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RUDOLF STEINER
Eurythmie
als sichtbarer Gesang
Ein Aufsatz vom 2. Marz 1924
und acht Vortrage, gehalten in Dornach
vom 19. bis 27. Februar 1924,
mit dazugehorigen Notizbucheintragungen
1984
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung
Die Herausgabe besorgte Eva Frobose
1. Auflage Dornach 1927
2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1956
3. Auflage, neu durchgesehen, verandert und erganzt
(photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1975
4. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1984
Bibliographie-Nr. 278
Zeichen auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners
Zeichnungen im Text nach den Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Assja Turgenieff
Zeichnung auf Seite 13 nach einer Photographie der Wandtafel
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1956 by Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier+ Cie AG Schaffhausen
ISBN 3-7274-2781-7
Zu den Verqffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, daB seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie-
ren konnte, muB gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor-
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes fmdet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluB
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen auch
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Rudolf Steiner: Uber den Toneurythmie-Kurs
In: «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht.
Nachrichten fur deren Mitglieder», 1. Jg. Nr. 8 vom 2. Marz 1924:
Die Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft, VII
ERSTER VORTRAG, Dornach, 19. Februar 1924 11
Das Dur- und das Moll-Erlebnis. Die Vokale als wesenhaftes Erleb-
nis: O U (Dur), A E (Moll). Heileurythmische Wirkungen. Gestaltung
des Dur- und Moll-Akkordes. Das I-Erlebnis.
ZWEITER VORTRAG, 20. Februar 1924 28
Die Gebdrde des Musikalischen. Der Grundton in Beziehung zur Ok-
tave. Vergleich des Terzenerlebnis mit dem Quinten- und Septimen-
erlebnis. Septimenfolgen: Klanggebilde in der atlantischen Zeit. Un-
terschied zwischen Konsonanzen und Dissonanzen. Das Quarten-
erlebnis.
DRITTER VORTRAG, 2I.Februar 1924 42
Das Verhaltnis der Septime und Sexte zum Grundton. Heilwirkun-
gen. Toneurythmie wirkt kiinstlerisch korrigierend auf das Musikali-
sche; Lauteurythmie wirkt kiinstlerisch korrigierend auf Deklamation
und Rezitation. Die Aufldsung des Akkordes und des Harmonischen in
das Melos. Die Melodie im einzelnen Ton. Takt, Rhythmus, Tonhohe.
Konkordanz der Ton-Skala mit den Hauptvokalen. Verwandtschaft
des Musikalischen mit der Sprache.
VIERTER VORTRAG, 22. Februar 1924 56
Das Sich-Fortbewegen der musikalischen Motive in der Zeit. Motiv-
schwung und Taktstrich an einem musikalischen Beispiel. Das Ge-
dicht «Uber alien Gipfeln ist Ruh,...». Die gesundende Wirkung der
Ton-Heileurythmie.
FUNFTER VORTRAG, 23. Februar 1924 70
Uber den osterreichischen Musiker Hauer. Uber Architektur. Ak-
korde, Dreiklange, Vierklange im Raum dargestellt. Tonika, Domi-
nante, Subdominante. Die Chor-Eurythmie. Das Runden der Formen
bei tiefen Tonen und das Spitzen bei hohen Tonen. Die Tonfolge h a
e d in Verbindung mit dem Wort TAO.
SECHSTER VORTRAG, 25. Februar 1924 85
Das rein Musikalische liegt im Intervall. Erwahnung des Films als Be-
weis des Unmusikalisch-Werdens. Die TAO-Meditation. Die Vokale
O U liegen innerhalb des Musikalischen; I E gehen heraus aus dem
Musikalischen. Die beharrende Note und die Pause. Spannung und L6-
sung. Dissonanz und Konsonanz. Die Sekunde.
SIEBENTER VORTRAG, 26. Februar 1924 99
Der Ansatz zum musikalischen Eurythmisieren liegt im Schliisselbein.
Der menschliche Arm mit der Hand, vom Schliisselbein aus, ist die
Skala. Kontra- und Subkontratone. Die Dur-Kadenz, die Moll-Ka-
denz. Das Durchdrungensein der Bewegung mit dem Gefiihl beim
Ton-Eurythmisieren. Heileurythmie.
ACHTER VORTRAG, 27. Februar 1924 115
Tonhdhe, Tondauer, Tonstarke, Tempowechsel. Ethos, Pathos. Die Phra-
sierung in der Musik. Die Eurythmie darf nicht zum Tanze werden.
Vorwort von Marie Steiner zur ersten Auflage, 1 927 . . . .129
Auf Zeichnungen Rudolf Steiners zur Toneurythmie . . . .13 5
Hinweise 145
Texterganzungen 146
Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschriften 147
Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . .14 9
Notizbucheintragungen von Rudolf Steiner
zu den Vortragen des Toneurythmie-Kurses Beilage
RUDOLF STEINER
UBER DEN TONEURYTHMIE-KURS
Bericht im «Nachrichtenblatt» vom 2. Marz 1924
... Es lag nun eine innere Notwendigkeit vor, in der Sektion
fur die redenden und musikalischen Kunste, deren Leiter Frau
Marie Steiner ist, einen Kursus uber Toneurythmie zu veranstalten.
... Hier soil nun in einigen Satzen uber Absicht und Haltung ge-
sprochen werden. Die eurythmische Kunst hat bisher die Laut-
eurythmie in einem bestimmten Masse ausgebildet. Wir sind selbst
unsere strengsten Kritiker und wissen, dass auf diesem Gebiete alles,
was schon jetzt geleistet werden kann, nur ein Anfang ist. Aber das
Angefangene muss eben weiterentwickelt werden.
Fur die Toneurythmie, den «sichtbaren Gesang», waren wir bis-
her nicht so weit gekommen wie fur die Lauteurythmie, das «sicht-
bare Wort». Wenn die Anfange, die wir bisher hatten, auf dem
rechten Wege fortgesetzt werden sollen, so musste gerade jetzt —
in dem Stadium, in dem die Toneurythmie praktiziert worden ist,
eine Weiterbildung stattfinden. Das sollte durch diesen Kursus ge-
schehen. Dabei musste aber auch auf das Wesen des Musikalischen
selbst hingewiesen werden. Denn in der Eurythmie wird Musik
sichtbar; und man muss ein Gefiihl dafiir haben, wo diese ihre
wahre Quelle in der Menschennatur hat, wenn man ihr Grund-
wesen sichtbar machen will.
In der Toneurythmie wird anschaulich, was in der Musik im
Unanschaulich-Horbaren lebt. Es ist gerade da die grosste Gefahr
vorhanden, unmusikalisch zu werden. Ich hoffe, in den Vortragen
dieses Kursus den Beweis erbracht zu haben, dass dann, wenn Mu-
sik in Bewegung uberstromt, das Bedurfnis entsteht, alles Unmusi-
kalische in der Musik abzustossen und nur «reine Musik» in das
Reich des Sichtbaren hinuberzutragen. Wer allerdings der Ansicht
ist, dass mit dem Hiniibertragen des Horbaren in die sichtbare Be-
wegung und Form das Musikalische aufhore, der wird gegen die
ganze Toneurythmie seine Bedenken haben. Allein eine solche An-
schauung ist doch wohl nicht im tiefsten Wesen eine kunstlerische.
Denn wer Kunst in sich erlebt, der muss Freude an jeder Erweite-
rung der kiinstlerischen Quellen und Formen haben. Und es ist nun
einmal so, dass Musik wie jede wahre Kunst aus dem Innersten des
Menschen hervorquillt. Und dieses kann sein Leben auf die man-
nigfaltigste Art offenbaren. Was im Menschen singen will, das will
sich auch in Bewegungsformen darstellen; und nur, was als Bewe-
gungsmoglichkeiten in dem menschlichen Organismus liegt, wird
in Laut- und Toneurythmie aus ihm herausgeholt. Es ist der Mensch
selbst, der sein Wesen da offenbart. Die menschliche Gestalt ist nur
als festgehaltene Bewegung verstandlich; und die Bewegung des
Menschen offenbart erst den Sinn seiner Gestalt. Man darf sagen:
wer die Berechtigung von Ton- und Lauteurythmie bestreitet, der
lehnt damit ab, den ganzen vollen Menschen zur Erscheinung kom-
men zu lassen. Nun, der Materialismus lehnt es ab, in der mensch-
lichen Erkenntnis den Geist zur Erscheinung kommen zu lassen;
die Ablehnung der Eurythmie als einer neben den anderen Kiinsten
und in Verbindung mit ihnen berechtigten Kunst wird wohl in
einer ahnlichen Gesinnung ihren Ursprung haben.
Es steht zu hoffen, dass die Eurythmiker einige Anregung durch
diesen Kursus empfangen haben und dass damit zur Weiterbildung
unserer eurythmischen Kunst einiges hat beigetragen werden kon-
nen.
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ERSTER VORTRAG
Domach, 19. Februar 1924
Das Dur- und Moll-Erlebnis
Wir haben eigentlich im Grunde genommen bisher die Laut-
eurythmie bis zu einem gewissen Grade ausgebildet und darinnen
ja auch einiges erreicht. Die Toneurythmie, sie ist eigentlich bis
jetzt doch nur in ihren allerersten Elementen ausgebildet worden,
und es ist eine sehr merkwiirdige Tatsache, die sich in der allerletz-
ten Zeit eingestellt hat und die mich eigentlich dazu veranlasst hat,
diese kleine Serie von Vortragen zu geben. Das ist die Tatsache,
dass von der einen oder von der anderen Seite stark hervorgetreten
ist, dass die Leute oftmals die Toneurythmie sympathischer gefun-
den haben als die Lauteurythmie und so das Gefiihl hatten, dass die
Toneurythmie verhaltnismassig leicht verstanden werden kann fur
die Empfindung, wahrend die Lauteurythmie manchem als etwas
noch Weiterliegendes erschien. Diese traurige Tatsache, dass ein in
den Windeln noch Liegendes vielfach als das Bedeutsamere hinge-
stellt worden ist gegeniiber dem Weiterausgebildeten, das ist das-
jenige, was doch wirklich schon den Beweis geliefert hat, dass das
Verstandnis fur die Eurythmie heute eigentlich noch nicht sehr weit
gediehen ist. Und vor alien Dingen muss fur dieses Verstandnis
gesorgt werden. Und deshalb mochte ich heute zunachst einleitungs-
weise einiges sprechen, das Ihnen eine Moglichkeit geben kann,
auch im Sinne eines solchen Verstandnisses fur Eurythmie zu wirken.
Gerade indem wir versuchen werden, die Toneurythmie heraus-
zuholen aus dem Allgemein-Eurythmischen, wird sich uber dieses
Verstandnis heute wenigstens einleitungsweise sprechen lassen.
Es ist schon nicht zu leugnen, dass auch von Seiten der Eurythmi-
sierenden noch vieles beigetragen werden kann, um ein richtiges
Eurythmie-Verstandnis zu verbreiten. Denn vor alien Dingen muss
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beriicksichtigt werden, was der Zuschauer an der Eurythmie wahr-
nimmt. Der Zuschauer nimmt an der Eurythmie nicht etwa bloss
die Bewegung oder die Geste wahr, die der Eurythmisierende dar-
stellt, sondern der Zuschauer nimmt wirklich an der Eurythmie
wahr, was der Eurythmisierende empfindet und innerlich erlebt.
Und dazu ist notwendig, dass tatsachlich im Eurythmisieren von
dem Eurythmisierenden erlebt werde — erlebt werde vor alien Din-
gen dasjenige, was ja zur Darstellung kommen soil. Das ist in der
Lauteurythmie das Lautgebilde, in der Toneurythmie aber das Ton-
gebilde.
Nun, von diesem Tongebilde haben wir ja ausser den Formen,
die fur einzelne musikalische eurythmische Darbietungen geschaf-
fen worden sind, eigentlich bis jetzt bloss die glatten Tone, eigent-
lich bloss die Skala, und nicht mehr. Wenn wir von der Lauteuryth-
mie auch nicht mehr hatten, als was wir heute in der Toneurythmie
haben, so wurde das ungefahr der Umfang der Vokale a, e, i, o, u
sein. Nun bedenken Sie, wieviel wir kunstlerisch erreichen wurden,
wenn wir bisher bloss a, e, i, o, u hatten in der Lauteurythmie!
Mehr haben wir aber eigentlich kunstlerisch noch nicht in der Ton-
eurythmie. Deshalb ist es eigentlich deprimierend, wenn die vorhin
charakterisierten Urteile uber die Toneurythmie an einen heran-
kommen. Und deshalb betrachte ich es als eine Notwendigkeit, dass
wir wenigstens einmal einen Anfang machen in der Grundlegung
der Toneurythmie.
Da ist aber vor alien Dingen notwendig, dass uber das blosse
Gebardenmachen und Bewegungerzeugen in der Eurythmie hinaus-
gegangen werde, dass tatsachlich innerhalb des Eurythmischen —
auch in der Lauteurythmie — der wirkliche Laut empfunden werde.
Sie mussen mir schon gestatten, diese Einleitung zu machen; wir
haben j a heute in unserem Sprechen, namentlich in unserem Schrei-
ben gar keinen Begriff mehr davon, was ein Laut eigentlich ist,
einfach weil wir die Laute nicht mehr benennen, sondern hochstens
kurz anschlagen.
Wir sagen a. Die griechische Sprache war die letzte, die alpha
gesagt hat. Gehen Sie ins Hebraische zuriick: aleph. Da hatte der
Laut als solcher einen Namen. Da war der Laut etwas Wesenhaftes.
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Je weiter wir in der Sprache zuriickkommen, desto wesenhafter
wird der Laut. Wenn man den griechischen Laut, der der erste ist
im Alphabet, benennt: alpha, und geht zuriick auf die Bedeutung
dieses Wortes alpha — es ist ja ein Wort, das den Laut umfasst — , so
haben Sie noch in manchen Anklangen, selbst der deutschen
Sprache, dasjenige, was im Laute alpha, aleph liegt, zum Beispiel
wenn Sie Alp sagen, wenn Sie Alpen sagen. Es fuhrt das zuriick
auf Alp - Elf -, auf das Wesen, das in Regsamkeit ist, das im Ent-
stehen, im Werden, im lebendigen Bewegen begriffen ist. Das ist '
vollstandig verlorengegangen fur das a, weil wir nicht mehr alpha
oder aleph sagen.
Wenn man aber aleph oder alpha auf den Menschen anwendet,
dann kann man das a auch wirklich erleben. Und wie erlebt man
das a? Eine Schnecke kann kein aleph sein, kann kein alpha sein.
Ein Fisch konnte schon ein alpha sein, ein aleph. Warum? Weil
der Fisch ein Riickgrat hat und weil das Riickgrat den Ausgangs-
punkt des Werdens in einem solchen Wesen, das ein aleph ist, be-
deutet. Und vom Riickgrat aus gehen die Krafte, die zunachst das
Wesen, das ein alpha ist, umspannen.
Nun fassen Sie das auf. Fassen Sie das Riickgrat so auf, dass vom
Riickgrat strahlig ausgeht dasjenige, was das aleph, das alpha aus-
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macht. Sie wiirden ungefahr so erleben, wenn Sie zunachst daran
denken, dass Sie ja als Mensch zum Beispiel vom Riickgrat nichts
hatten, wenn da nicht die Rippen ausgingen und den Leib gestal-
teten. Und wenn Sie sich die Rippen losgelost und in Bewegung
denken, so haben Sie die Arme. Dann aber haben Sie, wenn Sie
dies ins Auge fassen, auch das eurythmische a. Glauben Sie nicht,
dass derjenige, der der Eurythmie zuschaut, nur diese Gabelung
sieht (s. Zeichnung S. 13, rechts); da konnten Sie ihm auch eine
Schere statt Ihrer Arme entgegenstrecken, oder eine Feuerzange, die
Sie ausspannen. Das konnen Sie aber nicht, sondern Sie miissen ihm
einen Menschen entgegenstellen.
Und der Mensch muss drinnen das alpha, aleph wirklich fuhlen.
Er muss fuhlen: er offnet sich der Welt. Die Welt kommt an ihn
heran, er offnet sich der Welt. Wie offnet man sich der Welt? Man
offnet sich der Welt zum Beispiel am reinsten, wenn man der Welt
in Verwunderung gegeniibersteht. Alle Erkenntnis, sagte der Grie-
che, beginnt mit dem Wunder, mit dem Verwundern. Wenn man
aber der Welt verwundernd gegeniibersteht, bricht man in das a
aus. Und Sie haben, wenn Sie ein eurythmisches a anschlagen, Ihren
astralischen Leib in jene Position versetzt, die durch die Armbewe-
gung oder die Armstreckung, die gabelige Armstreckung ange-
deutet ist.
Und Sie werden unwahr die entsprechende Geste machen, wenn
Sie niemals die Ubung gemacht haben — die Dinge sind ja in friihe-
ren Unterweisungen auch erwahnt worden — , wenn Sie niemals die
Ubung gemacht haben, nun wirklich diese Gabelung der Arme ge-
fuhlsmassig zu erleben. Da muss Empfindung drinnen sein. Sie
miissen eigentlich die Empfindung haben: der a-Laut, der ist eine
Abbreviatur in der Luft oder so irgend etwas Abstraktes gegeniiber
dem Lebendigen, das der Mensch empfindet.
Wenn der Mensch nun — sagen wir — etwas mit halbkreisformig
gebildeten, gestalteten Armen umfangt, da umfangt er es in Liebe.
Wenn er sich offnet in der Gabelung, empfangt er die Welt im
Verwundern. Und dieses Sich- Verwundern mit dem im Leibe selbst,
im Menschenwesen selbst vorhandenen Astralleib, das muss man ein-
mal, und sogar ofter, iibungsmassig gefuhlt, empfunden haben, wenn
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das a wahr werden soil. Also das Zeichenmachen, das ist nicht das
wesentliche, sondem empfinden, dass das nicht anders sein kann —
was einem gewissen inneren Erlebnis entspricht — , als dass die Arme
gabelig der Welt entgegengestellt werden.
Und schreiten Sie fort zu dem e. Es handelt sich darum, dass Sie
das e wirklich fuhlen. Das e fuhlen bedeutet aber schon: sich auf-
recht erhalten gegen etwas.
Bei dem a offnen wir uns bewundernd der Welt. Wir lassen die
Welt an uns herankommen. Wenn wir e empfinden, lassen wir die
Welt nicht einfach an uns herankommen, sondern wir setzen uns
schon etwas zur Wehr, wir stellen uns der Welt gegeniiber. Die
Welt ist da, und wir stellen uns der Welt gegeniiber hin. Daher
ist das e darinnen bestehend, dass wir uns selber beriihren (ge-
kreuzte Hande). Wir beriihren uns selber. «Ich bin auch da gegen-
iiber der Welt» sagen wir, wenn wir e empfinden. Und lernen kon-
nen Sie e, wenn Sie die e-Geste erleben in der Empfindung: Ich bin
auch da gegeniiber der Welt, und will es spiiren, dass ich auch da
bin. Mein eines Glied bringt es an dem anderen zur Empfindung,
dass ich auch da bin.
Nun ware es mir ganz besonders lieb gewesen, wenn sich die
Dinge so entwickelt hatten, dass eben das, was man so die Buch-
staben nennt, gegeben worden ware, und dann innerlich der Drang
dagewesen ware, an den Buchstaben selber diese Empfindungen zu
entwickeln; denn da sassen sie fest. Nun, es ist gewiss auch in
vielen Fallen geschehen, wenn auch nicht in deutlich ausgesproche-
ner Weise, so bei vielen im Unterbewusstsein. Aber das Eurythmie-
lernen muss von diesen Dingen auch ausgehen.
Nehmen Sie das o. Sie bilden, indem Sie die o-Geste machen,
mit den beiden Armen einen Kreis. Sie miissen empfinden bei der
o-Geste, dass Sie nicht das e erleben konnen. In dem e, da stellen
Sie sich hin: ich bin auch da gegeniiber der Welt. Bei dem o gehen
Sie aus sich heraus und schliessen etwas in sich ein* Sie umschliessen
etwas. Bei dem e kommt es darauf an, dass das, was Sie meinen,
draussen ist und Sie drinnen sind, in sich drinnen sind. Bei dem o
kommt es darauf an, dass Sie wachend einschlafen, indem Sie Ihr
ganzes Sein herausspazieren lassen in denjenigen Raum, den Sie
* Vgl. Anmerkung auf Seite 146.
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mit der o-Geste umschliessen. Aber da ist jetzt das andere, was Sie
meinen, auch drinnen, so dass Sie etwa fiihlen konnen, indem Sie
das o erleben: Ich trete an einen Baum heran; ich umschliesse die-
sen Baum mit den Armen, aber ich bin selbst dieser Baum. Ich bin
ein Baumgeist, eine Baumseele geworden. Da ist der Baum; und
weil ich selbst eine Baumseele geworden bin, weil ich eins gewor-
den bin mit dem Baum, mache ich diese Geste. Ich gehe aus mir
heraus. Das, worauf es mir ankommt, ist in meinen Armen. — Das
ist das o-Empfinden.
Das w-Empfinden, das ist: Verbunden sein mit etwas und eigent-
lich weg wollen davon, irgendwo anders hin folgen also der Bewe-
gung, die man macht, aus sich herausgehen, den Weg sich bereiten.
Ich laufe selbst an meinen Armen entlang, indem ich die w-Bewe-
gung mache. Ich bin uberzeugt davon: u = fort, fort, fort; fort in
dieser Richtung*
Sehen Sie, das ist Sprache. Das ist Sprache, die eigentlich fragt:
Wie steht der Mensch zu den Dingen der Welt? Sprache fragt
immer: Wie steht der Mensch zu den Dingen der Welt? Verwun-
dert er sich uber sie? Will er sich ihnen gegenuber aufrecht erhal-
ten? Umfasst er sie? Lauft er vor ihnen davon?
Die Sprache ist immer ein Verhaltnis des Menschen zur Welt.
Musik ist ein Verhaltnis des Menschen als seelisch-geistiger Mensch
zu sich selbst.
Und wenn Sie versuchen, sich so recht hineinzuversetzen in das-
jenige, was man empfinden kann in der eben angedeuteten Weise im
Vokal, sagen wir o, sagen wir u, so ist das eben ein deutliches Her-
ausgehen mit der Seele aus dem Leibe. In der Aussprache driickt
sich das ja auch aus. Denken Sie nur, dass das o seiner Hauptsache
nach vorn an den Lippen gesprochen wird, mit einer deutlichen
Rundung der Lippen: o, und dass das u mit etwas nach auswarts
gestellten Lippen gesprochen wird: u = fort. So dass in der Luft-
gebarde, die die Sprache macht, man schon dieses Herausgehen aus
sich selber im o und u hat.
Das Musikalische aber stellt das genaue Gegenteil des Sprach-
lichen vor. Wenn man im Sprachlichen aus sich herausgeht, ver-
lasst man eben mit seinem astralischen Leib und Ich den physischen
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* Vgl. Anmerkung auf Seite 146.
Leib und Atherleib, wenn auch nur partiell, und wenn man es auch
nicht merkt; aber es ist ein wachendes Einschlafen, wenn man o
oder u sagt, oder wenn man o oder u eurythmisiert. Es ist ein wa-
chendes Einschlafen. Wenn man so aus sich herausgeht im o oder u,
so geht man eigentlich mit dem Seelischen in das seelische Element
hinein. Und indem ich sage: ich gehe im u und im o mit meinem
astralischen Leib aus meinem physischen Leib heraus, spreche ich
sprachlich.
Wenn ich sage: ich gehe mit meiner Seele nun in dem, was ich
erlebe, in mein Geistiges hinein — trotzdem ich herausgehe, gehe
ich hinein in mein Geistiges: das ist gerade das Gegenteil, so wie
ich im Einschlafen auch in mein Geistiges hineingehe und aus
meinem Physischen herausgehe. Wenn ich also sage: ich gehe in
mein Geistiges hinein im o oder im u, dann rede ich musikalisch.
Aber indem ich auf das o oder das u reflektiere, verleugne ich
naturlich das musikalische Reden. Und es handelt sich darum: wel-
ches ist das musikalische Erlebnis bei diesem Herausgehen aus sich
selber, das musikalische Erlebnis, das als Musikalisches entspricht
dem Herausgehen, wie es vorhanden ist beim o oder u ? Dieses
musikalische Erlebnis als Erlebnis, das im o oder u liegt, ist im
umfassenden Sinne das Dur-Erlebnis.
Wenn wir vom Dur-Erlebnis sprechen, so haben wir allerdings
dieses Dur-Erlebnis im o oder im u, nur kann ich nicht sagen, wir
deuten es um, aber wir leben es um in ein sprachliches Erlebnis;
aber wir haben jedesmal das Erlebnis, ob nun gesprochen wird o
oder u, oder ob wir ein Wort, das hauptsachlich o hat oder haupt-
sachlich u hat, also ein Wort, das dominierend o oder u hat, spre-
chen, wir haben, indem wir o oder u sprechen, im Sprechen zu-
grunde liegend ein musikalisches Dur-Erlebnis.
Und wenn wir reflektieren auf das a und auf das e, wo wir ja
an dem Laut-Erleben deutlich wahrnehmen konnen, wir stecken
mit unserem Astralleib im physischen Leib drinnen, ja wir werden
ganz besonders gewahr des physischen Leibes — dann haben wir ein
anderes musikalisches Erlebnis. Aber beachten Sie dieses Gewahr-
werden des physischen Leibes. Wenn Sie ein a aussprechen oder
eurythmisieren, so senken Sie eigentlich, so gut es geht, Ihren astra-
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lischen Leib in Ihren physischen Leib hinein. Das bedeutet Wohl-
befinden. Das ist wirklich so, wie wenn Sie Ihren astralischen Leib
— ich will fiir weniger nuchterne Menschen sagen: wie perlenden
Wein, der durch die Glieder fliesst, empfmden wiirden, fur niich-
terne Menschen wiirde ich sagen: wie Limonade fliesst — , empfinden
wiirden. Also Sie haben tatsachlich in diesem a-Aussprechen etwas,
wie wenn Sie perlendes Nass durch Ihren physischen Leib ergiessen
wiirden. Was tritt aus diesem physischen Leibe zutage? a: es ist das
Wohlbehagen, das Wohlbefinden, welches da zutage tritt.
Nehmen Sie das andere: Sie wollen sich aufrecht erhalten gegen-
iiber der Umgebung, sagen: ich bin auch da. — Da ist es, wie wenn
Sie — sagen wir — sich gegen Kalte schiitzen durch ein schiitzendes
Kleid. Da erhohen Sie die Intensitat Ihres Daseins. Und dieses: ein
anderes empfinden und sich dagegen wehren, das Auf-sich-selbst-
Stellen gegen ein anderes, das ist im e. Aber in beiden Fallen, im
a und im e, ist es ein Ergreifen des physischen Leibes durch den
astralischen Leib.
Dieses selbe Erlebnis lasst sich auch musikalisch erleben. Musi-
kalisch lasst es sich erleben im Moll-Erlebnis im umfassendsten
Sinne. Das Moll-Erlebnis ist immer ein In-sich-Zuriickgehen mit
seinem Seelisch-Geistigen, ein Ergreifen seines Leiblichen durch das
Seelisch-Geistige. Und Sie kommen am leichtesten zu dem, was Sie
gerade in der eurythmischen Geste erleben sollen als den Unter-
schied zwischen dem Dur- und Moll-Erlebnis, wenn Sie das Dur-
Erlebnis sich herausholen, aber lebendig empfindungsgemass, aus
dem o- und w-Erlebnis, und wenn Sie sich das Moll-Erlebnis her-
ausholen, aber wiederum empfindungsgemass, aus dem a- und e-
Erlebnis — nicht aus den Lauten, sondern aus dem Erlebnis.
Sie werden, wenn Sie auf diese Dinge eingehen, schon empfinden
konnen, wie wenig der Mensch eigentlich heute vom Menschen
weiss. Denn man muss schon sagen: in unserer gegenwartigen Welt
ist ja fur alles das ein ausserordentlich geringes Verstandnis. Aber
ohne dieses Verstandnis ist iiberhaupt gar nichts im Produktiven
auf den verschiedensten Gebieten zu machen. Dieses Verstandnis
muss erworben werden, sonst werden wir nie in das Kiinstlerische
unseren ganzen Menschen hineinstellen. Und ein Kiinstlerisches,
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ohne dass sich der ganze Mensch in dieses Kiinstlerische hinein-
stellt, ist eben nichts, ist eine Farce. Ein Kunstlerisches kann nur
bestehen, wenn sich der ganze Mensch in dieses Kiinstlerische hin-
einstellt.
