Ägyptische Mythen und Mysterien

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 

DER ANTHROPOSOPHISCHEN gesellschaft 



RUDOLF STEINER 



Agyptische Mythen 
und Mysterien 

im Verhaltnis zu den wirkenden 
Geisteskraften der Gegenwart 



Ein Zyklus von zwolf Vortragen 

gehalten in Leipzig 
vom 2. bis 14. September 1908 



1992 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgeseheaen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 



Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger 



1. Auflage (Zyklus 5) Berlin 1911 
2. Auflage Dornach 1931 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1960 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978 

5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992 



Biblibgraphie-Nr. 106 

Siegel auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1978 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, 7580 Buhl 



ISBN 3-7274-1060-4 



Zu den Verbffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und verof- 
fentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehalte- 
nen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindli- 
che, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach- 
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschrif- 
ten angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das 
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- 
von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die 
Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige 
Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz 
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi 
gegenuber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriick- 
sichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlu£ 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaften 
auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen 
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten 
Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge- 
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den 
Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Leipzig, 2. September 1908 

Das Wesen der Anthroposophie. Das Reinkarnationsgesetz. Die 
nachatlantischen Kulturen : Der Zusammenhang der siebenten mit 
der altindischen Kultur ; der sechsten mit der urpersischen Kultur ; 
Wiederholung der agyptischen in dem Leben der gegenwartigen 
Kultur, Materialismus, eine Folge der Einbalsamierung; keine 
Wiederholung erlebt die vierte nachatlantische Kulturepoche. 

Zweiter Vortrag, 3. September 1908 

Das Werden der Erde. Das Urerdenatom als Urbild der Menschen- 
gestalt. Sonne, Mond und Erde als ein Korper. Die Abspaltung der 
Sonne ; die Abspaltung des Mondes und die Trennung von Wasser 
und Luft wahrend der lemurischen Zeit. Das BewuBtsein der atlan- 
tischen Zeit. Die Widerspiegelung des kosmischen Geschehens in 
den religiosen Anschauungen der nachatlantischen Kulturen. 
Indische Kultur: Brahma; persische: Ormuzd und Ahriman; agyp- 
tische : Osiris, Isis und Horus ; griechisch-lateinische : Gottergestal- 
ten, eine Erinnerung an hohere Wesenheiten der atlantischen Zeit; 
unsere Kultur: die gotterlose Zeit, sie muB den Christus-Impuls 
aufnehmen und in die Zukunft blicken. Das BewuBtsein muB apo- 
kalyptisch werden. 

Dritter Vortrag, 4. September 1908 

Die letzte atlantische und die nachatlantische Menschheit. Das Be- 
wuBtsein der Atlantier. Der atlantische Mensch drang noch in das 
innere Wesen der Dinge ein, die er wahrnahm. Die Gestalt des 
Menschen in der atlantischen Zeit. Der Atherleib war viel groBer 
als heute. Seine vier typischen Gestalten: Adler, Lowe, Stier, 
Mensch. Die Eingeweihten der atlantischen Zeit. Die atlantischen 
Einweihungsschulen. Dem Einzuweihenden wurde das Urbild der 
Menschengestalt als Meditationsinhalt gegeben. Durch die Kraft 
der Gedanken konnte so noch auf den physischen Leib gewirkt 
werden, daB sich dieser unmittelbar umgestaltete. 

Vierter Vortrag, 5. September 1908 

Das geistige Urbild des Menschen am Anfang der Erdentwicke- 
lung. Die urindische Einweihung: Bild, Ton und Wort. «Veda» - 
das Wort. Die sieben Rishis, die Schuler des Manu. Die Abspaltung 
der Planeten. Jeder der sieben Rishis verstand die Geheimnisse 



eines der sieben Planeten in ihren Wirkungen auf den Menschen. 
Das Verhaltnis des Lehrers zum Schiiler in der indischen, agypti- 
schen und griechischen Zeit. Der heilende Tempelschlaf, eine 
kiinstliche Herstellung des atlantischen BewuBtseins. Der Herab- 
stieg des Urwortes, Christus. 

Funfter Vortrag, 7. September 1908 

Die Entwickelung der Erde im Urzustande. Die polarische Zeit. 
Das Licht als das Kleid der Liebe. Die hyperboraische Zeit. Die 
Abspaltung der Sonne. Sie nahm die feinsten Substanzen (Licht) 
mit heraus. Dadurch verfestigte sich die Erde zu Wasser: die 
«Wassererde». Der Mensch als Wasserwesen. Fische, Amphibien, 
Drachen und Drachentoter. Das Schlangensymbol. Die lemurische 
Zeit. Die Abspaltung des Mondes von der Erde. Der Mensch bildet 
das Knochensystem aus und die Anlage zur Luftatmung sowie das 
BewuBtsein von Geburt und Tod. Licht und Luft; Osiris und 
Typhon. 

Sechster Vortrag, 8. September 1908 

Sonnen- und Mondkrafte, ihre Wirkung auf den Menschen. Der 
Osirismythos. Das vom Monde zuriickgeworfene Sonnenlicht bil- 
det die vierzehn Nervenstrange des Menschen. Osiris wirkt in den 
vierzehn Mondphasen vom Neumond bis zum Vollmond. In der 
Zeit vom Vollmond bis zum Neumond wirkt Isis. Sie bildet die 
weiteren vierzehn Nervenstrange. Die Entstehung des Mannlichen 
und Weiblichen. Die Entstehung der Lunge, des Kehlkopfes und 
des Herzens durch die Wirkung des Horus. 

Siebenter Vortrag, 9. September 1908 

Die Osirislegende. Die Menschheitsentwickelung. Die Gestalt des 
Menschen in der polarischen Zeit. Die Entstehung des Tierreichs. 
Die hyperboraische und lemurische Zeit, Das Leucht- und Wahr- 
nehmungsorgan des damaligen Menschen, die heutige Zirbeldruse. 
Der Tierkreis im Zusammenhang mit der menschlichen Gestalt: 
Fische = FiiBe, Wassermann = Unterschenkel, Steinbock = Knie, 
Schutze = Oberschenkel, Skorpion = Sexus. Entstehung der Ge- 
schlechtlichkeit durch Abspaltung des Mondes. Isis und Osiris als 
die Bildner der oberen menschlichen Gestalt. Die Leier des Apollo. 

Achter Vortrag, 10. September 1908 

Die stufenmaBige Entwickelung der Menschenformen entspre- 
chend dem Gang der Sonne durch die Sternbilder des Tierkreises 
(Waage, Jungfrau). Das AbstoBen der Tierformen (Fische). Chri- 



stus geht mk der Sonne von der Erde fort. Das Fischsymbol der 
ersten Christen. Der EinfluB der Sonnen- und Mondkrafte auf die 
Gestalt des Menschen. Die vier Menschentypen der Atlantis. Die 
Geschlechtertrennung : Mann und Weib entstehen durch das Uber- 
wiegen der Osiris- beziehungsweise Isiskrafte. Der Nerthus- 
Mythos. Die Bilder der Mythen, eine Darstellung realer Tatsachen, 

Neunter Vortrag, 11. September 1908 109 

Die Wirkung der Sonnen- und Mondgeister, der Osiris- und Isis- 
krafte. Die Entstehung des Auges. Schlaf- und Wachzustand des 
Menschen in der lemurischen und atlantischen Zeit. Die indische 
Kultur: Die Welt als Maja. Die persische Kultur: Die physische 
Welt wird Arbeitsfeld. Die agyptisch-babylonisch-assyrisch-chal- 
daische Kultur: Die Welt als Gotterschrift. Die griechisch-latei- 
nische Kultur : Der Mensch pragt sein Selbst der Materie ein. Am 
tiefsten Punkt der Menschheitsentwickelung erscheint Christus 
Jesus physisch auf der Erde, damit der Mensch den Weg in die gei- 
stige Welt zuriickfindet. 

Zehnter Vortrag, 12. September 1908 123 

Die alten Sagen als Bilder von kosmischen Tatsachen und Ereig- 
nissen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Die Verdunke- 
lung des geistigen BewuBtseins der Menschheit; die Gefahr des 
geistigen Todes. Eine Aufhellung kann errungen werden durch 
das Einweihungsprinzip der Mysterien. Die Rettung durch den 
Christus. Die Eingeweihten als Vorlaufer des Christus ; ihr prophe- 
tisches BewuBtsein. Durch Bilder wird der Geist des Schulers der 
agyptischen Einweihung geformt bis zum Begreifen der Ich-Ent- 
wickelung des Menschen. Viele dieser auf okkulten Tatsachen 
beruhenden Bilder sind durch die griechischen Sagen hiniiber- 
gegangen in das BewuBtsein der Menschen. 

Elfter Vortrag, 13. September 1908 141 

Das Wesen der agyptischen Einweihung: die Einpragung iiber- 
sinnlicher Schauorgane in den Astralleib, die er dann dem Ather- 
leib wie Siegelabdriicke eindriickt wahrend eines todahnlichen Zu- 
standes von dreieinhalbTagen, in dem der Atherleib herausgehoben 
wird aus dem physischen; die in den iibersinnlichen Gefilden erleb- 
ten Erfahrungen machen den Wiedererweckten zum Erleuchteten. 
Die kosmische Organkunde der agyptischen Hierophanten. Heute 
sieht der Mensch auf materielle Art, was er friiher im Geistigen 
gesehen hat. Die Bedeutung der Tat des Christus fur die verstorbe- 
nen Seelen. 



Zwolfter Vortrag, 14. September 1908 158 

Der Abdruck des Geistes in den griechischen Kunstschopfungen; 
der Geist als Sklave der Materie in unserer Zeit. Der Christus- 
Impuls als Oberwinder der Materie. Auch die zeitliche Gruppen- 
seelenhaftigkeit in der Generationenreihe ist durch die Christus- 
Kraft iiberwunden worden. Der Vaterweg und der Gotterweg der 
alten Agypter. Isis als die agyptische Volksseele. Pharao als der 
Sohn der Isis und des Osiris. Die Ahnen als Sammler und Spender 
geistiger Giiter und als die zweiundvierzig Totenrichter ; das Er- 
erbte sollte in der physischen Welt kultiviert werden. Wieder- 
erstehung dessen, was damals die Seele erlebt hat zwischen Tod 
und neuer Geburt in unserer Zeit. 



Einladung zum Vortragszyklus 176 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 1 79 

Hinweise zum Text 180 

Namenregister 182 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 183 



ERSTER VORTRAG 



Leipzig, 2. September 1908 

Wenn wir uns fragen, was Geisteswissenschaft den Menschen sein 
soli, so werden wir wohl aus allerlei Empfindungen und Gefuhlen 
heraus, die wir uns im Verlaufe unseres Arbeitens auf diesem Ge- 
biete gebildet haben, eine Antwort immer wieder vor unsere Seele 
stellen: Es soli uns sein Geisteswissenschaft ein Weg zur hdheren 
Entwickelung unserer Menschheit, des Menschentums in uns. 

Damit haben wir ein in gewisser Beziehung fur jeden denkenden 
und fuhlenden Menschen selbstverstandliches Lebensziel hingestellt, 
ein Lebensziel, das einschlieBt die Erreichung der hochsten Ideale, 
das aber auch einschlieBt die Entfaltung der bedeutsamsten, tiefsten 
Krafte in unserer Seele. Im Grunde haben die Besten der Menschen 
zu alien Zeiten sich die Frage gestellt: Wie kann der Mensch das, 
was in ihm veranlagt ist, richtig zur Entfaltung bringen? - Und in 
der mannigfachsten Art sind Antworten gegeben worden. Man kann 
vielleicht keine, die kiirzer und bundiger ist, ftnden als diejenige, 
die aus einer tiefen Gesinnung heraus Goethe gegeben hat in den 
«Geheimnissen» : 

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, 
Befreit der Mensch sich, der sich iiberwindet. 

Ungeheuer viel und ein tiefer Sinn liegt in diesen Worten, denn 
klar und pragnant zeigen sie uns das, worauf es ankommt in bezug 
auf alle Entwickelung. Darauf kommt es an, daft der Mensch sein 
inneres Empfinden dadurch entwickelt, daB er iiber sich selbst hin- 
auskommt. Dadurch finden wir, daB wir uns sozusagen iiber uns 
selbst erheben. Die Seele, die sich iiberwindet, die findet den Weg 
iiber sich hinaus und damit zu den hochsten Giitern der Menschheit. 

Es darf an dieses hehre Ziel der Geisteswissenschaft erinnert 
werden, wenn wir im BegrifTe stehen, gerade ein solches Therm zu 
behandeln wie das, das uns hier beschaftigen soil. Es wird uns 
zunachst hinausfiihren von dem gewohnlichen Horizonte des Lebens 



zu hohen Angelegenheiten. Weite Zeitraume werden wir zu iiber- 
blicken haben, wenn wir behandeln sollen unseren Gegenstand, eine 
Zeitepoche, die sich erstrecken soli von dem alten Agypten bis in 
unsere Zeit. Jahrtausende sind es, die wir zu iiberblicken haben, und 
es wird das, was wir gewinnen wollen, wirklich etwas sein, was mit 
unseren tiefsten Seelenangelegenheiten zusammenhangen soli, was 
in das Innerste unseres Seelenlebens eingreift. Denn nur scheinbar 
ist es, dafi der Mensch dadurch, daB er zu den Hohen des Lebens 
strebt, sich entferne von dem, was ihm unmittelbar gegeben ist; 
gerade dadurch kommt er zu dem Verstandnis fur das, was ihn 
stiindlich beschaftigt. Der Mensch mufi von der Misere des Tages, 
von dem, was der Alltag bringt, abkommen und zu den groBen 
Ereignissen der Welt- und Volkergeschichte hinaufschauen, dann 
erst flndet er das, was die Seele als ihr Heiligstes bewahrt Sonder- 
bar konnte es scheinen, wenn angedeutet wird, daB Beziehungen 
aufgesucht werden sollen, intime Beziehungen zwischen dem alten 
Agypten, den Zeiten, in denen die gewaltigen Pyramiden und die 
Sphinx entstanden, und unserer eigenen Gegenwart. Es konnte vor- 
erst etwas merkwurdig erscheinen, daB man unsere Zeit dadurch 
besser verstehen will, daB man den Blick so weit zuruckwirft. Nun 
werden wir gerade darum noch iiber viel umfassendere, weitere 
Zeitraume zuriickblicken miissen. Aber auch das wird uns das Ergeb- 
nis liefern, das wir vor Augen haben, das wir suchen, das Ergebnis : 
die Moglichkeit zu finden, iiber uns selbst hinauszukommen. 

Es kann demjenigen, der sich schon mit den elementaren Begrif- 
fen der Geisteswissenschaft griindlicher beschaftigt hat, gar nicht 
sonderbar erscheinen, daB man den Zusammenhang sucht zwischen 
weit auseinanderliegenden Zeitraumen. Denn das ist ja eine Grund- 
iiberzeugung von uns, daB die Menschenseele immer wiederkehrt, 
daB die Erlebnisse zwischen Geburt und Tod wiederholt fur den 
Menschen ablaufen. Die Lehre der Wiederverkorperung ist uns 
immer vertrauter geworden. Indem wir das iiberlegen, konnen wir 
fragen: Ja, diese Seelen, die heute in uns wohnen, waren schon oft 
da; ist es nicht moglich, daB sie auch schon einmal im alten Agypter- 
lande da waren, zur Zeit der agyptischen Kulturepoche, daB die- 



selben Seelen in uns sind, die damals aufgeschaut haben zu den gigan- 
tischen Pyramiden und den ratselhaften Sphingen im alten Agypten? 

Diese Frage ist zu bejahen. Es hat sich das Bild erneuert, und un- 
sere Seelen haben aufgeschaut zu den alten Kulturdenkmalern, die 
sie heute wiedersehen. So sind es im Grunde dieselben Seelen, die 
damals gelebt haben, die durchschritten haben spatere Zeitraume 
und wieder erschienen sind in unserer Zeit. Und wir wissen, daB 
kein Leben ohne Frucht bleibt, wir wissen, dafi dasjenige vorhanden 
ist und bleibt in der Seele, was sie an Erlebnissen und Erfahrungen 
durchgemacht hat, daB es in Form von Kraften, im Temperamente, 
in Fahigkeiten, Anlagen wieder erscheint in spateren Verkorperun- 
gen. So ist die Art, wie wir heute die Natur anschauen, wie wir 
das, was unsere Zeit hervorbringt, aufnehmen, die Art, wie wir 
heute die Welt anschauen, im alten Agypten, dem Lande der Pyra- 
miden, veranlagt worden. Damals sind wir so hergerichtet worden, 
wie wir heute hinausblicken in die physische Welt. Wie sich geheim- 
nisvoll die weiten Zeitraume verketten, das wollen wir einmal er- 
griinden. 

Wenn wir den tieferen Sinn dieser Vortrage betrachten wollen, 
so mussen wir weit in unserer Erdenentwickelung zuriickgehen. Wir 
wissen, daB unsere Erde sich oft verandert hat. Dem alten Agypten 
gingen noch andere Kulturen voraus. Mit den Mitteln der okkulten 
Forschung konnen wir auch noch viel weiter zuriickschauen, in graue 
Vorzeiten der Menschheitsentwickelung, und da kommen wir aller- 
dings in solche Zeiten, in denen die Erde ganz anders aussah als 
heute. Es war ganz anders auf dem Boden des alten Asiens und 
Afrikas. Schauen wir hellseherisch hinab in uralte Zeiten, da kom- 
men wir in jene Zeiten, wo eine gewaltige Katastrophe, durch Was- 
serkrafte bewirkt, auf unserer Erde stattgefunden und deren Antlitz 
grundlich geandert hat. Und wenn wir noch weiter zuriickgehen, so 
kommen wir in uralte Zeiten, in denen die Erde eine ganz andere 
Physiognomie hatte; da kommen wir in Zeiten, wo das, was heute 
zwischen Europa und Amerika den Boden des Atlantischen Ozeans 
bildet, oben war, Land war. Da kommen wir in eine Zeit, in der 
unsere Seelen in ganz anderen Leibern lebten als heute, wir kommen 



in' die alte Atlantis, in uralte Zeiten, von denen die auBere Wissen- 
schaft uns heute noch wenig Kunde geben kann. 

Dann haben durch groBe Wasserkatastrophen diese Lander der 
Atlantis ihren Untergang gefunden. Andere Formen hatten damals 
die Leiber der Menschen, andere Formen haben diese spater ange- 
nofflmen. Aber die Seelen, die heute in uns wohnen, wohnten auch 
in den alten Atlantiern. Das waren unsere Seelen. Dann bewirkte 
die Wasserkatastrophe eine innere Bewegung der atlantischen Vol- 
ker, einen groBen Volkerzug vom Westen nach dem Osten. Diese 
Volker waren wir selbst. Gegen das Ende der Atlantis wurde es 
recht bewegt, wir selbst wanderten von Westen nach Osten, durch 
Irland, Schottland, Holland, Frankreich und Spanien. So wanderten 
die Volker nach dem Osten und bevolkerten Europa, Asien und die 
Nordteile von Afrika. 

Nun darf man nicht glauben, daB das, was heriiberzog aus dem 
Westen als letzter groBer Volkerzug, daB dieser auf den Gebieten, 
die sich nach und nach als Asien, Europa, Afrika gebildet haben, 
keine Volker angetroffen hatte. Fast ganz Europa, die Nordteile 
Afrikas und groBe Teile Asiens waren damals schon bevolkert. Es 
wurden diese Landesteile nicht nur von Westen her bevolkert, son- 
dern sie waren schon fuher bevolkert worden, so daB eine im 
Grunde genommen fremde Bevolkerung es war, die schon da war, 
auf welche dieser Volkerzug stieB. Wir konnen uns denken, daB, als 
ruhigere Zeiten eintraten, sich besondere Kulturverhaltnisse heraus- 
hoben. Es war zum Beispiel in der Nahe Irlands ein Gebiet, da 
wohnten vor der Katastrophe, die Jahrtausende hinter uns liegt, 
die vorgeschrittensten Teile der ganzen Erdbevolkerung. Diese Teile 
zogen dann durch Europa unter besonderer Fiihrung von groBen 
Individualitaten bis in ein Gebiet Mittelasiens, und von dort aus 
wurden Kulturkolonien nach den verschiedensten Gegenden ge- 
sandt. Eine solche Kolonie der nachatlantischen Zeit, die dadurch 
entstand, daB von jener Gruppe von Menschen eine Kolonie nach 
Indien geschickt wurde, traf dort schon eine Bevolkerung, die seit 
uralten Zeiten da war, die auch eine Kultur hatte, und indem die 
Kolonisten das schon Vorhandene beriicksichtigten, griindeten sie die 



erste nachatlantische Kultur, die viele Jahrtausende alt ist, von der 
auBere Dokumente kaum etwas vermelden. Das, was diese sagen, 
liegt Jahrtausende spater. In jenen bedeutsamen Sammlungen von 
Weisheit, die wir bezeichnen als die Sammlungen des Veda, in den 
alten Veden haben wir nur die letzten Nachklange von dem, was 
geblieben ist von einer sehr friihen indischen Kultur, die von iiber- 
irdischen Wesen geleitet wurde und begriindet wurde von den 
heiligen Rishis. Es war eine Kultur einziger Art, von der wir uns 
heute nur schwache Vorstellungen machen konnen, denn die Veden 
sind nur der Abglanz jener uralt heiligen indischen Kultur. 

Auf diese Kultur folgte eine andere, die zweite Kulturepoche der 
nachatlantischen Zeit, die Kultur, aus der spater die Weisheit des 
Zarathustra geflossen ist, die Kultur, aus der die persische hervor- 
gegangen ist. Lange hat die indische Kultur gedauert, lange dauerte 
die persische Kultur, die einen AbschluB in Zarathustra erreichte. 

Dann entsteht, wieder unter dem EinfluB von Kolonisten, die ins 
Nilland geschickt wurden, die Kultur, die wir zusammenfassen kon- 
nen mit den vier Namen: Chaldaisch-agyptisch-assyrisch-babylonische 
Kultur. In Vorderasien, in den Nordteilen Afrikas, bildete sich jene 
Kultur, die wir als die dritte der nachatlantischen Zeit zu bezeichnen 
haben, die auf der einen Seite ihren Hohepunkt in der wunderbaren 
chaldaischen Himmelskunde, der chaldaischen Sternenweisheit, und 
auf der anderen Seite in der agyptischen Kultur erreicht hat. 

Dann kommt ein viertes Zeitalter, das sich im Siiden Europas ent- 
wickelte, das Zeitalter der griechisch-lateinischen Kultur, deren Mor- 
genrote sich auspragt in den Gesangen des Homer, die uns zeigt, was 
in den griechischen Bildwerken offenbart werden konnte, die uns 
zeigt eine Dichtkunst, die so Bedeutsames hervorgebracht hat wie 
die Tragodien des Aschylos und Sophokles. Auch das Romertum gehort 
dazu. Es ist eine Epoche, die anfangt etwa im 8. Jahrhundert, 747 vor 
Christus, und die dauerte bis zum 14. und 15. Jahrhundert, 1413 nach 
Christi Geburt. Von da ab haben wir den funften Zeitraum, in dem 
wir uns befinden, und dieser wird abgelost werden von einem sechsten 
und siebenten Zeitraum. In diesem siebenten Zeitraum wird das alte 
Indertum in neuer Form auftreten. 



Wir werden sehen, daB ein eigenartiges Gesetz besteht, das uns 
verstandlich macht das Wirken wunderbarer Krafte durch diese 
Zeitraume hindurch und den Zusammenhang verschiedener Kultur- 
epochen untereinander. Blicken wir 2uerst auf den ersten Zeitraum, 
den der indischen Kultur, so werden wir finden, daB wir spater diese 
erste Kultur wieder aufleuchten sehen in einer neuen Gestalt im 
siebenten Zeitraum. In einer neuen Form wird da das alte Indertum 
auftreten. Ganz geheimnisvolle Krafte wirken da. Und den zweiten 
Zeitraum, den wir den persischen nannten, den werden wir im sech- 
sten Zeitraum wieder aufleuchten sehen. Wir werden, nachdem un- 
sere Kultur untergegangen sein wird, in der Kultur des sechsten 
Zeitraums aufleben sehen die Zarathustra-Religion. Und in unseren 
Vortragen werden wir sehen, wie in unserem funften Zeitraum eine 
Art Wiedererweckung stattfinden wird des dritten, des agyptischen 
Zeitraums. Der vierte Zeitraum steht mitten darinnen; er ist etwas 
fur sich, er hat nach vor- und riickwarts nicht seinesgleichen. 

Um dies geheimnisvolle Gesetz begreiflicher zu machen, soli 
noch folgendes gesagt werden. Wir wissen, daB das Indertum 
etwas hat, was den heutigen Menschen in seinem Humanitats- 
bewuBtsein fremd beriihrt; das ist die Einteilung in bestimmte Kasten, 
die Einteilung in die Priesterkaste, Kriegerkaste, Handler und Arbei- 
ter. Diese strenge Scheidung ist dem heutigen BewuBtsein fremd. 
In der ersten nachatlantischen Kultur war sie nicht etwas Fremdes, 
sondern etwas Selbstverstandliches. Es konnte damals gar nicht 
anders sein, als daB nach den verschiedenen Befahigungen der See- 
len die Menschheit eingeteilt wurde in vier Grade. Eine Harte 
wurde dabei keineswegs empfunden, denn die Menschen wurden 
durch ihre Fiihrer eingeteilt, und die waren eine solche Autoritat, 
daB dasjenige, was sie anordneten, selbstverstandlich maBgebend 
war. Man sagte sich, daB die Fiihrer, die sieben heiligen Rishis, die 
in der Atlantis selbst ihren Unterricht von gottlichen Wesen emp- 
fangen hatten, sehen konnten, an welchen Platz der Mensch gestellt 
werden muBte. So war eine solche Einteilung der Menschen etwas 
ganz Natiirliches. Ganz anders wird eine Gruppierung der Men- 
schen im siebenten Zeitraum eintreten. War es im ersten Zeitraum 



die Autoritat, die die Einteilung bewirkte, im siebenten Zeitraum 
wird es etwas anderes sein: die Menschen werden sich gruppieren 
nach sachlichen Gesichtspunkten. Etwas Ahnliches sehen wir bei 
den Ameisen; sie bilden einen Staat, der in seinem wunderbaren 
Auf bau sowie auch in der Fahigkeit, eine verhaltnismaBig ungeheure 
Aufgabe zu leisten, von keinem Menschenstaat erreicht wird. Und 
doch haben wir dort gerade das vertreten, was heute dem Menschen 
so fremd erscheint, das Kastenwesen; fur jede Ameise gibt es eine 
partielle Aufgabe. 

Was man auch heute denken mag, die Menschen werden ein- 
sehen, daB in der Teilung in sachliche Gruppen das Heil der Men- 
schen liegt, und sie werden die Moglichkeit finden der Arbeits- 
teilung und doch Gleichberechtigung. Die menschHche Gesellschaft 
wird erscheinen wie eine wunderbare Harmonic Das ist etwas, 
was wir in den Annalen der Zukunft sehen konnen. So wird das 
alte Indien wieder erscheinen. Und in einer ahnlichen Art werden 
gewisse Eigenarten des dritten Zeitraums wieder erscheinen im 
funften Zeitraum. 

Wenn wir nun zunachst auf das blicken, was unmittelbar unser 
Thema einschlieBt, so sehen wir da auch ein gewaltiges Gebiet: 
Wir sehen die gigantische Pyramide, die ratselhafte Sphinx; wir 
werden sehen, dafi die Seelen, die den alten Indern angehorten, 
auch in Agypten verkorpert waren, auch heute verkorpert sind. 
Und wenn wir jene allgemeine Charakteristik etwas im einzelnen 
verfolgen, so sollen uns zunachst zwei Erscheinungen vor Augen 
treten, die uns zeigen werden, wie wir schon in den uberirdischen 
Zusammenhangen zwischen der agyptischen und der heutigen Kul- 
tur geheimnisvolle Faden verfolgen konnen. Wir haben das Gesetz 
der Wiederholung in den verschiedenen Zeitraumen gesehen, un- 
endlich bedeutungsvoller wird es uns aber erscheinen, wenn wir es 
in der geistigen Region verfolgen. 

