirklichkeit, kommen sie nicht darauf, in dieser Wirklichkeit die 
wahren Krafte, die diese Wirklichkeit selbst erst zur wahren Wirklich- 
keit machen, zu erkennen. 

Sehen Sie, deshalb ist es so schwierig, fur den heutigen Menschen 
eindringlich zu machen, was so notwendig ware: die Sache von den 
drei Gliedern des gesunden sozialen Organismus, von der Notwendig- 
keit des Hinarbeitens auf diese Dreigliederung. Wie unterscheidet 
sich denn diese Denkungsart, die da in der Forderung dieser Dreiglie- 
derung zum Ausdrucke kommt, von anderen Denkungsarten? Sehen 
Sie, andere Denkungsarten gehen eigentlich davon aus, auszudenken, 
welches die beste soziale Weltordnung sein konnte, wie man es eigent- 
lich machen musse, damit die Menschen zu der besten sozialen Welt- 
ordnung kommen. Merken Sie den Unterschied von der Denkart, die 
dieser Dreigliederung des sozialen Organismus zugrunde liegt. Diese 
Dreigliederung geht gar nicht davon aus, zu fragen: Welches ist die 
beste Anordnung im sozialen Organismus? - Sondern sie geht auf die 
Wirklichkeit los : Wie soil man die Menschen selber gliedern, dafi sie in 
den sozialen Organismus frei hineingestellt sind und zusammen wir- 
ken konnen, so dafi das Richtige wird? - Diese Denkungsweise appel- 
liert nicht an Prinzipien, appelliert nicht an Theorien, nicht an soziale 
Dogmen, sondern sie appelliert an die Menschen. Sie sagt: Stellt die 
Menschen hinein in die drei Glieder des sozialen Organismus, dann 



werden diese Menschen sagen, was soziale Ordnung sein soil. - An den 
wirklichen Menschen appelliert diese Denkungsweise und nicht an 
abstrakte Theorien oder abstrakte soziale Dogmen. 

Wenn ein Mensch allein leben wiirde, wiirde er niemals die mensch- 
liche Sprache entwickeln. Die menschliche Sprache kann nur in der so- 
zialen Gemeinschaft entstehen. Der Mensch, der allein lebt, entwickelt 
auch keine soziale Denkungsart, keine soziale Empfindung und keine 
sozialen Instinkte. Nur in der richtigen Gemeinschaft kann das soziale 
Leben entwickelt werden. 

Daft das heute geschehe, dem widerspricht aber sehr vieles. Dadurch 
namlich, daft der Materialismus in den letzten Jahrhunderten herauf- 
gezogen ist, hat sich der Mensch von der wahren Wirklichkeit entfernt. 
Er ist der wahren Wirklichkeit fremd geworden. Er ist einsam gewor- 
den in seinem Inneren. Und am einsamsten sind diejenigen geworden, 
die aus dem Leben herausgerissen sind und mit nichts zusammenhangen 
als mit der oden Maschine, mit der Fabrik auf der einen Seite und dem 
seelenlosen Kapitalismus auf der anderen Seite. Ode ist es in den 
menschlichen Seelen geworden. Aber aus dieser Seelenode ringt sich 
dann los dasjenige, was eben aus dem einzelnen individuellen, person- 
lichen Menschen heraus kommen kann. Was aus diesem einzelnen, indi- 
viduellen, personlichen Menschen heraus kommen kann, sind innerliche 
Gedanken, sind innerliche Schauungen von der iibersmnlichen Welt, 
sind auch Schauungen, die uns die auftere sinnliche Naturwelt erklaren. 
Aber gerade dann, wenn wir recht einsam werden, wenn wir recht auf 
uns selber nur gestellt sind, ist das die beste Seelenverfassung fur all 
dasjenige, was die Erkenntnis fur den einzelnen Menschen in seinen 
Zusammenhangen mit Natur- und Geisteswelt entwickeln soli. Dem 
steht entgegen dasjenige, was sich als soziales Denken entwickeln soli. 
Nur wer dies bedenkt, kann richtig iiber den bedeutungsvollen ge- 
schichtlichen Augenblick urteilen, in welchem wir jetzt stehen. Die 
Menschen muftten einmal in der Weltentwickelung so einsam werden, 
damit sie aus der Einsamkeit ihrer Seele heraus geistiges Leben ent- 
wickeln wollen. Die einsamsten waren die groften Denker, die in 
scheinbar ganz abstrakten Hohen gelebt haben und die in ihren Ab- 
straktionen nur den Weg suchten zu der ubersinnlichen Welt. 