Dann muss man aber die Zusammenhange zwischen Welt und
Mensch auch wirklich empfmden, muss wirklich empfmden, wie die
Sprache uns in ein Verhaltnis zur Aussenwelt, die Musik uns in ein
Verhaltnis zu uns selber bringt; wie daher alle eurythmische Laut-
gebarde sozusagen aus dem Menschen herausgeholt ist, eine in die
aussere Welt versetzte Gebarde ist; wie die Musikgebarde die in
den Menschen zuriicklaufende Gebarde sein muss, wie da alles, was
in der Lauteurythmie hinausgeht, hier in den Menschen hinein-
gehen muss.
Sehen Sie, heute ist alles in der Welt der Gedanken chaotisch zer-
streut. Man iiberschaut nichts lebendig. Aber nehmen Sie einen
Menschen, der — wie man oftmals sagt — sanguinisch ist, der also
stark in dem Ausseren lebt. Ein sanguinischer Mensch, er ist uns
wohlgefallig, das heisst, er gefallt uns eigentlich nur dann, wenn
er o oder u ausspricht. Man hat eigentlich immer einen Essig-
geschmack im Munde, wenn ein sanguinischer Mensch a und e aus-
spricht; es taugt nicht recht. Nur haben die Menschen der Gegen-
wart nicht so lebhafte Empfindungen. Aber deshalb konnen die
Menschen der Gegenwart auch so wenig aus dem Innersten ihres
Wesens heraus schaffen.
Aber nehmen Sie einen melancholischen Menschen: ein melan-
cholischer Mensch, wenn er fur jemanden, der dafur Verstandnis
hat, o oder u ausspricht, ist iiberhaupt eine Karikatur; ein melan-
cholischer Mensch taugt nur etwas, wenn er a oder e ausspricht.
Da haben Sie schon das Himibergehen in die ewige Dur-Stimmung
des sanguinischen Menschen und in die ewige Moll-Stimmung des
melancholischen Menschen.
Aber nehmen Sie einen Menschen, von dem man sagt, er sei
«pumperlgesund». Ein Mensch, der pumperlgesund ist, der ist in
der Dur-Stimmung, und sein astralischer Leib macht zumeist Be-
wegungen, die dem o und u entsprechen. Er geht leicht, das heisst,
er ist eigentlich fortwahrend im u. Er greift alles an, indem es ihm
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gefallt, kann alles aushaken: er ist fortwahrend im u; er ist die
lebendige Dur-Stimmung, die herumgeht.
Nehmen Sie einen kranken Menschen: er ist fortwahrend so, dass
er, ohne sich zu verwundern, durch das Kranksein die a-Stimmung
imitiert, oder die e-Stimmung; die letztere erst recht. Ein kranker
Mensch ist fortwahrend in Moll-Stimmung. Und es ist nicht etwa
eine Metapher oder irgend etwas von einem Gleichnis, wenn man
sagt: Was ist denn das Fieber? Das Fieber ist das in das Physische
umgesetzte a, das der Eurythmist oder derjenige, der das a spricht,
in sich sonst astralisch hervorbringt. Die Moll-Stimmung ins Phy-
sische hinunterprojiziert, Fieber erzeugend, ist derselbe Vorgang
wie der, wenn Sie a aussprechen, nur dass Sie es auf einem hoheren,
seelisch-geistigen Niveau machen. Das a ist immer ein Fieber. Ent-
weder ist es Fieber oder ist es Trane; aber es ist immer etwas, was
der Mensch in sich hervorbringt.
Diese Dinge, empfindungsgemass verstanden, die fuhren erst wie-
derum zur rechten Menschenerkenntnis. Und weil der Mensch teils
gesund, teils krank ist, so greift eben das Entwickeln des strotzig
Gesunden, das in der Kunst zutage treten muss, und das Entwickeln
von heilkraftigen Bewegungen so innig ineinander. Das letztere
ist beim kranken Menschen vorhanden. Es greift das deshalb so
innig ineinander, weil wirklich zugleich Dur und Moll auf einem
hoheren Plane dasselbe sind wie Gesundheit und Krankheit; aber
das Erleben von Gesundheit und Krankheit. Nur muss man nicht
denken, dass, weil Moll die Krankheit ist, dass Moll deshalb etwas
Schlechtes ist oder irgend etwas Untergeordnetes. Im Seelischen
krank sein bedeutet eben immer etwas ganz anderes, als im Phy-
sischen krank sein. Dabei werden wir sehen, dass durchaus in der
Entwicklung von Dur- und Moll-Stimmungen auf eurythmische Art
auch wiederum heileurythmische Wirkungen herauskommen. Aber
so sehen Sie, dass wirklich eine Briicke da ist zwischen der Laut-
eurythmie und der Toneurythmie. Und wenn wir das Vokalische in
der Lauteurythmie richtig erleben, wie ich es dargestellt habe in
dem a und in dem e einerseits, in dem o und in dem u anderseits,
dann bekommen wir eben auch schon die Hinleitung zu dem Moll-
und zu dem Dur-Erlebnis.
20
Aber nun handelt es sich darum, dass wir wirklich das auch ganz
ernst in uns nehmen konnen: das Musikalische mehr nach dem
Innern des Menschen schieben, wahrend wir das Lauteurythmische
mehr vom Menschen abschieben miissen in der Geste.
Und nun stellen Sie sich einmal folgendes vor: Versuchen Sie,
mit dem rechten FUSS moglichst empfindungsgemass vorwarts zu
schreiten;* Sie machen es so, dass Sie mit dem Kopf empfindungs-
gemass ausdriicken: Sie schreiten vorwarts (den Kopf nicht zu weit
zuriick, mehr nach vorne). Da haben wir zunachst die eine Gebarde.
Jetzt machen wir eine zweite Gebarde: Versuchen Sie zu beglei-
ten diese Bewegung, die Sie eben gemacht haben, dadurch, dass Sie
die rechte Hand mit der Hohlseite nach aussen richten und sie mog-
lichst in der Richtung des ausschreitenden Fusses nach vorn bewe-
gen. Jetzt haben Sie eine zweite Gebarde gehabt.
Nehmen wir die erste Gebarde: das Schreiten. Nehmen wir die
zweite Gebarde: die Bewegung. Und jetzt versuchen Sie zu diesem
eine dritte Gebarde dazuzufugen, indem Sie den linken Arm leicht,
wie wenn Sie hinstossen wollten, bewegen (linker Arm leicht den
rechten stossend). Sie schreiten nach vorwarts und gehen mit dem
rechten Arm nach und stossen mit dem linken Arm nach. Nun
haben Sie moglichst radikal eine gewisse Gebarde ausgedriickt. Sie
haben Schreiten, Bewegung, und indem Sie das noch hinzufugen
mit dem linken Arm: Gestaltung; denn wenn Sie da nachkommen
mit dem linken Arm, konnen Sie jetzt das, was Sie in die Bewegung
hineinergossen haben, in dem rechten Arm, in der Bewegung fest-
halten. Also wir haben:
Schreiten,
Bewegung,
Gestaltung.
Hier sind Sie richtig in einer Dreiheit drinnen. Und Sie sind so
in einer Dreiheit drinnen, dass Sie diese Dreiheit tatsachlich emp-
finden konnen. Sie konnen in Ihrem Schreiten eine Andeutung fin-
den des Herausgehens Ihres astralischen Leibes. Sie konnen in dem
Nachfolgen der Bewegung, die Sie mit dem rechten Arm ausfiih-
ren, eine Bekraftigung dieses Herausgehens fuhlen. Und Sie kon-
* Vgl. Anmerkung auf Seite 146.
21
nen in dem, was ich als Gestaltung bezeichnet habe, ein Festhalten
gerade dieser Bewegung empfmden.
Nun, wenn Sie dies, was ich Ihnen jetzt als Gebarde angedeutet
habe, wirklich empfinden, wenn Sie sich hineinlegen in dieses
Schreiten, Bewegen, Gestalten und als Mensch nichts anderes sein
wollen als dieses Schreiten, Bewegen, Gestalten, sich da ganz hin-
einlegen als Mensch, dann haben Sie ein Dreifaches. Und Sie wer-
den leicht empfinden: Das Schreiten ist die Grundlage von allem;
von dem geht es aus. Das Bewegen ist dasjenige, was Sie als Folge
empfinden, was mit dem, was die Grundlage ist, zusammenklingen
muss. Und das Gestalten ist dasjenige, was das Ganze fixiert.
Das alles miissen Sie nun wirklich an sich erleben. Sie konnen
es, indem Sie das anwenden, was als die Tone da ist, in der verschie-
densten Weise erleben; Sie konnen ja die Bewegung unten oder
oben oder in der Mittellage machen. Wenn Sie sie gerade so ma-
chen, dass Sie das c unten haben, dass Sie das e in der Mitte haben,
das Schreiten also vorangehen lassen, die Bewegung in dem e aus-
fiihren und die Gestaltung versuchen in dem g zu geben, dann
haben Sie in diesem Schreiten, Bewegen, Gestalten den Dur-Drei-
klang gegeben. Sie bilden an sich selber den Dur-Dreiklang ganz
sachlich aus, indem Sie wirklich das Erleben des Dur-Dreiklanges
hineinlegen in das, als was Sie sich als Mensch in der Welt dar-
stellen. Gerade so, wie Sie in der lautdarstellenden Gebarde emp-
finden miissen den inneren Gehalt des Lautes, so erleben Sie hier
im Schreiten, Bewegen, in der Gestaltung den Akkord. Das ist zu-
nachst ein Element.
Schreiten: c
Bewegung: e
Gestaltung: g
Nun wollen wir versuchen, mit dem linken FUSS nach riickwarts
zu schreiten und den Kopf folgen zu lassen; und jetzt versuchen
Sie, mit dem linken Arm zu folgen. Mit dem linken Arm folgen
Sie Ihrer riickwarts schreitenden Bewegung, und zwar so, dass Sie
die hohle Hand nach innen haben. Gehen Sie ganz von der Lassig-
keit aus. Jetzt machen Sie das Riickwartsschreiten zugleich mit der
22
Kopfbewegung und mit der Armbewegung (Hand auf der Brust),
und nun versuchen Sie auch die Gestaltung dadurch zu kriegen,
dass Sie mit dem rechten Arm driibergehen. Versuchen Sie das fest-
zuhalten. Aber es muss so sein, dass man wirklich auch das sieht,
dass der linke Arm hier an den Leib herangefuhrt wird, die Hand
gewissermassen an den Leib heran (die linke), und die rechte Hand
nur wiederum an die Hand herangefuhrt wird, also die (linke)
Hand gewissermassen nur wieder festgehalten werden will.
Nun haben Sie hier im Schreiten: c
in der Bewegung: es
und in der Gestaltung: g
gegeben. Sie haben den Moll-Dreiklang damit gegeben, und zwar
so, dass Sie, wenn Sie gerade diese Gesten ins Auge fassen werden
und immer mehr versuchen werden, diese Gesten ins Auge zu fas-
sen, Sie dann darauf kommen werden, dass dieses Grundelement —
Dur-Dreiklang, Moll-Dreiklang — gar nicht anders dargestellt wer-
den kann als so.
Aber dann erst haben Sie die Sache wirklich gefuhlt, wenn Sie
darauf kommen, dass dies gar nicht anders dargestellt werden kann.
Sie konnen versuchen, wie Sie wollen, die Sache auf andere Weise
zu machen; wenn Ihnen eine andere Weise weniger gefallt, so ha-
ben Sie eigentlich erst gefuhlt, was in dem, was wir jetzt eben dar-
gestellt haben, eigentlich drinnen lebt.
Nun sehen Sie, da haben Sie im Grunde erst dasselbe gegeben
fur das Musikalische, was im eurythmischen Vokalisieren fur die
Lauteurythmie gegeben ist. Wenn ich Ihnen sage: Machen Sie ein
a fur die Lauteurythmie, so ist dieses fur die Lauteurythmie dasselbe,
wie wenn ich jetzt*gesagt habe: machen Sie den Dur-Dreiklang,
oder*gesagt habe: machen Sie den Moll-Dreiklang. Das ist erst das
Vokalisieren.
Nun, ich habe bisher eines nicht charakterisiert. Ich habe davon
gesprochen, dass man das allgemeine Dur-Erlebnis im o und im u
haben kann, dass man das allgemeine Moll-Erlebnis — so unwahr-
scheinlich das ist, aber es ist darinnen — im a und im e haben kann.
* Vgl. Anmerkung auf Seite 146.
23
Ich habe nicht davon gesprochen, dass man auch dazwischen etwas
haben kann. Man kann ja den Ubergang haben. Nun versuchen Sie
einmal den Ubergang zu erleben, zum Beispiel vom Verwundern
zum Umfassen im o-Erlebnis, oder umgekehrt, vom Umfassen im
o-Erlebnis zum Verwundern. Da kommen Sie von draussen ins
Innere hinein. Da kommen Sie von dem Heraustreten mit dem
astralischen Leibe zum Untertauchen des astralischen Leibes hinein.
Da kommen Sie von der Krankheit in die Gesundheit, von der Ge-
sundheit in die Krankheit hinein. Das ist das i. Und das i ist immer
dasjenige, was das neutrale Sich-Fiihlen ist zwischen dem Heraussen-
erleben und Drinnenerleben im Verhaltnis zum Leibe. Das i ist
also zwischen a und e auf der einen Seite und o und u auf der
anderen Seite.
Und nun versuchen Sie einmal — Sie konnen sich ja das bis mor-
gen an sich selber deutend iiberlegen -, versuchen Sie einmal, aus
dem Elemente des Moll-Erlebens iiberzugehen zum Dur-Erleben,
indem Sie einfach umdeuten. Sie machen das Moll-Erlebnis, deuten
es jetzt um, indem Sie sich vorstellen, Sie beugen einfach den Kopf
etwas vor — im Moll-Erlebnis ist er nach riickwarts gelegt — , Sie
beugen jetzt den Kopf etwas vor, stellen sich einfach vor, dadurch
wird es schon anders im ganzen Muskelbewegen; statt dass Sie mit
dem linken Bein zuriickgetreten waren, hatten Sie mit dem rechten
Bein auszuschreiten; Sie bringen einfach das, was Sie da vorn haben,
aus Moll in Dur, das heisst, Sie gehen aus dem Dur in Moll oder
aus dem Moll in Dur. Dann entspricht dieser Ubergang im Erleb-
nis dem z'-Erlebnis des Lauteurythmisierens.
Und nun werden Sie schon die interessante Lebensvariante spii-
ren, die da drinnen liegt beim Ubergang von Dur in Moll, wenn
Sie dasjenige wirklich ausfuhren, was ich Ihnen jetzt angedeutet
habe.
Sie sehen also, es handelt sich darum: Indem wir zunachst in
diese Hauptnuancen Dur, Moll und ihren Ubergang eintreten, kom-
men wir in das im Musikalischen dem Vokalisieren Entsprechende
hinein. Und das werden Sie zunachst sich nun auf die Seele legen
miissen, was ich Ihnen als ein erstes Element gesagt habe. Die Ge-
biirde, die Sie gemacht haben fur Dur und Moll, und die Uber-
24
gangsgebiirde von dem einen in das andere, das ist das musikalische
Vokalisieren. Da beginnt es beim Dur und Moll und so weiter.
Das Musikalische tragt ja dann die verschiedenen Elementarstim-
mungen, die dem Vokalischen entsprechen, durch das ganze musi-
kalische Tongebilde, durch Spannungen, Losungen und so weiter.
Und gerade so, wie man von dem vokalisierenden Sprechen in Worte
hineinkommt, so kommt man auch aus dem Ergreifen der musika-
lischen Elementargebilde, wie zunachst des rein akkordmassigen
Dur- und Moll-Dreiklanges, hiniiber in das eurythmische Ergreifen
der musikalischen, der innerlich musikalischen Gebilde.
Morgen um dieselbe Stunde dann die Fortsetzung.
Zu den folgenden Bildtafeln:
Die Bildhauerin Edith Maryon versuchte ira Jahre 1921 eurythmische Gesten plastisch zu
gestalten. Da diese Plastiken das Eurythmische nicht in geeigneter Weise wiederzugeben
vermochten, entwarf Rudolf Steiner die seither bekannten Eurythmiefiguren aus Holz.
Fiir die Herstellung und farbige Gestaltung dieser Figuren zeichnete Rudolf Steiner Vor-
lagen, die im Original erhalten und vollstandig in der Mappe «Entwiirfe zu den Eu-
rythmiefiguren» (Dornach 1984) veroffentlicht sind. Die beiden folgenden Beispiele fiir
Dur- und Moll-Dreiklang sind etwa um V 3 verkleinert.
25
Kopie einer Skizze Rudolf Steiners zur Eurythmiefigur -Dur-Dreiklang» (c-e-g)
Kopie eincr Skizzc Rudolf Steiners zur Eurythmiefigur «Moll-Dreiklang» (c-as-f)
ZWEITER VORTRAG
Domach, 20. Februar 1924
Die Gebdrde des Musikalischen
Die Gebarde, die das musikalische Gebilde auszudriicken hat, soil
eine erlebte Gebarde sein, und sie kann nur eine erlebte Gebarde
sein, wenn das Erlebnis, das zugrunde liegt, erst da ist. Nun wer-
den Sie auf dasjenige, worauf es eigentlich ankommt, kommen,
wenn Sie sich noch einmal vor die Seele riicken, wie der Ton und
die Sprache iiberhaupt im Menschen zustande kommen. Ton und
Sprache, Ton und Laut, hangen schon mit dem ganzen Wesen des
Menschen zusammen. Wenn der Mensch singt oder spricht, so ist
das Erlebnis des Singens oder Sprechens im astralischen Leibe und
im Ich. Nun findet alles, was im astralischen Leibe und im Ich lebt,
in Luft und Warme seine physische Offenbarung. Nehmen wir also
an, der Mensch singt oder spricht. Stellen Sie sich ganz lebendig
das Sprach- oder Tongebilde vor. Rein seelisch lebt das Sprach- oder
Tongebilde im astralischen Leib und im Ich. Sie teilen sich mit
astralischem Leib und Ich der Luft, den Atmungsorganen, dem, was
damit in Zusammenhang steht, mit. Sie teilen sich dieser Luft und
den Atmungsorganen durch den astralischen Leib mit.
Nun aber wissen Sie ja: Wenn irgendein Kbrper zusammenge-
driickt wird, ein luftformiger Kbrper, wird er warmer. Er wird
innerlich warmer. Zusammendriicken bedeutet ein innerliches War-
men. Wenn er sich ausdehnt, verbraucht er ja diese Warme wieder-
um zum Ausdehnen. So dass in der schwingenden, das heisst zu-
sammengedriickten, verdichteten und verdunnten Luft fortwahrende
Warmeunterschiede sind: warm, kalt; warm, kalt; warm, kalt.
Es lauft also in dasjenige, was der Gesangs- oder Lautstrom ist,
das Element der Warme. In diesem Element der Warme lebt das
Ich. Dadurch bekommen auch Gesang und Sprache die Innigkeit.
28
Dasjenige, was den Ton, was den Laut eigentlich innerlich seelisch
macht, kommt dadurch zustande, dass die Warme gewissermassen
auf den Wellen der Luft, die den Ton rein ausserlich bildet, dass
diese Warme auf den Wellen dieser Luft flutet. So ist in der fluten-
den Luft selbst der astralische Leib tatig, und in der Warme, die da
auf den Wellen dieser Luft flutet, ist das Ich. Und der astralische
Leib und das Ich, die sind sonst nicht nur in der Luft und Warme,
sondern sie sind auch in dem flussigen und in dem festen Elemente
des Menschenleibes. Da ziehen sie sich teilweise heraus, wenn der
Mensch spricht oder singt, und beschranken sich auf Luft und
Warme. So dass in der Tat Singen und Sprechen ein Herausgehen
des astralischen Leibes und des Ich sind von dem eigentlichen Ge-
fiige der menschlichen Leiblichkeit; nur dass sie nicht wie beim
Schlafe ganz herausgehen, sondern eben teilweise herausgehen, nam-
lich aus dem festen und flussigen Element des menschlichen Leibes,
die dann zuriickbleiben. Daraus aber ersehen Sie, dass im ganzen
menschlichen Leibe etwas geschieht, wenn der Mensch singt oder
spricht.
Nun versuchen wir einmal, uns zu vergegenwartigen, wodurch
der Mensch etwas weiss von dem, was da vorgeht. Nicht wahr, er
erregt das Gesungene und das Gesprochene durch seinen Kehlkopf
und durch das, was mit dem Kehlkopfe zusammenhangt. Er nimmt
wahr durch das Ohr. Es sind zwei Organe, die stark nach der Aus-
senseite des Korpers zu liegen. In diese Organe ist das Gefiihl aus-
gegossen. Es ist in den Sinnen das eigentlich tatige, das seelisch
tatige Fiihlen. Mit dem Auge fuhlen wir, mit dem Ohr fuhlen wir.
Aber es ist das Gefuhl auch das Erregende im Kehlkopf und seinen
Nachbarorganen. Gefuhl arbeitet da. Die Vorstellung wird nur in
das Gefuhl hineingestossen. Gefuhl arbeitet da. Es spezialisiert sich
der Mensch gewissermassen in Ohr- und Sprach- und Gesangs-
organ, wenn er singt oder das Gesungene aufnimmt, oder wenn er
spricht und das Gesprochene aufnimmt. Daher bleiben die eigent-
lichen Erlebnisse in Ohr und Kehlkopf, kommen nicht zum Be-
wusstsein des Menschen.
Nun kann der Mensch fur alles, was er durch irgendein Sinnes-
organ erfasst, oder was er durch ein Sprachorgan ausdriickt, fur alles
29
das kann er auch den ganzen Leib verwenden, sein ganzes Men-
schenwesen. In der eurythmischen Gebarde wird einfach der ganze
Mensch Sinnesorgan. Und das Gesamtfuhlen, das den Korper durch-
wellt und durchbebt, wird Erregung und Wahrnehmungsorgan -
das Gesamtfuhlen mit dem Werkzeug der menschlichen Wesenheit
selber. Und so muss dasjenige, was sonst nur Erlebnis des Ohres
oder Erlebnis des Kehlkopfes ist, Gesamterlebnis des Menschen
werden. Wird es Gesamterlebnis des Menschen, dann wird es in
ganz selbstverstandlicher Weise zur Gebarde. Begreift man erst das
Erlebnis, erfasst man das Erlebnis, dann wird das Erlebnis zur Ge-
barde. Machen wir uns das an einigen Beispielen klar. Nehmen
wir zunachst einmal den Ton als solchen, und zwar, damit wir
einen Ausgangspunkt haben, nehmen wir irgendeinen Ton als
Grundton.
Der Zusammenhang des Tones mit dem Gefiihl, der kann Ihnen
ja daraus hervorgehen, dass das dem Menschen untergeordnete Tier
in den Ton ausbricht, entweder aus Wohlbehagen, aus irgendeiner
Lust oder aus irgendeinem Schmerz. Lust, Wohlbehagen, Schmerz
sind aber Gefiihlserlebnisse. Zuletzt entsteht auch im Menschen
kein Ton anders, als dass er aus solchen Untergriinden heraus-
kommt. Der Mensch erregt in sich, wenn er eine Lust, ein Wohl-
behagen empfindet, den Ton. Warum? Warum erregt der Mensch
den Ton ? Er konnte auch still bleiben, konnte man sagen. Warum
erregt der Mensch den Ton, wenn er in Lust verfallt?
Was heisst denn das: in Lust verfallen? In Lust verfallen heisst
eigentlich, sich an die Umgebung verlieren. Alles, was Lust macht,
ist eigentlich ein Sichverlieren des Menschen. Und alles, was
Schmerz macht, ist ein zu starkes Sichgewahrwerden. Man findet
sich zuviel, wenn man Schmerz hat. Denken Sie nur, wieviel starker
Sie bei sich sind, wenn Sie krank sind und irgendeinen Schmerz
haben, als wenn der ganze Leib schmerzlos dasteht. Sie sind zuviel
bei sich, Sie haben sich zuviel gefunden im Schmerz, und Sie sind
im Verlieren oder verlieren sich ganz in der Lust. Das harmonische
Empfinden des Menschen bildet die Gleichgewichtslage zwischen
Lust und Schmerz, weder das Aufgehen in Lust noch das Aufgehen
in Schmerz.
30
Warum erregt der Mensch nun den Ton bei Lust oder Schmerz
oder bei anderen Gefiihlsnuancen, die aber alle irgendwie auf Lust
und Leid zuruckzufuhren sind, warum erregt der Mensch den Ton ?
Er erregt den Ton, wenn er sich in der Lust verlieren will, damit er
sich behalt. Im Ton behalt er sich; sonst ginge ihm der ganze astra-
lische Leib fort, und das Ich, in der Lust. Wenn er den Ton erregt,
da erhalt er sich. Alle Erscheinungen, bei denen von lebendigen
Wesen der Ton kommt, sind eigentlich darauf beruhend. Der Mond
hat eine starke Wirkung auf verschiedene Wesen, zum Beispiel auf
den Hund. Er droht ihm seinen astralischen Leib zu entreissen. Des-
halb bellt der Hund den Mond an, weil er dadurch seinen Astral-
leib befestigt in sich. Und wenn der Mensch irgendeinen Ton fur
sich — und jeder Ton fur sich kann ja ein Grundton sein — , wenn
der Mensch irgendeinen Ton fur sich erregt, so bedeutet das, dass
er sich gegeniiber dem Verlieren-in-der-Lust halt. Fest halt er seinen
astralischen Leib. Und wenn Ich und astralischer Leib in Schmerz
versinken, dann sucht sich der Mensch, indem er den Ton erregt
oder den Laut erregt, wiederum in der richtigen Weise, weil er sich
zu stark gefunden hat, sich selber zu entreissen. In dem Klageton,
in dem Mollton versucht sich der Mensch sich selber zu entreissen,
weil er sich zu stark gefunden hat.
Aber indem man so etwas ausspricht — denken Sie doch nur — ,
spricht man ja schon Gebarde aus. Man braucht gar nicht irgendwie
kiinstlich etwas zu deuten, man spricht da schon Gebarde aus. Man
braucht nur zu verstehen, was da geschieht, und man spricht schon
Gebarde aus. Wenn ich sage: Ich sitze zu tief in mir, ich muss mich
mir selbst entreissen — ja, es ist ganz zweifellos, dass irgendeine
Gebarde, welche von mir abgeht, eine naturliche Gebarde ist. Die
driickt dasjenige aus, was Erlebnis ist. So dass Verstehen eines sol-
chen Erlebnisses schon bedeutet die Gebarde. Denn man kann gar
nicht anders, als wenn man das Erlebnis beschreibt, schon die Ge-
barde zu beschreiben. Daher ist eben Eurythmie nicht etwas Will-
kiirliches, sondern sie ist nichts anderes als die Offenbarung des
Erlebnisses.
Nun aber nehmen wir dies, dass der Mensch in Lust und Leid,
sagen wir, den Ton erregt hat, den wir nun als Grundton ansehen.
31
Der Mensch ist da in einer nicht fertigen Stimmung; es kann ja
nicht so bleiben, sonst miisste der Mensch fortwahrend den Grund-
ton singen oder einen Laut sprechen. Er konnte gar nicht wieder
aufhoren, wenn er Lust empfindet, den Ton erregt, wenn nicht
durch den Ton selbst eine Beruhigung eintreten wurde. Er miisste
ja immerfort den Ton halten. Der Mensch schreit in die Welt hin-
aus wegen Lust oder Leid. Und da ist ein unfertiger Zustand des
menschlichen Erlebens, eine unfertige Seelenverfassung fur das
menschliche Erleben.
Nehmen Sie nun an, er geht von dem Grundton zur Oktave.
Wenn er vom Grundton zur Oktave geht, dann fallt die Oktave
einfach in den Grundton hinein. Es ist so, wie wenn Sie die Hand
ausstrecken und an einen Gegenstand kommen. Durch die iiussere
Beriihrung erganzt sich dasjenige, was Sie gewissermassen als Be-
gehren nach aussen geltend machen. Und so kommt Ihnen aus der
Welt die Oktave entgegen, um die Prim in sich zu beruhigen. Und
dasjenige, was unfertig war, wird fertig. Es kommt wiederum eine
Ganzheit zustande, wenn zur Prim die Oktave hinzukommt. Und
Sie werden sehen, wie sich die Gebarden uns in diesen Stunden von
selbst ergeben, wenn wir zuerst darauf dringen, dass nun wirklich
ein Verstandnis vorliegt fur dasjenige, was das Erlebnis ist.
Nehmen wir die Quinte — die Quinte, die also mit dem Grund-
ton sich irgendwie vereinigt. Da handelt es sich darum, dass man sich
so recht das Erlebnis der Quinte verschafft. Die Quinte hat das Eigen-
tumliche, dass der Mensch, wenn er den Grundton, die Quinte als In-
tervall hat, sich als fertiger Mensch fiihlt. Die Quinte ist der Mensch.