Wir alle kennen ein Bild von tiefer Bedeutung, das uns gewiB 
alien einmal vor die Seele getreten ist, jenes beriihmte Bild des 
Raffae/, das durch eine Verkettung verschiedener Umstande in be- 
deutungsvoller Art gerade bei uns in Mitteldeutschland sich befin- 



det: ich meine die Sixtinische Madonna. Wir haben vielleicht in 
diesem Bilde, das ja in unzahligen Nachbildungen vor vieier Augen 
treten kann, bewundern gelernt die wunderbare Reinheit, die iiber 
die ganze Gestalt ausgegossen ist; wir haben vielleicht auch in dem 
Antlitz der Mutter, in dem eigenartigen Schweben der Gestalt, etwas 
empfunden, vielleicht auch etwas empfunden in dem tiefen Augen- 
ausdruck des Kindes. Und wenn wir dann rundherum die Wolken- 
gebilde sehen, aus denen zahlreiche Engelskopfchen erscheinen, 
dann haben wir ein noch tieferes Gefuhl, ein Gefuhl, das uns be- 
greiflicher erscheinen laBt das ganze Bild. Ich weiB, daB ich etwas 
Gewagtes ausspreche, wenn ich sage: Sieht jemand ganz tief und 
ernstlich dieses Kind im Arme der Mutter, hinter ihm die Wolken, 
die sich gliedern zu einer Summe von Engelskopfchen, dann hat er 
die Vorstellung: Dieses Kind ist nicht auf natiirliche Art geboren, 
es ist eins von denen, die daneben in den Wolken schweben. Dieses 
Jesuskindlein ist selbst solch eine Wolkengestalt, nur etwas dichter 
geworden, als wenn ein solches Engelchen aus den Wolken auf den 
Arm der Madonna geflogen ware. Das ware gerade ein gesundes 
Empfinden. Wenn wir diesen Gefuhlsinhalt in uns lebendig ma- 
chen, dann wird sich unser Blick erweitern, er wird sich befreien 
von gewissen engen Auffassungen iiber die natiirlichen Zusammen- 
hange des Daseins. Gerade aus einem solchen Bilde heraus wird sich 
der enge Blick erweitern konnen dazu, daB auch das, was nach heu- 
tigen Gesetzen geschehen muB, einmal anders gewesen sein konnte. 
Wir werden einsehen, dafi einstmals eine andere als die geschlecht- 
liche Zeugung bestand. Kurz, wir werden tiefe Zusammenhange 
des Menschlichen mit den geistigen Kraften in diesem Bilde er- 
blicken. Das liegt darinnen. 

Wenn wir den Blick zuruckschweifen lassen von dieser Madonna 
in die agyptische Zeit, da begegnet uns etwas ganz Ahnliches, ein 
gleich hehres Bild. Der Agypter hatte die Isis, jene Gestalt, an die 
sich das Wort kniipft: Ich bin, das da war, das da ist, das da sein 
wird. Meinen Schleier hat noch kein Sterblicher geluftet. 

Ein tiefes Geheimnis, unter einem tiefen Schleier verborgen, 
offenbart sich in der Gestalt der Isis, der lieblichen Gottesgeistig- 



keit, der Isis, die in dem geistigen BewuBtsein des alten Agypters, 
ebenso wie unsere Madonna mit dem Jesuskinde, mit dem Horus- 
kinde dastand. In der Tatsache, daB uns diese Isis vorgefiihrt wird 
als etwas, was das Ewige in sich tragt, werden wir wieder erinnert 
an das Empfinden bei dem Anblick der Madonna. Tiefe Geheim- 
nisse haben wir in der Isis zu sehen, Geheimnisse, die im Geistigen 
begriindet sind. Eine Wiedererinnerung an die Isis ist die Madonna, 
die Isis erscheint wieder in der Madonna. Das ist ein soldier Zu- 
sammenhang. Wir rmissen mit dem Gefuhl die tiefen Geheimnisse 
erkennen, die einen uberirdischen Zusammenhang 2wischen der 
agyptischen und der heutigen Kultur darstellen. 

Noch einen anderen Zusammenhang konnen wir heute hinstel- 
len. Wir erinnern uns, wie der Agypter seine Toten behandelte, wir 
erinnern uns an die Mumien, wie der Agypter etwas darauf gab, 
daB die aufiere physische Form lange konserviert werde, und wir 
wissen, daB der Agypter seine Graber anfiillte mit solchen Mumien, 
in denen er die auBere Form erhalten hatte, und daB er dem Ver- 
storbenen in das Grab mitgab gewisse Geratschaften, Besitztumer, 
als Erinnerungen an das verflossene physische Leben, Geratschaften, 
die den Bediirfnissen des physischen Lebens entsprachen. So sollte 
das, was der Mensch im Physischen gehabt hat, erhalten bleiben. 
So verband der Agypter seine Toten mit dem physischen Plan. Die- 
ser Brauch bildete sich immer mehr heraus. Gerade das zeichnete die 
alte agyptische Kultur aus. 

So etwas ist aber nicht ohne Folgen fur die Seele. Denken wir 
daran, daB unsere Seelen in agyptischen Korpern waren. Das ist 
durchaus richtig, daB unsere Seelen in diesen zu Mumien gewor- 
denen Leibern verkorpert waren. Wir wissen aus den Darstellungen, 
die fruher gegeben worden sind, daB dann, wenn der Mensch von 
seinem physischen Leib und seinem Atherleib nach dem Tode befreit 
ist, daB er dann ein anderes BewuBtsein hat, daB er dann keines- 
wegs in einem bewuBtlosen Zustande in der astralischen Welt lebt. 
Er kann hinunterschauen aus der geistigen Welt, wenn er auch heute 
nicht hinaufschauen kann, er kann aber dann hinunterschauen auf 
die physische Erde. Da ist es nicht gleichgultig, ob der Leib als 



Mumie konserviert ist, oder ob dieser Leib verbrannt ist oder ver- 
west. Es entsteht dadurch eine bestimmte Art von Zusammenhang. 
Wir werden den geheimnisvollen Zusammenhang sehen. Dadurch, 
daB im alten Agypten eine lange Zeit die Leiber konserviert geblie- 
ben sind, haben die Seelen in der Zwischenzeit nach dem Tode etwas 
ganz Bestimmtes erlebt. Sie wuBten, wenn sie herabschauten : das ist 
mein Leib. Sie waren an ihn gebunden, an diesen physischen Leib, 
sie hatten vor sich die Form ihres Leibes; wichtig wurde den Seelen 
dieser Leib, denn die Seele ist eindrucksfahig nach dem Tode. Der 
Eindruck, den der mumifizierte Leib gemacht hat, pragte sich tief 
ein, und die Seele wurde nach diesem Eindruck geformt. 

Nun ging diese Seele durch Verkorperungen in der griechisch- 
lateinischen Kultur hindurch, und sie lebt heute in unserer Zeit in 
uns. Es ist nicht wirkungslos, daft diese Seelen nach dem Tode ihren 
murnifizierten Leib gesehen haben, daB sie dadurch immer wieder 
hingelenkt wurden auf diesen Leib; gar nicht unwesenthch ist das. 
Sie haben ihn in ihre Sympathie aufgenommen, und die Frucht die- 
ses Hinunterblickens tritt heute auf, im fiinften Zeitraum in der 
Neigung, die heute die Seelen haben, groBen Wert auf das auBere 
physische Leben zu legen. Alles das, was wir heute das Hangen an 
der Materie nennen, das kommt davon, daB die Seelen anschauen 
konnten damals aus der geistigen Welt ihre eigene Verkorperung. 
Dadurch hat der Mensch die physische Welt lieben gelernt, da- 
durch wird heute so oft gesagt, daB nur wichtig ist dieser physische 
Leib zwischen Geburt und Tod. 

Solche Anschauungen kommen nicht aus dem Nichts. Damit soli 
nicht etwa eine Kritik der Mumienkultur gegeben werden, sondern 
es soli nur hingewiesen werden auf Notwendigkeiten, die mit der 
immer wiederkehrenden Verkorperung der Seele verbunden sind. 
Die Menschen waren in ihrer Weiterentwickelung gar nicht ohne 
das Hinschauen auf die Mumien ausgekommen. Heute hatte der 
Mensch alles Interesse an der physischen Welt verloren, hatten die 
Agypter nicht den Mumienkult gehabt. Es muBte so kommen, um 
ein berechtigtes Interesse an der physischen Welt zu erwecken. DaB 
heute der Mensch sich seine Welt so eingerichtet hat, daB wir heute 



die Welt so sehen, wie wir sie sehen, das ist eine Folge davon, daB 
der Agypter den physischen Leib nach dem Tode mumifiziert hat. 
Denn auch diese Kulturstromung stand unter dem EinfluB von 
Eingeweihten, die vorausschauen konnten. Man hat nicht aus einem 
Einfall heraus Mumien gemacht. Gerade damals fiihrten hohe Indi- 
vidualitaten die Menschheit, welche anordneten, was richtig war. 
Auf Autoritat hin wurde das gemacht. In den Eingeweihtenschulen 
hat man gewuBt, daB unser Zeitraum mit dem dritten Zeitraum zu- 
sammenhangt. Diese geheimnisvollen Zusammenhange standen da- 
mals den Priestern vor Augen, und sie ordneten gerade die Mumi- 
fizierung an, damit die Seelen die Gesinnung aufnahmen, die aus 
der physischen, auBeren Welt geistige Erfahrung sucht. 

So wird die Welt durch Weisheit geleitet; das ist ein anderes 
Beispiel solcher Zusammenhange. DaB die Menschen heute so den- 
ken, wie sie denken, das ist das Ergebnis dessen, was sie erlebt ha- 
ben im alten Agypten. Da blicken wir in tiefe Geheimnisse hinein, 
die sich in den Kulturstromungen ofTenbaren. Wir haben diese Ge- 
heimnisse nur erst beriihrt, denn das, was gezeigt worden ist an der 
Madonna als einer Erinnerung an die Isis, und was wir gesehen ha- 
ben an der Mumifizierung, beriihrt nur schwach die wirklichen gei- 
stigen Zusammenhange. Aber wir werden noch tiefer hineinleuch- 
ten in jene Verhaltnisse, wir werden nicht nur das zu betrachten 
haben, was auBerlich erscheint, sondern wir werden zu betrachten 
haben, was dem AuBeren zugrunde liegt. 

Das auBere Leben verlauft zwischen Geburt und Tod. Ein viel 
langeres Leben lebt der Mensch nach dem Tode, was wir kennen 
als Kamaloka und die Erlebnisse in der geistigen Welt. Die Erleb- 
nisse in den ubersinnlichen Welten sind nicht etwa einformiger als 
die Erlebnisse hier in der physischen Welt. Was erlebten wir denn 
als alte Agypter in der anderen Welt? 

Wenn wir den Blick an der Pyramide entlang schweifen lieBen, 
wenn wir ihn richteten auf die Sphinx, wie ganz anders verfloB jenes 
Leben, wie ganz anders hat unsere Seele damals gelebt zwischen 
Geburt und Tod! Das laBt sich gar nicht vergleichen mit dem heu- 
tigen Leben, das hatte auch gar keinen Sinn. Und mannigfaltiger 



noch als die auBeren Erlebnisse sind die Erlebnisse zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt. Damals, als der agyptische Zeitraum 
war, da erlebte die Seele etwas ganz anderes als in der griechischen 
Welt, als zur Zeit Karls des Grofien und als in unserer Zeit. Auch 
in der anderen, in der geistigen Welt, findet eine Entwickelung 
statt, und das, was der Mensch heute zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt erlebt, ist etwas ganz anderes, als was der alte Agyp- 
ter erlebte, wenn er mit dem Tode ablegte die auBere Ge- 
stalt. Und ebenso wie die Mumifizierung in einer Eigenart sich 
fortgebildet hat, so daB sie die Ursache der heutigen Gesinnung 
ist, ebenso wie dieses auBere Leben vom dritten sich wiederholt in 
dem fiinften Zeitraum, ebenso findet ein Fortgang der Entwickelung 
in jenen geheimnisvollen Welten zwischen Tod und Geburt statt. 
Auch das werden wir zu betrachten haben, auch da wird sich ein 
geheimnisvoller Zusammenhang ergeben. Und dann werden wir 
etwas zusammengetragen haben, um das wirklich zu begreifen, was 
in uns lebt, was in uns Frucht ist aus jener alten Zeit. 

Allerdings werden wir da hinuntergefuhrt in tiefe Schachte des 
Labyrinthes der Erdenentwickelung. Aber gerade dadurch werden 
wir auch den vollen Bezug zwischen dem, was der Agypter baute, 
der Chaldaer dachte, und dem, was wir heute leben, erkennen. Das, 
was damals gewirkt wurde, das werden wir wieder aufleuchten 
sehen in dem, was uns umgibt, in dem, was uns interessiert in un- 
serer Umwelt. Physisch und geistig werden wir uber diesen Zusam- 
menhang Aufschlusse erhalten. Dazu wird gezeigt werden, wie die 
Entwickelung fortschreitet, wie der vierte Zeitraum ein ganz wun- 
derbares Verbindungsglied bildet zwischen dem dritten und fiinften 
Zeitraum. Und so wird sich unsere Seele erheben zu den bedeutungs- 
vollen Zusammenhangen der Welt, und die Frucht wird sein ein 
tiefes Verstandnis dessen, was in uns lebt. 



ZWEITER VORTRAG 



Leipzig, 3. September 1908 

Wir haben gestern versucht, gewisse Zusammenhange in den 
Lebensverhaltnissen, namentlich auch in den geistigen Verhaltnissen 
der sogenannten nachadantischen Zeit, vor unsere Augen zu stellen. 
Wir haben gesehen, wie die erste Kulturepoche dieser Zeit sich 
wiederholen wird in der letzten, der siebenten Kulturepoche, wie 
die persische Kultur sich wiederholen wird in der sechsten Kultur- 
epoche, und wie die Kulturepoche, die uns in den nachsten Tagen 
beschaftigen wird, die agyptische, sich wiederholt in dem Leben und 
den Schicksalen von uns selbst, in der fiinften Kultur. Von der 
vierten Kultur, der griechisch-lateinischen Zeit, konnten wir sagen, 
daB sie sich eine Ausnahmestellung bewahrt hat, daft sie keine Wie- 
derholung erlebt. Damit haben wir skizzenhaft hinweisen konnen 
auf geheimnisvolle Zusammenhange in den Kulturen der nach- 
atlantischen Zeit, die auf die Zeit der Atlantis folgte, der Atlantis, 
die durch gewaltige Wasserkatastrophen zugrunde gegangen ist. 
Auch diese der Atlantis nachfolgende Zeit wird untergehen. 

Am Ende unserer fiinften groBen Epoche, der nachadantischen, 
werden auch Katastrophen folgen, die ahnlich wirken werden wie 
jene am SchluB der atlantischen Epoche. Durch den Krieg aller ge- 
gen alle wird die siebente Kultur der fiinften Epoche ihren AbschluB 
finden. Es waren interessante Zusammenhange, die da angedeutet 
worden sind in gewissen Wiederholungen, die, wenn wir sie genauer 
verfolgen werden, tief hineinleuchten werden in unser Seelenleben. 

Heute miissen wir, womit wir uns einen Unterbau schaffen wol- 
len, noch andere Wiederholungen vor unser geistiges Auge treten 
lassen. Wir werden den Blick weit hinausschweifen lassen in das 
Werden unserer Erde und werden sehen, daB die weiten Horizonte 
uns ganz intim interessieren miissen. 

Nur eine Mahnung sei noch an den Anfang gestellt, eine War- 
ming vor schematischen Wiederholungen. Wenn auf dem Gebiete 
des Okkultismus von solchen Wiederholungen die Rede ist, wie: 



die erste Kulturepoche wiederholt sich in der siebenten, die dritte 
in der funften, dann kann leicht irgendeine Kombinationsgabe 
sich betatigen wollen und solche Schemata auch fur andere Ver- 
haltnisse aufsuchen wollen. Man konnte glauben, daB man das 
konnte, und in der Tat wird in vielen Biichern iiber Theosophie 
mancher Unfug dadurch getrieben. Da muB denn streng gewarnt 
werden, daB nicht solche Kombinationen entscheiden, sondern ein- 
zig die Anschauung, die geistige Anschauung, sonst wird man 
fehlgehen. Vor solchen Kombinationen muB gewarnt werden. Das 
was wir lesen konnen in der geistigen Welt, laBt sich zwar durch 
Logik begreifen, aber nicht finden. Erleben laBt es sich nur durch die 
Erfahrung. 

Wir miissen, wenn wir genauer die Kulturepochen verstehen wol- 
len, uns einen tjberblick verschaffen iiber das Werden der Erde 
iiberhaupt, wie es sich darstellt dem Seher, der in das Geschehen 
urferner Vergangenheit seinen geistigen Blick richten kann. 

Wenn wir innerhalb dieses Werdens der Erde weit zuruckblicken, 
dann konnen wir uns sagen, daB unsere Erde nicht immer so aussah 
wie heute. Sie hatte nicht den festen mineralischen Grund wie heute, 
das Mineralreich war nicht so wie heute, auch trug sie nicht solche 
Pflanzen und Tiere wie heute, und die Menschen waren nicht in 
einem fleischlichen Leibe wie heute, der Mensch hatte kein Kno- 
chensystem. Das hat sich alles erst spater gebildet. Je weiter wir 
zuriickschauen, desto mehr nahern wir uns einem Zustand, den wir, 
wenn wir ihn aus den Weltenfernen hatten betrachten konnen, ge- 
sehen haben wiirden nur wie einen Nebel, wie eine feine, atherische 
Wolke. Dieser Nebel wiirde zwar viel groBer gewesen sein als unsere 
heutige Erde, denn dieser Nebel wiirde gereicht haben bis in die 
Fernen der auBersten Planeten unseres Sonnensystems und dariiber 
hinaus. Das alles hatte umfaBt eine weitreichende Nebelmasse, 
worin nicht allein das war, woraus sich unsere Erde gebildet hat, 
sondern alle Planeten, auch die Sonne selbst waren darin. Und wenn 
wir diese Nebelmasse genauer hatten untersuchen konnen - vor- 
ausgesetzt, der Beschauer hatte sich ihr nahern konnen -, so 
wiirde sie fur uns so ausgesehen haben, wie wenn sie aus lauter 



feinen atherischen Punkten zusammengesetzt gewesen ware. Wenn 
wir einen Miickenschwarm von feme ansehen, dann erscheint die- 
ser uns wie eine Wolke, in der Nahe aber sehen wir die einzelnen 
Tierchen. So etwa hatten wir damals die Masse der Erde in urferner 
Vergangenheit gesehen, die damals nicht materiell war in unserem 
Sinne, sondern bis zum atherischen Zustande verdichtet war. Diese 
Erdenbildung bestand also aus einzelnen Atherpunkten, aber mit 
diesen Atherpunkten war etwas ganz Besonderes verbunden. Wenn 
wir allerdings daran festhalten, daB das menschliche Auge die 
Punkte hatte sehen konnen, so hatte dieses nicht so etwas wahr- 
genommen, wie der Hellseher das gesehen haben wurde, was er 
heute auch noch in der Tat riickblickend sieht. Das wollen wir uns 
durch einen Vergleich naherbringen. 

Nehmen wir ein Samenkorn einer Rose, einer wilden Rose, ein 
vollig ausgebildetes Samenkorn. Was sieht der, der es betrachtet? 
Er sieht einen Korper, der sehr klein ist, und wenn er nicht gelernt 
hat, wie das Samenkorn der wilden Rose aussieht, so wird er niemals 
herauskriegen konnen, daB da eine Hundsrose herauswachsen kann. 
Das wurde er aus der bloBen Form des Korns niemals erraten. Der 
aber, der mit einer gewissen hellseherischen Fahigkeit begabt ist, 
der wird folgendes erleben konnen. Das Samenkorn wird allmah- 
lich vor seinem Blick verschwinden, aber vor sein hellseherisches 
Auge wird treten eine blumenahnliche Gestalt, die aus dem Korn 
geistig herauswachst. Sie steht vor dem hellseherischen Blick, eine 
wirkliche Form, die nur im Geiste erschaut werden kann. Diese 
Form ist das Urbild dessen, was spater herauswachst aus dem Korn. 
Nun wiirden wir uns irren, wenn wir glaubten, dafi dieses Bild ganz 
der Pflanze gleich sei, die dem Samenkorn entspricht. Es ist ganz 
und gar nicht gleich. Es ist eine wunderbare Lichtgestalt, die in sich 
Stromungen und komplizierte Bildungen zeigt, und man konnte sa- 
gen, dafi das, was spater herauswachst aus dem Korn, bloB ein Schat- 
ten dieser wunderbaren geistigen Lichtgestalt sei, die der Hellseher in 
dem Samenkorn sehen kann. Halten wir dieses Bild fest, wie der Hell- 
seher sieht das Urbild der Pflanze, und jetzt sehen wir wieder auf 
unsere Urerde, auf die einzelnen atherischen Punkte zuruck. 



Wenn nun der Hellseher, ebenso wie in dem vorigen Beispiele, 
sich gegeniiberstellte einem solchen atherischen Staubpunkte der 
Ursubstanz, so wiirde fur ihn aus diesem atherischen Staubkorn, 
ganz in ahnlicher Weise wie aus dem Samenkorn, eine Lichtgestalt 
herauswachsen, eine prachtige Gestalt, die in Wirklichkeit nicht da 
ist, die schlummernd in diesem Staubkorn ruht. Und was ist es denn, 
was da als eine Gestalt der Seher sehen kann, ruckblickend auf die- 
ses Urerdenatom? Was ist es denn, was da herauswachst? Das ist 
eine Gestalt, die wiederum verschieden ist - so verschieden wie 
das Urbild der Pflanze von der sinnlichen Pflanze - von dem physi- 
schen Menschen: Es ist das Urbild der heutigen Menschengestalt. 
Damals schlummerte geistig die Menschengestalt in dem atherischen 
Staubkorn, und die ganze Erdenentwickelung war notwendig, damit 
das, was da ruhte, zum heutigen Menschen sich entwickelte. Dazu 
waren viele, viele Dinge notwendig, so wie fur das Samenkorn auch 
vieles notwendig ist, wie der Samen in die Erde gesenkt werden 
muB, und wie die Sonne ihm ihre Warmestrahlen schicken muB, 
damit er sich zur Pflanze entwickelt. Und wir werden allmahlich 
verstehen, wie das zum Menschen wurde, wenn wir uns klarmachen, 
was alles geschehen ist in der Zwischenzeit. 

In der urfernen Vergangenheit waren mit unserer Erde alle Pla- 
neten verbunden. Wir wollen jedoch zunachst einmal Sonne, Mond 
und Erde betrachten, die uns ja auch heute besonders interessieren. 
Unsere Sonne, unser Mond und unsere Erde waren damals auch 
nicht allein, sondern sie waren beisammen. Wenn wir diese drei 
heutigen Korper zusammenruhren wiirden wie zu einem Brei in 
einem groBen Weltentopfe, und wir uns das als einen Weltenkorper 
denken wiirden, so wiirden wir das bekommen, was die Erde in 
ihrem Urzustand war, namlich : Sonne plus Erde plus Mond. Natiir- 
lich konnte da der Mensch nur in einem geistigen Zustande leben. 
Damals konnte er nur in diesem Zustande leben, weil mit der Erde 
auch verbunden war, was in der heutigen Sonne ist. Und es dauerte 
eine lange, lange Zeit hindurch, daB der Weltenkorper, unsere Erde, 
Sonne und Mond noch in sich hatte und noch zusammen war mit 
all den Wesenheiten und Kraften, die damit verbunden waren. In 



diesen Zeiten war der Mensch noch in dem Uratom des Menschen 
nut geistig vorhanden. Das ist erst anders geworden in der Zeit, 
in der sich etwas ganz Bedeutsames in unserer Weltenentwickelung 
vollzogen hatte, namlich, als sich die Sonne als ein selbstandiger 
Korper abspaltete und zuriickgelassen hat Erde und Mond. Jetzt 
haben wir, was friiher eine Einheit war, als eine Zweiheit, zwei 
Weltenkorper, die Sonne und andererseits die Erde plus Mond. 
Warum ist das geschehen? 

Alles was geschieht, hat natiirlich einen tiefen Sinn, den wir 
verstehen werden, wenn wir riickschauend finden, daB damals auf 
der Erde nicht nur Menschen lebten, sondern daB auch andere 
Wesen geistiger Art mit ihnen verbunden waren, die zwar nicht fur 
physische Augen wahrnehmbar waren, die aber doch vorhanden 
waren, so wahr vorhanden wie die Menschen und die anderen phy- 
sischen Wesen. So sind zum Beispiel mit unserer Welt Wesen ver- 
bunden, im Umkreis der Erde lebend, die die christliche Esoterik 
Engel, Angeloi nennt. Diese Wesenheiten konnen wir uns am besten 
vorstellen, wenn wir bedenken, daB ein solches Wesen auf der Stufe 
steht, auf welcher der Mensch sein wird, wenn die Erde ihre Ent- 
wickelung beendet haben wird. Heute sind diese Wesen schon so 
weit, wie der Mensch am Ziel seiner Erdenentwickelung sein wird. 
Eine noch hohere Stufe nehmen die Erzengel, Archangeloi oder 
Feuergeister ein, Wesenheiten, welche wir erblicken konnen, wenn 
wir unseren geistigen Blick richten auf die Angelegenheiten ganzer 
Volker. Diese Angelegenheiten werden gelenkt von Wesenheiten, 
die man Erzengel oder Archangeloi nennt. Eine noch hohere Art 
von Wesenheiten nennt man die Urbeginne oder Archai oder die 
Geister der Personlichkeit, und wir finden diese, wenn wir den 
Blick schweifen lassen iiber ganze Zeiten und viele Volker und 
deren Beziehungen und Gegensatze und ins Auge fas sen das, was 
man gewohnlich den Zeitgeist nennt. Wenn man zum Beispiel un- 
sere Zeit betrachtet, so wird diese geleitet von hoheren Wesen, die 
man Urbeginne oder Archai nennt. Dann gibt es noch hohere 
Wesenheiten, die man in der christlichen Esoterik Gewalten oder 
Exusiai oder Geister der Form nennt. So sind also mit unserer Erde 



verbunden unzahlige Wesenheiten, die sich sozusagen wie in einer 
Art von Stufenleiter dem Menschen angliedern. 

Wenn wir bei dem Mineral anfangen und aufsteigen vom Mineral 
zur Pflanze, von der Pflanze zum Tier und dann zum Menschen, 
so ist der Mensch das hochste physische Wesen; die anderen aber 
sind ebenso da, sie sind zwischen uns, durchdringen uns. Im Be- 
ginne unserer Erdenentwickelung nun, von der wir eben gesprochen, 
als die Erde gleichsam als Urnebel auftaucht aus dem SchoBe der 
Ewigkeit, da sind alle solchen Wesen verbunden mit der Erde, und 
es wiirde sich fur den Hellseher ergeben, wie zu gleicher Zeit mit 
der Menschengestalt auch andere Wesen jenes Bild durchdringen. 
Es sind die oben genannten Wesen und Wesen noch hoherer Art, 
wie die Machte, die Herrschaften, die Throne, die Cherubim und 
dann die Seraphim. Das sind alles Wesen, die innig verbunden 
waren mit jenem gewaltigen atherischen Staub, aber sie stehen auf 
verschiedenen Stufen der Entwickelung. Es gibt solche, welche eine 
Erhabenheit haben, von der der Mensch keine Ahnung hat, doch 
gibt es auch Wesen, die den Menschen naherstehen. Weil solche 
Wesenheiten auf verschiedener Stufe standen, konnten sie ihre Ent- 
wickelung nicht in der Art durchmachen wie der Mensch, es mufite 
fur sie ein Wohnplatz geschaffen werden. Es waren unter den hohen 
Wesenheiten solche, die sehr viel eingebuBt hatten, wenn sie mit 
den niederen Wesen verbunden geblieben waren. Daher sonderten 
sie sich ab. Sie nahmen aus dem Nebel die feinsten Substanzen 
heraus und bildeten sich in der Sonne ihren Wohnsitz. Sie bildeten 
sich dort ihren Himmel; da fanden sie das rechte Tempo ihrer Ent- 
wickelung. Waren sie in den geringeren Substanzen geblieben, die sie 
in der Erde zuriickgelassen haben, dann wiirden sie dadurch ihre Ent- 
wickelung nicht haben fortsetzen konnen. Das ware eine Hemmung, 
wie ein Bleigewicht in ihrer Entwickelung gewesen. Wir sehen daraus, 
wie das, was materiell geschieht, wie die Spaltung der Weltsubstanz, 
nicht bloB aus physikalischer Ursache geschieht, sondern durch die 
Krafte der Wesenheiten, die einen Wohnsitz fur ihre Entwickelung not- 
wendig haben; es geschieht, weil sie ihr Weltenhaus bauen miissen. 
Das miissen wir betonen, daB geistige Ursachen zugrunde liegen. 



So ist zuriickgeblieben auf der Erde plus Mond der Mensch und 
mit ihm hohere Wesen der untersten Hierarchie, wie Engel und 
Erzengel und Wesenheiten, die tiefer standen als er selbst. Nur 
eine einzige machtige Wesenheit, die eigentlich schon reif war, mit 
auf den Schauplatz der Sonne zu wandern, hat sich geopfert und 
ist mitgegangen mit Erde plus Mond. Es ist die Wesenheit, die spa- 
ter Jahve oder Jehova genannt wurde. Er hat die Sonne verlassen 
und wurde dann der Leiter der Angelegenheiten auf der Erde plus 
Mond. So haben wir zwei Wohnplatze: die Sonne mit den erhaben- 
sten Wesen, unter der Fiihrung einer besonders hohen, erhabenen 
Wesenheit, die die Gnostiker zum Beispiel sich vorzustellen versuch- 
ten unter dem Namen Pleroma. Wir sollen uns dieses Wesen vor- 
stellen als den Regenten der Sonne. Jahve ist der Leiter der Erde 
plus Mond. Wir wollen das ganz besonders festhalten, daB die 
edelsten, erhabensten Geister mit der Sonne herausgegangen sind 
und die Erde mit dem Monde zuriickgelassen haben. Der Mond war 
noch nicht abgespalten, er war noch in der Erde darinnen. Wie 
kann man nun diesen kosmischen Vorgang der Abtrennung der 
Sonne von der Erde empfinden? Man muB vor alien Dingen die 
Sonne mit ihren Bewohnern empfinden als das Hehrste, Reinste, 
Erhabenste, was mit der Erde fruher in Verbindung gewesen war, 
und dann muB man empfinden das, was Erde plus Mond ist, als das, 
was sich dagegen als das Niedere herausgebildet hat. Der Zustand 
war damals noch niedriger als der unserer heutigen Erde. Diese 
steht wiederum hoher, denn es trat ein spaterer Zeitpunkt ein, in 
dem die Erde sich des Mondes entledigte und mit ihm ihrer groberen 
Substanzen, mit denen der Mensch sich nicht weiter hatte entwickeln 
konnen. Die Erde muBte den Mond herauswerfen. 