Aber natiirlich mufi der Mensch nicht nur den Weg suchen zu der 
iibersinnlichen Welt und zu der Natur, er mufi den Weg suchen aus 
seinen Gedanken heraus zu dem sozialen Leben. Da aber das soziale 
Leben nicht in der Einsamkeit entwickelt werden kann, sondern nur 
in dem wirklichen Miterleben der anderen Menschen, so war der ein- 
same Mensch der neueren Zeit nicht recht geeignet, ein soziales Denken 
zu entwickeln. Gerade wenn er so recht sein Inneres nur zur Geltung 
bringen wollte, wurde das, was er aus seinem Inneren heraus spann, 
antisozial, wurde kein soziales Denken. So leben wir in den wider- 
spriichlichsten Erscheinungen. Die neueren Neigungen und Sehnsuchten 
der Menschen sind die Entfaltung von Geisteskraften, die auf Einsam- 
keit angelegt sind und die durch den iiberflutenden ahrimanischen 
Materialismus auf falsche Bahnen gebracht werden. 

Man merkt das Gewicht dieser Tatsache so recht, wenn man sich 
etwas fragt, was heute fur viele Menschen schreckhaft ist. Man kann 
die Menschen fragen: Was nennt ihr bolschewistisch? - Lenin, Trotzkij, 
sagen dann die Leute. Nun, ich kenne noch einen dritten Bolschewik, der 
allerdings nicht in der unmittelbaren Gegenwart lebt, und dieser dritte 
ist kein anderer als der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte. Sie 
werden mancherlei schon gehort haben, mancherlei aufgenommen ha- 
ben iiber die ideale spirituelle Denkungsart Johann Gottlieb Fichtes. 
Sie werden dabei weniger daran gedacht haben, als welcher Mensch 
sich Fichte auslebt, und werden die Anschauungen kennen, die er in 
seinem «Geschlossenen Handelsstaat», den sich jeder in der Reclam- 
Bibliothek fur billigstes Geld kaufen kann, niedergelegt hat. Lesen Sie 
die Art und Weise, wie sich Fichte die Giiter der Menschen, deren gesell- 
schaftliche Ordnung verteilt denkt, und vergleichen Sie dann dasjenige, 
was Fichte da aufstellt, mit dem, was Trotzkij oder Lenin schreiben, 
so werden Sie eine merkwurdige Obereinstimmung entdecken. Dann 
werden Sie doch bedenklich werden in dem blofien aufierlichen Hin- 
stellen und Verurteilen, und Sie werden versucht sein zu fragen: Was 
liegt denn da eigentlich zugrunde? - Wenn Sie dann naher darauf ein- 
gehen, wenn Sie versuchen sich klarzumachen, was da zugrunde liegt, 
so kommen Sie zu folgendem: Sie untersuchen die besondere geistige 
Richtung, die sich bei den radikalsten Menschen heute findet, Sie las- 



sen sich darauf ein, vielleicht gerade Trotzkijs und Lenins Seele zu 
untersuchen, die besondere Art zu denken, die Gedankenformen, und 
Sie fragen sich dann: Wie sind solche Menschen denkbar geworden? - 
Sie bekommen zur Antwort: Sie sind denkbar auf der einen Seite in 
einer anderen sozialen Ordnung und denkbar in unserer sozialen Ord- 
nung, die sich unter dem Lichte oder eigentlich unter der Dunkel- 
heit, der Finsternis des Materialismus seit Jahrhunderten entwickelt 
hat. - Nehmen Sie an, in einer anderen sozialen Ordnung hatten sich 
Lenin und Trotzkij entwickelt. Was waren sie vielleicht geworden, 
indem sie ihre Geisteskrafte in ganz anderer Weise entwickelt hatten? 
Tiefe Mystiker! Denn dasjenige, was in solchen Seelen lebt, konnte in 
einer religiosen Atmosphare zum Beispiel tiefste Mystik werden. In 
der Atmosphare des neueren Materialismus wird es das, als was es sich 
einem darstellt. 

