Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichte's Wissenschaftslehre Prolegomena zur Verständigung des philosophierenden Bewusstseins mit sich selbst

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Die  Grundfrage 


Erkenntnisth... 


Rudolf  Steiner 


Einleitung- 


Die  folgenden  Erörterungen  haben  die  Aufgabe,  durch 
eine  auf  die  letzten  Elemente  zurückgehende  Analyse  des 
Erkenntnisactes  das  Erkenntnisproblem  richtig  zu  formulieren 
und  den  Weg  zu  einer  Lösung  desselben  anzugeben.  Sie 
zeigen  durch  eine  Kritik  der  auf  Kant'schcm  Gedankengange 
fussenden  Erkenntnistheorien,  dass  von  diesem  Standpuncte 
aus  niemals  eine  Lösung  der  einschlägigen  Fragen  möglich 
sein  wird.     Dabei  ist  allerdings  anzuerkennen,  dass  ohne 
die  grundlegenden  Vorarbeiten  Volkelts1)  mit  ihren  gründ- 
lichen Untersuchungen  über  den  Erfahrungsbegriff  die  präcise 
Fassung  des  Begriffes  des  »Gegebenen«,   wie  wir  sie  ver- 
suchen, sehr  erschwert  worden  wäre.    Wir  geben  uns  aber 
der  Hoffnung  hin,  dass  wir  zu  einer  Überwindung  des  Sub- 
jectivismus,  der  den  von  Kant  ausgehenden  Erkenntnistheo- 
rieen  anhaftet,  den  Grund  gelegt  haben.   Und  zwar  glauben 
wir  dies  durch  unsern  Nachweis  gethan  zu  haben,  dass  die 
subjective  Form,  in  welcher  das  Weltbild  vor  der  Bearbeitung 
desselben  durch  die  Wissenschaft  für  den  Erkenntnisact  auf- 
tritt, nur  eine  nothwendige  Durchgangsstufe  ist,  die  aber  im 
Erkenntnisprocesse  selbst  überwunden  wird.    Uns  gilt  die 
sogenannte  Erfahrung,  die  der  Positivismus  und  der  Neu- 
kantianismus so  gerne  als  das  einzig  gewisse  hinstellen  möchten, 
gerade  für  das  subjectivste.    Und  indem  wir  dieses  zeigen, 
begründen  wir  den  objectiven  Idealismus  als  nothwendige 

')    Erfah  rung  und  Denken.    Kritische  Grundlegung  der  Erkenntnis- 
theorie von  Johannes  Volkelt.    Hamburg  und  Leipzig  1886. 


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Einleitung. 


Folge  einer  sich  selbst  verstehenden  Erkenntnistheorie.  Der- 
selbe unterscheidet  sich  von  dem  Hegel'schen  metaphysischen, 
absoluten  Idealismus  dadurch,  dass  er  den  Grund  für  die 
Spaltung  der  "Wirklichkeit  in  gegebenes  Sein  und  Begriff 
im  Erkenntnissubject  sucht  und  die  Vermittlung  derselben 
nicht  in  einer  objectiven  Weltdialectik ,  sondern  im  subjec- 
tiven  Erkenntnisprozesse  sieht.  Der  Schreiber  dieser  Zeilen 
hat  diesen  Standpunct  schon  einmal  auf  Grund  von  Unter- 
suchungen, die  sich  in  der  Methode  von  den  vor- 
liegenden freilich  wesentlich  unterscheiden  und  denen  auch 
das  Zurückgehen  auf  die  ersten  Elemente  des  Erkennens 
fehlt,  im  Jahre  1885  in  seinen  »Grundlinien  einer  Erkenntnis- 
theorie.  Berlin  und  Stuttgart«  schriftstellerisch  vertreten. 

Die  neuere  Litteratur,  die  für  diese  Erörterungen  in 
Betracht  kommt,  ist  folgende.  Wir  führen  dabei  nicht  nur 
dasjenige  an,  worauf  unsere  Darstellung  unmittelbar  Bezug 
hat,  sondern  auch  alle  jene  Schriften,  in  denen  Fragen  be- 
handelt werden,  die  den  von  uns  erörterten  ähnlich  sind. 
Von  einer  besonderen  Anführung  der  Schriften  der  eigent- 
lichen philosophischen  Classiker  sehen  wir  ab. 

Für  die  Erkenntnistheorie  im  allgemeinen  kommen  in  Betracht:  Avcnar  ius, 
Philosophie  als  Denken  der  Welt  gemäss  dem  Princip  der  kleinsten  Kraftmasse. 
Leipzigi876.  Kritik  der  reinen  Erfahrung  i.Bd.  Leipzig  1888.  J.  J.  Baumann, 
Philosophie  als  Orientierung  über  die  Welt.  Leipzig  1872.  Bahnsen,  Der 
Widerspruch  im  Wissen  und  Wesen  der  Welt.  1.  Bd.  Berlin  1880.  Beck 
J.  Sig.,  Einzig  richtiger  Standpunct,  an  dem  die  kritische  Philosophie  beurtheilt 
werden  muss.  Riga  1796.  Bergmann  Jul.,  Sein  und  Erkennen.  Berlin  1880. 
Benecke  Friedr.Ed.,  System  der  Metaphysik  und  Religionsphilosophie.  Berlin 
1890.  Biedermann  A.  E.,  Christliche  Dogmatik.  Berlin  1884/5.  Bd- 
S.  51 — 173.  Cohen,  Kants  Theorie  der  Erfahrung.  Berlin  1871.  W.  Dü- 
the y,  Einleitung  in  die  Geisteswissenschaften.  Leipzig  1883.  (Besonders  die 
einleitenden  Capitel,  welche  das  Verhältnis  der  Erkenntnistheorie  zu  den  übrigen 
Wissenschaften  behandeln.1)  Dreher  E. ,  Ueber  Wahrnehmung  und  Denken. 
Berlin  1878.  Dorner,  Das  menschliche  Erkennen.  Berlin  1887.  Deussen, 
Die  Elemente  der  Metaphysik.  Leipzig.  2.  Aufl.  1890.  Engel,  Über  Realität 
und  Begriff.  Sein  und  Denken.  Berlin.  Enoch,  Der  Begriff  der  Wahr- 
nehmung. Hamburg  1890.  Er d mann,  Kants  Krilicismus  in  der  ersten  und 
zweiten  Auflage  seiner  Kritik  der  reinen  Vernunft.  Leipzig  1878.  -Feld egg, 
Das  Gefühl  als  Fundament  der  Weltordnung.    Wien  1890.    Fischer  E.  L., 


')  Ferner  käme  auch  noch  in  Betracht:  Beiträge  zur  Lösung  unseres 
Glaubens  an  die  Realität  der  Aussenwelt  und  seinem  Recht  von  W.  Dilthey. 
Sitzungsberichte  der  königl.  preuss.  Academie  der  Wissenschafte«  zu  Berlin. 
XXXIX.  XL.  Berlin  1890. 


Einleitung. 


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Die  Grundfragen  der  Erkenntnistheorie.  Mainz  1887.  Fischer  Kuno,  Logik 
und  Metaphysik.  Geschichte  der  neueren  Philosophie  (besonders  die  auf  Kant 
bezüglichen  Theile).  Gftring,  System  der  kritischen  Philosophie.  Leipzig  18-4. 
Über  den  Begriff  der  Erfahrung  (Viertcljahrsschrift  für  wissenschaftliche  Philo- 
sophie. 1877).  Ganser,  Die  Wahrheit.  Graz  1890.  Grimm  Ed.,  Zur  Ge- 
schichte der  Erkenntnistheorie.  Leipzig  1890.  Grung,  Das  Problem  der  Ge- 
wissheit. Heidelberg  1886.  Hartmann  Ed.  v. ,  Kritische  Grundlegung  des 
transcendcutalcn  Realismus.  2.  Aufl.  Herlin  1875.  Kirchmanns  erkenntnis- 
thcorctischcr  Idealismus.    Das  Grundproblem  der  Erkenntnistheorie.  Leipzig 

1889.  Kritische  Wanderungen  durch  die  Philosophie  der  Gegenwart.  Leipzig 

1890.  H.  Hclmholtz,  Die  Thatsachcn  der  Wahrnehmung.  Berlin  1878. 
Harms,  Die  Philosophie  durch  Kant.  Berlin  1876.  Hey  mann,  Die  Gesetze 
und  Elemente  des  wissenschaftlichen  Erkennens.  Leipzig  1890.  Hamerling, 
Atomistik  des  Willens.  Hamburg  1890.  Horwicz,  Analyse  des  "Denkens. 
Grundlinien  der  Erkenntnistheorie.  Halle  1875.  Jacoby  Fr.  H.,  David  Humc 
über  den  Glauben.  Breslau  1787.  Rappe,  Der  »commun  sense«  als  Princip 
der  Gewissheit  in  der  Philosophie  des  Schotten  Rcid.  Leipzig  1890.  Kerry  B., 
System  einer  Theorie  der  Grenzgebiete  1890.  Kirchmann,  Die  Lehre  vom 
Wissen.  Berlin  1868.  K  au ffmann,  Fundamente  der  Erkenntnistheorie  undWissen- 
sdiaftslchre.  Leipzig  1890.  Laas  E.,  Die  Kausalität  des  Ich  (Vierteljahrsschrift  für 
wiss.  Philosophie.  I  —  III.  Heft  1880).  Idealismus  und  Positivismus.  1879 — 1884. 
Berlin.  Leclairc  A.  v. ,  Beiträge  zu  einer  monistischen  Erkenntnistheorie. 
Breslau  1882.  Das  kategorische  Gepräge  des  Denkens  (Viertcljahrsschrift  für 
wiss.  Philosophie.  VII.  3.  S.  257  ff.).  O.  Liebmann,-  Kant  und  die  Epigonen. 
Stuttgart  1865.  Zur  Analysis  der  Wirklichkeit.  Strassburg  1880.  Gedanken 
und  Thatsachcn.    Strassburg   1882.     Die  Klimax  der  Theorien.  Strassburg 

1884.  Lips,  Die  Grundthatsachen  des  Seelenlebens.  Bonn  1883.  Lotze, 
Logik.  1874.»  Lange  Friedr.  Alb.,  Geschichte  des  Materialismus.  Iserlohn 
1873  —  75.  Meinong,  Ilume  Studien.  W.  Münz,  Die  Grundlagen  der  Kant'- 
sehen  Erkenntnistheorie.    2.  Aufl.   Mayer  J.  V.,  Vom  Erkennen.  Freiburg  i. B. 

1885.  Mill  J.  St.,  System  of  logic.  1851.  Neudecker,  Das  Grundproblem 
der  Erkenntnistheorie.  Nördlingen  1881.  Paulsen,  Versuch  einer  Entwick- 
lungsgeschichte der  Kant'schen  Erkenntnistheorie.  Leipzig  1875.  Rcid  Th.,  An 
inquiry  into  human  mind.  Rchmkc  J.,  Die  Welt  als  Wahrnehmung  und  Begriff. 
Eine  Erkennistheorie.  Berlin  1880.  Rülf  J.,  Wissenschaft  des  Weltgedankcns 
und  der  Gedankenwelt.  Leipzig  1888.  Riehl,  Der  philosophische  Kriticismus 
und  seine  Bedeutung  für  die  positive  Wissenschaft.  Leipzig  1887.  Schubert- 
Sold  er n.  Grundlagen  der  Erkenntnistheorie.  1884.  Schuppe,  Zur  voraus- 
setzungslosen Logik  (Philosophische  Monatshefte.  1882  Heft  VI  u.  VII).  Seydel 
Rdlf,  Logik  od.  Wissenschaft  vom  Wissen.  Leipzig  1866.  Sigwart,  Logik. 
Tübingen  1878.  Schulze,  Gottlob  Ernst.  Aenesidemus.  1792.  Stadler, 
Die  Grundsätze  der  reinen  Erkenntnistheorie  in  der  Kant'schen  Philosophie. 
Leipzig  1876.  Taine,  De  rintelligencc.  4.  ed.  Paris  1883.  Trendelen- 
bürg,  Logische  Untersuchungen.  Leipzig  1862.  Vaihingcr  H.,  Hartmann, 
Dühring  und  Lange.  Iserlohn  1876.  Varnbühler,  Widerlegung  der  Kritik 
der  reinen  Vernunft.  Leipzig  1890.  Volkelt,  Imm.  Kant's  Erkenntnistheorie, 
nach  ihren  Grundprincipien  analysirt.  Leipzig  1879.  Erfahrung  und  Denken. 
Kritische  Grundlegung  der  Erkenntnistheorie.  Hamburg  und  Leipzig.  1879. 
Windelband,  Präludien.  Freiburg  1884.  Die  verschiedenen  Phasen  der 
Kant'schen  Lehre  vom  »Ding  an  sieht  (Vierteljahrsschrift  für  wiss.  Philosophie 
I.  Jahrg.   2.  Heft).    Witte,   Beiträge  zum  Verständnis  Kants.     Berlin  1874. 

.Vorstudien  zur  Erkenntnis  des  unerfahrbaren  Seins.  1876.  Bonn.  Wolff  H., 
Ueber  den  Zusammenhang  unserer  Vorstellungen  mit  Dingen  ausser  uns.  Leip- 
zig 1874.  Wolff  Joh.,  Das  Bcwusstsein  und  sein  Objcct.  Berlin  1889. 
Wun dt,  Logik.  1.  Bd.  Erkenntnislehre.  Stuttg.  1880.  Wahl c  R  i  c  har d, 
Gehirn  und  Bcwusstsein.    Wien.  Holder. 


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Einleitung. 


Für  Fichte  kommen  in  Betracht: 

Biedermann  F.  C,  De  Genetica  philosophandi  ratione  et  methodo,  praeser- 
tim  Fichtii ,  Schellingii,  Hegeiii,  Dissertatonis  particula  prima, 
syntheticam  Fichtii  methodum  cxhibcns  u.  s.  w.    Lipsiae  1835. 

Schwabe  G. ,  Fichtes  und  Schopenhauers  Lehre  vom  Willen  mk  ihren 
Consequenzen  für  Weltbcgreifung  und  Lebensführung.  1887. 

Hensel.  Ueber  die  Beziehung  des  reinen  Ich  bei  Fichte  zur  Einheit  der 
Appcrception  bei  Kant.    Freiburg  i.  B.  1885. 

Frederichs  F.,  Der  Freiheitsbegriff  Kants  und  Fichtes.    Berlin  1886. 

Gühloff  Otto,  Der  transccndentale  Idealismus.    Halle  1888. 

Die  zahlreichen  zum  Fichte- Jubiläum  1862  erschienenen  Schriften  finden 
natürlich  hier  keine  Berücksichtigung.  Höchstens  die  Rede  Trendelcn- 
burgs1),  welche  wichtigere  theoretische  Gesichtspuncte  enthält,  möge  erwähnt 
werden. 


l)  A.  Trcndclcnburg.  Zur  Erinnerung  an  J.  G.  Fichte.    Berlin  1862. 


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I.  Vorbemerkungen 


Die  Erkenntnistheorie  soll  eine  wissenschaftliche  Unter- 
suchung desjenigen  sein,  was  alle  übrigen  Wissenschaften 
ungeprüft  voraussetzen:  des  Erkennens  selbst.  Damit  ist 
ihr  von  vorneherein  der  Charakter  der  philosophischen  Funda- 
mentalwissenschaft zugesprochen.  Denn  erst  durch  sie  können 
wir  erfahren,  welchen  Wert  und  welche  Bedeutung  die  durch 
die  andern  Wissenschaften  gewonnenen  Einsichten  haben. 
Sie  bildet  in  dieser  Hinsicht  die  Grundlage  für  alles  wissen- 
schaftliche Streben.  Es  ist  aber  klar,  dass  sie  dieser  ihrer 
Aufgabe  nur  dann  gerecht  werden  kann,  wenn  sie  selbst,  so- 
weit das  bei  der  Natur  des  menschlichen  Erkenntnisermögens 
möglich  ist,  voraussetzungslos  ist.  Dies  wird  wohl  allgemein 
zugestanden.  Dennoch  findet  man  bei  eingehender  Prüfung 
der  bekannteren  erkenntnis-theoretischen  Systeme,  dass  schon 
in  den  Ausgangspuncten  der  Untersuchung  eine  ganze  Reihe 
von  Voraussetzungen  gemacht  werden,  die  dann  die  über- 
zeugende Wirkung  der  weiteren  Darlegungen  wesentlich  be- 
einträchtigen. Namentlich  wird  man  bemerken,  dass  ge- 
wöhnlich schon  bei  Aufstellung  der  erkenntnistheoretischen 
Grundprobleme  gewisse  versteckte  Annahmen  gemacht  werden. 
Wenn  aber  die  Fragestellungen  einer  Wissenschaft  verfehlte 
sind,  dann  muss  man  wohl  an  einer  richtigen  Lösung  von 
vorneherein  zweifeln.  Die  Geschichte  der  Wissenschaften 
lehrt  uns  doch,  dass  unzählige  Irrthümer,  an  denen  ganze 
Zeitalter  krankten,  einzig  und  allein  darauf  zurückzuführen 
sind,  dass  gewisse  Probleme  falsch  gestellt  worden  sind. 
Wir  brauchen  nicht  bis  auf  die  Physik  des  Aristoteles  oder 
die  ars  magna  Lulliana  zurückzugehen,  um  diesen  Satz  zu 
erhärten;  sondern  wir  können  in  der  neueren  Zeit  Beispiele 
genug  finden.  Die  zahlreichen  Fragen  nach  der  Bedeutung 
rudimentärer  Organe  bei  gewissen  Organismen  konnten  erst 
dann  in  richtiger  Weise  gestellt  werden,  als  durch  die  Auf- 
findung des  biogenetischen  Grundgesetzes  die  Bedingungen 


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Vorbemerkungen. 


hierzu  geschaffen  waren.  So  lange  die  Biologie  unter  dem 
Einflüsse  teleologischer  Anschauungen  stand,  war  es  unmög- 
lich, die  entsprechenden  Probleme  so  aufzuwerfen,  dass  eine 
befriedigende  Antwort  möglich  geworden  wäre.  Welche 
abenteuerlichen  Vorstellungen  hatte  man  z.  H.  über  die  Auf- 
gabe der  sogenannten  Zirbeldrüse  im  menschlichen  Gehirne, 
so  lange  man  nach  einer  solchen  Aufgabe  überhaupt  fragte! 
Erst  als  man  auf  dem  Wege  der  vergleichenden  Anatomie 
die  Klarstellung  der  Sache  suchte  und  sich  fragte,  ob  dieses 
Organ  nicht  bloss  ein  beim  Menschen  stehen  gebliebener 
Rest  aus  niederen  Entwickclungsformen  sei,  gelangte  man 
zu  einem  Ziele.  Oder,  um  noch  ein  Heispiel  anzuführen, 
welche  Modifikationen  erfuhren  gewisse  Eragestellungen  in 
der  Physik  durch  die  Entdeckung  des  mechanischen  Wärme- 
äquivalentes und  des  Gesetzes  von  der  Erhaltung  der  Kraft! 
Kurz,  der  Erfolg  wissenschaftlic  her  Untersuchungen  ist  ganz 
wesentlich  davon  abhängig,  ob  man  die  Probleme  richtig  zu 
stellen  im  stände  ist.  Wenn  auch  die  Erkenntnistheorie  als 
Voraussetzung  aller  übrigen  Wissenschaften  eine  ganz  be- 
sondere Stellung  einnimmt,  so  ist  dennoch  vorauszusehen, 
dass  auch  in  ihr  ein  erfolgreiches  Eortschreiten  in  der  Unter- 
suchung nur  dann  möglich  sein  wird,  wenn  die  Grundfragen 
in  richtiger  Eorm  aufgeworfen  werden. 

Die  folgenden  Auseinandersetzungen  streben  nun  in 
erster  Linie  eine  solche  Formulierung  des  Erkenntnisproblems 
an,  die  dem  Charakter  der  Erkenntnistheorie  als  vollständig 
voraussetzungsloscr  Wissenschaft  strenge  gerecht  wird.  Sie 
wollen  dann  auch  das  Verhältnis  von  J.  G.  Eichtes  Wissen- 
schaftsieh rc  zu  einer  solchen  philosophischen  Grundwissen- 
schaft beleuchten.  Warum  wir  gerade  Eichtes  Versuch,  den 
Wissenschaften  eine  unbedingt  gewisse  Grundlage  zu  schaffen, 
mit  dieser. Aufgabe  in  nähere  Verbindung  bringen,  wird  sich 
im  Verlaufe  der  Untersuchung  von  selbst  ergeben. 


II.  Kant's  erkenntnistheoretische  Grundfrage. 

Als  der  Begründer  der  Erkenntnistheorie  im  modernen 
Sinne  des  Wortes  wird  gewöhnlich  Kant  genannt.  Gegen 
diese  Auffassung  könnte  man  wohl  mit  Recht  einwenden, 
dass  die  Geschichte  der  Philosophie  vor  Kant  zahlreiche 
Untersuchungen  aufweist,  die  denn  doch  als  mehr  denn  als 
blosse  Keime  zu  einer  solchen  Wissenschaft  anzusehen  sind. 
So  bemerkt  auch  Volkei.t  in  seinem  grundlegenden  Werke 


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Kant  und  die  Erkenntnistheorie.  7 

über  Erkenntnistheorie1),  dass  schon  mit  Locke  die  kritische 
Behandlung  dieser  Wissenschaft  ihren  Anfang  genommen 
habe.  Aber  auch  bei  noch  früheren  Philosophen,  ja  schon 
in  der  Philosophie  der  Griechen,  findet  man  Erörterungen, 
die  gegenwärtig  in  der  Erkenntnistheorie  angestellt  zu  werden 
pflegen.  Indessen  sind  durch  Kant  alle  hier  in  Betracht 
kommenden  Probleme  in  ihren  Tiefen  aufgewühlt  worden, 
und  an  ihn  anknüpfend  haben  zahlreiche  Denker  dieselben 
so  allseitig  durchgearbeitet,  dass  man  die  bereits  früher  vor- 
kommenden Lösungsversuche  entweder  bei  Kant  selbst  oder  * 
bei  seinen  Epigonen  wiederfindet.  Wenn  es  sich  also  um 
ein  rein  sachliches  und  nicht  um  ein  historisches  wStu- 
dium  der  Erkenntnistheorie  handelt,  so  wird  man  kaum  an 
einer  wichtigen  Erscheinung  vorübergehen,  wenn  man  bloss 
die  Zeit  seit  Kants  Auftreten  mit  der  Kritik  der  reinen  Ver- 
nunft in  Rechnung  bringt.  Was  vorher  auf  diesem  Felde 
geleistet  worden  ist,  wiederholt  sich  in  dieser  Epoche  wieder. 