Vorher aber war die finsterste, schauervollste Zeit fur unsere Erde, 
da war das, was die edlen Entwickelungsanlagen hatte, unter die 
Gewalt schlimmer, sehr schlimmer Krafte gekommen, und erst da- 
durch konnte der Mensch weiterkommen, daB er die schlimmsten 
Daseinsbedingungen mit dem Monde heraussetzte. 

Wir miissen empfinden, daB da ein Lichtprinzip, ein Prinzip der 
Erhabenheit, das Prinzip der Sonne, entgegensteht dem Prinzip der 



Finsternis, dem Prinzip des Mondes. Hatte man da hellseherisch 
angesehen die Sonne, die damals herausgetreten war, man wiirde 
die Wesen gesehen haben, die sie bewohnen wollten. Aber noch 
etwas anderes hatte man wahrgenommen. Es wiirde, was sich als 
Sonne herausgezogen hatte, sich nicht nur gezeigt haben als ein Zu- 
sammenhang von geistigen Wesen, es hatte sich auch nicht atherisch 
gezeigt, denn das gehorte zum Groberen: es hatte sich gezeigt als 
etwas Astralisches, wie eine machtige Lichtaura. Was man als Licht- 
prinzip empfunden hatte, das hatte man als eine leuchtende Aura 
im Weltenraum gesehen. Dadurch, daB die Erde aber dieses Licht 
herausgelassen hatte, wiirde sie plotzlich verdichtet ausgesehen ha- 
ben, wenn auch noch nicht fest mineralisch. Ein gutes und ein boses, 
ein helles und ein finsteres Prinzip standen sich dazumal gegeniiber. 

Nun wollen wir einmal sehen, wie die Erde aussah, bevor sie den 
Mond heraussetzte. Ganz falsch wiirde die Vorstellung sein, wenn 
man sie sich denken wiirde wie unsere heutige Erde. Der Kern der 
damaligen Erde war eine feurige, brodelnde Masse. Dieser Kern wiirde 
als ein Feuerkern erschienen sein, der aber umgeben war von mach- 
tigen Wassergewalten, jedoch nicht wie unser heutiges Wasser, denn 
darinnen waren ja auch enthalten die Metalle in fliissiger Form. 
In all dem drinnen war der Mensch, aber in ganz anderer Gestalt. 

So war die Erde damals, als sie den Mond heraussonderte. Vor 
alien Dingen war damals auf der Erde nicht die Luft zu finden, die 
war gar nicht darinnen. Die Wesen, die damals da waren, brauch- 
ten gar keine Luft, sie hatten ein ganz anderes Atmungssystem. Der 
Mensch war eine Art Fisch-Amphibium geworden. Aber aus ganz 
weicher, fliissiger Materie bestand er. Das, was er in sich sog, 
war nicht Luft, sondern dasjenige, was in dem Wasser ent- 
halten war. So etw T a sah die Erde in der damaligen Zeit aus. Wir 
rmissen die damalige Zeit empfinden als etwas, wo die Erde tiefer 
stand als unsere heutige Erde. Das muBte so sein. Der Mensch hatte 
sonst niemals das richtige Tempo und die Mittel zu seiner Ent- 
wickelung finden konnen, hatten sich nicht Sonne und Mond von 
der Erde abgespalten. Mit der Sonne in der Erde ware alles zu 
schnell gegangen, aber viel zu langsam ware alles gegangen mit den 



Kraften, die jetzt auf dem Monde wirken. Als der Mond unter 
machtigen Katastrophen sich herauszog aus der Erde, da bereitete 
sich nach und nach vor, was man nennen konnte die Trennung einer 
Lufthiille und des Wasserelements. Die Luft war damals ganz und 
gar nicht die Luft von heute, sondern alle moglichen Dampfe waren 
noch darinnen enthalten. Aber dasjenige Wesen, was sich damals 
allmahlich vorbereitete, war erst eine gewisse Anlage zum heuti- 
gen Menschen. Wir werden das alles noch genauer zu schildern 
haben. 

So haben wir den Menschen in drei Verhaltnissen kennengelernt. 
Erstens in dem Verhaltnis, wo er zusammenlebte mit Erde plus 
Sonne plus Mond und alien hoheren Wesenheiten in dem einen 
Weltenkorper. Da wiirde er sich fur den hellsehenden Blick so dar- 
stellen, wie wir das beschrieben haben. Dann konnen wir ihn unter 
recht ungiinstigen Verhaltnissen kennenlernen auf der Erde plus 
Mond. Ware er in diesem Verhaltnis geblieben, er ware ein sehr 
bosartiges, ein furchtbar wildes Wesen geworden. Als die Sonne 
sich getrennt hatte, da haben wir den Gegensatz von Sonne auf der 
einen Seite, und Mond plus Erde auf der anderen Seite. Die Sonne 
erglanzte, als die groBe gewaltige Sonnenaura im Raum, in ihrer 
strahlenden Glorie. Auf der anderen Seite blieben die Erde plus 
Mond mit all den unheimlichen Kraften, welche auch die edleren 
Elemente im Menschen herunterzogen. So war die Zweigliedrigkeit 
entstanden. Und dann kommt die Dreigliedrigkeit. Die Sonne bleibt, 
was sie ist, die Erde aber trennt sich von dem Monde, die grobsten 
Substanzen treten heraus ; der Mensch aber bleibt auf der Erde zuriick. 

Als ein dreifaches Prinzip empfindet der Mensch die Krafte, 
wenn er auf den dritten Zeitraum blickt. Er fragt sich: Woher kom- 
men diese Krafte? - Im ersten Zeitraum war der Mensch noch mit all 
den hohen Kraften der Sonne verbunden. Die Krafte, die sich in 
dem zweiten Zeitraum entwickelten, waren dann mit dem Monde 
hinausgegangen. Wie eine Erlosung empfand das der Mensch, aber 
er hatte auch die Erinnerung an den ersten Zeitraum, als er noch 
mit den Sonnenwesen vereint war. Der Mensch hatte die Sehnsucht 
kennengelernt, er empfand sich als der verstoBene Sohn. Und mit 



den Kraften, die mit Sonne und Mond hinausgegangen waren, mit die- 
sen Kraften konnte er sich fuhlen als ein Sohn von Sonne und Mond. 

So entwickelt sich unser Erdenkorper von der Einheit zur Zwei- 
heit, bis zur Dreiheit: Sonne, Erde, Mond. Die Zeit, wo der Mond 
sich herausspaltete, wo der Mensch erst die Moglichkeit erhielt, sich 
zu entwickeln, diese Zeit bezeichnet man als das lemurische Zeit- 
alter. Und nachdem gewaltige Feuerkatastrophen die lemurische 
Zeit abgeschlossen hatten, da trat allmahlich ein Zustand unserer 
Erde ein, der herbeifuhren konnte die Verhaltnisse, die in der alten 
Atlantis sich entwickeln konnten. Die ersten Anfange von Land 
ragten aus den Wassermassen empor. Das war lange Zeit nach der 
Herausspaltung des Mondes. Aber durch diese Herausspaltung 
konnte die Erde sich erst so entwickeln. In der Atlantis war der 
Mensch auch noch ganz anders als heute - das werden wir spater 
noch beriihren konnen -, aber in der atlantischen Zeit war er doch 
schon so weit, daB er als eine weiche, sozusagen schwimmende, 
schwebende Masse sich fortbewegte und die Lufthiille belebte. Erst 
ganz allmahlich entwickelte sich das Knochensystem. Um die Mitte 
der Atlantis ist der Mensch erst soweit, daB er einigermaBen unserer 
heutigen Gestalt ahnlich sieht. Aber der Mensch hatte in der Atlantis 
ein hellseherisches BewuBtsein, und unser heutiges BewuBtsein hat 
sich erst in viel spateren Zeiten entwickelt, und wollen wir den da- 
maligen Menschen verstehen, so miissen wir dieses damalige Hell- 
seherbewuBtsein uns vor Augen fuhren. Wir verstehen es am besten 
im Verglekh mit dem heutigen BewuBtsein. 

Heute nimmt der Mensch von dem Morgen bis zum Abend die 
Welt sinnlich wahr. Er nimmt durch seine Sinnestatigkeit fortwah- 
rend Gesichts- und Gehorseindnicke auf. Mit dem Einbruch der 
Nacht jedoch sinkt diese sinnliche Welt in ein Meer von BewuBt- 
losigkeit fur den Menschen unter. Allerdings fur den Okkultisten 
ist das in Wirklichkeit keine BewuBtlosigkeit, sondern nur ein nie- 
derer Grad von BewuBtsein. Jetzt wollen wir uns klarmachen, daB 
heute der Mensch ein doppeltes BewuBtsein hat, ein helles Tages- 
bewuBtsein und ein Schlaf- oder TraumbewuBtsein. So war es nun 
nicht in den ersten Zeiten der Atlantis. 



Betrachten wir den Wechsel zwischen Wachen und Schlaf in die- 
ser ersten Zeit. Da war es auch so, daB der Mensch wahrend einer 
bestimmten Zeit untertauchte in seinen physischen Leib, aber er 
nahm da die Gegenstande nicht in den scharfen Konturen wahr wie 
heute. Wenn wir uns etwa vorstellen, wir gingen aus in einem dich- 
ten Winternebel, und wir sahen abends die Laternen wie umgeben 
von einer Lichtaura, so haben wir eine ungefahre Vorstellung von 
dem GegenstandsbewuBtsein des Atlantiers. Alles war fur den da- 
maligen Menschen umgeben von solchem Nebel, alles war wie in 
einem Nebel darinnen. Das war damals der Tagesanblick. Des 
Nachts bot sich ein ganz anderer dar. Der Nachtanblick war aber 
auch nicht der, wie er heute ist. Wenn der Atlantier herausstieg 
aus seinem Leibe, so versank er nicht in BewuBtlosigkeit, sondern er 
befand sich in einer Welt gottlich-geistiger Wesen, von Ich-Wesen, 
die er um sich herum wahrnahm als seine Genossen. So wahr der 
Mensch heute wahrend der Nacht diese Wesen nicht sieht, so wahr 
ist er in jenen Zeiten in ein Meer von Geistigkeit untergetaucht, in 
dem er in der Tat die gottlichen Wesen wahrnahm. Bei Tage war er 
der Genosse der niederen Reiche, bei Nacht war er der Genosse der 
hoheren Wesenheiten. So lebte der Mensch in einem GeistesbewuBt- 
sein, wenn auch dammerhaft; wenn er auch kein SelbstbewuBtsein 
hatte, er lebte unter diesen gottlich-geistigen Wesenheiten. 

Jetzt verfolgen wir einmal die vier Zeitraume in unserer Erden- 
entwickelung. Wir verfolgen zuerst den Zeitraum, in dem Sonne 
und Mond noch verbunden waren mit der Erde. Diesen Zeitraum 
stellen wir vor unsere Seele. Wir miissen uns sagen: reine, ideale 
Wesen sind die Wesen dieser Erde eigentlich, und der Mensch ist 
eigentlich nur als ein Atherkdrper vorhanden und nur geistigen Augen 
erschaubar. Dann kommen wir zu dem zweiten Zeitraum. Wir sehen 
die Sonne als einen Korper fur sich, sichtbar als Aura, und Mond 
plus Erde als eine Welt des Bosen. Dann kommen wir zu einem 
dritten Zeitraum: der Mond trennt sich auch von der Erde, und 
auf die Erde wirken die Krafte, die das Ergebnis dieser Dreiheit 
sind. Und dann kommen wir zu einem vierten Zeitraum. Der 
Mensch ist da schon ein Wesen in der physischen Welt, die ihm 



nebelhaft erscheint; im Schlafe ist er noch der Genosse gottlicher 
Wesenheiten. Das ist der Zeitraum, der abschliefit mit gewaltigen 
Wasserkatastrophen, die Zeit der Atlantis. 

Und jetzt gehen wir einmal einen Schritt weiter, gehen wir zu 
dem Menschen der nachatlantischen Zeit. Wie gesagt, er hat sich 
durch viele Jahrtausende entwickelt. Wir sehen ihn zunachst in den 
ersten Kulturepochen der nachatlantischen Zeit: der urindischen, 
der urpersischen, der agyptisch-chaldaisch-babylonischen und der 
griechisch-lateinischen Kultur und in unserer funften Kultur. Was 
hatte der Mensch vor alien Dingen verloren? Eines hatte er ver- 
loren, das wir uns vorstellen konnen, wenn wir die Schilderung der 
Atlantis uns vor Augen halten. 

Versuchen wir uns den Schlafzustand der Atlantier vorzustellen. 
Da war der Mensch noch der Genosse des Geistigen, der Gotter, er 
nahm eine Welt des Geistigen wahr, wirklich wahr. Das hatte der 
Mensch nach der atlantischen Katastrophe verloren. Nachtliches 
Dunkel breitete sich um ihn aus. Dafur trat eine Aufhellung des 
TagesbewuBtseins ein und die Entwickelung des Ichs. Das alles 
hatte sich der Mensch errungen, aber die alten Gotter waren fur 
ihn entschwunden, sie waren nur noch Erinnerungen, und alles, was 
die Seek erlebt hatte, war in der ersten nachatlantischen Zeit bloB 
Erinnerung, Erinnerung an den fruheren Umgang mit diesen Gotter- 
wesenheiten. 

Nun wissen wir, daB die Seelen dieselben bleiben, daB sie sich 
wiederverkorpern. Gerade wie in den alten Zeiten der Atlantis 
unsere Seelen schon dabei waren, schon wohnten in den Korpern, 
so waren auch diese Seelen bei der Trennung von Mond und Sonne 
von der Erde und auch schon in der allerersten Zeit da. Der Mensch 
war schon da im atherischen Staub. Und jetzt sind die fiinf Kultur- 
epochen der nachatlantischen Zeit in ihren Weltanschauungen, in 
dem, was ihre Religionen sind, nichts anderes als die Erinnerungen 
an die alten Epochen der Erde. 

Der erste, der urindische Zeitraum, der entwickelte eine Religion, 
die wie ein inneres Aufleuchten erscheint, wie eine innere Wieder- 
holung in Vorstellungen und Gefiihlen des allerersten Zeitraums, 



wo Sonne und Mond noch mit der Erde verbunden waren, wo jene 
erhabenen Wesen der Sonne noch auf der Erde wohnten. Wir kon- 
nen uns denken, daB da eine erhabene Vorstellung geweckt werden 
muBte. Und den Geist, der sich mit alien Engeln und Erzengeln, mit 
alien Geistern, hohen Gottern und Wesenheiten verband, in dem 
ersten Zustande der Erde, dem Urnebel, den faBte das indische Be- 
wuBtsein zusammen unter einer hohen Individualist, unter dem 
Namen Brahm, Brahma. Im Geiste wiederholte die erste Kultur- 
epoche der nachatlantischen Zeit das, was geschehen war. Sie ist 
nichts anderes als eine Wiederholung der ersten Erdepoche im in- 
neren Anschauen. 

Nun fassen wir die zweite Kulturperiode ins Auge. In dem Prin- 
zip des Lichtes und der Finsternis, da haben wir das Religions- 
bewuBtsein der urpersischen Kulturperiode. Da stellten die groBen 
Eingeweihten zwei Wesenheiten, von denen sie die eine in der 
Sonne personifiziert sahen, die andere im Monde, die stellten sie 
einander gegeniiber. Ahura Mazdao, die Lichtaura, Ormuzd, ist das 
Wesen, das die Perser als den hochsten Gott verehrten; Ahriman 
ist der bose Geist, der Reprasentant aller der Wesen, die die Erde 
plus Mond besafi. Eine Erinnerung an die zweite Erdepoche ist die 
Religion der Perser. 

Und in der dritten Kulturperiode war es so, daB der Mensch sich 
sagen muBte: In mir sind die Krafte der Sonne und des Mondes, 
ich bin ein Sohn der Sonne und ein Sohn des Mondes. Alle die 
Krafte der Sonne und des Mondes stellen sich wie Vater und Mut- 
ter dar. Haben wir Einheit in der Urzeit als die Anschauung der In- 
der, die Zweiheit nach der Trennung der Sonne sich spiegelnd in 
der Religion der Perser, so finden wir niedergelegt in der religiosen 
Anschauung der Agypter, Chaldaer, Assyrer, Babylonier die Drei- 
heit, wie sie in der dritten Erdepoche da war, nach der Trennung 
von Sonne und Mond. Die Dreiheit tritt in alien Religionsanschau- 
ungen des dritten Zeitraumes auf, und im Agyptertum wird sie ver- 
treten durch Osiris, Isis und Horus. 

Was aber der Mensch in der vierten Erdepoche, der atlantischen, 
erlebt hatte in seinem BewuBtsein, als Genosse der Gotter, die Erin- 



netting daran tritt in der griechisch-lateinischen Kulturperiode auf. 
Die Gotter der Griechen sind nichts anderes als Erinnerungen an die 
Gotter, deren Genosse der Mensch wahrend der Adantis war, die 
Gotter, die er geistig hellseherisch erschaut hatte als atherische Ge- 
stalten, wenn er nachts herausgestiegen war aus seinem physischen 
Leibe. So wahr wie heute der Mensch die auBeren Gegenstande 
sieht, so wahr hat er damals den Zeus, die Athene und so weiter 
gesehen. Es waren fur ihn wirkliche Gestalten. Was der Atlantier 
in seinem hellseherlschen Zustande erlebte und empfand, das kehrte 
fur die Menschen der vierten nachatlantischen Kulturperiode wie- 
der in dem Pantheon. Und wie die agyptische Zeit eine Erinnerung 
der Dreiheit wahrend der lemurischen Zeit war, so war das Erleben 
in der Atlantis geblieben als Erinnerung in der griechischen Hierar- 
chie der Gotter. In Griechenland wie auch sonst in Europa waren 
es wieder dieselben Gotter, die der Atlantier gesehen hatte, nur 
unter anderen Namen. Sie sind nicht erfunden, diese Namen; es 
sind Namen fur dieselben Gestalten, die neben dem Menschen um- 
herwandelten, wenn er in der atlantischen Zeit herausstieg aus sei- 
nem physischen Leib. 

So sehen wir, wie die Epochen des kosmischen Geschehens ihren 
symbolischen Ausdruck finden in den religiosen Anschauungen der 
verschiedenen nachatlantischen Kulturperioden. Das was sich ab- 
gespielt hat wahrend des Schlafes in der atlantischen Zeit, das 
lebte in der vierten Kulturperiode wieder auf. Wir sind im funften 
nachatlantischen Zeitraum. Woran konnen wir uns jetzt zuriick- 
erinnern? Die erste Kulturperiode, die alten Inder, konnten sich die 
erste Erdenepoche vorstellen, die Perser die zweite, das Prinzip des 
Guten und Bosen. Die alten Agypter stellten sich die dritte Epoche 
vor in ihrer Dreiheit. Die griechische, die altgermanische, die ro- 
mische Kulturperiode hatte ihren Olymp. Sie erinnerte sich an die 
Gottergestalten der Atlantis. Dann kam die neuere Zeit, der funfte 
Zeitraum. Woran kann er sich erinnern ? 

An nichts ! - Das ist der Grund, warum in diesem Zeitraum in so 
vieler Beziehung die gotterlose Zeit Platz greifen konnte, und war- 
um dieser funfte Zeitraum darauf angewiesen ist, nicht in die Ver- 



gangenheit, sondern in die Zukunft zu schauen. Der fiinfte Zeit- 
raum muB in die Zukunft blicken, wo alle die Gotter wieder auf- 
erstehen miissen. Diese Wiedervereinigung mit den Gottern wurde 
vorbereitet in der Zeit, wo die Christus-Kraft hereinbrach, die allein 
so stark wirkte, daB sie dem Menschen wieder ein gottliches BewuBt- 
sein geben konnte. Nicht Erinnerungen konnen die Gotterbilder des 
funften Zeitraumes sein; vorausschauen miissen die Menschen des 
funften Zeitraumes, dann wird erst wieder das Leben spirituell. Das 
BewuBtsein muB im funften Zeitraum der nachatlantischen Epoche 
apokalyptisch werden. 

Erinnern wir uns, daB wir gestern die Zusammenhange der einzel- 
nen Kulturen der nachatlantischen Zeit gesehen haben. Heute haben 
wir gesehen, wie das kosmische Geschehen sich widerspiegelt in 
den religiosen Anschauungen der Kulturen. 

Unser funfter Zeitraum steht mitteninne in der Welt, deshalb 
muB er vorausschauen. Erst muB der Christus ganz begriffen wer- 
den in unserer Zeit, denn unsere Seelen sind tief hineinverwoben in 
geheimnisvolle Zusammenhange. Wir werden sehen, wie die Wie- 
derholung der agyptischen Zeit in unserer funften Kulturperiode 
uns einen Ankniipfungspunkt geben wird, wie wir wirklich in die 
Zukunft hinuberkommen konnen. 



DRITTER VORTRAG 
Leipzig, 4, September 1908 



Wir haben gestern iiber den geheimnisvollen Zusammenhang ge- 
sprochen, in dem die friiheren Entwickelungszustande unserer Erde 
mit den verschiedenen Weltanschauungen der aufeinanderfolgenden 
Kulturperioden der nachatlantischen Zeit stehen. Und es hat sich 
die merkwurdige Tatsache uns erschlossen, daB da, als die atlantische 
Katastrophe das Antlitz der Erde verandert hatte, in Indien die vor- 
vedische, uralt heilige indische Kultur mit ihrer gewaltigen philoso- 
phischen Auffassung der ersten Kulturperiode etwas zeigte wie ein 
Spiegelbild der Tatsachen, die sich im Beginne der Erdenentwickelung 
abgespielt haben in einer urfernen Vergangenheit, als Sonne, Mond 
und Erde noch vereinigt waren. Das, was damals im Geiste gesehen 
worden ist, und wozu sich erhoben diejenigen, denen es gegeben war, 
das war nichts anderes, als eine im Geiste erfaBte, spirituelle Gestalt, 
die wirklich war, als unsere Erde im Beginne ihrer Entwickelung 
stand. Und wir haben gesehen, daB der zweite Zustand der Erde, als die 
Sonne sich losgelost hatte, aber Erde und Mond noch einen Korper 
bildeten, daB dieses eigentumliche Gegeniiberstehen von zwei Welten 
in der zweiten Kulturperiode, der urpersischen, als philosophisch- 
religioses System zum Vorschein kam in den Gegensatzen des Licht- 
prinzips in der Sonnenaura und des Prinzips der Finsternis, als der 
Gegensatz des Ormuzd und Ahriman. Die dritte der groBen Kultur- 
perioden, die agyptisch-babylonisch-assyrische, ist eine geistige Spie- 
gelung dessen, was sich abgespielt hat, als Erde, Sonne und Mond 
drei Korper geworden waren. Und wir konnten auch schon skizzen- 
haft darauf hinweisen, daB in der Dreiheit Osiris, Isis, Horus sich 
spiegelt diese astrale Dreiheit der dritten Erdepoche, diese Sternen- 
dreiheit: Sonne, Erde und Mond. Wir haben auch schon darauf hinge- 
wiesen, daB diese Trennung in dem lemurischen Zeitalter erfolgte, 
und daB auf dieses das atlantische Zeitalter folgte, der vierte Entwik- 
kelungszustand unserer Erde, wo ganz andere BewuBtseinsverhalt- 
nisse herrschten als heute. Damals lebte der Mensch durch die andere 



BewuBtseinsform mit den Gottern zusammen, die er kannte, mit den 
Gottern, die man spater Wotan, Baldur, Thor, Zeus, Apollo und so 
weiter benannte. Das sind Wesen, die der atlantische Mensch mit 
seinem Hellsehen hat wahrnehmen konnen. Wir haben die Wieder- 
holung dieses Schauens von gottlich-geistigen Wesenheiten in der 
atlantischen Epoche in der Erinnerung der Volker der griechisch- 
lateinischen Zeit, auch bei den Volkern im Norden Europas. Es war 
die Erinnerung an die Erlebnisse fruherer BewuBtseinszustande. Sei 
es Wotan oder Zeus, sei es Mars, Hera, Athene, alle waren eine 
Erinnerung an die alten Geistgestalten, die den Inhalt jener alten 
Gotterwelt ausmachten. 

So nimmt sich die vierte Kulturperiode aus, daB in ihren Religio- 
nen Spiegelbilder erscheinen dessen, was sich in der Erdenentwik- 
kelung abgespielt hat wahrend der atlantischen Zeit. Nun miissen wir 
uns heute allmahlich ein wenig mehr in die Seelen der alten indischen, 
persischen, agyptischen Kulturmenschheit vertiefen. Wenn wir uns so 
recht ein Bild machen wollen von diesen Erlebnissen, von dem, was 
religios in den alten Kulturperioden lebte, so miissen wir bedenken, 
daB sowohl die wichtigsten Volksbestandteile dieser alten Volker wie 
auch die erleuchteten Personen, die Seher und Propheten, alle Nach- 
folger waren derjenigen Menschen, die auch schon in der atlantischen 
Zeit gelebt haben, und daB keineswegs unmittelbar nach der groBen 
Katastrophe gleich alles zugrunde gegangen war, was alte atlantische 
Kultur war, sondern, daB nach und nach dasjenige, was damals lebte, 
in die neue Zeit hinubergepflanzt worden ist. Und wir werden die 
Seelen der alten nachatlantischen Nachkommen am besten verstehen, 
wenn wir uns in das Seelenleben der letzten Atlantier versenken. 

In der letzten atlantischen Zeit waren die Menschen sehr verschieden 
voneinander. Die einen hatten sich noch einen hohen Grad von hell- 
seherischen Fahigkeiten bewahrt. Dieses Hellsehervermogen war nicht 
plotzlich ganz verschwunden, es war noch bei vielen der Menschen 
vorhanden, die teilnahmen an dem groBen Zuge vom Westen nach 
dem Osten, wahrend es aber anderen schon abhanden gekommen war. 
Es gab vorgeschrittene und zuriickgebliebene Menschen, und es ist 
zu begreifen, daB nach der ganzen Art der damaligen Entwickelung 



gerade die wenigst vorgeschrittenen diejenigen waren, die am besten 
hellsehen konnten, denn sie waren gewissermaBen stehengeblieben 
und hatten bewahrt den alten Charakter der Atlantier. Die Fortge- 
schrittensten waren die, die sich zuerst angeeignet haben das physische 
Wahrnehmen der Welt, die schon mehr unsere Art der Tagesan- 
schauung angenommen hatten. Das waren die Fortgeschrittensten, die 
aufhorten, in der Nacht hellseherisch zu sehen die geistige Welt, die 
immer scharfere Konturen der Gegenstande sahen wahrend des Tag- 
wachens. Und gerade jenes kleine Hauflein, von dem schon gesprochen 
worden ist, das gefuhrt wurde von einem der groBen, von dem groBten 
Eingeweihten, den man gewohnlich als Manu bezeichnet, und seinen 
Schiilern, dieses Volkchen, das bis tief nach Asien hineingefiihrt wurde 
und das von da aus die anderen Kulturlander befruchtete, gerade 
dieses Volkchen, das am fruhesten fur die gewohnlichen Verhaltnisse 
des Lebens die Gabe des alten Hellsehens verlor, das setzte sich zu- 
sammen aus den fortgeschrittensten Menschen der damaligen Zeit. 
Immer deutlicher trat fur sie das TagesbewuBtsein in Erscheinung, 
das was wir sehen als physische Gegenstande mit ihren scharfen Gren- 
zen. Und ihre groBen Fiihrer hatten dieses Volk am weitesten nach 
Asien gefuhrt, damit es in Abgeschlossenheit leben konnte; sonst 
ware es zu sehr in Benihrung gekommen mit anderen Volkern, die 
sich das alte Hellsehen noch bewahrt hatten. Nur, indem es eine 
Zeitlang getrennt blieb von den anderen Volkern, konnte es zu einer 
neuen Art Menschsein heranwachsen. Eine Kolonie wurde in Inner- 
asien begriindet, von wo aus die groBen Kulturstrome zu den ver- 
schiedensten Volkern gehen sollten. 