Nehmen Sie Johann Gottlieb Fichtes «Geschlossenen Handels- 
staat», so ist es das soziale Ideal eines Menschen, der nun wahrhaftig 
in intensivster Art hochste Erkenntnispfade zu beschreiten versuchte, 
der ein Denken ausbildete, das immerzu hingeneigt war auf die iiber- 
sinnliche Welt. Als er aber aus sich selbst herausspinnen wollte ein so- 
ziales Ideal, so war es zwar ein reines Gebilde des menschlichen Her- 
zens, aber gerade dasjenige, was uns geeignet macht, auf innerlichem 
Wege hochste Ideale der Erkenntnis zu erringen, das macht uns, wenn 
wir es auf das soziale Leben anwenden wollen, ungeeignet, soziale 
Denkungsart zu entwickeln. In einem solchen geistigen Wesen, wie 
Fichte es entwickelt hat, kann nur der Mensch allein seine Wege ma- 
chen. Das soziale Denken mufi in der menschlichen Gemeinschaft ent- 
wickelt werden. Und der Denker hat dann hauptsachlich die Auf gabe, 
darauf hinzuweisen, wie der soziale Organismus gestaltet sein mag, 
damit die Menschen in der richtigen Weise zusammenwirken, um im 
Sozialen selbst das Soziale zu begriinden. Deshalb gebe ich Ihnen nicht 
an, oder gebe ich den gegenwartigen Menschen nicht an, man soil so 
und so einrichten Privateigentum an Produktionsmitteln oder Gemein- 
eigentum an Produktionsmitteln, sondern ich mufi sagen: Versucht hin- 
zuarbeiten darauf, daf$ der soziale Organismus gegliedert werde in 
seine drei Glieder, dann wird auch dasjenige, was unter der Wirksam- 



keit des Kapitals steht, von dem geistigen Gebiete aus verwaltet war- 
den und ihm sein Rechtsleben eingeflofo werden von dem politischen 
Staate. Dann wird Rechtsleben und Geistesleben mit dem Wirtschafts- 
leben in ordentlicher Weise zusammenflieften. Und dann wird jene 
Sozialisierung eintreten, die immerzu wieder iiberleken wird aus ge- 
wissen Rechtsbegriffen heraus dasjenige, was man iiber seinen eigenen 
Verbrauch hinaus erworben bat, in die geistige Organisation hinein. 
Es geht wieder zuriick an die geistige Organisation. 

Heute hat man diese Einrichtung nur auf dem Gebiete des geistigen 
Eigentums, wo es niemandem auffallt. Sein geistiges Eigentum kann 
man nicht langer wahren fur seine Nachkommen, als hochstens eine 
gewisse Zeit hindurch, dreifiig Jahre nach dem Tode, dann wird es 
Gemeineigentum. Man sollte nur daran denken, dafi dies ein Muster 
sein kann fur die Zuriickleitung desjenigen, was allerdings durch 
menschlich-individuelle Krafte erarbeitet wird, wie auch desjenigen, 
was in der kapitalistischen Ordnung steht, die Zuriickleitung wiederum 
in den sozialen Organismus. Es fragt sich dann nur in welche Teile? In 
denjenigen Teil, der geistige individuelle und auch sonstige individu- 
elle Krafte des Menschen in der richtigen Weise verwalten kann: in den 
geistigen Organismus. Die Menschen werden das so machen, wenn sie 
in der richtigen Weise im sozialen Organismus stehen. Das setzt diese 
Denkungsart voraus. 

Ich konnte mir denken, dafi diese Dinge in jedem Jahrhundert an- 
ders gemacht werden: Absolute Festsetzungen fur diese Dinge gibt es 
nicht. Aber unsere Zeit hat sich angewohnt, alles vom materialistischen 
Gesichtspunkte aus zu beurteilen, und daher sieht man gar nichts mehr 
in seinem rechten Lichte. Ich habe jetzt ofter auseinandergesetzt, wie 
in der modernen Zeit Arbeitskraft Ware geworden ist. Dagegen hilft 
nicht der gewohnliche Arbeitsvertrag, denn der geht davon aus, dafi 
Arbeitskraft Ware ist, und er wird geschlossen iiber die Arbeit, die der 
Arbeiter dem Unternehmer leisten soil. Ein gesundes Verhaltnis kann 
nur dadurch zustande kommen, dafi der Vertrag gar nicht iiber die 
Arbeit geschlossen wird, dafi die Arbeit als Rechtsverhaltnis festgesetzt 
wird vom politischen Staate, und dafi der Vertrag geschlossen wird 
iiber die Verteilung des erzeugten Produkts zwischen dem korperlich 



Arbeitenden und dem geistig Arbeitenden. Ober die erzeugten War en 
aber nur kann der Vertrag geschlossen werden, nicht iiber das Ver- 
haltnis der Arbeitskraft zum Unternehmer. Dadurch allein kann die 
Sache auf eine gesunde Basis gestelk werden. 