Kant's  erkenntnistheoretische  Grundfrage  ist:  wie 
sind  synthetische  Urtheile  a  priori  möglich?  Sehen 
wir  diese  Frage  einmal  auf  ihre  Voraussetzungslosigkeit  hin 
an!  Kant  wirft  dieselbe  deswegen  auf,  weil  er  der  Meinung 
ist,  dass  wir  ein  unbedingt  gewisses  Wissen  nur  dann  er- 
langen können,  wenn  wir  in  der  Lage  sind,  die  Berechtigung 
synthetischer  Urtheile  a  priori  nachzuweisen.  Er  sagt:  »In 
der  Auflösung  obiger  Aufgabe  ist  zugleich  die  Möglichkeit 
des  reinen  Vernunftgebrauches  in  Gründung  und  Ausführung 
aller  Wissenschaften,  die  eine  theoretische  Erkenntnis  a  priori 
von  Gegenständen  enthalten,  mit  begriffen«2)  und  »Auf  die 
Auflösung  dieser  Aufgabe  nun  kommt  das  Stehen  und  Fallen 
der  Metaphysik,  und  also  ihre  Existenz  gänzlich  an.«3) 

Ist  diese  Frage  nun,  so  wie  Kant  sie  stellt,  voraus- 
setzungslos? Keineswegs,  denn  sie  macht  die  Möglichkeit 
eines  unbedingt  gewissen  Systemes  vom  Wissen  davon  ab- 
hängig, dass  es  sich  nur  aus  synthetischen  und  aus  solchen 
Urtheilen  aufbaut,  die  unabhängig  von  aller  Erfahrung  ge- 
wonnen werden.  Synthetische  Urtheile  nennt  Kant  solche, 
bei  welchen  der  PrädicatbegrifF  etwas  zum  Subjectbegriff 
hinzubringt,  was  ganz  ausser  demselben  liegt,  »ob  es  zwar 


')  Erfahrung  und  Denken.  Kritische  Grundlegung  der  Erkenntnis- 
theorie von  Johannes  Volkclt.    Hamburg  und  Leipzig  1886.  S.  20. 

5)  Kritik  der  reinen  Vernunft  S.  61  ff.  nach  der  Ausgabe  von  Kirch- 
mann, auf  welche  Ausgabe  auch  alle  andern  Seitenzahlen  bei  Citatcn  aus  der 
Kritik  d.  r.  V.  und  der  »Prolegomena<  zu  beziehen  sind. 

s)  Prolegomena  §  5, 


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8  Erfahrung  und  Erkennen. 

mit  demselben  in  Verknüpfung  steht«1),  wogegen  bei  den 
analytischen  Urtheilen  das  Prädicat  nur  etwas  aussagt,  was 
(versteckter  Weise)  schon  im  Subject  enthalten  ist.  Es  kann 
hier  wohl  nicht  der  Ort  sein,  auf  die  scharfsinnigen  Ein-, 
wände  Johannes  Reiimkes2)  gegen  diese  Gliederung  der 
Urtheile  einzugehen.  Für  unseren  gegenwärtigen  Zweck 
genügt  es,  einzusehen,  dass  wir  ein  wahrhaftes  Wissen  nur 
durch  solche  Urtheile  erlangen  können,  die  zu  einem  Begriffe 
einen  zweiten  hinzufügen,  dessen  Inhalt  wenigstens  für  uns 
in  jenem  ersten  noch  nicht  gelegen  war.  Wollen  w;r  diese 
Klasse  von  Urtheilen  mit  Kant  synthetische  nennen,  so 
können  wir  immerhin  zugestehen,  dass  Erkenntnisse  in  Ur- 
theilsform  nur  dann  gewonnen  werden  können,  wenn  die 
Verbindung  des  Prädicats  mit  dem  Subjecte  eine  solche  syn- 
thetische ist.  Anders  aber  steht  die  Sache  mit  dem  zweiten 
Theil  der  Frage,  der  verlangt,  dass  diese  Urtheile  a  priori 
d.  i.  unabhängig  von  aller  Erfahrung  gewonnen  sein  müssen. 
Es  ist  ja  durchaus  möglich3),  dass  es  solche  Urtheile  über- 
haupt gar  nicht  giebt.  Für  den  Anfang  der  Erkenntnistheorie 
muss  es  als  gänzlich  unausgemacht  gelten,  ob  wir  anders  als 
durch  Erfahrung,  oder  nur  durch  diese  zu  Urtheilen  kommen 
können.  Ja,  einer  unbefangenen  Ueberlcgung  gegenüber 
scheint  eine  solche  Unabhängigkeit  von  vorneherein  unmög- 
lich. Denn  was  auch  immer  Gegenstand  unseres  Wissens 
werden  mag:  es  muss  doch  einmal  als  unmittelbares,  indi- 
viduelles Erlebnis  an  uns  herantreten  das  heisst  zur  Er- 
fahrung werden.  Auch  die  mathematischen  Urtheile  gewinnen 
wir  auf  keinem  anderen  Wege,  als  indem  wir  sie  in  be- 
stimmten einzelnen  Fällen  erfahren.  Selbst  wenn  man,  wie 
z.  B.  Otto  Liebmann*),  dieselben  in  einer  gewissen  Organisation 
unseres  Bewusstseins  begründet  sein  lässt,  so  stellt  sich  die 
Sache  nicht  anders  dar.  Man  kann  dann  wohl  sagen:  dieser 
oder  jener  Satz  sei  nothwendig  giltig,  denn  würde  seine 
Wahrheit  aufgehoben,  so  würde  das  Bcwusstsein  mit  aufge- 
hoben ;  aber  den  Inhalt  desselben  als  Erkenntnis  können  wir 
doch  nur  gewinnen,  wenn  er  einmal  Erlebnis  für  uns  wird, 
ganz  in  derselben  Weise  wie  ein  Vorgang  in  der  äusseren 
Natur.  Mag  immer  der  Inhalt  eines  solchen  Satzes  Elemente 
enthalten,  die  seine  absolute  Giltigkeit  verbürgen,  oder  mag 
dieselbe  aus  andern  Gründen  gesichert  sein:  ich  kann  seiner 

J)  Kritik  d.  r.  V.  S.  53  f. 

2)  Die  Welt  als  Wahrnehmung  und  Begriff.  S.  161  ff. 

3)  Wir  meinen  hiermit  natürlich  die  blosse  Denkmöglichkeit. 
*)  Analyse  der  Wirklichkeit.    Gedanken  und  Thatsachen. 


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Kant'sche  Vorurtheile. 


nicht  anders  habhaft  werden,  als  wenn  er  mir  einmal  als 
Erfahrung  gegenübertritt.    Dies  ist  das  eine. 

Das  zweite  Bedenken  besteht  darinnen,  dass  man  am 
Beginne  der  erkenntnistheoretischen  Untersuchungen  durch- 
aus nicht  behaupten  darf,  aus  der  Erfahrung  können  keine 
unbedingt  giltigen  Erkenntnisse  stammen.  Es  ist  zweifellos 
ganz  gut  denkbar,  dass  die  Erfahrung  selbst  ein  Kennzeichen 
aufwiese,  durch  welches  die  Gewissheit  der  aus  ihr  gewon- 
nenen Einsichten  verbürgt  würde. 

So  liegen  in  der  Kant'schen  Fragestellung  zwei  Voraus- 
setzungen: erstens,  dass  wir  ausser  der  Erfahrung  noch 
einen  Weg  haben  müssen,  um  zu  Erkenntnissen  zu  gelangen, 
und  zweitens,  dass  alles  Erfahrungswissen  nur  bedingte 
Giltigkeit  haben  könne.  Dass  diese  Sätze  einer  Prüfung  be- 
dürftig sind,  dass  sie  bezweifelt  werden  können,  dies  kommt 
Kant  gar  nicht  zum  Bewusstsein.  Er  nimmt  sie  einfach  als 
Vorurtheile  aus  der  dogmatischen  Philosophie  herüber  und 
legt  sie  seinen  kritischen  Untersuchungen  zum  Grunde.  Die 
dogmatische  Philosophie  setzt  sie  als  giltig  voraus  und  wendet 
sie  einfach  an,  um  zu  einem  ihnen  entsprechenden  Wissen 
zu  gelangen;  Kant  setzt  sie  als  giltig  voraus  und  fragt  sich 
nur:  unter  welchen  Bedingungen  können  sie  giltig  sein? 
Wie:  wenn  sie  aber  überhaupt  nicht  giltig  sind?  Dann  fehlt 
dem  Kant'schen  Lehrgebäude  jede  Grundlage. 

Alles,  was  Kant  in  den  fünf  Paragraphen,  die  der 
Formulierung  seiner  Grundfrage  vorangehen,  vorbringt,  ist 
der  Versuch  eines  Beweises,  dass  die  mathematischen  Urtheilc 
synthetisch  sind. J)  Aber  gerade  die  von  uns  angeführten 
zwei  Voraussetzungen  bleiben  als  wissenschaftliche  Vorurtheile 
stehen.  In  Einl.  II  der  Krit.  d.  r.  V.  heisst  es:  »Erfahrung  lehrt 
uns  zwar,  dass  etwas  so  oder  so  beschaffen  sei,  aber  nicht, 
dass  es  nicht  anders  sein  könne«  und:  »Erfahrung  giebt 
niemals  ihren  Urteilen  wahre  oder  strenge,  sondern  nur  an- 
genommene und  comparative  Allgemeinheit  (durch  Induction)«. 
In  Prolegomena  §  i  finden  wir:  »Zuerst,  was  die  Quellen 
einer  metaphysischen  Erkenntnis  betrifft,  so  liegt  es  schon  in 
ihrem  Begriffe,  dass  sie  nicht  empirische  sein  können.  Die 
Principien  derselben  (wozu  nicht  bloss  ihre  Grundsätze,  son- 
dern auch  ihre  Grundbegriffe  gehören),  müssen  also  niemals 
aus  der  Erfahrung  gewonnen  sein;  denn  sie  soll  nicht  phy- 
sische, sondern  metaphysische  d.  i.  jenseits  der  Erfahrung 


*)  Ein  Versuch ,  der  übrigens  durch  die  Einwendungen  Rob.  Zimmer- 
manns (Über  Kants  mathematisches  Vorurtheil  und  dessen  Folgen),  wenn  auch 
nicht  gänzlich  widerlegt,  so  doch  sehr  in  Frage  gestellt  ist. 

2 


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10 


Kant'sche  Vorurtheile. 


liegende  Erkenntnis  sein.«  Endlich  sagt  Kant  in  der  Kr.  d. 
r.  V.1):  »Zuvörderst  muss  bemerkt  werden,  dass  eigentliche 
mathematische  Sätze  jederzeit  Urtheile  a  priori  und  nicht  em- 
pirisch seien,  weil  sie  Nothwendigkeit  bei  sich  führen,  welche 
aus  der  Erfahrung  nicht  abgenommen  werden  kann.  Will 
man  aber  dieses  nicht  einräumen,  wohlan,  so  schränke  ich 
meinen  Satz  auf  die  reine  Mathematik  ein,  deren  Begriff  es 
schon  mit  sich  bringt,  dass  sie  nicht  empirische,  sondern 
bloss  reine  Erkenntnis  a  priori  enthalte.«  Wir  mögen  die 
Kritik  der  reinen  Vernunft  aufschlagen,  wo  wir  wollen,  so 
werden  wir  finden,  dass  alle  Untersuchungen  innerhalb  der- 
selben unter  Voraussetzung  dieser  dogmatischen  Sätze  ge- 
führt werden.  Cohen2)  und  Stadler8)  versuchen  zu  be- 
weisen, Kant  habe  die  apriorische  Natur  der  mathematischen 
und  rein -naturwissenschaftlichen  Sätze  dargethan.  Nun  lässt 
sich  aber  alles,  was  in  der  Kritik  versucht  wird,  im  folgen- 
den zusammenfassen:  Weil  Mathematik  und  reine  Natur- 
wissenschaft apriorische  Wissenschaften  sind,  deshalb  muss 
die  Form  aller  Erfahrung  im  Subjekt  begründet  sein.  Es 
bleibt  also  nur  das  Material  der  Empfindungen,  das  empirisch 
gegeben  ist.  Dieses  wird  durch  die  im  Gemüte  liegenden 
Formen  zum  Systeme  der  Erfahrung  aufgebaut.  Nur  als 
ordnende  Principien  für  das  Empfindungsmaterial  haben  die 
formalen  Wahrheiten  der  apriorischen  Theorien  Sinn  und 
Bedeutung;  sie  machen  die  Erfahrung  möglich,  reichen  aber 
nicht  über  dieselbe  hinaus.  Diese  formalen  Wahrheiten  sind 
aber  die  synthetischen  Urtheile  a  priori,  welche  somit  als  Be- 
dingungen aller  möglichen  Erfahrung  so  weit  reichen  müssen, 
als  diese  selbst.  Die  Kritik  der  reinen  Vernunft  beweist 
also  durchaus  nicht  die  Apriorität  der  Mathematik  und  reinen 
Naturwissenschaft,  sondern  bestimmt  nur  deren  Geltungs- 
gebiet unter  der  Voraussetzung,  dass  ihre  Wahrheiten 
von  der  Erfahrung  unabhängig  gewonnen  werden  sollen. 
Ja,  Kant  lässt  sich  so  wenig  auf  einen  Beweis  für  diese 
Apriorität  ein,  dass  er  einfach  denjenigen  Teil  der  Mathematik 
ausschliesst  (siehe  oben  Zeile  6  ff.),  bei  dem  dieselbe  etwa,  auch 
.  nach  seiner  Ansicht,  bezweifelt  werden  könnte  und  sich  nur 
auf  den  beschränkt,  bei  dem  er  sie  aus  dem  blossen  Begriff 
folgern  zu  können  glaubt.  Auch  Johannes  Volkelt  findet, 
dass  »Kant  von  ausdrücklicher  Voraussetzung«  ausgehe,  »dass 
es  thatsächlich  ein  allgemeines  und  nothwendiges  Wissen  gebe.« 

')  S.  58. 

*)  Cohen,  Kant's  Theorie  der  Erfahrung.    S.  90  ff. 

8)  Stadler,  Die  Grundsätze  der  reinen  Erkenntnistheorie  in  der  Kant'- 

schen  Philosophie.    S.  ;6  f. 


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Kant'sche  Vorurtheile. 


11 


Er  sagt  darüber  noch  weiter:  »Diese  von  Kant  nie  ausdrück- 
lich in  Prüfung  gezogene  Voraussetzung  steht  mit  dem  Cha- 
rakter der  kritischen  Erkenntnistheorie  derart  in  Widerspruch, 
dass  man  sich  ernstlich  die  Frage  vorlegen  muss,  ob  die 
Kritik  der  reinen  Vernunft  als  kritische  Erkenntnistheorie 
gelten  dürfe«.  Volkelt  findet  zwar,  dass  man  diese  Frage 
aus  guten  Gründen  bejahen  dürfe,  aber  es  ist  »doch  durch 
jene  dogmatische  Voraussetzung  die  kritische  Haltung  der 
Kant'schen  Erkenntnistheorie  in  durchgreifender  Weise  ge- 
stört.«1) Genug,  auch  Volkelt  findet,  dass  die  Kritik  der 
reinen  Vernunft  keine  voraussetzungslose  Erkenntnistheorie  ist. 

Im  Wesentlichen  mit  der  unseren  übereinstimmen  auch 
die  Auffassungen  O.  Liebmanns2),  Hölders3),  Windelbands4), 
Ueberwegs6),  Ed.  v.  Hartmanns6)  und  Kuno  Fischers7)  in 
Bezug  auf  den  Umstand,  dass  Kant  die  apriorische  Giltigkeit 
der  reinen  Mathematik  und  Naturlehre  als  Voraussetzung 
an  die  Spitze  seiner  Erörterungen  stellt. 

Dass  wir  wirklich  Erkenntnisse  haben,  die  von  aller 
Erfahrung  unabhängig  sind,  und  dass  die  letztere  nur  Ein- 
sichten von  comparativer  Allgemeinheit  liefert,  könnten  wir 
nur  als  Folgesätze  von  andern  Urtheilen  gelten  lassen.  Es 
müsste  diesen  Behauptungen  unbedingt  eine  Untersuchung 
über  das  Wesen  der  Erfahrung  und  eine  solche  über  das 
Wesen  unseres  Erkennens  vorangehen.  Aus  jener  könnte 
der  erste,  aus  dieser  der  zweite  der  obigen  Sätze  folgen. 

Nun  könnte  man  auf  unsere  der  Vernunftkritik  gegen- 
über geltend  gemachten  Einwände  noch  folgendes  erwidern. 
Man  könnte  sagen,  dass  doch  jede  Erkenntnisstheorie  den 
Leser  erst  dahin  führen  müsse,  wo  der  voraussetzungslose 


')  Erfahrung  und  Denken.    S.  21. 

9)  Zur  Analysis  der  Wirklichkeit.    S.  2 1 1  ff. 

8)  AI  fr.  Hölder,  Darstellung  der  Kantischen  Erkenntnistheorie.  S.  14  f. 
4)  Vierteljahrsschrift  für  wiss.  Philosophie.    S.  239.    Jahrg.  1877. 
*)  System  der  Logik.    3.  Aufl.    S.  380  f. 

•)  Kritische  Grundlegung  des  transcendentalen  Realismus.    S.  142  —  172. 

7)  Geschichte  der  neueren  Philosophie  V.  B.  S.  60.  In  Bezug  auf  Kuno 
Fischer  irrt  Volkelt,  wenn  er  (Kant's  Erkenntnistheorie  S.  198  f.  Anmerkung) 
sagt,  es  würde  »aus  der  Darstellung  K.  Fischers  nicht  klar ,  ob  seiner  Ansicht 
nach  Kant  nur  die  psychologische  Thatsächlichkeit  der  allgemeinen  und  notwen- 
digen Urtheile  oder  zugleich  die  objective  Gültigkeit  und  Rechtmässigkeit  der- 
selben voraussetze.  Denn  an  der  angeführten  Stelle  sagt  Fischer,  dass  die 
Hauptschwierigkeit  der  Kritik  der  reinen  Vernunft  darin  zu  suchen  sei ,  dass 
deren  »Grundlegungen  von  gewissen  Voraussetzungen  abhängig«  seien  »die  man 
eingeräumt  haben  müsse,  um  das  folgende  gelten  zu  lassen«.  Diese  Voraus- 
setzungen sind  auch  für  Fischer  der  Umstand,  dass  »erst  die  Thatsache  der 
Erkenntnis«  festgestellt  wird  nnd  dann  durch  Analyse  die  Erkenntnisvermögen 
gefunden,  »aus  denen  jene  Thatsache  selbst  erklärt  wird,« 


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12 


Der  Anfang  der  Erkenntnistheorie. 


Ausgangspunct  zu  finden  ist.  Denn  was  wir  zu  irgend  einem 
Zeitpuncte  unseres  Lebens  als  Erkenntnisse  besitzen,  hat  sich 
weit  von  diesem  Ausgangspuncte  entfernt,  und  wir  müssen 
erst  wieder  künstlich  zu  ihm  zurückgeführt  werden.  In  der 
That  ist  eine  solche  rein  didactische  Verständigung  über  den 
Anfang  seiner  Wissenschaft  für  jeden  Erkenntnistheoretiker 
eine  Noth wendigkeit.  Dieselbe  muss  sich  aber  jedenfalls  da- 
nauf  beschränken,  zu  zeigen,  in  wie  fern  der  in  Rede  stehende 
Anfang  des  Erkennens  wirklich  ein  solcher  ist ;  sie  müsste  in 
rein  selbstverständlichen  analytischen  Sätzen  verlaufen  und 
keinerlei  wirkliche,  inhaltsvolle  Behauptungen  itufstellcn,  die 
den  Inhalt  der  folgenden  Erörterungen  beeinflussen,  wie  das 
bei  Kant  der  Fall  ist.  Auch  obliegt  es  dem  Erkenntnistheo- 
retiker, zu  zeigen,  dass  der  von  ihm  angenommene  Anfang 
wirklich  voraussetzungslos  ist.  Aber  alles  das  hat  mit  dem 
Wesen  dieses  Anfanges  selbst  nichts  zu  thun,  steht  ganz 
ausserhalb  desselben,  sagt  nichts  über  ihn  aus.  Auch  am 
Beginne  des  Mathematik -Unterrichts  muss  ich  mich  ja  be- 
mühen, den  Schüler  von  dem  axiomatischen  Charakter  ge- 
wisser Wahrheiten  zu  überzeugen.  Aber  niemand  wird  be- 
haupten wollen,  dass  der  Inhalt  der  Axiome  von  diesen 
vorher  angestellten  Erwägungen  abhängig  gemacht  wird.  *) 
Genau  in  derselben  Weise  müsste  der  Erkenntnistheoretiker 
in  seinen  einleitenden  Bemerkungen  den  Weg  zeigen,  wie 
man  zu  einem  voraussetzungslosen  Anfang  kommen  kann; 
der  eigentliche  Inhalt  desselben  aber  muss  von  diesen  Er- 
wägungen unabhängig  sein.  Von  einer  solchen  Einleitung 
in  die  Erkenntnistheorie  ist  der  aber  jedenfalls  weit  entfernt, 
der  wie  Kant  am  Anfange  Behauptungen  mit  ganz  bestimm- 
tem, dogmatischem  Charakter  aufstellt. 