Zunachst war das nordliche Indien dasjenige Land, das von diesem 
Zentrum seine neue Kulturstromung erhalten hatte. Nun ist hier schon 
angedeutet worden, daB diese kleinen Volkermassen, die ausgesandt 
wurden als Kulturpioniere, nirgends unbewohntes Land gefunden 
haben, denn friiher schon, bevor jener groBe Zug sich von Westen 
nach Osten bewegte, waren schon immer grofie Wanderungen ge- 
schehen, und immer, wenn neue Landstrecken aus dem Meeresgrunde 
sich erhoben, waren sie von den wandernden Scharen bevolkert 
worden. So daB das Volk, das ausgesandt wurde von jener Kolonie 



Asiens, sich vermischen muBte mit anderen Volkermassen, die aber 
alle zuriickgebliebener waren als diejenigen, die vom Manu gefuhrt 
worden waren. Bei den anderen Volkern traf man noch viele, die 
das alte Hellsehen bewahrt hatten. 

Nicht so wie heute kolonisiert wird, pflegten die Eingeweihten 
Kolonien zu begriinden; sie machten es anders. Sie wuBten, dafi man 
von den Seelen derjenigen ausgehen muBte, welche man antraf in den 
Landern, die kolonisiert werden sollten. Es war nicht so, dafi die 
Sendlinge aufoktroyierten, was sie zu sagen hatten. Es wurde ge- 
rechnet mit dem, was man antraf. Es wurde ein Ausgleich geschaffen, 
und es wurden die Bediirfnisse derjenigen beriicksichtigt, die die 
alten Insassen waren. Man mufite mit der religiosen Anschauung 
rechnen, die sich auf die Erinnerung an friihere Zeiten griindete, und 
mit den alten hellseherischen Anlagen. Daher war es natiirlich, dafi 
nur bei einem kleinen Hauflein der Fortgeschrittensten die reinen Vor- 
stellungen sich ausbilden konnten. Bei der grofien Masse bildeten 
sich KompromiBvorstellungen aus der alten atlantischen und der nach- 
atlantischen Anschauung. Deshalb finden wir iiberall in diesen Volker- 
massen, sowohl in Indien wie in Persien, wie auch in Agypten, iiberall, 
wo die verschiedenen nachatlantischen Kulturen entstanden, da finden 
wir auf dem Grunde iiberall fiir die damalige Zeit weniger fortge- 
schrittene, unkultiviertere religiose Vorstellungen, die aber nichts 
anderes waren als eine Art Fortpflanzung der alten atlantischen Vor- 
stellungen. 

Um nun zu verstehen, was das eigentlich fiir Vorstellungen waren 
in diesen Volksreligionen, miissen wir uns einmal ein Bild davon 
machen. Da miissen wir uns in die Seelen der letzten atlantischen 
Bevolkerung versetzen. Wir miissen uns erinnern, daB in der atlan- 
tischen Zeit der Mensch in der Nacht nicht bewuBtlos war, sondern 
dafi er dann ebenso wahmahm, wie er bei Tage wahrnahm, wenn 
man iiberhaupt in dieser Zeit von Tag und Nacht sprechen darf. Bei 
Tage nahm er die erste Spur dessen wahr, was wir heute so klar 
sehen als die Welt der Sinneswahrnehmungen. Bei Nacht war er ein 
Genosse der gottlich-geistigen Wesenheiten. Er brauchte keinen Be- 
weis dafiir, dafi es Gotter gab, ebensowenig wie wir heute einen 



Beweis dafur brauchen, daB es Mineralien gibt. Die Gotter waren 
seine Genossen, er selbst war in der Nacht eine geistige Wesenheit. 
In seinem Astralleibe und Ich wandelte er in der geistigen Welt um- 
ber. Er war selbst ein Geist und traf Wesen, die mit ihm gleich- 
artiger Natur waren. Naturlich waren die hoheren geistigen Wesen 
nicht die einzigen, die er dann antraf. Er traf audi niedrigere Gei- 
ster, als die waren, die spater als Zeus, Wotan und so weiter be- 
schrieben wurden. Diese waren naturlich nicht die einzigen, es waren 
nur die auserwahltesten Gestalten. Es war damit so, wie wenn man 
heute Konige und Kaiser sieht. Viele sehen sie nicht und glauben 
doch, daB es Konige oder Kaiser gibt. In diesem Zustande, der all- 
gemein menschlich war, nahm man, auch wenn man wahrend des Tages 
bewuBt war, die umliegenden Gegenstande anders wahr als heute, auch 
das TagesbewuBtsein war anders, und wir miissen versuchen zu ver- 
stehen, wie dieses letztere BewuBtsein der Atlantier war. 

Es ist beschrieben worden, wie dem Menschen sich die gottlichen 
Wesenheiten entzogen, wenn er morgens hinuntertauchte in seinen 
physischen Leib. Er sah die Gegenstande wie mit einem Nebel um- 
hullt. So waren die Bilder des damaligen Tagwachens. Diese Bilder 
hatten aber noch eine andere eigentumliche Eigenschaft, die wir ganz 
genau erfassen miissen. Denken wir uns, eine solche Seele naherte 
sich einem Teiche. Das Wasser in diesem Teiche sah diese Seele nicht 
so scharf begrenzt wie heute ; aber wenn diese Seele ihre Aufmerksam- 
keit darauf richtete, dann erlebte sie noch etwas ganz anderes, als 
wenn heute sich jemand einem Teiche nahert. Beim Annahern an den 
Teich, schon durch die blofie Anschauung, stieg in ihr ein Gefuhl 
auf, wie wenn sie einen Geschmack bekame von dem, was da physisch 
vor ihr lag, ohne daB sie das Wasser des Teiches zu trinken brauchte. 
Durch das bloBe Anschauen wiirde sie gefiihlt haben : das Wasser ist 
siiB oder salzig. Uberhaupt war es nicht so, wie wenn wir heute Was- 
ser sehen. Wir sehen heute nur die Oberflache, aber ins Innere kom- 
men wir nicht hinein. Derjenige, der friiher, als es noch dammerhaf- 
tes Hellsehen gab, sich dem Teiche naherte, der hatte nicht das Gefuhl 
der Fremdheit diesem gegeniiber, er fuhlte sich darinnen in den 
Eigenschaften des Wassers; er stand dem Gegenstande gar nicht so 



gegeniiber wie heute, es war so, als wenn er in das Wasser hatte 
eindringen konnen. Nehmen wir an, wir waren einem Salzklotz ent- 
gegengetreten, wir hatten, indem wir uns annaherten, den Geschmack 
gemerkt. Heute miissen wir das Sate erst kosten, damals ware das 
durch die Anschauung gegeben worden. Der Mensch war wie dar- 
innen in dem ganzen, und er nahm die Dinge wie beseelt wahr. Er 
nahm sozusagen die Wesenheiten wahr, die zum Beispiel dem Dinge 
den salzigen Geschmack verliehen. So beseelte sich ihm alles. Luft, 
Erde, Wasser, Feuer, alles, alles verriet ihm etwas. Der Mensch konnte 
sich in das Innere der Gegenstande hineinfiihlen, er lebte im Inneren 
ihrer Wesenheit. Das was heute dem BewuBtsein als seelenlose Gegen- 
stande erscheint, gab es damals nicht. Daher empfand der Mensch 
auch alles mit Sympathie und Antipathie, weil er das Innere sah. Er 
fuhlte, er erlebte das innere Wesen der Gegenstande. 

Uberall waren noch die Erinnerungen an diese Erlebnisse geblie- 
ben. So dafi die Teile der indischen Bevolkerung, die angetroffen 
wurden von den Kolonisten, von einem solchen Zusammenhang mit 
den Dingen beseelt waren. Sie wuBten : in den Dingen lebten Seelen. 
Sie hatten sich die Fahigkeit bewahrt, die Eigenschaften der Dinge 
zu sehen. Nun stellen wir uns dieses ganze Verhaltnis des Menschen 
zu den Dingen vor. Der Mensch nimmt damals wahr, wie das Wasser 
schmeckt, indem er sich dem Teiche nahert. Da sieht er eine geistige 
Wesenheit, die dem Wasser den Geschmack gibt. Diese geistige We- 
senheit kann er wahrend der Nacht treffen, wenn er sich neben das 
Wasser legt und einschlaft. Bei Tage sieht er das Materielle, bei Nacht 
sieht er das, was alles durchlebt. Bei Tage sieht er die Gegenstande, 
Steine, Pflanzen, Tiere, er hort den Wind wehen, das Wasser rauschen; 
bei Nacht sieht er in seinem Inneren das, was er bei Tage empfindet, 
in seiner wirklichen Gestalt, da sieht er die Geister, die in allem leben. 
Wenn er sagte : In den Mineralien, in den Pflanzen, im Wasser, in den 
Wolken, im Winde, da leben Geister, uberall leben Geister - so waren 
das fur ihn ganz und gar keine Dichtungen, das war ihm keine Phan- 
tasie, das war etwas, was er wahrnehmen konnte. 

So tief miissen wir jetzt in die Seelen hinuntersteigen, um sie zu 
verstehen. Und dann begreift man, daB es ein furchtbarer Unsinn 



ist, wenn die heutigen Gelehrten von Animismus reden, der die 
Volksphantasie veranlafit, alles zu beseelen und zu personifizieren. 
Eine solche Volksphantasie gibt es nicht. Der redet nicht davon, der 
das Volk wirklich kennt. Man kann wiederholt das sonderbare Bei- 
spiel finden: Gerade wie ein Kind, wenn es sich an einem Tisch 
stofit, diesen Tisch nun schlagt, weil es den Tisch beseele - so reden 
die Gelehrten -, ebenso hatte der Urmensch, der kindliche Mensch, 
die Gegenstande in der Natur, die Baume und so weiter beseelt, in 
alles etwas hineingedichtet. - Bis zur Ermiidung wurde dieses Gleich- 
nis wiederholt. Es ist gewiG, da8 dabei Phantasie ist, aber die Phan- 
tasie haben die Gelehrten gehabt, nicht das Volk. Sie sind es, die 
getraumt haben. Diejenigen, die ursprunglich alles beseelt wahrge- 
nommen haben, die haben nicht getraumt, die haben nur das wieder- 
gegeben, was sie selber wahrgenommen haben. 

Als ein Rest tauchte diese Wahrnehmung als Erinnerung bei den 
alten Volkern auf. Auch das Kind sieht den Tisch nicht als beseelt 
an; es fuhlt noch nicht in sich die Seele, es sieht sich selbst wie 
einen Holzklotz an. Weil es sich selbst eben seelenlos fuhlt, deshalb 
stellt es sich auf gleiche Stufe mit dem seelenlosen Tisch, indem es 
ihn haut. Gerade das Gegenteil von dem, was in den Biichern der 
Gelehrten dariiber steht, ist Tatsache. Ob wir nach Indien gehen, 
nach Persien, nach Agypten, nach Griechenland, oder sonstwohin, 
uberall finden wir da auf dem Grunde dieselben Vorstellungen, die 
oben charakterisiert worden sind. Und in diese Vorstellungen wurde 
hineinergossen das, was als Kultur von den alten Eingeweihten 
gegeben wurde. 

Im alten Indien lenkten die Kultur die Rishis. Nun miissen wir 
aber auch ein wenig verstehen, was eigentlich die Veranlassung ge- 
geben hat zu der Gestalt, die sich als eine der wichtigsten Gestalten 
der indischen Anschauung herausgebildet hat. Wir wissen, dafi es 
zu alien Zeiten sogenannte Mysterienschulen gegeben hat, wo die- 
jenigen, welche ihre geistigen Fahigkeiten entwickeln konnten, lern- 
ten, tiefer hineinzuschauen in das Weltall, wo sie die schlummern- 
den Fahigkeiten erweckten, um den geistigen Zusammenhang der 
Dinge zu sehen. Von diesen Mysterienstatten gingen uberall die 



geistigen Impulse der Kulturen aus. Und damit wir die Eingeweih- 
ten recht von Grund aus verstehen, wenn wir diese Eingeweihten 
betrachten, so betrachten wir sie gewohnlich in der nachatlantischen 
Zeit, weil ihr Wesen da am leichtesten verstandlich ist, jedoch wiir- 
den wir in der atlantischen Zeit auch schon auf ahnliches wie Ein- 
geweihtenschulen stoBen. Damit wir sie nun so recht von Grund 
aus verstehen, wollen wir uns einmal versetzen in die Methode einer 
solchen alten atlantischen Einweihungsschule. 

Damals waren also jene eben beschriebenen BewuBtseinszustande 
vorhanden. Wenn wir in jene Zeiten 2umckgehen, dann finden wir 
den Menschen noch nicht in seiner heutigen Gestalt. Damals war 
er noch ganz anders gestaltet. Wir gehen da allerdings in die erste 
Halfte der atlantischen Zeit zuriick. Der Mensch bestand da auch 
schon aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib und dem Ich, aber 
der physische Leib sah noch ganz anders aus. Der physische Leib 
war so, daB wir ihn etwa vergleichen konnten mit den Korpern man- 
cher Meerestiere, durchsichtig, die wir kaum sehen wiirden, die wir 
gerade greifen konnten, zwar schon durchzogen von gewissen Rich- 
tungslinien, die in ihnen aufglanzten. Es war der physische Leib des 
Menschen viel weicher als heute, es gab noch keine Knochen. Wenn es 
auch schon knorpelartige Ansatze gab, so war doch dieser physische 
Leib in der altesten Zeit durchaus nicht von der heutigen Gestalt. 

Dagegen war der Atherleib des Menschen das viel wichtigere Glied. 
Der physische Leib der Menschen war damals mehr oder weniger 
klein, der Atherleib dagegen war damals auBerordentlich groB. Dieser 
Atherleib unterschied sich fur die einzelnen so, daB man etwa vier 
verschiedene Typen hatte wahfnehmen konnen. Diese vier typischen 
Gestalten waren so vorhanden, daB ein Teil der Menschen den einen 
Typus zeigte, ein anderer den anderen. Nun haben sich in vier 
Namen die Typen erhalten. Es sind die Namen der apokalyptischen 
Tiere: Ochs oder Stier, Lowe, Adler, Mensch. Nun ist es nicht 
ganz richtig, wenn wir uns vorstellen wollten, daB diese Gestalten 
den heutigen Tieren vollkommen ahnlich gewesen waren, aber sie 
erinnerten dennoch durch ihren Eindruck an die Art des Eindrucks, 
den heute die entsprechenden Tiere machen. Man konnte die Ein- 



drucke, die die Atherleiber machten, verstehen durch das Bild des 
Lowen, Stieres, Adlers oder Menschen. Einen Teil, der die Eigen- 
schaften eines starken Fortpfknzungsvermogens als Eindruck machte, 
oder wegen eines auBerordentlichen Appetits, den verglich man zum 
Beispiel mit dem Stier ; eine andere Art von Menschen war eine solche, 
die schon mehr im Geistigen lebte, das waren die Adlermenschen, 
die sich wenig wohl fuhlten in der physischen Welt. Und dann gab 
es noch Menschen, die sozusagen schon in ihrem Atherleibe ahnlich 
waren dem heutigen physischen Leibe ; zwar war er nicht ganz gleich, 
aber er war doch schon wie die Menschengestalt. Wir rmissen uns 
natiirlich vorstellen, daft im einzelnen nicht nur der eine Typus allein 
vertreten war, sondern daft in jedem alle vier veranlagt waren, aber 
daB einer dieser vier dominierte. 

So war also die BeschafTenheit der Atherleiber der atlantischen 
Bevolkerung. Dann war besonders machtig, aber unentwickelt, der 
Astralleib, und das Ich war noch ganz auBerhalb des Menschen. 
Also ganz anders sahen damals die Menschen aus als heute. Natiir- 
lich nahmen friihreife Menschen die spatere Gestalt schon friiher 
an, aber im wesentlichen kann man die Menschen der damaligen 
Zeit so charakterisieren, wie wir das eben getan haben. Das war 
also der normale Durchschnittszustand der damaligen Menschheit. 

Ganz anders war es bei den Vorgeriickteren, bei den Schulern der 
Mysterienstatten, bei denen, die die Einweihung der alten Atlantis 
erstrebten. Betreten wir nun im Geiste eine solche alte atlantische 
Einweihungsstatte, und versuchen wir einmal dasjenige, was der 
Lehrer zu geben hatte, uns vor Augen zu stellen. Was war dieser 
Lehrer denn selbst? 

Wenn heute der Mensch einem Eingeweihten begegnete, so wiirde 
er ihn am AuBeren iiberhaupt gar nicht zu erkennen vermogen. Die 
wenigsten Menschen wurden heute einen solchen Eingeweihten au- 
Berlich erkennen, denn heute, nachdem der physische Korper des 
Menschen so weit fortgebildet ist, der Eingeweihte aber doch im 
Korper leben muB, unterscheidet sich dieser nur in intimen Fein- 
heiten von den anderen Menschen. Damals aber war der Eingeweihte 
sehr, sehr verschieden von den anderen Menschen. Die anderen 



hatten noch mehr tierische Gestalten, der physische Leib war klein 
im Verhaltnis zu den riesenhaften Atherleibern, er bildete mehr eine 
plumpe tierische Substanz und Masse. Nun unterschied sich der Ein- 
geweihte dadurch, daB er in seinem physischen Leibe ahnlicher war 
der heutigen Menschenbildung, daB er ein ahnliches Menschenantlitz 
trug wie der heutige Mensch, daB er ein Vorderhirn besafi wie der 
heutige Durchschnittsmensch. Damals hatten die Eingeweihten schon 
ein sehr ausgebildetes Gehirn fur die damalige Zeit, wahrend bei 
den anderen das Gehirn noch unausgebildet war. Nun waren solche 
Eingeweihte da und hatten ihre Schulen, und in diese Einweihungs- 
schulen nahmen sie, durch bestimmte Methoden, aus der normalen 
Menschheit Schiiler auf, je nachdem sich diese Zoglinge als reif und 
geniigend entwickelt erwiesen. 

Etwas miissen wir beriicksichtigen, wenn wir das Folgende ganz 
verstehen wollen. Wir miissen uns klarmachen, daB mit der sich fort- 
entwickelnden Zeit die Herrschaft der geistigen Glieder des Menschen 
iiber den physischen Leib beim heutigen Menschen bis auf weniges 
vollstandig abgenommen hat. Wenn auch heute der Mensch seine 
Beine und Arme bewegen kann und auf dem Fahrrad strampeln kann, 
wenn er auch seine Physiognomie beherrschen kann, kurz, in einem 
gewissen Grade eine Herrschaft iiber den Korper hat, so ist das alles 
nur ein armseliger, letzter Rest des alten Herrschaftsverhaltnisses 
iiber den physischen Leib, wie es in der atlantischen Zeit war. Da- 
mals hatte der Gedanke, das Gefiihl einen viel grofieren EinfluB auf 
den physischen Leib. Das was der Mensch denkt, ubte damals einen 
viel wesentlicheren EinfluB auf den physischen Leib aus. Wenn heute 
jemandem ein Gedanke gegeben wird fur Wochen, Monate oder gar 
Jahre, wird er nur in ganz besonderen Ausnahmefallen weiter wirken 
als auf den Atherleib. Sehr selten wird zum Beispiel durch eine Me- 
ditation der physische Leib beeinfluBt werden. Gelange es jemandem, 
dadurch zum Beispiel ein etwas zuriickliegendes Gehirn etwas mehr 
vorzuriicken, das heiBt, wenn die Stirnknochen etwas weiter nach 
vorne ruckten, also eine Wirkung bis in die Knochen da ware, so 
ware das schon ein ungeheurer Erfolg fur heute. Das ist heute sehr, 
sehr selten der Fall. Es muB heute eine ungeheure Energie entwickelt 



werden, wenn der Gedanke auf den physischen Leib wirken soli. 
Leichter ist es schon, auf die Blutzirkulation oder auf die Atmungs- 
verhaltnisse einzuwirken, aber das ist auch noch schwer. Auf den 
Atherleib kann heute der Gedanke schon wirken, und in der nachsten 
Inkarnation, da wird der Gedanke so machtig gewirkt haben, daB 
dann die auBeren Korperverhaltnisse sich geandert haben werden. 
Man soli heute eben so arbeiten, daB man weiB, man arbeitet nicht 
fur eine Inkarnation, sondern dariiber hinaus fur zukiinftige Inkarna- 
tionen. Die Seele ist ein Ewiges, sie kehrt immer wieder. 

Ganz anders war das aber in den alten Einweihungsschulen. Da 
war es die Herrschaft des Gedankens, der EinfluB hatte auf den 
physischen Leib in einer verhaltnismaBig kurzen Zeit. Der Myste- 
rienschiiler konnte seine Organisation selber ins Menschenahnliche 
hinaufarbeiten. Man konnte also damals einen Schiiler annehmen aus 
der normalen Menschheit, man muBte ihm nur den rechten Impuls 
geben. Der Schiiler brauchte nicht einmal selber zu denken, es wurden 
ihm durch eine Art Suggestion Gedanken in seine Seele einverleibt. 
Es muBte vor seiner Seele eine ganz bestimmte geistige Gestalt stehen, 
in die sich der Schiiler immer hat vertiefen miissen. Uberall gab der 
atlantische Eingeweihte dem Schiiler eine Gedankenform, in die dieser 
sich wieder und wieder versenken muBte. Was war das fur ein Bild? 
Was hatte der Schiiler zu denken? Was meditierte er? 

Es ist schon auf den Urzustand der Erde hingewiesen worden, es 
ist die ganze Entwickelung schon skizziert worden, es ist auch ge- 
sprochen worden von der Lichtgestalt im Urstaub. Hatte man damals 
hellseherisch das Atom angesehen, so ware herausgewachsen das Ur- 
bild des heutigen Menschen. Das wuchs aus diesem Staubkorn, diesem 
Uratom heraus. Nicht die Gestalt des Menschen der alten Zeiten, 
nicht des atlantischen Menschen, sondern die Gestalt des heutigen 
Menschen wuchs heraus aus diesem Uratom. Und was tat der atlan- 
tische Eingeweihte? Eben dieses Urbild, dieses menschliche Urbild, 
das sich aus dem Ursamen heraus erhebt, das stellte er vor die Seele 
seiner Schiiler. So muBte der Schiiler meditieren iiber dieses Urbild. 
Die Menschengestalt als Gedankenform stellte der Eingeweihte der 
Atlantis vor den sehenden Blick des Schiilers hin, mit all den Impulsen 



und Empfindungen, die darin waren. Und ob nun der Schuler den 
Lowentypus oder einen anderen besafi, er mufite sich das Gedanken- 
bild vorhalten, was der Mensch werden sollte in der nachatlantischen 
Zeit. Dieses Gedankenbild bekam er immer als Ideal. Er mufite diesen 
Gedanken wollen: Mein physischer Leib soil werden wie dieses Bild. - 
Und durch die Krafte dieses Bildes, das der Schuler lernen mufite, 
wurde so auf den Korper gewirkt, dafi er sich dann von den anderen 
Menschen unterschied. Durch die Krafte dieses Bildes wurden be- 
stimmte Teile umgebildet, und allmahlich wurden die vorgeriicktesten 
Schuler immer ahnlicher den heutigen Menschen. 

Da blicken wir auf merkwiirdige Geheimnisse zuriick, da blicken 
wir in die Mysterien der atlantischen Zeit. Und auch ein anderes 
wird uns auffallen. Wie auch die Menschen gestaltet waren, eins 
schwebte vor ihrer Seele als Bild, das als Geistbild schon vorhanden 
war, als die Sonne mit der Erde noch vereint war. Und dieses Bild 
trat immer mehr heraus als der Sinn der Erde, als das, was der Erde 
geistig zugrunde Hegt. Und dieses Bild erschien ihnen nicht in der 
oder jener Gestalt, als das Bild der oder jener Rasse, es erschien 
ihnen als das ailgemeine Ideal der Menschheit. 

Das ist das Gefiihl, das der Schuler sich an diesem Bilde hat ent- 
wickeln sollen: Die hochsten geistigen Wesen haben dieses Bild ge- 
wollt, dieses Bild, durch das Einheit kommt in die Menschheit. Die- 
ses Bild ist der Sinn der Erdenentwickelung, dieses Bild zu verwirk- 
lichen, hat die Sonne sich getrennt von der Erde, ist der Mond her- 
ausgetreten. Dadurch konnte der Mensch Mensch werden. Das ist 
das eine, was zuletzt erscheinen soli als das hohe Ideal der Erde. 
Und in dieses hohe Ideal stromten ein die Gefiihle, welche den Schuler 
in seiner Meditation belebten. 

So war es ungefahr um die Mitte der atlantischen Zeit, und wir 
werden zu verfolgen haben, wie dieses Bild der Meditation, das da 
vor dem Schuler als Menschengestalt stand, sich umwandelte in etwas 
anderes, und wie dieses heriibergerettet wurde nach der atlantischen 
Katastrophe. Das ist es, was auf lebte in dem indischen Eingeweihten- 
unterricht, das, was man zusammenfassen kann in dem uralt heiligen 
Namen: Brahma. Das was die Weltengottheit gewollt hat als Sinn der 



Erde, das war das HeiHgste des alten indischen Eingeweihten, dann 
sprach er von Brahma. Daraus entsprang spater die Zarathustra- 
Lehre und die agyptische Weisheit, wovon dann spater gesprochen 
werden soli. Wie es sich umbildet aus Brahma zur agyptischen Weis- 
heit, das wollen wir morgen weiter sehen. 



VIERTER VORTRAG 



Leipzig, 5. September 1908 

Gestern beschlossen wir unsere Betrachtung mit der Besprechung 
eines auBerordentlich wichtigen Ereignisses im inneren Leben, im 
eigentlichen Geistesleben des Menschen. Wir versuchten vor unsere 
Seele zu riicken einen Eindruck, den der atlantische Einzuweihende 
hatte im Beginn des letzten Drittels der atlantischen Kulturepoche. 
Uns trat da vor die Seele, wie dem Einzuweihenden eine ideale 
Menschengestalt vor der Seele stand, die ein Gedankenbild war, auf 
das er sich zu konzentrieren hatte in der Meditation, und wie dies 
das Vorstellungs-, Gefiihls- und Willensleben des adantischen Ein- 
zuweihenden erfullte. Dieses Gedankenbild sollte immer mehr und 
mehr das Modell fur den zukunftigen Menschen werden. 

Nun miissen wir uns noch einmal vor Augen fuhren, wie dieses 
Gedankenbild eigentlich ungefahr aussah. Es war nicht ganz dem 
Menschen von heute ahnlich; so war es nicht. Wenn wir uns eine 
Art Kombination denken wiirden aus Mann und Frau, wobei alles 
das, was niedrig ist, wegbleibt, wenn wir uns eine Art Doppelgestalt 
denken, von der nur erfaBbar deutlich der obere Teil des Leibes 
ist, so haben wir das eigentliche sinnlich-ubersinnliche Bild, das 
vor dem Meditierenden damals stand. Dieses Bild wirkte so stark, 
daB diejenigen, welche Einzuweihende waren, wirklich ihren auBeren 
Leib immer ahnlicher machten diesem Bilde. 

Nun ist ein Umstand sehr wichtig, das ist der, daB ja gerade der 
meditierende Einzuweihende eine Art Menschengestalt vor sich hatte, 
welche ihm gegeniiberstand in seinem Inneren. Wenn der Einzuwei- 
hende vorbereitet worden war, daB er dieses Bild lebendig vor sich 
hatte, so muBte er sich folgendes klarmachen, wenn er dieses Bild 
vor sich aufleuchten sah: Indem ich dieses Bild anblicke, versetze 
ich mich in den Urzustand der Erdenentwickelung, als Erde, Mond 
und Sonne noch nicht getrennt waren. - Damals bestand die Erde 
aus ihrem Uratom, aber in diesem Atom war fur den Hellseher das 
Bild zu sehen, das jetzt vor mir auftaucht. Das Bild war schon in 



der Urzeit der Erde vorhanden, als es noch keine Tier-, Pflanzen- 
und Mineralformen gab. Damals bestand die Erde nur aus dem 
Menschenatom, aus den wiedererweckten Menschen. Allerdings haben 
sich ja schon die ersten Anlagen der Tiere wahrend des Monden- 
zustandes der Erde gebildet; die Tiere waren schon da. Aber wir 
wissen auch, wenn ein planetarisches System verschwindet, da8 dieses 
hineingeht in ein Pralaya, in das dann alle Formen aufgelost werden. 
Wenn auch der alte Mond von Tierformen bereits bevolkert war, 
so hatte die Erde zuerst aber damit noch nicht gleich Tiere und 
Pflanzen, die kamen erst spater. Erst nach der Abtrennung der Sonne 
tauchten die Tiere allmahlich auf. Die Erde war bloB Mensch in 
ihrer Urzeit. 

Auf diesen Urzustand der Erde blickte also der Einzuweihende. 
Er sah im Uratom das Idealbild des Menschen. Diese Menschengestalt 
hatte der Einzuweihende vor sich, und nun wurde ihm klar : Also ver- 
setze ich mich in den Urzustand der Erde. Das was in der Erde 
lebt, das Idealbild, die Idealform des Menschen, das sagt mir fol- 
gendes: Die Gottheit wirkt von Ewigkeit Zu Ewigkeit; sie hat sich 
ausgegossen in diese Formen und hat diese menschliche Urform aus 
sich herausgehaucht. - Jetzt sagte er sich : Wo sind die Tiere, Pflanzen 
und anderen Wesen hergekommen? 