Aber die Menschen fragen nun: Woher kommen die Schaden im so- 
zialen Leben, die dem Kapitalismus anhaften? - Sie sagen: Die kom- 
men von der wirtschaftlichen Ordnung des Kapitalismus. - Aber von 
dieser wirtschaftlichen Ordnung konnen keine Schaden kommen, son- 
dern davon kommen die Schaden, dafi wir erstens kein wirkliches Ar- 
beitsrecht haben, welches die Arbeit in der entsprechenden Weise 
schiitzt, und zweitens, dafi wir nicht bemerken, wie wir in der Lebens- 
liige leben, wie dem Arbeiter sein Teil abgenommen wird. Aber worauf 
beruht denn das Abnehmen? Nicht auf der Wirtschaftsordnung, son- 
dern darauf, daft eigentlich durch die gesellschaftliche Ordnung selber 
die Moglichkeit geboten ist, dafi die individuellen Fahigkeiten des 
Unternehmers nicht in der richtigen Weise teilen mit dem Arbeiter. 
Bei Waren mufi man teilen, denn sie werden gemeinsam produziert 
von dem geistigen und korperlichen Arbeiter. Was heifit es denn aber, 
durch seine individuellen Fahigkeiten jemandem anderen etwas ab- 
nehmen, was man ihm nicht abnehmen soil? Das heilk, ihn betriigen, 
ihn iibervorteilen! Diesen Verhaltnissen mufi man nur gesund und un- 
befangen ins Auge schauen, dann kommt man darauf: nicht in dem 
Kapitalismus liegt es, sondern in dem Mifibrauch der geistigen Fahig- 
keiten. Da haben Sie den Zusammenhang mit der geistigen Welt. Ma- 
chen Sie erst die geistige Organisation gesund, so dafi die geistigen 
Fahigkeiten sich nicht mehr dahin entwickeln, dafi sie denjenigen iiber- 
vorteilen, der arbeiten mufi, dann machen Sie den sozialen Organismus 
gesund. Es kommt darauf an, iiberall auf das Richtige hinsehen zu 
konnen. 

Um auf das Richtige hinsehen zu konnen, dazu bedarf der Mensch 
einer Richtlinie. Heute ist die Zeit so weit gekommen, dafi richtige 
Richtlinien nur aus dem geistigen Leben heraus kommen konnen. Da- 
her mufi die Hinlenkung zu diesem geistigen Leben eine ernste werden. 
Und es ist immer wieder und wiederum darauf aufmerksam zu machen, 
daft es heute nicht geniigt, immer wieder und wiederum darauf hinzu- 



weisen, die Menschen sollen wiederum an den Geist glauben. Oh, es 
fangen jetzt viele Propheten an, von der Notwendigkeit des Glaubens 
an den Geist zu reden! Aber darauf kommt es nicht an, daft die Men- 
schen nur sagen: Um zu einer Heilung zu kommen aus den jetzigen un- 
gesunden Verhaltnissen heraus, ist es notwendig, daft sich die Menschen 
vom Materialismus wiederum zum Geist wenden. - Nein, der blofte 
Glaube an den Geist bringt heute keine Heilung. Es konnen noch so 
gefeierte Propheten in den Landern herumgehen und immer wieder und 
wiederum sagen: Das neuere Leben hat die Menschen veraufterlicht, 
sie miissen innerlicher werden. - Es konnen noch so viele Propheten 
sagen: Der Christus war bisher nur zum Privatleben da, er soil jetzt in 
das Staatsleben einziehen. — Mit solchen Dingen ist heute absolut nichts 
getan. Denn heute kommt es nicht darauf an, bloft an den Geist zu glau- 
ben, sondern heute kommt es darauf an, daft man vom Geiste sich so 
erfiillt, daft der Geist gerade durch uns in die auftere materielle Wirk- 
lichkeit ubergefuhrt werde. Nicht darauf kommt es an, heute den 
Menschen zu sagen: Glaubt an den Geist -, sondern von einem solchen 
Geiste ist notwendig heute zu sprechen, der die materielle Wirklichkeit 
wirklich bezwingt, der wirklich sagt, wie man den sozialen Organismus 
gliedern soli. Denn nicht darauf beruht heute die Ungeistigkeit, daft die 
Menschen nicht an den Geist glauben, sondern darauf, daft sie nicht mit 
dem Geiste in einem solchen Zusammenhang stehen konnen, daft der 
Geist in die Materie im wirklichen Leben einzugreifen vermag. Der 
Unglaube an den Geist beruht nicht darauf, daft man bloft den Glauben 
an den Geist leugnet, sondern er kann auch darauf beruhen, daft man 
eine blofte Materie annimmt, die ungeistig ist. Wie viele Menschen gibt 
es heute, die gerade darinnen etwas aufterordentlich Vornehmes sehen, 
daft sie sagen: Ach, das ist das blofte aufterliche materielle Leben, das hat 
nichts Geistiges, aus dem muft man sich zuriickziehen, man muft sich 
hinwenden von dem aufieren materiellen Leben zu dem abgezogenen 
Leben des Geistes. - Da ist die materielle Wirklichkeit, da schneidet 
man seine Coupons ab, dann setzt man sich ins Meditationszimmer und 
geht weg in die geistige Welt. Schone doppelte Lebensstromungen, fein 
voneinander getrennt! Darauf kommt es heute nicht an. Heute kommt 
es darauf an, daft der Geist so stark in den menschlichen Gemiitern 