III.  Die  Erkenntnistheorie  nach  Kant 

Von  der  fehlerhaften  Fragestellung  bei  Kant  sind  nun 
alle  nachfolgenden  Erkenntnistheoretiker  mehr  oder  weniger 
beeinflusst  worden.  Bei  Kant  tritt  die  Anschauung,  dass  alle 
uns  gegebenen  Gegenstände  unsere  Vorstellungen  seien, 
als  Resultat  seines  Apriorismus  auf.  Seither  ist  sie  nun 
zum  Grundsatze  und  Ausgangspunkte  fast  aller  erkenntnis- 
theoretischen Systeme  gemacht  worden.    Was  uns  zunächst 


')  Inwiefern  wir  mit  unseren  eigenen  erkcnntnisthcorelischcn  Erwägungen 
ganz  in  derselben  Weise  vorgehen,  zeigen  wir  in  Cap.  IV.  Die  Ausgangspuncte 
der  Erkenntnistheorie. 


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Die  Welt  als  Vorstellung. 


13 


und  unmittelbar  als  gewiss  feststehe,  sei  einzig  und  allein  der 
Satz,  dass  wir  ein  Wissen  von  unseren  Vorstellungen  haben; 
das  ist  zu  einer  fast  allgemein  geltenden  Überzeugung  der 
Philosophen  geworden.  G.  E.  Schultze  behauptet  bereits 
1792  in  seinem  »Aenesidemus«,  dass  alle  unsere  Erkenntnisse 
blosse  Vorstellungen  seien,  und  dass  wir  über  unsere  Vor- 
stellungen nie  hinausgehen  können.  Schopenhauer  vertritt 
mit  dem  ihm  eigenen  philosophischen  Pathos  die  Ansicht, 
dass  der  bleibende  Gewinn  der  Kant'schen  Philosophie  die 
Ansicht  sei,  dass  die  Welt  »«meine  Vorstellung«  ist.  Ed.  v. 
Hartmann  findet  diesen  Satz  so  unantastbar,  dass  er  in  seiner 
Schrift  »kritische  Grundlegung  des  transcendentalen  Realis- 
mus« überhaupt  nur  solche  LeseY  voraussetzt,  die  sich  von 
der  naiven  Identification  ihres  Wahrnehmungsbildes  mit  dem 
Dinge  an  sich  kritisch  losgerungen  haben  und  sich  die  ab- 
solute Heterogeneität  eines  durch  den  Vorstellungsact  als 
subjectiv-idealen  Bewusstseinsinhalts  gegebenen  Anschauungs- 
objects  und  eines  von  dem  Vorstellungsact  und  der  Form  des 
Rewusstseins  unabhängigen,  an  und  für  sich  bestehenden 
Dinges  zur  Evidenz  gebracht  haben  d.  i.  solche,  die  von  der 
Überzeugung  durchdrungen  sind,  dass  die  Gesamtheit  dessen, 
was  uns  unmittelbar  gegeben  ist,  Vorstellungen  seien.1) 
In  seiner  letzten  erkenntnistheoretischen  Publikation  sucht 
llartmann  diese  seine  Ansicht  allerdings  auch  noch  zu  be- 
gründen. Wie  sich  eine  vorurtheilsfreie  Erkenntnistheorie 
zu  einer  solchen  Begründung  stellen  muss,  werden  unsere 
weiteren  Ausführungen  zeigen.  Otto  Liebmann  spricht  als 
sacrosaneten  obersten  Grundsatz  aller  Erkenntnislehre  den 
aus:  »das  Bewustsein  kann  sich  selbst  nicht  überspringen«2). 
Vouaa/r  hat  des  Urtheil,  dass  die  erste,  unmittelbarste  Wahr- 
heit die  sei:  all  unser  Wissen  erstrecke  sich  zunächst  nur  auf 
unsere  Vorstellungen«  das  positivistische  Erkenntnis- 
prinzip genannt,  und  er  betrachtet  nur  diejenige  Erkennnis- 
theorie  als  »eminent  kritisch«,  welche  dieses  »Prinzip,  als  das 
im  Anfange  des  Philosophierens  einzig  feststehende  an  die 
Spitze  stellt  und  es  dann  consequent  durchdenkt«3).  Bei  an- 
deren Philosophen  findet  man  wieder  andere  Behauptungen 
an  die  Spitze  der  Erkenntnistheorie  gestellt,  z.  B.  die,  dass  das 
eigentliche  Problem  derselben  in  der  Frage  bestehe  nach 
dem  Verhältnis  zwischen  Denken  und  Sein  und  der  Möglich- 


')  Kritische  Grundlegung  des  transcendentalen  Realismus.  Vorrede  S.  X. 

2)  Otto  Liebmann,    Zur  Analysis   der  Wirklichkeit.  Strassb.  i8;6. 
S.  28  ff. 

3)  Volkelt,  Kant's  Erkenntnistheorie.    §  1. 


14 


Die  Welt  als  Vorstellung. 


keit  einer  Vermittelung  zwischen  beiden  (Dorner)  *)  oder  auch 
in  der:  wie  wird  das  Seiende  bewusst  (Rehmke)  u.  s.  w. 
ürchmann  geht  von  zwei  erkenntnistheoretischen  Axiomen 
aus:  »das  Wahrgenommene  ist«  und  »der  Widerspruch  ist 
nicht«2)  Nach  E.  L.  Fischer  besteht  das  Erkennen  in  dem 
Wissen  von  einem  Thatsächliche  n,  Realen3),  und  er 
lässt  dieses  Dogma  ebenso  ungeprüft  wie  Göring,  der  ähn- 
liches behauptet:  »Erkennen  hetsst  immer,  ein  Seiendes  er- 
kennen, das  ist  Thatsache,  welche  weder  Scepticismus  noch 
Kant'scher  Kriticismus  leugnen  kann«  4).  Bei  den  beiden  letz- 
teren wird  einfach  decretiert:  das  ist  Erkennen,  ohne  zu 
fragen,  mit  welchem  Rechte  denn  dies  geschehen  kann. 

Selbst  wenn  diese  verschiedenen  Behauptungen  richtig 
wären,  oder  zu  richtigen  Problemstellungen  führten,  könnten 
sie  durchaus  nicht  am  Anfange  der  Erkenntnistheorie  zur  Er- 
örterung kommen.  Denn  sie  stehen,  als  ganz  bestimmte 
Einsichten,  alle  schon  innerhalb  des  Gebietes  des  Er- 
kenne ns.  Wenn  ich  sage:  mein  Wissen  erstreckt  sich  zu- 
nächst nur  auf  meine  Vorstellungen,  so  ist  das  doch  ein  ganz 
bestimmtes  Erkenntnisurtheil.  Ich  füge  durch  diesen  Satz 
der  mir  gegebenen  Welt  ein  Prädicat  bei,  nämlich  die  Exi- 
stenz in  Form  der  Vorstellung.  Woher  aber  soll  ich  vor 
allem  Erkennen  wissen,  dass  die  mir  gegebenen  Dinge 
Vorstellungen  sind? 

Wir  werden  uns  von  der  Richtigkeit  der  Behauptung, 
dass  dieser  Satz  nicht  an  die  Spitze  der  Erkenntnistheorie 
gestellt  werden  darf,  am  besten  überzeugen,  wenn  wir  den 
Weg  verfolgen,  den  der  menschliche  Geist  nehmen  muss,  um 
zu  ihm  zu  kommen.  Der  Satz  ist  fast  ein  Bestandtheil  des 
ganzen  modernen  wissenschaftlichen  Bewusstseins  geworden. 
Die  Erwägungen,  die  dasselbe  zu  ihm  hingedrängt  haben, 
finden  sich  in  ziemlicher  Vollständigkeit  systematisch  zusammen- 
gestellt in  dem  I.  Abschnitt  von  Ed.  v.  Hartmanns  Schrift: 
»Das  Grundproblem  der  Erkenntnistheorie«.  Das  in  derselben 
vorgebrachte  kann  somit  als  eine  Art  von  Leitfaden  dienen, 
wenn  man  sich  zur  Aufgabe  macht,  alle  Gründe  zu  erörtern, 
die  zu  jener  Annahme  führen  können. 

Diese  Gründe  sind  physikalische,  psycho-physische,  phy- 
siologische und  eigentlich  philosophische. 

Der  Physiker  gelangt  durch  Beobachtung  derjenigen 
Erscheinungen,  die  sich  in  unserer  Umgebung  abspielen,  wenn 

')  A.  Dorner,  Das  menschliche  Erkennen.    Berlin  1887. 

*)  Kirchmann,  Die  Lehre  vom  Wissen.    Berlin  1868. 

s)  Die  Grundfragen  der  Erkenntnistheorie.    Mainz  1887.    S.  385. 

*)  Göring,  System  der  kritischen  Philosophie.    I.  Theil.    S.  257. 


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Physikalische  Erwägungen. 


15 


wir  z.  B.  eine  Schallempfindung  haben,  zu  der  Annahme,  dass 
in  diesen  Erscheinungen  nichts  liege,  das  mit  dem  auch  nur 
die  entfernteste  Ähnlichkeit  hätte,  was  wir  unmittelbar  als 
Schall  wahrnehmen.  Draussen,  in  dem  uns  umgebenden  Räume, 
sind  lediglich  longitudinale  Schwingungen  der  Körper  und 
der  Luft  aufzufinden.  Daraus  wird  gefolgert,  dass  das,  was 
wir  im  gewöhnlichen  Leben  Schall  oder  Ton  nennen,  ledig- 
lich eine  subjective  Reaction  unseres  Organismus  auf  jene 
Wellenbewegung  sei.  Ebenso  findet  man,  dass  das  Licht 
und  die  Farbe  oder  die  Wärme  etwas  rein  subjectives  sind. 
Die  Erscheinungen  der  Farbenzerstreuung,  der  Brechung, 
Interferenz  und  Polarisation  belehren  uns,  dass  den  oben 
genannten  Empfindungsqualitäten  im  Aussenraume  gewisse 
transversale  Schwingungen  entsprechen,  die  wir  theils  den 
Körpern,  theils  einem  unmessbar  feinen,  elastischen  Fluidum, 
dem  Aether,  zuzuschreiben  uns  veranlasst  fühlen.  Ferner 
sieht  sich  der  Physiker  gezwungen,  aus  gewissen  Erschei- 
nungen in  der  Körperwelt  den  Glauben  an  die  Continuität 
der  Gegenstände  im  Räume  aufzugeben  und  dieselben  auf 
Systeme  von  kleinsten  Theilen  (Moleculen,  Atomen)  zurück- 
zuführen, deren  Grösse  im  Verhältnis  zu  ihren  Entfernungen 
unmessbar  klein  sind.  Daraus  wird  geschlossen,  dass  alle  Wirkung 
der  Körper  auf  einander  durch  den  leeren  Raum  hindurch  ge- 
schehe, somit  eine  wahre  actio  in  distans  sei.  Die  Physik 
glaubt  sich  berechtigt,  anzunehmen,  dass  die  Wirkung  der  Körper 
auf  unseren  Tast-  und  Wärmesinn  nicht  durch  unmittelbare 
Berührung  geschehe ,  weil  ja  immer  eine  gewisse,  wenn  auch 
kleine,  Entfernung  zwischen  der  den  Körper  berührenden 
Hautstelle  und  diesem  selbst  da  sein  müsse.  Daraus  ergebe 
sich,  dass  das,  was  wir  z.  B.  als  Härte  oder  Wärme  der 
Körper  empfinden,  nur  Reactionen  unserer  Tast-  und  Wärme- 
nerven-Endorgane  auf  die  durch  den  leeren  Raum  hindurch 
wirkenden  Molecularkräfte  der  Körper  seien. 

Als  Ergänzung  treten  zu  diesen  Erwägungen  des  Phy- 
sikers jene  des  Psycho-Physikers  hinzu,  die  in  der  Lehre 
von  den  specifischen  Sinnes-Energien  ihren  Ausdruck  finden. 
J.  Müller  hat  gezeigt,  dass  jeder  Sinn  nur  in  der  ihm  eigen- 
tümlichen, durch  seine  Organisation  bedingten  Weise  affi- 
ciert  werden  kann,  und  dass  er  immer  in  derselben  Weise 
reagiert,  was  auch  immer  für  ein  äusserer  Eindruck  auf  ihn 
ausgeübt  wird.  Wird  der  Sehnerv  erregt,  so  empfinden 
wir  Licht,  gleichgiltig,  ob  es  Druck  oder  electrischer  Strom 
oder  Licht  ist,  was  auf  den  Nerv  einwirkt.  Andrerseits  er- 
zeugen dieselben  äusseren  Vorgänge  ganz  verschiedene  Em- 
pfindungen, je  nachdem  sie  von  diesem  oder  jenem  Sinne 


16 


Physiologische  Erwägungen. 


percipiert  werden.  Daraus  hat  man  gefolgert,  dass  es  nur 
eine  Art  von  Vorgängen  in  der  Aussenwelt  gebe,  nemlich 
Bewegungen,  und  dass  die  Mannigfaltigkeit  der  von  uns 
wahrgenommenen  Welt  wesentlich  eine  Reaction  unserer 
Sinne  auf  diese  Vorgänge  sei.  Nach  dieser  Ansicht  nehmen 
wir  nicht  die  Aussenwelt  als  solche  wahr,  sondern  bloss  die 
ia  uns  von  ihr  ausgelösten,  subjectiven  Empfindungen. 

Zu  den  Erwägungen  der  Physik  treten  auch  noch  jene 
der  Physiologie.  lene  verfolgt  die  ausser  unserem  Organis- 
mus vor  sich  gehenden  Erscheinungen,  welche  den  Wahr- 
nehmungen correspondieren ;  diese  sucht  die  Vorgänge  im 
eigenen  Leibe  des  Menschen  zu  erforschen,  die  sich  abspielen, 
während  in  uns  eine  gewisse  Sinnesqualität  ausgelöst  wird. 
Die  Physiologie  lehrt,  dass  die  Epidermis  gegen  Reize  der 
Aussenwelt  vollständig  unempfindlich  ist.  Wenn  also  z.  B. 
die  Endorgane  unserer  Tastnerven  an  der  Körperperipherie 
von  den  Einwirkungen  der  Aussenwelt  afficiert  werden  sollen, 
so  muss  der  Schwingungsvorgang,  der  ausserhalb  unseres 
Leibes  liegt,  erst  durch  die  Epidermis  fortgepflanzt  werden. 
Beim  Gehör-  und  Gesichtssinne  wird  ausserdem  der  äussere 
Bewegungsvorgang  durch  eine  Reihe  von  Organen  in  den 
Sinneswerkzeugen  verändert,  bevor  er  an  den  Nerv  heran- 
kommt. Diese  AfFection  der  Endorgane  muss  nun  durch  den 
Nerv  bis  zum  Centraiorgan  geleitet  werden,  und  hier  erst 
kann  sich  das  vollziehen,  wodurch  auf  Grund  von  rein  me- 
chanischen Vorgängen  im  Gehirne  die  Empfindung  erzeugt 
wird.  Es  ist  klar,  dass  durch  diese  Umformungen,  die  der 
Reiz,  der  auf  die  Sinnesorgane  ausgeübt  wird,  erleidet,  der- 
selbe so  vollständig  umgewandelt  wird,  dass  jede  Spur  von 
Ähnlichkeit  zwischen  der  ersten  Einwirkung  auf  die  Sinne 
und  der  zuletzt  im  Bewusstsein  auftretenden  Empfindung 
verwischt  sein  muss.  Hartmaxx  spricht  das  Ergebnis 
dieser  Überlegungen  mit  folgenden  Worten  aus:  »Dieser 
Bewusstseinsinhalt  besteht  ursprünglich  aus  Empfindungen, 
mit  welchen  die  Seele  auf  die  Bewegungszustände  ihres 
obersten  Hirncentrums  reflectorisch  reagiert,  welche  aber  mit 
den  molecularen  Bewegungszuständen,  durch  welche  sie  aus- 
geübt werden,  nicht  die  geringste  Ähnlichkeit  haben.« 

Wer  diesen  Gedankengang  vollständig  bis  ans  Endo 
durchdenkt,  muss  zugeben,  dass,  wenn  er  richtig  ist,  auch 
nicht  der  geringste  Rest  von  dem,  was  man  äusseres  Da- 
sein nennen  kann,  in  unserem  Bewusstseinsinhalt  enthalten  wäre. 

Hartmann  fügt  zu  den  physikalischen  und  physiologischen 
Einwänden  gegen  den  sogenannten  »naiven  Realismus«  noch 
solche,   die  er  im  eigentlichen  Sinne  philosophische  nennt, 


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Philosophische  Erwägungen. 


17 


hinzu.  Bei  einer  logischen  Durchmusterung  der  beiden 
ersten  Einwände  bemerken  wir,  dass  wir  im  Grunde  doch 
nur  dann  zu  dem  angezeigten  Resultate  kommen  können, 
wenn  wir  von  dem  Dasein  und  dem  Zusammenhange  der 
äusseren  Dinge,  wie  sie  das  gewöhnliche  naive  Bewusstsein 
annimmt,  ausgehen  und  dann  untersuchen,  wie  diese  Aussen- 
welt  bei  unserer  Organisation  in  unser  Bewusstsein  kommen 
kann.  Wir  haben  gesehen,  dass  uns  jede  Spur  von  einer 
solchen  Aussenwelt  auf  dem  Wege  vom  Sinneseindruck  bis 
zum  Eintritt  in  das  Bewusstsein  verloren  geht  und  in  dem 
letzteren  nichts  als  unsere  Vorstellungen  übrig  bleiben.  Wir 
müssen  daher  annehmen,  dass  jenes  Bild  der  Aussenwelt, 
das  wir  wirklich  haben,  von  der  Seele  auf  Grund  des  Em- 
pfindungsmateriales  aufgebaut  werde.  Zunächst  wird  aus  den 
Empfindungen  des  Gesichts-  und  des  Tastsinns  ein  räumliches 
Weltbild  constmiert,  in  das  dann  die  Empfindungen  der 
übrigen  Sinne  eingefügt  werden.  Wenn  wir  uns  gezwungen 
sehen,  einen  bestimmten  Complex  von  Empfindungen  zusam- 
menhängend zu  denken,  so  kommen  wir  zum  Begriffe  der 
Substanz,  die  wir  als  Träger  derselben  ansehen.  Bemerken 
wir,  dass  an  einer  Substanz  Empfindungsqualitäten  ver- 
schwinden und  andere  wieder  auftauchen,  so  schreiben  wir 
solches  einem  durch  das  Gesetz  der  Causalität  geregelten 
Wechsel  in  der  Erscheinungswelt  zu.  So  setzt  sich,  nach 
dieser  Auffassung,  unser  ganzes  Weltbild  aus  subjectivem 
Empfindungsinhalt  zusammen,  der  durch  die  eigene  Seelen- 
thätigkeit  geordnet  wird.  Hartmann  sagt:  »Was  das  Subject 
wahrnimmt,  sind  also  immer  nur  Modifikationen  seiner  eigenen 
psychischen  Zustände  und  nichts  anderes.«1) 

Fragen  wir  uns  nun:  wie  kommen  wir  zu  einer  solchen 
Uberzeugung?  Das  Scelett  des  angestellten  Gedankenganges 
ist  folgendes:  Wenn  eine  Aussenwelt  existiert,  so  wird  sie 
von  uns  nicht  als  solche  wahrgenommen,  sondern  durch  un- 
sere Organisation  in  eine  Vorstellungswelt  umgewandelt. 
Wir  haben  es  hier  mit  einer  Voraussetzung  zu  thun,  die,  con- 
sequent  verfolgt,  sich  selbst  aufhebt.  Ist  dieser  Gedanken- 
gang aber  geeignet,  irgend  eine  Überzeugung  zu  begründen? 
Sind  wir  berechtigt,  das  uns  gegebene  Weltbild  deshalb  als 
subjectiven  Vorstellungsinhalt  anzusehen,  weil  die  Annahme 
des  naiven  Bewusstseins ,  strenge  durchgedacht ,  zu  dieser 
Ansicht  führt?  Unser  Ziel  ist  ja  doch,  diese  Annahme  selbst 
als  ungiltig  zu  erweisen.  Dann  müsste  es  möglich  sein, 
dass  eine  Behauptung  sich  als  falsch  erwiese  und  doch  das 


•)  Das  Grundproblem  der  Erkenntnistheorie.    S.  3;. 

3 


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Die  Widerlegung  des  naiven  Realismus. 


Resultat,  zu  dem  sie  gelangt,  ein  richtiges  sei.  Das  kann  ja 
immerhin  irgendwo  vorkommen ;  aber  nimmermehr  kann  dann 
das  Resultat  als  aus  jener  Behauptung  erwiesen  angesehen 
werden. 

Man  nennt  gewöhnlich  die  Wcltansicht,  welche  die  Rea- 
lität des  uns  unmittelbar  gegebenen  Weltbildes  wie  etwas 
nicht  weiter  anzuzweifelndes,  selbstverständliches  hinnimmt, 
naiven  Realismus.  Die  entgegengesetzte  dagegen,  die  dieses 
Weltbild  bloss  für  unseren  Bcwusstseinsinhalt  hält,  transcen- 
dcntalen  Idealismus.  Wir  können  somit  auch  das  Ergebnis 
der  vorangehenden  Erwägungen  mit  folgenden  Worten  zu- 
sammenfassen :  Der  transcendentale  Idealismus  er- 
weist seine  Richtigkeit,  indem  er  mit  den  Mitteln 
des  naiven  Realismus,  dessen  Widerlegung  er  an- 
strebt, operiert.  Er  ist  berechtigt,  wenn  der  naive  Realis- 
mus falsch  ist;  aber  diese  Falschheit  wird  nur  mit  Hilfe  der 
falschen  Ansicht  selbst  bewiesen.  Wer  sich  dieses  vor  Augen 
bringt,  für  den  bleibt  nichts  übrig,  als  den  Weg  zu  verlassen, 
der  hier  eingeschlagen  wird,  um  zu  einer  Weltansicht  zu 
gelangen,  und  einen  anderen  zu  gehen.  Soll  das  aber  auf 
gut  Glück,  versuchsweise  geschehen,  bis  wir  zufällig  auf  das 
rechte  treffen?  Ed.  v.  Hartmann  ist  allerdings  dieser  An- 
sicht, wenn  er  die  Giltigkeit  seines  erkenntnistheoretischen 
Standpunctes  damit  dargethan  zu  haben  glaubt,  dass  dieser  die 
Welterscheinungen  erklärt,  während  die  andern  das  nicht 
thun.  Nach  der  Ansicht  dieses  Denkers  nehmen  die  ein- 
zelnen Weltanschauungen  eine  Art  von  Kampf  ums  Dasein 
auf,  und  diejenige,  welche  sich  in  demselben  am  besten  be- 
währt, wird  zuletzt  als  Siegerin  aeeeptiert.  Aber  ein  solches 
Verfahren  scheint  uns  schon  deshalb  unstatthaft,  weil  es  ja 
ganz  gut  mehrere  Hypothesen  geben  könnte,  die  gleich 
befriedigend  zur  Erklärung  der  Wclterschcinungen  führen. 
Deshalb  wollen  wir  uns  lieber  an  den  obigen  Gedankengang 
zur  Widerlegung  des  naiven  Realismus  halten  und  nachsehen, 
wo  eigentlich  sein  Mangel  liegt.  Der  naive  Realismus  ist 
doch  diejenige  Auffassung,  von  der  alle  Menschen  aus- 
gehen. Schon  deshalb  empfiehlt  es  sich,  die  Correctur  gerade 
bei  ihm  zu  beginnen.  Haben  wir  dann  eingesehen,  warum 
er  mangelhaft  sein  muss,  dann  werden  wir  mit  ganz  anderer 
Sicherheit  auf  einen  richtigen  Weg  geführt  werden,  als  wenn 
wir  einen  solchen  einfach  auf  gut  Glück  versuchen. 