Solche Dinge kann man natiirlich nur gefuhlsmassig aussprechen,
aber die Quinte ist der Mensch. Es ist gerade so, wie wenn der
Mensch innerlich bis an seine Haut ginge, seine Haut erfassen
wurde und sich da abschliessen wurde. Die Quinte ist die den Men-
schen begrenzende Haut. Und niemals kann sich der Mensch so
stark als Mensch fiihlen in Tonen, als indem er die Quinte erlebt
im Zusammenhange mit dem Grundton. Vielleicht wird Ihnen das,
was ich jetzt sage, gerade durch die folgende Betrachtung leichter.
Vergleichen Sie einmal mit dem Quinten-Erlebnis das Septimen-
Erlebnis und das Terzen-Erlebnis.
32
Das Septimen-Erlebnis, die Septimen-Akkorde oder auch -Folgen
sind diejenigen Klanggebilde, die insbesondere in der alten atlan-
tischen Welt die Menschen geiibt haben und an denen sie sich
geletzt haben, die fur sie entziickend waren. Warum? Weil in der
alten atlantischen Zeit die Menschen noch ein gutes Erlebnis vom
Herausgehen aus sich hatten. Bei der Septime kommt man namlich
aus sich heraus. Bei der Quinte geht man bis an seine Haut. Bei der
Septime geht man aus sich heraus, man verlasst sich bei der Sep-
time. Die Septime ist als solche auch durchaus keine Beruhigung.
Ich mochte sagen, wenn man im Grundton schreit, weil einem etwas
weh tut, und fiigt die Septime dazu, so schreit man wiederum iiber
das Schreien, um vom Schreien wiederum loszukommen. Man ist
ganz aus sich heraus. Wahrend die Quinte an der Oberflache der
Haut erlebt wird, der Mensch sich als Mensch fuhlt, fuhlt sich
der Mensch wie die Haut durchsetzend und in seiner Umgebung
bei der Septime. Er geht aus sich heraus, fuhlt sich in seiner Um-
gebung.
Bei der Terz ist es so, dass der Mensch deutlich das Gefuhl hat:
da geht er nicht bis zu seiner Haut, da bleibt er in sich. Das Terzen-
Erlebnis ist ein sehr innerliches. Man weiss, dasjenige, was man mit
der Terz abmacht, macht man mit sich selber ab. Versuchen Sie nur
einmal, wie fremdartig das Quinten-Erlebnis schon ist gegeniiber
dem Terzen-Erlebnis. Das Terzen-Erlebnis ist ein intimes, das man
mit sich in seinem Herzen abmacht. Das Quinten-Erlebnis ist ein
Erlebnis, wovon man das Gefuhl hat: das sehen die anderen Men-
schen mit, wenn man es erlebt, weil man eben bis zu seiner Haut
geht. Diese Dinge lassen sich eben nur gefuhlsmassig erleben. Und
beim Septimen-Erlebnis ist man ausser sich.
Und jetzt erinnern Sie sich an dasjenige, was ich gestern gesagt
habe. Der Grundton wurde gebardenhaft charakterisiert durch das
Schreiten. Das ist die Position. Die Terz wurde charakterisiert durch
das entweder Begleitende oder Folgende in einem Arm, der das In-
Bewegung-Kommen andeutet, aber den man so gebraucht in der
Gebarde, dass man mitgeht; aber mitgeht so, wenn es sich um die
grosse Terz zum Beispiel handelt, dass man drinnen bleibt in seinem
Arm. Man bleibt drinnen. Die Quinte habe ich Ihnen dadurch cha-
33
rakterisiert, dass man gestaltet. Man kommt wieder zuriick, so wie
die Haut den Menschen ringsherum gestaltet.
Sie haben also in dem Dreiklang, ganz gleich, ob es der Dur-
oder Moll-Dreiklang ist, erstens
Innere Erregung: Schreiten
In sich bleiben: Bewegung
Nach aussen abschliessen: Gestaltung.
Nun handelt es sich darum: Wenn Sie deutlich das In-sich-
Bleiben bei der Terz ausdriicken wollen, so konnen Sie die Bewe-
gung variieren, und Sie konnen dann, indem Sie den Arm meinet-
willen vorstrecken, um die Bewegung zu variieren, ihn ausserdem
noch in der Weise, dass die Bewegung die Richtung beibehalt, in
dieser Art bewegen (rechter Arm gestreckt, Hand auf- und ab-
bewegt). Jetzt sind Sie in sich. So dass Sie das Terzen-Intervall sehr
gut zum Ausdruck bringen, wenn Sie erstens die Position einneh-
men, die Bewegung machen, aber in der Bewegung weiterbewegen.
Nun haben Sie Innerlichkeit.
Nehmen Sie an, Sie haben es mit der grossen Terz zu tun. Dann
werden Sie die Innerlichkeit dadurch ausdriicken, dass Sie mit dem
Arm von sich weggehen (hinaus). Driicken Sie die kleine Terz aus,
so bleiben Sie mehr in sich, Sie weisen mit dem Arm auf sich zu-
riick (nach innen). Und Sie haben eine Gebarde, die absolut das
Terzen-Erlebnis darstellt.
Wenn Sie das Erlebnis haben wollen, dann mussen Sie die ent-
sprechende Gebarde immer wieder machen und versuchen zu sehen,
wie aus der Gebarde eigentlich die entsprechenden Intervall-Erleb-
nisse stromen, wie sie dadrinnen sind. Dann wird Ihnen zusammen-
wachsen das entsprechende Erlebnis mit Ihrer Gebarde, und dann
erst haben Sie dasjenige, was die Sache kiinstlerisch macht, wenn
Ihnen die entsprechende Gebarde zusammenwachst mit den Erleb-
nissen. Dadurch wird erst die Sache kiinstlerisch.
Ganz besonders anschaulich konnen Sie sich das machen, wenn
Sie das Septimen-Erlebnis nehmen. Beim Septimen-Erlebnis wird es
sich darum handeln, dass Sie aus sich herauskommen, denn es ist
34
ein Aus-sich-Herauskommen. Es muss irgendwie die Gebarde ver-
raten, dass Sie aus sich herauskommen (Armstrecken, Hand schiit-
telnd drehen, schlenkern). Sie haben eine Bewegung, der Sie nicht
folgen, sondern wo Sie gewissermassen die Hand schlenkern lassen,
als den natiirlichen Ausdruck des Septimen-Erlebnisses. Und wenn
Sie nun das Quinten-Erlebnis vergleichen mit dem Septimen-Erleb-
nis, so werden Sie bei der Quinte die Notwendigkeit haben, abzu-
schliessen, zu gestalten, gewissermassen die Gebarde des Umschlies-
sens zu machen. Bei dem Septimen-Erlebnis konnen Sie das nicht
haben, denn das Septimen-Erlebnis ist so, wie wenn Ihnen iiber-
haupt im Erleben die Haut wegginge, und Sie so als eine Art ge-
schundener Marsyas dastanden. Die Haut fliegt Ihnen weg, und die
ganze Seele geht in die Umgebung hinein. Wollen Sie also zuhilfe-
kommen dem Septimen-Erlebnis mit dem anderen Arm, so konnen
Sie das naturlich auch, denn es handelt sich ja niemals darum,
irgend etwas schematisch pedantisch festzuhalten. Dann aber wiir-
den Sie das Septimen-Erlebnis, indem Sie es so machen, mit der
anderen Hand irgendwie andeuten. Naturlich muss das schon ge-
macht werden.
Damit haben Sie dann gerade erlebt, wenn Sie in dieser Weise
in die Sache hineingehen, wie nun wiederum das Erlebnis selber zur
Gebarde wird. Und nur dadurch kann Eurythmie gedeihen, dass
das Erlebnis selber zur Gebarde wird. Es muss also ein Eurythmist
eigentlich in einer gewissen Beziehung doch eine Art neuer Mensch
werden gegeniiber dem, was er fruher war. Denn im allgemeinen
haben wir dadurch, dass wir sprechen und singen, ein gewisses Auf-
merksamsein auf dasjenige herbeigefuhrt, was wir eigentlich ge-
biirdenhaft wollen. Wir leiten dasjenige, was wir gebardenhaft wol-
len, in Sprache und Gesang hinein. Wenn wir es wieder heraus-
holen, dann entsteht eben die Gebarde. Und es miisste fur einen
Berufseurythmisten — wenn ich das philistrose Wort gebrauchen
darf — eigentlich so sein, dass er es als naturgemass empfindet, alles
zu iibersetzen ins Gebardenhafte, und dass er das Gefiihl hat, er
muss sich massigen, zahmen, wenn er als gewohnlicher Mensch
unter gesitteten Menschen herumgeht und nicht ihnen alles mog-
liche voreurythmisieren kann. Nicht wahr, wie es eine malerische
35
Natur juckt, wenn irgend etwas da ist, und das Betreffende nicht
gemalt werden kann — also eine malerische Natur mochte eigent-
lich alles malen, kann es nur nicht immer, muss sich zuriickhal-
ten — , so ist auch ein Eurythmist, der miide ist, eigentlich etwas
Schreckliches. Denn der Eurythmist kann nicht die Miidigkeit als
etwas Naturgemasses offenbaren. Ein Eurythmist, der sich wahrend
des Probens hinsetzt und miide ist, das ist etwas Fiirchterliches, weil
das gerade so ist, nicht wahr, als wenn der Mensch plotzlich erstar-
ren wiirde, als wenn er Starrkrampf kriegte. Wenn ich manchmal
so Eurythmieproben angesehen habe da oder dort — ich glaube, in
Dornach kommt es nie vor, aber es ist schon da oder dort vorge-
kommen — , wenn irgendeine kleine Pause kommt, da setzen sich
solche Eurythmisten hin. Ich glaube, ich werde ganz blass dann,
weil mir das Blut erstarrt von diesem ganz unmoglichen Anblick
einer miiden Eurythmistin. Das gibt es nicht! Natiirlich gibt es das
im Leben doch, das sind Widerspriiche; aber man muss diese fiih-
len, dass es so ist. Ich sage also nicht: Sie sollen sich nicht hinset-
zen, wenn Sie miide sind; aber ich sage: Sie sollen sich dann als
Karikatur eines Eurythmisten fiihlen!
Solche Dinge sagt man, um eben den Grundton des Kiinstle-
rischen in die Sache hineinzubringen, denn das Kiinstlerische muss
auf Stimmung, muss auf demjenigen beruhen, was als ein Zug
durch das Ganze durchgeht. Und insbesondere eine solche Kunst,
wo der Mensch so ganz darinnenliegt, wie die Eurythmie es ist,
kann gar nicht gedeihen, wenn sie nicht in Stimmung gedeiht,
wenn nicht die Stimmung durch alles durchgeht.
Wenn Sie das durchempfinden, dann werden Sie einfach das
Eurythmisieren wie Sprechen und Singen wirklich empfinden. Aber
Sie miissen sich bequemen, gerade so, wie in der Sprache die Laut-
erlebnisse, so die Gesangserlebnisse fur das Eurythmisieren wirklich
zu haben. Es ist schon richtig, der Eurythmist muss in einem viel
volleren Sinne das Musikalische erleben als etwa der Sanger. Beim
Sanger kommt es darauf an, dass er in den Ton hineinkommt, ihn
hat, horen kann und da eigentlich in etwas lebt, wo ihm der Kor-
per ausserordentlich stark zu Hilfe kommt. Beim Eurythmisten
kommt der Kbrper nicht zu Hilfe; da muss die Seele dieses Ein-
36
schnappen in der Gebarde haben, was sonst die Sinne oder der
Kehlkopf beim Singen und Sprechen tun.
Ich muss schon diese etwas langere Einleitung dem Ausdriicken
der einzelnen Gebarden vorangehen lassen, weil dieses fur die Ge-
samtempfindung des Eurythmischen von ganz besonderer Wichtig-
keit ist. Das Eurythmische wird nicht verstanden werden, wenn
man nicht in intensiver Weise auf solche Dinge eingeht. Es muss
auch durchaus dasjenige von dem Eurythmisten verstanden werden,
was ich ja oftmals in Einleitungen zur Eurythmie und dergleichen
betonte, was aber im Grunde genommen wirklich in der Gegen-
wart kaum richtig erfasst wird. Ich sage oftmals: Der Prosa-Gehalt
der Worte macht eigentlich nicht das Poetische, das Kiinstlerisch-
Poetische aus. Es gibt heute Leute, die lesen ein Gedicht wie einen
Prosa-Inhalt. Da haben sie ja das Gedicht nicht. Der Prosa-Inhalt
ist nicht das Gedicht. Das Gedicht ist dasjenige, was an der Dich-
tung musikalisch oder plastisch oder malerisch ist, also dasjenige,
was im Melodios-Thematischen, was im Rhythmus, im Takt und
so weiter lebt. Will man in der Dichtung dasjenige ausdriicken,
was ausgedriickt werden soil, so soil man ein starkes Bewusstsein
davon haben, dass man die Worte nicht wegen ihres Inhaltes
gebraucht, sondern dass man die Worte aneinander reiht wegen
des Taktes, wegen des Rhythmus, wegen des Melodios-Thema-
tischen oder wegen des Malerischen in der Lautbildung und der-
gleichen.
Man muss also um eine Stufe weiter weggehen von dem, was
die Sprache ist ihrem Inhalte nach. Ihrem Inhalte nach ist die
Sprache unkunstlerisch. Sie ist fur die Prosa da. Diese ist das Un-
kiinstlerische an sich in der Sprache. Erst die gestaltete Sprache und
die Gestaltung in der Sprache machen das Kunstlerische aus.
Das, was man so fur die Sprache zu sagen hat, ist ja natiirlich fur
den Gesang das ganz Selbstverstandliche. Aber dass unsere Zeit fur
das eigentlich Kunstlerische nichts Besonderes ubrig hat, das ist ja
dadurch hervorgetreten, dass auch im Musikalischen in der neueren
Zeit die Tendenz aufgetaucht ist, nicht die Musik sich selber aus-
driicken zu lassen, nicht das Tongebilde hinzunehmen, sondern
durch das Tongebilde irgend etwas anderes auszudriicken.
37
Nicht wahr, Sie miissen mich nicht missverstehen, ich will nicht
etwa hier Anti-Wagnerei treiben. Ich habe ja oftmals die Kultur-
erscheinung Richard Wagners geniigend hervorgehoben, aber nicht
aus dem Grunde, weil ich Wagnersche Musik fiir Musik anschaue,
wenigstens nicht fiir «musikalische Musik», sondern weil ich nach
den Forderungen der gegenwartigen Zeit auch «unmusikalische
Musik» gelten lassen will, weil es mir natiirlich ist, dass in unserer
Zeit auch unmusikalische Musik auftreten kann. Wagnersche Musik
ist namlich im Grunde genommen unmusikalische Musik. Und in
einer solchen Zeit ist es eben notig, wenn nun Musik auch Gebarde
werden soil, wenn das Musikerlebnis Gebarde werden soil, auf das
Musikerlebnis als solches hinzuweisen, hinzuweisen darauf, wie die
Terz Innerlichkeit darstellt, wie die Quinte Abschluss darstellt, wie
die Septime Herausgehen aus sich selber darstellt. Und worauf be-
ruht denn das innig Befriedigende der Oktave? Das innig Befrie-
digende der Oktave beruht darauf, dass — ich mochte sagen — man
der Gefahr entkommt, die in der Septime liegt. Man entkommt der
Gefahr, die in der Septime liegt, und findet sich wiederum draussen.
Es ist wirklich mit der Oktave so, als wenn man erst — bei der
Septime — ein geschundener Marsyas geworden ware, ohne Haut
dastunde, die Seele einem herausginge, die Haut fortfloge und los-
gekommen sei; aber nun fuhlt man bei der Oktave: man ist schon
entblosst von seiner Haut, aber sie kommt, kommt zuriick, man
wird sie gleich haben, sie ist im Zuriickkommen, sie ist im Anziehen
und dazu noch ausserhalb von einem. Man ist sogar um ein Stuck
grosser geworden, man ist voller, weiter geworden. In der Oktave ist
es einem, als ob man wachsen wiirde, wahrend man sie erlebt.
Daher wird sich die Gebarde des Oktaven-Erlebnisses so ergeben,
dass man natiirlich nicht das Septimen-Erlebnis hat, sondern dass
man gerade im Oktaven-Erlebnis die Umkehrung der vollen Hand
ausser sich durchmacht. Das Oktaven-Intervall wird so gemacht:
(Hand nach aussen und umkehren). Sie konnen natiirlich, wenn Sie
das Intervall voll ausdriicken wollen, es auch so machen (in der-
selben Weise ausfuhren mit beiden Armen und Handen). Es ist bei
diesen Dingen ja selbstverstandlich, dass man sie viel iiben muss,
damit sie einem ganz natiirlich werden. Und so, wie der Musiker
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eigentlich die Erzeugung der Tone in die Finger hineinkriegen
muss, so muss der Eurythmist in seinen ganzen Leib die entspre-
chenden Gebarden hineinbekommen.
Daher ist es eigentlich eine Notwendigkeit, dass gerade die ele-
mentarsten Sachen von den Eurythmisten immer wieder und wie-
der geiibt werden, damit diese Elementargebarden, wie ich sie zum
Beispiel jetzt andeute, wie wir sie in den nachsten Tagen immer
weiter ausfuhren werden, Selbstverstandlichkeiten werden, an die
man dann nicht mehr zu denken braucht, geradeso, wie wir nicht
an den Buchstaben denken, wenn wir ein Wort aussprechen, wir
denken nicht daran. Zum Beispiel bei Brief; «Brief» sagen wir, und
konnen dies Aussprechen der Buchstaben wie von selbst. So miis-
sen wir diese Gebarde fur ein Intervall, fur einen Dreiklang und so
weiter als etwas selbstverstandlich aus uns Kommendes haben. Sie
werden sehen, dann ergibt sich alles Ubrige in einer leichten Weise.
TJberhaupt werden Sie dadurch immer mehr und mehr begreifen,
wie das Erlebnis in die Gebarde iibergeht.
Nehmen Sie, um dies zu erfassen, nur einmal den Unterschied —
sagen wir — zwischen Konsonanzen und Dissonanzen. Nicht wahr,
unter den Dreiklangen haben wir konsonierende, dissonierende;
Vierklange sind eigentlich immer dissonierend.
Nun werden sie gerade gestern an den Gebarden fur die Drei-
klange gesehen haben, dass man schon den ganzen Menschen zu
Hilfe nimmt, um das Erlebnis des Dreiklanges zur Offenbarung zu
bringen. Zunachst hat man dasjenige, was ich das Schreiten genannt
habe. Das Schreiten ist im wesentlichen mit dem einen Bein gege-
ben. Sie haben die Bewegung mit dem einen Arm, die Gestaltung
mit dem anderen Arm, wenn Sie gerade den Dur- oder Moll-Drei-
klang haben. Sie konnen sagen: mehr habe ich schon nicht. Ja, Sie
haben aber doch zwei Beine, so dass Sie also schon Vierklange zu-
stande kriegen konnen. Nur werden Sie sagen: ich kann doch nicht
zugleich vorwarts und riickwarts schreiten, mit einem Bein nach
vorwarts und mit dem anderen nach riickwarts. Das konnen Sie
aber doch, indem Sie hiipfen.
Sie sehen, es ergibt sich auf naturgemasse Weise. Sie konnen gar
nicht anders, um einen Vierklang darzustellen, als etwas hiipfen,
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das eine Bein nach vorwarts, das andere nach riickwarts bewegen.
Auf diese Weise werden Sie den Vierklang darstellen.
Aber denken Sie einmal, was da wird. Es wiirde Ihnen nicht
leicht gelingen — ausserdem wiirde es nicht schon ausschauen — ,
aber es wiirde Ihnen auch gar nicht leicht gelingen, dass Sie hiip-
fen, ohne die Knie etwas zu beugen. Mit ganz steifen Beinen wer-
den Sie nicht gut hiipfen konnen. Es wiirde auch nicht gut aus-
schauen. Sie mussen also die Knie etwas beugen, wenn Sie hiipfen
wollen, so dass Sie in dieser notwendigen Gebarde des Hiipfens,
die beim Vierklang auftreten muss, — weil Sie beim Vierklang hiip-
fen mussen, einfach durch die Natur Ihres Leibes und sein Verhalt-
nis zur Umwelt, — im Beugen der Knie die Gebarde fur die Disso-
nanz haben. Sie haben die selbstverstandliche Gebarde fur die Dis-
sonanz, indem Sie die Knie beugen im Hiipfen.
Daraus aber ergibt sich wieder etwas anderes. Daraus ergibt sich,
wenn Sie einen dissonierenden Dreiklang haben, dass Sie das
noch weiter beniitzen. Haben Sie einen konsonierenden Dreiklang,
schreiten Sie hin, vorwarts; haben Sie einen dissonierenden Drei-
klang, beugen Sie ausserdem noch. Da haben Sie es nicht notig, zu
beugen, wie beim Springen, aber Sie konnen beugen. Sie driicken
also das im dissonierenden Dreiklang aus, indem Sie beugend schrei-
ten. Und Sie konnen das ablesen davon, dass Sie beim Vierklang,
der immer dissoniert, gar nicht anders konnen, als den Sprung, den
Sie ausfiihren mussen, um beide Beine in Bewegung zu bringen,
weil Sie ja eben sonst nicht vier Organe haben, durch die Sie einen
Vierklang zustande bringen konnen, als den Sprung mit Beugen
auszufiihren. Aber da haben Sie das Beugen als Ausdruck der Dis-
sonanz drinnen.
Es ist nun von ungeheurer innerer Lebendigkeit begleitet, wenn
Sie gerade so, wie der Musiker auch seine Ubungen machen muss,
tatsachlich konsonierende und dissonierende Klange abwechseln
lassen, von einem in die anderen iibergehend, um einfach den Wan-
del in der Stimmung, den Wandel im Erleben an sich selber, an
Ihrer Gebarde durchzumachen.
Wenn Sie das alles nehmen, was ich Ihnen nun gesagt habe, dann
stellt sich als ganz besonders interessant das Quarten-Erlebnis her-
40
aus. Bei der Terz sind wir intim in uns. Bei der Quint kommen wir
gerade an unserer Leibesgrenze an. Die Quart liegt zwischendrin-
nen. Und die Quart hat schon dieses grossartig Eigentumliche, dass
der Mensch sich innerlich in der Quart erlebt, aber sich nicht so
intim erlebt wie in der Terz. Aber er geht auch nicht einmal bis
an seine Oberflache. Er erlebt sich unter seiner Oberflache. Er
bleibt gewissermassen ein Stuckchen unter seiner Oberflache in sich
zuriick. Er sondert sich von der Umwelt ab, schafft sich in sich. Er
gestaltet sich nicht wie bei der Quinte, so dass ihn die Aussenwelt
zur Gestaltung mitzwingt, sondern er gestaltet sich nach seinen
eigenen seelischen Bedurfnissen. Das Quarten-Erlebnis ist tatsach-
lich dasjenige, wo der Mensch sich durch seine eigene innere Macht
als Mensch fuhlt, wahrend er sich durch das Quinten-Erlebnis durch
die Welt als ein Mensch fuhlt. In der Quart sagt man sich: Du bist
eigentlich zu gross; du durchfuhlst dich nicht, weil du so gross
bist. Du machst dich etwas kleiner, und doch so bedeutend, wie du
in der Grosse bist. — Man macht in der Quart einen angenehmen
Zwerg aus sich selber. Und so ergibt sich Ihnen fur die Quart not-
wendig ein sehr starkes Sich-auf-sich-Beziehen. Sie konnen es er-
reichen, wenn Sie nicht wie bei der Terz bloss herausgehen oder auf
sich zuriickgehen, sondern wenn Sie bei der Quart scharf die Finger
zusammennehmen, gewissermassen Ihre Hand in sich selber ver-
starken. Sie bekommen auf diese Weise den Ausdruck, die Offen-
barung des Quarten-Erlebnisses.
Das sind die Dinge, die schon notwendig waren vor dem wei-
teren Eingehen auf die Gebarde des Musikalischen, weil, ohne dass
die Dinge erlebt werden, eben keine richtig kiinstlerischen Gebar-
den zustande kommen. Ich glaube, Sie haben eigentlich recht viel
zu tun, wenn Sie diese Einzelheiten verarbeiten. Es wird gut sein,
nicht zuviel an Gebarden in der einen Stunde zu geben, weil die
Dinge eben verarbeitet werden sollen. So werden wir also morgen
fortsetzen.
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DRITTER VORTRAG
Dornach, 2 1 . Februar 1 924
Die Aufldsung des Akkords und des Harmonischen
in das Melos
Wir wollen einmal zuerst versuchen, ob Ihnen eine Ubung ge-
lingt. Versuchen Sie es* ungefahr die Ubung zu machen mit dem
rechten Arm, die ich erst angegeben habe als die Septime-Bildung;
jetzt versuchen Sie den Arm wieder still zu halten, aber vorwarts-
zuschreiten so, dass dieser Arm an der Stelle bleibt, wo er ist, und
Sie also mit dem Korper dem Arm nachschreiten. Dazu mussen
Sie den Arm im Gehen beugen. Der Arm muss an der Stelle blei-
ben, wo er ist, beziehungsweise die Hand muss an der Stelle blei-
ben, wo sie ist, indem Sie vorwartsschreiten. Die Ubung ist so zu
machen, dass der Arm, die Hand, dort bleibt, wo sie ist, und Sie
mit ihm zusammenkommen. Das muss dann geubt werden.
Jetzt versuchen Sie die andere Ubung: versuchen Sie die Hand
im Schreiten dahin zu bringen, dass Sie sie etwas zuriickziehen, aber
nicht sehr stark. Nun haben wir zwei Ubungen. Versuchen Sie ein-
mal hintereinander Septime und Prim zu empfinden, und Sexte und
Prim zu empfinden. Die erste Bewegung, die ich eben gezeigt habe,
fur die Aufeinanderfolge: Septime — Prim; die zweite Bewegung fur
die Empfindung: Sexte — Prim, die Klange etwa hintereinander ge-
dacht. Sie konnten aber auch gleichzeitig gedacht sein. Dariiber will
ich gleich hinterher noch sprechen. So bekommen Sie die Moglich-
keit, Bewegung in die Geste hineinzubringen.
Diese Bewegung, die Sie zuerst gesehen haben, ist eine solche,
die in einem gewissen Sinne Leben zuriickwirft in das Leblose. Und
so ist in der Tat auch nach der Beschreibung, die ich gestern von
der Septime gegeben habe, dieses Verhaltnis der Septime zum
Grundton. Wenn Sie sich den Grundton als das Stille, Ruhige vor-
stellen, die Septime als ausserhalb eigentlich des menschlichen phy-
42
* Vgl. Anmerkung auf Seite 146.
sischen Leibes liegend, so dass der Mensch in der Septime aus sich
herausgeht, dann haben Sie die Moglichkeit, sich vorzustellen, dass
die Septime das, in das man herausgeht, das Geistig-Belebende,
wiederum in das Stillstehende, Korperliche zuriickbringt.
Sehen Sie, die Dinge werden stark real, wenn man aus dem
Musikalischen, das ja natiirlich zunachst ein Wahrgenommenes ist,
nur fur die Wahrnehmung Hervorgebrachtes ist, wenn man iiber-
geht zu dem Eurythmischen, das den ganzen Menschen in Bewe-
gung bringt. Und Sie sehen eigentlich die innere Wesenheit des-
jenigen, was jetzt iiber das Septimen- Verhaltnis zum Grundton ge-
sagt worden ist, am besten daraus, dass Sie Heilwirkungen hervor-
bringen konnen. Wenn Sie zum Beispiel in der Lunge oder in einem
sonstigen, namentlich Brustorgan dasjenige konstatieren miissen,
was Verhartungen sind, so werden Sie sehen, dass gerade diese
Ubung, die jetzt gemacht worden ist, einen heilsamen, das heisst
belebenden, in den Normalzustand zuriickfiihrenden Weg bedeutet.
Es ist gerade die Toneurythmie in jedem ihrer Punkte, in der ent-
sprechenden Weise durchgefiihrt, zu gleicher Zeit ein heileuryth-
mischer Faktor. Man muss nur so lebendig in das Wesen der Tone
eingehen, wie wir das gestern versucht haben und wie wir es auch
weiter versuchen werden.
Gerade in Ankniipfung an dieses mochte ich gleich auch sagen:
Wenn Sie nun iibergehen in derselben Weise, wie ich es jetzt habe
machen lassen, von der Septime zur Sexte im Verhaltnis zum Grund-
ton, dann werden Sie finden, dass das Verhaltnis ein wesentlich ab-
geschwachtes ist; und das ganz besonders Auszeichnende ist, dass
eben die Hand, die bei der Septime festgehalten wird aussen, dass
diese Hand wieder zuriickgeht. Dadurch ist nicht ein Verhaltnis
ausgedriickt vom Belebenden zu dem Unbelebten, sondern es ist ein
Verhaltnis der Sexte eigentlich zum Grundton in der Art ausge-
driickt, dass man dasjenige, was ausgedriickt wird, als ein bloss
Bewegtes fiihlt, als ein In-Regsamkeit-Versetzen. Es ist mehr zu ver-
gleichen mit dem Empfindungserregen, nicht mit dem Beleben. Die
Sexte erzeugt im Verhaltnis zum Grundton ein Bild des Empfin-
dens, des Fiihlens. Die Septime erzeugt im Verhaltnis zum Grund-
ton ein Bild des Belebens, des Belebens des Unbelebten.