Gleichsam die Urform der Gottheit sah der Einzuweihende im 
Geiste, und die Tiere sah er als Nebenformen, auch die Pflanzen sah 
er als Nebengestalten, die erst spater entstanden waren. Alles das, 
was hier an niederen Reichen lebt, alles das sah der atlantische Einzu- 
weihende an als erst aus der Menschengestalt hervorgegangen. Wir 
konnen uns eine Vorstellung von diesem Gedanken machen, wenn 
wir daran denken, wie die Steinkohle entstanden ist. Denken wir 
an die grofien Urwalder, die damals entstanden und lebten und die 
jetzt Steinkohle sind. Sie sind zunickgeblieben, sie haben sich aus 
einem hoheren in ein niederes Reich entwickelt. Da sehen wir, wie 
die Pflanzen zu Stein geworden, verhartet sind. 

So sah der atlantische Einzuweihende alles, die ganze Umwelt aus 
der Menschenform hervorgehen. Dieser Eindruck wurde in den ur- 
fernen Zeiten vor die Seele des Menschen hingezaubert, und diese 



Eindriicke wurden in der Erinnerung behalten durch die Zeit der 
Flut hindurch, und die alten indischen Initiatoren riefen dieses Bild 
des Urmenschen auch noch hervor in der Seele des Schiilers, das 
Bild des Urmenschen, der vom ewigen Selbst ausgehaucht worden 
war. Wenn der indische Schiiler dieses Bild vor sich hatte, dann fuhlte 
er, dafi alles aus diesem Bilde entstanden war, dafi das, was wie 
das Blut vorhanden war in diesem Urbilde, zu den Wassern der 
Erde geworden ist und so weiter. Und so erweiterte sich dieses Bild 
zu dem Urgrund des Alls. Jetzt wurde ihm folgendes vor die Seele 
gestellt. Es wurde ihm gesagt: Zweierlei hast du in diesem Urbild 
vor Augen, einmal das Urbild selbst, dann aber auch das, was in dir 
als innerste Wesenheit aufleuchtete bei Betrachtung des Bildes. Drau- 
Ben der Makrokosmos und dann das, was du gewissermafien in dir 
als Extrakt empjfindest, der Mikrokosmos. 

Und als die Griechen bei den Alexanderziigen nach Indien drangen 
und die letzten Nachklange vernahmen dessen, was der Schiiler damals 
gefiihlt hatte, da empfanden sie folgendes. Sie sagten: Wenn der 
Schiiler das betrachtet, was in der groCen Welt ausgebreitet ist als 
Mensch, dann hat er den Herakles vor sich. Der Inder nannte das, 
was als Krafte des Weltalls lebt, Vac. - Im Menschen aber fiihlten sie 
gewissermafien als den Extrakt des Ganzen das Brahman. - So ver- 
deutlichten sich die Griechen das, was Nachklange sind von demje- 
nigen, was in der Seele des Schiilers vor sich ging in der uralt 
heiligen indischen Kultur. Das war die Frucht eines Zuges der Grie- 
chen unter Alexander dem Grofien nach Indien. Gerade aus dieser 
Grundempfindung heraus entwickelte sich die uralt heilige indische 
Eingeweihtenlehre, die wie ein geistiges Abbild erscheint jenes Urzu- 
standes der Erde, wo die Erde noch die Sonnenkrafte und hohen We- 
senheiten in sich hatte, nach deren Erhabenheit man sich spater sehnte. 
Deshalb war es ein hohes Gefiihl geistigen Lebens, wenn der Schiiler 
eingeweiht wurde, wenn er das in sich erstehen lassen konnte, was 
man als Brahman erfafit. Es war ein ungeheurer Vorgang in der Men- 
schenseele. Das war eine Erhebung in hohe Welten. Nicht anders 
konnte man eingeweiht werden und zum wirklichen Schauen gelan- 
gen, als wenn man sich erhob zu hochsten Welten. Diejenige Welt, 



die um uns ist, ist die physische Welt. Um sie und in ihr wogt die 
Astralwelt. Hoher steht das Devachan, die Gotterwelt, und in die 
hochsten Regionen des Devachan muBte entriickt werden der Schii- 
ler, wenn er in dem Makrokosmos das Brahman, das Urselbst fiihlen 
sollte. Im obersten Devachan war dann der Schiiler, in der Gotterwelt, 
aus der herausstammt das Edelste, was der Mensch in sich hat. Es war 
ein Reich hochster, vollkommenster Ordnung, in das der Schiiler ent- 
riickt wurde, ein Reich, das noch vieles andere bot an Erkenntnis; 
denn das, was hier geschildert wurde, war nicht das einzige. 

Bevor wir aber weiteres schildern, miissen wir auch die Lehrer 
kennenlernen. Sie alle haben schon gehort von den heiligen Rishis, 
den urspriinglichen Begriindern der uralt heiligen indischen Kultur, 
welche selbst den Manu zum Lehrer gehabt hatten. Wer waren diese 
sieben groBen Lehrer des alten Indiens? Wir miissen die Natur der 
heiligen Rishis, soweit das moglich ist, uns ein wenig verdeutlichen. 
Dazu miissen wir noch einmal in die groBe Welt schauen. Wir miis- 
sen uns klar sein, daB dasjenige, was wir mit physischen Sinnen, Augen 
und so weiter wahrnehmen konnen, eine Folge des Geistigen ist. Wenn 
wir die ganze Umwelt, die wir erblicken, vergeistigt denken, so kon- 
nen wir sie etwa mit einem atherischen Urnebel vergleichen. Dieser 
Nebel wurde dann allmahlich dichter, er stieg hinab in den Zustand 
der Materie, und es ballten sich heraus verschiedene Weltkorper: die 
Sonne, der Mond, die Erde trennten sich. 

Warum spalteten sich aber die anderen Planeten heraus ? Denn das 
geschah wahrend der einzelnen Trennungen auch. Saturn, Jupiter, 
Mars, Venus, Merkur spalteten sich ab. Warum geschah das ? 

Wir werden das begreifen, wenn wir uns sagen, daB im groBen 
Weltenall etwas Ahnliches vor sich geht wie das, was sich auch in 
unserem gewohnlichen, trivialen Leben abspielt. Es bleiben nicht 
bloB Schiiler im Gymnasium sitzen, sondern auch im groBen Kosmos 
gibt es Wesen, die zuriickbleiben und nicht mitkommen konnen. Nun 
machen wir uns das einmal ganz klar. Eine Gruppe hoher Wesen waren 
es, die nicht das Tempo der Erde mitmachen konnten, die die feinsten 
Substanzen herausnahmen und daraus die Sonne gestalteten zu ihrem 
Wohnplatz. Das waren die hochsten Wesen, die mit unserer Evolu- 



tion verkniipft waren. Sie hatten aber auch eine Entwickelung durch- 
gemacht. Es gab also Wesen, die damals im Begriff standen, Sonnen- 
geister zu werden und solche, die zuriickgeblieben waren, die tiefer 
standen als die Sonnengeister, jedoch hoher als der Mensch, die die 
Entwickelung der Sonnengeister nicht mitmachen konnten, weil sie 
nicht so reif waren wie diese. Sie konnten nicht mit der Sonne her- 
ausgehen; die Sonne hatte sie versengt. Fur die Erde waren sie aber 
zu edel, daher hatten sie sich besondere Substanzen, die an Feinheit 
zwischen Sonne und Erde stehen, die ihrer Natur entsprachen, her- 
ausgenommen und sich Wohnplatze gebildet zwischen Sonne und 
Erde. So spalteten sich heraus Venus und Merkur. Da haben wir zwei 
Gruppen von Wesenheiten, die nicht so hoch gekommen waren wie 
die Sonnengeister, aber weiter waren als der Mensch. Sie wurden 
Venus-, sie wurden Merkurgeister. Diese Wesenheiten sind die Ver- 
anlasser der Entstehung dieser beiden Planeten. Ferner bildeten sich 
schon friiher heraus Mars, Jupiter und Saturn, aus anderen Griinden. 
Diese wurden wiederum Wohnplatze fur bestimmte Wesenheiten. 

So sehen wir, wie Geister die Ursachen von der Entstehung der 
Planeten sind. Nun darf man nicht glauben, daB diese Wesenheiten, 
die die verschiedenen Korper des Sonnensystems bewohnen, daB die 
nicht in Zusammenhang stehen mit den Erdbewohnern. Wir mussen 
einsehen, daB die physischen Grenzen nicht die wirklichen Grenzen 
sind, daB auch iiber diese Grenzen hinaus vielfach die Moglichkeit 
besteht fiir die Wesenheiten der anderen Himmelskorper, magische 
Wirkungen auszuuben auf die Erde. So erstrecken sich die Wirkun- 
gen der Sonnen-, Mars-, Jupiter-, Saturn-, Venus-, Merkurgeister 
und so weiter in die Erde hinein. Die beiden letzteren stehen der 
Erde naher; sie haben den Menschen geholfen, als die Sonne heraus- 
getreten war, die Erde so vorzubereiten, wie wir sie jetzt vor uns 
haben. 

Ich mochte hier etwas einfugen, weil MiBverstandnisse sich ein- 
geschlichen haben, die sich beziehen auf die Benennung der Pla- 
neten. In alien okkulten Benennungen wird das, was heute astro- 
nomisch Merkur genannt wird, Venus genannt, und umgekehrt, was 
man astronomisch Venus nennt, wird Merkur genannt. Die rein 



auBerlichen Astronomen wissen nicht, daB da Geheimnisse zugrunde 
liegen, weil man tiefe, esoterische Benennungen nicht verraten wollte. 
Es ist das geschehen, um gewisse Dinge zu verhiillen. 

Es wirken nun alle diese Geister der anderen Planeten auf die 
Erde. Von alien Planeten gehen Wirkungen auf den Menschen aus. 
Diese Wirkungen muBten aber zunachst dem Menschen vermittelt 
werden, und das geschah dadurch, daB durch den groBen Manu die 
sieben Rishis so eingeweiht wurden, daB der einzelne Rishi die Ge- 
heimnisse eines dieser Planeten in ihren Wirkungen verstand. Und 
weil man sieben Planeten zahlte, so waren diese sieben Rishis in 
ihrer Gemeinsamkeit dasjenige, was darstellt eine siebengliedrige 
Loge, welche die Lehren von den Geheimnissen unseres Sonnen- 
systems ihren Schulern ubermitteln konnte. Daher finden wir Hin- 
deutungen darauf in manchen alten okkulten Schriften. Da steht 
zum Beispiel: Es gibt Geheimnisse, die zu suchen sind jenseits der 
Sieben, das sind die, die der heilige Manu selbst bewahrte, iiber die 
Zeit vor der Spaltung der Planeten. 

Das was die Planeten als Krafte bewahrten, das war dasjenige, 
was in den Geheimnissen der sieben Rishis verborgen war. Und so 
wirkte dieser Chor der sieben Rishis zusammen, in vollster Einheit 
mit dem Manu, in der wunderbaren Weisheit, die den Schulern 
von ihnen vermittelt wurde. Wenn wir das charakterisieren wollten, 
so muBten wir sagen: Diese Urlehre enthielt ungefahr dasjenige, 
was wir heute kennenlernen als die Evolution der Menschheit durch 
die planetarischen Zustande von Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, 
Venus, Vulkan. Die Geheimnisse der Evolution waren hinein- 
geheimniBt in die sieben Glieder der Loge, von denen ein jedes eine 
Stufe im Fortschritt der Menschheit bedeutete. 

Das sah der Schuler. Er sah es nicht nur, er horte es sogar, wenn 
er sich erhob in das Devachan, in die devachanische Welt: denn 
diese Welt ist eine Welt des Tonens. Da horte er den Spharenklang 
der sieben Planeten. Er sah in der astralischen Welt das Bild; in der 
devachanischen Welt horte er den Ton, und in der obersten, der 
hochsten der Welten, erlebte er das Wort. Wenn also der indische 
Schuler sich erhob in das obere Devachan, so nahm er durch die 



Spharenmusik und durch das Spharenwort wahr, wie der Urgeist 
Brahma sich gliedert durch die Evolution, in der siebengliedrigen 
Planetenkette, und er horte das aus dem Urwort Vac. Das war die 
Bezeichnung des Urtones der Schopfung, den der Schiller horte; 
darinnen horte er die ganze Weltenentwickelung. Das in sieben Glieder 
gespaltene Wort, das Urwort der Schopfung, das wirkte in der Seele 
des Schulers, das Urwort, das er den Nichteingeweihten ungefahr so 
beschrieb, wie wir heute beschreiben wiirden unsere Weltene volution. 
Was er wahrnahm, ist elementar beschrieben in meiner «Theosophie», 
Und diese Beschreibung finden wir zuerst wieder in der uralt heili- 
gen Religion der Inder, in dem, was man nannte den «Veda» oder auf 
deutsch das «Wort». 

Das ist der wirkliche Sinn der Veden, und dasjenige, was spater 
geschrieben ist, ist nur die letzte Erinnerung an die uralt heilige 
Woftlehre. Das Wort selbst ist nur von Mund zu Mund fortgepflanzt 
worden, denn durch das Niederschreiben wird die Urtradition verletzt. 
Nur aus den Veden kann man noch etwas herausfiihlen von dem, was 
damals in diese Kultur eingeflossen ist. Wenn der Schiiler das in seiner 
Erinnerung erlebte, konnte er sich sagen: Was ich als Brahman in 
meiner Seele erlebe, was ich als Urwort in meiner Seele habe, das 
war auch schon da auf dem alten Saturn; auf dem Saturn erklang 
schon der erste Hauch des Vedawortes. 

Nun hatte sich die Entwickelung fortgesetzt durch Sonne und Mond 
bis zur Erde. Das Wort war immer dichter geworden, hatte immer 
dichtere Formen angenommen, und das Menschenbild im Ursamen der 
Erde war schon eine Verdichtung des Zustandes, in dem das Urwort 
auf dem Saturn war. Was war nun geschehen? 

Das Gotteswort, der Urmensch hatte sich in immer neue Hiillen ge- 
hullt, und es kam darauf an, welche Hiillen das Wort innerhalb der 
Erdenentwickelung annahm. Der Schiiler wuBte, daB sich nichts voll- 
standig wiederholt im Weltenall und daB jeder Planet seine Mission 
hat. Was er auf der alten Sonne als das Leben sich gestalten sah, 
was auf dem alten Monde als Weisheit eingeimpft wurde auf den 
Grund aller Dinge, dem folgte auf der Erde, was die Aufgabe, die 
Mission der Erde ist, das ist, die Liebe zu entwickeln; die war auf 



dem alten Monde noch nicht da. So kleidete sich dasjenige, was in 
einer viel geistigeren, aber auch in einer viel kalteren Form auf dem 
vorigen Planeten vorhanden war, das Urbild des Menschen, es kleidete 
sich in eine warme astralische Umhiillung. Dasjenige, was Mensch 
werden sollte, war auf dem Monde in eine astralische Hiille gekleidet 
worden, und dieser Teil ist es, der auf der Erde das innere Menschen- 
leben dazu fahig macht, Liebe zu entwickeln von der niedersten bis 
zur hochsten Form. 

Dem indischen Schuler wurde die Menschengestalt, das Urbild, im 
oberen Devachan klar wahrnehmbar. Dann umhiillte es sich im 
niederen Devachan mit einer astralischen Hiille, die in sich die Krafte 
hatte, Liebe zu entwickeln. Die Liebe, den Eros, nannte man Kama. 
So bekommt Kama einen Sinn fur die Erdenentwickelung. Es kleidete 
sich das gottliche Wort, das Brahman, in Kama, und durch das Kama 
hindurch tonte dem Schuler das Urwort heraus. Das Kleid der Liebe 
war Kama, das Kleid des Urwortes Vac, des Wortes Vac, das dem 
lateinischen «vox» zugrunde liegt. Und so empfand der Schiiler im 
innersten Wesen, daB sich das Gotteswort ein astralisches Liebeskleid 
umgelegt hatte, und nun sagte er sich: Der Mensch, der heute aus 
vier Gliedern besteht, aus dem physischen Leibe, dem Atherleib, dem 
Astralleib und dem Ich, dieser Mensch hat als hochstes Glied sein Ich. 
Und dieses Ich stieg hinunter in das Liebeskleid und bildete sich 
Kama-Manas. Das war das innerste Wesen des Menschen, Kama war 
es, in das sich Manas kleidete : das war das Ich. Aber wir wissen auch, 
daB dieses innerste Wesen herausentwickeln wird drei Glieder, die 
hoher sind, die warideln die niederen Glieder um, wandeln auch den 
physischen Leib um, und wie das Manas aus der Astralhiille wird, 
wie dem Prana die Budhi auf hoherer Stufe entspricht, so wird der 
physische Leib, wenn er ganz vergeistigt sein wird, Atma sein. 
Alles das war aber schon keimhaft veranlagt in der Vac, und ein 
Vedasatz erinnert noch daran, wie der Schiiler das Geheimnis des 
innersten Wesens zum Ausdruck brachte. 

Wir wissen, daB der physische Leib auf dem Saturn, der Atherleib 
auf der Sonne, der Astralleib auf dem Monde, und das Ich auf der 
Erde erst entstanden ist. Aber die wahre, urspriingliche Menschen- 



anlage, das Urwort Vac, hatte audi schon die drei folgenden Glieder 
in sich. Drei hohere Glieder hat der Mensch noch zu erwarten, dann 
wird er erst ein getreues Abbild des Schopfungswortes, des Urwortes 
sein. Und darauf sollte der Schuler hingewiesen werden, daB nur dem 
Eingeweihten die wahre Natur des physischen, atherischen und astrali- 
schen Leibes ldar sein konnte. Heute ist der Mensch er selbst nur, wenn 
er sein «Ich bin» ausspricht, wenn er das ins Auge faBt, was ganz 
sein eigen ist. Nur da ist er ganz Mensch. Die anderen Glieder sind 
zwar auch ofFenbar, aber da ist er noch unbewuBt. Aber im vierten ist 
die Vac offenbar geworden: «Im vierten spricht der Mensch ! » Das 
war der Satz des Veda. Wenn das Wort des Ich ertont, so tont der 
vierte Teil der Vac. Der Vedasatz hieB : «Vier Vierteiie der Vac sind 
bemessen; drei sind im Verborgenen bewahrt und ruhren sich nicht; 
nur das vierte Vierteil sprechen die Menschen.» 

Da haben wir eine wunderbare Beschreibung von dem, was wir so 
oft gehort haben. Das stand vor dem geistigen Blick des Schiilers. 
Sein Blick wurde auf den Zustand zuriickgelenkt, wo noch nichts 
getrennt war, wo noch eine Urerde war, wo die voile Vac sprach. 
Das driickt ein anderer Vedasatz aus: «Vorher wuBte ich nicht, was 
das ist, das < Ich bin>, erst als die Erstgeborene der Erde iiber mich 
kam, wurde der Geist lichtvoll erfullt, und ich hatte Anteil an der 
heiligen Vac», der Weisheit. Darinnen ist ein Schauen wiedergegeben, 
das der Eingeweihte hatte. 

Damit ist nur angedeutet einiges wenige von den Erlebnissen der 
alten Rishi-Schiiler, von den wunderbaren Lehren, die einflossen in 
die indische Kultur, die uberliefert wurden an die folgenden Zeit- 
alter und die umgestaltet wurden nach den Lebensbediirfnissen 
anderer Volker. Aber alle hatten es verstanden, das Urwort Vac. 

Wir werden manches besser verstehen, wenn wir ein Geheimnis in 
seinem ganzen Zusammenhang uns vor Augen fuhren. Wir miissen 
uns vorstellen, daB damals die Wirkung des Lehrers auf den Schuler 
eine ganz andere war als heute. Heute ist nur dann, wenn der Schuler 
auf eine gewisse Einweihungsstufe schon gebracht ist, einigermaBen 
eine solche Wirkung moglich. Damals waren die Krafte des Lehrers, 
die auf den Schuler ubergingen, viel starker. Von diesen Kraften 



machen wir uns eine Vorstellung, wenn wir sagen: Nicht nur das, 
was der Lehrer durch das Wort oder durch die Schrift iibermitteln 
konnte, wirkte. Das alles wirkte eigentlich nur auf die Verstandes- 
seele, aber auBerdem wirkten magische, geheimnisvolle Krafte vom 
Lehrer auf den Schuler, und es waren im wesentlichen die Krafte 
des Lehrers, die da imstande waren, die Bilder, die der Lehrer vor 
die Seele des Schiilers riickte, zu erfiiilen mit Helligkeit und lebendiger 
Kraft. Diese eigenartige Wirkung hat sich im vierten nachatlantischen 
Zeitalter, der griechisch-lateinischen Kultur, erst verloren. Die Krafte 
andern sich eben. Es war ganz etwas anderes, wenn ein alter Agypter 
einem jungen gegeniiberstand, als wenn heute ein Lehrer dem Schuler 
gegenubersteht. Ganz andere Krafte wirkten vom Alter auf die Ju- 
gend. Das muB derjenige wissen, der verstehen will, was noch im alten 
Griechentum beschrieben ist. Sokrates hatte tatsachlich telepathische 
Krafte, die er auf seine Schuler ubergehen lieG, wahrend er sie be- 
lehrte. Solches kann in unserer Zeit nicht mehr wirken. Solche Dinge 
werden angedeutet in Platos Schriften. Heute wiirde es selbstver- 
standlich eine verwerfliche Untugend sein, was damals durchaus be- 
rechtigt war. Es gehen eben Anderungen vor sich; niemand hat das 
Recht, das heute zu kopieren. Heutige Erscheinungen wollen sich dar- 
auf berufen, aber dasselbe wiirde heute verwerf lich sein. 

Damals, in der alten Zeit, gingen Krafte aus vom Lehrer zum 
Schuler. Noch im alten Agypten gab es wirklich eine groBe Zahl 
Menschen, die fahig waren, auf eine derartige Weise Krafte aufzu- 
nehmen. Wenn ein Mensch besonders empfanglich war und einem 
anderen gegeniiberstand, der gelernt hatte, seine Gedanken zu ver- 
starken, dann wirkte ein starker Gedanke so, daB er in der Seele des 
Empfanglichen auftauchte als Bild. Es war also im alten Agypten 
eine solche telepathische Wirkung in hohem Grade moglich, und 
Gedankeniibertragung war in hohem MaBe vorhanden. Wenn eine 
starke Willensnatur einer nicht gestarkten gegeniiberstand, war das 
sehr der Fall. So vermochte man auch noch in Agypten einen an- 
deren durch Gedanken zu lenken und zu leiten in einem MaBe, wie 
man es sich heute gar nicht vorstellen kann. Heute wiirde man na- 
tiirlich mit solchen Kraften argen MiBbrauch treiben. 



Im wesentlichen beruhten im alten Agypten die Einweihungen auf 
ahnlichen Kraften. So war es auch im alten Indien moglich gewesen 
und in Persien. Diese Krafte verstarkten noch die Methode, die, wenn 
man sich exoterisch ausdriicken wollte, man auch eine medizinische 
nennen konnte. Darunter ist naturlich nicht die ofFizielle Heilkunde 
von heute zu verstehen. Tiber das, was heute der Mensch Medizin 
nennt, dariiber hatte der agyptische Arzt und Eingeweihte nur ge- 
lacht. Der alte agyptische Mediziner hat eins gewuBt: er hat gewufit, 
daB jene Zustande, die in der Atlantis urspriinglich vorhanden waren, 
und wie man sie bei der Einweihung hat wahrnehmen konnen, auch 
jetzt noch in gewissem Sinne wieder zu erwecken waren. Das BewuBt- 
sein, in dem der Mensch in der Atlantis lebte, war ein dumpfes Hell- 
seherbewuBtsein. Da gab es eine Zeit, sagte sich der agyptische Ein- 
geweihte, in der die geistigen Wesen eine viel groBere Kraft auf den 
Menschen ausiibten. Heute weiB der Mensch, wenn er schlaft, nichts 
von den hoheren Welten; aber der atlantische Mensch lebte da noch 
in einem dammerhaften HellseherbewuBtsein mit den Gottern. Und 
so wie es viel besser wirkt als alle moralischen Lehren, wenn der 
heutige Mensch sich erheben kann zu einem idealen Menschen, so 
wirkte damals der agyptische Eingeweihte durch Krafte und Bilder 
hoherer geistiger Vorgange auf den Schiiler. Das wirkte nicht bloB 
auBerlich, sondern tief innerlich, es wirkte so, daB ein ganz bestimmter 
Vorgang resultierte. 

Denken wir uns einen kranken Menschen, der deshalb krank ist, 
weil bestimmte Verrichtungen nicht in normaler Weise verlaufen. 
Woher kommt das? Derjenige, der okkult geschult ist, weiB, daB 
es nicht von auBen kommt, wenn der physische Leib unregelmaBig 
funktioniert; sondern alles, was an Krankheiten da ist und nicht 
von auBen kommt, ist darauf zuriickzufiihren, daB der Atherleib nicht 
in Ordnung ist. Aber der Atherleib ist krank, weil der Astralleib in 
Unordnung ist. Wenn nun bei dem atlantischen Menschen Gefahr 
vorhanden war, daB irgendeine Unordnung in der Safteverteilung 
eintreten konnte, dann war sehr bald dafur gesorgt, daB wieder 
Ordnung hineinkommen konnte. Der Mensch bekam im Schlaf- 
zustand aus den geistigen Welten eine solche Kraft, daB durch den 



Schlaf die gestorten Krafte und Funktionen wieder hergestellt wurden, 
daB der Mensch wieder gesundete. Er stellte gewissermaBen durch 
Erschlafen die gesunden Krafte wieder her. Die alten agyptischen 
Arzte gebrauchten etwas Ahnliches. Sie dammerten das BewuBtsein 
des Patienten kiinstlich herab bis zu einer Art hypnotischen Schlafes, 
und nun waren sie Herren iiber die Bilder der Seelenwelt, die um 
den Patienten entstanden. Und diese Bilder lenkten sie so, daB sie 
Krafte hatten, zuriickzuwirken auf den physischen Leib und ihn ge- 
sund zu machen. Das war der Sinn des Tempelschlafs, den man fur 
innerliche Krankheiten verwendete. Den Kranken gab man keine 
Medizin, sondern man lieB einen solchen Menschen im Tempel 
schlafen. Man umdammerte sein BewuBtsein und lieB ihn in die 
geistigen Welten hineinschauen. Man lenkte nun seine astralischen 
Erlebnisse so, daB diese die Krafte hatten, wieder Gesundheit in den 
Leib hineinzugieBen. Das ist kein Aberglaube, das ist ein Geheimnis, 
das die Eingeweihten kannten : daB sie das Geistige in die Erlebnisse 
der Kranken hineinbrachten. In der Heilkunde, die wir daher so innig 
verbunden mit dem Prinzip der Einweihung finden, stellte man bei 
der Heilung gleichsam kiinstlich den atlantischen Zustand wieder her. 
Und dadurch, daB der Mensch durch sein TagesbewuBtsein nicht sich 
entgegensetzte, wirkten die Krafte, die notig waren zur Gesundung. 
So wirkte der Tempelschlaf. 

In der agyptischen Kultur herrschte das Prinzip auch noch, das in 
Indien bei den weisen Rishis herrschte, die selbst die Dinge lenkten, 
die selbst die Vermittler der Planetenkrafte waren, die Schiller des 
Manu, des groBen Lehrers der ersten erhabenen Kultur. In der 
ersten Kultur der nachatlantischen Zeit waren es die Rishis, die jene 
erhabene Lehre brachten, eine Lehre, die den Menschen in hohe, er- 
habene, geistige Welten fuhrte, bis in die obere Devachanwelt. Das, 
was da geschaut wurde, das wurde heruntergefuhrt in den folgenden 
Kulturperioden bis auf den physischen Plan; bis im vierten nach- 
atlantischen Zeitraum sich hineinsenkte in den physischen Plan die 
Wesenheit, die wir als das Brahman der indischen Kulturperiode 
kennengelernt haben, die wir als Christus bezeichnen, die nicht mehr 
das Geistige zu vermitteln hat, sondern selbst Mensch wurde, um 



liber alle Menschen auszustrahlen die geheimnisvolle Macht des Ur- 
wortes. 

So ist das Urwort herabgestiegen, um den Menschen wieder hin- 
aufzubringen. Und der Mensch muB verstehen, wie das geschah, um 
ein Instrument aus sich zu Hlden, durch das er in die Zukunft wir- 
ken kann. Wir miissen kennenlernen, was vor uns gewirkt hat, damit 
wir selbst mitarbeiten konnen an immer hoherer Gestaltung dessen, 
was fiir uns um uns ist. 

Eine geistige Welt miissen wir in Zukunft schaffen. Dazu ist notig, 
daB wir zuerst den Kosmos verstehen. 