Der  oben  skizzierte  Subjectivismus  beruht  auf  einer  den- 
kenden Verarbeitung  gewisser  Thatsachcn.  Er  setzt  also 
voraus,  dass,  von  einem  thatsächlichen  Ausgan gspunete  aus, 
durch  folgerichtiges  Denken  (logische  Combination  bestimmter 


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Naivität  und  Kriticismus. 


19 


Beobachtungen)  richtige  Überzeugungen  gewonnen  werden 
können.  Das  Recht  zu  einer  solchen  Anwendung  unseres 
Denkens  wird  aber  auf  diesem  Standpuncte  nicht  geprüft. 
Und  darin  liegt  seine  Schwäche.  Während  der  naive  Rea- 
lismus von  der  ungeprüften  Annahme  ausgeht,  dass  der  von 
uns  wahrgenommene  Erfahrungsinhalt  objective  Realität  habe, 
geht  der  charakterisierte  Standpunct  von  der  ebenfalls  un- 
geprüften Überzeugung  aus,  dass  man  durch  Anwendung  des 
Denkens  zu  wissenschaftlich  berechtigten  Überzeugungen 
kommen  könne.  Im  Gegensatze  zum  naiven  Realismus  kann 
man  diesen  Standpunct  naiven  Rationalismus  nennen.  Um 
diese  Terminologie  zu  rechtfertigen,  möchten  wir  hier  eine 
kurze  Bemerkung  über  den  Begriff  des  »Naiven«  einschalten. 
A.  Döring  sucht  diesen  Begriff  in  seinem  Aufsatze:  »Über 
den  Begriff  des  naiven  Realismus« *)  näher  zu  bestimmen. 
Er  sagt  darüber:  »Der  Begriff  der  Naivität  bezeichnet  gleich- 
sam den  Nullpunct  auf  der  Scala  der  Reflexion  über  das 
eigene  Verhalten.  Inhaltlich  kann  die  Naivität  durchaus  das 
richtige  treffen,  denn  sie  ist  zwar  reflexionslos  und  eben  da- 
rum kritiklos  oder  unkritisch,  aber  dies  Fehlen  der  Reflexion 
und  Kritik  schliesst  nur  die  objective  Sicherheit  des  Richtigen 
aus;  es  schliesst  die  Möglichkeit  und  Gefahr  des  Verfehlens, 
keineswegs  die  Notwendigkeit  desselben  in  sich.  Es  giebt 
eine  Naivität  des  Fühlens  und  Wollens,  wie  des  Vorstellens 
und  Denkens  im  weitesten  Sinne  des  letztem  Wortes,  ferner 
eine  Naivität  der  Äusserungen  dieser  innern  Zustände  im  Ge- 
gensatz gegen  die  durch  Rücksichten,  Reflexion  bewirkte 
Repression  oder  Modifikation  derselben.  Die  Naivität  ist, 
wenigstens  bewusst,  nicht  beeinflusst  vom  Hergebrachten, 
Angelernten  und  Vorschriftsmässigen,  sie  ist  auf  allen  Gebieten, 
was  das  Stammwort  nativus  ausdrückt,  das  Unbewusste,  Im- 
pulsive, Instinctive,  Dämonische.«  Wir  wollen,  von  diesen 
Sätzen  ausgehend,  den  Begriff  des  Naiven  doch  noch  etwas 
präciser  fassen.  Bei  aller  Thätigkeit,  die  wir  vollbringen, 
kommt  zweierlei  in  Betracht:  die  Thätigkeit  selbst  und  das 
Wissen  um  deren  Gesetzmässigkeit.  Wir  können  in  der  ersten 
vollständig  aufgehen,  ohne  nach  der  letzteren  zu  fragen.  Der 
Künstler,  der  die  Gesetze  seines  Schaffens  nicht  in  reflexions- 
iv.üssiger  Form  kennt,  sondern  sie  dem  Gefühle,  der  Empfin- 
dung nach  übt,  ist  in  diesem  Falle.  Wir  nennen  ihn  naiv. 
Aber  es  giebt  eine  Art  von  Selbstbeobachtung,  die  sich  um 
die  Gesetzlichkeit  des  eigenen  Thuns  fragt,  und  welche  für  die 
soeben  geschilderte  Naivität  das  Bewusstsein  eintauscht,  dass 

')  Philosoph.  Monatshefte  XXVI.  Bd.  S.  390.    Heidelberg  1890, 


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Kriticismus.    Gegebenes  Weltbild. 


sie  genau  die  Tragweite  und  Berechtigung  dessen  kennt, 
was  sie  vollführt.  Diese  wollen  wir  kritisch  nennen.  Wir 
glauben  damit  am  besten  den  Sinn  dieses  Begriffes  zu  treffen, 
wie  er  sich  seit  Kant  mit  mehr  oder  minder  klarem  Be- 
wusstsein  in  der  Philosophie  eingebürgert  hat.  Kritische  Be- 
sonnenheit ist  demnach  das  Gegentheil  von  Naivität.  Wir 
nennen  ein  Verhalten  kritisch,  das  sich  der  Gesetze  der 
eigenen  Thätigkeit  bemächtigt,  um  deren  Sicherheit  und 
Grenzen  kennen  zu  lernen.  Die  Krkenntnistheorie  kann  aber 
nur  eine  kritische  Wissenschaft  sein.  Ihr  Object  ist  ja  ein 
eminent  subjectives  Thun  des  Menschen:  das  Erkennen,  und 
was  sie  darlegen  will,  ist  die  Gesetzmässigkeit  des  Er- 
kennens. Von  dieser  Wissenschaft  muss  also  alle  Naivität 
ausgeschlossen  sein.  Sie  muss  gerade  darinnen  ihre  Stärke 
sehen,  dass  sie  dasjenige  vollzieht,  von  dem  sich  viele  aufs 
practische  gerichtete  Geister  rühmen,  es  nie  gethan  zu  haben, 
nemlich  das  »Denken  über  das  Denken«. 


IV.  Die  Ausgangspuncte  der  Erkenntnistheorie. 

Am  Beginne  der  erkenntnistheoretischen  Untersuchungen 
ist,  nach  allem,  was  wir  gesehen  haben,    das  abzuweisen, 
was  selbst  schon  in  das  Gebiet  des  Erkennens  gehört.  Die 
Erkenntnis  ist  etwas  vom  Menschen  zu  stände  gebrachtes, 
etwas  durch  seine  Thätigkeit  entstandenes.    Soll  sich  die  Er- 
kenntnistheorie wirklich  aufklärend  über  das  ganze  Gebiet 
des  Erkennens  erstrecken,  dann  muss  sie  etwas  zum  Aus- 
gangspunete  nehmen,  was  von  dieser  Thätigkeit  ganz  unbe-  \ 
rührt  geblieben  ist,   wovon  die  letztere  vielmehr  selbst  erst  I 
den  Anstoss  erhält.  Womit  anzufangen  ist,  das  liegt  ausser- 
halb des  Erkennens,  das  kann  selbst  noch  keine  Erkenntnis 
sein.    Aber  wir  haben  es  unmittelbar  vor  dem  Erkennen  i 
zu  suchen,  so  dass  schon  der  nächste  Schritt,  den  der  Mensch  j 
von  demselben  aus  unternimmt,  erke nn ende  Thätigkeit  ist. 
Die  Art  nun,  wie  dieses  absolut  erste  zu  bestimmen  ist,  muss 
eine  solche  sein,   dass  in  dieselbe  nichts  mit  einfliesst,   was  j 
schon  von  einem  Erkennen  herrührt. 

Ein  solcher  Anfang  kann  aber  nur  mit  dem  unmittelbar 
gegebenen  Weltbilde  gemacht  werden,  d.i.  jenem  Welt- 
bilde, das  dem  Menschen  vorliegt,  bevor  er  es  in  irgend  einer 
Weise  dem  Erkenntnisprozesse  unterworfen  hat,  also  bevor 
er  auch  nur  die  allergeringste  Aussage  über  dasselbe  gemacht, 
die  allergeringste  gedankliche  Bestimmung  mit  demselben 
vorgenommen  hat.    Was  da  an  uns  vorüberzieht,  und  woran 


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Gegebenes  Weltbild.  21 

wir  vorüberziehen,  dieses  zusammenhanglose  und  doch  auch 
nicht  in  individuelle  Einzelheiten  gesonderte *)  Weltbild,  in 
dem  nichts  von  einander  unterschieden,  nichts  auf  einander 
bezogen  ist,  nichts  durch  ein  anderes  bestimmt  erscheint :  das 
ist  das  unmittelbar  gegebene.  Auf  dieser  Stufe  des  Daseins  — 
wenn  wir  diesen  Ausdruck  gebrauchen  dürfen  —  ist  kein  Ge- 
genstand, kein  Geschehnis  wichtiger,  bedeutungsvoller  als  ein 
anderer  bez.  ein  anderes.  Das  rudimentäre  Organ  des  Thic- 
res,  das  vielleicht  für  eine  spätere,  schon  durch  das  Erkennen 
erhellte  Stufe  des  Daseins  ohne  alle  Bedeutung  für  die  Ent- 
wicklung und  das  Leben  desselben  ist,  steht  gerade  mit 
demselben  Anspruch  auf  Beachtung  da,  wie  der  edelste,  not- 
wendigste Theil  des  Organismus.  Vor  aller  erkennenden 
Thätigkeit  stellt  sich  im  Weltbilde  nichts  als  Substanz,  nichts 
als  Accidenz,  nichts  als  Ursache  oder  Wirkung  dar;  die  Ge- 
gensätze von  Materie  und  Geist,  von  Leib  und  Seele  sind 
noch  nicht  geschaffen.  Aber  auch  jedes  andere  Prädicat 
müssen  wir  von  dem  auf  dieser  Stufe  festgehaltenen  Welt- 
bilde fernhalten.  Es  kann  weder  als  Wirklichkeit  noch  als 
Schein,  weder  als  subjectiv,  noch  als  objectiv,  weder  als  zu- 
fällig noch  als  notwendig  aufgefasst  werden ;  ob  es  »Ding 
an  sich«  oder  blosse  Vorstellung  ist,  darüber  ist  auf  dieser 
Stufe  nicht  zu  entscheiden.  Denn  dass  die  Erkenntnisse  der 
Physik  und  Physiologie,  die  zur  Subsummicrnng  des  Gege- 
benen unter  eine  der  obigen  Kategorien  verleiten,  nicht  an 
die  Spitze  der  Erkenntnistheorie  gestellt  werden  dürfen,  haben 
wir  bereits  gesehen. 

Wenn  ein  Wesen  mit  voll -entwickelter  menschlicher 
Intelligenz  plötzlich  aus  dem  Nichts  geschaffen  würde  und 
der  Welt  gegenüberträte,  so  wäre  der  erste  Eindruck,  den 
letztere  auf  seine  Sinne  und  sein  Denken  machte,  etwa  das, 
was  wir  mit  dem  unmittelbar  gegebenen  Weltbilde  bezeichnen. 
Dem  Menschen  liegt  dasselbe  allerdings  in  keinem  Augen- 
blicke seines  Lebens  in  dieser  Gestalt  wirklich  vor;  es  ist  in 
seiner  Entwicklung  nirgends  eine  Grenze  zwischen  reinem, 
passiven  LIinauswenden  zum  unmittelbar  Gegebenen  und  dem 
denkenden  Erkennen  desselben  vorhanden.  Dieser  Umstand 
könnte  Bedenken  gegen  unsere  Aufstellung  eines  Anfangs 
der  Erkenntnistheorie  erregen.  So  sagt  z.  B.  Ed.  v.  Hart- 
mann :  »Wir  fragen  nicht,  welches  der  Bewusstscinsinhalt  des 
zum  Bewusstsein  erwachenden  Kindes  oder  des  auf  der  un- 
tersten Stufe  der  Lebewesen  stehenden  Thieres  sei,  denn  da- 


')  Das  Absondern  individueller  Einzelheiten  aus  dem  ganz  unterschieds- 
losen gegebenen  Weltbild  ist  schon  ein  Act  gedanklicher  Thätigkeit. 


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22 


Gegebenes  Weltbild. 


von  hat  der  philosophierende  Mensch  keine  Erfahrung,  und 
die  Schlüsse,  durch  welche  er  diesen  Bewusstseinsinhalt  pri- 
mitiver biogenetischer  oder  ontogenetischer  Stufen  zu  recon- 
struieren  versucht,  müssen  doch  immer  wieder  auf  seiner 
persönlichen  Erfahrung  fussen.  Wir  haben  also  zunächst  fest- 
zustellen, was  der  vom  philosophierenden  Menschen  beim 
Beginn  der  philosophischen  Reflexion  vorgefundene  Bewusst- 
seinsinhalt sei.*1)  Dagegen  ist  aber  einzuwenden,  dass  das 
Weltbild,  das  wir  am  Beginne  der  philosophischen  Reflexion 
haben,  schon  Prädicate  trägt,  die  nur  durch  das  Erkennen 
vermittelt  sind.  Diese  dürfen  nicht  kritiklos  hingenommen, 
sondern  müssen  sorgfältig  aus  dem  Weltbilde  herausgeschält 
werden,  damit  es  ganz  rein  von  allem  durch  den  Erkenntnis- 
prozess  hinzugefügten  erscheint.  Die  Grenze  zwischen  Ge- 
gebenem und  Erkanntem  wird  überhaupt  mit  keinem  Augen- 
blicke der  menschlichen  Entwicklung  zusammenfallen,  sondern 
sie  muss  künstlich  gezogen  werden.  Dies  aber  kann  auf 
jeder  Entwicklungsstufe  geschehen,  wenn  wir  nur  den  Schnitt 
zwischen  dem,  was  ohne  gedankliche  Bestimmung  vor  dem 
Erkennen  an  uns  herantritt  und  dem,  was  durch  letzteres  erst 
daraus  gemacht  wird,  richtig  führen. 

Nun  kann  man  uns  vorwerfen,  dass  wir  eine  ganze 
Reihe  von  gedanklichen  Bestimmungen  bereits  angehäuft 
haben,  um  jenes  angeblich  unmittelbare  Weltbild  aus  dem 
durch  erkennende  Bearbeitung  von  dem  Menschen  vervoll- 
ständigten herauszuschälen.  Aber  dagegen  ist  folgendes  zu 
sagen:  was  wir  an  Gedanken  aufgebracht  haben,  sollte  ja 
nicht  jenes  Weltbild  etwa  charakterisieren,  sollte  gar  keine 
Eigenschaft  desselben  angeben,  überhaupt  nichts  über  das- 
selbe aussagen,  sondern  nur  unsere  Betrachtung  so  lenken, 
dass  sie  bis  zu  jener  Grenze  geführt  wird,  wo  sich  das  Er- 
kennen an  seinen  Anfang  gestellt  sieht.  Von  Wahrheit  oder 
Irrthum,  Richtigkeit  oder  Unrichtigkeit  jener  Ausführungen, 
die  nach  unserer  Auffassung  dem  Augenblicke  vorangehen, 
in  dem  wir  am  Beginne  der  Erkenntnistheorie  stehen,  kann 
daher  nirgends  die  Rede  sein.  Dieselben  haben  nur  die 
Aufgabe,  zweckmässig  zu  diesem  Anfange  hinzuleiten. 
Niemand,  der  im  Begriffe  steht,  sich  mit  erkenntnistheoreti- 
schen Problemen  zu  befassen,  steht  zugleich  dem  mit  Recht 
so  genannten  Anfange  des  Erkennens  gegenüber,  sondern 
er  hat  bereits,  bis  zu  einem  gewissen  Grade,  entwickelte  Er- 
kenntnisse. Aus  diesen  alles  zu  entfernen,  was  durch  die 
Arbeit  des  Erkennens  gewonnen  ist  und  den  vor  derselben 


')  Das  Grundproblem  der  Erkenntnistheorie.    S.  i. 


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Gegebenes  Weltbild. 


liegenden  Anfang  festzustellen,  kann  nur  durch  begriffliche 
Erwägungen  geschehen.  Aber  den  Begriffen  kommt  auf  dieser 
Stufe  kein  Erkenntniswert  zu,  sie  haben  die  rein  negative 
Aufgabe,  alles  aus  dem  Gesichtsfelde  zu  entfernen,  was  der 
Erkenntnis  angehört  und  dahin  zu  leiten,  wo  die  letztere  erst 
einsetzt.  Diese  Erwägungen  sind  die  Wegweiser  zu  jenem 
Anfang,  an  den  der  x\ct  des  Erkennens  herantritt,  gehören 
aber  demselben  noch  nicht  an.  Bei  allem,  was  der  Er- 
kenntnistheoretiker vor  der  Feststellung  des  Anfangs  vorzu- 
bringen hat,  giebt  es  also  nur  Zweckmässigkeit  oder  Un- 
zweckmässigkeit ,  nicht  Wahrheit  oder  Irrthum.  Aber  auch 
in  diesem  Anfangspunctc  selbst  ist  aller  Irrthum  ausgeschlossen; 
denn  der  letztere  kann  erst  mit  dem  Erkennen  beginnen, 
also  nicht  vor  demselben  liegen. 

Den  letzten  Satz  darf  keine  andere  als  die  Erkenntnis- 
theorie für  sich  in  Anspruch  nehmen,  die  von  unseren  Er- 
wägungen ausgeht.  Wo  der  Ausgangspunct  von  einem  Ob- 
jecte  (oder  Subjecte)  mit  einer  gedanklichen  Bestimmung  ge- 
macht wird,  da  ist  der  Irrthum  allerdings  auch  im  Anfange, 
nemlich  gleich  bei  dieser  Bestimmung,  möglich.  Es  hängt 
ja  die  Berechtigung  derselben  von  den  Gesetzen  ab,  welche 
der  Erkenntnisact  zu  Grund  legt.  Dieselbe  kann  sich  aber 
erst  im  Verlaufe  der  erkenntnistheoretischen  Untersuchungen 
ergeben.  Nur  wenn  man  sagt :  ich  sondere  alle  gedanklichen, 
durch  Erkennen  erlangten,  Bestimmungen  aus  meinem  Welt- 
bilde aus  und  halte  nur  alles  dasjenige  fest,  was  ohne  moin 
Zuthun  in  den  Horizont  meiner  Beobachtung  tritt,  dann  ist 
aller  Irrthum  ausgeschlossen.  Wo  ich  mich  grundsätzlich 
aller  Aussage  enthalte,  da  kann  ich  auch  keinen  Irrthum 
begehen. 

Insofeme  der  Irrthum  erkenntnistheoretisch  in  Betracht 
kommt,  kann  er  nur  innerhalb  des  Erkenntnisactes 
liegen.  Die  Sinnestäuschung  ist  kein  Irrthum.  Wenn  uns 
der  Mond  im  Aufgangspuncte  grösser  erscheint  als  im  Zenith, 
so  haben  wir  es  nicht  mit  einem  Irrthume,  sondern  mit  einer 
in  den  Naturgesetzen  wohl  begründeten  Thatsache  zu  thun. 
Ein  Fehler  in  der  Erkenntnis  entstünde  erst,  wenn  wir  bei 
der  Combination  der  gegebenen  Wahrnehmungen  im  Denken 
jenes  »grösser«  und  »kleiner«  in  unrichtiger  Weise  deuteten. 
Diese  Deutung  liegt  aber  innerhalb  des  Erkenntnisactes. 

Will  man  wirklich  das  Erkennen  in  seiner  ganzen 
Wesenheit  begreifen,  dann  muss  man  es  unzweifelhaft  zu- 
nächst da  erfassen,  wo  es  an  seinen  Anfang  gestellt  ist,  wo 
es  einsetzt.  Auch  ist  klar,  dass  dasjenige,  weis  vor  diesem 
Anfang  liegt,  nicht  in  die  Erklärung  des  Erkennens  mit  ein- 


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24 


Gegebenes  Weltbild. 


bezogen  werden  darf,  sondern  eben  vorausgesetzt  werden 
muss.  In  das  Wesen  dessen  einzudringen,  was  hier  von  uns 
vorausgesetzt  wird,  ist  Aufgabe  der  wissenschaftlichen  Er- 
kenntnis in  ihren  einzelnen  Zweigen.  Iiier  wollen  wir  aber 
nicht  besondere  Erkenntnisse  über  dieses  oder  jenes  gewin- 
nen, sondern  das  Erkennen  selbst  untersuchen.  Erst  wenn 
wir  den  Erkenntnisact  begriffen  haben,  können  wir  ein 
Urtheil  darüber  gewinnen,  was  die  Aussagen  über  den  Welt- 
inhalt für  eine  Bedeutung  haben,  die  im  Erkennen  über 
denselben  gemacht  werden. 