werde, dafl dieser Geist nicht nur redet von der Art, wie der Mensch 
geistig begnadet oder erlost wird, sondern daft der Geist eindringt in 
dasjenige, was wir tun wollen in der aufteren materiellen Wirklichkeit, 
daft wir den Geist einf iihren, einf liefien lassen in diese aufiere materielle 
Wirklichkeit. Gewohnheitsmafiig reden iiber den Geist, das liegt den 
Menschen sehr nahe. Und in dieser Beziehung konnen manche Men- 
schen in einem sonderbaren Selbstwiderspruch sein. Die Anzengruber- 
sche dramatische Figur des Menschen, der den Gott leugnet, und dies 
besonders dadurch bekraftigt, dafi er sagt: «So wahr ein Gott im 
Himmel ist, bin ich ein Atheist», — diese Figur des sich so widerspre- 
chenden Menschen, die ist heute vorhanden, wenn auch nicht so kraft 
wie diese Anzengrubersche dramatische Figur, aber sie ist durchaus 
keine Seltenheit. Denn in diesem Stile wird heute sehr haufig geredet: 
So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist! 

Das alles schliefk eben die Mahnung ein, nicht auf blofien Glauben 
an den Geist zu sehen, sondern vor alien Dingen zu versuchen, den 
Geist so zu fiiiden, dafi der Geist uns stark macht, um auch die aufiere 
materielle Wirklichkeit zu durchschauen. Dann wird in der Tat der 
Mensch aufhoren, in jedem Satze das Wort Geist, Geist, Geist zu spre- 
chen. Dann wird aber der Mensch durch die Art, wie er die Dinge an- 
schaut, beweisen, dafi er sie mit Geist betrachtet. Darauf kommt es 
heute an, dafi man die Dinge mit Geist betrachtet, nicht dafi man im- 
mer nur vom Geiste spricht. Das wird durchschaut werden miissen, 
damit nicht immer wiederum anthroposophische Geisteswissenschaft 
mit all dem Gerede vom Geiste, das heute noch so beliebt ist, verwech- 
selt werden konne. Immer wieder und wieder hort man es, wenn nur 
in einem besseren Stile da oder dort ein Sonntagnachmittagsprediger 
weltlicher Sorte spricht, dafi gesagt wird, der redet ja ganz im Sinne 
der Anthroposophie, Er redet dann meistens das Gegenteil! Darauf 
mufi man gerade sein Augenmerk lenken. Das ist es, worauf es an- 
kommt. 

Wer dies erkennt, wird dann durchaus nicht weit von der Einsicht 
sein, dafi gerade ein so gut gemeinter, ich mochte sagen, wie aus einer 
Vorempfindung eines tragischen Todes heraus gesprochener Satz wie 
der, den ich Ihnen vorgelesen habe von Kurt Eisner, deshalb besonders 



wertvoll ist, weil er einem vorkommt wie das Gestandnis eines Men- 
schen: An Obersinnliches glaube ich eigentlich doch im Ernste nicht, 
wenigstens will ich mich nicht lebendig an Obersinnliches wenden. 
Doch haben diejenigen, die vom Obersinnlichen geredet haben, immer 
gesagt: Die sinnliche Wirklichkeit hier ist nur die halbe Wirklichkeit, 
sie ist wie ein Traum. Und ich raufi hineinschauen in die Gestalt, wel- 
che diese sinnliche Wirklichkeit im sozialen Leben der Gegenwart an- 
genommen hat, und da kommt sie mir gar sehr als ein Traum vor. Da 
ist es so, dafi man sagen mufi, dafi diese Wirklichkeit die deutliche 
Erfindung irgendeines bosen Geistes ist. — 

Gewifi ein bemerkenswertes Gestandnis. Konnte es aber nicht auch 
anders sein? Konnte nicht dasjenige, was in so tragischer, in so furcht- 
barer Weise die gegenwartige Wirklichkeit den Menschen zeigt, die 
Erziehung eines guten Geistes sein, urn aus dem, was wie ein boser Alp- 
traum erscheint, die wahre Wirklichkeit zu suchen, die aus Sinnlichem 
und Obersinnlichem zusammengefugt ist? Man mufi nicht durchaus 
pessimistisch diese Gegenwart ansehen, man kann auch aus ihr die 
Kraft schopfen fur eine Art von Rechtfertigung dieses Daseins. Dann 
wird man aber nimmermehr bei dem Sinnlichen stehenbleiben diirfen, 
dann wird man den Weg aus dem Sinnlichen heraus in das Obersinn- 
liche finden miissen. Derjenige, der diesen Weg nicht suchen will, 
mtifite eigentlich heute wirklich kurzdenkig sein, wenn er sich nicht 
sagen wiirde: Diese Wirklichkeit ist wie die Erfindung eines bosen Gei- 
stes! - Derjenige aber, der den Willen in sich entwickelt, von dieser 
Wirklichkeit aufzusteigen zu einer geistigen Wirklichkeit, wird auch 
von einer Erziehung durch einen guten Geist sprechen konnen. Und 
trotz alledem, was wir heute schauen, diirfen wir doch iiberzeugt sein, 
dafi die Menschen einen Ausweg aus dem tragischen Geschick der Ge- 
genwart finden werden. Aber freilich, der deutliche Wink mufi beob- 
achtet werden: mitzuwirken an der sozialen Gesundung. 