FUNFTER VORTRAG 



Leipzig, 7. September 1908 

Wir haben bisher in diesen Vortragen versucht, uns ein Bild zu 
machen von unserer Erdenentwickelung im Zusammenhange mit der 
des Menschen, weil wif auseinandersetzen muBten, wie die Ver- 
gangenheit der Erde, wie die Tatsachen unserer Erdenentwickelung 
sich in der Erkenntnis der einzelnen Kulturperioden der nachatlan- 
tischen Zeit widerspiegeln. Wir konnten gerade die tiefsten Erleb- 
nisse des Schiilers der Rishis dahin charakterisieren und zeigen, wie 
sich diese inneren Erlebnisse eines solchen Einzuweihenden als in- 
nere, hellsichtig geschaute Bilder darstellten derjenigen Verhalt- 
nisse und Vorgange, die sich abspielten in unserer Urerde, als diese 
noch in sich enthielt die Sonne und den Mond. Wir haben auch 
gesehen, welch eine hohe Stufe der Einweihung ein solcher Schuler 
der indischen Kultur erreichen muBte, um sich ein solches Welt- 
anschauungsbild schaffen zu konnen, ein Bild, das wie eine Wieder- 
holung dasteht von dem, was sich in urferner Vergangenheit abge- 
spielt hat. Wir haben auch gesehen, was die Griechen dachten, als 
sie auf ihren Alexanderziigen bekannt wurden mit dem, was also ein 
indischer Einzuweihender erlebte, in dessen Seele sich erhob das Bild 
der gottlich-geistigen, schaffenden Kraft, das sich auszudnicken be- 
gann im Urnebel, als Sonne und Mond noch mit der Erde vereint wa- 
ren. Dieses Bild, das Brahman der Inder, das den Griechen erschien 
wie Herakles, dieses Bild versuchten wir uns als eine innere Wieder- 
holung der Tatsachen, die sich tatsachlich in der Vergangenheit abge- 
spielt haben, vor die Seele zu fuhren. Es ist auch schon betont worden, 
daB die aufeinanderfolgenden Entwickelungsperioden der Erde sich 
spiegelten in der persischen und in der agyptischen Kulturperiode. 
Was also in der zweiten Epoche geschah, als sich die Sonne herauszog 
aus der Erde, das wurde im Bilde bei den Eingeweihten der Perser in 
Erscheinung gebracht. Und das, was sich abspielte, als nach und nach 
der Mond herausging, das wurde Weltanschauung und Einweihungs- 
prinzip bei den Agyptern, Chaldaern, Babyloniern, Assyrern. 



Nun mussen wir uns, um ganz genau in die Seek des alten Agyp- 
ters hineinschauen zu konnen - denn das ist uns ja das Wichtigste, 
und die Persereinweihung werden wir nur wie eine Vorbereitung an- 
schauen wir mussen uns noch einmal genauer darauf einlassen, wie 
es eigentlich mit unserer Erde zuging wahrend der Zeiten, als sich 
Sonne und Mond von der Erde trennten. 

Wir wollen jetzt ein Bild von der Erde selbst entwerfen, das sich 
nach und nach herausbildete, als die Sonne wegging und als sparer 
auch der Mond wegging. Es soil abgesehen werden von den groBen 
kosmischen Ereignissen, und wir wollen sehen, was auf der Erde 
selbst geschieht. Wenn wir noch einmal auf die Erde im Urzustande 
zuruckblicken, als sie mit Sonne und Mond vereinigt war, so wurden 
wir da nicht finden unsere Tiere, unsere Pflanzen und ganz und 
gar nicht unsere Mineralien. Das, woraus die Erde urspriinglich ge- 
staltet war, war zunachst nur der Mensch, waren nur Menschenkeime. 
Zwar ist es richtig, daB auch schon die tierischen und pflanzlichen 
Keime angelegt wurden auf der alten Sonne und auf dem alten Monde, 
daB auch diese schon im Urzustande der Erde enthalten waren, aber 
sie waren gewissermafien noch schlafende Keime, keine Keime, denen 
man hatte ansehen konnen, daB sie wirklich etwas hervorbringen 
konnten. Erst als die Sonne sich herauszubewegen begann, erst da 
wurden die Keime triebkraftig, die spater zu Tieren wurden. Und 
erst als die Sonne sich vollstandig von der Erde getrennt hatte und 
Erde und Mond allein waren, da wurden jene Keime Triebkeime, 
die spater Pflanzen wurden. Und erst als der Mond herauszugehen 
begann, bildeten sich nach und nach die mineralischen Keime. Das 
wollen wir also festhalten. 

Jetzt aber wollen wir die Erde einmal selbst anschauen. Die Erde 
war, als sie noch Sonne und Mond in sich hatte, nur eine Art groBer 
atherischer Dunstnebel von gewaltiger Ausdehnung, und darinnen 
waren triebkraftig die Menschenkeime, schlafend aber die Keime der 
anderen Wesen: Tiere, Pflanzen und Mineralien. Deshalb, weil nur 
Menschenkeime da waren, aber noch keine Augen, konnte auch 
kein Auge auBerlich diese Vorgange sehen, so daB die hier gegebene 
Beschreibung nur sichtbar werden kann im Ruckblick fur den hell- 



sehenden Menschen. Diese Beschreibung wird unter der hypotheti- 
schen Voraussetzung gemacht, da6 das einer gesehen hatte, wenn er 
damals auf einem Punkt des Weltenraums sich hatte befinden und 
zuschauen konnen. Auch auf dem alten Saturn hatte ein physisches 
Auge gar nichts bemerkt. Damals, im Urzustand, war die Erde nur 
ein Dunstnebel, der nur als Warme empfunden worden ware. Aus 
dieser Masse, aus diesem Urathernebel gliederte sich allmahlich ein 
leuchtender Dunstball, der schon hatte gesehen werden konnen, wenn 
es damals ein Auge gegeben hatte. Und wenn man mit einem Gefuhls- 
sinn sozusagen hatte hineindringen konnen, ware er erschienen wie 
ein erwarmter Raum; etwa wie das Innere eines Backofens wiirde er 
sich ausgenommen haben. Sehr bald aber wurde diese Nebelmasse 
leuchtend. Und dieser Dunstball, der sich da herausgebildet hatte, 
der hatte in sich alle die Keime, von denen eben gesprochen worden 
ist. Wir mussen uns klar sein, daB in diesem Dunstnebel nicht etwas 
vorlag wie ein heutiger Nebel oder wie heutige Wolkengebilde, son- 
dern alle heute fest gewordenen und fhissigen Substanzen waren 
darinnen aufgelost. Alle Metalle, alle Mineralien, alles, alles war in 
Dunst- und Nebelform, in einer sehr durchsichtigen Form, in einer 
durchleuchteten Dunstform darin vorhanden. Durchleuchteter Dunst 
war da, von Warme und Licht durchdrungen. Denken Sie sich da 
hinein. Das was aus dem atherischen Nebel geworden war, das war 
ein durchleuchtetes Gas. Und dieses hellte sich immer mehr und 
mehr auf, und gerade durch die Verdichtung der Gase wurde das 
Licht immer starker, so daB in der Tat einmal dieser Dunstnebel 
wie eine groBe Sonne erschien, die in den Weltenraum hinaus- 
leuchtete. 

Diesen Zeitpunkt gab es durchaus einmal, als die Erde noch die 
Sonne in sich hatte, als sie noch lichtdurchglanzt und durchstrahlt 
war und in den Weltenraum ihr Licht hinausstrahlte. Dieses Licht 
aber machte es moglich, daB nicht nur der Mensch in jener ur- 
sprunglichen Anlage mit der Erde lebte, sondern daB in der Fiille des 
Lichtes lebten alle anderen hoheren Wesen, die nicht einen physischen 
Leib annahmen, aber mit der Entwickelung des Menschen verbunden 
sind: Engel, Erzengel, Urkrafte. Aber nicht nur diese waren darin; 



in der Lichtfulle lebten auch noch hohere Wesenheiten: die Gewalten 
oder Exusiai oder Geister der Form, die Machte oder Dynamis oder 
Geister der Bewegung, die Herrschaften oder Kyriotetes oder Geister 
der Weisheit und jene Geister, die genannt werden die Throne oder 
Geister des Willens, und endlich in loserer Verbindung mit der 
Lichtfulle, sich immer mehr von ihr losringend, die Cherubim und 
die Seraphim. Ein von einer ganzen Hierarchie niederer und hochster, 
erhabenster Wesenheiten bevolkerter Weltenkorper war die Erde. Und 
das, was als Licht hinausstrahlte in den Raum, das Licht, womit der 
Erdenkorper durchdrungen wurde, das war nicht nur Licht, sondern 
auch das, was spater die Erdenmission war: das war die Kraft der 
Liebe. Das hatte das Licht als seinen wichtigsten Bestandteil in sich. 
Wir tmissen uns also vorstellen, dafi nicht nur Licht ausgestrahlt wird, 
nicht nur physisches Licht, sondern daJB dieses Licht durchseelt, durch- 
geistigt ist mit der Kraft der Liebe. 

Das ist schwer vorzustellen fur ein heutiges Gemiit. Gibt es doch 
heute Menschen, die die Sonne so beschreiben, als ob da so ein gas- 
formiger Ball ware, der einfach Licht ausstrahlte. So etwas Materiel- 
les, so ein rein materielles Vorstellen herrscht heute einzig und allein 
von der Sonne. Ausgenommen sind davon nur die Okkultisten. Wer 
heute eine Beschreibung der Sonne liest, so wie sie in den popularen 
Biichern dargestellt ist, in Biichern, die die geistige Nahrung unzah- 
liger Menschen bilden, der hat nicht das Wesen der Sonne kennen- 
gelernt. Das was in diesen Biichern steht, das ist in bezug auf die 
Sonne genausoviei wert, wie wenn jemand als das Wesen des Men- 
schen einen Leichnam beschreibt. So wahr der Leichnam der Mensch 
ist, so wahr ist das, was in der Astrophysik von der Sonne beschrie- 
ben ist, die Sonne. 

Gerade so wie der das Wichtigste beim Menschen weglaBt, der den 
Leichnam beschreibt, so beschreibt der Physiker, der heute die Sonne 
beschreibt, nicht ihr Wesen, wenn er mit Hilfe der Spektralanalyse die 
inneren Bestandteile der Sonne gefunden zu haben glaubt; das was be- 
schrieben ist, ist nur aufierer Leib der Sonne. In jedem Sonnenstrahle 
stromt auf alle Erdenwesen hernieder die Kraft hoherer Wesenheiten, 
welche die Sonne bewohnen, und mit dem Lichte des Sonnenstrahls 



schwebt selber hernieder die Kraft der Liebe, dieselbe Kraft, die hier 
auf der Erde von Mensch zu Mensch, von Herzen zu Herzen stromt. 
Es kann die Sonne niemals bloB physisches Licht auf die Erde senden; 
dasselbe, was die heiBeste und inbriinstigste Liebesempfindung ist, ist 
unsichtbar im Sonnenlichte vorhanden. Mit ihm stromen der Erde zu 
die Krafte der Throne, der Seraphim, der Cherubim und der ganzen 
Hierarchie der hoheren Wesenheiten, die auf der Sonne wohnen und 
die es nicht notig haben, irgendeinen anderen Korper als das Licht 
zu haben. Weil aber das alles, was heute in der Sonne vorhanden ist, 
damals noch mit der Erde verbunden war, so waren auch alle die 
hoheren Wesen mit der Erde selbst verbunden. Auch heute noch sind 
sie mit der Entwickelung der Erde verbunden. 

Dann miissen wir bedenken, daB der Mensch, der das niederste von 
den hoheren Wesen war, damals schon im Keim vorhanden war als 
das neue Kind der Erde, getragen und gehegt von diesen hohen We- 
sen, im Schofie dieser gottlichen Wesen lebend. Der Mensch, der in 
jener Zeit lebte, in welcher wir jetzt mit unseren Betrachtungen in der 
Erdenevolution stehen, muBte, weil er noch im SchoBe dieser Wesen- 
heiten war, auch damals einen viel feineren Leib haben. Und da ergibt 
sich dem hellsehenden BewuBtsein, dafi der Leib des damaligen Men- 
schen nur bestanden hat aus einer feinen Dunst- und Dampfform, 
einem Luft- oder Gasleib, einem vom Lichte ganz durchstrahlten, 
ganz durchsetzten Gasleib. Denken wir uns eine regelmaBig gestaltete 
Wolke, wie eine nach oben sich erweiternde, kelchartige Bildung, 
und denken wir uns diesen Kelch durchgliiht und durchleuchtet von 
dem inneren Lichte, und wir haben die damaligen Menschen, die eben 
erst anfangen in dieser Erdenentwickelung ein dumpfes BewuBtsein zu 
haben, ein BewuBtsein, wie es heute die Pflanzenwelt hat. Nicht wie 
die Pflanzen im heutigen Sinne waren die Menschen; sie waren durch- 
leuchtete und durchwarmte Wolkenmassen in Kelchesform und ohne 
feste Grenzen, nicht durch feste Grenzen getrennt von der Gesamt- 
erdenmasse. 

Das war einmal die Gestalt des Menschen, eine Gestalt, die ein phy- 
sischer Lichtleib war, teilhaftig noch der Krafte des Lichtes. Deshalb 
konnten sich, wegen der Feinheit des Leibes, nicht nur hineinsenken 



ein eigener Atherleib und Astralleib, nicht nur das Ich in den ersten 
Anfangen, sondern auch die hoheren geistigen Wesenheiten, die mit 
der Erde verbunden waren. Damals wurzelte der Mensch noch sozu- 
sagen nach oben in den gottlich-geistigen Wesen, und diese durch- 
drangen ihn. Es ist wirklich nicht leicht, die Herrlichkeit der Erde 
von damals zu schildern und eine Vorstellung zu geben von jener 
Zeit. Wir rmissen uns die Erde als eine Hchtdurchglanzte Kugel vor- 
stellen, von lichttragenden Wolken umstrahlt, wunderbare Licht- 
erscheinungen von wunderbarem Farbenspiel erzeugend. Wenn man 
eine fuhlende Hand hatte hineinstrecken konnen in diese Erde, man 
hatte Warmeerscheinungen wahrgenommen, auf und ab wogend die 
durchgliihten, durchleuchteten Massen, darin alle heutigen Menschen- 
wesen, umwebt und umwogt von all den geistigen Wesenheiten, nach 
auBen hin in grandioser Mannigfaltigkeit strahlendes Licht aussen- 
dend! AuBen der Erdenkosmos in seiner groBen Mannigfaltigkeit, 
innen der lichtumflossene Mensch, in Verbindung mit den gottlich- 
geistigen Wesenheiten, von ihnen ausgehend und Strome von Licht 
in die auBere Lichtsphare strahlend. Der Mensch hing wie an einer aus 
dem Gottlichen entspringenden Nabelschnur an diesem Ganzen, an 
dem LichtschoB, dem WeltenschoB unserer Erde. Ein gemeinsamer 
WeltenschoB war es, in dem die Lichtpflanze Mensch damals lebte, 
sich eins fiihlend mit dem Lichtmantel der Erde. So war der Mensch 
in dieser feinen Dunstpflanzenform wie an der Nabelschnur der 
Erdenmutter hangend, so war er gehegt und gepflegt von der ganzen 
Mutter Erde. Wie in einem groberen Sinne heute das Kind gehegt und 
gepflegt ist im mutterlichen Leibe als Kindeskeim, so war damals ge- 
hegt und gepflegt der Menschenkeim. So lebte der Mensch damals in 
der urfernen Erdenzeit. 

Dann begann die Sonne sich herauszulosen, die feinsten Substan- 
zen mit sich nehmend. Es gab eine Zeit, in der die hohen Sonnen- 
wesenheiten die Menschen verlieBen, da alles, was heute zur Sonne 
gehort, unsere Erde verlieB und die groberen Substanzen zuriicklieB. 
Und verbunden war dieses Hinausgehen der Sonne damit, daB der 
Dunst sich abkiihlte zu Wasser, und wir haben, wahrend wir friiher 
die Dunsterde hatten, nun die Wasser-Erdkugel. In der Mitte waren 



die Urwasser, jedoch nicht von Luft umgeben; langsam gingen die 
Wasser iiber in dichte, dicke Nebel, die sich allmahlich verfeinerten. 
So haben wir die damalige Erde als Wassererde, also darin auch StofFe 
in weichem Zustande, umdunstet von Nebeln, die immer feiner wur- 
den, bis hinauf in die hochsten Spharen, wo die Nebel ganz fein wur- 
den. So haben wir einmal unsere Erde vor uns. So war sie verandert, 
und die Menschen muBten nun sozusagen die friiher lichtdurchgliihte 
Gasgestalt hineinsenken in die triiben Wasser und sich dort verkor- 
pern als geformte Wassermassen im Wasser, wie vorher als Luftfor- 
men in der Luft. Der Mensch wurde eine Wassergestalt, jedoch kei- 
neswegs ganz. Niemals war der Mensch ganz ins Wasser hinunter- 
getaucht. Das ist ein wichtiger Moment. Es ist beschrieben worden, 
wie die Erde in der Mitte Wassererde war, der Mensch war nur teil- 
weise ein Wasserwesen, er ragte hinein in die Dunsthiille, so daB er 
halb Wasser-, halb Dampfwesen war. Unten im Wasser konnte der 
Mensch unmoglich von der Sonne erreicht werden, die Wassermasse 
war so dick, daB das Sonnenlicht nicht durchdringen konnte. In den 
Dunst konnte das Licht der Sonne etwas hineindringen, so daB der 
Mensch lebte zum Teil im dunkeln, lichtberaubten Wasser und teil- 
weise im lichtdurchgluhten Dunst. Von etwas war jedoch das Was- 
ser nicht beraubt, von etwas, das wir jetzt genauer beschreiben miis- 
sen. 

Von Anfang an war die Erde nicht nur gluhend, leuchtend, son- 
dern auch tonend, und der Ton war in der Erde geblieben, so daB, 
als das Licht hinausging, innerlich das Wasser zwar dunkel wurde, 
innerlich aber auch vom Ton durchdrungen wurde, und der Ton war 
es, der dem Wasser gerade die Gestaltung, die Form gab, wie man das 
ja an dem bekannten physikalischen Experiment kennenlernen kann. 
Wir sehen, daB der Ton ein Gestaltendes ist, eine formende Kraft, weil 
durch den Ton die Teile gegliedert oder geordnet werden. Der Ton 
hat eine formende Kraft, und die war es, die auch den Leib aus dem 
Wasser heraus geformt hat. Das war die Kraft des Tones, die noch in 
der Erde geblieben war. Es ist der Ton, der Klang, der die Erde durch- 
klingt, es ist der Ton, aus dem heraus sich formte die Menschen- 
gestalt. Hindringen konnte das Licht nur zu dem Teil des Menschen, 



der da aus dem Wasser hinausragte. Unten ein Wasserleib, oben ein 
Dampfleib, den das auBere Licht beriihrte, zu dem im Lichte die 
Wesen, die mit der Sonne herausgegangen waren, Zugang hatten. 
Vorher fiihlte sich der Mensch in ihrem SchoBe, als die Sonne noch 
mit der Erde vereinigt war; jetzt schienen sie im Licht auf ihn nieder 
und durchstrahlten ihn mit ihrer Kraft. Wir diirfen aber nicht ver- 
gessen, daB in dem, was nach der Trennung der Sonne zuriickgeblie- 
ben war, auch die Krafte waren, die die Erde von sich trennen muBte, 
die Krafte des Mondes. 

Wir haben also eine Zeit, wo gerade die Sonne herausgegangen 
war, wo allmahlich jener Pflanzenmensch untertauchen muBte in die 
physische Wassererde. Das ist die Stufe, die der Mensch damals in 
seinem Leibe erreicht hatte, die wir heute degeneriert festgehalten 
sehen in den Fischen. Wenn wir heute das Wasser von Fischen durch- 
zogen sehen, so sind diese Fische Uberreste jener Menschen, naturlich 
in einer dekadenten Form. Wir mussen uns etwa einen Goldfisch den- 
ken, in phantastischen Pflanzenformen, mit groBer Beweglichkeit, aber 
mit dem Gefiihl von Wehmut, weil das Licht dem Wasser genommen 
war. Es war eine tiefe, tiefe Sehnsucht, die entstand. Das Licht war 
nicht mehr da ; das Verlangen nach dem Licht rief die Sehnsucht her- 
vor. Es gab einen Augenblick in der Erdenentwickelung, in dem die 
Sonne noch nicht ganz heraus war aus der Erde, da kann man jene 
Gestalt noch durchgliiht sehen von Licht, die Menschen im oberen 
Teil noch auf der Sonnenstufe, unten schon in der Gestalt, die in der 
Fischform festgehalten worden ist. Dadurch nun, daB der Mensch mit 
der Halfte seines Wesens in der Dunkelheit lebte, dadurch war da unten 
eine recht niedere Menschennatur, denn in dem Teile, mit dem er 
untertauchte, hatte er die Mondeskrafte in sich. Wenn das auch nicht 
zur Lava erstarrt war, wie im heutigen Monde, es waren schwarze, 
finstere Krafte. Da konnten auch nur die schlechtesten Partien des 
Astralischen untertauchen. Aber oben war eine Dunstgestalt, gleich- 
sam der Kopfteil, in den hineinstrahlte das Licht von auBen und ihm 
die Form gab, so daB der Mensch aus einem niederen und einem 
hoheren Teil bestand. Schwimmend, schwebend bewegte er sich in 
dieser Dunstatmosphare. Die dichte Dunstatmosphare der Erde war 



noch nicht Luft, sie war Dunst, also noch nicht Luft, durch die die 
Sonne hatte dringen konnen. Die Warme konnte durchdringen, aber 
nicht das Licht. Der Sonnenstrahl konnte nicht die ganze Erde kiis- 
sen, sondern nur die Oberflache, der Erdenozean blieb dunkel. In die- 
sem Ozean waren aber die Krafte, die spater als Mond herausgegangen 
sind. 

Dadurch nun, daB die Lichtkrafte eindrangen, drangen auch die 
Gotter in die Erde ein. So daB wir unten den gotterlosen, gottver- 
lassenen Wassermantel, nur durchdrungen von der Kraft des Tones 
haben, ringsherum den Dunst, in den sich hineinerstrecken die Krafte 
der Sonne. So daB der Mensch in dem Dunstkorper, der uber die 
Wasserflache hinausragte, doch immer noch ein Mitburger war des- 
sen, was zu ihm strahlte als Licht und Liebe aus der geistigen Welt. 
Warum durchdrang jedoch den finsteren Wasserkern die tbnende 
Welt? 

Aus dem Grunde, weil einer der hohen Sonnengeister zuruckgeblie- 
ben war, verbunden hatte sein Dasein mit der Erde. Das ist derselbe 
Geist, den wir kennen als Jahve oder Jehova. Jahve allein blieb bei 
der Erde, er opferte sich, er war es, dessen inneres Wesen als for- 
mender Ton die Wassererde durchklang. 

Aber weil die schlechtesten Krafte als Ingredienzien in der Wasser- 
erde verblieben waren, weil diese Krafte furchtbare Elemente waren, 
kam der Dunstteil des Menschen immer mehr herunter, und aus der 
ehemaligen Pflanzengestalt entstand allmahlich ein Wesen, das auf der 
Stufe eines Amphibiums stand. In der Sage und Mythe ist diese Ge- 
stalt, die viel tiefer steht als die spatere Menschheit, geschildert als der 
Drache, als der Menschenmolch, als der Lindwurm. Und der andere 
Teil des Menschen, der ein Burger des Lichtes war, der wird darge- 
stellt als ein Wesen, das nicht herunterkam, das die niedere Natur 
bekampft, das zum Beispiel als Michael, als der Drachentoter, als hei- 
liger Georg, den Drachen bekampfend dargestellt wird. Auch noch in 
der Gestalt des Siegfried mit dem Drachen haben wir, allerdings um- 
geformt, Bilder dessen, was damals in jener Zweiteilung Menschen- 
anlage war. Hinein kam in den oberen Teil der Erde und somit auch 
in den oberen Teil des physischen Menschen die Warme, und bildete 



etwas wie einen feurigen Drachen. Aber daruber erhob sich der Ather- 
leib, in dem die Kraft der Sonne festgehalten wurde. So haben wir 
eine Gestalt, die das Alte Testament recht gut dargestellt hat in der 
Gestalt der verfuhrerischen Schlange, die auch ein Amphibium ist. 

Nun riickte die Zeit immer mehr heran, in der die niedersten Krafte 
herausgeschleudert wurden. Machtige Katastrophen erschutterten die 
Erde, und fur den Okkultisten erscheinen die Basaltbildungen als 
Uberreste jener reinigenden Krafte, die dazumal den Erdenkorper er- 
schiitterten, als der Mond sich von der Erde trennen muBte. Das war 
aber auch die Zeit, in der sich immer mehr verdichtete der Wasser- 
kern der Erde, und in der allmahlich der feste, mineralische Kern ent- 
stand. Die Erde wurde auf der einen Seite verdichtet durch den Her- 
ausgang des Mondes, auf der anderen Seite gaben jedoch die oberen 
Partien ihre schwereren, groberen Substanzen an die unteren Partien 
ab, und oben entstand immer mehr und mehr das, was zwar noch 
immer von Wasser durchsetzt war, was aber nach und nach ahnlich 
wurde unserer Luft. So bekam die Erde allmahlich einen festen Kern 
in der Mitte, und Wasser war darum herum. Zuerst war der Nebel 
noch undurchdringlich fur die Sonnenstrahlen, aber dadurch, daB der 
Nebel Substanzen abgab, wurde er immer diinner und diinner. Spater, 
erst viel spater ist Luft daraus geworden, und allmahlich konnten die 
Sonnenstrahlen, die friiher die Erde selbst nicht erreichen konnten, 
allmahlich konnten sie durchdringen. 

Jetzt kam eine Stufe unserer Erde, die wir uns recht vor die Seele 
stellen wollen. Friiher tauchte der Mensch ins Wasser, ragte nur in 
Nebel heraus ; jetzt durch die Verdichtung der Erde nimmt der Wasser- 
mensch allmahlich die Moglichkeit an, die Form zu verdichten, ein 
festes Knochensystem anzunehmen. Der Mensch verhartete sich in 
sich selber. Dadurch bildete sich der obere Teil des Menschen so um, 
dafi er fur das neu Eingetretene geeignet wurde. Das neu Eingetre- 
tene, was friiher unmoglich war, das war die Luftatmung. Jetzt fin- 
den wir eine erste Anlage der Lunge. In dem oberen Teil war friiher 
das, was das Licht aufnahm, das aber nicht weiterdringen konnte. 
Jetzt fuhlte der Mensch wieder das Licht in seinem dumpfen BewuBt- 
sein. Er konnte das, was da herunterstrahlte, fiihlen als gottliche 



Krafte, die ihm zustromten. Bei diesem Ubergang fuhlte er das, was 
ihm zustrahlte, in zwei Teile sich spalten : die Luft drang selbst in ihn 
ein, der Hauch der Luft drang in ihn ein, fruher drang das Licht nur 
an ihn, jetzt Luft in ihn. Der Mensch, der das fuhlte, muBte sich etwa 
sagen : Fruher fuhlte ich die Kraft, die iiber mir ist, als die Kraft, die 
mir gab das, was ich jetzt brauche zum Atmen. Licht war mir Atmen. 
- Was jetzt in ihn einstromte, war ihm wie zwei Bruder; Licht und 
Luft waren fur ihn zwei Briider. Jetzt war es fur ihn eine Zweiheit 
geworden : Licht und Luft. 

Der Erde Lufthauch, der in den Menschen einstromte, war auch zu 
gleicher Zeit die Ankundigung, daB der Mensch etwas ganz Neues 
fiihlen lernen muBte. Solange Licht allein war, solange kannte der 
Mensch nicht Geburt und Tod. Fruher verwandelte sich die licht- 
durchgluhte Wolke, und der Mensch fuhlte das etwa wie das Wech- 
seln eines Rockes, er fuhlte nicht, daB er geboren wurde, nicht, daB 
er starb, er fuhlte sich ewig, Geburt und Tod nur wie Ereignisse. Mit 
dem ersten Atemzuge trat das BewuBtsein von Geburt und Tod ein: 
Die Luft, der Lufthauch, der sich abgespaltet hat von seinem Bruder, 
dem Lichtstrahl - so empfand der damalige Mensch -, der abgespaltet 
hat dadurch auch die Wesen, die fruher mit dem Lichte eingeflossen 
sind, der hat mir den Tod gebracht. 

Wer war es denn, der da machte, daB das BewuBtsein : Zwar habe 
ich eine fmstere Gestalt, doch bin ich verbunden mit dem ewigen 
Wesen - wer war es denn, der dieses BewuBtsein vertrieb, totete? 
Der Lufthauch, der in den Menschen einstromte - Typhon. Typhon 
heiBt der Lufthauch. Und indem die agyptische Seele in sich das er- 
lebte, was sich so abgespielt hatte, daB sich der fruher gemeinsame 
Strahl spaltete in den Lichtstrahl und den Lufthauch, wurde fur diese 
Seele das kosmische Ereignis ein symbolisches Bild, das sich dar- 
stellte als Ermordung des Osiris durch Typhon oder Set, den Wind- 
hauch. 