43
Nun bitte ich Sie, gerade mit Riicksicht auf solche Bewegungen,
aus denen Sie ja ersehen, dass die Toneurythmie im wesentlichen
Bewegung sein muss, sich zu iiberlegen, dass — ebenso wie die Laut-
eurythmie — die Toneurythmie, ich mbchte sagen, immerhin kunst-
lerisch korrigierend wirken kann.
Bei der Lauteurythmie musste ich Ihnen ja sagen, dass sie kiinst-
lerisch korrigierend wirkt auf die Rezitation und Deklamation.
Nicht wahr, die Rezitation und Deklamation ist eigentlich in
unserer unkiinstlerischen Zeit — es ist schwer, die notigen radi-
kalen Ausdriicke, die man eigentlich braucht, um heute unser
unkiinsflerisches Zeitalter zu charakterisieren, sagen wir bei Ein-
leitungen zu offentlichen Vorstellungen, immer wirklich zu ge-
brauchen, weil es die Leute nur schockiert und eigentlich nicht viel
damit gewonnen ist; man muss dann mildern, und dieses Mildern
wird ja auch versucht — , aber die Wahrheit ist, dass im Grande ge-
nommen heute gerade die Rezitation und Deklamation verlottert
ist, total verlottert ist. Es wird uberhaupt nicht mehr kunstgemass
rezitiert und deklamiert, sondern es wird im Grunde genommen
bloss in ganz materialistischer Weise Prosa gelesen, indem man das-
jenige pointiert, von dem man glaubt, es miisse aus dem Bauch her-
aus empfunden werden, aus dem Pathos heraus oder dergleichen,
kurz, was besonders auf Sensation, was auf die Sinnlichkeit wirkt,
wahrend ein wirkliches Rezitieren und Deklamieren im Gestalten
des Sprachlichen bestehen muss: im Musikalischmachen des Sprach-
lichen und im Plastisch-Malerischmachen des Sprachlichen. Und
wenn man auf der einen Seite die eurythmische Darstellung hat,
auf der anderen Seite die Rezitation, dann kann nicht in dem ver-
lotterten Sinne des heutigen Deklamierens und Rezitierens gewirkt
werden, sondern es muss auf die Sprachgestaltung — ich nenne sie
immer schon eine geheime Eurythmie, denn es ist die Eurythmie im
Rezitieren und Deklamieren dabei angedeutet — , es muss auf die
Sprachgestaltung die entsprechende Riicksicht genommen werden.
Ebenso kann das Eurythmische korrigierend wirken in einer gewis-
sen Beziehung auf das Musikalische uberhaupt.
Wir leben ja — das ist natiirlich noch schockierender — eigentlich
auch in bezug auf das Musikalische in einer furchtbar unkiinst-
44
lerischen Zeit. Das ist nicht zu leugnen: Wir leben in einer furcht-
bar unkunstlerischen Zeit; denn unsere Zeit hat in wirklich ausge-
dehntem Masse das eigentliche Musikalische hineingetrieben in das
Gerauschvolle. Wir sind nach und nach schon iibergegangen dazu,
nicht mehr musikalisch zu sein, sondern die Musik zu beniitzen, um
allerlei Gerausche zu malen, die irgend etwas darstellen sollen; man
weiss nicht recht, was sie sollen, aber die irgend etwas darstellen
sollen. Bitte, betrachten Sie mich nicht als irgendeinen Banausen,
der nun schelten will auf alles dasjenige, was heute ganz gewiss aus
ehrlichstem Willen sehr haufig als Musik auftritt. Aber man muss,
wenn es sich darum handelt, einmal eine Kunst wie die Eurythmie
aus den Fundamenten des Kiinstlerischen herauszuholen, man muss
auch in der Moglichkeit sein, iiber die Dinge radikal zu sprechen.
Man kann das natiirlich nicht anders. Und so ist leicht zu bemer-
ken, wie das Eurythmische korrigierend auf den musikalischen Ge-
schmack wirken kann. Wenn Sie etwa versuchen, einmal moglichst
sich zu beruhigen — verzeihen Sie, dass ich diese zu gleicher Zeit
exerzitienartige Sache vorbringe, aber es muss vorgebracht werden,
damit man darauf kommt, wie aus dem Fundamente des Kiinst-
lerischen heraus etwas gestaltet werden kann — , versuchen Sie ein-
mal, sich vollstandig zu beruhigen, sozusagen sich gleichgultig zu
machen gegen sinnliche Eindriicke, auch gleichgultig zu machen
gegen das innerlich Leidenschaftliche, und setzen Sie sich, nachdem
Sie sich diese Gleichgiiltigkeit errungen haben, ans Klavier, schla-
gen zunachst mittlere Tone an, irgendeinen mittleren Ton, und ver-
suchen in der Skala bis zur Oktave hinaufzugehen, einfach das zu
erleben.
Und dann, wenn Sie dies in aller Ruhe und Stille erlebt haben,
dann versuchen Sie sich zu vergegenwartigen, wie Sie, wenn Sie
nun aufstehen und eben in der Geste, in der eurythmischen Geste
das, was Sie erlebt haben, darstellen wollen, vieles von dem her-
ausbekommen werden, was ich Ihnen schon angedeutet habe, vieles
von dem, was ich noch werde zu sagen haben. Versuchen Sie ein-
mal, wenn Sie das, was Sie angeschlagen haben, wiedergeben wol-
len in der Geste, wenn Sie so Ton nach Ton anschlagen, einfach
immer einen einzelnen Ton anschlagen und so hinaufgehen, ver-
45
suchen Sie das zu bringen in die eurythmische Geste, also sagen wir
in die Geste des Dreiklanges, so ahnlich der Geste, wie wir es in
den vorhergehenden Tagen besprochen haben.
Sie werden verhaltnismassig leicht in der Lage sein, einen sehr
starken Einklang zu fmden zwischen demjenigen, was Sie da als
Geste machen, empfinden, erleben, und demjenigen, was Sie hinter-
einander als Tone am Klavier angeschlagen haben.
Versuchen Sie dann einen Akkord anzuschlagen. Versuchen Sie
in der Eurythmie die Harmonie der Tone wiederzugeben: dann
werden Sie namlich finden, dass da eigentlich etwas innerlich nicht
mitgehen will. Sie sind der Gefahr ausgesetzt, wenn Sie einen Ak-
kord anschlagen wollen, zu gleicher Zeit zu schreiten und zu glei-
cher Zeit die Bewegungen mit den beiden Armen zu machen, wie
ich sie, sagen wir, fur den Dur-Dreiklang angedeutet habe. Sie sind
genbtigt, das zu machen. Ja, Sie werden ein innerliches Widerstre-
ben haben. Es wird eine gewisse Tendenz in Ihrer Seele auftreten,
die eigentlich das Akkordmassige, das Harmonische verwandeln will
in das Melodiose, die den gleichzeitigen Zusammenklang der Tone
verwandeln will in eine Aufeinanderfolge. Und Sie werden erst
dann befriedigt sein, wenn Sie den Akkord aufgelost haben, wenn
Sie eigentlich den Akkord in das Melos ubergefuhrt haben, wenn
Sie die drei Bewegungen fur die drei Tone hintereinander machen.
Man kann geradezu als ein Gesetz anfiihren: Die Eurythmie
zwingt eigentlich dazu, fortwahrend das Harmonische in das Melos
aufzulosen. Das ist das Korrigierende, von dem ich eben sprechen
will. Und wenn Sie dies recht empfinden, so werden Sie darauf
kommen, dass eigentlich im Akkord ein Begrabnis vorliegt — es ist
etwas radikal ausgesprochen — , aber im Akkord liegt eigentlich ein
Begrabnis vor. Die drei Tone, die gleichzeitig erklingen sollen, die
also eigentlich zu ihrer Wirkung nicht die Zeit, sondern den Raum
brauchen, diese drei Tone sind im Akkord gestorben. Sie leben nur,
wenn sie in der Melodie auftreten. Und wenn Sie das recht emp-
finden, dann werden Sie das eigentlich Musikalische im Grunde nur
in dem Melodiosen, in dem zeitlichen Wirken der Tone noch finden.
Und dann werden Sie darauf kommen, dass es gar keinen Sinn hat,
zu fragen: Was driicken die Tone aus? Man ist ja heute schon so
46
weit gekommen, dass die Tone Wasserplatschern, Windessausen,
Waldesrauschen und so weiter, alles mogliche darstellen. Das sind
natiirlich im Grunde genommen Entsetzlichkeiten. Ich will nicht
zetern dagegen, ich will auch niemandem den Gefallen an solchen
Dingen verekeln, selbstverstandlich nicht, aber ich meine nur, es
handelt sich jetzt darum, die Dinge in der richtigen Art aus dem
Fundamente heraus zu verstehen. Tone, Tongebilde driicken sich
selber aus. Sie sind auch nur da, um sich selber auszudriicken, um
dasjenige auszudriicken, was die Terz zur Quinte sagt, oder die Terz
zur Prim sagt, oder alle drei zusammen sagen, aber hintereinander.
Sonst, nicht wahr, geht es einem schon so, wie es jenem grossen
Musiker in Europa gegangen ist, der eine ausserordentlich kompli-
zierte vielstimmige Sache vor einem Araber aufgefuhrt hat. Der
Araber kam in eine furchtbare innere Erregung und sagte: Aber
warum denn so schnell ? Ich wiinsche, dass man ein Lied hinter dem
anderen macht. — Er wollte jede Stimme extra hintereinander haben,
weil er nicht begreifen konnte, dass die Geschichte zusammen
irgendwie etwas anderes bildet als etwas Unmusikalisches im Fun-
dament, eine Art gerauschvollen Zusammenwirkens verschiedener
Mittel. Das ist dasjenige, was Ihnen schon begreiflich machen wird,
dass im Musikalischen eine wirkliche Welt vorhanden ist, in der
wir wiederum die Impulse der iibrigen Welt fmden.
Betrachten Sie nur eine Erscheinung. Wir sterben. Unser phy-
sischer Leib ist da. Der geht zugrunde. Warum geht er denn eigent-
lich zugrunde? Warum lost er sich auf? Er fangt an, sich aufzu-
losen, wenn wir gestorben sind; vorher hat er sich nicht aufgelbst,
vorher blieb er intakt. Warum? Weil wir vorher die Zeit in uns
tragen. In dem Augenblick, wo der Tod eintritt, ist der Leichnam
nur im Raum; er kann die Zeit nicht mitmachen. Dass er die Zeit
nicht mitmachen kann, dass er nur noch im Raume ist und im
Raume seine Gesetzmassigkeit hat, das macht ihn tot, das lasst ihn
ersterben. Wir werden zum Leichnam an der Unmbglichkeit, die
Zeit in uns zu tragen; wir leben wahrend unseres Erdenlebens durch
die Moglichkeit, die Zeit in uns zu tragen, die Zeit in uns arbei-
ten zu lassen, die Zeit in dem im Raume ausgedehnten Stoffe drin-
nen wirksam zu haben.
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Die Melodie wirkt in der Zeit. Der Akkord ist der Leichnam der
Melodie. Im Akkord erstirbt die Melodie. Und in bezug auf das
Verstehen der Musik ist schon iiberhaupt unsere Zeit in einer ganz
trostlosen Lage. Denn all dieses Reflektieren auf die Klangfarbe in
den Obertonen und dergleichen, das will eigentlich iibergehen von
jedem Einzelton auf eine Art Akkord. So dass also eigentlich heute
schon in dem Menschen steckt die Sympathie fur das Harmonische
selbst im einzelnen Ton. Ich habe ofter einmal auf gewisse Fragen,
wie die Musik sich entwickeln soil, die Antwort gegeben: man muss
im Ton, im einzelnen Ton die Melodie gewahr werden, nicht den
Akkord, im einzelnen Ton die Melodie gewahr werden. Es stecken
im Ton eine Anzahl Tone, in jedem Ton jedenfalls drei Tone dar-
innen. Aber bei dem einen Ton, den man eigentlich hort als den
Ton, der eben anklingt, den man mit dem Instrument erzeugt, bei
dem haben wir Gegenwart. Dann ist einer drinnen, bei dem ist es,
wie wenn wir uns an ihn erinnerten. Und ein dritter ist drinnen,
bei dem ist es, wie wenn wir ihn erwarteten. Jeder Ton ruft eigent-
lich Erinnerung und Erwartung als Nebentone melodios hervor.
Das ist dasjenige, was man auch spater einmal darstellen wird.
Man wird schon die Mbglichkeit finden, dadurch die Musik zu ver-
tiefen, dass der einzelne Ton zur Melodie vertieft wird. Heute
mochte man im einzelnen Ton den Akkord suchen und denkt dar-
iiber nach, wie dieser Akkord in den Obertonen lebt. Es geht also
eigentlich auf das materialistische Erfassen der Musik hinaus.
Nun, es ist eine sonderbare Frage, aber sie ist gerade mit Bezug
auf das Eurythmische sehr berechtigt: Wo liegt denn eigentlich
das Musikalische? Heute wird gar keiner zweifeln, dass das Musi-
kalische in den Tonen liegt, weil er sich so furchtbar anstrengen
muss in den Schulen, diese Tone richtig zu setzen, diese Tone in
der richtigen Weise anzuordnen. Nicht wahr, es kommt darauf an,
dass er die Tone beherrscht. Aber die Tone sind nicht die Musik!
So wie der menschliche Korper nicht die Seele ist, so sind die Tone
nicht die Musik. Und das ist sehr interessant, denn die Musik liegt
zwischen den Tonen! Wir brauchen nur die Tone, damit wir etwas
dazwischen haben konnen. Wir miissen natiirlich die Tone haben,
aber die Musik liegt zwischen den Tonen. Dasjenige, worauf es an-
kommt, ist nicht das c und nicht das e, sondern dasjenige, was zwi-
schen beiden liegt. Aber ein solches Zwischenliegen ist nur moglich
beim Melodiosen. Es hat gar keinen Sinn beim Akkord. Es hat gar
keinen Sinn bei den Harmonien, ein solches Zwischenliegen. Und
das Heriibergehen vom Melos zum Harmonischen, das ist das stu-
fenweise Unmusikalischwerden. Denn dadurch wird eben die Musik
begraben, dadurch wird die Musik ertotet.
Ich konnte eine sonderbare Definition des Musikalischen geben.
Ich wurde sie natiirlich nicht in einer Musikschule geben wollen,
aber ich muss sie vor Eurythmisten geben, denn die mussen das ver-
stehen, wenn sie wirklich Toneurythmie treiben wollen. Es ist ja
allerdings eine negative Definition des Musikalischen, aber sie ist
die richtige. Was ist das Musikalische? Dasjenige, was man nicht
hort! Dasjenige, was man hort, ist niemals musikalisch. Also wenn Sie
das Erlebnis im Zeitverlaufe nehmen zwischen zwei Tonen, die im
Melos erklingen, dann horen Sie nichts, denn Sie horen dann die Tone
erklingen; aber das, was Sie nicht horend erleben zwischen den Tonen,
das ist die Musik in Wirklichkeit, denn das ist das Geistige in der
Sache; wahrend das andere der sinnliche Ausdruck davon ist.
Denken Sie, dadurch bringen Sie in das Musikalische im eminen-
testen Sinne die menschliche Personlichkeit hinein, die menschliche
Personlichkeit als Seele. Die Musik wird namlich um so beseelter,
je mehr Sie das Nichthorbare in ihr zur Geltung bringen konnen,
je mehr Sie das Horbare nur benutzen, um das Unhorbare zur Gel-
tung zu bringen. Dies zu fiihlen am Musikalischen, das ist geradezu
die Aufgabe des Eurythmisten. Daher muss der Eurythmist bei den
Gesten von der Art, wie wir sie im Anfange gesehen haben, oder
wie wir sie sonst schon gesehen haben, oder noch uns vorfuhren
werden, bei diesen Gesten muss er seine Freude haben nicht in der
Stellung, sondern in der Hervorrufung der Stellungen: in der Be-
wegung. Eurythmie liegt ihrer ganzen Ausdehnung nach nicht im
Figurenmachen, sondern in der Bewegung.
Sie diirfen niemals sagen — ich habe das sehr haufig betont, ich
sehe aber sehr haufig die gegenteilige Auffassung im praktischen
Betriebe der Eurythmie — , Sie diirfen niemals sagen: das ist ein i
(Armstrecken). Jetzt ist es kein i mehr. Ein i ist es so lange, so
49
lange es gemacht wird, und so lange der Arm in Bewegung ist; so
lange ist es i. Es gibt in der Eurythmie niemals etwas, was, nachdem
es entstanden ist, noch seine Bedeutung hat. In der Eurythmie hat
alles nur seine Bedeutung im Entstehen.
Daher soil der Eurythmist sorgfaltig sein in dem Formen der
Bewegung, alle Sorgfalt hineinlegen in jene Bewegung, durch die
eine Form entsteht. Und er soil darauf bedacht sein, wenn die Form
entstanden ist, sie so schnell wie moglich zur Verwandlung zu brin-
gen, in die nachste Form iiberzufuhren. So dass eigentlich der
Eurythmist die Bewegung als sein Element betrachtet, nicht das
Stehen in der Form oder das Festhalten der Form. Wer eine gewisse
Empfindung fur diese Dinge hat, der wird besonders bei der Euryth-
mie so etwas, wie wir es schon gemacht haben* in der folgenden
Weise empfinden: Irgendeine musikalische Produktion wird been-
det — ich habe es selber bei Auffuhrungen so angeordnet, aber es
soil eben auch empfunden werden — : sie ist aus, es wird in der letz-
ten Position, in der letzten Figur stillgestanden, bis der Vorhang
zugeht. Welche Empfindung soil man, wenn sie gesund sein soil,
welche Empfindung soil man haben? Die, dass die Eurythmistin
den Starrkrampf gekriegt hat, dass man tatsachlich angekommen
ist bei der Nullitat des Eurythmisch-Kiinstlerischen. Es hat auf-
gehort. Das wird besonders stramm hervorgehoben: es hat aufge-
hort. Man sagt zum Publikum: Kinder, jetzt ertoten wir die Vor-
stellung, damit ihr zu euch kommt und ein wenig nachdenken
konnt. — Diese letztere Bedeutung kann eben dieses Stehenbleiben
haben. Daher kann es natiirlich auch im Verhaltnis zum Publikum
richtig sein, aber es ist nur etwas im Verhaltnis zum Publikum. All
dieses soil Ihnen zeigen, wie es darauf ankommt, in alien mog-
lichen Formen den bewegten Menschen zu studieren.
Nun gibt es am Menschen dreierlei. Der Mensch ist ja natiirlich
im Raume. Dasjenige, was an ihm raumlich ist, gehort nicht zur
Eurythmie; aber dasjenige, was im Raume als Bewegung erscheinen
kann, gehort eben zur Eurythmie. Nun, der Mensch ist deutlich im
Raume auf eine dreifache Weise. Er ist erstens im Raume von oben
nach unten und von unten nach oben. Der Mensch weiss, dass er
oben den Kopf und unten die Fiisse hat und dass sich das unter-
50
* Vgl. Anmerkung auf Seite 146.
scheidet voneinander, und wer den Menschen wirklich studiert, der
wird das ebenso wichtig finden, wie man, sagen wir, in der Ana-
tomie beschreibt ziemlich ausserlich: am FUSS sind die Fersenkno-
chen, am FUSS sind die Zehenknochen, die Mittelfussknochen und
so weiter, am Haupte ist das Scheitelbein, das Stirnbein, das Hinter-
hauptbein und so weiter. Dann beschreibt man, indem man weiter
nach innen gent, das Gehirn. Man beschreibt die Muskeln des
Fusses. Das alles beschreibt man so, wie wenn es irgend jemand
beliebig zusammengelegt hatte und da die zufallige Menschen-
gestalt entstanden ware. In Wirklichkeit ist der Kopf die Oktave
des Fusses. Und das ist eine ebensolche Wahrheit, dass der Kopf
die Oktave des Fusses ist, wie das andere, was sonst in den Ana-
tomiebuchern steht. Denn wenn Sie die Fusstatigkeit nehmen, von
ihr ausgehen und dasjenige nehmen, was der Kopf dazu getan
hat — der Kopf hat namlich etwas dazu zu tun, dass Sie mit den
Fiissen gehen konnen — , und Sie konnen wirklich auffassen die
Kopftatigkeit und die Fusstatigkeit, dann bekommen Sie die Kopf-
tatigkeit im Verhaltnis zur Fusstatigkeit ganz genau in der Emp-
findung der Oktave zur Prim. Es ist nicht anders.
So kann man den ganzen Menschen durchgehen. Er ist eine musi-
kalische Skala. Wir haben also den Menschen ausgedehnt von oben
nach unten, von unten nach oben. Wir haben den Menschen aber
auch ausgedehnt in der Richtung rechts — links, und wir haben den
Menschen ausgedehnt in der Richtung vorne — hinten, hinten — vorne.
Die anderen Richtungen liegen dazwischen und konnen auf diese
drei Richtungen, die sich deutlich am Menschen unterscheiden, zu-
ruckgefuhrt werden.
Indem der Mensch das musikalische Erleben uberfuhrt in Euryth-
mie, fuhrt er es in Bewegung iiber. Er kann aber eigentlich gar
nicht anders, als in irgendeiner Weise bei seinen Bewegungen hin-
einkommen in diese drei verschiedenen Richtungen. In irgendeiner
Weise muss er diese drei Richtungen zu Hilfe nehmen, wenn er das
Musikalische in Bewegung bringen will, denn diese drei Richtun-
gen stellen ihn und seine Bewegungsmoglichkeiten dar. Die mensch-
lichen Bewegungsmoglichkeiten sollen ja in der Eurythmie zum
Vorschein kommen.
51
Wenn Sie Oben-Unten, Unten-Oben nehmen — das werden Sie
aus dem, was bisher aus der noch ziemlich primitiven Toneurythmie
schon hervorgeht, entnehmen konnen — , wenn Sie das Oben — Unten,
Unten-Oben nehmen und aus dem, was ich Ihnen iiber den Dur-
Dreiklang, Moll-Dreiklang und so weiter gesagt habe, auch aus
dem, was ich eben gesagt habe in bezug auf FUSS und Kopf, werden
Sie fuhlen konnen: in der Hbhe des Menschen, in Oben und Unten,
Unten und Oben liegt die Tonhohe, und wir haben kein anderes
Mittel, die Tonhohe auszudriicken, als mit dem Arm nach oben und
unten, mit der Hand nach oben und unten, meinetwillen auch mit
den Beinen nach oben und unten zu gehen, mit dem Kopf nach
oben und unten zu gehen.
Wir bewegen uns, indem wir die Tonhohe zum Vorschein brin-
gen, in der vertikalen Richtung (s. Zeichnung S. 53). Nehmen wir
Rechts — Links. Rechts — Links geht unmittelbar in die gebardenhafte
Bewegung iiber. Wobei kommt denn das Rechts — Links ganz beson-
ders zum Vorschein? Das Rechts-Links kommt ja ganz besonders
beim Menschen im Schreiten zum Vorschein. Das Schreiten ist
eigentlich das In-Bewegungbringen des Rechts — Links: rechtes Bein —
linkes Bein — rechtes Bein — linkes Bein. Und so lange hat das Rechts
— Links kein Leben in sich, als Sie nur philistros im Leben gehen;
so lange ist kein Leben in dem Rechts — Links drinnen. Es kommt
aber sogleich Leben, wenn Sie irgend etwas differenzieren in dem
Rechts — Links, so wie schon die Natur differenziert den rechten Arm
als denjenigen, mit dem wir schreiben, den linken Arm als den-
jenigen, mit dem wir gewbhnlich das Schreiben nicht lernen. Sie
konnen aber auch einfach differenzieren, indem Sie mit dem rechten
Bein stark auftreten, das linke Bein zuriickziehen, und dann erst
wieder aufstellen. Alles dasjenige, was in dieser Weise durch die
Differenzierung von rechts und links zustande kommt, das ist das-
jenige, was mit dem Takt zusammenhangt (s. Zeichnung S. 53). Der
musikalische Takt geht durch das Rechts — Links in die eurythmische
Bewegung iiber.
Nun bleibt noch das Vorne und Hinten. Es handelt sich darum,
dass man innerlich dieses Vorne — Hinten auffasst. Und da ist es
notig, ein wenig auf den Menschen zu sehen.
52
lonfiohe
IK
1
Nicht wahr, das Vorne — Hinten ist ja nicht nur so, dass, ich mbchte
sagen, irgendein Zeichen geschrieben ist an der einen Seite, dass es
vorne ist, an der anderen Seite, dass es hinten ist. Es ist so, das
Vorne — Hinten, dass wir ja nach vorne sehen, nach riickwarts nicht
sehen, dass wir tatsachlich hinter uns die finstere Welt haben, die
wir nicht einmal zu ahnen brauchen; vor uns haben wir die ganze
sichtbare Welt, die sich da ausbreitet. Und wir konnen entweder
dieser ganzen sichtbaren Welt in unserer Bewegung das Vorne
zuwenden, dann rechnen wir mit dem Vorne. Wenn wir in der
Bewegung das Vorne zuwenden, heisst das, wir machen eine
Bewegung kurz. Wir sind drinnen in der Welt. Wir machen
sie kurz. Wenn wir nicht hineinkonnen, wenn wir an dem
festhalten, gewissermassen an der Finsternis hinten kleben, nicht
herauskonnen, machen wir sie lang, so dass wir einfach nach dem
Verhaltnis von vorne und hinten «kurz — lang» unterscheiden. Und
wir haben dann u — oder — u ; Jambus, Trochaus. (Siehe vorher-
gehendes Schema: Rhythmus.) Das heisst, wir haben den Rhyth-
mus; das Vorne — Hinten gibt den Rhythmus.
Und nun haben Sie eigentlich drei Elemente des Musikalischen,
die Sie in ihren musikalischen Formen gebrauchen konnen. Sie tre-
53
ten, wenn ich so sagen darf, den Takt; Sie driicken den Rhythmus
aus im Schnell — Langsam, und Sie driicken das eigentlich Musika-
lische, das Melos aus, indem Sie die Bewegungen entsprechend oben
oder unten ausfiihren. Dadurch aber haben Sie in Takt, Rhythmus,
Melos den ganzen Menschen in das Eurythmische eingeschaltet.
Die Musik ist im Grunde genommen der Mensch. Und gerade
an der Musik ist ja richtig zu lernen, wie man von der Materie los-
kommt. Denn wenn die Musik materialistisch werden will, liigt sie
ja eigentlich: sie ist ja nicht «da»! Alles ubrige Materielle ist ja da
in der Welt, drangt sich auf. Die musikalischen Tone sind ja ur-
spriinglich gar nicht da, die miissen wir ja erst kiinstlich erzeugen;
die miissen wir ja erst machen. Das Seelische, das zwischen den
Tonen liegt, das lebt im Menschen; nur beachtet man es heute
wenig, weil eben die Welt so unmusikalisch geworden ist.
Man wird es wieder beachten, wenn man sehen wird, dass der
Ton entspricht der ruhigen Haltung des Eurythmisierenden. Nun
sehen Sie da den Dur-Dreiklang (er wird gezeigt), aber Sie euryth-
misieren nicht mehr, sondern wahrend Sie in diese Position kom-
men: In dem Hingehen, in dem Hinneigen, in dem Entstehenlassen
liegt der Dur-Dreiklang, nicht in dem Fertigsein. Der Ton aber ent-
spricht der fertigen Formgestaltung. Das heisst, in dem Momente,
wo der Ton fertig ist, hat das Musikalische aufgehort.
Nun, von einem besonderen Interesse ist dabei das Folgende. Es
muss ja gefuhlt werden eine Verwandtschaft des Musikalischen mit
der Sprache. Wenn man sich nun bemiiht, aus den Hauptvokalen
herauszuhoren die Skala, dann kommt als Interessantes heraus:
c etwa dem u entsprechend
d etwa dem o
e etwa dem a
f etwa dem 6
g etwa dem e
a etwa dem u
h etwa dem i.
Das ist ungefahr die Konkordanz der Skala mit den Hauptvokalen,
rein nach dem Gehore.
54
Nun mochte ich Sie bitten, einmal zu versuchen, ein u mit den
Beinen zu machen. Das ist der Grundton, das wissen Sie ja alle.