Deshalb  enthalten  wir  uns  so  lange  jeglicher  Bestim- 
mung über  das  unmittelbar  Gegebene,  so  lange  wir  nicht 
wissen,  welchen  Bezug  eine  solche  Bestimmung  zu  dem  Be- 
stimmten hat.  Selbst  mit  dem  Begriff  des  »unmittelbar  Ge- 
gebenen« sprechen  wir  nichts  über  das  vor  dem  Erkennen 
liegende  aus.  Er  hat  nur  den  Zweck  auf  dasselbe  hinzu- 
weisen, den  Blick  darauf  zu  richten.  Die  begriffliche  Form 
ist  hier  im  Anfange  der  Erkenntnistheorie  nur  die  erste  Be- 
ziehung, in  welche  sich  das  Erkennen  zum  Weltinhalte  setzt. 
Es  ist  mit  dieser  Bezeichnung  selbst  für  den  Fall  vor- 
gesorgt, dass  der  gesamte  Weltinhalt  nur  ein  Gespinnst 
unseres  eigenen  »Ich«  ist,  dass  also  der  exclusive  Subjectivis- 
mus  zu  Recht  bestünde;  denn  von  einem  Gegeben  sein  dieser 
Thatsache  kann  ja  nicht  die  Rede  sein.  Sie  könnte  nur 
das  Ergebnis  erkennender  Erwägung  sein  d.  h.  sich  durch  die 
Erkenntnistheorie  erst  als  richtig  herausstellen,  nicht  aber  ihr 
als  Vorausssetzung  dienen. 

In  diesem  unmittelbar  gegebenen  Weltinhalt  ist  nun 
alles  eingeschlossen,  was  überhaupt  innerhalb  des  Horizontes 
unserer  Erlebnisse  im  weitesten  Sinne  auftauchen  kann:  Em- 
pfindungen, Wahrnehmungen,  Anschauungen,  Gefühle,  Wil- 
lensacte,  Traum-  und  Phantasiegebilde,  Vorstellungen,  Be- 
griffe und  Ideen. 

Auch  die  Illusionen  und  Hallucinationen  stehen  auf 
dieser  Stufe  ganz  gleichberechtigt  da  mit  anderen  Theilen 
des  Weltinhalts.  Denn  welches  Verhältnis  dieselben  zu 
anderen  Wahrnehmungen  haben,  das  kann  erst  die  erken- 
nende Betrachtung  lehren. 

Wenn  die  Erkenntnistheorie  von  der  Annahme  ausgeht, 
dass  alles  eben  angeführte  unser  Bewusstscinsinhalt  sei,  dann 
entsteht  natürlich  sofort  die  Frage:  wie  kommen  wir  aus 
dem  Bewtisstsein  heraus  zur  Erkenntnis  des  Seins,  wo  ist 
das  Sprungbrett,  das  uns  aus  dem  Subjectiven  ins  Trans- 
subjective  führt?  Für  uns  liegt  die  Sache  ganz  anders.  Für 
uns  sind  das  Bewusstsein  sowohl,  wie  die  »Ich-« Vorstellung 


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Gegebenes  Weltbild. 


25 


zunächst  nur  Theile  des  Unmittelbar-Gegebenen,  und  welches 
Verhältnis  die  ersteren  zu  dem  letzteren  haben,  ist  erst  ein 
Ergebnis  der  Erkenntnis.  Nicht  vom  Bewusstsein  aus  wollen 
wir  das  Erkennen  bestimmen ,  sondern  umgekehrt :  vom  Er- 
kennen aus  das  Bewusstsein  und  das  Verhältnis  von  Sub- 
jectivität  und  Objectivität.  Da  wir  das  Gegebene  zunächst 
ohne  alle  Prädicate  lassen,  so  müssen  wir  fragen:  wie  kom- 
men wir  überhaupt  zu  einer  Bestimmung  desselben,  wie  ist 
es  möglich,  mit  dem  Erkennen  irgendwo  anzufangen?  Wie 
können  wir  den  einen  Theil  des  Weltbildes  z.  B.  als  Wahr- 
nehmung, den  anderen  als  Begriff,  den  einen  als  Sein,  den 
andern  als  Schein,  jenen  als  Ursache,  diesen  als  Wirkung 
bezeichnen,  wie  können  wir  uns  selbst  von  dem  Objectiven 
abscheiden  und  als  »Ich«  gegenüber  dem  »Nicht-Ich«  ansehen? 

Wir  müssen  die  Brücke  von  dem  gegebenen  Weltbilde 
zu  jenem  finden,  welches  wir  durch  unser  Erkennen  ent- 
wickeln. Dabei  begegnen  wir  aber  der  folgenden  Schwierig- 
keit. So  lange  wir  das  Gegebene  bloss  passiv  anstarren,  kön- 
nen wir  nirgends  einen  Ansatzpunct  finden,  an  den  wir  an- 
knüpfen könnten,  um  von  da  aus  das  Erkennen  weiter  zu 
spinnen.  Wir  müssten  im  Gegebenen  irgendwo  den  Ort 
finden,  wo  wir  eingreifen  können,  wo  etwas  dem  Erken- 
nen homogenes  liegt.  Wäre  alles  wirklich  nur  gegeben, 
dann  müsste  es  beim  blossen  Hinausstarren  in  die  Aussen- 
welt  und  einem  völlig  gleichwertigen  Hineinstarren  in  die 
Welt  unserer  Individualität  sein  Bewenden  haben.  Wir 
könnten  dann  die  Dinge  höchstens  als  Aussenstehende  be- 
schreiben, aber  niemals  sie  begreifen.  Unsere  Begriffe 
hätten  nur  einen  rein  äusserlichen  Bezug  zu  dem,  worauf  sie 
sich  beziehen,  keinen  innerlichen.  Es  hängt  für  das  wahr- 
hafte Erkennen  alles  davon  ab,  dass  wir  irgendwo  im  Ge- 
gebenen ein  Gebiet  finden,  wo  unsere  erkennende  Thätigkeit 
sich  nicht  bloss  ein  Gegebenes  voraussetzt,  sondern  in 
dem  Gegebenen  thätig  mitten  darinnen  steht.  Mit  anderen 
Worten:  Es  muss  sich  gerade  bei  dem  strengen  Festhalten 
an  dem  Bioss-Gegebenen  herausstellen,  dass  nicht  alles  ein 
solches  ist.  Unsere  Forderung  muss  eine  solche  gewesen  sein, 
dass  sie  durch  ihre  strenge  Einhaltung  sich  theilweise  selbst 
aufhebt.  Wir  haben  sie  gestellt,  damit  wir  nicht  willkürlieh 
irgend  einen  Anfang  der  Erkenntnistheorie  festsetzen,  sondern 
denselben  wirklich  aufsuchen.  Gegeben  in  unserem  Sinne 
kann  alles  werden,  auch  das  seiner  innersten  Natur 
nach  Nicht-Gegebene.  Es  tritt  uns  eben  dann  bloss  for- 
mell als  Gegebenes  entgegen;  entpuppt  sich  aber  bei  ge- 
nauerer Betrachtung  von  selbst  als  das,  was  es  wirklich  ist. 

4 


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2ß 


Gegebenes  Weltbild. 


Alle  Schwierigkeit  in  dem  Begreifen  des  Erkennens  liegt 
darinnen,  dass  wir  den  Weltinhalt  nicht  aus  uns  selbst  her- 
vorbringen. Würden  wir  das,  so  gäbe  es  überhaupt  kein 
Erkennen.  Eine  Frage  für  mich  kann  durch  ein  Ding  nur 
entstehen,,  wenn  es  mir  »gegeben*  wird.  Was  ich  hervor- 
bringe, dem  ertheile  ich  seine  Bestimmungen;  ich  brauche 
also  nach  ihrer  Berechtigung  nicht  erst  zu  fragen. 

Dies  ist  der  zweite  Punct  unserer  Erkenntnistheorie.  Er 
besteht  in  dem  Postulat:  es  muss  im  Gebiete  des  Gegebenen 
etwas  liegen,  wo  unsere  Thätigkeit  nicht  im  Leeren  schwebt, 
wo  der  Inhalt  der  Welt  selbst  in  diese  Thätigkeit  eingeht. 

Haben  wir  den  Anfang  der  Erkenntnistheorie  in  der 
Weise  bestimmt,  dass  wir  ihn  völlig  vor  die  erkennende  Thätig- 
keit legten,  um  durch  kein  Vorurtheil  innerhalb  des  Erkennens 
dieses  selbst  zu  trüben,  so  bestimmen  wir  jetzt  den  ersten 
Schritt,  den  wir  in  unserer  Entwickelung  machen,  auch  so, 
dass  von  Irrthum  oder  Unrichtigkeit  nicht  die  Rede  sein 
kann.  Denn  wir  fällen  kein  Urtheil  über  irgend  etwas,  son- 
dern zeigen  nur  die  Forderung  auf,  die  erfüllt  werden  muss, 
wenn  überhaupt  Erkenntnis  zu  Stande  kommen  soll.  Es 
kommt  alles  darauf  an,  dass  wir  mit  vollkommener  kritischer 
Besonnenheit  uns  des  folgenden  bewusst  sind:  wir  stellen  das 
Charakteristikum  selbst  als  Postulat  auf,  welches  jener  Theil 
des  Weltinhalts  haben  muss,  bei  dem  wir  mit  unserer  Er- 
kenntnisthätigkeit  einsetzen  können. 

Ein  anderes  ist  aber  auch  durchaus  unmöglich.  Der 
Weltinhalt  als  gegebener  ist  ja  ganz  bestimmungslos.  Kein 
Theil  kann  durch  sich  selbst  den  Anstoss  geben,  von  ihm 
aus  den  Anfang  zu  einer  Ordnung  in  diesem  Chaos  zu  machen. 
Da  muss  also  die  erkennende  Thätigkeit  einen  Machtspruch 
thun  und  sagen:  so  und  so  muss  dieser  Theil  beschaffen  sein. 
Ein  solcher  Machtspruch  tastet  auch  das  Gegebene  in  keiner 
Weise  in  seiner  Qualität  an.  Er  bringt  keine  willkürliche 
Behauptung  in  die  Wissenschaft.  Er  behauptet  eben  gar  nichts, 
sondern  er  sagt  nur:  wenn  Erkenntnis  als  möglich  erklär- 
bar sein  soll,  dann  muss  nach  einem  Gebiet  gesucht  werden, 
wie  es  oben  bezeichnet  worden  ist.  Ist  ein  solches  vorhanden, 
dann  giebt  es  eine  Erklärung  des  Erkennens;  sonst  nicht. 
Während  wir  den  Anfang  der  Erkenntnistheorie  mit  dem 
»Gegebenem  im  allgemeinen  machten,  schränken  wir  jetzt  die 
Forderung  darauf  ein,  einen  bestimmten  Punct  desselben  ins 
Auge  zu  fassen. 

Wir  wollen  nun  an  unsere  Forderung  näher  herantreten. 
Wo  finden  wir  irgend  etwas  in  dem  Weltbilde,   das  nicht 


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Begriffe  und  Ideen. 


27 


bloss  ein  gegebenes,  sondern  das  nur  insofern  gegeben  ist, 
als  es  zugleich  ein  im  Erkenntnisacte  hervorgebrachtes  ist? 

Wir  müssen  uns  vollständig  klar  darüber  sein,  dass  wir 
dieses  Hervorbringen  in  aller  Unmittelbarkeit  wieder  gegeben 
haben  müssen.  Es  dürfen  nicht  etwa  Schlussfolgerungen 
nöthig  sein,  um  dasselbe  zu  erkennen.  Daraus  geht  schon 
hervor,  dass  die  Sinnesqualitäten  nicht  unserer  Forderung  ge- 
nügen. Denn  von  dem  Umstände,  dass  diese  nicht  ohne 
unsere  Thätigkeit  entstehen,  wissen  wir  nicht  unmittelbar, 
sondern  nur  durch  physikalische  und  physiologische  Erwä- 
gungen. Wohl  aber  wissen  wir  unmittelbar,  dass  Begriffe 
und  Ideen  immer  erst  im  Erkenntnisact  und  durch  diesen  in 
die  Sphäre  des  Unmittelbar  -  Gegebenen  eintreten.  Daher 
täuscht  sich  auch  kein  Mensch  über  diesen  Charakter  der  Begriffe 
und  Ideen.  Man  kann  eine  Hallucination  wohl  für  ein  von 
aussen  gegebenes  halten,  aber  man  wird  niemals  von  seinen 
Begriffen  glauben,  dass  sie  ohne  eigene  Denkarbeit  uns  ge- 
geben werden.  Ein  Wahnsinniger  hält  nur  Dinge  und  Ver- 
hältnisse, die  mit  Prädicaten  der  »Wirklichkeit«  ausgestattet 
sind,  für  real,  obgleich  sie  es  factisch  nicht  sind ;  nie  aber  wird 
er  von  seinen  Begriffen  und  Ideen  sagen,  dass  sie  ohne  eigene 
Thätigkeit  in  die  Welt  des  Gegebenen  eintreten.  Alles  andere 
in  unserem  Weltbilde  trägt  eben  einen  solchen  Charakter, 
dass  es  gegeben  werden  muss,  wenn  wir  es  erleben  wollen ; 
nur  bei  Begriffen  und  Ideen  tritt  noch  das  umgekehrte  ein: 
wir  müssen  sie  hervorbringen,  wenn  wir  sie  erleben 
wollen.  Nur  die  Begriffe  und  Ideen  sind  uns  in  der  Form 
gegeben,  die  man  die  intellectuelle  Anschauung  genannt 
hat.  Kant  und  die  neueren  an  ihn  anknüpfenden  Philosophen 
sprechen  dieses  Vermögen  dem  Menschen  vollständig  ab,  weil 
alles  Denken  sich  nur  auf  Gegenstände  beziehe  und  aus  sich 
selbst  absolut  nichts  hervorbringe.  In  der  intellectuellen  An- 
schauung muss  mit  der  Denkform  zugleich  der  Inhalt  mit- 
gegeben sein.  Ist  dies  aber  nicht  bei  den  reinen  Begriffen 
und  Ideen1)  wirklich  der  Fall?  Man  muss  sie  nur  in  der 
Form  betrachten,  in  der  sie  von  allem  empirischen  Inhalt  noch 
ganz  frei  sind.  Wenn  man  z.  B.  den  reinen  Begriff  der  Cau- 
salität  erfassen  will,  darf  man  sich  nicht  an  irgend  eine  be- 
stimmte Causalität  oder  an  die  Summe  aller  Causalitäten 
halten,  sondern  an  den  blossen  Begriff  derselben.  Ursachen 


')  Unter  Bögriff  verstehe  ich  eine  Regel,  nach  welcher  die  zusammen- 
hangslosen Elemente  der  Wahrnehmung  zu  einer  Einheit  verbunden  werden. 
Causalität  z.  B.  ist  ein  Begriff.  Idee  ist  nur  ein  Begriff  mit  grösserem  Inhalt. 
Organismus,  ganz  abstract  genommen,  ist  eine  Idee. 


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2S 


Begriffe  und  Ideen. 


und  Wirkungen  müssen  wir  in  der  Welt  aufsuchen,  Ursäch- 
lichkeit als  Gedankenform  müssen  wir  selbst  hervorbringen, 
ehe  wir  die  ersteren  in  der  Welt  finden  können.  Wenn  man 
aber  an  der  Kant'schen  Behauptung  festhalten  wollte,  Begriffe 
ohne  Anschauungen  seien  leer,  so  wäre  es  undenkbar,  die 
Möglichkeit  einer  Bestimmung  der  gegebenen  Welt  durch 
Begriffe  darzuthun.  Denn  man  nehme  an,  es  seien  zwei  Ele- 
mente des  Weltinhaltes  gegeben :  a  und  b.  Soll  ich  zwischen 
denselben  ein  Verhältnis  aufsuchen,  so  muss  ich  das  an  der 
Hand  einer  inhaltlich  bestimmten  Regel  thun;  diese  kann  ich 
aber  nur  im  Erkenntnisacte  selbst  producieren,  denn  aus  dem 
Objecte  kann  ich  sie  deshalb  nicht  nehmen,  weil  die  Bestim- 
mungen dieses  letzteren  mit  Hilfe  der  Regel  eben  erst  ge- 
wonnen werden  sollen.  Eine  solche  Regel  zur  Bestimmung  des 
Wirklichen  geht  also  vollständig  innerhalb  der  rein  begriff- 
lichen Entität  auf. 

Bevor  wir  nun  weiter  schreiten,  wollen  wir  erst  einen 
möglichen  Einwand  beseitigen.  Es  scheint  nemlich,  als  ob 
unbewusst  in  unserem  Gedankengange  die  Vorstellung  des 
»Ich«,  des  »persönlichen  Subjects«  eine  Rolle  spiele,  und  dass 
wir  diese  Vorstellung  in  dem  Fortschritte  unserer  Gedanken- 
entwickelung benützen,  ohne  die  Berechtigung  dazu  dargethan 
zu  haben.  Es  ist  das  der  Fall,  wenn  wir  z.  B.  sagen:  »wir 
bringen  Begriffe  hervor«  oder  »wir  stellen  diese  oder  jene 
Forderung«.  Aber  nichts  in  unseren  Ausführungen  giebt 
Veranlassung,  in  solchen  Sätzen  mehr  als  stilistische  Wen- 
dungen zu  sehen.  Dass  der  Erkenntnisact  einem  »Ich«  an- 
gehört und  von  demselben  ausgeht,  das  kann,  wie  wir  schon 
gesagt  haben,  nur  auf  Grund  erkennender  Erwägungen  fest- 
gestellt werden.  Eigentlich  müssten  wir  vorläufig  nur  von 
dem  Erkenntnisact  sprechen,  ohne  einen  Träger  desselben 
auch  nur  zu  erwähnen.  Denn  alles,  was  bis  jetzt  feststeht, 
beschränkt  sich  darauf,  dass  ein  »Gegebenes«  vorliegt,  und 
dass  aus  einem  Puncte  dieses  »Gegebenen«  das  oben  an- 
geführte Postulat  entspringt ;  endlich,  dass  Begriffe  und 
Ideen  das  Gebiet  sind,  das  diesem  Postulate  entspricht.  Dass 
der  Punct,  aus  dem  das  Postulat  entspringt,  das  »Ich«  ist, 
soll  damit  nicht  geleugnet  werden.  Aber  wir  beschränken 
uns  fürs  erste  darauf,  jene  beiden  Schritte  der  Erkenntnis- 
theorie in  ihrer  Reinheit  hinzustellen. 


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I 


Denken  und  Logik. 


29 


V.  Erkennen  und  Wirklichkeit. 


Begriffe  und  Ideen  sind  es  also,  in  denen  wir  das  ge- 
geben haben,  was  zugleich  über  das  Gegebene  hinausführt. 
Damit  aber  ist  die  Möglichkeit  geboten,  auch  das  Wesen  der 
übrigen  Erkenntnisthätigkeit  zu  bestimmen. 

Wir  haben  durch  ein  Postulat  aus  dem  gegebenen  Welt-  • 


bilde  einen  Theil  ausgesondert,  weil  es  in  der  Natur  des  Er- 
kennens liegt,  gerade  von  diesem  so  gearteten  Theile  auszu- 
gehen. Diese  Aussonderung  wurde  also  nur  gemacht  ,  um 
das  Erkennen  begreifen  zu  können.  Damit  müssen  wir  uns 
aber  auch  zugleich  klar  darüber  sein,  dass  wir  die  Einheit 
des  Weltbildes  künstlich  zerrissen  haben.  Wir  müssen  ein- 
sehen, dass  das  von  uns  aus  dem  Gegebenen  abgetrennte 
Segment,  abgesehen  von  unserer  Forderung  und  ausser  der- 
selben, in  einer  noth wendigen  Verbindung  mit  dem  Welt- 
inhalt stehe.  Damit  ist  der  nächste  Schritt  der  Erkenntnis- 
theorie gegeben.  Er  wird  darinnen  bestehen,  die  Einheit, 
welche  behufs  Ermöglichung  der  Erkenntnis  zerrissen  worden 
ist,  wieder  herzustellen.  Diese  Wiederherstellung  geschieht 
in  dem  Denken  über  die  gegebene  Welt.  In  der  denkenden 
Weltbetrachtung  vollzieht  sich,  thatsächlich  die  Vereinigung  der 
zwei  Theile  des  Weltinhalts:  dessen,  den  wir  als  Gegebenes 
auf  dem  Horizonte  unserer  Erlebnisse  überblicken  und  dessen, 
der  im  Erkenntnisact  produciert  werden  muss,  um  auch  ge- 
geben zu  sein.  Der  Erkenntnisact  ist  die  Synthese  dieser 
beiden  Elemente.  Und  zwar  erscheint  in  jedem  einzelnen 
Erkenntnisacte  das  eine  derselben  als  ein  im  Acte  selbst  pro- 
duciertes,  durch  ihn  zu  dem  bloss  gegebenen  hinzugebrachtes. 
Nur  im  Anfange  der  Erkenntnistheorie  selbst  erscheint  das 
sonst  stets  producierte  als  ein  gegebenes. 