Ein groBes kosmisches Ereignis ist verborgen im agyptischen 
Mythos, der den Osiris getotet sein laBt durch Typhon. Der Agypter 
fuhlte den Gott, der von der Sonne kam und der sich noch vertrug 
mit seinem Bruder, als Osiris. Typhon war die Atemluft, die dem 



Menschen die Sterblichkeit gebracht hat. Da sehen wir an einem der 
pragnantesten Beispiele, wie sich die Tatsachen der Weltentwickelung 
in der innerlichen Erkenntnis der Menschen wiederholen. 

So hat sich abgespielt das Werden der Dreiheit von Sonne, Mond 
und Erde. Alles das wurde dem agyptischen Scrriiler mitgeteilt, in tie- 
fen, tiefen, bewuBt geformten Bildern. 



SECHSTER VORTRAG 



Leipzig, 8. September 1908 



Mancher von Ihnen wird wohl beim Nachdenken iiber die in den 
letzten Tagen angestellten Betrachtungen iiber die Entwickelung unse- 
rer Erde und auch im weiteren Sinne des Sonnensystems im Zusam- 
menhang mit dem Menschen einem ihm sonderbar erscheinenden 
Widerspruch begegnet sein mit vielen iiebgewonnenen Vorstellungen 
des Lebens. Mancher wird sich gesagt haben: Nun haben wir da 
gestern gehort, die schlechtesten Krafte in der Evolution seien ge- 
bunden an den Mond, und erst in dem Momente, als der Mond skh 
trennte von der Erde, seien mit ihm die schlechtesten Krafte heraus- 
gegangen, und es sei erst dadurch ein solcher Zustand der Erde iibrig- 
geblieben, daB der Mensch seine Evolution finden konnte. - Das alles 
haben wir nun gehort, wo aber bleibt alle Romantik des Mondes? 
Alle jene Poesie, die doch aus wahren Empfindungen entsprang, die 
sich bezieht auf alle die wunderbaren Wirkungen des Mondes auf den 
Menschen ? 

Dieser Widerspruch ist nur ein scheinbarer, und er lost sich, wenn 
wir die Tatsachen nicht einseitig betrachten, sondern wenn wir die 
ganze Summe der Tatsachen vor unsere Seele stellen. Wenn wir aller- 
dings heute den Mond auf seine physische Masse priiften, so wiirden 
wir finden, daB diese ungeeignet erscheinen wiirde, solches Leben, 
wie wir es jetzt auf der Erde haben, auf sich zu haben. Zugleich aber 
miissen wir auch sagen, daB auch alles das, was als Atherisches mit 
dem Monde und seinen physischen Substanzen verkniipft ist, zu einem 
groBen Teil auch solcherart ist, daB es sich als etwas sehr Minderwer- 
tiges, als dekadent ausnimmt gegeniiber dem, was als Atherisches in 
unserer eigenen Korperlichkeit ruht. Und wenn wir erst dasjenige, was 
bei den einzelnen Mondwesen - von denen wir durchaus sprechen 
konnen - als Astralisches in Betracht kommt, hellsehend betrachten 
wiirden, so wiirden wir uns iiberzeugen konnen, daB gegeniiber dem 
Schlimmsten, was auf unserer Erde an niederen Gefuhlen vorhanden 
ist, daB dem gegeniiber unzahlig Schlechteres und Minderwertigeres 



auf dem Monde ist. So durfen wir also sowohl in bezug auf das Astra- 
lische, als auch auf das Atherische, als auch auf das Physische des 
Mondes sprechen von Wesen, von Elementen, die ausgeschieden wer- 
den muBten, damit unsere Erde ihren Weg frei von schadlichen Ein- 
fiussen gehen konnte. 

Nun miissen wir uns aber einer anderen Tatsache bewuBt werden. 
Wir durfen nicht auBer acht lassen, daB wir iiberall bei dem Schlech- 
ten, Bosen nicht stehen bleiben durfen. Denn alles das, was in der 
Evolution niedrig, bose wird, alles das unterliegt immer einer bedeu- 
tungsvollen Tatsache. So lange es irgend geht, muB alles das, was tief 
heruntergestiegen ist in niedere Spharen, durch andere, vollkomme- 
nere Wesen gereinigt werden, in die Hohe gebracht und gelautert 
werden, so daB es im Haushalt des Universums wieder verwendet 
werde. Wenn wir irgendwo eine Stelle im Weltall finden, wo beson- 
ders niedrige Wesen sind, so konnen wir sicher sein, daB mit diesen 
niederen Wesen andere, hohere verbunden sind, welche eine so groBe 
Macht des Guten, Schonen, Herrlichen haben, daB sie geeignet sind, 
auch die niedersten Krafte noch zum Guten zu lenken. Deshalb ist es 
wahr, daB all das Niedere mit dem Mondendasein verkniipft ist, auf 
der anderen Seite aber sind mit ihm wiederum hohe, hochste Wesen 
verkniipft. Wir wissen ja schon, daB auf dem Monde zum Beispiel 
die hohe, sehr hohe geistige Wesenheit Jahve wohnt. Eine so hohe 
Wesenheit, mit einer solchen Macht und Herrlichkeit, hat aber unter 
sich in ihrer Tatigkeit groBe, groBe Scharen von dienenden Wesen 
guter Art. So daB wir uns vorzustellen haben, daB allerdings das Nie- 
derste aus der Erde mit dem Monde herausgegangen ist, daB aber 
zugleich diejenigen Wesen, die fahig sind, das Schlechte in Gutes, das 
HaBliche in Schones zu verwandeln, mit dem Monde verbunden ge- 
blieben sind. Das konnten sie nicht, wenn sie das HaBliche im Erden- 
korper lieBen; sie muBten es -herausnehmen. Warum denn aber iiber- 
haupt muB das entstehen, was da als HaBliches und Boses existiert? 
Es muBte entstehen, weil ohne die Einwirkung des HaBlichen und 
Bosen unmoglich etwas anderes hatte zustande kommen konnen: es 
hatte der Mensch niemals ein in sich gestaltetes, geschlossenes Wesen 
werden konnen. 



Erinnern wir uns an die vorige Betrachtung. Da haben wir gesehen, 
wie des Menschen niedere Natur im Wasser wurzelte, wie er zur Halfte 
in die dunkle Wassererde hineinragte. Da gab es keine Knochen, da 
gab es keine feste Menschengestalt. Eine sich metamorphosierende 
Form war da, pflanzlich, bliitenahnlich, die Form wechselte immer- 
fort. So ware der Mensch geblieben, wenn nicht die Krafte sich so 
herausgebildet hatten, wie sie im Monde herausbefordert worden sind. 
Ware die Erde nur einzig der Sonne ausgesetzt geblieben, es ware die 
Beweglichkeit des Menschenwesens zum hochsten Grade gestiegen, 
die Erde hatte ein fur den Menschen unmogliches Tempo eingeschla- 
gen ; der Mensch hatte in seiner heutigen Form nicht entstehen kon- 
nen. Wiirden dagegen nur die Mondeskrafte gewirkt haben, dann ware 
der Mensch sofort erstarrt; seine Gestalt wiirde sich im Augenblick 
der Geburt verfestigen, er wurde zur Mumie werden und so verewigt 
werden. Zwischen diesen zwei Extremen entwickelt sich der Mensch 
heute mitten darinnen : zwischen unbegrenzter Beweglichkeit und dem 
Erstarren in der Form. Weil in dem Monde die formenden Krafte sind, 
ist auch der physische Mond zur Schlacke geworden. In diese For- 
men hineinwirken konnen nur die hohen, starken Wesen, die mit dem 
Monde in Verbindung sind. So wirken auf die Erde zwei Krafte : die 
Sonnenkrafte und die Mondenkrafte, die einen treibend, die anderen 
mumifizierend. Denken Sie sich, ein riesiges Wesen schleppte die Sonne 
weg - in dem Augenblick wiirden wir auch alle schon zu Mumien 
erstarren, und zwar so sehr, daB wir diese Gestalt nie mehr wiirden 
verlieren konnen. Nehmen wir aber an, es schleppte ein Riese den 
Mond weg - dann wiirden alle die schonen, gemessenen, abgerundeten 
Bewegungen, die wir heute haben, zappelig werden. Wir wiirden in- 
nerlich ganz beweglich werden; wir wiirden unsere Hande sich ver- 
langetn sehen bis insRiesenmaBige und wieder zuruckschrumpfen.Die 
Metamorphosierungskraft wiirde sich bis ins RiesenmaBige steigern. 
Jetzt aber ist der Mensch eingeschaltet zwischen diese zwei Krafte. 

Nun ist aber auch in diesem Kosmos, nicht nur in den Gestalten 
und Substanzen, sondern auch in den Verhaltnissen der Dinge zu- 
einander mancherlei aufierordentlich weise eingerichtet. Und wir 
werden nunmehr, um uns heute einmal vor die Seele zu fiihren, 



welche unendliche Weisheit im Kosmos liegt, ein Verhaltnis be- 
trachten, ankniipfend an die Osirisgestalt. 

In der Gestalt des Osiris sah der Agypter die Wirkung des Sonnen- 
gestirns auf unsere Erde in der Zeit, als noch Nebeldunste urn die 
Erde wogten, als noch keine Luft da war, und er sah, daB, als im 
Menschen die Luftatmung anfing, dafi in dem Momente die einheit- 
liche Wesenheit, Osiris-Set sich trennte. Set oder Typhon bewirkt, 
dafi der Lufthauch in uns eingeht. Typhon, der Windhauch, loste 
sich von dem Licht der Sonne, und Osiris wirkt nur als Licht der 
Sonne. Es ist aber auch derselbe Moment, in dem Geburt und Tod 
in das Wesen des Menschen hereinzog. In das, was formend und 
entformend war, was bis dahin etwa so war, als ob wir einen Rock 
anziehen und ausziehen, war eine groBe Anderung getreten. Wenn 
der Mensch damals hatte empfinden konnen, in der Zeit, als noch 
nicht die von der Sonne ausgehenden Wirkungen die Erde selbst 
verlassen hatten, die Wirkungen, die von jenen hohen Wesenheiten 
ausgingen, die spater mit der Sonne hinausgegangen sind, so hatte 
er mit Dankbarkeit hinaufgesehen zu diesen Sonnenwesen. Als die 
Sonne aber sich nunmehr immer mehr von der Erde trennte, als dann 
immer mehr das, was Dunstsphare war - die allerdings damals fur 
den Menschen das Reich seiner hoheren Natur war -, sich verfei- 
nerte, da bekam der Mensch, der immer weniger die direkte Ein- 
wirkung der Sonne wahrnehmen konnte, das BewuBtsein davon, was 
die Krafte in seiner niederen Natur waren, und er kam dazu, daB er 
dort sein Ich erfaBte. Wenn er in seine niedere Natur untertauchte, 
da wurde er sich seiner selbst erst bewuBt. 

Warum nun ist die Wesenheit, welche wir als Osiriswesenheit 
kennen, verfinstert worden? Das Licht horte mit dem Weggang der 
Sonne zu wirken auf, aber Jahve blieb zunachst auf der Erde, bis der 
Mond sich trennte. Osiris war der Geist, welcher so die Kraft des 
Sonnenlichtes in sich enthielt, daB er spater, als der Mond sich 
trennte, mit dem Monde mitging, und die Aufgabe erhielt, vom 
Monde aus das Sonnenlicht auf die Erde zu lenken. Zuerst haben 
wir also die Sonne herausgehen sehen; Jahve bleibt mit seiner Schar, 
mit Osiris in der Erde zuriick. Der Mensch lernt atmen. Zugleich 



aber trat der Mond heraus ; Osiris zieht mit dem Monde heraus und 
erhalt die Aufgabe, das Sonnenlicht vom Monde zu reflektieren auf 
die Erde. Osiris wird in einen Kasten gelegt, das heiBt, er zieht 
sich mit dem Monde zuriick. Vorher hatte der Mensch die Osiris- 
wirkung von der Sonne her; jetzt erhielt er die Empfindung, daB 
das, was ihm fruher von der Sonne kam, ihm jetzt vom Monde zu- 
stromte. Der Mensch sagte sich damals, wenn der Mond herunter- 
strahlte : Osiris, du bist es, der mir vom Monde das Licht der Sonne 
strahlt, das zu deinem Wesen gehort. 

Aber dieses Licht der Sonne wird taglich in einer anderen Gestalt 
zuruckgestrahlt. Wenn der Mond in schwacher Sichel am Himmel 
steht, dann haben wir die erste Gestalt; wenn er am zweiten Tage 
gewachsen ist, die zweite, und so durch vierzehn Tage durch haben 
wir vierzehn Gestalten bis zum Vollmond. Osiris wendet sich durch 
vierzehn Tage in den vierzehn Gestalten der beleuchteten Mondes- 
scheibe der Erde zu. Es ist von tiefer Bedeutsamkeit, daB diese vier- 
zehn Gestalten, vierzehn Wachstumsphasen, der Mond, das heiBt, Osi- 
ris annimmt, um das Licht der Sonne uns zuzustrahlen. Dieses, was 
da der Mond tut, das ist im Kosmos gleichzeitig damit verkniipft, 
daB der Mensch atmen gelernt hat. Erst als diese Erscheinung in 
ihrer Art voll am Himmel war, erst da konnte der Mensch atmen, und 
damit war er verkniipft mit der physischen Welt, und es konnte 
der erste Keim des Ichs in der menschlichen Wesenheit entstehen. 

Die spatere agyptische Erkenntnis hat das alles, was hier geschil- 
dert worden ist, empfunden und so erzahlt: Osiris regierte fruher 
die Erde, dann aber trat Typhon auf, der Wind. - Das ist die Zeit, 
in der die Wasser soweit herabfallen, daB die Luft auftritt, wodurch 
der Mensch zum Luftatmer wird. Das OsirisbewuBtsein hat Typhon 
besiegt, er hat Osiris getotet, ihn in einen Kasten gelegt und dem 
Meere iibergeben. Wie konnte man denn das kosmische Ereignis 
bedeutungsvoller ausdrucken im Bilde? Erst regiert der Sonnengott 
Osiris, dann wird er hinausgetrieben im Monde. Der Mond ist der 
Kasten, der in das Meer des Weltenraumes hinausgedrangt wird; 
nunmehr ist Osiris im Weltenraum. Wir erinnern uns nun aber auch 
daran, daB in der Sage gesagt wird, daB, als Osiris wiedergefunden 



wurde, als er auftauchte im Weltenraum, er in vierzehn Gestalten 
erscblen. Die Sage erzahlt: Osiris wurde in vierzehn Glieder zer- 
stiickelt und in vierzehn Grabern begraben. Hier haben wir einen 
wunderbaren Hinweis in dieser tiefgnindigen Sage auf den kosmischen 
Vorgang. Die vierzehn Gestalten des Mondes, die Mondphasen, sind 
die vierzehn Stiicke des zerstiickelten Osiris. Der ganze Osiris ist 
die ganze Mondscheibe. 

Das erscheint ja nun zunachst so, als wenn das alles nur ein Sym- 
bolum ware. Wir sehen aber schon, daB das seine wirkliche Bedeutung 
gehabt hat. Und jetzt kommen wir auf etwas, ohne das uns niemals 
die Geheimnisse des Kosmos klarwerden. Wenn nicht eingetreten 
ware eine solche Konstellation von Sonne, Mond und Erde, wenn 
der Mond nicht in vierzehn Gestalten erschienen ware, dann ware 
etwas anderes nicht eingetreten, denn diese vierzehn Gestalten haben 
etwas ganz Besonderes bewirkt. Jede derselben hat einen groBen, 
gewaltigen EinfluB auf den Menschen in seiner Entwickelung auf 
der Erde gehabt. Nun werde ich Ihnen etwas Sonderbares sagen 
miissen, es ist aber wahr. Damals, als das alles noch nicht geschehen 
war, als Osiris noch nicht hinausgegangen war, da hatte der Mensch 
in seiner Lichtgestalt nicht einmal der Anlage nach etwas, was heute 
von groBter Wichtigkeit ist. Wir wissen, daB das Riickenmark sehr 
wichtig ist. Von ihm gehen Nerven aus. Diese waren nicht einmal 
der Anlage nach vorhanden in der Zeit, als der Mond noch nicht 
heraus war. Die vierzehn Gestalten des Mondes, in der Anordnung, 
wie sie aufeinander folgen, wurden die Veranlassung, daB sich vier- 
zehn Nervenstrange an das Riickenmark des Menschen angliederten. 
Die kosmischen Krafte wirkten so, daB den vierzehn Phasen oder 
Gestalten des Mondes diese vierzehn Nervenstrange entsprechen. Das 
ist die Folge der Osiriswirkung. 

Nun entspricht der Mondesentwickelung noch etwas anderes. Diese 
vierzehn Phasen sind ja nur die Halfte der Erscheinungen des Mondes. 
Der Mond hat vierzehn Phasen vom Neumond bis zum Vollmond und 
vierzehn Phasen vom Vollmond bis zum Neumond. Wahrend der 
vierzehn Tage, die zum Neumond gehen, ist keine Osiriswirkung da. 
Da wird der Mond von der Sonne so beschienen, daB er allmahlich 



seine unbeleuchtete Flache der Erde als Neumond 2uwendet. Diese 
vierzehn Phasen vom Vollmond bis zum Neumond haben auch ihre 
Wirkung, und diese Wirkung wird fiir das agyptische BewuBtsein 
erreicht durch die Isis. Diese vierzehn Phasen werden von der Isis 
regiert. Durch die Isiswirkung gehen vierzehn andere Nervenstrange 
vom Riiickenmark aus. Das gibt im ganzen achtundzwanzig Nerven- 
strange, die den verschiedenen Phasen des Mondes entsprechen. Da 
sehen wir den Ursprung ganz bestimmter Glieder des Menschenorga- 
nismus, aus den kosmischen Ereignissen heraus. Mancher wird nun 
sagen: Das sind ja nicht alle Nervenstrange, das sind ja nur achtund- 
zwanzig. - Es waren nur achtundzwanzig, wenn das Mondenjahr mit 
dem Sonnenjahr zusammenfiele. Das Sonnenjahr ist aber langer, und 
dieDifferenz des Sonnenjahrs gegeniiber demMondenjahrhatdie iiber- 
zahligen Nervenstrange bewirkt. So ist dem Menschen eingegliedert 
worden in seinen Organismus von dem Monde aus die Isiswirkung 
und die Osiriswirkung. Damit ist aber noch etwas anderes verkniipft. 

Bis zu dem Moment, als der Mond von auBen zu wirken begann, 
gab es noch keine Zweigeschlechtlichkeit. Es gab bis dahin nur einen 
Menschen, der sozusagen beides war, mannlich und weiblich. Jene 
Trennung geschah erst durch die abwechselnde Wirkung von Isis 
und Osiris vom Monde her, und je nachdem die Osirisnerven oder 
die Isisnerven eine besondere Wirkung auf den Organismus ausiiben, 
je nachdem wird der Mensch mannlich oder weiblich. Eiri Organismus, 
in dem vorzugsweise die Isiswirkung herrscht, wird mannlich, ein 
Leib, in dem die Osiriswirkung vorherrscht, wird weiblich. Naturlich 
wirken in jedem Mann und in jedem Weib beide Krafte, Isis und 
Osiris, aber so, daB beim Manne der Atherleib weiblich ist, und bei 
der Frau der Atherleib mannlich ist. Hier haben wir etwas von dem 
wunderbaren Zusammenhang, wie das Einzelwesen mit den Stel- 
lungen im Kosmos zusammenhangt. 

Wir haben nun gefunden, daB nicht nur durch die Krafte, sondem 
auch durch die Konstellationen der Weltenkorper Einwirkungen auf 
den Menschen stattfinden. Unter den Einfliissen dieser achtund- 
zwanzig Nervenstrange, die vom Riickenmark ausgehen, bildete sich 
alles, was zum mannlichen und weiblichen Organismus gehort. Nun 



soli noch etwas angefiihrt werden, womit wir weit hineinleuchten 
werden in den Kosmos und die Zusammenhange mit der Entwik- 
kelung des Menschen. Diese Krafte formen die Gestalt des Menschen, 
aber der Mensch verhartet nicht in ihr; es wird eine Gleichgewichts- 
lage geschafFen zwischen Sonnen- und Mondenwirkung. Bei folgen- 
dem durfen wir nicht denken, daB wir es zu tun haben mit irgend- 
einer Symbolik blofi, wir haben es mit realen Tatsachen zu tun. 

Was ist der urspriingliche Osiris, der unzerstiickelte Osiris? Was 
ist der zerteilte Osiris? Was vorher noch eine Einheit war im Men- 
schen, das ist jetzt zerstiickelt in die achtundzwanzig Nerven. Wir 
haben gesehen, wie er in uns selbst zerstiickelt Uegt. Ohne das hatte 
niemals bewirkt werden konnen, daB die menschliche Gestalt ent- 
standen ist. Was hat sich aber zunachst unter dem EinfluB von Sonne 
und Mond gebildet? Zunachst entstand durch das Zusammenwirken 
aller der Nervenstrange nicht nur aufierlich Mannliches und Weib- 
liches, sondern auch im Inneren des Menschen entstand etwas durch 
den EinfluB des mannlichen und weiblichen Prinzips. Es entstand die 
innerliche Isiswirkung, und diese innerUche Isiswirkung, das ist die 
Lunge. Die Lunge ist der Regulator der Einfliisse des Typhon oder 
Set. Und das, was auf den Menschen von Osiris aus wirkt, das wirkt, 
indem es die weibliche Wirkung anregt, in mannlicher Art so, daB 
produktiv gemacht wird die Lunge durch den Atem. Durch die Wir- 
kungen, die ausgehen von Sonne und Mond, wird geregelt das mann- 
liche und weibliche Prinzip: in jedem Weiblichen ein Mannliches - 
der Kehlkopf; in jedem Mannlichen ein Weibliches - die Lunge. 

Innerlich wirkt Isis und Osiris in jedem Menschen, in bezug auf 
seine hohere Natur. So ist jeder Mensch doppelgeschlechtlich, denn 
jeder Mensch hat Lunge und Kehlkopf. Jeder Mensch, ob Weib 
oder Mann, hat gleich viele Nerven. Und nunmehr, nachdem sich 
auf diese Weise Isis und Osiris der niederen Natur entrissen haben, 
da haben sie den Sohn geboren, den Schopfer des zukunftigen Erden- 
menschen. Beide haben hervorgebracht den Horus. Isis und Osiris 
haben gezeugt das Kind, gehutet und gepflegt von der Isis: das 
menschliche Herz, gehutet und gepflegt von den Lungenflugeln der 
Mutter Isis. Hier haben wir in der agyptdschen Vorstellung etwas, 



was uns zeigt, daB in diesen alten Mysterienschulen das, was hohere 
Natur des Menschen geworden war, als Mannlich-Weibliches ange- 
sehen wurde : das, was der Inder als Brahma erkannte. Dem indischen 
Schiiler, dem wurde schon im Urmenschen gezeigt, was spater einmal 
als jene hohere Gestalt erscheint. Horus, das Kind wurde ihm ge- 
zeigt, und es wurde ihm gesagt: das alles ist entstanden durch den 
Urlaut, durch die Vac, den Urlaut, der sich differenziert in viele 
Laute. - Und das, was der indische Schiiler erlebte, das ist uns er- 
halten geblieben in einem merkwiirdigen Spruch im Rigveda. Eine 
Stelle steht darinnen, die heiBt: Und es kommen iiber den Menschen 
die sieben von unten, die acht von oben, die neun von hinten, 
die zehn aus den Griinden des Felsengewolbes und die zehn aus dem 
Inneren, wahrend die Mutter sorgt fur das zu trankende Kind. - Das 
ist eine merkwiirdige Stelle. Stellen wir uns einmal diese Isis, die ich 
als Lunge schilderte, diesen Osiris, den ich geschildert habe als At- 
mungsapparat, vor, und denken wir das alles: wie da die Stimme 
hineinwirkt, sich differenziert als Kehllaute, Lungenlaute, wie sie in 
Buchstaben sich differenziert. Diese Buchstaben kommen von ver- 
schiedenen Seiten: sieben kommen von unten aus der Kehle und so 
weiter. Das eigentumliche Wirken von allem, was mit unserem Luft- 
apparat zusammenhangt, ist darin niedergelegt. Wo der Laut sich dif- 
ferenziert und gliedert, da ist die hohere Mutter, die das Kind hegt und 
pflegt - die Mutter: die Lunge; das Kind: das unter alien den Ein- 
fliissen gebildete menschliche Herz, aus dem die Impulse kommen, 
die Stimme zu beseelen. 

So zeigte sich fur den Einzuweihenden das geheimnisvolle Wirken 
und Weben im Inneren des Kosmos, so baute es sich auf im Laufe 
der Zeit. Und wir werden sehen, wie in dieses Gewebe sich die an- 
deren Glieder des Menschen hineingebaut haben. So haben wir in die- 
ser agyptischen Geheimlehre auch ein Kapitel der okkulten Anatomie, 
wie sie getrieben wurde in einer agyptischen Geheimschule, sofern 
man von kosmischen Kraften, von kosmischen Wesen und dem Zu- 
sammenhang mit dem physischen Leibe des Menschen gewuBt hat. 



SIEBENTER VORTRAG 



Leipzig, 9. September 1908 



Wir haben in den vorhergehenden Vortragen eine groBe Reihe von 
Tatsachen vor unsere Seele gestellt, die sich auf die Evolution der 
Erde und des ganzen Sonnensystems im Zusammenhange mit der 
Natur des Menschen beziehen. Wir haben insbesondere in den letzten 
beiden Betrachtungen darauf Rucksicht genommen, jene Tatsachen 
der Sonnen-, Erden- und Mondenentwickelung besonders hervorzu- 
heben, welche ihre Wiederauferstehung gefunden haben in den agyp- 
tischen Mysterien, welche sowohl der Schiiler der agyptischen My- 
sterien wie auch das ganze agyptische Volk kennenlernten. Der Schiiler 
lernte in seinem hellseherischen Schauen in der Tat alle die Dinge 
kennen, die wir angefuhrt haben und die wir durch unsere heutige 
Betrachtung erganzen werden. Der grofiere Teil des Volkes, der sich 
nicht bis zum Hellsehen erheben konnte, der lernte in einem bedeu- 
tungsvollen Bilde das kennen, um was es sich da handelte. Dieses 
Bild, das hingestellt wurde als das wichtigste Bild der agyptischen 
Weltanschauung, haben wir schon ofter beriihrt. Es 1st das Bild, das 
die Osiris- und Isissage einschlieBt. Wir kennen alle dieses Bild, von 
dem eigentlich kein Mensch, der etwas weiB, glaubt, daB es etwas Un- 
bedeutendes enthalte. Dieses Bild, das vor ihn hingestellt wurde, war 
ihm nicht nur ein Bild; und das, was die Isissage in sich einschlieBt, 
wird etwa so erzahlt: 

Es herrschte in friiherer Zeit lange noch auf Erden, zum Segen 
der Menschheit, Osiris, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, welcher 
spater charakterisiert ist in dem, daB die Sonne stand im Zeichen 
des Skorpion. Da war es, daB der Bruder Typhon oder Set den 
Osiris totete. Er totete ihn in der Weise, daB er ihn veranlaBte, sich 
in einen Kasten zu legen, welchen er schloB und dem Meere liber- 
gab. Isis, die Schwester und Gemahlin des Osiris, suchte ihren Bru- 
der und Gemahl, und als sie ihn gefunden hatte, brachte sie ihn nach 
Agypten. Aber da strebte der bose Typhon wieder nach der Ver- 
nichtung des Osiris, er zerstiickelte ihn. Isis sammelte nun die ein- 



zelnen Teile und begrub sie an verschiedenen Orten. - Man zeigt 
audi heute noch in Agypten verschiedene Osirisgraber. - Dann ge- 
bar Isis den Horus, und Horus rachte seinen Vater Osiris an Ty- 
phon. Osiris wurde wiederum in die Welt der gottlich-geistigen We- 
sen aufgenommen, und ist zwar nicht mehr auf der Erde tatig, aber 
er ist dort fur den Menschen tatig, wenn dieser zwischen Tod und 
einer neuen Geburt in der geistigen Welt weilt. Daher stellte man 
sich auch den Weg des Toten in Agypten vor als den Weg zum 
Osiris. 

Das ist die Sage, die zu den alleraltesten Bestandteilen der agyp- 
tischen Lebensauffassung gehort. Wahrend manches darin sich anderte 
oder zugefugt wurde, hat diese Osirissage alle Kulte des Agypter- 
landes so lange durchzogen, solange uberhaupt die agyptischen Reli- 
gionsanschauungen gelebt haben. 

Nachdem wir uns diese Sage vor Augen gefuhrt haben, in welche 
gedrangt worden ist dasjenige, was als ein wirkliches Geschehnis in 
den heiligen Geheimnissen der Mysterienschulen der Schuler schaute, 
miissen wir wieder den Blick dahin zuriickwenden, wo wir gestern 
schon begonnen haben, uns eine genauere Vorstellung zu machen von 
dem, was durch den EinfluB der verschiedenen Mondesgestalten im 
Menschen verursacht worden ist. Es ist von den achtundzwanzig 
Nervenstrangen gesprochen worden, die wir vom Riickenmark aus- 
gehen sehen, die herruhren von den Konstellationen des Mondes 
wahrend der achtundzwanzig Tage, die der Mond braucht, um zu 
seiner gleichen Gestalt zuriickzukehren. Wir haben das Geheimnis 
erforscht, wie durch die kosmischen Krafte im Menschen diese acht- 
undzwanzig Nervenpaare gebildet worden sind von auBen. Und nun 
bitte ich, folgendes recht wohl zu beachten. 