Versuchen Sie einmal, so wie wir es besprochen haben, den Dur-
oder Moll-Dreiklang zu machen, zu markieren die Terz mit ihrem
Quint-Abschluss. Wenn Sie die Bewegungen darauf beziehen und
etwas heriiberdrangen, dann haben Sie die Quinte in dem e der
Bewegung ausgedriickt; es wird von selber das e.
Versuchen Sie ein a zu machen. Jetzt versuchen Sie, mit beiden
Hiinden, nicht wie wir es sonst machen mit nur einer Hand, son-
dern mit beiden Armen die Bewegung fur die Terz zu machen,
nachdem Sie sich den Grundton denken, dann sind Sie schon in der
Eurythmiebewegung des a-Lautes drinnen mit der Terz!
Sie sehen daraus etwas sehr Auffalliges. Wir konnen, wenn wir
sehr aufmerksam horen, diese Konkordanz der Skala mit den Grund-
vokalen ungefahr horen; wenn die Laute ganz richtig gesprochen wer-
den, so ist ungefahr dies die Skala. Die Eurythmie in ihren Bewegungs-
formen macht das von selber. Sie deutet an, indem sie das Tongebilde
gibt, Formen, Bewegungsformen, die die Lautgebilde darstellen. Das
heisst, man kann gar nicht anders in der Eurythmie, als wenn man die
richtigen Bewegungen macht, auch die richtigen Bedingungen zwi-
schen den Tonen und den Lauten in die Bewegungen hineinbringen.
Wir haben gar nicht gedacht, wie jede Bewegung etwas anderes ist,
als dass wir auf der einen Seite, schon seit Jahren, die Lautgebilde ge-
sucht haben; jetzt suchen wir die Tongebilde. Und nun machen wir
uns klar, wie ungefahr die Skala den Lautgebilden entspricht. Und wir
vergleichen miteinander die Tongebilde und die Lautgebilde, und sie
gleichen sich soweit, wie sich auch im Tonen und im Lauten eben der
Ton mit dem Laut gleicht. Es ist natiirlich nicht dasselbe, es gleicht
sich nur. Denn es ist in der Eurythmie auch nicht dasselbe.
Darinnen sehen Sie, in welch naturgemasser Weise dasjenige, was
wir Eurythmie nennen, hervorgeht aus dem ganzen Wesen auf der
einen Seite des Lautlichen, auf der anderen Seite des Musikalischen.
Es geht eindeutig hervor. Und Sie werden, wenn Sie sich einleben
in die Dinge, gar nicht anders fuhlen konnen, als: man kann nur eine
Geste zu einem Ton oder Laut machen, man kann nicht auf verschie-
dene Weise das ausdriicken. Wir wollen dann morgen fortsetzen.
55
VIERTER VORTRAG
Dornach, 22. Februar 1924
Das Sich-Fortbewegen der musikalischen Motive
in der Zeit
Die eigentliche eurythmische Darstellung muss, wie Sie ja na-
mentlich aus den gestrigen Auseinandersetzungen entnehmen kon-
nen, ausgehen vom Melos, vom Melodiosen, von dem Motiv, wie
man ja auch sagen konnte. Das Fortlaufen der Motive, der musika-
lischen Motive in der Zeit, das bedeutet eigentlich auch den Gang,
den das Eurythmische an der Hand des Musikalischen nehmen muss.
Nun wollen wir gerade heute auf dieses einmal mehr eingehen.
Sie werden auch da sehen, wie es notwendig ist, dabei auf das
eigentlich Musikalische besonderes Augenmerk zu richten. Nicht
wahr, in dem Fortlaufen der Motive liegt es ja, dass das Musika-
lische als Musikalisches, nicht als Ausdruck, sondern als Musika-
lisches sinnvoll wird. Und dieses Sinnvolle muss nun auch in der
eurythmischen Darstellung durchaus herauskommen. Und so wird
es sich darum handeln, wie eigentlich ein Fortlaufen eines musi-
kalischen Motives in der eurythmischen Darstellung behandelt wer-
den muss.
Gewohnlich sieht man ja in der Musik selbst, sogar im Horen
oftmals nicht darauf, wie innerhalb des Motives selbst fortlauft der
Sinn des Musikalischen. Sie wissen ja, dass innerhalb des Motives
sehr haufig der Taktstrich liegt, oder uberhaupt innerhalb des Mo-
tives liegt der Taktstrich. Nun, der Takt also, der Taktwechsel,
unterbricht damit das Motiv. Und wenn man dann von dem einen
eingeschlossenen Motiv zu der nachsten Gestaltung des Motivs
iibergeht, so hat man sehr haufig das Gefiihl, dass zwischen den ver-
schiedenen Gestaltungen der Motive eigentlich so etwas liegt -
Musiker driicken es sogar oftmals so aus — wie ein totes Intervall.
Und dann sagt man, einem solchen toten Intervall entspreche auch
56
der Fortgang von dem Schluss eines Wortes in der gesprochenen
Sprache zu dem nachsten Anfang des Wortes. So sieht man die
Sache sehr haufig an. Aber gerade der Umstand, dass man diesen
Vergleich wahlt, der zeigt eigentlich schon, dass man kein Gefiihl
hat dafur, was ich gestern sagte, dass das eigentlich Musikalische
eigentlich das Nichthorbare ist. Und wenn man vom toten Inter-
vall spricht und es vergleicht mit dem, was zwischen zwei Worten
der Sprache ist, so vergleicht man nicht richtig. Denn derjenige, der
kunstgemass sprechen will, sollte gerade zwischen zwei Worten
nicht davon sprechen, dass da ein totes Intervall ist, sondern im
Gegenteil, er sollte den grossten Wert darauf legen, wie der Uber-
gang von einem Worte zum anderen ist.
Denken Sie doch, dass in der Sprache, in der Sprachbehandlung,
im Grande genommen folgender Unterschied zwischen schlechter
und guter Sprachbehandlung ist. Behandeln Sie in der Sprache
jedes Wort fur sich, so ist das etwas anderes, als wenn Sie gerade
ein sehr deutliches Gefiihl davon haben: ein Wort schliesst in einer
bestimmten Weise, das nachste beginnt in einer bestimmten Weise
— und Sie suchen Sinn darinnen, dass zwischen dem eigentlich Sinn-
lichen, womit das eine Wort schliesst und das andere Wort beginnt,
der Geist liegt, den Sie zum Ausdruck bringen wollen. Der liegt ja
auch zwischen den Worten. Auch in den Worten horen wir mit dem
Laute nur das Sinnliche. Der Geist liegt auch beim Sprechen in dem
Unhorbaren. Es ist ja traurig, dass die gegenwartigen Menschen so
wenig Gefiihl fur das Unhorbare haben und gar nichts mehr zwi-
schen den Worten horen. Einen geisteswissenschaftlichen Vortrag
kann man uberhaupt nicht verstehen, wenn man nur die Worte ver-
steht, sondern da muss man zwischen den Worten, sogar in den
Worten horen - in den Worten namlich dasjenige, was hinter ihnen
liegt. Da sind die Worte uberall im Grande genommen nur die
Hilfen, um dasjenige auszudriicken, was nicht gehort werden kann.
Und so handelt es sich darum, dass wir die Moglichkeit finden,
innerhalb eines Motives, da, wo der Taktstrich steht, und zwischen
den Motiven, auch in der eurythmischen Bewegung zu unterschei-
den. Und wir werden so unterscheiden, dass die Bewegung beim
Taktstrich in sich gehalten ist; dass also der Betreffende, der die
57
Bewegung macht, gewissermassen in sich die Bewegungen macht,
womoglich auch andeutet durch die Lage der Arme und Hande,
dass er sich zusammenschiebt, und vor alien Dingen, wenn er eine
Form macht, in der Form sich zusammenschiebt, das heisst in der
Form stecken bleibt. Dagegen beim Ubergang von einer Motiv-
metamorphose zur anderen handelt es sich darum, dass wir uns hin-
iiberschwingen, dass wir uns geistvoll hiniiberschwingen von einer
Motivmetamorphose zur anderen, dass wir also tatsachlich auch in
der Korperbewegung selber eine Art Hinaufschwingen haben; wah-
rend wir ein steifes Sich-Geradestellen versuchen werden innerhalb
des Motives da, wo der Taktstrich steht.
Suchen Sie sich darinnen zu iiben, damit das dann im Bewegen
zur Selbstverstandlichkeit wird. Das wird eine grosse Bedeutung
haben. Es ist vielleicht ganz gut, wenn wir uns das einmal ganz
klarmachen. Nehmen wir einmal das Folgende, um uns das klar-
zumachen. Es handelt sich jetzt wirklich nur darum, dass wir aus
dem Allereinfachsten uns herausarbeiten, und da schadet es nichts,
wenn dieses Einfache auch einmal etwas hausbacken ist.
Nun wollen wir, um uns die wirkliche Bedeutung dessen, was
ich gesagt habe, klarzumachen, ein moglichst einfaches Motiv wah-
len und an diesem einfachen Motiv dann sehen, was eigentlich mit
dem, was ich gesagt habe, gemeint ist. Wir gehen also aus — sagen
wir — von einem g und gehen im Motiv iiber zu einem h, kommen
dann wiederum zuriick zu einem g, gehen im Motiv iiber zu einem
58
fis und so weiter. Nun haben wir also: erstes Motiv, zweites, drit-
tes, viertes, fiinftes, sechstes Motiv, und nun handelt es sich darum,
wie wir diese Motivfolgen eurythmisch durchfiihren. Wir werden
also hier (1) ein In-sich-Halten haben, bei 2 ein kiihnes Sich-Hin-
iiberschwingen; nicht wahr, jetzt sind wir auf-, jetzt sind wir abge-
stiegen, dazwischen haben wir die Taktstriche. Jetzt haben wir wie-
derum hier (s. Zeichnung S. 61) In-sich-Halten, kiihnes Hiniiber-
schwingen, In-sich-Halten. Also wenn ich das Ganze zeichne: auf,
ab, auf, ab, auf, ab, haben wir hier iiberall Taktstriche dazwischen,
bei dem 5. und 6. Motiv je zwei Taktstriche, und wir haben also
eine Folge von 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 In-sich-Halten und 1, 2, 3,
4, 5 Sich-Hiniiberschwingen* Versuchen Sie einfach gerade zu sein,
aber die ganze Bewegung anzupassen; gerade zu sein beim Takt-
strich und sich kuhn hiniiberzuschwingen bei dem Ubergang von
der einen Motivmetamorphose zu der anderen Motivmetamorphose.
Der Taktstrich muss stark angedeutet werden, ein starkes In-sich-
Halten* Wir diirfen nur nie auf die Note kommen, es ist immer
zwischen der Note*
Es ist hoffentlich ganz gut zu verstehen; machen Sie den Takt-
strich und das In-sich-Halten immer recht deutlich. Das ist natiir-
lich etwas, was ich Sie bitte zu uberlegen, wie es sich fur die ver-
schiedenen Motivgestaltungen dann ergeben kann. Ich wollte es
Ihnen zunachst einmal am Allereinfachsten zeigen. Sie sehen, dass
in der eurythmischen Darstellung sich ganz besonders das ergibt,
dass in der Musik den eigentlichen Geist die Melodie aufnimmt und
fortleitet. Im Grunde genommen bringt alles ubrige nicht den Geist
des Musikalischen hinzu, sondern ist unter alien Umstanden eine
Art illustrativen Elementes. Aber damit Sie dieses in sich befestigen
konnen, mochte ich Sie bitten, erstens einmal den ganzen Menschen
im Musikalischen wirklich zu suchen. Der Eurythmist ist ja geno-
tigt, auf dieses hinzuschauen, wie der ganze Mensch ins Musika-
lische gewissermassen ausfliesst.
Es ist ja wirklich so, wenn wir so dastehen mit unserer Gestalt,
schlank oder kurz, dick oder diinn: dasjenige, was an uns gesehen
werden kann, ist ja im Grunde genommen das Allerwenigste von
uns. Das bleibt ja sogar noch eine Zeitlang intakt, wenn wir durch
* Vgl. Anmerkung auf Seite 146.
59
den Tod geschritten sind. Und dennoch, was ist denn in dem Leich-
nam noch von dem Menschen? Aber mehr als den Leichnam oder
wenigstens nicht viel mehr als den Leichnam sieht man ja auch
nicht vom Menschen, wenn man ihn so anschaut, wie er in der
physischen Welt vor uns steht. Und dasjenige, sehen Sie, was am
Menschen als physische Gestalt ist, das gibt ja im Musikalischen
- ich mochte sagen — das am wenigsten bedeutsame Element des
Musikalischen, das gibt den Takt. Deshalb ist es auch naturlich,
dass Sie beim Taktstrich die Korpergestalt betonen, in sich halten.
Gehen Sie iiber zum Rhythmus und stellen «kurz — lang» dar,
dann gehen Sie schon aus demjenigen heraus, was die Korpergestalt
des Menschen darstellt. Im Rhythmus verraten Sie schon recht viel
von Ihrem Seelischen. Beim Takt hat man eigentlich immer das
Gefiihl, wenn er eurythmisiert wird, dass zu seiner Wertigkeit viel
beitragt, wie schwer ein Mensch ist. Man hat immer das Gefiihl,
wenn der Takt eurythmisiert wird — das haben Sie ja jetzt gesehen
bei diesen Versuchen — : es tritt etwas zutage, wie schwer ein Mensch
ist. Ein gewichtigerer Mensch wird gerade in der Eurythmie ein
besserer Taktschlager sein als ein leichterer Mensch. Im Rhythmus
tritt das weniger zutage. Der Rhythmus bringt den Menschen in
Bewegung. Und da kann man schon sehr gut unterscheiden, ob die
Bewegung eine geschmackvolle oder eine geschmacklose ist, ob
Seele in der Bewegung drinnen ist: langsam — schnell, langsam —
schnell — in dieser Bewegung. Sehen Sie, da kommt das Atherische
am Menschen zum Vorschein. Das ist der atherische Mensch, der
sich im Rhythmus offenbart. Sehen Sie aber auf die Melodie, die
den eigentlichen Geist im Musikalischen bringt, dann ist es der
astralische Mensch, der sich offenbart. Und Sie haben damit eigent-
lich den ganzen Menschen mit Ausnahme des Ich, wenn Sie im
Musikalischen wirken. Sie konnen wirklich sagen: Ich als physisch
taktschlagender, atherisch rhythmisierender, astralisch das Melos
entwickelnder Mensch trete vor die Welt hin. — Und in dem Augen-
blicke, sehen Sie, wo iibergeht das Musikalische in das Sprachliche,
da tritt das Ich ein. Die Sprache selber, gewiss, sie wird dann weiter
vermittelt ins Astralische, sogar ins Atherische hinein. Aber ihr
Ursprungsimpuls liegt im Ich.
60
Und wenn ich Ihnen gestern zum Schliisse einen geheimen Paral-
lelismus angefiihrt habe zwischen der Skala und den Vokalen, und
wenn wir sogar gesehen haben, wie das Musikalische eurythmisch
in die Vokale hineingeht, so miissen wir uns doch klar sein dariiber,
dass schon im Gesange das rein Musikalische iiberschritten wird.
Das rein Musikalische, das echt Musikalische driickt sich im Astra-
lischen des Menschen aus. Daher wird der Gesang um so musika-
lischer sein, je mehr er sich eben an das Musikalische halt, je mehr
er dem Melos nachgeht. Und das dem Melos Nachgehen wird beim
Gesange gerade das Allersympathischste sein.
Gehen wir vom Gesang zur Sprache, also zur Deklamation und
Rezitation, dann werden wir einen starken Missklang haben zwi-
schen dem Melos und demjenigen, worauf doch nun der Rezitator
und Deklamator sehen muss, dem Sinn der Worte. Nun muss zwar
betont werden, dass ein Musikalisches wirksam sein muss im Rezi-
tieren und Deklamieren, aber es wird immer ein innerer Kampf
bestehen, den der Sanger im Musikalischen Ibsen kann. Je musika-
lischer er ist, desto mehr wird er auf das Astralische zuriickgehen,
auf das Melos, und desto mehr wird er fur sich die Aufgabe Ibsen,
im Gesang musikalisch zu bleiben. Daher ist es selbstverstandlich
wiederum eine grbssere Kunst, im Gesang musikalisch zu bleiben,
als etwa in der Instrumentalmusik musikalisch zu bleiben.
Aber nun nehmen Sie das Folgende. Ich glaube, Sie haben alle
das Gefiihl, dass ein Goethesches Gedicht ungeheuer musikalisch
wirkt, das Gedicht:
Uber alien Gipfeln
Ist Ruh;
In alien Wipfeln
Spiirest du
Kaum einen Hauch;
Die Voglein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Nehmen Sie gewichtige Worte aus diesem Gedichte «Uber alien
Gipfeln ist Ruh»: Gipfeln, ist Ruh, Wipfeln, Hauch, auch, warte,
balde.
61
Wenn Sie empfindungsgemass der Sache nachgehen, so werden
Sie fmden, dass das Sympathisch-Musikalische, das in diesem Ge-
dichte liegt — und es ist etwas ausserordentlich Sympathisch-Musi-
kalisches in diesem Gedicht — , dass das liegt an dem Gebrauch der
Worte: Gipfel, Wipfel, ist Run, Hauch, auch, warte, balde — in
diesen Worten liegt das eigentlich Musikalische. Nun bitte ich Sie,
was haben wir denn da eigentlich? Vergleichen Sie das mit dem,
was ich gestern dargestellt habe als die Konkordanz der Laute, der
vokalischen Laute mit der Skala. Ich schreibe immer die Skala so -
selbstverstandlich kann man ja jeden Ton auf ein c schreiben — ,
aber ich schreibe es so, wie man gewohnlich das c anfuhrt in der
Skala. Also es kommt naturlich nicht darauf an, dass Sie bloss auf
diese Bezeichnungen basieren; aber wenn man so schreibt, wie ich
es auch gestern getan habe, dann haben wir in dem Worte
«Gipfeln» h g, h a g, eine nach abwiirts gehende Terz. Sie wirkt
als eine Moll-Terz. Sie ist das Spiegelbild einer Terz. Und die
Wiederholung dieses Terz-Spiegelbildes in Wipfeln und Gipfeln,
das ist dasjenige, was zunachst musikalisch ungemein fein an-
klingt.
Gehen Sie weiter: ist Ruh. — Wenn Sie «ist Ruh» nach dem
Schema, das ich Ihnen gestern dargestellt habe, nehmen, so haben
Sie in «ist Ruh» ein h, und das u ist das c: h c. Das heisst, Sie be-
ziehen die Septime auf die Prim zuriick und haben darin alles, was
ich gestern und vorgestern von der Septime gesagt habe, haben es
zuriickbeziehend. Wenn der Mensch in die Septime hineingeht,
kommt er aus sich selber heraus. Er wird sich selber zuriickgegeben,
wenn er von der Septime auf den Grundton zuriickgeht, er be-
kommt sich gewissermassen selber wieder. Spuren Sie das in den
Worten: ist Ruh; darinnen liegt es.
Nun, ganz besonders interessant ist, dass wir in diesem Gedichte
in balde und warte ja immer ein e g haben; e g, also wieder eine
Art Terz, aber die andere Terz, die nach der anderen Seite geht, das
Spiegelbild der ersten Terz, eine Art Dur-Terz. Und so haben Sie
eine wunderbare Kongruenz dadrinnen, Terzen, die wie Spiegel-
bilder sich verhalten, und das Zuriickgegebensein des Menschen in
dem umgekehrten Septimen-Akkord, Septim-Zusammenklang.
62
Und jetzt gehen wir weiter: Hauch, auch - das ist etwas, wo ein
Diphthong auftritt. Was sind denn Diphthonge? Wo konnen wir
in der Musik die Diphthonge suchen? Sehen Sie, da konnen wir
umgekehrt, wie wir sonst ofter vom Musikalischen in das Sprach-
liche heriibergegangen sind, von dem Sprachlichen in das Diph-
thongische, ins Musikalische hiniibergehen. Wenn Sie Gehor haben
fur solche Dinge, so werden Sie sich auf Grundlage der Prinzipien,
die ich ausgesprochen habe, sagen: Worinnen liegt denn der Geist
des Diphthongs? also des ei, des au? Liegt er in dem e oder liegt
er in dem i, in dem a oder in dem u? Nein, er liegt dazwischen.
Dasjenige, was eigentlich das «Ausgegeistete», nicht das Ausgespro-
chene ist, e i, a u, das liegt zwischendrinnen, und deshalb werden
wir in den Diphthongen nicht Tone zu sehen haben, sondern Inter-
valle. Diphthonge sind immer Intervalle. Und bei Goethe ist es das
Interessante, dass Hauch, also au, ein ganz richtiges Terzen-Intervall
ist. Sie brauchen sich nur an das vorgestern gegebene Schema zu
erinnern: Wipfel - h g; ist Ruh - h c; Gipfel [h g]; Hauch - Terz;
auch - Terz; warte - eg; balde - e g.
So dass Goethe nun nicht bloss richtige Terzen und ihre Spiegel-
bilder gebraucht, sondern hinzufiigt noch, um alles beisammen zu
haben in diesem Gebiete, richtige Terzen-Intervalle in den Diph-
thongen.
Da haben Sie es, auf was es ankommt. Es kommt nicht darauf
an, dass ein Mensch, indem er dieses Goethesche Gedicht liest oder
rezitiert, daran denkt, dass da etwas Terzenartiges, sogar etwas Sep-
timenartiges drinnen ist. Naturlich denkt er nicht daran. Aber in-
dem er das Gedicht richtig empfindet, bringt er es dennoch zum
Ausdrucke als Rezitator. Es kommt schon heraus. Aber was ist
denn das, was fast so geistig ist wie das vom Ich sinnvoll Ausge-
sprochene, und dennoch nicht gewusst wird? Das ist das Astrale.
So dass also, indem hinter dem Sinnvollen des Gedichtes dasjenige,
was fur den Menschen den tieferen unbewussten Sinn, den musika-
lischen Sinn im Astralischen hat, bei diesem Gedichte gerade das
Wirksame ist. Goethe hat soweit als moglich gerade in diesem Ge-
dichte die Wirkung dieses Gedichtes aus dem Ich in das Astrale
zuriickgeschoben.
63
Nun werden Sie dieses Gedicht am besten dann eurythmisieren,
wenn Sie tatsachlich es dahin bringen, die verschiedenen Laute, die
Sie eurythmisch darstellen, weniger zu pointieren, als anzudeuten,
womoglich sie nicht fertig zu machen, also das i in Wipfel und
Gipfel nicht ganz fertig machen, sondern es in der Schwebe lassen.
Und wenn Sie dieses ganze Gedicht so zustande bringen im Euryth-
misieren, dass Sie die Bewegungen, die sich zum Fertigwerden der
Vokale anschicken, in der Schwebe lassen, zuriickzucken, bevor Sie
sie fertig haben, dann werden Sie dieses Gedicht am besten darstel-
len, denn dann wird dieses Gedicht eurythmisch-musikalisch am
schonsten sein.
Gerade diese Dinge meine ich, wenn ich davon spreche, man soil
gefuhlsmassig das Eurythmische studieren und das Gefiihl nicht
verschwinden lassen, wahrend man eurythmisiert, sondern es haben.
Denn der Zuschauer kann ganz genau unterscheiden — er weiss es
nicht, denn bei ihm kommt es gar nicht zum Bewusstsein — , der
Zuschauer kann aber unbewusst ganz genau unterscheiden, ob einer
wie automatisch irgend etwas ableiert eurythmisch, oder ob er in
die Formen, die er macht, das Gefiihl hineingiesst. Und zwei
Eurythmisierende, von denen der eine ein Intellektualist ist, der
alles nach den Bedeutungen nur darstellt, die er gelernt hat, wah-
rend der andere alles durchempfindet bis in das einzelne der Arm-
beugung oder Armstreckung, der Fingerbewegungen durchemp-
findet, zwei solche Eurythmisten werden eben wirklich so verschie-
den sein, wie der Virtuos von dem Kiinsfler verschieden ist. Man
kann das eine sehr gut konnen, Virtuos sein, aber man braucht
deshalb gar nicht ein Kiinstler zu sein. Und diese Dinge sich
voll zum Bewusstsein bringen, das wird in der Schonheit Ihrer
eurythmischen Bewegungen zutage treten. Es soli daher nicht
gleichgiiltig sein, ob Sie wissen oder nicht wissen, wie eine
musikalisch-eurythmische Darstellung sich zu einer rezitatorisch-
eurythmischen Darstellung verhalt. Dadurch, dass Sie das emp-
findungsgemass wissen, werden Sie erst die Haltung annehmen,
die in der Eurythmie notwendigerweise angenommen werden muss,
wenn die Eurythmie immer mehr und mehr sich zur Kunst aus-
bilden soil.
64
Beachten Sie nur einmal: der Sinn des Wortes zerstort eigentlich
die Melodic Man mochte schon sagen: Hat man notig, auf den
Sinn des Wortes zu gehen, so wird einem bange wegen der Zersto-
rung der Melodie. Die Folge davon ist, dass in der Sprache eine Art
Vergewaltigung des Musikalischen vorliegt. Es sind naturlich die
Worte sehr radikal gewahlt, aber es liegt in der Sprache eine Ver-
gewaltigung des Musikalischen vor. MUSS das denn so sein? Ist
denn das irgendwie in der Welt begriindet?
Ja, wie das in der Welt begriindet ist, das konnen Sie am Folgen-
den sehen: Die Sprache, sie besteht zunachst in den Vokalen, die
mehr das Innere aussern. In ihnen wird man eben noch die Spuren
des Musikalischen, wie wir es ja auch getan haben, sehr gut finden
konnen. Im Vokalisieren lassen sich die Spuren des Musikalischen
sehr gut finden; in den Konsonanten sehr schwer. Aber Sie wissen
auch, wie ich immer betont habe: die Vokale sind aus dem Innern
des Menschen entrungen. Sie driicken eigentlich das Fuhlen, das
innere Wesen der Seele aus: Verwunderung, Erstaunen, Zuriick-
beben, das Sichhalten gegeniiber der Aussenwelt, Sichgeltend-
machen, Losgeben, liebevoll Umfassen, das ist dasjenige, was in
den Vokalen deutlich zum Ausdruck kommt.
Die Konsonanten, sie sind ganz und gar der Aussenwelt ange-
passt. Wenn Sie einen Konsonanten studieren, so imitiert er immer
etwas, was in der Aussenwelt als Ding oder Vorgang existiert. Sie
konnen bei einem i ganz genau fuhlen: da macht sich der Mensch
geltend, wenn er das i ausspricht. Gewisse deutsche Dialekte haben
sogar fur das Ich: i, und da fuhlt der Mensch am allerstarksten —
ich weiss das, weil ich das auch gesprochen habe bis zu meinem 14.,
15. Lebensjahre — , wie das eigene Wesen in ihm sich geltend macht,
wenn er i sagt: Na, nit du, i! Man springt erst in die Luft, stellt
sich dann auf den Boden, wenn man dieses i sagt. Das ist es, das
muss man fuhlen.
Bei den Konsonanten — nehmen Sie ein /: Sie konnen es vorstel-
len; das i miissen Sie horen; das a miissen Sie auch hbren. Astralisch
lassen sie sich hochstens vorstellen. Aber das /, das r konnen Sie
sich gut vorstellen. Das / — schleicht einer, hat man gleich ein /.
Das r: einer hiipft laufend, Sie haben gleich ein r, einen Vorgang.
65
Ein gewohnliches Rad schleicht, ein gewohnliches Rad It, mochte
ich sagen, ein Zahnrad rt. Da haben Sie gleich die Vorstellung: so
ist es. Und haben Sie schon gesehen, wenn man einen Pfahl mit
einem Hammer in den Boden einschlagt, Sie konnen gar nicht an-
ders, als ein T dabei vorstellen; es ist ein T. Ein ausserer Vorgang
ist der Konsonant. Immer ist der Konsonant ein ausserer Vorgang.
Und damit weist eben die Sprache in ihren konsonantischen Bildun-
gen einfach auf die Aussenwelt. Die Vokale fiigen sich in die Kon-
sonanten hinein.
Sie wissen ja, wie die Konsonanten in den Sprachen mit den
Vokalen wechseln. Jeder Konsonant hat schon etwas Vokalisches,
oder jeder Vokal hat etwas Konsonantisches. Bedenken Sie nur, dass
in manchen Sprachen das / ein i ist; ein Konsonant ist ein Vokal.
Und ein Schluss - / zum Beispiel wird in gewissen deutschen Dialek-
ten immer als i gesagt. Man sagt niemals, wenn man im Dialekt
redet: Dorfl, sondern man sagt Dorfi. Das ist das i, und das / ist
eigentlich nur ganz leise drinnen angedeutet, man spricht eigent-
lich ein i.