Die  gegebene  Welt  mit  Begriffen  und  Ideen  durch- 
dringen, ist  aber  denkende  Betrachtung  der  Dinge.  Das 
Denken  ist  somit  thatsächlich  der  Act,  wodurch  die  Erkenntnis 
vermittelt  wird.  Nur  wenn  das  Denken  von  sich  aus  den 
Inhalt  des  Weltbildes  ordnet,  kann  Erkenntnis  zu  Stande 
kommen.  Das  Denken  selbst  ist  ein  Thun,  das  einen  eigenen 
Inhalt  im  Momente  des  Erkennens  hervorbringt.  Soweit 
also  der  erkannte  Inhalt  aus  dem  Denken  allein  fliesst,  bietet 
er  für  das  Erkennen  keine  Schwierigkeit.  Hier  brauchen 
wir  bloss  zu  beobachten ;  und  wir  haben  das  Wesen  unmittel- 
bar gegeben.  Die  Beschreibung  des  Denkens  ist  zugleich 
die  Wissenschaft  des  Denkens.  In  der  That  war  auch  die 
Logik  nie  etwas  anderes  als  eine  Beschreibung  der  Denk- 


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30 


Denken  und  Wirklichkeit. 


formen,  nie  eine  beweisende  Wissenschaft.  Der  Beweis  tritt 
erst  ein,  wenn  eine  Synthesis  des  gedachten  mit  anderweitigem 
Weltinhalte  stattfindet.  Mit  Recht  sagt  daher  Gideon  Spicker 
in  seinem  Buche:  *Lessings  Weltanschauung«  (S.  5):  »Dass 
das  Denken  an  sich  richtig  sei,  können  wir  nie  erfahren, 
weder  empirisch,  noch  logisch.«  Wir  können  hinzufügen: 
Beim  Denken  hört  alles  Beweisen  auf.  Denn  der  Beweis 
setzt  bereits  das  Denken  voraus.  Man  kann  wohl  ein  ein- 
zelnes Factum,  nicht  aber  das  Beweisen  selbst  beweisen. 
Wir  können  nur  beschreiben,  was  ein  Beweis  ist.  In  der 
Logik  ist  alle  Theorie  nur  Empirie;  in  dieser  Wissenschaft 
giebt  es  nur  Beobachtung.  Wenn  wir  aber  ausser  unserem 
Denken  etwas  erkennen  wollen,  so  können  wir  das  nur  mit 
Hilfe  des  Denkens,  d.  h.  das  Denken  muss  an  ein  gegebenes 
herantreten  und  es  aus  der  chaotischen  Verbindung  in  eine 
systematische  mit  dem  Weltbilde  bringen.  Das  Denken  tritt 
also  als  formendes  Princip  an  den  gegebenen  Weltinhalt 
heran.  Der  Vorgang  dabei  ist  folgender.  Es  werden  zu- 
nächst gedanklich  gewisse  Einzelheiten  aus  der  Gesamtheit 
des  W eltganzen  herausgehoben.  Denn  im  Gegebenen  ist 
eigentlich  kein  Einzelnes,  sondern  alles  in  continuierlicher  Ver- 
bindung. Diese  gesonderten  Einzelheiten  bezieht  nun  das 
Denken  nach  Massgabe  der  von  ihm  producierten  Formen 
auf  einander  und  bestimmt  zuletzt,  was  sich  aus  dieser  Be- 
ziehung ergiebt.  Dadurch ,  dass  das  Denken  einen  Bezug 
zwischen  zwei  abgesonderten  Parthieen  des  WTeltinhaltes  her- 
stellt, hat  es  gar  nichts  von  sich  aus  über  dieselben  bestimmt. 
Es  wartet  ja  ab,  was  sich  in  Folge  der  Herstellung  des  Be- 
zuges von  selbst  ergiebt.  Dieses  Ergebnis  erst  ist  eine  Er- 
kenntnis über  die  betreffenden  Theile  des  Weltinhaltes. 
Läge  es  in  der  Natur  des  letztern,  durch  jenen  Bezug  über- 
haupt nichts  über  sich  zu  äussern:  nun  dann  müsste  eben 
der  Denkversuch  misslingen  und  ein  neuer  an  seine  Stelle 
treten.  Alle  Erkenntnisse  beruhen  darauf,  dass  der  Mensch 
zwei  oder  mehrere  Elemente  der  Wirklichkeit  in  die  richtige 
Verbindung  bringt  und  das  sich  hieraus  ergebende  erfasst. 

Es  ist  zweifellos,  dass  wir  nicht  nur  in  denJWissen- 
schaften,  wo  es  uns  die  Geschichte  derselben  sattsam  lehrt, 
sondern  auch  im  gewöhnlichen  Leben  viele  solche  vergeb- 
liche Denkversuche  machen ;  nur  tritt  in  den  einfachen  Fällen, 
die  uns  doch  zumeist  begegnen,  der  richtige  so  rasch  an  die 
Stelle  der  falschen,  dass  uns  diese  letzteren  gar  nicht  oder 
nur  selten  zum  Bewusstsein  kommen. 

Kant  schwebte  diese  von  uns  abgeleitete  Thätigkeit  des 
Denkens  zum  Behufe  der  systematischen   Gliederung  des 


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Gesetzmässigkeit  der  Welt. 


31 


Weltinhaltes  bei  seiner  »synthetischen  Einheit  der  Apper- 
ception«  vor.  Aber  wie  wenig"  sich  derselbe  die  eigentliche 
Aufgabe  des  Denkens  dabei  zum  Bewusstsein  gebracht  hat, 
geht  daraus  hervor,  dass  er  glaubt,  aus  den  Regeln,  nach 
denen  sich  diese  Synthesis  vollzieht,  lassen  sich  die  Gesetze 
a  priori  der  reinen  Naturwissenschaft  ableiten.  Er  hat  dabei 
nicht  bedacht,  dass  die  synthetische  Thätigkeit  des  Denkens 
nur  eine  solche  ist,  welche  die  Gewinnung  der  eigentlichen 
Naturgesetze  vorbereitet.  Denken  wir  uns,  wir  lösen 
irgend  einen  Inhalt  a  aus  dem  Weltbilde  los ,  und  ebenso 
einen  andern  b.  Wenn  es  zur  Erkenntnis  eines  gesetz- 
mässigen  Zusammenhanges  zwischen  a  und  b  kommen  soll, 
so  hat  das  Denken  zunächst  a  in  ein  solches  Verhältnis  zu  b 
zu  bringen,  durch  das  es  möglich  wird,  dass  sich  uns  die  be- 
stehende Abhängigkeit  als  gegebene  darstellt.  Der  eigent- 
liche Inhalt  eines  Naturgesetzes  resultiert  also  aus  dem  Ge- 
gebenen, und  dem  Denken  kommt  es  bloss  zu,  die  Gelegen- 
heit herbeizuführen,  durch  die  die  Theile  des  Weltbildes  in 
solche  Verhältnisse  gebracht  werden,  dass  ihre  Gesetzmässig- 
keit ersichtlich  wird.  Aus  der  blossen  synthetischen  Thätig- 
keit des  Denkens  folgen  also  keinerlei  objective  Gesetze. 

Wir  müssen  uns  nun  fragen,  welchen  Antheil  hat  das 
Denken  bei  der  Herstellung  unseres  wissenschaftlichen,  im 
Gegensatz  zum  bloss  gegebenen  Weltbilde?  Aus  unserer 
Darstellung  folgt,  dass  es  die  Form  der  Gesetzmässigkeit 
besorgt.  Nehmen  wir  in  unserem  obigen  Schema  an,  dass 
a  die  Ursache,  b  die  Wirkung  sei.  Es  könnte  der  causale 
Zusammenhang  von  a  und  b  nie  Erkenntnis  werden,  wenn 
das  Denken  nicht  in  der  Lage  wäre,  den  Begriff  der  Causa- 
lität  zu  bilden.  Aber  um  im  gegebenen  Falle  a  als  Ursache, 
b  als  Wirkung  zu  erkennen,  dazu  ist  nothwendig,  dass  jene 
beiden  dem  entsprechen,  was  unter  Ursache  und  Wirkung 
verstanden  wird.  Ebenso  steht  es  mit  anderen  Kategorien 
des  Denkens. 

Es  wird  zweckmässig  sein,  hier  auf  die  Ausführungen 
Humes  über  den  Begriff  der  Causalität  mit  einigen  Worten 
hinzuweisen.  Hume  sagt,  die  Begriffe  von  Ursache  und 
Wirkung  haben  ihren  Ursprung  lediglich  in  unserer  Gewohn- 
heit. Wir  beobachten  öfters,  dass  auf  ein  gewisses  Ereignis 
ein  anderes  folgt,  und  gewöhnen  uns  daran,  die  beiden  in 
Causal Verbindung  zu  denken,  sodass  wir  erwarten,  dass  das 
zweite  eintritt,  wenn  wir  das  erste  bemerken.  Diese  Auf- 
fassung geht  aber  von  einer  ganz  irrigen  Vorstellung  von 
dem  Causalitätsverhältnisse  aus.  Begegne  ich  durch  eine 
Reihe  von  Tagen  immer  demselben  Menschen,  wenn  ich 


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32 


Gesetzmässigkeit  der  Welt. 


aus  dem  Thore  meines  Wohnhauses  trete,  so  werde  ich  mich 
zwar  nach  und  nach  gewöhnen,  die  zeitliche  Folge  der  beiden 
Ereignisse  zu  erwarten ;  aber  es  wird  mir  gar  nicht  einfallen, 
hier  einen  Causalzusammenhang  zwischen  meinem  und  des 
andern  Menschen  Erscheinen  an  demselben  Orte  zu  consta- 
tieren.  Ich  werde  noch  wesentlich  andere  Theile  des  Welt- 
inhaltes aufsuchen,  um  die  unmittelbare  Folge  der  angeführten 
Thatsachen  zu  erklären.  Wir  bestimmen  den  Causalzusammen- 
hang eben  durchaus  nicht  nach  der  zeitlichen  Folge,  sondern 
nach  der  inhaltlichen  Bedeutung  der  als  Ursache  und  Wir- 
kung bezeichneten  Theile  des  Weltinhaltes. 

Daraus,  dass  das  Denken  nur  eine  formale  Thätigkeit 
beim  Zustandebringen  unseres  wissenschaftlichen  Weltbildes 
ausübt,  folgt:  der  Inhalt  eines  jeden  Erkenntnisses  kann  kein 
a  priori  vor  der  Beobachtung  (Auseinandersetzung  des  Den- 
kens mit  dem  Gegebenen)  feststehender  sein,  sondern  muss 
restlos  aus  der  letzeren  hervorgehen.  In  diesem  Sinne 
sind  alle  unsere  Erkenntnisse  empirisch.  Es  ist  aber  auch 
gar  nicht  zu  begreifen,  wie  das  anders  sein  sollte.  Denn 
die  Kant'schen  Urtheile  a  priori  sind  im  Grunde  gar  keine 
Erkenntnisse,  sondern  nur  Postulate.  Man  kann  im  Kant'schen 
Sinne  immer  nur  sagen :  wenn  ein  Ding  Object  einer  möglichen 
Erfahrung  werden  soll,  dann  muss  es  sich  diesen  Gesetzen 
fügen.  Das  sind  also  Vorschriften,  die  das  Subject  den  Ob- 
jecten  macht.  Man  sollte  aber  doch  glauben,  wenn  uns  Er- 
kenntnisse von  dem  Gegebenen  zu  Theil  werden  sollen,  so 
müssen  dieselben  nicht  aus  der  Subjectivität,  sondern  aus  der 
Objectivität  fliessen. 

Das  Denken  sagt  nichts  a  priori  über  das  Gegebene 
aus,  aber  es  stellt  jene  Formen  her,  durch  deren  Zugrunde- 
legung a  posteriori  die  Gesetzmässigkeit  der  Erscheinungen 
zum  Vorschein  kommt. 

Es  ist  klar,  dass  diese  Ansicht  über  die  Grade  der  Ge- 
wissheit, die  ein  gewonnenes  Erkenntnisurtheil  hat,  a  priori 
nichts  ausmachen  kann.  Denn  auch  die  Gewissheit  kann  aus 
nichts  anderem  denn  aus  dem  Gegebenen  selbst  gewonnen 
werden.  Es  lässt  sich  dagegen  einwenden,  dass  die  Beobach- 
tung nie  etwas  anderes  sage,  als  dass  einmal  irgend  ein  Zu- 
sammenhang der  Erscheinungen  stattfindet,  nicht  aber,  dass 
er  stattfinden  muss  und  in  gleichem  Falle  immer  stattfinden 
wird.  Aber  auch  diese  Annahme  ist  eine  irrthümliche.  Denn 
wenn  ich  einen  gewissen  Zusammenhang  zwischen  Theilen 
des  Weltbildes  erkenne,  so  ist  er  in  unserem  Sinne  nichts 
anderes,  als  was  aus  diesen  Theilen  selbst  sich  ergiebt,  es  ist 
nichts,  was  ich  zu  diesen  Theilen  hinzudenke,  sondern  etwas, 


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Die  Factoren  des  Erkenntnisactes.  33 

was  wesentlich  zu  denselben  gehört,  was  also  nothwendig 
dann  immer  da  sein  muss,  wenn  sie  selbst  da  sind. 

Nur  eine  Ansicht,  die  davon  ausgeht,  dass  alles  wissen- 
schaftliche Treiben  nur  darinnen  bestehe,  die  Thatsachen  der 
Erfahrung  nach  ausser  denselben  liegenden,  subjectiven  Ma- 
ximen zu  verknüpfen,  kann  glauben,  dass  a  und  b  heute  nach 
diesem,  morgen  nach  jenem  Gesetze  verknüpft  sein  können 
(J.  St.  Mill).  Wer  aber  einsieht,  dass  die  Naturgesetze  aus 
dem  Gegebenen  stammen,  somit  dasjenige  sind,  was  den  Zu- 
sammenhang der  Erscheinungen  ausmacht  und  bestimmt,  dem 
wird  es  gar  nicht  einfallen,  von  einer  bloss  comparativen 
Allgemeinheit  der  aus  der  Beobachtung  gewonnenen  Gesetze 
zu  sprechen.  Damit  wollen  wir  natürlich  nicht  behaupten, 
dass  die  von  uns  einmal  als  richtig  angenommenen  Natur- 
gesetze auch  unbedingt  giltig  sein  müssen.  Aber  wenn  ein 
späterer  Fall  ein  aufgestelltes  Gesetz  umstösst,  dann  rührt 
dies  nicht  davon  her,  dass  dasselbe  das  erstemal  nur  mit 
comparativer  Allgemeinheit  hat  gefolgert  werden  können, 
sondern  davon,  dass  es  auch  dazumal  nicht  vollkommen 
richtig  gefolgert  war.  Ein  echtes  Naturgesetz  ist  nichts 
anderes  als  der  Ausdruck  eines  Zusammenhanges  im  ge- 
gebenen Weltbilde,  und  es  ist  ebenso  wenig,  ohne  die  That- 
sachen da,  die  es  regelt,  wie  diese  ohne  jenes  da  sind. 

Wir  haben  es  oben  als  die  Natur  des  Erkenntnisactes 
bestimmt,  dass  das  gegebene  Weltbild  denkend  mit  Begriffen 
und  Ideen  durchsetzt  wird.  Was  folgt  aus  dieser  Thatsache? 
Wäre  in  dem  Unmittelbar-Gegebenen  eine  abgeschlossene 
Ganzheit  enthalten,  dann  wäre  eine  solche  Bearbeitung  des- 
selben im  Erkennen  unmöglich  und  auch  unnöthig.  Wir 
würden  dann  einfach  das  Gegebene  hinnehmen,  wie  es  ist, 
und  wären  in  dieser  Gestalt  davon  befriedigt.  Nur  wenn  in 
dem  Gegebenen  etwas  verborgen  liegt,  was  noch  nicht  er- 
scheint, wenn  wir  es  in  seiner  Unmittelbarkeit  betrachten, 
sondern  erst  mit  Hilfe  der  vom  Denken  hineingebrachten 
Ordnung,  dann  ist  der  Erkenntnisact  möglich.  Was  in  dem 
Gegebenen  vor  der  gedanklichen  Verarbeitung  liegt,  ist  nicht 
dessen  volle  Ganzheit. 

Dies  wird  sogleich  noch  deutlicher,  wenn  wir  auf  die 
im  Erkenntnisact  in  Betracht  kommenden  Factoren  näher 
eingehen.  Der  erste  derselben  ist  das  Gegebene.  Das  Ge- 
gebensein ist  keine  Eigenschaft  des  Gegebenen,  sondern 
nur  ein  Ausdruck  für  dessen  Verhältnis  zu  dem  zweiten  Factor 
des  Erkenntnisactes.  Was  das  Gegebene  seiner  eigenen  Natur 
nach  ist,  bleibt  also  durch  diese  Bestimmung  völlig  im 
Dunkeln.    Den  zweiten  Factor,  den  begrifflichen  Inhalt  des 

5 


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34  Erkennen  und  Wirklichkeit. 

Gegebenen,  findet  das  Denken  im  Erkenntnisacte  als  not- 
wendig mit  dem  Gegebenen  verbunden.  Wir  fragen  uns 
nun:  i.  Wo  besteht  die  Trennung  von  Gegebenem  und 
Begriff?  2.  Wo  liegt  die  Vereinigung  derselben?  Die  Be- 
antwortung dieser  beiden  Fragen  ist  ohne  Zweifel  in  unseren 
vorangehenden  Untersuchungen  gegeben.  Die  Trennung  be- 
steht lediglich  im  Erkenntnisacte,  die  Verbindung  liegt  im 
Gegebenen.  Daraus  geht  mit  Noth wendigkeit  hervor,  dass 
der  begriffliche  Inhalt  nur  ein  Theil  des  Gegebenen  ist,  und 
dass  der  Erkenntnisact  darinnen  besteht,  die  für  ihn  zunächst 
getrennt  gegebenen  Bestandtheilc  des  Weltbildes  mit  ein- 
ander zu  vereinigen.  Das  gegebene  Weltbild  wird  somit 
erst  vollständig  durch  jene  mittelbare  Art  Gegebenseins,  die 
durch  das  Denken  herbeigeführt  wird.  Durch  die  Form  der 
Unmittelbarkeit  zeigt  sich  das  Weltbild  zuerst  in  einer  ganz 
unvollständigen  Gestalt. 

Wäre  in  dem  Weltinhalte  von  vorneherein  der  Ge- 
dankeninhalt mit  dem  Gegebenen  vereinigt,  dann  gäbe  es 
kein  Erkennen.  Denn  es  könnte  nirgends  das  Bedürfnis  ent- 
stehen, über  das  Gegebene*  hinauszugehen.  Würden  wir  aber 
mit  dem  Denken  und  in  demselben  allen  Inhalt  der  Welt 
erzeugen,  dann  gäbe  es  ebenso  wenig  ein  Erkennen.  Denn 
was  wir  selbst  producieren,  brauchen  wir  nicht  zu  erkennen. 
Das  Erkennen  beruht  also  darauf,  dass  uns  der  Weltinhalt 
ursprünglich  in  einer  Form  gegeben  ist,  die  unvollständig 
ist,  die  ihn  nicht  ganz  enthält,  sondern  die  ausser  dem,  was 
sie  unmittelbar  darbietet,  noch  eine  zweite  wesentliche  Seite 
hat.  Diese  zweite,  ursprünglich  nicht  gegebene  Seite  des 
Weltinhaltes  wird  durch  die  Erkenntnis  enthüllt.  Was  uns 
im  Denken  abgesondert  erscheint,  sind  also  nicht  leere 
Formen,  sondern  eine  Summe  von  Bestimmungen  (Kate- 
gorien), die  aber  für  den  übrigen  Weltinhalt  Form  sind. 
Erst  die  durch  die  Erkenntnis  gewonnene  Gestalt 
des  W'eltinhalts,  in  der  beide  aufgezeigte  Seiten 
desselben  vereinigt  sind,  kann  Wirklichkeit  genannt 
werden. 

VI.  Die  voraussetzung-slose  Erkenntnistheorie 

und 

Fiehtes  Wissenschaftslehre. 

Mit  den  bisherigen  Ausführungen  haben  .wir  die  Idee 
der  Erkenntnis  festgestellt.  Unmittelbar  gegeben  ist  diese 
Idee  nun  im  menschlichen  Bewusstsein,  insoferne  es  sich  er- 


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Das  Wesen  unseres  Bewusstseins. 


35 


kennend  verhält.  Dem  »Ich«  als  Mittelpunct  *)  des  Bewusst- 
seins ist  die  äussere  und  innere  Wahrnehmung  und  sein  eige- 
nes Dasein  unmittelbar  gegeben.  Das  Ich  fühlt  den  Drang, 
in  diesem  Gegebenen  mehr  zu  finden,  als  was  unmittelbar 
gegeben  ist.  Es  geht  ihm  gegenüber  der  gegebenen  Welt  die 
zweite,  die  des  Denkens,  auf,  und  es  verbindet  die  beiden  da- 
durch, dass  es  aus  freiem  Entschluss  das  verwirklicht,  was 
wir  als  Idee  des  Erkennens  festgestellt  haben.  Hierinnen  liegt 
nun  ein  Grundunterschied  zwischen  der  Art,  wie  sich  im  Object 
des  menschlichen  Bewusstseins  selbst  Begriff  und  Unmittelbar- 
Gegebenes  zur  totalen  Wirklichkeit  verbunden  zeigen,  und  jener 
die  dem  übrigen  Weltinhalte  gegenüber  Geltung  hat.  Bei 
jedem  andern  Theil  des  Weltbildes  müssen  wir  uns  vorstellen, 
dass  die  Verbindung  das  ursprüngliche,  von  vorneherein  not- 
wendige ist,  und  dass  nur  am  Beginne  des  Erkennens  für  die 
Erkenntnis  eine  künstliche  Trennung  eingetreten  ist,  die 
aber  zuletzt  durch  das  Erkennen,  der  ursprünglichen  Wesen- 
heit des  Objectiven  gemäss,  wieder  aufgehoben  wird.  Beim 
menschlichen  Bewusstsein  ist  das  anders.  Hier  ist  die  Ver- 
bindung nur  vorhanden,  wenn  sie  in  wirklicher  Thätigkeit 
vom  Bewusstsein  vollzogen  wird.  Bei  jedem  anderen  Ob- 
jecte  hat  die  Trennung  für  das  Object  keine  Bedeutung,  son- 
dern nur  für  die  Erkenntnis.  Die  Verbindung  ist  hier  das  erste, 
die  Trennung  das  abgeleitete.  Das  Erkennen  vollzieht  nur 
die  Trennung,  weil  es  sich  auf  seine  Art  nicht  in  den  Besitz 
der  Verbindung  setzen  kann,  wenn  es  nicht  vorher  getrennt 
hat.  Begriff  und  gegebene  Wirklichkeit  des  Bewusstseins 
aber  sind  ursprünglich  getrennt ,  die  Verbindung  ist  das 
abgeleitete,  und  deswegen  ist  das  Erkennen  so  beschaffen, 
wie  wir  es  geschildert  haben.  Weil  im  Bewusstsein  not- 
wendig Idee  und  Gegebenes  getrennt  auftreten,  deswegen 
spaltet  sich  für  dasselbe  die  gesammte  Wirklichkeit  in  diese 
zwei  Theile,  und  weil  das  Bewusstsein  nur  durch  eigene 
Thätigkeit  die  Verbindung  der  beiden  genannten  Elemente 
bewirken  kann,  deshalb  gelangt  es  nur  durch  Verwirklichung 
des  Erkenntnisactes  zur  vollen  Wirklichkeit.  Die  übrigen 
Kategorien  (Ideen)  wären  auch  dann  noth wendig  mit  den  ent- 
sprechenden Formen  des  Gegebenen  verknüpft,  wenn  sie 
nicht  in  die  Erkenntnis  aufgenommen  würden;  die  Idee  des 
Erkennens  kann  mit  dem  ihr  entsprechenden  Gegebenen  nur 
durch  die  Thätigkeit  des  Bewusstseins  vereinigt  werden.  Ein 

')  Es  braucht  wohl  kaum  gesagt  zu  werden,  dass  wir  mit  der  Bezeich- 
nung »Mittelpunct«  hier  nicht  eine  theoretische  Ansicht  über  die  Natur  des 
Bewusstseins  verknüpft  wissen  wollen,  sondern  dass  wir  sie  nur  als  stilistische 
Abkürzung  für  die  Gesammtphysiognomie  des  Bewusstseins  gebrauchen. 