Das wollte ich heute zu dem, was ich letzthin sagte, doch noch 
hinzufiigen. 



FUNFTER VORTRAG 



Heidenheim, 12. Juni 1919 



Wir leben in einer Zeit, in der bemerkt werden konnte, was eigentlich 
seit Jahren die sogenannte anthroposophische Geisteswissenschaft an- 
strebt. Und es ware wohl die schonste Frucht gerade des anthropo- 
sophischen Strebens, wenn dieses als Oberzeugung sich ergeben wiirde 
in den Herzen und Seelen der an dieser Bewegung sich Beteiligenden, 
da# gewissermafien die Feuerzeichen unserer Zeit dasjenige sind, was 
wie ein Beweis gelten kann fur die Notwendigkeit, aus der heraus 
sich diese geisteswissenschaftliche Bewegung nun schon seit Jahren in 
die Zeit hineingestellt hat. Mag heute aufterlich in der Welt dies oder 
jenes sturmisch vor sich gehen, mag das, was sich herausarbeiten will 
aus tiefen Untergriinden der menschlichen Entwickelung, so oder so 
aussehen, die eigentliche Natur und Wesenheit desjenigen, was ge- 
schieht, vernimmt man eigentlich doch nur, wenn man auf diejenigen 
Ereignisse hinschaut, die dem gewohnlichen, heute noch iiblichen 
menschlichen Anschauen entgehen, und die eigentlich nur dann wahr- 
nehmbar sind, wenn man die Welt von einem geistigen Gesichtspunkte 
aus betrachtet. 

Ich mochte ausgehen von einer solchen Erscheinung, die heute unter 
den mannigfachen sturmischen Ereignissen kaum bemerkt wird. Sie 
wird als etwas Unbedeutendes und Unbetrachtliches angesehen, aber 
sie ist da fur denjenigen, der sich aus geistigen Untergriinden heraus 
die Moglichkeit erworben hat, das Leben wirklichkeitsgemafi zu be- 
trachten. 

Es sind jetzt etwa sieben, acht, zehn Jahre her - es mag paradox 
klingen, aber es ist wahr seit fur den wirklichen Beobachter des Le- 
bens die Kinder, die geboren werden, mit einem ganz anderen Antlitz 
geboren werden als fruher. Gewifi, man bemerkt es nicht, weil man 
auf solche Dinge nicht achtet, weil man heute iiberhaupt auf die wich- 
tigsten Dinge des Lebens nicht acht gibt. Aber wer sich einen Blick 
fur solche Dinge erworben hat, der weifi, dafi iiber dem Antlitz der 
vielen, seit sieben bis acht oder zehn Jahren geborenen Kinder etwas 



Iagert wie Triibe, wie Zuriickhaltung gegeniiber der Welt. Man mochte 
sagen, schon von den ersten Tagen, von den ersten Wochen an merkt 
man es an der Physiognomie der Kindergesichter: da ist etwas anders, 
als es friiher war. Und geht man dieser merkwiirdigen, dem heu- 
tigen Menschen noch paradox klingenden Tatsache nach, dann bemerkt 
man, daft die Kinderseelen, die sich durch die Geburt in die Welt 
bringen, bereits, indem sie durch Empfangnis und Geburt durchgehen, 
schon dasjenige in sich tragen, was dann ihrem Antlitz fast von der 
Geburt ab den melancholischen, vielleicht oftmals hinter allem Lacheln 
verborgenen melancholischen Ausdruck gibt, der friiher nicht so auf 
den Kindergesichtern lagerte. Und in den Seelen, ganz unbewufit 
selbstverstandlich, lebt etwas von der Stimmung des Nichthereinwol- 
lens ins Leben. Die Seelen, die heute durch die Geburt gehen — wie ge- 
sagt, es ist das schon seit fast zehn Jahren -, fiihlen etwas wie ein Hin- 
dernis und Hemmnis, in diese physische Welt hereinzukommen. 