Dadurch aber kommen auch die Vokale an das Aussere, an die
Aussenwelt heran. Die Sprache ist dasjenige, was eben an die Aus-
senwelt herankommt, was damit eigentlich zum Abbilde der Aus-
senwelt wird in einem gewissen Sinne.
Und weil es so ist, deshalb vergewaltigt die Sprache das Musi-
kalische, und man muss mit einer grossen Kunst im Rezitieren wie-
derum zum Musikalischen zuriickstreben und wird nur dann, wenn
einem das Musikalische im Dichter entgegenkommt, das Melodiose
in der Sprache finden; wahrend man eigentlich Rhythmus und Takt
in jeder dichterischen Sprache im Rezitieren beriicksichtigen muss.
Und tut man es nicht, siindigt man gegen Rhythmus und Takt, die
nun auch eben schon mehr ins Ausserliche gehen im Musikalischen
selbst, dann ist eben unrichtig rezitiert. Aber je mehr man ans
Musikalische herankommt, desto mehr kommt man hinein ins
Melos. Melos ist das Musikalische.
Aber wenn Sie dieses Ganze durchnehmen, was ich jetzt gesagt
habe, dann werden Sie ja finden, dass draussen im Aussermensch-
lichen das Musikalische nur in geringem Masse eigentlich vorhan-
66
den ist. Indem wir selber von innen nach aussen gehen, vom musi-
kalischen Erleben zum sprachlichen Erleben, kommen wir immer
mehr aus dem Musikalischen heraus. Warum kommen wir immer
mehr heraus? Weil das Sprachliche sich an die aussere Natur an-
lehnen muss. Die aussere Natur ist daher nur dadurch mit der
Sprache zu fassen, dass wir ein ihr Fremdes in die Sprache noch
hineinbringen. Sie spottet ja unseres Taktes und unseres Rhythmus
und namentlich unseres melodiosen Sprechens. Und derjenige, der
ein reiner naturalistischer Materialist ist, der findet iiberhaupt alles
poetische Sprechen, das heisst alles kiinstlerische Sprechen gekun-
stelt, sentimental.
Ich habe zum Beispiel einmal einen Mitschiiler gehabt, der hielt
sich fur ausserordentlich genial und kam einmal — es war in jenen
Ubungen, von denen ich in meinem «Lebensgang» gesagt habe,
dass sie bei Schrder gehalten wurden, Ubungen im mundlichen Vor-
trag und schriftlicher Darstellung — , da kam er einmal und sagte,
er hatte etwas ausserordentlich Wichtiges, etwas Weltumwalzendes
vorzutragen. Und er erzahlte uns zuerst, was er Weltumwalzendes
vorzutragen hatte. Da war es das, dass er sagte: alle Metrik, alle
Poetik ist falsch. Da schrieben die Menschen Jamben, Trochaen,
Reime, das sei alles falsch, denn das sei ja alles nicht natiirlich, das
sei alles verkunstelt. Das miisse alles heraus aus der Poesie. — Diese
Entdeckung hatte er gemacht. Eine neue Poesie, sagte er, muss es
geben, die muss ohne Rhythmus, ohne Jambus und ohne Trochaus,
ohne Reime sein. Spater habe ich es sogar erlebt, dass solche Dich-
tung geschrieben worden ist. Dazumal vertrat er das theoretisch.
Wir haben ihn so durchgepriigelt, dass er dann den Vortrag nicht
gehalten hat.
Aber Sie sehen daraus, dass es ganz selbstverstandlich ist, dass
das Naturliche uns die Grundlage fur das Musikalische nicht gibt,
dass das Musikalische selbst Schopfung des Menschen ist. Man
kommt, wenn man gerade das Musikalische und die Sprache aus-
misst hinsichtlich ihrer inneren Wesenheit, man kommt dann dar-
auf, warum das Musikalische sich da von dem Natiirlichen ganz ab-
hebt. Es ist Selbstschopferisches im Menschen, und es ist eine Ver-
irrung im Musikalischen, die Natur eben nachahmen zu wollen.
67
Wie gesagt, ich will wirklich nicht banausisch gegen so etwas wie
«Waldesrauschen» und Windeswehen und so weiter, Quellenplat-
schern, «Bachlein im Marz» und so weiter zetern, ich bin ganz weit
davon entfernt, diese Dinge irgendwie kritisieren zu wollen; aber
es ist immer ein Streben dahinter, aus dem Musikalischen eigent-
lich herauszukommen und die Musik zu bereichern dadurch, dass
man etwas Unmusikalisches hineinbringt. Dann wird das unter Um-
standen, weil ja jede Kunst nach jeder Richtung erweitert werden
kann, sehr sympathisch wirken kbnnen; nur wird man, weil die
Eurythmie darauf angewiesen ist, das Musikalische noch musika-
lischer zu nehmen, als es schon selbst ist, wird man heillose Schwie-
rigkeiten haben, gerade dasjenige richtig zu eurythmisieren, was
nicht rein musikalisch ist.
Noch etwas anderes kann daraus ersehen werden, das ist die ge-
sundende Wirkung der Ton-Heileurythmie; denn diese wird auch
nach und nach auszubilden sein neben der gewohnlichen Ton-
eurythmie. Warum ? Im Grunde genommen beruht eine grosse Zahl
von Erkrankungen des Menschen darauf, dass er irgendwie inner-
lich zur Natur wird, statt dass er Mensch bleibt. Wir werden immer
ein Stuck Natur, wenn wir krank werden. Nicht wahr, das eigent-
lich Menschliche besteht darinnen, dass wir keine Naturprozesse
dulden, so wie sie sind, sondern jeden Naturprozess gleich inner-
lich umandern, gleich innerlich menschlich machen. Nichts ge-
schieht im Menschen, ausser dem Vorgang der Salzauflosung und
Salzmetamorphose, nichts geschieht im Menschen, was nicht Um-
wandlung der Naturvorgange ist. Wir werden krank, wenn wir
Naturvorgangen in der inneren Umwandlung gegeniiber ohnmach-
tig sind, wenn wir sie nicht bis zur Metamorphose, die sie im Men-
schen annehmen mussen, bringen konnen, wenn sie sich als Natur-
vorgange abspielen. Haben wir in irgendeinem menschlichen Organ
zuviel Naturvorgang und zuwenig menschlichen Vorgang, und wir
bringen den Menschen dazu, musikalisch zu eurythmisieren, so ist
das ein Heilfaktor, weil wir dann sein Organ zuriickfiihren auf das
Menschliche aus der Natur heraus. Wir sagen, indem wir den Men-
schen toneurythmisieren lassen, wenn zuviel Natur in ihm ist, wir
sagen der Natur in dem Organ: Du musst heraus — , denn jetzt macht
68
der Mensch eine Bewegung, die nur menschlich ist, die nicht natur-
haft ist, denn das Musikalische ist nur menschlich, ist nicht natur-
haft.
In alteren Zeiten hat man schon in dem Musikalischen selber
Heilmittel gesehen, und in vieler Beziehung wurde in alteren Zei-
ten mit Musik kuriert. Aber da das Musikalische gerade im Euryth-
misieren ganz besonders zum Vorschein kommt, so wird auch die
Heilwirkung des Musikalischen bei einer rationellen Therapie ganz
besonders zum Vorschein kommen mussen. Das wollte ich Ihnen
heute sagen. Morgen werden wir dann um dieselbe Zeit fortsetzen.
69
FUNFTER VORTRAG
Domach, 23. Februar 1924
Die Chor-Eurythmie
Sie werden gesehen haben, dass das Wesentliche im Eurythmi-
sieren des Musikalischen als Musikalisches vom einzelnen Men-
schen allerdings gemacht werden kann. Wir haben versucht, darzu-
legen, wie — sagen wir — der Dreiklang, wie die Motivfolge von
dem einzelnen Menschen bezwungen werden kann.
Nun entspricht die eurythmische Darstellung im Musikalischen
durch den einzelnen Menschen in gewissem Sinne ja allerdings
einem Primitiven und ist, man konnte sagen, als Buhnendarstel-
lung immer etwas armlich; obwohl an sich Wunderschones, Gross-
artiges von dem einzelnen Menschen eurythmisch dargestellt wer-
den kann. Und es ware auch zu wiinschen, dass gerade unter ande-
rem Wert gelegt wiirde auf diese — sagen wir — Solodarstellungen,
damit das eigentliche Wesen der musikalischen Eurythmie zum Vor-
schein kommt. Aber es ist doch nicht zu leugnen, dass ein immer-
hin auch musikalischer Eindruck hervorgerufen werden kann in der
Eurythmie durch das Zusammenwirken von Personen, also durch
die Choreurythmie. Nur handelt es sich darum, dass man ja die
Dinge nicht bloss schematisch aufnimmt, sondern dass man schon
auch etwas eindringt in das Wesen des menschlichen Zusammen-
wirkens in der kunstlerischen Darstellung. Wir haben ja betonen
mussen, dass Eurythmisieren heisst: heraufarbeiten den physischen
Menschen, der eigentlich nur im Takte anklingt, zu dem atheri-
schen, zu dem astralischen Menschen. Und wenn gesucht wird das
eigentliche Melos im astralischen Menschen, wahrend die Sprache
im Ich-Menschen liegt, so kann man schon dadurch hineinschauen
in das Wesentliche, auf das es beim musikalischen Eurythmisieren
ankommt. Das, was der Mensch als astralischer Mensch erlebt,
70
bleibt ja gewohnlich in der Ruhe stecken. Gent der Mensch uber
dazu, dasjenige, was in der Ruhe steckenbleibt im astralischen
Menschen, in der Welt darzustellen, dann schafft er gewissermas-
sen sein Geistig-Seelisches heraus, bringt es zur Anschauung. Und
in diesem Zur-Anschauung-Bringen liegt eigentlich das hervor-
ragendste Element alles Kiinstlerischen.
Es gibt in der Gegenwart eine sehr, sehr merkwiirdige Erschei-
nung, die ich bei dieser Gelegenheit gerade hervorheben mochte,
aus dem Grande, weil vielleicht, wenn Sie als Eurythmiker eine
Empfindung sich davon verschaffen, Ihnen das fur die eigentliche
kiinstlerische Ausgestaltung des Eurythmischen viel dienen kann.
Ich musste, wahrend ich iiber dieses Toneurythmische zu Ihnen
sprach, ofters an einen eigentlich recht bedeutenden osterreichischen
Musiker der Gegenwart denken, einen Musiker der Gegenwart, der
in Wiener-Neustadt geboren ist und sich mit einer ungeheuren
Vehemenz entgegenstellt der ganzen modernen Musik, die er die
schlechte europaische Musik nennt. Das ist eine interessante Erschei-
nung, eine Erscheinung, die eigentlich ganz besonders den Eurythmi-
ker interessieren sollte. Hauer hat sehr friih musizieren gelernt, so zwi-
schen seinem 5. und 8. bis 9. Lebensjahre, namentlich Zitherspielen,
und er ist weit gekommen, hat daraus die Anschauung sich errungen,
dass man eigentlich nicht viel dazu braucht, um sich all dasjenige an-
zueignen, was man gegenwartig Musik nennt. Man kann schon aus
der Art und Weise, wie sich Hauer darlebt, spiiren, dass das in einer
gewissen Beziehung innerlich ausserordentlich ehrlich ist. Er hat
sich auf der einen Seite dadurch die Anschauung errungen, dass
man dasjenige, was man gegenwartig Musik nennt, sich ausser-
ordentlich leicht aneignen kann, dass einem aber dann gerade das
Musikalische fehlt, dass man dadurch gerade aus dem Musikali-
schen hinauskommt. Und vieles von dem, was ich gerade mit Riick-
sicht auf die eurythmische Darstellung des Musikalischen sagen
musste, tritt bei Hauer in einer krassen, radikalen Weise auf. Er
spricht zum Beispiel von der atonalen Musik. — Ich sagte, das
eigentlich Musikalische, das Geistige in der Musik ist zwischen den
Tonen, liegt in den Intervallen, ist dasjenige, was man nicht hort. —
Hauer spricht geradezu von der atonalen Musik. Und damit beriihrt
71
er etwas, was ausserordentlich gut stimmt. Er denkt daran, wie in
der Erregung des Tones, in der Erregung des Akkordes eigentlich
ein bloss Leidenschaftliches oder Sinnliches liegt, ein blosses Hilfs-
mittel, um das unhorbare Melos, das das innerste Leben der Seele
des Menschen darstellt, zum ausseren Ausdruck bringen zu konnen.
Nun ist ja in unserer gegenwartigen Kultur und Zivilisation, ins-
besondere auch was die Kiinste anbelangt, etwas so Dekadentes,
etwas so Chaotisches, dass man schon ein Herz haben kann fiir
jemanden, der aus einem gewissen inneren genialen Daraufkom-
men, dass ja die gegenwartige Musik eigentlich Gerausch ist und
nicht Musik, aus einem Daraufkommen, worauf eigentlich das Mu-
sikalische beruht, dass man es begreifen kann, dass ein Mensch, der
aus diesem alien heraus sich entwickelt, eine wahre Wut bekom-
men kann gegen alles kiinstlerische Europaertum. Und die hat er
auch, eine wahre Wut auf alles kiinstlerische Europaertum.
Nun ist dies ja sehr interessant — und mich hat dieser Hauer seit
langem interessiert. Ich musste mich gerade, wenn ich versuchte,
das Musikalische in Eurythmie iiberzufuhren, nach manchem fra-
gen, was bei Hauer auftritt, und musste mir sagen: Eigentlich ist es
bei ihm so, dass man nicht aus seinem atonalen Melos iibergehen
konnte zu der eurythmischen Gebarde. Man kommt nicht zu der
eurythmischen Gebarde. Ich musste mich fragen: Warum ist das
so? Warum kommt man da nicht zu der eurythmischen Gebarde,
wahrend er doch mit solch innerer Innigkeit die Bewegung des
Melos fuhlt und mit einer solchen Klarheit sieht, worauf es eigent-
lich ankommt im Musikalischen? Es gibt bei Hauer eine sehr ein-
fache Erkliirung. Hauer hasst diejenige Zivilisation, mit der das
Europaertum anfangt und die die iibrige Menschheit ungeheuer
bewundert; er hasst das Griechentum. Er ist ein Mensch, der das
Griechentum bis zum Exzess hasst.
Nun, es ist interessant, auch einmal solch einen Menschen ken-
nenzulernen, der das Griechentum hasst, der es ehrlich und wahr-
haftig hasst. Leute, die das Griechentum unehrlich verehren, die
gibt es ja ohnehin genug, womit ich nicht gesagt haben will, dass
es nicht auch solche gibt, die es ehrlich verehren. Aber Sophokles
und Aschylos verehren, das ist heute eine Selbstverstandlichkeit.
72
Auf Sophokles und Aschylos als Verderber der Kunst zu schimp-
fen, das ist eine interessante Erscheinung, an der man doch nicht
voriibergehen sollte. Und zwar schimpft er aus dem Grunde, weil
nach seiner Ansicht die Griechen alles, was Kunst ist, auf das Thea-
ter gebracht haben, alles, was horbar ist, in das Sichtbare hinein-
gegossen haben. Nun, schliesslich ist das wahr. Es handelt sich nur
darum, ob einer auch das Sichtbare lieben kann. Will man zur
Eurythmie kommen, so muss man natiirlich das Sichtbare lieben
konnen. Wenn man das Sichtbare nicht liebt, ehrlich nicht liebt,
und beim Horbaren, beim Melos stehenbleiben will, dann wird
einem niemals das gefallen konnen, dass das Griechentum alles
heriiber zum Begreifbaren und Sichtbaren gebracht hat.
Die Orientalen hatten Inspirierte, die nun tatsachlich hinhorchen
wollten auf das Horbare. Die Orientalen hatten eine Baukunst, die
eigentlich im Grunde genommen Musik im Raume war. Die orien-
talische Baukunst hat viel Eurythmie in sich. Man sieht formlich
das Melos sich ausgiessen in die Bewegung. Europa hat ja eine musi-
kalische Baukunst wenig verstanden, als sie hier am Goetheanum
aufgerichtet worden ist, denn das war im Grunde genommen den-
noch eine Art Auflehnung gegen die griechische Baukunst. Von der
griechischen Baukunst hatte das Goetheanum nicht viel; aber das
Goetheanum war musikalisch, und das Goetheanum war euryth-
misch.
Nun, sehen Sie, daher hasst Hauer auch eigentlich die Sprache,
weil die Sprache nicht stehenbleibt beim Melos, wie ich dargestellt
habe, das Melos eigentlich vergewaltigt, in die Ausserlichkeit hin-
ausdrangt. In dem Augenblicke, wo wir Laute sprechen und uns
hingeben dem, was der Sinn der Laute von uns verlangt, in dem
Augenblicke werden wir allerdings in gewisser Beziehung unmusi-
kalisch. Und das Laute-Sprechen, das Sprechen der Laute, das ist
eine Kunst, die eigentlich iiberall nur das Melos anklingen lassen
kann. Das Melos kann so durchblicken, aber es kann nicht ausge-
bildet werden. Sie konnen nicht die Worte schon so bilden, dass die
Vokale drinnen nach dem Schema, das ich hier aufgestellt habe,
wirklich Terzen oder dergleichen waren. Das konnen Sie nicht,
denn das erlaubt Ihnen die Welt nicht. Die Welt erlaubt Ihnen
73
nicht, dass Sie, wenn Sie — sagen wir — eine Verwunderung emp-
fmden, ein a, dass Sie dann just darauf meinetwillen irgendein Ge-
fiihl haben, das, wenn Sie es aussprechen, in der Terz liegt gegen-
iiber dem friiheren Gefiihl. Das ist nicht moglich, nicht wahr. Das
Leben zerstort fortwahrend das Musikalische. Deshalb ist die Natur
auch unmusikalisch, und wir konnen nicht aus der Natur herein
das Musikalische gewinnen.
Und diese Zerstorung des Musikalischen, die geht iiber auf das
Rezitieren und Deklamieren. Hatte man in der Sprache nur Vokale,
dann gabe es iiberhaupt kein Rezitieren und Deklamieren, denn
dann wiirde der Mensch immer hingegeben sein mit seinem Inneren,
mit seinem Vokalisieren, an die Welt. Es gabe kein Deklamieren
und Rezitieren, denn man musste der Welt und ihren Erlebnissen
folgen, und es ginge nicht — es ginge nicht, das Musikalische zu
erhalten. Daher sind die Konsonanten da. Die Konsonanten sind
namlich die Entschuldigung der Vokale. Der Mensch entschuldigt
sich vor sich selber, dass er in den Vokalen seinen Erlebnissen folgt.
Und wenn er die Konsonanten zwischen die Vokale fiigt, dann ent-
schuldigt er sich dafiir, dass er sich selber so fremd geworden ist.
Und so haben Sie, wenn Sie auf das a das e folgen lassen, und
Sie machen entweder «warte» oder «balde» — ich habe iiber die
Dinge gesprochen -, so haben Sie in den Konsonanten, die Sie zwi-
schen a und e hineinsetzen, zu gleicher Zeit eine Entschuldigung
fur die Aufeinanderfolge der Vokale.
Nur ist das bei diesem Goetheschen Gedichte so, dass die Vokale
wirklich musikalisch wirken und man daher bei diesem Gedichte
moglichst wenig die Entschuldigung durch die Konsonanten
braucht. Daher wiirden Sie auch, wenn Sie diesem Goetheschen
Gedichte zuhoren und ein Rezitator es erreichen konnte, die Kon-
sonanten moglichst zu verschlucken, und Sie nur die Vokale horen,
die Konsonanten nur leise angedeutet fanden, einen feinen musi-
kalischen Eindruck von dem Gedichte bekommen.
Dagegen von vielen anderen Gedichten werden Sie die Konso-
nanten sehr brauchen. Und man kann sagen: Je weniger ein Ge-
dicht musikalisch ist, desto grossere Sorgfalt muss darauf verwendet
werden, den Konsonantenorganismus, Gaumen, Mund, Lippen,
74
Zahne und so weiter, in der richtigen Weise zu gebrauchen. Dann
tritt die Entschuldigung fur dasjenige ein beim Deklamieren und
Rezitieren, was durch die Vokale verbrochen wird.
Das zeigt Ihnen, dass im Vokalisieren, was ein Herausgestalten
des Inneren ist, der Mensch eigentlich eine Art Karikatur in die
Welt hineinstellt. Er ist es nicht mehr. Der Mensch ist er selbst, so-
lange er musikalisch bleibt. Wird er Vokal, stellt er eine Karika-
tur in die Welt hinein. In den Konsonanten bildet er die Karikatur
wiederum zur Menschengestalt um, und er ist dann draussen. Er
erfasst ein Abbild von sich. Das wiirde entsprechen dem in die Kon-
sonanten eingefassten Vokal.
Im Musikalischen gehen wir eigentlich immer mehr und mehr
nach innen. Im Sprachlichen gehen wir immer mehr und mehr
nach aussen.
Ja, so etwas zu empfinden, ist viel wichtiger fur den Eurythmisie-
renden, als Bewegungen und Bewegungen bloss nachzumachen und
dergleichen, denn das gibt Ihnen die innere Rundung des wahrhaft
Kunsflerischen, wenn Sie so etwas empfinden konnen.
Und so werden Sie gerade von dem ausgehend auch empfinden
konnen, wie die Choreurythmie wirken kann. In der Choreurythmie
haben wir es also zu tun mit einer Anzahl von Personen. Nehmen
wir zunachst den musikalischen Fall. Wir haben eine Metamor-
phose vom Motiv. Wir konnen chormassig diese Metamorphose von
Motiven in der Weise darstellen, dass wir in irgendeiner Form
Menschen aufstellen; sagen wir, wir stellen drei Menschen auf.
Wir lassen den ersten das erste Motiv eurythmisch darstellen, las-
sen ihn in der Form bis zum zweiten Menschen vorschreiten. Die
zweite Metamorphose des Motives ubernimmt der zweite. Der erste
bleibt stehen, der zweite geht weiter, iibergibt dann fur die nachste
Metamorphose das Motiv dem dritten. Der dritte setzt die Form
fort bis zum Platz des ersten (s. Zeichnung S. 76). Auf diese Weise
kann eine Art Reigen entstehen.
Es ist nur notwendig in diesem Falle, dass dann diejenigen,
welche stehenbleiben, stehend die entsprechenden Motive machen.
Auf diese Weise haben wir also in dieser einfachen Weise einen,
der die Motive im Schreiten entwickelt, die anderen, die sie im
75
Stehen festhalten, und dann haben wir allerdings dadurch gerade
durch die Eurythmie eine neue Variante in die Motive hineinge-
bracht. Wir haben da, durch das bewegte Motiv und das geformte
Motiv, wir haben da durch die Eurythmie etwas hineingebracht in
das Musikalische, was wir im rein Musikalischen gar nicht aus-
driicken konnen, weil ja im rein Musikalischen der alte Akkord
oder das alte Motiv nicht dableiben, wenn wir das neue anklingen
lassen.
Und denken Sie nur, wie oft ich genotigt bin zu sagen, dass in
der geistigen Welt das Vergangene da ist. Hier in der Entwicklung
der Motive durch den Chor bleibt das Vergangene da, schreibt sich
nur ein, indem es sich sozusagen verhartet und der betreffende
Motivtrager stehend die Sache macht. Das ist die eine Art.
Eine Variation tritt gleich ein, wenn Sie in der Motivfolge Ak-
korde haben. Da konnen Sie ausserdem noch den Chor so machen,
dass Sie den Akkord von mehreren Personen machen lassen und
dann wiederum an eine Gruppe von Personen das Motiv ubergehen
lassen konnen. Auf diese Weise wird eine Gruppe das Harmonische
ausdriicken, und die Fortbildung des Harmonischen wird dann
durch das Uberfliessen der Harmonien von einer Gruppe in die
andere dargestellt werden. Da haben Sie etwas sehr Bedeutsames
erreicht. Und der Eindruck wird nun ein ganz anderer sein. Wenn
einer in Bewegung die Aufeinanderfolge der Motive wiedergibt —
er kann ja auch den Akkord als einzelner darstellen und die Auf-
einanderfolge der Motive als einzelner in der Bewegung zum Aus-
76
druck bringen — , dann sehen Sie ausgefullt den Raum, der durch-
schritten wird, und alle Metamorphosen, alle Verwandlungen, Sie
sehen sie ausgefullt von dem physischen Menschen.
Wenn Sie aber einen Chor verwenden — sagen wir, Sie hatten
drei Personen in einer Gruppe, wieder drei, wieder drei, und Sie
lassen die Motivfolge von einer Gruppe auf die andere iibergehen — ,
dann hort es mit der Sichtbarkeit auf, dann iibergibt das Motiv der
eine dem anderen, dann schreitet etwas Unsichtbares durch den
Chorreigen, und dann sind Sie sogar dem Musikalischwerden dieses
Unsichtbaren sehr nahe gekommen, gerade der atonalen Musik sehr
nahe gekommen. Und Sie konnen also dadurch, dass Sie die Sache
auf den Chor ubertragen, den Eindruck zu einem ganz anderen
machen. Sie machen dadurch etwas, das im Musikalischen unmusi-
kalischer wird, so, dass Sie es wiederum ins Musikalische in der
Eurythmie zuriicktragen, indem Sie an das Unsichtbare appellieren
konnen gerade durch die Bewegung.
Und so ist die Eurythmie als Toneurythmie vielleicht gerade ge-
eignet, auch nach dieser Richtung hin zuriick-korrigierend auf das
Musikalische zu wirken.
Nun wird es bei der Fortfuhrung eines Motives selbstverstand-
lich auf die Bewegung ankommen; bei der Darstellung — sagen
wir — eines Akkordes durch eine Gruppe wird es aber ankommen
auf die Stellung, und in diese Stellung miissen dann die Betreffen-
den — auch wenn sie als Gruppe in Bewegung sind — zu kommen
trachten. Das wird sich Ihnen aus der Empfindung ergeben miissen.
Nehmen Sie nun an, Sie haben einen Dreiklang darzustellen; Sie
konnen sich nicht hintereinander aufstellen (links), sondern Sie
konnen sich nur so aufstellen, und das miissen Sie empfinden, dass
die erste Person hier steht, die zweite Person hier und die dritte in
der Mitte (s. Zeichnung S. 78 oben, rechts).
Dann wird, wenn der tiefste Ton von der ersten Person getragen
wird, der nachsthohere Ton von der zweiten Person und der dritte
Ton — meinetwillen die Quint — von der dritten Person — , dann
wird das einfach im Anblick das Richtige Ihnen ergeben. Kommt
das Motiv in Bewegung, so geht es iiber eben an die niichste Gruppe
von Personen. Und wenn nun der game Reigen in Bewegung ist,
77
1.
e
o
2.
o
so muss immer jede Person suchen, im Verhaltnis zu der anderen
in die richtige Stellung zu kommen, damit sie in der Figur, die
durch die Personenstellung bestimmt ist, eben durch die Sache aus-
gedriickt werden kann.
Nehmen wir an, wir haben einen Zweiklang, dann konnen Sie
die Personen nur so aufstellen:
Es ist etwas Unvollkommenes.
Aber einen dissonierenden Vierklang! Wenn Sie sich uberlegen
nach dem kunstlerischen Anblicke, was das heisst, die drei Personen
so aufzustellen, sich die ungeheure Geschlossenheit dieser Figur, die
wirklich wie ein Dreiklang dasteht, anschauen, dann werden Sie
sich sagen: Wo soil ich jetzt einen vierten hintun? Wer kunst-
lerisch empfindet, findet keinen Ort, wo er einen vierten hintun
kann; man kann ihn auch nicht finden. Sie konnen den vierten
nicht anders unterbringen als dadurch, dass Sie ihn eine Bewegung
ausfuhren lassen um den dritten herum. Sie konnen es gar nicht
anders machen. Das gibt Ihnen die unmittelbare Intuition. Und
1
O
2
O
78
damit haben Sie in der Figur die Dissonanz schon angedeutet. Sie
konnen in der Figur, in der ruhenden Figur, nur Konsonanzen aus-
driicken. Sie miissen in dem Augenblick, wo eine Dissonanz ein-
greift, in die Figur die Bewegung hineinbringen.
Dann aber, wenn Sie in die Figur die Bewegung hineinbringen,
dann beginnen Sie auch schon mit einer Forderung, dann konnen
Sie nicht mehr in der Ruhe bleiben. Dann schliesst sich die Bewe-
gung, die der vierte macht, notwendig zum Fortgang, zur Auflosung
der Dissonanz von selber auf.
o
Sehen Sie, in dieser Weise muss man denken iiber die Sache, da-
mit man tatsachlich die Gebarde als das ganz Notwendige der Sache
wirklich einsieht. Wenn Sie es so einsehen, kommen Sie eben dazu,
sich zu sagen: Die Dinge, die man macht, ergeben sich, mit einer
inneren Notwendigkeit. Da ist nicht die Freiheit beeintrachtigt..