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3fi 


Fichte's  Wissenschaftslehre. 


wirkliches  Bewusstsein  existiert  nur,  wenn  es  sich  selbst 
verwirklicht.  Damit  glauben  wir  genügend  vorbereitet  zu 
sein,  um  den  Grundfehler  von  Fichtes  »Wissenschaftslehre« 
blosszulegen  und  zugleich  den  Schlüssel  zu  ihrem  Verständnis 
zu  liefern.  Fichte  ist  derjenige  Philosoph,  welcher  unter 
Kants  Nachfolgern  am  lebhaftesten  gefühlt  hat,  dass  eine 
Grundlegung  aller  Wissenschaften  nur  in  einer  Theorie  des 
Bewusstseins  bestehen  könne;  aber  er  kam  nie  zur  Erkennt- 
nis, warum  das  so  ist.  Er  empfand,  dass  dasjenige,  was  wir 
als  zweiten  Schritt  der  Erkenntnistheorie  bezeichnen  und 
dem  wir  die  Form  eines  Postulates  geben,  von  dem  »Ich« 
wirklich  ausgeführt  werden  müsse.  Wir  ersehen  dies  z.  B. 
aus  seinen  folgenden  Worten:  »Die  Wissenschaftslehre  ent- 
steht also,  insofern  sie  eine  systematische  Wissenschaft  sein 
soll,  gerade  so  wie  alle  möglichen  Wissenschaften,  insoferne 
sie  systematisch  sein  sollen,  durch  eine  Bestimmung  der 
Freiheit,  welche  letztere  hier  insbesondere  bestimmt  ist,  die 
Handlungsart  der  Intelligenz  überhaupt  zum  Bewusstsein  zu  er- 
heben. Durch  diese  freie  Handlung  wird  nun  etwas,  das  schon 
an  sich  Form  ist,  die  nothwendige  Handlung  der  Intelligenz, 
als  Gehalt  in  eine  neue  Form  des  Wissens  oder  Bewusstseins 
aufgenommen«.1)  Was  ist  hier  unter  Handlungsart  der  »In- 
telligenz« zu  verstehen,  wenn  man  das,  was  dunkel  gefühlt 
ist,  in  klaren  Begriffen  ausspricht?  Nichts  anderes  als  die 
im  Bewusstsein  sich  vollziehende  Verwirklichung  der  Idee 
des  Erkennens.  Wäre  Fichte  sich  dessen  vollkommen  klar 
bewusst  gewesen,  dann  hätte  er  den  obigen  Satz  einfach  so 
formulieren  müssen :  Die  Wissenschaftslehre  hat  das  Erkennen, 
insoferne  es  noch  unbewusste  Thätigkeit  des  »Ich«  ist,  zum 
Bewusstsein  zu  erheben;  sie  hat  zu  zeigen,  dass  im  »Ich« 
als  nothwendige  Handlung  die  Objectivierung  der  Idee  des 
Erkennens  ausgeführt  wird. 

Fichte  will  die  Thätigkeit  des  »Ich«  bestimmen.  Er  findet: 
»Dasjenige,  dessen  Seyn  (Wesen)  bloss  darin  besteht,  dass  es 
sich  selbst  als  seyend  setzt,  ist  das  Ich,  als  absolutes  Sub- 
ject.«2)  Dieses  Setzen  des  Ich  ist  für  Fichte  die  erste  unbe- 
dingte Thathandlung ,  »die  allem  übrigen  Bewusstseyn  zum 
Grunde  liegt«.3)  Das  Ich  kann  also  im  Sinne  Fichtes  auch 
nur  durch  einen  absoluten  Entschluss  alle  seine  Thätigkeit 
beginnen.  Aber  für  Fichte  ist  es  unmöglich,  dieser  seiner 
vom  Ich  absolut  gesetzten  Thätigkeit  zu  irgend  einem  Inhalte 


')  Fichtes  Sämtl.  Werke  I.  S.  ;i  f. 
2)  S.  W.  I.  S.  97. 
')  S.  W.  I.  S.  91. 


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Fichte'sche  Vorurtheile. 


37 


ihres  Thuns  zu  verhelfen.  Denn  er  hat  nichts,  worauf  sich  diese 
Thätigkeit  richten,  wonach  sie  sich  bestimmen  soll.  Sein 
Ich  soll  eine  Thathandlung  vollziehen;  aber  was  soll  es  thun. 
Weil  Fichte  den  Begriff  der  Erkenntnis  nicht  aufstellte,  den 
das  Ich  verwirklichen  soll,  deshalb  rang  er  vergeblich,  irgend 
einen  Fortgang  von  seiner  absoluten  Thathandlung  zu  den 
weiteren  Bestimmungen  des  Ich  zu  finden.  Ja,  er  erklärt  zu- 
letzt in  Bezug  auf  einen  solchen  Fortgang,  dass  die  Unter- 
suchung hierüber  ausserhalb  der  Grenzen  der  Theorie  liege. 
Er  geht  in  seiner  Deduction  der  Vorstellung  weder  von  einer 
absoluten  Thätigkeit  des  Ich,  noch  des  Nicht-Ich,  sondern  von 
einem  Bestimmtsein  aus,  das  zugleich  Bestimmen  ist,  weil  im 
Bewusstsein  unmittelbar  nichts  anderes  enthalten  ist,  noch 
enthalten  sein  kann.  Was  diese  Bestimmung  wieder  be- 
stimmt, bleibt  in  der  Theorie  vollständig  unentschieden;  und 
durch  diese  Unbestimmtheit  werden  wir  denn  auch  über  die 
Theorie  hinaus  in  den  practischen  Theil  der  Wissenschafts- 
lehre getrieben.1)  Durch  diese  Erklärung  vernichtet  aber 
Pichte  überhaupt  alles  Erkennen.  Denn  die  practische  Thätig- 
keit des  Ich  gehört  in  ein  ganz  anderes  Gebiet.  Dass  das 
von  uns  oben  aufgestellte  Postulat  nur  durch  eine  freie 
Handlung  des  Ich  realisiert  werden  kann,  ist  ja  klar;  aber 
wenn  das  Ich  sich  erkennend  verhalten  soll,  so  kommt  es  ge- 
rade darauf  an,  dass  die  Entschlicssung  desselben  dahin  geht, 
die  Idee  des  Erkennens  zu  verwirklichen.  Es  ist  ja  gewiss 
richtig,  dass  das  Ich  aus  freiem  Entschluss  noch  vieles  andere 
vollführen  kann.  Abernicht  auf  eine  Charakteristik  des  »freien«, 
sondern  auf  eine  solche  des  »erkennenden«  Ich  kommt  es  bei 
der  erkenntnistheoretischen  Grundlegung  aller  Wissenschaften 
an.  Fichte  hat  sich  aber  von  seinem  subjectiven  Hange,  die 
Freiheit  der  menschlichen  Persönlichkeit  in  das  hellste  Licht 
zu  stellen,  allzusehr  beeinflussen  lassen.  Mit  Recht  bemerkt 
Harms  in  seiner  Rede  »über  die  Philosophie  Fichtes«  (S.  1 5) : 
»Seine  Weltansicht  ist  eine  vorherrschend  und  ausschliesslich 
ethische  und  seine  Erkenntnistheorie  trägt  keinen  anderen 
Charakter.«  Das  Erkennen  hätte  absolut  keine  Aufgabe, 
wenn  alle  Gebiete  der  Wirklichkeit  in  ihrer  Totalität  gegeben 
wären.  Da  nun  aber  das  Ich,  so  lange  es  nicht  vom  Denken 
in  das  systematische  Ganze  des  Weltbildes  eingefügt  ist,  auch 
nichts  anderes  ist  als  ein  unmittelbar  gegebenes,  so  genügt 
ein  blosses  Aufzeigen  seines  Thuns  durchaus  nicht.  Fichte  je- 
doch ist  der  Ansicht,  dass  beim  Ich  mit  dem  blossen  Auf- 
suchen schon  alles  gethan  sei.    »Wir  haben  den  absolut- 


')  S.  W.  I.  S.  i;8. 


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:}8 


Fichte'sche  Vorurtheile. 


ersten,  schlechthin  unbedingten  Grundsatz  alles  menschlichen 
Wissens  aufzusuchen.  Beweisen  oder  bestimmen  lässt 
er  sich  nicht,  wenn  er  absolut  erster  Grundsatz  sein  soll.«1) 
Wir  haben  gesehen,  dass  das  Beweisen  und  Bestimmen  einzig 
und  allein  dem  Inhalte  der  reinen  Logik  gegenüber  nicht  am 
Platze  ist.  Das  Ich  gehört  aber  der  Wirklichkeit  an,  und  da 
ist  es  nothwendig  das  Vorhandensein  dieser  oder  jener  Kate- 
gorie im  Gegebenen  festzustellen.  Fichte  that  das  nicht. 
Und  hierinnen  ist  der  Grund  zu  suchen,  warum  er  seiner 
Wissenschaftslehre  eine  so  verfehlte  Gestalt  gab.  Zelier  be- 
merkt2), dass  die  logischen  Formeln,  durch  die  Fichte  zu  dem 
Ich-Begriff  kommen  will,  nur  schlecht  den  Umstand  verhüllen, 
dass  dieser  eigentlich  um  jeden  Preis  den  schon  vorgefassten 
Zweck  erreichen  wolle,  zu  diesem  Anfangspuncte  zu  kommen. 
Diese  Worte  beziehen  sich  auf  die  erste  Gestalt,  die  Fichte 
1794  seiner  Wissenschaftslehre  gab.  Wenn  wir  daran  fest- 
halten, dass  Fichte  in  der  That,  der  ganzen  Anlage  seines 
Philosophierens  nach,  nichts  wollen  konnte,  als  die  Wissen- 
schaft durch  einen  absoluten  Machtspruch  beginnen  zu  lassen, 
so  giebt  es  ja  nur  zwei  Wege,  die  dieses  Beginnen  verstand- 
lich erscheinen  lassen.  Der  eine  war  der,  das  Bewusstsein 
bei  irgend  einer  seiner  empirischen  Thätigkeiten  anzufassen 
und  durch  allmähliche  Losschälung  alles  dessen,  was  nicht 
ursprünglich  aus  demselben  folgt,  den  reinen  Begriff  des  Ich 
heraus  zu  crystallisieren.  Der  andere  Weg  aber  war,  gleich 
bei  der  ursprünglichen  Thätigkeit  des  »Ich  <  einzusetzen  und 
dessen  Natur  durch  Selbstbesinnung  und  Selbstbeobachtung 
aufzuzeigen.  Den  ersten  Weg  schlug  Fichte  am  Beginne 
seines  Philosophierens  ein;  im  Verlaufe  desselben  ging  er  jedoch 
allmählig  zum  zweiten  über. 

An  die  Synthesis  der  »transcen  dentalen  Apperception« 
bei  Kant  anknüpfend,  fand  Fichte,  dass  alle  Thätigkeit  des 
Ich  in  der  Zusammenfügung  des  Stoffes  der  Erfahrung  nach 
den  Formen  des  Urtheiles  bestehe.  Das  Urtheilen  besteht 
in  dem  Verknüpfen  des  Prädicats  mit  dem  Subjecte,  was  in 
rein  formaler  Weise  durch  den  Satz  ausgedrückt  wird :  a  -  a. 
Dieser  Satz  wäre  unmöglich,  wenn  das  x,  das  beide  a  ver- 
bindet, nicht  auf  einem  Vermögen  schlechthin  zu  setzen  be- 
ruhte. Denn  der  Satz  bedeutet  ja  nicht:  a  ist,  sondern: 
wenn  a  ist,  so  ist  a.  Also  von  einem  absoluten  Setzen  des 
a  kann  nicht  die  Rede  sein.  So  bleibt  denn  nichts,  um 
überhaupt  zu  einem  absoluten,  schlechthin  giltigen  zu  kommen, 


')  s.  w.  S.  91. 

8)  Geschichte  der  Philosophie  S.  605. 


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Fichte'sche  Vorurtheile. 


39 


als  das  Setzen  selbst  für  absolut  zu  erklären.  Während  das 
a  bedingt  ist,  ist  das  Setzen  des  a  unbedingt.  Dieses  Setzen 
ist  aber  eine  Thathandlung  des  Ich.  Dem  Ich  kommt  somit 
eine  Fähigkeit  zu,  schlechthin  und  unbedingt  zu  setzen.  In 
dem  Satze  a  —  a  wird  das  eine  a  nur  gesetzt,  indem  das 
andere  vorausgesetzt  wird;  und  zwar  wird  es  durch  das 
Ich  gesetzt.  »Wenn  a  im  Ich  gesetzt  ist,  so  ist  es  gesetzt«1). 
Dieser  Zusammenhang  ist  nur  unter  der  Bedingung  möglich, 
dass  im  Ich  etwas  sich  immer  gleichbleibendes  sei,  etwas 
was  von  einem  a  zum  andern  hinüberführt.  Und  das  oben 
erwähnte  x  beruht  auf  diesem  gleichbleibenden.  Das  Ich, 
welches  das  eine  a  setzt,  ist  dasselbe,  wie  jenes,  welches  das 
andere  setzt.  Das  heisst  aber  Ich  -  Ich.  Dieser  Satz  in 
Form  des  Urtheiles  ausgedrückt:  wenn  Ich  ist,  so  ist  es  — 
hat  keinen  Sinn.  Das  Ich  wird  ja  nicht  unter  der  Voraus- 
setzung eines  andern  gesetzt,  sondern  es  setzt  nur  sich  selbst 
voraus.  Das  heisst  aber:  es  ist  schlechthin  und  unbedingt. 
Die  hypothetische  Form  des  Urtheiles,  die  ohne  die  Voraus- 
setzung des  absoluten  Ich  allem  Urtheilen  zukommt,  verwan- 
delt sich  hier  in  die  Form  des  absoluten  Existenzialsatzes :  Ich 
bin  schlechtweg.  Fichte  drückt  dies2)  auch  noch  folgender- 
massen  aus:  »Das  Ich  setzt  ursprünglich  schlechthin  sein 
eigenes  Sein.«  Wir  sehen,  dass  diese  ganze  Ableitung  Fichtes 
nichts  ist  als  eine  Art  pädagogischer  Auseinandersetzung, 
um  seine  Leser  dahin  zu  führen,  wo  ihnen  die  Erkenntnis 
der  unbedingten  Thätigkeit  des  Ich  aufgeht.  Es  soll  den- 
selben jene  Handlung  des  Ich  klar  vor  Augen  gebracht 
werden,  ohne  deren  Vollzug  überhaupt  gar  kein  Ich  ist. 

Wir  wollen  nun  auf  Fichtes  Gedankengang  noch  ein- 
mal zurückblicken.  Bei  schärferem  Zusehen  stellt  sich  nem- 
lich  heraus,  dass  in  demselben  ein  Sprung  ist,  und  zwar  ein 
solcher,  der  die  Richtigkeit  der  Anschauung  von  der  ur- 
sprünglichen Thathandlung  in  Frage  stellt.  Was  ist  denn  eigent- 
lich wirklich  absolut  in  dem  Setzen  des  Ich  ?  Es  wird  geurtheilt : 
wenn  a  ist,  so  ist  a.  Das  a  wird  vom  Ich  gesetzt.  Über  dieses 
Setzen  kann  also  kein  Zweifel  obwalten.  Aber  wenn  auch 
als  Thätigkeit  unbedingt,  so  kann  das  Ich  doch  nur  irgend 
etwas  setzen.  Es  kann  nicht  die  »Thätigkeit  an  und  für  sich«, 
sondern  nur  eine  bestimmte  Thätigkeit  setzen.  Kurz:  Das 
Setzen  muss  einen  Inhalt  haben.  Diesen  kann  es  aber  nicht 
aus  sich  selbst  nehmen,  denn  sonst  könnte  es  nichts  weiter 
als  ewig  nur  das  Setzen  setzen.  Es  muss  also  für  das  Setzen, 


')  s.  w.  i.  s.  94. 
s)  s.  w.  1.  S.  98. 


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40 


Fichtc'sche  Vorurthcilc. 


für  die  absolute  Thätigkeit  des  Ich  etwas  geben,  das  durc 
sie  realisiert  wird.  Ohne  dass  das  Ich  zu  einem  Gegebene 
greift,  das  es  setzt,  kann  es  überhaupt  »nichts«,  folg-lic 
nicht  setzen.  Das  zeigt  auch  der  Fichte \sche  Satz:  Das  1c 
setzt  sein  Sein.  Dieses  Sein  ist  eine  Kategorie.  Wir  sin 
wieder  bei  unserem  Satze:  die  Thätigkeit  des  Ich  beruht  d;i 
rauf,  dass  das  Ich  aus  eigenem  freiem  Entschluss  die  Begriff 
und  Ideen  des  Gegebenen  setzt.  Xur  dadurch,  dass  Fichte  un 
bewusst  darauf  ausgeht,  das  Ich  als  »Seiendes«  nachzuweiser 
kommt  er  zu  seinem  Resultate.  Hätte  er  den  Begriff  de 
Erkennens  entwickelt,  so  wäre  er  zu  dem  wahren  Ausgangs 
puncto  der  Erkenntnistheorie  gekommen:  Das  Ich  setz 
das  Erkennen.  Da  Fichte  sich  nicht  klar  machte,  wodurcl 
die  Thätigkeit  des  Ich  bestimmt  wird,  bezeichnete  er  einfacl 
das  Setzen  des  Seins  als  Charakter  dieser  Thätigkeit.  Dami 
hatte  er  aber  auch  die  absolute  Thätigkeit  des  Ich  beschränkt 
Denn  ist  nur  das  » Sein  -  Setzen  «  des  Ich  unbedingt,  dann  is 
ja  alles  andere,  was  vom  Ich  ausgeht,  bedingt.  Aber  e.4 
ist  auch  jeder  Weg  abgeschnitten,  um  vom  Unbedingter 
zum  Bedingten  zu  kommen.  Wenn  das  Ich  nur  nach  dei 
bezeichneten  Richtung  hin  unbedingt  ist,  dann  hört  sofort  die 
Möglichkeit  für  dasselbe  auf,  etwas  anderes  als  sein  eigenes  Seh: 
durch  einen  ursprünglichen  Act  zu  setzen.  Es  tritt  somit  die 
Nothwendigkeit  ein,  den  Grund  für  alle  andere  Thätigkeit  des 
Ich  anzugegeben.  Fichte  suchte  nach  einem  solchen  ver- 
gebens, wie  wir  oben  bereits  gesehen  haben. 

Daher  wandte  er  sich  zu  dem  andern  der  oben  bezeich- 
neten Wege  behufs  Ableitung  des  Ich.    Schon  1797  in  der 
»ersten  Einleitung  in  die  Wissenschaftlehre  *  empfiehlt  er  die 
Selbstbeobachtung  als  das  richtige,  um  das  Ich  in  seinem  ur- 
eigenen Charakter   zu  erkennen.    »Merke  auf  dich  selbst, 
kehre  deinen  Blick  von  allem,  was  dich  umgiebt,  ab,  und  in 
dein  Inneres  —   ist  die  erste  Forderung,  welche  die  Philo- 
sophie an  ihren  Lehrling  thut.    Es  ist  von  nichts,  was  ausser 
dir  ist,  die  Rede,  sondern  lediglich  von  dir  selbst.«1)  Diese 
Art,  die  Wissenschaftslehre  einzuleiten,  hat  allerdings  vor  der 
andern  einen  grossen  Vorzug.    Denn  die  Selbstbeobachtung 
liefert  ja  die  Thätigkeit  des  Ich  in  der  That  nicht  einseitig 
nach  einer  bestimmten  Richtung  hin,  sie  zeigt  es  nicht  bloss 
seinsetzend,  sondern  sie  zeigt  es  in  seiner  allseitigen  Ent- 
faltung, wie  es  denkend  den  unmittelbar  gegebenen  Welt- 
inhalt zu  begreifen  sucht.    Der  Selbstbeobachtung  zeigt  sich 
das  Ich,  wie  es  sich  das  Weltbild  aus  dem  Zusammenfügen 


«)  s.  w.  1.  S.  422. 


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Fichte'sche  Vorurtheilc. 