Es ist ja so, dafi der Mensch, bevor er durch Empfangnis und Ge- 
burt in die physische Welt hereinkommt, in der geistigen Welt ein 
wichtiges Ereignis durchmacht, das dann seine Strahlen wirft, seine 
Wirkungen betatigt in dem kommenden Leben. Die Menschen sterben 
hier auf der Erde, sie gehen durch die Todespforte, sie legen den phy- 
sischen Leib ab, bringen ihre Seele hinein in die geistige Welt. Diese 
Seele tragt in sich noch die Wirkungen alles desjenigen, was sie hier 
in der physischen Welt durchlebt und erf ahren hat. Sie sieht im Grunde 
genommen aus, indem sie durch die Todespforte gegangen ist, wie die 
Wirkungen selbst, desjenigen, was unmittelbar hier im Erdenleben 
durchgemacht wird. Solche Seelen, welche nun durch die Todespforte 
gegangen sind, begegnen — das ist ein Ereignis, das eben Tatsache ist, 
ich kann es Ihnen nur erzahlen, weil diese Dinge ja nur durch Erfah- 
rung aus der geistigen Welt herausgeholt werden konnen -, sie begeg- 
nen jenen Seelen, die sich anschicken, in der kommenden Zeit herunter- 
zusteigen in einen physischen Leib. Und das ist ein wichtiges Ereignis, 
diese Begegnung der Seelen, die eben durch die Todespforte gegangen 
sind, mit jenen Seelen, die demnachst durch die Geburtspforte in die 
physische Welt hereintreten werden. Dieses Ereignis hat etwas Aus- 
schlaggebendes. Es ist gewissermafien da, um den heruntersteigenden 



Seelen so etwas einzuimpfen wie eine Vorstellung von dem, was sie 
hier antreffen werden. Und von dieser Begegnung her stammt der Im- 
puls, welcher die eigentiimliche Melancholie den Kindefn aufdriickt, 
die heute in die Welt hereingehen. Sie wollen in diese Welt nicht herein, 
von der sie durch diese Begegnung erfahren haben. Denn sie wissen, 
wie ihnen gewissermafien das «geistige Gefieder» zerzaust wird durch 
dasjenige, was die in materialistische Gesinnung und materialistische 
Weltanschauung und auch in materialistisches Tun getauchte Mensch- 
heit auf der Erde heute durchmacht. Dieses Ereignis, das natiirlich nur 
geistig konstatierbar ist, wirft neben anderem eine stark wirkende Be- 
leuchtung auf unsere ganze Gegenwart, die man aus solchen Unter- 
griinden heraus nur verstehen kann, aber auch verstehen sollte. 

Ich ging von einem Ereignis aus, das selbstverstandlich nur aus 
geistigem Schauen erfafit werden kann. Aber andere Ereignisse in der 
Gegenwart sprechen laut und deutlich zu uns, und die konnten auch 
ohne geistiges Schauen unmittelbar auffallig werden fur jeden nicht 
schlafrig durch das Leben gehenden Menschen. Wir sehen, wie sich 
zum groften Unheil der Welt ausgebreitet hat seit den letzten vier bis 
fiinf Jahren die grolSe Weltkriegskatastrophe. Wir blicken immer wie- 
der und wieder - ich denke, das mufi jede wache Seele tun - zuriick 
nach dem, was aufierlich sichtbar zu dieser furchtbaren Menschheitska- 
tastrophe gefiihrt hat. Wir blicken auf den Verlauf dieser Katastrophe 
und blicken zuletzt auf das, was heute als Ereignisse aus dieser Kata- 
strophe iiber weiteste Gebiete der Welt hin hervorgegangen ist. Eines 
miilke auffallig sein fur jede wache Seele. Nehmen Sie doch die eigen- 
tiimliche Tatsache, dafi diese Weltkriegskatastrophe zum Beispiel iiber 
Mitteleuropa hereingebrochen ist, und dafi eigentlich - es ist ja doch 
so - niemand wissen mochte, wie die Dinge eigentlich gekommen sind. 
Die Leute fragen sich, wie die Dinge gekommen sind, geben dem einen 
oder anderen die Schuld, sagen sich aber doch zuletzt immer wieder, 
wenn sie dann glauben, ergrundet zu haben, dafi das eine oder andere 
schuld war: Es kann doch nicht so sein, es mufi da doch noch etwas 
anderes im Spiele sein. 