Aber es ist auch nicht der Willkiir Tiir und Tor geoffnet; denn die
einzelnen Bewegungen in Freiheit schon zu machen, das hat man
ja noch immer iibrig.
So sehen Sie, dass in der Tat die Choreurythmie herausgeholt
werden kann aus der gewohnlichen Eurythmie, die der einzelne dar-
stellt. Insbesondere aber kann folgendes gemacht werden: Denken
Sie sich, wir haben in irgendeiner Tonarbeit die Tonika, eine Domi-
nante und eine Subdominante. Wir nehmen zur Darstellung drei
Gruppen von Menschen, wir stellen die Tonika mit einer Gruppe,
die Dominante mit der anderen Gruppe, die Subdominante mit der
dritten Gruppe dar, und wir lassen dann diejenigen Personen,
79
welche die Toniken darstellen, grossere Bewegungen ausfuhren,
diejenigen, welche Dominante und Subdominante darstellen, klei-
nere Bewegungen ausfuhren. Und nun denken Sie sich den Anblick.
Sie haben dieses immer wieder Zuruckkommen auf die Tonika in
den grosseren Bewegungen gegeben. Die Tonika hebt sich Ihnen
in den grosseren Bewegungen hervor. Dadurch, dass ein Eurythmi-
sierender die Bewegungen grosser macht, werden auch seine Ge-
barden ganz von selbst — das gibt die Empfindung — grosser. Die
Tonika, die immer wieder erscheint, sie erscheint auch in der euryth-
mischen Form immer wieder und wiederum. Sie werden sehen:
Wenn diese Dinge, nachdem sie beschrieben worden sind, nun nach
der Beschreibung ganz gut geiibt werden konnen, tritt der Charak-
ter jeder einzelnen Tonart gerade dadurch wirklich hervor, weil
Sie genotigt sind, in den Ubergangen die entsprechenden Bewegun-
gen zu machen.
Dur- und Moll-Tonarten treten sehr deutlich voneinander unter-
schieden hervor durch dasjenige, was dann zwischen den einzelnen
Gruppen vor sich geht. Und wenn Sie dazu noch beachten, dass
jedesmal, wenn ein Ton hoher wird, das Gefuhl vorhanden sein
muss: der Eurythmisierende muss naherkommen dem Zuschauer;
wenn ein Ton tiefer wird: der Eurythmisierende muss mehr gegen
den Hintergrund kommen — , wenn das noch hinzugefiigt wird,
dann haben Sie das ganze Musikalische im Bilde drinnen.
Es gehort allerdings dazu noch dieses, dass das Gefuhl vorhanden
sein muss davon, dass, wenn man nach einem hbheren Ton mit
einer Gruppe kommt, dann die Bewegungen spitzer werden miis-
sen; wenn man an einen tieferen Ton kommt, dann mussen sie
runder werden. So dass man sagen konnte: eine solche Bewegung,
die mit dieser Gebarde ausgeiibt wird, ist tiefer, und eine Bewe-
gung, die mit dieser Gebarde ausgeiibt wird, ist hoher.
80
Sie werden sagen: Da haben wir nun viel zu lemen an diesen
Dingen, weil sie sich praktisch sehr kompliziert gestalten. — Ganz
gewiss; aber es ist auch nicht komplizierter als Klavierspielen-
lernen oder namentlich als Singenlernen.
Damit habe ich Ihnen aber eigentlich dasjenige angegeben, was
nun den Ubergang darstellt von der Solo-Eurythmie zu der Chor-
eurythmie. Es ist eigentlich eine Schwierigkeit erst dann vorhanden,
wenn Polyphonie eintritt; aber davon wollen wir dann morgen
sprechen. Denn da wird eigentlich in der Bewegung die Sache noch
mehr zerrissen als im Musikalischen selber. Denn wir mussen,
wenn wir etwa Vielstimmigkeiten haben, dann ja auch verschiedene
Personen verwenden, und dann ist nur wiederum das Zusammen-
gehoren durch eine gewisse Verwandtschaft der Form zu erreichen.
Nun aber mochte ich noch ein kleines — ich mochte sagen —
esoterisches Intermezzo vor Ihnen entwickeln. Es handelt sich ja
wirklich darum, dass der Eurythmisierende seinen Korper als In-
strument verwenden muss. Denken Sie nur, was alles zum Instru-
mentenmachen gehort und wie man schatzt gewisse Geigen, die
man heute nicht wiederum eigentlich machen kann, was da alles
drinnenliegt in einem ausseren Musikinstrument. Nun ist ja der
Mensch in einer gewissen Weise enthoben diesen Anforderungen,
die da auftreten, weil er ja schon von den gottlich-geistigen Mach-
ten in einer gewissen Beziehung als ein sehr gutes Instrument auf-
gebaut worden ist. Allein schliesslich ist es damit doch nicht so weit
her, denn sonst miisste ja jeder in seinem Korper das allergeeig-
netste Instrument fmden. Und die Eurythmisten, die hier sitzen, die
wissen ja, wie grosse Schwierigkeiten sie haben, die Hindernisse,
Hemmnisse ihres Leibes wirklich zu iiberwinden, wenn es zu einem
Eurythmisieren, das der Kunst geniigen soil, wirklich kommen soil.
Nun handelt es sich aber darum, dass man schon einiges dazu
tun kann, um auf seinen Korper innerlich so zu wirken, dass so-
wohl das lautliche wie das tonliche Eurythmisieren allmahlich in
kunstvollendeter Form aus diesem Korper herauskommen kann.
Dazu ist nun allerdings im europaischen Zivilisationsleben nicht
sehr viel Gelegenheit. Das europaische Zivilisationsleben hat die
Anschauung iiber die aussere Natur ausgebildet, aber nicht eigent-
81
lich dasjenige ausgebildet, was notwendig ist, um den Menschen
als solchen in der entsprechend menschenwiirdigen Art in die Welt
hineinzustellen. Und der Mensch hat eigentlich heute Miihe, sein
Menschliches in sich selber recht zu erfuhlen.
Nun wird Ihnen dasjenige, was ich nach dieser Richtung zu
sagen habe, nicht gleich einleuchten. Es muss Ihnen eigentlich prak-
tisch erst einleuchten. Dasjenige, was ich Ihnen da sagen mochte,
ist namlich das Folgende. Bitte, nehmen Sie eine Ihnen zunachst
sehr befremdlich erscheinende Tonfolge:
Und nun (zum Klavierspieler) schlagen Sie die beiden ersten Tone
zusammen an und die zweiten als Folge. Bitte, ruhen Sie auf dem
letzten Ton recht lange. Also die ersten zwei zusammen und die
beiden letzten Tone hintereinander, den letzten recht lange.
Jetzt bitte ich jemanden, der das gut kann, diese Sache zu euryth-
misieren, einfach stehend zu eurythmisieren: h, a, e, d zugleich, das
e kurz, und den letzten Ton recht lange halten*
Jetzt mochte ich jemanden haben, der ein Wort auf diese sonder-
bare Tonfolge singt, und zwar gibt es ein Wort, das richtig dann
erscheint, wenn man es auf diese sonderbare Tonfolge singt, und
das ist namlich das Wort Tao* Nun handelt es sich um folgendes:
Wenn Sie dieses eurythmisieren, so haben Sie in der Darstellung —
aber Sie miissen dann die Dinge so geben, wie ich's jetzt in diesen
Vortragen dargestellt habe — , Sie haben Septime, Sexte und dann
erst die anderen Tone. Also Sie miissen in dieser absteigenden
Folge auch etwas empfinden und dann eurythmisch dieses zum
Ausdruck bringen, nicht bloss den Ton. Sie sind im Elementaren
bisher steckengeblieben, aber Sie miissen das, was ich gesagt habe,
eben wirklich zum Ausdrucke bringen. Dann werden Sie sehen, dass
82
* Vgl. Anmerkung auf Seite 146.
Sie in dem Tao ein wunderbares Mittel haben, die innere Leiblich-
keit geschmeidig, innerlich biegsam, kiinstlerisch gestaltbar fur die
Eurythmie zu machen; weil Sie namlich, wenn Sie es wirklich durch-
fiihren, wenn Sie eine Septime und eine Sexte, wie ich sie darge-
stellt habe, zuriickfiihren zu dem e und zu dem d, also dann in diese
Sekund hineinkommen. Sie werden sehen, wenn Sie das ausfuhren,
dass Ihnen das eine innere Kraft gibt, die Sie auf alles Eurythmi-
sieren ubertragen konnen. Es ist dieses ein esoterisches Mittel. Und
dieses zu machen, bedeutet Meditation in Eurythmie.
Und wenn Sie dann begleiten lassen von einem anderen, sei es
gesanglich, sei es auch nur aussprechend, rezitierend oder deklamie-
rend, diese Gebarde mit Deklamieren oder Singen von Tao, dann
werden Sie sehen, dass Ihnen das in bezug auf das Gesangliche,
Eurythmisierende, Rezitierende etwas ist wie die Meditationen fur
das allgemeine Menschenleben.
Es ist tatsachlich ein esoterisches Intermezzo, das ich da gebe, das
hinweist auf eurythmische Meditation. Und man muss schon zuriick-
gehen sehr weit, bis zum alten Chinesischen, wenn man in das
eurythmisierende Meditieren hineinkommen will. Sie konnen also
begreifen, dass man schon etwas iibrig haben kann fur jemanden,
der in den alten Orient zuriickgehen will, um die Musik wiederum
zu entdecken, und der aus seinem Gefuhle heraus sagt: Die Grie-
chen haben die Musik ganz und gar verdorben; deshalb haben die
Griechen auch keinen ordentlichen Musiker gehabt, ausser dem
sagenhaften Orpheus.
Aber auf der anderen Seite kann man ja wiederum das Grie-
chische, das eben in das Plastische hineingegangen ist, lieben. Nur
das eine ist wahr: nach und nach ist das Griechische in seiner Pla-
stik aus der Eurythmie herausgekommen. Und da vergleichen Sie
die orientalischen Bauformen, die in der Tat Musik in Bewegung
umsetzen, mit den griechischen Bauformen, die im Grande genom-
men entsetzlich symmetrisch sind. Da herrscht entsetzliche Symme-
tric Das musste auch einmal in der Welt eintreten.
Das Griechentum hat ja auch — ich mochte fast sagen — in tra-
gischer Weise die Konsequenz gezogen aus seiner Zivilisation. Es
war eine kurze Zivilisation, und sie hat sich in sich selber aufgelost.
83
Der Fehler liegt nicht im Griechentum, der Fehler liegt darinnen,
dass in der europaischen Zivilisation das Griechentum ewig fort-
gepflanzt werden soil. Aber es ist schon eine Art von Auflosung des
Griechentums, wenn wir, unmittelbar ankniipfend an Sprache und
Gesang, an Sprache und Musik, die Bewegungen herausholen aus
dem Sprachlichen und Musikalischen selber. Die Schwierigkeit im
Verstandnis der Eurythmie liegt eben darinnen, dass das europaische
Verstandnis eingefroren ist in der ruhenden Form und im Grande
genommen in der Bewegung nicht mehr leben kann. Aber die ra-
hende Form sollen wir der Natur lassen. Wenn wir an den Men-
schen herankommen, miissen wir, da der Mensch iiber die ruhende,
rein sinnlich anschaubare Form hinausgeht, eben in die Bewegung
hinein.
Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute sagen wollte.
84
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 25. Februar 1924
Die beharrende Note und die Pause
Wir miissen uns, wenn wir in den nachsten Stunden noch einiges
im einzelnen dann kennenlernen wollen, die Frage heute vorlegen,
was — wenn Musik im wesentlichen der Fluss des Melos ist und das
Melos in der eurythmischen Gebiirde vorzugsweise zum Ausdruck
kommen soil — , was das Musikalische als solches, also auch die
eurythmisierte Musik, ausdriicken soli?
Sehen Sie, da sind ja zwei Extreme. Auf der einen Seite kann
man davon sprechen, dass das Melodische immer mehr und mehr
hinubergeht zum Thematischen, Ausdruck wird von irgend etwas
anderem, das nicht selbst ein Musikalisches ist. Ich habe ofters
hier davon gesprochen, es ist insbesondere in der neueren Zeit
durch das Wagnertum, durch manches andere, dieses heraufgekom-
men: Musik als Ausdruck; Musik als Ausdruck von irgend etwas,
das nicht Musik ist. Es ist dann ja besonders im Beginne der Wag-
nerzeit dem gegeniibergestellt worden die reine, die absolute Musik,
das Musikalische als solches, das blosse Weben der Tone; man hat
mit einem gewissen Recht gesagt, dass dann Musik ja zur Ton-
arabeske wiirde, zur inhaltslosen Folge von Tonen.
Nun, beides ist naturlich ein Extrem, und das Vertreten der An-
schauung, Musik habe nichts anderes zu verkorpern als die Ton-
arabeske, das ist sogar ein Unsinn, ein wirklicher Unsinn. Aber der
Unsinn kann ja leicht entstehen, wenn man nicht eigentlich darauf
kommen kann, worinnen das wesentliche Musikalische liegt. In den
Tonen selber, das habe ich nun schon wiederholt betont, kann es
nicht liegen. So dass also auch der Musikeurythmisierende standig
darauf sehen muss, dasjenige in der Bewegung, in der eigentlichen
Gebiirde zum Ausdruck zu bringen, was zwischen den Tonen liegt,
85
und die Tone nur eigentlich als dasjenige anzusehen hat, was inn
zu der Bewegung veranlasst.
Nun wird es ja eine gewisse Hilfe sein konnen, gerade damit Sie
diejenigen Gebarden, die ich Ihnen bereits angefuhrt habe, in der
richtigen Weise, mit innerlicher Richtigkeit, mit innerlich richtigem
Fuhlen vollziehen, es wird Ihnen nutzlich sein, eine gewisse Vor-
aussetzung zu machen. Und diese Voraussetzung sollte darinnen
bestehen, dass Sie als Eurythmisierender den Ton selbst, auch den
Akkord in einer gewissen Beziehung als dasjenige betrachten, was
Sie zur Bewegung stosst, veranlasst, was Ihnen den Ruck gibt. Sie
setzen zwischen zwei Tonen den Ruck fort und betrachten die
nachste Note wiederum als den Ruck, der Ihnen gegeben wird. Auf
diese Weise driicken Sie in der Bewegung nicht den Ton aus, mar-
kieren nicht den Ton, sondern driicken alles aus, was im weitesten
Umfange zwischen den Tonen liegt und im Intervall etwa zur Gel-
tung kommt. Das ist von einer grossen Wichtigkeit.
Warum wird denn eigentlich in der modernen Zeit ein so starker
Drang entwickelt, vom rein Musikalischen abzugehen? Es kommt
ja manchmal etwas ganz Schones zum Vorschein, wenn vom rein
Musikalischen abgegangen wird; aber warum kommt denn dieser
Drang so stark zum Ausdruck, vom rein Musikalischen abzugehen ?
Er kommt deshalb so stark zum Ausdruck, weil der moderne
Mensch allmahlich in eine Seelenverfassung hineingekommen ist,
in der er nicht mehr traumen kann, in der er auch nicht mehr medi-
tieren kann, in der er nichts hat, was von innen ihn in Bewegung
bringt, sondern er will sich immer von aussen in Bewegung ver-
setzen lassen. Aber das In-Bewegung-Versetzen von aussen kann
niemals eine musikalische Stimmung abgeben. Und damit vollig die
moderne Zivilisation den Beweis liefern konnte, dass sie unmusi-
kalisch ist, hat sie zu einem drastischen Mittel gegriffen. Es ist wirk-
lich so, als ob die moderne Zivilisation in ihrem verborgenen
inneren Seelischen den klarsten Beweis hatte liefern wollen, dass
sie unmusikalisch ist. Und sie hat diesen Beweis geliefert, indem sie
zum Film gekommen ist. Denn der Film ist der klarste Beweis da-
fur, dass derjenige, der ihn liebt, unmusikalisch ist, weil der Film
darauf ausgeht, nur dasjenige in der Seele gelten zu lassen, was
86
nicht aus dem Inneren dieser Seele heraussteigt, sondern was von
aussen veranlasst ist.
Nun muss man schon sagen, es wird gegenwartig sehr viel musi-
ziert in der Richtung, dass besonders auf dasjenige Wert gelegt
wird, was von aussen irgendwie angeregt wird. Das versucht man
nachzuahmen, nicht durch das rein Melodische, sondern durch das
Thema, das man dem Melodiosen moglichst entfremdet.
Es gibt ein Mittel, sehen Sie, eine sehr einfache Weise, wiederum
durch eine Art Meditation — ich habe Ihnen neulich von der Tao-
Meditation gesprochen, diese Tao-Meditation soil den Eurythmisie-
renden dienen, so wie ich sie Ihnen vorgefiihrt habe — , es gibt eine
einfache Methode, sich immer mehr und mehr daran zu gewohnen,
im Aussermusikalischen noch das Musikalische zu suchen, und das
besteht darinnen, dass man versucht, zu vergleichen eine Vokal-
folge, die etwa so ist: Lieb ist viel..., oder: Eden geht grell. .. — es
braucht ja nicht einen Sinn zu haben. Vergleichen Sie das etwa mit
Worten wie: Gab man Manna ... Ob Olaf warm war ...
Nun bitte ich Sie, einmal hintereinander solche Satze sich zu
sagen:
Lieb ist viel... Eden geht grell. . . : detonierend
Gab man Manna ... Ob Olaf warm war ...: musikalisch
Da miissen Sie es unbedingt fiihlen: das zweite ist musikalisch,
das erste ist, wie wenn es detonieren wiirde. Versuchen Sie es nur
einmal hintereinander zu sagen: Lieb ist viel. Gab man Manna.
Eden geht grell. Ob Olaf warm war. — Sie haben leicht erkennbar,
dass die Vokale a o innerhalb des Gebietes des Musikalischen lie-
gen, dass die Vokale i e aus dem Musikalischen herausgehen — eine
wichtige Anmerkung fur Eurythmisierende, denn das Eurythmisie-
ren muss natiirlich ein Ganzes sein. Derjenige, der toneurythmisiert,
darf, wenn er irgend etwas besonders innig machen will, eine Ton-
eurythmie-Gebarde iiberfuhren in a, o; ebenso wiirde es sein in u.
Er darf aber nicht gern eine Toneurythmie-Gebarde iiberfuhren in
i und e. So dass man also a, o, u in Toneurythmie-Stucken zur Ver-
deutlichung der Stimmung gebrauchen kann, dass man e und i in
87
Toneurythmie-Stiicken zur Verdeutlichung der Stimmung nur dann
gebrauchen soil, wenn man bestimmte Absichten hat, aus dem Ton-
lichen an irgendeiner Stelle herauszugehen. Das ist also wichtig.
Diese Dinge liegen ja so, dass man sich vor alien Dingen ein
Bewusstsein von ihnen verschaffen muss. Es ist interessant, wenn
man zum Beispiel die deutsche Sprache durch mehrere Jahrhun-
derte verfolgt: sie hat viele a, o, u abgeworfen und viele i, und e
gewonnen. Das heisst, die deutsche Sprache ist im Laufe der Jahr-
hunderte immer unmusikalischer und unmusikalischer geworden. —
Ich rede jetzt von den Vokalen, nicht von den Intervallen.
Das also ist etwas, was wichtig ist beim Toneurythmisieren und
auch bei dem anderen Eurythmisieren wirklich zu beriicksichtigen.
Und weiss man, dass eigentlich in der deutschen Sprache die starke
Tendenz ist zur Missbildung der phonetischen Phantasie, dann ist
das ein gutes Wissen. Bei den westlichen germanischen Sprachen
ist das noch mehr der Fall. Das alles aber fuhrt uns erst recht zur
Frage: Was driickt denn die Musik eigentlich aus? Die Frage wird
nicht leicht jemand beantworten, der nicht traumen kann. Denn,
sehen Sie, in Wahrheit muss im Grande der Dichter, der Kunstler
traumen, oder bewusst traumen, das ist — meditieren konnen; ent-
weder in Reminiszenzen die Traumbilder haben konnen, oder aber
in Realitaten der geistigen Welt die Traumbilder haben konnen.
Was heisst das aber? Das heisst, von alledem hinweggehen, was
in der Sinneswelt eben Sinn gibt. Nehmen Sie einen Traum — ich
habe gerade iiber diese Zusammenhange ofters gesprochen — , neh-
men Sie einen Traum: man darf ihn, wenn man hinter sein Wesen
kommen will, nicht anschauen wie der Traumdeuter. Denn der
Traumdeuter, der nimmt den Inhalt des Traumes. Derjenige, der das
Wesen des Traumes wirklich kennt, der nimmt nicht den Inhalt des
Traumes, sondern der nimmt den Umstand, ob der Traum in Furcht
aufsteigt und zur Beruhigung kommt, ob der Traum das Innere in
eine gewisse Unruhe versetzt und diese Unruhe sich zur Angst stei-
gert und vielleicht mit der Angst ausgeht, ob eine Spannung da ist,
eine Losung eintritt. Das ist dasjenige, was im Traum das eigent-
lich Massgebende ist. Und bei der Schilderung geistiger Vorgange
ist das erst recht notwendig.
Naturlich kann man heute noch nur ausserordentlich schwer zu
der Menschheit sprechen iiber dasjenige, was die Geisteswissenschaft
vermitteln soil. Indem ich zum Beispiel die Aufeinanderfolge der
Weltentwicklung, Saturn, Sonne, Mond und so weiter geschildert
habe, haben die Leute gerade das als das Wichtige genommen, was
mir nicht das Wichtige war. Gewiss, es ist schon richtig, dass die
Vorgange auf dem Saturn so waren, wie ich sie geschildert habe,
aber das ist ja nicht das Wesentliche, sondern das Wesentliche ist
die innere Bewegung, die dabei geschildert wird. Und ich habe
mich immer recht sehr gefreut, wenn jemand gesagt hat, er mochte
dasjenige, was da geschildert worden ist als Fortgang von Saturn,
Sonne, Mond, musikalisch komponieren. Da muss er naturlich man-
ches weglassen, muss weglassen, wenn ich Farbiges schildere, muss
weglassen, wenn ich Warmeerscheinungen schildere auf dem Sa-
turn, muss weglassen, wenn ich gar Geriiche auf dem Saturn schil-
dere, denn ausser der «Geruchsorgel»* haben wir ja keine musika-
lischen Instrumente, die auf Geriiche gehen, nicht wahr! Trotzdem
wiirde sich gerade in der Saturnentwicklung das Wesentliche ganz
wohl musikalisch ausdriicken lassen, liesse sich komponieren.
Und wenn man einen Traum hat und absieht von seinem In-
halt, wenn man auf die Spannungen und Losungen, auf dasjenige,
was zur Kulmination von Darstellungen oder zur Kulmination von
Seligkeit im Fliegen und so weiter fiihrt, wenn man alle diese Be-
wegungen nimmt und sagt: mir ist es ganz gleichgultig, was der
Traum sinngemass ausdriickt, mir kommt es aber darauf an, wie
die Bewegungen im Traume verlaufen, — dann ist der Traum schon
ein Musikstiick, denn dann konnen Sie ihn iiberhaupt nicht anders
aufschreiben als in Noten. Und in dem Augenblick, wo Sie das
Gefuhl haben, dass Sie den Traum nicht anders aufschreiben kon-
nen als in Noten, fangen Sie erst an, den Traum ganz richtig zu
verstehen, ich meine, im unmittelbaren Anschauen ganz richtig zu
verstehen.
Daraus aber werden Sie ersehen, dass das Musikalische einen
Inhalt hat, nicht den thematischen Inhalt, der aus der Sinneswelt
* Bezieht sich auf die Humoreske «Die Geruchsorgel» von Christian Morgenstern
aus den «Galgenliedern».
89
genommen ist, sondern denjenigen Inhalt, der eigentlich iiberall
dann zutage tritt, wenn im Sinnlichen sich etwas ausdriickt, aber so,
dass man das Sinnliche weglassen kann und dann das eigentliche
Wesen der Sache hat. So muss man es aber gerade mit dem Musi-
kalischen machen. Und das muss vor alien Dingen der Eurythmist
ausserordentlich stark beriicksichtigen. Und er wird es stark beriick-
sichtigen, wenn er im Eurythmisieren achtgibt, mehr noch acht-
gibt, als man das sonst im Zuhoren tut, wenn er achtgibt auf die
beharrende Note und auf die Pause.
Fur den Eurythmisten ist die beharrende Note, der Orgelpunkt,
und die Pause von ganz besonderer Wichtigkeit. Und es ist schon
eine ernste Frage, ob dasjenige, was Orgelpunkt, oder dasjenige,
was nur in irgendeiner Weise erinnert an die beharrende Note — es
ist schon von einer grossen Wichtigkeit — , dass dies ordentlich be-
riicksichtigt wird. Und es wird ordentlich beriicksichtigt, wenn der
Eurythmist jedesmal, wenn er an eine beharrende Note kommt
oder an irgend etwas, was entweder im Keime ein Orgelpunkt ist
oder ein Orgelpunkt werden konnte, wenn er das in moglichster
Ruhe, mit Herauskehrung des ruhigen Stehens eurythmisiert, wenn
er also nicht weitergeht im Raume, wahrend er die beharrende
Note hort.
Dagegen ist es anderseits von Wichtigkeit, dass er sich innerlich
in den musikalischen Sinn vertieft fur alles dasjenige, was mit der
Pause zusammenhangt. Da ist es gerade gut, auf so etwas zu sehen.
Sie haben hier Gelegenheit (siehe Notenbeispiel), aus der nieder-
gehenden Stimmung hoch heraufzugehen mit einer entsprechenden
Pause, die sogar, was fur den Eurythmisten ein Widerspruch scheinen
konnte, mit einem Taktstrich ausgefiillt ist.
Aus der Klaviersonate in F-Dur von W. A. Mozart
90
Ich erwahne das gerade aus dem Grunde, weil es fur den Euryth-
misten nach dem, was ich gesagt habe, wie ein Widerspruch in sich
aussieht. Ich habe Ihnen gesagt: Taktstrich bedeutet Anhalten, in
sich die Bewegung machen; Ubergang von einem Motiv zum
anderen bedeutet moglichst fortschreiten im Raume, mit einer
schwungvollen Bewegung, die naturlich den entsprechenden Noten
angepasst ist, fortschreiten im Raume. Hier haben Sie das, dass Sie
als Eurythmist zunachst sagen konnen: Nun weiss ich wirklich
nicht, was ich machen soli; ich soil fortschreiten, und ich soil zu-
gleich stehenbleiben. Und das sollen Sie namlich auch. Sie sollen
namlich in zwei Schritten fortschreiten und dazwischen stehenblei-
ben. Sie sollen es also zuwege bringen, wenn so etwas hier vorliegt
wie dieses Beispiel, das entlehnt ist aus der F-Dur-Sonate von Mo-
zart, wo Sie eine gewisse grosse Pause haben konnen, auf die aber
sogar der Taktstrich fallt, dass Sie mit einer schwungvollen Bewe-
gung von der einen Note zur anderen hinuberkommen, aber in der
Mitte der schwungvollen Bewegung, in der Pause, in sich ruhend
stehenbleiben. Da werden Sie sehen, wie Sie gerade durch die Eu-
rythmie radikal andeuten, dass das Musikalische zwischen den No-
ten liegt, denn Sie eurythmisieren in einem solchen Fall ganz emi-
nent die Pause. Das ist es, was wirklich von ganz besonderer Wich-
tigkeit ist.
Und nun vergleichen Sie, wie ich auf der einen Seite sagte: Wenn
die Note beharrt, versuche man moglichst stehenzubleiben, in sich
zu sein. Das wird naturlich asthetisch dadurch zum Ausdrucke kom-
men, dass man ja den Orgelpunkt, die beharrende Note, in der
Regel in der zweiten Stimme haben wird, und man wird ja das-
jenige, was zwei Stimmen hat, eigentlich immer mussen mit zwei
Personen und mit zwei Formen geben. So dass also die sehr schone
Variation herauskommen kann zwischen den beiden Personen, dass
die eine Person fortgeht in der Bewegung, die andere Person bei
der beharrenden Note stehenbleibt und man dann die Bewegungen
so ausfuhrt, dass diejenige Person, welche stehenzubleiben hat,
einen kiirzeren Bogen auszufuhren hat, diejenige Person, welche
mittlerweile fortzuschreiten hat, hat einen ausfiihrlichen Bogen zu
gehen — und sie finden sich wiederum. Dadurch wird das eine Bewe-
91
gung sein, eine gute Bewegung, die sich einerseits zwischen dem
Hiniiberschwung, zwischen dem Intervall, das bis zur Pause gehen
kann, und anderseits in dem Orgelpunkt oder uberhaupt in der be-
harrenden Note geltend machen kann.