41 


von  Gegebenem  und  Begriff  aufbaut.  Aber  für  denjenigen, 
der  unsere  obige  Betrachtung  nicht  mit  durchgemacht  hat  — 
der  also  nicht  weiss,  dass  das  Ich  nur  dann  zum  ganzen  In- 
halte der  Wirklichkeit  kommt,  wenn  es  mit  seinen  Denkformen 
an  das  Gegebene  herantritt  —  für  den  erscheint  der  Er- 
kenntnisprozess  als  ein  Herausspinnen  der  Welt  aus  dem  Ich. 
Für  Fichte  wird  das  Weltbild  daher  immer  mehr  zu  einer 
Construktion  des  Ich.  Er  betont  immer  stärker,  dass  es  in 
der  Wissenschaftslehre  darauf  ankomme,  den  Sinn  zu  erwecken, 
der  im  Stande  ist,  das  Ich  bei  diesem  Construieren  der  Welt 
zu  belauschen.  Wer  dies  vermag,  erscheint  ihm  auf  einer 
höheren  Wissensstufe  als  derjenige,  der  nur  das  Construirte, 
das  fertige  Sein  sieht.  Wer  nur  die  Welt  der  Objecto  be- 
trachtet, der  erkennt  nicht,  dass  sie  vom  Ich  erst  geschaffen 
werden.  Wer  aber  das  Ich  in  seinem  Construieren  betrachtet, 
der  sieht  den  Grund  des  fertigen  Weltbildes;  er  weiss,  wo- 
durch es  geworden,  es  erscheint  ihm  als  Folge,  zu  den  ihm 
die  Voraussetzungen  gegeben  sind.  Das  gewöhnliche  Be- 
wusstsein  sieht  nur  dasjenige,  was  gesetzt  ist,  was  in  dieser 
oder  jener  Weise  bestimmt  ist.  Es  fehlt  ihm  die  Einsicht  in 
die  Vordersätze,  in  die  Gründe:  warum  es  gerade  so  gesetzt 
ist  und  nicht  anders.  Das  Wissen  um  diese  Vordersätze  zu 
vermitteln,  ist  nach  Fichte  die  Aufgabe  eines  ganz  neuen 
Sinnes.  Am  deutlichsten  ausgesprochen  finde  ich  dies  in  den 
»Einleitungsvorlesungen  in  die  Wissenschaftslehre.  Vorgelesen 
im  Herbste  1813  auf  der  Universität  zu  Berlin«1):  »Diese 
Lehre  setzt  voraus  ein  ganz  neues  inneres  Sinneswerkzeug, 
durch  welches  eine  neue  Welt  gegeben  wird,  die  für  den 
gewöhnlichen  Menschen  gar  nicht  vorhanden  ist«.  Oder: 
»Die  Welt  des  neuen  Sinnes,  und  dadurch  er  selbst  ist  vor- 
läufig klar  bestimmt:  sie  ist  das  Sehen  der  Vordersätze,  auf 
die  das  Urtheil:  es  ist  Etwas,  sich  gründet;  der  Grund  des 
Seins,  der  eben  darum,  weil  er  dies  ist,  nicht  selbst  wieder 
ist  und  ein  Sein  ist.«2) 

Die  klare  Einsicht  in  den  Inhalt  der  vom  Ich  ausge- 
führten Thätigkeit  fehlt  aber  Fichte  auch  hier.  Er  ist  nie 
zu  derselben  durchgedrungen.  Deshalb  konnte  seine  Wissen- 
schaftslehre das  nicht  werden,  was  sie  sonst,  ihrer  ganzen 
Anlage  nach,  hätte  werden  müssen:  eine  Erkenntnistheorie 
als  philosophische  Grundwissenschaft.  War  nemlich  einmal 
erkannt,  dass  die  Thätigkeit  des  Ich  von  diesem  selbst  ge- 
setzt werden  muss,  so  lag  nahe,  daran  zu  denken,  dass  sie 


')  Nachgelassene  Werke  I.  S.  4. 
*)  Nachgelassene  Werke  I.  S.  16. 


0 


42 


Fichte's  Wissenschaftslehrc  und  das  Erkennen. 


auch  vom  Ich  ihre  Bestimmung  erhält.    Wie  kann  das  aber 
anders    geschehn,    als    indem    man    dem    rein  formellen 
Thun  des  Ich  einen  Inhalt  giebt.    Soll  dieser  aber  wirklich 
durch  das  Ich  in  dessen  sonst  ganz  unbestimmte  Thätigkeit 
hineingelegt  werden,  so  muss  derselbe  auch  seiner  Natur  nach 
bestimmt  werden.    Sonst  könnte  er  doch  höchstens  durch 
ein  im  Ich  liegendes  »Ding  an  sieht,  dessen  Werkzeug  das 
Ich  ist,  nicht  aber  durch  letzteres  selbst  realisiert  werden. 
Hätte  Fichte  diese  Bestimmung  versucht,  dann  wäre  er  aber 
zum  Begriffe  der  Erkenntnis  gekommen,  der  von  dem  Ich 
verwirklicht  werden  soll.    Fichtes  Wissenschaftslehre  ist  ein 
Beleg  dafür,   dass  es  selbst  dem  scharfsinnigsten  Denken 
nicht  gelingt,  auf  irgend  einem  Felde  fruchtbringend  einzu- 
wirken, wenn  man  nicht  zu  der  richtigen  Gedankenform 
(Kategorie,  Idee)  kommt,  die,  mit  dem  Gegebenen  ergänzt, 
die  Wirklichkeit  giebt.    Es  geht  einem  solchen  Betrachter 
so  wie  jenem  Menschen,  dem  die  herrlichsten  Melodien  ge- 
boten werden,  und  der  sie  gar  nicht  hört,  weil  er  keine  Em- 
pfindung für  Melodie  hat.    Das  Bewusstsein,  als  gegebenes, 
kann  nur  der  charakterisieren,  der  sich  in  den  Besitz  der 
»Idee  des  Bewusstseins«  zu  setzen  weiss. 

Fichte  ist  einmal  sogar  der  richtigen  Einsicht  ganz  nahe. 
Er  findet  1797  in  den  »Einleitungen  zur  Wissenschaftslehre«, 
es  gäbe  zwei  theoretische  Systeme,  den  Dogmatismus,  der 
das  Ich  von  den  Dingen,  und  den  Idealismus,  der  die  Dinge 
vom  Ich  bestimmt  sein  lässt.  Beide  stehen,  nach  seiner  An- 
sicht, als  mögliche  Weltanschauungen  fest.  Der  eine  wie 
der  andere  gestatte  eine  consequente  Durchführung.  Aber 
wenn  wir  uns  dem  Dogmatismus  ergeben,  dann  müssen  wir 
die  Selbständigkeit  des  Ich  aufgeben  und  dasselbe  vom 
Ding  an  sich  abhängig  machen.  Im  umgekehrten  Falle  sind 
wir,  wenn  wir  dem  Idealismus  huldigen.  Welches  der  Sy- 
steme der  eine  oder  der  andere  Philosoph  wählen  will,  das 
stellt  Fichte  lediglich  dem  Belieben  des  Ich  anheim.  Wenn 
dasselbe  aber  seine  Selbständigkeit  wahren  wolle,  so  hebe  es 
den  Glauben  an  die  Dinge  ausser  uns  auf  und  ergebe  sich 
dem  Idealismus. 

Nun  hätte  es  nur  noch  der  Ueberlegung  bedurft,  dass 
das  Ich  ja  zu  gar  keiner  wirklichen,  gegründeten  Entschei- 
dung und  Bestimmung  kommen  kann,  wenn  es  nicht  etwas 
voraussetzt,  welches  ihm  zu  einer  solchen  verhilft.  Alle  Be- 
stimmung vom  Ich  aus  bliebe  leer  und  inhaltlos,  wenn  das 
Ich  nicht  etwas  inhaltvolles,  durch  und  durch  bestimmtes 
findet,  was  ihm  die  Bestimmung  des  Gegebenen  möglich 
macht,  und  damit  auch  zwischen  Idealismus  und  Dogmatis- 


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I 

Fichtc's  Wisscnschaftslchre  und  das  Erkennen.  43 

mus  die  Wahl  treffen  lässt.  Dieses  durch  und  durch  Inhalts- 
volle ist  aber  die  Welt  des  Denkens.  Und  das  Gegebene 
durch  das  Denken  bestimmen  heisst  Erkennen.  Wir  mögen 
Fichte  anfassen,  wo  wir  wollen:  überall  finden  wir,  dass 
sein  Gedankengang  sofort  Hand  und  Fuss  gewinnt,  wenn  wir 
die  bei  ihm  ganz  graue,  leere  Thätigkeit  des  Ich  erfüllt  und 
geregelt  denken  von  dem,  was  wir  Erkenntnisprozess  ge- 
nannt haben. 

Der  Umstand,  dass  das  Ich  durch  Freiheit  sich  in 
Thätigkeit  versetzen  kann,  macht  es  ihm  möglich,  aus  sich 
heraus,  durch  Selbstbestimmung  die  Kategorie  des  Erkennens 
zu  realisieren,  während  in  der  übrigen  Welt  die  Kategorien 
sich  durch  objective  Nothwendigkeit  mit  dem  ihnen  corre- 
spondierenden  Gegebenen  verknüpft  erweisen.  Das  Wesen 
der  freien  Selbstbestimmung  zu  untersuchen,  wird  die  Auf- 
gabe einer  auf  unsere  Erkenntnistheorie  gestützten  Ethik  und 
Metaphysik  sein.  Diese  werden  auch  die  Frage  zu  erörtern 
haben,  ob  das  Ich  auch  noch  andere  Ideen,  ausser  der  Er- 
kenntnis, zu  realisieren  vermag.  Dass  die  Realisierung  des 
Erkennens  durch  Freiheit  geschieht,  geht  aber  aus  den 
oben  gemachten  Anmerkungen  bereits  klar  hervor.  Denn 
wenn  das  Unmittelbar -Gegebene  und  die  dazu  gehörige 
Form  des  Denkens  durch  das  Ich  im  Erkenntnisprocess  ver- 
einigt werden,  so  kann  die  Vereinigung  der  sonst  immer  ge- 
trennt im  Bewusstsein  verbleibenden  zwei  Elemente  der 
Wirklichkeit  nur  durch  einen  Act  der  Freiheit  geschehen. 

Durch  unsere  Ausführungen  wird  aber  noch  in  ganz 
anderer  Weise  Licht  auf  den  kritischen  Idealismus  geworfen. 
Demjenigen,  der  sich  eingehend  mit  Fichtes  System  befasst 
hat,  erscheint  es  wie  eine  Herzensangelegenheit  dieses  Philo- 
sophen, den  Satz  aufrecht  zu  erhalten,  dass  in  das  Ich  nichts 
von  aussen  hineinkommen  kann,  dass  nichts  in  demselben 
auftritt,  was  nicht  ursprünglich  von  demselben  selbst  gesetzt 
wird.  Nun  ist  aber  ausser  Frage,  dass  kein  Idealismus  je  im 
Stande  sein  wird,  jene  Form  des  Weltinhaltes  aus  dem  Ich 
abzuleiten,  die  wir  als  die  unmittelbar  gegebene  bezeichnet 
haben.  Diese  Form  kann  eben  nur  gegeben,  niemals  aus 
dem  Denken  heraus  construiert  werden.  Man  erwäge  doch 
nur,  dass  wir  es  nicht  zu  Stande  brächten,  selbst  wenn  uns 
die  ganze  übrige  Farbenscala  gegeben  wäre,  auch  nur  eine 
Farbennuance  bloss  vom  Ich  aus  zu  ergänzen.  Wir  können 
uns  ein  Bild  der  entferntesten,  von  uns  nie  gesehenen  Länder- 
gebiete machen ,  wenn  wir  die  Elemente  dazu  als  gegebene 
einmal  individuell  erlebt  haben.  Wir  combinieren  uns  dann 
das  Bild  nach  gegebener  Anleitung  aus  von  uns  erlebten 


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Fichtc's  Wisscnschaflslchrc  und  das  Erkennen. 


Einzelthatsachen.  Vergebens  aber  werden  wir  darnach 
streben,  auch  nur  ein  einziges  Wahrnehmungselement,  das 
nie  im  Bereich  des  uns  Gegebenen  lag,  aus  uns  heraus  zu 
spinnen.  Ein  anderes  aber  ist  das  blosse  Kennen  der  ge- 
gebenen Welt;  ein  anderes  das  Erkennen  von  deren 
Wesenheit.  Letztere  wird  uns,  trotzdem  sie  innig  mit  dem 
Weltinhalte  verknüpft  ist,  nicht  klar,  ohne  dass  wir  die  Wirk- 
lichkeit aus  Gegebenem  und  Denken  selbst  erbauen.  Das 
eigentliche  »Was«  des  Gegebenen  wird  für  das  Ich  nur  durch 
das  letztere  selbst  gesetzt.  Das  Ich  hätte  aber  gar  keine 
Veranlassung,  das  Wesen  eines  Gegebenen  in  sich  zu  setzen, 
wenn  es  nicht  die  Sache  zuerst  in  ganz  bestimmungsloser 
Weise  sich  gegenüber  sähe.  Was  also  als  Wesen  der  Welt 
vom  Ich  gesetzt  wird,  das  wird  nicht  ohne  das  Ich,  sondern 
durch  dasselbe  gesetzt. 

Nicht  die  erste  Gestalt,  in  der  die  Wirklichkeit  an  das 
Ich  herantritt,  ist  deren  wahre,  sondern  die  letzte,  die  das 
Ich  aus  derselben  macht.  Jene  erste  Gestalt  ist  überhaupt 
ohne  Bedeutung  für  die  objective  Welt  und  hat  eine  solche 
nur  als  Unterlage  für  den  Erkenntnisprocess.  Also  nicht  die 
Gestalt  der  Welt,  welche  die  Theorie  derselben  giebt,  ist  die 
subjective,  sondern  vielmehr  jene,  welche  dem  Ich  zuerst 
gegeben  ist.  Will  man,  nach  dem  Vorgange  Yolkelts  u.  a. 
diese  gegebene  Welt  die  Erfahrung  nennen,  sq  muss  man 
sagen:  die  Wissenschaft  ergänzt  das  in  Folge  der  Einrich- 
tung unseres  Bewusstseins  in  subjectiver  Form,  als  Erfahrung, 
auftretende  Weltbild  zu  dem,  was  es  wesentlich  ist. 

Unsere  Erkenntnistheorie  liefert  die  Grundlage  für  einen 
im  wahren  Sinne  des  Wortes  sich  selbst  verstehenden  Idea- 
lismus. Sie  begründet  die  Überzeugung,  dass  im  Denken  die 
Essenz  der  Welt  vermittelt  wird.  Durch  nichts  anderes  als 
durch  das  Denken  kann  das  Verhältnis  der  Theile  des  Welt- 
inhalts aufgezeigt  werden,  ob  es  nun  das  Verhältnis  der 
Sonnnen wärme  zum  erwärmten  Stein  oder  des  Ich  zur  Aussen- 
welt  ist.  Im  Denken  allein  ist  das  Element  gegeben,  welches 
alle  Dinge  in  ihren  Verhältnissen  zu  einander  bestimmt. 

Der  Einwand,  den  der  Kantianismus  noch  machen  könnte, 
wäre  der,  dass  die  oben  charakterisierte  Wesensbestimmung 
des  Gegebenen  doch  nur  eine  solche  für  das  Ich  sei.  Dem 
gegenüber  müssen  wir  im  Sinne  unserer  Grundauffassung  er- 
widern, dass  ja  auch  die  Spaltung  des  Ich  und  der  Aussen- 
welt  nur  innerhalb  des  Gegebenen  Bestand  hat,  dass  also 
jenes  »für  das  Ich«  der  denkenden  Betrachtung  gegenüber, 
die  alle  Gegensätze  vereinigt,  keine  Bedeutung  hat.    Das  Ich 


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Die  Uebcrwindung  einseitiger  Weltanschauungen. 


45 


als  ein  von  der  Aussenwelt  abgetrenntes  geht  in  der  denken- 
den Weltbetrachtung  völlig  unter;  es  hat  also  gar  keinen  Sinn 
mehr,  von  Bestimmungen  bloss  für  das  Ich  zu  sprechen. 


VII.  Erkenntnistheoretische  Schlussbetrachtung". 

« 

Wir  haben  die  Erkenntnistheorie  begründet  als  die  Wissen- 
schaft von  der  Bedeutung  alles  menschlichen  Wissens.  Durch 
sie  erst  verschaffen  wir  uns  Aufklärung  über  das  Verhältnis 
des  Inhaltes  der  einzelnen  Wissenschaften  zur  Welt.  Sie  macht 
es  uns  möglich  mit  Hilfe  der  Wissenschaften  zur  Weltanschau- 
ung zu  kommen.  Positives  Wissen  erwerben  wir  durch  die 
einzelnen  Erkenntnisse ;  den  Wert  des  Wissens  für  die  Wirk- 
lichkeit erfahren  wir  durch  die  Erkenntnistheorie.  Dadurch, 
dass  wir  streng  an  diesem  Grundsatze  festgehalten  haben 
und  keinerlei  Einzelwissen  in  unsern  Auseinandersetzungen 
verwertet  haben ,  dadurch  haben  wir  alle  einseitigen  Welt- 
anschauungen überwunden.  Die  Einseitigkeit  entspringt  ge- 
wöhnlich daher,  däss  die  Untersuchung,  statt  sich  an  den 
Erkenntnisprozess  selbst  zu  machen,  sogleich  an  irgend  welche 
Objecte  dieses  Prozesses  herantritt.  Nach  unseren  Auseinander- 
setzungen muss  der  Dogmatismus  sein  »Ding  an  sich«,  der 
subjective  Idealismus  sein  »Ich«  als  Urprincip  fallen 
lassen,  denn  diese  sind  ihrem  gegenseitigen  Verhältnis  nach 
wesentlich  erst  im  Denken  bestimmt.  »Ding  an  sich«  und  »Ich« 
sind  nicht  so  zu  bestimmen,  dass  man  das  eine  von  dem  andern 
ableitet,  sondern  beide  müssen  vom  Denken  aus  nach  ihrem 
Charakter  und  Verhältnis  bestimmt  werden.  Der  Scepticis- 
mus  muss  von  seinem  Zweifel  an  der  Erkennbarkeit  der 
Welt  ablassen,  denn  an  dem  »Gegebenem  ist  nichts  zu  be- 
zweifeln, weil  es  von  allen  durch  das  Erkennen  ertheilten 
Prädicaten  noch  unberührt  ist.  Wollte  er  aber  behaupten, 
dass  das  denkende  Erkennen  nie  an  die  Dinge  heran- 
kommen könne,  so  könnte  er  das  nur  durch  denkende  Über- 
legung selbst  thun,  womit  er  sich  aber  auch  selbst  widerlegt. 
Denn  wer  durch  Denken  den  Zweifel  begründen  will,  der 
giebt  implicite  zu,  dass  dem  Denken  eine  für  das  Stützen 
einer  Überzeugung  hinreichende  Kraft  zukommt.  Unsere  Er- 
kenntnistheorie, endlich,  überwindet  den  einseitigen  Empi- 
rismus und  den  einseitigen  Rationalismus,  indem  sie  beide 
auf  einer  höheren  Stufe  vereinigt.  Auf  diese  Weise 
wird  sie  beiden  gerecht.  Dem  Empiriker  werden  wir  ge- 
recht, indem  wir  zeigen,  dass  alle  inhaltlichen  Erkennt- 


4fi 


A.  E.  Biedermanns  Dogmatik  und  unsere  Erkenntnistheorie. 


nisse  über  das  Gegebene  nur  in  unmittelbarer  Berührung  mit 
diesem  selbst  erlangt  werden  können.  Auch  der  Ratio- 
nalist findet  bei  unseren  Auseinandersetzungen  seine  Rech- 
nung, da  wir  das  Denken  für  den  nothwendigen  und 
einzigen  Vermittler  des  Erkennens  erklären. 

Am  nächsten  berührt  sich  unsere  Weltanschauung,  wie 
wir  sie  erkenntnistheoretisch  begründet  haben,  mit  der  von 
A.  E.  Biedermaxx  vertretenen.1)  Aber  Biedermann  braucht 
zur  Begründung  seines  Standpunctes  Feststellungen,  die  durch- 
aus nicht  in  die  Erkenntnistheorie  gehören.  So  operiert  er 
mit  den  Begriffen:  Sein,  Substanz,  Raum,  Zeit  u.  s.  w.,  ohne 
vorher  den  Erkenntnisprozess  für  sich  untersucht  zu  haben. 
Statt  festzustellen,  dass  im  Erkenntnisprozess  zunächst  nur 
die  beiden  Elemente:  Gegebenes  und  Denken  vorhanden 
sind,  spricht  er  von  Seins  weisen  der  Wirklichkeit.  So 
sagt  er  z.  B.  ^  15:  »In  allem  Bewusstseinsinhalt  sind  zwei 
Grundthatsachen  enthalten:  1.  es  ist  uns  darin  zweierlei 
Sein  gegeben,  welchen  Seinsgegensatz  wir  als  sinn- 
liches und  geistiges,  dingliches  und  ideelles  St?in  be- 
zeichnen.« Und  §  19:  »Was  räumlich -zeitliches  Dasein  hat, 
existiert  als  etwas  materielles;  was  Grund  alles  Daseinspro- 
zesses und  Subject  des  Lebens  ist,  das  existiert  ideell,  ist  real 
als  ein  Ideell -Seiendes.«  Solche  Erwägungen  gehören  nicht 
in  die  Erkenntnistheorie,  sondern  in  die  Metaphysik,  die  erst 
mit  Hilfe  der  Erkenntnistheorie  begründet  werden  kann.  Zu- 
gegeben werden  muss,  dass  Biedermanns  Behauptungen  den 
unseren  vielfach  ähnlich  sind;  unsere  Methode  aber  berührt 
sich  mit  der  seinigen  durchaus  nicht.  Daher  fanden  wir  auch 
nirgends  Veranlassung  uns  direct  mit  ihm  auseinanderzusetzen. 
Biedermann  sucht  mit  Hilfe  einiger  metaphysischen  Axiome 
einen  erkenntnistheoretischen  Standpunkt  zu  gewinnen;  wir 
suchen  durch  Betrachtung  des  Erkenntnisprozesses  zu  einer 
Ansicht  über  die  Wirklichkeit  zu  kommen. 

Und  wir  glauben  in  der  That  gezeigt  zu  haben,  dass 
aller  Streit  der  W eltanschauungen  daher  kommt,  dass  man  ein 
Wissen  über  ein  objectives  (Ding,  Ich,  Bewusstsein  u.  s.  w.) 
zu  erwerben  trachtet,  ohne  vorher  dasjenige  genau  zu  kennen, 
was  allein  erst  über  alles  andere  Wissen  Aufschluss  geben 
kann:  die  Natur  des  Wissens  selbst. 


*)  Sieh  A.E.Biedermann,  Christliche  Dogmatik.  2.  Aufl.  Berlin  1884/5. 
Die  erkenntnistheoretischen  Untersuchungen  im  I.  Band.  Eine  erschöpfende 
Auseinandersetzung  über  diesen  Standpunct  hat  Eduard  von  Hartmann  geliefert 
(siehe  »Kritische  Wanderungen  durch  die  Philosophie  der  Gegenwarte  S.  200  ff.). 


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