Es soli nun - soweit das moglich ist in einer kurzen Andeutung - 
mit moglichster Genauigkeit geschildert werden, was der agyptische 
Schuler lernte in bezug auf die Entwickelung des Menschen in einem 
noch weiteren Umfange. Von dieser Schilderung werden einige sagen, 
welche zu stark angekrankelt sind von der modernen Anatomie: Das 
ist ja der reine Unsinn vom heutigen Standpunkte aus. - Diese mdgen 
das sagen. Sie sollen sich nur bewuBt sein, daB es die Lehre ist, die 



der einzuweihende agyptische Schiiler nicht nur gelernt, sondern auch 
hellseherisch geschaut hat. Jetzt spflche ich fur diejenigen, die in 
ihren Empfindungen mitgehen konnen. Diese Lehre ist nicht nur 
ein Ergebnis friiheren Schauens fiir den Agypter in den Mysterien 
gewesen, sondern auch fiir den heutigen, modernen Okkultisten gilt 
das als Wahrheit und nimmt sich genau so aus. 

Wir wollen das wiederholen, wovon in den letzten Vortrilgen schon 
gesprochen worden ist, daB, als die Erde im Beginne ihrer Ent- 
wickelung war, sie sozusagen ganz aus lauter Menschenkeimen be- 
stand, die den Erdenurnebel bildeten. Sowohl der indische als auch 
der agyptische Hellseher konnte geistig heraus sprieBen sehen aus 
diesem geistigen Menschenkeim die ganze spatere Menschengestalt. 
Alles das, was spater aus diesem Menschenkeim geworden ist, konnte 
man dazumal hellseherisch schauen. Aber man konnte auch zuruck- 
schauen auf das, was zunachst vom Menschen, aus dem Menschen- 
keim heraus entstanden ist. Das erste, was aus diesem Menschen- 
keim heraus entstand, als die Sonne noch lange mit der Erde ver- 
bunden war, das war in der Tat wie eine Art Pflanze, die den Kelch 
wie nach oben offhete. Diese Formen erfiillten sozusagen die ganze 
Erde, indem sie sich aus jenem Urnebel heraus bildeten. Aber in der 
allerersten Zeit, in der das entstand, wie eine BKitenkrone sich in 
den Weltenraum eroffnend, in der allerersten Zeit war diese Krone 
kaum sichtbar; man hatte sie nur so wahrnehmen konnen, da6 man 
ihre Nahe gespiirt haben wiirde wie einen kelchartigen Warmekorper. 
Es war also zunachst ein Warmekorper da. Noch als die Erde mit 
der Sonne verbunden war, fing das Innere dieses Menschengebildes 
an aufzuleuchten, und es strahlte Lichtstrahlen in den Weltenraum. 

Wenn man dazumal als ein mit heutigen Augen sehendes Wesen 
wahrgenommen hatte, und sich einer solchen Leuchtform genahert 
hatte, so wiirde man etwas wie eine funkelnde, leuchtende Kugel, 
wie eine glitzernde Sonne, welche in glimmernden Strahlen in den 
Weltenraum funkelte, in regelmaBiger Gestalt gesehen haben. Kaum 
wird jemand heute noch ein klares Bild sich machen konnen von dem, 
was dazumal war. Er wiirde das nur konnen, wenn er dachte, daB 
unsere Erde bei ganz reiner Luft von lauter Leuchtkaferchen er- 



fiillt ware und diese ihr Licht hinaussendeten in den Weltenraum. 
So etwa wiirde der erste Ansalfe vom Menschen in den Weltenraum 
geleuchtet haben, als die Erde noch mit der Sonne verbunden war. 
Und nicht nur das war vorhanden, sondern in derselben Zeit unge- 
fahr gliederte sich auBen urn dieses Kelchgebilde eine Art Gaskorper. 
Es waren darin viele Substanzen aufgelost, so wie heute auch im Tier- 
und Menschenleibe sich fliissige und feste Substanzen finden, die 
damals aber luftformig waren. Bald aber, nachdem dies entstanden 
war, kamen aus der gemeinschaftlichen Erdenmasse auch noch andere 
Keime heraus, Keime, welche die erste Anlage wurden zu unserem 
heutigen Tierreiche. Das Menschenreich war also das erste, dann ka- 
men die Keime, die die Anlage zum Tierreich wurden. Naturlich be- 
stand noch die ganze Erde aus einer Luftmasse, aus leuchtenden und 
Licht aussendenden Korpern, die in den Weltenraum hineinleuchteten. 
Innerhalb dieser Luftmasse kam auch die erste Anlage geschlechts- 
loser Tiere heraus, welche auf der untersten Stufe des heutigen Tier- 
reiches dazumal standen, und wir werden sehen, daB diese Tiere, die 
jetzt in ihrer ersten Anlage entstehen, auch eine gewisse Bedeutung 
fur den Menschen erhalten haben. 

Es entstanden also die ersten Keimanlagen der Tiere, und es ist uns 
vor allem wichtig, daB diese Tiere, die da entstanden, die aller- 
dichtesten Gasmassen waren, wie dichte Gaseinschlxisse waren. Diese 
Tiere entwickelten sich bis zu einer ge wis sen Hohe herauf durch die 
verschiedensten Formen; und als die Sonne eben herausgegangen war 
aus der Erde, da war die hochste Tierform die Fischform, aber nicht 
die heutige Fischform. Die Form der damaligen Tiere war eine ganz 
andere als die der heutigen Fische, aber sie stand auf der betreffenden 
Stufe der Fische. Diese haben in der Erdenentwickelung das zuriick- 
zubehalten in sich, was man werden konnte, als die Sonne noch in der 
Erde war. Die Erde verdichtete sich nun zu der Wassererde, und die 
dichtesten Gebilde, die Tiere, schwammen in dieser Wassererde. Nun 
trat etwas sehr Eigentumliches ein. Einige dieser Urfischformen blie- 
ben Tiere und kummerten sich sozusagen nicht um den Fortschritt 
der Evolution. Einige andere waren da, die erhielten ein gewisses Ver- 
haltnis zu den Menschengestalten, und zwar folgendes Verhaltnis. 



In demselben Augenblicke, als die Sonne herausgegangen war aus 
der Erde, da fing auch die Erde an, sich um ihre Achse zu drehen, 
so daB sie einmal auf der einen Seite von der Sonne beschienen war, 
einmal auf dieser Seite unbeschienen war, so daB Tag und Nacht ent- 
stand. Dazumal aber waren die Tage und Nachte wesentlich langer 
als heute. In der Zeit, als der Mond noch nicht abgespalten war, da 
gliederte sich jedesmal, wenn ein solches Menschengebilde, das damals 
wesentlich verdichtet worden war, auf der Sonnenseite war, an diese 
Gasmasse etwas von einer solchen Tierform unten in der Wassererde 
an. Es verband sich Mensch- und Tierform so, daB wir oben die Men- 
schenform haben und nach unten die Tierform; so also, daB hinaus- 
ragte der Sonne zu der obere Teil, der nach unten immer schwacher 
wurde und an den sich der Tierleib angliederte. Wir haben also dieses 
Hinausragen des oberen Teiles iiber die Wassererde; und dadurch, 
daB die Sonnenwirkung durch den Bliitenmenschen geht, wirkt sie auf 
die inneren Erden- und Mondenkrafte. Weil hier eine Tierform ange- 
gliedert wurde an den Menschenleib, die auf der Hohe der Fischstufe 
stand, sagte man, die Sonne, die den Menschenleib beschien, stehe im 
Zeichen der Fische. Nun Bel ja in der Tat die erste Andeutung dieser 
Bildung zusammen damit, daB die Sonne auch am Himmelsgewolbe 
im Zeichen der Fische stand, aber sie ging noch oft hindurch durch 
dieses Sternbild, bis sich das nachste bildete. Jedoch der Ausgangs- 
punkt zu dieser Bildung war der Zeitpunkt, in dem die Sonne auch 
am Himmel im Tierkreisbilde der Fische stand. Und von da aus, daB 
die Wesen auf der Fischstufe sich damals angliederten an den Men- 
schen, bekam das Sternbild den Namen. 

Nun geht ja, wie wir wissen, die Entwickelung so vor sich, daB 
Mond und Erde einen Korper bilden. Jahve blieb bei der Trennung 
von der Sonne bei der Erde mit den Mondkraften, und zu seinen Die- 
nern gehorte die Gottergestalt, welche die Agypter als Osiris angespro- 
chen haben. 

Bis der Mond aus der Erde herausging, gestaltete sich die Ent- 
wickelung in hochst eigentumlicher Weise. Wir wissen, die Erde war 
eine Wassererde, und die Gestaltung im Wasser erreichte einen immer 
niedrigeren Grad in der Zeit, bevor der Mond herausging. Als der 



Mond herausging, da stand der Mensch in bezug auf seine niedere 
Natur auf der Hohe etwa eines groBen Molches. Das ist das, was die 
Bibel die Schlange nennt, was genannt ist Lindwurm oder Drache. 
Wahrend der Zeit, als der Mond herausging, hatte sich immer mehr 
vom Tierreich in die untere Menschenfbrm hineingebildet. Als der 
Mond herausging, da hatte der Mensch unten eine tierartige, hafiliche 
Gestalt, oben aber waren die letzten Uberreste einer Lichtgestalt, in 
welche die Krafte der Sonne von auBen flossen. Das war den Menschen 
geblieben, dafi die Lichtwesen in sie hineinwirkten. Es bewegte sich 
schwebend, schwimmend in dem Urmeere der Mensch, der diese 
eigentumliche Lichtgestalt herausragen laBt aus der Wassererde. Was 
war diese Lichtgestalt? Sie hatte sich mittlerweile umgebildet zu einem 
umfassenden, machtigen Sinnesorgan. Als der Mond herausging, hatte 
sich die Umwandlung vollendet. Es war so, daB, wenn der Mensch 
im Urmeere schwamm, er mit diesem Organ wahrnehmen konnte, 
wenn irgendein gefahrliches Wesen in der Nahe war. Namentlich 
Warme und Kalte nahm er damit wahr. Dieses Organ ist spater ein- 
geschrumpft; es ist heute die sogenannte Zirbeldriise. In der dama- 
ligen Zeit bewegte sich der Mensch schwebend, schwimmend in der 
Erdenmasse und bediente sich dieses Organs wie einer Art Laterne. 
Wir konnen heute noch bei ganz jungen Kindern eine weiche Stelle 
am Kopfe finden; das ist die Stelle, wo man etwa zu suchen hatte, 
von wo das Organ sich herauserstreckte in den Weltenraum. 

Es waren immer hohere Tierformen, die der Mensch in sich auf- 
nahm. Und in einem bestimmten Zeitpunkt der Menschengestaltung 
nannte man das, was aus den Fischen mittlerweile geworden war, weil 
es im Wasser lebte und weil es den Keim des spateren Menschen in 
sich hatte, den Wassermann. Eine noch weitere Gestaltung, die sich 
herausbildete, war das, was man nennen konnte den Steinbock. Nun 
ist das Eigentumliche, daB in der Tat das, was dem Menschen in sei- 
nen unteren Gliedern entspricht, wirklich dem jeweiligen Sternbild 
den Namen gab. Die FiiBe sind tatsachlich die urspriinglichen Fische ; 
die Unterschenkel der Wassermann, das, was eine lange Zeit den Men- 
schen befahigte, sich eine Richtung zu geben beim Schwimmen; die 
Knie des Menschen finden wir im Zusammenhang mit dem Zeichen 



des Steinbocks. Immer mehr entwickelte sich die Tierheit, und das- 
jenige, was Oberschenkel geworden war, bezeichnet man als Schiitze. 
Es wiirde zu weit fiihren, wenn ich Ihnen den Ausdruck erklaren 
wollte. 

Wir wollen ein Bild davon geben, wie der Mensch aussah, als die 
Tierheit dem Schutzen entsprach. Da war der Mensch ein Tier, das 
sich zum ersten Male bewegen konnte auf den Inseln, die sich aus 
dem Wasser bildeten. Nach oben wurde der Mensch immer feiner, zu- 
oberst blieb tatsachlich die Blutengestalt. Die Gestalt blieb oben er- 
leuchtet von einem Organ, das er wie eine Art Laterne auf dem Kopfe 
trug. Man wiirde sich die damalige Gestalt des Menschen richtig vor- 
stellen, wenn man sie sich oben als atherisch, unten als tierahnlich vor- 
stellte. In alteren Abbildungen des Tierkreises sieht man noch das Zei- 
chen des Schutzen unten als Tierform, oben als Menschenform. Diese 
Zeichen sind etwas, was wiedergibt die Entwickelungshohe, auf der 
der Mensch stand, ebenso wie der Kentaur wiedergibt eine wirkliche 
Entwickelungsstufe des Menschen: nach unten Pferd, nach oben 
Mensch. Das Pferd miissen wir nur nicht wortlich nehmen, sondern 
als Reprasentant der Tierheit. Das war das Kunstprinzip in friiheren 
Zeiten ; da hat man sich das, was man kunstmaJBig bilden wollte, von 
Hellsehern beschreiben lassen oder selbst gesehen. Auch waren Kiinst- 
ler selbst Eingeweihte. Man sagt, Homer war ein blinder Seher, das 
heiGt, daB er ein Hellseher war. Er konnte zuriickschauen in die 
Akasha-Chronik. Der blinde Seher Homer war viel sehender, im gei- 
stigen Sinne, als die iibrigen Griechen. 

Der Kentaur ist also eine wirkliche Menschenform. Als der Mensch 
so aussah, war der Mond noch nicht aus der Erde heraus, da war die 
Mondenkraft selbst noch in der Erde. Da war im Menschen noch vor- 
handen, was fruher sich gebildet hatte wahrend der Sonnenzeit: die 
leuchtende Zirbeldriise, die er damals wie eine Art Laterne auf dem 
Kopfe trug. Als dann der Mond aus der Erde herausging, da trat die 
Geschlechtlichkeit ein. Der Kentaurmensch war noch ungeschlecht- 
lich. Die Geschlechtlichkeit, die eintrat, die trat ein, als die Sonne 
stand im Zeichen des Skorpions, und man bringt daher die Sexualitat 
im Menschen in Beziehung zu dem Zeichen des Skorpions. Der Skor- 



pion ist das, was bei der Tierheit der Entwickelungshohe entsprach, 
als der Mensch bis zur Sexualitat entwickelt war. Der Mensch war in 
seiner oberen Halfte den kosmischen Kraften zugewendet, in der unte- 
ren Halfte aber war er als zweigeschlechtliches Wesen vorhanden. Der 
Mensch war Geschlechtsmensch geworden. Wenn nun der hellsehende 
Schuler der agyptischen Mysterien sein Auge auf diese Zeit der Erden- 
entwickelung richtete, dann sah er die Erde bevolkert von Menschen, 
die nach unten eine dichter werdende Leibesform herausbildeten, ihrer 
niedrigen Natur entsprechend, und die nach oben aber eine lichte Men- 
schengestalt hatten. 

Dann begann die Zeit, in der sich eingliederten durch die Krafte 
des Mondes langs derjenigen Gegend, die das Riickgrat ausmacht, die 
Nervenstrange. Die Bildung iiber dem Ruckgrat, die heutige Kopf- 
gegend, war auch verdichtet worden und hatte sich umgebildet zum 
menschlichen Gehirn: das war das ganz umgebildete Leuchtorgan. 
Daran gliederte sich das Ruckgrat, von dem die Nervenstrange aus- 
gingen, und an dieses gliederte sich der niedere Mensch, wie er be- 
schrieben worden ist. Das zeigte sich dem agyptischen Schuler, und es 
wurde ihm klar, daB, welche Wesenheit auch immer sich verkorpern 
wollte auf der Erde, sie die entsprechende Menschengestalt annehmen 
mufite. Osiris hat als Geist oft die Erde besucht und sich als Mensch 
verkorpert. Die Menschen empfanden dann: Ein Gott ist herabgekom- 
men - aber er hatte dann Menschengestalt. Jede hohe Wesenheit, die 
die Erde besuchte, war in der Gestalt, die der Mensch jeweilig hatte. 
Damals war die Menschengestalt so beschaffen, daB man noch jenen 
Leuchtkorper sah, jenen merkwurdigen Kopfschmuck, die Laterne 
des Osiris, die bildlich als das merkwiirdige Polyphemauge bezeich- 
net worden ist. Das ist jenes Organ, jene Laterne, die erst auBerhalb 
des Menschenleibes war, die dann zu einem inneren Organ im Gehirn 
sich umbildete. Alles in der ursprunglichen Kunst ist Symbol fur tat- 
sachliche Gestalten. 

Als die griechischen Eingeweihten bekannt wurden mit diesen Ge- 
heimnissen der Agypter, hatten sie auch schon manches erfahren : im 
Grunde dasselbe wie der agyptische Eingeweihte. Sie benannten es 
nur in ihrer Sprache anders. Die Eingeweihten der Agypter hatten die 



hellseherischen Gaben in einem hohen MaBe ausgebildet, so daB viele 
ihrer Schuler in jene uralten fernen Zeiten hellseherisch zuriickblicken 
konnten. Der agyptische Eingeweihte hatte einen urspriinglichen Zu- 
sammenhang mit jenen Geheimnissen; daher kam es auch, daB dem 
agyptischen Eingeweihten griechische Priester wie kindliche Stamm- 
ler vorkamen. Bezeichnend ist daher das Wort, das einst ein agyp- 
tischer Priester, der mit Solon zusammentraf, aussprach, indem er 
sagte : O Solon, Solon, ihr Hellenen bleibt doch immer Kinder, einen 
alten Hellenen gibt es nicht! Jung seid ihr alle im Geiste, denn ihr 
habet in demselben keine auf vieljahrige Oberlieferung gegriindete alte 
Ansicht, noch irgendeine durch die Zeit ergraute Kunde. 

So wies der Agypter darauf hin, daB die agyptische Weisheit hoch 
erhaben dariiberstand iiber dem, was materiell erfahren werden kann. 
Nur in den eleusinischen Mysterien war man ebensoweit, aber es hatten 
nur wenige Teil daran. Aber was fur jene Strecken der Erdenent- 
wickelung der agyptische Eingeweihte sah : daB sich der Gott Osiris 
von der Sonne getrennt hatte und auf den Mond gegangen war und 
von dorther das Sonnenlicht zuruckstrahlte - das, was dieser Gott tut, 
das war auch den Griechen heilig. Auch sie wuBten, daB dieser Gott 
Osiris es ist, der die achtundzwanzig Mondesgestalten bildet und da- 
durch die achtundzwanzig Nervenstrange im Menschen veranlagt. 
Durch Osiris wird das Nervensystem gebildet am Riickenmark her- 
unter und dadurch der ganze menschliche Oberkorper geformt. Denn 
das, was als Muskel entsteht, kann seine Form nur erhalten dadurch, 
daB die Nerven die Bildner sind. Alles nun, was da ist an Muskeln, 
Knorpeln, an anderen Organen, wie Herz und Lunge, alle diese erhal- 
ten ihre Form nur durch die Nerven. So ist durch die fruhere Sonnen- 
tatigkeit entstanden, was sich gebildet hat als Gehirn und Riicken- 
mark, und an diesem Riickenmark arbeiten von auBen die achtund- 
zwanzig Gestalten des Osiris und der Isis. Also sind Osiris und Isis 
ihre Bildner, und indem das Gehirn seine Fuhlfaden heruntersendet 
in das Riickenmark, da bearbeitet Osiris das Riickenmark. Das emp- 
fanden auch die Griechen, und die Griechen erkannten, als sie bekannt 
wurden mit den agyptischen Mysterien, daB Osiris derselbe Gott war 
wie der, den sie Apollo nannten. Sie sagten, der agyptische Osiris ist 



Apollo, und wie er an den Nerven tatig war, damit im Inneren des 
Menschen das Seelenleben bewirkt wurde, so tut es unser Apollo. 

Und nun nehmen wir uns skizzenhaft diese Gestaltung heraus. Den- 
ken wir uns das Gehirn schematisch gezeichnet: das setzt sich fort ins 
Riickenmark, da greifen ein die achtundzwanzig Hande des Osiris, da 
spielt der Osiris mit seinen achtundzwanzig Armen in dem, was als 
Riickenmark vom Gehirn sich herunterzieht, wie auf einer Leier. Die 
Griechen gaben davon ein bedeutungsvolles Bild: das ist die Leier des 
Apollo. Man braucht sich das bloB umgekehrt zu denken. Die Leier 
ist das Gehirn, die Nerven sind die Saiten, in welche die Hande des 
Apollo eingriffen. Apollo spielt auf der Weltenleier, auf dem groBen 
Kunstwerke, das der Kosmos gebildet hat, und laBt im Menschen er- 
klingen die Tone, die sein Seelenleben ausmachen. Das war fur die 
eleusinischen Eingeweihten das, was die Agypter in ihren Bildern ge- 
geben haben. 

Aus einem solchen Bilde konnen wir ersehen, daB diese nicht sche- 
matisch gedeutet werden diirfen, sonst wiirde man nur etwas hinein- 
phantasieren. Denn man wird in der Regel erleben, daB die Bilder in 
der Tat viel defer sind als das, was man irgendwie durch den Ver- 
stand hineintraumen kann. Wenn der griechische Hellseher von 
Apollo sprach, dann hatte er das Geheimnis des Osiris-Apollo und 
des Menschheitsinstrumentes vor sich. Und Osiris stand vor dem 
agyptischen Schiiler, wenn er eingeweiht wurde in die Geheimnisse 
des Erdendaseins. So miissen wir uns sagen, daB diese Symbole, daB 
diese Bilder, die uns erhalten sind, welche das charakterisieren, was 
aus den Urgeheimnissen entnommen ist, daB all die Ausdriicke der 
Urgeheimnisse viel mehr bedeuten als etwas, was man mit dem Ver- 
stande deuten kann. Gesehen wurde diese Leier, gesehen wurden die 
Hande des Apollo. Und daB wir jedes Symbolum auf irgendein wirk- 
liches Gesicht, auf eine reale Schauung zuruckfuhren, darauf kommt 
es an, das ist das Wesentliche. Denn es gibt kein Symbol, keine 
Legende, die nicht geschaut worden ware. 

Der agyptische einzuweihende Schiiler konnte erst nach langer, 
langer Zeit zu solchen Geheimnissen dringen. Der Schiiler wurde erst 
durch eine ganz bestimmte Lehre vorbereitet, die eine ahnliche war 



wie unsere elementare Theosophie. Dann wurde er erst zu den eigent- 
lichen Ubungen zugelassen. Da erlebte er Zustande einer Art Ekstase, 
die noch kein eigentliches Hellsehen war, aber die mehr war als ein 
Traum. In ihr sah er das, was er spater im Bilde sehen sollte. Wahr- 
haftig, dieses Hinausgehen des Mondes und mit ihm des Osiris, dieses 
Arbeiten desselben vom Monde aus auf die Erde herunter, das sah 
der Schiiler als gewaltigen lebendigen Traum. Er traumte in der Tat 
die Osiris-Isislegende. Jeder Schiiler traumte diesen Osiris-Isistraum. 
Er mufite ihn traumen. Hatte er ihn nicht getraumt, er hatte nicht zur 
Anschauung der wahren Tatsachen kommen konnen. Durch das Bild, 
durch die Imagination, mufite der Schiiler hindurchgehen. Die Osiris- 
und Isislegende wird innerlich durchlebt. Diese ekstatische Seelenver- 
fassung war eine Art Vorstufe zum wahren Schauen, das Vorspiel 
zum Schauen dessen, was sich in der geistigen Welt abspielt. In der 
Akasha-Chronik konnte der Schiiler das, was heute beschrieben wurde, 
nur lesen, wenn er in einen so hohen Grad eingeweiht war, wie wir 
es heute nur angedeutet haben, und von dem wir morgen weiter reden 
wollen. Dann wollen wir auch von den anderen Bildern des Tierkrei- 
ses und ihrer Bedeutung sprechen. 



ACHTER VORTRAG 
Leipzig, 10. September 1908 



Wir haben nunmehr bedeutungsvolle Entwickelungsvorgange des 
menschlichen Organismus kennengelernt. Wir haben diesen Organis- 
mus verfolgt von seiner Entstehung an bis zu dem Zeitpunkt, in dem 
sich der Mond von der Erde entfernt hat. Wenn man « Zeitpunkt » 
sagt, so ist das natiirlich in ungenauem Sinne gesprochen, denn diese 
Vorgange nehmen recht lange Zeitraume in Anspruch. Von dem 
ersten Moment, wo der Mond anfing Miene zu machen, herauszu- 
gehen, bis zum letzten, wo er sich vollstandig herausgelost hatte, ver- 
flossen lange Zeitraume, und mancherlei ging in der Entwickelung 
wahrenddem noch vor sich. Ungefahr aber haben wir den Menschen 
bis zum Herausgehen des Mondes betrachtet. Diese Gestalt des Men- 
schen haben wir verstanden, die Gestalt, die nach unten hin, ungefahr 
von der Mitte des menschlichen Leibes ab, von der Hufthohe etwa, 
schon eine Gestaltung zeigte, die der heutigen nicht ganz unahnlich 
ist. Man wiirde mit heutigen Augen immerhin schon, wenn auch als 
weiche Teile, diesen Leib haben sehen konnen, wahrend die oberen 
Teile nur fur ein hellseherisches BewuBtsein zu schauen gewesen 
waren. Wir haben schon darauf hingewiesen, wie Sage, Religion und 
Kunst in dem Kentaur etwas von der damaligen Menschennatur er- 
halten haben. Und in den einzelnen Teilen des Leibes haben wir Glie- 
der des Menschen kennengelernt, weiche sich allmahlich entwickelt 
haben zu den FiiBen, Unterschenkeln, Knien, Oberschenkeln, die uns 
damals reprasentieren die Tierformen unserer Erde, solche Tierfor- 
men, die aber auf einer bestimmten Entwickelungsstufe stehengeblie- 
ben sind, iiber weiche der Mensch aber hinausgeschritten ist. Nun wol- 
len wir uns dariiber einmal ganz genau verstandigen. 

In den uralten Zeiten, als die Sonne erst herausging, da waren noch 
keine Tierformen entstanden. Als die Sonne herausgegangen war, war 
die hochste Form der damaligen Tiere eine Art von Tieren, weiche 
auf der Stufe der heutigen Fische standen. Wenn nun gesagt wird, daB 
die menschlichen FiiBe dieser Fischform entsprechend waren, und 



wenn wir die FiiBe mit den Fischen im Zusammenhange gesehen 
haben, was bedeutet das eigentlich? Das bedeutet, daB damals solche 
Gestalten zuruckgeblieben sind, die wie die Fische herumgeschwom- 
men sind in der Wassererde, da6 in der Zeit vom Menschen physisch 
wahrnehmbar nut die FiiBe ausgebildet waren. Das andere war in fei- 
ner atherischer Form nur vorhanden. Das, was geschildert worden 
ist als die Kelchform oder Bliitenform, das Leuchtorgan, war ganz 
atherisch, eine durchleuchtete Luftform, und nur der unterste Teil des 
Menschen war so, daB er wirklich die Wassererde durchsetzte wie die 
Fische, die zuruckgeblieben sind. Danach gab es hohere Tiere, die fest- 
gehalten werden dadurch, daB man im Bilde spricht vom Wassermann, 
dem Menschen, der den Korper bis zum Unterschenkel herauf sicht- 
bar erhielt. Es hat sich der Mensch also so gebildet, daB er auf jeder 
Stufe seines Daseins gewisse Tierformen zuriicklieB, iiber die er nach 
und nach hinausschritt. 

Und als der Mond sich zu entfernen anfing, war der Mensch so weit, 
daB er zwar die untere Halfte, die niedere Natur schon physisch aus- 
gebildet hatte, die obere Natur aber in sich ganz bildungsfahig war. 
Dann haben wir gesehen, wie vom Monde aus eingreift das, was wir 
in der Wirkung des Mondlichts in der Gestalt kennengelernt haben, 
welche die Agypter Osiris genannt haben, was durch die verschiedene 
Gestaltung des Mondes einwirken kann auf den Menschen, und wie 
da eingegliedert wird vom Monde aus das, was das wichtigste Gebilde 
des Oberleibes ist, die Nerven, die die Veranlasser des heutigen Ober- 
leibes sind. Die Nerven, die vom Ruckenmark ausgehen, die bildeten 
den Oberleib aus. Da kommt durch jene Tone, die Osiris-Apollo auf 
der Menschenleier spielt, zunachst des Menschen Mitte, die Hiiften- 
mitte zur Ausbildung. Alles das, was hat stehenbleiben miissen auf 
diesem Punkte, iiber den da der Mensch hinausschritt, das ist stehen- 
geblieben in der Weiterentwickelung bei der Amphibienform. 

Solange der Mond mit der Erde verbunden war, hat er die Ent- 
wickelung des Menschen mehr oder weniger herabgetrieben. Die 
Form der Fische stand mit der Sonne noch in einem Zusammenhang, 
da
…[truncated]