Auf diese Weise muss allmahlich das eigentlich Toneurythmische
herauskommen. Denn nur, wenn Sie in dieser Art fiihlen, werden
Sie das eigentlich Toneurythmische herausbringen. Sie sehen daraus
zu gleicher Zeit, dass man im wesentlichen wird Vielstimmiges
durch eine Anzahl von Personen zum Ausdrucke bringen und auch
eben in einer Anzahl von Formen. Die Formen mussen dann so
ausgefiihrt werden, dass sie einander wirklich entsprechen, so wie
die einzelnen Stimmen im Tonbilde selbst einander entsprechen.
Wenn Sie das nun in der Empfindung weiter ausfiihren, wovon
ich gesprochen habe, dass das Musikalische in den Spannungen
liegt, in den Losungen, in der Auf- und Abbewegung, dann haben
Sie ja etwas, was die Musik ausdriickt. Aber sie driickt eben nicht
dasjenige aus, was den Sinn der Worte bildet, sondern sie driickt
dasjenige aus, was das Geistige in der Tonbewegung selber ist. Und
deshalb wird es fur den Eurythmisten von ganz besonderer Wich-
tigkeit sein, dass er auf so etwas, was die Bewegung im eminente-
sten Sinne ganz innerlich ausdriickt, auch eine ganz besondere Riick-
sicht nimmt, das ist: die Dissonanz und die Konsonanz. Nicht wahr,
der Komponist wird ja niemals ohne Absicht eine Dissonanz ge-
brauchen; aber eine Musik ohne Dissonanzen ist ja eigentlich keine
Musik, weil sie nichts innerlich Bewegtes ist. Der Komponist, der
Musiker uberhaupt, gebraucht die Dissonanz. Er hat eigentlich die
Konsonanz dazu, um die Dissonanzen wiederum zu beruhigen, um
92
die Dissonanzen zu irgendeinem Abschlusse zu bringen. Aber in
demjenigen, was an der Dissonanz und Konsonanz erlebt wird, wird
uberhaupt etwas zum Vorscheine gebracht, was mehr, als man in
Worten sagen kann, an das Weltgeheimnis herantrifft.
Nehmen Sie an, es erklingt ein dissonierendes Motiv, das dann in
eine Konsonanz ubergeht. Betrachten wir den Eurythmisierenden
dabei. Er kann durchaus alles dasjenige an Formen beriicksichtigen,
was ich angefiihrt habe, was wir vielleicht noch anfiihren werden;
er wird zur Konsonanz iibergehen und wiederum an Form das-
jenige fur die einzelnen Intervalle brauchen, was wir angefiihrt
haben. Aber er sollte den Ubergang von einer Dissonanz zu einer
Konsonanz, oder umgekehrt, in seiner Darstellung zum Ausdrucke
bringen. Und es sollte so sein, dass der Eurythmisierende, indem er
in einer Dissonanz fortschreitet, in dem Augenblicke, wo er zu
einer Konsonanz ubergeht, einen Ruck in die Bewegung selber hin-
einmacht.
Dadurch wird etwas sehr Bedeutsames zum Ausdrucke gebracht.
Dadurch wird zum Ausdrucke gebracht, dass jetzt etwas eintritt
beim Ubergang der Dissonanz in die Konsonanz oder umgekehrt,
was man eigentlich aus sich herausstellt. Ich konnte das, was ich
da aufgezeichnet habe, auch so zeichnen:
93
Beachten Sie, ich losche ein Stuckchen aus. Das ist, wo man zu-
riickgeht. Dieses Gefiihl werden Sie haben: Sie haben ein Stiick-
chen ausgeloscht. Das ist das Hineingehen ins Geistige. Wenn Sie
ein Stuckchen ausloschen von Ihrem Wege, da annullieren Sie alien
Ton in der Bewegung, und Sie deuten an: Jetzt ist etwas da, was
man nicht mehr in der Sinneswelt zum Ausdrucke bringen kann,
sondern jetzt gebe ich dir nur die Grenze an von demjenigen, was
du eigentlich vorstellen sollst.
Sehen Sie, wenn man so weit kommt, solche Dinge zu machen,
dann ist man eigentlich erst an dem Punkt, wo die Kunste sein
sollen. Botokuden glauben, wenn einer so etwas macht (Zeichnung
links), so sei das ein Gesicht. Das ist kein Gesicht, das ist eine
Linie. Ein Gesicht ist das: Ich muss in der Lage sein, die Linie iiber-
haupt gar nicht zu machen, sondern ich muss die Linie als das, was
sie ist, auch wirklich aus dem Helldunkel hervorgehen lassen (Zeich-
nung rechts). Wer jemals diese Linie zeichnet, der ist in dem Mo-
mente, wo er sie zeichnet, schon kein Maler oder iiberhaupt kein
Kiinstler; sondern erst derjenige ist ein Kiinstler, bei dem die Linie
entweder aus der Farbe oder aus dem Helldunkel hervorkommt.
Sie konnen botokudisch zeichnen, dann machen Sie's so:
94
Das ist die Grenze zwischen Meer und Himmel. Aber das gibt's
ja gar nicht, diese Grenze zwischen Meer und Himmel; diese
Grenze ist doch gar nicht da! Es gibt den Himmel: blau, und es
gibt das Meer: griin. Dass die eine Grenze haben, das kommt da-
durch heraus, dass sie sich beriihren.
Wenn Sie ein Haus malen, ringsherum die Luft ist, dann lassen
Sie Platz fur dasjenige, was Sie an Farben innerhalb des Raumes
haben, den die Luft frei lasst: das Haus wird schon entstehen. Das
ist dasjenige, wonach die Kunst arbeiten muss. In dieser Beziehung
kann man ja manchmal in helle Verzweiflung kommen.
Sehen Sie, solche Verzweiflungen, die begreift eigentlich der heu-
tige Mensch sehr schlecht. Unter den mannigfaltigen Leuten, die sich
in der Waldorfschule fur Lehrstellen anmelden, sind auch Zeichen-
lehrer. Ja, die haben etwas gelernt, was man dort nicht brauchen
kann: zeichnen. Einer sagt: ich kann zeichnen. Ja, das gibt's ja gar
nicht. Das ist ein Schaden, wenn man irgendwie an die Kinder
etwas heranbringt, was Zeichnen ist — Zeichnen, das gibt's ja gar
nicht! Und wenn Sie nun zu solchen Auffassungen vom Ausloschen
Ihrer Linie kommen in der Eurythmie, dann kommen Sie eben mit
der Auffassung des Musikalischen im Eurythmischen erst recht in
das Kunstlerische hinein. Versuchen Sie daher iiberall, wo Uber-
gange sind, irgendwie, ohne es wiederum zum Schema zu treiben,
eine in sich laufende Bewegung zu entwickeln, wo Sie also den
Zuschauer notigen, wiederum zuriickzugehen, so dass er sich sagt:
der war ja schon weiter, jetzt geht er wieder zuriick. Er sagt das
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alles unbewusst - aber in dem Momente wird der Zuschauer geno-
tigt, aus dem Sinnlichen ins Geistige hineinzugehen, wo das Sinn-
liche iiberall ausgeloscht ist.
Und dann werden Sie eben die Moglichkeit finden, gerade das
Wesentlichste in der eurythmischen Bewegung in der Pause zu su-
chen, werden vielleicht auch immer mehr und mehr in die Pause
hineinbringen. Und nun bedenken Sie doch nur einmal: Sie haben
hier einen Ubergang (siehe Notenbeispiel auf Seite 90), der eigent-
lich in seinem Notenwerte ein starkes Herausgehen schon aus dem
Menschen selber darstellt, der darstellt etwas, bei dem man das
Gefuhl hat, man geht mit seinem Inneren aus seiner Haut heraus.
Bei der Quinte hat man noch das Gefuhl, man ist gerade an der
Grenze der Haut. Die Quinte ist der Mensch. Geht man weiter, so
geht man eigentlich schon in das Aussermenschliche hinein, aber
weil es Musik ist, in das Geistige hinein. Bringen Sie es dadurch zu-
stande, dass Sie eben die Pause ganz besonders durch Bewegung
betonen und in der Bewegung selber einen ruhigen Abschnitt ma-
chen, wie ich es angegeben habe, dann kommen Sie dazu, gerade
den ganzen Sinn dieses Aufstieges hier eurythmisch jetzt recht zum
Ausdrucke zu bringen.
Suchen Sie sich daher zu Ihrer Ubung Musikmotive mit recht
langen Pausen und mit moglichst weit voneinander in der Hohe
abstehenden Notenkopfen und versuchen Sie, eine moglichst cha-
rakteristische Bewegung da hineinzubringen, dann werden Sie eine
dem reinen Instrumental-Musikalischen vollig angepasste, ich kann
schon sagen, Gesangseurythmie hervorbringen. Und die wird wie-
derum auf Ihr ganzes Eurythmisieren zuriickwirken. Denn dann
werden Sie einen grossen Gegensatz empfinden, den Gegensatz,
der zwischen Vokalen und Konsonanten fur das Eurythmisieren
liegt. Wenn auch i und e eigentlich schon zu Missbildungen der
phonetischen Phantasie hinneigen, so ist es doch so, dass sie noch
Vokale sind und immerhin innerhalb des Musikalischen bleiben,
wahrend die Konsonanten eben Gerausche sind, aus dem Musika-
lischen herausschreiten.
Ich habe auch gesagt, die Konsonanten sind eigentlich die Ent-
schuldigung dafur, dass man die Vokale auf das Aussere anwendet.
96
Das aber wird Ihnen naheliegen, fur die Konsonantendarstellung in
der Lauteurythmie moglichst zu versuchen, das Vokalische in den
Konsonanten hineinzuziehen. Das heisst aber mit anderen Worten,
zu versuchen, den Konsonanten so kurz als moglich eurythmisch,
den Vokal so lang als moglich zu machen. Aber das ist nicht das,
was ich Ihnen ganz besonders ans Herz legen mbchte, denn das
wird sich ja schon aus dem Gefiihl ergeben, das einen gewissen
Parallelismus ergeben muss zwischen der Deklamation und Rezi-
tation und der Eurythmie. Was ich Ihnen aber besonders ans Herz
legen mochte, das ist dieses, dass ja auch fur die Lauteurythmie es
von ganz besonderer Wichtigkeit ist, darauf zu achten, dass der
Sprecher auch die Aufgabe hat, nicht bloss mit dem, was er spricht,
etwas zu sagen, sondern noch Wesentlicheres zuweilen zu sagen mit
dem, was er nicht spricht. Ich meine dabei nicht die Gedanken-
striche, die neuere Dichter so lieben, weil sie wahrscheinlich so viel
aus dem Geistigen zu sagen haben, dass sie Gedankenstriche immer
machen. Sie wissen, es gibt ein ironisch gemeintes Morgensternsches
Gedicht, das besteht lediglich aus Gedankenstrichen, enthalt keinen
einzigen Laut, kein einziges Wort, nur Gedankenstriche.* Ich meine
also nicht die Gedankenstriche, sondern ich meine die Tatsache,
dass fur die Hervorbringung gewisser Wirkungen, die in einem
Gedichte liegen, es durchaus notwendig ist, dass sowohl der Dekla-
mierende wie der Eurythmisierende richtig Pausen zu machen ver-
stehen.
Nehmen Sie nur einmal die Tatsache, dass ja der Hexameter
seine Zasur hat, wo eine Pause gemacht werden muss, so werden
Sie schon sehen, dass man auch durch die Pause etwas sagt. Pausen
kbnnen manchmal kurz sein, aber es ist wichtig, dass sie an ihrer
Stelle stehen, auch im Deklamieren und Rezitieren. Ohne Pause
gesprochen: «Was hor ich draussen vor dem Tor, was auf der
Briicke schallen?» — schrecklich!
Was hor' ich draussen vor dem Tor —
Was auf der Briicke schallen ?
* «Fisches Nachtgesang» aus den «Galgenliedern».
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ist richtig. Wenn Sie nun als Eurythmisierender es mit einer Pause
zu tun haben, eine Pause zu begleiten haben, dann ist es auch in
der Lauteurythmie von einer ausserordentlich richtigen, asthetisch
guten Wirkung, innerlich berechtigten Wirkung, wenn Sie auch
da dasjenige, was Sie an der Toneurythmie lernen konnen, das In-
sichzuriickgehen — in der Form zuriickgehen — , wenn Sie das auch
da pflegen. So dass man unter Umstanden selbst bei den kurzen
Pausen im Lauteurythmisieren dieses Zuriickgehen, dieses Aus-
loschen durchaus sieht.
Und jetzt zum Schlusse mochte ich Ihnen nur das noch sagen,
was wir zu einer gewissen Vollstandigkeit brauchen werden, was
ausgefallen ist in den vorigen Stunden. Das ist das: Sie wissen, wir
machen den Grundton im wesentlichen durch die Stellung oder
auch durch das Schreiten; Stellung, Schreiten — ich habe es Ihnen
beim Dreiklang angefuhrt. Nehmen Sie nun an, Sie hatten eine
Sekund zu bilden. Die Sekund ist im Musikalischen dasjenige, was
eigentlich noch nicht ganz das Musikalische gibt, aber das Musi-
kalische beginnt. Es steht am Tore des Musikalischen. Die Sekund
ist eine musikalische Frage. Und so ist es notwendig, die Sekund —
und Sie werden diese Notwendigkeit fiihlen — so zu bilden, wenn
sie auf irgendeinen Grundton folgt — , dass Sie als Sekund, indem
die Sekund auf einen anderen Ton folgt, dazu streben, die flachen
Hande nach oben zu haben. Es kann ja jede beliebige Bewegung
ausgefuhrt werden, indem man versucht, hineinzukommen in die
flachen Hande nach oben: wenn Sie von irgendeinem Ton zum
nachsten Ton hinaufgehen, wenn Sie einfach etwas nach oben
gehen und die hohle Hand verflachen. Sie mussen natiirlich sehen,
dass sie vorher nicht schon in der Erscheinung da ist. Es handelt
sich darum, dass man immer das Ganze iibersieht. Darinnen ist also
dies kundgegeben. Nun, auf Grundlage dessen, was ich gegeben
habe, werden wir noch die beiden nachsten Stunden einrichten.
98
SIEBENTER VORTRAG
Dornach, 26. Februar 1924
Der Ansatz zum musikalischen Eurythmisieren
liegt im Schliisselbein
Ich habe des ofteren betont, wie Eurythmie herausgeholt ist aus
dem Wesen der menschlichen Organisation, aus den Bewegungs-
moglichkeiten, die im menschlichen Organismus vorgebildet sind.
Der menschliche Organismus enthalt ja tatsachlich in sich veran-
lagt auf der einen Seite das Musikalische, auf der anderen Seite
aber — fur die Toneurythmie sei das besonders gesagt — die in Be-
wegung umgesetzte Musik. Es ist Ihnen ja ohne weiteres klar, dass
das Musikalische seinen Sitz sozusagen in dem menschlichen Brust-
organismus, oberhalb desselben hat. Wenn wir nun fragen: Wie
finden wir im menschlichen Organismus selber den Ubergang von
dem Singen, von der inneren musikalischen Organisation, die dem
Menschen zugrunde liegt, zu demjenigen, was uns in dem Bewe-
gungsorganismus der Eurythmie vorliegt?, dann miissen wir ja
natiirlich — das ist unmittelbar anschaulich — uns an dasjenige hal-
ten, was sich an den Brustorganismus an Bewegungsgliedern an-
lehnt, was sich aus dem Brustorganismus an Bewegungsgliedern
heraus ergibt.
Nun sind wirklich mit Bezug auf die ganze menschliche Organi-
sation die wunderbarsten menschlichen Organe die Arme und die
Hande, und Sie brauchen ja nur ein wenig Ihren — ich mochte
sagen — intuitiven Blick anzustrengen, so werden Sie ohne weiteres
erkennen, wie dasjenige, was in der menschlichen Gesangsorgani-
sation durch Gaumen, durch dasjenige, was Kiefer sind und so wei-
ter, veranlagt ist, wie das sich ausnimmt als Gliedmassen, die in
einer gewissen Beziehung verhartete und zur Ruhe gebrachte Arme
und Hande sind. Versuchen Sie nur einmal, Ihre Arme und Hande
hier vorne durch die ineinandergreifenden Finger in Bewegung zu
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bringen (Hande gefaltet) und zu vergleichen, was sich dann etwa
ergibt mit den zusammengreifenden Unterkiefern oder Oberkiefern,
namentlich wenn Sie die Sache im Skelett sich anschauen. Wenn
Sie die dariibergespannten Muskeln in Betracht ziehen, dann wer-
den Sie ohne weiteres einsehen, welche Metamorphose da eigentlich
aus dem Beweglichen in das zur Ruhe Kommende vorliegt.
Nun sehen wir, wie sich nach unten dasjenige fortsetzt, was im Ge-
sang dem Musikalischen dient. Wir sehen aber umgeben von Muskeln
und Knochen, die in die Arme und Hande auslaufen, dasjenige,
was eigentlich mit der Stimmbildung, auch mit dem Stimmansatz
zusammenhangt. Und da Bewegungenmachen darauf beruht, dass
man sich seiner Muskeln und Knochen bedient, so wird es sich darum
handeln, fiihlen zu lernen, wie man sich seiner Muskeln und Kno-
chen bedienen muss, um im musikalischen Sinne zu eurythmisieren.
Bei der Stimmbildung fragt man nach dem Ansatz. Konnen wir
denn auch nach dem Ansatz fragen, wenn wir zunachst die aus-
drucksvollsten Organe, die Arme und Hande beniitzen, um zu
eurythmisieren ?
Der Mensch hat ein eigentiimliches Organ, das gewissermassen
den Ansatz anatomisch-physiologisch bildet zwischen der Brust und
dem Arm: das Schlusselbein. Es ist S-formig. Das Schlusselbein ist
wirklich ein ganz wunderbarer Knochen. Es ist derjenige Knochen,
der an seinem einen Ende in Verbindung steht auch mit der mensch-
lichen Mitte und der auslauft mit seinem anderen Ende, nachdem
er sein S gebildet hat, nach der Peripherie, nach dem Dirigieren der
Arme und Hande. Ich bitte Sie, betrachten Sie nur das Folgende.
Tiere, welche ihre Vorderarme, ihre Vorderfusse gebrauchen zum
kunstvollen Klettern, wie die Fledermause oder die Affen, die haben
ein ganz kunstvoll ausgebildetes Schlusselbein. Raubtiere, Katzen,
Lowen, die nicht gerade klettern, die aber ihre Beute mit den Vor-
derfussen zerkleinern und bearbeiten miissen, die haben ein schlech-
ter ausgebildetes Schlusselbein, aber sie haben eben noch ein Schlus-
selbein. Das Pferd, das mit den Vorderfussen nichts tut als laufen,
das hat keine Geschicklichkeit mit den Vorderfussen ausgebildet,
keine in sich selbst gegliederte Beweglichkeit mit den Vorderfussen
ausgebildet; das Pferd hat kein Schlusselbein. Sehen Sie, im Schlus-
100
selbein konnen Sie den Ansatz zum musikalischen Eurythmisieren
fiihlen; da liegt er. Und werden Sie sich bewusst, dass eine Kraft
in Ihre Arme und Hande gent vom Schliisselbein und seinen An-
satzmuskeln, dann werden Sie in Lebendigkeit toneurythmisieren.
Dann haben Sie den Ansatz. Es handelt sich wirklich darum, dass
man seine Glieder lebendig fiihlt, um sie dann zu solchen Bewe-
gungen, wie wir sie durchgemacht haben, zu beniitzen. Wer nicht
hinfuhlen kann an eine bestimmte Stelle, der wird auch nicht den
rechten Ansatz finden.
Es ist also notwendig, dass Sie sich vor alien Dingen dadurch
fur die Toneurythmie vorbereiten, dass Sie geradezu Ihr Bewusst-
sein konzentrieren auf das linke und das rechte Schliisselbein. Und
wenn Sie beginnen zu toneurythmisieren, dann verlegen Sie Ihr
Bewusstsein zunachst beim Auftreten in das linke und in das rechte
Schliisselbein. Haben Sie das Gefuhl: Dasjenige, was Sie an feinen
Bewegungsmoglichkeiten in Arme und Hande hineingiessen, das
geht von Ihrem Schliisselbein aus, so wie die Stimme von ihrer An-
satzstelle ausgeht. Und haben Sie dann das Gefuhl, Sie giessen
dieses Gefuhl, das Sie da bewusst erregen im Schliisselbein, zu-
nachst in die Gelenkpfanne des Oberarmes hinein. Und haben Sie
das Gefuhl, wenn Sie auch mit den Beinen durch Schreiten den
Grundton ausdriicken: schon indem Sie den Arm nur entfalten,
gehe die Kraft, die den Arm entfaltet, zum Grundton, von ganz
oben, von der Ansatzstelle des Armes aus. Fiihlen Sie, als wenn der
ganze Unterarm, sogar noch der Oberarm, als wenn der ganze Un-
terarm und Hand und Finger leicht waren, wie wenn die keine
Schwere hatten, wie wenn sie gar nicht da waren, wie wenn Sie sie
ganz lassig behandeln wurden; aber fiihlen Sie eine starke Kraft-
entfaltung hier in der Ansatzstelle: dann haben Sie im Arm den
Grundton festgehalten. Und fiihlen Sie das Heben oder das Wen-
den Ihres Oberarmes, fiihlen Sie das im Zusammenhang mit der
Bewegung, die ich Ihnen gezeigt habe fur die Sekund. Fiihlen Sie
die Sekund selbst, wenn Sie die Hand in einer bestimmten Weise
dabei halten miissen, so, als wenn die Kraft zu dieser Handhaltung
vom Oberarm ausginge, dann haben Sie die richtige Entfaltung der
Sekund, dann ist's eine Sekund.
101
Und wenn nun dasjenige, was gewissermassen vom Schliisselbein
aus flutet, uber den Oberarm geht, weiterflutet nach dem Unterarm,
dann erst wird es beim Weiterfluten nach dem Unterarm zur Terz
— wird zur Terz. Aber da stellt sich etwas hochst Merkwiirdiges ein.
Sie entfalten, um die Terz zu bilden, die Bewegung — ich habe sie
in der ersten Stunde angegeben — fur die Terz. Sie brauchen den
Unterarm dazu, bei beiden Handen, bei der rechten oder linken
Hand, je nachdem Sie die Terz bilden. Wenn Sie nun das Gefiihl,
das Sie im Oberarm gebraucht haben, weiterfluten lassen, so kon-
nen Sie es uber den Ellenbogen in den hinteren Teil des Unter-
armes fluten lassen. Das geht. Sie kommen, indem Sie uber den
Ellenbogen gehen, zu der Ansatzstelle der Terz. Sie konnen sich
fragen: Kann ich auch das Gefiihl hierher fluten lassen (den Arm
entlang innen nach vorne zur Hand) ? Da werden Sie, wenn
Sie gesund fiihlen, sagen: das geht nicht. Hier hinten, da kann ich
das Gefiihl hervorfluten lassen bis zur hinteren Handflache. Wenn
ich's hier (Innenarm) herunterfluten lasse, das geht nicht. Da muss
ich mir vorstellen: es kommt mir entgegen, es kommt von unten
aus. Ich muss mir vorstellen, ich greife irgendwo mit der Hand hin
und das Gefiihl flutet hier heriiber. — Es gibt also zwei Moglich-
keiten: Wenn hier die Ansatzstelle des Oberarmes ist (s. Zeichnung
S. 103), kann das Gefiihl hier fortfluten (nach unten). Wir kom-
men von der Sekund zur Terz. Wir konnen auch das entgegenkom-
mende Gefiihl entfalten; da miissen wir es von der Hand herein-
kommend denken (Pfeil).
Nun, sehen Sie, das ist doch etwas Wunderbares! Der menschliche
Arm hat einen Oberarmknochen fur die Sekund, und er hat zwei
Unterarmknochen, die Speiche und die Elle, weil es zwei Terzen
gibt. Der hintere Unterarmknochen* stellt die grosse Terz, der vor-
dere Unterarmknochen** stellt die kleine Terz dar. Es ist in einer
ganz wunderbaren Weise die Skala lebendig in Knochen und Mus-
keln des Armes. Kommen Sie nun zu den Ansatzstellen der Hand,
wo die kleinen Knochen hier sind, so fiihlen Sie noch genau so, als
ob Sie in Ihrem eigenen Inneren waren. Heraus geht man erst, wenn
* Elle ** Speiche.
102
man zur vollen Hand kommt. Die Quarte ist noch im Innern. Sie
ist hier an der Ansatzstelle (der Hand). Hier mussen Sie fiuhlen die
Bewegung, die Ihnen die Quarte gibt. Die Quinte ist hier an der
Hand selber. Die Sexte fiihlen Sie hier in den Oberfingern, und die
Septime, ich habe es Ihnen gezeigt, konnen Sie insbesondere mit
den Unterfingern machen. Da miissen Sie das Gefiihl bis in die
Unterfinger schicken.
Sie sehen, es ist nicht eine Redensart, wenn man sagt, es wird
das Eurythmische aus der Organisation des Menschen herausgeholt.
Es wird so stark herausgeholt, dass man ganz sich an den Bau des
Menschen halten kann, dass man die zwei Unterarmknochen fur
die grosse und kleine Terz hat, so dass Sie auch darinnen nun das
entsprechende Gefiihl zu entwickeln haben fur eine Dur- und fur
eine Moll-Tonart. Die Dur-Tonart empfinden Sie in dem hinunter-
flutenden Gefiihl, das uber den Ellenbogen in die Elle geht und
103
dann nach dem Handriicken* Und wenn Sie's nach dem Hand-
riicken hin fuhlen, so ist dieses Gefiihl Dur.
Wenn Sie aber einen kleinen Luftzug oder ein Gefiihl, das Ihnen
entgegenkommt, fuhlen, das durch die Hohlhand geht und hier an
dem unteren Arm in den inneren Knochen hineingeht, da haben
Sie das Moll-Gefuhl. Eignen Sie sich nur ein Gefiihl an fur solche
Gefuhlsversetzungen in den menschlichen Organismus, dann wer-
den Sie schon finden, dass Sie ganz innerlich musikalisch werden,
denn Sie leben die Skala aus.
Versuchen Sie es einmal, zwei Eurythmisierende anzuschauen,
von denen der eine so die Bewegung formt, wie sie etwa auch ein
aus Papiermache kunsflich nachgemachter Maschinenmensch for-
men wiirde, und ein solcher, der nun wirklich den Ansatz im Schlus-
selbein fiihlt, den Grundton in der Ansatzstelle des Oberarmes, die
Sekund von hier ausgehend (Oberarm), die Terz im Unterarm, und
was weiter ist, Quarte, Quinte, Sexte, Septime, in der Hand selber.
In den Handen miissen wir aus uns heraus. Wir sind am meisten
aus uns heraus in den Unterfingern. Da entsteht die Septime. Es
kommt bei der Eurythmie wirklich nicht darauf an, dass man kiinst-
lich Bewegungen erfmdet, sondern dass man die Bewegungsmoglich-
keiten, die in der menschlichen Form veranlagt liegen, dass man
diese Bewegungsmoglichkeiten aus dem Menschen herausholt. Da-
durch unterscheidet sich die Eurythmie von alien anderen heutigen
Versuchen an Bewegungskunsten. Sehen Sie sich irgendwelche
solche Versuche an Bewegungskunsten an, so werden Sie nirgends
finden, dass in dieser Weise dasjenige aus dem Menschen heraus-
geholt ist, was gemacht wird. Aber man muss zuerst wissen, dass
der menschliche Arm mit der menschlichen Hand im Ansatz durch
das Schlusselbein eben die Skala ist.
Wenn Sie nun ein Pferd anschauen, so werden Sie das Gefiihl
haben: das kann eigentlich nicht eurythmisieren. Es miisste furcht-
bar aussehen, wenn gerade ein Pferd eurythmisierte. Bei einem
* In der Nachschrift steht «Speiche»; so war es auch in der I.Auflage wiederge-
geben. Den Ausfiihrungen auf Seite 102 und der Zeichnung nach muss es Elle heissen.
Das gleiche gilt von Seite 109, 5. und 6. Zeile von oben, wo in der I.Auflage eben-
falls Speiche und Elle vertauscht erscheinen.
104
Kiitzchen wiirden Sie es schon liebenswiirdiger auffassen; ganz be-
sonders bei einem Affchen. Bei einem kleinen Affen wird Ihnen
das Eurythmisieren doch wohl einigermassen gefallen. Warum?
Weil das Pferd kein Schliisselbein hat. Das Katzchen hat ein Schlus-
selbein, wenn auch nicht ein so vollkommenes wie der Affe. Aber
der Affe hat das vollkommenste Schliisselbein. Sie werden das
Eurythmisieren um so sympathischer finden bei einem Tiere, wenn
Sie sich's an ihm vorstellen, je mehr des Tieres Schliisselbein aus
…[truncated]