Die Leute sagen sich: Die groEe soziale Bewegung hat sich heraus- 
ergeben aus dieser Weltkriegskatastrophe. Die Menschen - seien sie 



nun Parteileute, seien sie nicht Parteileute - versuchen zu verstehen, 
was eigentlich geschehen soli innerhalb dieser sozialen Katastrophe. 
Alles, was sich die Menschen dariiber an Gedanken machen, sind ja 
eigentlich gegeniiber den Ereignissen Gedankenmumien, sind Gedan- 
ken, die der Wucht der Ereignisse und dem eigentlichen Charakter 
durchaus nicht gewachsen sind. Und sieht man noch genauer zu, gerade 
jetzt, wo von einer Reihe von scheinbar recht unmittelbar an dem Ent- 
stehen der Weltkatastrophe beteiligten Personen allerlei Memoiren er- 
scheinen, so mufi man sich sagen nach dem, was diese Leute schreiben: 
Standen sie denn vor vier bis funf Jahren wirklich in den Ereignissen 
drinnen? Haben sie eigentlich gewufit, was sie tun? Haben sie eine 
Ahnung gehabt von der Tragweite dessen, was ihr Verstand ausgeheckt 
hat? Immer mehr mu#ten sich die Menschen heute gestehen so etwas, 
wie das Gestandnis des russischen Ministers Suchomlinoff, der mit Be- 
zug auf die drei bis vier Stunden, wo es darauf ankam, dafi er seine 
wichtigsten Entschliisse faftte, vor Gericht gesagt hat: Da mufi ich 
den Verstand nicht gehabt haben, da mufi ich ja verriickt gewesen sein! 

Solche Ereignisse sind tief sprechend. Und sie weisen darauf hin, 
dafi eine Verwirrung des Geistes durch die weitesten Kreise der Betei- 
ligten gegangen ist. Und wer nun wirklich das Zeug dazu hat, in das 
Furchtbare der gegenwartigen Weltereignisse hineinzublicken, der 
kommt schon darauf - und die Leute werden immer mehr darauf 
kommen -: Moralisch ist nicht so sehr viel verfehlt worden, aber um 
so mehr intellektuell durch die Unfahigkeit, die Weltereignisse irgend- 
wie zu durchschauen. Und heute ist es nicht anders. Wie hilflos steht 
im Grunde genommen die grofie Mehrheit der Menschheit da gegen- 
iiber den hereingebrochenen Weltereignissen. Da miifite die ernsteste 
Frage auftauchen: Was liegt denn da eigentlich zugrunde? - Es liegt 
etwas zugrunde, was gerade fur unsere von materialistischer Gesinnung 
durchdrungene Zeit au£erordentlich schwer zu begreifen ist: dafi ge- 
rade seit jenem weltgeschichtlichen Zeitpunkt, in dem die materia- 
listische Weltanschauungswoge besonders hoch gegangen ist, in Wahr- 
heit die starkste geistige Kraft, die jemals in das Menschenleben aus der 
geistigen Welt herein wollte, in dieses Menschenleben jetzt herein will. 
Das ist das Charakteristische in unserer Zeit. Der Geist, die geistige 



Welt will sich seit dem Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts 
mit aller Macht den Menschen offenbaren. Doch die Menschen sind all- 
mahlich an einem Punkte ihrer Entwickelung angekommen, wo sie zum 
Aufnehmen von irgend etwas in der Welt als Werkzeug nur ihren phy- 
sischen Leib benutzen wollen. Sie haben sich aus der materialistischen 
Weltanschauungsgesinnung heraus gewohnt, sogar theoretisch zu ver- 
treten, dafi das physische Gehirn das Werkzeug sei fur das Denken, so- 
gar fur das Fiihlen und sogar fiir das Wollen. Sie haben sich eingeredet, 
dafi der physische Leib das Werkzeug sei fiir alles geistige Leben. Sie 
haben sich das nicht grundlos eingeredet. Sie hatten guten Grund dazu, 
namlich den Grund, daft innerhalb der Menschheitsentwickelung die 
Menschen allmahlich nur den physischen Leib noch benutzen konnten, 
dafi es wirklich nach und nach so gekommen 1st, dafi nur der physische 
Leib fiir die geistige Betatigung als Werkzeug benutzt werden konnte. 
Und so stehen wir heute in dem unendlich wichtigen Knoten der 
Menschheitsentwickelung, wo auf der einen Seite wie im Sturme sich 
offenbaren will die geistige Welt, und wo auf der anderen Seite der 
Mensch die Kraft finden mufi, aus seinem starksten Eingesponnensein 
in das Materielle sich zum neuen Empfangen der Geistesoffenbarun- 
gen heraufzuarbeiten. 

Es ist der Menschheit heute die starkste Priifung ihrer Kraft ge- 
stellt, die Priifung der Kraft des freien Sich-Hinaufarbeitens zu dem 
Geiste, der ganz von selbst der Menschheit entgegenkommt, wenn der 
Mensch sich vor diesem Geiste nicht verschliefit. Aber es ist die Zeit 
vorbei, in der 
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